Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 09/1985
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BILDUNGSWESEN
Karl-Heinz Heinemann/Werner Rügemer
Bildung 2000
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1. Verkürzte Szenarien, kleine Auswahl: im Jahr 2000
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Szenario I a
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Pressekonferenz des Bundesbildungsministers (CDU), konservative
Regierung der harten Linie. Die Konferenz findet in Herren-
berg/Schwäbische Alb statt, im Bildungszentrum der IBM Deutsch-
land. Journalisten sind nicht anwesend; der Leiter des Ausbil-
dungszentrums, 36 Jahre alt, seit zwei Jahren zugleich Bildungs-
minister, läßt von seinem Arbeitszimmer eine Erklärung ins Bonner
Ministerium überspielen, wo die Journalisten vor dem Monitor sit-
zen; die Rede und ein Foto des Ministers erhalten sie zugleich
als Speicherinhalt ihrer mitgebrachten Reiseschreibmaschinen. Der
Kernsatz, der abends auf den Bildschirmen der privaten Haushalte
erscheinen wird, lautet: "Die Vorbereitungen für den Eintritt un-
seres Bildungswesens ins dritte Jahrtausend haben sich verzögert.
Ich kann Ihnen jedoch bekanntgeben, daß die genauen Kriterien für
die Aussonderung der 31,67 Prozent Lernunfähigen jedes Jahrgangs
nun als Verordnung vorliegen. Die Standardschulzeit ist auf sechs
Jahre festgelegt und wird von 62,58 Prozent jedes Jahrgangs ab-
solviert. 5,75 Prozent werden nach 10 Jahren zum Abitur geführt.
Das Curriculum 'Deutschland auf dem Weg zu den Sternen' wird mor-
gen an die Direktoren unserer Bildungseinrichtungen ausgelie-
fert."
Szenario I b
Pressekonferenz des Bundesbildungsministers (CDU), konservative
Regierung der weichen Linie. Die Konferenz findet im Essener Dom
statt, zusammen mit dem Erzbischof. Der Minister verweist vor den
zahlreich in schwarzen Anzügen erschienenen Journalisten auf die
unangefochtene Rolle, die die Kirchen für die geistige Orientie-
rung der Bevölkerung und der schulpflichtigen Jugendlichen spie-
len. Zur Linken des Ministers sitzt die Bundesvorsitzende des
Deutschen Elternrats, die an die gewachsene Bedeutung der Familie
für Betreuung, Unterweisung und Erziehung der Jugend erinnert,
gerade in einer Zeit, in der für einen Teil ein Schulbesuch weder
sinnvoll noch finanzierbar sei. Ein Vertreter der Wirtschaft
macht auf die vielfältigen Bildungsangebote der Unternehmen, ge-
rade für Problemgruppen wie Frauen, Behinderte, Ausländer und Ar-
beitslose, aufmerksam.
Szenario II
Pressekonferenz der Bildungsministerin (SPD) der Regierungskoali-
tion aus SPD, FDP und einem Teil der GRÜNEN. Im Bonner Ministe-
rium unterstreicht die Ministerin, daß ihre Partei großen Wert
darauf gelegt habe, nicht nur wie bisher eine weibliche Ministe-
rin, sondern zwei im Bundeskabinett zu haben, deshalb sei sie
sehr froh, gerade mit dem Ressort Bildung betraut worden zu sein.
Es sei unerträglich, daß nach wie vor mehr als ein Drittel der
Jugendlichen von der Schule in die Arbeitslosigkeit entlassen
würde, ohne daß die Schule sich auf diese Situation eingestellt
habe. "Unsere Schule darf nicht länger nur einer kleinen Minder-
heit dienen, während gut 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler
ihre Ausbildung nach den UNESCO-Kriterien als Analphabeten been-
den."
Neben dem sozialpolitischen Programm der neuen Regierung, jedem
ein arbeitsfreies Grundeinkommen zu sichern, stehe die Aufgabe,
auf ein erfülltes, sinnvolles Leben außerhalb der Zwänge der
Lohnarbeit vorzubereiten. Zunächst gehe es um die Bekämpfung der
Jugendarbeitslosigkeit und der damit unmittelbar zusammenhängen-
den Erscheinungen jugendlicher Delinquenz, vor allem in den Groß-
städten. Als erste Maßnahmen sind vorgesehen: Die Umwandlung mög-
lichst vieler Sekundarstufenschulen in Ganztagsschulen. Für die-
ses Programm sollen innerhalb der nächsten zwei Jahre 50 000 ar-
beitslose Lehrerinnen und Lehrer eingestellt werden. Überall, wo
sich eine ausreichende Zahl von "Gründern" findet, können Gesamt-
schulen oder auch freie Schulen eröffnet werden.
In leerstehenden Schulen werden Jugendzentren eingerichtet, teil-
weise mit Jugendwerkstätten, in denen man eine zweijährige Aus-
bildung zum Industriewerker, Büroassistenten und verwandten Be-
rufen absolvieren kann. "Wir brauchen nicht mehr Leistungsdruck,
sondern soziale Freiräume, in denen wir lernen können, friedlich
miteinander umzugehen und Konflikte auszutragen." Vorgesehen ist
die Schaffung eines dichten Netzes von Drogenberatungsstellen und
Therapiegruppen für Suchtkranke, aber auch für jugendliche Krimi-
nelle. Selbsthilfeprojekte, Werkstätten und Dienstleistungsgrup-
pen, die bereits im Rahmen des Programms "Licht für die Schatten-
wirtschaft!" als förderungswürdig anerkannt wurden, können die
Einrichtung von Freizeitwerkstätten und Ausbildungsplätzen voll
finanziert bekommen. Darüberhinaus werden überbetriebliche kommu-
nale Ausbildungszentren eingerichtet. Alle Firmen, die nicht min-
destens 8 Prozent ihrer Belegschaftsstärke als Ausbildungsplätze
zur Verfügung stellen, sollen ab dem nächsten Jahr eine Ausbil-
dungsabgabe zahlen.
