Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 10/1986
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PERSÖNLICHKEIT UND INDIVIDUALITÄT IN PSYCHOLOGISCHER
THEORIE UND KLINISCHER PRAXIS
Ole Dreier
1. Fragestellung - 2. Funktion und Persönlichkeit - 3. Individua-
lität und Persönlichkeit - 4. Subjektivität und Prozeßcharakter
der Persönlichkeit - 5. Konflikthaftigkeit der Persönlichkeit -
6. Zum Beispiel
1. Fragestellung
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Im vorliegenden Beitrag sollen grundlegende Fragestellungen der
psychologischen Persönlichkeitsforschung, die für das
V e r h ä l t n i s zwischen Persönlichkeitstheorie und klini-
scher Praxis zentrale Bedeutung haben, erörtert werden. Einer-
seits ist die grundlegende Bedeutung einer adäquaten Persönlich-
keitstheorie für die klinische Praxis schon darin ersichtlich,
daß nicht Störungen von einzelnen psychischen Funktionen, sondern
der Persönlichkeitsentwicklung in ihrer vollen individuellen Ei-
genart therapeutisch behandelt und überwunden werden sollen. An-
dererseits ist die klinische Praxis ein wichtiges und heute bei
uns das umfassendste Berufsfeld der angewandten Psychologie, das
in der Geschichte unseres Faches außerordentliche Bedeutung ge-
rade für die Persönlichkeitstheorie gehabt hat. Das Verhältnis
zwischen den beiden Bereichen war und ist jedoch ein problemati-
sches, voll von ungelösten wechselseitigen Fragen und Forderun-
gen. Forderungen vorhandener Theorienbildung nach wissenschaftli-
cher Begründbarkeit der ausgeübten Praxis werden nicht eingelöst
oder bleiben gar unberücksichtigt. Es gibt eine Reihe von ungelö-
sten methodologischen Problemen bei der Verknüpfung von theoreti-
scher Verallgemeinerung und klinischer Einzelfallarbeit. Die Er-
fahrungen und Fragen, die aus der Entwicklung neuer Aufgaben und
Problemtypen der klinischen Praxis erwachsen, werden andererseits
oft nicht theoretisch verallgemeinert. Eine Reihe der Analyseauf-
gaben der klinischen Praxis können deswegen nicht mit den vorhan-
denen theoretischen Mitteln bewältigt werden. Ergebnis ist die
Tendenz einer immer bedrohlicheren Spaltung der Psychologie, die
die wissenschaftliche Ausgewiesenheit und damit auch die berufli-
che Legitimität preisgibt, womit einer Deprofessionalisierung und
einem anwachsenden "grauen Therapiemarkt" Platz eingeräumt wird.
Im praktischen Umgang der Menschen im alltäglichen Leben spielt
ein Begriff der Persönlichkeit eine große Rolle. Durch die Zu-
schreibung von bestimmten P e r s ö n l i c h k e i t s e i-
g e n s c h a f t e n soll die V o r h e r s a g b a r k e i t
individuellen Verhaltens begründet werden. Zugleich soll ent-
schieden werden können, ob die V e r a n t w o r t u n g dafür,
daß es mir/dir/uns gut oder schlecht geht, an mir oder an dir
liegt. Darin kommt eine ideologische Funktion des A l l t a g s-
b e g r i f f s der Persönlichkeit zum Ausdruck. Denn wenn es an
dir oder an mir liegt, liegt es nicht an den Lebensverhältnissen,
bzw. wird von deren Bedeutung dafür abgesehen, wie es mir/dir/uns
geht. Es vollzieht sich oft eine "Vereigenschaftung" von Lebens-
zusammenhängen. Aus genau diesem Grunde ist die Persönlich-
keitstheorie ein wichtiges Feld ideologischer Auseinandersetzun-
gen, und große Vorsicht ist bei der Definition und Verwendung des
Begriffes angebracht. Woran es liegt, wie es m i r ergangen
ist, ist z.B. auch entscheidend dafür, ob eine therapeutische
Veränderung meiner Eigenschaften in diesem Sinne es leisten kann,
daß es mir wieder besser gehen wird.
Im Alltagsbegriff der Persönlichkeit wird weiterhin angenommen,
daß in der Persönlichkeitskennzeichnung die wesentlichen Eigen-
schaften, sozusagen der K e r n des Individuums, erfaßt werden.
Ferner, daß sie die höheren E i g e n s c h a f t e n des Indi-
viduums erfaßt. Die Kennzeichnung ist von einer gewissen
N o r m a t i v i t ä t geprägt, nicht nur in der Charakterisie-
rung von "guten" und "schlechten" Eigenschaften, sondern über-
haupt in der Hervorhebung besonderer Individuen als (bedeutungs-
volle) Persönlichkeiten. Außerdem wird die Persönlichkeit als
eine G a n z h e i t betrachtet, als ein "integriertes Indivi-
duum", bzw. als das, was die individuelle Integration her-
vorbringt und absichert. Schließlich soll in der Persönlich-
keitscharakteristik ein konkretes Individuum in seiner vollen in-
dividuellen E i g e n a r t gekennzeichnet werden.
All diese Annahmen des Alltagsbegriffs der Persönlichkeit sind
voller ungelöster Problematiken und Widersprüche. Beim Vergleich
des Alltagsbegriffs mit den P r a x i s b e g r i f f e n pro-
fessionell arbeitender Psychologen und mit den Annahmen traditio-
nell-psychologischer
P e r s ö n l i c h k e i t s t h e o r i e n fällt aber auf,
daß diese Problematik nicht überwunden, sondern im Gegenteil in
vielem ü b e r n o m m e n wird.
Unserem marxistischen Verständnis zufolge ist im Gegensatz dazu
eine wissenschaftliche Verarbeitung eines Gegenstandes gerade
dann nötig, wenn seine alltägliche Erscheinung und sein Wesen
nicht unmittelbar zusammenfallen. Die Wissenschaft soll nicht in
den Formen des Alltags denken, sondern über sie hinaus. Sie soll
eine kritische Durchleuchtung jetziger Formen durch eine histo-
risch-materialistische Rekonstruktion ihrer Gewordenheit ermögli-
chen. 1) Durch diese Methode der Kategorienbildung sollen die we-
sentlichen Eigenschaften eines Gegenstandes grundsätzlich erfaßt
werden.
Der heutige Stand traditioneller Persönlichkeitstheorie ist aber
durch eine weitgehende U n g e k l ä r t h e i t über die Art
ihres G e g e n s t a n d e s gekennzeichnet. Wie die traditio-
nelle allgemeine Psychologie keine tragfähige Definition des Psy-
chischen erarbeitet hat, hat die Persönlichkeitspsychologie keine
tragfähige Definition der Persönlichkeit erarbeitet. Sie verfehlt
und verkürzt ihre wesentlichen Eigenschaften. Die Kategorienbil-
dung bleibt b e l i e b i g, die Geschichte des Faches deswegen
krisenhaft und ohne eindeutige Fortschritte. 2) So definiert z.B.
Ch. Bühler das Wesen der Persönlichkeit als ein "innerstes unde-
finierbares Etwas, das letztlich jeden einzelnen zusammenhält und
als Individuum bestimmt". 3) Die Definition gleicht vielen, die
schon im Anfang dieses Jahrhunderts in der Frühgeschichte der
psychologischen Persönlichkeitstheorie vorgestellt wurden. Der
Persönlichkeit wird eine außerordentliche Rolle für das Verständ-
nis eines jeden Individuums zugeschrieben. Zugleich wird sie je-
doch als wissenschaftlich undefinierbar und nur durch Erleben von
Innen und Einfühlung von Außen erfaßbar eingeschätzt. Darin kommt
das jetzige Dilemma der traditionellen Persönlichkeitstheorie zum
Ausdruck, eine entscheidende Rolle für die Erklärung des Indivi-
duums für sich zu b e a n s p r u c h e n, diese aber nicht
b e g r ü n d e n zu können.
Wie sollen wir uns solchen Widersprüchen gegenüber verhalten? Wir
müssen erstens festhalten, daß es eine Reihe von basalen ungelö-
sten Fragen gibt, deren Erforschung wir uns erst zur Aufgabe ma-
chen müssen. Zweitens, daß der Entwicklungsstand traditioneller
Persönlichkeitstheorie, der den Ausgangspunkt unserer Arbeit bil-
det, gering ist. Drittens, daß die ungelösten Probleme der tradi-
tionellen Theorienbildung geradezu die Notwendigkeit einer histo-
risch-materialistischen Herangehensweise unterstreichen. Und
viertens warnen sie uns vor ungeduldigen und vorschnellen Versu-
chen, eine Antwort auf die komplexen, individuums- und praxisna-
hen Fragestellungen der menschlichen Persönlichkeit zu geben,
weil sonst die Gefahr besteht, daß sich metaphysische Positionen
unkontrolliert wieder einfinden.
Auf diesem Hintergrund kann es nicht wundern, daß heute in der
marxistischen Literatur Konsens besteht, daß es auch darin noch
"keine einheitliche und allgemein akzeptierte Auffassung zur Per-
sönlichkeit" gibt, sondern daß der Begriff als "extrem vieldeu-
tig" eingeschätzt wird. 4) Es gibt sogar einflußreiche marxisti-
sche Positionen, die dieser Kategorie heute (noch) keine systema-
tische Rolle zuschreiben. 5) Daraus folgt, daß der systematische
S t e l l e n w e r t und der Bezug der Persönlichkeitskategorie
zu den übrigen Kategorien marxistischer Psychologie noch nicht
eindeutig bestimmt werden kann. Die Aufgabe, eine kategoriale Sy-
stematik zu erarbeiten, ist aber heute von außerordentlicher Be-
deutung. 6) Solange sie nicht gelöst ist, kann das Verhältnis
zwischen den B e r e i c h e n der Persönlichkeitstheorie, der
allgemeinen Psychologie und den angewandten Bereichen nicht genau
bestimmt werden. Die Hoffnung, die gerade an die Persönlichkeits-
theorie gerichtet wird, daß sie die Bereiche der allgemeinen Psy-
chologie i n t e g r i e r t, und daß sie zugleich eine
S c h l ü s s e l s t e l l u n g der Verbindung von theoreti-
scher und angewandter Psychologie vertritt, bleibt solange gegen-
seitig unerfüllt.
