Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 09/1985

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BUNDESREPUBLIK UND WELTMARKT

Bernhard Roth Weltmarktintegration oder Abkoppelung? - ---------------------------------------- Perspektiven der Internationalisierung der BRD ---------------------------------------------- Ein alternativer Entwicklungsweg, wie er z.B. von der Memo- randumsgruppe für die BRD gefordert und konkretisiert wird 1), hat eine Abkehr von der gegenwärtigen uneingeschränkten Welt- marktorientierung und eine Hinwendung zu einer verstärkten Bin- nenorientierung zum Ziel. Dies aus folgenden Gründen. E r s t e n s erweist sich die gegenwärtige Strategie der Welt- marktintegration um jeden Preis als Sackgasse. Nicht erst der schwache gegenwärtige Aufschwung, der sich fast ausschließlich auf Rekordaußenhandelsüberschüsse stützt, zeigt, daß die Zeiten vorbei sind, in denen die BRD durch eine Strategie der Exportex- pansion innere Wirtschaftsprobleme bewältigen kann. Untersuchun- gen zeigen, daß Exportoffensiven, die durch eine angebotsorien- tierte Sparpolitik gepowert werden, zukünftig keinen nennenswer- ten Beitrag zur Minderung der Arbeitslosigkeit leisten können 2). Was außenwirtschaftlich an Absatzchancen gewonnen wird, geht im Inland durch die Sparpolitik - die die internationale Wettbe- werbsfähigkeit steigern soll - wieder verloren. Die Kosten dieser Strategie sind hoch und spürbar: der erzwungene Verzicht auf Re- allohnverbesserungen, auf Arbeitszeitverkürzungen und auf den zu- kunftsorientierten Ausbau der Infrastruktur sowie eine einseitige Orientierung der Forschungs- und Technologiepolitik. Z w e i t e n s drohen steigende Außenhandelsüberschüsse zuneh- mend zum Bumerang zu werden. Weltweit versuchen fast alle Indu- strieländer, ihre internen Probleme durch eine Wirtschaftsexpan- sion nach außen zu bewältigen. Die Außenhandelsüberschüsse der einen sind jedoch die Handelsbilanzdefizite und Verschuldungspro- bleme der anderen. Selbst ein Land wie die USA, das durch seine gewaltigen Handelsbilanzdefizite aktuell Ländern wie der BRD und Japan - aber auch lateinamerikanischen Ländern - exportgestützte Strategien ermöglicht, kann dies nicht lange durchhalten. Die Folgen werden entweder ein zunehmender Protektionismus oder ei- gene Exportoffensiven sein. Solange die Binnenmärkte der wichtig- sten Industrieländer - die ja zusammengenommen den größten Teil des Weltmarkts ausmachen - durch eine angebotsorientierte Wirt- schaftspolitik beschnitten werden, werden die Expansionsspiel- räume auf den Weltmärkten gering bleiben und Protektionismus, handelskriegsartige Auseinandersetzungen und die Verschuldungs- probleme zunehmen. Eine Wachstumsförderung über Exportüberschüsse verschärft die internationale Konkurrenz und gefährdet die gegen- wärtige weltwirtschaftliche Integration. D r i t t e n s ergibt sich die Notwendigkeit einer verstärkten Binnenorientierung aus den Zielsetzungen eines alternativen Ent- wicklungswegs selbst. Im Zentrum einer solchen Politik steht die Umstrukturierung der Wirtschaft der BRD in Richtung einer Vollbe- schäftigung garantierenden, umweit- und sozialverträglichen und energie- und ressourcensparenden Produktion, d.h., es geht um die soziale Nützlichkeit der Produktion und der Produkte (Gebrauchs- wertorientierung). Eine solche Strategie qualitativen Wachstums, zu der auch die Stabilisierung der Einkommensentwicklung gehört, stärkt den Binnenmarkt, mindert die Importabhängigkeit von Produkten, die in der BRD nicht selbst herstellbar sind (relative Verminderung des Rohstoff- bzw. Energieverbrauchs) und schafft im Inland Absatzmöglichkeiten, so daß der Export zunehmend die Funktion eines Überschußventils verliert 3). Eine solche Stra- tegie führt somit zu einer Entspannung im internationalen Konkurrenzkampf und ist eine notwendige Voraussetzung für eine neue Weltwirtschaftsordnung. Die Strategie eines "Alternativen Entwicklungswegs" für die BRD ist folglich nicht "weltmarkt- feindlich" ausgerichtet, sondern bietet über die Entwicklung der Binnenstrukturen und die Minderung des verwertungsbedingten Expansionsdrucks nach außen die Chance für die Stabilisierung und Umgestaltung der gegenwärtigen Weltwirtschaft. Die Alternative zur gegenwärtigen bedingungslosen Weltmarktorien- tierung besteht folglich auch nicht in der Forderung nach Autar- kie oder Abkoppelung vom Weltmarkt. Dies nicht nur, weil eine solche Abkoppelung mit hohen Opportunitätskosten verbunden wäre, die die Erreichung der Ziele einer alternativen Wirtschaftspoli- tik erschweren würden. Das zentrale Argument ist vielmehr, daß sich Art und Umfang einer sinnvollen Einbindung der BRD in die Weltwirtschaft nicht losgelöst von den Zielen eines alternativen Entwicklungswegs bestimmen lassen: Hohe Export- bzw. Importquoten sind für sich betrachtet weder "gut" noch "schlecht", sondern daran zu messen, inwieweit sie die Erreichung dieser Ziele begün- stigen oder gefährden. Ebensowenig stellt internationale Wettbe- werbsfähigkeit einen Wert "an sich" dar. Unter den Bedingungen einer uneingeschränkten Kapitalverwertung dient das Argument "Gefährdung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit" dazu, die Gewerkschaften zum Verzicht auf Reallohnerhöhung und Arbeitszeit- verkürzung zu bewegen, während die Vorteile hoher Wettbewerbsfä- higkeit von den führenden Konzernen vereinnahmt werden. Eine hohe internationale Wettbewerbsfähigkeit als Ausdruck einer Produktion auf höchstem technologischen Niveau kann jedoch auch - bei einge- schränkter