Szenario III
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In der Werkshalle von Daimler-Benz in Sindelfingen findet ein
Pressefest der Vereinigten Linksregierung statt, die gemeinsam
von SPD, Grünen und Friedensliste gebildet wird. Die Bildungsmi-
nisterin von der sozialistischen Fraktion der Grünen stellt der
Belegschaft von Daimler-Benz und den zahlreichen Besuchern das
Bildungs- und Erziehungsprogramm der neuen Regierung vor, die im
Parlament eine gute Zwei-Drittel-Mehrheit hat.
Bisher waren 30 Prozent der Jugendlichen arbeitslos. Nun werden
sie dringend gebraucht. Ohne die Unterstützung vor allem der Ju-
gend wird sich das Programm der demokratischen Wende nicht ver-
wirklichen lassen. Jugendliche, arbeitslose Techniker und Natur-
wissenschaftler werden gebraucht bei der Umwandlung der Rüstungs-
produktion zu friedlichen Zwecken, der Bekämpfung des Waldster-
bens und der Erprobung neuer Verkehrslösungen, wie es im Techno-
logieförderungsprogramm der neuen Regierung vorgesehen ist.
Die Vereinigte Linksregierung wendet sich an die Jugend, vor al-
lem die Arbeitslosen, mit der Bitte um Mithilfe. Sie will Ar-
beitsbrigaden in die jungen Nationalstaaten in Mittelamerika und
Afrika entsenden, um dort beim Aufbau einer nationalen Industrie
helfen zu können. Lehrerstudenten sollen einen Teil ihres Prakti-
kums in diesen Brigaden ableisten können.
In den neugeschaffenen Stadtteilzentren werden - bezahlte - Mit-
arbeiter benötigt. Diese Zentren sollen die lokalen Kommunikati-
onsstrukturen entwickeln, Dienstleistungen und Pflege für alte
und kranke Menschen organisieren, Spielmöglichkeiten, Gruppen und
Betreuung für Kleinkinder schaffen, Spielplätze in Ordnung halten
und ein Freizeitangebot für Jugendliche organisieren. Aufgaben
des Umweltschutzes sollen sie vor Ort wahrnehmen.
Die Schulen arbeiten mit den Stadtteilzentren eng zusammen und
übernehmen wichtige kulturelle Aufgaben. Ebenso kooperieren sie
mit den Betriebsräten und Gewerkschaftsorganisationen der Firmen
in ihrem Einzugsbereich. Sie erarbeiten ein Programm für gemein-
same Freizeit- und berufliche Fortbildungsveranstaltungen. Lehrer
und Schüler sind verantwortlich für die Errichtung von Volkshoch-
schulfilialen in den Stadtteilen und den Gemeinden auf dem Lande,
in denen Alphabetisierungskurse, Deutsch für Ausländer, Einfüh-
rung in neue Technologien, Arbeitswissenschaft und Kurse für kul-
turelle Aktivitäten angeboten werden.
Die in den Schulen vorhandenen Videoanlagen werden genutzt, um
ein regionales Fernsehprogramm herzustellen und in das örtliche
Kabelnetz einzuspeisen. Auch dafür sind die Schulen selbst ver-
antwortlich. In den Schulen werden für jedermann zugängliche Bi-
bliotheken und Mediotheken eingerichtet, die auch Zugang zu den
zentralen Datenbanken ermöglichen.
Die Schulzeit in der neu aufzubauenden demokratischen Einheits-
schule wird auf zehn Jahre verkürzt. Bis zur Verabschiedung neuer
Lehrpläne für Polytechnik sind alle Schulen selbst dafür verant-
wortlich, sich in ihrer Region Projekte zu suchen, in denen die
Schüler eigenständig in der Produktion oder bei öffentlichen Auf-
gaben mitarbeiten können. Dabei sollen Unterrichtsinhalte und Ar-
beitsaufgaben der Schülerinnen und Schüler eng verzahnt sein. Das
Bildungsministerium schreibt einen Wettbewerb für die Schulen
aus, bei dem Lösungen für die Konversion von Rüstungsproduktion
und umweltschädlichen Produkten und Verfahren gesucht werden.
Alle Sonderschulen werden aufgelöst. In allen Einheitsschulen
werden Beratungszentren eingerichtet, die in Zusammenarbeit mit
den Eltern und Klassenlehrern individuelle Förderprogramme nicht
nur für die bisherigen Sonderschüler erarbeiten. Die Sonderschul-
lehrer arbeiten in den Einheitsschulen mit und bieten Fortbil-
dungsmaßnahmen für die Kolleginnen und Kollegen an.
Für Kleinkinder und Säuglinge ab dem sechsten Monat wird eine
ganztägige Betreuung in Krippen und Kindergärten gesichert, um
allen Frauen eine Berufstätigkeit ohne Benachteiligungen zu er-
möglichen. Arbeitern und Angestellten steht ein einmonatiger Bil-
dungsurlaub zu, der zur beruflichen, politisch-gesellschaftlichen
oder auch zur allgemeinen Weiterbildung genutzt werden kann. Ne-
ben staatlichen Bildungszentren können auch selbstorganisierte
Bildungsmaßnahmen besucht werden. Die Berufsbildung geschieht
weiter in den Betrieben, in Zusammenarbeit mit örtlichen Ausbil-
dungszentren. Verantwortlich sind die Ausbildungszentren, die der
staatlichen Schulaufsicht unterstehen.
