Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 09/1985
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UMBRUCHPERIODE UND ZUKUNFT DER GEWERKSCHAFTEN
Klaus Pickshaus
1. Umbruchsituation und Zukunftsdiskussion - 2. Klassen- und So-
zialstrukturveränderungen und neue Organisationsprobleme der Ge-
werkschaften - 2.1. Soziale Umschichtungen in der Arbeiterklasse
- 2.2. Die Zielgruppen der Angestellten - 2.3. Neue Anforderungen
an die Gewerkschaftspolitik - 3. Betrieb oder Reproduktionsbe-
reich als Basis gewerkschaftlicher Arbeit? - 3.1. Verliert der
Betrieb an Bedeutung? - 3.2. Neue Organisationsformen im Repro-
duktionsbereich und die Erneuerung gewerkschaftlicher Betriebspo-
litik - 4. Gewerkschaftszukunft und politische Perspektiven
1. Umbruchsituation und Zukunftsdiskussion
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Nahezu alle Analysen, die sich in den letzten Jahren mit der Si-
tuation und Perspektive der Gewerkschaften beschäftigten, rückten
die grundlegenden Veränderungen ihrer Handlungsbedingungen in den
Mittelpunkt. Politikmuster, die dem Modell eines prosperierenden
Kapitalismus verhaftet blieben, wurden zunehmend in Frage ge-
stellt. Es wurde auch offensichtlich, daß die einschneidenden
Veränderungen nicht nur durch zyklische Krisenprozesse bedingt,
sondern mit einem "Epochenwechsel von einer ungewöhnlich langen
Periode der relativen kapitalistischen Prosperität und Stabilität
zu einer längeren Stagnations- bzw. Depressionsperiode des Kapi-
talismus verbunden sind". 1) Diese neuen Konstellationen, die
sich seit Mitte der 70er Jahre abzeichnen, bestimmen auch die
Ausgangslage für den nächsten überschaubaren Zeitraum.
Mit diesem Wandel sind Merkmale eines neuen Entwicklungstyps des
Kapitalismus erkennbar geworden, der in der Diskussion als pri-
vatmonopolistische Entwicklungsvariante des SMK bezeichnet wurde.
2) Dabei geht es im Kern um einen neuen monopolistischen Akkumu-
lationstyp unter der Bedingung eines wachsenden Internationali-
sierungsgrades und des Wirksamwerdens der wissenschaftlich-tech-
nischen Revolution. Bei der Durchsetzung dieses Kurses besitzt
die weltmarktorientierte Modernisierungsstrategie eine Schlüssel-
rolle.
Die Auswirkungen dieser bereits unter der SPD/FDP-Regierung be-
triebenen, durch die konservative Regierung aber rigoros forcier-
ten Entwicklung für die Arbeiterklasse und ihre Gewerkschaften
sind gravierend. Zu Recht wird schon heute von einem Umbruch des
Produktions- und gesamten Produktivkraftsystems gesprochen, des-
sen Dimensionen erst in den nächsten Jahrzehnten - insbesondere
für die gewerkschaftliche Organisationskraft und Handlungsfähig-
keit - vollends absehbar sind. Mit der breiten Anwendung elektro-
nischer, informationsverarbeitender Technologien werden nicht nur
manuelle Arbeitsfunktionen, sondern zunehmend auch geistige, spe-
ziell informationsverarbeitende Funktionen auf technische Systeme
und Maschinen übertragen, wodurch sich die Anforderungen an die
Beschäftigten und die Proportionen zwischen den einzelnen beruf-
lichen und Qualifikationsgruppen rasch verändern. Dies beschleu-
nigt die Umstrukturierung im gesellschaftlichen Gesamtarbeiter
mit dem breiten Wachstum höher und hochqualifizierter Lohnar-
beitskräfte und Gruppen der lohnabhängigen Mittelschichten bzw.
Intelligenz; zugleich werden unter kapitalistischen Bedingungen
die Tendenzen der Freisetzung und Entwertung lebendiger Arbeit
und Arbeitskraft verstärkt und so die Existenzbedingungen der ar-
beitenden Klasse verschlechtert.
Der Umbruch des Produktions- und Produktivkraftsystems, der durch
die Modernisierung vorangetrieben wird, bewirkt neben den Um-
schichtungen in der Klassenstruktur massive Tendenzen der sozial-
strukturellen Polarisierung, die durch den zyklischen Krisenpro-
zeß noch verschärft werden.
Vertreter des Kapitals und der Konservativen knüpfen an diese Um-
brüche in Produktion, Klassenstruktur und Lebensweise der Lohnab-
hängigen Hoffnungen auf eine generelle Schwächung gewerkschaftli-
cher Gegenmacht. Ihre strategischen Konzepte zielen nicht nur auf
eine repressive Einschränkung von Gewerkschaftsrechten, sondern
auf eine Aushöhlung kollektiver Schutzrechte durch Flexibilisie-
rung und Deregulierung von Normalarbeitsverhältnissen und Ar-
beitszeiten. Die Auseinandersetzung mit diesen Plänen ist nicht
nur ein zentrales tarifpolitisches Konfliktfeld geworden, wie die
Arbeitskämpfe um die 35-Stunden-Woche 1984 belegten, sondern auch
der staatlichen Politik. 3) Es verbindet sich mit dem Konflikt um
ein weiteres Ziel konservativer Strategie: dem Abbau und repres-
siven Umbau des Systems der Sozialleistungen.
Es zeigt sich, daß die Durchsetzung der privatmonopolistischen
Entwicklungsvariante des staatsmonopolistischen Kapitalismus mit
einer starken Änderung der Verteilungsproportionen und damit ei-
ner Schwächung der Gewerkschaften verknüpft wurde, um damit auch
Positionsgewinne für die Arbeiterklasse insbesondere aus der Re-
formphase Anfang der 70er Jahre wieder zu liquidieren. Mit wel-
cher Rigorosität und Reichweite diese Entwicklungsvariante zum
Tragen kommt, hängt allerdings in erster Linie vom jeweiligen po-
litischen Hegemonietypus und den Käfteverhältnissen ab.
Zweifellos zeigt ein Vergleich hochentwickelter kapitalistischer
Länder ähnliche Symptome einer Defensive oder "Krise der Gewerk-
schaften", die aus den generellen Umbruchs- und Krisenprozessen
resultieren. 4) Dazu zählen die Schrumpfung ihrer traditionellen
Organisationsbasis, Mitgliederverluste (allerdings mit großen na-
tionalen Unterschieden), die bescheideneren Resultate oder sogar
Niederlagen im betrieblichen und gewerkschaftlichen Kampf und ge-
werkschaftspolitische Polarisierungen, die Auseinandersetzungen
um Neuorientierungen und Anpassungen an die veränderten Bedingun-
gen signalisieren. Einige Autoren prognostizieren hieraus - nicht
zum ersten Mal in der Geschichte - einen strukturellen Niedergang
oder das Ende der Gewerkschaftsbewegung überhaupt. 5)
Doch trotz ähnlicher struktureller Veränderungen wird die aktu-
elle und zukünftige Machtposition der Gewerkschaften national
sehr unterschiedlich von den jeweils dominierenden klassenpoliti-
schen Orientierungen der herrschenden Blocks gegenüber den Arbei-
terbewegungen der einzelnen Länder beeinflußt. Dies wiederum
hängt mit den verschiedenen "Machtblockkonstellationen", den un-
terschiedlichen politischen Hegemonietypen, zusammen. Zwar hat
sich in den meisten Ländern ein an Angebotspolitik und Monetaris-
mus orientierter Austeritätskurs in der Wirtschafts- und Sozial-
politik durchgesetzt; dennoch variieren die klassenpolitischen
Strategien gegenüber den Gewerkschaften von einer harten Konfron-
tationslinie à la Thatcher bis zu den widerspruchsvollen Versu-
chen der französischen sozialistischen Regierung, ähnliche wirt-
schaftspolitische Ziele bei Aufrechterhaltung des sozialen Kon-
senses zu realisieren. Im Vergleich mit Großbritannien und den
USA blieb der konservative Kurs in der BRD eher gebremst, auch
wenn 1984 im Arbeitszeitkonflikt auf eine scharfe Konfrontation
zu den Gewerkschaften gesetzt wurde. 6)
Obwohl heute für die Wirksamkeit der "geistig-moralischen Wende"
deutliche Grenzen sichtbar werden, kann doch nicht übersehen wer-
den, daß im Massenbewußtsein der Lohnabhängigen nach wie vor Ten-
denzen von Verunsicherung, existenziellen Ängsten und Desorien-
tierungen wirken, wie sie durch jede gesellschaftliche Umbruchsi-
tuation hervorgerufen werden - zumal bei einer gleichzeitigen be-
drohlichen Zuspitzung globaler Probleme (vor allem Bedrohung des
Friedens). Solche Tendenzen sind natürlich auch eine Reaktion auf
das Scheitern der sozialdemokratisch geführten Bundesregierung,
auf die Nichtrealisierung ihrer Versprechungen.
Die konservative ideologische Offensive in den letzten Jahren
reagierte auf diese Konstellation, indem sie sich als Kraft der
Erneuerung und des Bruchs zur "Gegenwartsmisere" zu präsentieren
und zugleich das Feld der positiven Zukunftsvorstellungen von
rechts zu besetzen versuchte. Kern solcher konservativer Konzepte
ist die Vorstellung, durch eine forcierte Modernisierung unter
privatmonopolistischer Dominanz den Übergang zur "Informations-
gesellschaft" zu beschleunigen, in der Zukunftsindustrien und
Informationstechnologien bestimmend sind und zu deren Ordnungs-
prinzipien Dezentralisierung, Individualisierung und Flexibili-
sierung gehören sollen. Anknüpfend an gewachsene soziale Bedürf-
nisse nach Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung wird die
Realisierung solcher Ziele auf dem Wege einer Flexibilisierung
der Arbeitsverhältnisse versprochen, und das heißt im kon-
servativen Konzept vor allem: Unterlaufen und Durchbrechen von
"starren" kollektiv-vertraglichen Regelungen. Insofern zielen
diese Konzepte auf den Lebensnerv der Gewerkschaften, nämlich auf
die allgemeine Schutzwirkung tarifvertraglicher und gesetzlicher
Festlegungen.
Die Auswirkungen der Umbruch- und Krisenprozesse haben die Ge-
werkschaften in allen hochentwickelten kapitalistischen Ländern
in den letzten Jahren so beschäftigt, daß ihre politischen und
organisatorischen Kapazitäten vollauf in Anspruch genommen waren.