Kapitalautonomie - eine günstige Voraussetzung für einen alternativen Entwicklungsweg darstellen und die dafür not- wendigen gesellschaftlichen Aufwendungen minimieren helfen. V i e r t e n s spricht für eine verstärkte Binnenorientierung, daß die für die Realisierung eines alternativen Entwicklungswegs notwendigen Veränderungen der Kräfteverhältnisse nur national zu verwirklichen sind. Nach Auffassung zahlreicher "Weltökonomen" ist die BRD heute so sehr in die internationale Arbeitsteilung eingebunden, daß für nationale "Alleingänge" wenig Erfolgsaus- sichten bestehen 4). Hätten sie recht, so bliebe als politischer Ausweg nur der Verweis auf die Notwendigkeit eines international abgestimmten Vorgehens der sozialen und gewerkschaftlichen Bewe- gungen der verschiedenen Länder mit dem Ziel, eine s u p r a- n a t i o n a l e alternative W e l t w i r t s c h a f t s- p o l i t i k zu realisieren. Angesichts der unterschiedlichen Lebenslagen, Kampfbedingungen und Traditionen der nationalen sozialen Bewegungen erscheint eine solche "linke" Weltwirt- schaftsregulierung jedoch noch weit unrealistischer als das vom Weltökonomen Helmut Schmidt propagierte gemeinsame Management der drängendsten weltwirtschaftlichen Probleme durch die führenden kapitalistischen Länder. Dies auch, weil für die absehbare Zukunft wirksame wirtschaftspolitische Instrumente nur innerhalb der Nationalstaaten zur Verfügung stehen und nur dort die Ver- hältnisse so verändert werden können, daß ihr Einsatz für Alter- nativen möglich wird. Handlungsspielräume für einen alternativen Entwicklungsweg ---------------------------------------------------------- Die Vorstellung, daß linke Alternativen angesichts der Erosion nationalökonomischer Zusammenhänge und der Integration in eine "einzige arbeitsteilige Weltökonomie" 5) n a t i o n a l nicht mehr zu realisieren sind, basiert auf der Einschätzung, daß die heutige Weltarbeitsteilung durch eine so hohe Spezialisierung ge- kennzeichnet ist, daß die daraus entstehenden Abhängigkeiten na- tionale Alleingänge unmöglich machen. Den Internationalen Konzer- nen (IK) wird dabei die Fähigkeit zugeschrieben, nationale Regu- lierungen umgehen und sich vorhandenen nationalökonomischen Zu- sammenhängen entziehen zu können. Die Empirie scheint für diese Auffassung zu sprechen: Die Außen- handelsverflechtung der BRD liegt heute höher als jene vergleich- barer Länder, die Auslandsproduktionsstätten der westdeutschen Unternehmen haben sich seit Ende der siebziger Jahre verviel- facht. Ohne Zweifel ist die Verwertung der dominierenden Konzerne der BRD, die teilweise um die 50% ihres Umsatzes mit dem Ausland abwickeln bzw. einen großen Teil ihrer Produkte im Ausland er- stellen, in hohem Maße von weltwirtschaftlichen Entwicklungen ab- hängig. Zugleich wird ein erheblicher Teil der Industrieproduk- tion der BRD von den Filialen ausländischer Konzerne erstellt bzw. importiert. Eine plötzliche erhebliche Reduzierung der Welt- marktbeziehungen der BRD würde folglich zu einer Verwertungskrise bei den führenden Konzernen und damit zu einer tiefen Wirt- schaftskrise in der BRD führen. Dies scheint gegen die "Machbarkeit" eines binnenorientierten al- ternativen Entwicklungswegs zu sprechen. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob die hohe Weltmarktabhängigkeit der Kapitalverwer- tung in der BRD gleichgesetzt werden kann mit einer entsprechend hohen Weltmarktabhängigkeit der "Nationalökonomie" BRD. Da ein alternativer Entwicklungsweg für die BRD ohne eine zunehmende Einschränkung der Kapitalautonomie nicht möglich sein wird 6), stellt sich die Frage nach dem außenwirtschaftlichen Handlungs- spielraum einer alternativen Wirtschaftspolitik nicht nur für die Bedingungen einer uneingeschränkten Dominanz der Kapitalverwer- tung, sondern für den Fall, daß ein relevanter Teil der Konzerne vergesellschaftet wird und Ansätze einer gesamtwirtschaftlichen Wirtschaftslenkung praktiziert werden. Zwei Überlegungen geben Anlaß, unter diesen Bedingungen über die außenwirtschaftlichen Spielräume einer alternativen Wirtschafts- politik optimistischer zu urteilen, als dies in der gegenwärtigen linken Diskussion üblich ist. Erstens sind der Spezialisierungs- grad der heutigen Weltwirtschaft und die daraus resultierenden Abhängigkeiten für ein Land wie die BRD geringer, als dies die hohe q u a n t i t a t i v e Weltwirtschaftsverflechtung vermu- ten läßt. Zum zweiten sind die IK stärker in nationale Zusammen- hänge eingebunden und von nationalen Wirtschaftsstrategien abhän- gig, als dies der Vorstellung von "Weltkonzernen" entspricht 7). Seit Ende des II. Weltkriegs wird ein wachsender Teil des Welt- handels zwischen den führenden Industrieländern abgewickelt, wo- bei gleichzeitig eine Angleichung der exportierten und der impor- tierten Warenkörbe feststellbar ist (Zunahme des intraindustriel- len Handels) 8). Die Beurteilung der diesem i n t r a i n d u- s t r i e l l e n H a n d e l zugrundeliegenden internationalen Produktionsspezialisierung und ihrer ökonomischen Vorteile ist schwierig. Dem simultanen Export bzw. Import von PKWs ver- schiedener Fabrikate, der als Beispiel für den Außenhandel mit Konsumgütern gelten kann, liegt nur eine geringe internationale Produktionsspezialisierung zugrunde. Der ökonomische Vorteil einer solchen internationalen Arbeitsteilung basiert vor allem in einer Erhöhung der Typenvielfalt und in der Nutzung der Vorteile der Massenproduktion. Anders ist dagegen der Handel mit Maschinenbauprodukten zu werten: Aus der gleichzeitigen Ein- und Ausfuhr von