Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 10/1986


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THEORIE UND PRAXIS DER BETREUUNG VON KRIPPENKINDERN IN DER DDR

Eva Schmidt-Kolmer 1. Der konkret-historische Aspekt - 1.1 Der Aufbau von Kinder- krippen als sozialpolitischer Beitrag zur Befreiung der Frau - 1.2 Die erste Periode (1950/60) - Pflege, Hygiene, gesundheit- liche Betreuung im Vordergrund - 1.3 Einfluß der Lebensbe- dingungen auf die Entwicklung der Kinder - 1.4 Die zweite Periode (1960/70) - Umwandlung der Krippen in Einrichtungen der gesellschaftlichen Erziehung - 1.5 Die dritte Periode (ab 1970) - Ausbau der Planungs- und Leitungstätigkeit - 1.6 Interdiszipli- näre Erforschung der Entwicklung der Krippenkinder und der Wirkung des Bedingungsgefüges - 1.7 Der Einfluß der Familien- verhältnisse auf die Entwicklung der Krippenkinder - 1.8 Mutter- Kind-Beziehungen und ihre Auswirkung auf die soziale Adaptation bei der Aufnahme des Kindes in die Krippe - 2. Zum theoretischen Aspekt der Persönlichkeitsentwicklung als Aneignungsprozeß - 2.1 Die äußeren Bedingungen der individuellen Vergesellschaftung - 2.2 Die Rolle der Hirntätigkeit bei der Wechselwirkung des Kindes mit seiner Umwelt - 2.3 Die sinnliche Erkenntnis als erste Ebene der Widerspiegelung der Wirklichkeit - 2.4 Herausbildung des Tätigkeitssystems - 2.5 Emotionale Bindung - die erste Etappe der Vergesellschaftung - 2.6 Die 2. Etappe der Vergesellschaftung - Sprache und Spracherwerb - 2.7 Sprach- und Handlungsfähigkeit bedingen sich gegenseitig - 2.8 Sprachlich-begriffliches Bewußt- sein - zweite Ebene der Widerspiegelung - Herausbildung des Den- kens und des Selbstbewußtseins 1. Der konkret-historische Aspekt --------------------------------- Das Kind wird mit allen artspezifischen biologischen Vorausset- zungen zur Herausbildung seiner menschlichen Persönlichkeit gebo- ren. Um diese entwickeln zu können, muß es sich aber vom Moment seiner Geburt an in seiner konkret-historischen gesellschaftli- chen Umwelt zurechtfinden, sich an sie gewöhnen und in aktiver Auseinandersetzung mit ihr die menschlichen Fähigkeiten aneignen, die es ihm ermöglichen, ein gesellschaftliches Wesen zu werden. Es benötigt dafür Fähigkeiten und Fertigkeiten, Wissen und Kön- nen, mit denen es die Welt kennen und erkennen lernt, seine Be- ziehungen zu ihr zweckmäßig gestaltet, mit Gebrauchsgegenständen und Werkzeugen umgeht, mit anderen Menschen in Interaktion und Kommunikation treten kann. Diese menschlichen Wesenskräfte kann sich das Kind nur mit Hilfe der Erwachsenen schrittweise in einem umfassenden Lernprozeß aneignen. Triebkräfte sind dabei die Wi- dersprüche zwischen seinen Bedürfnissen, seinem Wollen und seinem Wissen und Können, die es nur in aktiver Tätigkeit überwinden kann. Die erste Auseinandersetzung mit seiner gesellschaftlichen Umwelt erlebt das Kind in der Familie, in die es hineingeboren wurde. In ihr spiegeln sich die formations-, klassen- und gruppenspezifi- schen Besonderheiten, die sich aus der gesellschaftlichen Stel- lung seiner Eltern ergeben. 1.1 Der Aufbau von Kinderkrippen als sozialpolitischer Beitrag -------------------------------------------------------------- zur Befreiung der Frau ---------------------- Zu den größten Unterschieden in der Lebensweise und den Lebensbe- dingungen der Menschen in der BRD und der DDR gehören die Stel- lung der Frauen und der Jugend sowie die Art der Betreuung und Erziehung der Kinder, insbesondere in der frühen Kindheit. In der modernen Industriegesellschaft hat sich die Rolle der Familie entscheidend verändert. Die außerhäusliche Berufstätigkeit der Frauen hat immer mehr zugenommen. Die Bedeutung der Hauswirt- schaft als wirtschaftlicher Faktor für die Reproduktion der Fami- lie ist immer mehr zurückgegangen. An ihre Stelle trat der tech- nisierte Haushalt, in dem nicht mehr für die Konsumtion produ- ziert wird. Die wichtigste Funktion der Familie ist heute die in- time Lebensgemeinschaft und Partnerschaft von Mann und Frau, so- wie ihre Rolle bei der Reproduktion der Menschheit, bei der Er- ziehung der jungen Generation. Die Veränderungen in der Funktion der Familie haben sich auf ihre ganze Struktur und ihren inneren Zusammenhalt ausgewirkt. Die alte Großfamilie, in der drei Generationen mit vielen, nicht nur den nächsten Verwandten und ihren Kindern zusammenlebten, ist verschwunden. An ihre Stelle ist die Zwei-Generationsfamilie (Eltern - Kinder) getreten. Großeltern und andere Verwandte leben meist weit getrennt von der jungen Kleinfamilie. Die Zahl der Kinder in der Familie ist auf 1-2 gesunken. Kinderreiche Familien sind selten geworden. Der Wunsch der jungen Frauen nach Berufstä- tigkeit, wirtschaftlicher Selbständigkeit und gesellschaftlicher Betätigung ist immer mehr in Widerspruch geraten zu dem alten Leitbild von der Rolle der Frau als Hausfrau und Mutter und al- leinige Betreuerin der Kinder. Dieses Dilemma hat sich in den ka- pitalistischen Ländern zu einem Hemmnis für die Persönlich- keitsentfaltung der Frauen, aber auch ihrer Männer und Kinder entwickelt. Die sozialistischen Länder, insbesondere die DDR, gingen von vornherein von dem grundlegenden Ziel der Partei der Arbeiter- klasse aus, die Befreiung der Frau und ihre Gleichwertigkeit durch ökonomische Selbständigkeit, rechtliche Gleichstellung, schrittweise Beseitigung aller Diskriminierung im Bildungswesen sowie durch gesellschaftliche Unterstützung der Eltern in ihrer Erziehungsfunktion zu gewährleisten. Einer der wichtigen Schritte dazu war der Aufbau eines lückenlosen Systems der gesellschaftli- chen Erziehung von der frühen Kindheit an. Dabei erhielten die Kinderkrippen ähnlich wie die Kindergärten nicht nur die Aufgabe der Unterstützung der Eltern, sondern vor allem auch die der Ge- währleistung der Gesundheit und der allseitigen Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit. In der BRD ist über die Entwicklung und die "Arbeitsweise der Krippen sehr wenig bekannt; dieses Wenige wird noch durch zahl- reiche ideologische Angriffe gegen die Berufstätigkeit der Mütter von Kleinkindern sowie durch viele Vorurteile, tiefenpsychologi- sche oder verhaltensbiologische Auffassungen von der Mutter-Kind- Beziehung verzerrt und verteufelt. Die Entwicklung der Krippen in der DDR erforderte deshalb stets die Auseinandersetzung mit die- sen Vorurteilen und die enge Verknüpfung zwischen politisch-ideo- logischer, wissenschaftlicher und praktischer Arbeit. 1.2 Die erste Periode des Aufbaus (1950/60) - Hygiene, Pflege, -------------------------------------------------------------- gesundheitliche Betreuung im Vordergrund ---------------------------------------- In den ersten Jahren nach der Zerschlagung des Hitlerfaschismus standen die Antifaschisten und alle aufbauwilligen Kräfte im Ge- biet der heutigen DDR, der damaligen sowjetischen Besatzungszone, vor einer fast unlösbaren Aufgabe: den Schutt, die Ruinen, das materielle und geistige Elend zu beseitigen und gleichzeitig die Grundlagen zu legen für eine fortschrittliche Entwicklung, die zum Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft führt. In diesen ersten Jahren wurden dafür die entscheidenden Voraussetzungen ge- schaffen: 1) die vereinigte Partei der Arbeiterklasse - die SED, 2) mit der Gründung der DDR wurde eine Staatsmacht der Arbeiter und Bauern, des werktätigen Volkes geschaffen, 3) durch die Ent- eignung der Kriegsverbrecher, durch die Bodenreform, durch die Verstaatlichung der Banken und der Großindustrie wurden die ent- scheidenden wirtschaftlichen Positionen in die Hände des Volkes gelegt und der Übergang zur Planwirtschaft, zum Aufbau des Sozia- lismus ermöglicht, 4) die Beseitigung der kapitalistischen Aus- beutung und des Unterdrückungsapparates des staatsmonopolisti- schen Kapitalismus wurde von Anfang an verbunden mit wesentlichen sozial-, gesundheits- und bildungspolitischen Maßnahmen sowie rechtlichen Schritten, um die im Kapitalismus vorhandene Diskri- minierung der großen Masse des Volkes hinsichtlich ihrer staats- bürgerlichen Rechte, ihrer Bildungschancen usw. zu beseitigen. Die verfassungsmäßig garantierte Gleichberechtigung der Frauen wurde durch viele sozialpolitische Maßnahmen zur Gleichstellung der Frauen mit den Männern (z.B. gleicher Lohn für gleiche Ar- beit) sowie zum Schutz ihrer Rolle als Mütter verwirklicht. Dies erforderte eine Sozialpolitik auf lange Sicht, bei der viele organisatorische und erzieherische Funktionen und Aufgaben plan- mäßig von Gesellschaft und Staat übernommen wurden (soziale Dienstleistungen und Einrichtungen der gesellschaftlichen Erzie- hung). Zu einem der ersten grundlegenden Gesetze für die Verwirklichung der Gleichstellung der Frauen gehörte das im September 1950 be- schlossene Gesetz über den M u t t e r- u n d K i n d e r- s c h u t z u n d d i e R e c h t e d e r F r a u, in dem unter den wesentlichen finanziellen und materiellen Hilfen (Kindergeld, Schwangerenbetreuung) auch die Schaffung von Einrichtungen zur Betreuung von Säuglingen und Kleinkindern - die K i n d e r k r i p p e n - gesetzlich geregelt wurde. Sie wurden dem staatlichen Sektor des Gesundheits- und Sozialwesens unterstellt, d. h. den Abteilungen für Gesundheits- und Sozialwesen der Räte der Kreise unter fachlicher Anleitung durch das Ministerium für Gesundheitswesen der DDR. Dieser Beschluß leitete eine Entwicklung ein, die jetzt nach 35 Jahren dazu geführt hat, daß über 70 Prozent aller Kinder unter drei Jahren ab Ende des Wochenurlaubs ihrer Mütter (5 Monate) oder nach Ablauf des "Babyjahres" tagsüber (ein kleiner Teil auch Tag und Nacht während der Werktage) in Krippen betreut und erzogen werden (Tab. 1). Tabelle 1: Anzahl der Krippenplätze (ohne Saisoneinrichtung) sowie Versor- gungsgrad pro 1000 für die Betreuung in Frage kommender Kinder Jahr Krippenplätze Versorgungsgrad 1950 4 674 60 1960 81 495 143 1965 116 950 187 1970 166 700 291 1975 234 941 508 1980 284 712 612 1983 326 464 681 1984 339 154 700 Tabelle 2: Anteil der Plätze in Tages-, Wochen-, Saisonkrippen und Dauerhei- men in Prozent Jahr TK WK SK DH 1960 77,8 11,8 10,4 1965 56,1 26,9 11,3 5,8 1970 72,0 18,7 5,1 4,2 1975 82,9 13,1 2,1 1,9 1980 92,1 6,2 0,1 1,6 1983 94,2 4,3 0,1 1,4 Der Aufbau der Krippen, ihre Weiterentwicklung und die Qualifi- zierung ihrer Arbeit erforderte von Anfang an nicht nur die Lö- sung materieller, politischer und rechtlicher Fragen, sondern auch umfangreiche wissenschaftliche Forschung, um die Fragen, die die Praxis aufwarf, beantworten zu können. In den ersten Jahren nach dem Kriege war für zehntausende allein- stehende junge Mütter die Frage der Unterbringung ihrer Säuglinge und