In einer Grundsatzrede setzt sich die neue Bildungsministerin mit
dem Vorwurf auseinander, die Bildungsreform widerspreche den An-
forderungen der wissenschaftlich-technischen Entwicklung und sei
industriefeindlich. Sie beginnt ihre Ausführungen mit einem Zitat
aus Marx' "Kapital": "Wenn aber der Wechsel der Arbeit sich jetzt
nur als überwältigendes Naturgesetz und mit der blind zerstören-
den Wirkung eines Naturgesetzes durchsetzt, das überall auf Hin-
dernisse stößt, macht die große Industrie durch ihre Katastrophen
selbst es zur Frage von Leben und Tod, den Wechsel der Arbeiten
und daher möglichste Vielseitigkeit der Arbeiter als allgemeines
gesellschaftliches Produktionsgesetz anzuerkennen und seiner nor-
malen Verwirklichung die Verhältnisse anzupassen. Sie macht es zu
einer Frage von Leben und Tod, die Ungeheuerlichkeit einer elen-
den, für das wechselnde Exploitationsbedürfnis des Kapitals in
Reserve gehaltenen, disponiblen Arbeiterbevölkerung zu ersetzen
durch die absolute Disponibilität des Menschen für wechselnde Ar-
beitserfordernisse; das Teilindividuum, den bloßen Träger einer
gesellschaftlichen Detailfunktion, durch das total entwickelte
Individuum, für welches verschiedene gesellschaftliche Funktionen
einander ablösende Betätigungsweisen sind..."
Sei es nicht das Ziel der konservativen Bildungspolitik der letz-
ten Jahre gewesen, die Arbeiter und Angestellten zu mehr Flexibi-
lität zu bewegen, die Bereitschaft zu fördern, sich umzuschulen?
Freilich hätte man bisher gehofft, dies marktförmig zu regeln:
Jeder sollte selbst für seine Weiterbildung verantwortlich sein,
sich für Monate beurlauben lassen, um einen Fortbildungskurs zu
besuchen, für teures Geld sich per Btx einen Fortbildungskurs auf
den heimischen Terminal liefern lassen. Bisher bedeutete mehr
Flexibilität für die Arbeiter und Angestellten mehr Existenzunsi-
cherheit. Weiterqualifizierung gab es nur für die 30 Prozent, die
es geschafft hatten, in eine qualifizierte Position einzurücken.
Nun stelle man sich nicht nur eine Demokratisierung der Bildung,
sondern auch eine Umverteilung der Arbeit vor: In einem dreijäh-
rigen Stufenplan wird die 30-Stunden-Woche eingeführt; die Löhne
werden nicht reduziert und in der Zukunft am durchschnittlichen
Produktivitätsfortschritt orientiert.
So berechtigt das Anliegen sei, in den Schulen und Bildungsein-
richtungen neue Methoden zu erproben, um die Schule als lebens-
fremde Zwangsanstalt aufzulösen: Die Lösung des Problems liege
nicht in den Methoden und auch nicht im Verzicht auf die Öffent-
lichkeit des Bildungswesens, sondern im Gegenteil in einer engen
Verzahnung von Öffentlichkeit und Bildungseinrichtungen, in der
Übernahme öffentlicher Verantwortung durch die Schulen und in ih-
rem Ausbau zu öffentlichen Kulturzentren. Das polytechnische
Prinzip spielt bei der Verbindung von Schule und Leben die ent-
scheidende Rolle. In den Schulen soll nicht in erster Linie die
Bedienung von Computern eingeübt werden, vielmehr sollen die all-
gemeinen Grundlagen der neuen Technologien so vermittelt werden,
daß alle über ihren Einsatz mitbestimmen können und befähigt wer-
den, solche technischen Lösungen zu realisieren, die die Arbeit
erleichtern und anreichern, Arbeitszeit einsparen und den gesell-
schaftlichen Reichtum erhöhen.
In einem 500-Milliarden-Investitionsprogramm werden zunächst so-
viele Arbeits- und Ausbildungsplätze geschaffen, daß alle ar-
beitslosen Erwachsenen und Jugendlichen einen Platz bekommen. Der
gleichfalls anwesende Bundeskanzler (SPD) ging eindringlich auf
die enormen Schwierigkeiten ein, die das Volk der Bundesrepublik
bei der Durchsetzung des geplanten Gesamtprogramms haben werde,
sowohl mit Gegnern im Inneren wie auf dem Weltmarkt ; ohne Betei-
ligung der Jugendlichen, Lehrer und der Bevölkerung insgesamt
werde sich nichts durchsetzen lassen.
2. Anfänge
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Ende der 60er und insbesondere in den 70er Jahren ereignete sich
nicht nur eine Bildungsexpansion, d.h. ein Anwachsen der Schüler-
zahlen und der durchschnittlichen Schulzeit, sondern auch der
größte Schub demokratischer Bildung und Erziehung, den die Bun-
desrepublik Deutschland in ihrer Geschichte erfahren hat. Hun-
derttausende von Jugendlichen, Studenten und Erwachsenen jeden
Alters taten sich in Arbeitsgruppen, Bürgerinitiativen und demo-
kratischen Bewegungen zusammen: Sie lernten aus Betroffenheit,
aus Interesse, selbstorganisiert.
