Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 10/1986


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A.N. LEONTJEW UND DIE KULTURHISTORISCHE SCHULE DER SOWJETISCHEN PSYCHOLOGIE

Wolfgang Jantzen 1. Vorbemerkung - 2. Einige Bemerkungen zur bisherigen Rezeption - 3. Die Theorie der kulturhistorischen Schule - 3.1 Kritik des Dualismus und das Ebenenproblem in der Psychologie - 3.2 Die Funktion des Zeichens im Übergang zwischen sozialer und psychi- scher Ebene - 3.3 Das Problem des Übergangs der Bedeutungen in das Bewußtsein und der Zusammenhang von Tätigkeit und Abbild -3.4 "Persönlicher Sinn" als zentrale Kategorie marxistischer Persön- lichkeitstheorie 1. Vorbemerkung --------------- Ein wesentliches Resultat der Auseinandersetzung um die Entwick- lung einer marxistischen Psychologie in der BRD ist es, erneut und vertieft auf die Arbeiten der "kulturhistorischen Schule" der sowjetischen Psychologie zurückzugreifen. In diesem Zusammenhang entstand durch die Kollegen Messmann und Rückriem in West-Berlin das Projekt einer Leontjew-Edition, die insgesamt sechs Bände um- fassen soll. Umfangreiche Vorarbeiten - komplette bibliographi- sche Erfassung, Übersetzung usw. - sind mittlerweile soweit vor- angetrieben, daß 1986 mit dem Erscheinen des ersten Bandes ge- rechnet werden kann. Unterdessen fanden zwei wissenschaftliche Arbeitstagungen über die psychologischen Auffassungen A.N. Leont- jews statt (West-Berlin, Dezember 1984; Bremen, Juni 1985), eine dritte Tagung ist in Vorbereitung. Im Zusammenhang mit der Her- ausgabe des ersten Bandes der Leontjew-Edition wird 1986 in West- Berlin ein internationaler Kongreß zu Fragen der Tätigkeitspsy- chologie stattfinden. Gleichzeitig ist auf der Basis der sowjeti- schen sechsbändigen Wygotski-Ausgabe eine deutschsprachige zweibändige Ausgabe im Erscheinen (Verlag der Wissenschaften, Berlin/DDR; Pahl-Rugenstein, Köln), deren erster Band in diesem Herbst vorliegen wird. Darüber hinaus bemühe ich selbst mich ge- genwärtig, die Voraussetzungen zu einer deutschsprachigen Luria- Ausgabe zu schaffen. Da ich seit Jahren im Rahmen der Entwicklung einer materialisti- schen Behindertenpädagogik auf der Basis dieses Ansatzes wie an seiner Weiterentwicklung arbeite, war es mir eine besondere Freude, durch die Kollegen Messmann und Rückriem um die Mither- ausgabe von zwei Bänden der Leontjew-Edition gebeten zu werden und hierdurch zahlreiche mir bisher noch nicht zugängliche Texte, insbesondere aus den dreißiger und vierziger Jahren, zum Teil bislang nicht publiziert, bereits bearbeiten zu können. Der vor- liegende Aufsatz ist ein erstes Resultat dieser Arbeit. Da Einig- keit bei den Herausgebern besteht, die bisher nicht zugänglichen Materialien erst nach Erscheinen der jeweiligen Bände der Edition wörtlich zu zitieren, bezieht dieser Aufsatz zwar zahlreiche Texte mit ein; soweit ich wörtlich belege, habe ich jedoch auf allgemein zugängliche Arbeiten zurückgegriffen. Ergänzend ver- weise ich auf das unlängst erschienene und gänzlich Leontjew ge- widmete Heft 1 des Bandes 23 (1984) der Zeitschrift "Soviet Psy- chology" mit Aufsätzen von A.A. Leontjew (dem Sohn von A.N. Leontjew), P.J. Galperin, D.B. Elkonin und V.F. Tendryakov sowie auf die Aufsätze von Dawydow und Zinchenko in Heft 3 des gleichen Jahrgangs dieser Zeitschrift. Ich hoffe mit diesem Aufsatz ein verstärktes Interesse an A.N. Leontjew und der kulturhistorischen Schule zu erreichen und damit zu einer lebhaften Diskussion und jener umfassenden Rezeption beizutragen, die diese Theorie schon längst verdient hätte. 2. Einige Bemerkungen zur bisherigen Rezeption ---------------------------------------------- Obwohl mit Wygotskis "Denken und Sprechen" und Leontjews "Probleme der Entwicklung des Psychischen" seit Beginn der sieb- ziger Jahre in der BRD zwei Hauptwerke der kulturhistorischen Schule der sowjetischen Psychologie vorliegen, unterdessen eine Reihe von weiteren Arbeiten in Übersetzung zugänglich sind, kann man gegenwärtig noch nicht von einer breiten Rezeption dieser Psychologieauffassung sprechen. Dabei wäre diese durchaus mög- lich: Immerhin waren beide genannten Bücher bereits eine geraume Zeit vorher in der DDR erschienen, ebenso wurde dort 1970 Lurias fundamentales Buch "Die höheren kortikalen Funktionen und ihre Störung bei örtlicher Hirnschädigung" verlegt, und auch die in den letzten Jahren in beiden deutschen Staaten erschienenen Bü- cher von Leontjew ("Tätigkeit, Bewußtsein, Persönlichkeit", Ber- lin/DDR 1979, Köln 1982), Galperin ("Zu Grundfragen der Psycholo- gie" 1980) und Luria ("Sprache und Bewußtsein" 1982) hätten in Verbindung mit zahlreichen im deutschen wie angloamerikanischen Sprachraum zugänglichen Buch-, aber insbesondere auch Zeitschrif- tenpublikationen eine intensive und lohnende Befassung möglich gemacht (vgl. zu Luria die Bibliographie von Scheerer, zu Leont- jew die Bibliographie von Messmann und Rückriem, zu Wygotski die Bibliographie von Jantzen). Z u m T e i l wird man sicherlich a n t i k o m m u n i s t i s c h e V o r u r t e i l e und Vorbehalte als Gründe für diesen Rezeptionsstand anführen können, z u m T e i l liegen aber auch e r h e b l i c h e V e r- k ü r z u n g e n und F e h l i n t e r p r e t a t i o n e n in jenen Teilen der Psychologie vor, die sich dem Marxismus als wissenschaftlicher Grundlage verpflichtet wissen oder bereit sind, Ergebnisse von marxistischen Wissenschaftlern durchaus mit Ernsthaftigkeit zur Kenntnis zu nehmen. Ich kann in keiner Weise diese Situation hier vollständig analy- sieren und historisch würdigen, sondern will einen anderen Weg gehen: Ich will einige wesentliche Zusammenhänge der Theorie der kulturhistorischen Schule rekonstruieren, um es dem Leser zu er- möglichen, sich selbst in diesem sehr anspruchsvollen und kompli- zierten Zugang zu Problemen von Psychischem und Tätigkeit, Be- wußtsein, Persönlichkeit, Motivation usw. zurechtzufinden. Bevor ich versuche, wesentliche Momente in der Struktur dieses Theorie- zusammenhangs herauszuarbeiten, einige und wenige Bemerkungen zu P r o b l e m e n d e r R e z e p t i o n s g e s c h i c h- t e, die keinesfalls die benannte komplizierte Situation klären, die aber sicherlich für den Leser hilfreich sind. Ein wesentliches Problem ist das einer a n g e m e s s e n e n Ü b e r s e t z u n g. Nur zu häufig sind bisherige Übersetzun- gen von Wissenschaftlern wie Übersetzern vorgenommen worden, die den inneren Zusammenhang der Theorie nicht beherrscht haben. So wird die wesentliche Kategorie des "Verkehrs" häufig mit "Kommunikation" übersetzt. Oder im Zusammenhang der von Leontjew vorgenommenen Analyse von Tätigkeit, Handlung und Operation wird in der vorliegenden deutschen Übersetzung von "Probleme der Ent- wicklung des Psychischen" häufig vom "Ziel" gesprochen, wo im russischen Original auf die "Gerichtetheit der Tätigkeit" gegen- über ihrer Motivation verwiesen wird. Der Ziel-Begriff selbst, der in ursprünglichem Zusammenhang mit dem von Marx verwendeten Begriff des "Zwecks" als dem des bewußten Zieles steht, erfährt ebenfalls nicht diese Spezifizierung (vgl. Rissom 