Kleinkinder ein brennendes Problem, sollten sie auf eigenen Füßen stehen, berufstätig sein oder sich ausbilden können. Die Zahl der Plätze in Einrichtungen für Säuglinge und Kleinkinder mußte schnell wachsen. Sie stieg von 1950 bis 1955 von etwa 4700 auf etwa 67000, die Zahl der Einrichtungen von 271 auf 2341 (Statist. Jhb. der DDR 1984). Dies wurde in jener Zeit der wirt- schaftlichen Not, in der es noch an den dringendsten Erfordernis- sen des täglichen Lebens fehlte, vor allem durch Übernahme, Umge- staltung und Ausstattung vorhandener Gebäude, Villen, Schlösser geflohener Fabriks- oder Gutsbesitzer, durch Umwandlung kleinerer Privatkliniken und anderer zweckdienlicher Gebäude verwirklicht. Viele dieser Gebäude befanden sich aber nicht in den Städten oder industriellen Ballungsgebieten, sondern außerhalb. Dadurch hatten die Mütter oft große Anmarschwege; sie konnten ihre Kinder entwe- der nur am Wochenende nach Hause holen oder mußten sie auf Dauer im Heim lassen und besuchten sie gelegentlich. Aus Tabelle 2 ist ersichtlich, daß der Anteil der Kinder, die sich in Dauerheimen befanden, selbst noch 1960 mit über 10% relativ hoch lag. Auf der anderen Seite brauchten die jungen Mütter auf dem Lande, die nur zeitweilig während der Ernte oder in den Urlaubsmonaten in den Feriengegenden Arbeit finden konnten, für diese Zeit eine Unterbringung für ihre Kinder. Deshalb wurden S a i s o n- k r i p p e n in den Dörfern geschaffen, die nur einige Monate im Jahr geöffnet waren. Ihr Anteil war vor der genossen- schaftlichen Umgestaltung und der industriemäßigen Gestaltung der landwirtschaftlichen Produktion relativ hoch, ging aber ab 1960 zurück, weil dann die Bäuerinnen oder Landarbeiterinnen das ganze Jahr über in der Genossenschaft beschäftigt waren und die Saison- in ganzjährig geöffnete Tageskrippen umgewandelt wurden (Tab. 2). Auch die Zahl der Heimplätze konnte ab 1960 kontinuierlich ge- senkt werden, weil durch den einsetzenden Neubau von Krippen und ihre schnelle Zunahme im Wohnbereich die Kinder nunmehr im Wohn- viertel selbst oder in der Krippe des Betriebes ihrer Mutter un- tergebracht und täglich oder zumindest am Wochenende in die Fami- lie zurückkehren konnten und auch die Zahl der familiengelösten Kinder abnahm. Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre wurden in Zu- sammenarbeit von Architekten und Hygienikern Typen für Krippen- bauten geschaffen, die bis heute mit entsprechenden Präzisierun- gen und Verbesserungen ihre Gültigkeit behalten haben. Bei der Gestaltung der Typenbauten wurden zunächst vor allem die hygieni- schen Erfordernisse berücksichtigt: das Bedürfnis der Kinder nach Luft, Licht und Sonne, nach Aufenthalt im Freien (Freiflächen, Garten), nach getrennten Schlaf-, Gruppen- und Sanitärräumen, nach Isoliermöglichkeiten im Erkrankungsfall, nach Wirtschafts- räumen mit Küche, Vorrats- und Kühlräumen. Über den Raumbedarf pro Kind, die Größe der Kindergruppen, die Ausstattung der Räume mit Möbel und Spielzeug, die Farbgestaltung usw. wurde viel dis- kutiert und experimentiert. Unter Anteilnahme und Mitwirkung zahlreicher Fachleute und Mitarbeiter der Krippen wurden die grundlegenden Projektierungsrichtlinien und bauhygienischen Vor- schriften von der Bauakademie und dem Ministerium für Gesund- heitswesen für die ganze DDR rechtsgültig gemacht. Wie wichtig die Art der Unterbringung der Kinder war (d. h. nur tagsüber oder Tag und Nacht während der Werkswoche in der Wochenkrippe oder im Dauerheim familiengelöst), konnte ich selbst schon in den frühen 50er Jahren erleben. Von 1951 an war ich als Referatsleiterin für den Gesundheitsschutz von Mutter und Kind im Ministerium für Ge- sundheitswesen des Landes Mecklenburg eingesetzt und lernte dort das größte Dauerheim für Säuglinge und Kleinkinder des Landes Mecklenburg in Güstrow kennen. Es war in einer ehemaligen Kinder- klinik mit großem Garten eingerichtet worden, erst Ende der 30er Jahre gebaut und vom hygienischen Standpunkt zweckmäßig und mo- dern eingerichtet. 250 Säuglinge und Kleinkinder waren unterge- bracht. Zum Teil wurden sie mit ihren Müttern gleich nach der Entbindung aufgenommen, so daß die Mütter ihren Wochenurlaub dort verbringen und die Kinder 6 Wochen stillen und betreuen konnten. In diesem Heim, in dem die Kinder durch einen guten Kinderarzt und Kinderkrankenschwestern ausgezeichnet medizinisch betreut, vorbildlich ernährt und gepflegt wurden, wurde ich zum erstenmal mit den Problemen des psychischen Hospitalismus konfrontiert, also mit der Entwicklungsrückständigkeit und Verhaltensauffällig- keit der Kinder. Dieses Problem des p s y c h i s c h e n H o s p i t a l i s- m u s bei in Heimen lebenden, familiengelösten Säuglingen und Kleinkindern hatte R. Spitz bereits für die USA, Anna Freud in ihrem Buch "Infants without Families" für die während der Bombardierung Englands durch die deutsche Luftflotte evakuierten Kinder beschrieben, und 1950 war Bowlbys Buch "Maternal Care and Mental Health" als WHO-Material erschienen. Die Interpretation der vorgefundenen Fakten des psychischen Hospitalismus durch Spitz, A. Freud und Bowlby gipfelte darin, daß in der frühen Kindheit nur die Mutter-Kind-Bindung eine gesunde und normale Entwicklung ermögliche und daher Mütter von Säuglingen und Kleinkindern nicht berufstätig sein könnten, weil sie sich nicht von ihrem Kind trennen dürften. Diese Auffassungen führten in den westlichen Ländern dazu, daß der Aufbau von Krippen abgelehnt und heftig bekämpft wurde. Bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts war Heimunterbringung von Säuglingen tatsächlich noch mit Gefahren für ihr Leben verbunden, weil man noch keinen spezifischen Impfschutz für die gefährlich- sten Infektionskrankheiten wie Diphtherie, Tuberkulose, Keuchhu- sten usw. hatte und eine Verhütung bzw. wirksame Bekämpfung z.B. von infektiösen Durchfällen noch schwierig war. Nach dem 2. Weltkrieg hatte sich die Lage wesentlich verändert: Antibiotika und Chemotherapeutika standen bald zur Bekämpfung bakterieller Infektionen zur Verfügung. Die Impfprophylaxe wurde in der DDR von den ersten Jahren an straff organisiert. Die Pro- duktion von Trockenmilch und Säuglingsfertignahrungen ermöglichte schließlich eine einwandfreie Ernährung in allen Jahreszeiten. Diese hygienischen und therapeutischen Errungenschaften schufen also die Voraussetzung für eine gefahrlose Betreuung von Säuglin- gen und Kleinkindern in Gruppen. Ihre Gesundheit war nicht mehr ernstlich gefährdet, wenn sie auch noch häufig an banalen "Erkältungskrankheiten" (Infektion der oberen Atemwege) litten. Das aber konnte das Zurückbleiben ihrer Entwicklung nicht erklä- ren. Gesundheit und Entwicklung des Kindes stehen in engster Wechsel- wirkung miteinander. Beide hängen ab von den objektiven biologi- schen Vorgängen im Organismus, aber ebenso von der subjektiven Aktivität des Kindes und seinem psychischen Zustand, seinem Wohl- befinden. Gesundheit und Entwicklung werden entscheidend von der Gestaltung der Lebensbedingungen, der Lebensweise und der Tätig- keit des Kindes beeinflußt. Bedeutsam für die gesundheitliche Betreuung der Kinder im Vor- schulalter und die hygienische Überwachung ihrer Lebensbedingun- gen ist die Kenntnis darüber, wie sich das Kind von Geburt an in die menschliche Gesellschaft hineinentwickelt, wie es sich etwa durch seine eigene produktive Tätigkeit eine Subjektposition in der Familie und in der Kindergemeinschaft erwirbt. Über diese Voraussetzungen der Entwicklung gesunder Säuglinge und Kleinkin- der in Gruppenbetreuung war aber den die Kinder betreuenden Säug- lingsschwestern, Kinderpflegerinnen und Ärzten, die ja hauptsäch- lich für die kurative Arbeit beim kranken Kind ausgebildet waren, kaum etwas bekannt. 1.3 Einfluß der Lebensbedingungen auf die Entwicklung ----------------------------------------------------- Um den Einfluß der Lebensbedingungen in den Einrichtungen auf die Entwicklung der Kinder in Abhängigkeit von ihrer Betreuung und Unterbringung beurteilen zu können, verglichen wir ab 1955/56 den Entwicklungsstand von Säuglingen und Kleinkindern, die aus- schließlich zu Hause aufwuchsen, mit den in Tages- oder Wochen- krippen sowie den in Dauerheimen Betreuten. Diese Untersuchungen wurden in Leipzig und einigen anderen Orten durchgeführt, wo es in den genannten Jahren schon eine größere Zahl von Tages-, Wo- chenkrippen und Dauerheimen gab. Insgesamt wurden 1768 Kinder im Alter von 3 Monaten bis 3 Jahren in zwei Mütterberatungsstellen in Anwesenheit ihrer Mütter sowie in 27 Tages-, 18 Wochenkrippen und 15 Dauerheimen in den Untersuchungen erfaßt (siehe Schmidt- Kolmer 1960). Für jedes Lebensvierteljahr wurden je 12 typische Entwicklungsmerkmale in Vorversuchen ermittelt. Dann wurde bei mindestens 50 Kindern der jeweiligen Altersstufe in den Tages-, Wochenkrippen und Dauerheimen überprüft, welche Merkmale bei ih- nen im Vergleich zu den zu Hause aufwachsenden Kindern vorhanden waren. Dabei zeigte sich eine signifikante Differenzierung in der mittleren Entwicklung der Kinder: Am besten schnitten die zu Hause aufwachsenden, als zweitbeste die in Tageskrippen betreuten ab; ihnen folgten die Kinder aus Wochenkrippen. Den größten Rück- stand zeigten die familiengelöst in Heimen aufwachsenden Kinder. Zum Erstaunen mancher Kinderärzte bewies dies, daß die in Tage- skrippen betreuten Kinder die geringsten Rückstände hatten, die Dauerheimkinder die größten, obwohl doch gesundheitliche Betreu- ung, Pflege und Ernährung im Heim im Vergleich zu den damaligen Verhältnissen in vielen Familien und in den Tageseinrichtungen wesentlich günstiger waren. Aus den Ergebnissen der Vergleichsuntersuchungen zogen wir die Schlußfolgerung, daß es nicht genügt, optimale hygienische Bedin- gungen für das Leben der Kinder in den Krippen zu schaffen, son- dern daß es darauf ankommt, ihre Aktivität liebevoll und fürsorg- lich zu stimulieren, ihnen freien Raum und Anregung zu geben. Die pflegerische Arbeit mußte mit Erziehung eng verquickt werden, da- mit sich die Kinder in den ersten drei Jahren unter pädagogischer Führung die Grundformen der menschlichen Handlungsfähigkeit und der Sprachbeherrschung aneignen und sich dadurch aktiv in die menschliche Gemeinschaft, in die Kindergruppe ihrer Einrichtung und die Familie eingliedern können. Dies war leichter gesagt als getan. Beim näheren Vergleich der Art der Rückstände im Niveau der praktischen und Sprechtätigkeit der Kinder zeigte sich, daß in der Sprachentwicklung die größten Rückstände zu verzeichnen waren, die sich vor allem auf das Niveau der Spieltätigkeit und das soziale Verhalten auswirkten. Angeregt durch erste Versuche zur pädagogischen Arbeit mit Krip- penkindern sowie durch die ersten Kontakte mit Wissenschaftlern aus der Sowjetunion (Tschelowanow, Aksarina) und der CSSR (Koch, Kubath), brachten wir 1957 einen Leitfaden für die Erziehung in Krippen und Heimen (Schmidt-Kolmer, Reumann) heraus, der, von den Mitarbeitern der Krippen eifrig benutzt, 7 Auflagen erlebte. In den 60er Jahren wurde vom ZK der SED und der Regierung eine breite öffentliche Diskussion über den Charakter der Allgemein- bildung der jungen Generation durchgeführt, die schließlich zum Entwurf und zur Verabschiedung des G e s e t z e s ü b e r d a s e i n h e i t l i c h e, s o z i a l i s t i s c h e B i l d u n g s s y s t e m führte. Kinderkrippen und Kindergär- ten wurden im Gesetz als erste Stufen des einheitlichen Bildungs- und Erziehungssystems verankert. 