Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 10/1986
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HISTORISCHE INDIVIDUALITÄTSFORMEN UND PERSÖNLICHKEIT
Lucien Sève
1. Neue Entwicklungen in Frankreich - 2. Zurück zu einigen Leiti-
deen - 3. "Menschliche Psyche" und Persönlichkeit - 4. Was sind
"historische Individualitätsformen"? - 5. Stringenztheorien und
Determinationsweisen - 6. Frühgeschichte der Persönlichkeit und
Subjektivität - 7. Geschichte der Persönlichkeit und Zeitplan -
8. Krise des Kapitalismus und biographische Krise - 9. "Krise des
kämpferischen Lebens"? - 10. Erkenntnistheoretische und methodo-
logische Probleme
1. Neue Entwicklungen in Frankreich
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Seit einigen Jahren läßt die marxistische Forschung über die men-
schliche Individualität in Frankreich neue Entwicklungen erken-
nen. Forscher verschiedener Fachrichtungen, in ihrer Mehrzahl
jünger als 40 Jahre, die bisher unabhängig voneinander arbeite-
ten, die aber eine Übereinstimmung in wesentlichen Fragen zum
Problem der Individualität zusammenführt, haben begonnen, syste-
matisch ihre Ansichten im Rahmen eines Seminars auszutauschen,
das seit zwei Jahren am Institut de Recherches Marxistes in Paris
stattfindet. Es handelt sich um Michèle Bertrand, bekannt durch
ihre philosophischen Werke, die eine Untersuchung durchführt über
die Bedeutung des Phantasierens für das Individuum - um Antoine
Casanova, den seine zahlreichen historischen Arbeiten zu einer
Vertiefung der Beziehung zwischen Geschichte und Biographie ge-
führt haben - um Yves Clot, Schulberater, der Forschungen über
die Arbeit, das Wissen und die Werte, vor allem bei den Jugendli-
chen von heute, betreibt und anregt - um Bernard Doray, Psychia-
ter und Psychoanalytiker, Autor des Buches Le taylorisme: Une fo-
lie rationelle (Dunod 1981), das sich insbesondere mit den psy-
chischen Problemen der Arbeitslosen beschäftigt - um Françoise
Hurstel, Soziologin und Psychoanalytikerin, die über die Bedeu-
tung der Vaterbeziehung für die Identitätsbildung bei Arbeitern
in ihrer Region arbeitet - um Yves Schwartz, Philosoph, der in
seiner Region eine kollektive Untersuchung über Arbeit und Klas-
senbewußtsein mit Lohnarbeitern in einem Gebiet mit hoher indu-
strieller Konzentration anleitet, eine Untersuchung, die zu dem
gerade erschienen Buch L'homme producteur (Editions sociales
1985) geführt hat - um Jean Pierre Ter-rail, Soziologe, in dessen
Arbeiten es um die objektiven und subjektiven Veränderungen der
Arbeiterklasse in Frankreich von heute geht. Ich selbst bin glei-
chermaßen an dem Seminar beteiligt.
Ich spreche hier in keiner Weise im Namen des Kollektivs, das in
nichts einer um einen "Meister" gescharten "Schule" ähnelt, und
dessen Mitglieder, selbst wenn mein Buch Marxismus und Theorie
der Persönlichkeit in ihrer Reflexion eine Rolle gespielt hat,
völlig autonom ihre Forschungen betreiben. Jeder wird übrigens
seinen eigenen Beitrag in einem kollektiven Buchprojekt leisten,
zu dem wir uns gemeinsam entschlossen haben. Wenn ich vorab diese
Information habe geben wollen, so tat ich das mit der Absicht
aufzuzeigen, daß die Entwicklung meiner persönlichen Reflexion
über die historischen Individualitätsformen und die Persönlich-
keit, die den Gegenstand dieses Artikels ausmachen, von zahlrei-
chen neuen französischen Beiträgen lebt, die von eben den hier
zitierten Forschern ausgehen - ebenso natürlich von den Forschun-
gen und kritischen Debatten, die sich in anderen Ländern entwic-
keln, wie in Italien (ich denke hier an die Arbeiten von Ivar Od-
done und seinen Mitarbeitern) und insbesondere in den beiden
deutschen Staaten, soweit es mir möglich war, davon Kenntnis zu
erhalten.