Wie Frank Deppe pointiert zusammenfaßt, stehen die Gewerkschaften
derzeit nicht an der Spitze eines "zukunftsorientierten Blocks",
"der sich theoretisch und praktisch in die Auseinandersetzungen,
in die Perspektiven gesellschaftlicher Entwicklungen einschal-
tet". 7)
Die Notwendigkeit gewerkschaftlicher Diskussionen über die Zu-
kunftsperspektiven ergibt sich - so Deppe - aus drei Gründen 8):
Erstens produziert die Krisen- und Umbruchsituation völlig neue
Problemstellungen, zweitens muß der konservativen Zukunftskonzep-
tion, die auf eine reaktionäre Massenmobilisierung setzt, begeg-
net werden, und drittens muß die Frage nach dem Zukunftsoptimis-
mus aus der Perspektive der Arbeiterbewegung positiv beantwortet
werden - im Sinne einer Verknüpfung der gegenwärtigen Verteidi-
gungskämpfe mit einer mobilisierenden Perspektive. Zukunftshoff-
nungen und -erwartungen der Massen können zu Triebkräften der ge-
sellschaftlichen Entwicklung werden. 9) Deshalb stellt sich für
die Marxisten in der Zukunftsdiskussion die Aufgabe - darauf wies
Heinz Jung hin -, das "Neue im Denken und Fühlen der Menschen
(zu) erkunden", die "neue(n) Bedürfnisse und Themen aufzugreifen
und diese zu einem theoretischen und politisch-ideologischen Ge-
samtkonzept zu vermitteln." 10)
Die Bewegung für die 35-Stunden-Woche hatte eine breitere Thema-
tisierung von gewerkschaftspolitischen Fragen gefördert, und
zugleich hatte der Arbeitskampf 1984 Probleme der zukünftigen
Handlungsfähigkeit der Gewerkschaften deutlicher gemacht. Bei ei-
nem beträchtlichen Teil der Mitglieder und Funktionäre ist die
Einsicht gewachsen, daß der Weg aus der Defensive auch über die
Entwicklung neuer Modelle und Inhalte gewerkschaftlicher Politik
führen muß. Dies hat zu ersten Ansätzen einer Orientierungsdis-
kussion geführt, die z.T. vorerst nur "obere Funktionärsetagen"
erfaßt, zum Teil aber auch - etwa im Rahmen einer Diskussion um
die geplante analytisch-programmatische Aussage der IG Metall
"Projekt 2000" zum Gewerkschaftstag 1986 - breitere Kreise der
aktiven Mitglieder einbeziehen könnte. 11)
Die Diskussionen berühren unter anderem zwei Komplexe: Erstens
die Probleme der zukünftigen Handlungspotentiale, die sich durch
die Konsequenzen aus dem Umbruch von Produktion und Sozialstruk-
tur stellen und Fragen neuer Kampfformen und Modelle gewerk-
schaftlicher Arbeit einschließen. Zweitens das Problem der stra-
tegischen Reaktion der Gewerkschaften auf die sozialen Fraktio-
nierungsprozesse innerhalb der lohnabhängig Beschäftigten, der
Schwierigkeiten einer Vereinheitlichung und Entwicklung autonomer
Gegenmacht.
2. Klassen- und Sozialstrukturveränderungen und
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neue Organisationsprobleme der Gewerkschaften
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Sozialstrukturelle Umschichtungen vollziehen sich über lange
Zeiträume. Ihre Brisanz für die Organisationsentwicklung und
Handlungsfähigkeit der Gewerkschaften wird in zugespitzten Kon-
flikt- und Kampfsituationen am deutlichsten: So erwiesen sich die
hochorganisierten Kerngruppen der Industriearbeiterschaft im Ar-
beitskampf 1984 als stabile Träger der Streiks; im Unterschied zu
einigen Arbeitskämpfen der 70er Jahre waren Angestellte hingegen
nur in Ausnahmefällen einbezogen. Im Angestelltenmilieu fanden
die Unternehmer die Hauptansatzpunkte für die Organisierung von
Streikbruch - in Zeitungsbetrieben unter Nutzung der neuen Tech-
niken oft sehr wirkungsvoll. 12)
Für die Gewerkschaften aktualisierten diese Erfahrungen das Pro-
blem, welche neuen Sektoren der Lohnabhängigen und möglichen
neuen Schlüsselgruppen im technologischen Prozeß gewonnen werden
müssen, um handlungs- und d.h. auch arbeitskampffähig zu bleiben.
Damit ist auch die Frage aufgeworfen, mit welcher Dynamik sich
die weiteren Umbrüche im Produktivkraftsystem und in der Klassen-
struktur vollziehen werden und wie das soziale Profil der Arbei-
terklasse an der Schwelle zum 21. Jahrhundert aussehen wird. 13)
2.1. Soziale Umschichtungen in der Arbeiterklasse
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Mit Sicherheit kann man davon ausgehen, daß die Trag- und Reich-
weite sich schon vollziehender sozialstruktureller und volkswirt-
schaftlicher Umschichtungen in den nächsten 15 Jahren vollends
sichtbar werden und sich die gewerkschaftlichen Organisations-
und Handlungsbedingungen damit radikal verändern. Die wichtigsten
Trends sollen kurz skizziert werden:
- Schon in den letzten eineinhalb Jahrzehnten zeichnete sich ab,
daß Kernbereiche der gewerkschaftlich hoch organisierten und ak-
tiven Arbeiterklasse schrumpften. Dies trifft insbesondere auf
die Krisenbranchen der Stahlindustrie und der Werften zu. Auch
wenn sich dort der Beschäftigungsrückgang in Zukunft nicht mehr
so dramatisch fortsetzen wird, rückt schon jetzt eine mögliche
neue Krisenbranche ins Blickfeld, die zu einem Schlüsselbereich
der bundesdeutschen Wirtschaft und einer der kampfstärksten Ba-
stionen der IG Metall geworden ist: die Automobilindustrie. 14)
In der Entwicklung dieses Industriezweiges werden sich in den
nächsten Jahren sowohl die Bündelung von verkehrs-, energie- und
umweltpolitischen Problemen als auch der starke Druck der Welt-
marktkonkurrenz und der hierdurch beschleunigten technologischen
Umstrukturierung niederschlagen, so daß ein massiver Arbeits-
platzabbau nicht ausgeschlossen werden kann.
- Ein immer größeres wirtschaftliches Gewicht - jedoch nicht in
Hinsicht einer Beschäftigungsausdehnung - erhalten die "Zukunfts-
industrien" - so die Elektronik-, Luft- und Raumfahrtindustrie
und auch die Chemieindustrie. Hier setzt sich ein neuer
Belegschaftstypus mit relativ hohem Qualifikationsniveau durch,
der sich u.a. in einem Überwiegen von Angestelltentätigkeiten mit
hohem Anteil an wissenschaftlich-technischer Intelligenz aus-
drückt. 15) In der Regel ist in diesen Betrieben der gewerk-
schaftliche Organisationsgrad außerordentlich niedrig, oder es
können sich auf der Grundlage einer relativ privilegierten Stel-
lung dieser Gruppen korporativistische und sozialpartnerschaftli-
che Orientierungen halten. Dabei setzen sich diese volkswirt-
schaftlichen Umschichtungen über regionale Disproportionen durch:
Während auf der einen Seite traditionelle Industriereviere
(Ruhrgebiet, Saarland) von den Krisenprozessen besonders hart be-
troffen sind, expandieren neue Zentren mit einer Mischung aus
Spitzenindustrien und Dienstleistungssektoren (z.B. München).
- Schon in den 70er Jahren hat der Strukturwandel zu einem erheb-
lichen Bedeutungsgewinn der privaten Dienstleistungen und vor al-
lem des Staates geführt. Auf dieser Basis sind vor allem die An-
gestellten- und Beamtengruppen der Arbeiterklasse, die lohnabhän-
gigen Mittelschichten und die Intelligenz stark angewachsen.
Diese Umschichtungsprozesse werden sich fortsetzen, wenngleich
auch hier der Krisen- und Rationalisierungsdruck wirkt und die
Entwicklung der staatlichen Dienstleistungen, also vor allem der
notwendige Ausbau der sozialpolitischen Apparate des Staates, da-
von abhängen wird, ob sich ein anderer Entwicklungstyp des SMK,
also etwa ein etatistisch-reformistischer, durchsetzt. Im priva-
ten Dienstleistungsbereich, zum Teil auch in Bereichen der Zu-
kunftsindustrien, nehmen Klein- und Mittelbetriebe weiter zu, und
zugleich wächst unter dem zunehmenden Druck der Massenarbeitslo-
sigkeit der Bereich der "Schattenwirtschaft", zu dem auch die al-
ternativen Kleinbetriebe und Projekte gehören und in dem gewerk-
schaftliche Normen und Vertretungen bisher kaum Platz gefunden
haben.
- Auch wenn die Produktivkraftentwicklung einen höheren Anteil
qualifizierter Lohnarbeiter fordert und sich Tendenzen der
"Professionalisierung der industriellen Arbeit" und "Verankerung
von Produktionsintelligenz" abzeichnen 16), so wird dies unter
dem Diktat kapitalistischer Verwertungsinteressen immer nur für
Teilbereiche gelten, und es werden sich gleichzeitig Tendenzen
der Polarisierung und Segmentierung der Qualifikationsentwick-
lung, der Belegschaftsstrukturen (Stamm- und Randgruppen) und des
Arbeitsmarktes verstärken. Die Flexibilisierungsstrategie des Ka-
pitals dient ja gerade dem Vorantreiben und der Nutzung solcher
Segmentierungen. Zugleich werden immer größere Teile der Arbei-
terklasse einer Marginalisierung, ja sogar Pauperisierung unter-
worfen. Das Hauptproblem bleibt der Anstieg der Massenarbeitslo-
sigkeit. Lag der Arbeitslosensockel zu Beginn der letzten zykli-
schen Krise 1980 bis 1983 bei fast 900 000, so wird der Ausgangs-
sockel bei dem zu erwartenden neuen Konjunktureinbruch schon bei
über 2 Millionen (registrierten) Arbeitslosen liegen. Zudem hat
sich der Anteil der Dauerarbeitslosen (1 Jahr und mehr) auf fast
33% erhöht (im Ruhrgebiet über 40%). In dieser Entwicklung zeigen
sich die zugespitzten Gefahren von Widersprüchen und Fraktionie-
rungen innerhalb der Arbeiterklasse, die das gewerkschaftliche
Gegenmachtpotential auch in den prosperierenden Bereichen ernst-
haft gefährden.
- Die Umschichtungen innerhalb der Arbeiterklasse, die mit der
Ausweitung der Lohnarbeit generell einhergingen, werden zu einer
weiteren rapiden Verschiebung der Proportionen Arbeiter/
Angestellte unter allen Lohnabhängigen führen. In der Zunahme von
Angestelltentätigkeiten widerspiegeln sich Umverteilungsprozesse
aus dem Bereich der Produktion in die Bereiche der Leitung,
Kontrolle, Verwaltung, der Zirkulation und Distribution sowie die
zunehmenden Staatsaktivitäten für gesellschaftliche Reproduktion
und Herrschaftssicherung. Verteilten sich 1971 noch die Lohnab-
hängigen auf fast 55% Arbeiter, 36% Angestellte und 9% Beamte, so
werden 1985/86 erstmals die Angestellten die größte Gruppe bilden
und im Jahr 2000 möglicherweise über 53% aller Lohnabhängigen
ausmachen (gegenüber nur noch ca. 33% Arbeitern und ca. 13% Beam-
ten). 18) Angestellte und Beamte werden dann zwei Drittel aller
Lohnabhängigen stellen; 1958 besaßen die Arbeiter noch einen
Zweidrittelanteil an allen Lohnabhängigen.
