Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 10/1986


       zurück

       

METHODOLOGISCHE ALTERNATIVEN EINER PSYCHOLOGIE DES UNBEWUSSTEN 1)

A.A. Leont'ev Beim Nachdenken über das Problem des Unbewußten lohnt es sich wahrscheinlich, mit der grundlegenden Divergenz der Ansichten zu diesem Problem zu beginnen. Wir meinen insbesondere jenen Stand- punkt, den einer der führenden Vertreter der französischen Schule der Psychoanalyse und enger Mitarbeiter von Jacques Lacan, Pro- fessor Serge Leclaire, in seinem Vortrag auf dem Internationalen Symposium zum Problem des Unbewußten in Tbilisi (1979) vertreten hat. Wir werden auf seine Konzeption ausführlicher eingehen, weil sie uns den Schlüssel für einige ungewöhnliche philosophisch-psy- chologische Fragestellungen liefert. Über Lacan und den Lacanismus ist so manches in russischer Spra- che geschrieben und auch veröffentlicht worden. Zum ersten Mal aber begegneten wir nun, wenn man so sagen darf, einem lebendigen Lacanisten. Dies war wichtig, da kein Text eine vollständige und adäquate Vorstellung vom gesamten System der wissenschaftlichen Weltanschauung Lacans und seiner Anhänger vermittelt: Die Herme- tik ihrer Texte verwandelt diese in eine Art chiffrierte Mittei- lungen, deren Schlüssel man in ihnen selbst suchen muß. Lacan kann grundsätzlich nicht in die Sprache der Wissenschaft - so wie wir Wissenschaft begreifen - übersetzt werden. Und gerade deshalb ist der von Leclaire unternommene Versuch, seine Idee populär zu machen, besonders wichtig. Nun die erste These Leclaires (Lacans): "Heutzutage wird jeden Tag eine besondere Form von Lebewesen geschaffen, als das sich das Sprechwesen 2) erweist, das nicht nur aus chemischen Molekü- len, sondern zu gleicher Zeit und ebenso entscheidend aus Worten, Erzählungen, Geschichte, Mythen, aus Grammatik und Lexik besteht. D i e S p r a c h e i s t k e i n Ü b e r b a u, der zu dem phy- sikalisch-chemischen System hinzugefügt worden ist: Jede objek- tive Analyse zeigt, daß das Sprechwesen hinsichtlich der Materie gleichfalls aus Rede besteht" (11, S. 5). Hinter dem Neologismus "Sprechwesen" (parlêtre), den Lacan ge- schaffen hat, steht nicht einfach die Idee von der sozialen Natur der Persönlichkeit - oder, richtiger, keineswegs diese Idee! Das stellt sich sehr rasch heraus: "Der Mensch kann 'empfangen', d. h. einen anderen (ein Sprechwesen) in Abhängigkeit von Worten (Mythen, Gesetzen, Rede) erzeugen, und dies nicht nur aufgrund einer Paarungszeit... 3). Der Phallus 4) stellt einen zweigesich- tigen Operator dar, halb Körper, halb Wort, dessen Einfluß sich in den alltäglichen menschlichen Beziehungen offenbart, ... ein Zeuge der geteilten und widersprüchlichen Natur, die eine Bewe- gung antreibt, aus der das Leben des Sprechwesens besteht" (11, S. 7-8). Das Sprechwesen ist nach Lacan und Leclaire ein "Wesen des Begeh- rens". Wo liegen die Wurzeln dieses Begehrens? In der Dialektik der "körperlichen Materialität" und der "bedeutungsträchtigen Ma- terialität". Sie sind beide für den Menschen (das Sprechwesen) organisch, und ihr Zusammenwirken ist eben auch das Leben, das "Reale" (in der Terminologie Lacans). Dieses "Reale" ist prinzi- piell "nicht durch die Symbolik zu erfassen"; es "entzieht sich jedem Versuch, es auf Worte zu reduzieren" (11, S. 8-9): "Für das Sprechwesen gibt es kein Jenseits-der-Logik ..., k e i n e n Ü b e r b a u, der imstande ist, die aus Körper und Worten be- stehende Struktur zu erklären ... Es gibt keine Meta-Sprache" (11, S. 8). Das bedeutet, es gibt keine - und kann sie auch nicht geben! - Metasprache irgendeiner Wissenschaft vom Menschen, die Anspruch auf die Erschließung einer Ontologie des "Realen" erheben könnte. Das "Sprechwesen" ist auf einer wissenschaftlichen, rationalen Grundlage prinzipiell unerkennbar: "Es wird offensichtlich, daß keinerlei Verbindung existiert ..., von der ausgehend es möglich sein würde, den fortwährenden Prozeß, den unser Leben darstellt, vollständig zu erfassen" (11, S. 9). Aber wo ist hier der Ort des Begehrens? Die Kraft des Begehrens (sie ist schließlich eine Lebenskraft) "entstammt einer spezifi- schen Ökonomie, die die psychischen Kräfte steuert, welche in Ab- hängigkeit zu den von der Psychoanalyse formulierten kategorialen Elementen stehen: die Körperteile ..., die bedeutungsträchtigen Elemente (unbewußte Vorstellungen), die Phantasievorstellungen ..., das subjektive Skandieren (Teilen des Subjekts)... Das Be- dürfnis wird durch ein gewöhnliches Objekt befriedigt..., während das Objekt des Begehrens, wie es bereits Freud klar aufgezeigt hat, nur aus dem Unterschied zwischen der erlangten Befriedigung und der Erinnerung an die erste, mythische Befriedigung besteht" (11, S. 9). Das Unbewußte ist auch die "Gesamtheit der Systeme, die durch die Kräfte des Begehrens gesteuert werden" (ebd.). Jeder, der mit der Entwicklung des philosophischen und psycholo- gischen Denkens im 20. Jahrhundert vertraut ist, wird in dieser für sich genommen harmonischen Konzeption nicht nur die Anspie- lung auf Freud und den "orthodoxen" Freudismus, sondern - im gleichen Maße - auf die existentialistische Phänomenologie leicht wahrnehmen können. Eine eingehende Analyse dieser Bezüge würde uns zu weit führen. Wir begnügen uns mit dem Hinweis auf die Idee von der "Unfehlbarkeit der Empfindung", die bei Gabriel Marcel dem Irrtum der Reflexion gegenübergestellt wird, und die Sartre- sche These von der Absolutheit des "Subjekts der konkreten Reali- tät". "Wir schmelzen mit einem Körper zusammen, der mehr als un- ser eigener über diese Welt, über die Ziele und Verfahren zu ih- rer Synthetisierung im Bilde ist" (22, S. 276). 