Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 10/1986


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HISTORISCHE INDIVIDUALITÄTSFORMEN UND PERSÖNLICHKEIT

Lucien Sève 1. Neue Entwicklungen in Frankreich - 2. Zurück zu einigen Leiti- deen - 3. "Menschliche Psyche" und Persönlichkeit - 4. Was sind "historische Individualitätsformen"? - 5. Stringenztheorien und Determinationsweisen - 6. Frühgeschichte der Persönlichkeit und Subjektivität - 7. Geschichte der Persönlichkeit und Zeitplan - 8. Krise des Kapitalismus und biographische Krise - 9. "Krise des kämpferischen Lebens"? - 10. Erkenntnistheoretische und methodo- logische Probleme 1. Neue Entwicklungen in Frankreich ----------------------------------- Seit einigen Jahren läßt die marxistische Forschung über die men- schliche Individualität in Frankreich neue Entwicklungen erken- nen. Forscher verschiedener Fachrichtungen, in ihrer Mehrzahl jünger als 40 Jahre, die bisher unabhängig voneinander arbeite- ten, die aber eine Übereinstimmung in wesentlichen Fragen zum Problem der Individualität zusammenführt, haben begonnen, syste- matisch ihre Ansichten im Rahmen eines Seminars auszutauschen, das seit zwei Jahren am Institut de Recherches Marxistes in Paris stattfindet. Es handelt sich um Michèle Bertrand, bekannt durch ihre philosophischen Werke, die eine Untersuchung durchführt über die Bedeutung des Phantasierens für das Individuum - um Antoine Casanova, den seine zahlreichen historischen Arbeiten zu einer Vertiefung der Beziehung zwischen Geschichte und Biographie ge- führt haben - um Yves Clot, Schulberater, der Forschungen über die Arbeit, das Wissen und die Werte, vor allem bei den Jugendli- chen von heute, betreibt und anregt - um Bernard Doray, Psychia- ter und Psychoanalytiker, Autor des Buches Le taylorisme: Une fo- lie rationelle (Dunod 1981), das sich insbesondere mit den psy- chischen Problemen der Arbeitslosen beschäftigt - um Françoise Hurstel, Soziologin und Psychoanalytikerin, die über die Bedeu- tung der Vaterbeziehung für die Identitätsbildung bei Arbeitern in ihrer Region arbeitet - um Yves Schwartz, Philosoph, der in seiner Region eine kollektive Untersuchung über Arbeit und Klas- senbewußtsein mit Lohnarbeitern in einem Gebiet mit hoher indu- strieller Konzentration anleitet, eine Untersuchung, die zu dem gerade erschienen Buch L'homme producteur (Editions sociales 1985) geführt hat - um Jean Pierre Ter-rail, Soziologe, in dessen Arbeiten es um die objektiven und subjektiven Veränderungen der Arbeiterklasse in Frankreich von heute geht. Ich selbst bin glei- chermaßen an dem Seminar beteiligt. Ich spreche hier in keiner Weise im Namen des Kollektivs, das in nichts einer um einen "Meister" gescharten "Schule" ähnelt, und dessen Mitglieder, selbst wenn mein Buch Marxismus und Theorie der Persönlichkeit in ihrer Reflexion eine Rolle gespielt hat, völlig autonom ihre Forschungen betreiben. Jeder wird übrigens seinen eigenen Beitrag in einem kollektiven Buchprojekt leisten, zu dem wir uns gemeinsam entschlossen haben. Wenn ich vorab diese Information habe geben wollen, so tat ich das mit der Absicht aufzuzeigen, daß die Entwicklung meiner persönlichen Reflexion über die historischen Individualitätsformen und die Persönlich- keit, die den Gegenstand dieses Artikels ausmachen, von zahlrei- chen neuen französischen Beiträgen lebt, die von eben den hier zitierten Forschern ausgehen - ebenso natürlich von den Forschun- gen und kritischen Debatten, die sich in anderen Ländern entwic- keln, wie in Italien (ich denke hier an die Arbeiten von Ivar Od- done und seinen Mitarbeitern) und insbesondere in den beiden deutschen Staaten, soweit es mir möglich war, davon Kenntnis zu erhalten. Marxismus und Theorie der Persönlichkeit war vor fast 20 Jahren in einer großen intellektuellen Einsamkeit gedacht und geschrie- ben worden. Marxistische psychologische Arbeiten von fundamenta- ler Bedeutung, wie die von Wygotski und Leontjew, waren in Frankreich an den Universitäten wie in den Verlagen Gegenstand einer totalen Zensur (Editions sociales, das kommunistische Ver- lagshaus, hat diese Zensur aufgehoben mit der Publikation Leont- jews: Le Developpement du psychisme - Problèmes im Jahre 1976 und von Pensèe et Langage, 1985, dem ersten Werk von Wygotski, das ins Französische übersetzt wurde), und ich hatte von diesen Ar- beiten kaum Kenntnis. Kaum ein französischer Marxist, die profes- sionellen Psychologen eingeschlossen, beschäftigte sich in dieser Epoche mit der Theorie der Persönlichkeit, und die von 1965 bis Mitte der siebziger Jahre dominante Althussersche Interpretation des Marxismus ging soweit, sie prinzipiell auszuschließen, da der historische Materialismus im Verständnis dieser Interpretation den Individuen als solchen die Rolle von bloßen Trägern gesell- schaftlicher Verhältnisse zuweist und das Feld der Subjektivität insgesamt der Lacanschen Psychoanalyse zugeordnet hat. Als ich etwas handwerklerisch Marxismus und Theorie der Persönlichkeit schrieb, mußte ich also versuchen, die Aufmerksamkeit auf einen n i c h t i d e n t i f i z i e r t e n w i s s e n- s c h a f t l i c h e n G e g e n s t a n d zu lenken - die Persönlichkeit, verstanden als zeitlich bestimmtes System von Tätigkeiten, die sich in einer einmaligen Biographie entwickeln, deren Logik historische Individualitätsformen zugrunde liegen. Ich polemisiere dabei vorbeugend gegen die absehbaren Versuche, diesem Gegenstand jede Legitimität abzusprechen und stütze mich auf seine am schwersten zu bestreitenden Aspekte: diejenigen, die aus den ökonomischen Verhältnissen resultieren. Großenteils daraus sind manche Beschränktheiten und Unzulänglichkeiten eines Buches zu erklären, das ich heute selbstverständlich nicht mehr in der gleichen Weise schreiben würde, in einem nunmehr ganz anderen Kontext, da immer mehr Marxisten zur Erforschung dieses neuen Feldes der Erkenntnis beitragen. 2. Zurück zu einigen Leitideen ------------------------------ Indessen sind meiner Ansicht nach die wesentlichen Ideen im Prin- zip heute nach wie vor gültig, und an erster Stelle diejenigen, die ich für die Leitideen halte: 1) Die Idee des P r i m a t s d e s "E n s e m b l e s d e r g e s e l l s c h a f t l i c h e n V e r h ä l t n i s s e", das allein die Realität des "menschlichen Wesens" ist - was eine wachsame Kritik der klassischen und hartnäckig behaupteten Umkeh- rung der 6. Feuerbach-These von Marx voraussetzt, eine Umkehrung, nach der der "Mensch", gar das "Individuum" das "Ensemble der ge- sellschaftlichen Verhältnisse" sei, was mit einem Schlag den hi- storischen Materialismus in einen psycho-soziologischen "Humanismus" verwandelt. Der Leitbegriff der M i t t e l- p u n k t s v e r s c h i e b u n g des "menschlichen Wesens", implizit enthalten in dieser 6. These, ist nur der theoretische Reflex des entscheidenden historischen Prozesses der g e- s e l l s c h a f t l i c h e n M e n s c h w e r d u n g, in der, auf der Basis der materiellen Produktion, die Fähigkeiten der menschlichen Gattung begonnen haben, nicht mehr innerhalb der individuellen Organismen in biologischer Form, sondern außerhalb von ihnen in historisch-gesellschaftlicher Form sich zu akkumulieren, Fähigkeiten, die die Individuen sich im Laufe ihrer biographischen Entwicklung anzueignen haben. In diesem Sinne ist der geniale Satz P o l i t z e r s zu verstehen: "Das Geheimnis der Psychologie ist nicht psychologischer Art." 2) Die unmittelbar damit verknüpfte, aber tief mißverstandene Idee, daß es ursprünglich P s y c h i s c h e s n u r i n d e n I n d i v i d u e n g i b t, indem das entwickelte "menschliche Wesen" sich historisch unter einer nicht-psychischen Form in dem Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse verla- gert und nur in der biographischen Entwicklung der Individuen in- mitten dieser gesellschaftlichen Verhältnisse wieder die psychi- sche Form annimmt. Dieser zweite Punkt ist ebenso fundamental wie der erste, mit dem er übrigens in einem strikten Sinne untrennbar verbunden ist: Man kann nicht die Psychologisierung der gesell- schaftlichen Verhältnisse vermeiden, wenn man nicht ebenso die Soziologisierung der psychischen Verhältnisse vermeidet. 3) In nicht weniger enger Verbindung mit diesen beiden Ideen die weitere I d e e d e s r a d i k a l b e s o n d e r e n C h a r a k t e r s d e r P e r s ö n l i c h k e i t, die vollständig historisch-gesellschaftlich und gleichzeitig nicht auf eine einfache Überbaustruktur der Gesellschaftsformation re- duzierbar ist. Wenn in einem bestimmten Sinne alles in der Persönlichkeit histo- risch-gesellschaftlichen Ursprungs ist, so gilt das auch für ihre Existenzform. Wenn in der entwickelten Menschheit die Individua- lität eine im Verhältnis zur Tierwelt vollständig neue Form der Persönlichkeit annimmt, so ist das in letzter Konsequenz darin begründet, daß ihre Entwicklung - da die menschlichen Fähigkeiten sich nicht mehr im Inneren des individuellen Organismus, sondern außerhalb, in der gesellschaftlichen Welt akkumulieren - sich von den Schranken der biologischen Individualität emanzipiert und in unendlicher Überschreitung dessen, was ein Individuum im Laufe seines Lebens sich aneignen kann, ein vollständig neues Feld für die biographische Entfaltung ihrer Einmaligkeit eröffnet. Die Existenz der Persönlichkeit ist so selbst ein geschichtliches Produkt. Dennoch geht die Produktion und die Reproduktion dieser Existenz von einem Faktum aus, dessen natürliche Dimensionen durch den historisch-gesellschaftlichen Prozeß nicht ausgelöscht, sondern in ihm aufgehoben werden: dem n a t ü r l i c h e n F a k t u m d e r I n d i v i d u a l i t ä t, das der Persön- lichkeit und der Biographie universelle Notwendigkeiten auferlegt wie die, ein geschlechtsspezifisches Wesen zu sein, in der Dimen- sion der Subjektivität zu leben, eine endliche Reihe von Lebens- jahren zu durchlaufen. In diesem Sinne reduziert sich die voll- ständig historisch-gesellschaftliche Basis der Persönlichkeit dennoch nicht auf diejenige der jeweiligen Gesellschaftsforma- tion. Sie hat vielmehr ganz spezifische Dimensionen. Es ist genau dieses komplexe Determinationsverhältnis, das ich mit dem Neolo- gismus "Juxta-Struktur" 1) glaubte ausdrücken zu können. Von diesem Doppelcharakter der Determination der Persönlichkeit darf nicht abgeglitten werden zu der Idee einer doppelten Deter- mination, zu einer Theorie der zwei Faktoren, zu