1.4 Die 2. Periode (1960/70) - Umwandlung der Krippen ----------------------------------------------------- in Einrichtungen der gesellschaftlichen Erziehung ------------------------------------------------- Im Rahmen der Diskussion über die Gestaltung des sozialistischen Bildungssystems wurde im Auftrag des Ministeriums für Gesund- heitswesen von einer Arbeitsgruppe von Hygienikern, Kinderärzten, Psychologen, Vorschulpädagogen und vor allem erfahrenen Krippen- leiterinnen und Krippenerzieherinnen der Entwurf eines E r- z i e h u n g s p r o g r a m m s für Krippen ausgearbeitet. 1968 erschien unter dem Titel "Pädagogische Aufgaben und die Ar- beitsweise der Krippen" das vom Ministerium für Gesundheitswesen als Diskussionsmaterial gebilligte Erziehungsprogramm, verbunden mit einer Übersicht über einige typische Entwicklungsmerkmale der Kinder in der frühen Kindheit sowie mit methodischen Hinweisen zur Planung und Durchführung der pädagogischen Arbeit. Bis zum Erscheinen des neuen "Programms der erzieherischen Arbeit für Kinderkrippen" 1985 bildete dieses Buch die Grundlage für die Ar- beit der Krippen. Mit der Erkenntnis, daß die Kinderkrippen zu Einrichtungen der gesellschaftlichen Erziehung für Säuglinge und Kleinkinder umge- wandelt werden müßten, begann eine intensive und umfangreiche praktische wie wissenschaftliche Arbeit zur Realisierung dieses Ziels. Es galt, die nach dem Muster von Kinderstationen gestalte- ten Räume der Krippen in Gruppenräume für gesunde Kinder umzuge- stalten, die durch ihre Farbgebung, ihre Ausstattung mit Bewe- gungsgeräten, Kindermöbeln und Spielzeug stimulierend und anre- gend auf die Aktivitäten der Kinder wirkten. Es galt, den Ta- gesablauf der Kinder, den Wechsel von Schlaf und Wachsein, von Körperpflege, Mahlzeiten, Bewegungsaktivität und Ruhe, den Auf- enthalt im Freien entwicklungsgerecht zu gestalten. Es war wich- tig, Bedingungen und Möglichkeiten zum selbständigen Spiel, zu musischen Tätigkeiten, zur Aneignung von Fähigkeiten und Fertig- keiten, von Wissen und Können zu schaffen. 1961 erschien das Kommunique der SED "Die Frau, der Frieden und der Sozialismus", das einen starken Impuls zur weiteren differen- zierten Unterstützung der Frauen bei ihren vielfältigen Aufgaben, zur Erhöhung der Zahl der Vorschuleinrichtungen, zur Verlängerung des Wochenurlaubs und zur materiellen und finanziellen Hilfe für kinderreiche Familien gab. Tabelle 3: Alterszusammensetzung der Kinder in Krippen und Heimen in % Jahr Alter 1 Jahr 1 bis 2 bis 3 Jahre 2 Jahre 3 Jahre und älter 1970 20,6 37,8 33,6 2,6 1975 22,3 38,5 37,7 1,3 1980 10,5 42,8 45,5 1,2 1983 9,0 41,8 47,6 1,6 Tabelle 4: Dauer des Schwangeren- und Wochenurlaubs in Wochen Jahr Schwangeren- Wochenurlaub Gesamt 1950 5 6 11 1963 6 8 14 1972 6 12 18 1976 6 20 26 Tabelle 4 zeigt die Erhöhung des Wochenurlaubs in den 60er und 70er Jahren. 1976 (siehe gemeinsamen Beschluß des ZK der SED, des FDGB und des Ministerrats) wurde der Wochenurlaub auf 20 Wochen verlängert und den Müttern freigestellt, bis zum Ende des 1. Le- bensjahres ihres Kindes bei Kündigungsschutz und Wiederbeschäfti- gungsgarantie zu Hause zu bleiben. Ab 2. Kind können sie dafür bezahlte Freistellung in Anspruch nehmen. Seitdem bleibt ein Großteil der Mütter im "Babyjahr" zu Hause. Dadurch ist der An- teil der Säuglinge in den Krippen stark zurückgegangen (Tabelle 3). In der Zeit von 1960 bis 1965 war die Zahl der in Krippen betreu- ten Kinder auf fast ein Fünftel aller Kinder unter 3 Jahren ge- stiegen. Trotzdem bestanden überall noch lange Wartelisten für die Aufnahme in Krippen, die zeigten, daß der Wunsch der jungen Eltern nach Unterbringung ihrer Kinder noch lange nicht befrie- digt werden konnte und die Vermehrung der Krippenplätze beschleu- nigt werden mußte. In der Zeit zwischen 1960/65 wurden jährlich ca. 7000 Krippenplätze geschaffen, ab 1965 etwa 10 000-12 000. Der Bedarf an Mitarbeitern für die Krippen stieg schnell an. Auf Grund der neuen Erkenntnisse über den Charakter der Krippe als Einrichtung der gesellschaftlichen Erziehung wurde eine neues Be- rufsbild geschaffen - die Krippenerzieherin. Nach Abschluß der 10-Klassenschule erhält sie eine dreijährige Ausbildung in der Fachrichtung "Krippenpädagogik" der Medizinischen Fachschulen. Diese umfaßt theoretische und umfangreiche praktische Qualifizie- rung in enger Verknüpfung von pflegerischer und pädagogischer Ar- beit. 1.5 Die 3. Periode (1970 bis heute) - Ausbau der Planungs- ---------------------------------------------------------- und Leitungstätigkeit --------------------- In der Zeit von 1973/75 erschien die Anweisung des Ministeriums für Gesundheitswesen zur "Gewährleistung der sozialistischen Er- ziehung, der Betreuung und des Gesundheitsschutzes der Kinder in Krippen und Heimen" mit den Anlagen zur Hygiene-Ordnung, zur Ar- beitsordnung, zur Arbeit der Ärzte u.a. 1972 wurde auf Grund der Zusammenarbeit zwischen der Bauakademie und dem IHKJ eine Anwei- sung über das Raumprogramm und die Sanitärausstattung für Kinder- krippen, 1975 eine weitere zur Verbesserung der staatlichen Lei- tungstätigkeit in Wohnbereichen mit einer größeren Zahl von Krip- pen - die Anweisung zur Bildung von Krippenvereinigungen - erlas- sen. Durch diese Rechtsvorschriften wurde die Stellung der Krip- pen, die Einheitlichkeit ihrer Organisation und Arbeitsweise we- sentlich gefestigt und das institutionalisiert, was wissenschaft- lich geklärt und für die Praxis anwendungsbereit aufgearbeitet worden war. Mit Hilfe der E l t e r n a k t i v s, die in allen Krippen auf Elternversammlungen jedes Jahr gewählt werden, gewin- nen die Krippen zahlreiche Unterstützung für die Ausgestaltung der Räume und Freiflächen, die Herstellung oder Anschaffung zu- sätzlichen Spielzeugs; auch Patenbetriebe und Massenorganisatio- nen helfen dabei. Der weitere Aufbau geht nach den Prinzipien der sozialistischen Planwirtschaft vor sich. Krippen werden territorial dort einge- richtet, wo der Bedarf am größten ist. Das Ziel ist, Krippen- plätze für alle Kinder zu schaffen, deren Eltern es wünschen. Meistens werden die Kinder schon nach der Geburt für einen Krip- penplatz angemeldet. Eine Einweisungskommission aus Vertretern der Abteilung Gesundheitswesen der örtlichen Räte, der Massenor- ganisationen, Abgeordneten usw. entscheidet nach der Dringlich- keit über die Vergabe der Plätze. In einer Reihe von Städten und Gemeinden können heute schon alle angemeldeten Kinder unterge- bracht werden, in anderen gibt es noch lange Wartelisten. Bau, Ausstattung und Einrichtung werden nach einheitlichen, wissen- schaftlich erarbeiteten, gesetzlichen Vorschriften durchgeführt und ebenso wie die laufenden Kosten aus Mitteln des Staatshaus- halts finanziert. Der Besuch der Krippen ist kostenlos, ebenso wie der der Kindergärten und Schulen. Die Eltern zahlen nur ein geringes Entgelt für die Verpflegung der Kinder. In Neubauvier- teln werden Krippen, Kindergärten und Schulen gleichzeitig mit den Wohnbauten entsprechend der zu erwartenden Kinderzahl geplant und gebaut. Auf den Dörfern wird die Einrichtung von Krippen auch von landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften finanziert; ebenso errichten manche Betriebe, vor allem solche mit hohem An- teil weiblicher Belegschaft, Krippen aus dem Sozialfonds oder tragen als Patenbetriebe zur Finanzierung laufender Kosten bei. Der Notwendigkeit qualifizierter Leitungstätigkeit wurde Rechnung getragen durch Weiterbildungsmaßnahmen wie Lehrgänge für Krip- penärzte, durch Möglichkeiten zum Erwerb einer Hochschulqualifi- kation als Diplom-Pädagoge für die Krippenleiterinnen, Fachschul- lehrer und Fachberater der Krippenvereinigungen bzw. der Kreise und Bezirke. Die Aufgabenstellung der Kinderärzte bei der gesundheitlichen Be- treuung und Überwachung der Krippenkinder hatte es immer wichti- ger gemacht, der hygienischen Überwachung der Lebensbedingungen in den Krippen und der Lebensweise der Kinder größere Aufmerksam- keit zu schenken, den Gesundheits- und Entwicklungszustand der Kinder periodisch zu kontrollieren und Eltern wie Krippenerzieher bei der gesunden Lebensführung der Kinder zu beraten. Diese Ge- sichtspunkte müssen in der Weiterbildungsarbeit noch stärkere Be- rücksichtigung finden. 1.6 Interdisziplinäre Erforschung der Erziehung und Entwicklung --------------------------------------------------------------- in der frühen Kindheit ---------------------- 1966 wurde das Institut für Hygiene des Kindes- und Jugendalters (IHKJ) unter meiner Leitung als nachgeordnete Dienststelle des Ministeriums für Gesundheitswesen gegründet. Durch die interdis- ziplinäre Zusammenarbeit seiner medizinischen, psychologischen, pädagogischen Mitarbeiter und anderer Spezialisten konnten die Bedingungen für die Förderung der Gesundheit und die allseitige Entwicklung in der frühen Kindheit integrativ erforscht werden. Nach 1965 begann der Aufbau der Kooperation mit Wissenschaftlern aus anderen sozialistischen Ländern. 