Begonnen hatte es in den 60er Jahren mit der Außerparlamentari-
schen Opposition und dem Zerfall der CDU-Herrschaft. Was wurde da
alles gelernt: die Geschichte der kolonialistischen Unterdrückung
durch Frankreich und die USA, die Geschichte der Befreiung durch
die nationalen demokratischen Kräfte mit Ho Chi Minh an der
Spitze; die Rolle der Sexualität im menschlichen Zusammenleben;
die Ursachen des Faschismus und der Gründung der BRD; manche hat-
ten sich auch mit Marxismus beschäftigt, das "Kapital" studiert.
Danach in den 70er Jahren ging es auf wesentlich breiterer Basis
weiter und hat in den 80er Jahren noch an Umfang und Tiefe gewon-
nen: Wieviel Kenntnisse wurden da in Bürgerinitiativen und sozia-
len Bewegungen angeeignet über Verkehrsplanung, Kernkraft, Um-
welt, Frauengeschichte und -interessen, Frieden und Abrüstung,
Computer, Geschichte des Faschismus, Geschichte von unten ...
Diese Entwicklung hängt auf vielfältige Weise mit der Bildungsre-
form zusammen, die 1969 von der sozialliberalen Regierung einge-
leitet wurde. Die Dauer und das Niveau der Bildung haben sich
seit Ende der 60er Jahre beträchtlich erhöht: Die Auszubildenden
sind heute zu Beginn ihrer Ausbildung im Durchschnitt zwei Jahre
älter als 1960; die Zahl der Abiturienten und Studenten hat sich
im gleichen Zeitraum vervielfacht. Die Ansprüche der Bevölkerung
und der Jugendlichen an eine noch bessere Bildung sind dadurch
keineswegs befriedigt, sondern eher noch erweitert worden. Vom
schulorganisatorischen Ergebnis her hat diese Reform nicht sehr
weit geführt, die Gesamtschulen (etwa 150 in der BRD) sind wohl
das wichtigste. Aber der subjektive Faktor hat sich geändert: die
gewerkschaftlich ausgerichtete Mehrheit der Studenten und der
Studentenbewegung; die progressivste Lehrerschaft in der Ge-
schichte des kapitalistischen Deutschland (stünde unseren Lehre-
rinnen und Lehrern bei all ihren komplizierten Selbstzweifeln
diese Tatsache doch einmal klar vor Augen!); die Suche vieler
junger Eltern nach partnerschaftlichen Verhaltensweisen und Er-
ziehungsformen; die vielen Jugendlichen, die lernbegierig bleiben
und trotz deprimierender Lebensaussichten nicht den Neonazis
nachlaufen; die Hunderte arbeitsloser Lehrer, die in Selbsthilfe-
projekten pädagogisch wirksam bleiben und sich etwas zum Leben
verdienen wollen...
3. Grenzen und Strategien
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Die sozialdemokratische Regierung, die der Bildungsreform 1969
"oberste Priorität" geben wollte, hat von Anfang an nicht die
Grenzen gezeigt, die im Kapitalismus lagen. Wer als Grundsatz des
gesellschaftlichen Lebens anerkennt, daß es nur wenige wirklich
Verantwortliche für den Kernbereich der Produktion gibt, nämlich
die privaten Produktionsmittelbesitzer, der wird - mit welchen
Zusatzbegründungen und Abfederungen immer - in der Bildung nicht
einen anderen Grundsatz verwirklichen können, nämlich der Mehr-
heit, d. h. den Nicht-Verantwortlichen, eine breite Allgemeinbil-
dung zu verschaffen.
Auch die spontanen und selbstorganisierten Bildungs- und Erzie-
hungsprozesse kommen an ihre Grenzen, wenn sie den Staat nicht
für sich, sondern gegen sich haben. In allen lebenswichtigen Fra-
gen, die auch die Ausgangspunkte für die geschilderten Bildungs-
prozesse gewesen sind - also Umwelterhaltung, Abrüstung, Ausbil-
dungsplätze und so fort -, sind bei aller Eigentätigkeit von Be-
troffenen und Engagierten doch letztlich staatliche Entscheidun-
gen und Maßnahmen notwendig. Und es wird zweifellos der tatsäch-
lichen Gewalt des S t a a t e s bedürfen, Abrüstungsmaßnahmen
auch gegen den Willen der mächtigen "Betroffenen", nämlich Rü-
stungskonzerne, Großkapital und Bundeswehrgeneralität, durch-
zusetzen, ebenso etwa ein umfangreiches Investitionsprogramm für
Arbeit und Bildung in die Wege zu leiten, das Millionen Arbeits-
und Ausbildungsplätze bringen soll, Millionen Menschen den Anal-
phabetismus überwinden helfen soll, hunderttausende Lehrer ein-
stellen soll, Millionen benachteiligten Bürgerinnen und Bürgern
zu ihren Rechten verhelfen soll. All dies ist nur möglich, wenn
Volksbewegungen da sind, die sich zugleich auf die Dauer des
Staates bedienen können.
Die Bildungsexpansion seit Ende der 60er Jahre hat zwar auch für
viele Jugendliche (und inzwischen Erwachsene) aus Arbeiterfami-
lien nicht geringe Verbesserungen gebracht - wenn man den Ver-
gleichsmaßstab der vor der Bildungsexpansion bestehenden, noch
größeren sozialen Bildungsungleichheit nimmt -, aber die eigent-
lichen Gewinner waren die schon immer Bevorzugten: die Mittel-
schichten. Ähnliche Ergebnisse zeigt die Geschichte der BRD seit
1968 auch unter anderen Aspekten, die eng mit der Bildungsent-
wicklung zusammenhängen. Die aktive Beteiligung an der Politik,
an sozialen und politischen Bewegungen hat insbesondere in den
Mittelschichten zugenommen, nicht so sehr in der Arbeiterklasse.
