Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 09/1985


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ZUKUNFTSFELDER - ORIENTIERUNGEN - IDEOLOGISCHE PROBLEME *)

Robert Steigerwald I. Aus ökonomischen, politischen und geographischen Bedingungen ist die Entwicklung der Bundesrepublik in all ihren wesentlichen Ele- menten untrennbar eingefügt in die grundlegenden internationalen Trends der Gegenwart und näheren Zukunft. Es ist nicht möglich, perspektivische, alternative, kräftebezogene Überlegungen zum Weg unseres Landes anzustellen, ohne etwa solche Prozesse zu berück- sichtigen wie die - teilweise sicherlich dramatische - Entfal- tung, Zuspitzung, Vertiefung des Ringens - um Frieden und Abrüstung, für die Isolierung, Zurückdrängung und, wo möglich, Überwindung der Kräfte der Rüstung und des Krieges; - um die Befreiung der Millionen-Massen in den Ländern der sog. Dritten Welt; - um grundlegende Veränderungen im Gewicht der beiden Grundklas- sen in den imperialistischen Hauptländern; - um Positionsveränderungen im "Kräftedreieck" USA-Japan-Westeu- ropa; - um die Meisterung der Probleme der wissenschaftlich-technischen Revolution; - um die Nutzung von Rohstoff- und Energievorkommen; - um die Riesenaufgaben des Umweltschutzes und der Umweltrekulti- vierung; - um die Arbeitsplatz-, Ernährungs- und Bevölkerungsproblematik in den vom Imperialismus ausgeplünderten Weltgebieten. Jedes dieser Kampffelder ist für sich genommen komplex. Sie hän- gen alle mehr oder weniger miteinander zusammen und sind außerdem eingebunden in die weltweite Systemauseinandersetzung zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Daß sich nationale Perspektiv- und Alternativfragen nicht losgelöst von solchen Prozessen behandeln lassen, deren Evolution oder Lösung jedoch schwer präzise zu pro- gnostizieren ist, leuchtet sicher ohne weiteren Beweis ein. Ich will dennoch einmal auf zwei T e i l bereiche von jeweils e i n e m dieser grundlegenden Prozesse kurz eingehen, um wenig- stens die dialektische Vielfalt der Sachlage zu skizzieren. Daß die EG-Länder und die USA von schwerer Arbeitslosigkeit be- troffen sind und - solange der Kapitalismus fortbesteht - sich hier keine Möglichkeit einer grundlegenden Problemlösung ergibt, mag wiederum ohne weitere Begründung gesagt werden. Was bedeutet es aber - auch für die sog. Erste Welt - materiell, ökonomisch und sozial, wenn in den Ländern der sog. Dritten Welt mehr als drei Viertel der Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren (oft freilich müssen schon Elfjährige ihr Leben selbst "meistern"!) leben, wenn es zu Beginn der 90er Jahre etwa eine Milliarde sol- cher Jugendlicher in diesen Ländern geben wird, wenn schon heute mindestens 120 Millionen von ihnen arbeitslos sind, was in diesen Ländern ja weit mehr bedeutet als bei uns, gibt es dort doch kein System von Arbeitslosenversicherung und dergleichen? Und diese Arbeitslosigkeit wächst. Das verschlimmert zugleich die Arbeits- möglichkeiten und -bedingungen für jene, die Arbeit haben. 