5) Ist das etwa nicht analog Lacans Theorie des "Sprechwesens"? Ebenso das von Sartre erfundene "Wesen des Begehrens": "Der Mensch - das ist eine fruchtlose Leidenschaft" (23, S. 708). 6) Wir haben nicht vor, auf einer direkten Anleihe Lacans bei den Existentialisten hinsichtlich ihrer Konzeption vom Menschen zu beharren. Darum geht es hier nicht. Viel wichtiger ist die Ähn- lichkeit im methodologischen Aufbau des Persönlichkeitsmodells, in jenen gnoseologischen Ausgangspostulaten, auf die sich - ob nun bewußt oder nicht - sowohl die Existentialisten als auch die Lacanisten stützen. Was den Lacanismus betrifft, kann diese Me- thodologie als eine Art wissenschaftliche Mythologie charakteri- siert werden, als ein freies Spiel mit phänomenologischen Konzep- ten, die keinen anderen als den in der Modellstruktur erworbenen Inhalt besitzen, bzw. als ein Versuch der Ontologisierung des me- taphorischen Abbilds der Welt. Erläutern wir das bisher Gesagte. Wir alle - Philosophen, Psycho- logen, Linguisten, Fachleute der exakten Wissenschaften und der Naturwissenschaften - sind mit einem bestimmten Stil des wissen- schaftlichen Denkens, einer bestimmten Vorstellung von der Struk- tur und der Sprache der Wissenschaft großgeworden. Diesen Stil kann man in einer ersten Annäherung als R a t i o n a l i s- m u s d e s w i s s e n s c h a f t l i c h e n D e n k e n s definieren. Seine Hauptmerkmale sind Allgemeingültigkeit, Refle- xivität und objektive Systemhaftigkeit. Eine andere Sache ist es, daß bei der Lösung eines Kernproblems der Philosophie und angesichts anderer Antinomien, die der Lösung bedürfen, im Rahmen verschiedener philosophischer Systeme und Richtungen verschiedene kategoriale Begriffssysteme entstehen. So kommt es, daß die ganz fundamentale Frage nach der Beziehung dieser Systeme zur Wirklichkeit, zur Erfahrung, zum Denken (und nach ihrer Beziehung untereinander) auf verschiedene Art und Weise beantwortet wird. Den Höhepunkt der rationalen Wissenschaft in unserer Zeit bildet zweifellos der marxistische philosophische Materialismus. Als ein klassisches Beispiel für diesen Rationalismus des wissen- schaftlichen Denkens kann man den Leninschen Gedanken von der Einheit von Logik, Gnoseologie und Erkenntnistheorie ansehen. Aber selbst wenn wir eine nichtmarxistische Philosophie heranzie- hen, sind die drei angeführten Hauptmerkmale des Stils wissen- schaftlichen Denkens auch für sie charakteristisch - solange wir innerhalb der Grenzen eines Rationalismus verbleiben, der belie- big weit ausgelegt werden kann. Bereits das 19. Jahrhundert hatte einen philosophischen Irratio- nalismus mit sich gebracht, der auch sogleich in der "positivistischen" Wissenschaft zum Ausdruck kam. Dilthey war ei- ner der ersten, der die Konzeption vom "Menschen in all seiner Lebensfülle" und der ursprünglichen Ganzheitlichkeit des von der wissenschaftlichen Psychologie zergliederten Seelenlebens auf- stellte. Zu einer wirklichen Blüte gelangte der Irrationalismus jedoch in den verschiedenen Ausprägungen des Existentialismus, angefangen bei den Arbeiten Heideggers, die zu Klassikern gewor- den sind. Genau von ihm stammt die bekannte, oftmals (auch von Lacan) wieder aufgegriffene These, daß "das Dasein ständig 'mehr' (ist), als es tatsächlich ist, wollte man es und könnte man es als Vorhandenes in seinem Seinsbestand registrieren" (21, S. 145). 7) Als logische Fortentwicklung dieser These erscheint auch die oben angeführte Überlegung Lacans bzw. Leclairs, nach der der heuristische Wert der "Registrierung" im allgemeinen abgelehnt wird. Aber wie dem auch sei, der Irrationalismus erkennt die Idee der Reflexivität von vornherein nicht an. An ihre Stelle tritt die These von der prinzipiellen Unzugänglichkeit der wichtigsten wesenstiftenden Charakteristika des Menschen seitens der Refle- xion. Daraus folgt logisch der Austausch der objektiven System- haftigkeit durch die subjektive Ganzheitlichkeit. Ist dies aber so, dann taucht eine berechtigte Frage auf: Wenn das Wesen des Menschen prinzipiell nicht reflektierbar ist und die Faktoren seiner Ganzheitlichkeit außerhalb der einer positiven Analyse zu- gänglichen Grenzen liegen ("sich nicht registrieren lassen"), kann man dann zu Recht von einem allgemeinen Modell sprechen, das eine hinreichende Aussagekraft für jeden Menschen besitzt und die Einzigartigkeit seines "Seins in der Welt" (Sartre) berücksich- tigt? Verwandelt sich die Wissenschaft, ihr kategorialer Apparat (es ist hierbei unwesentlich, ob es sich um die "reine" Philoso- phie, Psychologie oder Soziologie handelt - in diesem Falle be- finden sie sich alle in derselben Situation) nicht in ein subjek- tives System von Mythologemen, das nur einen Sinn für seinen Schöpfer hat? Wir stehen vor einem Paradoxon, das grundsätzlich nicht zu lösen ist: Folgen wir dem philosophischen Labyrinth, stoßen wir auf eine Sackgasse, aus der es keinen Ausweg gibt und auch nicht ge- ben kann. Wenn wir folgerichtig auf diesem Weg zur Negation der Allgemeingültigkeit einer wissenschaftlichen Erklärung gelangen, andererseits aber doch nach einer irgendwie gearteten Sinngebung unserer selbst streben, dann sind wir gezwungen, die Verfahren dieser Sinngebung aus Bereichen zu entlehnen, die einer rationa- len Wissenschaft fremd sind. Dies mag beispielsweise der Bereich des G l a u b e n s, das Abwandern in einen religiösen Agnosti- zismus sein: "Was seh' ich! / Sankt Johann, erleuchte meine Blicke, / Daß deiner Dichterei Gewalt mich schier verzücke" (2, S. 308). Natürlich ist der christliche Pseudorationalismus, ins- besondere der Neothomismus nicht die einzige Form, die Wissen- schaft gegen die Theologie auszutauschen. Immer geht es dabei aber darum, ein transzendentales