1969 wurde das Forschungs- projekt "Gesundheitsschutz der jungen Generation" mit dem IHKJ als Trägereinrichtung geschaffen. Dort werden die Probleme der Gestaltung des Lebens der Kinder in den Einrichtungen der gesell- schaftlichen Erziehung zur Förderung ihrer Gesundheit und allsei- tigen Entwicklung und die Aufgaben ihrer prophylaktischen Betreu- ung durch zahlreiche Partner aus Instituten und der Praxis koor- diniert bearbeitet. Seit 1974 gibt das IHKJ eine Schriftenreihe "Hygiene in Kinder- kollektiven" heraus, deren 10. Band jetzt vorliegt. Die Mitarbei- ter der Krippen hatten schon Ende der 60er Jahre mit Enthusiasmus und Initiative die Arbeit mit dem Erziehungsprogramm aufgegrif- fen. Die Auswirkungen der immer planmäßigeren pädagogischen Ar- beit galt es nachzuweisen. Auch der Einfluß der großen Verände- rungen, die seit der ersten Analyse des Entwicklungsstandes von Krippenkindern in den Jahren 1955/56 in der Lebensweise der Fami- lien vor sich gegangen waren, sollte objektiviert werden. In der Zeit zwischen 1970 und 1975 hatte sich der Anteil der Kinder, die in Krippen betreut wurden, von 29% auf 50% erhöht (siehe Tabelle 1). Eine von Zwiener und anderen Mitarbeitern des IHKJ 1969 durchge- führte Stichprobe zeigte, daß die Mittelwerte der Entwicklung ge- genüber den 1955/56 erhobenen sich für Tageskrippenkinder zum größten Teil vorverschoben hatten (Zwiener 1971). Eine Neuerar- beitung, Standardisierung und Eichung eines Verfahrens zur Über- prüfung des Entwicklungsstandes von Krippenkindern war notwendig. In der Zeit von 1971-1975 wurde die Neuauswahl von Entwicklungs- methoden und ihre Standardisierung, 1976 die Eichung des Verfah- rens durchgeführt. Um ein für die DDR repräsentatives Bild zu erhalten, wurden bei der Standardisierung mehr als 7000 Kinder in über 70 Einrichtun- gen (Tages- wie Wochenkrippen sowie Dauerheime) aus allen Bezir- ken der DDR in Groß-, Mittel- und Kleinstädten sowie Orten über 2000 Einwohnern erfaßt. Bei der Eichung waren es weitere 4131 Kinder aus den gleichen Krippen. (Die Ergebnisse der Untersuchun- gen wurden in den Bänden 2, 5, 6, 7 der Schriftenreihe "Hygiene in Kinderkollektiven" veröffentlicht). Das Verfahren wurde in den letzten Jahren gemeinsam mit For- schungspartnern aus Moskau, Bratislava und Budapest angewendet. Dabei wurde festgestellt, daß sich das mittlere Entwicklungsni- veau der Krippenkinder, zumindest in den ausgewählten Großstäd- ten, weitgehend gleicht, obwohl bestimmte Unterschiede der natio- nalen Erziehungsprogramme sowie ethnische Besonderheiten beim Spiel, in der Sprachentwicklung und im sozialen Verhalten der Kinder bereits Ende des 2. und 3. Lebensjahres zu beobachten sind. 1.7 Der Einfluß der Familienverhältnisse ---------------------------------------- auf die Entwicklung der Krippenkinder ------------------------------------- Der Einfluß der Familienverhältnisse, insbesondere der des Bil- dungsgrades und der beruflichen Qualifikation der Eltern, des Fa- milienstandes und der Geschwisterzahl für die mittlere Entwick- lung auch der Krippenkinder ist groß. Die hohe Bildung und beruf- liche Qualifikation der Eltern ist meist mit einer kleinen Kin- derzahl (Ein- und Zweikindfamilie) verknüpft; die Kinder aus sol- chen Familien zeigten das beste mittlere Entwicklungsniveau. Als ungünstiger für die Entwicklung der Kinder erwies sich, wenn sie mit einer alleinstehenden Mutter lebten; das zeigte sich in allen sozialen Schichten. Kinder geschiedener Eltern schnitten im Mit- tel noch etwas ungünstiger ab als die der nichtverheirateten Müt- ter. Der Vergleich der Entwicklung der Kinder aus den Jahren 1971/76 mit denen aus den Jahren 1955/56 konnte an Hand von 55 Aufgaben- stellungen nachgewiesen werden, die in beiden Untersuchungen in gleicher Weise angewendet worden waren. Dabei zeigte sich der große Fortschritt in der mittleren Entwicklung der Tageskrippen- kinder von 1971/76 gegenüber denen von 1955/56. Eine genauere Differenzierung nach dem Alter und den Leistungen der Kinder in den verschiedenen Tätigkeitsbereichen ergab, daß die Kinder vor allem im 2. und 3. Lebensjahr weiter entwickelt waren als 15 Jahre vorher. Dies war besonders augenfällig hinsichtlich ihres sozialen Verhaltens, ihrer Selbständigkeit, teilweise auch ihrer Sprachentwicklung und Spieltätigkeit. Kinder aus Wochenkrippen und Dauerheimen zeigten noch immer Rück- stände in der Entwicklung, insbesondere beim Spracherwerb. Das Ministerium für Gesundheitswesen veranlaßte daraufhin, alle Be- mühungen auf die Vermehrung von Tageskrippenplätzen zu konzen- trieren und die Zahl der Kinder in Wochen- oder Dauerheimbetreu- ung möglichst zu senken. Die Wirksamkeit dieser Bemühungen zeigt Tabelle 2. In den 5 Jahren zwischen 1970 und 1975 gelang es, die Zahl der in Tageskrippen betreuten Kinder von 72% auf fast 83% zu erhöhen. Heute sind 95% aller Kinder in Tageskrippen; nur mehr 4 % werden in Wochenkrippen und nur mehr 1,4% in Dauerheimen be- treut. Dadurch können Familie und Kinderkrippe am besten im In- teresse der Kinder zusammenwirken. 1.8 Mutter-Kind-Bindung und soziale Adaptation ---------------------------------------------- bei der Aufnahme in die Krippe ------------------------------ Die Fähigkeit, sich leicht und schnell auf neue Lebensbedingungen umzustellen, gehört zu den wichtigen Anforderungen an die Dispo- nibilität des Menschen. Schon in den 60er Jahren konnten wir be- obachten, daß Säuglinge und Kleinkinder je nach ihrem Alter bei der Aufnahme in die Krippe, je nach ihrem Gesundheits- und Ent- wicklungszustand in den ersten Tagen und Wochen verschiedene kör- perliche und psychische Auffälligkeiten, Schwankungen oder Stö- rungen zeigen. Vor allem gibt es Veränderungen in den emotionalen Reaktionen der Kinder, Schlaf- oder Appetitstörungen, Veränderun- gen im Spielverhalten, im Verhalten zu den Erwachsenen und ande- ren Kindern. Da solche Adaptationserscheinungen bei fast allen Kindern während einiger Tage oder Wochen bis zur völligen Einge- wöhnung, besonders intensiv aber bei Kindern im Alter von 10 bis 18 Monaten auftreten, wurden sie in interdisziplinärer Zusam- menarbeit vom IHKJ und seinen Partnerinstituten in Moskau und So- fia untersucht und Wege zur Verhütung schwererer Störungen er- probt. Die Ergebnisse der Untersuchungen wurden 1979 veröffent- licht. Die Erfahrungen bei der Erleichterung der Eingewöhnung fanden in den letzten Jahren ihren Niederschlag in Richtlinien für die Zusammenarbeit der Mütterberatungsstellen und der Krippen mit den Eltern bei der Vorbereitung ihres Kindes auf die Aufnahme in die Krippe. Die Eingewöhnung erfolgt jetzt stufenweise durch zunächst nur stundenweisen Aufenthalt zusammen mit der Mutter und dessen allmähliche Verlängerung im Zeitraum von l bis 4 Wochen je nach Dauer der Anpassungserscheinungen des Kindes. Gegenwärtig sind Untersuchungen über die beste Art und Weise der Zuwendung der Krippenerzieher zum neuaufgenommenen Kind im Gange, bei denen auch der emotionalen Kommunikation und dem Erziehungsverhalten der Eltern besonderes Augenmerk geschenkt wird. Im Gegensatz zu den Auffassungen Bowlbys über die Gefahren der Trennung von Mutter und Kind und den in den letzten Jahren geäu- ßerten ähnlichen Auffassungen der Verhaltensbiologen (siehe B. Hassenstein 1973) konnten wir feststellen, daß die stundenweise Trennung von der Mutter nur dann für ein Kind schwierig wird, wenn es sehr isoliert mit ihr zu Hause aufwächst und den ganzen Tag fast ausschließlich nur von ihr betreut wird. Diese "Mutterausschließlichkeit" führt bei manchen Kindern zu einer einseitigen emotionalen Bindung und zur Gewöhnung an eine sehr eingeschränkte Umwelt, so daß es gegenüber jeder Abwesenheit der Mutter, gegenüber jedem unbekannten Menschen mit Angst und "Fremdeln" reagiert und sich nur mühsam auf eine neue Umwelt und erweiterte zwischenmenschliche Beziehungen umstellen kann. Dieses gestörte soziale Adaptationsvermögen tritt besonders gegen Ende des ersten und am Beginn des zweiten Lebensjahres auf, weil in diesem Alter einerseits die emotionalen Bindungen an die Mutter am stärksten ausgebildet sind, andererseits die Selbständigkeit des Kindes und sein Sprachverständnis noch nicht so entwickelt sind, daß es sich in neuer Umgebung von selbst zurechtfindet und sich nach der sprachlichen Anleitung durch die Erwachsenen rich- ten kann. Wird ein Kind in der Familie von mehreren Personen, zu- mindest von Vater und Mutter betreut, erhält es vielerlei Anre- gungen im Kontakt mit anderen Personen, dann kann es leichter We- sentliches von Unwesentlichem im Verhalten der Menschen und in ihren Beziehungen zu ihm unterscheiden und sich auch leichter auf neue Beziehungen um- und einstellen. In der Literatur zur Sozia- lisation in der frühen Kindheit wird deshalb auch z. B. den Be- ziehungen des Vaters zu seinem Kind und überhaupt der Bedeutung des Reichtums an zwischenmenschlichen Beziehungen und dem Einge- bettetsein in die Gemeinschaft von Menschen vom Säuglingsalter an immer größere Bedeutung zugemessen (siehe Bd. 8 "Hygiene in Kin- derkollektiven"). Einen Schwerpunkt der wissenschaftlichen Arbeit bildete die Qua- lifizierung der pädagogischen Arbeit in den Krippen. Im Bildungs- gesetz ist das allgemeine sozialistische Erziehungsziel folgen- dermaßen formuliert: "... die Bildung und Erziehung allseitig und harmonisch entwickelter sozialistischer Persönlichkeiten, die be- wußt das gesellschaftliche Leben gestalten, die Natur verändern und ein erfülltes glückliches menschenwürdiges Leben führen." (§ 1,1) Auf die Krippe bezogen heißt dies: Das Leben in der Kinder- gemeinschaft ist so zu gestalten, daß sich jedes Kind unter Füh- rung und Anleitung der Krippenerzieher wohlfühlen, sich entspre- chend seiner individuellen Gegebenheiten allseitig entwickeln und auf Grund seiner wachsenden Möglichkeiten aktiv an der Gestaltung des Lebens im Krippenkollektiv teilnehmen kann. Im Einvernehmen zwischen dem Ministerium für Gesundheitswesen und dem Ministerium für Volksbildung wurde beim IHKJ eine pädagogi- sche Gruppe gebildet, in der Diplom-Pädagogen wie Berger, Besse, Weber und Spezialisten wie Bachmann, Irina Weigl als Psycholin- guistin u.a. zusammenwirkten. Die Arbeit wurde mit der Arbeits- stelle für Vorschulerziehung der Akademie der pädagogischen Wis- senschaft koordiniert. Immer mehr konkrete pädagogische Hilfen für die praktische Füh- rungstätigkeit der Krippenerzieher wurde erarbeitet. Bachmann und Regel konnten in Versuchen über mehrere Jahre zeigen, daß sich Kinder schon sehr früh unter geeigneter Anleitung musikalische oder bildnerische Fähigkeiten und Fertigkeiten aneignen, wobei sich große individuelle Unterschiede zeigen. Offenbar kann man schon in der frühen Kindheit besondere Anlagen auf musikalischem, bildnerischem, tänzerischem u. a. Gebieten erkennen und fördern. Irina Weigl konnte in Untersuchungen zur Herausbildung des Sprachverständnisses und zum Erwerb der Muttersprache bei Kindern im 2. Lebensjahr zeigen, daß der Spracherwerb in seinen Anfängen mit der Entwicklung der Handlungsfähigkeit des Kindes engstens verbunden ist und die Spracherziehung beim gemeinsamen gegen- ständlichen Handeln mit dem Kind durch das Vorzeigen (Demon- stration) und begleitende sprachliche Kommunikation (Anleitung) besonders wirksam ist, weil das Sprachverständnis als erstes herausgebildet werden muß. Die Mitarbeiter des Instituts erarbeiteten zusammen mit anderen Experten Lehrbücher für die Ausbildung der Krippenerzieher, von denen 1983 das Buch "Pädagogik" sowie "Bewegungs-, bildnerische und Musikerziehung" erschienen und weitere in Vorbereitung sind. Von den Ärzten des IHKJ werden laufend Materialien aus der Ana- lyse des Krankheitsgeschehens in den Krippen sowie der Erprobung von Maßnahmen zur gesundheitsfördernden Gestaltung des Lebens veröffentlicht (siehe Niebsch, Grosch et. al.). So wuchs in den vergangenen 35 Jahren ein völlig neuer gesell- schaftlicher Bereich, der aus dem Leben der Kleinkinder und ihrer Eltern nicht wegzudenken ist; die Kinder verbringen mit Freude ihren Tag in der Krippe, aus der sie aber auch jeden Tag gerne wieder ins Elternhaus zurückkehren. 