1) Welcher ökonomische und soziale Zündstoff sammelt sich hier an? Wie kann er wirksam werden im Kampf um Bildung, Ausbildung, Ar- beit? Welche Triebkräfte können von ihm ausgehen für den antiim- perialistischen Kampf? Übrigens stellt sich das Problem der Arbeitslosigkeit auf prinzi- piell gleiche Weise für die Masse der Frauen und Mädchen der Län- der der Dritten Welt, nur kommen noch all die Probleme der Frau- enunterdrückung und Frauenbenachteiligung hinzu. Auch da wächst also objektiv ein neues Protestpotential von nicht abschätzbarer Stärke heran. Oder welche Triebkräfte können hiervon ausgehen für den Kampf um Abrüstung? Dies ist das zweite T e i l problem, eingebunden in das der allgemeineren Frage der Abrüstung. In den Entwicklungs- ländern leben nicht nur einige hundert Millionen Arbeitslose, sondern Hunderte Millionen Hungernder, über tausend Millionen tief Verelendeter, Hunderte Millionen von Analphabeten und Menschen bar jeder medizinischen Betreuung. Mit jährlich rund acht Milliarden Dollar könnte der Hunger, mit weiteren jährlichen rund 20 Milliarden Dollar das Analphabetentum und die schlimmsten Seuchen besiegt werden. Das Geld wäre da, wenn Erfolge im Kampf um Abrüstung erzielt würden: 8 bis 10 Prozent der Weltauf- wendungen für Rüstung reichten hin. Diese Rüstung wirkt aber vielfältig verschärfend auf die Lage in den Ländern der Dritten Welt ein. Die immensen Rüstungsausgaben führen z.B. in den USA zu einer ständig größeren Kreditaufnahme seitens des Staates, damit zum Wachsen des Zinssatzes, und im Ergebnis auch solcher Praktiken fließen derzeit aus diesen Dritte-Welt-Ländern (sie hatten 1984 über 800 Milliarden Dollar Auslandsschulden!) jährlich über 160 Milliarden Dollar für Zinsen und Tilgung in die Tresore imperialistischer Banken. 2) Wie wird sich die Welt ändern, wie wird sich die Wucht des Abrü- stungskampfes steigern, wenn in Dritte-Welt-Ländern der Prozeß des Kampfes gegen diese Rüstungs-Geißel des Imperialismus massen- haft einsetzt? Welche neuen Kräftegruppierungen werden sich erge- ben? Mit welchen neuen ideologischen Fragen werden wir es zu tun bekommen? Solche Fragen kann heute niemand präzise beantworten. Aber solche Prozesse stecken perspektivisch in allen oben ange- deuteten grundlegenden sozialen Problemen der Gegenwart, und es ist damit zu rechnen, daß mindestens einige von ihnen unsere Kampfbedingungen auf dem Weg zum Jahre 2000 ernsthaft mitprägen werden. II. Wenn ich es richtig sehe, wird es in der Bundesrepublik bis zum Jahre 2000 vor allem folgende Problemfelder geben: Frieden und Abrüstung, darin einbezogen die Gestaltung der Beziehungen zu den real sozialistischen Ländern; Arbeit, Recht auf Arbeit; Meiste- rung der Probleme der wissenschaftlich-technischen Revolution. Im Zusammenhang mit den genannten Prozessen wird es ernsthafte wei- tere soziale Umschichtungsprozesse geben; wir werden uns mit den Problemen der gründlichen Reform des Bildungs- und Ausbildungswe- sens beschäftigen müssen; hinzu kommt nach wie vor das gewaltige Problem des Umweltschutzes. Ich will aus der Fülle von Fragen, die sich unmittelbar für unser Land stellen, nur eine schmale Gruppe von Problemen aussondern und dazu argumentieren, weil ich meine, daß es zu ihnen im Kreise der Linken neben richtigen Einsichten auch Holzweg-Positionen gibt, mit denen man sich auseinandersetzen muß. A. Krise, Massenarbeitslosigkeit, Spaltung der Arbeiterklasse in eine aktive und eine industrielle Reservearmee; im Zusammenhang mit den wissenschaftlich-technischen Prozessen wichtige soziale Umschichtungen, vor allem Herausbildung einer neuen Mittel- schicht; Entwicklung von immer furchtbareren industriellen De- struktivkräften; gewaltiger