einem Dualismus der Natur und der Kultur, da die "natürlichen Bedingungen" der entwickelten menschlichen Individualität vollständig historisiert sind - was an der Schnelligkeit der tiefgreifenden gesellschaft- lichen Veränderung in der Gegenwart zutage tritt. So verändert sich das "Frau-Sein" in historischem Maßstab vor allem infolge des massiven Übergangs der Frau in das Lohnarbeitsverhältnis, wo sie tagtäglich die Erfahrung macht, daß ihre Arbeit in der uni- versellen Form des Reichtums, der Geldform, der der Männer äqui- valent ist, was eine fundamentale Rolle in ihrem Bewußtsein und in ihrer Forderung nach Gleichheit gespielt hat. Ebenso erfährt das "Jungsein" im heutigen Frankreich eine Sinn- veränderung durch die Tatsache, daß das schulpflichtige Alter auf 16 Jahre heraufgesetzt worden ist (wobei die Schule vollständig von der Arbeitswelt abgeschnitten ist) und daß im Zusammenhang mit der Krise das Studium oft in die Arbeitslosigkeit mündet, so daß eine ganze Periode im Leben des Heranwachsenden entstanden ist, in der das Individuum nicht direkt in die Arbeitswelt ein- tritt. Das hat enorme Konsequenzen für die Entwicklung der Per- sönlichkeit, insbesondere für die Reproduktion des Klassenbewußt- seins. Desgleichen verändert sich schließlich die Bedeutung des "Altseins", und zwar in dem Moment, wo die allgemeine Verlänge- rung der Lebenserwartung und die Herabsetzung des Ruhestandsal- ters Raum schaffen für einen ganz neuen Lebensabschnitt und die Erwartung aufkommen läßt, daß sich etwas anderes erfüllt als der traditionelle, mit dem Eintritt in den Ruhestand vollzogene "Rückzug" aus dem gesellschaftlichen Leben auf die aller Öffent- lichkeit beraubten "privaten" Tätigkeiten. Man liest hier wie in einem offenen Buch die radikale Geschichtlichkeit der "natür- lichen" Kategorien des Geschlechts oder des Alters. Bleibt noch zu sagen, daß das F a k t u m d e s G e s c h l e c h t s, das F a k t u m d e s A l t e r s usw. nicht aus sich selbst Produkte der gesellschaftlichen Verhältnisse sind und daß das Studium der Persönlichkeit also nicht einfach Anhängsel an das Studium der Gesellschaftsformationen sein kann. 3. "Menschliche Psyche" und Persönlichkeit ------------------------------------------ Ebensowenig kann die Persönlichkeit nur die schlichte Synthese alldessen sein, was wir von den anthropogenetischen und psycho- historischen Herangehensweisen an die Formen menschlicher Tätig- keit her kennen. Gewiß, meine Art, die weitgehend noch zu schaf- fende Wissenschaft der Persönlichkeit zu begreifen, ist nicht nur nicht unvereinbar mit diesen Herangehensweisen, sondern fordert sie vielmehr: zum Beispiel was die Evolution der Bedingungen, Tä- tigkeiten, Fähigkeiten usw. von den Hominiden bis zu den heutigen Menschen betrifft - von der naturgeschichtlichen Genese ursprüng- licher Fakten wie der grundlegenden psychischen Frühreife des menschlichen Neugeborenen bis zur kulturgeschichtlichen Heraus- bildung der höheren psychischen Funktionen. Aber zusammengenommen konstituiert dieses gesamte Wissen meiner Ansicht nach noch nicht die Wissenschaft der Persönlichkeit. Ich habe sogar den Verdacht, daß diese Kenntnisse, würden sie mißverstanden, die Perspektive dieser Wissenschaft nachhaltig versperren könnten. Denn die menschlichen Tätigkeitsweisen e x i s t i e r e n im strengen Sinne des Wortes nur in zwei Formen: zum einen in ihrer objektiven Form, in immer einmaligen Gesellschaftsformationen als Produktivkräfte und Produktionsprozesse, als Klassenverhältnisse, symbolische Systeme, Lebensweisen, Institutionen usw., d. h. all das, was Marx im Blick hatte, als er vom "Ensemble der gesell- schaftlichen Verhältnisse" sprach; aber sie stellen sich hier in einer n i c h t - p s y c h i s c h e n Form dar - und zum an- deren in ihrer subjektiven Form, in den immer einmaligen Persön- lichkeiten als Fähigkeiten, Tätigkeiten, Vorstellungen, Motiva- tionen usw. und nun, aber hier a u s s c h l i e ß l i c h, in p s y c h i s c h e r Form. Von nun an heißt die p s y- c h i s c h e n F o r m e n als o b j e k t i v e g e- s e l l s c h a f t l i c h e F o r m e n v o n G a t- t u n g s m ö g l i c h k e i t e n untersuchen wollen, sich dem Desaster auszusetzen, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu psjchologisieren und die psychologischen Verhältnisse zu soziologisieren. D a s, w a s f ü r v i e l e T i e r e g ü l t i g i s t, g i l t n i c h t m e h r f ü r d i e e n t- w i c k e l t e n M e n s c h e n, denn das historisch-gesell- schaftliche Verhältnis zwischen menschlicher Persönlichkeit und gesellschaftlicher Menschheit ist ein radikal anderes geworden als das natürliche Verhältnis zwischen biologischem Individuum und Tierart. Man kann legitimerweise "die Psyche" einer Tierart untersuchen und zwar deswegen, weil von Natur aus jedes Tier im großen und ganzen dasselbe zu tun weiß und tut wie seine Artverwandten, da seine Grundfähigkeiten in den charakteristi- schen Genomen dieser gesamten Population programmiert sind. Hier kann das Individuum ohne Schaden für ein G a t t u n g s- e x e m p l a r g e h a l t e n w e r d e n und seine Psyche als repräsentativ für die der Art gelten. Aber man kann keinen verhängnisvolleren Irrtum begehen, als diese Vorgehensweise unverändert auf die entwickelte Menschheit zu übertragen. Hier kann das Individuum, wenn es P e r s ö n l i c h k e i t geworden ist, nicht mehr zu einem wesentlichen Teil als ein Gattungsexemplar betrachtet werden; seine biographisch ausgebil- dete Einmaligkeit ist vielmehr in gar keiner Weise mehr sekundäre Differenz, sondern ursprüngliche Charakteristik - das kommt in der schrecklichen Öde des größten Teils der allgemeinen Be- trachtungen über "die" Frau, "den" Jugendlichen usw. zum Ausdruck. Gewiß, die Persönlichkeiten sind alle in gewisser Hinsicht ein- fach Individuen, die mehr oder weniger die konstitutiven Dimen- sionen des anthropogenetisch entwickelten "natürlichen Faktums" der Individualität und gewisse sehr allgemeine gesellschaftliche Entwicklungs- und Lebensbedingungen gemeinsam haben - wie die Ar- beit oder die Sprache -, weshalb die generalisierende Herange- hensweise an die "menschliche Psyche" relativ legitim ist. Das gilt vor allem für psychische Funktionen, die vieles quasi uni- versellen objektiven und subjektiven natürlichen Bedingungen schulden, wie zum Beispiel die Wahrnehmung. Aber in dem Maße, in dem man zu Funktionen übergeht, in denen diese Bedingungen nicht mehr die wesentliche Rolle spielen, verkommt "die menschliche Psyche" - d. h. "der Mensch im allgemeinen" - schnell zu einer abträglichen Fiktion, für die die bürgerliche Psychologie "der Intelligenz" eine unter vielen tristen Illustrationen ist. Denn es ist die immer e i n m a l i g e konkrete Persönlichkeit - womit absolut nicht gesagt sein soll, daß sie nicht in universel- len logischen Formen zu erfassen ist -, die die a u s s c h l i e ß l i c h p s y c h i s c h e R e a l i t ä t konstituiert, von der "die menschliche Psyche" nur eine Abstrak- tion darstellt. Deshalb kann die wirklich wissenschaftliche Vorgehensweise in der Psychologie meiner Ansicht nach nicht, wie das in der Illusion darüber nach wie vor der Fall ist, zu einem fundamentalen Teil darin bestehen, von allgemeinen Kenntnissen über die menschliche Psyche zu einer Theorie der Persönlichkeit, die deren Apotheose wäre, voranzuschreiten, sondern in meinen Augen ist im Gegenteil die Theorie der Persönlichkeit, die gewiß zahlreiche biologische und historische Kenntnisse voraussetzt, vielmehr ihrerseits uner- läßliche Voraussetzung jedes Verständnisses des psychischen Le- bens der Menschen. Ich denke nicht, daß man zum Beispiel eine hinreichende Konzeption der Motivationen unter Aussparung einer - und sei es auch provisorischen - umfassenden Theorie der Persön- lichkeit und der Biographie ausarbeiten könnte, ebensowenig wie eine hinreichende Konzeption der Triebkräfte der geschichtlichen Entwicklung unter Aussparung der Theorie der Gesellschaftsforma- tionen und ihrer Geschichte ausgearbeitet werden könnte. Marx hat die Wissenschaft der Geschichte nicht aus einer Summe allgemeiner soziologischer Kenntnisse begründet; die Wissenschaft der Persön- lichkeit als biographischer Entwicklung wird ebensowenig aus ei- ner Summe allgemeiner psychologischer Kenntnisse begründet werden können. In diesem Zusammenhang kann das berühmte Wort von Wygotski und anderen: "Die Psychologie hat ihr 'K a p i t a l' n ö t i g" Anlaß zu schweren Mißverständnissen bieten. Es will meiner An- sicht nach sagen, daß es nötig ist, die Psychologie einer ebenso radikalen, ebenso materialistischen, ebenso dialektischen und da- durch auch ebenso schöpferischen Kritik zu unterwerfen, wie sie die von Marx in seinem Hauptwerk hervorgebrachte Kritik der poli- tischen Ökonomie darstellt. Aber wenn man mit diesem Satz sagen will, daß die Aufgabe der Psychologie am Ende darin bestehe, "allgemeine Gesetze" der "menschlichen Psyche" abzuleiten, wie Marx die der kapitalistischen Produktionsweise abgeleitet hat, würde man ihn, fürchte ich, in einen Nonsens verkehren. Man ver- gäße insbesondere: 1. daß die Ausarbeitung des K a p i t a l s u. a. das gründli- che Studium e i n z e l n e r L ä n d e r wie England, Frankreich, Deutschland voraussetzte; 2. daß sie ebenso eine erste G e s a m t s i c h t dessen vor- aussetzte, was eine Gesellschaftsformation und ihre Geschichte ist; 3. daß zum anderen d a s K a p i t a l, das unvollendet geblieben ist, allgemeine Gesetze - übrigens auf eine sehr beson- dere Art und Weise, auf die wir noch zurückkommen müssen - nur abzuleiten versuchte, um schließlich zum Verständnis des r e a l K o n k r e t e n zu gelangen (die Konkurrenz, der Weltmarkt, die Krisen und "die Auflösung der ganzen Scheiße" in dem Übergang zur klassenlosen Gesellschaft in jedem einzelnen Land), ein Ver- ständnis, ohne das man aus dem K a p i t a l das machen würde, was Marx mit aller Entschiedenheit von sich wies: die Theorie als Passepartout einer allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung, von der die verschiedenen Nationen nichts weiter als "Gattungsexemplare" wären, eine Interpretation, die der revolu- tionären Arbeiterbewegung sehr teuer zu stehen gekommen ist. Kurzum, damit die Psychologie ihr K a p i t a l h ä t t e, be- dürfte sie zuerst ihrer "Lage der arbeitenden Klasse in England", ihrer "Deutschen Ideologie", ihres "Manifests", d.h. ihres