Modell von der Ganzheitlichkeit des Menschen zu schaffen, die Aufgabe menschlicher Selbsterkennt- nis auf den "lieben Gott" abzuwälzen, wie V.I. Lenin gern sagte. Dies mag das "Erdgeschoß" des menschlichen Ichs sein, das als Sphäre allgemeinmenschlicher, durch eine abschließende Reflexion nicht erfaßbarer, letzten Endes biologischer Triebe behandelt wird, die a priori vorgegeben sind und als Grundlage des Erklä- rungsmodells dienen. Das war der Weg des philosophischen Freudis- mus, den wir hier nicht ausführlicher behandeln können. Dies mag ein Bereich der Kultur, insbesondere der Mythologie sein, die na- türlich, solange sie irrational ist, eine Persönlichkeit "zementieren" kann. Diesen Weg ist zum Beispiel Gaston Bachelard gegangen. Eine ähnliche Richtung schlägt Jacques Lacan mit seiner Theorie von der Metapher ein, nach der bekanntlich die Vereini- gung von zwei Signifikanten ihren Tod, die Umwandlung in Signifi- kate bedeutet: Die Struktur oder Signifikantenkette entsteht oder existiert nach den Gesetzen eines transzendenten, irrationalen Plans. Nebenbei bemerkt liegt in beiden Fällen ein voluntaristi- sches, subjektivistisches "Vorgegebensein" der Modellelemente vor, das keine rationale Erklärung fordert (und auch nicht zu er- halten vermag). Ein weiteres Paradoxon besteht darin, daß sich alle beschriebenen Wege mit Erfolg miteinander verbinden lassen. Im übrigen gibt es hier im Grunde genommen gar kein Paradoxon. Wenn man die Erklä- rung "aus der Luft" greift, so wird ihr Erkenntniswert und die Möglichkeit zur Kombination mit anderen Erklärungen desselben Ur- sprungs nur durch die persönliche Überzeugung des Forschers be- stimmt. Hieraus entsteht der religiöse Existentialismus, die psy- choanalytische Theorie der Archetypen, der Neofreudismus Lacans ... Aber kommen wir auf den Vortrag Leclaires zurück. Er vermittelt den Eindruck einer unstreitig logischen Harmonie und Ganzheit- lichkeit der dargelegten Konzeption. Bei aufmerksamer Prüfung stellen wir jedoch fest, daß jeder der in dem Vortrag verwendeten Begriffe nur im Rahmen des vorgegebenen logischen Systems einen Sinn ergibt. Selbst wenn man einen solchen scheinbar allgemein- gültigen Begriff wie das "Wort" nimmt, zeigt sich, daß seine "erzeugende Potentialität ... sowohl das Zeichen als auch das Be- zeichnete unendlich übersteigt... Er läßt sich unmöglich erfas- sen" (11, S. 6). Anders ausgedrückt, im Rahmen des e n t- s p r e c h e n d e n Systems handelt es sich nicht um das Wort als Element der Sprache, sondern als eine Art irrationales Äquivalent des Wortes. Das einzige, was die "potentielle" Inhalt- losigkeit jedes beliebigen Begriffes einschränkt, ist sein Zusam- menwirken mit anderen Begriffen. Dem Wort steht der Körper gegen- über, der ebenso unbestimmt aufgefaßt wird: ein "physikalisch- chemisches System". Ihre Beziehungen bringen die Kategorie des "Imaginären" hervor; diese vermittelt uns ihrerseits - unter Zu- hilfenahme der Kategorie des Symbolischen, die vom Begriff des Wortes (der Sprache, der Rede) abgeleitet ist - das "Subjekt" und das "Reale" und führt zu den "Kräften des Begehrens". Aber nur dieses ganze System (wir haben nicht mehr als das Fragment be- schrieben) gestattet es, das Wort als eines seiner Elemente, in seinem augenblicklichen Kontext zu verstehen. Außerdem "... stellt der Autor seine Theorie in derselben Sprache vor, für de- ren Analyse die Theorie im voraus bestimmt ist: Wenn Sie die Theorie verstehen, verstehen Sie ihre Darlegung und umgekehrt" (24, S. 15). Deshalb sind die von ihm verwendeten Termini grund- sätzlich metaphorisch: Ihre Verbindung verwandelt sie in bloße "Bezeichnende"; die Bezeichneten hingegen (und ihre Wechselbezie- hung) entschwinden in den Bereich des transzendentalen Glaubens. Wir können diese Wechselbeziehung nicht s e h e n und noch we- niger b e s c h r e i b e n: Man ist genötigt, dem Wort Lacans und Leclaires zu glauben, daß sie existiert und zwar genau so ... Aber wie? Auf diese Frage gibt auch Leclaire keine Antwort: Jede Einmischung seinerseits in diese Wechselbeziehung würde sie ja bereits stören. Aus dem Gesagten wird ersichtlich, daß eine Diskussion mit Lacan und den Lacanisten außerordentlich schwierig ist. Zum einen er- weist sich der Gegenstand der Diskussion als nicht faßbar. In der Tat: Das Unbewußte wird durch das Bewußte interpretiert; das ra- tional Unerkennbare durch die Behauptung der Unerkennbarkeit; der Gegenstand wissenschaftlicher Erkenntnis durch die Negation der Gesetzmäßigkeit jeder beliebigen wissenschaftlichen Erkenntnis. Zum anderen ist es nicht möglich, den Lacanismus (ebenso wie den Existentialismus) von einem Standpunkt aus zu kritisieren, den man als "Vulgärrationalismus" in der Psychologie bezeichnen könnte. Darin besteht eine der wichtigsten Lehren aus der mit ihm geführten Diskussion. Erläutern wir unseren Gedanken. Indem wir das Primat einer ratio- nalen Herangehensweise bei der Wissenschaft vom Menschen behaup- ten, geraten wir in die Gefahr einer Art Reduktionismus. Es han- delt sich um die Reduzierung der komplizierten psychischen Onto- logie der Persönlichkeit und der Tätigkeit auf einzelne Ebenen und Komponenten des psychischen Lebens, die durch eine diskrete reflexive Analyse erfaßbar sind; um die Reduzierung der Psyche auf das Bewußtsein; um das Zurückführen des Allgemeinen auf das Besondere. Natürlich ist keiner der führenden sowjetischen Psy- chologen, die die Schaffung eines globalen Modells der Psyche, des Bewußtseins, der Tätigkeit, der Persönlichkeit anstrebten, - insbesondere weder S.L. Rubinstejn noch A.N. Leont'ev - in das Netz eines solchen Reduktionismus gegangen; von einigen anderen, die ihre Ansichten