Werkzeugmaschinen kann nicht ohne weiteres auf eine fehlende internationale Spezialisierung geschlossen werden, da unter dem Oberbegriff "Werkzeugmaschinen" Spezialmaschinen gehan- delt werden, die weltweit nur von wenigen Herstellern produziert werden. Der internationale Handel mit I n v e s t i t i o n s- g ü t e r n basiert zu einem erheblichen Teil auf einer tiefergehenden Produktionsspezialisierung, wobei der ökonomische Spezialisierungsvorteil neben höheren Stückzahlen vor allem in der Entwicklung und Konzentration eines speziellen Produktions- wissens bei wenigen Unternehmen liegt. Da die BRD im Bereich der Investitionsgüter über eine breite diversifizierte Produktions- palette verfügt und hier international eine Spitzenstellung einnimmt, dürften solche Abhängigkeiten jedoch eine vergleichs- weise geringe Rolle spielen. Auch wenn dem intraindustriellen Handel teilweise - zumindest im Bereich der Investitionsgüter - eine über eine bloße Produktdif- ferenzierung hinausgehende internationale Spezialisierung zugrun- deliegt, so ist die Zunahme dieser Art des Welthandels doch als Indiz für eine Angleichung der P r o d u k t i o n s- u n d T e c h n o l o g i e s t r u k t u r e n der führenden Indu- strieländer zu werten. Die harte Weltmarktkonkurrenz verhindert eine tiefgehende Spezialisierung zwischen diesen Ländern. Wo technologische Rückstände drohen oder die Gefahr besteht, daß ein zukunftsträchtiger oder sicherheitspolitisch relevanter Produkti- onszweig seine Wettbewerbsfähigkeit verliert, wird staatlicher- seits mit großen Anstrengungen gegengesteuert. Nicht zuletzt sorgt auch die gegenseitige Durchdringung der führenden Indu- strieländer mit Direktinvestitionen dafür, daß eine tiefergehende Produktionsspezialisierung ausbleibt 9). Was bedeutet dies für die Frage nach außenwirtschaftlichen Spiel- räumen für eine alternative Wirtschaftspolitik? Die Tatsache, daß die BRD über eine technologisch hochentwickelte, weit diversifi- zierte und relativ vollständige Produktionsbasis verfügt, schafft die p o t e n t i e l l e Möglichkeit, einen relevanten Teil des Imports durch nationale Produktion zu substituieren. Dies verringert die Gefahren möglicher außenwirtschaftlicher Erpres- sungsversuche. Die Potenz zur Importsubstitution bedeutet aller- dings nicht, daß dies auch den günstigsten Weg für eine alterna- tive Wirtschaftspolitik darstellt. Volkswirtschaftlich am gering- sten würde im Falle einer erzwungenen Importsubstitution die Ver- ringerung der Typenvielfalt zu Buche schlagen - wenngleich dies sicherlich bei den Verbrauchern negativ registriert würde. Schwerwiegender wären die Folgen, wenn die Importe von bestimmten Spezialtechnologien, bei denen in der BRD kurzfristig Rückstände bzw. Produktionsengpässe bestehen (Chips), reduziert werden müß- ten. Auch wenn die quantitative Bedeutung solcher Importe relativ gering ist, spielen sie gerade für einige wichtige Sektoren der Investitionsgüterindustrie eine Schlüsselrolle. Festzuhalten bleibt, daß ein Teil der Importe der BRD, insbeson- dere im Bereich der Konsumgüter, ohne große Opportunitätskosten durch eine nationale Produktion substituierbar wäre. Auch mit ei- ner verminderten Exportquote - so die Schlußfolgerung - könnten die Ziele eines alternativen Entwicklungstyps in der BRD reali- siert werden. Zu untersuchen bleibt die Bedeutung des komplementären Handels für die BRD. Unter dem Gesichtspunkt der Importabhängigkeit in- teressiert insbesondere die Bedeutung jener Einfuhren, die unter keinen Umständen in der BRD produzierbar wären (bestimmte Roh- stoffe, Agrarprodukte und Energien). Schätzungen ergeben, daß nur ca. 1/4 der Importe der BRD aus solchen nicht-substituierbaren Gütern bestehen, wobei 1/5 der Exporterlöse ausreichen würden, diese existentiellen Importe zu finanzieren 10). Allerdings: Ob- wohl die quantitative Bedeutung solcher Importe gering ist, könnte hier eine Stockung die Produktion der BRD erheblich ge- fährden, da viele dieser Produkte zu den unabdingbaren Produkti- onsvoraussetzungen gehören. Eine weitere Art der Einbindung der BRD in die internationale Ar- beitsteilung vollzog sich schließlich über Produkte, die in den 70er Jahren in einige wenige Schwellenländer ausgelagert wurden und von dort reimportiert werden. Ein Teil dieser Güter (vor al- lem aus dem Bereich der Unterhaltungselektronik und der Beklei- dungsindustrie) wird heute in der BRD nicht mehr oder nur noch in geringem Umfang produziert. Ihr Importanteil liegt zwischen 5 und 10% des Gesamtimports. Hierbei handelt es sich - ähnlich wie bei den genannten nichtsubstituierbaren Importen - um eine grundle- gendere (wenngleich kapitalistisch deformierte und sozial unver- tretbare) Form internationaler Arbeitsteilung. Die hieraus resul- tierenden Importabhängigkeiten dürfen aber nicht überschätzt wer- den. Erstens ist die quantitative Bedeutung dieser Importe ge- ring, zweitens sind diese Produkte prinzipiell auch in der BRD herstellbar, und drittens ist diese Art der Produktionsspeziali- sierung sehr labil: Es mehren sich die Anzeichen, daß die neuen Technologien die Produktion eines Teils der bislang in den Schwellenländern erstellten Produkte in den industriellen Zentren wieder rentabel machen 11), so daß mit einer bedeutenden Auswei- tung dieser Form der internationalen Arbeitsteilung - anders als in den 70er Jahren prognostiziert - nicht zu rechnen ist. Z u s a m m e n f a s s e n d: Im Bereich des Imports ist die BRD flexibler, als dies mit Blick auf die hohe Importquote schei- nen mag. Hieraus resultiert ein