wenn auch lückenhaften Verständnisses einmaliger Biographien, ihrer wenn auch provisorischen Theorie der Persönlichkeit, ihres wenig- stens schematischen Ausblicks auf die Zukunft der menschlichen Individualität, und sie dürfte niemals aus dem Blick verlieren, daß am Ende das R e a l - K o n k r e t e nichts anderes als die Persönlichkeiten selbst in ihrer grundlegenden Verschieden- heit sind. Noch einmal: Das zu sagen heißt nicht, sich gegen umfassende psy- chologische Forschungen auszusprechen, die unter exakten Bedin- gungen legitim und nützlich sind. Sie hätten zu beginnen mit dem klaren Bewußtsein, daß der Gegenstand "menschliche Psyche", selbst wenn man sehr wohl sieht, daß diese immer die einer be- stimmten historischen Epoche und einer gegebenen Gesellschafts- formation ist, nichtsdestoweniger in vielerlei Hinsicht, sobald er von den einmaligen Persönlichkeiten abgelöst ist, vollständig abstrakt und dadurch furchtbar zweideutig wird. Das ist so wahr, daß von allen Seiten heute in den kapitalistischen Ländern an- spruchsvolle Forscher in den Wissenschaften vom Menschen zu dem Bewußtsein gelangen, daß sie nicht vorankommen können, ohne sich der B i o g r a p h i e zuzuwenden - Soziologen wie Daniel Bertaux in Frankreich oder Franco Ferraroti in Italien, die sich auf die "Lebensgeschichten" konzentrieren, Historiker wie Georges Duby und viele andere, die das Los einmaliger "gewöhnlicher" In- dividuen herauszufinden versuchen, von dem starken Wiederaufleben der Autobiographie in der Literatur gar nicht erst zu reden: Sym- ptom einer gegenwärtigen Krise des "gelebten Lebens", ohne jeden Zweifel - ich werde darauf zurückkommen - ein Zeichen auch, wie könnte man es verkennen, für Sackgassen, in die ein bestimmter Typ abstrakter Generalisierung in den Wissenschaften vom Menschen geführt hat. Aber alle diese interessanten Versuche, die ich ge- rade angeführt habe, stoßen bis auf weiteres auf die Abwesenheit einer wirklichen Wissenschaft der Persönlichkeit und der Biogra- phie. Hic Rhodus, hic salta! 4. Was sind "historische Individualitätsformen"? ------------------------------------------------ Wir müssen also vom Primat der gesellschaftlichen Verhältnisse als nichtpsychischen, objektiv gesellschaftlich-historischen For- men ausgehen, die eine grundlegende Rolle in der Gestaltung und der Entwicklung der Individualität spielen, die die Logik ihrer Tätigkeiten und den Verlauf ihrer Biographie bestimmen und die ich aus diesem Grunde h i s t o r i s c h e I n d i v i d u a- l i t ä t s f o r m e n genannt habe. Dieser neue Begriff scheint, soweit ich das beobachte, obwohl er von bestimmten Forschern in Zweifel gezogen wird, heute von zahlreichen anderen als gültig und in seiner operativen Funktion bewährt angesehen zu werden. Er bietet, wie mir scheint, in der Tat eine Reihe von charakteristischen Merkmalen, die ihn geeignet machen, wesentliche Aspekte der Realität zu reflektieren und der For- schung eine wirksame Orientierung zu geben. Jenseits jeder stati- schen - spiritualistischen oder naturalistischen - Vorstellung der Individualität setzt er vorab ihre Geschichtlichkeit. Damit und im grundlegenden Unterschied zu Vorstellungen wie "Grundpersönlichkeit" oder "Rolle" entzieht die Idee der histori- schen Individualitätsformen ebensowohl der Psychologisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse den Boden - denn diese Basisfor- men sind eindeutig nicht-psychische, objektiv gesellschaftliche Realitäten - wie der Soziologisierung der psychologischen Ver- hältnisse - denn sie sind objektive Determinanten einer psychi- schen Tätigkeit, die dem einmaligen Individuum zueigen ist. Sie halten dazu an, die Verhältnisse zwischen gesellschaftlicher Welt und Persönlichkeit nicht als eine äußerliche mechanische Determi- nation zu denken (denn es sind keine von außen formgebenden Strukturen der Individualität), sondern als eine innere dialekti- sche Beziehung (es sind notwendige logische Formen, die von innen ihre konstitutiven und formbildenden Tätigkeiten regeln). Sie sind also kongruent mit der wesentlichen Darstellung der Persön- lichkeit nicht als Konstellation fixer Charakterzüge, sondern als zeitlich bestimmtes System von Tätigkeiten. Es ist nicht überraschend, daß dieser neue theoretische Begriff, der noch kaum seine Tauglichkeit in konkreten wissenschaftlichen Arbeiten hat erweisen können, Anlaß zu gründlichen Mißverständ- nissen gegeben hat. Ich habe hier drei herausgegriffen: Das erste rührt offensichtlich daher, daß ich, wie ich weiter oben erklärt habe, in M a r x i s m u s u n d T h e o r i e d e r P e r s ö n l i c h k e i t, gestützt auf die ökonomischen Ar- beiten von Marx, als zentralen Punkt die Analyse der Arbeit ein- geführt und als grundlegende Beispiele für historische Individua- litätsformen die kapitalistischen Produktionsverhältnisse angege- ben habe. Das scheint bestimmte Leser zu der Vermutung veranlaßt zu haben, daß die historischen Individualitätsformen ausschließ- lich dieser Ordnung angehören - obwohl ich in verschiedenen Pas- sagen des Buches formell das Gegenteil sage, aber, das ist wahr, den positiven Inhalt dieser Negation kaum entwickelt habe. Ist es nötig zu präzisieren, daß diese Vermutung offenkundig jeder Grundlage entbehrt? Die historischen Individualitätsformen, die eine gegebene Produktionsweise impliziert, schienen mir von fun- damentaler Bedeutung zu sein, aber selbstverständlich kann man und muß man die Liste der historischen Individualitätsformen enorm erweitern. Es gibt auch andere historische Individualitäts- formen, z u m B e i s p i e l die Form "Kernfamilie", die Form "Pflichtschulzeit", die Form "Rekrutierung des wissenschaftlichen Nachwuchses", die Form "Karrieremachen", die Form "Ruhestands- alter", die Form "juristische Person", die Form "allgemeines Wahlrecht", die Form "revolutionäre Partei" und hunderte, tausende andere. Es gibt historische Individualitätsformen in a l l e n B e r e i c h e n des gesellschaftlichen und ebenso individuellen Lebens. Es handelt sich also ganz und gar um "das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse", soweit diese in allen ihren Aspekten die Art und Weise determinieren, in denen die Menschen im Laufe ihrer einmaligen Biographie Persönlichkei- ten werden, d. h. soweit sie "notwendige Formen" sind, "in denen ihre materielle und individuelle Fähigkeit sich realisiert", um in den Worten von Marx in seinem Brief von 1846 an Annenkow, die für mich eine der direktesten Quellen der Ausarbeitung des Be- griffs der historischen Individualitätsformen gewesen sind, zu sprechen. Ein zweites Mißverständnis besteht darin, in einer Bedeutungsver- schiebung, die zu ihrer vollständigen Umkehrung führen kann, die "gesellschaftlichen Personen" wie die des Kapitalisten oder des Arbeiters, wie sie Marx mehrfach im Kapital analysiert, für exem- plarische Individualitätsformen zu halten, ja sogar von daher die historischen Individualitätsformen in ihrer Gesamtheit zu identi- fizieren mit in partiellem oder globalem Sinne t y p i s c h e n G e s t a l t e n der Individualitäten, die aufs engste mit ei- ner gegebenen Gesellschaftsformation verbunden sind. Daß solche Gestalten in der gesellschaftlichen Realität zu beobachten sind und sich übrigens in mancherlei Art auf der Ebene der Lebenswei- sen, der Institutionen, der Vorstellungen oder der Werte verdop- peln, ist offensichtlich. Daß sie also auch authentische histori- sche Individualitätsformen ausdrücken, gegebenenfalls das Ver- hältnis von Kapital und Arbeit, kann man nicht leugnen. Betrach- tet man sie aber als zum Teil konkrete biographische Gestalten, sind sie in Wirklichkeit im Verhältnis zu den Basisformen, von denen die Analyse ausgehen muß, bereits mehr oder weniger a b g e l e i t e t e Phänomene. Vor allem weil derartige Ge- stalten, die schon in mancher Beziehung die p s y c h i s c h e F o r m haben, auf einem Zwischenniveau zwischen Individuali- tätsformen und einmaligen Persönlichkeiten angesiedelt sind, ber- gen sie, wenn man sie nicht mit äußerster Strenge faßt, die Ge- fahr in sich, erneut das Soziohistorische und das Psychobiogra- phische zu verwechseln, d.h. uns um das zu bringen, was gerade den Vorteil des Begriffs historischer Individualitätsformen aus- macht. Die historischen Individualitätsformen, so wenigstens, wie ich sie auffasse, sind i n e r s t e r L i n i e, wiederholen wir das, g e s e l l s c h a f t l i c h e, n i c h t p s y c h i- s c h e V e r h ä l t n i s s e - wie die, die M a r x unter den Begriffen "Geldform", "Lohnform", "Kapitalform" untersucht. Genau diese n i c h t p s y c h i s c h e n Formen induzieren bei den einzelnen Individuen die p s y c h i s c h e n Ver- hältnisse, die spezifisch ihre Persönlichkeit und ihre Biographie konstituieren. Das geschieht genauso, wie es Marx in seiner so überzeugenden Analyse der Bereicherungssucht, der Geldgier und des Geizes in den Grundrissen und in Zur Kritik der politischen Ökonomie an der historischen Entwicklung der Geldform zeigt, die - und zwar unvermeidlich - den Übergang vom Schatzbildner, der bis zu einem bestimmten Punkt konkrete Güter akkumuliert, zum Geizigen, der nie aufhört, Reichtum aufzuhäufen, möglich gemacht hat. Die Geldform ist das Geheimnis des neuen psychischen Charakterzuges des Geizes: Sein u n a u s l ö s c h l i c h e r Charakter - die "auri sacrafames" der Alten - resultiert daraus, daß im Geld der Reichtum eine vollständig a b s t r a k t e Form annimmt. Wohl mehr als der äußerst komplexe und abgeleitete Fall der "Gestalten" der Individualität ist eine solche Analyse exemplarisch für das, was ich im Blick hatte, als ich von historischen Individualitätsformen sprach, die also in keiner Weise gesellschaftliche "Verhaltensmodelle" sind, die das Individuum mehr oder weniger in seiner Biographie "realisieren" würde, sondern logische Formen bestimmen, denen immer verschiedenartige psychische Verhaltensweisen entsprechen. Ein drittes Mißverständnis, das zweifellos aus einer irrtümlichen Interpretation der v i e r B e i s p i e l e f ü r d e n B e g r i f f Z e i t p l a n, den ich in meinem Buch vor- schlug, entstanden ist, ein Irrtum, den ich dennoch ausdrücklich ausgeschlossen habe, ein Irrtum aber auch, der meiner Ansicht nach in Wirklichkeit über ein bloßes Mißverständnis hinausgeht, um eine theoretische Divergenz von großer Tragweite zu behaupten, ist die Idee, daß die Analyse von historischen