Die Angestellten werden somit schon unter quantitativen Aspekten
zum entscheidenden zukünftigen Rekrutierungsfeld der Gewerkschaf-
ten. Dabei ist dieses Feld in sich sehr heterogen. Schließt man
die kleine bourgeoise Gruppe (Manager etc.) aus, so umfaßt es Ar-
beiterklassengruppen in der Industrie, dem Handel und privaten
Dienstleistungen, dem Staatssektor usw. ebenso wie die Mittel-
schichtengruppen, darunter inbesondere die wissenschaftlich-tech-
nische Intelligenz. Von zentraler Bedeutung ist, daß nicht nur im
Handel, sondern auch in vielen Büroberufen eine starke
"Feminisierung" sichtbar ist und heute schon 53% der Angestellten
Frauen sind. Der weitaus größte Teil der Angestellten, die zur
Arbeiterklasse zählen, sind Frauen.
2.2. Die Zielgruppen der Angestellten
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Die Gewinnung der Angestelltengruppen ist zu einem zentralen
Thema gewerkschaftlicher Diskussion und damit auch politischer
Kontroversen geworden, in denen über künftige Inhalte und den
Charakter der Interessenvertretung mitentschieden wird. Zuge-
spitzt formulierte Siegfried Bleicher, Mitglied des geschäftsfüh-
renden Bundesvorstandes des DGB: "Die Organisationsreserve der
Angestellten muß gehoben werden, wenn die deutsche Gewerkschafts-
bewegung politisch überleben will. Das derzeitige Organisations-
verhältnis zwischen Arbeitern und Angestellten im DGB entspricht
der Beschäftigungsstruktur des Jahres 1954." 19)
Ein Rückblick auf die große Wachstumsphase der DGB-Gewerkschaften
in den 70er Jahren und die Dynamik der einzelnen Sektoren zeigt,
daß den größten Anteil an der Zunahme der Gewerkschaftsmitglieder
von 6,7 Millionen 1970 auf 7,7 Millionen 1983 zwei Gruppen stel-
len: die Angestellten und - sich damit überschneidend - die
Frauen. Während die Zuwachsrate aller Mitglieder (der DGB-Gewerk-
schaften) in diesem Zeitraum 15% betrug, belief sie sich bei den
Angestellten auf 73% und bei den Frauen auf 60%. Die Angestellten
erhöhten damit ihren Anteil an allen Mitgliedern von 15% (1970)
auf 22% (1984), die Frauen von 15% (1970) auf 22% (1984). Dennoch
kann dies keineswegs schon als großer Durchbruch gewertet werden.
Die Organisationsquoten sind nach wie vor außerordentlich nied-
rig: Bei den Frauen betrug der gewerkschaftliche Organisations-
grad 1981 18%, bei den Angestellten 1984 18% (im Vergleich Arbei-
ter ca. 50%, DGB generell 33%). 20) Dabei liegt der Organisati-
onsgrad der weiblichen Angestellten mit 13% erheblich unter dem
der Männer (23% 1984). Noch niedriger ist der Organisationsgrad
bei vielen Gruppen der lohnabhängigen Intelligenz: Generell kann
er auf 15% geschätzt werden, wobei Ingenieure mit 18% nach oben
und Ärzte mit 4-5% nach unten abweichen (höher ist er bei den Be-
amtengruppen der Lehrer mit 28% und den Journalisten mit über 30%
in der dju). 21)
Der in sich heterogene Sektor der Angestelltenberufe ist also ge-
werkschaftlich noch kaum durchdrungen. Der Organisationsgrad etwa
der HBV innerhalb des privaten Dienstleistungsbereiches (fast 4
Millionen Beschäftigte) beträgt im Durchschnitt nach wie vor
nicht mehr als 10%. Generell sind über 7 Millionen Angestellte
nicht organisiert; etwa 500 000 sind Mitglieder der DAG. Berück-
sichtigt werden muß allerdings auch, daß fast 5 Millionen Arbei-
ter unorganisiert sind.
Die Ausgangslage für eine Gewinnung dieser Organisationsreserven
in den nächsten 10 bis 15 Jahren ist kompliziert. Die großen
Steigerungsraten der 70er Jahre, insbesondere während der Reform-
phase 1969 bis 1974, sind abgeflacht. Die Mitgliederentwicklung
der DGB-Gewerkschaften insgesamt ist seit 1982 rückläufig (1982-
1984: Minus 297000), die der Angestellten stagnierte erstmals
1984, Krisenprozesse und verstärkte Rationalisierung im Handel
und insgesamt im Bürobereich wirken sich hier auch zunehmend aus.
Gerade solche Krisen- und Umbruchprozesse wurden aber in gewerk-
schaftlichen Prognosen zur Mitgliederentwicklung nicht berück-
sichtigt. Eine 1975 erarbeitete Vorausschau erwartete für das
Jahr 1985 9 Millionen Mitglieder der DGB-Gewerkschaften. 22)
Real waren es Ende 1984 7,66 Millionen. Grundlage dieser Fehlein-
schätzung war die Annahme, daß die "Aufschwungphase" zu Beginn
der 70er Jahre für die Gewerkschaften anhalten und neben stabilen
Mitgliederzuwachsraten im produzierenden Gewerbe das überpropor-
tionale Wachstum im staatlichen und privaten Dienstleistungsbe-
reich sich fortsetzen würde.
Zweifellos wäre es ebenso falsch, umstandslos die gegenwärtige
Defensivsituation der Gewerkschaften in die Zukunft zu
"verlängern". Wie die Geschichte der Gewerkschaftsbewegung zeigt,
gibt es neben kontinuierlichen Organisationstrends ebenfalls
"große Wellen". Die Einleitung einer solchen neuen Organisations-
welle hängt in erster Linie von der hegemonialen Kapazität der
Gewerkschaften ab, also von ihrer Fähigkeit, angesichts der
Strukturveränderung in der Arbeiterklasse, der Veränderungen im
Arbeitsprozeß und der neuen Segmentierungsformen nicht nur den
Status quo zu verteidigen und sich auf eine korporativistische
Interessenvertretung eingrenzen zu lassen, sondern die aktuellen
Verteidigungskämpfe mit einer mobilisierungsfähigen Perspektive
zu verbinden. Die Erarbeitung einer solchen Perspektive setzt die
Beantwortung der Frage voraus, "welche alternativen Modelle des
Wachstums, der Organisation der Arbeits- und Lebensverhältnisse,
der sozialen und kulturellen Entwicklungsmöglichkeiten der Men-
schen" die Gewerkschaften der konservativen Antwort auf die Um-
bruchsituation entgegensetzen. 23)
In dem Maße, wie dies gelingt und die Gewerkschaften neue Aus-
strahlungskraft als "Hoffnungsträger" gewinnen können, wird nicht
nur die Verankerung solcher gewerkschaftlichen Wertorientierungen
wie Solidarität in den neuen Sektoren der Lohnabhängigen erleich-
tert, sondern es werden zugleich die Bedingungen für eine
"demokratische Wende" verbessert.
Die Intensivierung gewerkschaftlicher "Angestelltenarbeit" - so-
weit man überhaupt diesen einheitlichen Begriff gebrauchen kann -
wird von der starken Differenzierung dieser sozialstatistischen
Gruppierung auszugehen haben, die durch sehr heterogene sozial-
ökonomische Verhältnisse (hoher Staatsanteil, viele Kleinbetriebe
bzw. kleine Arbeitseinheiten) geprägt wird. Deshalb ist eine
klare Bestimmung der wichtigen Zielgruppen (Großbetriebe des
Handels, Techniker und Ingenieure, EDV-Spezialisten usw.) für die
gewerkschaftliche Arbeit wichtig. Zu ihnen gehören die geringer
qualifizierten, in unteren Einkommensgruppen eingestuften und zu-
meist weiblichen Angestellten (60%, das sind über 3 Millionen der
weiblichen Angestellten, verdienten 1982 netto weniger als 1400
DM im Monat) ebenso wie die wachsende Zahl höher qualifizierter
technischer Angestellter bis zu den lohnabhängigen Gruppen der
Intelligenz. Die Zahl der Hoch- und Fachhochschulabsolventen ist
von 1,4 Millionen 1970 auf ca. 2,4 Millionen 1984 sprunghaft ge-
wachsen, wobei etwa 80% zu den Lohnabhängigen zu rechnen sind und
rd. 50% im Staatssektor arbeiten. Schon aus dieser quantitativen
Sicht, aber insbesondere aufgrund der wachsenden Bedeutung der
Intelligenzgruppen für den Produktions- und Reproduktionsprozeß
gewinnt ihre Organisierung erheblich an Gewicht.
Neben der Differenzierung nach einzelnen Zielgruppen ist für eine
gewerkschaftliche Einflußnahme die Beachtung der Spezifika des
sozialpsychologischen Profils und der Bewußtseinsstrukturen der
Mehrzahl der Angestelltengruppen wichtig. Solche Unterschiede zur
traditionellen Organisationsbasis der Arbeiter ergeben sich nicht
nur aus der Tradition oder "Mentalitätsdispositionen", sondern
finden ihre Basis in den gegenüber dem Arbeiterbereich unter-
schiedlichen Arbeitsbedingungen und drücken hiermit solche Fakto-
ren aus wie die erst formelle Subsumtion weiter Angestelltenar-
beitsbereiche unter das Kapital, die vielfältigen Verbindungen zu
und Überschneidungen mit Angehörigen der Gegenklasse und der Mit-
telschichten in der Arbeit. Gegenüber einem antagonistisch und
durch kollektive Solidarität geprägten Weltbild bei Arbeitern ist
für Angestellte eine mehr individualistische, konkurrenzgeprägte
und funktionalistische Sichtweise typisch. 24) Das formale Bil-
dungsniveau ist generell höher, entwickelte soziale Bedürfnisse
sind insbesondere bei den jüngeren Generationsgruppen ausgeprägt.
Die Prägung durch die außerbetriebliche Sphäre ist intensiver,
und das Verhältnis zur Gewerkschaft ist kaum emotional, sondern
eher durch rationales Kalkül bestimmt. Bewegungen und Aktivitäten
zur Wahrnehmung gesellschaftlicher Reproduktionsbedürfnisse der
letzten Jahre (Bürgerinitiativen z.B.) rekrutierten sich über-
durchschnittlich stark aus den jüngeren Angestelltengruppen der
Arbeiterklasse und der lohnabhängigen Mittelschichten (vor allem
aus dem Sozial- und Bildungsbereich). Auch wenn es sich bei den
Aktiven in der Regel erst um Minderheiten im gesamten Angestell-
tenmilieu handelt, werden hier doch wichtige neue Zugänge auch
für gewerkschaftliches Bewußtsein und Organisationsmöglichkeiten
sichtbar.