1981, S. 159 ff). Da sich diese Probleme so schnell nicht aus der Welt schaf- fen lassen, geschweige denn für die anderen Autoren der kulturhi- storischen Schule das Problem gelöst ist, kann ich hier nur ra- ten, möglichst vorsichtig bei der Anwendung dieser Kategorien zu sein und ihnen nicht vorschnell unser Alltagsverständnis zu un- terschieben. Jenseits dieser Übersetzungsprobleme ist dies ohne- hin die einzige Möglichkeit, diese Theorie umfassend anzueignen, indem man sich durch Herausarbeiten der wechselseitigen Zusammen- hänge der Kategorien, ihres historischen wie logischen Zusammen- hangs, ihres Widerspiegelungsgehalts der gesellschaftlichen Pra- xis ihrer Bedeutung versichert. Auch hier liegt, wie Leontjew vielfältig deutlich macht, die Bedeutung hinter der Gegenständ- lichkeit (in der diese Theorie in sprachlicher Form auftritt) und bedarf ihrer Erschließung durch die Tätigkeit. Ein zweites Problem liegt darin, daß durch eine historisch be- greifbare Rezeptionsgeschichte der Stellenwert der Arbeiten der kulturhistorischen Schule häufig von Wissenschaftlern herauszuar- beiten versucht wird, die selbst mit g e w i s s e r o d e r d e u t l i c h e r D i s t a n z zu den dort herausgearbeite- ten Lösungen stehen. So werden z. B. in den Arbeiten von Bruschlinski bzw. Budilowa in der Sowjetunion oder (der vom Stil wie Ergebnis problematischen Arbeit) von Keiler in der BRD Peri- odisierungen und Brüche in dem Werk von Wygotski, Luria und Leontjew (um nur die wichtigsten Autoren der kulturhistorischen Schule zu nennen) vorgenommen bzw. gesehen, die sich bei tieferer Kenntnis als völlig unangemessen erweisen. Dies hat z. B. für den Ansatz von Bruschlinski, aber teilweise auch von Budilowa, Rissom sehr deutlich für den Bereich der Wygotski-Rezeption herausgear- beitet. Rissom weist überzeugend nach, daß Bruschlinski von vorn- herein seine eigene wissenschaftliche Zielstellung, die sich der Schule Rubinsteins verpflichtet weiß, an Wygotskis Arbeiten heranträgt, um dann natürlich festzustellen "daß Vygotskij nicht seine, Bruschlinskis, sondern seine eigene Zielsetzung verfolgt hat" (Rissom 1981, S. 206) und er eben dies Wygotski zum zentra- len Vorwurf macht. Oder was soll man von einer Geschichte der so- wjetischen Psychologie halten, die bei allen sonst zu würdigenden und interessanten Details die Rolle von Luria weitgehend nicht zur Kenntnis nimmt, so Budilowa, bzw. zur Aufarbeitung von Wy- gotski von einer außerordentlich schmalen Rezeption des Werkes ausgeht: Aus dem außerordentlich umfangreichen Werk Wygotskis la- gen (abgesehen von zahlreichen Archivbeständen, die damals der Autorin möglicherweise nicht zugänglich waren) zum Zeitpunkt der Abfassung von Budilowas Buch weit über hundert Titel in russi- scher Sprache als Veröffentlichungen vor, zitiert werden dreizehn Titel. Und auch hier steht die vorgefaßte Meinung Pate: Als De- terminismus in der Entwicklung des Psychischen wird Wygotski die Auffassung unterstellt (Budilowa 1975, S. 129), die menschliche Psyche stelle sich "nicht als Bewußtwerden der objektiven Welt, sondern als Bewußtwerden der niederen psychischen Funktionen oder als 'Hineinwachsen' der sozialen zwischenmenschlichen Beziehungen dar". Ich plädiere dafür, sich auf eine solche verkürzte und verzerrte Geschichtsschreibung, wie wertvoll sie andererseits durchaus für die Rekonstruktion des bedeutenden Beitrags von Rubinstein für die marxistische Psychologie sein mag, nicht einzulassen, viel- mehr sich den Kontext des Denkens der Autoren der kulturhistori- schen Schule an deren Originalarbeiten zu erschließen. Als gute Einführung in den psychologisch-historischen Kontext will ich darüber hinaus das Buch von Jaroschewski "Psychologie im 20. Jahrhundert" hervorheben wie jene Arbeiten von Leontjew und Lu- ria, die sich mit dieser Geschichte unmittelbar befassen (insbesondere A.R. Luria "The Making of Mind") aber auch die sehr informative Arbeit von A.A. Leontjew "The Productive Career of Aleksei Nikolaevich Leont'ev". Eine erhebliche Rolle für die verkürzte Rezeption der kulturhi- storischen Schule spielte ohne Zweifel das P ä d o l o g i e - D e k r e t vom 4.7.1936. Es richtete sich in seinem Kern gegen das damals in der Sowjetunion in breitem Umfang üblich gewordene Verfahren, durch eigens eingestellte Schul-Pädologen die Schüler standardisierten Intelligenztests zu unterziehen, die im Ergebnis einem erschreckend hohen Teil der Schülerschaft mangelnde Intelligenz zumaßen. Ohne jedoch auf die Argumentation der Pädologie in wesentlichen Inhalten einzugehen, wird ihr pauschal der Vorwurf gemacht, das Schicksal der Kinder fatalistisch festgelegt zu sehen. Die Pädologie wird verboten. Entsprechend heißt es im Beschluß des ZK der KPdSU "5. Das Lehren der Pädologie als eigener Wissenschaft in den pädagogischen Hoch- schulen und Technika ist einzustellen. 6. Alle bisher erschie- nenen theoretischen Werke der heutigen Pädologen sind in der Presse als falsch zu kritisieren" (zit. n. Rissom 1981, S. 42). Obwohl die Psychologie in diesem Dekret nicht ausdrücklich Erwäh- nung findet, "ist sie als Ziehmutter der Pädologie doch besonders von dem Dekret betroffen" (ebd., S. 43). Eine Maßregelung gerade der Theoretiker der kulturhistorischen Schule, die z. T. enge Verbindungen mit der Pädologie hatten, obwohl sie zugleich grund- sätzliche Kritik an ihr übten, ließ nicht auf sich warten. Das Redaktionskollegium der Zeitschrift "Unter dem Banner des Marxis- mus" (damals das führende philosophische Organ der Sowjetunion) forderte führende Psychologen zu einer Diskussion auf, deren Er- gebnis in einem Rechenschaftsbericht abgedruckt ist. Ich zitiere aus diesem Zusammenhang etwas genauer, weil z.B. durch Geuter u.a. im Zusammenhang der Stalin-Periode Leontjew der Vorwurf der Prinzipienlosigkeit gemacht wurde: Er sei "ein Mann für alle Jahreszeiten". Das exakte Studium der Quellen zeigt das genaue Gegenteil (und dies sollte eine Warnung an alle "Historiker" der sowjetischen Psychologiegeschichte sein, die diese ohne gründliches Quellenstudium betreiben!): Weder Leontjew noch Luria haben die Kritik des Redaktionskollegiums akzeptiert. Im Rechenschaftsbericht heißt es über ihre Reaktion: "Professor Leont'ev, einer der Vertreter der kulturhistorischen Theorie, fand es nicht nötig, seine theoretische Konzeption der Kritik zu unterziehen, die konkreten Fehler seiner Arbeit aufzudecken. Sein Auftreten ist ein Musterbeispiel dessen, wie man sich gegenüber den wichtigsten Fragen an der psychologischen Front nicht verhal- ten soll... Es muß gesagt werden, daß Luria, der einer der Ver- treter der kulturhistorischen Theorie ist, es ebenfalls nicht für nötig befand, auf der Sitzung seine fehlerhafte theoretische Kon- zeption zu kritisieren. Wie in seinen Arbeiten, so ging Prof. Lu- ria auch in seinem Beitrag auf der Sitzung bei der Betrachtung des Problemes der Entwicklung und des Lernens beim Kinde davon aus, daß das Zeichen der bestimmende Faktor in der Entwicklung der Tätigkeit des Kindes ist" (zit. n. Rissom 1981, S. 48). Wie hat man in diesem Kontext der Kritik, der bis in die 50er Jahre