Die einschlägigen konzeptionellen Entwicklungstendenzen marxisti-
scher Psychologie können grob folgendermaßen nachgezeichnet wer-
den: Ein abstraktes Studium einzelner psychischer Funktionen in
der bürgerlichen Psychologie sollte durch ein Studium dieser
Funktionen als Aspekte menschlicher Handlung abgelöst werden. Da-
durch sollte die Psychologie in eine Wissenschaft von lebendigen
Individuen verwandelt werden und die wechselseitigen Verbindungen
der Funktionen in der Handlung bestimmt werden. Von daher wurde
die Subjektivität menschlicher Handlung zunehmend und umfassender
erforscht, und schließlich wurde von einigen Autoren die Er-
forschung menschlicher Persönlichkeit als eine sich entwickelnde
besondere integrierende Qualität individueller Subjektivität be-
stimmt. 7)
Konsens besteht, daß diese vielen Übergänge und die Fragen, die
sich dabei stellen, noch nicht hinreichend geklärt sind und daß
sie bisher zu unterschiedlichen Konzeptionen geführt haben. In
den folgenden Abschnitten werden uns deshalb die erreichten kon-
zeptionellen Fortschritte und die neuen Fragestellungen und Wi-
dersprüche interessieren. Dabei sollen die Gründe einer bestimm-
ten konzeptionellen Entwicklungsrichtung verdeutlicht werden.
Insbesondere die unabgeschlossene Aufgabe der tragfähigen Bestim-
mung einer marxistischen Persönlichkeitskategorie soll hervorge-
hoben werden, indem die Frage verfolgt wird: Worin besteht ihre
besondere konzeptionelle Funktion, ihre b e s o n d e r e k a-
t e g o r i a l e N o t w e n d i g k e i t?
2. Funktion und Persönlichkeit
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In bezug auf das Verhältnis von psychischen Funktionen und Per-
sönlichkeit hat eine marxistische Persönlichkeitskonzeption die
folgenden drei Grundpositionen traditioneller Psychologie zu
überwinden: E r s t e n s sollen nicht allgemeine psychische
Funktionen einzeln untersucht werden, sondern als Funktionsa-
spekte der Persönlichkeit. Z w e i t e n s sollen die Verbin-
dungen zwischen den einzelnen psychischen Funktionen nicht ab-
strakt als allgemein unbewegliche erfaßt werden. Dann wäre ein
abstraktes Standardindividuum eingeführt, das es nirgends gibt,
die individuelle Eigenart wäre wegabstrahiert bzw. als unwesent-
lich bewertet und die psychische Struktur als eine statische,
unentwickelbare erfaßt. D r i t t e n s sollen nicht individu-
elle Unterschiede einzelner psychischer Funktionen untersucht
werden, wie im klassischen Konzept der differentiellen Psycho-
logie. Dann würde wiederum eine einzelne psychische Funktion
abstrakt untersucht und ein jedes Individuum nur im Vergleich
dazu bewertet. Diese Abstraktion würde als Norm dienen für
Vergleiche der Werte von Einzelindividuen je nach Häufigkeit
dieser Werte in einer bestimmten Population. Das praktische,
psychotechnische Interesse daran besteht in der Selektion
bestimmter Individuen für bestimmte gesellschaftliche Positionen.
Das Interesse an einer Persönlichkeitstheorie ist vielfach, ein
G e g e n s t ü c k zu diesen Positionen einer abstrakt-elemen-
taristischen Funktionspsychologie zu etablieren. Ein derartiges
direktes Gegenstück wird aber theoretisch und methodologisch pro-
blematisch. Denn wenn es psychische Funktionen in dieser abstrak-
ten Isoliertheit nicht gibt, dann wird die Persönlichkeitstheorie
im Verhältnis zu etwas b e g r ü n d e t, das es n i c h t
gibt. Die Gegenüberstellung von Funktion und Persönlichkeit kann
deswegen zu gegensätzlichen konzeptionellen Grundpositionen füh-
ren. Man kann einerseits meinen: "Im Grunde genommen muß die Psy-
chologie des Menschen eben Persönlichkeitspsychologie sein." 8)
Die Persönlichkeitspsychologie wird so die einzig existierende
Psychologie, und die Persönlichkeit umfaßt die Totalität psychi-
scher Erscheinungen. Wenn es aber andererseits psychische Funk-
tionen nicht so gibt, kann es dann eine auf dieser Annahme beru-
hende Persönlichkeitstheorie geben? Oder gibt es nur anders kon-
zipierte psychische Funktionen und damit keine Grundlage für eine
besondere Persönlichkeitstheorie?
In der marxistischen Psychologie ist aus diesem Dilemma der
Schluß gezogen worden, daß nicht nur die psychischen Funktionen,
sondern auch die Persönlichkeit auf der Grundlage der menschli-
chen H a n d l u n g e n bestimmt werden müssen. 9) Genau dies
stellt einen wesentlichen Fortschritt materialistischer Psycholo-
gie dar. Derart werden psychische Funktionen nicht aus sich her-
aus, bzw. aus einem abstrakt-inneren menschlichen Wesen begrün-
det, sondern aus ihrem Stellenwert in der menschlichen Handlung.
Sie sind funktionale Voraussetzungen, erhalten innerhalb der
Handlung ihre besonderen funktionalen Aufgaben, gehen dabei und
darin besondere interfunktionale Verbindungen ein und werden da-
durch in besonderer Weise als Aspekte der sich entwickelnden
Funktionsgrundlage individueller Handlungsfähigkeit mitent-
wickelt.
Diese erweiterte Grundlage und Perspektive kompliziert indessen
zugleich die Frage nach der p s y c h i s c h e n S t r u k-
t u r, d.h. sowohl des Verhältnisses einzelner Funktionen zu-
einander als auch der "inneren Struktur" der Persönlichkeit
selbst. Denn die Struktur der Handlung und deren subjektive
Funktionsgrundlage verändern sich mit den sich ändernden gegen-
ständlichen I n h a l t e n der Handlung, d.h. mit dem gesell-
schaftlich-historischen Prozeß. 10) Von daher erhalten sie ihre
Aufgaben, und darauf bezieht sich die individuelle Handlung mit
ihren verbundenen Funktionspotenzen. Bekanntlich folgt daraus,
daß die Kategorien über menschliche psychische Funktionen solche
über gesellschaftliche Funktionspotenzen sein müssen. Sie müssen
die g e s e l l s c h a f t l i c h e V e r m i t t e l t-
h e i t individueller Existenz zur Grundlage haben und können
demnach nicht aus der isolierten Betrachtung rein individueller
Handlung gewonnen werden. Sie beziehen sich auf gesellschaftliche
Handlungsmöglichkeiten und drücken Aspekte von darauf bezogener
individueller Handlungsfähigkeit aus. Ferner folgt daraus, daß
die funktionalen Aufgaben und Verbindungen der Funktionspotenzen
k o n k r e t - h i s t o r i s c h e u n d k o n k r e t -
i n d i v i d u e l l e sind. Wir müssen die konkrete gesell-
schaftlich-historische Vermitteltheit menschlicher Existenz mit
der vollen Realisierung eines individualwissenschaftlichen Stu-
diums der Funktionsgrundlagen und Persönlichkeiten bestimmter
konkreter Individuen im individuellen "Verhalten-Zu" ihren
Handlungsräumen v e r b i n d e n. Über diese Erweiterung der
Perspektive auf unseren Forschungsgegenstand mag in groben Zügen
Konsens bestehen, und sie stellt eine wesentliche Leistung
marxistischer Psychologie dar. Aber ihre Einlösung steht noch
aus, und darüber herrscht momentan Streit.
Daraus verdeutlicht sich, daß wir e r s t eine konkrete i n-
h a l t l i c h e Kenntnis der gesamtgesellschaftlich vermit-
telten individuellen Existenz - und darin der subjektiven Funk-
tionalität bestimmter Verhaltensweisen und einer bestimmten
personalen Handlungsfähigkeit - erarbeiten müssen, ehe wir be-
stimmen können, mit Hilfe welcher entwickelten psychischen
F u n k t i o n e n als Voraussetzungen diese Handlungsfähigkeit
realisiert werden kann. 11) Entsprechend dieser doppelten Sicht
muß die Frage nach der besonderen Funktionalität beantwortet
sein, bevor die Frage gestellt werden kann, ob dann sinnvoller-
weise und eindeutigerweise von einer besonderen Persönlich-
keits b i l d u n g und von einer besonderen Persönlichkeits-
s t r u k t u r des Individuums geredet werden soll. Der For-
schungsstand ist im Moment der, daß über die inhaltliche
Funktionalität (darüber, worauf die Kategorie i n h a l t-
l i c h v e r w e i s t) größere Klarheit herrscht als darüber,
wie und ob ihre Funktionsgrundlage bestimmbar ist.
A.N. Leontjew hat vorgeschlagen, die inhaltliche Funktionalität
der Persönlichkeit als die der V e r b i n d u n g i n d i-
v i d u e l l e r T ä t i g k e i t e n im konkreten gesell-
schaftlichen Lebenszusammenhang zu bestimmen. 12) Sie trägt eine
i n t e g r a t i v e Funktionalität individueller Lebenstätig-
keit und ist die Instanz, die dafür die entwickelte Funktions-
grundlage gebraucht, verbindet, weiterentwickelt, vernachlässigt,
usw. Die Persönlichkeitskategorie wäre dann primär als eine
inhaltliche Kategorie eingeführt und die entwickelten psychischen
Funktionen wären die "Organe der Persönlichkeit", die ihre Ver-
bindungen und konkreten Besonderheiten aus ihrem Gebrauch durch
die Persönlichkeit erhalten. Voraussetzung für eine solche
Betrachtungsweise ist ferner auf Seiten der psychischen Prozesse,
daß diese auf mehreren E b e n e n ablaufen, wovon die Persön-
lichkeitsebene eine besondere und ü b e r g r e i f e n d e
darstellt. Dieser Definitionsversuch A.N. Leontjews eröffnet eine
neue Perspektive in der Bestimmung der Persönlichkeit und des
Verhältnisses von Persönlichkeit und psychischen Funktionen. Er
versucht der aus der traditionellen Persönlichkeitspsychologie
bekannten Gefahr zu entgehen, "höhere Ebenen" so zu definieren,
daß sie ihren Griff am Boden verlieren. Sonst wäre eine konzep-
tionelle Spaltung eingeführt, die einerseits eine primitive Ebene
in der Einschätzung der psychischen Funktionen und deren Ent-
wickelbarkeit und andererseits eine metaphysische Ebene der
Persönlichkeit und deren Eigenschaften beinhaltet. Es kann also
keine Persönlichkeitsbildung außerhalb und oberhalb der
Entwicklung der verbundenen psychischen Funktionen geben. 13)
Eine Erfassung d e r s e l b e n E r s c h e i n u n g e n mit
der Persönlichkeitskategorie und aus der Perspektive der
Entwicklung der individuellen Funktionsgrundlage muß also
m ö g l i c h sein. Sonst sind wir doch in der Metaphysik
gelandet. Und in diesem Sinne haben wir es nicht mit einem bloßen
Streit um Worte zu tun, sondern eben mit einer doppelten Per-
spektive. Die Frage ist eher: Wozu ist diese doppelte Perspektive
n ö t i g? W i r d eine besondere inhaltliche Funktionalität
des 'subjektiven "Verhaltens-Zu" dem Gesamt der individuellen
gesellschaftlichen Lebensbezüge erst damit greifbar, und brauchen
wir dafür eine besondere Kategorie der Persönlichkeit?