Wollen wir also die "spontanen" Prozesse aus der sozialliberalen
Regierungsära nicht einfach, unter neuen Bedingungen, fortführen,
so müssen wir auch auf die Verallgemeinerung der demokratischen
Potentiale dringen. Dies kann nur über den Staat gelingen (ja,
nach der Abschaffung des Staates, wenn es auch keine privaten
Machtgrundlagen mehr gibt, da wird der nicht-staatlichen Aktivi-
tät eines jeden keine solche Grenze gesetzt sein; aber zuvor müs-
sen wir den Staat qualitativ verändern und mit seiner Hilfe die
Reste der nicht-staatlichen Gewalt, etwa auf der Grundlage des
privaten Produktionsmittelbesitzes, beseitigen. Ja, danach...)
Henning Keese-Philipps
In Zukunft ein Grünes Bildungswesen?
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Ein seltsamer Gedanke, über die Zukunft eines Bereichs des ge-
sellschaftlichen Lebens zu schreiben, dem eigentlich keine
tatsächliche Zukunft zu prophezeien ist - keine "neue" Zukunft
jedenfalls. Zu eindeutig sind Beschlüsse und Programme der Wende-
politik oder sozialdemokratischer Formulierungskünste als schnöde
Bauernfängerei, Luftblasenpolitik oder "gegen das Finanzministe-
rium nicht zu realisierende Vorstellungen" zu entlarven. Beson-
ders bei intensiver Betrachtung der tatsächlichen Veränderungen,
wenn z.B. die Planungsstrukturen der Gesamtschule mit den heute
existierenden verglichen werden und dabei als ziemlich letzte
Übereinstimmungen die unüberschaubare Größe und die Orientie-
rungslosigkeit und Anonymität der Schüler und Lehrer übrigblei-
ben.
Kein politisches Ressort ist - trotz aller Wendefürsten - einer
ähnlichen linearen Degeneration ausgesetzt wie jenes, das sich um
Bildung und Ausbildung zu sorgen hat. Die Misere des Gesamtsy-
stems schlägt sich hier fundamental nieder. Ausbildungs- und
Schulzeit dienen mehr und mehr der Zielsetzung, die Arbeitslosen-
statistik zu kaschieren, diese nicht auf die reale Zahl von 3,5
bis 4 Millionen anwachsen zu lassen und Jugendlichen eine Chance
in einem desolaten Beschäftigungssystem vorzugaukeln.
In dieser Situation über grün-alternative Perspektiven des Bil-
dungswesens nachzudenken, muß aus verschiedenen Gründen problema-
tisch sein.
A. Bildungspolitische Ansätze können und dürfen nicht isoliert
von anderen gesellschaftlich relevanten Entscheidungen gesehen
werden. Schulpolitik beispielsweise in einer Avantgardeposition
der evolutionären Entwicklung zu sehen, ist politisch, soziolo-
gisch und pädagogisch ein Irrglaube.
B. Die mir bekannten vergleichbaren Industrienationen zeigen in
gesellschaftlichen Krisensituationen tendenziell eine ähnliche
Reaktion: Sie vernachlässigen Aufgaben und Weiterentwicklungen im
Bildungssektor. Sowohl dessen finanzielle Unterstützung als auch
das politische Gewicht seiner Vertreter (letzteres strebt in der
BRD seit dem Ableben des Deutschen Bildungsrates unermüdlich ge-
gen Null) lassen zunehmend nach. "Utopien" im Bildungswesen
scheinen in dieser Situation keinen Platz zu haben.
C. In bisher nicht gekannter Weise nehmen Vertreter von mächtigen
gesellschaftlichen Gruppen Einfluß bei der Strukturierung und
Ausstattung von Bildungsinstitutionen sowie der didaktischen Aus-
gestaltung und Formulierung von Qualifikationsmerkmalen. Gegen
die Macht der Computerfirmen und Wirtschaftsverbände in Zusam-
menarbeit mit Politikern ähnlicher Gesinnung - aber manchmal un-
terschiedlichem Parteibuch - anzugehen, kann hier erstmal nur be-
deuten, der Praxis eine bessere Theorie entgegenzusetzen. Die
allgemeine Sensibilisierung und, daraus folgernd, gesellschaftli-
che Machtverschiebungen sind hier grundsätzlich notwendig, um
auch die Praxis nachhaltig zu beeinflussen.
Wenn ich trotzdem grün-alternative Bildungsvorstellungen ernst-
haft formuliere und dieses Unterfangen für wichtig und notwendig
halte, dann aus folgenden Gründen:
1. Die Argumentation der obenstehenden Punkte B und C ist zwar
prinzipiell richtig, ist aber nicht vollkommen "schlüssig". Zudem
muß gerade in gesellschaftlichen Krisenzeiten gegen die ver-
stärkte Vernachlässigung des Bildungswesens und die Einflußnahme
von profitorientierten Kräften eine inhaltlich fundierte Gegenpo-
sition gefunden werden, um Veränderungen einzuleiten.
2. Trotz der Wahlniederlagen auf Landesebene 1985 sprechen die
politische Substanz der Grünen, Entwicklungen in der Gesellschaft
durch internationale und absehbare nationale Krisensituationen,
die Politik der Altparteien spätestens nach der Bundestagswahl
1987 für ein Ansteigen in der Wählergunst und damit auch für Mög-
lichkeiten der stärkeren Einflußnahme.