die Rezeption der kulturhistorischen Schule unmöglich machte und der auch bis heute noch vorliegende Verkürzungen in ihrer Rezeption mit zu erklären vermag, die Kritik und Selbstkri- tik zu interpretieren, die Leontjew in verschiedenen Arbeiten selbst an dieser Zeit formuliert? Es ist eine Kritik und Kritik- fähigkeit, die den Errungenschaften der Oktoberrevolution ent- spricht, wie dies von Leontjew für die Arbeit am Moskauer Insti- tut herausgearbeitet wird. Bei allen Unterschieden in Einzelfragen ist es die Arbeit von Wissenschaftlern, z. T. erst direkt vom Studium kommend, die in ihrer Tätigkeit am reflektologischen Institut Kornilows in einer Frage übereinstimmen: "... daß der einzige Pfad für die Entwick- lung einer wirklich wissenschaftlichen Psychologie ihre Entwick- lung als ein Korpus konsistenten Wissens über das Psychische war, der marxistisch in seiner theoretischen Grundlage war" (A.N. Leontjew, zit. n. A.A. Leontjew 1984, S. 8). Wer sich des gemein- samen Ziels der Entwicklung einer marxistischen Wissenschaft be- wußt ist, hat als Genösse nicht nur mit allen Kräften schöpfe- risch zur Verwirklichung beizutragen, sondern auch jede Kritik in ihrem inhaltlichen Gehalt zutiefst ernst zu nehmen, nicht mit in- dividueller Gekränktheit, sondern mit erhöhter Auseinanderset- zungsbereitschaft und Steigerung der Qualität seiner Arbeit zu reagieren. Ich denke, daß dies die zentrale Dimension in Leont- jews Werdegang gewesen ist und daß der von Geuter u.a. prakti- zierte Antikommunismus, der am Leben eines Wissenschaftlers fest- machen will, was er am Werk nicht finden kann, bzw. eine Legiti- mation finden möchte, das Werk erst gar nicht zur Kenntnis zu nehmen, erneut Ausdruck der Grundtorheit unseres Jahrhunderts ist. 3. Die Theorie der kulturhistorischen Schule -------------------------------------------- Im folgenden will ich auf einige wesentliche Strukturzusammen- hänge in der Theorie der kulturhistorischen Schule eingehen: Ich will einiges zu dem Problem der unterschiedlichen Ebenen der Ana- lyse des ganzheitlichen Menschen ausführen, sodann auf den Zusam- menhang von Bewußtsein und Tätigkeit und das Problem ihrer hier- archischen Struktur zu sprechen kommen und schließlich Probleme ansprechen, deren Lösung sich erst in dem reifen Stadium der Theorie abzeichnet: den Zusammenhang von Hierarchisierung und Ganzheitlichkeit der Persönlichkeit. 3.1 Kritik des Dualismus und das Ebenenproblem in der Psychologie ----------------------------------------------------------------- Bevor auf die Struktur der Theorie der kulturhistorischen Schule eingegangen wird, ist von der bürgerlich-aufklärerischen Philoso- phie, dem Marxismus-Leninismus und der Stoßrichtung des methodo- logischen Programms von Wygotski, Leontjew und Luria zu sprechen. All dies sind Aspekte, auf die ich hier nur aufmerksam machen kann und die in der weiteren Rezeption der vertieften Bearbeitung bedürfen. Viele wichtige Hinweise liefern hierzu bereits die Texte von Band l der Leontjew-Edition. Rückgriff auf die bürgerliche Aufklärung, dies bedeutet für Wygotski insbesondere Rückgriff auf die mate- rialistische Philosophie Spinozas, die er gegen den idealisti- schen Dualismus von Descartes stellt. Diesen Dualismus, der in der Psychologie zum Parallelismus und zur Aufgabe des eigentümli- chen Gegenstands der Psychologie, der "Seele" führt, begreift Wy- gotski als die erkenntnistheoretische Ursache der "Krise der Psy- chologie". Ein der Untersuchung dieses Themas gewidmetes Buch blieb lange unpubliziert, liegt unterdessen in der sechsbändigen russischen Wygotski-Ausgabe vor und ist in deutscher Sprache in Vorbereitung im Rahmen der zweibändigen Wygotski-Ausgabe. Die Auseinanderse- tung mit dem Dualismus ist durchgängiges Thema der Theoriebildung in der kulturhistorischen Schule und das Buch Wygotskis wird von sowjetischen Kollegen z. T. wissenschaftstheoretisch höher einge- schätzt als Thomas Kuhns "Die Struktur wissenschaftlicher Revolu- tionen". Daß die Kritik der erkenntnistheoretischen Koexistenz bestimmter Formen der idealistischen und materialistischen Psy- chologie nichts an Aktualität eingebüßt hat, belegen der aktuelle Versuch von Eccles und Zeier, den Begriff einer eigenständigen Dimension der "Seele", des Psychischen zu negieren und ins Jen- seits eines objektiven Idealismus zu verlagern ebenso wie die mo- dernen Varianten des subjektiven Idealismus in Form der biologi- schen Negierung einer eigenständigen, auf die objektive Realität in Natur und Gesellschaft bezogenen und von deren Gesetzmäßigkei- ten determinierten Kategorie des Psychischen (so z. B. Maturana oder Varela). Das Psychische verschwindet hier gegenüber dem Ma- teriellen, indem es nur noch als Interaktionszustand des biologi- schen Systems mit sich selbst betrachtet wird, während es bei Ec- cles der in das Register der Gehirnfunktionen eingreifenden gött- lichen Substanz preisgegeben ist. Das Thema, das Wygotski in den zwanziger Jahren aufgreift, ist also höchst aktuell und die kul- turhistorische Schule hat bis heute wesentliche Beiträge dazu geleistet und zu leisten (vgl. Wygotski 1972, Dawydow und Illesch 1982, Radsichowski 1983). Was bringt nun der Rückgriff auf Spinoza, auf Hegel, auf Marx, Engels und Lenin? Ausgehend vom Marxismus greift Wygotski bei Spinoza die Dimension der Vernunftfähigkeit des Menschen auf. "In der Hervorhebung der Rationalität des Menschen, der die ungesteu- erte Affektgebundenheit überwindet, sah Vygotskij persönlich das Hauptproblem des Bewußtseins" (A.N. Leontjew 1971, S. 60). D. h. das Verhalten des Menschen wendet sich auf diesen selbst, gewinnt Züge des Willens, geht aus der Knechtschaft der Affekte hervor, obwohl mit ihnen genetisch verbunden: Der Mensch erhält innere Freiheit. Die Dialektik Hegels liefert den Begriff der qualita- tiven Übergänge in einem Prozeß eigenständiger Art, der aus Wi- dersprüchen entspringt und sich aufs neue vermittelt: aus Wider- sprüchen, die auf der Basis des Marxschen Werkes als je neue Ver- mittlung menschlicher Natur mit ihren historischen Voraussetzun- gen, den in der menschlichen Geschichte produzierten Produkten, Werkzeugen, den ökonomischen, rechtlichen, kulturellen, ideologi- schen Verhältnissen, begriffen werden, also dem Ensemble der ge- sellschaftlichen Verhältnisse, in denen das menschliche Gattungs- wesen sich vergegenständlicht. Als Vermittlung von Subjekt und Objekt wird somit der Begriff der A r b e i t, der m e n s c h l i c h e n T ä t i g k e i t, der P r a x i s notwendig. Die sinnlich-praktische Tätigkeit der Menschen, die ihre Geschichte selbst, jedoch unter historisch vorgefundenen Be- dingungen hervorbringen, wird zur zentralen Kategorie. Dies ist der Kontext, in dem Wygotski neben den Feuerbach-Thesen jene Stelle aus dem Kapital als Ausgangspunkt marxistischer Psycholo- gie bestimmt (vgl. Luria 1979, S. 43): "Wir unterstellen die Ar- beit in einer Form, worin sie dem Menschen ausschließlich ange- hört. Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war. Nicht daß er nur eine Form Ver- änderung des Natürlichen bewirkt; er verwirklicht im Natürlichen zugleich-seinen Zweck, den er weiß, der die Art und Weise seines Tuns als Gesetz bestimmt und dem er seinen Willen unterordnen muß" (K. Marx, MEW, Bd. 23, S. 193). Da die Vorstellung des Ar- beiters selbst aber historisch ist, es kein apriori innerer men- schlicher psychischer Dimensionen gibt, dies qua menschlicher Na- tur je gegebene Möglichkeiten sind, die ihrer Verwirklichung in der Aneignung und Durchdringung des Ensembles der gesellschaftli- chen Verhältnisse bedürfen, also "der Herrschaft über die Natur- kräfte, die der sogenannten Natur sowohl, wie seiner eigenen Na- tur" (K. Marx, Grundrisse ..., S. 387), stellt sich die Frage nach dem Übergang zwischen der Möglichkeit und der historischen Wirklichkeit als eigenständiger Dimension des Psychischen und der Tätigkeit: Um die Seele zu finden, so Luria (1966), muß man sie aufgeben. Man darf sie, obwohl nur im ein/einen existent, nicht im einzelnen Menschen suchen, sondern in der Sozialgeschichte (und darüber hinaus in der Naturgeschichte des Psychischen). Die hierfür zentrale Kategorie ist die aus der bürgerlichen Aufklä- rung gewonnene Kategorie der W i d e r s p i e g e l u n g, durch den Marxismus auf neues Niveau gehoben: Jene Fähigkeit des Arbeiters also, mit den ihm historisch verfügbaren Mitteln ver- nünftig die Zukunft zu antizipieren: das Produkt im Kopf zu bauen. Hier spielt Lenins "Materialismus und Empiriokritizismus", also die Kritik am subjektiven Idealismus von Mach und Avenarius, eine entscheidende Rolle. Entsprechend bestimmt Leontjew als w i c h t i g s t e B e g r i f f e d e r P s y c h o l o- g i e: 1. psychische Widerspiegelung der objektiven Welt, 2. die die Psyche hervorbringende gesellschaftliche Praxis, 3. die gegenständliche Tätigkeit, 4. die Einheit von Bewußtsein und Tätigkeit. Auf den letzten Punkt komme ich noch gesondert zu sprechen. Zentrales Problem der wissenschaftlichen Psychologie ist es also, die eigenständige Dimension des P s y c h i s c h e n in der Vermittlung von B i o l o g i s c h e m und S o z i a l e m zu bestimmen, ohne einer Variante des Dualismus oder Parallelis- mus aufzusitzen: Zum wesentlichen Ort wird somit die Bestimmung der jeweiligen Ü b e r g ä n g e zwischen diesen Ebenen, ein Problem, das Leontjew später in "Tätigkeit, Bewußtsein, Persön- lichkeit" wie folgt benennen wird: "Das allgemeine Prinzip, dem die Beziehungen zwischen den Ebenen folgen, besteht darin, daß d i e j e w e i l i g e h ö h e r e E b e n e s t e t s d i e f ü h r e n d e b l e i b t, d i e s i c h a b e r n u r m i t H i l f e d e r t i e f e r l i e g e n d e n E b e n e n r e a l i s i e r e n k a n n u n d d a r i n v o n i h n e n a b h ä n g t. Somit besteht die Untersuchung der Übergänge zwischen den Ebenen in der Erforschung der mannig- faltigen Formen dieser Realisierungen, wodurch die Prozesse der höheren Ebene nicht nur konkretisiert, sondern auch individuali- siert werden. Die Hauptsache ist, jenen Umstand nicht außer acht zu lassen, daß wir es bei der Untersuchung der Übergänge zwischen den Ebenen nicht mit einer Bewegung in einer Richtung, sondern in zwei Richtungen und zudem noch mit einer spiralförmigen Bewegung zu tun haben: mit der Entwicklung der höheren Ebenen und dem 'Abfallen' - oder der Umgestaltung - der tiefer liegenden Ebenen, die ihrerseits die Möglichkeit der Weiterentwicklung des Systems insgesamt bedingen" (A.N. Leontjew 1979, S. 221). In welcher Form findet also der Übergang, die Vermittlung statt? Wie kann dieser im psychophysischen wie psychosozialen Bereich monistisch begrif- fen werden? 3.2 Die Funktion des Zeichens im Übergang ----------------------------------------- zwischen sozialer und psychischer Ebene --------------------------------------- In den frühen Arbeiten innerhalb der kulturhistorischen Schule wird die zentrale Rolle des sozialen Zeichens für diesen Übergang betont. Entsprechend den im Marxschen Arbeitsbegriff hervorgeho- benen einfachen Momenten des Arbeitsprozesses wie der Klassifi- zierung des Menschen als "tool making animal" wird das Zeichen als soziales Werkzeug, insbesondere sprachliches Werkzeug begrif- fen, das zum Moment der Vermittlung zwischen dem "Interpsychi- schen" und dem "Intrapsychischen" wird, also zwischen dem sozia- len Gebrauch und der Präsenz in den psychischen Prozessen des je einzelnen Menschen. Diese Vermittlung kann unmittelbar im sozialen Verkehr und in der Kommunikation geschehen. Sie kann aber auch mittelbar erfolgen, insofern nur die Vergegenständli- chung der bisherigen Tätigkeitsprozesse anderer im Werkzeug ge- nutzt wird, ohne daß diese als Personen präsent sind. In der An- eignung des Werkzeugs, etwa der in einem Buch niedergelegten Be- griffe, erfolgt durch seine Aneignung und Verwendung eine koope- rative Verbindung mit dem Produzenten. Ich habe diesen Zusammen- hang zusätzlich deshalb hervorgehoben, da er im Konzept der Ver- mittlung durch das Zeichen ausdrücklich mitgedacht ist, wenn ich auch damit übereinstimme, daß innerhalb der Theorie der kulturhi- storischen Schule eine Reihe von Problemen der Analyse der Koope- ration noch ihrer psychologischen Aufklärung harren (vgl. Radsi- chowski). Bereits in der ersten Phase der Entwicklung der Theorie der kulturhistorischen Schule wird damit von Werkzeuggebrauch und Werkzeugproduktion der Menschen als ihrer wesentlichen anthropo- logischen Bestimmung ausgegangen, obwohl - was die Kritiker rich- tig sehen, aber falsch einordnen - diese Fragen zunächst am ver- mittelten Element, dem (insbesondere sprachlichen) Zeichen, dem Wort als Träger der Bedeutung untersucht werden. Aus dieser Phase stammt auch die Einschätzung dieser neuen Auffassung als instru- menteile, historische und kulturelle Psychologie. I n s t r u m e n t e l l bezieht sie sich auf die grundsätzlich über Zeichen, Symbole vermittelte Natur der höheren psychischen Funktionen. Der Mensch modifiziert aktiv die Reize und benutzt die Modifikation als Instrument seines Verhaltens. Oder, wie Wy- gotski diese Struktur des Übergangs von "extrazerebralen" zu "intrazerebralen" Verknüpfungen sowohl am Beispiel der Geste, wie am Beispiel des Wortgebrauchs analysiert: Aus der Geste bzw. dem Wort "an sich" wird die Geste, das Wort "für andere" und schließ- lich die Geste, das Wort "für sich". Betrachten wir diesen Gedan- ken kurz an der Entstehung der Geste: Das Verhalten des Kleinkin- des ist emotional eingebunden in die Situation zu begreifen; Trä- ger der Kommunikation sind rudimentäre Formen der hinweisenden Geste, die aus dem unmittelbaren Bedürfnis des Kindes nach dem Gegenstand resultieren. Die "Geste an sich" hat damit noch kei- nerlei kommunikativen Charakter. Diesen beginnt sie zu gewinnen, wenn andere sie als Akt der Kommunikation begreifen. Dies hat na- türlich die Vorbedingung, daß entsprechende soziale Voraussetzun- gen des Begreifens vorhanden sind, ein Thema, das in der modernen Psychoanalyse vor allem von Spitz im Zusammenhang des Entstehens und des Entgleisens des frühen Dialogs behandelt wird. Wir können unterstellen, daß Wygotski sich dieser Problematik früh bewußt war, insofern sein Aufsatz von 1929 