weiterentwickelt haben, kann man leider nicht dasselbe sagen. Einer der Gründe hierfür liegt im mangelhaften Begriffsapparat der modernen Psychologie und in der Notwendig- keit, auf einer bestimmten Etappe eine wissenschaftliche Theorie im Rahmen eines begrifflich-terminologischen Systems aufzustel- len, das dieser Theorie nicht vollkommen adäquat war. Hieraus er- klären sich solche für die Psychologie neuen Begriffe wie etwa "intentionale" und "operationale" Komponenten der Tätigkeit bei A. N. Leont'ev (s. hierzu weiter unten); hieraus erklärt sich auch das neue Interesse der Psychologen am Unbewußten und an der Psychologie der Kunst als eine Art Versuchsfeld für die Forschung im Hinblick auf den Ausbau und die Erneuerung eines wissenschaft- lichen Apparates der psychologischen Theorie - und so fort. Auf jeden Fall ist die Fruchtlosigkeit des oben beschriebenen Reduk- tionismus jetzt jedem denkenden Psychologen klar, obgleich die Wege zu seiner Überwindung konkret noch nicht ausreichend be- stimmt worden sind. Die Psychologie steht vor der Notwendigkeit, ihren Gegenstand aufs neue zu bestimmen und auch die wissen- schaftliche Reflexion selbst wie die objektive Systemhaftigkeit des psychischen Lebens auf eine neue Weise zu begreifen, ohne da- bei dem Irrationalismus Grundpositionen zu überlassen. Andern- falls werden wir zwischen der Scylla eines "reflexiven" Reduktio- nismus (Vulgärrationalismus) und der Charybdis eines Agnostizis- mus und Intuitivismus hin- und herpendeln. Mit anderen Worten: Es muß eine klare Grenze zwischen dem philosophischen Problem der subjektiven Ganz-heitlichkeit menschlichen Seins (die dem wissen- schaftlichen Rationalismus gegenübergestellt wird) und dem psy- chologischen Problem der ontologischen Einheit von Persönlichkeit und Tätigkeit gezogen werden. In unserer Auseinandersetzung hat sich einerseits eine subjektivistische, irrationale, quasiphilo- sophische Anthropologie, andererseits eine wissenschaftliche, ma- terialistische, rationale Philosophie des Menschen offenbart. Und eben darin - nicht aber in der Beziehung zu Freud und dem Freu- dismus und nicht in den konkret-psychologischen Stimmungen der einen oder anderen wissenschaftlichen Schule - bestand und be- steht die wesentliche, grundsätzliche Divergenz. Welche Positionen vertraten und vertreten nun aber die Anhänger einer auf dem Rationalismus basierenden Herangehensweise an das Unbewußte? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir das Problem des Unbewußten in zwei Aspekten, auf zwei Ebenen anreißen: als eigentlich p h i l o s o p h i s c h e s und als p s y c h o- l o g i s c h e s Problem. Die methodologische Divergenz der zwei philosophischen Lager erschöpft sich nicht in der Opposition von wissenschaftlichem Rationalismus und irrationaler, quasi- philosophischer Anthropologie à la Lacan. Nicht weniger zugespitzt erscheint eine andere philosophische Alternative: der philosophische D u a l i s m u s und der dialektisch-mate- rialistische M o n i s m u s. In jüngster Zeit hat V.L. Kaka- badse 10) die Wurzeln des ontologischen Dualismus jeder beliebi- gen "Tiefenpsychologie und in diesem Zusammenhang insbesondere die organische Verbindung zwischen Intuitivismus, Agnostizismus und dem Anerkennen des psychophysischen Parallelismus überzeugend aufgewiesen. Kakabadses Analyse der Ansichten S. Freuds, C.G. Jungs und A. Adlers kann ohne weiteres auf jede irrationale Psy- chologie der Vergangenheit wie der Gegenwart ausgeweitet werden. Eine klare methodologische Alternative zu einer solchen Herange- hensweise hatte L. S. Vygotskij bereits im Jahre 1926 in seiner bekannten Arbeit "Die Krise der Psychologie in ihrer historischen Bedeutung" vorgelegt. Rufen wir uns seine Hauptthesen ins Ge- dächtnis. 8) Vygotskij konstatiert, daß es z w e i Psychologien - die natur- wissenschaftliche und die spiritualistische - gibt, "d.h. ... zwei verschiedene, unvereinbare Wissenschaftstypen, zwei prinzi- piell unterschiedliche Konstruktionen von Wissenssystemen... Aber ein wirklicher Kampf findet nur zwischen zwei Tendenzen statt, die hinter allen miteinander streitenden Strömungen vorhanden sind und wirken ... Alles übrige (ist) ein Kampf i n n e r- h a l b jeder dieser zwei Psychologien" (7, S. 192). Gegenstand der materialistischen, naturwissenschaftlichen Psychologie ist nach Vygotskij das psychische Sein." "Meine Freude und mein introspektives Erfassen dieser Freude sind zwei unterschiedliche Dinge" (7, S. 239). "Es fragt sich, was wir untersuchen sollen - diesen (sinnlichen - A. L.) Akt an sich, so wie er ist oder so, wie er mir erscheint? Der Materialist überlegt nicht lange ... und sagt: den objektiven Akt a n s i c h" (ebd.). Wenn wir aber diesen Weg beschreiten, wer wird dann den psychologischen "Schein" studieren? Laut Vygotskij ist die Problemstellung an sich schon falsch. "In der Wissenschaft wollen wir doch die w a h r e und nicht die s c h e i n b a r e Ursache des Scheins erkennen. ... Wenn ich die physische Natur ... zwei(er) Linien kenne sowie die objektiven Gesetze des Auges, wie sie an sich sind, so erhalte ich als Schluß daraus die Erklärung des Scheins, der Täuschung" (7, S. 240 f). Einfacher: Das Subjektive ist nicht Gegenstand der Psychologie. "In der Erkenntnistheorie gibt es den Schein, und von ihm zu behaupten, er wäre Sein, ist eine Lüge. In der Ontologie gibt es den Schein überhaupt nicht. Entweder es gibt psychische Phänomene, dann sind sie materiell und objektiv, oder es gibt sie nicht, dann sind sie nicht vorhan- den, und man kann sie nicht untersuchen. Es kann keinerlei Wis- senschaft geben von nur Subjektivem, vom Schein, von Phantomen, von dem, was nicht vorhanden ist. Was