Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 10/1986
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PSYCHISCH GESTÖRTE SUBJEKTIVITÄT
Ein Ansatz auf der Basis der Tätigkeitspsychologie A.N. Leontjews
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Dorothee Roer/Dieter Henkel
1. Einleitung - 2. Vorbemerkungen - 3. Psychopathogene Lebenslage
- 4. Hin zur subjektivistischen Transformation - 5. Subjektivi-
stische Logik - 6. Labilisierung und Stabilisierung der psychi-
schen Störung
1. Einleitung
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Im vorliegenden Aufsatz entwickeln wir einen Ansatz für eine
Theorie psychisch gestörter Subjektivität auf der Basis der all-
gemeinen Tätigkeitspsychologie von Leontjew (1971, 1980, 1982).
Zu dieser Thematik mit explizit tätigkeitspsychologischem Bezug
existieren bereits einige wenige Arbeiten anderer Autoren
(Gleiss, 1978, 1979, 1980; Haselmann, 1982, 1983, 1984; Quekel-
berghe, 1984; Kruse, 1985 a, 1985b). Diese Arbeiten beziehen wir
aus folgenden Gründen nicht ein: Sie zentrieren sich auf thera-
peutische und nicht auf ätiologisch relevante Probleme (Quekel-
berghe) oder behandeln nur bestimmte Aspekte psychisch gestörter
Prozesse und dies recht allgemein (Kruse: Motivkonflikte und ihre
biographische Entwicklung). Ein elaborierter Ansatz liegt nur von
Gleiss (1980 vor, den Haselmann (1984) präzisierte und ergänzte.
Eine detaillierte Diskussion dieser Arbeiten erfolgt an anderer
Stelle (s. Roer u. Henkel, 1986). Wir benennen hier nur kurz den
aus unserer Sicht zentralen Kritikpunkt. Gleiss und Haselmann
definieren psychische Gestörtheit als habitualisierte Orien-
tierungskrise, in der das Subjekt von außen herangetragene
gesellschaftliche Anforderungen mit symptomatischen Handlungen
abwehrt, da sie den zentralen und vom Subjekt aufgrund ihrer
Rigidität nicht aufgebbaren Motiven widersprechen. Als Folge
davon stagniert das Subjekt in seiner Entwicklung. Damit be-
schreibt dieser Ansatz u. E. letztlich nur eine Variante von Nor-
malität, nämlich eingeengte Subjektivität, bietet daher keine
tragfähigen Perspektiven, um psychische Störungen in ihrer spezi-
fischen Entwicklungslogik und als qualitativ besondere, von die-
ser Normalität unterschiedene Bewegungsform zu erfassen.
2. Vorbemerkungen
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Zum Konzept des Widerspruchs. Grundlegend für den historischen
Materialismus ist das Konzept des (dialektischen) Widerspruchs,
verstanden als Einheit und Gegensatz zweier einander zugleich be-
dingender und ausschließender Pole, wobei beide aufeinander ein-
wirken und so ein prozessierendes Verhältnis bilden, das nur
durch Aufhebung beider Widerspruchsseiten zu einer neuen Qualität
gesprengt und so zum Ausgangspunkt weiterer Entwicklung werden
kann. Diese Bewegung ist im Gesetz von Einheit und Kampf der Ge-
gensätze erfaßt und beschreibt das Grundprinzip von Entwicklung
aus marxistischer Sicht. Dieses gilt allgemein, somit auch für
die Entwicklung des Psychischen beim Menschen. Im folgenden ar-
beiten wir dieses Konzept als bewegendes Moment in der Ausbildung
psychisch gestörter Subjektivität heraus, weil es sich einerseits
theoretisch nahelegt, zum anderen verweisen die klinisch-psycho-
logischen Erfahrungen auf die Nützlichkeit eines solchen An-
satzes. Dabei unterscheiden wir entwicklungsfördernde (s. Henkel
u. Roer, 1985; Roer u. Henkel, 1986) und entwicklungsbeeinträch-
tigende Widersprüche (s. Pkt. 3.). Leontjew selbst hat das Kon-
zept des Widerspruchs nicht ausdrücklich zu einer zentralen Kate-
gorie seiner Theorie gemacht. Es läßt sich aber zeigen, daß es in
seinem Ansatz grundlegend enthalten und aus den Basisbegriffen
ohne weiteres explizierbar ist. Die Grundkategorie Tätigkeit zum
Beispiel, von Leontjew als aktive Beziehung des Subjekts zur ge-
genständlichen Welt bestimmt, konkretisieren wir in diesem Sinne
als tätige Auseinandersetzung mit Widersprüchen. Entsprechend
wenden wir im folgenden die übrigen zentralen Begriffe Leontjews
in ihrer Konkretisierung durch das Widerspruchskonzept an.
Zu den Begriffen Realität und Ideologie. Wie noch im einzelnen
darzulegen sein wird, sehen wir als Ausgangspunkt für die Ent-
wicklung gestörter Subjektivität eine bestimmte Form von Wider-
spruch zwischen materieller Realität und ideologischer Orientie-
rung, in der kapitalistischen Gesellschaft: bürgerlicher Ideolo-
gie. Auf deren Bedeutung verweisen zahlreiche klinisch-psycholo-
gische Erkenntnisse. Alle Formen psychischer Gestörtheit zeigen
mehr oder weniger deutlich Beziehungen zur bürgerlichen Ideologie
(Depression und Leistungsideologie, Zwangsneurose und Ordnungsri-
tual, Schizophrenie und z. B. Sexualmoral, Magersucht und Frauen-
bild usw.). Mit dem Begriff Realität (objektive Wirklichkeit, ma-
terielle Welt o.a.) fassen wir die natürlichen und gesellschaft-
lichen Gegenstände (Dinge, Personen, Verhältnisse) in ihren ob-
jektiven materiellen Formen und Bewegungen und in ihren dieser
Existenzweise adäquaten gesellschaftlichen Bedeutungen. Die ihnen
innewohnenden Gesetzmäßigkeiten bezeichnen wir als Objektlogik.
Unter Ideologie verstehen wir zunächst allgemein ein System ge-
sellschaftlicher (ökonomischer, politischer, moralischer u. a.)
Anschauungen, die in der Klassengesellschaft Klasseninteressen
zum Ausdruck bringen und entsprechende Einstellungen, Wertungen,
Normen usw. einschließen. Der Ideologie als Deutung der Realität
kommt nur relative Selbständigkeit zu. Als ideeller Reflex der
materiellen Verhältnisse entwickelt und verändert sie sich mit
diesen (historischer Charakter des Ideologischen). Sie existiert
auch materiell, indem sie auf die gesellschaftliche Praxis der
Menschen wirkt und sich in ihr vergegenständlicht. Wenn wir im
folgenden den Begriff Ideologie verwenden, meinen wir die Ideolo-
gie der herrschenden Klasse in der bürgerlichen Gesellschaft
(bürgerliche Ideologie). Wie jede andere Ideologie weist auch
diese formationsspezifische und klassentypische Formen und In-
halte auf. Auch sie setzt an den wirklichen gesellschaftlichen
Verhältnissen an, spiegelt somit stets die Objektlogik wider, al-
lerdings indem sie diese verkürzt, verzerrt, verkehrt oder sogar
negiert. Dies drückt sich insbesondere darin aus, daß sie Gesell-
schaft naturhaft und das Wesen des Menschen biologistisch und in-
dividualistisch mißdeutet, die zentralen Widersprüche der bürger-
lichen Gesellschaft leugnet, die Ewigkeit und Unveränderlichkeit
der bestehenden Eigentums- und Herrschaftsverhältnisse propa-
giert. Bürgerliche Ideologie mystifiziert immer wieder neu ihre
Klassenbindung, verschleiert ihre Funktion als Instrument der
Herrschaftssicherung, indem sie sich z. B. als Ausdruck des ge-
meinschaftlichen Interesses aller Klassen und Schichten dar-
stellt. Sie wirkt damit objektiv desorientierend, auf die Bezie-
hungen der Menschen entsolidarisierend, konkurrenzschürend und
isolierend, auf ihre Entwicklung deformierend, blockierend und
unterdrückend und übt insofern mystifizierte Gewalt aus. T ä-
t i g k e i t s p s y c h o l o g i s c h bedeutet die Aneignung
bürgerlicher Ideologie: Statt die hinter den Gegenständen
liegenden gesellschaftlichen Bedeutungen aus den Gegenständen
selbst herauszuarbeiten (s. Leontjew, 1982), stellt das Subjekt
eine von außen geliehene, nämlich ideologische Bedeutung davor,
durch die hindurch sich das Subjekt dann mit den Gegenständen in
Beziehung setzt. Die Gegenstandsaneignung vollzieht sich damit in
spezifisch verzerrter Art, es entwickelt sich in der Tätigkeit
keine tragfähig orientierende Struktur.