gewisser Handlungsspielraum für eine alternative Wirtschaftspolitik. Vor allem aber entfällt eine wesentliche Begründung für eine permanente Politik der Export- steigerung: Die Verbesserung der Lebensbedingungen in der BRD und die Versorgung der Wirtschaft mit notwendigen Produktionsgütern sind nicht von ständig steigenden Exportquoten abhängig bzw. be- gründen nicht den gegenwärtig hohen Ausfuhranteil, sondern die hierfür erforderlichen Importe lassen sich auch mit einer gerin- geren Ausfuhr finanzieren. Nicht nur aus diesem Grund besitzt die BRD auch im Bereich des Exports einen erheblichen Handlungsspiel- raum: Im Kontext einer alternativen Wirtschaftspolitik mindert die Stärkung des Binnenmarktes den Exportdruck. Und schließlich zeichnet sich ab, daß mit den neuen Technologien die Produktion flexibler wird und zukünftig auch kleinere Losgrößen bzw. Stück- zahlen rentabel zu produzieren sind 12). Zukünftig wird so auch das Argument, der Exportzwang resultiere aus der Notwendigkeit, die Vorteile der Massenproduktion zu realisieren, für eine Reihe Wirtschaftszweige an Bedeutung verlieren. Die Betonung außenwirtschaftlicher Bewegungsspielräume einer al- ternativen Wirtschaftspolitik soll nicht einem Autarkiestreben das Wort reden, sondern wendet sich gegen die These, ein alterna- tiver Entwicklungsweg der BRD müsse an weltwirtschaftlichen "Sachzwängen" scheitern. Reduziert sich im Gefolge der verstärk- ten Binnenorientierung dieser Strategie die Weltmarktverflechtung der BRD, so muß dies nicht notwendig mit hohen gesellschaftlichen Kosten verbunden sein. Andererseits ist ein Land wie die BRD aber auch in erheblichem Umfang auf Importe und damit auch Exporte an- gewiesen. Diese Importabhängigkeit beschränkt sich nicht allein auf Rohstoffe, Energien und Agrarprodukte. Auch die Importe von Industriegütern sind - wie gezeigt - mit ökonomischen Vorteilen verbunden. Eine verstärkte Binnenorientierung kann deshalb nicht eine Ver- nachlässigung außenwirtschaftlicher Beziehungen beinhalten, son- dern muß im Gegenteil der gleichzeitigen Lenkung der Import- und Exporttätigkeit großes Gewicht beimessen 13). Ein wichtiger Schritt in diese Richtung wären langfristige Warenabkommen mit Entwicklungsländern und den RGW-Staaten, durch die ein Teil des Außenhandels verstetigt und die außenwirtschaftliche Erpressbar- keit einer alternativen Entwicklungspolitik verringert werden könnte 14). Es braucht nicht betont werden, daß einer solchen Po- litik der Widerstand des weltmarktorientierten Kapitals sicher ist. Aber ohne eine Mobilisierung, die die Kräfteverhältnisse in der BRD wesentlich verändert, bleibt jede Alternative eine Uto- pie. _____ 1) Vgl. Memorandum '82, Abschnitt 5; Memorandum '84, Abschnitt 4; B. Roth, Weltmarktabhängigkeit: Damoklesschwert über einer alter- nativen Wirtschaftspolitik, in: Memo-Forum 5/1985, S. 2 ff. 2) Vgl. Gelockerter Zusammenhang zwischen Exportoffensive und Be- schäftigung, in: Memorandum '83, S. 82 ff.; vgl. ifo-schnell- dienst 16-17/83, S. 12 ff.; Erhöhter Handlungsbedarf im Struktur- wandel, Strukturberichterstattung 1983, DIW, Berlin 1984. 3) Vgl. B. Roth, Weltmarktabhängigkeit..., S. 3 ff. 4) Vgl. hierzu etwa die Positionen des Weltsystemkonzepts. I. Wallerstein, The Modern World System I, New York 1974; Aufsatz- sammlung: Kapitalistische Weltökonomie, D. Senghaas (Hg.), Frank- furt/M. 1979. Zur Gegenposition (Nationalökonomiethese) vgl. SOST, Kapitalistische Weltwirtschaft, Hamburg 1982; P.J. Katzen- stein, Conclusion: Domestic Structures and Strategy..., in: In- ternational Organisation, 4/1977; B. Roth, Weltökonomie oder Na- tionalökonomie. Tendenzen des Internationalisierungsprozesses seit Mitte des 19. Jahrhunderts, Marburg 1984. 5) Vgl. I. Wallerstein, Aufstieg und zukünftiger Niedergang des kapitalistischen Weltsystems, in: Kapitalistische Weltökonomie, a.a.O., S. 31 ff. 6) Vgl. Memorandum '83, Abschnitt 4.1 u. 4.4; Memorandum '84, Ab- schnitt 4.4. 7) Dieser zweite Aspekt kann hier nicht weiter ausgeführt werden. Vgl. hierzu die Literatur in Fußnote 9. 8) Vgl. A. Aquino, Intra-Industry-Trade and Inter-Industry Spe- cialization ..., in: Weltwirtschaftliches Archiv, Bd. 114, 1978, S. 275 ff.; H.G. Grubel, P.J. Lloyd, Intra-Industry Trade, Bri- stol 1975; HWWA, Analyse der strukturellen Entwicklung der deut- schen Wirtschaft. Zwischenbericht, Hamburg 1979; vgl. zur kriti- schen Diskussion H. Giersch (Hg.), On the Economics of Intra-In- dustry Trade, Tübingen 1978; J. Eisbach, Der Einfluß der Konkur- renz auf die internationale Arbeitsteilung, Frankfurt 1981, S. 59 ff. 9) Eisbach, Der Einfluß, a.a.O., S. 136 ff; B. Roth, Weltökono- mie, a.a.O., S. 84 ff. 10) Errechnet nach: Arbeitsplätze durch Exporte? ifo-schnell- dienst 16-17/83, S. 14. 11) Vgl z.B. für den Bereich der PC-Produktion Aussagen des Atari-Chefs Jack Tramiel, in: P.M. Computerheft 6/85, S. 9. 12) Vgl. R. Hickel, Technologische Arbeitslosigkeit - Gibt's die?, in: Memo-Forum 5/1985 S 28 ff. 13) Dasselbe gilt für den internationalen Kapitalverkehr. 14) Vgl. Mit mehr Exporten gegen Arbeitslosigkeit?, in: Memoran- dum '80, S. 262 ff. Eckhard Stratmann Binnenmarktorientierung: ------------------------ Eine Absage an Exportchauvinismus und Wachstumsfetisch ------------------------------------------------------ Angesichts der Tatsache, daß die Leistungsbilanz der Bundesrepu- blik seit 1969 durchschnittlich ca. 10 Mrd. DM Überschüsse pro Jahr verzeichnet (Ausnahme 1979-81) und netto ca. eine Million Arbeitsplätze aus der Exportstärke der BRD resultieren, scheinen Kapital und Arbeit in der BRD von einer weiteren Welthandelsaus- weitung und Weltmarktverflechtung der Bundesrepublik nur zu pro- fitieren. Dennoch ist der, einer solchen Sichtweise entsprechen- den, Weltmarkt- und Exportorientierung grundsätzlich zu wider- sprechen. 