Sollten dies charakteristische Trends für das Profil des
"Arbeitnehmers des Jahres 2000" sein, so ergeben sich nach der
Meinung Franz Steinkühlers, des zweiten Vorsitzenden der IG Me-
tall, wichtige Schlußfolgerungen für die Gewerkschaftsarbeit: "Es
wird schwieriger sein, diesen neuen Arbeitnehmertypus gewerk-
schaftlich zu organisieren. Sein politisches Verhalten orientiert
sich weniger an traditionellen Bindungen, sondern mehr an intel-
lektuellen Überzeugungsprozessen. ... Hier sind neue Formen der
gewerkschaftlichen Ansprache notwendig. Diese Arbeitnehmer gewin-
nen wir hauptsächlich über den Kopf und über die alltägliche kon-
krete Erfahrung des Nutzens gewerkschaftlicher Arbeit." 25)
Es ist vorauszusehen, daß ein entscheidendes Feld, auf dem in den
nächsten Jahren über die zukünftige politische Orientierung in
den Gewerkschaften entschieden wird, die Auseinandersetzung über
die Inhalte und Anlage der "Angestelltenarbeit" sein wird. Die
hierbei schon aufgebaute Scheinalternative, ob eine weitere ge-
werkschaftliche Rekrutierung sich an "progressiven Avantgarde-
gruppen" oder am demoskopischen Meinungsdurchschnitt von Ange-
stellten zu orientieren habe, zielt allerdings unverhohlen auf
ein Konzept der "Entideologisierung" und "Entpolitisierung" der
Gewerkschaftsarbeit. 26)
Da die Gewinnung von Mitgliedern in den neuen Sektoren noch kein
alltäglicher Routinevorgang ist, verbindet sich dies für die Be-
teiligten mit einer intensiveren Aneignung gewerkschaftlicher
Grundsätze und Wertorientierungen. Hieraus resultieren - wie die
Entwicklung der HBV zeigt - häufig kritische Impulse zur Formu-
lierung klassenorientierter Positionen und zur Aufnahme neuer so-
zialer Bedürfnisse in die Aktivitäten. 27)
Für eine neue Organisationsoffensive ist nach Lorenz Schwegler,
Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstandes der HBV, die kon-
zentrierte Orientierung auf die "Inhaber betrieblicher Schlüssel-
funktionen" sowie die "betrieblichen Meinungsträger und Multipli-
katoren" unerläßlich. 28) Inhaltlich sind drei Gesichtspunkte zu
beachten:
1. Insbesondere für qualifizierte Angestelltengruppen sind nicht
punktuelle Einzelforderungen, sondern das Sichtbarmachen eines
politischen Gesamtkonzeptes der Gewerkschaften Voraussetzung für
die Mobilisierung. Die Erfahrungen der 35-Stunden-Bewegung bele-
gen - so Schwegler -, daß isolierte, "ökonomistische" Begründun-
gen nicht ausreichen, sondern die Entwicklung der Forderung als
"notwendiger Baustein eines ingesamt überzeugenden Konzeptes" ge-
gen die Wendepolitik erforderlich ist. Nur politische Gewerk-
schaften könnten die "betrieblichen Meinungsführer der Zukunft"
gewinnen. 29)
2. Da bei Teilen der Angestellten eine relative Zufriedenheit mit
Einkommens- und Arbeitszeitbedingungen vorherrscht, sind Fragen
des Inhalts und der Bedingungen der eigenen Tätigkeit, also in-
haltliche Ansprüche an die Arbeitsgestaltung sowie Befürchtungen
der Einschränkung von Selbstbestimmungsmöglichkeiten durch tech-
nologische Kontrollsysteme wichtige Ansatzpunkte. Daneben sind
die Interessen an Beratung und Rechtsschutz durch die Gewerk-
schaften eigenständige Motive für die Organisation. Bei zunehmen-
der Arbeitslosigkeit, Leistungsdruck und Blockierung von Auf-
stiegschancen erhöht sich die Erwartung an die gewerkschaftliche
Schutzfunktion.
3. Angesichts der Durchdringung des gesamten Sektors von Ange-
stelltentätigkeiten mit den neuen Informationstechnologien ge-
winnt die gewerkschaftliche Reaktion hierauf Schlüsselcharakter.
Über die Abwehr einzelner negativer Folgen hinaus wird die Ent-
wicklung von Alternativen, etwa von Konzeptionen neuer Gestal-
tungsforderungen zur Arbeitsorganisation und Software-Gestaltung,
ein wichtiger Schritt zur Gewinnung der hier tätigen Angestell-
ten. Hier konkretisiert sich das zunehmende Bedürfnis nach Alter-
nativ-und Zukunftsentwürfen, die der kapitalistisch-profitorien-
tierten Logik eine reale Handlungsmöglichkeit der Beschäftigten
entgegensetzen. 30)
Gerade an der letzten Frage wird deutlich, daß für die gewerk-
schaftliche Angestelltenarbeit die Mobilisierung des fachspezifi-
schen Wissens, des Sachverstandes derjenigen, die wie die Techni-
ker, Ingenieure, Beschäftigten in den EDV-Abteilungen an den
"Systementwicklungen" beteiligt sind, zu einer zentralen Aufgabe
wird. Dabei müssen die gewerkschaftlichen Organisationsstrukturen
in der Weise verändert werden, daß für diese beruflich-fachspezi-
fischen sowie konzeptionellen Aktivitäten eigene Spielräume und
Initiativmöglichkeiten - etwa in Technologie-Arbeitskreisen, In-
genieurarbeitskreisen, gewerkschaftlichen Konversionsgruppen etc.
- entstehen und zugleich vermieden wird, daß ein neues überzoge-
nes Fachgruppenprinzip zu Partikularismus und Entsolidarisierung
zwischen den einzelnen Mitgliedergruppen führt. 31) Die lange
Entwicklungsgeschichte der Mediengewerkschaft demonstriert, mit
welchen Schwierigkeiten ein solches Zusammenwirken von Arbeiter-
klassegruppen und Gruppen der Mittelschichten und Intelligenz
(Redakteure, Journalisten, Schriftsteller usw.) konfrontiert ist.
Sie belegt andererseits auch die Überfälligkeit organisationspo-
litischer Reaktionen der Gewerkschaften auf die vom Kapital ge-
setzten neuen Handlungsbedingungen.
Jede Diskussion über die Zukunft gewerkschaftlicher Interessen-
vertretung und Organisationspolitik wäre verfehlt, die nicht die
Realität der zunehmenden "Feminisierung der Lohnarbeit" ernst
nähme. 32) Auch in der Krise ist die Frauenerwerbsquote stabil
geblieben (1983: 38,9%). Sie liegt besonders hoch in den modernen
Zentren mit großem Gewicht des tertiären Sektors. Zwei Drittel
aller Frauen arbeiten im Handels- und Dienstleistungsbereich. Die
Mehrheit der weiblichen Erwerbstätigen sind inzwischen Ange-
stellte (1970: 35,2%, 1981: 52,7%). Allerdings existieren hier
Segmentierungslinien, die die traditionell verfestigte ge-
schlechtsspezifische Benachteiligung ausdrücken. 70% der weibli-
chen Angestellten sind in an- und ungelernten Beschäftigungen tä-
tig, und über 30% aller erwerbstätigen Frauen haben eine Teil-
zeitarbeit, die auf den Handels- und Dienstleistungssektor kon-
zentriert ist (über 80%). Da offensichtlich auch durch die ver-
suchte Aufwertung konservativer Frauenleitbilder die Anspruchs-
haltung der Frauen auf Erwerbstätigkeit nicht gebrochen werden
kann, zielen die Konzepte des Kapitals in erster Linie auf die
Flexibilisierung der Frauenarbeitsplätze, d.h. vor allem auf die
Ausweitung nicht und unzureichend abgesicherter Beschäftigungs-
verhältnisse.
Es liegt auf der Hand, daß hiermit nicht nur ein Kreis spezifi-
scher Probleme der Frauen- und Angestelltenarbeit, sondern eine
Kardinalfrage zukünftiger autonomer und einheitlicher Handlungs-
fähigkeit der gesamten Gewerkschaftsbewegung angesprochen wird.
Die Abwehr einer weiteren Flexibilisierung der Beschäftigungsver-
hältnisse (insbesondere der Heimarbeit), die Durchsetzung besse-
rer kollektiver Schutznormen sowie der Kampf gegen sexistische
Diskriminierungsformen werden zu vordringlichen Aufgaben der Ge-
werkschaften. Der Anspruch der Frauen auf gesellschaftliche
Gleichstellung wird sich darüber hinaus in zunehmendem Maße in
Forderungen nach bewußter und gezielter Bevorzugung von Frauen
beim Zugang zum Erwerbssystem ausdrücken, d.h., es geht nicht nur
um positive Frauenförderungsmaßnahmen, sondern um Forderungen
nach einer Quotierung von qualifizierten Ausbildungs- und Ar-
beitsplätzen. 33) Dies wird zweifellos auch Folgen für das bis-
lang patriarchalisch strukturierte "Innenleben" der Gewerkschaf-
ten selbst besitzen müssen.
Es wurde schon auf die großen Mitgliederzuwachsraten der vergan-
genen 15 Jahre und zugleich auf die immensen unerschlossenen Re-
serven hingewiesen; das deutet die Chancen und Dimensionen zu-
künftiger gewerkschaftlicher Frauenarbeit an. Die gewerkschaftli-
che Frauenbewegung hat zudem eine initiierende Rolle bei der The-
matisierung neuer sozialer Bedürfnisse, der Vermittlungsforderun-
gen von Produktions- und Reproduktionssphäre und der persönlich-
keitsverändernden Dimension im kollektiven Handeln von Frauen
eingenommen. Zu den stabilsten klassenorientierten Bereichen der
Gewerkschaftsbewegung gehörig, kann sie als eine der wichtigsten
"Produktivkräfte" bei der "Bearbeitung" der Zukunftsprobleme
agieren und damit gleichzeitig verändernd auf die Gewerkschaften
selbst wirken.
2.3. Neue Anforderungen an die Gewerkschaftspolitik
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Für eine gewerkschaftliche Klassenpolitik in einer Krisen- und
Umbruchperiode besteht nicht nur die Aufgabe, neue Sektoren der
Lohnabhängigen und zukünftige qualifizierte Schlüsselgruppen des
Reproduktionsprozesses zu gewinnen und hierbei den differenzier-
ten Interessen und Bedürfnislagen Rechnung zu tragen, sondern sie
hat zugleich den Anspruch auf Vereinheitlichung der von den Kri-
sen- und Umwälzungsprozessen in unterschiedlicher Intensität be-
troffenen Gruppen der gesamten Arbeiterklasse zu realisieren.
