Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 10/1986
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Diskussion
AKTUELLE PROBLEME DER INTELLIGENZ-DISKUSSION
Bemerkungen im Anschluß an eine IMSF-Konferenz
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André Leisewitz/Kaspar Maase
I. Erfahrungen aus Westeuropa - II. Zur Diskussion um die soziale
Stellung der Intelligenz - III. Intelligenz - Intellektuelle -
IV. Veränderte Perspektiven? - V. Zu den Bündnisbeziehungen zwi-
schen Arbeiterklasse und Intelligenz - VI. Kampf um Hegemonie und
die Rolle ideologischer Apparate - VII. Strategien der Bour-
geoisie gegenüber der Intelligenz, Wirkungen und Alternativen -
VIII. Aspekte einer "neuen linken Kultur"
Die Tagung des IMSF "Intelligenz, Intellektuelle und Arbeiterbe-
wegung in Westeuropa" im März 1985 hatte mit über tausend Teil-
nehmern ein bemerkenswertes Interesse gefunden. Der Erfahrungs-
austausch und die theoretische Diskussion signalisierten ein
starkes Orientierungsbedürfnis unter der linken Intelligenz. Im
Vordergrund steht dabei die Frage nach ihren individuellen Exi-
stenz- und Entwicklungsperspektiven wie ihren gesellschaftlichen
und politischen Wirkungsmöglichkeiten unter sozialen und politi-
schen Bedingungen, die von vielen trotz der Breite der außerpar-
lamentarischen Bewegungen oft als lähmend und perspektivlos er-
fahren werden. Diese Bedingungen unterscheiden sich damit in
vieler Hinsicht vom politischen Klima und den erhofften Perspek-
tiven zu Anfang der siebziger Jahre, als das Verhältnis von In-
telligenz und Arbeiterklasse, von Intellektuellen und Arbeiterbe-
wegung erstmals ein breit diskutiertes Thema auf der Linken war.
Damit bestimmen neue Erfahrungen und Probleme die heutige Diskus-
sion. Thematische Verschiebungen und Neuakzentuierungen in der
theoretischen Auseinandersetzung dürften hier ihre eigentlichen
Wurzeln haben.
Der nunmehr vorliegende Protokollband der Konferenz 1) gibt die
Gelegenheit, sich über diese neuen Erfahrungen einen Überblick zu
verschaffen und ihre politisch-ideologische Verarbeitung und Ver-
allgemeinerung vom Standpunkt verschiedener theoretischer Posi-
tionen der Linken kritisch zu durchdenken. "Neu" meint dabei die
im letzten Jahrzehnt gesammelten Erfahrungen im Verhältnis von
Intelligenz und gesellschaftlich-politischen Bewegungen, insbe-
sondere der Arbeiterbewegung; es betrifft Berufserfahrungen der
linken Intelligenz, die Erprobung von Möglichkeiten und Grenzen
ihres Wirksamwerdens in den ideologisch-kulturellen Apparaten und
Institutionen. Zu solchen neuen Erfahrungen zählen das veränderte
geistige Klima und der Druck des Konservatismus, Auswirkungen der
Krise auf soziale Lage und Berufsperspektiven, auf Arbeits- und
Ausbildungsverhältnisse. Die Intelligenz selbst hat sich in die-
ser Periode quantitativ und sozialstrukturell verändert. Wir wol-
len aus der Diskussion der Tagung im folgenden einige Probleme
herausgreifen, die theoretische Fragen dieser Entwicklung betref-
fen und die mit Blick auf die Beziehungen von Intelligenz und Ar-
beiterbewegung und auf das Projekt eines Blocks der Wende zu de-
mokratischem und sozialem Fortschritt von praktischer Bedeutung
für die Zukunft sind. 2)
I. Erfahrungen aus Westeuropa
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Die Konferenz war als Westeuropa-Vergleich angelegt. Dieser Ver-
gleich erlaubt es, einige allgemeinere Entwicklungstrends her-
vorzuheben, aber auch die Besonderheiten und ihre Entwicklungsbe-
dingungen in der Bundesrepublik genauer zu fassen.
Die Intelligenz hat sich als soziale Schicht in den entwickelten
kapitalistischen Ländern Westeuropas in den letzten beiden Jahr-
zehnten zahlenmäßig stark ausgeweitet. Dies steht in engem Zusam-
menhang mit der wachsenden Bedeutung von Wissenschaft, Technik
und Bildung für den gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß und
für den Umbruch in den Produktivkräften, aber auch mit den spezi-
fischen Vergesellschaftungsformen des staatsmonopolistischen Ka-
pitalismus (SMK) und der damit verbundenen Ausweitung von Herr-
schaftsfunktionen und -apparaten. Die allgemeine Entwicklung der
Intelligenz zu einer sozialen Massenschicht korrespondiert mit
einer ausgeprägten Umschichtung ihrer inneren Struktur und ihres
Erscheinungsbildes; sie verläuft in allererster Linie als Expan-
sion der lohnabhängigen Gruppen, insbesondere von Beschäftigten
in den Bildungsapparaten und damit im staatlichen Sektor. Sie
kann sich dabei geradezu als Krise der "traditionellen" Intelli-
genz und Intellektuellen-Typen vollziehen (so Alain Bertho mit
Blick auf Frankreich).
Expansion der Intelligenz im Kontext der Veränderungen der ge-
sellschaftlichen Arbeit und Arbeitsteilung schließt zugleich neue
Beziehungen von Arbeiterklasse und Intelligenz auf der Ebene von
Betrieben, Abteilungen und Arbeitskollektiven ein. Dies trifft
mit Umschichtungen und Strukturveränderungen in der Arbeiter-
klasse selbst, mit der Herausbildung neuer Typen von Arbeit und
qualifizierten Gruppen der Belegschaften, zusammen. Hieraus er-
wächst ein ganzes Bündel von Fragestellungen.
Der Umbruch vollzieht sich in den entwickelten kapitalistischen
Ländern in jeweils mehr oder weniger ausgeprägter Form unter den
Bedingungen der sozialen und gesellschaftspolitischen Defensive
der Arbeiterbewegung. Er verläuft dabei im heutigen staatsmonopo-
listischen Kapitalismus durchaus nicht nur spontan. Generell be-
müht sich die Bourgeoisie, nach dem Aufbrechen linker Tendenzen
unter der Intelligenz Ende der sechziger/Anfang der siebziger
Jahre diesen Prozeß sozial und ideologisch zu beeinflussen und
ihren Interessen entsprechend zu steuern, auf die Ausbildungsin-
stitutionen differenzierend Einfluß zu nehmen, ein ideologisch-
politisches Klima der Identifizierung wichtiger Gruppen der In-
telligenz mit dem herrschenden System des SMK zu schaffen und sie
materiell zu binden, den sozialen Druck der Krise konkurrenzför-
dernd und elitebildend wirken zu lassen, neue Leitbilder zu for-
men usw. Die Rechtsorientierung unter der Intelligenz in
Frankreich wurde in diesem Kontext interpretiert (Alain Bertho,
Edgar Gärtner).
Faktisch überall in Westeuropa ist unter der linken Intelligenz
ein Rückgang des marxistischen Einflusses festzustellen. Hiervon
muß nüchtern ausgegangen werden. Dieser ideologische Krisenreflex
wird noch dadurch verstärkt, daß die Intelligenz eine geistig in
starkem Maße auf sich selbst bezogene Schicht ist: In ihr wirk-
same Intellektuelle reagieren in hohem Maße auf Trends und Stim-
mungen unter der Intelligenz selbst. Die Verschiebung von Klas-
sen- zu Gattungsfragen in Verbindung mit neuen sozialen Bewegun-
gen ist hierfür ein wichtiger Hinweis.
Aber hierin und in der verbreiteten Subjektivitätsorientierung
können sich zugleich neue Politisierungsformen und Politikzugänge
ausdrücken; dies ist eine Erfahrung nicht nur der Bundesrepublik,
sondern auch anderer kapitalistischer Länder. Diese neuen Zugänge
sind in erster Linie geprägt von der Wahrnehmung vielfältiger
Formen kapitalistisch deformierter Produktivkraftentwicklung und
Vergesellschaftung im Zusammenhang mit Wissenschaft und Technik,
der Ökologiefrage, Reproduktionskonflikten usw. "... diese Poli-
tisierungsformen haben sich zuerst bei denen entwickelt, die über
Wissen verfügten und sich die Frage nach der Zielbestimmtheit
dieses Wissens stellten. Die Intellektuellen waren oft schneller
sensibel für die neuen Fragen unserer Epoche" (Alain Bertho, S.