Zur Bedeutung von Familie und Kindheit. Wie schon angedeutet,
bilden Widersprüche zwischen Realität und Ideologie und deren
Verdeckung durch mystifizierte Gewalt als wesentliches Instrument
spätbürgerlicher Herrschaftssicherung das zentrale Charakteristi-
kum psychopathogener Lebenslagen. Dies zeigen wir am Beispiel der
Familie, da sie den bedeutsamsten gesellschaftlichen Bereich dar-
stellt, in dem sich psychopathologische Strukturen und Prozesse
herausbilden. Zum einen, weil sie von Beginn an und umfassend auf
die Entwicklung des Kindes einwirkt, und zum anderen, weil in der
Familie gewaltförmig mystifizierte Beziehungen in besonders
scharfer Form auftreten. Denn im Vergleich zu anderen gesell-
schaftlichen Institutionen können sich dort bürgerliche Ideologie
und mystifizierte Gewalt relativ stark, schwer durchschaubar und
kaum kompensierbar etablieren, vor allem aufgrund der durch die
Trennung von Produktion und Reproduktion bedingten scheinhaften
Privatheit, sozialen Isolation und weitgehend fehlenden gegen-
ständlich-kooperativen Strukturen und gemeinsamen Perspektiven.
Dadurch nehmen die Beziehungen in der Familie einen kreislaufför-
migen, wenig sachlogischen und besonders stark ideologisch norma-
tiven Charakter an (s. Ottomeyer, 1977). Gewalt und deren Mysti-
fikation kennzeichnen auch andere Sozialisationsinstitutionen
(z.B. Kindergarten, Schule). Aufgrund der stärker festgelegten
gesellschaftlichen Funktionsbestimmtheit, Öffentlichkeit und des
höheren Vergesellschaftungsgrads dieser Institutionen entfaltet
sie sich dort jedoch nicht so wildwüchsig wie in der Familie. Zu-
dem ist das Kind diesen Institutionen immer nur begrenzt ausge-
setzt. Dennoch können sie zur Entwicklung psychisch gestörter
Subjektivität beitragen, sie z.B. verstärken oder beschleunigen.
Daß sie kompensierend wirken, ist als Regelfall nicht anzunehmen.
Aus der entwicklungspsychologischen Bedeutung der Familie ergibt
sich logisch unsere Konzentration auf die (frühe) Kindheit. Aber
auch deshalb, weil diese Zeit eine besonders riskante Entwick-
lungsphase darstellt. Psychopathogene Einflüsse treffen das Kind
in zentralen Bereichen seiner Subjektivität und bleiben länger-
fristig wirksam, da das Kind erst über wenig gegenläufig stabili-
sierende Tätigkeitsformen verfügt und frühe Störungen die Ent-
wicklung der Tätigkeit im weiteren Verlauf umfassender und somit
auch nachhaltiger beeinflussen. Im folgenden verkürzen wir Fami-
lienbeziehungen auf die Interaktion zwischen einem Elternteil und
einem Kind. Dies nicht nur, um größere Einfachheit und damit
Klarheit in der Argumentation zu erreichen, sondern auch aus em-
pirischen Gründen. Im Laufe der Entwicklung der spätbürgerlichen
Gesellschaft konstituiert sich die Familie aus immer weniger Per-
sonen, wobei in vielen Fällen nur noch einer Person psychologi-
sche Relevanz für die Erziehung des Kindes zukommt.
3. Psychopathogene Lebenslage
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Psychopathogene Milieus sind gekennzeichnet durch einen grundle-
genden Widerspruch zwischen materieller, sozialer Lebenslage
(Realität) und ihr fremder Ideologie als deren praxisleitendem
Deutemuster. Gemeint ist damit nicht eine irgendwie geartete Dif-
ferenz zwischen Realität und sie interpretierende Ideologie (in
Klassengesellschaften zwangsläufig immer gegeben), sondern deren
Antagonismus. Nach unserer Auffassung bildet sich dieser Antago-
nismus in mehreren Schritten heraus. Unter welchen gesellschaft-
lichen Bedingungen solche Konstellationen (auch massenhaft) ent-
stehen, veranschaulichen wir am Beispiel der unteren Schichten
der Arbeiterklasse. 1) In Zeiten relativer Schwäche der Arbeiter-
bewegung ist deren politische und soziale Kultur unterdrückt und
verstümmelt. Den Betroffenen fehlen klassen- und schichtspezi-
fisch angemessene tätigkeitsleitende Deutemuster. Sie sind des-
halb gezwungen, um sich zu orientieren, auf bürgerliche (also ob-
jektiv desorientierende) Ideologie zurückzugreifen. Damit nehmen
sie zumindest Aspekte des Klassenwiderspruchs als unverstandene
Gegensätze in ihre Subjektivität auf. Verstärkt tun dies solche
Personen und Gruppen mit ohnehin nur schwacher Verankerung in der
Arbeiterbewegung und ihren kulturellen Traditionen. Damit sich
die so entstandene Differenz zwischen objektiver Lebenslage und
ihrer ideologischen Berarbeitung allerdings zu einem psychopatho-
gen wirkenden, antagonistischen Widerspruch zuspitzt, bedarf es
weiterer ungünstiger, oft gruppentypischer und standortspezifi-
scher Faktoren (z.B. Arbeitslosigkeit, Ausländerstatus). 2) Per-
sonen, die in für sie bedeutsamen Praxisfeldern in Realitäts-
ideologie-Widersprüche geraten, können nur deutlich verengte For-
men der Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt entwickeln. Sozial
hat die der eigenen Lage nicht angemessene Aneignung von bürger-
licher Ideologie zur Folge, daß die Subjekte sich zunehmend von
anderen Personen der eigenen Klasse, Schicht, Gruppe und damit
von Möglichkeiten der Solidarität isolieren. Die wenigen mensch-
lich umfassenden, dichten Beziehungen, die sie erhalten oder neu
herstellen können, müssen für sie zwangsläufig überwertig und we-
gen ihrer ideologischen Ausgestaltung unrealistisch und deshalb
höchst problematisch sein (was auch auf die Entwicklung der Kin-
der solcher Personen deutlich beeinträchtigend wirkt). Da auch
der weltanschauliche Austausch mit der eigenen Klasse, Schicht,
Gruppe erschwert oder ganz blockiert ist, kann von dort keine
Korrektur der inadäquaten Orientierung erfolgen, die sich deshalb
leicht verengen und verfestigen kann.