Wie Hans Janßen und Klaus Lang (IG Metall-Vorstand) analysierten,
sind derzeit zwei Reaktionstypen zu beobachten: 34) Ein korpora-
tivistischer Politiktypus konzentriert die gewerkschaftliche In-
teressenvertretung angesichts der verstärkten Segmentierung zwi-
schen "Rationalisierungsgewinnern" (Wachstums- und Zukunftsindu-
strien, Stammbelegschaften), "Rationalisierungsduldern", "Ratio-
nalisierungsverlierern" (Krisenbranchen) und "Marginalisierten"
auf die qualifizierten "Facharbeiter neuen Typus" und ist, um das
"Überwintern" der eigenen Organisation zu sichern, zu sozial-
partnerschaftlichen Arrangements mit Kapital und konservativem
Block bereit. Dem gegenüber steht das Konzept "eines 'Überlebens'
von Gewerkschaften als solidarische Interessenvertretung aller
Arbeitnehmer, die mit dem Anspruch auf Gestaltung der Ent-
lohnungs- und Arbeitsbedingungen für die (noch) arbeitenden
Menschen einen allgemeinpolitischen Gestaltungsanspruch für eine
Politik gesellschaftlicher Strukturreformen und zur Verwirk-
lichung demokratisch-emanzipatorischer Ziele verbinden". 35) Der
Kampf um Arbeitszeitverkürzung war und bleibt ein zentrales
Element einer solchen "offenen Mobilisierungspolitik, die die
einheitlichen Interessen" der Arbeiterklasse zur Grundlage und
zum Ziel hat. 36)
Die Auseinandersetzungen um die Arbeitszeitflexibilisierungsmo-
delle der Unternehmer, die an den Entwicklungsstand der neuen
Technologien anknüpfen und insofern ein "Dauerbrenner" bleiben
werden, haben die Frage Vereinheitlichung und Differenzierung für
die Gewerkschaften in prekärer Weise aufgeworfen: Ziel dieser Mo-
delle ist es auch hier, kollektive Normen und Regelungen der Ar-
beitszeit zu durchlöchern und bei einer Differenzierung von Zeit-
regelungen an die auf mehr "Zeitsouveränität" gerichteten Bedürf-
nisse der Beschäftigten anzuknüpfen. Der weiterhin favorisierte
Ausbau von Teilzeitarbeit zeigt, daß hiervon in besonderer Weise
die Frauen betroffen sind. Auch wenn die Forderung nach allgemei-
ner Arbeitszeitverkürzung - so bei der 35-Stunden-Woche - das Be-
dürfnis nach mehr "Zeitsouveränität" aufnimmt und die Abwehr der
unternehmerischen Flexibilisierungsziele eine unerläßliche Auf-
gabe bleiben wird, werden die Gewerkschaften ein offensives Kon-
zept entwickeln müssen, "wenn sie nicht zusehen wollen, wie die
Popularität individualistischer Scheinlösungskonzepte" auch unter
den Lohnabhängigen ansteigt. 37) Eine solche offensive Position
der Gewerkschaften wird von dem grundlegenden Prinzip ausgehen
müssen, daß nicht wie bei der Flexibilisierungsstrategie des Ka-
pitals der Arbeits- und Lebensrhythmus der Menschen unter die
"betrieblichen Belange" untergeordnet wird, sondern die betrieb-
lichen Arbeitszeitsysteme an die differenzierten menschlichen Be-
dürfnisse anzupassen sind. Das heißt im einzelnen: "Primär kol-
lektive Arbeitszeitverkürzung und in zweiter Linie weitergehende,
gruppenspezifische Arbeitszeitverkürzung und Strukturierung der
betrieblichen Arbeitszeiten nach qualitativen Kriterien der Bela-
stung innerhalb und außerhalb der Betriebe und der Bedürfnisse
und der Interessen." 38) Generell würde dies nicht die Aufhebung,
sondern eine Erweiterung kollektiver Normen und Regeln bedeuten.
Auf allen zukünftigen Konfliktfeldern - der Arbeitszeitgestal-
tung, der Technologieentwicklung, der Gestaltung der Arbeits- und
Lebensbedingungen - wird ein konzeptioneller Vorlauf der Gewerk-
schaften zu einer wichtigen Voraussetzung, um der politisch-ideo-
logischen "Besetzung" dieser Felder durch unternehmerische und
konservative Modelle zu begegnen und um gleichzeitig eine mobili-
sierende Perspektive der humanen Gestaltung von Arbeit und Tech-
nik voranzutreiben.
Um in der Auseinandersetzung um die gesellschaftliche Zukunft der
BRD die "politische Ökonomie der Arbeiterklasse" mit ihren An-
sprüchen der sozialen Kontrolle der Produktion und der bewußten
Regulierung gesellschaftlicher Prozesse anzumelden und durch-
zusetzen, ist ihre Konkretisierung in programmatischen Alternati-
ven und Zukunftskonzeptionen erforderlich. Auf vielen wichtigen
Gebieten wie der Wirtschafts- und Sozialpolitik, der Technologie-
entwicklung, alternativer Eigentumsformen (Vergesellschaftung)
sind solche Alternativen im Zusammenwirken von betrieblich-ge-
werkschaftlichen Diskussionsprozessen und der Nutzung von wissen-
schaftlicher Fachkompetenz erarbeitet worden. Da die allgemeine
Tendenz der Verwissenschaftlichung der Politik anhalten wird,
steht für die Gewerkschaften die Aufgabe, neben der Ausschöpfung
der spezifischen Qualifikation der Lohnabhängigen wissenschaftli-
ches Expertenwissen und Beratungspotential auch aus anderen so-
zialen und politischen Bewegungen zu gewinnen und zu nutzen. Wenn
die Gewerkschaften zu einer hegemonialen Kraft werden wollen, ist
ein auf diese Weise organisierter konzeptioneller Vorlauf wich-
tig. Eine Schlüsselfrage wird dabei die Einflußnahme bzw. Gewin-
nung von wichtigen Gruppen der Intelligenz, die für die Ausübung
gesellschaftlicher Hegemonie eine zentrale Rolle spielt.
Der zunehmende Bedarf an spezialisierter, professionalisierter
Sachkompetenz zeigt sich auf zentraler Ebene und kommt dort in
der Ausweitung der Stabsabteilungen der Gewerkschaftsvorstände
zum Ausdruck; er wird vor allem auch auf den unteren Organisati-
onsebenen - am Ort und im Betrieb - sichtbar. Wollen die Gewerk-
schaften den hier ständig zunehmenden Anforderungen aus der Ver-
änderung der Arbeit, der Technikentwicklung usw. gerecht werden,
wird dies Konsequenzen für die Qualifizierung und Rekrutierung
der Funktionäre haben müssen. Dabei müssen sich in der Rekrutie-
rung der Gewerkschaftsfunktionäre auch die sozialstrukturellen
Umschichtungen und Umbrüche in der Lebensweise niederschlagen. So
sind z. B. heute noch weniger als 10% der hauptamtlichen Funktio-
näre Frauen. 39) "Wenn die für die künftige Mitgliederentwicklung
wichtigen Potentiale unter den Angestellten, den Frauen und den
höher qualifizierten Arbeitergruppen wirkungsvoll angesprochen
werden sollen, müssen dafür auch entsprechend qualifizierte per-
sonelle Kapazitäten unter den Gewerkschaftsfunktionären herange-
zogen werden. Sie müssen hinsichtlich ihrer Qualifikation, ihrer
Interessen und Lebensweise in der Lage sein, die Bedürfnisse und
Ansprüche dieser Gruppen an gewerkschaftliche Arbeit und Interes-
senvertretung formulieren und umsetzen zu können." 40) Eine sol-
che Profilveränderung in Richtung auf einen neuen Funktionärsty-
pus wird heute schon in Ansätzen beim Generationswechsel auch in
den obersten Führungsgremien der Gewerkschaften sichtbar.
3. Betrieb oder Reproduktionsbereich als Basis
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gewerkschaftlicher Arbeit?
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3.1. Verliert der Betrieb an Bedeutung?
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In der sozialwissenschaftlichen und politischen Diskussion haben
Thesen an Gewicht gewonnen, die für die Zukunft von einem zuneh-
menden Bedeutungsverlust der Arbeits- und Betriebssphäre ausge-
hen. Heinze u.a. meinen, daß "die Lohnarbeit nicht länger der
selbstverständliche Knotenpunkt ist, aus dem die subjektiven Le-
bensperspektiven der eigentumslosen Teile der Bevölkerung hervor-
gehen". 41) Und André Gorz kann in dieser Sphäre, die er als
ständig kleiner werdenden formellen Sektor fremdbestimmter Arbeit
definiert, kein sinnvolles Betätigungsfeld für den Kampf um indi-
viduelle und soziale Emanzipation mehr sehen. 42)
Nun reflektieren die Thesen vom "Ende der Arbeitsgesellschaft"
insofern Momente der Realität, als die Arbeitsverhältnisse und
die Beziehungen zur Arbeit tatsächlich einem Wandel unterliegen.
Kern dieser Veränderungen ist die Freisetzung von Arbeitskraft,
die verschiedene Formen von der Verkürzung der Tages-, Wochen-,
Jahres- und Lebensarbeitzeit bis hin zur Massenarbeitslosigkeit
annimmt.
Dennoch bleibt für die Masse der abhängig Erwerbstätigen die
Lohnarbeit die Voraussetzung ihrer Lebensgestaltung, und die Per-
spektive der Arbeiterbewegung zielt auf eine Veränderung der Be-
dingungen, des Charakters und der Inhalte der Arbeit. Der Betrieb
bleibt insofern der zentrale Bezugspunkt gewerkschaftlicher Tä-
tigkeit, auch wenn Annahmen einer permanenten Vergrößerung des
großbetrieblichen Sektors offensichtlich falsch sind.
Allerdings haben sich die Existenzbedingungen der Arbeiterklasse
und damit auch die Handlungsbedingungen für die Gewerkschaften
dadurch verändert, daß die Prägewirkung des Betriebes abgenommen
und der Einfluß der außerbetrieblichen Sozialisations- und Repro-
duktionsinstanzen zugenommen haben. Hierzu zählen Faktoren wie
die Verlängerung der Ausbildungsphasen, die Ausdehnung der Frei-
zeitsphäre, der enorme Einfluß der Massenmedien usw. Auch der so-
zialräumliche Klassenzusammenhang hat an Dichte und verpflichten-
der Kraft verloren, das traditionelle geschlossene "proletarische
Milieu" ist zur Ausnahme geworden, und neue Orte von Öffentlich-
keit und oppositionellen Kristallisationskernen (Bürgerinitia-
tiven, kulturelle Zentren usw.) gewinnen an Gewicht. 43)
Seit den 70er Jahren ist eine starke Politisierung des Reproduk-
tionsbereiches zu vermerken, die die gesellschaftlichen Aktivitä-
ten von Teilen der Lohnabhängigen - besonders stark die jüngeren
Angestelltengruppen sowie die Intelligenz - und auch die Gewerk-
schaften beeinflußte. Die Qualität der Bildung und Ausbildung,
der Gesundheits- und Altersversorgung, des Wohnsystems, der Um-
welt sowie Probleme der kulturellen Freizeitgestaltung zwischen
Kommerzialisierung und Selbstaktivität wurden zur Triebkraft po-
litischer Konflikte und Bewegungen. Gerade im Reproduktionsbe-
reich bildeten sich die Durchbruchstellen der neuen sozialen Be-
wegungen, und sie strahlten von dort in die Arbeiterbewegung hin-
ein. Die Gewerkschaften reagierten auf die neuen Probleme in er-
ster Linie durch eine Erweiterung und Qualifizierung ihrer pro-
grammatischen Aussagen zur gesellschaftlichen Reproduktionssiche-
rung, ohne schon über eine korporatistische Einflußnahme auf die
staatlichen Instanzen hinaus eigenständige politische Bewegungen
zu initiieren. Die Mobilisierung gegen den staatlichen Sozialab-
bau im Herbst 1982 und dann erneut 1985, aber auch die Aktionen
und symbolischen Proteststreiks gegen die Raketenstationierung
1983 signalisierten insofern wichtige neue Ansätze gewerkschaft-
lichen Politikverständnisses.