zu den unterschiedlichen Wur- zeln von Denken und Sprechen am Beispiel der Zeichen der Gehörlo- sen eben jenes Problem der sozialen Standardisierung von Zeichen als Voraussetzung ihrer Verständlichkeit benennt. Andere begreifen also die Tätigkeitsabsicht des Kindes, ihre Ge- richtetheit; die Geste oder das Wort "an sich" werden zur Geste oder dem Wort "für andere". In diesem Prozeß erfährt nunmehr das Kind die Wirksamkeit des von ihm verwendeten Zeichens als Mittel, als Werkzeug, es wird zur Geste oder zum Wort "für es". Dies ist der allgemeine Modus, nach dem Wygotski den Prozeß der Aneignung begreift. Alle psychischen Funktionen treten damit zweimal in der Ontogenese auf: als äußere Zeichen im sozialen Verkehr und als Zeichen "für sich", als Zeichen, deren instrumenteller Charakter, deren Bedeutung angeeignet ist. Entsprechend wird Persönlichkeit bereits von Wygotski als "echte Neubildung in der Ontogenese" (so Leontjew in "Tätigkeit, Bewußt- sein, Persönlichkeit") begriffen, wie das folgende Zitat verdeut- licht: "Wir könnten also sagen, daß über die anderen wir selbst werden und daß dieses Prinzip sich nicht nur auf die Persönlich- keit als Ganze bezieht, sondern auf die Geschichte jeder einzel- nen Funktion. In diesem besteht auch das Wesen des Prozesses der kulturellen Entwicklung, die in rein logischer Form ausgedrückt wurde. Die Persönlichkeit wird f ü r s i c h das, was sie a n s i c h ist, über das, was sie f ü r a n d e r e vorstellt. Dies ist auch der Prozeß der Entstehung der Persönlichkeit." (Wygotski 1960, zit. n. Rissom 1981, S. 150, Hervorhebungen von Rissoni) Zum gleichen Resultat kommt Leontjew in "Tätigkeit, Be- wußtsein, Persönlichkeit", wenn er vom Spiegeln im menschlichen Gattungswesen als Kern der Entwicklung der Persönlichkeit spricht (A.N. Leontjew 1979, S. 217 f); aber der Weg dorthin wirft kom- plizierte Fragen auf. Das unterschiedliche Aufgreifen dieser Fra- gen zu unterschiedlichen Zeitpunkten ist Kern jener Differenz zu Wygotski, die bei Leontjew ab den Schriften der Charkower Zeit (1931-1934) zum Ausdruck kommt, die sich später aber als Diffe- renz im Wege, nicht als Differenz in den Ansichten über das Wesen der Sache erweist (vgl. auch A.A. Leontjew 1984, S. 14 f). Ergänzen wir noch das Verständnis von "kulturell" und "historisch", das dieser psychologischen Schule den Namen gab, um auf den inhaltlichen Kern dieser Differenzen im Weg sodann ein- zugehen. K u l t u r e l l verweist auf den Tatbestand, daß die Gesellschaft die Art der Aufgaben organisiert, mit denen sich ein Mensch auseinandersetzen muß, wie auch die Werkzeuge geistiger und materieller Art, mit denen er zur Aufgabenlösung ausgestattet wird. H i s t o r i s c h meint, daß diese Strukturen und Werk- zeuge in der Sozialgeschichte der Menschen eingeführt und ver- vollkommnet wurden. Wo also liegt der sachliche Kern der in der Charkower Zeit Leont- jews auftretenden Differenzen über den Weg? 3.3 Das Problem des Übergangs der Bedeutungen in das ---------------------------------------------------- Bewußtsein und der Zusammenhang von Tätigkeit und Abbild -------------------------------------------------------- Der Schlüssel zu diesen Differenzen liegt in der Notwendigkeit, den Dualismus (psychosozialen wie psychophysischen) zu überwin- den. Was waren die Ergebnisse der bisherigen Arbeit? Zunehmend deutlicher wurde in der Anwendung des H i s t o r i s m u s a l s E r k l ä r u n g s p r i n z i p und der Ausdifferenzie- rung der Ebenen die D o p p e l g e s t a l t d e s P s y- c h i s c h e n: einerseits vergegenständlicht in den Errun- genschaften des Gattungswesens, der Menschheit als Prozeß, an- dererseits dennoch nur in der Tätigkeit der Menschen als Ausdruck ihrer bisherigen psychischen Gewordenheit wie der Notwendigkeit ihrer weiteren Vermittlung mit Natur und Gesellschaft existent. Es trat das D o p p e l p r o b l e m d e r B e d e u t u n- g e n auf, deren Träger das Wort ist, allerdings - dies hatten die frühen Arbeiten ergeben - jeweils nur in semantischen Feldern, also in inneren wie äußeren Bedeutungszusammenhängen. Das Wesen der Bedeutungen war durch den instrumentellen Charakter der gesellschaftlichen Werkzeuge, insbesondere der Sprache als Träger der Bedeutungen, bestimmt worden. In dieser Hinsicht sind die Bedeutungen im Sozialerbe geronnene instrumentelle Mensch- heitserfahrungen, die zugleich nur durch die Tätigkeit der je einzelnen Menschen existieren, also im Bewußtsein und vermittels des Bewußtseins. Die frühen Arbeiten hatten nun ergeben, daß dieses Bewußtsein einen s y s t e m h a f t e n u n d s i n n- h a f t e n B a u hat, es in seinem Aufbau verschiedene h i e r a r c h i s c h e E b e n e n gibt. Dies wird in Leont- jews "Entwicklung des Gedächtnisses" mit dem Übergang von den "natürlichen" zu den "sozialhistorischen" Gedächtnisfunktionen herausgearbeitet, oder in Wygotskis Arbeiten, insbesondere in "Denken und Sprechen" in den drei Ebenen des affektiv-synkreti- stischen Denken des Kleinkindes, im anschaulichen Denken des Vor- schulkindes (oder in der Pathologie, vgl. Wygotskis "Denken bei Schizophrenie", oder im sogenannten "primitiven Denken" der Völ- ker, vgl. Leontjews "Probleme der Entwicklung des Psychischen, oder Lurias Mittelasienstudie "Cognitive Development") und schließlich im wissenschaftlichen Denken, das die Denkprozesse von oben nach unten organisiert, sie also nach jenem Prozeß der "Drehung", von dem Leontjew spricht, zu einem in gesellschaftshi- storisch gewordenen Bedeutungsstrukturen vermittelten macht. Der Übergang zwischen der sozialen Ebene und der psychologischen Ebene, ausgemacht und bestimmt an dem Problem der Bedeutungen, eröffnet nun zwei Wege, die in unterschiedlicher Weise von Wy- gotski und Leontjew gegangen werden: Wygotski fragt nach je neuen Ebenen des Psychischen, die immer "tiefer" liegen, ohne die bisher gewonnenen Einsichten preiszuge- ben. Selbstverständlich gilt nach wie vor: "Hinter dem Bewußtsein liegt das Leben." Aber die Frage des Überganges vom Leben in das Bewußtsein ist für Wygotski nur lösbar, wenn er vertieft die in- neren Gesetzmäßigkeiten des Psychischen begreift, wenn er die ei- gentümlichen Zusammenhänge zwischen A f f e k t u n d I n- t e l l e k t löst, die innere Dynamik der e m o t i o n a l - m o t i v a t i o n a l e n P r o z e s s e rekonstruiert. Es ist also jener Weg, der über die Intrasystemzusammenhänge des Psychischen als "funktionelles System" (vgl. Boshowitsch 1979, S. 752) die eigentümliche Veränderung der Bedeutungen im Übergang in das Bewußtsein und damit ihren Umbau im persönlichen Sinn zu lösen versucht. Dieser Weg wird von Leontjew insbesondere in späteren Arbeiten wieder aufgegriffen und führt systematisch zu Erfassung und Darstellung des Zusammenhangs von Emotion, Affekt, Bedürfnis, Motiv und persönlichem Sinn (vgl. "Tätigkeit, Bewußtsein, Persönlichkeit"). Andererseits verändern sich diese Intrasystembeziehungen auf allen Niveaus des Psychischen, wie es die frühen Ergebnisse zur Hierarchisierung des Bewußtseins ergaben, und so scheint es zunächst sinnvoll, nochmals und vertieft zu fragen, wie