Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 10/1986


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SPIEL UND ONTOGENESE

Zur Diskussion ausgewählter marxistisch begründeter --------------------------------------------------- und psychoanalytischer Ansätze ------------------------------ Karl-Heinz Braun 1. Erinnerung an Fröbels bildungstheoretisch fundierte Spieltheo- rie - 2. Marxistisch begründete Spieltheorien - 2.1 Spieltheorie im Kontext der kulturhistorischen Schule der sowjetischen Psycho- logie (Wygotski, Elkonin) - 2.2 Spieltheoretische Implikationen der Kritischen Behindertenpädagogik (Ferner) - 3. Psychoanalyti- sche Beiträge zur Spieltheorie - 3.1 Theoretische Deutungen des Kinderspiels (S. Freud, Waelder) - 3.2 Von der psychoanalytischen Spieltheorie zur Spieltherapie (Zulliger) - 4. Schlußbemerkung Mit dem Verhältnis von Spiel und Ontogenese ist eine wesentliche Dimension der Beziehung zwischen Psychologie und Pädagogik be- nannt. Der vorliegende Aufsatz fragt einerseits - von Fröbels Spieltheorie ausgehend -, welche Einsichten und Problemperspekti- ven in verschiedenen marxistisch begründeten und psychoanalyti- schen Ansätzen enthalten sind; und er will so andererseits die Umrisse eines materialistischen Spielverständnisses erarbeiten. 1. Erinnerung an Fröbels bildungstheoretisch -------------------------------------------- fundierte Spieltheorie ---------------------- Gewiß haben die Menschen spätestens seit der Zeit, wo sie konti- nuierlich über ein gesellschaftliches Mehrprodukt verfügten, ge- spielt; zu einer eigenständigen theoretischen Reflexion dieser Prozesse kommt es aber - zumindest was die europäischen Diskussi- onstraditionen angeht - erst seit der bürgerlichen Revolution. Die Eigenart dieser frühen Erörterungen bestand u.a. darin, daß sie sich von einer sozialphilosophisch-pädagogischen Gesamtsicht leiten ließen, also noch keine Aufgliederung einzelner Aspekte in verschiedene Wissenschaftsgebiete stattfand. 1) Höhepunkt und Ab- schluß dieser Entwicklungsetappe bildeten die Arbeiten von Fried- rich Fröbel (1782-1852). 2) Ausgangspunkt seiner Überlegungen war die religiös interpretierte Universalität der Welt; diese be- zeichnete er als das "Sphärische", 3) und diese bestimmt die Er- ziehung. "Des Menschen Bestimmung ist es vorzüglich, einmal s e i n e sphärische Natur, dann die Natur des sphärischen We- sens ü b e r h a u p t zu entwickeln, auszubilden, darzustel- len... Für die Entwicklung der sphärischen Natur eines Wesens mit Bewußtsein wirken heißt dieses Wesen erziehen... Erziehung des Menschen ist Entwicklung seiner Kraft für Erkenntnis und seiner Erkenntnis zu und für freie Tat... Die wahre, genügende Menschen- bildung f o r d e r t: Der Mensch werde in Einheit des Geistes und Gemütes aus sich heraus allseitig entwickelt, gebildet, erzo- gen, zur selbsttätigen allseitigen Darstellung der Einheit seines Geistes und Gemütes für vollendete Selbsterkenntnis." 4) In eine solche Auffassung von Erziehung ist zwingend eingelagert die Per- spektive der Einheit von objektiven und subjektiven, von "äußeren" und "inneren", von gesellschaftlichen und individuellen Prozessen; Fröbel forderte: "Der Mensch finde das Äußere im Inne- ren und umgekehrt das Innere im Äußeren, schaue eines in dem an- deren an und stelle eines in dem anderen dar; so sehe er in den äußeren Lebenserscheinungen dessen innere Bedingungen und umge- kehrt." 5) Die damit beabsichtigte B i l d u n g f ü r a l l e liegt grundsätzlich auch im Interesse der spielenden Kinder, hat in deren individueller Freude ihre entscheidende subjektive Ent- wicklungsgrundlage. Diese Freude ist nicht an den äußeren Spiel- gegenstand geknüpft, sondern vielmehr an das, "was das Kind durch denselben darstellen, was es sich unter und bei dem ä u ß e r- l i c h dargestellten in sich v o r s t e l l e n, a n- s c h a u e n und d e n k e n kann,..". Das ist es, "was dem Kinde F r e u d e an dem Spiele verschafft, sein B e f r i e- d i g t s e i n durch dasselbe bewirkt...". Pädagogisch am förderlichsten ist daher ein Spielgegenstand, "durch und mit welchem es am meisten gestalten und ausführen, d. h. in sich die meisten und befriedigendsten Vorstellungen, Einbildungen und Phantasien so lebendig hervorrufen kann, als schaue es dieselben, wenn auch in den unvollkommensten Umrissen und Darstellungen wirklich in sich und außer sich." 6) Das Spiel ist somit sowohl eine (logisch verstandene) B i l d u n g s s t u f e wie auch eine L e b e n s s t u f e, es charakterisiert die Spezifik der kindlichen Welt- und Selbstsicht, ist die spezifische Art, wie sich das Kind die Welt a n e i g n e t 7) und damit seine eige- nen Entwicklungsmöglichkeiten realisiert. Diese Verwirklichung der "irdischen Bestimmung" des Kindes besteht darin, "durch all- seitige D a r s t e l l u n g s e i n e r I n n e n w e l t, durch lebenvolle A u f n a h m e d e r A u ß e n w e l t u n d durch prüfende V e r g l e i c h u n g b e i d e r zu der E r k e n n u n g d e r E i n h e i t, zu der E r k e n n t n i s d e s L e b e n s an sich und zum treuen N a c h l e b e n nach den Forderungen desselben zu gelangen." 8) Diese Verschränkung ist nun selber ein Entwicklungsprozeß, der eigenständige Qualitäten aufweist; d.h., das Spiel entwickelt sich mit dem Kind - und umgekehrt, es ist also Entwicklungsbedin- gung und Entwicklungsform, ist Ausdruck und Möglichkeit der Ent- faltung individueller Subjektivität. "So wie... in dem vorigen Zeiträume, dem des Kindesalters, nur T ä t i g k e i t an sich Zweck des Spieles war, so ist jetzt dessen Zweck immer ein be- stimmtes, sich bewußtes Ziel, so ist er jetzt die D a r s t e l l u n g als solche, das Darzustellende selbst, welcher Charakter der freien Knabenspiele in dem fortschreitenden Alter sich immer mehr ausbildet..." 9) Dabei sind die Spiele die- ser Entwicklungsstufe, "wo es nur immer möglich ist, gemeinsam, und so den Sinn und das Gefühl für das Gemeinsame, das Gesetz und die Forderungen des Gemeinsamen entwickelnd. Der Knabe sucht sich in seinen Genossen zu sehen, sich in denselben zu fühlen, sich an denselben zu messen, zu wägen, sich durch dieselben zu erkennen und sich durch sie zu finden; so wirken und bilden die Spiele un- mittelbar fürs Leben, wecken und nähren viele bürgerliche und sittliche Tugenden." 10) Wir sehen also, daß Fröbel dem Kind nicht in abstrakter Weise seine Subjektivität, sein Menschsein zuschrieb, sondern daß er von einem inneren Spannungsverhältnis zwischen mensch- lich(-göttlicher) Qualität und der Entwicklung dieser Qualität ausging und diese versuchte zu rekonstruieren. Die schon erwähnte Freude am Spiel hatte für Fröbel ihre zentrale Grundlage in der so entstehenden Möglichkeit, die eigene Hilflosigkeit zu überwin- den. "Dieser U n b e h i l f l i c h k e i t des Kindes und seinem Streben sich selbst zu beschäftigen gegenüber entwickelt sich nun in demselben die K r a f t und besonders der e i g e n e W i l l e..., er tut sich in dem Menschen als einem zum Bewußtsein bestimmten und auf der Straße des Bewußtwerdens stehenden Wesen kund. Und so steigert die Unbehilflichkeit, indem sie überwunden wird, die Kraft und den Willen des Kindes, wie des Menschen überhaupt; und in dieser Selbststeigerung der Kraft aus eigenem Willen zeigt und offenbart sich das Kind eben als Mensch, durch sie kommt der Mensch, das Kind zur Selbsterkenntnis und zum B e w u ß t s e i n seiner selbst, seiner menschlichen und sei- ner Lebensverhältnisse überhaupt." 11) Eben weil es sich um den Entfaltungsprozeß menschlicher Subjektivität auf kindlichem Ni- veau handelt, deshalb ist die U n t e r s t ü t z u n g durch die Erwachsenen unabdingbar, zugleich ist das Spiel aber auch ein wesentliches E r k e n n t n i s m e d i u m bezogen auf die kindliche Subjektivität. 12) Für unseren Diskussionszusammenhang ist an Fröbels Spieltheorie dreierlei entscheidend: 1. Durch ihre bildungstheoretische Fundierung (die manchmal durch klerikale und romantische Momente unklar bleibt), begriff sie Spiel als eine spezifische Lebensform der Kinder, als besondere Form der Weltaneignung. Auch für die Spielpädagogik ist die Er- kenntnis wichtig, daß zwischen der vorhandenen objektiven Univer- salität und der möglichen subjektiven Universalität die Allge- meinbildung vermittelt (verstanden als Bildung für alle, im Me- dium des Allgemeinen und aller Fähigkeiten, Fertigkeiten, Bedürf- nisse usw.). 2. Alle Erziehungsprozesse müssen die Hilflosigkeit und Abhängig- keit der Kinder mindern und ihre Selbsttätigkeit im Kontext sozi- aler Gemeinschaften fördern; dafür tragen die Erwachsenen (Eltern, Erzieher) wesentliche Verantwortung. 3. Die gesamten Erziehungsprozesse zergliedern sich logisch-sy- stematisch in zwei Bereiche: das S p i e l und den U n- t e r r i c h t, wobei der Unterricht logisch das Spiel vor- aussetzt. 13) In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen sich die ge- schlossenen spieltheoretischen Entwürfe aufzulösen, und die ver- schiedenen Einzelwissenschaften und Spezialdisziplinen untersuch- ten von da an relativ isoliert voneinander nur noch bestimmte Aspekte der Spieltätigkeiten. Selten sind die Bemühungen, diese Zunahme an Einzelerkenntnissen wieder einem Gesamtkonzept zugute kommen zu lassen. Neben Buytendijk, Groos und Piaget 14) gehören die Arbeiten von Elkonin zu den relevanten Ausnahmen von dieser Haupttendenz. 