57). Die Notwendigkeit, in den aus solchen Zugängen entstehenden
Bewegungen nicht in erster Linie Flucht, sondern Ausgangspunkte
radikaldemokratischen Engagements zu sehen und nach den möglichen
Übergängen zu sozialistischen Positionen zu suchen, gilt insofern
allgemein für die marxistische Arbeiterbewegung der Gegenwart.
II. Zur Diskussion um die soziale Stellung der Intelligenz
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Wir wenden uns jetzt einigen Fragen im Zusammenhang der sozial-
ökonomischen Stellung der Intelligenz zu. Nehmen wir zuerst die
Grunddaten. Die Intelligenz der Bundesrepublik ist eine soziale
Schicht, die seit den siebziger Jahren zahlenmäßig sehr stark ge-
wachsen ist und Massencharakter erlangt hat. Geht man, um zumin-
dest eine grobe Größenordnung anzugeben, von den statistisch er-
faßten Hoch- und Fachhochschulabsolventen aus, so ist ihre Er-
werbstätigenzahl zwischen 1970 und heute von rd. 1,4 auf etwa 2,4
Millionen angestiegen, was einem Erwerbstätigenanteil von rd. 5
bzw. 9 Prozent entspricht. Über 80 Prozent der Intelligenz sind
heute in lohnabhängigem Status tätig, über die Hälfte ist im
Staatssektor, etwa ein Viertel im privatwirtschaftlichen Bereich
beschäftigt. Das mit Abstand stärkste Wachstum verzeichneten da-
bei die in den Bildungsapparaten beschäftigten Gruppen (die Leh-
rer stellen heute rund ein Drittel aller Intelligenzangehörigen).
Diese sozialstrukturellen Fakten sind unumstrittener Ausgangs-
punkt der theoretischen Diskussion über die Stellung der Intelli-
genz in der Klassenstruktur des heutigen Kapitalismus. Von der
hierbei eingenommenen theoretisch-analytischen Position hängt in
starkem Maße die konkrete Bestimmung des Verhältnisses von Arbei-
terklasse, Arbeiterbewegung und Intelligenz ab. Nach wie vor
spielen Auffassungen eine Rolle, die theoretisch das Kriterium
der Lohnabhängigkeit als entscheidend und erschöpfend für die Be-
stimmung der Arbeiterklasse ansehen. Es ist klar, daß auf einer
solchen Grundlage das Verhältnis von Arbeiterklasse und
(lohnabhängiger) Intelligenz nicht als Bündnisbeziehung gesehen,
sondern als "eine Strukturveränderung innerhalb der Arbeiter-
klasse" verstanden werden muß (Joachim Bischoff, S. 138). Es ist
nur konsequent, wenn eine solche Sichtweise sich positiv auf das
"Arbeitnehmer"-Konzept bezieht und die Entwicklung der Intelli-
genz als Aspekt der Qualifikationsanhebung und Intellektualisie-
rung von Lohnarbeit und Arbeiterklasse interpretiert.
Demgegenüber muß jedoch zuerst darauf hingewiesen werden, daß
sich unter dem formalen Status der Lohnabhängigkeit unterschied-
liche soziale Kategorien verbergen, mit Blick auf geistige Arbeit
bzw. hochqualifizierte Arbeitskräfte ebenso am Ausbeutungsprozeß
und dem Kommando über andere Lohnarbeit beteiligte bourgeoise
Gruppen wie lohnabhängige Spezialisten. Aber auch bezüglich der
im eigentlichen Sinne lohnabhängigen Gruppen verbaut eine solche,
mit der marxistischen Klassentheorie wohl kaum zu vereinbarende
Auffassung systematisch den Zugang zur Spezifik der Stellung der
Intelligenz in den kapitalistischen Klassenverhältnissen und den
Besonderheiten im sozialökonomischen Charakter ihrer höher quali-
fizierten Arbeitskraft. Hier liegen die objektiven Grundlagen für
die trotz aller quantitativen Ausweitung der Intelligenzberufe
gegenüber der Arbeiterklasse abgehobene und in vieler Hinsicht
privilegierte Stellung der Intelligenz und für die Besonderheiten
in der unmittelbaren Arbeitssituation, der Stellung in der be-
trieblichen Hierarchie etc., wie sie in zahlreichen Beiträgen
dargelegt wurden (vgl. Hellmuth Lange, S. 514 ff.; Ursula Schumm-
Garling, S. 518ff.; Jan Priewe, S. 525 ff.). Erst wenn diese Be-
sonderheiten nicht nur empirisch, sondern auch in ihrem klassen-
mäßigen Gehalt zur Kenntnis genommen werden, lassen sich die Un-
terschiede in Einstellungen und Bezug zur Arbeit, in der sozial-
psychologischen Orientierung, im Organisationsverhalten der In-
telligenz etc. aus ihrer sozialen Existenzweise und nicht als zu-
rückgebliebenes Bewußtsein oder allein der Wirksamkeit ideologi-
scher Faktoren zu verdankende Abweichungen verstehen.
Wird schließlich allein die Lohnabhängigkeit als das für die so-
ziale Stellung und Interessenausprägung der Intelligenz bestim-
mende Moment gesehen, so läßt sich auch die Spezifik des auf den
besonderen, höherqualifizierten Charakter ihrer Arbeitskraft zie-
lenden Drucks kapitalistischer Vergesellschaftung, Unterordnung
und Polarisierung nicht erfassen. Gerade aus den damit verbun-
denen Einengungen und Beschränkungen, der Erosion von Qualifika-
tionen usf. resultieren aber berufliche Interessen der Intelli-
genz, die sie immer wieder und in zunehmendem Maße in Widerspruch
zum ausbeutenden Kapital bringen müssen und deren Aufnahme und
Verteidigung Anknüpfungspunkt bündnispolitischer Beziehungen zwi-
schen Intelligenz und Arbeiterklasse ist. Wie die konkreten Ana-
lysen und Erfahrungen zeigen, ergeben sich aus solchen arbeitsbe-
zogenen Widersprüchen und Konflikten auch wichtige Ansatzpunkte
gewerkschaftlicher Orientierung und Politisierung der Intelligenz
(vgl. mit Blick auf Lehrer, Ärzte, Ingenieure u.a. S. 306 ff.,
340 ff., 513 ff.).
Die auf die Gesamtheit der kapitalistischen Produktionsverhält-
nisse zielende Intelligenzanalyse betont insofern die Mittel- und
Zwischenschichtposition der Intelligenz, ihre soziale Differen-
zierung unter dem Druck krisenhafter kapitalistischer Vergesell-
schaftung, ihr antimonopolistisches Potential auf der Grundlage
ihrer objektiven Interessen und ihre politisch-ideologische Pola-
risierung im Kraftfeld der Grundklassen. In dieser Sicht ist die
lohnabhängige Intelligenz heute der wichtigste Bündnispartner der
Arbeiterklasse in historischer wie aktuell-politischer Perspek-
tive, dessen spezifische Rolle und gesellschaftspolitisches Po-
tential nicht in einer Abkehr, sondern in einer zunehmenden Iden-
tifizierung mit den beruflichen und sozial-funktionellen Interes-
sen in demokratischer Option zur Wirksamkeit gelangen kann.