1. Die über riesige Warenexporte ermöglichten Leistungsbilanz- überschüsse bringen zum Ausdruck, daß die BRD regelmäßig einen entsprechenden Teil ihrer Arbeitslosigkeit exportiert. Gerade im intra-industriellen Handel mit konkurrierenden Gütern (z.B. Stahl, Autos) bedeutet die Schaffung von Arbeitsplätzen durch den Export die Vernichtung von Arbeitsplätzen bei den Handelspart- nern, bedeuten Leistungsbilanzüberschüsse hier entsprechende De- fizite und Verschuldung dort. 2. Der Export von hochtechnologischen und entsprechend teuren Produkten in Entwicklungs- und Schwellenländer hat viele dieser Länder in eine Verschuldungssituation gebracht, aus der sie nach der Vorstellung der kapitalistischen Industriestaaten und der entsprechenden Auflagenpolitik des internationalen Währungsfonds (IWF) nur über eigene gesteigerte Exporterlöse herauskommen kön- nen. So werden sie in den kapitalistischen Weltmarkt zwangsinte- griert, was zwar bestimmten Exportbranchen bei uns nutzt, nicht aber einer eigenständigen Entwicklung jener Länder. Die interna- tionale Verschuldung bedroht aber auch die Stabilität des inter- nationalen Finanzsystems (Liquiditätsprobleme von großen Gläubi- gerbanken) und auf diesem Wege die Volkswirtschaften der führen- den Industriestaaten selbst. 3. Der Weltagrarmarkt ist ein Musterbeispiel für die Pervertie- rung der internationalen Arbeitsteilung. Vom Weltagrarmarkt pro- fitieren die transnationalen Konzerne der Ernährungsindustrie, während Kleinbauern und gesunde Ernährung der Bevölkerung das Nachsehen haben. Die BRD (und die EG) importiert aus den USA und hungerleidenden Dritte Welt-Ländern billige Futtermittel - 1983 immerhin mehr als 1% der Gesamteinfuhr - und exportiert zu sub- ventionierten Preisen die daraus gewonnenen "veredelten" Produkte (Milchpulver, Butteröl, Käse, Mehl) zurück in die Dritte Welt. Durch den Export von Kunstdünger, Pestiziden und Maschinen macht sie dort den großflächigen Anbau der Futtermittel erst möglich, wobei der Steuerzahler die exportierten Gifte am Ende einer in- ternationalisierten Nahrungskette "veredelt" zu sich nehmen darf. 4. Die internationale Konkurrenz hat in der BRD zur Herausbildung einer e x p o r t l a s t i g e n W i r t s c h a f t s- s t r u k t u r geführt, die keineswegs als optimale Allokation der volkswirtschaftlichen Ressourcen gewertet werden kann. a) Ö k o l o g i s c h e S c h ä d e n: Die Produktionsverfah- ren bzw. Produkte der exportstarken Wachstumsbranchen Automobil- und Chemieindustrie und von Teilen des Industrieanlagenbaus (z.B. AKWs) sind ökologisch höchst bedenklich bis abzulehnen. Die Ver- giftung unserer Umwelt ist wesentlich auf die chemische Industrie zurückzuführen, deren Exportquote 1984 52% betrug. Die starke Weltmarktverflechtung der Bundesrepublik macht zu ihrer Auf- rechterhaltung eine entsprechende Verkehrsinfrastruktur notwendig und führt zum Bau ökologisch so schädlicher Projekte wie der Startbahn West und des Rhein-Main-Donau-Kanals. b) Ö k o n o m i s c h e V e r m a c h t u n g: Die führenden Exportbranchen (Automobil-, Chemieindustrie u.a.) sind, mit Aus- nahme des Maschinenbaus, die Branchen mit den höchsten Konzentra- tionsgraden. Eine Liberalisierung des Welthandels würde zu weite- ren Kapitalkonzentrationen führen und die wirtschaftspolitische Rolle der multinationalen Konzerne steigern. In gleichem Maße verlören die Interessenvertretungen der abhängig Beschäftigten in diesen Unternehmen und die staatliche Wirtschaftspolitik an Hand- lungsspielräumen gegenüber privater internationaler Wirtschafts- macht. Die Zunahme privater Kapitalmacht ist aber nicht nur Ergebnis, sondern auch Ursache einer Ausweitung der internationalen Han- delsverflechtungen. Die steigende Bedeutung des intra-industriel- len Handels mit Gütern der gleichen Warenkategorie (wie Kraft- fahrzeuge, Pharmazeutika, Tabakwaren) belegt die Tendenz zu einer internationalen Despezialisierung, d.h. zu einer Angleichung der nationalen Produktionsstrukturen in den Industrieländern. Der Welthandel ist damit zunehmend weniger Ausdruck einer weltwirt- schaftlichen Arbeitsteilung als einer wechselseitigen Durchdrin- gung der Märkte. Diese hat ihre Ursache in der fortschreitenden industriellen Konzentration und im Kampf der Unternehmen um Welt- marktanteile. 1) Dieser Sachverhalt findet seinen Ausdruck darin, daß 40% des Welthandels innerhalb von multinationalen Konzernen abgewickelt werden. c) S t r u k t u r- u n d r e g i o n a l p o l i t i s c h e A b h ä n g i g k e i t: Die exportlastige Wirtschaftsstruktur macht ganze Branchen und Regionen (z.B. Stahlindustrie im Ruhrge- biet und Werftindustrie in der Küstenregion) von kaum kontrol- lierbaren Weltmarktentwicklungen abhängig. 