Ressourcenmißbrauch und dramatische Umweltschädigungen erzeugen verschiedene Ansichten zum Verhältnis Mensch-Natur, zur Technik, zur Arbeit, ihrem Stellenwert und ih- rer Zukunft. Sie bilden ein dem Marxismus entgegengesetztes Sy- stem von Weltanschauung mit deutlich politischen Konsequenzen. Unter den heutigen und künftigen Bedingungen der Begegnung der Arbeiterklasse mit den neuen Mittelschichten im Kampf - eine Be- gegnung, die durch das gemeinsame Wirken u n d die ideologisch- politische Auseinandersetzung geprägt ist und bleiben wird - müs- sen wir diesen Fragen große Aufmerksamkeit widmen. Die wissenschaftlich-technische Revolution hat zu quantitativen und qualitativen Änderungen menschlicher Eingriffe in die Natur geführt. Ganz neue Bereiche der Erde, nicht nur der Erde, werden erstmals in die Beziehung, in den Stoffwechselprozeß zwischen Mensch und Natur hereingenommen: der Mikrokosmos, der Weltraum, die Erbinformationen. Und es zeichnen sich hier gewaltige Pro- bleme, vom Naturverhältnis bis hin zur Ethik, ab. Wenn die mit der wissenschaftlich-technischen Revolution verbun- denen Eingriffe quantitativer und qualitativer Art des Menschen in die Natur noch länger unter dem Kommando des Profitprinzips und damit des Raubbaus an der Natur stattfinden, so können in ei- ner ökologischen Krise die Lebensbedingungen der menschlichen Gattung zugrunde gehen. Nur dies sehend, die dahinter wirkenden tieferen gesellschaftlichen Ursachen noch nicht wahrnehmend, bil- deten vor allem Ideologen der neuen Mittelschichten eine ökologi- sche Weltanschauung aus. Anknüpfend an eine in unserem Lande be- reits länger bestehende Tradition - die die Unmenschlichkeiten und Gebrechen des Kapitalismus vor allem auf eine falsche Gei- stigkeit, auf den Rationalismus zurückzuführen versucht und ihm irrationale Positionen entgegenstellt -, wird behauptet: Die gei- stige Einstellung, die Natur beherrschen zu wollen, zu diesem Zweck ein Rationalismus der Berechenbarkeit der Naturfaktoren und eine Technik, die diesen Zielen der Naturbeherrschung dient, das Streben nach ständigem Wachstum von Produktion und Konsumtion seien die Verursacher der ökologischen, der krisenhaften Proble- matik der Beziehung des Menschen zur Natur. Die Ausklammerung der kapitalistischen Triebkräfte hinter dieser Problematik wird da- durch erleichtert, daß es auch im Sozialismus ökologische Pro- bleme, Streben nach Naturbeherrschung, Entwicklung von Technik, von Produktion und Konsumtion, von Wachstum gibt. Oberflächlich gibt es also manches Gemeinsame. So konnte der falsche Eindruck entstehen, die ökologische Problematik sei systemübergreifend, die marxistische Herangehensweise an die Beziehung Mensch-Natur unbefriedigend. Es müsse also ein gegenüber Kapitalismus und So- zialismus, ein gegenüber dem Profitmaterialismus des Kapitalismus und dem ökonomischen Humanismus des Sozialismus primärer öko- logischer Humanismus herausgearbeitet werden. Es ist ganz gewiß notwendig, sich der Dramatik der ökologischen Probleme voll bewußt zu werden. Und es ist nötig, zur Lösung der ökologischen Probleme das Verhältnis des Menschen zur Natur zu verändern. Dazu gehört auch, daß wir unsere geistigen Einstellun- gen verändern, korrigieren, reformieren müssen. Dennoch genügt eine Änderung unserer geistigen Einstellungen allein nicht. Schon diese geistigen Einstellungen selbst sind