3. Kurz- und mittelfristige Einflußnahme der Grünen ist im Bil-
dungsbereich möglich bzw. Tatsache - der SPD-Parteiapparat ist
ebenfalls nicht homogen. Um so wichtiger für die Grünen, über
Perspektiven Klarheit zu gewinnen. Diese "Klarheit" als revisi-
onsfähiger Stand der Diskussion, also der fortgesetzte bildungs-
politische Diskurs, kann durch Meinungsäußerungen wie diese ge-
fördert worden.
4. Bildung ist seit vielen Jahren kein wahlpolitisch relevantes
Thema in der BRD. Berichte aus den Schulen zeigen aber deutlich,
daß Suchtkrankheiten, Suizidfälle, Vandalismus und andere Reak-
tionen auf bestehende Perspektivlosigkeit und die Schwächen der
Regelschulen die bereits vorhandenen Negativsymptome zu einem
großen gesellschaftlichen Problem werden lassen und damit auch
die Bildungspolitik verstärkt in die öffentliche Diskussion brin-
gen werden.
Aus Platzgründen habe ich mich entschieden, meine Ausführungen
auf Fragen und Überlegungen des Schulbereichs zu konzentrieren,
um wenigstens einige wenige Gedanken konsequent ausformulieren zu
können. Die "Abkopplung vom Beschäftigungsbereich" sowie die
Nichtberücksichtigung von vorschulischer, Weiter- und Erwachse-
nenbildung erfolgen hier also aus rein technischen Gründen.
Aufgaben der Schulausbildung
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Nach der offensichtlichen Abkopplung von Bildungs- und Beschäfti-
gungssystem wird die Frage nach der Aufgabe von Schulen immer
lauter gestellt, zumal jetzt das "positive Element" (Arbeitsplatz
für Akzeptieren von Lernstreß und Bevormundung) wegfällt. Es gel-
ten zwar immer noch die gleichen Argumente von rechts außen bis
zur DKP, daß "Kinder mehr und besser lernen" und "die Leistungen
erbracht werden" müssen, doch erkennen zunehmend mehr Jugendli-
che, daß ein immer kleiner werdender Anteil eines Jahrganges
tatsächlich nach langer Schulzeit in Lohn und Arbeit kommt, die
anderen die gleichen Leiden ertragen müssen, aber nichts bzw.
sehr wenig davon haben. Deswegen erhebt sich notwendig die immer
aktuelle und oft vergessene Frage nach dem Sinn und Zweck von
Schule, zumal die reine Wissensvermittlung schon jetzt, aber be-
sonders in naher und mittlerer Zukunft, von privaten und staatli-
chen Medienträgern übernommen werden wird. Da bleiben doch - und
diese Aufgabe kommt der Schule besonders in den heutigen Krisen-
zeiten zu - in vollem Ausmaß "nur" die Ziele, die von kritischen
Erziehungs- und Sozialwissenschaftlern vor 15 bis 20 Jahren for-
muliert worden sind: Verhaltensweisen von Heranwachsenden beein-
flussen und formen, an Fremdbestimmung und Machtverhältnisse ge-
wöhnen und die "Gerechtigkeit der gegebenen Ordnung" akzeptieren
lernen - Schule bekommt immer mehr und direkter eine k u s t o-
d i a l e F u n k t i o n.
Grundsätzliches und Individuelles
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Die Entscheidung, Schulen als Mittel der Machterhaltung und
-stabilisierung zu nutzen und die betroffenen Kinder und Jugend-
lichen zu immer mehr Leistung, Konkurrenzverhalten und Anpassung
(hier unterscheiden sich übrigens Schulen in Ost und West wenig)
und damit profit- oder/und wachstumsorientiert zu erziehen, rich-
tet sich direkt gegen das Individuum. Sie bedeutet in ihrer Kon-
sequenz die Nichtberücksichtigung von Persönlichkeitsmerkmalen
und Individualität, um nämlich gesellschaftlich wünschenswerte,
"handhabbare" und kalkulierbare Bausteine im Gesamtsystem zu for-
men. Dabei heißt die Zielsetzung "gesellschaftlicher Nutzen" und
wird definiert nach der Steigerung des Bruttosozialprodukts oder
der Planerfüllung, nicht aber nach der menschlich(er)en Meßlatte
"Lebensqualität". Die Entscheidung für das Erziehen zur (System-)
Konformität zeigt aber auf der Erscheinungsebene psychische und
gesellschaftliche Folgen, die für das Wertesystem der politisch
Verantwortlichen entlarvend sind.
Besonders die Sozialisationswirkung der Schulen, die grundsätzli-
che Akzeptierung von Hierarchien, der methodische Ansatz, Ler-
nende als Variable anzusehen, die sich an den Vorstellungen und
Entscheidungen der Lehrenden (bzw. der Bildungspolitiker) zu ori-
entieren haben, und die absolutistische Festlegung von Rahmenbe-
dingungen des Lernens formen Denkmuster, die allgemein im Erwach-
senenleben und speziell im Berufsleben weiter praktiziert werden
und zu einer lautlosen Eingliederung führen sollen.
Persönlichkeitsmerkmale - und damit spezielle Interessen und Fä-
higkeiten - werden ungeachtet psychischer Folgen unterdrückt oder
überlagert. Depression und Resignation auf individueller, Jasa-
germentalität und moralloser Opportunismus mit den Leitzielen
Leistung und Anpassung auf gesellschaftlicher Ebene sind die Fol-
gen.