5. Im Rahmen des handelsliberalen Credos wird die internationale Wettbewerbsfähigkeit zum Sachzwang und läßt wenig Raum für natio- nale wirtschaftspolitische Spielräume. Sie muß als Totschlagargu- ment für alles und jedes herhalten: die 35-Stunden-Woche sei zu teuer, wirksame Maßnahmen gegen die Umweltzerstörung auch. Aus den genannten Gründen ergibt sich, daß die GRÜNEN mit der Doktrin des freien Welthandels und dem Fetisch der Weltmarkt- und Exportfixierung brechen. Der Ansatzpunkt grüner Wirtschaftspoli- tik ist die Binnenwirtschaft: Wie kann eine ökologische, soziale und basisdemokratische Wirtschaft entwickelt werden? Inwieweit sind dazu außenwirtschaftliche Beziehungen nötig? Wie kann die Abhängigkeit vom Weltmarkt verringert werden? Eine ökologische Wirtschaft verpflichtet auf eine wachstumsunab- hängige Politik: Sie zielt weder auf die Steigerung des Bruttoso- zialprodukts noch des Welthandelsvolumens. Eine soziale Wirt- schaft privilegiert nicht die arbeitsteilige Spezialisierung um jeden Preis. Eine gesamtwirtschaftliche, oder besser: eine ge- samtgesellschaftliche Kosten-Nutzen-Abschätzung führt dazu, daß die Integration von Wirtschaftsabläufen in regionalen/lokalen Wirtschaftszusammenhängen angestrebt wird. Die Überschaubarkeit der Produktion und des Warenaustauschs ist die Voraussetzung für ihre demokratische Kontrolle. Die R e g i o n ist also der A u s g a n g s- u n d B e z u g s p u n k t g r ü n e r W i r t s c h a f t s- u n d A u ß e n w i r t s c h a f t s- p o l i t i k. Die Abgrenzung der Regionen mag sich natur- räumlich nahelegen oder historisch ergeben, sie muß keineswegs mit nationalen Grenzen übereinstimmen. Die Umkehrung der Entwicklungslogik von der Weltmarkt- zur Bin- nenorientierung ist weder als Abkopplung vom Weltmarkt noch als Streben nach Autarkie mißzuverstehen. Die Ökonomie der BRD steht und fällt mit dem Weltmarkt, hier kommt nur die schrittweise und gezielte Rückführung der Abhängigkeit vom Weltmarkt in Frage. In- ternationale Arbeitsteilung kann ökonomische Vorteile haben, nicht nur bei den sog. "unabdingbaren" Importen (Energie, Roh- stoffe u.a.), sondern auch im intra-industriellen Handel. Der sinnvolle Grad dieser Arbeitsteilung kann aber nicht abstrakt festgelegt werden. Für eine politische Strategie der Binnenmarktorientierung scheint es mir am tragfähigsten zu sein, von der tatsächlichen Verflech- tung der BRD in den Weltmarkt und den damit gegebenen Problemen auszugehen und Schritte zu einer Regionalisierung, einer Binneno- rientierung der Wirtschaft anzugeben. Ansatzpunkte für eine sol- che Politik bieten die Ströme des Außenhandels, des Imports und Exports, die sinnvoll mengenmäßig verringert werden können, wobei dies gleichzeitig Ressourcen für die ökologische Sanierung und ökonomisch-soziale Stabilisierung von Regionen freimacht. Eine solche Handelspolitik leitet eine einseitige Abrüstung des ökono- mischen Verflechtungsgrades ein, sie stellt damit eine Umkehrung der aggressiven expansiven Exportstrategien dar. Ein abnehmender internationaler Verflechtungsgrad soll zunehmende regionalwirt- schaftliche Handlungsspielräume eröffnen. Wenn ich unten Schritte zur Verringerung der Außenhandelsver- flechtung der BRD skizziere und mich dabei auf den Gütermarkt be- schränke, hängt dies damit zusammen, daß auf diesem Gebiet grüne Positionen zur Außenwirtschaft am deutlichsten entwickelt sind. Die Themenbeschränkung bringt aber gleichzeitig offene Fragen und Flanken grüner Außenwirtschaftspolitik zum Ausdruck. Denn der Weltmarkt heute ist ein hochintegriertes System von Güter-, Kapi- tal- und Geldmärkten. Angesichts der Internationalisierung des gewerblichen Kapitals, angesichts eines Bestandes von über 100 Mrd. DM bei den Auslandsinvestitionen bundesdeutscher Unternehmen - Platz 3 hinter USA und GB - und des dramatisch gestiegenen Ein- flusses der privaten internationalen Geld- und Kreditmärkte kann eine grüne Außenhandelspolitik isoliert gar nicht entwickelt, ge- schweige denn durchgesetzt werden. Das aktuelle Beispiel USA zeigt, wie sehr nationale Zinsdifferenzen, internationaler Kapi- talverkehr, Wechselkursschwankungen und Leistungs-/Zahlungsbi- lanzentwicklungen miteinander zusammenhängen. Die Inter- nationalisierung der Kapital- und Kreditmärkte macht sich als Sachzwang gegenüber einer nationalen Wirtschaftspolitik geltend. Die Möglichkeit der Kapitalflucht ist die offene Flanke jeder Wirtschaftspolitik, die gegen die Interessen des Kapitals ver- stößt. Eine grüne Außenwirtschaftspolitik wird daher nicht mög- lich sein ohne wirksame demokratische Kontrolle des grenzüber- schreitenden Kapitalverkehrs, ohne demokratische Kontrolle von Multis und Banken. Die Position der Memorandum-Gruppe: ----------------------------------- eine "alternative" Expansionsstrategie -------------------------------------- In der Forderung nach Abkehr von der Weltmarktfixierung und nach einer Binnenorientierung der Wirtschaft gibt es ein Stück weit Gemeinsamkeiten, aber auch fundamentale Differenzen zwischen den Positionen der GRÜNEN und der Memorandum-Gruppe. Gemeinsam werden - z.T. mit gleichen Argumenten - die Nachteile der Exportfixie- rung der bundesdeutschen Wirtschaft betont und eine Umorientie- rung der Wirtschaftspolitik gefordert: "Ausgangspunkt der Alter- nativen sind feststellbare binnenwirtschaftliche Bedarfe und Handlungsdefizite in den Bereichen Beschäftigung, Versorgung, In- frastruktur und Umwelt" 2). Gemeinsam ist, daß die Senkung der Außenhandelsverflechtung der BRD nicht als Selbstzweck gilt, son- dern sich an den Erfordernissen eines binnenorientierten Entwick- lungsweges orientieren soll; Abkoppelung der BRD vom Weltmarkt und Autarkiebestrebungen werden von beiden abgelehnt. 3) Das Plädoyer für qualitatives Wachstum und der faktische Primat der Beschäftigungspolitik führen aber bei der Memorandum-Gruppe dazu, daß sie doch dem herrschenden System der internationalen Arbeitsteilung und der Exportorientierung der BRD - nur anders gewendet - zutiefst verhaftet bleibt. So heißt es im Memorandum 1980: "Die fortschrittliche Alternative zu der herrschenden Ex- portorientierung ist ein auf nationale und internationale Vollbe- schäftigung gerichtetes Konzept. Dies erfordert e r s t e n s die Aufgabe der Politik der Exportüberschüsse. 