73 000 Mitarbeiterinnen der Krippen, 70 Prozent davon ausgebildete Krippenerzieherinnen, sor- gen für das Wohl der Säuglinge und Kleinkinder in allen Teilen der DDR. Für die jungen Eltern ist die Krippe zur selbstverständ- lichen Hilfe bei der Betreuung ihrer Kinder geworden. Die frühe- ren Bedenken bei den Kinderärzten und Psychologen sind einer po- sitiven Einstellung gewichen, obwohl der Kampf gegen die "Erkältungskrankheiten" noch nicht voll gewonnen ist. Vor allem die Großeltern, die ihre Kinder noch unter ganz anderen Verhält- nissen aufziehen mußten, erkennen und bestätigen, welchen Wandel der Besuch der Krippen bei ihren Enkeln hervorruft - größere Selbständigkeit und Aufgeschlossenheit, Wißbegier und Stolz auf ihr Wissen und Können. Das Geheimnis der Erfolge beim Aufbau der Krippen in der DDR liegt in der Aufdeckung und bewußten Anwendung der Gesetzmäßigkeiten der Persönlichkeitsentwicklung der Kinder. 2. Zum theoretischen Aspekt der Persönlichkeitsentwicklung ---------------------------------------------------------- als Aneignungsprozeß -------------------- 2.1 Die äußeren Bedingungen der individuellen --------------------------------------------- Vergesellschaftung (Sozialisation) ---------------------------------- In der gegenwärtigen Etappe des weiteren Ausbaus der entwickelten sozialistischen Gesellschaft und der Schaffung der Voraussetzun- gen für den allmählichen Übergang zur kommunistischen Gesell- schaft gewinnen die Fragen des subjektiven Faktors, darunter der sozialistischen Lebensweise, der sozialistischen Familie, der Er- ziehung der jungen Generation immer größere theoretische und praktische Bedeutung. In diesem Rahmen muß auch die Arbeit an ei- ner Theorie der ganzheitlichen Entwicklung der Persönlichkeit in der frühen Kindheit gesehen werden. Gegenwärtig kommt es darauf an, die bisher angesammelten Erkenntnisse zu integrieren, zu ver- allgemeinern und aus ihnen theoretische wie praktische Schlußfol- gerungen für die weitere Gestaltung des Lebens und der Tätigkeit der Kinder in der frühen Kindheit zu ziehen und damit auch einen Beitrag zur Dialektik von Familien- und gesellschaftlicher Erzie- hung als optimalem Weg zur individuellen Vergesellschaftung zu leisten. In meinem Buch "Frühe Kindheit" (1984) habe ich ver- sucht, diese wissenschaftliche Problematik von den Aspekten der verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen aus darzustellen. Ich möchte hier den Aspekt der individuellen Vergesellschaftung (Sozialisation) des Kleinkindes von zwei Seiten beleuchten: ei- nerseits vom Standpunkt der äußeren Bedingungen, die dem Kind für seine Wechselwirkung mit seiner gesellschaftlichen Umwelt ge- schaffen werden müssen. Wie bereits eingangs erläutert, ist der erste Ausschnitt aus dem Ensemble der gesellschaftlichen Verhält- nisse, in den das Kind von Geburt an einbezogen wird, die Fami- lie. Unter den konkret-historischen Verhältnissen der modernen hochindustrialisierten Gesellschaft ist sie allein nicht mehr ge- eignet, die allseitige Entwicklung der frühkindlichen Persönlich- keit zu gewährleisten. In der entwickelten sozialistischen Gesellschaft sind zwei Pro- zesse wirksam, die zu den äußeren Bedingungen für eine optimale individuelle Vergesellschaftung des Kindes und für die planmäßige Aneignung der menschlichen Wesenskräfte führen: 1. die Herausbil- dung sozialistischer Familienverhältnisse und 2. die Vervollkomm- nung der gesellschaftlichen Erziehung der Kleinkinder in den Kin- derkrippen. Für den Erfolg der individuellen Vergesellschaftung ist anderer- seits die Entwicklung der inneren Gegebenheiten des Kindes selbst in und durch seine aktive Wechselwirkung und seine Wechselbezie- hungen mit seiner Umwelt ausschlaggebend. Diese i n n e r e n Gegebenheiten des Kindes bilden sein Organismus und dessen Funk- tionsweise mit den von seinen Eltern ererbten individuellen Be- sonderheiten. Oberster materieller Träger und biologischer Regu- lator der ganzheitlichen menschlichen Lebenstätigkeit ist das neuroendokrine System, das vom Zentralnervensystem mit seinem höchstentwickelten Anteil, dem Großhirn, und seiner Hirnrinde (Kortex) hierarchisch gesteuert wird. Ergebnis und Eigenschaft der Funktionsweise der Hirntätigkeit, vor allem der höheren Ner- ventätigkeit der Hirnrinde, sind die psychischen Abbildprozesse, die bei der Informationsverarbeitung im Zentralnervensystem ent- stehen. Die immer umfangreichere und in die wesentlichen Zusam- menhänge eindringende Entwicklung der subjektiven Widerspiegelung der Wirklichkeit ermöglicht es dem Kind immer besser, sich in seiner Umwelt zu orientieren, vorausschauend seine aktive Wech- selwirkung mit der Umwelt zu planen, zu steuern und die Ergeb- nisse seiner Aktivität zu bewerten und zu beurteilen. 2.2 Die Rolle der Hirntätigkeit bei der Wechselbeziehung -------------------------------------------------------- des Kindes mit seiner Umwelt ---------------------------- Bereits in den ersten Lebenstagen und Wochen beginnt der junge Säugling, aktiv Wechselbeziehungen mit seiner Umwelt anzuknüpfen, um seine elementaren Bedürfnisse befriedigen zu können. In der pränatalen Entwicklung, also noch im Mutterleib, werden bei der Ausbildung und Differenzierung des Nervensystems bestimmte Zen- tren und Bahnen vorrangig entwickelt. Erste funktionelle Systeme der Hirntätigkeit bilden sich schon vor der Geburt aus, die un- mittelbar nach der Geburt lebenserhaltende Aktivitäten des Neuge- borenen automatisch sichern; Anochin nennt diesen Vorgang S y s t e m o g e n e s e. Nach der Geburt führen Mangelzustände im Stoffwechsel zur Reizung von Rezeptoren in den inneren Organen, die, zu Nervenimpulsen um- gewandelt, aus dem Inneren des Organismus ins Zentralnervensystem aufsteigen, dort verarbeitet werden und zur nervalen Regulation der Antwort des Organismus führen; z.B. beginnt das Neugeborene zu saugen und zu schlucken oder, wenn z.B. die Nahrungsquelle nicht zu erreichen ist, antwortet es mit Such-und Orientierungs- aktivität. Die Analyse und Synthese von aus der Umwelt kommenden Reizen (Licht oder Wärmestrahlung, Schallwellen usw.), die die Hautoberfläche oder die Sinnesorgane treffen, kann ihrerseits Ak- tivitäten des Kindes auslösen, die den Reiz, je nach dem Bedürf- niszustand des Kindes, positiv oder negativ beantworten. Ausge- hend von wenigen bei der Geburt schon vorhandenen Bewegungsreak- tionen auf wenige spezifische Reize (z. B. Saugen und Schlucken, Blinzeln, Augenschließen, Husten, Kratzen usw.) setzt beim Kind ein umfassender Lernprozeß ein. Die Hirnrinde nimmt ihre Funktion auf. Sie stellt Verbindungen her zwischen den angeborenen Auslö- sereizen und den sie begleitenden, für das Kind zunächst indiffe- renten Reizen, wenn diese regelmäßig in Verbindung mit dem Auslö- sereiz auftreten (Bildung bedingter Reflexe). Dadurch werden für das Kind zunächst bedeutungslose Merkmale von Objekten, Personen, Situationen und Vorgängen, wenn sie wiederholt in einem für die Bedürfnisse des Kindes bedeutsamen Zusammenhang erscheinen, zu S i g n a l e n, zur Vorankündigung existenzwichtiger Wechsel- wirkung. Sie geben dem Kind eine Information, eine Vororientie- rung auf etwas Kommendes und ermöglichen ihm im voraus eine anti- zipierende Entscheidung und Vorprogrammierung einer zweckdienli- chen Antwort. Die Verarbeitung von direkten Reizen und sie ankün- digenden Signalen erfolgt in der Hirnrinde nicht jedesmal in gleicher Weise, sondern nach mehrmaliger Wiederholung ähnlicher Reizmuster lösen schon die Signale die Antwortreaktion oder zu- mindest die Einstellung des Organismus auf diese aus. Dabei fin- det ein bleibender, das materielle Substrat verändernder Zusam- menschluß (Konnektivität) zwischen ganzen Neuronengruppen in ver- schiedenen Gebieten der Hirnrinde statt. Dadurch entstehen - wie A n o c h i n es nannte - f u n k t i o n e l l e S y s t e m e d e r H i r n t ä t i g k e i t. Sie sind Grundlage jedes Ver- haltensakts, jeder Handlung, jeder Tätigkeit. Im Verlauf seines Lebens bildet der Mensch zahllose funktioneile Systeme. Ihre Spuren werden im Hirnsubstrat als elektrophysiolo- gische, biochemische und strukturelle Muster gespeichert (Langzeitspeicherung). Wiederholen sich für das Kind ähnliche Si- tuationen, so reaktivieren schon die ersten neuankommenden Si- gnale aus dem Impulsmuster, ob aus dem Inneren des Organismus, aus dem Bewegungsapparat bei der eigenen Aktivität oder von der Körperoberfläche und den Sinnesorganen kommend, das Spurenmuster vorangegangener ähnlicher Impulse. Die vorauseilende Information ermöglicht sekundenschnelles Orientieren über die Bedeutung der kommenden Situation und eine schnelle Entscheidung über die zweckmäßigste Antwort. Die dialektische Einheit von Physischem und Psychischem wird durch dieses system- und prozeßhafte Gesche- hen gewährleistet, bei dem die Verarbeitung, Speicherung und Wie- dergabe von Nervenimpulsen mit psychischen Erscheinungen, Prozes- sen und Zuständen verknüpft ist, die es dem Individuum einerseits ermöglichen, sich in der objektiven Realität zu orientieren, sie wahrzunehmen, d. h. subjektiv und ideell abzubilden, ihre Bedeu- tung zu erkennen und emotionell zu bewerten. Andererseits ermög- licht die Reaktivierung der Spuren efferenter Nervenimpulse die schnelle Bildung des Efferenzprogramms zur Regulation der orga- nismischen Aktivität bei der Wechselbeziehung des Individuums mit der Umwelt. Jede Tätigkeit hat einen Doppelcharakter, bei dem sich äußere praktische Vorgänge (z.B. des Vororientierens bei der Vorberei- tung einer Handlung) umwandeln in Verarbeitungsprozesse der Ner- venimpulse im Gehirn und dabei auftretende psychische, emotionale und kognitive Prozesse des Fühlens, Wahrnehmens, Erkennens, Erin- nerns usw. Jedes funktionelle System der Hirntätigkeit umfaßt 1. die Analyse und Synthese der aus dem Inneren des Organismus akti- vierend und motivierend aufsteigenden nervalen Impulsmuster mit den von den Sinnesorganen und der Hautoberfläche, wie den Mus- keln, Bändern und Gelenken über die verschiedensten Nervenbahnen kommenden Impulsen. 