2. Marxistisch begründete Spieltheorien --------------------------------------- 2.1 Spieltheorie im Kontext der kulturhistorischen Schule --------------------------------------------------------- der sowjetischen Psychologie (Wygotski, Elkonin) ------------------------------------------------ Bereits der (Mit-)Begründer der kulturhistorischen Schule der so- wjetischen Psychologie, Wygotski, hatte sich mit der Spielproble- matik beschäftigt; seine diesbezüglichen Bemerkungen sind zwar recht knapp, aber dennoch wegweisend. Das betrifft insbesondere seine Einsicht, daß das Spiel nicht die Bestimmung der Gesamtent- wicklung der Vorschulkindheit ausmacht, sondern "nur" eine spezi- fische Dimension. Das Spiel entsteht daraus, daß sich beim Kind (ab dem dritten Lebensjahr) viele Bedürfnisse und Wünsche entwic- keln, "die sich zwar nicht sofort realisieren lassen, jedoch als Wünsche bestehenbleiben. Andererseits bleibt bei ihm fast völlig auch die Tendenz erhalten, die Wünsche sofort zu realisieren... Hieraus entspringt das Spiel." Es "ist als eingebildete, illusio- näre Realisation unrealisierbarer Wünsche zu verstehen. Die Phan- tasie ist eben jene Neubildung, die es im Bewußtsein des Klein- kindes noch nicht und beim Tier überhaupt nicht gibt." 15) Daraus ergibt sich aber auch zwingend, daß das Spiel n i c h t die do- minierende Tätigkeit des Kindes sein kann. "In den wichtigsten Lebenssituationen ist das Verhalten des Kindes seinem Verhalten im Spiel diametral entgegengesetzt. Im Spiel ordnet sich seine Handlung der Bedeutung unter, im realen Leben dagegen hat seine Handlung bezogen auf die Bedeutung natürlich den Vorrang ... Also haben wir im Spiel... das Negativ des allgemeinen Lebensverhal- tens des Kindes vor uns. Deshalb wäre es völlig unbegründet, daß Spiel für den Prototyp der Lebenstätigkeit des Kindes, für die überwiegende Tätigkeitsform zu halten." 16) Damit soll die Bedeu- tung des Spiels keineswegs an den Rand gedrängt werden, sondern überhaupt erst der Blick frei werden für seine zentrale e n t w i c k l u n g s f ö r d e r n d e Funktion. "Im Prinzip bewegt sich das Kind durch die Spieltätigkeit fort. Nur in diesem Sinne kann das Spiel als führende Tätigkeit bezeichnet werden, das heißt als Tätigkeit, die in der Entwicklung des Kindes be- stimmend ist." 17) Elkonin hat sich diese Grundbestimmungen zu eigen gemacht und sie hinsichtlich der gesellschaftlich-historischen Voraussetzungen und er ontogenetischen Verlaufsformen näher untersucht. 18) Ge- sellschaftsgeschichtlich war die zunehmende Komplexität des Pro- duktionsprozesses und der durch ihn begründeten Arbeitstätigkei- ten entscheidender Grund für die Herausbildung von Spielen. Wäh- rend es in den frühen Phasen der sogenannten "Urgesellschaft" noch möglich war, daß die Kinder unmittelbar am gesellschaftli- chen Lebenssicherungsprozeß teilnahmen (wobei sie dies am Ausgang dieser Epoche bereits "nur" durch Werkzeuge im v e r k l e i- n e r t e n Maßstab tun konnten), bedurfte es dann einer immer aufwendigeren V o r b e r e i t u n g auf diese Tätigkeiten. In diesem Zusammenhang entsteht nicht nur das Spielzeug, sondern auch - historisch übrigens etwas später - die von Elkonin so genannten "Rollenspiele". 19) Wichtig an diesen Tendenzen ist die Tatsache, daß seit der gegenüber dem Einzelindividuum relativ verselbständigten Produktionstätigkeit (sie erhält eine eigenständige, von den einzelnen Individuen relativ verselb- ständigte Entwicklungsqualität) und der dadurch möglichen Siche- rung eines kontinuierlichen gesellschaftlichen Mehrproduktes S p i e l und A r b e i t zwar aufeinander bezogene, aber zugleich auch unterschiedene Prozesse und Tätigkeiten sind. Seit dieser Zeit also entwickeln sich die Kinder in objektiv-gesell- schaftlich angebotene Spielmöglichkeiten hinein. Diese Hineinentwicklung erfordert aber auf der individuellen Seite bestimmte Voraussetzungen. Sie bestehen einmal in der Fä- higkeit, die gegenständliche Umwelt zu untersuchen und sich in ihr zu orientieren, wobei die "Eingriffe" in die Wirklichkeit sich auf unmittelbare Manipulationen beschränken. Gegen Ende die- ser Entwicklungsetappe 20) kommt es dann zu einer Verknüpfung der Gegenstandsmanipulationen mit der gemeinsamen Tätigkeit von Kin- dern und Erwachsenen. Schon hier also werden o p e r a t i v e und s o z i a l e (interpersonale) Momente (wenn auch noch rein äußerlich) miteinander verknüpft. Dem folgen dann entwicklungslo- gisch die g e g e n s t ä n d l i c h e n S p i e l e (die Ge- genstände werden entsprechend ihrem unmittelbaren Gebrauchswert verwendet) und das S p i e l e n m i t E r s a t z g e g e n- s t ä n d e n (z.B. ein Stöckchen für ein Fieberthermometer), bzw. mit einzelnen S p i e l s a c h e n (Puppen, Tieren, Autos usw.). Um nun dieses neue Handlungsniveau genauer zu bestimmen, führt E l k o n i n zwei zentrale Begriffe ein: Für ihn besteht das S u j e t d e s S p i e l s in jenem "Bereich der Wirklichkeit, den die Kinder in ihrem Spiel reproduzieren. Die Spielsujets sind ... außerordentlich vielfältig und widerspiegeln die konkreten Lebensbedingungen des Kindes. Sie ändern sich, abhängig von den konkreten Lebensbedingungen des Kindes und davon, wie sich sein Gesichtskreis weitet." 21) Den I n h a l t d e s S p i e l s bildet für ihn das, "was das Kind als zentrales, als charakteristisches Moment der Tätigkeit von Erwachsenen und der Beziehungen zwischen ihnen bei der Arbeit und im gesellschaftlichen Leben reproduziert. Im Spielinhalt kommt zum Ausdruck, wie tief das Kind die Tätigkeit der Erwachsenen erfaßt hat; eventuell offenbart sich in ihm nur die äußere Seite der menschlichen Tätigkeit, nur das, womit der Mensch handelt, oder aber die Beziehungen des Menschen zu seiner Tätigkeit und zu anderen Menschen oder auch die gesellschaftliche Bedeutung der Arbeit des Menschen." 22) Indem sich nun die Handlungen des Kindes gegenüber den unmittel- baren Gegenständen beginnen zu verselbständigen, bilden sich die Voraussetzungen für den Übergang zum R o l l e n s p i e l her- aus, 23) und in ihm sieht Elkonin (in Übereinstimmung mit Wy- gotski) die "eigentlichen", die bedeutsamsten Entwicklungsmomente des Spiels verwirklicht. Als Resümee vieler genetisch-experimen- teller Untersuchungen unterschied er vier Niveaus von Rollenspie- len: 24) 1. S p i e l n i v e a u: Kern des Spielinhaltes sind Handlun- gen mit Gegenständen, die sich auf die Mitspieler beziehen; die Rolle wird noch durch den Charakter der Handlung bestimmt, sie ist einförmig und besteht aus einer Reihe sich wiederholender Operationen. 2. S p i e l n i v e a u: Zwar ist auch weiterhin die Handlung mit den Gegenständen Hauptinhalt, aber die Übereinstimmung mit der realen Handlung tritt in den Vordergrund. Ferner benennen die Kinder die Rollen selber, und die Handlungslogik wird durch die reale Reihenfolge bestimmt und Verstöße dagegen werden abgelehnt. 3. S p i e l n i v e a u: Jetzt wird die Ausführung einer Rolle zum Hauptinhalt, und sie bestimmt Logik und Charakter einzelner Handlungen, wobei diese Rollen genau festgelegt und verteilt sind und Verstöße gegen die Handlungslogik nicht hingenommen werden. 4. S p i e l n i v e a u: Zum Hauptinhalt werden jetzt die Be- ziehungen zu den von den Kindern gespielten Personen, wodurch auch die Rollen klar festgelegt werden und die verwendete Sprache Rollencharakter erhält. Die vielfältigen Handlungen der gespiel- ten Personen machen die exakte Handlungslogik aus, und Verstöße dagegen werden kritisiert. Diese vier Entwicklungsniveaus lassen sich nun nochmals in zwei Hauptstadien zusammenfassen: Niveau 1 und 2 bilden das erste und Niveau 3 und 4 das zweite. "Im ersten Stadium (3-5 Jahre) sind sozial gerichtete gegenständliche Handlungen, die mit der realen Handlungslogik verglichen werden, Hauptinhalt des Spiels. Im zweiten Stadium (5-7 Jahre) werden die sozialen Beziehungen zwi- schen den Menschen und die gesellschaftliche Bedeutung ihrer Tä- tigkeit zum Hauptinhalt, und verglichen wird mit den realen Be- ziehungen zwischen den Menschen." 25) Mit diesem Niveau des Rol- lenspiels hat das Spiel die höchste entwicklungsfördernde Funk- tion erreicht; danach übernimmt das L e r n e n diese Aufgabe und das Spiel wird zu einem das Lernen ergänzenden, unterstützen- den, manchmal gewiß auch hemmenden Moment. Soweit die knappe Darstellung von (Wygotskis und) Elkonins Spiel- theorie; an ihr ist zunächst positiv hervorzuheben: 1. Das Spiel wird - in Übereinstimmung mit Fröbel - als eigen- ständige Bildungsstufe gefaßt. Es wird zugleich - im Unterschied zu Fröbel - nicht als das bestimmende Moment der Gesamttätigkeit begriffen, sondern als das entscheidende Entwicklungsmoment. Die darin eingeschlossene Differenzierung zwischen Spiel und Entwick- lung/Ontogenese und der damit implizierte e n g e r e Spielbe- griff erscheint sinnvoll und ist ein Erkenntnisfortschritt. 2. Das Spiel wird gesellschaftshistorisch und ontogenetisch in einen Bezug zum gesellschaftlichen Arbeitsprozeß als dem Prozeß der spezifisch menschlichen, verallgemeinerten Vorsorge und Re- alitätskontrolle gestellt, ohne daß ein lineares, plattes Deduk- tionsverhältnis postuliert wird. Dies kommt besonders darin zum Ausdruck, daß im Spiel sowohl das sich E n t f e r n e n von der und das E i n d r i n g e n in die Realität betont werden, also die spezifisch kindliche Weise, sich eine gnostische Distanz als Voraussetzung zur Wirklichkeitserkenntnis zu schaffen. 3. Im Unterschied zu Fröbel (in manchem vielleicht auch nur deut- licher als bei ihm) wird betont, daß es ein ontogenetisches Ent- wicklungsniveau v o r dem Spiel gibt, dessen Realisierung erst die individuellen Voraussetzungen schafft für das Spielen. 