Individualitäts- formen nicht nur dazu führen würde, "Gestalten der Individuali- tät" zu kennzeichnen, sondern auch eine n e u e T y p o- l o g i e d e r P e r s ö n l i c h k e i t einzuführen. Was mich betrifft, so weise ich formell die Vorstellung einer Typologie zurück. Gewiß, in einer wissenschaftlich noch so wenig bewältigten Materie wie der Persönlichkeit ist es ratsam, nicht leichthin zu behaupten, daß ein Weg der Forschung n i c h t zu Erkenntnissen von einiger Stringenz führen könnte. Dennoch, ohne weiter davon zu reden, daß die mir bekannten Typologien der Persönlichkeit nicht gerade durch ihren Reichtum glänzen und in gewisser Weise prinzipiell die T ä t i g k e i t e n der Individuen ignorieren, liegt dem typologischen Entwurf als solchem unvermeidlich die Idee zugrunde, daß das Reale in Begrif- fen a l l g e m e i n e r T y p e n analysierbar sei, die sich sekundär i n b e s o n d e r e n V a r i a n t e n manife- stieren: Inwieweit soll eine derartige Konzeption - die der "differentiellen Psychologie" - nun die Sackgasse der "mensch- lichen Psyche", des "Menschen im allgemeinen" vermeiden können? Ein Marxist, der der Versuchung der Typologie erläge, müßte sich fragen, warum Marx es nicht unternommen hat, eine Typologie der Gesellschaftsformationen zu konstruieren. Die Antwort scheint mir klar: Er hat dies hauptsächlich aus dem Grund nicht unternommen, weil für ihn eine derartige Sicht in der "schlechten Abstraktion" befangen bliebe. Für Marx existieren G e s e t z m ä ß i g- k e i t e n historisch bestimmter Produktionsweisen - Gesetz- mäßigkeiten, die unvergleichlich besser das Wesen des Realen ausdrücken als "Typen", und diese Gesetzmäßigkeiten können nie anders als in der Identität einmaliger Gesellschaftsformationen festgestellt werden. So ist England für ihn nicht das "typische Land" des Kapitalismus, mehr als Frankreich, Deutschland, die Vereinigten Staaten oder Rußland, es ist vielmehr einfach im 19. Jahrhundert seine "klassische Stätte", wo das Wesen des Prozesses an einen Punkt der Entwicklung gelangt ist, der besser als anderswo beobachtbar ist. Verdeckt nicht in Wirklichkeit jedes typologische Denken, und sei es unbewußt, die subjektive Transformation bestimmter objektiver Realitäten in N o r m e n für die anderen? Und ist von nun an die typologische Vorgehensweise nicht viel "typischer" für den E n t w u r f als für das O b j e k t einer bestimmten Darstellung - einen E n t w u r f, den zu entschleiern erst einmal Aufgabe der Kri- tik wäre? In jedem Fall halte ich eine solche Vorgehensweise für wissen- schaftlich inadäquat und zwar in dem Maße, in dem sie auf einer nicht dialektischen Konzeption der Beziehungen zwischen Univer- sellem und Einzelnem beruht. Wie jeder weiß, ist das Universelle in dem Einzelnen - aber w i e i s t e s g e n a u i n i h m e n t h a l t e n? Nicht als ein K e r n, bei dem das Einzelne nichts weiter als die unwesentliche Hülle wäre - eine Sichtweise des abstrakten Verstandes, an sich schon idealistisch -, sondern als universelle Logik, als innere G e s e t z m ä ß i g k e i t des Einzelnen, als Gesetzmäßigkeit, die das Einzelne in seiner Einmaligkeit selbst in sich trägt - und das ist die dialektische Sichtweise, die allein eine materialistische Betrachtung der Re- alität ermöglicht. Das ist der Grund, warum für mich der Begriff der historischen Individualitätsformen zwingend verbunden ist mit dem Übergang von einem t y p o l o g i s c h e n Blickpunkt zu einer t o p o- l o g i s c h e n Vorgehensweise. Es handelt sich nicht darum, Persönlichkeits t y p e n z u b e s t i m m e n, sondern "O r t e" a u f z u f i n d e n, an denen sich in immer einzigartiger Weise die universellen logischen Formen der konkre- ten Verhältnisse anbahnen. Selbst die offensichtlich unverfängli- che Idee eines "Persönlichkeitstyps" wie "der Kämpfer" scheint mir eine sehr kritisierbare Formulierung der Tatsache zu sein, daß es Individualitätsformen und logische Tätigkeitsformen gibt, die Individuen zu einem "kämpferischen Leben" führen. Noch anders gesagt, die historischen Individualitäts/orme« dürfen nicht ab- strakt und fixiert wie "fertige Formen" gedacht werden, die man auf einer Typenskala klassifizieren könnte, sondern nur als "zu fertigende Formen", die uns auf die Fülle und auf die Transfor- mierbarkeit der Lebensprozesse hinweisen. 5. Stringenzkriterien und Determinationsweisen ---------------------------------------------- Wenn die historischen Individualitätsformen der Persönlichkeit z u g r u n d e liegen, b e g i n n t jede Erkenntnis der Per- sönlichkeit also mit ihrer Untersuchung. So entwickelt unser In- stitut de Recherches Marxistes in der Konzentration seiner Arbeit auf "Frankreich und die Welt der 80er Jahre" - ob es sich nun um ökonomische, gesellschaftliche, politische oder kulturelle Fakten handelt, um die Arbeit, das Wissen, die Lebensweisen oder die Werte, um die Arbeiterklasse, die Frauen, die Jugendlichen oder die Alten - eine Vielzahl von Erkenntnissen, die, ohne selbst psychologische Erkenntnisse zu sein, nichtsdestoweniger der lau- fenden Forschung über die Individualität heute d i r e k t v o r a u s g e h e n. Aber sobald die historischen Individuali- tätsformen in aller Schärfe auf "das Ensemble der gesellschaftli- chen Verhältnisse" verweisen, schaffen sie ein so unerschöpflich weites Feld, daß man es schwerlich ohne K r i t e r i e n d e r U n t e r s c h e i d u n g zwischen Wesentlichem und nicht We- sentlichem bearbeiten könnte. Wo sind solche Kriterien zu finden? Es gibt gewiß die, die uns der historische Materialismus selbst liefert, im Vergleich zu dem sich z. B. die gesellschaftlichen Basisverhältnisse von denen unterscheiden, die es nicht sind. Aber wie sollen wir wissen, bis zu welchem Punkt die Basisver- hältnisse für die Gesellschaftsformationen auch die grundlegenden sind für die Persönlichkeit? Das ist offensichtlich nur dadurch möglich, daß man die Dinge nicht nur ausschließlich von der Seite der Gesellschaftsformationen her betrachtet, sondern auch von der Seite der Persönlichkeit. Die historischen Individualitätsformen s i n d die gesellschaftlichen Verhältnisse - aber die gesell- schaftlichen Verhältnisse a l s Individualitätsformen. Das ist der Grund, warum wir, obwohl die gesellschaftlichen Verhältnisse die wirkliche Basis und der wirkliche Ausgangspunkt sind, ihre triftige S t r i n g e n z für die Frage, die uns beschäftigt, nur auf der Basis und ausgehend von einer noch so provisorischen Theorie der Persönlichkeit und der Biographie bestimmen können. Hier bewahrheitet sich am deutlichsten, an welchem Punkt es un- möglich ist, diese Theorie auf irgendein Moment einer späteren Synthese zu verweisen. Es ist z.B. klar, daß man keinesfalls die- selbe Bedeutung den P r o d u k t i o n s v e r h ä l t n i s- s e n, nach denen das Wesen der Persönlichkeit in einer festen Anordnung von Charakterzügen oder in einem zeitlich bestimmten System von Aktivitäten liegt, und den von s y m b o l i- s c h e n S y s t e m e n b e s t i m m t e n V e r h ä l t- n i s s e n, nach denen man sich die Persönlichkeit als eine Ansammlung objektiver Rollen oder als eine Dynamik vorstellt, die vorab die Dimension der Subjektivität bereits impliziert, zuerkennen wird. So wenig man auch in diese Richtung reflektiert, so scheint doch die Bedeutung der gesellschaftlichen Verhältnisse unter dem Ge- sichtspunkt der Gesellschaftsformation und ihre Stringenz unter dem Gesichtspunkt der Persönlichkeit zugleich entsprechend und unvereinbar zu sein. So scheint der durch den Kapitalismus be- stimmte historische Typ des Produktivitätsfortschritts, nach dem die lebendige Arbeit der Akkumulation der toten Arbeit geopfert wird und der in der Krise zentral in Frage gestellt ist, unter beiden Gesichtspunkten zugleich eine direkte Stringenz zu haben. Aber der tendenzielle Fall der Profitrate, so bedeutsam er für das Verständnis der Kapitalbewegung ist, und obgleich er durch seine Effekte in unzähligen Formen das Schicksal von Millionen Individuen bedingt, hat nur sehr wenig Bedeutung für das Ver- ständnis der Prozesse ihrer psychischen Individuation. Umgekehrt sind die gesellschaftlichen Strukturen, die die zeitliche Aufein- anderfolge von Ausbildungszeit/Zeit beruflicher Tätigkeit/Ruhe- standszeit regeln, obgleich sie unter dem ersten Gesichtspunkt ganz eindeutig von sekundärer Bedeutung sind, von einer direkten Stringenz für die Erfassung der Logik der Biographien, die die Dynamik der Fähigkeiten und der Gesamtentwicklung der großen Zahl der Persönlichkeiten leitet. Die gesellschaftlichen Verhältnisse dieser letzteren Art, die, um sie besser zu regeln, die p s y c h i s c h e n F o r m e n der Persönlichkeit und der Biographie berücksichtigen, können sogar die wesentliche Tatsache verschleiern, daß es u r s p r ü n g l i c h Psychisches nur in den Individuen gibt und so zu Unrecht für die einzigen wirklich stringenten Individualitätsformen gehalten werden. Deshalb ist es äußerst wichtig, niemals aus dem Blick zu verlie- ren, daß sie doch die a b g e l e i t e t e n P r o d u k t e der grundlegendsten objektiven gesellschaftlichen Verhältnisse sind, die ihrerseits am weitesten von den psychischen Formen ent- fernt sind, aber nichtsdestoweniger in letzter Analyse das Wesen eines gegebenen Systems historischer Individualitätsformen deter- minieren. Dieses System von Individualitätsformen einer gegebenen Gesellschaftsformation ist summa summarum nichts anderes als das Ensemble der Verhältnisse dieser Formation, aber unter dem Blick- winkel der psycho-biograpischen Individualität ist es das Ensem- ble in einer "transformierten" Gestalt, so, wie die berühmte Dar- stellung des menschlichen Organismus unter dem Blickwinkel der Projektion seines Nervensystems auf die Ebene der Großhirnrinde eine "transformierte" Gestalt des konkreten Individuums ist. Freilich kann es nicht genügen, diese "transformierte" Gestalt von einer Gesamttheorie der Persönlichkeit und der Biographie hier nach Maßgabe eines in jedem einzelnen Fall durch die Biogra- phie und die Persönlichkeit jedes Individuums konstituierten "Blickwinkels" der Gesellschaftsformation zu skizzieren. Um zu ihrer konkreten Wahrheit zu gelangen, ist es also nötig, sich in die Lage zu versetzen, in dem Ensemble der charakteristischen In- dividualitätsformen dieser Formation die für eine einmalige Per- sönlichkeit und ihre Transformation in den verschiedenen