4) Das erfordert z w e i t e n s die Verwirklichung der Vollbeschäftigung mittels binnenwirtschaftlicher Maßnahmen. Eine Politik der Expansion der Binnenmärkte wird über zunehmende Importe auch das Ausland begün- stigen. Sobald die steigenden Exporte des Auslands dort eine Er- höhung der wirtschaftlichen Aktivität bewirken, werden auch des- sen Importe ansteigen, wodurch sich wiederum die Exportchancen des initiativen Landes verbessern. Dies ist der Inhalt des soge- nannten ,Exportmultiplikators'." 5) Die nachfrageorientierte, binnenwirtschaftlich ansetzende Expan- sionsstrategie landet also letztlich doch wieder bei der Expan- sion durch Exporte. So verdeutlicht das Memorandum '82, daß die Förderung von energie- und rohstoffsparenden und umweltschonenden Technologien "zugleich die Exportpalette der BRD" erweitert. Ent- sprechende Investitionen erforderten einen hohen Stand der Tech- nologie, intensive Forschung und langjähriges Know-how. "Dies sind traditionell jene Faktoren, auf denen die Exportstärke der BRD beruht... Unter diesem Aspekt fördert eine alternative Wirt- schaftspolitik die Exportfähigkeit der BRD. Sie setzt dabei nicht auf Lohnverzicht und Sozialabbau, sondern auf die großen Welt- marktchancen umweltfreundlicher, energiesparender Technologien." 6) Alternativ zum herrschenden Exportchauvinismus ist an dieser Wirtschaftspolitik gar nichts, die Exportstrategie soll nur ar- beitnehmerfreundlicher - selbstverständlich nur für die BRD-Kli- entel - gestaltet werden. Das Kapital wird auch mit dieser Stra- tegie weiterhin ausländische Märkte erobern und Arbeitslosigkeit exportieren, den intra-industriellen Handel vertiefen, weitere Konzentrations- und Vermachtungsprozesse durchmachen und die Ab- hängigkeit nationaler Wirtschaftspolitik vom Weltmarktgeschehen steigern. Das Ziel der Rückgewinnung nationaler/regionaler Hand- lungsspielräume der Wirtschaftspolitik wird eindeutig dem Expan- sionsziel untergeordnet. Wo die traditionelle Exportstärke der BRD mehr als klammheimlich begrüßt und die Exportfähigkeit der BRD sogar "alternativ" gefördert werden soll, da erweisen sich die Kritik der Exportorientierung und der Ruf nach Aufgabe der Politik der Exportüberschüsse als folgenlose Lippenbekenntnisse. Auch die Politik des qualitativen Wachstums und der Primat der Beschäftigungspolitik passen sich in diese "alternative" Expansi- onsstrategie gut ein. Nach Rudolf Hickel (Memo-Gruppe) ist ja qualitatives Wachstum "alternatives quantitatives Wachstum" (Diskussionsbeitrag auf dem Kongreß "Zukunft der Arbeit", Biele- feld 1982). Von daher ist es gar nicht verwunderlich, wenn die exportstarken Wachstumsbranchen Automobil- und Chemieindustrie (die BRD ist z.B. weltgrößter Pestizidexporteur) und Teile des Industrieanlagenbaus (z.B. AKWs) bei den Expansionsstrategien so ungeschoren davonkommen. Eine konsequente ökologische Politik würde auf die Schrumpfung der Automobil- und Chemieindustrie hin- auslaufen und so manchen Exportschlager treffen, aber zugleich Arbeitsplatzausgleich durch Umstellung der Produktion und Ar- beitszeitverkürzung schaffen. Verringerung der Import-und Exportströme ---------------------------------------- Die Binnenmarktorientierung der BRD kann schrittweise über die Verringerung der Import- und Exportströme eingeleitet werden. Der Aufbau einer alternativen Energiestruktur mit Vorrang für Ener- gieeinsparung und erneuerbare Energiequellen würde die Abhängig- keit der BRD von Erdölimporten drastisch senken. In die gleiche Richtung würde der forcierte Ausbau des öffentlichen Personenver- kehrs wirken, gekoppelt mit und finanziert durch eine erhebliche - sozial verträglich gestaltete - Anhebung der Mineralölsteuer. 1983 wurden über 64 Mrd. DM für die Einfuhr von Erdöl, Erdöler- zeugnissen und verwandten Waren verausgabt, das sind 16,5% der gesamten Einfuhr. Der systematische Aufbau einer Recyclingwirt- schaft würde die Abhängigkeit von Rohstoffimporten - 1983 fast 7% vom Gesamtimport - erheblich verringern. Der Umbau der chemisch-industriellen zu einer ökologischen Land- wirtschaft würde der Existenzvernichtung Hunderttausender von kleinbäuerlichen Betrieben ein Ende setzen und aufgrund höherer Arbeitsintensität zusätzliche Arbeitskräfte erfordern. Er würde darüber hinaus die Umweltzerstörung in Land- und Viehwirtschaft und die milliardenteure Überschußproduktion beenden und die un- heilvolle Import-/Exportspirale auf dem Agrarmarkt durchbrechen. Gegenüber dieser internationalen Arbeitsteilung ist ein Struktur- wandel zu gemischtbetrieblicher ökologischer Landwirtschaft im Rahmen regionaler Versorgungskonzepte zu fördern. Dazu gehören die Reduzierung der Futtermittelimporte aus der Dritten Welt und den USA bis zur völligen Einstellung und parallel dazu die Ex- portbeschränkung für Pestizide auf die in der BRD/EG zugelassenen Pflanzenschutzmittel und die Rücknahme der Exporterstattungen für Überschußprodukte der EG. Die ausgewählten Bereiche (Erdöl, Rohstoffe, Futtermittel) zei- gen, daß ein ökologischer und sozialer Umbau der Bundesrepublik einen Teil der Importe durch einheimische Produktion ersetzt. Die damit einhergehende Entlastung der Handelsbilanz (Saldo der Wa- renexporte/-importe) unterhöhlt ein zentrales Argument der Ex- portförderer: Eine hohe Exportquote sei notwendig, um die unab- dingbaren Importe bezahlen zu können. Demgegenüber gilt: Wenn es sinnvoll und möglich ist, die Importe