nicht ist, das gibt es überhaupt nicht. Man kann auch nicht sagen, halb gibt es das und halb nicht. Das muß man begreifen" (7, S. 244 f). Und weiter: "Das Subjektive an sich, als Phantom ist als Folge, als Ergebnis . . . zweier objektiver Prozesse zu verstehen. Das Rätsel des Psychischen läßt sich . .. nicht durch die Untersuchung der Phantome lösen, sondern indem man die beiden Reihen objektiver Prozesse untersucht, aus deren Wechselwirkung die Phantome als scheinbare Spiegelungen des einen im anderen entstehen" (7, S. 246). Diese Überlegung kann den materialistischen Standpunkt im Bereich des Unbewußten sehr scharf "ausleuchten". Wir verfügen über eine andere Arbeit V y g o t s k i j s, in der er sich direkt der Analyse dieses Problems zuwendet. Er unterstreicht dort, daß - bei einer materialistischen Herangehensweise - die Psyche "als Bestandteil eines komplizierten Prozesses (auftritt), der durch seinen bewußten Teil keineswegs abgedeckt wird, und deshalb scheint es uns vollkommen legitim, daß man in der Psychologie vom psychologisch Bewußten und psychologisch Unbewußten spricht: Das Unbewußte ist das potentiell Bewußte" (8, S. 146). Aus diesen Thesen von Vygotskij folgen weitere Schlüsse, die für unser Pro- blem grundsätzlich von Bedeutung sind. Die erste Schlußfolgerung lautet: Das Unbewußte besitzt keine ei- gene spezielle Ontologie. Es gibt und kann - für einen Philoso- phen oder Psychologen, der Materialist ist - keine spezielle "Wissenschaft vom Unbewußten" geben. Das wäre eine Wissenschaft vom Schein. Die Tatsache, daß unbewußte Erscheinungen existieren, ist unbestreitbar; es gibt jedoch keine methodologische oder theoretische Grundlage, das Unbewußte als einen speziellen Gegen- stand auszusondern. Vygotskij hat das Unbewußte sehr präzise als potentiell Bewußtes definiert und an anderer Stelle des gleichen Artikels angemerkt, daß es sich um einen u n t e r- s c h i e d l i c h e n B e w u ß t h e i t s g r a d und um komplizierte, dynamische Wechselbeziehungen von bewußten und unbewußten Elementen in der Psyche handelt. Nebenbei bemerkt hat sich durchaus nicht von ungefähr auf dem Symposium in Tbilisi herausgestellt, daß es unter den sowjeti- schen Teilnehmern im Grunde genommen keine "Spezialisten für das Unbewußte" gab. Es gab Spezialisten für die Psychotherapie von Neurosen, die experimentelle und theoretische Psychologie der Einstellung, die Persönlichkeitspsychologie, die Ebenen der Tä- tigkeitsregulation und so weiter und so fort. Auf psychologischer Ebene tritt die These vom Fehlen einer eige- nen Ontologie des Unbewußten bereits in den grundlegenden Pro- blemstellungen zutage. Nehmen wir beispielsweise solch eine Frage wie die nach den Ebenen der Tätigkeitsorganisation. Bekanntlich stützt sich die moderne sowjetische Psychologie in dieser Bezie- hung auf die psychophysiologische Theorie N.A. Bernstejns und insbesondere auf seine These von der leitenden Ebene und den Grundebenen (4, S. 99-100 u.a.). Vom eigentlichen psychologischen Aspekt aus verfügen wir hier in bezug auf die Ebenen einer belie- bigen Tätigkeit über die ausgezeichnete Untersuchung von A.N. Leont'ev. Im Grunde genommen ist diese (nach Vygotskij ontologische) Heran- gehensweise - zumindest im Rahmen einer Tätigkeitspsychologie - für die Behandlung aller Probleme charakteristisch, bei denen wir es mit "unbewußten" psychischen Prozessen zu tun haben. Sie ist bei der Analyse unbewußter Komponenten der Persönlichkeit, in er- ster Linie der Sinnbildungen der Persönlichkeit, besonders wich- tig. Überhaupt stellt aus unserer Sicht die Dynamik des Bewußten und Unbewußten in der Persönlichkeitsstruktur ein zentrales Pro- blem der Persönlichkeitspsychologie dar. Wenn man auf die oben angeführten Thesen von L. S. Vygotskij zu- rückkommt, so kann man in ihnen ein eigenständiges methodologi- sches Programm für die Weiterentwicklung einer materialistischen Psychologie sehen, das bis jetzt noch keine konsequente Umsetzung in konkret-psychologische (theoretische und experimentelle) Un- tersuchungen erfahren hat. Obgleich wir mit Vygotskij in seiner grundsätzlichen Haltung zum Problem der psychischen Ontologie übereinstimmen, fahren wir nichtsdestoweniger auf Schritt und Tritt fort, mit dem psychologischen "Schein" zu operieren. Die Ursache hierfür liegt in bedeutendem Maße in einem vereinfachten, vergröberten Verständnis vom Ideellen und seiner Wechselbeziehung zum Subjektiven. Führen wir ein konkretes Beispiel an. In dem Buch K.K. Platonovs "Das System der Psychologie und die Widerspiegelungstheorie" wird die Behauptung aufgestellt, daß das Ideelle stets das Psychische, aber nicht alles Psychische ideell sei. Der Autor zitiert wohl- wollend S. L. Rubinstejn, der davon ausging, daß die Beschreibung des Psychischen als Ideellem auf das Abbild, auf die Idee bzw. auf das Produkt der psychischen Tätigkeit im allgemeinen, in ih- ren Beziehungen zu einem Gegenstand oder zu einem Ding verweist. K.K. Platonov entwickelt diese Auffassung weiter und vertritt die Ansicht: "Das Ideelle - das ist eine subjektive Erscheinung, die in Form eines mit einem Begriff oder mit Begriffen verbundenen Abbilds existiert und die durch ein Wort oder durch Worte ausge- drückt wird. Das Ideelle ist die höchste Form des Subjektiven, denn alles Ideelle ist subjektiv, aber nicht alles Subjektive ist ideell" (16, S. 160). Wenden wir uns der neuesten Ausgabe des "Philosophischen Wörter- buchs" zu. Dort heißt es: "Das Subjektive wird im Marxismus nicht als innerer (psychischer), dem Objekt entgegengesetzter Zustand des Subjekts, sondern als aus der Tätigkeit des Subjekts Abgelei- tetes begriffen, das in den Formen dieser Tätigkeit den Inhalt des