Lebens- momenten in ihrer Besonderheit bedeutsame Lebenswelt zu erkennen. Das ist eine der Hauptaufgaben einer biographischen Forschung, die strengen Ansprüchen genügen will. Derartige Untersuchungen blieben jedoch sehr lückenhaft, wenn sie nicht nach den Determinationsweisen fragen würden, in denen die Persönlichkeit und die Biographie durch die Individualitätsformen bestimmt werden. Es handelt sich hier um die Art von Fragen, wel- che die Theorie wie die der "Grundpersönlichkeit" oder der "Rollen" gar nicht zu stellen scheinen, als ob alle gesellschaft- lichen Verhältnisse in sich selbst für alle Individuen eine ab- strakt-identische Notwendigkeit darstellten und die Individuen sich ganz natürlich vermöge eines zur Stützung dieser Auffassung erfundenen "affektiven Bedürfnisses" nach ihr richten würden. In Wirklichkeit tritt die "gesellschaftliche Determination der per- sönlichen Schicksale" im Spannungsfeld zwischen der strikt uni- versellen Notwendigkeit der Klassenverhältnisse oder der Geldform und dem variablen Anteil von Zufälligkeit, von mehr oder weniger notwendig gegebener "Freiheit" der Berufswahl oder der morali- schen Wertschätzungen in sehr vielfältigen Formen in Erscheinung. Es geht hier darum, die so wichtigen und bisher allzusehr ver- nachlässigten Begriffsbestimmungen der d e u t s c h e n I d e o l o g i e zur historischen Veränderbarkeit der den Per- sönlichkeiten in den verschiedenen Gesellschaftsformationen sich darbietenden Verhältnisse zwischen N o t w e n d i g k e i t u n d Z u f a l l zu vertiefen, es geht darum, insbesondere die aktuelle Entwicklung dieses Verhältnisses - zum Beispiel im Frankreich der gegenwärtigen Krise, wo die Vertiefung der Wider- sprüche dieses Verhältnisses zu beträchtlichen psychischen Verän- derungen führt - und die Zukunftsperspektiven des allgemeinen Übergangs von der Notwendigkeit zur realen Freiheit, von der Fremdbestimmung zur Selbstbestimmung zu untersuchen - Perspekti- ven, die für den Kommunismus von so fundamentaler Bedeutung sind. Es geht auch darum herauszufinden, wie in einem gesellschaftlich strukturierten Feld von Möglichkeiten, das durch ein gegebenes System von Individualitätsformen abgesteckt ist, jedes Individuum von seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen, von seinem Zeitplan und seinen subjektiven Ideal-Vorstellungen her umgekehrt sein eigenes Feld biographischer Möglichkeiten entwirft, seine eigene Art und Weise entwickelt, die Notwendigkeit zu internalisieren und sich seinen Platz im Bereich seiner mehr oder weniger zufälligen Mög- lichkeiten zuzuweisen. Die Freisetzung der Dynamik dieser Dialek- tik, die unendlich viel komplexer ist als ein "soziologischer De- terminismus", ist eine der wesentlichen Aufgaben für die Konsti- tution einer wissenschaftlich überzeugenden und historisch opera- tionalen Theorie der Persönlichkeit und der Biographie. 6. Frühgeschichte der Persönlichkeit und Subjektivität ------------------------------------------------------ Aber wenn man auf diese Weise die konkrete einmalige Persönlich- keit - und nicht einen fiktiven "Persönlichkeitstyp" - zu verste- hen versucht, stößt man unvermeidlich auf ein Problem, das in ge- wisser Weise vorwegzunehmen ist: Das Problem der Subjektivität, deren Konstitution uns auf die Frühgeschichte der Persönlichkeit verweist. Es ist ein für die Marxisten traditionell schwieriges Problem, weil offensichtlich diese ursprüngliche Konstitution der Subjek- tivität sich auf einem Terrain und in Verhältnissen vollzieht - namentlich den Verhältnissen zwischen "Wunsch" und Gesetzmäßig- keit, denen zwischen familiären Bezugspersonen und ihren symboli- schen Besetzungen -, Verhältnissen also, die extrem weit von denen entfernt sind, die der historische Materialismus für objek- tiv wesentliche hält und deren Erklärung er ermöglicht hat. Die lange qualvolle Geschichte der Beziehungen zwischen Marxismus und Psychoanalyse hat in dieser Hinsicht nicht aufgehört, zu einem klassischen Kreuzweg zurückzukehren: Zu dem einen Weg, der zu ei- ner Konzeption der psychischen Individualität führt, nach der diese als im wesentlichen durch ihre und in ihrer Frühgeschichte strukturierte verstanden wird, und zu dem anderen Weg, der zu ei- ner Konzeption führt, nach der die psychische Individualität im wesentlichen durch die gesellschaftlichen Verhaltensweisen, die sie sich auf jeder Altersstufe aneignet, strukturiert ist. Nach meiner heutigen Auffassung sind beide Wege zurückzuweisen. Der erste, weil er den wesentlichen Charakter der "aktuellen Persön- lichkeit" - des Heranwachsenden und Erwachsenen - verkennt, den Charakter ihrer Tätigkeiten, Verhältnisse, Widersprüche, Vorstel- lungen, Sehnsüchte und spezifischen Vorlieben, und dazu führt, das primäre Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse ebenso wie das induzierte Ensemble der Lebensprobleme der konkreten In- dividuen von der Wirklichkeit abzulösen (eine "Derealisation" zu vollziehen). Der zweite, weil er die sehr frühzeitige Ausbildung einer subjektiven Identität verkennt, die nicht mehr aufhören wird, die entwickelte Persönlichkeit und ihre Biographie heimzu- suchen, und damit der Tendenz anheimfällt, das psychische Indivi- duum zu "enteinzeln", d.h. ihm seine Einmaligkeit zu nehmen, und es so auf eine unwesentliche Variante einer ihm irgendwie inne- wohnenden Persönlichkeit zu reduzieren. Der erste Weg kann dem Psychologismus, der zweite dem Soziologismus nicht entgehen. Was den ersten Punkt betrifft, bestehe ich für meinen Teil auf der kritischen Orientierung, wie sie in meinem Buch Marxismus und Theorie der Persönlichkeit vorliegt und wie ich sie danach in an- deren Publikationen weiterentwickelt habe. Ohne hier in eine aus- führlichere Debatte einsteigen zu können, möchte ich sagen, daß in einem großen Teil der psychoanalytischen Literatur im Grunde die meisten der für einen Marxisten strittigen Denkansätze durch dieselbe inakzeptable Einstellung bestimmt sind: Sie besteht darin, fundamentale Aspekte der gesellschaftlichen Realität und dessen, was diese in das wirkliche Leben der Menschen hinein- trägt, zu s u b j e k t i v i e r e n - und zwar dergestalt, daß etwa das gewerkschaftliche oder revolutionäre kämpferische Leben, um ein einfaches aber eingängiges Beispiel zu nehmen, un- ablässig auf Nachträglichkeiten kindlicher Erlebnisse, auf Ratio- nalisierungen aggressiver Triebe usw. zurückgeführt wird, ohne daß die massive Objektivität seiner Beweggründe noch die eigen- ständige Besonderheit seines Inhalts offen zugestanden werden. Schließlich bleibt die P e r s ö n l i c h k e i t selbst, so- weit sie eine höhere historisch-psychische Form betrifft, für die Psychoanalytiker immer mehr ein blinder Punkt zugunsten ihrer übermäßig wahrgenommenen Dimension von S u b j e k t i v i- t ä t. Aber was das heutige Frankreich betrifft, möchte ich hinzufügen, daß es wichtig ist, sehr aufmerksam die Entwicklungen zu beobachten, die in dieser post-L a c a n s c h e n Periode im Gange sind. In wachsender Zahl gehen psychoanalytische Theoretiker und Praktiker, die im allgemeinen dem Marxismus aufgeschlossen gegenüberstehen und sich mit Problemen der Arbeit beschäftigen, dazu über, diese Einstellung neu in Frage zu stellen. So sprach sich der Soziopsychoanalytiker Gérard Mendel im Laufe einer öffentlichen Debatte, die wir in jüngster Zeit mit ihm hatten, mit aller Deutlichkeit gegen die "Psychologisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse" aus und gegen die Reduzierung der "aktuellen Persönlichkeit" auf eine Persön- lichkeit, die aus der Kindheit herrührt und "fortfährt, in der inaktuellen Manier der Kindheit zu agieren". Diese Entwicklung ist erfreulich für die Marxisten, die sich während der langen Epoche allgemeiner Schwärmerei für die Psychoanalyse geweigert haben, in diesem wesentlichen Punkt Zugeständnisse zu machen. Was den zweiten Punkt betrifft, sage ich dagegen ohne Umschweife, daß ich mich selbst weiterentwickelt habe. Da ich heftig in die Auseinandersetzungen verwickelt war, die meine Anstrengung, dem wissenschaftlichen Gegenstand "Persönlichkeit" Anerkennung zu verschaffen, sofort ausgelöst hatte, trug mein Buch von 1969 der Subjektivität und ihren Problemen nicht angemessen Rechnung. Diese Einsicht führt nicht dazu, die eklektische Versöhnung zweier Theorien zu suchen, sondern die effektive Verknüpfung zweier Aspekte ein und derselben psychischen Individualität zu untersuchen - denn die Subjektivität ist vielleicht im Grunde nichts anderes als das komplex strukturierte Ganze des subjekti- ven Sinns für das Individuum, das, bewußt oder unbewußt, der Per- sönlichkeit und seiner Geschichte innewohnt. Die Besonderheit der einzelnen Sinnelemente ist offensichtlich verwoben mit der Früh- geschichte des Individuums, das so als Subjekt konstituiert wird. Die Arbeiten von Yves Clot, von J.P. Terrail u.a. über den schu- lischen Erfolg und Mißerfolg von Arbeiterkindern zeigen z.B. in meinen Augen überzeugend, wie die Dynamik der Arbeit eines jeden einzelnen von ihnen in der Schule den tiefen subjektiven Sinn übersetzt, den sie für ihn über seine eigene dialektische Identi- fikation mit den Elternfiguren und über seine Verinnerlichung des "Familienromans" angenommen hat. Ein derartiger "Roman" sagt ihm, explizit oder latent, in der einen Familie "zeige ihnen, wer wir sind", in einer anderen "nicht in der Schule zeigt man, was man ist" und in wieder einer anderen schließlich "arbeite gut, um nicht so leben zu müssen wie wir" usw., was übrigens sogar für jedes Kind ein und derselben Familie unterschiedliche Bedeutung erhält. Ich denke nicht, daß es eine Theorie der Persönlichkeit und der Biographie geben kann, die ohne Verständnis dessen Gel- tung hat, was Bernard Doray die "elementaren Strukturen der Sub- jektivität" genannt hat. Strukturen, die allein zu verstehen er- möglichen, wie die Subjekte u n e r s c h ö p f l i c h e i n m a l i g e werden in ein und demselben objektiven System historischer Individualitätsformen und mit vergleichbaren biogra- phischen Verläufen. In der notwendigen Erforschung dieses Pro- blems hat der Marxismus zugleich vieles beizutragen und vieles zu lernen. Denn der Versuch, ausgehend von einer summarischen Nega- tion dessen, was die Psychoanalyse - auch in anderen Arbeiten über die Frühgeschichte des Subjekts, etwa der von W a l l o n über das "Stadium des Spiegels" - an besseren Erkenntnissen her- vorgebracht hat, mit seinen eigenen Mitteln eine "Theorie der Subjektivität" zu basteln, würde eher zu einer Regression als zu einem wissenschaftlichen Fortschritt führen. 