2. Sie reaktivieren schon vorhandene ähnliche Spurenmuster. 3. Die Synthese aller dieser neuen Afferenzen im Analysatorenbereich der Hirnrinde und ihr Vergleich mit den reak- tivierten Spurenmustern führt zur Entscheidung über die Ant- wortreaktion. 4. Deren Efferenzmuster wird im Stirnhirn (motori- sche Rinde) programmiert und als Impulsmuster über die efferenten Nervenbahnen zur Steuerung der Aktivität der Organsysteme wie des Bewegungsapparates bei der Tätigkeit ausgesandt. 5. Von den durch die efferenten Impulse ausgelösten Funktionsänderungen sowie vom Ergebnis der Handlung gelangen schließlich Rückmeldungen (Reafferenzen) ins Gehirn, die dort mit den noch aktivierten Spurenmustern des Modells der Situation, der Handlung und des angestrebten Ergebnisses verglichen werden (operatives Ge- dächtnis). Bei Übereinstimmung erlischt die nervale Erregung; das Zentralnervensystem kehrt in den Ausgangszustand zurück. Leontjew bezeichnet die Umwandlungen äußerer materieller Vorgänge in in- nere Informationsverarbeitung mit psychischen Abbildprozessen (Interiorisation) und deren nachfolgende Vergegenständlichung in äußere materielle Tätigkeit als Doppel- oder Ringcharakter der Tätigkeit. 2.3 Die sinnliche Erkenntnis als erste Ebene -------------------------------------------- der Widerpiegelung der Wirklichkeit ----------------------------------- Die Fähigkeit, sich in seiner Umwelt zu orientieren und sein Ver- halten zielgerichtet zu regulieren, erwirbt das Kind nur schritt- weise. Im ersten Lebensjahr eignet es sich im Umgang mit seinem eigenen Körper und im praktischen Begreifen der Gebrauchsgegen- stände seines Alltags sowie in der Kommunikation und Interaktion mit seinen Betreuern durch individuelle praktische Erfahrungen zahlreiche Fertigkeiten, Gewohnheiten und Erkenntnisse an, die in seinem Gedächtnis als Abbilder sinnlich-konkreter Merkmale der Wirklichkeit, als Wahrnehmungen, Vorstellungen, Gefühle usw. fi- xiert werden. Gedächtnisinhalte als Kernstück des Psychischen existieren nur prozeßhaft; sie werden jedesmal reproduziert, wenn im Gehirn vorhandene Spurenmuster funktioneller Systeme durch an- kommende Nervenimpulse reaktiviert werden. Das Resultat ist dann Wiedererkennen oder Erinnern. Beim jungen Säugling sind die er- sten deutlichen Anzeichen für die Herausbildung von Gedächtnis- prozessen des Wiedererkennens das Lächeln und später das breite Anlachen, Juchzen und Strampeln des jungen Säuglings beim Anblick vertrauter Personen. Man kann Anlächeln meist zwischen der 4. und 6. Lebenswoche beim Säugling beobachten. In seiner Wachzeit bemüht sich der Säugling, seinen Körper zu be- herrschen, koordinierte Bewegungen der Glieder auszubilden, sich aufzurichten und fortzubewegen. Er ist unermüdlich beim Üben des zielgerichteten Greifens, des ein- und beidhändigen Manipulierens mit Gegenständen. Dadurch entstehen immer weitere funktionelle Systeme seiner Hirntätigkeit. Immer umfangreichere Signale gelan- gen über alle Sinne ins Zentralnervensystem und werden miteinan- der zu Spurenmustern verknüpft. Sobald das Kind greifen kann (ab 4.-5. Lebensmonat), nimmt es gleichzeitig über verschiedene Sinne durch Betasten, Schauen, Beriechen, Belecken und in den Mund Stecken, ebenso wie durch Hören, durch Gleichgewichts- und Tempe- raturveränderungen die verschiedensten Informationen über sinn- lich-konkrete Merkmale seiner gegenständlichen Umwelt auf. Die Spuren dieser Informationen werden entsprechend ihrem vom Kind erlebten situativen Zusammenhang, entsprechend seiner Bedürfnis- spannung (Motivation) und emotionalen Bewertung (Bedeutsamkeit) im Kortex geordnet gespeichert. Das führt in der subjektiven Ab- bildung zu einer Klassifizierung der Dinge und Vorgänge nach der subjektiven Wertigkeit und Ähnlichkeit ihrer invarianten Merk- male, d.h. sachlogisch analog nach Ähnlichkeit der äußeren Er- scheinung und assoziativ nach Ähnlichkeit der Zusammenhänge in ihrer subjektiven Bedeutung für das Kind. Dadurch entsteht all- mählich eine verallgemeinerte Repräsentation der Wirklichkeit von allen Sinnen her; es sind die sinnlich-konkreten Vorstellungen, die Klix u.a. als Primärbegriffe bezeichnen. Vorstellungen von nach äußerer Ähnlichkeit verallgemeinerten und klassifizierten Merkmalen der Objekte, Personen, Operationen so- wie von räumlichen, zeitlichen und anderen Beziehungen zwischen ihnen bilden den Inhalt des unmittelbaren, bildhaft-anschaulichen Gedächtnisses des Säuglings. Sie stellen die erste Stufe des men- schlichen Bewußtseins dar - die s i n n l i c h e E r- k e n n t n i s. Diese ist charakteristisch für die Widerspie- gelung der Wirklichkeit, wie sie das Kind vor dem Spracherwerb besitzt. Diese stark emotional beeinflußte Erkenntnis- und Gedächtnisform bleibt während des ganzen Lebens erhalten und wird durch direkte Erlebnisse und direkte individuelle Erfahrung wei- ter ausgebaut. Beim sprachbeherrschenden Menschen wird sie in dem sich über ihr hierarchisch aufbauenden Wortgedächtnis und sprach- lich-begrifflichen Bewußtsein dialektisch aufgehoben und subsu- miert. 2.4 Herausbildung des Tätigkeitssystems --------------------------------------- Die Lernprozesse auf der Grundlage der sinnlichen Erkenntnis ge- hen in der praktischen Aktivität des Kindes während seiner Wach- zeit vor sich. Ihre Komponenten bei der Ausbildung des Tätig- keitssystems sind: 1. die Aneignung der W i l l k ü r b e- w e g u n g e n, der koordinierten Beherrschung von Armen, Hän- den, Fingern; ferner der Erwerb der aufrechten Körperhaltung und der Fortbewegung; 2. die Aneignung der O r i e n t i e- r u n g s - E r k u n d u n g s t ä t i g k e i t zum Kennenler- nen und Erkennen der Eigenschaften der gegenständlichen Umwelt. Eine besondere Form der Erkundungstätigkeit stellt das N a c h- a h m e n dar. Mit Nachahmung z. B. des Mienenspiels oder bestimmter Gesten beginnen Kinder in der 2. Hälfte des 1. Lebensjahres. Nachahmung ist eine wichtige Form des Erlernens von praktischen Operationen bzw. Bewegungen. Sie wird deshalb selbst vom Erwachsenen zum Erlernen aller Art Fertigkeiten weitgehend angewendet. 3. Von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung des Tätigkeitssystems des Kindes, für die Aneignung der menschlichen Wesenskräfte ist die I n t e r a k t i o n u n d K o m m u n i k a t i o n mit den Erwachsenen, die ihm sowohl den menschlichen Gebrauch der Gegenstände, also den ge- sellschaftlichen Reichtum an Verfahrensweisen, Methoden usw., vermitteln wie auch durch die sprachliche Kommunikation den in der Menschheitsgeschichte in Sprache und Schrift fixierten und über die Generationen weitergegebenen Reichtum des gesellschaft- lichen Wissens. 2.5 Emotionale Bindung - die erste Etappe ----------------------------------------- der individuellen Vergesellschaftung ------------------------------------ Schon von Geburt an hat das Kind ein sinnlich-vitales Bedürfnis nach menschlichem Kontakt, nach Interaktion und Kommunikation. Seine Hilfsbedürftigkeit zwingt das Neugeborene, sich bemerkbar zu machen, damit seine Bedürfnisse befriedigt werden. Die Kon- taktaufnahme und Kommunikation beginnt mit emotionellen Aus- drucksreaktionen. Schreien, Weinen, Mienenspiel, Zappeln, aber auch Lächeln, Lachen und die verschiedensten Vokalisationen sind die Formen der e m o t i o n a l e n K o m m u n i k a t i o n, die das Kind von den ersten Lebenswochen an immer ausgeprägter ins Spiel bringt. Es zeigt Gefühle der Zuwendung und Geborgenheit im hautnahen Kontakt mit seinen Betreuern. Es reagiert freudig auf Zuwendung, auf Zärtlichkeit, d.h. auf Liebkosungen, Strei- cheln usw. Die in der emotionalen Kommunikation miteinander kom- binierten Ausdrucksreaktionen - Anblicken, Anlachen, Vokalisation und entgegenstrebende Bewegungen des Aufbäumens, Arme Entgegen- streckens, Anschmiegens und schließlich des Umhalsens, des Entge- genlaufens und Umarmens bilden den sogenannten Belebungskomplex, wie er auch bei Erwachsenen im intimen Kontakt angewendet wird. Die emotionale Kommunikation mit seinen Betreuern bewirkt beim Kind nach einigen Monaten eine sehr innige gefühlsreiche Bezie- hung, die man als e m o t i o n a l e B i n d u n g, als An- hänglichkeit bezeichnet. Sie schafft die Voraussetzung für die Erziehbarkeit des Kindes, denn sie weckt in ihm das Bestreben, sich nach dem Vorbild, den Geboten und Verboten der vertrauten und geliebten Betreuer zu richten. Diese Bindung des Kindes an seine Betreuer in der frühen Kindheit bleibt eine lebenslange Grundlage für die Beziehungen zu Vater und Mutter, für die Fami- lienbeziehungen überhaupt. Sie bleibt das aber nur, wenn von An- fang an die Erwachsenen diese Beziehungen richtig gestalten. Es ist deshalb keineswegs gleichgültig, wie die Beziehungen der Eltern untereinander und zu ihren Kindern beschaffen sind. Nur bei echter Partnerschaft in der Ehe, d. h. bei gleicher Verant- wortung und Arbeitsteilung beider Eltern im Haushalt und bei der Betreuung und Erziehung ihrer Kinder, nur bei gegenseitiger Liebe und Achtung und entsprechend liebevoller Zuwendung in den Bezie- hungen zum Kind können innige, lang dauernde Beziehungen geschaf- fen werden, die beim Kind die Gefühle der Sicherheit und Gebor- genheit, der Zutraulichkeit, Anhänglichkeit, der Selbstsicherheit und des Selbstvertrauens herausbilden und ihm gleichzeitig Aufge- schlossenheit, Zusammengehörigkeitsgefühl und Streben nach men- schlicher Gemeinschaft geben. Zu viel Zuwendung, Verwöhnung oder eifersüchtiger Kampf um die Anhänglichkeit des Kindes, Überbehü- tung (overprotection) und Überängstlichkeit von selten der Be- treuer können andererseits den Übergang des Kindes von der Hilfs- bedürftigkeit zur Selbständigkeit hemmen und schaden damit seiner Subjektwerdung, d. h. der Ausbildung seiner Persönlichkeit. Dann verwandelt sich die Anhänglichkeit in Abhängigkeit, die gegensei- tigen Beziehungen werden ambivalent und ängstlich gespannt. Die im ersten Lebenshalbjahr ausgebildete emotionale Kommunika- tion und die dabei entstandene emotionale Bindung an die Hauptbe- treuer werden von der 2. Hälfte des ersten Lebensjahres an, so- bald das Kind greifen und sich koordiniert bewegen kann, durch die praktisch-gegenständliche Kooperation und symbolische Kommu- nikation mit Erwachsenen ergänzt. In dieser Periode sucht das Kind auch schon Kontakt zu einem breiteren Personenkreis, es will andere in seine spielerischen Aktivitäten mit Gegenständen einbe- ziehen, will genau beobachten, was sie machen oder wie sie mit- einander umgehen und sprechen. Es erkennt immer besser den posi- tiven oder negativen Ausdruck von Mimik, Gestik, Tonfall und Stimmaufwand und beginnt, sich nach der Bedeutung dieser symboli- schen Kommunikation zu richten und sie nachzuahmen. Sobald es sie beherrscht, setzt es sie sinngemäß ein. Da der Erwachsene in sei- ner Kommunikation mit dem Kind meist auch spricht, richtet sich in bekannten Situationen die Aufmerksamkeit des älteren Säuglings immer mehr auf die gehörten Worte. Damit beginnt die 2. Stufe der Vergesellschaftung des Kindes - die Vergesellschaftung über den Spracherwerb. 