4. Ebenfalls im Einklang mit/im Anklang an Fröbel wird das we- sentliche Moment der inneren Verschränkung von Spiel- und Persön- lichkeitsentwicklung in der schrittweisen Aufhebung der operati- ven Momente in den interpersonal-sozialen Momenten gesehen. Dazu werden eine ganze Reihe interessanter aktualempirischer Materia- lien vorgelegt. Neben diesen wichtigen, vorwärtsweisenden Aspekten sind aber auch einige kritischere Bemerkungen notwendig: 26) 1. Sosehr die Unterscheidung zwischen Spiel und Ontogenese rich- tig und wichtig ist und so interessant die Entwicklung der Spiel- prozesse herausgearbeitet wird, sosehr vermißt man ein Konzept der o n t o g e n e t i s c h e n E n t w i c k l u n g s- n o t w e n d i g k e i t e n, denn erst aus ihnen ließe sich ja genauer begründen, w e l c h e n entwicklungsfördernden Stel- lenwert Spielprozesse haben. Im Gegensatz zu Elkonin hat die Kritische Psychologie ein solches Konzept erarbeitet; 27) dafür hat sie sich bisher wenig mit der Spielproblematik beschäftigt, und deshalb soll an dieser Stelle nur eine grundlegende Hypothese dazu geäußert werden: In Übereinstimmung mit Elkonin ist davon auszugehen, daß - durch die qualitativen Umgestaltungen während des Tier-Mensch-Übergangsfeldes (TMÜ) - festgelegte individuelle Entwicklungsfolgen bzw. -phasen aufgehoben wurden (entsprechende physiologische Reifungsprozesse sind für die spezifisch menschliche Ontogenese nicht bestimmend) und so auch die lebenslange Lern- und Entwicklungsfähigkeit entstand. Die Rekonstruktion ontogenetischer Entwicklungsnotwendigkeiten er- folgt daher nicht über chronologische Etappen, sondern über die Herausarbeitung von Qualitätsstufen, die jeweils zumindest er- reicht werden müssen, um einmal die jeweils nachfolgende Quali- tätsstufe und zum anderen insgesamt die Herausbildung der Hand- lungsfähigkeit verständlich zu machen. D.h. aus der spezifischen Qualität der Handlungsfähigkeit wird mittels eines r e g r e s- s i o n s l o g i s c h e n Verfahrens die l o g i s c h e Genese der Handlungsfähigkeit erschlossen (es wird also vom Höheren zum Niederen zurückgegangen). Die sich dabei ergebenden Entwicklungszüge im Sinne von entwicklungslogischen Sequenzen sind (jetzt vom Niederen zum Höheren betrachtet): der onto- genetische Vorlauf, der Entwicklungszug der Bedeutungsverall- gemeinerung, der der Unmittelbarkeitsüberschreitung und schließ- lich der der voll entwickelten Handlungsfähigkeit. Elkonin kann zumindest plausibel machen, daß es innerhalb des ontogenetischen Vorlaufs, in dem sich das Kleinkind durch Probieren und Be- obachten in operativer Weise die Welt aneignet, keine Spielpro- zesse gibt. Auch in der Zwischensequenz der Sozialintentionali- tät, in der das Kleinkind seinen Umweltausgriff auf die sozialen und personalen Bereiche ausdehnt, indem es die Absichten anderer Personen beginnt zu beeinflußen und dabei selbst in immer "verallgemeinerter" Weise Absichten herauszubilden (wobei diese sozialintentionalen Momente quasi neben den operativen stehen), sind keine Spielprozesse vorfindlich. Das Spiel gehört also - dies ist die Hypothese - in den Entwicklungszug der B e d e u- t u n g s v e r a l l g e m e i n e r u n g. Denn in ihm ent- wickelt das Kind jene für die Spielprozesse erforderliche bzw. durch sie geförderte u n m i t t e l b a r e K o o p e r a- t i v i t ä t. In ihm beginnt es die Tatsache zu erkennen, emotional-motivational zu bewerten und praktisch umzusetzen, daß die es umgebende Realität s a c h b e z o g e n e V e r a l l- g e m e i n e r u n g e n enthält, also verallgemeinerte B r a u c h b a r k e i t e n wie auch - was Elkonin leider völlig übersieht - verallgemeinerte H e r s t e l l u n g s- absichten. Aus dem kindlichen Machen auf dem Niveau des Probie- rens und Beobachtens wird jetzt ein verallgemeinertes Gemacht- sein-Zu, es findet also eine soziale Verallgemeinerung und soziale Dezentralisierung statt; zugleich finden sich erste Ansätze einer begrifflich-symbolischen Sprachaneignung. Es ist nun sehr wichtig hervorzuheben, daß diese Prozesse allesamt auf dem Niveau der U n m i t t e l b a r k e i t verbleiben, daß also diese Art der Kooperativität in k e i n e m Fall mit der des gesamtgesellschaftlichen Produktions- und Reproduktions- prozesses verwechselt werden darf! Die Überschreitung dieser Unmittelbarkeit des Kooperationsrahmens ist dem auch so benannten Entwicklungszug der Unmittelbarkeitsüberschreitung und der Bildungsstufe des Unterrichts vorbehalten (dies ist selbst- verständlich logisch-systematisch und nicht realbiographisch ge- meint). Im Gang der weiteren Diskussionen sollte diese Beziehung zwischen dem Entwicklungszug der Bedeutungsverallgemeinerung und den von Elkonin (und Wygotski) in zentralen Punkten gewiß richtig charakterisierten Spielprozessen näher erörtert werden. 2. Zumindest implizit geht Elkonin von einer entwicklungsiniti- ierenden Diskrepanz zwischen der gesellschaftlich notwendigen Handlungsfähigkeit der Erwachsenen und der vorfindlichen Handlungsfähigkeit der Kinder aus (dieser Gedanke fand sich - wie wir sahen - auch schon bei Fröbel). Unklar bleibt aber, wie dieses ä u ß e r e Widerspruchsverhältnis zu einem i n n e- r e n werden kann. Den Weg zur Lösung erschwert sich Elkonin dadurch, daß er einen äußeren Gegensatz zwischen b i o l o- g i s c h e n und s o z i a l e n Entwicklungsmomenten annimmt 28) und so übersieht, daß die m e n s c h l i c h e N a t u r auf Grund der genetischen Veränderungen im TMÜ die g e s e l l- s c h a f t l i c h e N a t u r d e s M e n s c h e n ist. Diese gesellschaftliche Natur ist nun kein Fixum o.ä., sondern eine allgemeine, nicht unterschreitbare R i c h t u n g s b e- s t i m m u n g der individuellen Vergesellschaftung. Weil sie also die "innere" Seite der Vergesellschaftungsnotwendigkeiten und -möglichkeiten bildet, k a n n und w i l l sich das menschliche Individuum vergesellschaften. Sofern dies gelingt, kann das Individuum seine Abhängigkeiten immer mehr reduzieren, seine eigenen Angelegenheiten immer mehr in die eigenen Hände nehmen (wobei es sich zur Lösung gesellschaftlich verursachter Entwicklungsschwierigkeiten immer mehr mit anderen Menschen zusammenschließt) und können so auch seine Bedürfnisse immer mehr eine Quelle des Glücks und der Zufriedenheit werden und immer weniger eine Quelle der Angst und des Leidens sein. In diesem Widerspruchsverhältnis von Angst und Glück liegt der subjektive "Motor" der personalen Entwicklung (das macht auch den realen Kern von Fröbels Überlegungen zum Verhältnis von "Überwindung der Hilflosigkeit" und "Selbsttätigkeit und Entwicklungsfreude" der Kinder aus). 3. Wygotskis und Elkonins Theorie ist unter den Bedingungen des Sozialismus in der Sowjetunion entstanden. Sie kann daher zu Recht davon ausgehen, daß es keine antagonistischen Widersprüche zwischen den dominanten gesellschaftlichen Verhältnissen und den sich daraus ergebenden gesellschaftlichen Werten und Normen, den Zielen der Erziehungsinstitutionen und -personen und den kindli- chen Entwicklungsinteressen gibt. Problematisch ist nun einer- seits, daß diese prinzipiellen Voraussetzungen nicht benannt wer- den, ja, daß häufig sogar konkret-historische empirische Befunde aus kapitalistischen Ländern (z.B. die von Piaget) relativ direkt mit denen aus sozialistischen Ländern verglichen werden und sich dadurch eine formalisierende Tendenz in die Gesamtargumentation einschleicht. Auch in psychologischen Fragen ist aber größte theoretische Klarheit hinsichtlich der F o r m a t i o n s- s p e z i f i k aus wissenschaftlichen wie auch und besonders aus politischen Gründen unabdingbar. Zum anderen wäre es natürlich recht interessant zu wissen, wie sich die (keineswegs zu verharmlosenden) n i c h t a n t a g o n i s t i s c h e n Widersprüche der sozialistischen Gesellschaften auf die individuellen und institutionellen Erziehungsprozesse auswirken. 29) 4. Ein m e t h o d i s c h e s Kernproblem besteht darin, daß zwischen allgemein-menschlichen Bestimmungen (die Kritische Psy- chologie bezeichnet diese als k a t e g o r i a l) und solchen historisch-spezifischer Art (diese werden als e i n z e l- t h e o r e t i s c h bezeichnet) nicht hinreichend deutlich unterschieden wird. Damit wird auch verdunkelt, daß beide Arten theoretischer Anstrengungen unterschiedlicher empirischer Ab- sicherung bedürfen (Kategorien werden historisch-empirisch, Einzeltheorien aktualempirisch fundiert). Bei den jeweiligen Erörterungen ist daher häufig unklar, ob es sich um kategoriale oder einzeltheoretische Überlegungen und Erwägungen handelt und ob somit die angemessenen empirischen Befunde eingebracht werden können. Bezogen auf unser unmittelbares Thema ist insgesamt offen, ob das Spiel eine allgemeinmenschliche Tatsache ist und der Begriff daher kategorialen Rang hat oder ob es sich auf historisch-spezifische Epochen beschränkt. Die methodischen Un- klarheiten Elkonins haben gewiß auch dazu beigetragen, daß er hierzu keine klare Position bezieht. 5. Ein unmittelbarer begrifflicher Mangel ist zweifellos die Ver- wendung des Begriffs der Rolle bzw. des Rollenspiels. Der wesent- liche reale Kern der Sachverhalte, die Elkonin und Wygotski damit bezeichnen, besteht darin, daß das Kind auf jener Entwick- lungsstufe sich mit bestimmten Aspekten der gesellschaftlichen Positionen der Erwachsenen und ihrer Realisierung auseinander- setzt, daß hier also gesellschaftlich hervorgebrachte Anforderun- gen im Sinne von Entwicklungsangeboten und Handlungsmöglichkeiten in kindspezifischer Weise transformiert und damit zugänglich ge- macht werden (einschließlich der dadurch entstehenden Hand- lungs a l t e r n a t i v e n). Aber der Begriff der Rolle bzw. des Rollenspiels deckt das nicht zutreffend ab, weil er a) die gesellschaftliche Produziertheit und Veränderbarkeit ausklammert und weil er b) die Normen und Werte als Handlungsziele in einer ungeklärten Beziehung zu den materiellen gesellschaftlichen Ver- hältnissen beläßt und sie so zum Teil ihres historisch-konkreten Inhalts beraubt. Soweit unsere Erwägungen zu den kulturhistorischen Spielkonzep- tionen. 