Eine solche Sichtweise erschließt wesentliche Gemeinsamkeiten in
der sozialen Stellung der Intelligenz, ohne die unterschiedlichen
Funktionen ihrer jeweiligen Gruppen und entsprechend unterschied-
liche Ansatzpunkte und Zugänge der Interessenausbildung zu igno-
rieren. Sie übersieht dabei ebensowenig die Übergangszonen, die
sich zwischen hochqualifizierten Gruppen der Arbeiterklasse und
betrieblichen Intelligenzgruppen im Bereich von Technikern, Da-
tenverarbeitungsfachleuten, Ingenieuren etc. herausbilden, wie
die Verbindungslinien und breiten Übergangszonen zur Bourgeoisie
und dem von ihr bestimmten System von Interessen und Ideologien,
die immer wieder gegeben sind - freilich in durchaus unterschied-
lichem Ausmaß bei den verschiedenen Intelligenzgruppen. Demgegen-
über muß der Versuch, eine solche sozialökonomisch bestimmte Ver-
ortung der Intelligenz in den gesellschaftlichen Produktionsver-
hältnissen zu ersetzen durch die Zuordnung einer "klassischen In-
telligenz" zu den Produktionsverhältnissen und der neuen wissen-
schaftlich-technischen Intelligenz zu den Produktivkräften als
ihrem Gegenstands- und Bezugspunkt (vgl. Michael Springer, S. 132
ff.), in verschiedener Hinsicht bei der Bestimmung ihrer jeweili-
gen Interessenlage und damit der Bündnismöglichkeiten wie der ak-
tuellen Hindernisse in Schwierigkeiten geraten. Wichtige, beson-
ders rasch wachsende Gruppen der Intelligenz, die mit der Produk-
tivkraftentwicklung durchaus eng verbunden sind - wie die ge-
samten Lehrberufe - fallen durch dieses Raster hindurch. Zugleich
neigt eine solche Auffassung dazu, die Breite und Geschwindigkeit
der sozialen Annäherung infolge von Intellektualisierung der Ar-
beiterklasse und Angleichung von Arbeit und sozialer Stellung der
wissenschaftlich-technischen Intelligenz an die höherqualifizier-
ten Gruppen der Arbeiterklasse zu überschätzen.
Die wissenschaftlich-technische Revolution schafft mit der wach-
senden Bedeutung wissenschaftlich-technischer Funktionen im Rah-
men des Gesamtarbeiters objektive Grundlagen einer noch weit in
die Zukunft reichenden und nicht mit der Aufhebung kapitalisti-
scher Produktionsverhältnisse bereits abgeschlossenen Reproduk-
tion der Intelligenz als eigenständiger sozialer Schicht (vgl.
Erich Hahn, S. 89ff.). Gerade vor diesem sozialökonomischen Hin-
tergrund (und der darin eingeschlossenen Interessenannäherung
wichtiger Gruppen der lohnabhängigen Intelligenz an die Arbeiter-
klasse) gewinnt die mit ihrem zahlenmäßigen Wachstum, der Um-
strukturierung von Belegschaften technologieintensiver Branchen,
der zunehmenden Besetzung von "Schlüsselpositionen" im Betrieb
durch Angehörige der technischen Intelligenz, ihrer Bedeutung für
Arbeitskämpfe usf. zu einer Aufgabe ersten Ranges aufrückende ge-
werkschaftliche Technologie- und Intelligenzpolitik erst ihre
Brisanz und Kompliziertheit (der die Anstrengungen der Arbeiter-
bewegung heute ohne Zweifel noch nicht gerecht werden).
III. Intelligenz - Intellektuelle
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In der genannten Unterscheidung von "klassischer" und wissen-
schaftlichtechnischer Intelligenz reproduziert sich in bestimmter
Form die für die Diskussion insgesamt wichtige Frage nach dem
Verhältnis von Intelligenz und Intellektuellen bzw. der Bedeutung
beider Kategorien für die heutige marxistische Intelligenzana-
lyse. Gegenüber den frühen siebziger Jahren markiert die breite
Aufnahme der Beiträge Gramscis auf der theoretischen Ebene die
wohl wichtigste Neuakzentuierung. Dies steht mit dem gewachsenen
Interesse an Politik- und Ideologieanalyse, aber sicher auch mit
einem entsprechenden Defizit der früheren marxistischen Intelli-
genzdiskussion in Zusammenhang. Der wichtigste Fortschritt, den
die Gramscz-Rezeption gebracht hat, ist zweifellos in der stärke-
ren Thematisierung der Stellung der Intelligenz im gesellschaft-
lichen Herrschafts- und Hegemonialsystem zu sehen - was die Frage
nach den Möglichkeiten des Beitrags der Intelligenz im Kampf um
die Hegemonie der Arbeiterklasse heute einschließt. Jedoch gilt
es bei der Anwendung der Kategorien Gramscis seinen spezifischen
Zugang zur Intelligenz- bzw. Intellektuellenfrage nicht zu verwi-
schen, wenn sie für die Gegenwart fruchtbar gemacht werden sollen
(vgl. Alessandro Mazzone, S. 67 ff.).
Gramscis Begriff des Intellektuellen bezieht sich seinen eigenen
Worten zufolge nicht auf "geistige Größen", sondern umfassender
auf "die gesamte soziale Schicht, die im weiteren Sinne organisa-
torische Funktionen ausübt, sei es in der Produktion, sei es in
der Kultur oder in der Politik und Verwaltung." 3) Der Ausgangs-
punkt der Untersuchung der gesellschaftlichen Funktion der Intel-
lektuellen ist dabei nicht das Gesamtsystem gesellschaftlicher
Arbeit, der Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse, sondern
die "gesellschaftlich-politische Objektivität" (Mazzone, S. 81),
das gesellschaftliche Herrschaftssystem, die von Intellektuellen
wahrzunehmende "organisierende Funktion der gesellschaftlichen
Hegemonie und der staatlichen Machtausübung". 4)
Dies ist der Bezugsrahmen, innerhalb dessen Gramsci seine Katego-
rien des "traditionellen" und des "organischen Intellektuellen"
entwickelt. Dies geschieht auf einem geschichtlichen Niveau noch
relativ geringer zahlenmäßiger Ausdehnung, Vergesellschaftung und
damit Ausdifferenzierung von Intelligenzfunktionen in den ver-
schiedenen gesellschaftlichen Sektoren. Gramscis Kategorien sind
also auf der politisch-ideologischen Ebene angesiedelt. Sie müs-
sen, wenn eine Verselbständigung des Politischen und Ideologi-
schen in der Theorie (und der politischen Praxis) vermieden wer-
den soll, immer wieder auf die sozialökonomischen und sozial-
strukturellen Grundlagen der Gesellschaft zurückbezogen werden.
Gramscis stete Hervorhebung der Unverzichtbarkeit einer konkret-
historischen Untersuchung der Intellektuellenfrage verweist auf
die Notwendigkeit, heute die breiten Vergesellschaftungsprozesse
von Intelligenzfunktionen, die Entwicklung der Intelligenz zu ei-
ner Massenschicht des SMK im Kräftefeld seiner Grundklassen zu
untersuchen.
Gramscis vielzitierte Bemerkung, die Untersuchung der Geschichte
der Intellektuellen könne "keinen 'soziologischen' Charakter" ha-
ben, sie könne nicht "auf die Spezifik der intellektuellen Tätig-
keiten", d. h. die einzelnen Berufsgruppen, bezogen sein, ergibt
sich gerade aus seiner besonderen Fragestellung nach den kul-
turell-hegemonialen Funktionen. Diese Formulierung wird nun gele-
gentlich gegen die marxistische Sichtweise der Intelligenz
(nicht, wie fälschlich unterstellt, der Intellektuellen) als so-
zialer Schicht des heutigen Kapitalismus angeführt (so Wieland
Elfferding, S. 294 ff.), mit dem Argument, dies sei eine berufs-
gruppenbezogene Sicht, die gerade die Funktion der Intelligenz in
den Klassenverhältnissen ignoriere. Eine solche Auffassung ver-
kennt nicht nur die Notwendigkeit, eine funktionelle Betrachtung
des Intellektuellen als eines spezifischen Typus der heutigen In-
telligenz ebenso wie die seiner Schicht im Kontext nicht nur po-
litisch-ideologischer Klassenverhältnisse, sondern der Klassen-
struktur vorzunehmen und seine objektive Einbindung in Klassenbe-
ziehungen, die erst seine funktionelle Rolle bestimmen, zu unter-
suchen. Jede andere Sicht ergibt letztlich eine Neuauflage des
"freischwebenden" Intellektuellen. Diese Auffassung nimmt auch
nicht zur Kenntnis, daß mit der kapitalistischen Herausbildung
und Vergesellschaftung von Intelligenzfunktionen breite soziale
Gruppen entstanden sind, die nicht einfach als Unterabteilungen
der Grundklassen betrachtet werden können, sondern deren beson-
dere sozialökonomische Stellung die entscheidende Grundlage ihrer
Interessenherausbildung, ihrer Stellung zu den Grundklassen und
somit auch der sich dabei abzeichnenden Interessen- und Bündnis-
beziehungen darstellt.