2.6 Die 2. Etappe der Vergesellschaftung - ------------------------------------------ Sprache und Spracherwerb ------------------------ Sprache als Haupterkenntnis-, Regulations- und Kommunikationsmit- tel besitzt nur der Mensch. Arbeitsteilige Produktion und mit ihr die Sprache haben den Menschen zum höchsten Lebewesen gemacht, zum gesellschaftlichen Wesen, zum Beherrscher der Natur. Arbeit und Sprache haben ihm eine Entwicklung in Jahrtausenden ermög- licht, wie sie den anderen Lebewesen auf dem Wege der biologi- schen Evolution in Millionen Jahren nicht möglich war. Die beiden Aspekte der Sprache - S p r a c h v e r s t ä n d- n i s (Sprachrezeption) und S p r e c h e n (Sprachproduktion) setzen Kommunikationstätigkeit voraus. Durch verbale Information kann der Sprache beherrschende Mensch auch über das unterrichtet werden, was er nicht gleichzeitig situativ mit den Sinnen erfassen kann, selbst dann, wenn es nicht in materieller Form besteht. Er kann sich Ideen, Anschauungen, Wissen, d. h. Teile des gesellschaftlichen Bewußtseins individuell aneignen, die, von anderen in der Vergangenheit zusammengetragen, Orientierung für sein kommendes Handeln und für seine Teilhabe am gesell- schaftlichen Leben werden. Für die Übertragung, Verwendung und Speicherung von sprachlichen Informationen gilt dasselbe wie für die Aufnahme, Verarbeitung, Speicherung und Wiedervergegenständlichung sinnlich-konkreter, praktischer Erfahrungen. Die Worte werden von Ohr, Auge oder von den Bewegungen der Sprechmuskulatur beim eigenen Sprechen als akustische, optische oder kinaesthetische Reize aufgenommen, in nervale Impule umgewandelt in die Hirnrinde geleitet und dort als Zeichen für etwas, als Stellvertreter für konkret-sinnliche Si- gnale verarbeitet. Diesen Zusammenhang zwischen den aufgenommenen verbalen Impulsmustern und den jeweiligen nonverbalen sinnlich- konkreten der Situation muß sich das Kind über Monate und Jahre schrittweise aneignen. Zunächst hat das Sprechen des Erwachsenen mit dem jungen Säugling keinen merklichen Effekt. Allerdings beginnt das Kind schon nach wenigen Lebenswochen, die Stimme vertrauter Betreuer, ja sogar den Tonfall zu unterscheiden; mit 4-5 Monaten lauscht es schon aufmerksam und blickt von einem zum anderen, wenn zwei Personen in seiner Sichtweite miteinander sprechen. Mit einem halben Jahr reagiert es lebhaft auf seinen Vornamen oder das Kosewort, mit dem man es ruft. Etwas älter reagiert es deutlich auf stereotype Redewendungen oder Ausrufe, wenn sie mit symbolischen Gesten, emotionalem Tonfall und entsprechender Mimik geäußert werden. In dieser Zeit, in der das Kind auch in der Nachahmung von typisch menschlichen Operationen immer sicherer wird, beginnt es Lautfol- gen nachzuahmen, also zu artikulieren, Ausrufe und Silben nach- zusprechen. Bis zum Aussprechen und sinnvollen Anwenden von Wor- ten dauert es aber noch Monate. Das S p r a c h v e r- s t ä n d n i s dagegen beginnt sich gegen Ende des ersten Lebensjahres schnell zu entwickeln. Der Erwachsene kann dann beim Kind bestimmte, vorher vorgezeigte Gesten wie "Winke, winke", "Bitte, bitte" durch die beim Vormachen vorher benutzten Worte ohne Vorzeigen auslösen. Das ist ein Beispiel dafür, wie sich nunmehr die spezifisch menschliche Wechselbeziehung zwischen sinnlich-konkreten, nonverbalen Signalen (nach Pawlow das 1. Signalsystem) und den verbalen Signalen (2. Signalsystem) auszubilden beginnt. M.M. Kolzowa hat den experimentellen Nachweis erbracht, daß die vom Erwachsenen bei der Betreuung des Kindes geäußerten Worte zunächst nur als akustische Reize im gesamten situativen Reizkom- plex aufgenommen werden. Als ständiger Begleitreiz bedeutungstra- gender Vorgänge im Reizkomplex gewinnen die Worte allmählich an Stärke und werden schließlich zum stärksten Reiz, zum Stellver- treter der mit ihm verbunden gewesenen sinnlich-konkreten situa- tiven Signale. Diese Wandlung der die Worte tragenden akustischen Reize in bedeutungstragende Merkmale einer bestimmten Situation führt zum dialektischen Umschlag im Verhältnis zwischen non-ver- balen und verbalen Reizen im Reizkomplex. Der verbale Reiz wird zum dominierenden, die sinnlich-konkreten Reize zum stellvertre- tenden, ankündigenden Signal. Pawlow nannte es das "S i g n a l d e r S i g n a l e". Hat dieser Vorgang der Ausbildung eines Wortes zum stellvertre- tenden Signal im Signalkomplex eingesetzt, dann versteht das Kind die W o r t b e d e u t u n g. Das Wort bzw. die Verarbeitung der akustischen Impulsmuster der Worte in der Hörrinde hinterlas- sen ein materielles Spurenmuster, das mit den vorhandenen Spuren- mustern der entsprechenden sinnlich-konkreten Situation unaus- löschlich verknüpft und im Zusammenhang mit ihm gespeichert wird. Dadurch entsteht allmählich das Wortgedächtnis, d. h. ein passi- ver Wortschatz. Beim Hören bestimmter Worte werden nicht nur die Spurenmuster im Sprachrezeptionszentrum der Hirnrinde (Wernicke Zentrum) reaktiviert, sondern auch die mit ihnen verknüpften Spu- ren der durch die Worte bezeichneten konkreten Situation. Die Folge ist das Verstehen der Bedeutung des Gesprochenen, das Auf- tauchen entsprechender Erinnerungen oder Vorstellungen. 2.7 Sprach- und Handlungsfähigkeit bedingen sich wechselseitig -------------------------------------------------------------- Die Ausbildung des Sprachverständnisses beim Kinde ist vor allem im 2. Lebensjahr eng verknüpft mit der Ausbildung des gegenständ- lichen Handelns. Beide Prozesse bedingen einander wechselseitig. In der kooperativ-kommunikativen Interaktion demonstriert der Er- wachsene dem Kind, wie es diesen oder jenen Gegenstand, z.B. den Becher oder den Löffel zweckmäßig gebrauchen kann. Er begleitet seine Demonstration mit entsprechenden Worten. Dieser Vorgang muß je nach der Kompliziertheit der Handlung öfter wiederholt werden, manchmal muß dem Kind dabei auch die Hand geführt oder in anderer Weise handgreiflich geholfen werden. Sobald das Kind aber die Operation beherrscht, wird es sie schließlich auch ohne Vorbild nur auf die sprachliche Anleitung hin zielgerichtet ausführen. Ähnliches spielt sich auch beim Suchen und Erkennen von Gegen- ständen und Personen, ihrer Merkmale und Eigenschaften, ihrer raum-zeitlichen Zusammenhänge ab. Das schrittweise Erkennen der Bedeutung von Wortmarkierungen für Objekte, Vorgänge und Beziehungen führt im 2. Lebensjahr dazu, daß der Erwachsene das Verhalten des Kindes durch seine Worte, durch seine Gebote und Verbote, durch seine Instruktionen regu- lieren kann. Die Sprache, zuerst die gehörte, beginnt ihre r e g u l a t i v e F u n k t i o n zu erfüllen. Sie löst nicht nur Bewegungen, Handlungen aus, sondern auch Veränderungen in der Stimmung, ruft positive oder negative Gefühle, positive oder ne- gative Zustände hervor und beeinflußt dadurch auch den Funktions- zustand der inneren Organe, Schlaf, Appetit, Leistungsfähigkeit usw. Gegen Ende des 2. Lebensjahres ist das Sprachverständnis des Kin- des schon soweit herausgebildet, daß es Aufträge versteht und ausführt, die von ihm eine ganze Handlungsfolge verlangen, die auch voraussetzen, daß es sich Situationen vorstellen kann, die noch gar nicht eingetreten sind. Sein Wortgedächtnis ist dann be- reits umfangreich und strukturiert, so daß es über die reakti- vierten Spurenmuster als o p e r a t i v e s G e d ä c h t- n i s für die Zeit, die für die Ausführung des Auftrages notwendig ist, die Vorstellung von der Aufeinanderfolge der Handlungen, von dem dabei notwendigen Umgang mit Objekten, von den räumlichen und zeitlichen Beziehungen produziert, auf- rechterhält und eventuell falsche Schritte beim Handeln mit der Vorstellung vergleichen, beurteilen und korrigieren kann. Die Aneignung des Sprachverständnisses und der verschiedenen ge- genständlichen Handlungen und Tätigkeiten geht also in engster Wechselwirkung miteinander unter dem Vorbild und den sprachlichen Äußerungen der Erwachsenen im 2. Lebensjahr schnell vor sich. Auf der anderen Seite entwickelt sich auch die S p r a c h p r o- d u k t i o n. Schon der Säugling übt die Handhabung der Sprech- werkzeuge, d.h. der Sprechmotorik ebenso wie Willkürbewegungen anderer Körperteile und Bewegungsapparate (z.B. Sehapparat). Dieses Üben führt zuerst zum Modifizieren der Stimme beim Schreien und zum Vokalisieren, so daß vertraute Erwachsene bald unterscheiden können, ob das Kind aus Hunger, aus Angst, Wut oder aus dem Gefühl der Verlassenheit schreit oder ob es aus Wohlbehagen oder Kontaktbedürfnis Laute von sich gibt. In den ersten Lebensmonaten setzt dann das Lallen ein, das später in ganze Lallmonologe übergeht. Mit der Befähigung zum Nachahmen beginnt auch das Nachbilden von Fremdgeräuschen, das Nachahmen von Intonationen und schließlich das Artikulieren von Silben. S p r e c h e n im eigentlichen Sinn beginnt erst, wenn Worte sinnvoll als Bezeichnung von Objekten, Personen, Vorgängen und Beziehungen gebraucht werden. Das erste sinnvolle Aussprechen von Worten erfolgt in sehr unterschiedlichem Alter (etwa zwischen 9 und 18 Monaten). In der 2. Hälfte des 2. Lebensjahres erhöht sich das Tempo bei der Ausbildung des Sprechens. Der aktive Wortschatz wächst bis zum Ende des 2. Lebensjahres etwa auf hundert Worte, unter ihnen neben Substantiven auch Verben, Adjektive usw. Typisch ist dann auch der Zwei- oder Mehrwortsatz, wenn er auch noch nicht syntak- tisch (grammatikalisch) aufgebaut ist. Durch die eigene Sprachproduktion des Kindes gewinnen die Gesetz- mäßigkeiten der Sprache eine immer dominierendere Rolle bei der Widerspiegelung der Wirklichkeit, bei der Orientierung wie bei der Regulation der Tätigkeit und der Wechselbeziehungen mit sei- ner Umwelt. Was vorher vom Kind in der Interaktion und Kommunika- tion durch Gestik und Pantomimik in Bewegungen ausgedrückt werden mußte, kann jetzt durch Sprechen verständlich gemacht werden. Da- durch werden die emotionalen Ausdrucksreaktionen eingeschränkt und teilweise gehemmt; das Kind wirkt beherrschter. Was vorher durch vielseitiges Probieren und Suchen erkundet werden mußte, kann jetzt durch Befragen des Erwachsenen in Erfahrung gebracht werden. Die Sprache wird also zum H a u p t k o m m u n i- k a t i o n s m i t t e l. Sie wird aber auch zum H a u p t- e r k e n n t n i s- u n d -r e g u l