2.2 Spieltheoretische Implikationen ----------------------------------- der Kritischen Behindertenpädagogik (Feuser) -------------------------------------------- Wir wollen unsere spieltheoretischen Erörterungen an einem exem- plarischen Bereich weiterführen und vertiefen, nämlich der g e m e i n s a m e n Erziehung von behinderten und nichtbehin- derten Kindern. Im Kontext der Kritischen Behindertenpädagogik hat Feuser 30) - auf die Parallelität dieser Bestrebungen mit denen der Kritischen Psychologie explizit verweisend 31) - eine Reihe von Überlegungen auf der Grundlage eines Kindergartenpro- jektes in Bremen-Huchting vorgetragen, dessen erste Ansätze vom November 1981 datieren und dessen Hauptforschungsphase im August 1982 begann und gegenwärtig vor dem Abschluß steht. Im direkten Anschluß an Leontjew 32) und mit deutlich anderer Ak- zentuierung als Elkonin und Wygotski gehen Feuser und seine Prak- tiker- und Forschergruppe davon aus, daß das S p i e l die d o m i n i e r e n d e Tätigkeit des Vorschulkindes ist. Gerade deshalb kommt dem Kindergarten eine zentrale Bedeutung in doppel- ter Hinsicht zu: Er ist der erste Ort, an dem es zum instituti- onsbedingten Ausschluß behinderter bzw. von Behinderung bedrohter Kinder kommen kann; er ist aber zugleich auch der Ort, an dem dies wirksam verhindert werden kann. 33) Eine auf Integration zielende Praxis muß dabei eine integrative Pädagogik zum Pendant haben, muß die Abgetrenntheit der Behindertenpädagogik von der allgemeinen Pädagogik überwinden - und zwar nicht auf Grund einer karitativ-humanen Einstellung, sondern auf Grund des theoretisch begründeten Wissens, daß bei a l l e n Menschen die grundlegen- den Prozesse der Persönlichkeitsentwicklung im Prinzip g l e i c h verlaufen. "Behinderung ist mithin nicht ein 'pathologisches', sondern ein 'entwicklungslogisches' Ergebnis des Versuches des Menschen, sich an ihn isolierende Bedingungen bestmöglich anzupassen und seine individuelle Existenz mittels dieser Anpassung an und der Aneignung von isolierenden Bedingun- gen zu erhalten." 34) Praktisch gewendet bedeutet dies einerseits eine grundlegende Relativierung der Unterscheidung zwischen be- hinderten und nichtbehinderten Kindern; 35) und andererseits eine institutionelle Umgestaltung im Sinne der Regionalisierung, der Dezentralisierung, der gemeinsamen Planung der Lernangebote (in förderungsdiagnostischer, curricularer und methodischer Hinsicht) und der Sicherung des Kompetenztransfers als Element der Herstel- lung kollektiver pädagogischer Handlungsfähigkeit. 36) Was nun die unmittelbar-interpersonalen Prozesse betrifft, so muß eine so verstandene integrative Pädagogik einerseits darauf ach- ten, daß Erwachsene mit einer entsprechenden Fachkompetenz vor- handen sind, die die kindlichen Entwicklungsprozesse absichern und unterstützen können. Dazu gehören neben allgemein-pädagogi- schen und allgemein-didaktischen Fähigkeiten auch solche, die speziell auf die Entwicklungsförderung geschädigter bzw. behin- derter Kinder ausgerichtet sind. Neben der Arbeit von Krankengym- nasten/-gymnastinnen wäre hier besonders auf das Konzept der/des Stützpädagogin/-en zu verweisen, die/der im Rahmen der Arbeit ei- nes Regelkindergartens die Bereiche der medizinischen und neuro- physiologischen Probleme, der Förderungsdiagnostik, der Lernziel- und Handlungsstrukturanalyse, der Lernpsychologie/Psychotherapie vertritt, die/der andere Mitarbeiter/-innen berät und auch selbst praktisch in den Gruppen tätig ist. Andererseits ist es für eine pädagogische Sichtweise, die die Kinder als sich entwickelnde Subjekte anerkennt und fördert, cha- rakteristisch, daß sie auch die interpersonalen Unterstützungs- und Absicherungsprozesse zwischen den Kindern selbst fordert und fördert. Daraus entspringen wichtige Erfahrungen für eine D i d a k t i k d e s R e i f e n s. Dabei ist eine gewisse erzieherische Einflußnahme notwendig, "um den nichtbehinderten Kindern zu vermitteln, daß sie die behinderten Kinder nicht mit Hilfestellungen und anderen fürsorglichen Maßnahmen überschütte- ten. Sie imitierten einfach die Funktion des Zivildienstleisten- den, des Therapeuten oder des Stützpädagogen und übernahmen der- art ganz selbstverständlich viele Aufgaben, die im Rahmen einer Sondereinrichtung Personal über Personal und Therapie über Thera- pie erforderlich machen würde. Aber die Kinder lernten sehr rasch, daß Hilfe nicht nur etwas ist, das man einem anderen ge- genüber gewährt, sondern daß Hilfe auch etwas ist, das ein ande- rer ganz selbstverständlich von einem fordern kann, daß Hilfe et- was ist, über das man sich unterhalten und auseinandersetzen muß. Darauf aufmerksam geworden, gelang es recht bald, die Kinder da- für zu sensibilisieren, daß das Angebot der Hilfe nicht damit identisch ist, sie auch sofort durchzuführen, sondern das behin- derte Kind erst zu fragen ist, ob die angebotene Hilfe auch mit seinen Bedürfnissen übereinstimmt, wie die behinderten Kinder ih- rerseits lernten, nicht irgendeiner Hilfe zu harren, was sie zum Teil aus ihrer Behandlung in den Sondereinrichtungen heraus ge- wöhnt waren, sondern Hilfe zu fordern und in einer Art und Weise zu verlangen, wie es den Bedürfnissen des Behinderten entspricht und nicht, wie es für die Erwachsenen oder die Gruppe erst einmal einfacher wäre." 37) Indem die Kinder dies lernen, sind sie in vielem auch den anderen Erwachsenen, besonders ihren Eltern, vor- aus, können i h n e n erläutern, wie man mit geschädig- ten/behinderten Kindern gemeinsam handelt, worauf man achten muß, was man tunlichst lassen sollte (die Elternarbeit war ein wesent- liches Moment der gesamten Projektarbeit). Anders ausgedrückt: Eine derartige Erziehungsstrategie orientiert sich am übergrei- fenden und verallgemeinerten Entwicklungsinteresse a l l e r Personen - und fordert von jedem einzelnen auch eine solche Ent- wicklungsfähigkeit und -bereitschaft. Das darf - wie auch dieses Projekt zeigt - nicht nur postuliert werden, sondern man muß auch konkrete Wege und Schritte überlegen, diskutieren, beschließen, umsetzen und auswerten, die den jeweiligen Pädagoginnen/-en und ihren/seinen bestimmten allgemeinen, politischen und pädagogi- schen Auffassungen die Möglichkeit bieten, Neues zu lernen und zu praktizieren. Das Projekt hat daher zu Recht viel Wert auf die Vorbereitung, die laufende Praxisbegleitung und die Fortbildung der Erzieherinnen/-er gelegt. 38) Es darf als ein großes Kompli- ment an die Projektgruppe angesehen werden, wenn die Leiterin des Kindertagesheimes insgesamt zu der Auffassung gelangt: "Auch wenn kein behindertes Kind in der Einrichtung wäre, scheint uns die veränderte pädagogische Arbeitsweise notwendig." 39) Zum Abschluß wollen wir noch ein Problem aufwerfen, welches die Projektgruppe und Beteiligten immer stärker beschäftigt: die Fortführung dieser integrativen Erziehung in der R e g e l- g r u n d s c h u l e. Es ist nämlich keinesweges selbstver- ständlich, ja sogar im Gegenteil unüblich, daß in den Regelschulen behinderte/geschädigte mit nichtbehinderten Kindern (erstere mit entsprechenden pädagogischen Stützungsangeboten) lernen. Deshalb bedurfte es vielfältiger pädagogischer, bildungs- politischer und allgemein-politischer Anstrengungen a l l e r Betroffenen, um - zunächst einmal - durchzusetzen, daß alle Kin- der dieses Kindertagesheimes in eine Regelgrundschule übernommen wurden. Damit ist auch auf einen grundsätzlichen Sachverhalt hin- gewiesen: Daß nämlich die Aussonderung von Geschädigten und Be- hinderten letztlich auf den K l a s s e n c h a r a k t e r der Erziehung verweist, der sich in dieser oder anderer Weise als qualitative Ungleichheit der Bildungschancen niederschlägt, daß also der integrativen Pädagogik grundlegende Herrschaftsinteres- sen entgegenstehen, die in den (bildungs-)politischen Auseinan- dersetzungen immer nur in gewissen Grenzen zurückgedrängt werden können. 40) Bereits dieser Zwischenbericht (und seine Begleitveröffentlichun- gen) enthalten eine Reihe von wichtigen empirischen Materialien, welche zumindest implizit für die Spieltheorie wichtig sind; zu- sammenfassend sei hier besonders hervorgehoben: 1. Es wird einzeltheoretisch und aktualempirisch herausgearbei- tet, in welcher Weise die geschädigten/behinderten Kinder spezi- fischer Unterstützungstätigkeiten bedürfen und wie sich diese zu den generellen pädagogischen Unterstützungs- und Absicherungstä- tigkeiten verhalten müssen, damit nicht - auch gegen den eigenen guten Willen! - Isolation und Ausgrenzung reproduziert werden. 2. Es wird eine Rekonstruktion der empirischen Verlaufsformen von integrativen pädagogischen Prozessen geleistet, und zwar auf der bildungspolitischen, der institutionellen und der interpersonal- psychischen Ebene. Dadurch wird verdeutlicht, d a ß, w i e und unter w e l c h e n B e d i n g u n g e n sich die Entwicklun- gen behinderter/geschädigter und nichtbehinderter Kinder ver- schränken können. 