Diese Sicht bestimmt die soziale Stellung der Intelligenz ja
nicht, wie Elfferding vermutet, von der jeweiligen Tätigkeit (als
Lehrer, Jurist o.ä.) her, sondern von den Reproduktionsgrundlagen
und dem spezifischen Charakter der Arbeitskraft, der Stellung im
System der Produktionsverhältnisse und Ausbeutung. Wenn Gramscis
Gegenstand seinerzeit nicht die Untersuchung einer so verstan-
denen Intelligenz als Massenschicht, sondern der spezifischen
Funktion von Intellektuellen war, so findet sich diese funktio-
nelle Seite heute als e i n - und zwar durchaus wichtiger -
Aspekt in der Tätigkeit und sozialen Existenzweise aller Intelli-
genzangehörigen; doch reduziert sich ihre Stellung in den Klas-
senverhältnissen keineswegs auf ihre Rolle im System von Hegemo-
nie und Herrschaft. Der auch politisch-ideologisch entscheidende
Punkt ist heute die sich mit der Vergesellschaftung dieser Funk-
tionen herausbildende Widerspruchskonstellation zwischen funktio-
neller Einbindung in Herrschaftsbeziehungen des SMK und sozial-
ökonomischer Lage wie daraus resultierenden Interessenorientie-
rungen. Wer heute Massengruppen und -berufe wie die der Lehrer,
Ingenieure, Ärzte betrachtet, wird gerade auf die Erfahrung die-
ser Widersprüche im Rahmen der Zwänge staatlicher Apparate und
beruflicher Rollen stoßen, die zu Ausgangspunkten von Politisie-
rung werden können. Die entsprechenden Erfahrungsberichte liefer-
ten hierzu reichhaltiges Material (vgl. u.a. S. 306 ff.).
Gramscis Analyse der Intellektuellen kann also auch für die heu-
tigen Probleme der Intelligenzanalyse auf einem sehr viel fortge-
schritteneren Niveau staatsmonopolistischer Vergesellschaftung
fruchtbar gemacht werden - wenn die unterschiedlichen Bezugsebe-
nen und Gesichtspunkte nicht durcheinandergebracht, sondern in
ein richtiges Verhältnis gesetzt werden.
IV. Veränderte Perspektiven
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Die Intelligenz unterliegt heute einem starken sozialen Differen-
zierungsdruck. Hierauf verweist insbesondere der Anstieg der Ar-
beitslosigkeit von Hoch- und Fachhochschulabsolventen (vgl. Eber-
hard Dähne, S. 391 ff.). Dennoch liegt die Arbeitslosenquote der
Intelligenz deutlich unter dem gesamtgesellschaftlichen Durch-
schnitt. Für die siebziger Jahre gilt nicht nur ein relativ rei-
bungsloser Übergang aus dem Ausbildungs- ins Beschäftigungssy-
stem, sondern auch ein hohes Maß an ausbildungsadäquater Beschäf-
tigung (vgl. Bernd Güther, S. 406 ff.). Die große Berufszufrie-
denheit unter der beschäftigten Intelligenz hat hier ihre Grund-
lage. Insofern ist vor einer gelegentlich anzutreffenden Über-
schätzung von Deklassierungsprozessen, wie sie sich im Zusammen-
hang mit der Arbeitslosigkeit wachsender Gruppen der Intelligenz
abzeichnen, zu warnen. Jedoch stellen sich Probleme einer deutli-
chen Verschlechterung der sozialen Lage in erster Linie für die
jüngeren Gruppen der Intelligenz; dies gilt gleichermaßen für Be-
rufsanfänger wie für Studenten, bei denen sich steigende soziale
Belastungen mit wachsendem Studiendruck verbinden (vgl. Bernd
Schneider, S. 410ff.; Michael Weber, S. 414ff.; Bernd Gabler/
Werner van Hären, S. 37 ff.).
Von den objektiven Bedingungen her unterstreicht dies die Notwen-
digkeit einer an den unmittelbaren materiellen Studien- und Be-
rufsinteressen ansetzenden Interessenvertretung. Man muß jedoch
davon ausgehen, daß der relativ niedrige gewerkschaftliche Orga-
nisationsgrad gerade der betrieblichen Intelligenz (vgl. Klaus
Pickshaus, S. 341 ff.) und die immer wieder zu konstatierenden,
ausgeprägten Tendenzen ihrer eher individualistischen, konkur-
renzbetonten und karriereorientierten Einstellung, die angesichts
der objektiv wachsenden Bedeutung der Intelligenz im Betrieb ein
Schlüsselproblem gewerkschaftlicher Politik darstellen (vgl.
Leonhard Mahlein, Axel Raue, Rolf Knecht, S. 11 ff. u.a.), in ih-
rer sozialen und betrieblichen Stellung eine stabile Grundlage
haben. Solche Einstellungen können in Zukunft durch den materiel-
len und sozialpsychologischen Anpassungsdruck in Hochschule und
Beruf eher noch gefördert werden.
Für die Bundesrepublik kann - im geschichtlichen Rückblick wie im
Vergleich mit anderen kapitalistischen Ländern Westeuropas - nach
wie vor von einer gewissen Linksverschiebung unter der Intelli-
genz gesprochen werden. Sie zeigt sich im Bereich der politisch
aktiven Gruppierungen an den Hochschulen, im hohen Anteil von In-
telligenzangehörigen in den außerparlamentarischen Bewegungen und
im Spektrum eher linksorientierter Wähler und politischer Par-
teien. Dies ist zweifellos Ausdruck der politisch-ideologischen
Polarisierung der Intelligenz im Kraftfeld der gesellschaftlichen
Grundklassen, Konflikte und Bewegungen, in die sie vielleicht
stärker als andere Klassen und Schichten hineingezogen ist. Es
bleibt jedoch notwendig, die heute wirksamen Gegentendenzen nüch-
tern im Auge zu behalten: Hier treffen sich der wachsende Anpas-
sungsdruck und die unverkennbare ideologische Offensive der Bour-
geoisie (vgl. Rainer Rilling, S. 542 ff. und generell AG 4). Wenn
festgestellt wurde, daß die Verankerung gewerkschaftlicher Werto-
rientierungen in der jüngeren Intelligenzgeneration heute im Ver-
gleich zu den siebziger Jahren eher zurückgegangen und an den
Hochschulen ein Phänomen "vorauseilender" Anpassung nicht zu ver-
kennen ist, so läßt dies neue politisch-ideologische Konstella-
tionen mit dem Generationswechsel unter der Intelligenz nicht un-
denkbar erscheinen. Ob und wie sich Einstellungen hier verschie-
ben, hängt jedoch in beträchtlichem Maße eben von der Entfaltung
gesellschaftlicher Konflikte und von der orientierenden Kraft der
demokratischen Bewegungen und der Arbeiterbewegung ab.
V. Zu den Bündnisbeziehungen zwischen Arbeiterklasse
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und Intelligenz
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Gegenüber einer Konstellation, in der der Weg von Angehörigen der
Intelligenz an die Seite der Arbeiterbewegung nur über den indi-
viduellen "Klassenverrat" einzelner führte, haben sich grundle-
gende historische Veränderungen ergeben. Wir haben auszugehen von
der Intelligenz als einer Massenschicht, in der der Typus des
lohnabhängigen Spezialisten dominiert und die in Verfolgung ihrer
spezifischen Interessen in Widersprüche zum staatsmonopolisti-
schen System gerät und auf die Frage des Bündnisses mit der Ar-
beiterklasse verwiesen wird, um progressive Veränderungen bis hin
zu sozialistischen Perspektiven durchzusetzen. Der Kampf um die
Orientierung der Intelligenz ist also auf dem Boden ihrer eigen-
ständigen Interessen zu führen, die sich, wie die jüngste Ge-
schichte zeigt, auch in eigenständigen sozialen und demokrati-
schen Bewegungen artikulieren.
Vor diesem Hintergrund sind verschiedene Aspekte der Beziehungen
zwischen Arbeiterklasse und Intelligenz, Intellektuellen und Ar-
beiterbewegung analytisch auseinanderzuhalten. Die Formulierung
vom Bündnis zwischen Arbeiterklasse und Intelligenz bezieht sich
auf die grundlegenden Beziehungen und Übereinstimmungen sozial-
ökonomischer und gesellschaftspolitischer Interessen der beiden
gesellschaftlichen Großgruppen, die objektiv im Zentrum jeder
Strategie demokratischer Veränderung mit antimonopolistischer
Stoßrichtung und sozialistischer Perspektive stehen. Bündnisbe-
ziehungen zwischen der Arbeiterbewegung und Intellektuellen bzw.