Greift eine solche Person nun in biographischen Krisen verstärkt
auf bürgerliche Ideologeme zurück, um ihre Lebenspraxis zu re-
strukturieren, können sich diese zur bestimmenden Seite der Kon-
fliktlösung entwickeln und ihre weitere Bewegung in diesem Le-
bensbereich dominieren. Die Person bildet dann einen Tätigkeits-
stil heraus, dessen Charakteristika in selektiver, widerspruchs-
verdeckender Aneignung und eher reproduktiver, die bestehenden
Lebensverhältnisse bestätigender vergegenständlichender Praxis
bestehen. Wiewohl sie nun die Ideologie zur herrschenden Seite in
ihrer Bearbeitung von Wirklichkeit gemacht hat, kann sie ihre
reale Determination durch die materielle Realität dadurch nie au-
ßer Kraft setzen. Im Gegenteil: Diese bleibt Quelle ständiger In-
fragestellung ihres ideologisch deformierten Praxiszugangs. Die
damit verbundenen DeStabilisierungen können nur durch immer neue
Ideologisierungen im Konfliktfeld aufgefangen werden. Aus dem da-
mit in Gang gesetzten permanenten Abwehrkampf gegen die Wirklich-
keit entwickelt die Person schließlich in bezug auf das Kon-
fliktthema ein Tätigkeitsmuster, das sie festlegt auf sich veren-
gende, zirkuläre Bewegungen der Wiederholung eines prekären, die
materielle Realität verkehrenden Zustands. In Abwandlung von Marx
kann man dies als Auf-dem-Kopf-Gehen bezeichnen. Diese Art der
Auseinandersetzung mit der Welt unterscheidet sich deutlich von
der im folgenden noch zu entwickelnden psychisch gestörten Bewe-
gungsform, und zwar aus zwei Gründen. Erstens bleibt bei dieser
Person die Fähigkeit erhalten, zwischen Realität und Ideologie zu
differenzieren, und zweitens bleibt sie auch in der Lage, sich
ihrer Umwelt (in wie verquerer Form auch immer) als einer objek-
tiv gegebenen, außer ihr gesetzten zuzuwenden. Zudem gelingt es
ihr immer wieder, ihre Handlungsfähigkeit herzustellen, indem sie
ihre Widersprüche stets neu, wenn auch nicht beständig, zur Seite
der Ideologie hin aufzulösen vermag. Sie erzeugt somit für sich
eine (labile) Stimmigkeit in ihrer Lebenspraxis. Objektiv jedoch
bewegt sie sich in bedeutsamen Widersprüchen, weshalb andere sie
auch als in sich widersprüchlich, inkonsistent und unprognosti-
zierbar erleben.
Personen, die ihre Lebenspraxis in solcher Weise entfalten, stel-
len für Kinder ein Milieu her, das die objektive Bedingung (i.S.
von notwendig, aber nicht hinreichend) für die Entwicklung ge-
störter Subjektivität bildet. Dies impliziert unsere Annahme ei-
nes mindestens zwei Generationen umfassenden Prozesses psychopa-
thogener Interaktion als Voraussetzung für die Entstehung psychi-
scher Störungen. Indem eine solche Person als wichtiges kultur-
vermittelndes Subjekt (im folgenden kurz: Bezugsperson) mit ihrer
widersprüchlichen Praxis die Entwicklung des Kindes bestimmt,
zwingt sie es, in bezug auf die Gegenstände 3) in ihrem Konflikt-
feld zwei Arten einander widersprechender Erfahrungen zugleich zu
machen. Dinge, Personen, Ideen usw. treten dem Kind gleichzeitig
und von Beginn an in einer objektlogischen und einer ideologi-
schen Version gegenüber, die sowohl zusammengehören als auch sich
gegenseitig ausschließen. In diesem Antagonismus dominiert der
ideologische Gegenstandszugang, den die Bezugsperson durch Umbie-
gen der Realität sichert und ausbaut. Weil Ideologie und Realität
dem Kind in seiner Aneignungs- und Vergegenständlichungstätigkeit
ständig als nicht aufgeschlüsselte gegensätzliche Einheit entge-
gentreten, lernt es nicht, diese als zwei eigenständige Qualitä-
ten zu differenzieren. In der Aneignung der Gegenstände in ihrer
objektiv antagonistischen Doppelung und dem damit verbundenen
Aufbau einer inneren Widersprüchlichkeit (die sich in der Struk-
tur der Tätigkeit, der Motive, in Bewußtsein und Emotionen aus-
drückt) sehen wir den Übergang von den objektiven Bedingungen der
Lebenslage in ihre Subjektivierung als gestörter psychischer Pro-
zeß.
Die interaktive Struktur, in der sich dieser Prozeß vollzieht,
kennzeichnen wir in Anlehnung an Jervis (1978) als mystifiziertes
Gewaltverhältnis. Diesem unterliegt das Kind aufgrund der gesell-
schaftlichen Isolation der Familie und des weitgehend rechtlich
entmündigten Kindheitsstatus in der spätbürgerlichen Gesellschaft
generell. Diese allgemeine Problematik spitzt sich wegen der so-
zialen Isolierung der Bezugsperson (s.o.) in zweierlei Hinsicht
zu. Zum einen bekommt das Kind eine besonders überwertige Bedeu-
tung, aus der eine intensive Beziehung resultiert, welche die Ab-
hängigkeit und Isolation des Kindes verschärft. Zum anderen in-
strumentalisiert die Bezugsperson das Kind aufgrund des Fehlens
tragfähiger außerfamiliärer personaler Beziehungen als Ersatz für
diese, womit sich ihr Verhältnis zum Kind verdinglicht. Aufgrund
dieser ebenso dichten wie repressiven Beziehung ist das Kind der
Bezugsperson in extremer Weise ausgeliefert. Zum mystifizierten
Gewaltverhältnis gerät diese Beziehung deshalb, weil die Bezugs-
person ihre ideologisierte Version von Realität unausgesprochen
zur allein gültigen erklärt und jeden Versuch, diese Setzung in
Frage zu stellen, unterdrückt, wobei sie ganz im Geist bürgerli-
cher Ideologie vorgibt, im Interesse des Kindes zu handeln. 4)
Mystifiziert wird diese Unterdrückung durch Verbot kommunikativer
und praktischer Überprüfung des gesetzten Systems, die damit das
Kind wehrlos und somit unfähig macht, sich verläßliche Differen-
zierungen zwischen Ideologie und Realität anzueignen. Dieses my-
stifizierte Gewaltverhältnis wirkt sich um so destruktiver auf
die kindliche Entwicklung aus, je weiter Wirklichkeit und Ideolo-
gie im Leben der Bezugsperson auseinanderklaffen, je komplizier-
ter und unauflösbarer die ideologisierte Fassung der materiellen
Realität sich aufbaut, je umfassender und detaillierter diese die
kindliche Tätigkeit durchdringt, je existentiell bedeutsamere
Themen und Bereiche betroffen sind, je früher diese in der Ent-
wicklung des Kindes auftreten und je isolierter sich das Kind von
alternativen, korrigierenden Beziehungen und Erfahrungen ent-
wickelt. Hier sehen wir auch Ansätze für differentialätiologische
Überlegungen (s. Roer u. Henkel, 1986).