3. Individualität und Persönlichkeit
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Die Frage der Individualität, d.h. der individuellen Eigenart
menschlicher Subjekte, war immer eine zentrale Fragestellung der
Persönlichkeitstheorie. Sie ist von großer praktischer Bedeutung,
z. B. in der therapeutischen Einzelfallarbeit sowie in der dia-
gnostischen Kategorisierung individueller Erscheinungsbilder. Sie
muß in einer Persönlichkeitstheorie entsprechend berücksichtigt
werden, wenn eine angemessene Erfassung von Einzelindividuen in
der Theorie und in der Praxis erreicht werden soll. Überall in
der marxistischen Literatur wird demnach auf die Notwendigkeit
einer sorgfältigen Unterscheidung und Verbindung von Individuali-
tät und Persönlichkeit hingewiesen, gleichzeitig jedoch zugestan-
den, daß sie oft vermischt werden. 14)
Es ist ein wichtiges Ergebnis marxistischer Forschung, daß men-
schliche Individualität und menschliche Persönlichkeit in erster
Linie o b j e k t i v g e s e l l s c h a f t l i c h b e-
d i n g t sind. Die individuelle Eigenart ist zwar biologisch
vorgegeben, wird aber gesellschaftlich überformt, geprägt und
entfaltet. 15) Sie ist ein Ergebnis individueller Vergesell-
schaftung. Die Gesellschaft wird nicht wie in individualistischer
bürgerlicher Ideologie als ein abstraktes Gegenüber erfaßt, das
alle gleichmacht und die Individualität beschränkt. Die Entwick-
lung der Arbeitsteilung, des Reichtums der gesellschaftlichen Be-
ziehungen und des gesellschaftlichen Erbes ist im Gegenteil Mög-
lichkeitsbedingung entfalteter Individualität. Ferner stellen ob-
jektive gesellschaftliche Bedingungen grundlegende M ö g-
l i c h k e i t e n individuellen Lebens dar. 16) Jeder muß also
nicht in gleicher Weise auf die gleichen besonderen ge-
sellschaftlichen Bedingungen reagieren. Es gibt im Gegenteil meh-
rere Handlungsmöglichkeiten. Demnach liegt es auch nicht nur an
meiner Persönlichkeit und charakterisiert diese nicht unmittel-
bar, wenn ich anders als andere auf die gleichen Bedingungen rea-
giere. Dieselbe Persönlichkeit könnte sich sehr wohl unterschied-
lich zu denselben Bedingungen verhalten, ohne deswegen an einer
Persönlichkeitsspaltung zu leiden. 17)
Ein weiteres Ergebnis marxistischer Forschung ist die Hervorhe-
bung f o r m a t i o n s s p e z i f i s c h e r Bedingungen
und Gründe menschlicher Individualität in der bürgerlichen Ge-
sellschaft. Da muß jeder seine Besonderheit und Einmaligkeit in
der Konkurrenz und auf dem Markt behaupten. Von Wert zu sein
heißt, etwas anderes zu sein als die anderen. Ich bin erst rich-
tig etwas, wenn ich etwas Besonderes geworden bin. Die Geburt der
Persönlichkeit wird bei manchen bürgerlichen Ideologen mit dem
ersten "Nein" des Kindes seinen Eltern gegenüber identifiziert.
Statt gemeinsamer Verfügung und in diesem Sinne selbstbestimmtem
Leben, stellt sich das Setzen auf individuelle Selbständigkeit
ein: Ich muß "auf eigenen Füßen stehen" und "aus eigener Kraft"
meine Allmacht innerhalb meiner gesellschaftlichen Ohnmacht be-
haupten wollen, was natürlich nicht geht und zu verschiedenen
Problemen des Selbstwertgefühls und widersprüchlichem Pendeln
zwischen Allmacht und Ohnmacht führt. 18)
Schließlich hat nicht jedes Individuum in der bürgerlichen Ge-
sellschaft die gleichen Chancen, als etwas Besonderes charakteri-
siert zu werden. Eine Gleichsetzung von Individualität und Per-
sönlichkeit wäre demnach ideologisch fragwürdig, jedoch auch aus
methodologischen Gründen. Denn dann wäre jede A l l g e-
m e i n h e i t i n E i n m a l i g k e i t aufgelöst. Das
einzig allgemein Gegebene wäre eben die Einmaligkeit, und die
einzig mögliche wissenschaftliche Erfassung eines Individuums
wäre dessen Kennzeichnung mit einem Eigennamen. Diese Individu-
alität wäre eine unbeschreibbare leere Totalität geworden. 19)
Nun sind ja tatsächlich nicht alle individuellen Eigenschaften
und nicht jede individuelle Eigenart von gleich großer Bedeutung
für die Kennzeichnung einer Persönlichkeit. An dieser Feststel-
lung kann eine Unterscheidung zwischen den beiden Kategorien an-
knüpfen. In dem Sinne hat Rubinstein vorgeschlagen, daß gerade
diejenigen Eigenschaften zur Persönlichkeit gehören, die das ge-
sellschaftlich bedeutsame Verhalten bedingen, und Schmidt argu-
mentiert ähnlich, daß objektive gesellschaftliche Anforderungen
Gütemaßstäbe der Persönlichkeitsbewertung bereitstellen. 20) Der-
artige Kriterien können aber nur die o b j e k t i v e Bedingt-
heit subjektiver Persönlichkeitsbildung und Individualität erfas-
sen. Sie müssen deshalb wesentlich ergänzt werden durch besondere
subjektwissenschaftliche Kriterien der Bildung und Veränderung
von Persönlichkeit und Individualität einzelner Subjekte. Gefragt
werden muß nach der besonderen inhaltlichen Funktionalität der
Persönlichkeitsbildung in der gesamtgesellschaftlich vermittelten
Existenz konkreter Individuen. Auf dieser Grundlage können dann
die Verallgemeinerbarkeit und die Besonderheit individueller Per-
sönlichkeiten in ihrer subjektiven Funktionalität erfaßt werden.
Auch das Verhältnis zwischen Persönlichkeit und Individualität
eines konkreten Individuums kann aus der subjektiven Funktionali-
tät seiner Entwicklung bestimmt werden. Wie auffällig eine indi-
viduelle Besonderheit auch erscheinen mag, sie wird aus der in-
haltlichen Funktionalität ihrer Entstehung in der Lebensbewälti-
gung des betreffenden Subjekts erschlossen. Damit kann ebenfalls
bestimmt werden, unter welchen besonderen objektiven Bedingungen
es subjektiv funktional sein mag, die individuelle Persönlich-
keitsentwicklung in Richtung der Maximierung einer bestimmten in-
dividuellen Eigenart zu betreiben. Die Frage der Individualität
stellt sich somit als eine Frage des Verhältnisses von Eigenart
und Verallgemeinerbarkeit der Persönlichkeitsentwicklung indivi-
dueller Subjekte.
4. Subjektivität und Prozeßcharakter der Persönlichkeit
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Damit sind wir zur Fragestellung am Ende unseres zweiten Ab-
schnitts zurückgekommen. Es geht uns wiederum um die wesentliche
Ähnlichkeit und um die Unterscheidbarkeit der Subjekt- und der
Persönlichkeitskategorien. Bei vielen marxistischen Autoren wird
ein sehr enger Bezug zwischen diesen beiden Kategorien angenom-
men. So erklärt Rubinstein: "Der Mensch ist insofern Persönlich-
keit, als er seine Beziehungen zur Umwelt bewußt bestimmt", und
A.N. Leontjew: "Nur als Subjekt der gesellschaftlichen Beziehun-
gen wird er zur Persönlichkeit". 21)
Nun sind ja zwei Kategorien nur dann nötig, wenn sie auf Unter-
schiedliches verweisen. A.N. Leontjew zufolge ist die Subjektka-
tegorie u m f a s s e n d e r als die Persönlichkeitskategorie.
Die Persönlichkeit ist eine N e u b i l d u n g entwickelter
individuell-menschlicher Subjektivität, die b e s o n d e r e
Subjektaufgaben trägt. Es gibt demnach sowohl Subjekt Qualitäten
wie gesellschaftliche Qualitäten des menschlichen Individuums,
die keine Persönlichkeitsqualitäten sind. Andererseits finden
sich bei A.N. Leontjew Formulierungen, die die Persönlichkeit mit
entwickelter menschlicher Subjektivität schlechthin gleichsetzen,
z. B.: "Die Persönlichkeit ... gilt als das, was der Mensch aus
sich macht, indem er sein menschliches Leben bewältigt." 22) Die
Unterscheidung scheint also (noch) n i c h t völlig t r e n n-
s c h a r f. Immerhin will A.N. Leontjew dieses Problem (in
Anlehnung an Sève) folgendermaßen entscheiden: "Der wirkliche Weg
zur Erforschung der Persönlichkeit besteht in der Untersuchung
jener Transformationen des Subjekts ..., die sich aus der
Selbstbewegung seiner Tätigkeit im System der gesellschaftlichen
Beziehungen ergeben." 23) Er will m.a.W. das Studium individu-
eller Subjektivität mit der Persönlichkeitskategorie vertiefen
und differenzieren. Die wissenschaftliche Aufgabe besteht darin
zu erforschen, was die Persönlichkeit h e r v o r b r i n g t.
Sie soll aus der inhaltlichen Funktionalität ihrer Entstehung
begründet werden. Darin muß sich ihre b e s o n d e r e Funk-
tionalität und die Notwendigkeit dieser besonderen Kategorie
verdeutlichen.