3. Es gibt breit gestreute (in manchem auch: verstreute) didakti- sche bzw. lernpsychologische Überlegungen, sowohl bezogen auf spezielle Gegenstands- und Inhaltsbereiche wie auch auf eine Di- daktik des Helfens. Wir wollen nun einige Fragen und Probleme aufwerfen; dies aller- dings nicht im Sinne des Besserwissens, sondern im Sinne des Auf- zeigens von Schwierigkeiten und Lücken, die vielleicht in der noch laufenden Projektarbeit überwunden bzw. geschlossen werden können; drei Aspekte sind uns besonders wichtig: 1. Es bleibt durchaus fraglich, ob man das Spiel wirklich als die dominierende Tätigkeit des Vorschulkindes ansehen soll. Dabei ist dies nicht ein Streit um Worte, sondern darum, ob nicht die von Wygotski begründete und von Elkonin weitergeführte Unterscheidung zwischen dominierender Tätigkeit und entscheidendem Entwicklungs- moment ein differenzierteres und zutreffenderes Verständnis der kindlichen Persönlichkeitsentwicklung erlaubt (wir sind dieser Meinung). Zugleich könnte die von Leontjew und der Feuser-Gruppe vertretene Auffassung zu dem falschen Schluß verleiten, daß mit dieser Problemfassung auch schon ein Konzept der ontogenetischen Entwicklungsnotwendigkeiten verbunden wäre. Dem ist gewiß nicht so - und die Projektgruppe hat daher auch auf ein biographisches Phasenmodell zurückgegriffen. 41) Dies erscheint uns - aus Grün- den, die bei der Diskussion des Ansatzes von Elkonin/Wygotski schon erläutert wurden - eine nicht sehr weit tragende Lösung des vorliegenden Problems. Positiv gesprochen wäre es einen Versuch wert, das vom Projekt erarbeitete aktualempirische Material mit Hilfe der spieltheoretischen Kategorien von Elkonin/Wygotski und den entwicklungstheoretischen der Kritischen Psychologie neu zu ordnen und neu zu interpretieren. Es darf begründet vermutet wer- den, daß sich dadurch eine Reihe von n e u e n Gesichtspunkten erschließen lassen. 2. Mit Recht verweisen Feuser und seine Mitarbeiterinnen/-er dar- auf, daß die didaktischen Überlegungen noch viele Fragen offen- lassen. 42) Das ist gewiß zutreffend - und scheint uns zu einem nicht unbeträchtlichen Maße darauf zurückzuführen zu sein, daß sich die didaktischen Überlegungen zu eng an Galperins Lerntheo- rie orientieren. Wie immer man Galperins Ansatz im einzelnen be- werten mag, so steht doch unzweifelhaft fest, daß seine L e r n t h e o r i e nur einen Teilaspekt des U n t e r- r i c h t s g e s c h e h e n s fassen kann und will, daß also eine didaktische Theorie qualitativ über lerntheoretische Er- örterungen hinausgehen muß. Denn solche zentralen Fragen wie die Begründung von Lernzielen und -inhalten, die Verschränkung von Wissenschafts- und Subjektorientierung (Bedürfnisorientierung, Erfahrungsorientierung), die Relevanz des exemplarischen Lehrens und Lernens als zentralem Moment einer Bildung im Medium des Allgemeinen, die Bildungswirksamkeit von Lernprozessen und ihr Bezug zur Leistungsbewertung, die Verallgemeinerung der Unterrichtserfahrungen in didaktischen Prinzipien - alle diese Fragen kann und will Galperin nicht beantworten. Eine Unter- richtstheorie muß sie allerdings ins Zentrum ihrer Erwägungen stellen. 43) Darüber hinaus bedürfte es genauerer Überlegungen, ob mit Galperins lerntheoretischem Ansatz tatsächlich S p i e l prozesse in ihrem Wesen erfaßbar sind, inwieweit die Einbeziehung einer Lerntheorie hier fruchtbar ist. Generell soll hier keiner schematischen Abtrennung das Wort geredet werden, zugleich aber soll auch nicht vergessen werden, daß es - wie oben dargestellt - zu den zentralen Einsichten Fröbels gehörte, Spiel- und Unterrichtsprozesse als qualitative Stufen eines einheitli- chen Bildungsprozesses aufzufassen. 3. Auch die Überlegungen zur Evaluation sind noch etwas vage, wo- bei hier zutreffend davon ausgegangen wird, daß man m i t den Betroffenen und nicht über ihre Köpfe hinweg zu forschen hat, und daß es um die Verobjektivierung der "inneren" psychischen Pro- zesse gehen muß und nicht um die rein oberflächliche Erfassung der äußeren Tätigkeiten. 44) Gerade auf Grund der relativ günsti- gen institutionellen Forschungsbedingungen wäre es vielleicht sinnvoll, die Tragfähigkeit von Fröbels Idee (die im übrigen - zumindest implizit - von der Psychoanalyse aufgegriffen worden ist) zu prüfen, daß die S p i e l e für die Erwachsenen (hier die Forscher) ein Praxis- und E r k e n n t n i s medium sind, sich in ihnen die Selbst- und Weltsicht der Kinder ausdrückt, sie auch in ihnen ihre psychischen Konflikte austragen usw. Wir schließen damit die Diskussion ausgewählter marxistisch be- gründeter Ansätze ab und wenden uns nun psychoanalytischen Auf- fassungen zu. 3. Psychoanalytische Beiträge zur Spieltheorie ---------------------------------------------- Wenn man die Gesamtheit der psychoanalytischen Arbeitsfelder und Forschungsrichtungen betrachtet, auch und gerade die Bemühungen um eine psychoanalytische Pädagogik, so fällt relativ schnell auf, daß sie sich selten explizit mit dem pädagogisch so bedeut- samen Problem des Kinderspiels beschäftigt haben. 45) Zugleich und in gewisser Diskrepanz dazu stellt man fest, daß psychoanaly- tische Vorstellungen implizit auch in diesem Bereich sehr wohl wirksam sind, sowohl was das Alltagsdenken angeht als auch die Wissen-schaft. 46) Diese Elemente sollen hier in theoretischer wie praktischer Akzentuierung hervorgehoben werden. 3.1 Theoretische Deutungen des Kinderspiels (S. Freud, Waelder) --------------------------------------------------------------- Die Grundposition der Psychoanalyse zum kindlichen Spiel hat Sig- mund Freud in einer zwar knappen, aber theoriegeschichtlich sehr folgenreichen Skizze innerhalb der großen Studie "Jenseits des Lustprinzips" dargelegt. Konstitutiv ist dabei die Frage nach der "ökonomischen" Funktion, dem L u s t g e w i n n des Spiels. Diese Frage ist nicht durch unmittelbare Beobachtung zu beantwor- ten, weil nämlich auffällt, daß Kinder auch für sie ganz gewiß n i c h t lustvolle Ereignisse und Situationen "nachspielen". Dies wird nun so gedeutet, daß das Kind zunächst in der R e a l s i t u a t i o n von den Ereignissen einfach "über- rollt" wird und erst in der S p i e l s i t u a t i o n in der Lage ist, sie nachträglich zu verarbeiten. Das Kind war zunächst "passiv, wurde vom Erlebnis betroffen und bringt sich nun in eine aktive Rolle, indem es dasselbe, trotzdem es unlustvoll war, als Spiel wiederholt. Dieses Bestreben könnte man einem Bemächtigungstrieb zurechnen, der sich davon unabhängig macht, ob die Erinnerung an sich lustvoll war oder nicht." 47) Und indem Freud diese Überlegung erläutert, nennt er einen weiteren Aspekt des Kinderspiels, nämlich den darin zum Ausdruck kommenden Wunsch "groß zu sein"; er schreibt: "Man sieht, daß die Kinder alles im Spiele wiederholen, was ihnen im Leben großen Eindruck gemacht hat, daß sie dabei die Stärke des Eindruckes abreagieren und sich sozusagen zu Herren der Situation machen. Aber anderseits ist es klar genug, daß all ihr Spielen unter dem Einflüsse des Wunsches steht, der diese ihre Zeit dominiert, des Wunsches: groß zu sein und so tun zu können wie die Großen. Man macht auch die Beobach- tung, daß der Unlustcharakter des Erlebnisses es nicht immer für das Spiel unbrauchbar macht. Wenn der Doktor dem Kinde in den Hals geschaut oder eine kleine Operation an ihm ausgeführt hat, so wird dies erschreckende Erlebnis ganz gewiß zum Inhalt des nächsten Spieles werden, aber der Lustgewinn aus anderer Quelle ist dabei nicht zu übersehen. Indem das Kind aus der Passivität des Erlebens in die Aktivität des Spielens übergeht, fügt es ei- nem Spielgefährten das Unangenehme zu, das ihm selbst widerfahren war, und rächt sich so an der Person dieses Stellvertreters." 48) Dabei ordnen sich - für Freud - diese Spielaktivitäten in einen größeren Zusammenhang ein, den des W i e d e r h o l u n g s- z w a n g e s. Gestützt auf Beobachtungen in anderen Lebens- bereichen gelangt er zu der Annahme, "daß es im Seelenleben wirklich einen Wiederholungszwang gibt, der sich über das Lustprinzip hinaussetzt. Wir werden auch jetzt geneigt sein, die Träume der Unfallsneurotiker und den Antrieb zum Spiel des Kindes auf diesen Zwang zu beziehen. Allerdings müssen wir uns sagen, daß wir die Wirkungen des Wiederholungszwanges nur in seltenen Fällen rein, ohne Mithilfe anderer Motive, erfassen können. Beim Kinderspiel haben wir bereits hervorgehoben, welche anderen Deutungen seine Entstehung zuläßt. Wiederholungszwang und direkte lustvolle Triebbefriedigung scheinen sich dabei zu intimer Gemeinsamkeit zu verschränken." 49) Diesen Auffassungen hat sich Robert Waelderin einem erstmals 1932 in der "Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik" veröffent- lichten Beitrag angeschlossen und dabei zugleich deutlich ge- macht, daß die von Karl Bühler ins Zentrum der Spielanalyse ge- stellte Funktionslust zwar anzuerkennen ist, daß ihr aber nur eine untergeordnete Funktion zuzubilligen ist. 50) Und mit indi- rektem Bezug auf das psychoanalytische Grundtheorem vom zentralen Widerspruch zwischen bedürftigem Individuum und versagender Ge- sellschaft heißt es dann zur psychischen Funktion des Spielens: "Für den ins Leben erst hineinwachsenden seelischen Organismus, für den alles noch neu ist und manches zwar freudvoll anziehend, vieles aber schmerzvoll und bedrohlich, ist der übermäßige Reiz - das Trauma, wie man in gewissem Sinne sagen könnte - geradezu ein Normalerlebnis, während es im Leben des Erwachsenen doch den Aus- nahmefall bildet. Das ist wohl einer der Gründe, weshalb das spielerische Abreagieren des traumatischen Erlebens gerade in der Kindheit eine so große Rolle spielt." 