7. Geschichte der Persönlichkeit und Zeitplan --------------------------------------------- Diese ursprüngliche Subjektivität, dieses in jeder Person bei An- bruch der Biographie geknüpfte Geflecht von Bedeutungen und Moti- ven hat etwas Unauslöschliches, sich Wiederholendes, für die Er- fahrung Undurchdringliches: Die klinische Praxis bestätigt es, die aufmerksame Selbsterforschung macht es erfahrbar. Die späte- ren Formen der Persönlichkeit deshalb für einfache epiphänomenale Konstruktionen, den späteren Lebenslauf für die mehr oder weniger sublimierte ewige Wiederkehr des Kindlichen zu halten, ist ein Schritt, den zu verweigern man meiner Ansicht nach gute Gründe hat. Ist es nicht in Wirklichkeit gerade die Fixierung dieser in- fantilen Subjektivität auf e l e m e n t a r e Szenen und Ge- genstände, die, von pathologischen Fällen abgesehen, ihre enorme Mehrdeutigkeit im Leben des Heranwachsenden und Erwachsenen er- möglicht, und zwar derart, daß eine sehr früh ausgebildete psy- chische Identität, die sich in ihren Wandlungen nicht mehr auflö- sen wird, gleichzeitig eine o f f e n e G e s c h i c h t- l i c h k e i t der werdenden Persönlichkeit als Möglichkeit in sich trägt und in der realen Entwicklung aufrechterhält? Zeigt nicht zum Beispiel die Tatsache sogar, daß eine unendliche Vielfalt s u b j e k t i v e r A r t e n d e s k ä m p f e- r i s c h e n L e b e n s existiert, klar und deutlich, daß diese Lebenslogik weit davon entfernt ist, die Rationalisierung eines spezifischen Zwangsverhaltens zu sein, sondern ganz im Gegenteil in der Lage ist, sich all diese Zwänge einzuverleiben? Gewiß findet sie dabei in ihren bestimmten Formen ihre Einmaligkeit, aber ohne sich deswegen in ihrem Wesen ihnen unter- zuordnen. Die historische Forschung zeigt uns, wie die Bestimmung einer Nation nicht auf die sukzessiven Wandlungen einer invarian- ten geo-ethno-kulturellen Identität reduziert werden kann, son- dern von Grund auf abhängig ist von einer Dynamik seiner Produk- tivkräfte, seiner Klassenkämpfe usw., einer Dynamik, die zwar sehr stark durch die vorher geschaffene nationale Identität ge- prägt ist, diese umgekehrt aber in jeder Epoche wesentlich verän- dert, indem sie ihr neue Perspektiven möglicher Entwicklungen er- öffnet. Zweifellos ist vieles von den Historikern zu lernen, um in einer gültigen Form das Problem der individuellen psychischen Identität in ihrer dreifachen Determination durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft anzugehen. Ganz wie die Nationen haben die Persönlichkeiten sehr wohl eine G e s c h i c h t e, im vollen Sinn des Wortes - eine Geschichte als Geflecht der verschiedenartigsten Tätigkeiten und der Ver- hältnisse, die sie im Verlauf des Tages, der Woche, des Jahres, der Lebensepoche eingehen - das, was ich im Hinblick mehr noch auf seine qualitative als auf seine quantitative Zusammensetzung den Z e i t p l a n als zugleich verfestigte und biographisch evolutionäre Basis der Persönlichkeit genannt habe. Diese grund- legende Rolle des Zeitplans tritt in seinen massenhaften gesell- schaftlichen Modifikationen und seinen vielgestaltigen Effekten für die Persönlichkeit zutage. In dieser Hinsicht finden die Ar- beiten der kommunistischen Ökonomen und des Sektors "F r a n z ö s i s c h e G e s e l l s c h a f t" unseres In- stituts, unter anderem über die V e r ä n d e r u n g e n d e r A r b e i t e r k l a s s e im Frankreich der gegenwärtigen Krise ein großes Interesse. Sie lassen gut erkennen, welche Um- wälzungen, überdies in widersprüchlichen Formen, die Zeitpläne der Arbeiter durch die tiefgreifenden Veränderungen der histori- schen Individualitätsformen seit einigen Jahrzehnten erfahren ha- ben. Das betrifft sowohl das Leben außerhalb der Arbeit (Transformation der familiären Lebensweisen, der Schulzeit, der materiellen und kulturellen Konsumtion usw.) als auch das Ar- beitsleben (zunehmende Bedeutung der "Wissenskraft" in der Ar- beitskraft und des "kollektiven Arbeiters" im Betrieb, aber auch die zunehmende Unsicherheit des Arbeitsplatzes und der Beschäfti- gung usw.) als auch die Beziehungen zwischen beiden (allgemeine Politisierung der Probleme, aber gleichzeitig auch die Vertiefung des Einschnitts zwischen Schule und Arbeitswelt, zwischen notwen- diger Arbeitszeit und privater Freizeit usw.) ebenso wie die bio- graphischen Perspektiven (Eröffnung neuer Vermittlungsformen ge- sellschaftlicher Mobilität, aber auch Verschließung bestimmter anderer, Ausdehnung der Arbeitslosigkeit und der Diskriminierun- gen, Radikalisierung des Gegensatzes zwischen der Kapitalverwer- tung und der realen Entwicklung der Menschen und ihrer Verant- wortlichkeiten usw.). Von diesen Umwälzungen her muß man offen- sichtlich die Entstellungen der I d e n t i t ä t und des K l a s s e n b e w u ß t s e i n s von Arbeitern begreifen. Es geht um eine mehr denn je real existierende Arbeiterklasse, eine Arbeiterklasse aber, die in ihren materiellen und kulturellen Re- produktionsweisen, ihrer inneren Differenzierung nach sozio-pro- fessionellen Kategorien, ihren Identifikationsmustern und ihren Traditionen der Organisation und des Kampfes destabilisiert ist - alles Dinge, die sich in Biographien und Subjektivitäten in jedes Mal anderen Formen widerspiegeln. Aber wenn der Begriff Z e i t p l a n so in seiner praktischen Anwendung sehr stringent zu sein scheint, wirft seine theoreti- sche Vertiefung doch noch viele Probleme auf. Um nur ein Beispiel dafür zu geben: Welche Geltung hat die Annahme einer fundamenta- len Dualität zwischen k o n k r e t e r T ä t i g k e i t und a b s t r a k t e r T ä t i g k e i t, die ich als verallge- meinerte Form der M a r x s c h e n Analyse zur k o n k r e- t e n A r b e i t und a b s t r a k t e n A r b e i t vor- geschlagen habe? Handelt es sich um eine verifizierbare Realität oder um eine riskante Metapher? Können die Termini abstrakt und konkret eine hinreichend definierte Bedeutung außerhalb des Bereichs der Ökonomie haben? Meiner Meinung nach ja und mehr denn je. Ist, biographisch gesprochen, jede Tätigkeit a b- s t r a k t, die über die materiellen und symbolischen Ver- mittlungen ihres sozialen Umfeldes unter einer e n t f r e m- d e t e n Form zum Individuum zurückkehrt, nämlich belastet mit Effekten und Bedeutungen, die seinen Zielen f r e m d sind, ja in einer Form, in der das Individuum sie gar nicht als seine eigene Tätigkeit wiedererkennt, so ist im Unterschied dazu Tätigkeit k o n k r e t, die obwohl sie ebenso unvermeidlich, auch in ihren privaten Formen, vermittelt ist, dennoch für das Individuum in ihren Resultaten transparent und in ihren Zielsetzungen homogen bleibt. Nun, die Untersuchung der ka- pitalistischen Gesellschaft in der gegenwärtigen Krise zeigt, daß diese nicht aufhört, aus neuen konkreten Tätigkeiten abstrakte zu machen und die Dichotomie zwischen den einen und den anderen zu vertiefen und so ein sehr furchterregendes und sehr heimtücki- sches Hindernis für den inneren Zusammenhalt und die Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit aufzubauen. So verweist auch die K r i s e d e r P o l i t i k - die ideologisch durch die herrschenden Kräfte verstärkt und manipuliert wird, aber nichts- destoweniger, vor allem in der Jugend, eine wirkliche Abneigung gegen Politik verdeckt - auf ein besorgniserregendes Umsichgrei- fen der e n t f r e m d e n d e n A b s t r a k t i o n in den herrschenden Tätigkeiten und politischen Verhältnissen, was sich in der Forderung eines Jugendlichen offenbart: "Ich möchte sehen, was bei meinen Handlungen herauskommt". Man kann eine analoge Entwicklung in vielen anderen Bereichen, wie denen der Moral oder der Kultur, konstatieren. Die theoretische Durchdringung dieser vielfältigen Erscheinungen ist eine Pflicht für denjenigen, der sich mit der Persönlichkeit beschäftigt. 8. Krise des Kapitalismus und biographische Krise ------------------------------------------------- Diese bruchstückartigen Bemerkungen über die Logik, die dem Zeit- plan und der Dynamik der persönlichen Entwicklung zugrunde lie- gen, führen dazu, ein noch globaleres Problem aufzuwerfen: Ist die Krise des Kapitalismus nicht im Begriff, eine massenhaft ver- breitete b i o g r a p h i s c h e K r i s e hervorzubringen? Es gibt gute Gründe für diese Annahme. Zweifellos muß man sich des hypothetischen und approximativen Charakters der gesamten Formulierungen einer so komplexen und noch so wenig erforschten Frage sehr bewußt sein. Vielleicht ist es aber dennoch möglich zu sagen: Einer der wesentlichen Aspekte der heutigen, durch die Entwicklung der Produktivkräfte und der gesellschaftlichen Ver- hältnisse in ihrer wechselseitigen Verknüpfung induzierten Verän- derungen scheint, jedenfalls was Frankreich betrifft, der zu sein, einen umfassenden historischen Prozeß der Überwindung fun- damentaler Spaltungen einzuleiten. Das erstreckt sich auf die wechselseitige Durchdringung der materiellen und der intellektu- ellen Arbeit, der produktiven und der unproduktiven, den Übergang von der unmittelbaren individuellen Arbeit zur Kooperation inner- halb des kollektiven Gesamtarbeiters, die Beseitigung zahlreicher Schranken zwischen sozialen Schichten, den Geschlechtern und eth- nischen Gruppierungen innerhalb eines Kontinuums von Lohnarbeit, die Verstärkung der gesellschaftlichen Mobilität, die Infrage- stellung von Fremdbestimmung und Abhängigkeiten - und zwar der- art, daß für die Masse der Bevölkerung die Möglichkeit konkret zu werden scheint, ein viel weniger parzelliertes und partikulari- siertes Individuum zu sein, als das heute der Fall ist, eine rei- che Persönlichkeit in einer wahren Solidarität zu sein. Aber gleichzeitig reproduzieren und verschärfen sich in der Krise des Kapitalismus weiterhin Blockierungen (schulischer Mißerfolg, Arbeitslosigkeit, Entwertung der Fähigkeiten, Beschneidung der Verantwortlichkeiten ...) und Spaltungen (zwischen lebendiger und toter Arbeit, Planung und Ausführung, Kreativität und Konsum, Arbeitszeit und Freizeit...), die sich gewaltsam dem Streben nach einer Überwindung der Spaltung und N e u g e s t a l t u n g der Persönlichkeit und der Biographie entgegenstellen. Gleich- zeitig haben die Enttäuschungen, die die großen Hoffnungen auf gesellschaftliche Emanzipation erlitten