Diese besonderen funktionalen Erfordernisse sind laut A.N. Leont-
jew besondere Aufgaben individuell-subjektiver Lebensbewältigung,
die von besonderen Kennzeichen objektiv-gesellschaftlicher Le-
bensverhältnisse bedingt sind. E r s t e n s müssen die objek-
tiven gesellschaftlichen Beziehungen, in denen ein Individuum
lebt, u m f a s s e n d s e i n. Das bringt die subjektive
Notwendigkeit der einzelnen Individuen hervor, einen gewissen in-
neren Zusammenhang ihrer individuellen Tätigkeiten aufrechtzuer-
halten. Z w e i t e n s muß es objektive gesellschaftliche
V e r b i n d u n g e n zwischen den Tätigkeiten eines Individu-
ums geben. Daraus entsteht die individuell-subjektive Notwendig-
keit, diese Verbindungen zu berücksichtigen, sie subjektiv zu be-
werten und sein Verhältnis dazu zu regulieren. Was diese beiden
ersten Erfordernisse individuell-subjektiv beinhalten, wird noch
deutlicher, wenn wir das d r i t t e hinzunehmen: Die Bedingun-
gen des individuellen Subjekts, seine Tätigkeit und seine Voraus-
setzungen verändern sich. Es ist zudem eine Aufgabe des individu-
ellen Subjekts, diese Verbindungen zu entwickeln. Die Persönlich-
keitsbildung ist demnach eine besondere E n t w i c k l u n g s-
a u f g a b e. Die Tätigkeiten und ihre Verbindungen werden
selektiv realisiert, verarbeitet, bewertet, verschoben, vernach-
lässigt, allseitig/einseitig entwickelt, müssen bei u. a. dadurch
entstandenen veränderten Möglichkeiten neubewertet, -verbunden
usw. werden, wobei sich die vernachlässigten ggf. krisenhaft
bahnbrechen usw. Die Persönlichkeit wird somit wegen der
besonderen inhaltlichen Funktionalität einer übergreifenden
Regulierung individueller Entwicklungsprozesse gebildet.
Da es sich um eine Aufgabe handelt, kann sie natürlich unter-
schiedlich aufgegriffen und gehandhabt werden. Was und wie sie
subjektiv bewältigt wird, führen zu einer empirischen Vielfalt
individueller Persönlichkeiten im subjektiven "Verhalten-Zu" ih-
ren konkreten Handlungsmöglichkeiten, die die Vielfalt objektiv
bedingen. Positiv bestimmt entwickelt das individuelle Subjekt
dabei seine Handlungsräume. Es klärt die subjektive Bedeutung
seiner Handlungsmöglichkeiten und deren Erweiterbarkeit. Es klärt
damit seine subjektiven Handlungsgründe. Das sich entwickelnde
Selbstverständnis ist die Klärung der Gründe seiner subjektiven
Handlungsweisen, und die Selbsteinschätzung ist die emotionale
Bewertung seiner Handlungsmöglichkeiten und der Art und Weise,
wie es sich subjektiv dazu verhält. Die Entwicklung der Persön-
lichkeit selbst ist damit an die Entwicklung der subjektiven
Handlungsräume gebunden. Sie ist nicht unmittelbar und aus-
schließlich eine Aufgabe der Entwicklung der eigenen subjektiven
Funktionsgrundlage. Sie schließt deren Veränderung mit ein als
die Entwicklung der subjektiven Voraussetzungen der Entwicklung
seines Lebens. In diesem Sinne werden die Voraussetzungen als
funktionale Aspekte entwickelt, verallgemeinert, verbunden, neu
bewertet, vernachlässigt, usw. Die Persönlichkeitsentwicklung ist
die Entwicklung der selbsttätigen Determination der Erweiterung
ihrer Handlungsräume. Dabei kann die Persönlichkeit nur "Herr ih-
rer selbst" werden, wenn sie "Herr ihres Lebens" wird. Selbstbe-
herrschung, die abstrakt, ohne die Verfügbarkeit der relevanten
Bedingungen, erfaßt wird, bleibt unterdrückerische Selbstdiszi-
plinierung des "eigenen" innerpsychischen "Haushalts", wie wir es
aus Konzepten der traditionellen Psychologie kennen, die die Auf-
gabe der Persönlichkeit in erster Linie oder ausschließlich als
die der Kontrolle der eigenen Voraussetzungen bestimmen.
Die besondere Persönlichkeitsaufgabe in diesem Prozeß der Ent-
wicklung individueller Subjektivität besteht nach A.N. Leontjew
in der übergreifenden Regulierung des Prozesses. Sie nimmt die
Ganzheitlichkeit, die Gesamtheit der Entwicklungsaufgaben wahr.
Sie hat eine individuelle integrative Systemaufgabe. Um diese
wahrnehmen zu können, braucht sie, außer adäquaten äußeren Bedin-
gungen, besondere subjektive Voraussetzungen. Sie muß besondere
Fähigkeiten der Wahrnehmung solcher besonderen Entwicklungsaufga-
ben entwickeln, die bezogen auf die psychische Funktionsgrundlage
einerseits deren Entwicklung bleiben, andererseits in deren Ent-
wicklung eingreifen. Das ist aber nicht alles. Diese besonderen
P e r s ö n l i c h k e i t s e i g e n s c h a f t e n müssen
selbst mitverändert werden. Im Laufe der individuellen Entwick-
lung werden neue Mittel nötig, um den Gesamtprozeß regulieren zu
können. Um eine e n t w i c k e l n d e Aufgabe wahrnehmen zu
können, muß die Persönlichkeit selbst e n t w i c k e l b a r
sein. Obwohl und gerade weil sie eine Strukturierungsaufgabe
wahrnimmt, muß ihre Struktur eine sich entwickelnde bleiben und
grundlegend prozessual untersucht werden.
Wollen wir die Persönlichkeit erforschen, müssen wir die Entwick-
lungsprozesse untersuchen. Wir sollen die individuelle Ganzheit-
lichkeit nicht als Zustand erfassen, um ihn mit den Zuständen an-
derer Individuen, oder um Zustand A und B beim selben Individuum
zu verschiedenen Zeiten zu vergleichen. Eine derartige Erfassung
wäre beim nächsten Entwicklungsschritt überholt und würde uns
keine direkte Erkenntnis der funktionalen Wahrnehmung von Ent-
wicklungsprozessen geben. Vergleiche, Unterschiede/Gemeinsam-
keiten sind nicht an sich interessant, sondern als solche der
Wahrnehmung von Entwicklungsaufgaben. Wenn wir eine entwicklungs-
fördernde Praxis theoretisch begründen wollen, müssen Entwick-
lungsprozesse Gegenstand unserer Forschung sein. Schon die
Entwicklung neuer Selbsterkenntnisse über die Wahrnehmung von
Entwicklungsmöglichkeiten und über die vorhandenen subjektiven
Voraussetzungen bringt Veränderung mit sich. Die Selbsterkenntnis
ist ein unabschließbarer Prozeß in Richtung neuer Ergebnisse. Sie
ist ein Aspekt der Aneignung der Lebensverhältnisse und schreitet
mit der Erweiterung der Verfügung über diese voran als
gleichzeitig erhöhte Verfügbarkeit und Transparenz auch von deren
subjektiven Gründen und Voraussetzungen. Sie ist perspektivisch
auf die Zukunft gerichtet, auf die Nutzung und Erweiterung
individueller Handlungsräume.
Die entscheidenden Fragen sind deswegen folgender Art: Welche
Handlungsmöglichkeiten habe ich, wie bewerte ich sie, wie habe
ich mich bisher dazu verhalten und aus welchen Gründen? Wozu hat
das geführt, welche Möglichkeiten und Gründe habe ich, deren Ein-
schränkung zu verhindern bzw. sie zu erweitern, was fordert das
von mir an Handlungen und Fähigkeiten, einschließlich derer, die
ich noch nicht entwickelt habe usw.? Durch eine derartige Er-
kenntnis und Bewertung eigener Entwicklungsschritte lernt die
Persönlichkeit die Entwickelbarkeit eigener Fähigkeiten ein-
schließlich der Fähigkeiten zur Wahrnehmung von Entwicklungsauf-
gaben kennen und schätzen.
Es wäre jedoch eine verhängnisvolle Abstraktion, diese Entwick-
lungsaufgaben als rein individuelle zu erfassen. Sie sind in ih-
ren Möglichkeiten und in ihren Mitteln gesellschaftlich vermit-
telt. Was möglich ist, und wie Möglichkeiten realisiert und ge-
schaffen werden können, hängt nicht vom Individuum allein ab. Un-
ter Umständen werden Entwicklungsschritte gar dem Individuum von
gesellschaftlichen Veränderungen aufgedrängt. Sie sind konkret-
historische und konkret-individuelle und gesellschaftlich vermit-
telt auch in den Fällen, wo sie ein Individuum nur für sich an-
eignet. Wir müssen deswegen die Entwicklung der Persönlichkeit in
und mit ihren gesellschaftlichen Beziehungen erforschen. 24)
Aus dem Bisherigen geht hervor, daß die individuell-subjektiven
Steuerungs- und Regulierungsprozesse gegenüber den historisch
sich verändernden gesellschaftlichen Verhältnissen geöffnet sind
und sich als Aspekte von deren Veränderung mitentwickeln müssen.
25) Vor diesem Hintergrund können zwei Konsequenzen als Aufgabe
für die künftige Klärung der Persönlichkeitskategorie gezogen
werden: E r s t e n s muß, da subjektive Bestimmung nicht rein
individuell möglich ist, die perspektivische Bestimmung der Per-
sönlichkeitsentwicklung als Subjektentwicklung über die Ebene
hinaus präzisiert werden, die z. B. aus den einleitenden Zitaten
von Rubinstein und A.N. Leontjew in diesem Abschnitt hervorgeht.
26) Die bewußte Bestimmung seiner Beziehungen zur Umwelt und der
gesellschaftlichen Beziehungen ist keine rein individuelle Mög-
lichkeit. Das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft ist der-
art nicht adäquat erfaßt und eine entfaltete individualwissen-
schaftliche Position auf dieser Grundlage noch nicht erreicht.
Z w e i t e n s muß die Vorstellung von der Geschlossenheit des
Individuums nicht nur "geöffnet" werden, sondern überhaupt die
Vorstellung i n d i v i d u e l l e r I n t e g r a t i o n
problematisiert werden. Die Integration, die geschichtlich er-
reicht werden kann, ist vor allem eine Integration der g e-
s e l l s c h a f t l i c h e n V e r h ä l t n i s s e. Solan-
ge sie nicht erreicht ist, muß die Realisierung individueller
Integration fragwürdig bleiben, aber auch danach. Eine Inte-
gration gesellschaftlicher Verhältnisse ist nicht direkt auf eine
individuelle Ebene übertragbar.