51) Die Assimilation der belastenden Erlebnisse kann dabei durch verschiedene Typen von Spielen vollzogen werden. "Zunächst bedeutet schon die bloße Tat- sache, daß das Kind eine passiv erlebte Situation im Spiel her- stellt, einen Übergang von der Passivität zur Aktivität. In einer Gruppe von Spielen kommt noch dazu, daß das Kind die Rolle, die es in Wirklichkeit gehabt hat, im Spiel vertauscht; war es in Wirklichkeit der leidende Teil oder ein angstvoller Zuschauer, wird es oft im Spiel zum aktiven Teil, zum Helfer oder zum deus ex machina. In dieser Gruppe ist also die Wendung von der Passi- vität zur Aktivität noch durch die Rollenwahl betont; das Bei- spiel vom Zahnarzt gehört hierher. In einer anderen Gruppe wieder verändert das Kind im Spiel den Ausgang der erlebten Situation und gibt ihr eine andere Lösung. Es lassen sich vermutlich noch andere solche Typen des Assimilationsprozesses unterscheiden." 52) Bei der Kritik und Würdigung dieser Auffassungen seien drei Mo- mente in den Vordergrund gestellt: 1. Selbstverständlich ist die Annahme eines grundsätzlichen Wi- derspruchs zwischen Individuum und Gesellschaft wissenschaftlich unhaltbar; wären die menschlichen Bedürfnisse tatsächlich dem ge- sellschaftlichen Lebenssicherungsprozeß radikal entgegengesetzt, wäre nicht erklärbar, warum sich die Individuen auf Grund subjek- tiver Ziele und Absichten der Gesellschaft zuwenden sollten (was sie aber realiter tun, und nicht auf Grund schlichter Zwangsmaß- nahmen, sondern um auf diese Weise ihre menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen); reziprok bedeutet dies, daß bei Annahme dieses Antagonismusses nie eine menschliche Gesellschaft hätte entstehen und bestehen können. Relative historische Wahrheit kann dieser Gedanke aber dennoch beanspruchen, weil nämlich unter den Be- dingungen des Kapitalismus (wie in allen antagonistischen Klas- sengesellschaften) die d o m i n a n t e n gesellschaftlichen Verhältnisse tatsächlich im grundlegenden Widerspruch zu den In- teressen und Bedürfnissen der aktuell bzw. perspektivisch Unter- drückten und Ausgebeuteten stehen. Die Relevanz der psychoanaly- tischen Erkenntnisse für marxistisch begründete Ansätze besteht grundlegend darin, die n o t w e n d i g e i n n e r e W i- d e r s p r ü c h l i c h k e i t der k l a s s e n b e- s t i m m t e n i n d i v i d u e l l e n V e r g e s e l l- s c h a f t u n g s p r o z e s s e zu thematisieren. D.h., daß kein marxistisch arbeitender Psychologe (und Pädagoge) hinter die Einsicht zurückfallen darf, daß der individuelle Entwicklungs- und Aneignungsprozeß alles andere als gradlinig und problemlos verläuft, sondern daß er auf allen Stufen die D u r c h- a r b e i t u n g e x i s t e n t i e l l b e d e u t s a m e r p s y c h i s c h e r K o n f l i k t e erfordert. Sosehr die Psychoanalyse dies deutlich hervorhebt, sosehr sie für die individuellen Subjekte (hier besonders die Kinder) 53) eintritt, so sehr ist dieses Engagement gebrochen, unterbrochen, einge- schränkt durch die gleichzeitig vollzogene Stellungnahme für übergeordnete bürgerliche Klassenverhältnisse. Der psychoanalyse- immanent nicht aufzulösende Widerspruch einer wissenschaftlichen (und praktischen) Parteinahme für die Individuen u n d die bürgerliche Gesellschaft erfordert eine Aufhebung dieser Problem- stellung in einem marxistisch begründeten Konzept. 2. Durch die Annahme des grundlegenden Widerspruchs von bedürfti- gem Individuum und versagender Gesellschaft wird auch die - ge- rade von Fröbel so betonte - Bildungsfunktion des Spiels an den Rand gedrängt, wenn nicht gar bestritten. Daß sich das Kind durch das Spielen die Welt in Teilaspekten aktiv aneignet, damit seine eigenen Abhängigkeiten schrittweise überwindet und so auch über die Quellen der Bedürfnisbefriedigung immer besser verfügen kann, sich immer bewußter zu seiner eigenen Subjektivität und sozialen Wirklichkeit zu verhalten lernt - dies alles bleibt in der psy- choanalytischen Spielkonzeption (weitgehend) unbeachtet. Aber auch in diesem Zusammenhang wird ein wichtiges, historisch-spezi- fisches Problem thematisiert: Daß nämlich die Unterstützungs- und Absicherungstätigkeiten der Erwachsenen (Eltern, Pädagogen) in der bürgerlichen Klassengesellschaft keineswegs nur E n t- w i c k l u n g s f ö r d e r u n g darstellen, sondern immer auch B e h i n d e r u n g der kindlichen Subjektentfaltung bedeuten. Unter kapitalistischen Lebensbedingungen gibt es keine unentfremdeten Nischen und Regionen, auch die intimsten Be- ziehungen, wie etwa die zwischen Eltern und Kindern, sind letzt- lich von den gesellschaftlichen Antagonismen geprägt, auch hier geben die Erwachsenen, je entsprechend nach Klassenlage - ob sie dies nun subjektiv wissen oder nicht - in dieser oder jener Weise interpersonell Herrschaft und Unterdrückung weiter. Kritische Analyse der Spieltätigkeiten darf diesen Tatbestand nicht igno- rieren - sie darf ihn aber auch nicht fatalistisch hinnehmen. Vielmehr muß sie theoretisches Wissen über d i e s e Zusammen- hänge bereitstellen und damit den Erwachsenen und - dem jeweili- gen Bildungsstand angemessen - den Kindern die Möglichkeit bie- ten, sich b e w u ß t zu diesen Widerspruchsverhältnissen und -ebenen von Entwicklung und Behinderung zu verhalten. Damit ist besonders gemeint das übergreifende gemeinsame Interesse von Er- wachsenen und Kindern an der Zurückdrängung und letztlich Über- windung dieser Unterdrückungsverhältnisse. Nochmals und mit spe- zifischer Akzentuierung: Wer aus diesen oder jenen Gründen die innere Widersprüchlichkeit der Unterstützungs- und Absicherungs- prozesse an den Rand drängt oder völlig übergeht, der ignoriert zugleich die Tatsache, daß die Individuen auch a l s I n d i v i d u e n ein elementares objektives Interesse am So- zialismus haben, seien diese Individuen nun Erwachsene oder Kin- der. 3. Am psychoanalytischen Spielkonzept ist ferner zu kritisieren, daß Spielprozesse sich ihrem Wesen nach stets auf Ereignisse der Vergangenheit richten sollen. Vielmehr muß hier - im Einklang mit Fröbel - darauf verwiesen werden, daß die Betonung des e n t- w i c k l u n g s f ö r d e r n d e n Charakters der Spiele zugleich bedeutet, ihre Z u k u n f t s o r i e n t i e r t- h e i t zu betonen. Diese Zukunft besteht - generell betrachtet - in der optimalen Teilhabe an den relevanten gesellschaftlichen Entwicklungs- und Entscheidungsprozessen und der damit sich herausbildenden entfalteten Handlungsfähigkeit. D.h. die Spiele müssen im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Arbeitsprozeß betrachtet werden. Die Psychoanalyse klammert nicht nur in der Regel die gesellschaftlich-historischen Voraussetzungen des Spiels aus, sondern auch seine individuelle Bezogenheit auf die zukünftige Teilhabe am gesellschaftlichen Produktionsprozeß. - Bei aller Kritik haben die psychoanalytischen Ideen auch hier einen relativen Wahrheitsgehalt: Denn wenn diese Entwicklungsprozesse sich immer im Spannungsfeld von Förderung und Behinderung, von Bildung und Herrschaft entfalten, dann schlägt sich das bei den Kindern in t i e f g r e i f e n d e n p s y c h i s c h e n E n t w i c k l u n g s k o n f l i k t e n nieder. Diese muß das Kind verarbeiten, durcharbeiten, muß immer wieder Wege fin- den, die eigenen Interessen, Bedürfnisse, Ziele und Absichten ge- gen die verschiedensten Widerstände (wie begrenzt auch immer) durchzusetzen. Und die Psychoanalytiker haben ganz ohne Zweifel Recht, wenn sie davon ausgehen, daß die Kinder in den Spielen Re- alsituationen ihres Lebens verarbeiten (die psychoanalytischen Ansätze vertreten also in der Regel ähnlich wie Elkonin/Wygotski einen engen Spielbegriff). Zugleich ist die Beobachtung zutref- fend, daß Kinder im Spiel retardieren können, nämlich dann, wenn es ihnen nicht gelingt, die psychischen Konflikte in ihren ent- scheidenden Aspekten zu verarbeiten, wenn sie sie vielmehr abweh- ren, verdrängen, verleugnen und so über den erreichten Entwick- lungsstand (vorerst) nicht hinausgelangen. In diesen spezifischen Fällen sind die Spiele dann tatsächlich primär vergangenheitsbe- zogen. 3.2 Von der psychoanalytischen Spieltheorie zur Spieltherapie ------------------------------------------------------------- (Zulliger) ---------- Die psychoanalytische Spieltheorie hat sich - wie auch andere Aspekte des psychoanalytischen Theoriesystems - in relativ engem Kontakt mit praktischtherapeutischen Anforderungen und Reflexio- nen entwickelt. Gerade Anna Freud hat (besonders im Gegensatz zu Melanie Klein) immer darauf verwiesen, daß die psychoanalytische Therapie für Kinder modifiziert werden muß, weil bei ihnen die psychischen Instanzen Ich und Über-Ich noch nicht (hinreichend) entwickelt sind. 54) Das umfassendste Konzept hat allerdings der Schweizer Hans Zulliger erarbeitet. Sein Grundverständnis des kindlichen Spiels (als einer frühen Etappe der menschlichen Onto- genese) faßt er selber so zusammen: "1. Im Kinderspiel liegt ein libidinöser Triebdurchbruch verbor- gen; 2. daraus entspringt der Lustcharakter des Spiels; zur Lust an der Triebsättigung kommt noch die aus dem Ödipuskomplex stammende 'Lust am Verborgenen'; 3. im Durchbruch des Triebanteils ist der Drang nach Eigenwillen investiert; 4. das entwickelte Ich des Kindes wirkt an der Spielgestaltung, beziehungsweise Spielauslese insofern mit, als es eine ziemlich primitive, aber immerhin maskierte Triebbefriedigung zuläßt und das Spiel zu einem Kompromiß zwischen den Trieb- und seinen Ich- Ansprüchen macht; 5. darin kann man ein Stück soziale und Realitätsanpassung sehen; 6. das Spiel bedeutet eine symbolische, den Symptomhandlungen nahe verwandte Abreaktion; 7. ökonomisch erfolgt im Spiele Triebentspannung, Unlustvermei- dung, häufig auch Umwandlung von Angst in Lust." 55) Und die Spezifik des kindlichen Weltbildes betonend und mit Blick auf die pädagogischen Erfordernisse heißt es an späterer Stelle: "Wenn man als Psychotherapeut mit Kindern umgehen will, muß man nicht nur theoretisch wissen, daß es 'magisch' (zauberhaft, ani- mistisch, totemistisch, in Sinnbildern) denkt, man muß praktisch wissen, was dies bedeutet... Und man tut gut daran, dem Kinde in seinem Denken mit gleichem Denken zu begegnen, damit es einen verstehen könne ... Darauf nun beruht theoretisch die 'Reine Spieltherapie ohne Deuten unbewußter Inhalte und Zusammenhänge'." 