Wie Siegfried Bleicher (DGB) ausführt, haben diese strukturellen
und politischen Veränderungen für die Zukunft die Frage aufgewor-
fen, "inwieweit es den Gewerkschaften gelingt, die Arbeitnehmer
umfassender, d.h. auch außerhalb der Arbeitswelt wieder stärker
zu repräsentieren". 44)
3.2. Neue Organisationsformen im Reproduktionsbereich
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und die Erneuerung gewerkschaftlicher Betriebspolitik
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Oskar Negt hat die These vertreten, daß die Gewerkschaften neben
dem Betrieb Stadtteil und Wohngebiet als zweites Organisati-
onszentrum entwickeln müßten, um gewerkschaftliche Politik "auf
jene Krisenzusammenhänge zu erweitern, die immer stärker und mas-
senhafter die Erfahrungen der Menschen bestimmen". 45) Auch Hel-
mut Schauer (Mitarbeiter beim Vorstand der IGM), der diesen Ge-
danken aufgreift, plädiert für ein Überdenken der alleinigen Be-
triebsorganisation und verweist auf noch bestehende gewerkschaft-
liche Stadtteilgruppen der IG Metall im Ruhrgebiet. 46) Wolfgang
Lechner (WSI) sieht in der in Italien praktizierten Einrichtung
von "gewerkschaftlichen Zonen- und Quartiersräten" Chancen, um
"Beziehungen zwischen formellem und informellem Sektor sowie des
Konsums" zu entwickeln. 47) Vorsichtiger schlägt Siegfried Blei-
cher vor, "organisatorische Interessenvertretungsformen der Ar-
beitnehmer aufzubauen, die einen stärkeren Bezug auch zur Wohn-
und Lebenssituation der Arbeitnehmer und auf die nicht mehr ak-
tive Arbeit im Alter, auf die noch nicht aktive Arbeit vor dem
Eintritt in das Arbeitsleben und auf die aus dem Beschäftigungs-
system ausgeschlossenen Arbeitslosen herstellt". 48)
In der Realität lassen sich aus den Erfahrungen der letzten Jahre
Ansätze für eine solche Erweiterung außerbetrieblicher Organisa-
tionsformen finden. In den Klassenbewegungen selbst wird der lo-
kale und regionale Raum zum Aktionsfeld: in Gestalt der Solidari-
tätskomitees gegen betriebliche Arbeitsplatzvernichtung, in den
Aktivitäten regionaler und lokaler Gewerkschaftsgremien (DGB-
Ortskartelle) zur Einflußnahme auf kommunal- und regionalpoliti-
sche Instanzen 49), in den Stadtteilinitiativen bei der Bewegung
um die 35-Stunden-Woche, die oftmals Aktivisten von unterschied-
lichen, nicht unmittelbar einbezogenen Gewerkschaften zusammen-
faßten usw. Zugleich ist die lokale gewerkschaftliche Ebene auch
der Raum, in dem sich Kulturinitiativen (Chöre etc.), Seniorenar-
beitskreise für ältere Mitglieder, Technologie-und Umweltgruppen,
Internationalismusgruppen (z.B. Solidarität mit Nicaragua, briti-
sche Bergarbeiter usw.), Friedensinitiativen, Arbeitskreise gegen
Berufsverbote und Arbeitsloseninitiativen ansiedeln. Die Arbeits-
weise dieser gewerkschaftlichen Initiativen ist zumeist offen und
erlaubt Kontakte und Kooperation mit anderen, nicht gewerkschaft-
lichen Bewegungen (etwa Selbsthilfegruppen). Im Ausbau solcher
Formen können große Chancen für die Aktivierung und Politisierung
von Mitgliedergruppen liegen, insbesondere aus den neuen Sektoren
der Arbeiterklasse. Die Wechselbeziehungen zwischen Betrieb und
außerbetrieblichem Lebensmilieu werden weiterhin noch intensiver
werden und können sich hier praktisch konkretisieren.
Grundlage des Konzeptes, den Arbeitskampf 1984 um Arbeitszeitver-
kürzung als eine "soziale Bewegung" zu entwickeln, war die Über-
legung, diese lokalen Sektoren zu mobilisieren und hiermit ein
Zusammengehen mit den außerparlamentarischen Massenbewegungen zu
befördern. 50) Allerdings zeigten die Erfahrungen dieses Kampfes
und seine Grenzen, daß die Kraft für eine solche Bewegung sich in
erster Linie aus den Betrieben entfalten muß, um größere Aus-
strahlungskraft zu gewinnen und eine gesellschaftspolitische Dy-
namik einzuleiten.
Eine "Erweiterung des politischen Mandats der Gewerkschaften"
(Negt) kann nicht einfach eine Ergänzung des betrieblichen
Kampfes durch Aktivitäten im Reproduktionsbereich darstellen. Er-
stens stößt eine beliebige Erweiterung der gewerkschaftlichen
Handlungsfelder auf Grenzen und kann sich als syndikalistische
Überforderung erweisen. Auch in Zukunft werden die Gewerkschaften
auf die Kooperation mit Bündnispartnern, mit Bürgerinitiativen
und sozialen Bewegungen, angewiesen sein, wenn sie eine aktions-
bezogene Politik im Reproduktionssektor betreiben wollen. Zwei-
tens wird es vor allem um eine "Politisierung der Arbeit", der
Betriebssphäre gehen. Die Verschränkung der Sphären, wie dies in
Ansätzen in der Bewegung um die 35-Stunden-Forderung mit ihrer
beschäftigungs-, humanisierungs- sowie freizeit- und kulturpoli-
tischen Dimension schon erkennbar war, kann einen neuen Typ der
Gewerkschaftspolitik konstituieren. 51) Also nicht beliebige
"Felderweiterung", sondern vor allem "Hereinnahme von weiterge-
henden gesellschaftlichen Aspekten in die traditionellen gewerk-
schaftlichen Politikfelder" wird die Perspektive sein. 52)
Eine solche Tendenz war in den Kämpfen und der Gewerkschaftspoli-
tik seit den 70er Jahren in dem Maße sichtbar, wie neue soziale
und politische Bedürfnisse aufgenommen und artikuliert worden wa-
ren. Neben der Lohnpolitik traten immer stärker Probleme der
"qualitativen Tarifpolitik" (Verbesserung der Arbeitsbedingungen,
Abgruppierungs- und Rationalisierungsschutz, Arbeitszeitverkür-
zung etc.) und gesellschaftspolitische Reformforderungen in den
Vordergrund. Indem die Arbeitsbedingungen und das Recht auf Ar-
beit ebenso wie die Qualität der Lebensbedingungen thematisiert
wurden, verschränkten sich Interessen, die sowohl auf den Betrieb
wie auch auf die gesamtgesellschaftlichen Machtverhältnisse und
gesellschaftliche Reproduktionssicherung bezogen sind. 53)
In der Perspektive wird der Durchsetzung neuer Ansprüche an die
Arbeit und der Erweiterung der politischen Kultur im Betrieb
(Entfaltung von Aktivität und Selbstbewußtsein, neue Kommunikati-
onsspielräume und gewerkschaftliche Handlungsmöglichkeiten) ein
noch größerer Stellenwert zukommen. Dies bezieht die Kampfebenen
Betrieb und Tarifpolitik wie die politisch-gesetzliche Ebene ein.
Neben den Konflikten um Einkommen und Arbeitszeit rücken Ausein-
andersetzungen um Struktur und Inhalt zukünftiger Arbeit in den
Vordergrund, die sich an den technologischen Umwälzungen, dem Er-
halt und Zuschnitt der Arbeitsplätze und der abgeforderten Quali-
fikationen entzünden. Die neuen Technologien ermöglichen heute
eine größere Variationsbreite ihrer konkreten Gestaltung und er-
weitern damit Eingriffsmöglichkeiten auch für die Beschäftigten.
Die IG Metall reagierte auf diesen Problemdruck mit ihrem Akti-
onsprogramm "Arbeit und Technik" (1985) und tarifpolitischen Kon-
zeptionen zur Kontrolle der Leistungs- und Arbeitsbedingungen.
54) Betriebliche Arbeitskreise für alternative Produktion zeigen,
daß auch aus ökologischen oder friedenspolitischen Motivationen
die gesellschaftlichen Gebrauchswertaspekte hinterfragt werden.
Gegen die Versuche, mit Hilfe von "Qualitätszirkeln" und neuen
Sozialtechnologien Motivationen und Qualifikationspotentiale der
Lohnabhängigen an die Logik kapitalistischer Verwertung zu binden
und damit eine "Japanisierung" betrieblicher Arbeitsbeziehungen
zu fördern, werden die Gewerkschaften auf eine Ausweitung von
Kontrollrechten und Gegenmachtpositionen setzen müssen. Eine Ant-
wort auf die zunehmenden gewerkschaftlichen Kommunikations- und
Organisationsschwierigkeiten im Betrieb können Forderungen nach
entintensivierenden Maßnahmen im Arbeitsprozeß (Pausen etc.) dar-
stellen, die zugleich Chancen für die Wahrnehmung betrieblicher
und gewerkschaftlicher Rechte vergrößern.
Als Schlüsselfrage für eine solche Perspektive stellt sich die
Neubelebung gewerkschaftlicher Betriebspolitik dar, insbesondere,
um den durch die Tarifabschlüsse zur Arbeitszeit von 1984 noch
vergrößerten Gefahren einer "Verbetriebsratung" und eines
"Betriebssyndikalismus" zu entgehen. Dies wird in erster Linie
über den Ausbau und die Stärkung der klassischen gewerkschaftli-
chen Organe im Betrieb, den Vertrauenskörper bzw. die Betriebs-
gruppen, erfolgen müssen. Dabei wird ein Schwerpunkt notwendiger-
weise in der Neuverankerung in den "Zukunftsindustrien" und neuen
Sektoren der Lohnabhängigen liegen. Die Qualifizierung der be-
trieblichen Ebene als des "originären Handlungsfeldes" hat Aus-
wirkungen für die gesellschaftliche Gegenmachtentfaltung: "Wenn
wir im Betrieb stark sind, werden wir auch in der Lage sein,
einen gesellschaftspolitischen Anspruch zu formulieren und eine
politische Mobilisierung zu erreichen." 55)
4. Gewerkschaftszukunft und politische Perspektiven
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In allen hochentwickelten kapitalistischen Ländern haben die Ge-
werkschaften heute ein so entscheidendes Gewicht, daß nicht nur
die Haltung zur Regierungspolitik, sondern auch die unmittelbare
Interessenvertretung in der Tarifpolitik und im Betrieb in hohem
Maße politisiert wird. Diese objektive politische Dimension er-
halten Tarifkonflikte und Arbeitskämpfe, wie die Streiks in der
BRD 1984 oder der Bergarbeiterstreik in Großbritannien 1984/85
zeigten, unvermeidlich, weil sie in Gegensatz zu Grundorientie-
rungen des konservativen Blocks geraten und damit auch je nach
Erfolg oder Mißerfolg dessen politische Wirksamkeit und Stabili-
tät mitbeeinflussen. Nicht zuletzt deshalb spielt die
"Gewerkschaftsfrage" in den Strategievarianten der Bourgeoisie
zumal unter Bedingungen des krisenhaften Umbruchs eine so heraus-
ragende Rolle.
