Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 09/1985
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MENSCHHEIT, NATUR UND GESELLSCHAFTLICHER FORTSCHRITT
Überlegungen zu Gegenwart und Zukunft
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Hans Heinz Holz
1. Ausgangslage - 2. System der Bedürfnisse - 3. Widersprüche der
Übergangsperiode - 4. Zukunftsaufgaben und Strategien
1. Ausgangslage
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Daß der Mensch zugleich ein Naturwesen ist und nicht ist, daß die
menschliche Gesellschaft auf der Natur aufruht und ihr entwächst,
ja sich ihr entgegensetzt, daß Technik in einem Anwendung und
Überwindung natürlicher Bedingungen des menschlichen Lebens ist -
diese Doppelgesichtigkeit haftet dem "Stoffwechsel des Menschen
mit der Natur" durch Arbeit von der Menschwerdung heran 1); aber
sie wird zu einem bestimmenden Widerspruch des Naturverhältnisses
erst im Verlauf der sog. "zweiten industriellen Revolution".
D a s H e r v o r t r e t e n dieses Widerspruchs ist abhängig
von einem Entwicklungszustand der Technik, auf dem das "Zurück-
drängen der Naturschranke" in qualitative Veränderungen der Natur
selbst umschlägt, und zwar nicht nur in kleinen regionalen
Ausschnitten, sondern in großem, weite Bereiche und Lebens-
zusammenhänge auf der Erde betreffendem Ausmaß.
Natürlich hat es auch in vorindustriellen Epochen umweltverän-
dernde Eingriffe des Menschen in die Natur gegeben. Die Abholzung
von Mittelmeerrandgebieten im Altertum, vor allem zum Zwecke des
Schiffbaus, hatte einschneidende landschaftliche und klimatische
Folgen, und ähnliches gilt auch für die Ausbreitung flächen-
deckender Agrikultur in den USA im 19. und 20. Jahrhundert. Schon
in prähistorischen Zeiten führte die kollektiv betriebene Jagd
zur Ausrottung bestimmter Tierarten (z. B. des Mammuts).
Dennoch liegt auf der Hand, daß die wissenschaftlich-technische
Entwicklung seit dem Ende des 19. und vollends seit der Mitte des
20. Jahrhunderts eine neue Situation für das Naturverhältnis des
Menschen herbeigeführt hat. Eklatant sind die in ihrem Wesen
prinzipiell verwandelten Möglichkeiten der Militärtechnik: Zum
ersten Mal in der Geschichte der Menschheit kann der Einsatz von
Waffensystemen die Vernichtung der menschlichen Zivilisation ins-
gesamt oder sogar des Menschengeschlechts überhaupt bewirken
(unter Umständen sogar gegen die Absichten der Kriegführenden);
ja, schon die regelmäßige Erprobung solcher Waffen schließt diese
Gefahr in sich (was die Vereinbarung zwischen den USA und der So-
wjetunion über die Einstellung von Atomwaffenversuchen in der At-
mosphäre erzwang) 2). Lange Zeit standen daher mit Recht die Ri-
siken der Rüstungsentwicklung im Zentrum der Besorgnisse der Öf-
fentlichkeit. In der Tat sind die Zukunftserwartungen der Men-
schen seit Hiroshima primär geknüpft an die Erhaltung des Frie-
dens und an eine stabile Weltfriedensordnung.
Indessen sehen wir uns nun, im letzten Viertel des 20. Jahrhun-
derts, einer zweiten akuten, nicht minder globalen Bedrohung aus-
gesetzt, nämlich der Zerstörung unserer biologischen Überlebens-
bedingungen durch langfristig irreparable Schädigung der natürli-
chen Umwelt. 3) Luftverschmutzung, Bodenvergiftung, Verseuchung
des Grundwassers, Veränderung der Ozonschicht, Erschöpfung der
Wasserreserven, Waldsterben - das sind nur einige der einschnei-
dendsten Folgen des rapiden Wachstums der industriellen Produk-
tion (und auch des Bevölkerungswachstums). Es scheint, als
schlage der Fortschritt der Menschheit in ihre Selbstvernichtung
um. Unbehagen an der Technik, Technikkritik, Aussteigerideolo-
gien, Pessimismus und Verzweiflung an der Zukunft sind Reaktionen
auf diese Entwicklung. 4)
Dazu kommt in den kapitalistischen Ländern eine weitere, für
breite Massen am ersten und unmittelbar spürbare Krisenerschei-
nung als Folge des technischen Fortschritts: die wachsende Zahl
der Arbeitslosen und Verelendeten in der ganzen Welt. Denn unter
kapitalistischen Verwertungsbedingungen wird die Steigerung der
Arbeitsproduktivität nicht (oder nur teilweise) zur Entlastung
der arbeitenden Menschen und zur Freigabe neuer Möglichkeiten der
Selbstverwirklichung, sondern als Mittel der Profitsteigerung und
privaten Kapitalakkumulation genutzt. Bei konstant hohen Arbeits-
losenzahlen (und damit einer limitierten Nachfrage nach Konsumgü-
tern) muß das Wachstum der Produktion auf "nutzlose" Güter umge-
lenkt werden, die von der Gesellschaft insgesamt bezahlt werden
müssen; das heißt, eine zunehmende Rüstung ist das Ergebnis eines
nicht auf die arbeitenden Massen umgelegten Profits durch Produk-
tivitätssteigerung - also zugleich eine Erhöhung der Kriegsge-
fahr. Der systematische Zusammenhang der verschiedenen Aspekte
der allgemeinen Krise des Kapitalismus wird deutlich (und seine
Reflexion zugleich ideologisch ablenkbar auf Technikkritik statt
Kapitalismuskritik durch Vertauschung von Wesen und Erscheinung).
So neuartig die heutige Situation auch ist - es würde unser Ver-
ständnis ihres epochalen Charakters verkürzen, wenn wir sie nur
im Blick auf die Gegenwart erfassen wollten. Es gibt eine quali-
tative Einheit des historischen Wandels, in der die Anfänge der
neuzeitlichen Industrietechnik im 18. Jahrhundert mit unserer
Zeit verknüpft sind. Mit dem Übergang zur Maschinenindustrie am
Ausgang des 18. Jahrhunderts wurde die Voraussetzung für die sy-
stematische Verbindung von naturwissenschaftlicher Forschung und
technischer Produktion geschaffen und damit zugleich der immer
rascher ablaufende Prozeß von Innovationen (Verbesserungen und
Erfindungen) ausgelöst, der stets neuer Rohstoff- und Energie-
quellen, stets neuer Transport- und Kommunikationsmittel, stets
neuer, mehr und mehr spezialisierter Kenntnisse bedarf. Seit der
sogenannten "neolithischen Revolution", die den Übergang zum Ac-
kerbau, zur Seßhaftigkeit, zur Stadtzivilisation vollzog, hatte
sich das Naturverhältnis des Menschen nicht mehr grundsätzlich
geändert; erst in der industriellen Revolution, die durch den Ka-
pitalismus eingeleitet wurde, hat die Relation Natur-Gesellschaft
sich scheinbar verkehrt: Die gesellschaftliche Produktion deter-
miniert wenigstens phänotypisch den von ihr erfaßten oder berühr-
ten Naturbereich auch im großen. Die subjektiv-idealistischen
Philosophien, die eine Konstitution der Wirklichkeit durch den
Menschen (sei es als Subjekt der Erkenntnis oder der Arbeit) be-
haupten, sind Reflexe dieser Umkehrung; die "kopernikanische
Wende" Kants, vorbereitet durch den cartesischen Rückzug auf das
"ich denke" als Gewißheitsgrundlage der Erkenntnis unter dem Ein-
druck des galileischen Wissenschaftskonzepts, verläuft parallel
zur Ausbildung der neuen Produktionsweise und der beginnenden
Verbindung von Wissenschaft und industrieller Produktion.