4. Hin zur subjektivistischen Transformation
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Welche allgemeine Tätigkeitsstruktur bildet das Kind nun im Kon-
fliktfeld heraus? Begegnen ihm die Gegenstände (spiegelt es sie
kognitiv sowie emotional wider, versucht es, sich deren Bedeutun-
gen zu erarbeiten, eine motivationale Beziehung und einen per-
sönlichen Sinn zu ihnen herzustellen) in zwei zueinander in Wi-
derspruch stehenden Existenzweisen (im Verhältnis von Zusammenge-
hörigkeit und Ausschließung, nicht bloßer Verschiedenheit), dann
führt das auf Dauer zu psychopathologischer Entwicklung. Und zwar
deshalb, weil es dem Kind in dieser Lage nicht gelingen kann, die
Eigenschaften und Zusammenhänge der Gegenstände praktisch und
ideell zu erschließen, so deren zwei Existenzweisen auseinan-
derzuhalten, also ihre wirkliche und ideologisch verzerrte Fas-
sung, und damit auch letztere als solche zu erkennen. Denn das
Kind steckt in einer Praxis- und Orientierungsfalle. Wendet es
sich den Gegenständen in ihrer ideologisierten Version zu, greift
es zwangsläufig an deren wirklicher Beschaffenheit vorbei. Mit
diesem Umgang mit den Dingen befindet es sich zwar im Konsens mit
der Bezugsperson, die es dabei unterstützt und fördert, indem sie
diese objektiv unangemessene Praxis in eine angemessene uminter-
pretiert. Die Gegenstände selbst jedoch negieren durch die ihnen
innewohnende Logik diese Art der Aneignungstätigkeit. Richtet es
sich dagegen auf die Gegenstände in ihrer objektiv-materiellen
Gestalt, gerät es in Widerspruch mit der Bezugsperson, die diese
Erfahrungen ungeschehen macht, dies mit Mitteln der Deutung, des
Ideellen und der Mystifikation. Diese zwei Arten von Erfahrungen
im Konfliktfeld erlebt das Kind zu Beginn des Prozesses, wie die
beiden Erscheinungsweisen der Gegenstände, als voneinander noch
relativ getrennt. Da sie jedoch eine gemeinsame Gegenstandsbasis
haben, sind sie schon immer auch miteinander verbunden. Je häufi-
ger sie sich wiederholen, desto mehr überlagern sie sich gegen-
seitig, desto obskurer erscheinen die Gegenstände, und zwar in
beiden Existenzweisen, desto unklarer, widersprüchlicher, blasser
und schwächer werden Tätigkeitsperspektiven, desto verzweifelter
aber auch (angesichts der Unmöglichkeit, aus dem Feld zu gehen)
die Suche nach einer Orientierung.
Dieser Prozeß läßt sich durch folgende Entwicklungen im einzelnen
charakterisieren: Aufgrund der gleichsam gedoppelten Lebenspraxis
bildet das Kind in bezug auf die kritischen Gegenstände zwei
Handlungsstränge heraus, die zwar miteinander in Beziehung,
zugleich aber in einem antagonistischen Verhältnis zueinander
stehen, weil sie sich jeweils auf den gleichen Gegenstand, jedoch
in zwei einander negierenden Existenzweisen richten. Sie konsti-
tuieren so eine in sich widersprüchliche Tätigkeitsstruktur, ha-
ben einander widersprechende Aspekte und Bedeutungen der Gegen-
stände zum Ziel. Indem sich beide Handlungsstränge immer gegen-
seitig aktualisieren, geht ihre zu Beginn noch partiell beste-
hende Eigenständigkeit und innere Konsistenz ebenso verloren wie
die Klarheit ihrer Ziele. Dies, da fortschreitend die Bedeutungen
der Gegenstände ununterscheidbarer werden und damit auch die auf
die Gegenstände gerichteten Handlungsziele immer weniger trenn-
scharf widergespiegelt werden können (der Gegenstand gewinnt zu-
nehmend die Bedeutung A und Nicht-A zugleich). Sowohl die Gegen-
stände als auch ihre Bedeutungen erfaßt das Kind also nicht in
ihrem Antagonismus, sondern nur uneindeutig. Damit verliert das
psychische Abbild an objektivem Gehalt und Orientierungsfunktion
für die Tätigkeit. Die Handlungsziele büßen damit ebenfalls ihre
orientierende Wirkung mehr und mehr ein, schließlich sogar ihre
handlungsbestimmende Qualität. Je mehr sich die Bedeutungen über-
lagern und so eine immer schwerer aufzulösende Widerspruchsein-
heit bilden, desto stärker versucht das Kind, sie auseinanderzu-
halten und klar zu fassen. Indem es sich in diesem Prozeß immer
mehr den allgemeinen Momenten der Gegenstände zuwendet, geht de-
ren Modalität, sinnliche Qualität und Lebendigkeit im Abbild zu-
rück. In diesem zunehmenden Verlust der Sinnlichkeit der Realität
sehen wir auch eine Voraussetzung dafür, daß diese für das Kind
immer weniger Bestand hat (s. auch Leontjew, 1980, S. 130, S.
136).
Angesichts des von Beginn an existierenden Bedeutungsdilemmas
kann das Kind den Dingen, Personen und Beziehungen im Konflikt-
feld keinen tragfähigen klaren persönlichen Sinn abringen. Da es
ohne Sinngebung nicht leben kann, wandert es in dem Bemühen, sich
persönlich auf die Gegenstände einzulassen, zwangsläufig zwischen
ihren inkompatiblen Bedeutungsinhalten hin und her und macht Er-
fahrungen von Orientierungs- und Sinnlosigkeit. Im Zuge der Zeit
schwächen sich diese Versuche, in den Gegenständen und ihren Be-
deutungen doch noch einen persönlichen Sinn zu finden, ab. Das
Kind produziert statt dessen immer häufiger "entstellte oder
phantastische Vorstellungen und Ideen", "die in der realen prak-
tischen Lebenserfahrung keinerlei realen Boden haben" (Leontjew,
1980, S. 149). Die Tätigkeit, durch den inneren Widerspruch ge-
kennzeichnet, kann so ihren Gegenstand nicht finden. Das Kind
zieht sich immer mehr von der Außenwelt zurück, schränkt seine
praktische Tätigkeit im Konfliktfeld zunehmend ein. Indem es sich
in diesem Prozeß der äußeren Realität entzieht, gewinnen gegen-
über den auf sie gerichteten praktischen Tätigkeiten und Handlun-
gen innere, von der Objektlogik sich ablösende Prozesse fort-
schreitend an Gewicht. Damit unterwirft sich das Kind selbst mehr
und mehr der Herrschaft des Ideellen und legt so den Grundstein
zur späteren Herausbildung seiner subjektivistischen Logik.
Entsprechend der Struktur der Tätigkeit bilden sich in den sie
anregenden Motiven ebenfalls zwei einander widersprechende, in-
kompatible Seiten aus, die ihre tätigkeitsstimulierende Kraft
hemmen. Wie wir zeigten, haben die Erfahrungen mit den Gegenstän-
den im Konfliktfeld alle die gleiche Struktur. Aus den verschie-
denen Einzeltätigkeiten und den sie realisierenden Handlungen
entwickelt sich ebenfalls ein zusammenfassendes vereinheitlichen-
des Muster, das wie die einzelnen Handlungen und Tätigkeiten
durch Widersprüchlichkeit bei zunehmender Vermischung beider Wi-
derspruchsseiten gekennzeichnet ist. Eine vergleichbare Systema-
tisierung erfolgt hinsichtlich der Motive. Dem neu gebildeten Tä-
tigkeitsmuster als charakteristische Bewegungsform des Kindes im
Konfliktfeld korrespondiert ein entsprechend übergeordnetes Mo-
tiv, das wie die Einzelmotive inkompatible Widersprüche aufweist
(im folgenden: Konfliktmotiv als Ergebnis der Hierarchisierung
der verschiedenen Einzelmotive im Konfliktbereich). In diesem
treten die Merkmale der Gegenstände zurück zugunsten der Art und
Weise, in der die Personen sich mit ihnen in Beziehung setzen und
welche Bedeutung sie ihnen geben (daher läßt sich dieses Motiv
auch als interpersonales oder Ich-Motiv bestimmen). Wegen der Wi-
dersprüchlichkeit geht die tätigkeitsregulierende Funktion dieses
zentralen Motivs ebenfalls zurück, der Kontakt zu den Gegenstän-
den im Konfliktfeld, der Bezugsperson und zur eigenen Person
entrealisiert sich und gewinnt zunehmend die Qualität des Gedach-
ten. Je existentiell bedeutsamer das Konfliktthema der Bezugsper-
son als Entwicklungsthema für das Kind wird, je verwickelter
seine Beziehung, je isolierter es von anderen Erfahrungsmöglich-
keiten ist, desto wahrscheinlicher nimmt das Konfliktmotiv einen
hohen Rang in der Gesamtmotivhierarchie ein, führt dann als Leit-
motiv zu einer schwerwiegenden Gefährdung der psychischen Ent-
wicklung des Kindes.