Wenn wir unsere bisherige Darstellung der Persönlichkeitskatego-
rie an diesem Punkt des Übergangs zu theoretischen und empiri-
schen Fragestellungen z u s a m m e n f a s s e n, können wir
feststellen, daß in der marxistischen Psychologie im wesentlichen
dieselben Erscheinungen wie in den Alltagsbegriffen, in den Pra-
xisbegriffen der professionellen Psychologen und in den traditio-
nellen Persönlichkeitstheorien auf neuer Grundlage erfaßt werden.
Sie sind damit r e i n t e r p r e t i e r b a r. Jedoch sind
in der marxistischen Forschung dieselben Erscheinungen mit der
Persönlichkeitskategorie und mit der Kategorie individueller Sub-
jektivität erfaßbar. 27) Die b e s o n d e r e k a t e g o r i-
a l e N o t w e n d i g k e i t der Einführung einer Persön-
lichkeitskategorie sozusagen oberhalb der Subjektkategorie ist
somit noch nicht hinreichend begründet. Es muß ja schon zur
Analyse psychischer Funktionen und zur Analyse personaler
Handlungsfähigkeit des individuellen Subjekts gehören, daß die
Herstellung und Entwicklung der Verbindungen und Zusammenhänge
dieser Funktionen und Handlungen des individuellen Subjekts aus
ihrer inhaltlichen Funktionalität heraus bestimmt werden. Sonst
betreiben wir einen letzten Rest abstrakt-elementaristischer
Psychologie, die wir überwinden wollen. Wenn die Analyse der
Verbindungen aber schon auf dieser Ebene geleistet werden muß,
wird sie dann mit der Einführung der Persönlichkeitskategorie nur
verdoppelt? Bis diese Frage geklärt ist, bleibt die Einführung
der Persönlichkeitskategorie in der marxistischen Psychologie
beliebig.
5. Konflikthaftigkeit der Persönlichkeit
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Die Erfassung der Persönlichkeit und ihrer Entwicklung als eine
Entwicklungs a u f g a b e ist insofern wesentlich idealisiert
und vereinfacht, als sie real voller E n t w i c k l u n g s-
p r o b l e m e und -k o n f l i k t e ist. Dieser Tatsache
wird oft in der Literatur keine systematische theoretische Bedeu-
tung beigemessen. Sie kommt eher in Beispielen zur Veranschauli-
chung und in Hinweisen auf besondere Verkomplizierungen der erör-
terten Prozesse zum Ausdruck. In der Berufspraxis von Psychologen
hingegen spielt gerade die Arbeit in und mit Konflikten eine
fundamentale Rolle. Erst die Existenz von Konflikten begründet
und erfordert z.B. meistens den Einsatz von Psychologen im
klinischen Bereich.
Bei Aufgaben sind adäquate und nötige Mittel der Erreichung eines
Zieles vorhanden oder herstellbar. Ziel und Mittel stimmen in dem
Sinne überein. Gibt es im Unterschied dazu einen Widerspruch zwi-
schen Ziel und Mittel, verwandelt sich die Aufgabe in ein Pro-
blem: Adäquate Mittel sind dann nicht unmittelbar vorhanden und
herstellbar bzw. sind nicht identifizierbar. Die Lösung besteht
darin, daß diese Mittel gefunden, hergestellt oder zur Verfügung
gestellt werden. Damit wird der Widerspruch überwindbar. 28) Be-
stehen zusätzlich einander widersprechende Ziele zwischen Klas-
sen, Gruppen, Individuen, die auf gegensätzlichen Interessen be-
ruhen, so verwandeln sich Aufgaben und Probleme in Konflikte. 29)
Das mag auf gesamtgesellschaftlicher Ebene der Fall sein und in-
nerhalb besonderer gesellschaftlicher Lebensbereiche oder in ein-
zelnen Beziehungen. Auf Grund dieses Widerspruchs stellen Hand-
lungen für die Erreichung des Ziels der einen Partei Verschlech-
terungen und Verhinderungen der Möglichkeiten der Zielerreichung
der anderen Partei dar. Die Erweiterung der Möglichkeiten der
einen Partei geht mit der Einschränkung der Möglichkeiten der an-
deren einher. Die Zielerreichung einer bestimmten Klasse, Gruppe
oder eines bestimmten Individuums wird auf Grund dessen von ande-
ren bekämpft und gegebenenfalls verhindert. Bei Versuchen der Re-
alisierung relevanter Entwicklungsziele der Persönlichkeit werden
m. a. W. keine Spielräume und keine Unterstützung dafür durch die
entgegengesetzte Partei des konkreten Konflikts gegeben, sondern
diese im Gegenteil entzogen. Die Beschränkungen und Entgegenwir-
kungen können u.U. die Realisierung des vorhandenen Entwicklungs-
ziels verhindern. Der Konflikt bleibt dann unter den Betroffenen
ungelöst und für die Entwicklung der einzelnen bestehen. Die Lö-
sung des Konflikts ist andererseits an die reale A u f h e-
b u n g des Interessenwiderspruchs gebunden. Darüber hinaus
können besondere Konflikte bestehen oder bestehen bleiben, weil
die Betroffenen (durch objektive gesellschaftliche Gedankenformen
vermittelt) meinen, daß es dort Interessenwiderspruch gibt, wo
(auch) allgemeine Interessen bestehen, oder ihnen widersprechende
Interessen als die eigenen falsch interpretieren.
Damit sind spezifisch menschliche Konflikte als g e s e l l-
s c h a f t l i c h v e r m i t t e l t e erfaßt. Sie sind
nicht bloße Schwierigkeiten der Herstellung von Zusammenhang zwi-
schen Einzelhandlungen/-motiven eines Individuums, der Herstel-
lung von Bevorzugung, der Selektion, der Wahl u. dergl., obwohl
sie auch solche Prozesse komplizieren mögen. Jedenfalls
komplizieren sie die Möglichkeiten, individuelle Integration her-
zustellen. Diese Integration ist keine bloße Aufgabe mehr, son-
dern ein Konflikt und erst durch die Lösung des Konflikts mög-
lich. Beim Fortbestand eines Konfliktes bliebe individuelle Inte-
gration Widerspruchseliminierung auf individuell-subjektiver Ebe-
ne. Die Vorstellung eines integrierten Individuums, im Sinne
einer geschlossenen Persönlichkeit, nimmt nicht zufällig einen
zentralen Platz in traditionell-psychologischen Persönlichkeits-
konzepten ein.
Konflikte können aber nur als E n t w i c k l u n g s k o n-
f l i k t e angemessen erfaßt werden. In einem Konflikt muß es
immer Kräfte geben, die in entgegengesetzter Richtung streben,
sonst gäbe es eben keinen Konflikt mehr. Diese entgegengesetzten
Kräfte zielen auf bzw. gegen die Erweiterung der Handlungsräume
einer Klasse, einer Gruppe oder eines Individuums. Solange die
Interessen, die hinter den Versuchen der Erweiterung der
Handlungsräume der einen Partei stecken, Partialinteressen sind,
geschieht die Entwicklung der einen Partei notwendigerweise auf
Kosten der anderen. Damit muß der Konflikt grundsätzlich bestehen
bleiben, wenn auch u.U. in veränderter Gestalt. Nur in dem Maße,
wie die Interessen an der Erweiterung der Handlungsräume
v e r a l l g e m e i n e r b a r sind, ist der Konflikt grund-
sätzlich aufhebbar. In diesem Sinne ist die Frage des Bestandes
oder der Aufhebung eines Konfliktes eine Frage des Verhältnisses
von allgemeinen Interessen und Partialinteressen. Die Dominanz
von Partialinteressen beschränkt und verunmöglicht die Nutzung
und Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten und hält in diesem
Sinne die Entwicklung der davon Betroffenen zurück.
Wenn es Konflikte unter Betroffenen gibt, gibt es sie auch für
die einzelnen und in den einzelnen, d. h. a u f i n d i v i-
d u e l l e r E b e n e. Das individuelle "Verhalten-Zu" den
widersprüchlichen Verhältnissen muß notwendigerweise konflikthaft
werden, weil die Möglichkeiten und Notwendigkeiten widersprüch-
lich sind. Die individuellen, inneren Konflikte haben ihre
lebenspraktischen Gründe und Bedingungen und können erst mit der
Überwindung dieser äußeren Konflikte überwunden werden.
Wie verhält man sich nun bis dahin i n d e n K o n-
f l i k t e n? Natürlich verschiedenartig, aber man muß sich in
irgendeiner Weise widersprüchlich verhalten, aus der funktionalen
Notwendigkeit heraus, das noch Schlimmere abzuwehren. Man verhält
sich also durchaus subjektiv funktional, begründet, aber zugleich
u.U. gegen eigene Interessen an Weiterentwicklung. Die subjek-
tiven Handlungsgründe werden selbst problematisch. Es ist also
kein Zufall, daß in einer solchen Situation Handlungsweisen
entwickelt und aufgegriffen werden, die im Verhältnis zu den
eigenen langfristigen Zielen inadäquat und in diesem Sinne
problematisch sind. Die eigenen Handlungsgründe sind entsprechend
nicht mehr eindeutig, sondern mehrdeutig, und ihre Deutung ist
selbst oft ein Problem für den einzelnen und unter den Parteien
des Konflikts. Die subjektiven Bedeutungsstrukturen werden unklar
und verwickelt. Die eine Seite des Konflikts mag dann geleugnet
und verdrängt werden, übt aber fortwährend Einfluß auf das
tatsächliche Handeln aus. Die eigenen Standpunkte werden unklar
und widersprüchlich: Man mag sowohl für wie gegen alles sein, d.
h. desorientiert sein. Beim Beziehen eines jeden Standpunktes
melden sich Stimmen des Widerspruchs. Die Intentionalität eigenen
Handelns wird unzuverlässig. Meine Handlungen gehen in ein
gegensätzliches Feld hinein, in dem andere u. U. zu Gegenmaß-
nahmen greifen. Ich kann also die Ergebnisse meiner Handlungen
nicht vorherbestimmen. Sie mögen gar zu einer unintendierten Ver-
schlechterung meiner Situation Anlaß geben, wenn ich eine Verbes-
serung anstrebe. Auch die Klärung meiner Motive wird mir deswegen
Schwierigkeiten bereiten. Im Streit werden meine Motive zudem von
anderen anders interpretiert, und diese Interpretation wird mir
u.U. aufgedrängt. Die subjektiven Bedeutungen, meine Handlungs-
gründe werden selbst strittig. In der Tat ist eine zuverlässige
Vorherbestimmung eigener intendierter Handlungsergebnisse erst
auf der Grundlage gemeinsamer Verfügung über die relevanten ge-
sellschaftlichen Lebensverhältnisse erreichbar. Denn die Vorher-
bestimmung einer gemeinsamen Lebensgrundlage ist nicht rein indi-
viduell möglich. 30)
Eine tragfähige Klärung meiner Handlungsgründe und die Bildung
eindeutiger Intentionen sind also nicht dadurch zu erreichen, daß
ich meinen Blick nach innen kehre und mich derart auf die Suche
nach "mir selbst" begebe. Handlungsgründe drücken ja mein
"Verhalten-Zu" meinen Verhältnissen aus. Überhaupt wird an diesen
Aspekten menschlicher Konflikte deutlich, daß darin die Persön-
lichkeiten der Beteiligten nicht nur betroffen werden, sondern
selbst zum S t r e i t p u n k t werden. Mithilfe des Alltags-
begriffs der Persönlichkeit wird der Konflikt umgeformt in eine
Auseinandersetzung über die Zuschreibung positiv und negativ be-
werteter Persönlichkeitseigenschaften. Die Schuld und die Verant-
wortung für den Gang der Ereignisse wird neu interpretiert und
verteilt und u.a. dadurch eine neue Grundlage für künftige Aus-
einandersetzungen geprägt. Der Eigenschaftsbegriff dient als
M i t t e l des Konfliktes. Die "Vereigenschaftung" hat die
Funktion der Regulierung lebenspraktischer Konflikte, und die Zu-
schreibung bestimmter Eigenschaften ist von den gegensätzlichen
Interessen des Konflikts beeinflußt. Psychologen werden als Pro-
fessionelle gerade in diese Art der Regulierung einbezogen.