Ganz und gar neuartig ist indessen das Tempo, mit dem der wissen-
schaftliche und technische Fortschritt sich vollzieht. Anfang der
siebziger Jahre besagte eine Berechnung, daß sich das Informati-
onsvolumen der Menschheit in allen Lebens- und Wissensbereichen
alle acht bis zehn Jahre verdoppelt. 5) Die emotionale Einstel-
lung zur Lebenswelt, die Anpassung der Verhaltensmuster und ins-
besondere die organisatorische Bewältigung der sich dauernd ver-
ändernden Produktions-, Distributions- und Kommunikationsformen
bleiben hinter der materiellen Entwicklung fast notwendig zurück
und "belasten den wissenschaftlich-technischen Fortschritt in der
kapitalistischen Gesellschaft mit akuten sozialen Widersprüchen"
6). Fallweise Anpassungen geschehen in einer Anarchie partikula-
rer Zwecksetzungen. Das gilt ebenso auf dem Gebiet der ökonomi-
schen wie der urbanistischen Planung, der Arbeitsorganisation wie
der Freizeitindustrie. Orientierungslosigkeit und Stückwerkrefor-
men sind die Folge. Nicht ohne Grund ist Poppers Theorie einer
Sozialtechnologie durch "piecemeal engineering" zur herrschenden
Ideologie der kapitalistischen Länder geworden.
Die Gesamtheit dieser Entwicklungsstränge fassen wir heute unter
dem Titel "wissenschaftlich-technische Revolution" zusammen. "Sie
stellt einen Sprung in der Entwicklung der Produktivkräfte dar,
bei welchem Wissenschaft und Technik in eine völlig neue Wechsel-
wirkung treten und sich zum einheitlichen Strom des wissenschaft-
lich-technischen Fortschritts vereinigen, der sowohl die Produk-
tivkräfte als auch die Produktionsverhältnisse und das soziale
Leben stärker denn je beeinflußt. Übte die Technik auch schon zu-
vor die Funktion einer Produktivkraft aus, so tut dies nun auch
in vollem Maße die Wissenschaft, wobei sie auch weiterhin eine
Form des gesellschaftlichen Bewußtseins bleibt. Der vereinigte
wissenschaftlich-technische Faktor beeinflußt die Gesellschaft
auf völlig neue Weise. Die Wechselwirkung, der Schwung, die Re-
alisierung neuester Erkenntnisse und ihre Verbreitung, die Ent-
wicklung ihrer sozialen Auswirkungen - all das hat sich ungemein
beschleunigt". 7) Die Zukunft der Menschheit wird von der gesell-
schaftlichen Bewältigung der durch die wissenschaftlich-techni-
sche Revolution geschaffenen neuen Möglichkeiten der Erweiterung
und Erleichterung unserer Selbstverwirklichung wie auch der Risi-
ken der Selbstzerstörung abhängen.
In der qualitativ neuen, nämlich durch die Einheit von Wissen-
schaft und Technik bestimmten und durch eine Beschleunigung der
Innovationsprozesse charakterisierten, produktiven Gestaltung der
Lebensbedingungen durch den Menschen selbst spitzt sich die Dia-
lektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen drama-
tisch zu. Sie ist in ihrem widerspruchsvollen Verlauf die materi-
elle Grundlage der gesellschaftlichen Revolution, die das Merkmal
unserer Epoche ist: des weltgeschichtlichen globalen Formations-
wechsels, das heißt, des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialis-
mus. Darum kann die wissenschaftlich-technische Revolution nicht
unabhängig von der Systemauseinandersetzung betrachtet werden,
die seit der Oktoberrevolution und der Errichtung des Sozialismus
zunächst in einem Lande, dann in einem Teil der Welt, die politi-
sche Form des Übergangs prägt. Günter Kröber hat das in drei
Punkten deutlich gemacht: "1. Sie vollzieht sich in der Epoche
des revolutionären Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus;
ihre Bewältigung ist eine der Bedingungen für den Sieg des Sozia-
lismus im Weltmaßstab. 2. Sie ist ein Hauptfeld der Auseinander-
setzung zwischen den beiden gegensätzlichen Gesellschaftsordnun-
gen; ihre Resultate und Errungenschaften können sowohl von den
progressiven Kräften im Interesse des gesellschaftlichen Fort-
schritts und des Sozialismus genutzt werden, als auch von den
Kräften der Reaktion zu Zwecken der Aggression, der Gewalt und
der Ausbeutung. 3. Sie erfaßt nicht nur einzelne Bereiche von
Wissenschaft und Technik, sondern zugleich den gesamten ökonomi-
schen Bereich der Gesellschaft, das heißt, sie verbindet sich mit
revolutionären Veränderungen in der Produktion und im gesamten
gesellschaftlichen Leben zu einem einheitlichen revolutionären
Prozeß". 8)
Es kann daher keine systemneutrale Beurteilung der wissenschaft-
lich-technischen Entwicklung geben; ihr ist von vornherein die
gesellschaftliche Tendenz, die Richtung der Entwicklung auf die-
ses oder jenes Naturverhältnis (als Korrolar der Produktionsver-
hältnisse) als qualitative Bestimmung inhärent. 9) Nur äußerlich
und phänomenal sind Wissenschaft und Technik in kapitalistischen
und sozialistischen Ländern vergleichbar - nur auf der Ebene der
Steigerung der Produktivkräfte, nicht aber auf der umfassenden
Ebene der Verbindung von Produktivkräften und Produktionsverhält-
nissen, die erst den Typus und die Systematik der Produktions-
weise ausmacht. Die Frage nach der Zukunft der wissenschaftlich-
technischen Revolution muß also unter gesellschaftstheoretischen,
nicht unter technikgeschichtlichen Gesichtspunkten gestellt und
beantwortet werden. Ihr Gegenstand ist nicht eine selbständige
Entität Wissenschaft-Technik, sondern die gesellschaftliche Form
unseres Stoffwechsels mit der Natur. Unser Naturwesen ist zwar
das übergreifende Allgemeine auch unserer Gesellschaftlichkeit,
Natur- und Gesellschaftsgeschichte bilden ein Kontinuum; aber die
bestimmte Form der Vergesellschaftung ist die differentia speci-
fica unseres Naturverhältnisses, dieses ist formationsspezifisch.