denn der P r o z e ß d e r B e- d e u t u n g s g e n e s e zu begreifen ist. Nur auf diese Weise kann, so Leontjew, exakt bestimmt werden, was Bewußtsein ist. Anders gesagt, die Vermittlung von psychischer subjektiver Bedeutung und gesellschaftlicher Bedeutung, der Prozeß von "Inter" zu "Intra" als Prozeß der I n t e r i o r i s a t i o n, bedarf vertiefter Bearbeitung, sonst, so fürchtet Leontjew, er- folgt ein Rückfall in die Bewußtseinsauffassung der französischen Soziologie, die das individuelle Bewußtsein lediglich als Aus- druck des gesellschaftlichen Bewußtseins, als "Mit-Wissen", be- greift. Was in der Kritik an Wygotski zunächst nicht gesehen wird, ist folgendes: Wygotski gibt nicht die bereits erkannten Gesetzmäßigkeiten auf. Er wendet sich verstärkt der Gerichtetheit jeder menschlichen Tätigkeit und damit den subjektiven Dimensio- nen der Motivation und Sinngebung zu, untersucht nicht mehr nur den Weg von der "Bedeutung zum Leben", sondern auch den umgekehr- ten "vom Leben zur Bedeutung": "Weder die Bedeutung noch das Wort bewirkt die Entwicklung des psychischen Lebens. Der Mensch, sein Leben, seine Antriebe und Affekte entwickeln sich. Hinter dem Be- wußtsein öffnet sich das Leben. Das bedarf aber noch weiterer Un- tersuchung, denn hier gibt es keine einfachen Abhängigkeiten", so zitiert Leontjew (1971, S. 61) zu einem späteren Zeitpunkt Wy- gotskis letzten Vortrag. Auch die Aufhebung der Affekte ist an die Affektivität in Form der sich historisch entwickelnden per- sönlichen Sinngebung gebunden, wie dies auf der Basis der Unter- suchungen Leontjews zur Dimension des persönlichen Sinns sichtbar wird. Während also Wygotski in dieser Phase dem Problem der "Gerichtetheit" vertieft nachgeht, greift Leontjew verstärkt den Zusammenhang von Bewußtsein und Tätigkeit auf, erforscht das spe- zifische Wechselverhältnis von p s y c h i s c h e m A b- b i l d und P r o z e ß. Beide Wege führen in der späteren Entwicklung durchaus wieder zusammen, allerdings ist m.E. das Problem ihrer Vermittlung bis heute noch nicht vollständig gelei- stet. Leontjews "Tätigkeit, Bewußtsein, Persönlichkeit" liefert hierzu Voraussetzungen, auf die ich noch zu sprechen komme. Ich will am Beispiel der Entwicklungspsychologie jedoch diese These zunächst belegen, um dann auf den Weg Leontjews in der Charkower Zeit einzugehen. Aus der Auffassung von Wygotski ergibt sich der Weg der Erforschung der kindlichen Entwicklung als Erforschung des Prozesses der inneren Umgestaltung des Psychischen in Phasen der relativ langsamen Entwicklung und Veränderung und in Phasen, in denen "die Entwicklung einen stürmischen, ungestümen, manchmal katastrophalen Charakter annimmt", sich also in krisenhaften Übergängen vollzieht (zit. n. Rissom 1981, S. 69). Soweit ich sehe, ist dieser Weg vor allem in den letzten Arbeiten von Bosho- witsch wieder aufgegriffen worden, die Kontinuität und Diskonti- nuität im Entwicklungsprozeß als Ausdruck widersprüchlicher bzw. harmonischer Verhältnisse zwischen Erkenntnisprozessen und affek- tiven Prozessen untersucht (Boshowitsch 1979, S. 753). Wiederum geschieht dies nicht unter Aufgabe der erforschten Zusammenhänge von Subjekt - Tätigkeit - Objekt, sondern unter erneutem Aufgrei- fen der bereits gewonnenen entwicklungspsychologischen Ergeb- nisse. Dies sind Ergebnisse einer Entwicklungsspychologie, die vor allem mit dem von Leontjew gewählten Weg zusammenfallen und die zu subsumieren sind in der Theorie der "d o m i n i e- r e n d e n T ä t i g k e i t". Die Frage nach der dominie- renden Tätigkeit stellen, heißt für die Periodisierung der Entwicklung folgende Gesichtspunkte hervorzuheben (vgl. Leontjew, "Probleme der Entwicklung des Psychischen", S. 402 f): 1. In der dominierenden Tätigkeit deuten sich bereits neue Tätigkeitsarten an: im vorschulischen Spiel z. B. die Tätigkeit des Lernens. 2. Die dominierende Tätigkeit führt zur Bildung und Umgestaltung psychischer Vorgänge: Während des Spiels entsteht zum Beispiel die aktive Phantasie, und während des Lernens entwickeln sich die Prozesse des abstrakten Denkens. 3. Die dominierende Tätigkeit führt zu den in der gegebenen Entwicklungsstufe beobachteten grundlegenden Veränderungen der kindlichen Persönlichkeit. Die Stadien, die die Tätigkeit des Kindes durchläuft, sind in ihrer inhaltlichen Seite damit abhängig von konkret-historischen Bedingungen. Ihre zeitliche Reihenfolge liegt zwar fest; "ihre Altersgrenzen hängen jedoch von ihrem Inhalt und dieser wiederum von den konkret-historischen Verhältnissen ab, unter denen das Kind lebt." Zurück zu den in der Charkower Zeit gewonnenen Ausgangspunkten, die diese Resultate begreifbar machen: Leontjew wendet sich er- neut den Formen der Vergegenständlichung des Gattungserbes im hi- storischen Prozeß zu. Er beschränkt die Frage des Übergangs der Bedeutungen in das Psychische nicht auf die Kommunikation und den sprachlichen Verkehr und betrachtet A r b e i t analytisch als p r i m ä r e und s p r a c h l i c h e T ä t i g k e i t als hierzu in s e k u n d ä r e m Verhältnis stehende soziale Vor- aussetzung für den Aufbau des Bewußtseins. D. h. die Evolution der Sprache ist aus der Evolution der Arbeit zu erklären. Dieser Gedanke ist der Hintergrund, vor dem die Entdeckung der "Morphologie der Tätigkeit und des Bewußtseins" (vgl. A.A. Leont- jew 1984, S. 17-20) formuliert wird: A l l e i n n e r e n P r o z e s s e s i n d n a c h d e m B e i s p i e l d e r ä u ß e r e n T ä t i g k e i t g e b a u t u n d h a b e n d e n g l e i c h e n B a u. Damit wird es jedoch zugleich notwendig, die Auffassung von Tätigkeit grundlegend umzuarbeiten. A l l e i n n e r e n P r o z e s s e s i n d i h r e r F o r m n a c h T ä t i g k e i t, d.h. auch das psychische Abbild, zu dem die Tätigkeit nicht als etwas Äußeres hinzugefügt werden darf. Wenn Tätigkeit also nicht mehr bloß als Bedingung und Ausdruck der Widerspiegelung, so Rubinstein, betrachtet wird, sondern als Prozeß, als Agens der Umgestaltung der Beziehungen zwischen Subjekt und Objekt, die außerhalb dieser Beziehungen selbst nicht existieren, also als deren übergreifendes Moment, so verlangt dies auch ein neues Begreifen der gegenständlichen Seite der Tätigkeit wie der Widerspiegelungsprozesse, des psychischen Abbilds. Ist die Arbeit das Primäre, die Sprache das Sekundäre und bleiben die in beiden vorhandenen Strukturen der Tätigkeit auch in den inneren Prozessen vorhanden, so liegt auf der Ebene der Sprache ebenso wie auf der Ebene der inneren Sprache, bzw. irn Denken, eine entsprechend transformierte Gegenständlichkeit vor. Der B e g r i f f d e r G e g e n s t ä n d l i c h- k e i t gewinnt damit erst seine psychologische Dimension jenseits einer bloßen Konstatierung in der objektiven Realität außerhalb des Individuums sinnlich konstatierbarer und physikalisch erfaßbarer (belebter und unbelebter) Gegenstände. Man könnte davon sprechen, daß mit der Entwicklung der inneren Sprache zugleich eine zweite sinnliche Grundlage des Bewußtseins entsteht, in der dann die umfassende Orientierung im logischen Denken, also mit sozialen Begriffen möglich