Objekts reproduziert" (19, S. 358). Die erste marxistische Definition des Subjektiven, die ihre Bedeutung bis heute nicht eingebüßt hat, stammt bekanntlich von Karl Marx. "Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus. ..", so Marx, bestehe darin, "daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird; nicht aber als sinn- liche menschliche Tätigkeit, Praxis, nicht subjektiv" (l, S. 5). Man kann leicht erkennen, daß das "Philosophische Wörterbuch" dem Gedanken von Marx hier sehr nahe kommt. Folglich ist das Subjek- tive a u f k e i n e n F a l l e t w a s "Antiobjektives" oder "Antiobjekthaftes". Es ist die A b b i l d u n g d e s O b j e k t s i n d e r T ä t i g k e i t d e s M e n- s c h e n; es ist die Charakteristik der Tätigkeit mit dem Objekt. Es kann auch nur in den Formen der Tätigkeit existieren! Es tritt, wie Ju. F. Buchalov richtig schreibt, als soziale Cha- rakterisierung der zielgerichteten praktischen und erkenntnisbe- zogenen Tätigkeit auf. "Das Subjekt, ausgehend von den eigenen Bedürfnissen und Zielen ..., gestaltet sie (die Tätigkeit, d. Red.) zuerst gedanklich und hierauf praktisch um . . . Bei diesem Prozeß findet auch eine Umgestaltung des Subjekts selbst statt, bilden sich neue gesellschaftliche Beziehungen, Bedürfnisse, Ziele, Kenntnisse usw. heraus" (6, S. 112). Anders ausgedrückt müssen wir das Subjektive entweder auf philosophischer Ebene als eine Eigenschaft der Tätigkeit oder auf psychologischer Ebene als etwas begreifen, das den Prozeß der Tätigkeit sozusagen von sel- ten des Subjekts lenkt und bestimmt. Und dies ist es auch, was wir als "psychisch" bezeichnen. Hieraus erklärt sich die bei K.K. Platonov durch und durch fehlerhafte Auffassung des Subjektiven als einer Eigenschaft, die auch für das Tier, und nicht nur für den Menschen charakteristisch ist. Ebenso fehlerhaft ist K.K. Platonovs Idee, daß das Subjektive (darunter das Ideelle) das R e s u l t a t psychischer Wider- spiegelung sei. Diese Idee läßt sich aber gut mit seinem Gedanken verknüpfen, daß "das Ideelle stets das Psychische" ist: Dabei stellt die Idealität "nichts anderes als die im Ding präsentierte Form gesellschaftlich-menschlicher Tätigkeit" (9, S. 148) dar, und "das Bewußtsein und der Wille des Individuums treten als Funktion der Idealität der Dinge auf" (ebd.). Sie sind genauso wie andere psychische Phänomene psychische Formen des Ausdrucks des Ideellen. Des A u s d r u c k s, nicht aber der Existenz! Ihre Existenz ist, wie A. N. Leont'ev es gern ausgedrückt hat, mit "extrazerebralen" Prozessen verbunden. Die zweite These, die das Unbewußte betrifft und die aus dem oben dargelegten Standpunkt L.S. Vygotskijs folgt, lautet: Es gibt keine unterschiedlichen Konzeptionen vom Unbewußten. Es gibt nur eine unterschiedliche Auffassung von den Beziehungen des Menschen zur Welt, zur gegenständlichen Tätigkeit; es gibt, wie Vygotskij sagt, "unterschiedliche Konstruktionen eines Wissenssystems". Es scheint, daß eine der grundlegenden Divergenzen unter den Teil- nehmern des Symposiums zum Unbewußten sich auch daraus ergab, welche allgemeine Vorstellung sie jeweils vom Charakter der Wech- selbeziehungen zwischen Mensch und gegenständlicher Wirklichkeit und von der Stellung psychischer Prozesse in diesem Beziehungssy- stem hatten. E. Amado Levy-Valensihat in diesem Sinn recht, wenn er in seinem Artikel über die Epistemologie des Unbewußten her- vorhob, daß "die verschiedenen, scheinbar widersprüchlichen Defi- nitionen des Unbewußten die Widersprüche der Wissenschaftler und der Schulen, nicht aber die Widersprüchlichkeit der konkreten Wirklichkeit selbst widerspiegeln" (20, S. 142). Wenn man diesen Gedanken ergänzt und vertieft, kann man es auch so sagen: nicht bloß der Schulen, sondern verschiedener m e t h o d o l o- g i s c h e r R i c h t u n g e n. Aber wenn dem so ist, dann besteht die vordringlichste Aufgabe für einen Psychologen und Materialisten darin, "solche Analy- seeinheiten in die Psychologie einzuführen, die die psychische Widerspiegelung, untrennbar von den sie erzeugenden und durch sie vermittelten Momenten menschlicher Tätigkeit, in sich tragen" (12, S. 12-13) und sich zu bemühen, das Unbewußte im System sol- cher Analyseeinheiten zu interpretieren. Ist unsere Psychologie dazu bereit? Über diese Aufgabe, die wir hier mit den Worten A.N. Leont'evs aus seiner letzten Monographie formuliert haben, war er sich be- reits Ende der dreißiger Jahre im klaren, als er "das Sein des Psychischen ... im Vorhandensein eines einheitlichen und unzer- legbaren, beseelten Lebensprozesses", d. h. der Tätigkeit, be- stimmte. "Daher ist der Gegenstand der Psychologie die Tätigkeit des Subjekts in bezug auf die Wirklichkeit, die durch die Abbil- dung dieser Wirklichkeit vermittelt wird" [Manuskript; zit. nach (15, S. 87)]. Im Grunde genommen war die ganze weitere wissen- schaftliche Tätigkeit A.N. Leont'evs und seiner Schüler darauf gerichtet, diese Auffassung zu erschließen und ihr adäquate Ana- lyseeinheiten auszuarbeiten. Diese Arbeit blieb jedoch unvollen- det. Im gegenwärtigen Begriffssystem der Tätigkeitspsychologie existieren zwei Reihen von Begriffen und Einheiten friedlich ne- beneinander: Einige von ihnen wie "Einheit" (Vygotskij), "Ebene" (Bernstejn, A.N. Leont'ev), "Sinneinstellung" (Asmolov), "Aktivi- tät" (V.A. Petrovskij), "Motiv" (A.N. Leont'ev, S.D. Smirnov) sind das Ergebnis einer Überprüfung des Begriffssystems der traditionellen Psychologie vom Standpunkt des methodologischen Programms Vygotskijs aus; andere, und das ist die Mehrzahl, spie- geln das kartesianische Modell des Verhältnisses von Psychischem und Objektiv-Gegenständlichem wider. Eine derartige Überprüfung