a t i o n s m i t t e l. In der sprachlichen Kommunikation verwendet der Erwachsene die Worte als Begriffe; ihre gesellschaftliche Bedeutung ist viel allgemeiner, als es der individuellen Erfahrung des Kindes ent- spricht. Die Wortbedeutungen des Kindes müssen sich also mit ge- sellschaftlichem Inhalt anreichern. Dabei werden immer mehr sinn- lich-konkrete Merkmalsrepräsentationen des Bezeichneten ausgeson- dert, bis zur optimalen Abstraktion, wie sie im Begriff, d.h. in der gesellschaftlichen Bedeutung des Wortes enthalten ist und vom Erwachsenen vermittelt wird. Man kann z.B. beobachten, wie die Bedeutung des Wortes "Wasser" bei Kindern des 2. bzw. 3. Lebens- jahres sich zum Begriff wandelt. War "Wasser" zuerst nur das Bade- oder Trinkwasser, so wird das Kind bald auch infolge der Verwendung des Wortes durch den Erwachsenen erkennen, daß Regen, Tau, Bach, Fluß, See usw. auch Wasser sind. Bei der Verwendung von Verben werden unwesentliche von wesentlichen Merkmalen noch stärker ausgesondert. Das Kind erfährt, daß "Waschen" als Be- zeichnung für die Körperreinigung wie für Waschen von Geschirr, Wäsche usw. verwendet werden kann und verbindet mit dem Wort nur mehr die wesentlichen funktionellen oder operationalen Merkmale. Durch die Anwendung von Verben werden auch wichtige semantische Relationen verallgemeinert ausgesondert (räumliche, zeitliche usw.). Schließlich gibt es auch Wortarten wie die Adjektive, die bestimmte Eigenschaften und Dimensionen der Dinge und Erscheinun- gen der Wirklichkeit aussondern, und dann verallgemeinert be- zeichnen, wie z. B. die Form, die Größe, die Farbe von Objekten usw. Durch die semantischen und syntaktischen Regelhaftigkeiten der Sprache wird der Erfahrungsschatz des Kindes mit dem von den Erwachsenen vermittelten Wissensschatz immer mehr im sich hierar- chisch vernetzenden Wortgedächtnis verknüpft. Das Wortgedächtnis erhält seine spezifischen semantischen Relationen und seine hier- archische Struktur. Das innere Operieren mit den kodierten verba- len Repräsentationen verselbständigt sich und geht dann über das Vorstellen und Denkhandeln weit hinaus; es erhält den Charakter der verschiedenen Formen des Denkens, des sprachlich-begriffli- chen Operierens, der g e i s t i g e n T ä t i g k e i t. All- mählich baut sich über dem bildhaft-episodischen Gedächtnis des Kindes das hierarchische Netz des s e m a n t i s c h e n G e d ä c h t n i s s e s mit seinen zwischen- und innerbe- grifflichen (z. B. Ober-Unterbegriff) Relationen auf und ermög- licht es dem Kind immer mehr, gesellschaftliche Erfahrungen zu interiorisieren und seine nun bewußt gewordenen, begrifflich ge- ordneten Gedanken, Absichten, Interessen usw. anderen mitzutei- len. Dieser Prozeß des Übernehmens und Interiorisierens gesell- schaftlichen Bewußtseins und seiner Umwandlung in individuelles Bewußtsein befindet sich am Ende des 3. Lebensjahres aber erst in den Anfängen. 2.8 Sprachlich-begriffliches Bewußtsein als 2. Ebene ---------------------------------------------------- der Widerspiegelung - Ausbildung des Selbstbewußtseins ------------------------------------------------------ Das s p r a c h l i c h - b e g r i f f l i c h e B e w u ß t- s e i n bildet die 2. Ebene der Widerspiegelung der Wirk- lichkeit. Objekte, Vorgänge und Situationen des konkreten Alltags kann das Kind nun bewußt widerspiegeln, indem es über sie spricht und nachdenkt; es kann über vergangene und kommende Erlebnisse sprechen bzw. seine Tätigkeit vorausschauend durch inneres oder äußeres Sprechen planen. Es wird sich auch immer mehr seiner selbst bewußt und vergleicht sich, sein Äußeres, sein Verhalten und Tun mit dem anderer Menschen, mit den Normen der sozialen Gruppen, in denen es lebt. Dadurch bildet sich seine individuelle Subjektivität, seine Subjektposition, seine infantile Persön- lichkeit immer mehr heraus. Das Bewußtwerden seiner selbst geht von den ersten Lebensmonaten an schrittweise vor sich. Zuerst erkennt das Kind, wenn es beim Namen gerufen wird (etwa mit 6 Lebensmonaten); dann erkennt es sich selbst im Spiegel und beginnt Gesichts- und Körperteile bei anderen wie auch bei sich selbst zu vergleichen, zeigt auf sie und benennt sie (gegen Ende des 3. Lebenshalbjahres). In der 2. Hälfte des 2. Lebensjahres unterscheidet es "mein" und bezeichnet vertraute Personen und Gegenstände als "meine". Ebenso verwendet es seinen Vornahmen, um sich selbst zu bezeichnen, und im 3. Le- bensjahr geht es über zum Gebrauch von "ich". Seine Einbeziehung in den regelhaften Ablauf seines Kinderalltags und das Erkennen der Regelhaftigkeit in den Beziehungen der ihm vertrauten Erwachsenen und Kinder untereinander und seiner Wech- selbeziehungen mit ihnen beeinflußt schon im 1. Lebensjahr seine Vorstellungen. So erwartet es etwa die einzelnen Vorgänge wie Mahlzeiten, Kör- perpflege, Spaziergang usw. und begrüßt sie mit Freude oder es zeigt Unmut, wenn es darauf warten muß. Es erwartet und verlangt die Zuwendung der Erwachsenen, will für seine Leistungen gelobt werden, zeigt ab 2. Lebensjahr soziale Gefühle und versucht, sittliche und ästhetische Werturteile der Erwachsenen anzuwenden. Im 3. Lebensjahr kennt es die Normen und Regeln seines Alltags schon sehr genau und verallgemeinert sie mit "dürfen", "sollen" und der Verwendung des Wortes "man". Unter dem Einfluß der wachsenden Fähigkeit zum zielgerichteten Handeln in Verbindung mit dem Spracherwerb wandelt und differen- ziert sich das Tätigkeitssystem des Kindes im 2. und 3. Lebens- jahr. Die Krippenerzieherinnen haben gelernt, daß der frühe Er- werb von Fertigkeiten der Selbstbedienung (z.B. selbständig löf- feln und aus dem Becher trinken im 1. Lebensjahr), der aufrechten Haltung und der Fortbewegung wichtige Voraussetzung dafür ist, daß sich das Aneignen von gegenständlichen Handlungen unter der Demonstration und Anleitung von Erwachsenen im 2. Lebensjahr er- folgreich vollziehen kann. Verspäten sich die Fertigkeiten der Selbstbedienung (im 2. Lebensjahr An- und Ausziehen, Hände und Gesicht waschen usw.), das Gehen und Klettern usw., dann wird das Kind oft durch sein gleichzeitiges Streben, vom Manipulieren und Hantieren zu gegenständlichen Spielhandlungen und zum richtigen Reagieren auf die Instruktionen der Erwachsenen überzugehen, überfordert. Es zeigt dann Affekte, schnellen Stimmungswechsel und Trotzreaktionen. Bei richtigem Erziehungsverhalten in der Familie und in der Krippe entwickeln sich S e l b s t b e d i e n u n g und S p i e l im 2. Lebensjahr schnell. M u s i k a l i s c h e und b i l d n e r i s c h e F ä h i g k e i t e n und Fertig- keiten bilden sich heraus. Die p r o d u k t i v e n B e- d ü r f n i s s e des Kindes beginnen als Motive seines Handelns zu dominieren. Sein "Weltbild" wird gegen Ende des 2. und noch mehr im 3. Lebensjahr sichtbar in seiner P h a n t a s i e beim Kritzeln und Formen, bei seinen "Als-ob"-Spielen. Schließlich gegen Ende des 3. Lebensjahres ist seine Selbständigkeit bei der Selbstbedienung im großen und ganzen erreicht; es hat alle Grundformen der Willkürbewegungen (Gehen, Laufen, Hüpfen, Ball werfen und fangen, Klettern, Hangeln usw.) erworben; es hat feste Gewohnheiten und Verhaltensweisen im Umgang mit vertrauten Men- schen in der Familie und Krippe, nimmt eine Stellung in seinen Sozialgruppen ein und verlangt, daß diese respektiert wird. Es beurteilt das Verhalten anderer, erwartet Lob für Leistungen, zärtliche Zuwendung und reagiert heftig, wo es sich nicht richtig behandelt fühlt. Die innere Triebkraft seiner Entwicklung sind die Widersprüche zwischen seinem Wollen und Können. Sie äußern sich besonders deutlich bei entscheidenden Übergängen von einem Tätigkeits- und Widerspiegelungssystem zu einem anderen, also besonders am Ende des 1. und am Ende des 3. Lebensjahres, wenn es von der Kinder- krippe in den Kindergarten überwechselt. Bei richtiger pädagogi- scher Führung in der Familie und der Kindereinrichtung können solche Widersprüche ohne große Konflikte oder Adaptationsstörun- gen gelöst werden und bringen dann oftmals eine sprunghafte Wei- terentwicklung der kindlichen Persönlichkeit. 35 Jahre Erfahrungen mit dem Aufbau und der Arbeitsweise der Kin- derkrippen haben uns viele neue Erkenntnisse hinsichtlich der Persönlichkeitsentwicklung und ihren Bedingungen in der frühen Kindheit gebracht, wenn auch noch vieles weiter erforscht werden muß. Sie haben deutlich werden lassen, daß unter den Bedingungen der entwickelten Industriestaaten die Kombination von Familien- und gesellschaftlicher Erziehung die beste Grundlage für eine allseitige Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit in der frü- hen Kindheit bietet. Dafür sprechen folgende Gründe: 1. Die Herausbildung des Tätigkeitssystems und der verschiedenen Tätigkeitsformen bzw. -arten und damit auch der Fähigkeiten und Fertigkeiten können nach wissenschaftlichen Erkenntnissen ange- leitet und dadurch beschleunigt werden. 2. Den Kindern können materiell wie personell Bedingungen ge- schaffen werden, unter denen ihre allseitige und harmonische kör- perliche wie intellektuelle, musische wie emotionale Entwicklung gewährleistet werden kann. 3. Durch die Einbeziehung der Kleinkinder in das Gruppenleben mit Gleichaltrigen bei qualifizierter pädagogischer Führung werden ihre Selbständigkeit und Individualität sowie ihre kollektiven Persönlichkeitszüge gefördert, was sich in der Freude am gemein- samen Tun, in ihren sozialen und produktiven Bedürfnissen, in lebhaften sozialen, sittlichen und ästhetischen Gefühlen und Vor- stellungen äußert. Gleichzeitig bleibt ihre enge emotionale Bin- dung an die Familie gewahrt. Die enge Wechselwirkung zwischen der Praxis der Krippen und der Forschung zur Klärung offener Fragen hat wichtige Erkenntnisse für ein Gesamtbild der Entwicklung der kindlichen Persönlichkeit gebracht, das in seinen Grundzügen die dialektische und histo- risch-materialistische Position des Marxismus bestätigt und auf dem wichtigen Gebiet der Ontogenese des Menschen weiter konkreti- siert. Literaturverzeichnis -------------------- Aksarina, N.M.: Die Erziehung der Kinder in der frühen Kindheit, Berlin 1977. Alt, R.: Das Bildungsmonopol, Berlin 1978. Anochin, P.K.: Das funktionelle System als Grundlage der physio- logischen Architektur des Verhaltensaktes, Jena 1967; Beiträge zur allgemeinen Theorie des funktionellen Systems, Jena 1978. Bachmann, F.: Zur Entwicklung musikalischer Tätigkeiten von Krip- penkindern. "Hygiene in Kinderkollektiven", Bd. 6, Berlin 1980. Besse, M.: Zusammenarbeit zwischen Krippe und Elternhaus. "Hygiene in Kinderkollektiven", Bd. 4, Berlin 1977. 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