Gruppierungen und Strömungen der Intelligenz betreffen demgegen-
über die politisch-ideologische Ebene. Wo schließlich über Rolle
und Stellung von Intellektuellen in der Arbeiterbewegung bzw. in
marxistischen Organisationen und Parteien der Arbeiterklasse dis-
kutiert wird, geht es um den Charakter dieser Organisationen und
um das Selbstverständnis der marxistischen und sozialistischen
Intellektuellen. Wenn diese unterschiedlichen Beziehungen in der
Wirklichkeit auch nicht auseinanderzureißen sind, so verhindert
die theoretische Vermengung der Ebenen doch die genaue Bestimmung
von Schwerpunkten und Eingriffstellen marxistischer Politik.
Zu den zentralen Fragen im Horizont des Bündnisses von Arbeiter-
klasse und Intelligenz gehören die Klärung und Vertretung ihrer
sozialökonomischen und berufsinhaltlichen Interessen in Hoch-
schule und Betrieb mit der Perspektive gewerkschaftlicher Orien-
tierung und Organisierung; mit rd. 15 Prozent liegt der Organisa-
tionsgrad der Intelligenz heute nur etwa halb so hoch wie der ge-
sellschaftliche Durchschnitt. Folgende Problemfelder zeichnen
sich ab, über die lohnabhängige Spezialisten heute für die Ge-
werkschaften zu gewinnen sind. Materielle und soziale Interessen
kristallisieren sich an Arbeitslosigkeit, qualifikationsinadäqua-
ter Beschäftigung und Dequalifizierung. Rationalisierungsprozesse
v. a. in der Privatwirtschaft betreffen Intelligenzangehörige in
zweifacher Perspektive: als Opfer, deren Arbeits- und Berufsper-
spektive sich verschlechtert, wie als "Urheber", deren Speziali-
stenwissen zur intensiveren Ausbeutung aller abhängig Beschäftig-
ten eingesetzt wird.
Besonders hervorzuheben sind im Zusammenhang mit der Einführung
neuer Technologien Konflikte, die zwischen Rationalisierungs- und
Kontrollinteressen der Unternehmer und den Ansprüchen der Intel-
ligenzangehörigen an selbständige, abwechslungsreiche und befrie-
digende Arbeitstätigkeiten aufbrechen ; dabei wird der Horizont
der Ansprüche zunehmend durch die in der neuen Technik liegenden
Möglichkeiten menschengerechter Arbeitsgestaltung bestimmt. Aus-
einandersetzungen um Inhalt und Orientierung der Intelligenz-Ar-
beit sowie um den gesellschaftlichen Gebrauchswert und die Aus-
wirkungen ihrer Produkte zeigen gerade unter der naturwissen-
schaftlich-technischen Intelligenz ein wachsendes kritisches Po-
tential.
Für die Gewerkschaften ist eine neue Qualität in der Organisie-
rung und Einbeziehung der verschiedenen Intelligenzgruppen eine
zentrale Zukunftsfrage. Es geht um die Handlungs- und Kampffähig-
keit in Betrieb und Gesellschaft angesichts technologischer Um-
wälzungen, mit denen wissenschaftlich-technische Spezialisten zu-
nehmend Schlüsselfunktionen für Aufrechterhaltung oder Unterbre-
chung von Produktions- und Reproduktionsprozessen erlangen. Es
geht um die Mobilisierung von Expertenwissen angesichts der Not-
wendigkeit, die Arbeiterbewegung zu profilieren als eine progres-
siv verändernde Kraft mit grundlegenden Alternativen und gesell-
schaftlicher Ausstrahlungs- und Mobilisierungsfähigkeit, die we-
sentliche Probleme und Interessen der Intelligenz aufgreift, in
ihre gesellschaftspolitischen Perspektiven einbindet und systema-
tisch Beziehungen zu jenen sozialen Bewegungen herstellt, die
ihre soziale Basis in den lohnabhängigen Mittelschichten und der
Intelligenz haben. Und es geht um die Gewinnung der Intelligenz
als einer Massenschicht, die wesentlichen Einfluß auf die gesell-
schaftliche Meinungsbildung ausübt.
VI. Kampf um Hegemonie und die Rolle ideologischer Apparate
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I d e o l o g i s c h - p o l i t i s c h e Aspekte der Bezie-
hungen zwischen Intellektuellen und Arbeiterbewegung wurden auf
der Konferenz vor allem unter dem Gesichtspunkt des Kampfes der
gegensätzlichen Klassenkräfte um Hegemonie und der Rolle von In-
tellektuellen hierbei diskutiert. Aktuelle Bezugspunkte sind da-
bei das konservative Konzept der "geistig-moralischen Wende" oder
sozialdemokratische Vorstellungen einer wieder zu gewinnenden
"Meinungsführerschaft der Linken". Im weiteren Sinn wird von
ideologisch-kultureller Hegemonie gesprochen, wo es um die gei-
stige Auseinandersetzung, um die Erringung von ideologisch-poli-
tischem Einfluß und Führungsfähigkeit seitens der demokratischen
und sozialistischen Kräfte geht. Marxisten stellen in der Tradi-
tion von Lenin und Gramsci die Frage nach Inhalten und Bedingun-
gen der H e g e m o n i e d e r A r b e i t e r k l a s s e,
strategisch bezogen auf den Kampf um die politische Macht. Hege-
monie bezeichnet dabei nach Hans Heinz Holz "die Struktur des
D o m i n a n z verhältnisses in einer Klassengesellschaft",
eine "Art der Herrschaftsdurchsetzung, der Sicherung bestehender
Produktionsverhältnisse vermittels der Institutionen der
Eigentumsgarantie, der Fixierung der (sozialen wie technischen)
Arbeitsverhältnisse, der Verkehrsform, der Familienstruktur, der
Erziehung, des Wissenschaftsbetriebs - vermittels der Lebensweise
im allgemeinen, der Verhaltensnormen, der Zielvorstellungen und
Erwartungshorizonte, vermittels deren Ausdruck in Moral, Kunst,
Religion, Philosophie. (...) Die Dominanz einer herrschenden
Klasse besteht darin, daß sie wesentliche Züge ihrer
Weltanschauung auch den Beherrschten, Ausgebeuteten konsensfähig
zu machen vermag, so daß sie dann der Repression durch äußere
Gewalt nur in eingeschränktem Maße bedarf" (S. 211).
Die Beziehung auf den Antagonismus von Proletariat und Bour-
geoisie und auf deren Kampf um die politische Macht gehört zu den
Grundlagen einer marxistischen Hegemonietheorie. Das von W.F.
Hang entwickelte und von der Zeitschrift "Das Argument" vertre-
tene Konzept einer "strukturellen Hegemonie", die sich aus der
"Art der Zusammenarbeit" oppositioneller Kräfte ergebe (so Karl-
Heinz Götze, S. 155), negiert solche theoretischen Bezugspunkte;
an dieser sachlichen Feststellung ändern auch Verweise auf die
"Pluralität" des Marxismus heute und auf die Notwendigkeit kon-
troverser Diskussion (so Helga Karl, S. 559) nichts.
In dem oder jenem Maße haben alle Angehörigen der Intelligenz
teil an hegemoniebildenden Funktionen. Hoch- und Fachhochschul-
bildung, Artikulations- und Verallgemeinerungsfähigkeiten sowie
die Stellung in betrieblichen und außerbetrieblichen Hierarchien
und Kommunikationszusammenhängen machen Ingenieure und Ärzte, So-
zialpädagogen und EDV-Spezialisten zu Schaltstellen und Multipli-
katoren in der Meinungs- und Verhaltensbildung mit Wirksamkeit
weit in verschiedene Gruppen der Arbeiterklasse hinein. Es ent-
spricht aber der realen gesellschaftlichen Arbeitsteilung und der
Funktionsdifferenzierung innerhalb der Intelligenz, wenn Hegemo-
niefragen v. a. mit Blick auf die beruflich mit geistiger Produk-
tion und Vermittlung beschäftigten Teile der Intelligenz disku-
tiert werden. Das betrifft v.a. die Bereiche Bildung/Ausbildung,
Medien und Kultur. Nach den Ergebnissen des Mikrozensus zählten
1982 zu den Publizisten, Künstlern und zugeordneten Berufen, Leh-
rern einschließlich Hochschullehrern sowie Seelsorgern rund
950 000 Personen, das sind 45 Prozent der erwerbstätigen Angehö-
rigen der Intelligenz (S. 593, Tab. I.4).