der psychologischen Einheiten basiert auf einigen Ausgangsthesen. Die erste These ist, wie bereits ge- sagt, die Idee des materialistischen Monismus. Die zweite besteht in der Idee von der Einheit des "Extrazerebralen" und "Intrazerebralen", des Psychischen, wobei ersterem, d. h. "der Tätigkeit des Subjekts in bezug auf die Wirklichkeit", der Vor- rang gebührt. Die dritte These, die aus den ersten beiden folgt, ist die These von der dynamischen Natur der grundlegenden psycho- logischen Einheiten und von der Notwendigkeit, sie aus der in- haltlichen Analyse und der Verallgemeinerung konkreter Tätig- keitsakte abzuleiten. Beispiel einer solchen Analyse, die eine Uminterpretation des Begriffs Motiv zur Folge hatte, ist der Ar- tikel von S.D. Smirnov. Die vierte Ausgangsthese kann folgender- maßen formuliert werden: Das r e a l e Verhalten des Menschen in der Welt, nicht aber eine bedingte, künstlich ausgesonderte und begrenzte Situation "Mensch - Gegenstand" muß die Basis für eine derartige Analyse abgeben; genau in diese Richtung zielten die Gedanken A.N. Leont'evs bezüglich des "Abbilds der Welt": Je- der aktuelle Einfluß trägt sich in das Abbild der Welt, d. h. ei- nes gewissen Ganzen, ein" (14, S. II). Somit erfordert auch der Zugang zum Phänomen des Unbewußten nicht einfach nur die Eliminierung psychologischer Mythen, des "Scheins", und die Hinwendung zu einem ganzheitlichen System der gegenständlichen Tätigkeit und der sie vermittelnden psychischen Faktoren, sondern erfordert - was grundsätzlich von Bedeutung ist - eine i n h a l t l i c h - p s y c h o l o g i s c h e Heran- gehensweise an die Analyse der Tätigkeit, eine d y n a m i- s c h e, prozeßhafte Herangehensweise. Schließlich erfordert er auch die Zurückweisung eines in sich geschlossenen Abbilds der Welt und die Erfassung einzelner Einheiten und Prozesse als verschiedener Formen und Aspekte von Bewegung in einem einheit- lichen psychologischen Raum. In diesem Zusammenhang stellt sich ganz besonders das Problem des "Wahrnehmungshintergrunds" und der Dynamik von Bewußtem und Unbe- wußtem, sobald die aktuell bewußten und bewußt kontrollierten Komponenten des Abbilds der Welt von diesem Hintergrund ausgeson- dert werden. Letzten Endes sind ja gerade der Beitrag, die Funk- tion und die Erscheinungsformen des Unbewußten bei der Schaffung und Existenz des menschlichen Abbilds der Welt fast das Wichtig- ste am Problem des Unbewußten. Die dritte Schlußfolgerung hinsichtlich einer Psychologie des Un- bewußten ist mit Vygotskijs Idee vom Individuum als einem "sozialen Mikrokosmos" verbunden. Die Tätigkeit, von der hier so häufig als einem Schlüssel zur Interpretation des Psychischen im allgemeinen und des unbewußten Psychischen im besonderen die Rede war, ist nicht einfach etwas Extrazerebrales: Bei der Untersu- chung der Tätigkeit "muß man nicht vom einzelnen Individuum und der Beschreibung seiner individuellen Verhaltensakte ausgehen, sondern von den Formen sozialer Tätigkeit und sozialer Beziehun- gen, die für das ganze gesellschaftliche System in seiner Gesamt- heit charakteristisch sind", welches wiederum den Inhalt und die Formen dieser Tätigkeit vorgibt (5, S. 61). Deshalb müssen wir notwendigerweise zu der These gelangen, daß das Unbewußte außer- halb einer konkret-sozialen Herangehensweise an die Tätigkeit im ganzen nicht richtig erfaßt werden kann. Diese These hat ihrer- seits zwei Seiten. Zum ersten bestimmt eine solche Herangehens- weise unser allgemeines Verständnis von unbewußten psychischen Phänomenen und gibt zugleich eine bestimmte Behandlung jener ob- jektiven Ausgangsprozesse vor, deren dynamische Wechselwirkung die Entstehung subjektiv-psychischer Erscheinungen verursacht. Dies ist an und für sich schon eine äußerst komplizierte Aufgabe für eine Interpretation. Zum zweiten gibt es aber sogar in der Phänomenologie des Unbewußten eine ganze Reihe von Erscheinungen, die außerhalb einer derartigen konkret-sozialen Herangehensweise wissenschaftlich überhaupt nicht erfaßbar sind, Erscheinungen in der Art der Emphatie und des subjektiven Erlebnisses zwischen- menschlicher Beziehungen allgemein, in der Art der sozial-psycho- logischen Massenprozesse, die seinerzeit von A. S. Prangisvili am Phänomen der Panik ausgezeichnet untersucht worden sind, usw. Hier steht in beiden Fällen der materialistischen Auffassung eine besondere Form von interaktionistischem Standpunkt gegenüber, der am deutlichsten von der Lacanschen Konzeption des "Sprechwesens" hervortritt. "Eine Überprüfung der Lehre vom 'Unbewußten' auf ihrer allgemein- sten Ebene vom Standpunkt einer dialektisch-materialistischen Philosophie aus ... stellt nach unserer Überzeugung die einzige Strategie dar, die dieser Lehre umfassende Möglichkeiten für eine Weiterentwicklung eröffnet" (3, S. 375), schrieb F.V. Bassin im Jahre 1968. Die Vorbereitung auf das Symposium zum Problem des Unbewußten und dessen Verlauf haben die Richtigkeit dieser Worte voll und ganz bestätigt. Es bleibt nur noch hinzuzufügen, daß die Bedingung für eine Realisierung dieser Strategie in der Ausarbei- tung einer methodologisch konsequenten a l l g e m e i n- p s y c h o l o g i s c h e n Theorie besteht, an der auch die Psychologie der unbewußten Prozesse - oder der nicht bewußten Tätigkeit - ihren Anteil haben muß. (Übersetzung aus dem Russischen: Dorina Ting) Literatur --------- 1. K. Marx, Thesen über Feuerbach, in: MEW, Bd. 3, Berlin 1969, S. 5ff; Ergänzungsband 2, S. 308. 2. F. Engels, Biblii cudesnoe izbavlenie ot derzkogo pokusenija (Die frech bedräute, jedoch wunderbar befreite Bibel. Oder: Der Triumph des Glaubens.), in: K. Marx, F. Engels, Iz rannich proiz- vedenij (Aus den frühen Werken), M. (Moskau) 1956. 