Der eingeführte Konfliktbegriff hat uns eine wichtige Präzisie-
rung dessen erlaubt, was es heißt, einen Konflikt zu l ö s e n.
Er ist erst durch die Aufhebung der Interessenwidersprüche im ei-
gentlichen Sinne gelöst, d.h. durch eine V e r a l l g e m e i-
n e r u n g der Interessen der Betroffenen. Wir können nun nach
den Bedingungen fragen, die eine solche Aufhebung ermöglichen.
Und wir können fragen, ob diese M ö g l i c h k e i t s-
b e d i n g u n g e n von verschiedenen Konflikten in verschie-
denen Lebensbereichen gegeben bzw. herstellbar sind, und in
welche Richtung sich Veränderungen auf kurze Sicht bewegen müß-
ten, damit die Möglichkeitsbedingungen herstellbar werden können.
Wir können in einer neuen Perspektive Handlungsweisen in
Konflikten bestimmen und bewerten. Ähnliches gilt für die
Bestimmung von Fähigkeiten der Verarbeitung und des Eingriffs in
Konflikte sowie für die Analyse von Interessenwidersprüchen oder
Bündnissen auf der Grundlage verallgemeinerter Interessen.
Diese Perspektive unterscheidet sich wesentlich von der bloßen
Herstellung neuer Kompromisse und Kompensationen, von der bloßen
erneuten Ausbalancierung und Einforderung individueller Vorteile
innerhalb unüberwundener oder gar unangetasteter Konflikte. Die
Haltbarkeit und die Reichweite derartiger Mittel blieben be-
schränkt. Sie wären grundlegend damit verbunden, daß meine
V o r t e i l e erst durch die O p f e r anderer ermöglicht
werden und/oder durch eigene Opfer in anderen Situationen einge-
handelt werden. In ideologischen Formen heißt das, daß wir uns
abwechselnd füreinander aufopfern sollten, in mehr, meist aber
weniger ausgeglichenem Maße, und daß wir unseren moralischen Wert
erst richtig durch unsere Aufopferung für andere beweisen könn-
ten. Schließlich würde es uns allen erst durch die Verbreitung
einer derartigen Opferbereitschaft gut gehen. 31)
6. Zum Beispiel
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Im folgenden soll die Analyse eines Therapiefalles skizzenhaft
vorgestellt werden. 32) Damit sollen m ö g l i c h e Implika-
tionen von einigen der dargestellten theoretischen Standpunkte
und Analysen verdeutlicht werden. Allerdings werden diese nur
teilweise einbezogen, und sie können schon deswegen keine syste-
matische Analysegrundlage darbieten, weil die kategoriale Klärung
der Persönlichkeitstheorie noch nicht abgeschlossen ist. Es wer-
den ferner nur Analysemöglichkeiten vorgestellt, jedoch weder
Analyseverfahren noch unmittelbare Handlungsanweisungen, sondern
eine analytische Grundlage für die Ermittlung einer Handlungsori-
entierung. Aus Platzgründen soll nur die Analyse dargestellt wer-
den, die sich auf ein Familienmitglied, eine dreizehnjährige
Tochter S., bezieht. Dabei geht es uns um die Analyse der beson-
deren Bedingungen und subjektiven Funktionalität eines Falles,
der symptomatisch als "Anorexia Nervosa" eingestuft wurde. Die
Familie wird hier nur als Bedingung ihres Lebens und der Entwick-
lung ihrer Symptomatik berücksichtigt. Bedingungen und Handlungs-
weisen außerhalb der Familie werden ebenso weggelassen. Weil der
Handlungsbezug der Analyseverfahren im Therapieprozeß sowie die
Bedingungen und Handlungen der Tochter derart verkürzt vorge-
stellt werden, wird sich nicht g a n z vermeiden lassen, daß
die Darstellung auch als scheinbar beliebige Deutung mißverstan-
den werden kann.
Wir fangen mit einer kurzen Bedingungsanalyse an: Es handelt sich
um eine Akademikerfamilie von fünf Mitgliedern. Sie läßt sich in
sehr ausgeprägtem Maße von einer konventionellen Pflichtmoral
leiten. Erstens hat diese Moral deutliche religiös-ideologische
Wurzeln in einer Berufungs- und Dienstethik altprotestantischer
Art. Zweitens wird sie zum Zwecke der Förderung der beruflichen
Aufstiegsmöglichkeiten des Mannes genährt und von ihm auf das Fa-
milienleben derart abgestimmt, daß er die beruflichen Aufstieg-
schancen ohne zu große Anstrengungen wahrnehmen kann. Und drit-
tens wird sie von der Mutter funktionalisiert zum Zwecke der Le-
gitimierung und Kompensation der Aufopferung ihrer entsprechenden
beruflichen Möglichkeiten. Ergebnis ist ein sehr beschränktes und
freudloses Alltagsleben der Familie. Um dieses überhaupt absi-
chern zu können, ist eine sehr starre und detaillierte Regulie-
rungsform des Familienalltags aufgebaut worden, worin praktisch
jede Handlung und jedes "Verhalten-dazu" p f l i c h t m ä ß i g
vorgeschrieben, verteilt und ausgewertet wird. Es gibt sehr de-
taillierte Verhandlungsverfahren dafür, und die Aufrechterhaltung
dieser Regulierung beansprucht sehr viel Zeit. Außerhalb des der-
art Vorgeschriebenen darf es so gut wie nichts geben, andernfalls
werden sofort Sanktionen wirksam. Handlungen werden auf diese
Weise in Pflichten umgeformt, und die Pflichten sollen aus
Selbstaufopferung den anderen zuliebe getan werden. Sie sind
L i e b e s d i e n s t e. Wenn sie nur jeder bereitwillig und
abwechselnd auf sich nähme, ginge es allen gut. Es ist eine Form
der U n e i g e n n ü t z i g k e i t, bei der jede Handlung in
diesem Sinne gut und liebenswert ist. Es ist aber keine Form der
Definition und Wahrnehmung g e m e i n s a m e r Interessen,
sondern des systematischen selbstlosen A b s e h e n s von ei-
genen Interessen, wobei das, was zugelassen wird, natürlich nicht
die Gemeinsamkeit des Verbotenen sein kann. Die Form deckt
w e d e r die allgemeinen Interessen n o c h die Interessen
eines jeden Mitglieds. Da sie gerade eine Form der Selbstaufgabe
als Pflicht ist, muß sie wiederholt neu l e g i t i m i e r t
und b e s t ä t i g t werden, damit keiner in Verdacht kommen
sollte, daß irgendeiner doch das, was er getan hat, zum eigenen
Vorteil täte, zumal es ja auch vorteilhaft ist, seine Pflicht zu
tun. Unter der Oberfläche werden denn auch individuelle Vorteile
in ungleich verteilten Ausmaßen verfolgt. Alle müssen deswegen
wiederholt bestätigen, daß die Form und die anderen gut sind. Sie
müssen es in sehr ausgeprägtem Maße internalisieren und keine Un-
zufriedenheit damit äußern. Man muß die guten Seiten des Lebens
und der anderen achten und innerhalb der Form bleiben. Denn würde
ein Familienmitglied aussteigen, wäre es undankbar, weil die an-
deren doch alles seinetwegen tun, oder aber es hätte ihre Güte in
Frage gestellt. Jeder, der aussteigt, die Form stört oder Unzu-
friedenheit formuliert, ist deswegen nicht uneigennützig, sondern
ein undankbarer Egoist. Und gegen den Egoismus, der wiederholt
sein böses Gesicht zeigt, weil die Form die Bedürfnisse von nie-
mandem vollständig deckt und weil man sich individuell absichern
muß, wenn es keine gemeinsame Absicherung gibt, muß man sich
wehren. Deswegen ist keine einheitliche Verbesserung des Lebens
ohne diese Form akzeptierbar, und keine individuellen Interessen
dürfen d i r e k t und sichtbar und sozusagen offensiv v e r-
t r e t e n werden. Ebenso darf kein Familienmitglied offen
andere aus eigenen Interessen beeinflussen w o l l e n. Jeder
muß seine Interessen verstellen und die anderen überlisten. Sonst
wird der Versuch gegen den Täter gekehrt. Die Intentionalität
eigenen Handelns wird somit verkompliziert und w i d e r-
s p r ü c h l i c h.