ist. D i e G e g e n s t ä n d l i c h k e i t d e r T ä t i g k e i t w i r d ü b e r d i e v e r s c h i e d e n e n E b e n e n h i n w e g ü b e r d i e B e d e u t u n g t r a n s- f o r m i e r t, wobei sie als sinnlich faßbare Gegenständ- lichkeit des Wortes jedoch, so bereits Wygotski, im Gedanken verdampft, der damit reine, der sinnlichen Ebene entkleidete Bedeutung wird, hinter der die affektive und volitionale Tendenz steht ("Denken und Sprechen", S. 354). "Die unmittelbare Kommuni- kation zwischen einem Bewußtsein und einem anderen ist nicht nur physisch, sondern auch psychisch unmöglich. Sie kann nur auf einem indirekten, vermittelten Weg, in der inneren Vermittlung des Gedankens erst durch die Bedeutungen und dann durch die Wörter erfolgen." (ebd.) Es ist dieses Verhältnis von Bedeu- tungen, Gegenständlichkeit und Sinnlichkeit, das Leontjew mit dem neu bestimmten Tätigkeitsbegriff in der Analyse des Übergangs des Prozesses in das Abbild (das selbst als eingebunden und nicht trennbar vom Prozeß der Tätigkeit betrachtet wird, kri- stallisierte Tätigkeit ist) vertieft analysieren kann. An diesem Zusammenhang hat er bis zu seinem Lebensende gearbeitet, wie aus den Materialien zu einem umfassenden Werk zur P s y c h o- l o g i e d e s A b b i l d s hervorgeht, zu der posthum ver- öffentlichte Notizen auch 1981 auf deutsch erschienen sind. Die Ebene des Abbilds, das ist die "f ü n f t e Q u a s i- d i m e n s i o n" d e r B e d e u t u n g e n jenseits der vier Dimensionen von Raum und Zeit, das ist die hinter der Sinnlichkeit (Modalität) im Denken für das Individuum er- schlossene "a m o d a l e" (nicht-sinnliche), gesetzmäßige Ge- stalt der äußeren Welt (wie der Beziehungen zu sich selbst, so füge ich hinzu), also die Transformation der bisher sinnlich- praktisch erfaßten Dimensionen der Gegenständlichkeit in die Amo- dalität der Bedeutungen. Abbild und Tätigkeit existieren hierbei nicht getrennt. "Das psychische Abbild ist kein Ding." (Leontjew 1974, S. 83) "Wissen und Verallgemeinerungen werden durch das menschliche Gehirn gespeichert, doch nicht als 'fertige' Sache, sondern virtuell - in Form hirnphysiologischer Zustände, die fä- hig sind, das subjektive Abbild des Objekts zu realisieren, das sich dem Menschen in dem einen oder anderen System objektiver Be- ziehungen darstellt" (ebd., S. 85). Insofern ist das Abbild l. unter dem Gesichtspunkt der Tätigkeit R e s u l t a t d e r T ä t i g k e i t, kristallisierte Tätigkeit, ein System von Operationen in dem Prozeß der Erfassung der amodalen Zusammen- hänge der äußeren Welt, und damit 2. zugleich W i d e r- s p i e g e l u n g dieser Zusammenhänge (vgl. A.A. Leontjew 1984, S. 17f). Diese Dialektik von Abbild und Tätigkeit wird in "Probleme der Entwicklung des Psychischen" in der folgenden Form bestimmt: Bezogen auf die Phylogenese analysiert Leontjew: "Die Formen der psychischen Widerspiegelung liegen demnach in ihrer Entwicklung gleichsam jeweils eine Stufe tiefer als die Tätigkeitsstruktur, und es gibt zwischen beiden keine völlige Übereinstimmung. Ge- nauer gesagt: Eine Übereinstimmung gibt es nur im Moment des Übergangs von einer Entwicklungsstufe zur anderen. In diesem Mo- ment, in dem eine neue Form der Widerspiegelung entsteht, eröff- nen sich der Tätigkeit neue Möglichkeiten und verhelfen ihr zu einer höheren Struktur. Damit ergibt sich zwischen Tätigkeit und Widerspiegelung ein neuer Widerspruch, diesmal jedoch auf einem höheren Niveau" (A.N. Leontjew 1973, S. 190 f). Dieses Gesetz gilt nicht nur für die Phylogenese, sondern auch für die Ontoge- nese und die Aktualgenese, wie es die Arbeiten ab der Charkower Zeit vielfältig belegen. Ich verweise für den letzteren Zusammen- hang insbesondere auf die Arbeiten von Galperin und (später) Da- wydow, in denen die Gesetzmäßigkeiten des Bedeutungserwerbs als Interiorisationsprozeß und insbesondere auch die gesetzmäßigen Zusammenhänge von empirischer wie theoretischer Verallgemeinerung herausgearbeitet worden sind (vgl. Jantzen 1983). Tätigkeit und Abbild, beide als widersprüchliche Einheit in einem Prozeß be- griffen, dessen Struktur nur von der Tätigkeit und ihren Trans- formationen her erklärbar ist und mit diesen zusammenfällt, be- dürfen ihrer Vermittlung, der Aufhebung des Widerspruchs wie des- sen Wiederentstehen auf höherem Niveau. Übergreifendes Moment ist die Tätigkeit, innere Momente sind Bedeutung und Abbild, wobei die B e d e u t u n g als E i n h e i t d e r G e g e n s ä t z e Abbild und Tätigkeit immer aufs neue vermit- telt (A.A. Leontjew 1984, S. 17). Eine solche Einheit kann die Bedeutung deshalb sein, weil sich in ihr die Tätigkeit des Indi- viduums mit der äußeren Welt vermittelt, die Bedeutung (als das "Bauen" der äußeren Welt im Kopf) zugleich von der Reichhaltig- keit der Beziehungen des Individuums zur äußeren Welt determi- niert ist, d. h. von der Gegenständlichkeit der Lebensprozesse, und insofern die Praxis prinzipiell reichhaltiger ist als das Be- wußtsein. Der Prozeß der Praxis erzwingt also über die in der Tätigkeit auftauchenden und zu lösenden Widersprüche die Weiterentwicklung der Bedeutungen im psychischen Abbild entsprechend den in der Tä- tigkeit erfahrenen und bewältigten Dimensionen der Vermittlung von Subjekt und Objekt. Die Fragen des Zusammenhangs von Bewußt- sein und Tätigkeit, die ich hier an Hand späterer Publikationen rekonstruiert habe, werden in ihren wesentlichen Dimensionen be- reits in den Arbeiten der Charkower Zeit gelöst; was jedoch zu bearbeiten bleibt, ist die Vermittlung des Zusammenhangs von Af- fektivität und Erkenntnis, den Leontjew bereits damals mit den Kategorien von Sinn und Motiv programmatisch skizziert, Katego- rien, die auch in den Arbeiten Wygotskis eine durchgängige Bedeu- tung besessen haben. Die Lösung dieser Fragen ist den späteren Arbeiten vorbehalten, die ich im gegenwärtigen Stadium der Leont- jew-Edition noch nicht alle im Detail kenne (vgl. als ersten Überblick A.A. Leontjew 1984), wohl aber das Ergebnis, das in "Tätigkeit, Bewußtsein, Persönlichkeit" vorgestellt wird: Wie ist der Zusammenhang von Hierarchisierung der Persönlichkeit als Her- ausbildung des Abbilds, begreifendem Erkennen und der Ganzheit- lichkeit der Persönlichkeit und ihrer psychischen Prozesse zu be- greifen? 