In den Schulen: Leben lernen
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Der Fremdbestimmung und Normierung von Köpfen und Denken in den
Schulen und damit auch den angesprochenen Folgen setzen die Grü-
nen ein Bildungs- und Schulsystem entgegen, das besonders zwei
Grundsätzen genügt: 1. Schule darf von seiten des Schulträgers
nicht zur Auslese von "guten" oder schlechten Schülern genutzt
werden, sie darf auch nicht die Interessen des Schulträgers
transportieren und so ideologisch genutzt werden. 2. Die Grünen
akzeptieren und fördern die Individualität von Lernenden und un-
terstützen Lehr- und Lernmethoden, die die Betroffenen bestimmend
und mitbestimmend als Subjekt des Lernprozesses ansehen.
Bei dem Versuch, diese Grundsätze mit Inhalt zu füllen, wird
schnell deutlich, daß die Grünen nicht etwa ein reformistisches
Modell der Regelschule propagieren, sondern das bestehende System
aufgrund der benannten "Mängel" ablehnen und durch ein neues er-
setzen wollen - ein Unterfangen, das folgerichtig aus den gegen-
sätzlichen Vorstellungen von "gesellschaftlichem Leben" zu erklä-
ren ist. Das Landtagswahlprogramm der Grünen in NRW 1985 zeigt
exemplarisch, wie "Grüne Schulen" aussehen sollen oder schon aus-
sehen. Es formuliert Grundsätze, die für alle Bildungseinrichtun-
gen gelten sollen wie
- Lernen ohne psychischen und physischen Druck, also auch ohne
Selektion;
- eine allseitige und ganzheitliche Bildung, die eine Entfaltung
der Persönlichkeit zuläßt;
- die Freiwilligkeit des Lernens und damit ein hohes Maß an
Selbstbestimmung für die Lernenden;
- den engen Zusammenhang von Leben, Lernen und Arbeiten in der
Praxis;
- den Abbau bürokratisch-dirigistischer Einflußmöglichkeiten und
das Zugestehen von mehr Eigenständigkeit für die am Lernprozeß
Beteiligten;
- die Überschaubarkeit von Bildungseinrichtungen;
- die starke Berücksichtigung und allgemeine Anerkennung von so-
zialem Lernen im schulischen Alltag.
Diese Grundsätze lassen erkennen, daß nach den Vorstellungen der
Grünen die Schulen nicht mehr nur Institutionen der Wissensver-
mittlung in Verbindung mit dem Transport gesellschaftstragender
Ideologie- und Wertemuster, sondern Lebens- und Lernraum für Kin-
der und Jugendliche sein sollen, in dem die Unterstützung und
Förderung individueller Talente und Fähigkeiten, aber auch die
Befassung mit persönlichen Fragen und Problemen Raum findet.
Statt der vorgegebenen Lehrpläne und Richtlinien bestimmen jetzt
die Betroffenen selbst über Intensität und Art der Lernphasen.
Das Primat der kontrollierbaren normierten Leistung im kognitiven
Bereich wird durch die Unterstützung allseitiger (Persönlich-
keits-)Bildung ersetzt.
Schulen ohne Auslese...
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Eine der von den Grünen NRW propagierten Schulen ist die inte-
grierte Sekundarstufe I-Schule, eine Neuschöpfung, die konsequent
an den theoretischen Überlegungen der Gesamtschulplaner ansetzt
und diese weiterentwickelt. Diese realpolitische Linie formuliert
Inhalte, die noch vor zehn Jahren programmatisch auch von der SPD
als linksliberale Propaganda - so muß heute vorläufig resümierend
formuliert werden - vertreten worden sind. Die Vereinheitlichung
der Schulabschlüsse nach der Sekundarstufe I soll dafür sorgen,
daß ohne Aussonderung und deren negative Folgen und ohne
Leistungsdifferenzierung die Entwicklung von Kindern und Ju-
gendlichen gefördert wird. Konzeptionell erinnert dieses Modell
an den Begriff "Einheitsschule", zumal sie auch die Sekundarstu-
fen von Haupt- und Realschulen sowie der Gymnasien ersetzen soll.
Inhaltlich, methodisch und organisatorisch sollen diesen Bil-
dungsinstitutionen aber weitgehende Freiräume zugestanden werden,
um auf Spezifika von Schulen, Klassen und auch Individuen einge-
hen zu können und nicht durch bürokratische Einschränkungen die
Phantasie und Experimentierfähigkeit und damit Flexibilität und
Selbstbestimmung einzuschränken.
...und Sanktionen
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Neben den (nach grüner Mehrheitsfmdung in NRW...) von den Grünen
dann staatlich verordneten integrierten Sekundarstufe I-Schulen
werden in besagtem Landtagswahlprogramm besonders alternative
Schulen herausgehoben. Schulen, die es jetzt schon in sehr gerin-
ger Anzahl gibt und die in der Regel ohne Genehmigung - also nach
herrschendem Recht "illegal" mit Verletzung der Schulpflicht für
betroffene Eltern - arbeiten. Diese Alternativschulen formulieren
den Grundsatz, daß die Lernenden in erheblichem Maße selbst be-
stimmen können, wann, was, wo, wieviel und mit welcher Intensität
sie arbeiten wollen. Den Lehrkräften stehen keine Sanktionen
(Zensuren, Nachsitzen, Nichtversetzung) zur Verfügung, um ihnen
den Willen der Erwachsenen aufzuzwingen. Die alltägliche Selbst-
bestimmung ist damit auch gleichzeitig eine Selbstverantwortung,
die den Kindern und Jugendlichen eine Konsumentenrolle unmöglich
macht und eigene Initiative und Interessenvertretung abverlangt.