2. System der Bedürfnisse
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Die Nahtstelle, an der sich der Umschlag vom Naturwesen des Men-
schen zu seiner Gesellschaftlichkeit vollzieht, ist seine Bedürf-
tigkeit. Jean Paul Sartre hat daraus eine metaphysische Wesensbe-
stimmung des Menschen gemacht: "Das ganze menschliche Geschick"
sei "ein erbitterter Kampf gegen den Mangel", und zu begreifen
sei der "Mangel als m e n s c h l i c h e T a t s a c h e (und
nicht als Bosheit einer stiefmütterlichen Natur)" 10). Das ist
natürlich ein anthropozentrischer Kurzschluß. Das Bedürfnis nach
Stoffen, die der Erhaltung des Lebensprozesses dienen ("Lebens-
mittel" im weitesten Sinne des Wortes), ist ein Merkmal
a l l e r Organismen oder Lebewesen; 11) Lebendigkeit beruht ge-
rade auf dem Stoffwechsel, also der Aufnahme und Assimilation von
Stoffen a u s der äußeren Natur und der Abgabe von Stoffwech-
selprodukten des Organismus a n die äußere Natur. Wachstum,
Vermittlung, Vermehrung sind unmittelbare Folgen des Stoffwech-
sels, Reizbarkeit, Regulation, Spontaneität der Bewegung davon
abgeleitet. Der Organismus ist "das absolut Bedürftige" 12), aber
eben darum auch dynamisch. "Leben ist Bewegung, kann ohne Bewe-
gung nicht stattfinden... der Prozeß ist das Wesen seines Seins"
13).
Der Stoffwechsel als Merkmal der Lebendigkeit reicht weit in die
entwicklungsgeschichtlich frühen Schichten der Natur zurück. Ein
Lebewesen, das durch Stoffwechsel existiert, hat Bedürfnisse;
werden diese nicht befriedigt, so leidet es Mangel. Bedürftigkeit
ist eine Kategorie der Naturdialektik. Beim Menschen ist diese
Bedürftigkeit gesteigert durch morphologische Veränderungen:
"Morphologisch ist nämlich der Mensch im Gegensatz zu allen höhe-
ren Säugern hauptsächlich durch M ä n g e l bestimmt, die je-
weils im exakt biologischen Sinne als Unangepaßtheiten, Unspezia-
lisiertheiten, als Primitivismen, d.h. als Unterentwickeltes zu
bezeichnen sind: also wesentlich negativ. Es fehlt das Haarkleid
und damit der natürliche Witterungsschutz; es fehlen natürliche
Angriffsorgane, aber auch eine zur Flucht geeignete Körperbil-
dung; der Mensch wird von den meisten Tieren an Schärfe der Sinne
übertroffen, er hat einen geradezu lebensgefährlichen Mangel an
echten Instinkten und er unterliegt während der ganzen Säuglings-
und Kinderzeit einer ganz unvergleichlich langen Schutzbedürftig-
keit" 14). Gehlens Unterstellung, diese Mängel seien konstitutiv
für den Menschen von Anfang an und sozusagen die biologische Ver-
anlassung der Ausbildung seiner Sonderstellung als arbeitendes,
sprechendes, denkendes (intelligentes) Wesen, folgt keineswegs
aus dieser Beschreibung der morphologischen Eigenheiten; diese
werden sich parallel zum arbeitenden, in die Natur eingreifenden
Verhalten evolutionär herausgebildet haben, während das Arbeiten
durch bestimmte morphologische Besonderungen - aufrechte Haltung,
Freisetzung der Hand, Konstitution des optisch-haptischen Feldes
15) - ermöglicht wurde.
Lange Zeit hat die Arbeit, mit der Hand als erstem Werkzeug und
der dann folgenden Nutzung von vorgefundenen Dingen als Hilfsmit-
teln bis zur Verfertigung primitiver Instrumente, wohl nur der
Befriedigung unmittelbar natürlicher Bedürfnisse gegolten. Den-
noch ist schon in diesen prähistorischen Anfängen prinzipiell der
Übergang zum Heraustreten aus dem Naturgegebenen angelegt. Mit
der Verfertigung von Werkzeugen übernimmt der Mensch die Organi-
sation seiner Bedürfnisbefriedigung. Damit schafft er aber
zugleich neue Bedürfnisse, solche der Erleichterung und Vervoll-
kommnung primär der Arbeitsvorgänge zur Bedürfnisbefriedigung,
sekundär der Arbeitsvorgänge zur Herstellung von immer besseren
Arbeitsmitteln; und tertiär solche, die sich aus der Organisation
der kollektiven Arbeit und Überlebensstrategien (zum Beispiel
Jagd, Kinderaufzucht, Schutz der Horde) und dann aus der Arbeits-
teilung und dem Austausch der Arbeitsprodukte ergeben. Neben den
aus den natürlichen Bedürfnissen abgeleiteten weiteren materiel-
len Bedürfnissen nach Produktionsmitteln entstehen so ideelle Be-
dürfnisse nach Ordnungsprinzipien, Verhaltensregeln, Normen und
deren Darstellung in symbolischen Formen. Kurz, es entsteht das,
was Hegel das "System der Bedürfnisse" genannt hat.
"Das T i e r hat einen beschränkten Kreis von Mitteln und Wei-
sen der Befriedigung seiner gleichfalls beschränkten Bedürfnisse.
Der M e n s c h beweist auch in dieser Abhängigkeit zugleich
sein Hinausgehen über dieselbe und seine Allgemeinheit, zunächst
durch die V e r v i e l f ä l t i g u n g der Bedürfnisse und
Mittel, und dann durch Z e r l e g u n g u n d U n t e r-
s c h e i d u n g des konkreten Bedürfnisses in einzelne Teile
und Seiten, welche verschiedene p a r t i k u l a r i s i e r-
t e, damit a b s t r a k t e r e Bedürfnisse werden. - Ebenso
t e i l e n und v e r v i e l f ä l t i g e n sich die M i t-
t e l für die partikularisierten Bedürfnisse und überhaupt die
Weisen ihrer Befriedigung, welche wieder relative Zwecke und
abstrakte Bedürfnisse werden; - eine ins Unendliche fortgehende
Vervielfältigung, welche in eben dem Maße eine U n t e r-
s c h e i d u n g dieser Bestimmungen und Beurteilung der Ange-
messenheit der Mittel zu ihren Zwecken, - die V e r f e i-
n e r u n g, ist. - Die Bedürfnisse und die Mittel werden als
reelles Dasein ein S e i n für a n d e r e, durch deren Be-
dürfnisse und Arbeit die Befriedigung gegenseitig bedingt ist.
Die Abstraktion, die eine Qualität der Bedürfnisse und der Mittel
wird, wird auch eine Bestimmung der gegenseitigen Beziehung der
Individuen aufeinander; diese Allgemeinheit als A n e r-
k a n n t s e i n ist das Moment, welches sie in ihrer
Vereinzelung und Abstraktion zu konkreten als g e s e l l-
s c h a f t l i c h e n Bedürfnissen, Mitteln und Weisen der
Befriedigung macht" 16).