Jetzt gehen wir zur Analyse des besonderen Handlungsraums der
Tochter S., ihres subjektiven "Verhaltens-dazu" und ihrer Hand-
lungsgründe über. Sie hat lange Zeit vor allem versucht, sich
pflichtgemäß und selbstmoralisierend zu verhalten. Das entspricht
zunächst ihrer besonderen Stellung und ihrem besonderen Möglich-
keitsraum, ist m.a.W. subjektiv funktional und begründet. Denn
ihre notwendige Absicherung gewinnt sie nur innerhalb und auf der
Grundlage der bestehenden Form. Weil die Form aber zugleich er-
hebliche Beschränkungen für sie beinhaltet, geschieht dies um den
Preis der Entstehung und des Fortbestandes von Entwicklungskon-
flikten für sie. Es entstehen besondere Widersprüche ihrer Hand-
lungsweisen und subjektiven Handlungsgründe. Die auf kurze Sicht
meist subjektiv funktionale Handlungsstrategie für sie, die sie
in dieser Situation intensiv benutzt hat, ist die, sich selbst
"durch die anderen hindurch" abzusichern. Indem sie sich hilfsbe-
reit in andere hineinversetzt, sichert sie ihren eigenen be-
schränkten Vorteil als scheinbar "n i c h t intendiertes Neben-
produkt", denn ihre verborgene Intention darf nicht deutlich wer-
den. Am besten müßte sie sich in den anderen v e r l i e r e n,
in der Hoffnung, daß diese aus ähnlicher Opferbereitschaft ihr
einen ersatzweisen Vorteil gönnen. Ein derartiger Verlust eigener
Perspektiven und Interessen beinhaltet indessen, daß ihr die Be-
ziehungen und Interessenverhältnisse einschließlich ihrer eigenen
Handlungsgründe unklar und verwickelt erscheinen werden. Ihre Un-
klarheit wird dadurch noch ausgeprägter, daß die Beziehungen so-
wie ihre Handlungen und Gründe immer wieder in dem verborgenen
Kampf um Gewinnung individueller Vorteile (in ähnlich wider-
sprüchlicher Weise) gedeutet werden. Ihre Handlungen und Gründe
werden in dem "Meinungsstreit" der verborgenen Konflikte selbst
zum verborgenen Streitpunkt. Sie werden ihr subjektiv immer mehr-
deutiger und strittiger. Es erscheint, wie oben angedeutet, gera-
dezu auf kurze Sicht funktional, die eigene Klärung nicht zu weit
zu treiben, sondern sich sozusagen systematisch a b z u l e n-
k e n und sich statt dessen mit den Meinungen, Bewertungen und
Bedürfnissen der anderen zu beschäftigen sowie sich selbst aus
dieser Sicht der anderen zu bewerten usw. Das widersprüchliche
Verhältnis zu den eigenen Bedürfnissen, Interessen, Möglichkeiten
und Befindlichkeiten, das dadurch installiert wird, wird von
einem ständigen unbegriffenen und unkontrollierten S t a n d-
p u n k t w e c h s e l überformt. Sie ist "weder/noch", "nichts
Bestimmtes". Es melden sich bei ihr in verschiedener Art und
Weise bei jedem Versuch, einen klaren Standpunkt zu beziehen,
sofort "eigene" Stimmen des Widerspruchs. Der Widerspruch
zwischen ihren Handlungsweisen und -gründen und ihren emotionalen
Bewertungen wirkt destabilisierend. Sie schwankt in den
Beziehungen subjektiv umher. Das erhöht wiederum die subjektive
Notwendigkeit ihrer individuellen Absicherung durch konforme
Handlungsweisen und Selbsteinschätzungen. Die Dominanz der kon-
formen Seite der Widersprüche wird damit befestigt.
Nun sind nicht nur die Folgen eigener systemwidersprechender und
entwicklungsorientierter Handlungen unvorhersehbar. Sie sind
auch, wie erwähnt, den anderen gegenüber nicht vertretbar. S.
wendet sich als "nettes Mädchen" selbstverleugnend und moralisie-
rend gegen solche Entwicklungsinteressen. Damit steht sie ihrer
eigenen Entwicklung im Wege, verhält sich ihr gegenüber problema-
tisch und konflikthaft. Sie hört in vielem auf, derartige Ent-
wicklungsaufgaben ihres Lebens und ihrer Persönlichkeit aktiv zu
betreiben. Im selben Sinne wendet sie sich gegen die entstehende
eigene unkontrollierbare Symptomatik. Sie nimmt davon Abstand,
"begreift" nicht, wieso sie sich so verhält. Es werden bei ihr
Handlungsweisen und ein subjektives "Verhalten-Zu" ihren Entwick-
lungsmöglichkeiten und -bedürfnissen geprägt, in denen sie sich
innerhalb der Familie einigermaßen a b s i c h e r t bei
gleichzeitigem V e r z i c h t auf eigene derartige Bedürf-
nisse. Sie entwickelt Handlungsweisen und Gründe, in denen
S e l b s t v e r w e i g e r u n g a l s B e e i n f l u s-
s u n g s- u n d A b s i c h e r u n g s m i t t e l verwendet
wird. Die Widersprüchlichkeit dieser Intentionalität ist eine, in
der sie sich quasi gegen die eigenen Intentionen und Bedürfnisse
wendet. Sie weiß von dieser B r ü c h i g k e i t e i g e n e r
I n t e n t i o n a l i t ä t, nutzt sie geradezu "bewußt", um
Vorteile zu erreichen, die sie nicht "gewollt" haben darf. Sie
weiß aber auch, daß diese Handlungsweise ihr leicht außer Kon-
trolle gerät und sich als "Vorgang dritter Person" in ihr durch-
setzt, ähnlich wie das "ungewollte Erbrechen".
Das Ausmaß der subjektiven Funktionalität systemkonformer Hand-
lungsweisen hängt ferner von der besonderen Stellung des betref-
fenden Individuums in diesem System ab. Gerade ihre Einflußmög-
lichkeiten und Spielräume sind jedoch besonders gering. Wegen ih-
rer Stellung kann sie besonders wenig damit erreichen. Ferner
wird sie infolge ihrer besonderen und problematischen Beziehung
zu ihrer Mutter in deren Problematik der Selbstaufgabe verwic-
kelt, was zu einer Befestigung und besonderen Ausprägung ihrer
Entwicklungsproblematik führt. Schließlich wird sie extrem fremd-
gesteuert und -bewertet, bis in Details. Dies alles spitzt die
s u b j e k t i v e Widersprüchlichkeit ihrer Entwicklungskon-
flikte und ihrer dominanten Handlungsweisen zu. Die Handlungswei-
sen werden ihr aufgedrängt bei großen Kosten.
In dieser Situation hat sie zwei kompensierende Verhaltensweisen
entwickelt. Erstens hat sie versucht, ihre geringen Einflußmög-
lichkeiten durch aufdringliche Hilfsbereitschaft zu kompensieren
und die Anerkennung der anderen bei unabgesicherten und konflikt-
haften Beziehungen durch Anhänglichkeit zu erreichen. Das ist ihr
in einigen Situationen gelungen, ist aber als Maßnahme innerhalb
der bestehenden Widersprüche selbst widersprüchlich: Sie wird in
vielen Situationen den anderen lästig und von ihnen abgelehnt,
zumal ihre Handlungsweisen auch in diesen Versuchen widersprüch-
lich sind. Zweitens entwickelte sie psychosomatische Magen- und
Kopfschmerzen, deren Appellcharakter ihre Situation zeitweilig
erleichterte. Schon Appelle sind jedoch verdächtige Ausdrücke des
Egoismus und werden gegen den Täter gekehrt. Diese Umkehrungen
werden durch Deutungen ihrer Eigenschaften zusätzlich ideologisch
befestigt. Derartige Symptome sind ihr m.a.W. dysfunktional ge-
worden.
Die Wechselwirkungen zwischen der Zuspitzung der Reaktionen der
anderen, der Verschlechterung ihrer Stellung und Befindlichkeit
in der Familie und neu entstehenden Entwicklungsanforderungen
spitzen ihre Entwicklungskonflikte objektiv wie subjektiv zu. Ob-
jektive Veränderungen und gleichzeitige subjektive Stagnation be-
inhalten, daß sich ihr die subjektiven Entwicklungsforderungen
immer mehr aufdrängen. Sie ist von Gleichaltrigen isoliert, was
ihr in steigendem Maße problematisch wird. Sie ist jedoch auch
für die Familienmitglieder eine Belastung, und diese stellen an
sie (ähnlich wie außerfamiliäre Beziehungspersonen) in steigendem
Maße die Anforderung, "selbständige" Leistungsfähigkeiten in fa-
miliären und außerfamiliären Bereichen zu entwickeln; dies wider-
spricht den bisher dominanten Verhaltensweisen des anhänglichen
Lebens durch andere. Die Überschreitung ihres häuslichen Rahmens
verläuft demnach sehr beschränkt und ist für sie sehr problema-
tisch. Sie zieht sich in die familiären Konflikte zurück bzw.
wird von diesen zurückgehalten und zugleich hinausgeschoben. Sie
greift die Entwicklungsaufgaben ihrer Persönlichkeit im famili-
ären Rahmen sehr gebrochen auf und steht auch den außerfamiliären
sehr widersprüchlich und unvorbereitet gegenüber. Ferner hat sie
in ihrem bisherigen Leben nicht gelernt, solche Konflikte zu klä-
ren und ihre Interessen darin wahrzunehmen. Sie hat im Gegenteil
gelernt, ihre Interessen indirekt, ungeklärt und "ungewollt"
durch Verzicht und durch andere zu sichern, ohne Appelle und bei
gleichzeitiger Verleugnung, daß sie sich dabei im Gegensatz zu
den anderen befinden mag. Sie ahnt in steigendem Maße, daß sie zu
kurz kommt, sie fühlt sich ohnmächtig und spürt, daß andere immer
gegen sie gewinnen. Meint sie gelegentlich einen guten Grund zu
haben, sich in Gegensatz zu den anderen zu stellen, wird sie hart
bekämpft; sie verliert den eigenen Standpunkt, die Sache wird in
etwas anderes verkehrt und gegen sie ausgespielt, wonach die Mo-
ralisierung wieder einsetzt.