Reflex bestimmter mate- rieller, gesellschaftlicher Prozesse. Unter den Bedingungen eines Systems des allein vom Profitstreben geleiteten Eingreifens des freien Unternehmers in die Natur kommt es zu einem prinzipiellen Widerspruch von Ökonomie und Ökologie. Sollen sich die geistigen Einstellungen ändern, so muß dieses materielle Raubbauverhältnis zur Natur verändert werden. An die Stelle des "freien Unterneh- mertums" und seines Raubbauverhältnisses zur Natur muß das von Planmäßigkeit gekennzeichnete Verhältnis der gesamten Gesell- schaft treten, das sich orientiert an der Befriedigung der sich entwickelnden materiellen und kulturellen Bedürfnisse der Men- schen. Planmäßig muß auf Einsparung lebendiger Arbeit und von Na- turstoff, auf Recycling und Rekultivierung von Natur orientiert werden. Dies alles setzt das gesellschaftliche Eigentum an den gesell- schaftlich wichtigen Produktivkräften und eine wirkliche Volks- macht, den Sozialismus, voraus. Die im Umkreis der ökologischen Weltanschauung propagierte Konzeption der Ersetzung großer Pro- duktionseinheiten durch eine große Zahl mittlerer und kleiner löst die Probleme schon darum nicht, weil das Problem der soge- nannten freien Verfügbarkeit sowie das Problem des Konkurrenz- kampfes weder ökonomische noch ökologische Rationalität im Umgang des Menschen mit der Natur zuläßt. Ob abfall- und schadstoffrei produziert wird, ob die Vergiftung der Böden durch falsche (künstliche oder natürliche, denn auch Jauche ist Gift) Düngung vermieden wird, hängt nicht von der Größenordnung der Produkti- onseinheiten ab, sondern von den Grundprinzipien, die eine solche Produktion dirigieren. Solange das Profitprinzip, das ihm zu- grunde liegende Prinzip des Privateigentums an Produktionsmitteln nicht ausgeschaltet wird, ist weder ein ökonomischer noch ein ökologischer Rationalismus oder Humanismus möglich. Unter den Bedingungen der Überwindung des Privateigentums, des Profitprinzips, des Konkurrenzkampfes ist es möglich, die Bezie- hungen zwischen Ökonomie und Ökologie so zu gestalten, daß ein unversöhnlich feindlicher Widerspruch vermieden wird. Woraus aber ergeben sich die ökologischen Probleme im Sozialismus? Zunächst sind einige direktes Erbe des Kapitalismus. Der Sozialismus hat in zunächst zurückgebliebenen Ländern gesiegt, hat eine zunächst auch noch ungenügend entwickelte Technik geerbt, die unter kapi- talistischen Bedingungen geprägt wurde. Angesichts der vorherr- schenden ungeheuren Not, des furchtbaren Mangels, auch des Feh- lens an technischen und wissenschaftlichen Kadern konnte er sein Hauptaugenmerk längere Zeit nicht auf die Entwicklung einer den sozialistischen Produktionsverhältnissen gemäßen neuen Technik konzentrieren. Hinzu kommen die gewaltigen Belastungen durch die Rüstung. Aber auch die Schwierigkeit, die Zusammenhänge zwischen erwünschten Nah- und unerwünschten Fernwirkungen unserer Na- tureingriffe zu erkennen, sollte hier gesehen werden. Und daß die wissenschaftlich-technische Revolution mit ihren prinzipiell neuen Möglichkeiten des quantitativen und qualitativen Eingrei- fens in die Natur auch neue Probleme aufwirft, ist auch von Mar- xisten nicht unmittelbar in seinem ganzen Ausmaß erkannt worden. Aber all diese Probleme sind prinzipiell auf der Grundlage und im Rahmen sozialistischer Produktionsverhältnisse, der sozialisti- schen Staatsmacht