56) Dementsprechend werden dem Spiel folgende Zwecke zugeordnet: "1. den pathogenen Konflikt aufzudecken; 2. ihn psychotherapeutisch zu bearbeiten; der Konflikt wird dra- matisch, agierend abgewandelt und gelöst; 3. dem Kinde wird die Möglichkeit gegeben, an Hand der Spiele zu kultivierten Triebbefriedigungen zu gelangen, indem man ihm in wohldosierter Folge feinere Spiele oder Spiel-Praktiken vorlegt. Auf gleiche Art können Triebumsetzungen in die Wege geleitet, Triebdomestizierungen in Bewegung gesetzt, Sublimierungen ange- bahnt werden; 4. geben die Spiele Anhaltspunkte darüber, was am Milieu des Kin- des verändert werden muß; manch ein Kind äußert nur darum neuro- tische Zeichen, weil es 'milieukrank' g e m a c h t worden ist." 57) Ergänzend und konkretisierend fügt er an anderer Stelle Hinweise bezüglich der therapeutisch orientierten Auswahl des Spielzeugs hinzu; er formuliert dabei als Leitlinie, "daß je primitiver ein Spielzeug ist, es desto dienlicher ist. D a s S p i e l z e u g s o l l d e r s c h ö p f e r i s c h e n P h a n t a s i e d e r K i n d e r s o w e n i g w i e m ö g l i c h G r e n z e n s e t z e n. Es sollte fast nur rohes Material oder Werkstoff und Werkzeug sein, das der kindlichen Gestaltungs- kraft die weitesten Freiheiten und Möglichkeiten offenläßt." 58) Weil auf kindlichem Entwicklungsniveau - nach Zulliger - das Be- wußtsein noch unzureichend entwickelt ist, weil Bewußtes und Un- bewußtes noch sehr eng zusammenliegen, deshalb braucht in der Spieltherapie nicht gedeutet zu werden, reicht es, daß der Analy- tiker die entscheidenden Konflikte erkennt und daran seine Spieleingriffe orientiert. "Indem wir beim kindlichen Patienten die 'reine Spiel-Therapie' anwenden, sprechen wir direkt das Un- bewußte an - s e t z e n w i r u n s d i r e k t m i t d e m U n b e w u ß t e n i n V e r b i n d u n g, und nicht damit, daß wir etwas für 'symbolischen Ersatz' halten und dadurch ins Bewußte zu heben glauben, indem wir es deuten, es in die Sprache des Bewußten übersetzen. Die Sprache des Bewußten ist für das Kind beinahe noch eine Fremdsprache. Es 'e r l e b t' darin nicht konkret, es hört nur Laute, Klänge, von denen es nur unge- nau weiß, was sich darin kleidet. Um aber ein Kind von seelischen Störungen heilen zu können, müssen wir jene Schicht seiner Psyche erreichen, in der das Kind 'l e b t'. Diese ist die magische, die prälogische, die noch nicht intellektuell gewordene, oft noch nicht einmal zu Wortvorstellungen gewordene 'Sprache'." 59) Dabei hält Zulliger es durchaus für möglich und sinnvoll, bei größeren Kindern sich nicht zu rigide auf das Spielen zu beschränken, son- dern Deutungen einzubeziehen. 60) Für die kritische Bewertung dieser Gedanken sind in unserem Dis- kussionszusammenhang drei Aspekte zentral: 61) 1. Der Versuch, die Spezifik der kindlichen Lebens- und Denkweise näher zu bestimmen, ist ein interessanter Aspekt innerhalb der psychoanalytischen Erörterungen zur Kindheit. Wie immer man dies im einzelnen einzuschätzen hat, fällt doch (auch) hier der zen- trale Mangel auf, daß die kindliche Entwicklung nicht "mit Blick" auf die entfaltete Handlungsfähigkeit der Erwachsenenexistenz analysiert wird; speziell, daß hier die Gestaltung des interper- sonalen Weltbezuges des Kindes von der Fähigkeitsentwicklung weitgehend abgekoppelt wird, also interpersonale Beziehungen jen- seits kooperativer Verbundenheit über verallgemeinerte Ziele kon- zipiert werden. Darin als Teilaspekt eingeschlossen ist die (fast) völlige Ignorierung der operativen Momente im kindlichen Handeln. Diese Trennung der Interaktionen von den Fähigkeiten ist gleichbedeutend mit der "Entpädagogisierung" der Unterstützungs- und Absicherungsprozesse. Ein therapeutischer Prozeß, der diese pädagogischen Momente weitgehend vernachlässigt, verspricht den Kindern (und Erwachsenen) Hilfe, ohne sie gewähren zu können. Diese Verkürzungen und Vereinseitigungen des pädagogisch-thera- peutischen Handelns sind aber nicht rein zufällig, sondern Aus- druck der (manchmal gewiß auch gegen die eigenen guten Absichten vollzogenen) A n p a s s u n g der Kinder an die herrschenden Verhältnisse: Denn die Trennung von Interaktionen und Fähigkeiten ist Merkmal des Sicheinrichtens in die gegebenen Klassenverhält- nisse, des Zurichtens der Kinder auf eine restriktive Erwachse- nenexistenz. Denn auf diese Weise werden die sozialen Beziehungen ihres Inhalts beraubt und die Möglichkeiten eines Zusammenschlus- ses auf Grund gemeinsamer, übergeordneter Ziele ausgeschlossen. An die Stelle von Kooperativität und Kollektivität tritt die Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit und von Kognition und Emotion (dies zumeist sogar noch geschlechtsspezifisch unter- schiedlich aufgeteilt). 2. Eine spezielle Konsequenz daraus ist die Auffassung, daß die Kinder durch besonders primitives Spielzeug besonders intensiv zur Phantasietätigkeit angeregt werden. Man wird wohl im Einklang mit Zulliger annehmen dürfen, daß dahinter das generelle Konzept steht, daß die kindliche Existensweise noch viel weniger einge- schränkt, behindert, entfremdet ist als die der Erwachsenen. Nun mag man dem deshalb einen gewissen Wahrheitskern zusprechen, weil die gesellschaftlichen Widersprüche noch nicht voll auf die kind- liche Lebensweise durchschlagen. Aber man muß dann sofort auch sagen, daß die Kinder in hohem Maße von den Erwachsenen abhängig sind, daß sie sich also nur sehr begrenzte Ausschnitte des ge- sellschaftlichen Lebensreichtums aneigenen können. Und deshalb ist eher umgekehrt davon auszugehen, daß die Phantasietätigkeit in dem Maße angeregt wird, sich entfaltet und einen inneren Reichtum entwickelt, wie das Kind seine Lebensbezüge erweitern, seinen Umweltausgriff verbessern, seine Realitätskontrolle erhö- hen kann. Wenn Fröbel die innere Verschränkung von "inneren" und "äußeren" Prozessen betonte, dann hat er damit nicht nur ein Ele- ment jeder dialektischen Bildungskonzeption formuliert (gewiß in den Grenzen seiner Zeit), sondern damit - indirekt - allen Formen einer 2-Welten-Theorie des Spiels (hier die befreite, phantasie- geleitete Welt der spielenden Kinder, dort die entfremdete, spon- taneitätsunterdrückende Welt der arbeitenden Erwachsenen) eine Absage erteilt. 3. Die Gebrochenheit der Parteinahme für das (kindliche) Subjekt kommt bei Zulliger darin zum Ausdruck, daß die Betroffenen über die sie betreffenden Probleme, wenn überhaupt, so nur sehr be- grenzt mitreden dürfen. Gleichgültig ob das therapeutische Wissen über Deutungen oder Spieleingriffe eingebracht wird, ist es doch für die Betroffenen letztlich unüberprüfbar, weil nämlich die therapeutisch angenommene und unterstützte Abgelöstheit der kind- lichen Lebensweise vom gesamtgesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionsprozeß (und der dazu notwendigen Fähigkeitsentwick- lung) letztlich keine erweiterte Realitätskontrolle fordert und fördert und eben deshalb eine wirkliche psychische Entlastung auf Grund verarbeiteter Entwicklungskonflikte gar nicht eintreten kann. So fehlt einem derartigen Spieltherapeuten die Praxis als wirksames kritisches Regulativ, und dadurch wird der Willkür Tür und Tor geöffnet. Denn auch gutwillige Willkür bleibt Willkür, und auch sie kann autoritärem Handeln den Weg bereiten. 4. Schlußbemerkung ------------------ Wir wollten mit diesem Aufsatz die Umrisse eines materialisti- schen Spielverständnisses deutlich machen; dazu sei nun zweierlei abschließend festgehalten: 1. Aus der Tatsache, daß hier verschiedene Ansätze mit ihren Stärken und Schwächen vorgestellt wurden, sollte keineswegs ge- folgert werden, daß eine solche materialistische Spieltheorie durch eklektizistische Addition dieser Positionen zu gewinnen wäre. Vielmehr bedarf es in Zukunft energischer Anstrengungen, um eine solche Theorie zu erarbeiten; und dieser Aufsatz wollte deutlich machen, welche zentralen Problemperspektiven dabei in jedem Fall zu berücksichtigen sind. 2. Eine marxistisch begründete Spieltheorie braucht neben der Psychologie die Pädagogik als zweites, e i g e n s t ä n- d i g e s Standbein. Denn nur dann kann die eigentliche Fragestellung in den Vordergrund treten, nämlich das Verhältnis der Bildungsstufen Spiel und Unterricht zu den ontogenetischen Entwicklungsnotwendigkeiten, den ontogenetischen Entwicklungs- zügen der Bedeutungsverallgemeinerung, der Unmittelbarkeitsüber- schreitung und der voll entfalteten Handlungsfähigkeit sowie deren kapitalismusspezifischen Einschränkungen. _____ 1) Eine informative Gesamtübersicht der Geschichte spieltheoreti- scher Entwürfe bieten A. Flitner, Spielen-Lernen, München 1982, und (anhand ausgewählter und kommentierter Quellen) H. Scheurl (Hrsg.), Theorien des Spiels, Weinheim und Basel 1975, allerdings fehlen unverständlicherweise marxistisch begründete Ansätze völ- lig. 2) Vgl. aus marxistischer Sicht R. Boldt/W. Eichler, Friedrich Wilhelm August Fröbel, Köln 1982; K.