Wiewohl das Kind das Dilemma, in dem es sich bewegt, bewußt immer
weniger genau widerzuspiegeln vermag, bildet es dieses emotional
deutlich ab in Gefühlen der Ambivalenz, Unsicherheit und Hilflo-
sigkeit. Diese spitzen sich zu und gewinnen immer mehr den Cha-
rakter emotionaler Zerrissenheit, des Ausgeliefertseins an fremde
Mächte und der Ohnmacht ihnen gegenüber. Welche Lösungswege, den
Konflikt zu überwinden, verbleiben nun dem Kind? Ein Ausweg
könnte darin bestehen, daß sich das Kind das Tätigkeitsmuster der
Bezugsperson aneignet. Dazu jedoch fehlt ihm die notwendige Vor-
aussetzung, nämlich Realität und ihre ideologisierende Umdeutung
zuverlässig voneinander abzugrenzen. Aus dem Felde gehen oder
Nichts-Tun sind ebenfalls nicht möglich, weil das Konfliktfeld
für das Kind existentiell bedeutsam ist. Es muß also im Konflikt-
bereich eine Orientierung und Praxisperspektive gewinnen. Das
geht nur, indem das Kind eine neue Beziehung zu den Gegenständen
(den Dingen, Personen, zu sich selbst usw.) aufbaut, die sich
qualitativ sowohl von der objektlogisch als auch der ideologisch
bestimmten unterscheidet, die zugleich die doppelte Existenz der
Gegenstände aufhebt, womit eine relative Widerspruchsfreiheit im
Verhältnis zur Umwelt und in der Subjektivität zurückgewonnen
werden kann. Auch wenn das Kind die Strategien der Krisenbewälti-
gung der Bezugsperson nicht kopieren kann, hat es doch keine
wirklichen Alternativen gelernt. Daher wird es strukturell ver-
gleichbare Wege einschlagen, indem es den Konflikt mit Mitteln
der inneren Tätigkeit zu lösen versucht, also Realität deutet,
anstatt sie praktisch zu verändern, mit dem Ziel, die durch die
Bezugsperson vermittelte antagonistische Widersprüchlichkeit ide-
ell aufzuheben. Zunächst wird das Kind diese neue Strategie ver-
einzelt anwenden. Derartige Einzelaktivitäten bezeichnen wir als
subjektivistische Akte der Widerspruchsverarbeitung. Sofern sie
sich zu einer durchgängigen Tätigkeitsform zusammenschließen,
sprechen wir von subjektivistischer Logik (Pkt. 5.): Das Subjekt
bestimmt sich im Konfliktfeld nun nicht mehr durch die Logik der
Objekte, sondern durch deren subjektlogische Deutungen, die es
behandelt, als seien sie stofflich real. Dieser neue Bezug zur
Realität unterscheidet sich qualitativ sowohl von dem durch die
Objektlogik bestimmten als auch von dem ideologiedominierten Um-
gehen mit Gegenständen im Konfliktfeld, weil in diesen beiden
Praktiken die Realität und die Ideologie in ihrer jeweiligen Exi-
stenz als dem Subjekt gegenübertretende Objekte behandelt werden,
was in der subjektivistischen Logik, wie wir zeigen werden, nicht
mehr der Fall ist. Der Begriff der subjektivistischen Logik
stellt für uns einen Metabegriff dar, der beschreiben will, daß
alle psychischen Prozesse, die mit dem Konfliktthema in Verbin-
dung stehen, sich dem gleichen Muster gemäß entwickeln. Er cha-
rakterisiert damit keinesfalls bloß Widerspiegelungsprozesse oder
gar nur Kognitionen.
Den Weg der Entwicklung von vereinzelten subjektivistischen Akten
bis zu der Herausbildung der subjektivistischen Logik stellen wir
uns folgendermaßen vor: Von Beginn des Eintritts des Kindes in
das von seiner Bezugsperson strukturierte Konfliktfeld an und
aufgrund dieser Struktur antwortet das Kind auf sein Dilemma
zunächst gelegentlich und probeweise mit subjektivistischen Ak-
ten. In dem Maße, wie in seiner Interaktion mit der Bezugsperson
sowohl die ideologisierte als auch die an materieller Realität
orientierte Existenzweise der Gegenstände ins Wanken gerät, wird
das Kind immer häufiger in subjektivistischen Akten eine Sicher-
heit wiederzugewinnen trachten. Sobald in der Entwicklung des
Kindes Themen in den Vordergrund treten, die inhaltlich in das
Konfliktthema der Bezugsperson eingreifen, das Kind also, indem
es seine eigene (zunächst nicht auf die Bezugsperson zielende)
Praxis entwickelt, sogleich deren Konfliktthema und Abwehrstrate-
gien mobilisiert, wendet es, um sich vor den Auswirkungen der my-
stifizierten Gewalt zu schützen, fortschreitend öfter solche Tä-
tigkeitsakte an. Indem das Kind darin zwar eine (Schein-)Lösung
seiner Probleme findet, damit auch positive Effekte im Verhältnis
zur Bezugsperson (s. die Paradoxa in Pkt. 5.), verschärft es
zugleich die Konfliktlage, weil es sich zunehmend den Zugang zur
Objektlogik verstellt. Dies wiederum führt dazu, mehr und mehr
subjektivistisch zu agieren. Dabei verselbständigt sich diese Art
des Umgehens mit den Widersprüchen im Konfliktfeld, wird immer
unabhängiger vom Einfluß der Bezugsperson praktiziert und so nach
und nach zu einem festen Bestandteil der kindlichen Subjektivi-
tät, allerdings immer noch ohne die Bewegungen des Kindes im Kon-
fliktfeld zu dominieren. Aufgrund seiner inneren Dynamik trägt
dieser Prozeß seinen qualitativen Umschlag in sich, indem er
einen Punkt erreicht, an dem sich die objektlogischen Bezüge so
weit lockern, daß sie quasi von allein reißen. Dabei bedarf es
häufig nur eines wenig dramatischen Ereignisses, das allerdings
thematisch relevant und subjektiv bedeutsam, keinesfalls aber ob-
jektiv stark belastend sein muß (wie dies Life-event-Forscher im-
mer noch annehmen, s. z.B. Katschnig, 1980). Dieses Ereignis
bringt den Faden zum Zerreißen: In der subjektivistischen Trans-
formation entwickelt sich die subjektivistische Logik zum durch-
gängigen Strukturelement der Bewegung im Konfliktfeld.
5. Subjektivistische Logik
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In diesem Prozeß setzt das Kind (im folgenden: Subjekt) schließ-
lich die objektive Logik der Gegenstände sowohl in ihrer materi-
ellen als auch ideologischen Existenzweise außer Kraft. Durch
diese Abtrennung der psychischen Prozesse von den Eigengesetz-
lichkeiten der Gegenstände und dem damit einhergehenden Verlust
ihrer sinnlichen Abbildung im Bewußtsein kann das Subjekt auch
deren antagonistische Struktur ideell aufheben und in seiner Sub-
jektivität ein in sich konsistentes, jedoch allein durch seine
rein subjektive Logik (abgespalten von der objektiven Logik und
daher subjektivistisch) bestimmtes Abbild der Konfliktgegenstände
erzeugen. Dieses Produkt verlagert das Subjekt nach außen, be-
trachtet und behandelt es als real existierenden Gegenstand der
Objektwelt (besonders deutlich in Halluzinationen). In diesem in
Analogie zur Psychoanalyse durchaus als Projektion zu charakteri-
sierenden Prozeß richtet sich das Subjekt nun in seiner Tätigkeit
auf seine subjektivistische Neufassung des Gegenstandes, die es
gewissermaßen vor diesen setzt. 5) Dem Subjekt erscheint seine
Tätigkeit im Konfliktfeld, da es das Projizierte für Realität
hält, als eine Subjekt-Objekt-Beziehung, doch in Wirklichkeit
handelt es sich um eine Beziehung zu sich selbst, um eine Sub-
jekt-Subjekt-Beziehung unter Umgehung der Eigengesetzmäßigkeiten
der Objektwelt. Somit existiert die Welt im Konfliktbereich für
das Subjekt nicht mehr in ihrer von ihm unabhängigen Qualität,
sondern transformiert ausschließlich in den subjektlogischen Be-
ziehungen und Bedeutungen, die das Subjekt zu ihr herstellt bzw.
ihr gibt. Die damit verbundene Bewegungsform des Subjekts be-
zeichnen wir als psychische Störung.