und der marxistisch-leninistischen Theorie lös- bar. Die Probleme entspringen nicht der modernen Wissenschaft und Technik, sondern ihrem kapitalistischen Einsatz. Sie entspringen nicht einem Wachstumsfetischismus, sondern dem Profitfetischis- mus, denn es gibt ja keinen Lohn-Wachstumsfetischismus. Sie kom- men nicht aus der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse, sondern ergeben sich aus den im Profitinteresse manipulierten Bedürfnis- sen und ihrer Pseudobefriedigung. In Wirklichkeit erfordert die Lösung der ökologischen wie aller anderen grundlegenden sozialen Probleme nicht weniger, sondern mehr und tiefergründiges Wissen, nicht weniger, sondern mehr und den Problemen besser angemessene Technik, nicht weniger, sondern mehr ökonomische Mittel: Jedes ökologische Problem bedarf zu seiner Lösung ökonomischer Mittel. Zur Lösung ökologischer Probleme ist sogar ökonomisches Wachstum bei demokratischer Kontrolle notwendig, um den für den Kapitalis- mus typischen Widerspruch zwischen ökonomischem Wachstum und so- zialer Entwicklung wenigstens abschwächen zu können. Dies jedoch gestattet es, mehr Mittel für den Umweltschutz, für eine völlige Umorientierung der Verkehrs-, der Städte- und Wohnungsbaupolitik usw. bereitzustellen. B. Die Benutzung der Technik als Kriegsmittel gegen die Arbeiter- klasse (Engels) und gegen die Natur hat auch Einfluß auf den Cha- rakter der Technik selbst. Technikkritik hat insofern einen ra- tionellen Kern, denn Technik ist ein Transportmittel von Profi- tinteressen. Dies drückt sich u.a. aus in der Verwandlung riesi- ger Produktivkräfte in Destruktivkräfte gewaltigen Ausmaßes; in unvorstellbarer Ressourcenvergeudung und Umweltschädigung; in menschenverachtender Arbeitsorganisation; in der Orientierung der Produktion und Produktionstechnik allein am Wachstum des Profits und der sich daraus ergebenden Verdichtung der Arbeitsprozesse. Die heutige Qualität der Technik in der Rüstung zeigt, daß ge- sellschaftliche Verhältnisse überlebt sind, welche die Ursache für den Krieg in sich tragen. Die moderne Technik darf nicht mehr als Mittel zur Erreichung politischer Ziele eingesetzt werden. Dies zeigt, daß es durchaus einen inneren Zusammenhang zwischen Technik (also einer der Produktivkräfte) und den Produktionsver- hältnissen gibt. Die moderne Technik, die moderne Qualität der Produktivkräfte ist so gewaltig, daß sie nicht mehr sinnvoll und menschendienlich im Rahmen kapitalistischer Produktionsverhält- nisse eingesetzt werden kann. 3) Die skizzierten destruktiven Tendenzen ergeben sich jedoch nicht aus der Technik. Diese könnte sich auch ganz anders entwickeln. Es liegt doch nicht an der Technik, wenn es statt zur Arbeits- zeitverkürzung zur Arbeitsplatzvernichtung kommt. Es ist nicht richtig, die Technik vom Menschen abzulösen und als selbständiges Subjekt zu sehen, entsteht sie doch aus der Übertragung menschli- cher Fähigkeiten auf Arbeitsinstrumente, auf Arbeitsmittel, um unsere biologisch bedingten Grenzen im Stoffwechselprozeß mit der Natur ausgleichen und überwinden zu können. Insofern ist die Technik doch vom Menschen auf seine Arbeitsmittel übertragene Gattungskraft des Menschen selbst, die dazu dient, unser Leben zu verbessern. Nötig ist also nicht der Abschied von der Technik, sondern von einem unmenschlichen und naturwidrigen System, das Technik zur Ruinierung von