Der Hinweis auf die Notwendigkeit eingehender marxistischer Ana-
lyse der Funktionsweise und der inneren Differenzierung der ge-
nannten ideologischen Apparate und der in ihrem Zusammenhang Be-
schäftigten gehört sicher zu den wichtigen Ergebnissen der IMSF-
Konferenz. Hier sollen nur einige Überlegungen aufgegriffen wer-
den, die in diese Richtung weisen. Sie gingen zumeist aus von den
Entwicklungen der letzten Jahre im Zusammenhang zwischen Frie-
densbewegung und progressiven Strömungen der Intelligenz.
Zu den Bedingungen, die es möglich machen, in den ideologischen
Apparaten und unter den dort beschäftigten Intelligenzgruppen den
Kampf um fortschrittliche Orientierungen und zur Zurückdrängung
bürgerlicher Hegemonie zu führen, zählt schon die Größe dieser
Apparate; mit ihr sind notwendig Arbeitsteilung, Hierarchisierung
und Herrschaftsstrukturen verbunden, die soziale Konflikte und in
ihrer Folge gewerkschaftliche Orientierung und Organisierung her-
vorrufen. Zwar haben ständisch orientierte Berufsverbände auch
hier eine starke und oft dominierende Position, doch ist der Or-
ganisationsgrad in der GEW und auch in der neuen IG Medien -
Druck und Papier, Publizistik und Kunst eher höher als im Durch-
schnitt der Intelligenz (vgl. Pickshaus, S. 342 f; S. 609, Tab.
IV.5). Dies hängt wiederum damit zusammen, daß die betrachteten
Sektoren überwiegend nicht privatkapitalistisch organisiert sind
und bislang gewerkschaftlichen Positionen relativ weniger Wider-
stand entgegensetzen.
Heinz Jung hat darauf hingewiesen, daß die ideologischen Apparate
insgesamt "dem Willen der Herrschenden unterliegen, die trotz al-
ler Widersprüche und Widerstände das von ihnen definierte Klas-
sen- und Systeminteresse durchzusetzen vermögen". Daß im Wirken
dieser Einrichtungen gegensätzliche soziale Interessen zum Aus-
druck kommen, folgt aus der besonderen Weise, in der sie unter
bürgerlich-demokratischen Verhältnissen ihre hegemoniale Funktion
realisieren. Sie produzieren Konsens und Integration durch
"Abarbeitung gesellschaftlicher Gegensätze und Konflikte". "Damit
hat dieses 'pluralistische' System aber ... eine offene Flanke
gegenüber fortschrittlichen Positionen" (S. 21 f., 28). Dazu tra-
gen auch die spezifischen Bedingungen intellektueller Arbeit bei,
die der Reglementierung etwa eines Lehrers oder Künstlers unter
bürgerlich-demokratischen Verhältnissen Grenzen setzen.
Wie weit solche Einbruchstellen in die ideologischen Apparate des
SMK genutzt und ausgeweitet werden können, hängt nun wesentlich
ab von den gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen und von dem
Einfluß, den Massenbewegungen darauf nehmen. Für die Aufschwung-
phasen der Ökologie- und Friedensbewegung ist ein Mechanismus
wechselseitiger Unterstützung unverkennbar. Mit einer gewissen
Kraft und Breite solcher Bewegungen entsteht ein gesellschaftli-
ches Faktum, das zur Behandlung etwa in Medien und Unterricht le-
gitimiert werden kann. Progressive Intellektuelle können diese
Bezugspunkte nun nutzen, um zur Information über die Anliegen
dieser Bewegungen und - vermittelt über die Autorität der Insti-
tutionen Fernsehen oder Schule - zur Auflockerung ihres allgemei-
nen ideologischen Umfeldes beizutragen. Daraus ergibt sich zum
einen die wesentliche Bedeutung, die Einflüsse progressiver In-
tellektueller angesichts der Schlüsselstellung ideologischer Ap-
parate für jede demokratische und soziale Bewegung besitzen. Zum
anderen folgt, daß die Kräfteverhältnisse in den Medien nicht me-
chanisch vom Druck außerparlamentarischer Bewegungen abhängen,
sondern daß Eroberung und Sicherung von Positionen progressiver,
mit den Anliegen der Arbeiterbewegung und anderer demokratischer
Bewegungen verbundener Intellektueller in den ideologischen Appa-
raten eine eigenständige Aufgabenstellung für die Arbeiterbewe-
gung und die Marxisten bilden.
Von daher ergab sich das Gewicht der Diskussionen über Vorausset-
zungen und Formen progressiver Berufspraxis. Einen wesentlichen
Ansatzpunkt dafür stellen die Hochschulen dar. Vor allem die nach
dem Konzept der "gewerkschaftlichen Orientierung" arbeitenden
Studentenorganisationen bemühen sich darum, möglichst viele zu-
künftig berufstätige Angehörige der Intelligenz in Aktionen zur
eigentätigen Vertretung ihrer sozialen und politischen Interessen
einzubeziehen und dabei den Bündnisbezug zur Arbeiterbewegung zu
vermitteln. Die Frage stellt sich allerdings, ob daneben Probleme
der Wissenschafts- und Studieninhalte sowie der Funktionen spä-
terer Berufspraxis genügend kritisch aufgegriffen und Alternati-
ven aus der Perspektive der Arbeiterbewegung wirkungsvoll disku-
tiert werden. Durchgängig wurde auf der Konferenz herausgestellt,
daß Fragen der Inhalte und der gesellschaftlichen Funktion der
Berufspraxis in technischen wie sozialen Tätigkeitsfeldern einen
wesentlichen Zugang zur Widerspruchserfahrung, Alternativensuche
und zu demokratischem Engagement von Gruppen der Intelligenz bil-
den. Die These, daß diese Aspekte von der Studentenbewegung noch
zu wenig aufgegriffen werden, wird noch durch einen weiteren
Sachverhalt nahegelegt: Beim Übergang von den Hochschulen in die
Berufspraxis findet insgesamt ein deutlicher Bruch statt; sozia-
les und politisches Engagement an den Hochschulen und die dorti-
gen Kräfteverhältnisse setzen sich unter den Bedingungen der ver-
gleichsweise rigiden betrieblichen Einbindung kaum im Verhalten
der jungen Intellektuellen gegenüber betrieblicher und gewerk-
schaftlicher Interessenvertretung fort.
VII. Strategien der Bourgeoisie gegenüber der Intelligenz,
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Wirkungen und Alternativen
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Derartige Beobachtungen und Überlegungen sind in einen größeren
Zusammenhang zu stellen. Zu fragen ist, welche Auswirkungen der
neue Schub in der Vergesellschaftung von Wissenschaft unter den
Bedingungen der Krise für die Bildung des Selbstverständnisses,
für den Typ des jungen Intellektuellen hat, der seit einigen Jah-
ren die Hochschulen verläßt. Zu fragen ist weiter, wie die ver-
schiedenen gesellschaftlichen Kräfte sich in ihren sozialökonomi-
schen und ideologischen Integrationsangeboten gegenüber der In-
telligenz auf diese Veränderungen eingestellt haben.
Studium und Ausbildung an den Hochschulen verändern sich ebenso
wie die Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen der erwerbstätigen
Intelligenz nach Maßgabe staatsmonopolistischer "Modernisie-
rungs"konzeptionen. Dazu gehören Einsparungs- und Rationali-
sierungsmaßnahmen, im Zentrum aber die Forcierung wissen-
schaftlich-technischer Innovationen und ihre schnellstmögliche
Überführung in die Produktionspraxis. Ausbildung und Forschung an
den Hochschulen werden in neuer Qualität mit der Industrie und
deren Anforderungen verknüpft - v.a. in den naturwissenschaft-
lich-technischen Disziplinen, und hier keineswegs auf die soge-
nannten "High-tech"-Bereiche beschränkt. In den Forschungs- und
Entwicklungsabteilungen der Industrie, im ganzen Spektrum der In-
telligenztätigkeiten geht es um Rationalisierung, Effektivierung
und zunehmende Leistungskontrolle ihrer Arbeit, v.a. über die
Bindung an rechnergestützte Systeme. Der Lohnabhängigkeitscharak-
ter der Intelligenzberufe prägt sich stärker aus, daraus ent-
springende Konflikte mit den Kapitalinteressen gewinnen an Bedeu-
tung.