Es ist bemerkenswert, mit welcher Klarheit bereits Hegel den Pro-
zeß der Vergesellschaftung der Bedürfnisse und damit der arbeits-
teiligen Produktion zum Zweck ihrer Befriedigung erkennt. Das na-
türliche Bedürfnis ist je individuelles oder besonderes, auf die
Erhaltung des Einzelwesens oder der Art gerichtet; und das beson-
dere Bedürfnis wird wiederum individuell, allenfalls in der als
eine Einheit agierenden Herde, befriedigt. Demgegenüber wird mit
dem Menschen ein überindividuelles, a l l g e m e i n e s Sy-
stem der Bedürfnisse ausgebildet, bei dem das einzelne Bedürfnis
selbst nicht mehr konstitutiv ist für die Weise seiner Befriedi-
gung, sondern die wechselseitige Abhängigkeit der produktiven
Leistungen den Stellenwert und den Grad der Befriedigung der Be-
dürfnisse bestimmt. Statt der unmittelbaren natürlichen Transiti-
vität der Beziehung Begierde-Genuß wird die vermittelte ökonomi-
sche Reflexivität der Beziehung Produktion-Konsum dominant. In
Griesheims Vorlesungsnachschrift zu Hegels "Rechtsphilosophie"
heißt es deutlich genug: "Das Bedürfnis wird durch die Gegensei-
tigkeit vervielfältigt, die zugleich eine Seite der Allgemeinheit
ist." 17)
Diese Entwicklung wird von Hegel in fünf Schritte zerlegt:
1. Hinausgehen über die Besonderheit animalischer Bedürfnisse.
2. Vervielfältigung der Bedürfnisse und Mittel.
3. Zerlegung und Unterscheidung der Bedürfnisse, Partikularisie-
rung und Abstraktion.
4. Arbeitsteilung.
5. Systemform der Bedürfnisse als realallgemeine, sich gegenüber
den Individuen als abstraktes Dasein verselbständigende Totalität
der gesellschaftlichen Bedürfnisse, Mittel und Weisen ihrer Be-
friedigung.
Was Hegel hier beschreibt, ist der Übergang von der Natürlichkeit
der Triebe zur Künstlichkeit der Technik, von der Triebbefriedi-
gung zur Produktion, von der Natur zur Ökonomie, vom unmittelba-
ren Naturverhältnis zum vermittelten Produktionsverhältnis. Auf
der Ebene der Produktionsverhältnisse ergibt sich das gesell-
schaftliche Bedürfnis als "Verknüpfung vom unmittelbaren oder na-
türlichen und vom geistigen Bedürfnisse der V o r s t e l-
l u n g", worin sich der Mensch nun zu sich selbst (statt nur zu
einer äußerlichen Notwendigkeit) verhält und damit frei wird 18).
Durch die Arbeit (und das heißt: in der Zivilisation) erhebt sich
der Mensch über das bloße Prinzip der S e l b s t e r h a l-
t u n g zu dem der S e l b s t e n t f a l t u n g, und die
allseitige Verwirklichung der im Menschen liegenden Möglichkeiten
wird nun zum letztendlichen übergreifenden gesellschaftlichen
Bedürfnis, zu dessen Befriedigung die gesellschaftliche Produk-
tion dient.
Der Geschichtsprozeß ist irreversibel. Wir können das aus ar-
beitsteiliger Produktion hervorgegangene zivilisatorische System
der Bedürfnisse nicht mehr auf die Stufe der Natürlichkeit zu-
rückbringen, ohne dabei den Menschen als Menschen preiszugeben
19). Das höchste Niveau menschlicher Selbstverwirklichung ist
zugleich das höchste Niveau seiner "natürlichen Künstlichkeit"
20). Zivilisationspessimismus und Technikfeindschaft sind nur In-
dizien der weltanschaulichen Ratlosigkeit gegenüber den Wider-
sprüchen, die die kapitalistische Organisationsform der "natürli-
chen Künstlichkeit", des Naturverhältnisses als Produktionsver-
hältnis, hervorbringt 21). Der Antagonismus dieser Widersprüche,
letztlich von gesellschaftlicher Produktion und gesellschaft-
lichen Bedürfnissen versus private Aneignung, läßt die Technik,
ja die Geschichte (als Geschichte der Produktivkraftentwicklung)
irrational erscheinen 22). Die Ursache dieser Irrationalität, die
auch die Ursache der Störung unseres Naturverhältnisses ist 23),
durch eine vernünftige Ordnung der Produktionsverhältnisse
aufzuheben, ist die Zukunftsperspektive der Menschheit - und
angesichts der Zuspitzung dieser Widersprüche heute ist dies die
weltgeschichtliche Aufgabe, die dringend und unabweisbar auf der
Tagesordnung steht. Die historische Mission des Proletariats hat
eine aus der Gesellschaft in die Natur dialektisch zurückwirkende
Bedeutung.
3. Widersprüche der Übergangsperiode
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Die Entfaltung der Produktivkräfte führt also zu einer immer wei-
ter gehenden Differenzierung des Systems der Bedürfnisse und
insofern zur Erweiterung der realen Möglichkeiten des Menschen.
Der Wandel der Produktionsverhältnisse hat sich diesem Fort-
schritt in der Ausgestaltung des menschlichen Gattungswesens -
den Hegel den "Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit" nannte -
angepaßt und der Verwirklichung des real Möglichen jeweils die
gesellschaftliche Organisationsform gegeben. Allerdings hat die
Institutionalisierung der Produktionsverhältnisse in Eigentums-,
Rechts- und Staatsformen immer auch dazu beigetragen, den Fort-
schritt im technisch Machbaren nicht auch zu einem Fortschritt in
der Emanzipation der Menschen von äußeren Zwängen werden zu las-
sen; die Umsetzung vom technischen in den gesellschaftlichen
Fortschritt mußte stets von revolutionären Bewegungen aufsteigen-
der Klassen erkämpft werden. Darin das Grundgesetz der Geschichte
erkannt zu haben, ist der Kern des historischen Materialismus.
Ausgehend von diesen Einsichten, sind die Widersprüche der gegen-
wärtigen Epoche und die Fronten des Klassenkampfes klar zu be-
schreiben. Wir haben es (wie in Abschnitt 1 dargestellt) mit drei
gleichzeitigen Entwicklungen auf unterschiedlichen Entwicklungs-
niveaus zu tun.
1. Ein von den entwickelten Industrieländern ausgehender, sich
indessen weltweit auswirkender, qualitativ neuer Prozeß der Aus-
weitung und Anwendung wissenschaftlich-technischen Wissens
(wissenschaftlich-technische Revolution), der die Gefahr der
Selbstzerstörung der menschlichen Zivilisation durch Krieg oder
Umweltschädigung in sich birgt.
2. In den Entwicklungsländern ein Nachholbedarf an wissenschaft-
licher Ausbildung und moderner technischer Ausrüstung, der durch
Übernahmen aus den entwickelten Industrieländern gedeckt wird.