Mensch und Natur benutzt. C. Es gibt die Ansicht, wegen heutiger Technik gehe der Gesell- schaft die Arbeit aus, könne der Stellenwert der Arbeit relati- viert werden, wachse die Bedeutung der Freizeit, sei die Abkoppe- lung des Einkommens von der Arbeit, ein garantiertes Mindestein- kommen nötig, verliere die Arbeit ihren Warencharakter und könn- ten die Marktmechanismen beseitigt werden. Für diese neue Reali- tät seien neue Arbeits- und Freizeitutopien nötig. Statt der großen brauchten wir eine mittlere und sanfte Technik, eine ge- brauchswertorientierte Produktion. Statt der manipulierten Be- dürfnisse und der Ethik oder "Religion" der Arbeit brauchten wir den Ausstieg aus dem "Industrialismus", "Konsumismus" und "Wachstumsfetischismus", kurz: eine Revolutionierung der Werte. Nach dieser Auffassung ist die heutige Technik sowohl die Ursache der Krisen als auch die Garantie der Freiheit. Damit wird die Technik zum letztlich bestimmenden Faktor gesellschaftlicher Ent- wicklung (Industrie-Gesellschaftstheorie). Diese Konzeption hält keiner kritischen Prüfung stand. Die Kritik an der Arbeit verwechselt Wesen - Arbeit und Erschei- nung - Arbeit unter kapitalistischen Bedingungen. Der Mensch ist durch Arbeit entstanden, hat sich vermittels Arbeit geschichtlich entwickelt. Er ist das einzige Wesen, das die Bedingungen seiner Existenz durch Arbeit - durch zweckmäßige Tätigkeit zur Hervor- bringung von Gebrauchswerten für die Befriedigung seiner Bedürf- nisse - der Natur abgewinnt. In diesem Prozeß der materiellen und geistigen Aneignung der Natur verändert der Mensch nicht nur die Natur, sondern auch sich selbst, erzeugt er die Kultur, formt er sich als Persönlichkeit. Folglich geht es nicht um die Befreiung von der Arbeit, sondern um deren Befreiung. Die zutiefst men- schliche Lebensäußerung der Arbeit wurde unfrei durch Trennung der lebendigen Arbeitskraft von den Arbeitsmitteln. Arbeit und Aneignung des Erarbeiteten fallen auseinander. Die Aneigner kom- mandieren und beuten die Arbeitenden aus. Den Arbeitenden tritt das eigene Arbeitsprodukt als fremde, sie beherrschende Macht ge- genüber. Die eigene Arbeit wird ihnen zum Zwang, dem sie entflie- hen wollen. In der ersten industriellen Revolution nahmen Maschinen dem Men- schen das materielle Werkzeug aus der Hand, in der heutigen wis- senschaftlich-technischen Revolution nehmen datenverarbeitende Arbeitsmittel ihm auch immer mehr geistige Aktivitäten, die stets als spezifisch menschliche Tätigkeit galten, ab, wird der Produk- tionsprozeß immer wissenschaftlicher. 4) Die Arbeiter werden vom Kapital immer mehr auf das Niveau der Maschinen hinabgedrückt, diese jedoch werden immer "vergeistigter". Im Ergebnis dessen verkehrt sich scheinbar das Verhältnis Mensch (Arbeiter) und Ma- schine: Diese, seine eigenen Produkte, erscheinen ihm als ihn be- herrschende, unberechenbare, gefahrdrohende. In Wirklichkeit steckt in den (auch in den modernsten) Maschinen nichts, außer Naturstoff und Naturgesetzlichkeit, kombiniert mit jenen Fähig- keiten, über die der Mensch selbst verfügt. Nicht die (noch so modernen) Maschinen sind das Problem, sondern die Trennung des Produzenten (Arbeiters) von seinem Produkt (den Maschinen) durch das Kapital. Auch in Zukunft wird die Menschheit die Bedingungen ihres Lebens aus der Natur gewinnen, wird der spezifische Stoff- wechselprozeß des