Die Inhalte der subjektivistischen Logik (die sich in je spezifi-
scher Form in allen psychischen Vollzügen ausdrücken) schöpft das
Subjekt aus dem Stoff des alten Konfliktthemas. Dabei erfährt das
schon vor der Transformation dominierende Ideologische, da es
sich nun von allen Fesseln der Realität loslöst, eine fast gren-
zenlose ideelle Überdimensionierung (vgl. z.B. als Analogie den
Traum). Diese Überdehnung und Transformation des Ideologischen in
der subjektivistischen Logik geht so weit, daß der frühere Reali-
tätsgehalt im Konflikt nur noch als Negation seiner selbst er-
scheint und sich in dieser radikalen Auslassung äußert und damit
in besonderer, krasser Form. Deshalb wirkt die subjektivistische
Fassung des Gegenstands und seine Beziehung zu ihm absurd und
quasi gegen ihre Urheber kritisch gewendet (z.B. in Form exzessi-
ver Sauberkeitrituale, welche die bürgerliche Ordnungsideologie
entlarven). Obwohl sich diese Neuschöpfung z.T. schwer verständ-
lich ausdrückt, in der Sprache der subjektivistischen Logik
(Bilder, Symbole, Metaphern, Rituale, Paradoxa u.a.), sind ihre
Inhalte keinesfalls beliebig, da die Welt als "Welt für mich" er-
halten bleibt, nur in ihrer Existenz an sich (dahinter) ver-
schwindet (Verständlichkeitspostulat für psychische Störungen).
Den gesamten Prozeß bezeichnen wir als subjektivistische Trans-
formation des früheren Konflikts. Diese vollzieht das Subjekt mit
dem der Praxis der Bezugsperson strukturell analogen Muster, in
Krisen Realität umzudeuten, statt sie zu ändern. Durch die Trans-
formation entsteht ein qualitativer Umbruch in der Subjektivität,
der allerdings zu keiner Höherentwicklung führt. Diese Konstella-
tion, nämlich die Bildung einer neuen Qualität in der Strukturie-
rung des Psychischen ohne die Erreichung eines höheren Niveaus,
definieren wir als Negation der Position. Diesen Begriff entwic-
keln wir in Anlehnung an das Vokabular der Dialektik. Er dient
uns zur Veranschaulichung der Richtung der psychischen Prozesse
in der Transformation: Zurückdrängung und Fixierung des Subjekts
auf eine Scheinlösung, die psychische Gestörtheit und Stagnation
bedeutet. Zur näheren Bestimmung dieser Scheinlösung siehe auch
die weiter unten formulierten Paradoxa.
Durch die subjektivistische Überwindung des Antagonismus im Kon-
fliktbereich gewinnt die Tätigkeit eine einheitliche Form. Damit
wird das Subjekt wieder fähig, aus seiner Perspektive eindeutig
tätig zu werden. Die allgemeine Tätigkeitsstruktur bestimmt sich
primär durch die neue Subjekt-Subjekt-Beziehung. Darin läuft die
Tätigkeit, da sie letztlich nur die eigene Person zum Gegenstand
hat, auf das Subjekt zurück. Ihr kommt daher nur noch eine zirku-
läre, in sich selbst zurücklaufende, lediglich reproduktive Qua-
lität zu. Damit geht von der Tätigkeit im Konfliktbereich, weil
ihr der Objektlogikbezug fehlt, keine entwicklungsfördernde Po-
tenz mehr aus. Ihr Selbstbezug und Wiederholungscharakter
(Zirkularität, Reproduktivität, Rigidität) schließen aber keines-
wegs aus, daß sie sich in ihrer Form verändert, reichhaltiger und
komplexer strukturiert (s. z.B. sich immer mehr verfeinernde
Wahnsysteme), allerdings ohne zur qualitativen Weiterentwicklung
des Subjekts im Konfliktfeld beizutragen. Selbstverständlich be-
wegt sich das Subjekt mit dem transformierten Tätigkeitsmuster
auch weiterhin im Kontext der objektiven Realität. Dieses Sub-
jekt-Objekt-Verhältnis ist nicht identisch mit dem vom Subjekt
(über Projektion) hergestellten. Damit besteht eine Differenz
zwischen der vom Subjekt erlebten Subjekt-Objekt-Beziehung und
dem wirklichen Subjekt-Objekt-Verhältnis. Dieser jetzt entstan-
dene Widerspruch stellt eine ständige Quelle der Labilisierung
der Bewegungsform des psychisch gestörten Subjekts dar. Als Ab-
wehr dagegen setzt es die subjektivistische Logik ein.
Weil die Tätigkeit aufgrund des neuen, subjektivistischen Reali-
tätsbezugs in sich widerspruchsfrei geworden ist, kann sie sich
nun auch in einem konsistenten Handlungsmuster realisieren. Die
Handlungen zielen jetzt auf Gegenstände, Personen, die eigene
Person usw. im Konfliktfeld in ihrer subjektivistischen Fassung.
Sie sind damit für das Subjekt angemessen und effektiv. Von außen
betrachtet, wirken sie verquer und verrückt, da sie auf den quasi
hinter der subjektivistischen Neuschöpfung liegenden Gegenstand
gerichtet zu sein scheinen, dem sie selbstverständlich nicht an-
gemessen sind. Diese Verrücktheit der Handlungen ergibt sich so
aus der Diskrepanz zwischen ihrem Ziel für das Subjekt (dem sub-
jektivistisch neugeschöpften Gegenstand) und dem von außen be-
trachtet vermeintlichen Ziel (dem Gegenstand in seiner Materiali-
tät). Damit fallen zwangsläufig auch die vom Subjekt geplanten
und die aufgrund der Logik der Objekte tatsächlich erreichten Ef-
fekte auseinander. Deshalb und wegen der inhaltlichen Ausgestal-
tung der subjektivistischen Logik (ihrer Herkunft aus der Ideolo-
gie, die die Realität mehr und mehr dominierte, um sich in der
Transformation ganz von ihr zu lösen) zeigt sich diese Verrückung
oft als Überdimensionierung des Handlungsaufwands, die sich stän-
dig wiederholt (vgl. z. B. Zwangrituale). Obwohl also Handlungen
dem Betrachter als merkwürdig neben den Gegenstand greifend er-
scheinen, bleiben sie aus sich heraus jedoch prinzipiell ver-
ständlich, insofern ihre Ziele den objektlogischen Gegenstandsbe-
zug in transformierter Form enthalten. Wie die Tätigkeiten bergen
die Handlungen im Konfliktfeld wegen der Doppelung der Gegen-
stände, auf die sie zielen, die Tendenz ihrer Selbstaufhebung in
sich und tragen so dazu bei, die gerade gewonnene Tätigkeits-
struktur wieder zu labilisieren.