3. Die Koexistenz zweier Gesellschaftssysteme mit entgegengesetz-
ten Strategien der politisch-gesellschaftlichen Bewältigung der
durch die wissenschaftlich-technische Revolution geschaffenen
Probleme.
Der Antagonismus der Gesellschaftssysteme gewinnt durch die Prä-
senz der modernen Vernichtungswaffen eine neue welthistorische
Formbestimmtheit: Er darf unter dem Risiko der Auslöschung der
Menschheit nicht mehr mit Mitteln militärischer Gewaltanwendung
ausgetragen werden; die antagonistischen Gesellschaften sind zur
friedlichen Koexistenz verdammt. 24) Der Kapitalismus ist jedoch,
nach der Verfassung seiner Produktionsweise, zur Kapitalverwer-
tung auf Expansion angewiesen, bringt also aus sich die imperia-
listische Bedrohung des Koexistenzzustandes hervor. Den nicht-ka-
pitalistischen Ländern, also den Ländern des sozialistischen La-
gers, wird damit eine ihrer Ökonomie systemwidrige Produktion zur
Verteidigung gegen die imperialistische Bedrohung aufgezwungen,
die notwendig zur Verlangsamung der Entwicklung des eigenen Ge-
sellschaftstyps und der Lösung der durch die wissenschaftlich-
technische Revolution geschaffenen Probleme führen muß. Die Aus-
bildung eines neuen Systems der Bedürfnisse mit neuen Verhaltens-
weisen und -normen der Menschen muß also unter den widrigen Rand-
bedingungen dauernder Störungen stattfinden, die gleichzeitig mit
dem Voranschreiten auf dem eigenen Wege aufgefangen und in ihren
Wirkungen neutralisiert werden müssen. Das gilt sowohl für den
Rüstungswettlauf wie für die Rückwirkung der Wirtschaftskrisen
des Kapitalismus auf den internationalen Handel und damit auf ge-
wisse Faktoren der sozialistischen Planung, die sich unter dem
Einfluß der Schwankungen im kapitalistischen System nicht kon-
stant halten lassen. Innerkapitalistische Widersprüche werden so,
wie durch Induktionsströme, auf den Sozialismus übertragen und
müssen dort unter zusätzlichen Anstrengungen bewältigt werden.
Das heißt, der Kapitalismus vermag unter Verschärfung seiner ei-
genen Krisenerscheinungen auch den Aufbau des Sozialismus nach-
teilig zu beeinflussen, ohne daß dieser das Prinzip der friedli-
chen Koexistenz aufgeben dürfte.
Es könnte scheinen, als habe der Zwang zum Frieden mindestens
eine Stagnation der gesellschaftlichen Entwicklung in der Welt
(wenn nicht gar eine Erpreßbarkeit des auf Erhaltung des Friedens
angewiesenen Sozialismus) zur Folge. Dies wäre so, wenn der
Grundwiderspruch der Epoche nur als außenpolitische Konfrontation
der zwei Systeme zutage träte. Indessen ist der Antagonismus der
Gesellschaftssysteme selbst schon das Ergebnis der internen Klas-
senauseinandersetzungen im Kapitalismus (aus denen die Oktoberre-
volution hervorging). Die Selbstwidersprüche des Kapitalismus be-
schwören permanente krisenhafte Konflikte herauf, die eine all-
mähliche Veränderung des weltpolitischen Gleichgewichts bewirken.
Dieser Prozeß verläuft parallel zu den oben genannten Entwick-
lungstendenzen auf drei Ebenen:
1. Innerhalb der kapitalistischen industriellen Metropolen ver-
schärft sich der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit, ables-
bar an konstant hohen Prozentsätzen von Arbeitslosen, am Abbau
von Sozialleistungen und gesellschaftlichen Funktionen (Bildung,
Gesundheitswesen etc.) und an wachsender Staatsverschuldung.
2. Entwicklungsländer entziehen sich der neokolonialistischen
Ausbeutung und gewinnen mehr Einfluß in den internationalen Orga-
nisationen.
3. Die Friedensbewegung setzt sich der Aggressivität der imperia-
listischen Führungsmächte entgegen.
Auf allen drei Ebenen ist dies kein linearer und schon gar kein
ungehemmter Fortschritt, sondern ein zäher Kampf mit Erfolgen,
Rückschlägen und Sackgassen - ein weltweiter Klassenkampf unter
den Bedingungen ungleichmäßiger ökonomischer, sozialer und ideo-
logischer Entwicklung an den verschiedenen Frontabschnitten. Es
ist die Aufgabe einer historisch-materialistischen Theorie des
gegenwärtigen Zeitalters, diesen Differenzierungen ebenso Rech-
nung zu tragen (in sauberen ökonomischen Einzelanalysen) wie die
allgemeine Entwicklungstendenz, die Grundlinie und den Hauptwi-
derspruch in der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen, herauszuar-
beiten. Und es ist eine wesentliche praktische, politische Stra-
tegien bestimmende Aufgabe, die komplexen Beziehungen zwischen
den drei Parallelströmungen auf den Begriff zu bringen.
Die allgemeine Krise des Kapitalismus stellt eine ebenso große
Bedrohung des Friedens und des Überlebens der Menschheit dar, wie
sie in sich die Tendenz und reale Chance zur Überwindung des Ka-
pitalismus und zur Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft
trägt. Lenins Imperialismustheorie hat diesen Doppelcharakter des
"höchsten Stadiums des Kapitalismus" richtig herausgearbeitet und
bildet die Grundlage für die Strategie des internationalen Klas-
senkampfs. 25) "Der Imperialismus ist ein besonderes historisches
Stadium des Kapitalismus. Diese Besonderheit ist eine dreifache:
Der Imperialismus ist 1. monopolistischer Kapitalismus, 2. para-
sitärer oder faulender Kapitalismus, 3. sterbender Kapitalismus".