Menschen mit der Natur: die Arbeit, trotz stän- digen Formwandels nicht verschwinden. Die tatsächliche Entwicklung der Beschäftigten widerlegt die Be- hauptung, durch neue Technik gehe der Gesellschaft die Arbeit aus. 5) Trotz wachsender Bedeutung der Freizeit bleibt das Erar- beitete Grundlage für das, was uns in der und für die Freizeit zur Verfügung steht. Trotz Formen relativer Selbständigkeit des nicht-produzierenden Bereichs, auch des Freizeitbereichs, bleiben diese letztlich vom Produktionsbereich abhängig. Ein von Arbeit abgekoppeltes, garantiertes Einkommen für alle ist eine Forderung der Arbeiterbewegung, doch dürfen dabei einige reale Probleme nicht ignoriert werden. Insbesondere darf man nicht der verlogenen bürgerlichen Ideologie zum Opfer fallen, Einkommen sei im Kapitalismus an Arbeit und Leistung gekoppelt. Zweitens kann es nicht um die Trennung von Arbeit und Lohn in der Arbeiterklasse gehen, sondern um die Sicherung des Rechts auf Ar- beit für alle Angehörigen der Arbeiterklasse. Drittens ist selbst in einer kommunistischen Gesellschaft ein "Einkommen", d.h. die Teilnahme an der gesellschaftlichen Verteilung, ohne Arbeit nicht möglich. Die Aufhebung des Warencharakters der Arbeit und damit die Besei- tigung des Marktmechanismus erfolgt nicht durch Einführung neuer Technik. Vielmehr muß dazu die Trennung von Arbeitskraft und Pro- duktionsmittelbesitz aufgehoben, müssen die gesellschaftlich we- sentlichen Produktionsmittel gesellschaftliches Eigentum werden. Ebenso können mittlere oder sanfte Techniken, die im Sozialismus und Kommunismus durchaus ihre Berechtigung haben, die Antagonis- men des Kapitalismus nicht beseitigen. Der Kapitalismus erzeugt tatsächlich manipulierte Bedürfnisse. Die Klärung dieses Problems ist nicht möglich ohne Herausarbei- tung von Kriterien für vernünftige Bedürfnisse. 6) Philosophie, Medizin, Hygiene usw. können rationale Verbrauchsnormen ermit- teln. Sie stellen eine notwendige Voraussetzung zur Begründung vernünftiger Bedürfnisse dar, sind aber noch nicht diese selbst. Hinzu kommen soziale Kriterien politischer, ethischer, ästheti- scher, kurz: ideeller Art. Bedürfnisse dieser Art sind nicht einzelne, für sich existie- rende, losgelöste gesellschaftliche Erscheinungen, sondern stehen im Zusammenhang mit bestimmten Klassenkräften oder sogar sozial- ökonomischen Faktoren. Unter diesem Gesichtspunkt muß klar sein, daß wir bei der Ermittlung vernünftiger Bedürfnisse unter unseren Bedingungen nicht abstrahieren können vom Kapitalismus, in dem wir leben. Konsumverzicht, wenigstens teilweise, des arbeitenden Volkes könnte bei uns ein vernünftiges Ziel sein, w e n n die- ses Land sozialistisch wäre und so das Ersparte zur Hilfe in die "Dritte Welt" ginge. Unter unseren Bedingungen würde Konsumver- zicht der Massen nur die Profite und damit die ökonomische und politische Macht des Großkapitals stärken, ein "unvernünftiges" Ergebnis. Es gibt dessenungeachtet breite Felder des Wirkens gegen manipu- lierte Bedürfnisse: - das Wirken gegen das "Bedürfnis" nach NATO-Sicherheit, - das Wirken gegen das "Bedürfnis" nach "Klassenharmonie", Lohn- verzicht u.a., - das Wirken gegen das "Bedürfnis" nach mehr "innerer Sicher- heit", - das Wirken gegen das "Bedürfnis" nach noch mehr Desinformation. Die These von der Möglichkeit und Notwendigkeit einer gebrauchs- wertorientierten Produktion