3. F.V. Bassin, Problema bessoznatel'nogo (Das Problem des Unbe- wußten), M. (Moskau) 1968. 4. N.A. Bernstejn, Ocerki po fiziologii dvizenij i fiziologii ak- tivnosti (Skizzen zur Physiologie der Bewegung und zur Physiolo- gie der Aktivität), M. (Moskau) 1966. 5. L.P. Bueva, Social'naja sreda i soznanie licnosti (Das soziale Milieu und das Bewußtsein der Persönlichkeit), M. (Moskau) 1968. 6. Ju. F. Buchalov, O dialektike sub-ektivnogo i ob-ektivnogo (Über die Dialektik des Subjektiven und des Objektiven), in: Len- inskaja teorija otrazenija i sovremennaja nauka (Die Leninsche Widerspiegelungstheorie und die moderne Wissenschaft), M. (Moskau) 1966. 7. L.S. Vygotskij, Die Krise der Psychologie in ihrer histori- schen Bedeutung, in: Lew Wygotski, Ausgewählte Schriften, Bd. l, Köln 1985, S. 57-278. 8. Ders., Psichika, soznanie, bessoznatel'noe (Psyche, Bewußt- sein, Unbewußtes), in: L. S. Vygotskij, Sobranie socinenij (Gesammelte Werke), t. l (Bd. 1), M. (Moskau) 1982. 9. E.V. Il'enkov, Problema ideal'nogo (Das Problem des Ideellen), in: Voprosy filosoffii, 1979, 7. 10. V.L. Kakabadse, Teoreticeskie problemy glubinnoj psichologii (Theoretische Probleme der Tiefenpsychologie), Tbilisi 1982. 11. S. Leclaire, Zak Lakan i vozglavljaemoe im psichoanaliti- ceskoe dvizenie (Jacques Lacan und die von ihm angeführte psycho- analytische Bewegung), Rotaprint /russ./, Tbilisi 1979. 12. A.N. Leont'ev, Dejatel'nost', soznanie, licnost' (Tätigkeit, Bewußtsein, Persönlichkeit), Izd. 2 (2. Aufl.), M. (Moskau) 1977. 13. Ders., Psichologiceskie voprosy soznatel'nosti ucenija (Psychologische Fragen der Bewußtheit des Lernens), in: A.N. Leont'ev, Dejatel'nost', soznanie, licnost' (Tätigkeit, Bewußt- sein, Persönlichkeit), Izd. 2 (2. Aufl.), M. (Moskau) 1977. 14. ders., Psichologija obraza (Die Psychologie des Abbilds), in: Vestnik MGU, serija psichologija (Mitteilungen der Moskauer Uni- versität, Serie Psychologie), 1979, 2. 15. A.A. Leont'ev, L.S. Vygotskij i predmet naucnoj psichologii (L.S. Vygotskij und der Gegenstand der wissenschaftlichen Psycho- logie), in: Naucnoe tvorcestvo L.S. Vygotskogo i sovremennaja psichologija (Das wissenschaftliche Werk L.S. Vygotskijs und die moderne Psychologie), M. (Moskau) 1981. 16. K.K. Platonov, Sistema psichologii i teorija ostrazenija (Das System der Psychologie und die Widerspiegelungstheorie), M. (Moskau) 1982. 17. S.D. Smirnov, Psichologiceskaja teorija dejatel'nosti i kon- cepcija N. A. Bernstejna (Die psychologische Tätigkeitstheorie und die Konzeption N. A. Bernstejns), in: Vestnik MGU, serija psichologija (Mitteilungen der Moskauer Universität, Serie Psy- chologie), 1978, 2. 18. L.I. Filippov, Filosofskaja antropologija Zana Polja Sartra (Die philosophische Anthropologie Jean-Paul Sartres), M. (Moskau) 1977. 19. Filosofskij slovar' (Philosophisches Wörterbuch), Izd. 4 (4. Aufl.), M. (Moskau) 1981. 20. E. Amado Levy-Valensi, Pour une epistemologie de l'inconscient, in: Bessoznatel'noe: priro-da, funkcii, metody issledovanija (Das Unbewußte: Wesen, Funktion, Untersuchungsme- thoden), S. Tbilisi 1978. 21. M. Heidegger, Sein und Zeit, Halle 1941. 22. M. Merleau-Ponty, Phénoménologie de la perception, Paris 1945. 23. J.-P. Sartre, L'être et le néant, Paris 1943. 24. A. Wilden, System and Structure, N.Y. 1972. _____ 1) Der Aufsatz wird im Original veröffentlicht in: Bessozna- tel'noe (Das Unbewußte), Tom 4 (Band 4), Pod redakciej Bassina, Prangisvili i dr. (Red.: Bassina, Prangisvili u. a.), Tbilisi: Mecnierba 1985. - Anm. d. Red. 2) französisch: le parletre; von Lacan geschaffener Neologismus. Ausgedrückt werden sollen die Dimension des Sprechens (nach Saus- sure) ebenso wie die existentielle Dimension als zentrale Merk- male menschlicher Existenz. "Sprechen ist keine Eigenschaft, son- dern konstituiert das Sprechwesen (parletre), das ein menschli- ches Subjekt ist" (s. Die Verleugnung des Politischen, einge- reicht beim FB Philosophie und Sozialwissenschaften I der EU Ber- lin als Habilitationsschrift von Athanasios Lipowatz, West-Berlin 1985, S. 40). - Anm. d. Red. 3) Gemeint ist: auf Grund eines Triebes - Anm. d. Red. 4) "Phallus" ist in der Philosophie Lacans d a s j e n i g e, w o r a u f m a n s i c h b e z i e h t. Umfassender ausge- drückt ist der Phallus dasjenige, was den Realitätsbezug dar- stellt. Es ist unmöglich, sich nicht darauf zu beziehen. "Phallus" und "Begehren" sind komplementäre Begriffe: Der Phallus ist das Objekt des Begehrens. Sekundär hierzu die engere Bedeu- tung des Phallus: das objektivierte Symbol für Geltung und Macht sowie für den Zugang der Menschen zur Macht. - Anm. d. Red. 5) Im Original: "Dans la perception nous ne pensons pas l'objet et nous ne nous pensons le pensant, nous sommes à l'objet et nous nous confondons avec ce corps qui en sait plus que nous sur le monde, sur les motifs et les moyens qu'on a d'en faire la syn- thèse." - Anm. d. Übers. 6) Im Original: "Mais l'idée de Dieu est contradictoire et nous nous perdons en vain; rhomme est une passion inutile." - Anm. d. Übers. Ein entfernter Vorgänger all dieser Definitionen ist na- türlich Spinoza, dem jedoch die für den Existentialismus so cha- rakteristische Ontologisierung des Begehrens fremd war. S. hierzu (18, S. 143). 7) Die Anfänge dieser These führen uns zu Schopenhauer und seinem Dualismus von Willen und Vorstellung; hieraus erklärt sich die Heideggersche Kategorie der "Intentionalität". An dieser These als solcher kann man keinen Anstoß nehmen; sie ist nur dann falsch, wenn man sie in eine theoretische Rechtfertigung des Agnostizismus umzuwandeln versucht. 8) Zitiert nach der kürzlich erschienenen deutschen Übersetzung. - Anm. d. Red. zurück