Diese Politisierung wird durchaus auch vom integrationistischen
Flügel in der Gewerkschaftsbewegung wahrgenommen und äußert sich
in einer erhöhten Bereitschaft zur sozialpartnerschaftlichen Re-
gulierung von Konflikten (z. B. "Gesamtgesellschaftliche Verabre-
dungen" à la Hermann Rappe) und zur Kooperation auch mit konser-
vativen Regierungen, um politische Polarisierungen zu vermeiden.
Angesichts der Labilität des konservativen Blocks in der BRD tra-
ten Kräfte dieser integrationistischen Strömung für die Bildung
einer "Großen Koalition" zwischen Unionsparteien und SPD ein, um
einen Einfluß der Massenbewegungen auf die Entwicklung der SPD
und der politisch-parlamentarischen Szene zu begrenzen und poli-
tische Stabilität zu gewährleisten. Dies hat die "Blockbildung"
zwischen den strategisch unterschiedlich reagierenden Flügeln in
der Gewerkschaftsbewegung zeitweilig noch verschärft. Sie trat
erst wieder in den Hintergrund, als sich ab 1985 zunehmend Erwar-
tungen und Bestrebungen auf eine Ablösung der konservativen Re-
gierung durch die SPD konkretisierten. 56) Die Frage, ob sich
eine andere politisch-gesellschaftliche Entwicklungsrichtung in
der BRD durchsetzen kann, beeinflußt seitdem die Formulierung der
gewerkschaftlichen Perspektive und kann die Bereitschaft zu Mas-
senaktionen erweitern, wie die Herbstdemonstrationen 1985 zeigen.
Eine permanente unaufhaltsame Schwächung gewerkschaftlicher Orga-
nisations- und Handlungsmacht ist keineswegs die unvermeidliche
Konsequenz der Krisen- und Umbruchprozesse. Vieles wird davon ab-
hängen, ob in den nächsten Jahren die konservative Politik ge-
stoppt und mögliche aggressive Varianten, wie sie in Großbritan-
nien vorgeführt wurden, verhindert werden können. Grenzen und Wi-
dersprüche im konservativen Block sind sicherlich auch deshalb
sichtbar geworden, weil in den Streiks 1984 das Ziel einer weit-
gehenden Schwächung der Gewerkschaften und der Ausschaltung ihrer
klassenautonomen Strömung verhindert werden konnte.
Auch dies hat die Möglichkeit eines Umschaltens auf einen stärke-
ren Integrationskurs gegenüber den Gewerkschaften vergrößert.
Sollte sich ein reformistisch-etatistischer Entwicklungstyp so-
zialdemokratischer Prägung in der BRD durchsetzen, wäre mit einer
Verstärkung der Integrationslinie zu rechnen. Zukünftige Wider-
sprüche und Konflikte sind damit vorprogrammiert, da auch unter
solchen politischen Konstellationen, die innen- und außenpoli-
tisch wichtige Veränderungen gegenüber dem reaktionären und ent-
spannungsfeindlichen Kurs der Konservativen bewirken könnten,
eine Vergrößerung der ökonomischen und sozialen Manövrierspiel-
räume kaum zu erwarten ist. Dies würde ja nur bei erheblichen
wirtschaftlichen Wachstumsraten ermöglicht. 57)
Verschärfen sich allerdings die sozialen Gegensätze, so zeigen
die Erfahrungen der französischen Linksregierung, daß eine
"Reformpolitik von oben" wie Anfang der 70er Jahre in der BRD
enge Grenzen besitzt und Fortschritte heute nur durch weitertrei-
bende Mobilisierung und Massendruck möglich sind. 58) Insofern
wird auch unter diesen Kräftekonstellationen die "Gewerkschafts-
frage" das zentrale Problem bleiben. Damit wird vor allem die
Frage nach der politischen Entwicklung innerhalb der Gewerk-
schaften und ihrer Einflüsse auf die SPD aufgeworfen.
Die Aufgaben der klassenorientierten Kräfte in der Arbeiter- und
Gewerkschaftsbewegung werden u. a. durch die folgenden Gesichts-
punkte bestimmt:
- Es wird vor allem darum gehen, die zu erwartenden unvermeidli-
chen Konflikte unter den Bedingungen eines reformistisch-etati-
stischen Entwicklungstyps politisch zu dynamisieren mit dem Ziel
einer Demokratisierung und von Eingriffen in das monopolkapitali-
stische Eigentum. Die programmatische Diskussion in Teilen der
Gewerkschaftsbewegung hat hierfür, dies zeigt das Vergesellschaf-
tungskonzept der IG Metall für die Stahlindustrie, günstigere
Voraussetzungen geschaffen, als sie etwa 1969 zu Beginn der sozi-
alliberalen Periode bestanden.
- Für die Handlungsfähigkeit der Gewerkschaften bleiben der Bruch
mit der Sozialpartnerschaftspolitik und die Stärkung der klassen-
autonomen Strömung in der Arbeiterklasse das wichtigste Problem.
Gleichwohl reicht die Handlungsalternative "kämpferisch statt so-
zialpartnerschaftlich" dann nicht aus, wenn nicht auch die neuen
Fragen, die sich aus den Veränderungen der sozialen und politi-
schen Struktur der Arbeiterklasse, dem Anwachsen neuer sozialer
und politischer Bedürfnisse, den Umbrüchen in der Lebensweise
usw. ergeben, bearbeitet und in ein "modernes" Konzept klasseno-
rientierter Politik integriert werden.
- Neben der Friedensbedrohung zählt die Gefährdung der Überle-
bensbedingungen der Menschheit durch eine ökologische Krise glo-
balen Ausmaßes zu den zentralen Problemen, die das Handeln der
Arbeiterbewegung herausfordern. 59) Das Problembewußtsein über
die Geschwindigkeit und die Dimension der Zerstörungsprozesse
(des Bodens, des Wassers, des Waldes, der Luft usw.) ist in den
letzten Jahren in den Gewerkschaften gewachsen, und die Kritik an
der stofflichen Struktur der Produktion und ihrer Ergebnisse ge-
winnt an Bedeutung. 60) Um ressourcen- und umweltschonende Lö-
sungsalternativen, d. h. eine Wende in der Wirtschafts- und Pro-
duktivkraftenwicklung durchzusetzen, wird das Zusammenwirken von
Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung mit den Kräften der "neuen
sozialen Bewegungen" zur Schlüsselfrage.
- Krise und gesellschaftlicher Umbruch erhöhen die Bedeutung des
Politischen in der gewerkschaftlichen Interessenvertretung: Kon-
kret-materielle Interessenwahrnehmung muß mit den gesamtgesell-
schaftlichen Widersprüchen vermittelt werden. Über die klassi-
schen Politikfelder hinaus gewinnen die neuen Formen der Krise,
die zerstörerischen und bedrohlichen Wirkungen der Destruktiv-
kräfte der Rüstung, die Zerstörung der Umwelt und die Einschrän-
kung von Lebensqualität auch außerhalb des Produktionsprozesses
an Gewicht. Die Überwindung der Defensive in den heutigen Vertei-
digungskämpfen ist daher nur in der Perspektive eines Kampfes um
eine alternative Logik der gesellschaftlichen Entwicklung mög-
lich, die letztlich auf den Bruch mit dem Kapitalismus zielt.
Diese Perspektive in den gewerkschaftlichen Zukunftsdiskussionen
zu verdeutlichen, ist vor allem Aufgabe der Marxisten.
_____
1) F. Deppe, Ende oder Zukunft der Arbeiterbewegung? Gewerk-
schaftspolitik nach der Wende, Köln 1984, S. 16.
2) Vgl. hierzu H. Jung, Die privatmonopolistische Entwicklungsva-
riante des staatsmonopolistischen Kapitalismus der BRD, in: Mar-
xistische Studien. Jahrbuch des IMSF l, Frankfurt/M. 1978, S. 9
ff. Vgl. auch den Beitrag von Jörg Huffschmid in diesem Band.
3) Zur Charakteristik dieser Strategie vgl. G. Hautsch/K. Picks-
haus/K. Priester, Der Arbeitskampf um die 35-Stunden-Woche.
"Flexi-Konzept" des Kapitals und Zukunft der Gewerkschaften, So-
ziale Bewegungen H. 16, Frankfurt/M. 1984, S. 9 ff.
4) Vgl. IMSF-Autorenkollektiv, Soziale und innenpolitische Pro-
bleme Westeuropas, Referat auf der trilateralen Konferenz von
IMSF, IPW, IMEMO "Westeuropa in der Wirtschaft und Politik des
Imperialismus" vom 10.-16. 6 1985 in Moskau, demnächst IMSF-Ar-
beitsmaterial 17. Vgl. ebenfalls J.C. Watkinson, Gewerkschaften
in der Krise - Ein Blick über die Grenzen, in: IMSF (Hrsg.), Zur
Zukunft der Gewerkschaften. Eine Diskussion nach der ersten
Etappe des 35-Stunden-Kampfes, Frankfurt/M. 1985, S. 75 ff.
5) So zum Beispiel R. Dahrendorf, Verhindern statt voranzutrei-
ben, in: Die Zeit v. 18.5.1984. "Die Gewerkschaften sind zu Ver-
teidigungsorganisationen absteigender sozialer Gruppen geworden
... So kann man (mit gewissen Einschränkungen) sagen, die Zukunft
ereignet sich an den Gewerkschaften vorbei."
6) Vgl. zu den einzelnen Ländern IMSF-Autorenkollektiv, Soziale
und innenpolitische Problem Westeuropas, a.a.O.,
7) F. Deppe, Zukunftsfelder der Gewerkschaftspolitik, in: IMSF
(Hrsg.), Zur Zukunft der Gewerkschaften, a.a.O., S. 51.
8) Ebenda, S. 65/66.
9) Vgl. H. Jung, Utopie als Zukunftsdenken heute?, in: Marxisti-
sche Blätter 1/1985, S. 85 ff.
10) Ebenda, S. 85.
11) Als Beispiele für diese Diskussion können die Artikel von E.
Breit in "Gewerkschaftliche Monatshefte" (GeMo) 1/1985, von D.
Wunder, H. Rappe, K. v. Haaren und G. Döding in GeMo 2/1985 sowie
der Beitrag von H. Janßen/K. Lang: Überwintern oder Überleben.
Gewerkschaftspolitische Schlußfolgerungen aus dem Arbeitskampf um
Arbeitszeitverkürzung, in: E. Ferlemann u.a., Existenz sichern -
Arbeit ändern - Leben gestalten, Hamburg 1985, S. 7 ff., das Re-
ferat von F. Steinkühler zum Thema "Arbeitsgesellschaft und Um-
bruch", veröffentlicht unter dem Titel "Sägen die Gewerkschaften
den Ast ab, auf dem sie sitzen?" in: Frankfurter Rundschau v.
22./23.2.1985, und auch der Beitrag von L. Mahlein in diesem Band
angeführt werden.