Damit stehen Alternativschulen - die inhaltlich nicht mit Reform-
schulen wie Waldorf-, Peter-Petersen- oder Montessori-Schulen zu
verwechseln sind - in direktem Gegensatz zu Regelschulen, die den
Lernenden durch Verordnungen, Leistungsprinzipien und Lehrpläne
eine Rolle zuweisen, die auch im späteren "Ernst des Lebens" für
den Erhalt der gesellschaftlichen Systematik wünschenswert ist:
konsumierend ohne eigene Initiative (bzw. diese nur in eng ge-
stecktem Rahmen) und fremdbestimmt. Die politische Dimension der
Entscheidung für oder gegen spezielle Schulformen wird deutlich,
wenn die enorme Sozialisationsmacht dieser Institutionen unter
Berücksichtigung langfristiger Multiplikation - durch die schuli-
sche Sozialisation als Eltern beispielsweise - berücksichtigt
wird.
Umgang mit neuen Technologien im Bildungswesen
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Das vermehrte Auftreten von Computern in Schulen und die fragwür-
dige Weissagung, daß zukünftig BASIC wichtiger wäre als Englisch,
hat die Bundesarbeitsgemeinschaft der Grünen im Herbst 1984 zu
einer Tagung veranlaßt, auf der Positionen und Argumentationen
zum Eindringen der neuen Technologien in den gesamten Bildungs-
sektor diskutiert wurden. Für den Schulbereich wurde unter Be-
rücksichtigung der hier dargestellten kurzen Analyse der Wir-
kungsweise von Regelschule festgestellt, daß die Computerisierung
der Schulen aus verschiedenen Gründen nicht von den Grünen unter-
stützt werden kann. Besonders die absolute Vernachlässigung des
Beziehungsaspekts (Kommunikation zwischen Mensch und Maschine,
Mechanisierung des Lernens, Verstärkung der Objektsituation der
Lernenden, Überbewertung von abstrakten Lernelementen) und die
Langzeitwirkungen von Computerunterricht wie Akzeptanzbildung,
Interessensicherung der Computerindustrie (Rationalisierungsbe-
strebungen) und Überwachungs- und Kontrollmöglichkeiten geben
Anlaß, die neuen Technologien im schulischen Alltag nicht als
Schulfach, sondern, wie andere Inhalte auch, als soziales
Phänomen der Gesellschaft zu behandeln, welches mit all seinen
Auswirkungen kritisch zu betrachten ist. Der zusätzliche
Informatikunterricht, der von konservativen Bildungspolitikern
eingeführt und auch von kommunistisch orientierten Vertretern
gefordert wird, verschärft die Situation von Schülern in doppel-
ter Hinsicht. Neben zunehmendem Leistungsdruck und Anhäufung wei-
teren Lernstoffes (beides erschwert die Reflexion anderer Lernin-
halte, fördert also unkritisches Konsumverhalten) ist die Fremd-
bestimmung im Informatikunterricht durch vorgegebene Programme
hohen Abstraktionsgrades nirgends so auffällig wie hier. Die Ab-
hängigkeit und damit auch die Manipulationsfähigkeit der Lernen-
den vom "großen Bruder" Lehrplan wird in keinem Fach so deutlich
und begründet u.a. das große Interesse verschiedener Kultusmini-
ster an der Einführung von Computerunterricht in den Schulen.
Quintessenz
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In einer krisengeschüttelten gesellschaftlichen Situation werden
die Grünen große Probleme haben, ihre bildungspolitischen Utopien
auch nur ansatzweise zu verwirklichen. Das "a n a r c h i-
s t i s c h e E l e m e n t" ihrer Überlegungen im Bildungswe-
sen, das Erreichen von Selbstbestimmung, Selbstregulierung und
Selbstverantwortung, widerspricht deutlich den herrschenden
Politikvorstellungen. Die Distanzierung von absoluter Leistungs-
orientierung an sich und deren Folgen kollidiert mit Wachstums-,
Profitsteigerungs- und auch Plansollsteigerungsutopien, die zwar
schon jetzt nicht mehr aufrechterhalten werden können, die aber
in den Wirtschaftssystemen in Ost und West unerläßlich sind (und
es gibt kein System, das z.B. auf qualitativem Wachstum oder gar
Konsumverzicht basiert) und deswegen auch weiterhin auf Kosten
der sogenannten Dritte-Welt-Staaten angestrebt werden. Die Grünen
sind nicht willens, Kindern die Realisierung von Tagträumen und
die Erfüllung von Wünschen vorzuenthalten, schon gar nicht zur
Reproduktion gesellschaftlicher Verhältnisse, die nicht nur durch
wahnwitzige Rüstungsausgaben den Lebensraum der Menschen
gefährden bzw. jetzt schon zerstören. Ihre Vision ist die aktive
Teilnahme von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in ihrem
gesellschaftlichen Raum, die Einflußnahme in dezentralen
Strukturen, die einzelnen Personen die Chance zur Mitsprache und
Mitentscheidung bei gesellschaftlich relevanten Prozessen bietet,
bei denen der Mensch - und nicht das System - bestimmender Faktor
ist. Der Abbau von machtschwangeren bürokratischen "übergeord-
neten" Institutionen, der Abbau der strukturellen Fremdbestimmung
in den Schulen und die tatsächliche Emanzipation des Individuums
sind Zielvorstellungen, die im Bildungswesen Voraussetzungen für
angstfreies, selbstbestimmtes und sinnvolles Lernen schaffen
würden.
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