26)
Die staatsmonopolistische Form, in der die wissenschaftlich-tech-
nische Revolution in den kapitalistischen Ländern gesteuert wird,
bestimmt den Charakter der Widersprüche zwischen Kapital und Ar-
beit; aus diesen Widersprüchen resultiert eine menschenfeindli-
che, die Reproduktionsbasis des Kapitals letztlich selbst zerstö-
rende Wachstums- und Expansionsstrategie, die zum Untergang des
Kapitalismus führen muß. Boris Ponomarjow hat die Aktualität die-
ser drei Elemente hervorgehoben: "Es ist dies eine Krise der öko-
nomischen Basis des Kapitalismus, eine Krise, die über den Rahmen
der zyklischen Rückgänge hinausgeht und vor allem in einer fie-
berhaften Inflation, in einer allgemeinen Preissteigerung in
Friedenszeiten zum Ausdruck kommt. Es ist dies eine Währungs-
krise, die die Währungen einer Reihe von kapitalistischen Ländern
bis in den Grund erschüttert. Es ist dies eine Krise des gesamten
Systems der Beziehungen zwischen dem Imperialismus und den Län-
dern, die sich vom Kolonialjoch befreit haben. Es ist dies eine
Krise in den Beziehungen zwischen den gegenwärtigen Machtzentren
des imperialistischen Lagers - den USA, den Ländern Westeuropas
und Japan. Es ist dies eine Energiekrise, die gegenwärtig den
Charakter einer echten Katastrophe in den kapitalistischen Län-
dern angenommen hat. Es ist dies eine ökologische Krise - ein
heftiger Konflikt mit der Umwelt im Ergebnis der räuberischen,
kapitalistischen Ausbeutung. Es ist dies eine Krise des gesamten
außenpolitischen Kurses des Imperialismus und zahlreicher militä-
risch-politischer Doktrinen, die auf eine bewaffnete Unterdrüc-
kung des Sozialismus berechnet sind. Es ist dies schließlich eine
politische und ideologische Krise, die in der allseitigen Ver-
schärfung des Klassenkampfs an der 'inneren Front' des Kapitalis-
mus, sozusagen in seiner Zitadelle, Ausdruck findet". 27)
4. Zukunftsaufgaben und Strategien
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Die Ballung der Monopole und die durch die wissenschaftlich-tech-
nische Revolution bereitgestellten Möglichkeiten für Aggression
und Repression erhöhen die Gefahr, daß der Kapitalismus seine
Krise durch einen dritten und dann letzten Weltkrieg zu lösen
versucht und dabei durch Illusionen über die Gewinnbarkeit eines
Krieges sich darüber hinwegtäuscht, daß die Vernichtung des So-
zialismus zugleich die Selbstvernichtung des Kapitalismus und der
Untergang der menschlichen Zivilisation sein würde. Der Kampf um
die Sicherung des Friedens hat daher drei Dimensionen: 1. die
wissenschaftliche und technologische Aufklärung über die tatsäch-
lichen Ausmaße der Folgen eines möglichen Krieges; 2. die Sicher-
stellung von Abwehrsystemen und einer ausreichenden second-
strike-capacity durch den Sozialismus, die eine Gewinnchance für
die imperialistische Aggression aussichtslos macht; 3. die Mobi-
lisierung der Massen gegen Aufrüstung und Offensiworbereitung.
Auf dieser p o l i t i s c h e n Grundlage werden dann auch di-
plomatische Initiativen zur Rüstungsbeschränkung und Abrüstung
Erfolgschancen haben. Der Kapitalismus ist so sehr auf die -
langfristig zwar ökonomisch selbstzerstörerischen, kurzfristig
jedoch höchst profitablen - Wachstumsraten der Rüstungsindustrie
angewiesen, daß es ein frommer Wunsch wäre, zu glauben, er würde
freiwillig auf dieses Aufputschmittel verzichten. Nur der koordi-
nierte Druck von wissenschaftlichen Erkenntnissen, militärischem
Gleichgewicht und demokratischen Massenbewegungen kann ihn dazu
zwingen. Die Zweideutigkeit des sympathischen, aber realitätsfer-
nen Slogans "Frieden schaffen ohne Waffen" kann darum gegen seine
Absicht selbst friedensgefährdend wirken: Frieden zu schaffen,
ohne daß Waffen zur Selbstverteidigung die Friedenspolitik si-
chern, ist nicht möglich, weil für ein seinen Produktionsverhält-
nissen entsprechend expansives Gesellschaftssystem ein schutzlo-
ser Gegner immer zum Objekt der Aggression würde; seit der Dul-
les-Doktrin von der "Eindämmung des Kommunismus" haben die USA
genügend Beispiele dafür geliefert. Wohl aber gilt es, einen
Welt-Frieden zu schaffen, der die Existenz von Waffen überflüssig
macht - eben als Resultat einer Weltfriedensordnung. 28)
So bleibt der Kampf für den Frieden die "vorrangige Aufgabe, weil
die Erhaltung des Friedens die unabdingbare Voraussetzung dafür
ist, daß die Menschheit überhaupt eine Zukunft haben und weitere
Aufgaben in Angriff nehmen kann. Alle anderen politischen Ziel-
setzungen sind daher diesem ersten Ziel nachgeordnet - und dieses
Hauptziel ist eines, das nicht nur Sozialisten und Kommunisten
erstreben, sondern in dem sich alle vernünftigen, nicht verblen-
deten Menschen einig sind, einig sein müssen: Der Frieden ist ein
Apriori des Gattungslebens geworden; diese neue Qualität der Ge-
sellschaftlichkeit zu Bewußtsein zu bringen, ist ein wesentlicher
Teil sowohl der wissenschaftlichen Aufklärung wie der politischen
Bildungsarbeit und Agitation 29). Denn das Wesentliche an der
weltpolitischen Lage besteht heute darin, daß es - anders als in
früheren Zeiten - kein individuelles oder partikulares Interesse
mehr geben kann, dem durch Krieg gedient würde, weil eben die
Überlebensbedingungen der "siegreichen" Partei genauso vernichtet
würden wie die der verlierenden. Das heißt, die Kategorien Sieg
und Niederlage haben ihren Sinn verloren. Genau das muß aber erst
noch zur allgemeinen Erkenntnis werden, ehe die friedliche Koexi-
stenz gesichert ist.
Der Kampf um den Frieden ist zugleich global und punktuell. Er
kann und muß in jedem Augenblick und an jedem Punkt der Bedrohung
gleichzeitig geführt werden, und jeder kleinste Teilerfolg, auch
jede Öffentlichkeitsresonanz, ist ein Erfolg im ganzen. Diese
Universalität und Ubiquität der Friedensfrage bestimmt die Stra-
tegie der Friedenspolitik. Sie übergreift die gegensätzlichen Ge-
sellschaftssysteme. Nicht in gleicher Weise kann die zweite
große, globale Zukunftssorge der Menschheit behandelt werden: die
Erhaltung der natürlichen Umwelt als Überlebensbedingung der
Menschheit. Zweifellos ist die Funktionsfähigkeit des gegenwärti-
gen Reproduktionssystems menschlichen Lebens von der Aufrechter-
haltung der technischen Produktionsmittel abhängig; wir können
nicht aus unserer Zivilisation heraustreten, die Entwicklung des
Systems der Bedürfnisse und Mittel ist nicht reversibel. Nun ist
aber gerade die Massierung der technischen Geräte und Verfahren
und ihre Vernetzung im ökonomisch-technischen Zusammenhang die
Ursache vom Umweltschäden mit langfristigen Folgen. Die Einpas-
sung der Technik in den Naturzusammenhang (also die Umweltver-
träglichkeit von Technik) - weil Gesellschaft immer im Kontext
der Dialektik der Natur steht - ist eine vordringliche Aufgabe.
Diese Einpassung kann gewiß nicht in einem Akt und global erfol-
gen. Andererseits sind punktuelle Umweltschutzmaßnahmen zwar an-
zustreben und nützlich; aber sie gewinnen ihren Sinn und ihre
Wirksamkeit erst in umfassenderen Zusammenhängen, die durch sie
noch nicht geschaffen werden. So ist zwar die schrittweise Durch-
setzung von umweltschützerischen Maßnahmen notwendig; und allein
in einer schrittweisen Ablösung umweltschädlicher Techniken durch
neue Produktions- und Verkehrsmittel ist überhaupt eine Umgestal-
tung unserer Zivilisation zu realisieren, weil auf die Kontinui-
tät der äußeren Rahmenbedingungen unseres Lebens Rücksicht genom-
men werden muß. Das gilt ebenso für sozialistische wie für kapi-
talistische Gesellschaften. Aber diese punktuellen und schritt-
weisen Anpassungen an die Natur reichen nicht aus, solange die
Durchsetzung von Sonderinteressen sie immer wieder durchkreuzt.