haben - 1968, 1981 - den Skeptizismus gegenüber der Durchsetzbarkeit des Zieles selbst genährt. Sie haben ein noch größeres, von der Großbourgeoisie in aller Öffentlichkeit ausgebeutetes Risiko geschaffen, das Risiko eines auf der ganzen Linie drohenden Zurückfallens auf erneute Formen von Dichotomie, von Einbindung der Persönlichkeiten in einen gefährlich wachsenden Abstand zwischen menschlichen Fähigkeiten und in schwindelerregender Rasanz sich ausbreitenden gesellschaftlichen Kräften auf der einen Seite und der für die Individuen reduzierten Möglichkeiten, sie sich anzueignen, auf der anderen. Im Ganzen gesehen erscheinen die volle Entwicklung jedes Menschen und die universelle Ausbildung einer z u r S e l b s t b e s t i m m u n g b e f ä h i g t e n I n d i- v i d u a l i t ä t heute in einer viel konkreteren Weise als eine historische Möglichkeit und zugleich als eine historische Notwendigkeit; und auf der einen Seite scheinen sie sich mitten durch das Auf und Ab der Krise hindurch ihren Weg zu bahnen. Auf der anderen Seite aber stoßen sie auf die undurchdringlichen gesellschaftlichen Verhältnisse, die hartnäckig die fundamentalen Entfremdungen aufrechterhalten und drohen, mangels der Mittel diese gar auf die eigenen Kräfte bauend in Frage zu stellen, in die Sackgassen des D u a l i s m u s zwischen den "gesell- schaftlichen Zwängen" und der "privaten Freiheit", in die Ausweglosigkeit des zutiefst entfremdeten und konkurrenzförmigen I n d i v i d u a l i s m u s abzugleiten. Die menschliche Geschichte scheint sich so mit wachsender Ge- schwindigkeit einer Bewährungsprobe zu nähern, die von größerer Tragweite ist als irgendeine andere: der ihrer Fähigkeit oder Un- fähigkeit, aus jeder Frau und jedem Mann bei Strafe einer Kata- strophe ein "a l l s e i t i g e n t w i c k e l t e s I n- d i v i d u u m" zu machen. Dazu ist der Kapitalismus von seinem Wesen her unfähig, weil es sein Gesetz ist, nicht Menschen sondern G e l d zu machen, d.h. gemäß einer toll gewordenen Lo- gik alles dem in einer immer spekulativeren und inhumaneren Form akkumulierten Reichtum zu opfern. Und zweifellos können die so- zialistischen Länder in ihrem langen Marsch zum Kommunismus in keinem Bereich einen überzeugenderen und entscheidenderen Beweis für die Überlegenheit der klassenlosen Gesellschaft geben als in der immer stärker hervortretenden Fähigkeit, diese grandiose Auf- gabe der E n t w i c k l u n g d e r M e n s c h e n zu lö- sen, welche zugleich die Bedingung einer radikal höheren Produk- tivität, Schlüssel einer endlich aus ihrer Vorgeschichte befrei- ten Zivilisation und einzig und allein "Zweck an sich" der Ge- schichte ist. Nichts ist tatsächlich irriger als die beharrliche Auffassung, der Kommunismus sei gleichbedeutend mit einer Regres- sion - oder einer "Überwindung" - der Individualität, eine An- nahme, die nicht immer nur bei den Gegnern des Marxismus zu fin- den war. Man hat vielleicht unter diesem Gesichtspunkt nicht ge- nügend hervorgehoben, daß Marx niemals vom Kommunismus spricht, ohne von den Individuen zu sprechen. Für ihn sind Kommunismus und volle und freie Entwicklung der Individuen absolut synonym, und zwar in erster Linie deswegen, weil Kommunismus die Entwicklung der universellen Produktivkräfte voraussetzt und allein die uni- versell entwickelten Individuen in der Lage sind, sich diese an- zueignen. Hier liegt, glaube ich, der tiefe Sinn des scheinbar paradoxen Gedankens, den Ernst Bloch in Experimentum Mundi formu- lierte: "Die klassenlose Gesellschaft kann individueller sein als irgendeine andere vor ihr." Ist es nicht auch klar, daß, wenn die Individuen ihre verlorenen kollektiven Kräfte sich gemeinsam wie- der angeeignet haben, das Maximum an Kollektivität zusammenfallen muß mit dem Maximum an Individualität? Besonders gut sieht man hier, wie mir scheint, an welchem Punkt die Theorie der Persönlichkeit und der Biographie so, wie sie gleichzeitig ein wissenschaftlicher Bedarf ist, ein ganz ent- scheidendes historisches Erfordernis ist. Ohne dieses Erfordernis kann man schwerlich den wissenschaftlichen Sozialismus begreifen und in seinem vollen Umfang entwickeln. Denn das Individuum ist weder in der Realität noch in der Wissenschaft die bloße Schluß- folgerung aus allem anderen. Sehr wohl ist das Ensemble der ge- sellschaftlichen Verhältnisse immer f u n d a m e n t a l und wird es immer bleiben, aber gleichzeitig und in zunehmendem Maße sind es die Individuen, die e n t s c h e i d e n und entschei- den werden. Und zwar deshalb, weil das Ensemble der gesellschaft- lichen Verhältnisse sich a l s S y s t e m v o n I n d i- v i d u a l i t ä t s f o r m e n, das Grundlage der Persön- lichkeit ist, n u r i n d e r B i o g r a p h i e d e r I n d i v i d u e n wieder zusammensetzt. Genau darin beweist sich seine Kohärenz oder seine Inkohärenz, sein humaner oder inhumaner Charakter. Genau darin haben letzten Endes die Kritik des Bestehenden und die Rebellionen, die Bestrebungen und die Dynamik gesellschaftlicher Veränderung, die sich in kämpferischem Leben, in gesellschaftlicher Verantwortung, in geistig schöp- ferischer Kraft entfalten, ihren Ursprung, auch wenn sie sich gesellschaftlich organisieren müssen, um historische Triebkräfte zu werden. Die subjektive Seite des konkret-gesellschaftlichen "Menschseins" in einer reduktionistischen Betrachtung der Menschheit als Gattung zu entwerten, wäre so meiner Ansicht nach ein gewaltiger Irrtum sogar unter dem Gesichtspunkt seiner objek- tiven Seite, d. h. der Entwicklung der Gesellschaftsformation und der Menschheit. Die wahre menschliche Gemeinschaft wird der wah- ren Einmaligkeit der Personen bedürfen, die diese nicht verarmen, sondern aufs Äußerste bereichern wird, da das allseitig entwic- kelte einzelne Individuum dadurch zugleich auch einmaliges Indi- viduum sein wird, in derselben Bewegung, in der es sich immer mehr der konkreten Dimension der Universalität annähern wird. 9. Krise des kämpferischen Lebens? ---------------------------------- Man kann natürlich dieser vorausschauenden historisch-psychischen Auffassung über die Entwicklung der Individualität vieles entge- genhalten. Eine der in diesem Zusammenhang in Frankreich heute oft vorgebrachten Ideen ist die, daß es im Gegensatz zu dieser optimistischen Betrachtung eine "Krise des kämpferischen Lebens" gebe, die eng mit dem "Niedergang der Arbeiterklasse" - und des Marxismus - verbunden sei. Dieser Einwand ist eine nähere Erörte- rung wert. Er entspricht bestimmten in der gesellschaftlichen und politischen Arbeiterbewegung wohlbekannten Realitäten. Die Ge- werkschaftsbeitritte sind allgemein rückläufig. Die Mitglieder- zahlen der kommunistischen Partei sind nicht gerade auf dem Höhe- punkt. Die Rekrutierung der Funktionäre ist schwierig, und selbst die Vorstellung beständiger Parteiarbeit bereitet vielen Pro- bleme, insbesondere den jungen, die für sich immer mehr den Sinn des kämpferischen Lebens in Frage stellen. Man kann diesen Zu- stand zweifellos durch die enormen materiellen und moralischen Schwierigkeiten des Kampfes für gesellschaftliche Veränderungen im heutigen Frankreich erklären : lastender Druck im Blick auf die Zukunftsperspektiven der Arbeitslosigkeit und der Repression, destabilisierende Wirkung neuer Lebensweisen, demoralisierende Wirkung der durchgängigen Rechtsentwicklung der sozialistischen Partei an der Macht, systematisch zu Schreckensbildern verzerrte Darstellungen der sozialistischen Länder usw. - und auch langan- haltende Konsequenzen strategischer Versäumnisse, zu denen es die kommunistische Partei, wie ihr wohl bewußt ist, in den fünfziger- sechziger Jahren hat kommen lassen. Diese Erklärungen tragen sehr wohl den Tatsachen Rechnung. Den- noch verbieten sie nicht, weitergehende Fragen nach ihrer histo- risch-biographischen Bedeutung zu stellen. Um so mehr, als die "Krise der Politik" keineswegs einen allgemeinen Rückfall auf un- politische Haltung und Individualismus kennzeichnet. Die Wahlbe- teiligung bei den verschiedenen Wahlen bleibt im Großen und Gan- zen sehr hoch und erreicht Rekorde, wenn das, was zur Wahl steht, als eine entscheidende Wende angesehen wird. Neue soziale Bewe- gungen haben Erfolge zu verzeichnen, vor allem in der Jugend, wie etwa die gegenwärtige Kampagne gegen den Rassismus. Das Leben in Organisationen und Vereinigungen und die Aktionen direkter Soli- darität haben sich reich entwickelt. Es ist schwierig, diese und ähnliche Tatsachen zu betrachten, ohne zu der Einsicht zu gelan- gen, daß das, was die Frage ausmacht, in Wirklichkeit nicht die Logik der Bürgeraktion selbst ist, sondern daß es im Gegenteil ihre abstrakten, fremdbestimmten Formen sind, die verhindern kön- nen, daß "man sieht, was bei den eigenen Handlungen herauskommt". Sind es von daher nicht vielmehr die historischen Schranken einer gewissen Physiognomie der kämpferischen Persönlichkeit, die die kritische Reflexion herausfordern, und infolgedessen die entspre- chenden historischen Individualitätsformen, d.h. auch die Konzep- tion der Organisationsformen des sozialen Kampfes selbst, die die französischen Kommunisten von nun an wesentlich als Selbstbestim- mungsverhalten betrachten müssen? Gemäß einer traditionellen Vorstellung von der Partei der Avant- garde würde diese vor allem als Instrument zur Eroberung der Macht verstanden, als Organisator einer politischen Aktion, in der d i e a n d e r B a s i s im wesentlichen die Aufgabe haben, die Operationen und Umgestaltungen a n d e r S p i t z e abzustützen. Aber impliziert diese Vorstellung nicht, daß die Gestalt des Kämpfers trotz der Versprechungen ih- rer Universalität, in widersprüchlicher Weise und widerwillig, auch eine p a r t i k u l a r e F o r m d e r A u f t e i- l u n g d e r h i s t o r i s c h e n A u f g a b e n reprä- sentiert, eine Form, die zum Teil entfremdet ist und entfremdend und die sogar zum Teil eine veraltete Form werden kann, während, da die gesellschaftlichen Transformationen in vollem Licht betrachtet als die Sache aller erscheinen muß, gerade die allgemeine Verbreitung der s e l b s t b e s t i m m t e n I n d i v i d u a l i t ä t unabweisbar auf die Tagesordnung zu setzen ist? Ist unter diesen Bedingungen die "Krise des kämpfe- rischen Lebens" nicht weit davon entfernt, auf einen Verfall seiner grundlegenden historisch-biographischen Bedeutung hinzu- weisen, nicht vielmehr das Indiz seiner notwendigen Umgestaltung, einer Umgestaltung, die innerhalb der begrifflichen Ordnung der Individualität in einem kohärenten Zusammenhang steht mit der Erforschung der neuen, vom revolutionären Kampf heute geforderten Formen politischer Praxis und Organisation? Führt das nicht zu der Einsicht, daß von nun an eine politische Praxis zum Scheitern verurteilt ist, die nicht in ausreichendem Maße den Individuen die Mittel an die Hand gibt, die Parzellierung und die undurchdringliche Abhängigkeit zu überwinden und ihr Verlangen nach Neugestaltung ihrer Persönlichkeit und nach transparenter Autonomie in die Aktion einzubringen, um die gesellschaftlichen Verhältnisse, von denen direkt ihr Leben abhängt, zu transformieren? Die Erforschung der Persönlichkeit und Biographie kann schwerlich einen konkreteren Einsatz finden als diese entscheidende Frage. 