12) Vgl. G. Kautsch u.a., a.a.O.
13) Hierzu im einzelnen der Beitrag von E. Dähne in diesem Band.
14) Vgl. D. Düe, Automobilindustrie, in: Umbruch im Produktions-
bereich?, IMSF-Beitrag 7, Frankfurt/M. 1985, S. 171 ff.
15) Vgl. zum neuen Belegschaftstypus B. M. Semmler, Die Großbe-
triebe und ihre Belegschaften, in: Marxistische Studien. Jahrbuch
des IMSF 7, Frankfurt/M. 1984, S. 154 ff. Vgl. zum Streikverhal-
ten und gewerkschaftlichem Engagement als Fallanalyse K. Picks-
haus, Honeywell Maintal - Streik in einem Rüstungsbetrieb mit
neuem Belegschaftstypus, in: U. Achten u. a., Arbeitskampf um Ar-
beitszeit, Marburg 1985, S. 81 ff.
16) So die These von H. Kern/M. Schumann, Das Ende der Arbeits-
teilung?, München 1984. Vgl. hierzu kritisch A. Leisewitz, Ver-
engte Perspektive. Kritische Bemerkungen zur Kern/Schumann-Studie
"Das Ende der Arbeitsteilung?", in: Marxistische Studien. Jahr-
buch des IMSF 8, Frankfurt/M. 1985, S. 300 ff.
17) Vgl. G. Bosch, Arbeitsmarkt, in: M. Kittner (Hrsg.), Gewerk-
schaftsjahrbuch 1985, Köln 1985, S. 281 ff.
18) Angaben berechnet nach Statistisches Jahrbuch 1984 für die
Bundesrepublik Deutschland, S. 98, und eigene Schätzungen.
19) Zit. n. Handelsblatt v. 3.4.1985.
20) Angaben berechnet nach den Statistiken in: M. Kittner
(Hrsg.), Gewerkschaftsjahrbuch 1985, a.a.O., und Nachrichten zur
Wirtschafts- und Sozialpolitik 7/1985, S. 16.
21) Vgl. hierzu das vom IMSF zusammengestellte statistische Mate-
rial in "Intelligenz, Intellektuelle und Arbeiterbewegung in
Westeuropa. Materialien einer internationalen Konferenz des
IMSF", Arbeitsmaterialien des IMSF, Bd. 16, Frankfurt/M. 1985,
sowie K. Pickshaus, Gewerkschaftliche Organisierung der Intelli-
genz, in: Nachrichten 4/1985, S. 24.
22) H. Lindner, Die Entwicklung der Mitgliederzahlen in den Ge-
werkschaften der Bundesrepublik Deutschland bis 1985, Bonn-Bad
Godesberg 1975, und ders., 1985: Neun Millionen DGB-Mitglieder,
in: Gewerkschaftliche Praxis Nr. 6-7/1975, S. 145 ff.
23) F. Deppe, Ende oder Zukunft..., a.a.O.. S. 33.
24) Vgl. H. Jung, Zur Arbeiterklasse der 80er Jahre, in: Marxi-
stische Studien. Jahrbuch des IMSF 6, Frankfurt 1983, S. 88/89.
Vgl. hierzu auch W. Kudera u. a., Blue collar - white collar:
grey collar? Zum sozialen Habitus von Arbeitern und Angestellten
in der Industrie, in: Soziale Welt, Heft 2/1983, S. 201 ff.
25) F. Steinkühler, "Sägen die Gewerkschaften den Ast ab ...?",
a.a.O.
26) Vgl. hierzu die Auseinandersetzung um die "Marplan-Studie",
die von der HBV in Auftrag gegeben worden war und zu unterschied-
lichen Interpretationen und politischen Bewertungen genutzt
wurde. Vgl. zu den Ergebnissen der Studie G. Lemke, Angestellte
erwarten sachliche Informationen durch die Gewerkschaft, in: An-
gestellten-Magazin 1-1985, S. 3 ff. Im Heft 8/1985 der WSI-Mit-
teilungen werden diese Probleme der gewerkschaftlichen Angestell-
tenarbeit eingehend diskutiert.
27) Vgl. H. Leitschuh/R. Stosch, Neue Formen betrieblicher Bewe-
gungen im HBV-Bereich in den achtziger Jahren, in: Marxistische
Studien. Jahrbuch des IMSF 7, Frankfurt/M. 1984, S. 73 ff.
28) L. Schwegler, Die Gewerkschaften müssen ihre politischen
Grundpositionen wirksamer umsetzen, in: Die Mitbestimmung 10-
11/1984, S. 428 ff.
29) Ebenda, S. 428.
30) Vgl. hierzu I. Kaufmann, Alternative Konzepte zur Gestaltung
der Arbeit, in: IMSF (Hrsg.), Zur Zukunft der Gewerkschaften,
a.a.O., S. 209 ff.
31) Zu solchen Gefahren am Beispiel der sich herausbildenden IG
Medien vgl. M. Balder auf dem a.o. Gewerkschaftstag der IG Druck
und Papier Juni 1985, in: Nachrichten 7/1985 S. 15.
32) Arbeitskreis Frauenfrage des IMSF (Hrsg.), Emanzipation in
der Krise? Materialien zur Lebenslage der Frauen, Informationsbe-
richt des IMSF Nr. 43, Frankfurt/M. 1985, S. 38 ff.
33) Zur Begründung der Quotierungsforderung vgl. Arbeitsgruppe
Alternative Wirtschaftspolitik, Memorandum '85, Bremen 1985, S.
187 ff.
34) H. Janßen/K. Lang, Überwintern oder Überleben. a.a.O., S. 33
ff.
35) Ebenda, S. 36.
36) Ebenda.
37) I. Kurz-Scherf, Arbeitszeitflexibilisierung und gewerkschaft-
licher Regelungsbedarf, in: WSI-Arbeitsmaterialien Nr. 1, Ar-
beitszeitverkürzung, Düsseldorf 1983, S. 135 ff., hier: S. 138.
38) Dies., Tarifpolitik und Arbeitskämpfe, in: M. Kittner
(Hrsg.), a.a.O., S. 91. I. Kurz-Scherf entwickelt hierzu konkrete
Forderungen wie freie Handhabung von Lage und Dauer der Arbeits-
zeit, Möglichkeit zur Teilzeitarbeit auf dem angestammten Ar-
beitsplatz mit Rückkehrrecht zur Vollzeitarbeit, niedrigere Ar-
beitszeiten bei besonderen Arbeitsbelastungen usw. Ausführlich
hierzu dies, in: WSI-Arbeitsmaterialien Nr. 1.
39) Vgl. C. Pinl, Das Arbeitnehmerpatriarchat, Köln 1977.
40) W. Roßmann, Produktion, Klassenstruktur und Lebensweise im
Umbruch - Zu einigen Aspekten gewerkschaftlicher Gegenmacht und
Handlungsfähigkeit, in: IMSF (Hrsg.), Zur Zukunft der Gewerk-
schaften, a.a.O., S. 176.
41) R.G. Heinze u.a., Interessendifferenzierung und Einheitsge-
werkschaft, in: Gewerkschaftliche Monatshefte 6/1981, S. 342.
42) André Gorz, Wege ins Paradies, (West-)Berlin 1983.
43) Vgl. hierzu K. Maase, Betriebe ohne Hinterland? Zu einigen
Bedingungen der Klassenbildung im Reproduktionsbereich, in: Mar-
xistische Studien. Jahrbuch des IMSF 7, a.a.O. S. 356 ff.
44) S. Bleicher, Krise und Krisenbewältigung, in: ders. (Hrsg.),
Ausstieg? Gewerkschaftliche Reformpolitik in der Industriegesell-
schaft, Hamburg 1985, S. 159.
45) O. Negt, Lebendige Arbeit, enteignete Zeit, Frankfurt/New
York 1984, S. 161/162.
46) H. Schauer, Gewerkschaftspolitik und Beteiligung, in: W.
Fricke u.a., Beteiligung als Element gewerkschaftlicher Arbeits-
politik, Bonn 1984, S. 236 ff.
47) W. Lechner, Überleben in einer veränderten Welt. Ein Konzept
für die zukünftige Arbeit der Gewerkschaften, in: Die Zeit Nr.
18, 26.4.1985.
48) S. Bleicher, Krise und ..., a.a.O., S. 159.
49) Vgl. hierzu G. Lobodda, Das Recht auf Arbeit verwirklichen,
in: ebenda, S. 90 ff.
50) Hierzu ausführlicher K. Pickshaus, Arbeitskampf als soziale
Bewegung - politische Aspekte einer Streikstrategie, in: F. Deppe
u.a., Streik - Widerstand gegen Kapital und Kabinett, Frank-
furt/M. 1985.
51) Vgl. K. Pickshaus, Weiterwirkende politische Aspekte des
Kampfes um die 35-Stunden-Woche, in: L. Mahlein u.a. (Hrsg.), Ta-
rifpolitik unter Krisenbedingungen, Frankfurt/M. 1984, S. 184 ff.
52) E. Hildebrandt, Unsere Produkte fallen uns auf den Kopf. Die
Gewerkschaften vor der ökologischen Herausforderung, in: ders.
u.a. (Hrsg.), Arbeit zwischen Gift und Grün, Kritisches Gewerk-
schaftsjahrbuch 1985, (West-)Berlin 1985, S. 57.
53) Vgl. hierzu grundlegend W. Roßmann, Arbeiterklasse, soziale
Bedürfnisse und gewerkschaftliche Politik, in: Marxistische Stu-
dien. Jahrbuch des IMSF 5, Frankfurt/M. 1982, S. 42 ff.
54) Vgl. hierzu W. Riester, Aktuelle und langfristige Aufgaben in
der Tarifpolitik, in: L. Mahlein u. a. (Hrsg.), Tarifpolitik...,
a.a.O., S. 51 ff.
55) F. Steinkühler, "Sägen die Gewerkschaften...", a.a.O.
56) Ausdruck eines solchen neuen Konsenses, der auf eine neue He-
gemoniefähigkeit der SPD zielt, ist das gemeinsame Papier von H.
Rappe und F. Steinkühler für den wirtschaftspolitischen Teil des
in Arbeit befindlichen neuen SPD-Programms. Vgl. "Brückenschlag
in der SPD", in: FAZ v. 4.5.1985.
57) Vgl. hierzu die Beiträge von J. Huffschmid und H. Jung in
diesem Band.
58) Vgl. hierzu L. Peter, Zwischen Reformpolitik und Krise - Ge-
werkschaften in Frankreich 1980-1985, Soziale Bewegungen H. 17,
Frankfurt/M. 1985.
59) Vgl. zur Friedensfrage den Beitrag von J. Keusch in diesem
Band.
60) Zur Entwicklung der gewerkschaftlichen Positionen zur Ökolo-
gie vgl. E. Gärtner, Gewerkschaften und Ökologie, nachrichten-
reihe 32, Frankfurt/M. 1985; E. Hildebrandt u.a., Arbeit zwischen
Gift und Grün, a.a.O., sowie Die Mitbestimmung, H. 4-5/1985
(Themenschwerpunkt: Arbeit und Umwelt).
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