Den zunehmenden Anpassungs- und Konkurrenzdruck, der weiterhin
verbunden ist mit Möglichkeiten des Aufstiegs in die herrschende
Klasse für kleine Teile der Intelligenz, nutzen staatsmonopoli-
stische Integrations- und Selbstverständnisangebote, die die In-
telligenz als Träger des "Modernisierungs"prozesses ansprechen.
Sie knüpfen dabei an berufliche Identifikation und an weiterhin
gerade unter Naturwissenschaftlern und Technikern verankerte Auf-
fassungen von der eigenen Rolle beim Vorantreiben wissenschaft-
lich-technischen Fortschritts an. Vorgeschlagen wird die Beteili-
gung an einer spezifisch fortschrittsbezogenen sozialen Partner-
schaft mit den anderen Trägern von Modernisierung und Innovation,
v.a. den Unternehmern. In der sozialdemokratischen Variante (etwa
von Peter Glotz) verbindet sich dies mit einer gewissen Betonung
sozialer und ökologischer Verantwortung der Modernisierungs-
kräfte, während von konservativer Seite über Elitekonzepte eine
Annäherung des Selbstverständnisses naturwissenschaftlich-techni-
scher Intelligenz an ein idealisch gezeichnetes Unternehmerbild
propagiert wird.
Die Wirkung dieser Integrationskonzepte ist von marxistischer
Seite noch ungenügend untersucht. Zu den drängendsten offenen
Fragen zählt, wie unter diesen Bedingungen die Aktivitäten extrem
rechter und neofaschistischer Kreise und Zentren unter der Intel-
ligenz einzuschätzen sind. Den aktuellen Hintergrund bildet die
Entwicklung der letzten Jahre in Frankreich, wo es gelungen ist,
die mit dem Vergesellschaftungsschub und einer Schwächeperiode
der Arbeiterbewegung verbundenen Umbruch- und Verunsicherungspro-
zesse für einen antikommunistischen Durchbruch in der Intelligenz
und die Etablierung hochaktiver Zentren einer "Neuen Rechten" zu
nutzen. So verwiesen Alain Bertho und Helmut Peitsch übereinstim-
mend auf die Tendenz, "Dissidenz" zum Kern intellektuellen
Selbstverständnisses und entsprechender Freiheitsvorstellungen zu
machen (S. 54, 506 ff.).
Von den "regierungsoffiziellen" Elite- und Auslesekonzeptionen
eher marktwirtschaftlich-technokratischen Profils führen flie-
ßende Übergänge zu irrationalistisch-aktivistischen und rassi-
stisch-biologistischen Positionen; an den Hochschulen ist unter
den Wissenschaftlern eine gutorganisierte Offensive neurechter
Zirkel und Organisationen unverkennbar, die nicht ohne Erfolge
bleibt. Welche Kräfte und Bedingungen in den Hochschulen und ge-
samtgesellschaftlich diese Entwicklung fördern, welche ihr effek-
tiv entgegenzutreten vermöchten, gehört zu den dringendsten Fra-
gen weiterer Forschung.
Es stellt sich dabei auch die Frage nach Verschiebungen in der
inneren Differenzierung und Politisierung verschiedener Intelli-
genzgruppen. Zu den bemerkenswerten Entwicklungen zählt ohne
Zweifel die Ausdehnung und Stabilisierung demokratischen Engage-
ments unter Naturwissenschaftlern und Ärzten, wie dies im Echo
berufsgruppenspezifischer Friedensinitiativen, -aufrufe und Kon-
gresse zum Ausdruck kommt. Dies ist wohl eine Reaktion darauf,
daß der skizzierte Vergesellschaftungsschub objektiv eine Politi-
sierung des Selbstverständnisses dieser Intelligenzgruppen beför-
dert und daß Fragen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung ange-
sichts globaler Probleme und durch darauf bezogene Bewegungen
aufgegriffen werden können. Demgegenüber ist Vergleichbares unter
der sozial- und geisteswissenschaftlichen Intelligenz nicht zu
beobachten, und im Milieu jener v. a. literarisch-kulturellen In-
telligenz, die von den Medien systematisch in die Rolle des mora-
lischen Gewissens der Nation gehoben wird, sind Tendenzen paral-
lel zur französischen Entwicklung nicht zu übersehen. Eine Be-
stimmung, in welchen Gruppen und Milieus der Intelligenz welche
neu-rechten und neofaschistischen Ideologeme greifen, ist daher
dringend notwendig.
Eine wesentliche Antwortmöglichkeit der Arbeiterbewegung liegt -
über die sozialökonomische und arbeitsbezogene Interessenvertre-
tung hinaus - in der Entwicklung und Propagierung von Alternativ-
konzeptionen wissenschaftlicher und technischer, sozialer und
pädagogischer Arbeit in gesellschaftlicher Verantwortung und un-
ter gesellschaftlicher Kontrolle, in denen eine sinnvolle und
subjektiv befriedigende Berufspraxis möglich ist. Dabei werden an
solche Konzepte nicht leicht zu vereinende Anforderungen ge-
stellt; neben dem Hinweis, daß damit Fragen alternativer Gestal-
tung von Technik oder sozialer und gesundheitlicher Versorgung
aufgegriffen werden müssen, stand die These, daß die Politisie-
rung der naturwissenschaftlich-technischen Intelligenz "nur über
den legitimen Stolz auf ihre wissenschaftlich-technische Kompe-
tenz laufen" (Springer, S. 137) könne und der verbreiteten Iden-
tifikation mit dem Fortschrittscharakter ihrer Tätigkeit Rechnung
tragen müsse. Es ist notwendig, an derartige Berufsauffassungen
anzuknüpfen und die Konflikte aufzugreifen, in die Naturwissen-
schaftler und Techniker mit der kapitalbestimmten Ausnutzung ih-
rer Fähigkeiten geraten. Ebenso notwendig scheint, gegenüber die-
sen Intelligenzgruppen an den marxistischen Erkenntnissen über
den widersprüchlichen, antagonistischen und deformierten Charak-
ter wissenschaftlich-technischen Fortschritts im Kapitalismus
festzuhalten und nicht zurückzufallen in undialektische Ansichten
von der historisch progressiven Rolle der Produktivkraftentwick-
lung.
Allgemeiner wurde die Frage aufgeworfen, welche grundlegenden
ideologisch-weltanschaulichen Bezugs- und Kristallisationspunkte
zur Sammlung des Widerstands gegen die Konzepte technokratischer
"Modernisierung", reaktionärer Politisierung und irrationalisti-
scher, anti-aufklärerischer Mobilisierung der Intelligenz ge-
eignet sind. Vieles spricht dafür, daß Humanismus einen solchen
gemeinsamen Nenner bilden kann - sowohl für die Wahrnehmung der
gesellschaftlichen Verantwortung der Intellektuellen allgemein
wie für spezifische berufsinhaltliche Konkretisierung auf den un-
terschiedlichen Praxisfeldern. Daß hier im einzelnen noch viele
theoretische und bündnispolitische Probleme stecken, sei an einem
Beispiel verdeutlicht. Hans Uwe Petersen wies auf die Notwendig-
keit hin, eine soziale Ethik der Intelligenz zu entwickeln und
schlug "die Verantwortung für die Schwachen als das notwendige
moralische Prinzip" darin vor (S. 193). Dieser Gedanke des däni-
schen Philosophen Uffe Juul Jensen ist zweifellos humanistisch;
er widerspricht jedoch demokratischen und sozialistischen Auffas-
sungen, die die Aufgabe der Intelligenz betonen, zur
s e l b s t t ä t i g e n Emanzipation der Benachteiligten oder
der Arbeiterklasse beizutragen, an der Eroberung ihrer Subjekt-
rolle mitzuwirken. Zu fragen ist weiter, ob Jensens Ansatz der
Fülle von Handlungs- und Einflußfeldern gerecht wird, auf denen
Angehörige aller Intelligenzgruppen auch als Lohnabhängige b e-
r u f s m ä ß i g E n t s c h e i d u n g e n t r e f f e n,
f ü r d i e s i e v e r a n t w o r t l i c h s i n d.