Nach der Transformation spiegelt das Subjekt den neuen Wirklich-
keitsbezug bewußt wider. Es kann nun auch den Gegenständen
(Dingen, Personen usw.) im Konfliktfeld klare Bedeutungen zuord-
nen. Diese stellen subjektivistisch verarbeitete gesellschaftli-
che Bedeutungen dar, sind somit einerseits Privatbedeutungen, an-
dererseits immer noch als gesellschaftlichen Ursprungs erschließ-
bar. Sie sind zu "Bedeutungen für mich" verkürzt, wobei die
Aspekte der "Bedeutung für andere" und "Bedeutung allgemein" je-
doch fehlen. Diese Privatbedeutungen der Gegenstände sind daher
auch identisch mit ihrem persönlichen Sinn (zu deren Inhalten
siehe unsere Überlegungen zu den Inhalten der subjektivistischen
Logik).
Auch auf der Motivebene bringt die Transformation eine Klärung.
Sowohl die Einzelmotive als auch das (übergeordnete) Konfliktmo-
tiv verlieren ihre Widerspruchsstruktur. Sie richten sich nun in
repressiver Art und Weise (s. dazu weiter unten) auf seine sub-
jektivistische Neuschöpfung der Realität (s. Subjekt-Subjekt-Be-
ziehung der Tätigkeit). Die transformierten Motive, besonders das
übergeordnete, spiegelt das Subjekt in der Regel bewußt wider.
Nicht bewußt hingegen ist ihm die Entwicklungsgeschichte dieser
Motive. Dies gilt für den vor der Transformation existierenden
Motivkonflikt ebenso wie für die Tatsache der radikalen Auslas-
sung der Logik der Realität in der neuen Motivhierarchie im Kon-
fliktfeld. Das Konfliktmotiv schließt die Person in sich selbst
ein und sichert den sie stabilisierenden Selbstbezug ihrer Tätig-
keiten, schützt zugleich vor der die subjektivistische Konstruk-
tion in Frage stellenden Objektlogik. Wegen der permanenten Wen-
dung auf die eigene Person fehlen dem Subjekt Erfahrungen, die
seine Motive anreichern, qualitativ verändern und weiterentwic-
keln. Das Konfliktmotiv ist daher von Beginn seiner Konstituie-
rung an durch eine gewisse Rigidität gekennzeichnet. Je häufiger
das Subjekt Objekterfahrungen abwehren muß, die seine neu er-
reichte Orientierung und Sicherheit labilisieren, desto mehr ri-
gidisiert sich die Motivation. Immer starrer wird sich das Sub-
jekt auf Gegenstände und Personen im Konfliktbereich motivational
beziehen, sich damit zunehmend unfreier machen. Indem so die Mo-
tive das Subjekt mehr und mehr bestimmen, statt daß das Subjekt
seine Motive beherrscht, entwickelt es fortschreitend eine Fremd-
heit gegenüber seinen Außenbezügen und zu sich selbst. Das Leit-
motiv stabilisiert sich in diesem Prozeß also in einer für die
weitere Entwicklung besonders ungünstigen Art und Weise.
Entsprechend der Vereindeutigung der Struktur und des repressiven
Charakters des Konfliktmotivs entwickelt das Subjekt in der
Transformation zunächst Gefühle der Beruhigung, die es aber
nicht-positiv erlebt. Diese emotionale Entlastung kann es jedoch
nur solange aufrechterhalten, wie es das Eindringen der Objektlo-
gik erfolgreich abwehrt. Daß in diesem Prozeß das subjektivisti-
sche System gefährdet bleibt, kommentiert die Person mit Gefühlen
von Angst. Gerade diese Emotionen kann sich das Subjekt (wegen
des Abgeschnittenseins vom Ursprungskonflikt und der subjektivi-
stischen Trennung von der Objektlogik) nicht erklären, sie er-
scheinen ihm deshalb als fremd und von ihm selbst nicht kontrol-
lierbar.
Sofern noch ein Verhältnis zur Bezugsperson besteht, verändert
dieses sich durch die psychisch gestörte Bewegungsform des Sub-
jekts. Mit ihr verfügt das Subjekt erstmals über eigenständige,
sogar relativ tragfähige Tätigkeitsformen und Sinnmuster, die ihm
eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber der Bezugsperson zu sichern
scheinen. Diese erweist sich jedoch als äußerst brüchig und kom-
pliziert. Indem sich das Subjekt nämlich, zwar in transformierter
Form, den nur deutenden Umgang der Bezugsperson mit Widersprüchen
zu eigen machte, hat es sich damit in ganz radikaler Weise auch
diesen Prinzipien gebeugt, ist in dieser Hinsicht in eine noch
stärkere, weil innere Abhängigkeit von ihr geraten. Es unterwirft
sich ihr auch insofern, als es seine subjektivistische Logik aus
dem vorgegebenen ideologischen Stoff herausarbeitet und so prak-
tiziert. Zugleich jedoch immunisiert sich das Subjekt mit dieser
Unterwerfung gegen die Deutemacht seiner Bezugsperson (wenn auch
nur zeitweise und partiell und ohne diese je in direkter Form in
Frage zu stellen). Die Lage des Subjekts der Bezugsperson gegen-
über ist so durch ein Paradoxon charakterisiert: Es kann Eigen-
ständigkeit nur in Unterwerfung und durch sie erreichen (erstes
Paradoxon: Eigenständigkeit durch Unterwerfung). Das gestörte Tä-
tigkeitsmuster des Subjekts stellt für die Bezugsperson aber auch
eine massive Provokation dar. Zum einen weil es ihr ihre eigenen
Bewältigungsstrategien in so überdimensionierter Form vor Augen
führt, daß sie ihr absurd und lächerlich erscheinen müssen, zum
anderen weil darin die Realität (welche die Bezugsperson durch
Ideologisierung außer Kraft zu setzen versuchte) so strikt ausge-
lassen ist, daß sie in dieser Form der Negation in besonders
deutlicher Weise hervortritt. Wir beschreiben diese Konstellation
als zweites Paradoxon: In der Unterwerfung unter die Prinzipien
der Bezugsperson und durch diese Unterwerfung gewinnt das Kind
Macht über sie (zweites Paradoxon: Macht durch Unterwerfung). Die
Bezugsperson, die das Muster der Bewegung des gestörten Subjekts
als Zerrbild ihrer selbst erlebt, fühlt sich zunehmend irritiert
und bedroht, antwortet mit Akten mystifizierter Gewalt und trägt
so zur Verfestigung der psychischen Störung bei. 6)
Was erreicht das Subjekt nun durch diese Art und Weise der Kon-
fliktlösung? Die Herausbildung der subjektivistischen Logik
stellt die einzig mögliche, aus der Perspektive des Subjekts
sinnhafte, insofern adäquate Antwort auf seine Lebenssituation
dar. Durch die Transformation gelingt ihm, mindestens zeitweise,
eine Vereindeutigung der vorher bis ins Extrem gesteigerten Wi-
dersprüche im Tätigkeits- und Motivsystem. Es verschafft sich,
wenngleich nie sicher und auf Dauer, emotionale Entlastungen,
eine Orientierung und Praxismöglichkeiten, damit einen lebbaren
Bezug zu Gegenständen und Personen im Konfliktbereich. Zugleich
bietet die subjektivistische Logik wenigstens Ansätze zur Gewin-
nung von Identität. Auf der anderen Seite versperrt sie Zugänge
zu längerfristig produktiver Konfliktverarbeitung und Persönlich-
keitsentwicklung.
6. Labilisierung und Stabilisierung der psychischen Störung
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Die soziale und materielle Realität, in der sich das Subjekt bei
allem Selbstbezug seiner Tätigkeit weiterhin bewegt, widerspricht
der subjektivistischen Logik und labilisiert ständig die Bewe-
gungsform des Subjekts. Von dieser Widerständigkeit der Objektlo-
gik gehen Risiken sowie Chancen für die weitere Entwicklung aus.