-H. Günther u.a., Geschichte der Erziehung, Berlin/DDR 1973, S. 261 ff; Gedenkschrift zum 100. Todestag von Friedrich Fröbel am 21. Juni 1952, Berlin/DDR 1952. 3) Vgl. F. Fröbel, Über Wesen und Begriff der Erziehung, in: ders., Ausgewählte pädagogische Schriften, Paderborn 1965, S. 6. 4) Ebd., S. 7. 5) Ebd. 6) Alle Zitate F. Fröbel, seine Erziehungs-Grundsätze, seine Er- ziehungs-Mittel und -Weise, wie seine Erziehungs-Zwecke und sein Erziehungs-Ziel im Verhältnis zu den Strebungen der Zeit und ih- ren Forderungen, dargestellt von ihm selbst, in: ders., Ausge- wählte..., a.a.O., S. 103. 7) Fröbel verwendete mehrfach explizit den Begriff "Aneignung"; vgl. z.B. Fröbel, Über Wesen..., a.a.O., S. 14 u. 20. 8) Fröbels Theorie des Spiels I, Weinheim o.J., S. 21. 9) Ebd., S. 86. 10) Ebd., S. 87. Für die verschiedenen Stufen hatte Fröbel unter- schiedliche Spiel- und Entwicklungsgegenstände entworfen: Zunächst die Mutter- und Koselieder, dann für die operativen Spiele den Ball, die Kugel, den Würfel und die Walze; den Ab- schluß bildeten die Bewegungsund Darstellungsspiele. Allen diesen Vorschlägen liegt die Idee einer "Bildung im Medium des Allgemei- nen" zugrunde. 11) Ebd., S. 20. 12) Ebd., S. 17; auf ein wesentliches Moment von Fröbels institu- tionellem Konzept, den "Kindergarten", können und brauchen wir hier nicht einzugehen. 13) W. Klafki, Das pädagogische Problem des Elementaren und die Theorie der kategorialen Bildung, Weinheim und West-Berlin 1964, S. 122f, verweist besonders auf diese Leistung Fröbels. 14) Vgl. F.J.J. Buytendijk, Wesen und Sinn des Spiels, Berlin 1934; K. Groos, Die Spiele des Menschen, Jena 1899; J. Piaget, Nachahmung, Spiel und Traum. Gesammelte Werke, Bd. 5, Stuttgart 1975. 15) L.S. Wygotski, Das Spiel und seine Bedeutung in der psychi- schen Entwicklung des Kindes, in: D. Elkonin, Psychologie des Spiels, Köln 1980 (Anhang), S. 443. 16) Ebd., S. 461. 17) Ebd., S. 463. 18) Seine Auffassungen hat er besonders niedergelegt in: D. Elko- nin, Zur Psychologie des Vorschulalters, Berlin/DDR 1965; ders., Psychologie des Spiels, Köln 1980; wir beziehen uns hauptsächlich auf seine neueste Studie. 19) Vgl. Elkonin, Psychologie..., a.a.O., Kap. 2; er verweist in diesem Zusammenhang besonders auf Überlegungen von Plechanow; vgl. daher auch G.W. Plechanow, Briefe ohne Adresse (Dritter Brief), in: ders., Kunst und gesellschaftliches Leben, West-Ber- lin o.J. (1976). 20) Obwohl Elkonin Jahreszahlen nennt, vertritt er dennoch kein Phasenkonzept, sondern ein Konzept der E n t w i c k l u n g s- s t u f e n; Vgl. ebd., S. 313. 21) Ebd., S. 48. 22) Ebd. 23) Vgl. dazu insgesamt ebd., Kap. 4. 24) Vgl. zum folgenden ebd., S. 309 ff. 25) Ebd., S. 315 26) Diese Bemerkungen beziehen sich nur auf Elkonins Spieltheo- rie; zu generellen Problemen des kulturhistorischen Ansatzes wird demnächst Peter Keiler, einer der intimsten Kenner der sowjeti- schen Psychologieentwicklung, eine ausführlichere Arbeit vorle- gen. 27) Vgl. K. Holzkamp, Grundlegung der Psychologie, Frankfurt/M. 1983, Kap. 8; K. Wetzel, Logische Entwicklungszüge der Ontogenese und die Jugendphase in der bürgerlichen Gesellschaft, in: dies. (Red.), Karl Marx und die Wissenschaft vom Individuum, Marburg 1983; dies., Kritische Psychologie, in: E. Reichmann (Hrsg.), Handbuch der kritischen und materialistischen Behindertenpädago- gik und ihrer Nebenwissenschaften, Oberbiel 1984, bes. S. 380 ff. 28) Vgl. Elkonin, Psychologie..., a.a.O., z.B. S. 49 f., 96. 29) So begeht z.B. in Aitmatows Roman "Der weiße Dampfer" die Hauptfigur, ein Junge, Selbstmord, weil er bei den konkreten Le- bens- und Familienbedingungen keinen anderen Ausweg sieht. In der z.T. heftigen Diskussion ist dieser Schluß sehr stark kritisiert worden. Dazu bemerkt der Autor selbst: "Starikow weist in seinem Artikel nach, daß es reale Bedingungen und Kräfte gibt, die den Jungen hätten retten können. Es wäre mehr als betrüblich, wenn diese Bedingungen und Kräfte nicht vorhanden wären. Ebendarum er- scheint der Tod des Jungen ungeheuerlich und unerträglich... Der tragische Schluß im 'Weißen Dampfer' ist nicht deshalb unvermeid- lich, weil ihn die Pockennarbige Lahme Alte 'prophezeit' hat, sondern weil das in dem Jungen verkörperte Gute unvereinbar ist mit dem in der Gestalt des Oroskul verkörperten Bösen. Der Junge aber ist ein Kind, das der rohen Gewalt Oroskuls nur seine Unver- söhnlichkeit entgegensetzen kann. Die passive Güte Momuns schei- tert, die Unversöhnlichkeit des Jungen dem Bösen gegenüber aber bleibt... Mit dieser Unversöhnlichkeit 'schwimmt er davon' ... Und wenn ihn die Leser in ihrem Herzen bewahren, dann liegt darin seine Stärke und keine Ausweglosigkeit'. Ich bin auf meinen Jun- gen stolz." (T. Aitmatow, Eine notwendige Präzisierung, in: ders., Abschied von Gülsary/Der weiße Dampfer/Über Literatur, Berlin/DDR 1980, S 322). 30) Vgl. G. Feuser, Gemeinsame Erziehung behinderter und nichtbe- hinderter Kinder im Kindertagesheim. Zwischenbericht, Bremen 1984; Erörterungen zur Spielproblematik direkt finden sich bei M. Burdorf, Spielhandlungen und ihre Bedeutung für geistig behin- derte Kinder, Bremen 1981 (unveröff. Staatsexamensarbeit). 31) Vgl. G. Feuser, Gemeinsame..., a.a.O., S. 9. 32) Vgl. A.N. Leontjew, Probleme der Entwicklung des Psychischen, Frankfurt/M. 1973, bes. S. 379 f.; ähnliche Auffassungen vertre- ten A. Ljublinskaja, Kinderpsychologie, Köln 1975, S. 143 und A.W. Petrowski, Entwicklungspsychologie und pädagogische Psycho- logie, Berlin/ DDR 1977, S. 57. 33) Vgl. Feuser, Gemeinsame ..., a.a.O., S. 5 f. 34) Ebd., S. 103; alle Sperrungen entfernt, K.-H. B.; zur Ablei- tung der Grundbegrifflichkeiten "Aneignung"-"Isolation"-"Behinde- rung"/"Schädigung"/"Defekt" vgl. ders., Grundlagen zur Pädagogik autistischer Kinder, Weinheim und Basel 1979, Kap. 2.3. u. 5; ders., Beiträge zur Geistigbehindertenpädagogik, Oberbiel 1981, Kap. IV. 35) Vgl. ebd., S. 27; vgl. auch G. Feuser, Integration = die ge- meinsame Tätigkeit (Spielen/Lernen/Arbeit) am gemeinsamen Gegen- stand/Produkt in Kooperation von behinderten und nichtbehinderten Menschen, in; Behindertenpädagogik 2/1982. 36) Vgl. G. Feuser, Gemeinsame..., a.a.O., S. 24 f. 37) Ebd., S. 79. 38) Vgl. dazu G. Feuser, Curriculare und thematische Aspekte ei- ner Qualifizierung für die pädagogisch-therapeutische Tätigkeit in der gemeinsamen Erziehung behinderter und nichtbehinderter Kinder (Integration) in Regelkindergärten/Kindertagesheimen, in: Behindertenpädagogik 4/1984 39) G. Feuser, Gemeinsame..., a.a.O., S. 52. 40) Vgl. G. Feuser, Die Grundschule - Schule für alle Schüler!?, in: Demokratische Erziehung 5/1984; ders., Gemeinsame Erziehung behinderter und nichtbehinderter Kinder (Integration) als Regelfall?!, in: Protokoll der Fachtagung der GEW Hessen "Gemeinsam lernen. Integration behinderter Schüler", Kassel 1984. 41) Vgl. Feuser, Gemeinsame... a.a.O., S. 119. 42) Vgl. ebd., S. 174 und zum lerntheoretischen Konzept ebd., Kap. 3. 43) Ansätze zu einer materialistischen Unterrichtstheorie unter Einbeziehung von Galperins Lerntheorie finden sich u.a. bei K.-H. Braun, Gedanken zur "inneren Schulreform" aus der Sicht kriti- scher Erziehungswissenschaft, in: ahs-aktuell, Folge 31, Wien 1985; B. Rohr, Ansätze einer materialistisch orientierten Lernbe- hindertendidaktik - Grundsätze des "Handelnden Unterrichts", Ha- gen 1983. 44) Vgl. Feuser, Gemeinsame... a.a.O., S. 83, 117, 205. 45) So werden z.B. in H. Füchtner, Einführung in die Psychoanaly- tische Pädagogik, Frankfurt/M. 1979, S. 59 f. u. 111 f. Probleme des Spiels nur marginal behandelt und es fehlt das Stichwort gänzlich in L. Laplanche/J.-B. Pontalis, Das Vokabular der Psy- choanalyse, Frankfurt/ M. 1973 (2 Bde.). 46) Vgl. zur Beschäftigung der Kritischen Psychologie mit der Psychoanalyse bes. K.-H. Braun, Kritik des Freudo-Marxismus, Köln 1979; ders. u. a., Geschichte und Kritik der Psychoanalyse, Mar- burg 1985; U. H.-Osterkamp, Grundlagen der psychologischen Moti- vationsforschung, Bd. 2, Frankfurt/M. 1976, Kap. 5; und speziell zum Verhältnis von Psychoanalyse <?>hung K.-H. Braun, Psychoana- lytische Pädagogik, in: Reichmann (Hrsg.), Handbuch... a.a.O. 47) S. Freud, Jenseits des Lustprinzips. Gesammelte Werke (Imago- Ausgabe), London 1940, S. 13 f. 48) Ebd., S. 14 f. 49) Ebd., S. 21 f. 50) Vgl. R. Waelder, Die psychoanalytische Theorie des Spiels, in: A. Flitner (Hrsg.), Das Kinderspiel, München 1973, S. 52 f. u. 56 f. 51) Ebd., S. 57. 52) Ebd., S. 58; vgl. dazu auch sehr anschaulich L. E. Peller, Modelle des Kinderspiels, in: Flitner (Hrsg.), Das..., a.a.O. 53) So forderte z.B. A. Mitscherlich, Ein Leben für die Psycho- analyse, Frankfurt/M. 1980, S. 34, "ein neues Bewußtsein für die Verletzlichkeit des Kindes zu schaffen...". 54) Vgl. u.a. A. Freud, Einführung in die Technik der Kinderana- lyse, München 1980, bes. 5. Kap.; dies., Wege und Irrwege der Kinderentwicklung, Bern und Stuttgart 1968, bes. Kap. II. 55) H. Zulliger, Bausteine zur Kinderpsychotherapie und Kinder- tiefenpsychologie, Bern und Stuttgart 1957, S. 20. 56) Ebd., S. 42; alle Sperrungen entfernt, K.-H. B. 57) H. Zullinger, Heilende Kräfte im kindlichen Spiel, Stuttgart 1952, S. 86. 58) Ebd., S. 74. 59) Ebd., S. 102. 60) Vgl. Zulliger, Bausteine..., a. a. O., S. 46. 61) Wir heben an dieser Stelle nur jene Momente hervor, die für die psychoanalytische Spieltherapie wichtig sind; zur generellen Kritik am psychoanalytischen Therapiekonzept vgl. K.-H. Braun, Kritik ..., a.a.O., Kap. V.; 0. Dreier, Grundfragen der Psycho- therapie in der Psychoanalyse und in der Kritischen Psychologie, in: K.-H. Braun u. a., Geschichte ..., a. a. O. zurück