Die Ausarbeitung einer aktuellen marxistischen Humanismuskonzep-
tion ist also dringend, die auch neuere humanismuskritische Ent-
wicklungen in der sozialwissenschaftlichen und literarisch-kul-
turellen Intelligenz beantwortet. Dabei ist auch zu klären, wel-
che Rolle in diesem Zusammenhang Christoph Butterwegges Hinweis
auf den Kampf gegen die "Amerikanisierung" der herrschenden Ideo-
logie und Kultur als Sammelpunkt zukommt (S. 233).
VIII. Aspekte einer "neuen linken Kultur"
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Für die zukünftigen Beziehungen zwischen Arbeiterklasse und In-
telligenz und für den Kampf gegen die herrschende kulturelle He-
gemonie sind einige Überlegungen bedeutsam, die sich um das von
W.P. Jerusalimskij skizzierte Konzept einer "neuen linken politi-
schen Kultur" gruppieren lassen (S. 254 ff.). Es lenkt das Augen-
merk auf die Annäherung und Herausbildung von Übereinstimmungen
in Wert- und Verhaltensorientierungen zwischen der Arbeiterbewe-
gung und den stark durch Gruppen der Intelligenz geprägten Mili-
eus der außerbetrieblichen und sog. "neuen sozialen Bewegungen".
Diese Prozesse werden nicht unter dem Gesichtspunkt harmonisie-
render Verschmelzung, sondern als neues, wesentliches Kampffeld
um Hegemonie der Arbeiterbewegung betrachtet. Als "Gesamtnenner
der modernen linken Kultur" nannte Jerusalimskij "die Ablehnung
von und den Protest gegen die unkontrollierte Allmacht der
staatsmonopolistischen Elite und gegen die Allmacht des kapitali-
stischen Profits, der kapitalistischen Leistung und Rationalität
als oberste unanfechtbare Prinzipien und andererseits die Über-
zeugung, daß die Herstellung optimaler gesellschaftlicher Bedin-
gungen für eine freie Persönlichkeitsentwicklung das Maß aller
Dinge, das oberste Kriterium sozialen Fortschritts ist" (S. 255).
Sicher bedarf es weiterer wissenschaftlicher Forschung, um die
Umrisse, Hauptlinien und bewegenden Widersprüche im Feld der
"linken Kultur" zu bestimmen. Der Wert der Konzeption erweist
sich jedoch schon darin, daß sie einige Entwicklungen und Beob-
achtungen der jüngsten Zeit zusammenzufassen vermag. So die
These, daß die Intelligenz "volkstümlicher" geworden sei. Das äu-
ßere sich in der Rolle, die größere Gruppen der Intelligenz in
den Massenbewegungen der letzten Zeit spielen konnten. Zur Erklä-
rung kann man darauf verweisen, daß mit der schnellen Ausdehnung
der Intelligenz in den vergangenen zwanzig Jahren ihre soziale
Rekrutierung deutlich bis hinein in verschiedene Gruppen der Ar-
beiterklasse erweitert wurde; zugleich ist diese Massenschicht
insgesamt relativ jung und somit stark durch Generationscharak-
tere geprägt, die in der Konstituierung sozialer Bewegungen über
sozialökonomische Schicht- und Klassengrenzen hinweg wachsende
Bedeutung erlangt haben.
Auf der anderen Seite lassen sich Annäherungstendenzen im gestie-
genen Niveau von Bildung und sozialkulturellen Interessen wichti-
ger Teile der Arbeiterklasse erkennen, die sich in verlängerter
Freizeit und zunehmend differenzierten Lebensformen mit Berührun-
gen und Übergängen zu intelligenzgeprägten Milieus ausdrücken.
Die Vorstellung, daß in diesem Bereich nun Klassen- und Schicht-
charaktere keine Rolle mehr spielten gegenüber der "Freiheit des
Subjektes im Nichtarbeitsbereich" (Mende/Losch, S. 242), nivel-
liert allerdings gerade die Widersprüche und Ansatzpunkte des
Ringens um Hegemonie der Arbeiterbewegung in der "neuen linken
Kultur".
Wichtige Verschiebungen in den Hegemonieverhältnissen zugunsten
demokratischer und auf die Friedensbewegung orientierter Positio-
nen haben in den letzten Jahren in verschiedenen kulturellen Sek-
toren stattgefunden. Mit am besten zu studieren ist dies anhand
der musikalischen Populär- oder Massenkultur. Diether Dehm ver-
wies an diesem Beispiel auf die Notwendigkeit, das Verhältnis
künstlerischer Intelligenz zu Volkstraditionen und populären Kul-
turformen genauer zu untersuchen und bewußter zu gestalten (S.
485 ff).
Die Frage nach den "organischen Intellektuellen der Arbeiter-
klasse" (Gramsci), die an der Ausarbeitung und Verbreitung von
deren Weltanschauung und Politik wirken, hat auch unter den ver-
änderten Konstellationen der Intelligenz als Massenschicht eine
zentrale Stelle im Beziehungsfeld Arbeiterbewegung - Intellektu-
elle - Hegemonie. Dabei geht es von den Interessengrundlagen her
nicht mehr - wie manchmal noch angenommen - um "Klassenverrat"
oder Suche nach dem "Glück der Gemeinschaft" in der Arbeiterbewe-
gung und der marxistischen Partei. Der historisch neuen Breite
der Interessenschienen, die Gruppen von Intellektuellen in die
Arbeiterbewegung führen, korrespondiert die neue Qualität der An-
forderungen an die Wissenschaftlichkeit der Politik der Klassen-
organisationen und damit an die "Intellektualisierung" ihrer Ka-
der. Gerade die Notwendigkeit, seitens der Arbeiterbewegung Al-
ternativen vorzubringen, die größeren Teilen der Intelligenz eine
demokratische Perspektive ihrer Berufsarbeit erschließen, bein-
haltet die wachsende Mobilisierung jener Fachkenntnisse, über die
Intellektuelle als Spezialisten verfügen.
Bekämpfung von Antiintellektualismus und Durchsetzung völliger
Gleichstellung von Arbeitern und Intellektuellen in den Organisa-
tionen der Arbeiterbewegung ist dafür unverzichtbare Vorausset-
zung. Gleichermaßen unverzichtbar ist, die durch Herkunft und
Bildungsprozesse gesetzte Ungleichheit von Intellektuellen und
Angehörigen der Arbeiterklasse zu berücksichtigen und - v.a. in
der marxistischen Partei - den spezifischen Emanzipationsbedin-
gungen der Arbeiterklassengruppen Rechnung zu tragen. Auf dieser
Basis können weiter bestehende Unterschiede und Widersprüche in
einer Weise in die Arbeit für gemeinsame Ziele eingehen, die ge-
genseitige Lernprozesse und die Entfaltung der spezifischen In-
telligenzqualifikationen in persönlich befriedigenden Formen er-
möglicht.
_____
1) Intelligenz, Intellektuelle und Arbeiterbewegung in Westeu-
ropa. Materialien einer internationalen Konferenz des IMSF,
Frankfurt/M. 16./17. März 1985. Frankfurt am Main 1985, 613 Sei-
ten. Der Band enthält etwa 130 Beiträge aus Plenen und den drei-
zehn Arbeitsgruppen der Konferenz sowie einen Anhang zur Sozial-
und Organisationsstatistik der Intelligenz der Bundesrepublik. Im
Eröffnungsplenum der Konferenz hielten Einleitungsvorträge Heinz
Jung (IMSF), Bernd Gäbler/Werner van Haren (MSB Spartakus), Alain
Bertho (IRM, Paris), Vic L. Allen (Leeds), Alessandro Mazzone
(Rom/Messina), Erich Hahn (Berlin/DDR), Mechtild Jansen (Köln),
Klaus Holzkamp (West-Berlin), Frank Deppe (Marburg). Im Abschluß-
plenum sprachen Gerhard Steingress (Klagenfurt), Rainer Rilling
(BdWi, Marburg), Corinna Hauswedell (MSB Spartakus), Willi Gerns
(DKP), Joachim Bischoff (Sozialistische Studiengruppen, Hamburg),
Helga Karl ("Das Argument", West-Berlin), Hans Jörg Sandkühler
(Bremen).
2) Wir danken Heinz Jung und Klaus Priester, die uns Ausarbeitun-
gen zu diesen Fragen zur Verfügung stellten.
3) Vgl. A. Gramsci, Zur Politik, Geschichte und Kultur. Ausge-
wählte Schriften, herausgegeben von G. Zamis, Frankfurt am Main
1980, S. 371.
4) Ebd., S. 229.
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