3.4. "Persönlicher Sinn" als zentrale Kategorie ----------------------------------------------- marxistischer Persönlichkeitstheorie ------------------------------------ Wesentlicher Zugang zu dieser Frage ist die Kategorie des Sinns. Sinn bezieht sich auf die b e d ü r f n i s r e l e v a n t e n E i g e n s c h a f t e n der Gegenstände, Bedeutung auf die ob- jektiven Eigenschaften. Im Rückgriff auf die in "Probleme der Entwicklung des Psychischen" gattungsgeschichtlich gewonnenen Spezifizierungen des biologischen wie des persönlichen Sinns greift Leontjew dieses Problem in "Tätigkeit, Bewußtsein, Persön- lichkeit" umfassend und erneut auf, insbesondere im Zusammenhang der Erörterung der verschiedenen Parameter der Persönlichkeit. Aus den naturhistorischen Überlegungen heraus kann Sinn als "psychische Selbstreferenz zur Gattungsnormalität" (vgl. Jantzen 1985) bestimmt werden, die sich im Augenblick je in den Emotionen niederschlägt. Der Sinn ist sozusagen das amodale (emotional-mo- tivationale) Abbild, das das Individuum von seinen lebensnotwen- digen Verhältnissen zu sich und zur Gattung besitzt. Mit der Ent- faltung individueller Operationen ab Säugetierniveau bzw. mit Ar- beit und Sprache ab menschlichem Niveau der Entfaltung von über Zeichen vermittelten Operationen verlagert sich dieses Verhältnis mehr und mehr in die äußere Welt, ab menschlichem Niveau in die Vergegenständlichungen der Sozialgeschichte, die als Vorausset- zungen der moralischen und nichtentfremdeten, also humanen Ent- wicklung in der gesellschaftlichen Praxis ihre Vergegenständli- chung finden müssen, um vom einzelnen aneigenbar zu werden; sagen wir es mit Wygotski: um von der Persönlichkeit "an sich" zur Per- sönlichkeit "für sich" werden zu können. Es geht also um Zusam- menhänge der Fragen nach Sinn und Werten, Zusammenhänge, die mit der These "Das Persönliche ist politisch" oder im Zusammenhang der moralischen Verantwortung gegenwärtig vielfältig diskutiert werden u.a.m. Der Sinn als p e r s ö n l i c h e r S i n n be- stimmt die allgemeine Struktur der Gerichtetheit der Persönlich- keit, freilich nur im ganzheitlichen Zusammenhang der psychischen Prozesse, wie sie Leontjew in den d r e i P a r a m e t e r n d e r P e r s ö n l i c h k e i t s e n t w i c k l u n g b e- s t i m m t ("Tätigkeit, Bewußtsein, Persönlichkeit", S. 207 ff). Es sind dies 1. die v i e l f ä l t i g e n B e z i e- h u n g e n des Individuums zur Welt, 2. der H i e r a r- c h i s i e r u n g s g r a d der Tätigkeiten, ihrer Motive und 3. der a l l g e m e i n e T y p der Persönlichkeitsstruktur. Hierunter versteht Leontjew die inneren Wechselbeziehungen der hauptsächlichen Motivationslinien, die in der Gesamtheit der Tätigkeiten eines Menschen gleichsam das allgemeine "psychologi- sche Profil" der Persönlichkeit bilden, wobei auch die har- monische Persönlichkeit durchaus keine Persönlichkeit ohne innere Konflikte ist. In diese Auffassung integriert sind Überlegungen zu allen anderen höheren psychischen Funktionen, auf die ich an dieser Stelle nicht näher eingehe. Nicht daß ich meine, in "Tätigkeit, Bewußtsein, Persönlichkeit" seien alle diese Fragen bereits umfassend gelöst. Meines Erach- tens macht aber dieses Werk den Ü b e r g a n g z u e i n e r n e u e n E t a p p e der wissenschaftlichen Psychologie mög- lich. Eine solche Etappe der Reorganisation des Gesamts der modernen Psychologie hatte A.N. Leontjew in der Arbeit an einem nicht mehr vollendeten Buch mit dem Titel "Abbild und Welt" vor Augen (vgl. A.A. Leontjew 1984, S. 50). Aus dem Zusammenhang dieser Arbeit stammt das bereits zitierte, posthum erschienene Fragment "Psychologie des Abbilds". Im Zusammenhang eigener Arbeiten, die vor einem baldigen Abschluß stehen (vgl. Jantzen 1987), glaube ich, daß mit Leontjews prinzieller Lösung der "Psychologie des Abbilds" jene Fragen umfassend gelöst werden können, in deren Be- arbeitung sich die Wege von Leontjew und Wygotski trennten. Ich denke, dieser Ansatz liefert über die durch ihn mögliche Analyse des persönlichen Sinns wie seiner Evolution in Phylo- und Ontoge- nese die Voraussetzungen, die A f f e k t i v i t ä t als letzte Triebkraft des Gedankens s e l b s t s o z i a l h i- s t o r i s c h im Zusammenhang der psychischen Prozesse zu begreifen. Die Kategorie des Sinns, als amodales Abbild des Ver- hältnisses zur eigenen Gattung, das über den auf den Augenblick bezogenen Mechanismus der Emotionen aufs je neue Bedürfnisse und Tätigkeit verbindet, neue Motive entstehen läßt und sich durch sie ändert, Basis der Entstehung der Vernunft ist und in ihrer Entwicklung entsteht, liefert auch den Zugang, jene Domäne bürgerlicher Psychologie, die auf dem apriori der Affekte beharrt, umzugestalten. Es ist dies die Psychoanalyse. Das Libidoproblem, von Freud als Ausgangspunkt der Trieb- und Entwicklungspsychologie biologistisch und psychologistisch ver- kürzt bestimmt, erweist sich auf der Basis der bisherigen Ent- wicklung der Intrasystemzusammenhänge des Psychischen und der Kategorie des Sinns als neu aufgreifbar und bestimmbar. Nicht Affektabfuhr und Besetzung auf der Basis einer konstant ge- dachten Menge an Urenergie, vielmehr Entwicklung der Affekte als wesentlicher Bestandteil menschlicher Wesenskräfte im Prozeß der sozialen Entwicklung der Menschen in der Menschheit, so lautet die Lösung. A u c h d i e W u r z e l n d e r m e n s c h- l i c h e n A f f e k t e H e g e n n i c h t i n d e r B i o l o g i e, s o n d e r n i n d e r S o z i a l- g e s c h i c h t e; das Verhältnis von Möglichkeit menschlicher Natur und Wirklichkeit der gesellschaftlichen Existenz der Menschen stellt sich hier in der gleichen Weise wie in der Frage der Entwicklung des Bewußtseins. Dies heißt nicht, die Bedeutung der affektiven Strukturen zu negieren, vielmehr sie in ihren wesentlich menschlichen Dimensionen zunehmend zu begreifen (vgl. hierzu ausführlich meine Analyse dieser Zusammenhänge in dem in Arbeit befindlichen "Lehrbuch der Behindertenpädagogik", 1987). "A.N. Leontjew und die kulturhistorische Schule der sowjetischen Psychologie", so habe ich diesen Beitrag überschrieben. Natürlich blieben meine Ausführungen auf wichtigste, zentrale Zusammenhänge beschränkt. Viele Autoren und Detailprobleme habe ich nicht ein- mal ansprechen können. Ich hoffe aber verdeutlicht zu haben, daß es sich lohnt, mit den Originalarbeiten der Theoretiker der kul- turhistorischen Schule sich umfassend zu beschäftigen, daß dieser Theoriezusammenhang keineswegs überholt ist, wie dies ebenso beckmessernde wie besserwisserische Kritiker uns immer wieder weismachen wollen. Er bedarf weder einer "Reininterpretation" noch ist er, wie dort behauptet, in der "Kritischen" Psychologie dialektisch aufgehoben. Und daß er gar einer Ergänzung durch die Psychoanalyse bedürfte, so Thielen unlängst, zeigt sich bei um- fassendem Aufgreifen und Begreifen der hier entwickelten Katego- rien in seinem Kern als schlichte Unkenntnis. Eine entwickelte Theorie der Persönlichkeit muß sich auf Wygotski und Leontjew, Luria, Elkonin, Boshowitsch u. a. m. beziehen. Ohne die Aneignung des wissenschaftlichen Erbes der kulturhistorischen Schule der sowjetischen Psychologie, ihrer philosophischen Grund- legung, ihrer wissenschaftlichen Kategorien wie ihrer vielfältig nachgewiesenen Praxisrelevanz ist keine wirklich wissenschaftli- che Psychologie entwickelbar. Literaturverzeichnis: --------------------- Boshowitsch, Lydia L: Etappen der Persönlichkeitsentwicklung in der Ontogenese, Sowjetwissenschaft: Gesellschaftswissenschaftli- che Beiträge 32 (1979) 7, 750-762 (Teil I), 8, 848-858 (Teil II), 33 (1980) 4, 417-428 (Teil III). Bruschlinski, A.W.: Die "kulturhistorische Theorie" des Denkens, in: Untersuchungen des Denkens in der sowjetischen Psychologie, Berlin/DDR 1967. Budilowa, J.A.: Philosophische Probleme in der sowjetischen Psy- chologie, Berlin/DDR 1975. 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