10. Erkenntnistheoretische und methodologische Probleme ------------------------------------------------------- Die gesamten bereits konsistenten oder noch sehr hypothetischen theoretischen Auffassungen, die gesamten bereits durchgeführten oder in Angriff zu nehmenden Forschungen, von denen ich hier in knapper Form einen globalen Überblick gegeben habe, haben letzt- lich zum Ziel, an der Neuformulierung des Gegenstandsbereichs der Humanwissenschaften zu arbeiten, und zwar derart, daß die Persön- lichkeit und die Biographie darin ihren vollen Stellenwert fin- den. Deshalb müssen auch die erkenntnistheoretischen und infolge- dessen philosophischen Probleme vertieft werden, wobei es zwei- fellos das ursprünglichste, schwierigste und entscheidendste Pro- blem ist, die besondere Art von Wissenschaftlichkeit zu bestim- men, die hier anzustreben ist. Sobald der einzigartige Charakter jeder psychischen Individualität als wesentlich erkannt ist, muß man zu der paradoxen Schlußfolgerung gelangen, daß das einzige stringente Wissen über einen derartigen Gegenstand eine "W i s s e n s c h a f t d e s E i n m a l i g e n" ist. Die- ses neuartige Konzept, das im Gegensatz zu dem berühmten und für die meisten Wissenschaftler absolut gültigen Ausspruch des Ari- stoteles steht, nach dem es "nur Wissenschaft des Allgemeinen gibt", ruft sehr wohl Diskussionen hervor, auch innerhalb unseres Seminars. Denn man kann behaupten, daß eine Forschung über das Individuelle sich notwendig zwischen zwei Polen bewegt: dem der B e g r i f f e, mit dem der Zugang zu seinem theoretischen Ver- ständnis eröffnet wird, allerdings ausschließlich unter dem Aspekt seiner Allgemeinheit, und dem der K l i n i s c h e n Psychologie, mit dem eine Annäherung an seine Einmaligkeit mög- lich ist, allerdings um den Preis eines Verzichts auf die Strenge der Wissenschaft. Könnte das Projekt einer Wissenschaft des Ein- maligen, das im Gegensatz dazu beabsichtigt, die konstitutive Grenze zwischen abgegrenzter Allgemeinheit der Begriffe und uner- schöpflicher Einzigartigkeit des Realen aufzuheben, nicht auch einem offensichtlich übertriebenen Ehrgeiz, einem eigentlich un- ausführbaren Unternehmen Vorschub leisten? Ich unterschätze nicht die Stärke der gegnerischen Auffassungen. Ich frage mich aber nichtsdestoweniger, ob dies nicht zu einem erheblichen Teil die M a c h t d e r G e w o h n h e i t i s t, die aus einer jahrzehntelangen Entwicklung der Humanwis- senschaften in einer bestimmten Richtung resultiert - eine Rich- tung, in der es ihnen nicht zufällig bisher sehr schlecht gelun- gen ist, der Persönlichkeit wirklich Rechnung zu tragen, eine Richtung, die meiner Ansicht nach gerade in ihrem Prinzip in Frage zu stellen ist. Man geht von dem Gedanken aus, daß nur Wis- senschaft vom Allgemeinen existiert. Aber dieser Satz war für Aristoteles keine T h e s e, er war vielmehr in einem dialekti- schen Sinn eine A p o r i e, denn, soweit das Reale immer ein- malig ist, läuft der Satz, daß die Wissenschaft nur das Allge- meine erreicht, darauf hinaus, daß sie das Reale verfehlt. Muß man nicht, treibt man die dialektische Reflexion über das hinaus, was Aristoteles möglich war, weiter bis zur Erfassung der be- stimmten Form, in der das Universelle im Einmaligen enthalten ist, sogar sagen, daß in Wirklichkeit jede Wissenschaft, soweit sie effektiv ist, eben dadurch Wissenschaft d e s Einmaligen ist? Aber es gibt zwei Wege für den Versuch, das Einmalige, d.h. das Reale zu erfassen. Der erste ist absolut dominant in der Wis- senschaft, die sich von der Renaissance bis zur jüngsten Epoche entwickelt hat. Besteht dieser Weg nicht darin, das Allgemeine aus dem Realen zu extrahieren, das so in "irgendein Objekt", in ein abstrakt Allgemeines verwandelt wird - zum Beispiel den Ge- genstand der Allgemeinen Psychologie -, und das Einmalige als solches auf den Bereich des Unwesentlichen zu verweisen, nur um etwas von ihm in einer klinischen Annäherung, gar in einer Theo- rie seiner Streuung, seiner Abweichung vom Durchschnittswert - z.B. in einer Differentiellen Psychologie - zurückzugewinnen zu versuchen? Das ist eine Vorgehensweise, die offenkundig überall dort effektiv ist, wo die Einzelheit wirklich für unwesentlich gehalten werden kann, die aber im entgegengesetzten Fall keiner- lei Gültigkeit hat. Aber gibt es nicht einen anderen weitaus dialektischeren Weg, der darin besteht, von vornherein um der viel verbindlicheren Identi- fikation des Allgemeinen und des Besonderen willen auf die Fik- tion eines abstrakt allgemeinen Gegenstands zu verzichten und in dem Realen allein die u n i v e r s e l l e n l o g i s c h e n - topologischen, chronologischen - Formen seiner jedesmal einma- ligen Entwicklung zu erforschen? Könnte dies nicht in der Weise geschehen, daß hier nicht mehr zwischen Begriffen, die in einem Modell zu Kristallisationen der ganzen abstrakten Rationalität und einer in die Undurchdringlichkeit des konkreten Falles ver- senkten klinischen Realität geronnen sind, unterschieden wird, sondern zwischen allgemeinen Geboten der Verfahrensweise der Er- kenntnis und wissenschaftlicher Erfassung des einmaligen Realen? V i e l w e n i g e r s t o f f l i c h e s W i s s e n a u f d e r e i n e n S e i t e , a b e r v i e l m e h r h a n d l u n g s b e z o g e n e R a t i o n a l i t ä t u n d V e r n u n f t a u f d e r a n d e r e n: Hat Marx nicht ge- rade diese Linie verfolgt, als er dem Projekt einer Wissenschaft der G e s c h i c h t e Gestalt verliehen hat, in der Begriffe und Gesetzmäßigkeiten (z. B. der Begriff der ökonomischen Struk- tur, das allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation) in keiner Weise ein Modell der "Gesellschaft im Allgemeinen" deter- minieren, sondern uns das Netz von Verhältnissen und logischen Formen darlegen, in dem es möglich ist, rational eine einmalige Gesellschaftsformation und ihre originäre Entwicklung zu verste- hen? Und ist das nicht der Weg, auf dem heute zahlreiche Wissen- schaften d e r N a t u r selbst voranschreiten, in denen der herausgearbeitete Gegenstand auch eine einzigartige Geschichte hat - vom "Big Bang" zur Anthropogenese? Ist es also nicht von strategischer Bedeutung, das erstaunliche Paradoxon zu enthüllen, das die archaische und ruinöse Fixierung eines großen Teils der Humanwissenschaften am anderen Pol von Wissenschaftlichkeit dar- stellt, dessen konservativ-ideologische Bedeutung offenzulegen und mit der Bejahung der Rechte einer wirklichen W i s s e n- s c h a f t des Einmaligen von Seiten der materialistischen Dialektik und des revolutionären Handlungsplans die Möglichkeit der Überwindung dieses Paradoxons aufzuzeigen? Das ist meine Überzeugung. Die wirklichen Lebensläufe der einmaligen Individuen sind eine phantastische Fundgrube ungenutzter potentieller Erkenntnis. Es kommt darauf an, die "n e u e n K r i t e- r i e n v o n W i s s e n s c h a f t l i c h k e i t" zu schmieden, die es uns erlauben, nicht mehr das nützliche Wissen über die Individuen an der Elle einer vorgängigen verarmten und konformistischen Vorstellung von der Individualität zu messen, sondern umgekehrt die Nützlichkeit der Begriffe von Individua- lität an ihrem Beitrag, Erkenntnisse an den realen Individuen zu gewinnen, wie an ihrem Beitrag, zu deren Emanzipation zu verhelfen, zu messen. Eine solche Art und Weise das Problem zu stellen, hat offensicht- lich enorme Konsequenzen für die Art und Weise, wie man den Er- kenntnisprozeß, seine theoretische Konsistenz und seine gesell- schaftliche Zielsetzung betrachtet. Sobald man die realen Men- schen nicht mehr als das Gestein betrachtet, aus dem die univer- sitäre Wissenschaft herauszuschlagen ist, sondern als das kost- bare Metall, aus dem ein Wissen neuer Art und neuer Tragweite ge- wonnen werden muß, wird es unmöglich, sie weiterhin für einfache O b j e k t e von Wissenschaft zu halten, wird es unentbehrlich, sie dabei zu unterstützen, sich selbst zu aktiven S u b j e k t e n zu machen, was wohl verstanden nur zu reali- sieren ist, wenn das theoretische Z i e l ihnen nicht von Natur aus fremd ist, sondern mit ihrem eigenen praktischen Ziel über- einstimmt, d. h. auf seine Weise die Aufhebung ihrer individuel- len und kollektiven Entfremdung zum Ziel hat. Anders gesagt han- delt es sich darum, die institutionalisierten Formen der wissen- schaftlichen Arbeitsteilung, welche die Verhältnisse der Herr- schaft des Menschen über den Menschen reproduzieren und verstär- ken, zu überwinden, um die komplexen Wege dessen zu erkunden, was Yves Schwartz nach Ivar Oddone "e r w e i t e r t e w i s- s e n s c h a f t l i c h e G e m e i n s c h a f t" genannt hat. Diese impliziert zugleich ein h o h e s I d e a l d e r W i s s e n s c h a f t - es kann hier nicht zur Debatte stehen, ich weiß nicht welchen erkenntnistheoretischen Primitivismus gegen die notwendigen theoretischen Umwege der strengen Wis- senschaft ins Feld zu führen - und ein h o h e s I d e a l d e r K u l t u r - denn es geht darum, die Formen von Erfah- rungen, von Erkenntnissen, von Fragestellungen und von Urteilen der Arbeiterinnen und Arbeiter wirklich ernst zu nehmen. Die Wis- senschaft der Persönlichkeit und der Biographie wird ein spezifi- sches Moment der umfassenderen und freieren Entwicklung aller In- dividuen sein, oder es wird sie nicht geben. (Übersetzung aus dem Französischen: Reinhard Schweicher und Bern- hard Wilhelmer) _____ 1) In der deutschsprachigen Ausgabe von "Marxismus und Theorie der Persönlichkeit" (Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt 1972) wurde dieser Neologismus mit "Nachbarstruktur" übersetzt. zurück