Entweder werden in der Abwehr gegen die Einflüsse der objektiven
Realität immer mehr Lebensbezüge subjektivistisch transformiert,
oder es kommt zu einer konstruktiven Entwicklungswende. Ob sich
die Störungen in der Subjektivität, den Beziehungen zur Außenwelt
und zu sich selbst habitualisieren, systematisieren und über den
bisherigen Konfliktbereich hinaus generalisieren 7) oder ob es
das Subjekt schafft, seine subjektivistische Logik zu normalisie-
ren, hängt von verschiedenen Bedingungen ab. Primär sicherlich
von Art und Umfang der personalen Beziehungen des Subjekts und
den sozialen Reaktionen auf seine psychisch gestörte Bewegungs-
form (im privaten Bereich, in der Arbeitswelt usw.). Diese be-
stimmen sich zum einen durch Form und Schweregrad der Störung,
zum anderen von dem formationstypischen, klassen- und schichtspe-
zifischen Bild psychischer Gestörtheit und von der Qualität psy-
chosozialer Gesundheitssicherung, die ebenso je nach gesell-
schaftlichem Status variiert. Wir verweisen hier besonders auf
Gleiss (1980), die den angesprochenen Kontext zwischen psychi-
schen Störungen, Sozialstruktur und Gesundheitssystem, gestützt
auf Ergebnisse sozialepidemiologischer sowie sozialpsychiatri-
scher Forschung, umfassend analysiert.
Eine Überwindung gestörter Subjektivität gelingt nur, wenn das
Subjekt über personale Beziehungen vermittelte (z.B. auch thera-
peutisch organisierte) Erfahrungen über sich, die objektive Re-
alität und seine Bezüge zu ihr macht, die es als starke Konfron-
tation und zugleich als ausreichend tragfähig motivierende Alter-
native zu seiner bisherigen Bewegungsform erfährt. Anderenfalls
generalisiert sich seine subjektivistische Logik auf weitere Le-
bensbeziehungen, so daß sich das Gesamtsystem seiner Tätigkeiten
und Motive mehr und mehr gemäß dieser Logik strukturiert. Dies
schließt mit ein, daß das Subjekt die beiden formulierten Para-
doxa der Interaktion mit seiner Bezugsperson auf vergleichbare
Personen und Situationen überträgt und verallgemeinert. Als Folge
dieses Prozesses der Generalisierung setzen soziale Isolierungen
ein, welche die ohnehin schon ausgeprägte Selbstisolation des
Subjekts (s. Subjekt-Subjekt-Beziehung, Selbstbezug der Tätigkei-
ten) verstärken. Personen im Umfeld des psychisch Gestörten zie-
hen sich zurück, da sie ihn nicht mehr verstehen, für verrückt
erklären und nur noch mit Hilflosigkeit und Abwehr auf ihn rea-
gieren (Zusammenbruch der Perspektivenverschränkung). Soziale Di-
stanzierungen gehen in der Regel mit Diskriminierungen einher,
die sich am gesellschaftlichen Bild psychischer Gestörtheit ori-
entieren. Diffamierungen setzen danach hauptsächlich aus zwei
Gründen ein: Zum einen, weil psychisch Gestörte der bürgerlichen
Leistungsnorm nicht entsprechen, zum anderen, weil sie in ihrer
Störung bürgerliche Ideologie so überdimensioniert leben, daß sie
darin ihrer Umwelt die eigene gesellschaftliche Gefangenheit pro-
vokant widerspiegeln. Sie weichen also keineswegs von bürgerli-
cher Lebensform und Ideologie ab, indem sie diese unterschreiten,
wie dies Labeling-Theoretiker nahelegen, sondern vielmehr durch
Übersteigerung (s. Pkt. 5.). Folgerichtig reagieren gesellschaft-
liche Kräfte auf diese Provokation denn auch mit Mitteln mystifi-
zierter Gewalt.
Im Zuge solcher Prozesse, die u. U. bis hin zur sozialen Ausgren-
zung gehen, rückt die objektive Realität immer mehr aus dem Tä-
tigkeitsfeld des gestörten Subjekts und verliert damit ihre labi-
lisierende Kraft, somit auch ihre potentiell konstruktive Wir-
kung. Die Virulenz der psychischen Störung nimmt ab, was zwar
Rückgang der Bedrohung des Subjekts und seines subjektivistischen
Systems und insofern stärkere relative Ruhigstellung bedeutet,
jedoch zugleich durch die damit verbundene Rigididierung seiner
Bewegungsform mögliche Wege zu produktiven Lösungen verstellt,
somit auch Therapiechancen vermindert. Sicherlich gibt es in sol-
chen Prozessen einen qualitativen Punkt, hinter dem Versuche kon-
struktiver Einflußnahme weitgehend unwirksam bleiben, nämlich
dann, wenn die subjektivistische Logik die Persönlichkeitsstruk-
tur so weit dominiert, daß sie die Objektlogik in allen relevan-
ten Lebensbeziehungen verdeckt.
Literatur:
----------
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Roer, D., Henkel, D.: Psychisch gestörte Subjektivität aus der
Sicht der Kritischen Psychologie und der Tätigkeitspsychologie.
1986 (i.V.).
_____
1) Sofern wir im folgenden Entstehungsbedingungen und Entwick-
lungsprozesse psychischer Störungen gesellschaftlich näher kon-
kretisieren, tun wir dies am Beispiel dieser Schichten, die am
häufigsten und am stärksten von psychischen Störungen betroffen
sind (s. z.B. Dohrenwend u. Dohrenwend, 1974; Dillingu.a., 1984).
2) Die grundlegende objektive Bedingung für psychisch gestörte
Entwicklung (Antagonismus zwischen Realität und Ideologie) finden
wir auch in den höheren Schichten der Arbeiterklasse, jedoch mit
dem Unterschied, daß mit steigender sozioökonomischer Position
der Ausgangswiderspruch inhaltlich sich zunehmend weniger durch
den Gegensatz von Kapital und Arbeit und mehr und mehr durch an-
dere, auch formationsübergreifende Kräfte bestimmt (z. B. Bela-
stungen, die sich für Frauen aus den Widersprüchen zwischen ihrer
gesellschaftlichen Lage und Weiblichkeitsideologien ergeben).
Auch in diesen Fällen müssen aber zusätzliche Bedingungen wirken
(auf die wir hier nicht näher eingehen), damit eine antagonisti-
sche Situation entsteht.
3) Den Begriff Gegenstand verwenden wir mit Leontjew in umfassen-
der Bedeutung (Dinge, Personen, Ideen usw.).
4) Stellvertretend im "wohlverstandenen Interesse" des gesell-
schaftlich Schwächeren (des Kindes wie auch der Frau) zu handeln,
ist eine mystifizierende Strategie der Herrschaftssicherung in
der bürgerlichen Familie wie auch allgemein in der bürgerlichen
Gesellschaft.
5) In der Art und Stärke der damit verbundenen Umdeutung und Ver-
stellung der Realität sehen wir Kriterien zur Bestimmung des
Schweregrades psychisch gestörter Subjektivität und (in Anlehnung
an die konventionelle Einteilung) auch zur Differenzierung zwi-
schen Neurosen und Psychosen.
6) Wiewohl wir diese problematische Konstellation erst hier in
ihrer Relevanz für die Verfestigung der subjektivistischen Logik
beschreiben, ist sie nicht auf diese Funktion beschränkt. Sie
läßt sich schon vor der Transformation beobachten, spielt auch
bereits in den subjektivistischen Akten eine Rolle, ohne aller-
dings der entscheidende Faktor für die Herausbildung der subjek-
tivistischen Logik zu sein.
7) Auf den sich ändernden Stellenwert der subjektivistischen Tä-
tigkeit im Gesamtsystem der Tätigkeit des Subjekts und damit in
seiner Persönlichkeit gehen wir hier nicht näher ein (s. Henkel
u. Roer, 1985; Roer u. Henkel, 1986).
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