zu senken, dann läßt der Druck auf die Finanzierungsquelle Export nach. Im Gegenteil, das Ziel einer ausgeglichenen Leistungsbilanz erfordert dann geradezu auch eine Exportsenkung. Aber wie ist dies möglich? Bevor ich dieser Frage nachgehe, bleibt anzumerken, daß die angestrebten Importsenkungen begleitet werden müssen durch Hilfs- und Aus- gleichsprogramme für Dritte-Welt-Länder, die bei gegebener Wirt- schaftsstruktur auf die entsprechenden Exporterlöse und dafür notwendige Importe dringend angewiesen sind. Zu den Aus- gleichsprogrammen gehören die Stabilisierung der Rohstoffpreise, Verbesserung der terms of trade, sofortiges Schuldenmoratorium und eine langfristig angelegte Entschuldung. Zur Senkung der Exporte müßten das Instrumentarium der staatli- chen Direktförderung von Warenexporten und Direktinvestitionen im Ausland selektiv abgebaut und die entsprechenden Finanzmittel für binnenorientierte Investitionen verwandt werden. Die vom Volumen her bedeutendsten Instrumente der direkten Exportförderung sind die Exportfinanzierungshilfen und die Exportrisikogarantien (Hermes-Bürgschaften). Die Hermes-Bürgschaften haben sich in den letzten Jahren zu einem haushaltsfinanzierten Defizitgeschäft (1- 1,5 Mrd. DM Defizit/Jahr) und damit faktisch zu einem Instrument der Exportsubventionierung entwickelt. Der Umfang der direkten staatlichen Hilfen ist allerdings, gemes- sen am gesamten Waren- und Kapitalexport, nicht sehr bedeutend. Die verbilligten Kredite machen im Jahresdurchschnitt knapp 5%, die Ausfuhrgarantien knapp 10% des Exportwertes aus. 7) Auch die oben skizzierte Senkung der Importabhängigkeit rührt noch nicht an den Kern des Problems der Weltmarktabhängigkeit, da die Bereiche Rohstoffe, Erdöl und Futtermittel weniger als ein Viertel der Gesamtimporte ausmachen. D a s K e r n p r o- b l e m d e r W e h m a r k t a b h ä n g i g k e i t u n d i h r e r V e r r i n g e r u n g i s t, w i e d e r T e n- d e n z z u r A u s w e i t u n g d e s i n t r a - i n- d u s t r i e l l e n H a n d e l s , i n s b e s o n d e r e z w i s c h e n d e n w e s t l i c h e n I n d u s t r i e- s t a a t e n , b e g e g n e t w e r d e n k a n n. In diesem Zusammenhang ist von Bedeutung, daß die staatliche Wirtschaftspolitik in den westlichen Industriestaaten (die Geld- und Währungspolitik, Wettbewerbspolitik, Forschungs- und Techno- logiepolitik) ganz auf die Steigerung der internationalen Wettbe- werbsfähigkeit hin ausgerichtet wird. Die Konkurrenz der privaten Unternehmer wird zur Konkurrenz der Staaten um günstige Wachs- tums- und Exportchancen für die inländischen Unternehmen. Die Umkehr der Entwicklungslogik von der Weltmarkt- zur Binnen- marktorientierung muß daher ganz zentral über die staatlichen Rahmenbedingungen, über eine Abkehr von der indirekten staatli- chen Exportförderung erfolgen. Dies macht einen Bruch mit dem herrschenden Dogma der Handelsliberalisierung nötig. Denn dieses Dogma ordnet alle wirtschaftspolitischen Maßnahmen dem Diktat des Weltmarktes unter. Binnenorientierung bedeutet, daß die Arbeits- markt- und Arbeitszeitpolitik, Sozial- und Steuerpolitik, Wettbe- werbs-, Forschungs- und Technologiepolitik sich ganz auf die Er- reichung binnenwirtschaftlicher Ziele konzentrieren, unter In- kaufnahme von eventuellen Exporteinbußen. Eine konsequente ökolo- gische und Friedenspolitik (z.B. Entgiftung der chemischen Indu- strie, Senkung der Rüstungsproduktion) wird zu einem Rückgang derzeitiger Exportanteile führen. Umgekehrt würde eine freiwillige Selbstbeschränkung beim Export den Konkurrenzdruck auf die Handelspartner entschärfen und poli- tische Spielräume für die außenwirtschaftliche Absicherung einer Binnenmarktorientierung schaffen. Die Exportbeschränkung auf ein Niveau, das sich mittelfristig um ein ausgeglichenes Leistungsbi- lanzsaldo bewegt, könnte gegenüber expansionsstarken Unternehmen mit Hilfe der Besteuerung von "leistungsbilanz-überschüssigen" Exporten durchgeführt werden. Die Einnahmen dieser E x p o r t- s t e u e r könnten als binnenorientierte Investitionshilfe ver- wandt werden. Ein letztes Wort zu den politischen Durchsetzungschancen der an- gestrebten Abkehr von der Exportorientierung. Sie sind deswegen nicht allzu rosig einzuschätzen, weil die Fixierung auf den Welt- markt die heiligste Kuh der kapitalistischen Marktwirtschaft ist - noch unantastbarer als das Privateigentum an Produktionsmitteln - und eine Allianz von Kapital und Arbeit (und weithin auch die politische Linke) diese Kuh mit Zähnen und Klauen verteidigt. _____ 1) Vgl. dazu: J. Eisbach, Die Zunahme des intra-industriellen Handels als Folge internationaler Konkurrenz, in: WSI-Mitteilun- gen 5/1982, S. 289-295. 2) B. Roth, Weltmarktabhängigkeit: Damoklesschwert über einer al- ternativen Wirtschaftspolitik (II), in: Memo-Forum, Zirkular der "Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik" Nr. 5, Bremen, Febr. 1985, S. 4. 3) Vgl. B. Roth, a.a.O., S. 17 f. 4) Exportüberschüsse sind zum Ausgleich der Leistungsbilanzen der BRD nötig - aber eben nicht darüber hinaus ", da die Dienstlei- stungs- und Übertragungsbilanz der BRD chronisch im Defizit sind. 5) (Hg.) Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik, Memoran- dum. Gegen konservative Formierung - Alternativen der Wirt- schaftspolitik, Köln 1980, S. 260 f. 6) (Hg.) Arbeitsgruppe Alternativen der Wirtschaftspolitik, Memo- randum '82, Köln 1982, S. 137. 7) K. Borchardt, Die direkte staatliche Förderung von Waren- und Kapitalexport in der Bundesrepublik, Diplomarbeit, Bremen 1984, S. 208. zurück