Die Welt bedarf global eines anderen "Wirtschaftsstils" als des
auf Ausbeutung der Natur gerichteten 30).
Es gibt gute Gründe, aus denen man bezweifeln kann, daß innerhalb
des kapitalistischen Systems und mit den am "Menschenrecht auf
privates Eigentum" orientierten und auf dem konkurrierenden Stre-
ben nach Durchsetzung individueller Interessen beruhenden ord-
nungspolitischen Konzepten der bürgerlichen Gesellschaft mehr als
punktuelle Verbesserungen erreicht werden können. Moralische Ap-
pelle und abstrakte Vernunfteinsichten reichen nicht aus, um In-
teressen aus der Welt zu schaffen, die im System der Produktion
selbst (also in den Produktionsverhältnissen) entspringen. Letzt-
lich wird also die ökologische Krise, die ein nicht herauslösba-
res Moment der allgemeinen Krise des Kapitalismus ist, erst durch
die revolutionäre Veränderung des Gesellschaftssystems behoben
werden können. Und da in der Epoche der Koexistenz von Gesell-
schaften mit unterschiedlichen Produktionsverhältnissen eine
wechselseitige Beeinflussung der materiellen Existenzbedingungen
der Gesellschaften stattfindet, ist die Öko-Krise ein nur durch
globale Veränderungen der Produktionsverhältnisse zu lösendes
Problem. Ein bloßes "Krisen-Management" reicht langfristig nicht
aus.
Die Erhaltung des Friedens ist also möglich und nötig unter der
Form der friedlichen Koexistenz zweier antagonistischer Gesell-
schaftssysteme, und die (außen)politische Strategie der Friedens-
sicherung muß von diesem Dualismus ausgehen. Die Erhaltung der
Umwelt indessen erfordert systemverändernde Eingriffe in die ka-
pitalistische Ordnung, und die (innen)politische Strategie des
Umweltschutzes muß zugleich eine gesellschaftspolitische Strate-
gie der allmählichen Systemveränderung sein. Sowohl gesetzgebe-
rische Neuerungen als auch größere Mitbestimmungsrechte und Kon-
trollzuständigkeiten der Basis (z.B. der Gewerkschaften in den
Betrieben, von Bürgerausschüssen in den Quartieren und Gemeinden,
von Wissenschaftlergremien in der Legislative und Exekutive) sind
hier unerläßlich.
Vollends ist der Kampf um die Nutzung der wissenschaftlich-tech-
nischen Revolution und der aus ihr folgenden Produktivitätsstei-
gerung der menschlichen Arbeit zur größeren Selbstentfaltung des
Menschen, also zu Erschließung und Verwirklichung der ihm gegebe-
nen Möglichkeiten, eine Aufgabe, die die Schaffung eines neuen
Gesellschaftstypus voraussetzt. Die Veränderung der gesellschaft-
lichen Verhältnisse, der Eigentumsverhältnisse, ist der erste
notwendige Schritt, um auf der objektiven Grundlage eines neuen
Weltverhältnisses (Gesellschaft und Natur umfassend), das keine
Ausbeutung mehr kennt, den neuen Menschen, die sozialistische Le-
bensweise entstehen zu lassen. "Das Endziel der gesellschaftli-
chen Produktion" sei "die Schaffung von Bedingungen für die all-
seitige Entwicklung der Persönlichkeit", sagte J.W. Andropow in
seiner programmatischen Rede zum 100. Todestag von Karl Marx; und
er fuhr fort: "Marx sah die historische Bestimmung der Formation,
die den Kapitalismus ablösen wird, darin, die Arbeit aus einer
quälenden, unfreiwilligen Pflicht in das erste Lebensbedürfnis
der Persönlichkeit zu verwandeln. Wir wissen heute aus Erfahrung,
wieviel auf dem langen Weg zur Verwirklichung dieser Idee in ih-
rer Gesamtheit getan werden muß... Die Umwälzung der Eigentums-
verhältnisse läuft keineswegs nur auf einen einmaligen Akt hin-
aus, in dessen Ergebnis die wichtigsten Produktionsmittel Eigen-
tum des ganzen Volkes werden. Rechtmäßiger Besitzer zu werden und
ein solcher tatsächlich zu sein - ein wirklicher, weiser und für-
sorglicher Besitzer - ist bei weitem nicht ein und dasselbe. Ein
Volk, das die sozialistische Revolution vollzogen hat, muß noch
lange lernen, seine neue Stellung als oberster und uneinge-
schränkter Eigentümer des gesamten gesellschaftlichen Reichtums
zu beherrschen - sowohl ökonomisch als auch politisch und, wenn
man so will, psychologisch - und dabei gemeinschaftliches Bewußt-
sein und Verhalten zu entwickeln" 31). Die Eigentumsverhältnisse
umzuwälzen und das Bewußtsein der Menschen auf eine neue Gesell-
schaft der Solidarität vorzubereiten - das sind Inhalte, durch
die für einen Kommunisten die Zukunft bestimmt und seine Aufgabe
definiert ist. "Das revolutionäre sozial-historische Schöpfertum
der Arbeiterklasse und aller arbeitenden Menschen zu orientieren
und zu lenken, diese grandiose Aufgabe wird heute von der marxi-
stisch-leninistischen Theorie und der Praxis des Kampfes um den
Fortschritt der Menschheit gelöst. Das ist jene Aufgabe, die Karl
Marx sich, seinen ideologisch und politisch Gleichgesinnten sowie
seinen Nachfolgern gestellt hat: Die Welt zu erkennen und zu ver-
ändern". 32)
_____
1) Friedrich Engels, Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung
des Affen, MEW 20, S. 444 ff.
2) Vgl. Hans Heinz Holz, Zur Logik der Koexistenz, DIALEKTIK 4,
1982, S. 62 ff.
3) Vgl. Hans Heinz Holz, Historischer Materialismus und ökologi-
sche Krise, DIALEKTIK 9, 1984, S. 30 ff.
4) Vgl. Hans Heinz Holz, Zur Kritik der bürgerlichen Technikphi-
losophie, in: IMSF (Hrsg.), Technik - Umwelt - Zukunft, Frank-
furt/M. 1980, S. 87 ff.
5) Zitiert nach Dmitri Jermolenko, Die wissenschaftlich-techni-
sche Revolution und die internationalen Beziehungen, Moskau 1973,
S. 12.
6) Ebd., S. 4.