Wollen wir begreifen, wo und in welcher Gestalt die sich zuspit-
zenden und ungelösten Entwicklungskonflikte symptomatisch zum
Ausdruck kommen können, müssen wir noch folgendes berücksichti-
gen: In Familien, die nicht auf die Unterstützung von Entwick-
lungsaufgaben ihrer Kinder orientiert sind, ist das E s s e n
einer der wenigen und zentralen Bereiche, in denen F ü r-
s o r g e ausgedrückt wird. Zwar ist auch dieser Bereich in
diesem Fall extrem fremdgesteuert, in der Zubereitung wie in den
Ausdrucksformen des "Gebens", und diese Formen wenden sich ebenso
in vielem gegen S. Deswegen kann auch gerade in diesem Bereich
die Gebrochenheit und die Unkontrollierbarkeit der eigenen
Intentionalität von S. sich durchsetzen. In der Verweigerung des
Essens lehnt sie die gegebene Fürsorge in einer für die anderen
sehr empfindlichen Weise ab, wobei sie die Güte der anderen in
Frage stellt. Zugleich geschieht dies in einer von ihr unkontrol-
lierbaren und "ungewollten" Weise, von der sie sich gar distan-
zieren kann, was den Druck auf die anderen erhöht. Ferner ist die
Fremdsteuerung ihrer Persönlichkeit überhaupt so extrem, daß die
Einnahme des Essens einer der ganz wenigen Bereiche ist, in denen
sie einigermaßen über ihre eigenen Verhaltensweisen v e r f ü-
g e n kann, ohne daß sie ihr sofort aus den Händen gerissen und
gegen sie gekehrt werden. Es ist demnach einer der wenigen
Bereiche, in denen sie eine für sie subjektiv funktionale
Verhaltensweise, wenn auch in Gestalt eines Symptoms, selbst aus-
prägen kann. Bei der besonderen Gestalt dieses Symptoms fällt es
den anderen schließlich schwer, es als einen gewollten Protest
oder einen Appell zu interpretieren und gegen sie zu wenden. Das
Erbrechen verläuft "körperlich", völlig "außer ihrer Kontrolle"
und augenscheinlich nicht "zum eigenen Vorteil". Sie verdächtigt
auch nicht sich selbst dafür, es derart zu benutzen, weil sie es
ja nicht "will". Gegen ihren eigenen "Willen", durch Verweigerung
und "zum eigenen Schaden" beeinflußt sie in der "Anorexia Ner-
vosa" in einem für die anderen sehr empfindlichen und für sie
selbst fast einzig möglichen Bereich und ohne intentionalen Ap-
pellcharakter und markierten Gegensatz ihre relevanten Lebensver-
hältnisse in der Familie, in der sie befangen ist.
Diese widersprüchliche und symptomatische Art der Bewältigung ih-
rer relevanten familiären Lebensverhältnisse b e g r ü n d e t
die s u b j e k t i v e F u n k t i o n a l i t ä t der Ent-
stehung dieser besonderen Funktionsstörung i n d i e s e m
F a l l e. Es ist jedoch nicht gesagt, daß gerade dieses beson-
dere Symptom i m m e r dann erscheint, wenn die geschilderten
B e d i n g u n g e n vorhanden sind. Damit wäre die B e-
d e u t u n g der s u b j e k t i v e n Verhaltensweisen den
Bedingungen gegenüber diagnostisch verkannt und das subjektive
Leiden als schlicht bedingtes vorgestellt, d.h. paradoxerweise
gerade in seinem subjektiven Aspekt verkürzt. Die subjektive
Funktionalität der besonderen Funktionsstörung der "Anorexia
Nervosa" ist hingegen im konkreten konflikthaften Lebenszusammen-
hang dieser Persönlichkeitsentwicklung begriffen, worin sie al-
leine auch wieder überwindbar ist und womit die individuelle Be-
sonderheit dieser Persönlichkeitsentwicklung als bedingt und be-
gründet begriffen werden kann.
_____
1) Siehe W.F. Haug, Bürgerliche Privatform des Individuums und
Umweltform der Gesellschaft, in: Kritische Psychologie 1/1977.
Hrsg. von K.-H. Braun & K. Holzkamp, Köln 1977; K. Holzkamp, Die
Überwindung der wissenschaftlichen Beliebigkeit psychologischer
Theorien durch die Kritische Psychologie, in: Zeitschr. f. Sozi-
alpsychol. 1977; A. N. Leontjew, Probleme der Entwicklung des
Psychischen, Frankfurt/M. 1973.
2) Siehe H. Kühn & K. Junghänel, Bürgerliche Persönlichkeitspsy-
chologie in der Krise, Berlin/DDR 1980; L. Sève, Marxismus und
Theorie der Persönlichkeit, Frankfurt/M. 1972; M. Vorwerg, Metho-
denkrise als Theoriekrise der Persönlichkeit, in: Zur psychologi-
schen Persönlichkeitsforschung. Hrsg. von M. Vorwerg, Berlin/DDR
1980.
3) H. Kühn & K. Junghänel, a.a.O., S. 62.
4) K.K. Platonow, Das Persönlichkeitsprinzip in der Psychologie,
in: Methodologische und theoretische Probleme der Psychologie.
Hrsg. von E.W. Schorochowa, Berlin/DDR 1974, S. 166; H.D.
Schmidt, Grundriß der Persönlichkeitstheorie, Berlin/DDR 1982, S.
15; vgl. auch E.W. Schorochowa, Der psychologische Aspekt des
Persönlichkeitsproblems, in: Zur Psychologie der Persönlichkeit.
Hrsg. von E.W. Schorochowa, Berlin/DDR 1976; E. W. Schorochowa,
Personality Research Trends in Soviel Psychology, in: Soviel Psy-
chology. Hrsg. von B. F. Lomov & V. Shustikov, Moskau 1984.
5) Vgl. z.B. K. Holzkamp, Grundlegung der Psychologie, Frank-
furt/M. 1983.
6) Vgl. B.F. Lomov, Aktuelle Probleme der Psychologie, in: Z. f.
Psychol. 4/1983; K. Holzkamp, a.a.O.
7) Siehe A.N. Leontjew, Tätigkeit und Persönlichkeit, in: der-
selbe, Tätigkeit, Bewußtsein, Persönlichkeit, Berlin/DDR 1979;
B.F. Lomov, The Personality in a System of Social Relations, in:
Soviet Psychology 2/1983.
8) E.W. Schorochowa, a.a.O., 1976; K.K. Platonow, a.a.O.
9) A.N. Leontjew, a.a.O., 1979.
10) F. Haug, R. Nemitz & Th. Waldhubel, Kritik der Handlungs-
strukturtheorie, in: Forum Kritische Psychologie 6/1980; K. Holz-
kamp, a.a.O., Kap. 7.
11) Zu dieser Unterscheidung vergleiche die Gliederung in K.
Holzkamp, a.a.O., Kap. 6 u. 7.
12) A.N. Leontjew, a.a.O., S. 178-80; B. F. Lomov, a.a.O., S. 22.
13) U. Holzkamp-Osterkamp, Grundlagen der psychologischen Motiva-
tionsforschung 1, Frankfurt/M. 1975, S. 334.
14) z.B. A.N. Leontjew, a.a.O., S. 166-74; B.F. Lomov, a.a.O., S.
22-3; W. Röhr, Aneignung und Persönlichkeit, Berlin/DDR 1980, S.
147-165. Deshalb fallen die beiden Kategorien bei vielen Autoren
tendenziell zusammen, z. B. bei K.K. Platonow, a.a.O.; E.W. Scho-
rochowa, a.a.O. 1976 u. 1984. H. D. Schmidt, a.a.O., S. 24, kenn-
zeichnet die Bedeutung der Individualität als "fundamental", an-
dere nennen sie "wesentlich" oder sprechen abwechselnd vom
"wirklichen Individuum", vom "konkreten Individuum" und der
"Persönlichkeit" (L. Seve, a.a.O.) oder von "personaler Hand-
lungsfähigkeit" und "individueller Handlungsfähigkeit" (K. Holz-
kamp, a.a.O., S. 241).
15) L. Sève, a.a.O.; A. N. Leontjew, a.a.O.
16) K. Holzkamp, a.a.O., Kap. 6 u. 7.
17) O. Dreier, Familiäres Sein und familiäres Bewußtsein. Thera-
peutische Analyse einer Arbeiterfamilie, Frankfurt/M. 1980.
18) O. Dreier, Individualitetsproblemet i dialektisk-materiali-
stisk belysning, in: Nordisk Psykologi 2/1977.
19) A.N. Leontjew, a.a.O.; O. Dreier, Psykologien som en histo-
risk-materialistisk videnskab, in: Psyke & Logos 1/1981; H. Kühn
& K. Junghänel, a.a.O.
20) S.L. Rubinstein, Sein und Bewußtsein, Berlin/DDR 1973, S.
334; H.D. Schmidt, a.a.O., S. 27.
21) S.L. Rubinstein, a.a.O., S. 336; A. N. Leontjew, a.a.O., S.
166; siehe auch z.B. M. Vorwerg & T. Ahlberg, Die Subjektfunktion
der Persönlichkeit als psychologisches Problem der Widerspiege-
lungstätigkeit, in: Zeitschr. f. Psychol. 4/1983.
22) A.N. Leontjew, a.a.O., S. 213.
23) Ebenda, S. 173.
24) Siehe K. Holzkamp, a.a.O., S. 356, zu den "fünf Niveaus indi-
vidualwissenschaftlicher Kategorienbildung"; siehe auch B.F. Lo-
mov, The Personality in a System of Social Relations, in: Soviet
Psychology 2/1983.
25) Siehe K. Holzkamp, a.a.O., S. 272.
26) Siehe dazu K. Holzkamp, a.a.O., Kap. 7.4 zur "doppelten Mög-
lichkeit"; M. Vorwerg & T. Ahlberg, a.a.O., S. 40.
27) Vgl. insbesondere die Darstellungen in A.N. Leontjew, a.a.O.,
und K. Holzkamp, a.a.O., Kap. 7.4 u. 8.4
28) Siehe R. Seidel, Denken - Psychologische Analyse der Entste-
hung und Lösung von Problemen, Frankfurt/M. 1976
29) Siehe zum Konfliktbegriff U. Holzkamp-Osterkamp, Motivations-
forschung 2, Frankfurt/M. 1976; K. Holzkamp, a.a.O.
30) Siehe dazu R. Lichtman, The Production of Desire, New York
1982, Kap. 1 u. 2. Vgl. zu diesem Abschnitt auch O. Dreier,
Grundfragen der Psychotherapie in der Psychoanalyse und in der
Kritischen Psychologie, in: K.-H. Braun u. a., Geschichte und
Kritik der Psychoanalyse, Marburg 1985.
31) Siehe O. Dreier, a.a.O., 1980, und derselbe, Die Bedeutung
der Hausarbeit für die weibliche Psyche, in: Persönlichkeitstheo-
retische Aspekte von Frauenarbeit und Frauenarbeitslosigkeit.
Hrsg. von D. Roer, Köln 1980.
32) Der Fall stammt aus einer ambulanten kinderpsychiatrischen
Abteilung in Gentofte, Kopenhagen. Er wurde von zwei Mitarbeitern
familientherapeutisch betreut. Ich habe mit einem Kreis von Mit-
arbeitern dieser Abteilung an der analytischen Aufarbeitung im
Zeitraum der therapeutischen Betreuung teilgenommen. Ziel war,
die Grundlagen der Kritischen Psychologie für die Entwicklung der
"Fallarbeit" zu nutzen. Gegenwärtig bin ich mit einem entspre-
chenden Forschungsprojekt an der therapeutischen Arbeit der Ab-
teilung beteiligt.
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