im Kapitalismus ist irreführend, weil unter solchen Bedingungen Gebrauchswerte nur des Tausches wegen produziert werden, also als Waren, die einen Tauschwert besitzen. Kapitalistische Warenproduktion ist dabei am Profit, nicht am Ge- brauchswert orientiert. Im Sozialismus erfolgt die Produktion, gemäß dem ökonomischen Grundgesetz des Sozialismus, geplant. Der Plan bringt Produktio- nen zur Proportion, nicht Profite, die es im Sozialismus nicht gibt. Gebrauchswerte spielen im Sozialismus eine qualitativ hö- here Rolle als im Kapitalismus, und so wäre der reale Sozialismus eigentlich der Bündnispartner jener Kräfte, die bei uns diese Konzeption verfechten. Freilich darf nicht ignoriert werden: An- gesichts der unterschiedlichen Formen gesellschaftlichen (anfangs auch noch privaten) Produktionsmitteleigentums, angesichts der noch ungenügend entwickelten Produktivkräfte u n d des Standes des Bewußtseins - also der objektiven und subjektiven Bedingungen - muß das Verteilungsprinzip noch das der Leistung, kann es noch nicht das kommunistische der Verteilung gemäß den Bedürfnissen sein. Dies ebenso wie die Austauschbeziehungen zwischen den Be- trieben unterschiedlicher Eigentumsformen macht es notwendig, den gesellschaftlichen Arbeitsaufwand bei der Erzeugung der Produkte zu messen. Das ist auch nötig, um diesen Aufwand zu senken, also Arbeitskraft und Naturressourcen einsparen zu können. Das aber bedeutet, daß auch im Sozialismus die Produktion noch Warenpro- duktion sein muß - freilich nicht mehr kapitalistische Warenpro- duktion ist -, nicht einfach durch eine allein gebrauchswertori- entierte Produktion ersetzt werden kann. Wir gehen - schließlich - auch an das Wachstumsproblem inhaltlich heran. Unter kapitalistischen Bedingungen stimmen ökonomisches Wachstum und soziale Entwicklung nicht überein. Ökonomisches Wachstum bewirkt nicht schon Abbau der Arbeitslosigkeit, Profit- wachstum führt nicht zu Lohnwachstum. Rüstungswachstum geht zu Lasten der sozialen Entwicklung. Wir kämpfen nicht abstrakt gegen oder für ein Wachstum, sondern fragen: Wachstum wessen, wofür, auf wessen Kosten, zu wessen Nutzen? Wir kämpfen gegen Rüstungs- und Profitwachstum, für soziale Entwicklung. Die Lösung dringen- der sozialer Probleme des Umweltschutzes, öffentlichen Verkehrs- wesens, Städte- und Wohnungsbaus usw. erfordert nicht Nullwachs- tum in Ökonomie, Technik und Wissenschaft, sondern deren Entwick- lung bei demokratischer Kontrolle. _____ *) Zu den politischen Schritten und Formen auf dem Weg in diese Zukunft vergleiche den Beitrag von Willi Gerns in diesem Jahr- buch. 1) Probleme des Friedens und des Sozialismus, Nr. 1/1985: Die Ju- gend in der heutigen Welt. Bildung, Arbeit, Leben. S. 130 ff. 2) Ebenda, Nr. 12/1984: Abrüstung - Voraussetzung für die Ent- wicklung, S. 1716 ff. 3) Deutsche Volkszeitung/die tat, 11.1.1985, S. 9, Interview mit Harry Nick. 4) Ebenda in Anlehnung an Arbeiten des sowjetischen Philosophen Kedrow. 5) In der Bundesrepublik gab es 1970 gut 26,6 Millionen Er- werbstätige, 1982 waren es eine Million weniger. Unter Berück- sichtigung der Verschiebungen bei ausländischen Arbeitskräften widerlegen die Zahlen die These vom Ende der Arbeit durch Tech- nik. 6) Sowjetwissenschaft - Gesellschaftswissenschaftliche Beiträge, Nr. 1/1984, S., 53 ff: B. N. Woronzow, Vernünftige Bedürfnisse und ihr Kriterium. zurück