7) Ebd., S. 18 f. Vgl. auch Günter Kröber, Wissenschaft, Gesell-
schaft und wissenschaftlich-technische Revolution, in: Marxismus-
Digest 21, S. 3 ff., hier S. 8 und 11: "Die gegenwärtige wissen-
schaftlich-technische Revolution... ist ein Prozeß, in dem revo-
lutionäre Veränderungen in Wissenschaft, Technik und Produktion
gleichzeitig, Hand in Hand, in enger Wechselwirkung vor sich ge-
hen; sie ist eine Revolution in der Wissenschaft, eine technische
Revolution durch die Wissenschaft und wächst in den sozialisti-
schen Ländern in eine Revolution der Produktionsprozesse hinüber"
... "Wir stellen also fest, daß die Herausbildung des einheitli-
chen Komplexes Wissenschaft-Technik-Produktion ... ein Hauptmerk-
mal der gegenwärtigen wissenschaftlich-technischen Revolution
ist." Vgl. auch Andre Leisewitz, Entwicklungsgeschichte des wis-
senschaftlich-technischen Fortschritts und seiner gesellschaftli-
chen Anwendung, in: IMSF (Hrsg.), Technik - Umwelt - Zukunft.
a.a.O., S. 13 ff.
8) Günter Kröber, a.a.O., S. 9.
9) Vgl. Hans Heinz Holz, Grundsätzliches zu Naturverhältnis und
ökologischer Krise, in IMSF (Hrsg.), "...einen großen Hebel der
Geschichte", Marxistische Studien, Sonderband I zum 100. Todestag
von Karl Marx, Frankfurt/M. 1982, S. 155 ff.
10) Jean Paul Sartre, Kritik der dialektischen Vernunft, Reinbek
bei Hamburg 1967, S. 129 ff., hier S. 130 und 148.
11) Joachim Ritter, Historisches Wörterbuch der Philosophie, Ar-
tikel "Lebenskriterien" (von K. Sadegh-Zadeh), Band 5, Sp. 129
ff., Basel 1980.
12) Helmuth Plessner, Die Stufen des Organischen und der Mensch,
Berlin und Leipzig 1928, S. 194.
13) Ebd., S. 132.
14) Arnold Gehlen, Der Mensch, Frankfurt/M. und Bonn 19627, S.
33.
15) Friedrich Engels, a.a.O., S. 444 f. Helmuth Plessner, Die
Frage nach der Conditio humana, Frankfurt/M. 1976, S. 37 ff.
16) Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Grundlinien der Philosophie
des Rechts, §§ 190-192. Werke, ed. Moldenhauer-Michel, Band 7,
Frankfurt/M. 1970, S. 347 ff.
17) Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über Rechtsphilo-
sophie, hg. von Karl Heinz Ilting, Band 4, Stuttgart 1974, S. 491
(Vorlesungsnachschrift von Karl Gustav Julius von Griesheim).
Vgl. die Studienausgabe der Rechtsphilosophie von Hermann Kien-
ner, Berlin 1981, S. 480.
18) Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Rechtsphilosophie, § 194.
19) Vgl. Günter Ropohl, Technik als Gegennatur, in: Götz
Grossklaus/Ernst Oldemeyer, Natur als Gegenwelt, Karlsruhe 1983,
S. 87 ff., hier S. 95 ff.
20) Helmut Plessner, Die Stufen des Organischen und der Mensch,
a.a.O., S. 309 ff. Zur Bedeutung Plessners für eine naturdialek-
tische Auffassung vom Menschen vgl. Bernhard Delfgaauw, Hans
Heinz Holz, Lolle Nauta (Hrsg.), Philosophische Rede vom Men-
schen, Bern 1985.
21) Vgl. Hans Heinz Holz, Grundsätzliches zu Naturverhältnis und
ökologischer Krise, a.a.O.
22) Auf diese Irrationalität hat auch Hegel aufmerksam gemacht,
a.a.O., § 195; und in der Vorlesungsnachschrift von Griesheim,
a.a.O., S. 494 (= Kienner, a.a.O., S. 481): Mit dem
"zirkulierenden Reichtum" ... "vermehrt sich die Abhängigkeit und
Not... weil die Mittel der Befriedigung in der Willkür Anderer
sind... Man hat es nicht mehr mit der äusseren Natur zu tun, je-
der Baum, jedes Tier gehört nicht mehr der Natur an, sondern ei-
nem Eigentümer, die Abhängigkeit ist so viel grösser... Indem der
Reichtum grösser wird, konzentriert er sich in wenigen Händen,
und ist erst einmal dieser Unterschied, dass in einigen Händen
grosse Kapitale sind, so erlaubt dies auf wohlfeilere Weise zu
erwerben, als bei einem geringeren Vermögen, so wird der Unter-
schied immer größer."
23) Vgl. Remo Bodei, Natura, finalità, effetti perversi nell'
analisi economica di Marx, in: Quaderni dell' Istituto Galvano
della Volpe, Messina 1982, S. 7 ff. Außerdem Hans Heinz Holz, Na-
tura e storia in Marx, in: Jahrbuch des Gramsci-Instituts, Pa-
lermo (in Vorb.); finnisch: Teesejä luonnosta, in: tiede &
edistys, Heft 2/1984, S. 135 ff.
24) Vgl. dazu Hans Heinz Holz, Zur Logik der Koexistenz, a.a.O.
25) Boris Ponomarjow, Wladimir Iljitsch Lenin und die kommunisti-
sche Weltbewegung, Neues Deutschland, 11. April 1974, S. 5 f.
26) Wladimir Iljitsch Lenin, Werke (LW) Band 23, S. 102.
27) Boris Ponomarjow, a.a.O.
28) Vgl. Hans Heinz Holz, Zur Logik der Koexistenz, a.a.O.
29) Kampf um den Frieden - nun erst recht. Plenartagung des Frie-
densrats der DDR am 9. März 1984, Berlin 1984, insbesondere die
Ausführungen von Günther Drefahl, S. 10 ff., und Hermann Klare,
S. 34 f.
30) Auf einen alternativen "Wirtschaftsstil" hebt Klaus Michael
Meyer-Abich, Wege zum Frieden mit der Natur, München 1984, S. 278
ff., ab. - Er meint allerdings, ein auf Ausbeutung der Natur ver-
zichtender "Wirtschaftsstil" sei auch unter kapitalistischen Be-
dingungen realisierbar, zitiert indessen als Orientierungsmatrix
dann Karl Marx: "Vom Standpunkt einer höheren ökonomischen Ge-
sellschaftsformation wird das Privateigentum einzelner Individuen
am Erdball ganz so abgeschmackt erscheinen wie das Privateigentum
eines Menschen an einem anderen Menschen. Selbst eine ganze Ge-
sellschaft, eine Nation, ja alle gleichzeitigen Gesellschaften
zusammengenommen, sind nicht Eigentümer der Erde. Sie sind nur
ihre Besitzer, ihre Nutzniesser, und haben sie als boni patres
familias den nachfolgenden Generationen verbessert zu hinterlas-
sen" (MEW 25, S. 784).
31) J.W. Andropow, Die Lehre von Karl Marx und einige Fragen des
sozialistischen Aufbaus der Sowjetunion, Moskau 1983, S. 16 f.
und 10 f.
32) Ebd., S. 40.
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