Marxismus und Theorie der Persönlichkeit war vor fast 20 Jahren
in einer großen intellektuellen Einsamkeit gedacht und geschrie-
ben worden. Marxistische psychologische Arbeiten von fundamenta-
ler Bedeutung, wie die von Wygotski und Leontjew, waren in
Frankreich an den Universitäten wie in den Verlagen Gegenstand
einer totalen Zensur (Editions sociales, das kommunistische Ver-
lagshaus, hat diese Zensur aufgehoben mit der Publikation Leont-
jews: Le Developpement du psychisme - Problèmes im Jahre 1976 und
von Pensèe et Langage, 1985, dem ersten Werk von Wygotski, das
ins Französische übersetzt wurde), und ich hatte von diesen Ar-
beiten kaum Kenntnis. Kaum ein französischer Marxist, die profes-
sionellen Psychologen eingeschlossen, beschäftigte sich in dieser
Epoche mit der Theorie der Persönlichkeit, und die von 1965 bis
Mitte der siebziger Jahre dominante Althussersche Interpretation
des Marxismus ging soweit, sie prinzipiell auszuschließen, da der
historische Materialismus im Verständnis dieser Interpretation
den Individuen als solchen die Rolle von bloßen Trägern gesell-
schaftlicher Verhältnisse zuweist und das Feld der Subjektivität
insgesamt der Lacanschen Psychoanalyse zugeordnet hat. Als ich
etwas handwerklerisch Marxismus und Theorie der Persönlichkeit
schrieb, mußte ich also versuchen, die Aufmerksamkeit auf einen
n i c h t i d e n t i f i z i e r t e n w i s s e n-
s c h a f t l i c h e n G e g e n s t a n d zu lenken - die
Persönlichkeit, verstanden als zeitlich bestimmtes System von
Tätigkeiten, die sich in einer einmaligen Biographie entwickeln,
deren Logik historische Individualitätsformen zugrunde liegen.
Ich polemisiere dabei vorbeugend gegen die absehbaren Versuche,
diesem Gegenstand jede Legitimität abzusprechen und stütze mich
auf seine am schwersten zu bestreitenden Aspekte: diejenigen, die
aus den ökonomischen Verhältnissen resultieren. Großenteils
daraus sind manche Beschränktheiten und Unzulänglichkeiten eines
Buches zu erklären, das ich heute selbstverständlich nicht mehr
in der gleichen Weise schreiben würde, in einem nunmehr ganz
anderen Kontext, da immer mehr Marxisten zur Erforschung dieses
neuen Feldes der Erkenntnis beitragen.
2. Zurück zu einigen Leitideen
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Indessen sind meiner Ansicht nach die wesentlichen Ideen im Prin-
zip heute nach wie vor gültig, und an erster Stelle diejenigen,
die ich für die Leitideen halte:
1) Die Idee des P r i m a t s d e s "E n s e m b l e s d e r
g e s e l l s c h a f t l i c h e n V e r h ä l t n i s s e",
das allein die Realität des "menschlichen Wesens" ist - was eine
wachsame Kritik der klassischen und hartnäckig behaupteten Umkeh-
rung der 6. Feuerbach-These von Marx voraussetzt, eine Umkehrung,
nach der der "Mensch", gar das "Individuum" das "Ensemble der ge-
sellschaftlichen Verhältnisse" sei, was mit einem Schlag den hi-
storischen Materialismus in einen psycho-soziologischen
"Humanismus" verwandelt. Der Leitbegriff der M i t t e l-
p u n k t s v e r s c h i e b u n g des "menschlichen Wesens",
implizit enthalten in dieser 6. These, ist nur der theoretische
Reflex des entscheidenden historischen Prozesses der g e-
s e l l s c h a f t l i c h e n M e n s c h w e r d u n g, in
der, auf der Basis der materiellen Produktion, die Fähigkeiten
der menschlichen Gattung begonnen haben, nicht mehr innerhalb der
individuellen Organismen in biologischer Form, sondern außerhalb
von ihnen in historisch-gesellschaftlicher Form sich zu
akkumulieren, Fähigkeiten, die die Individuen sich im Laufe ihrer
biographischen Entwicklung anzueignen haben. In diesem Sinne ist
der geniale Satz P o l i t z e r s zu verstehen: "Das Geheimnis
der Psychologie ist nicht psychologischer Art."
2) Die unmittelbar damit verknüpfte, aber tief mißverstandene
Idee, daß es ursprünglich P s y c h i s c h e s n u r i n
d e n I n d i v i d u e n g i b t, indem das entwickelte
"menschliche Wesen" sich historisch unter einer nicht-psychischen
Form in dem Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse verla-
gert und nur in der biographischen Entwicklung der Individuen in-
mitten dieser gesellschaftlichen Verhältnisse wieder die psychi-
sche Form annimmt. Dieser zweite Punkt ist ebenso fundamental wie
der erste, mit dem er übrigens in einem strikten Sinne untrennbar
verbunden ist: Man kann nicht die Psychologisierung der gesell-
schaftlichen Verhältnisse vermeiden, wenn man nicht ebenso die
Soziologisierung der psychischen Verhältnisse vermeidet.
3) In nicht weniger enger Verbindung mit diesen beiden Ideen die
weitere I d e e d e s r a d i k a l b e s o n d e r e n
C h a r a k t e r s d e r P e r s ö n l i c h k e i t, die
vollständig historisch-gesellschaftlich und gleichzeitig nicht
auf eine einfache Überbaustruktur der Gesellschaftsformation re-
duzierbar ist.
Wenn in einem bestimmten Sinne alles in der Persönlichkeit histo-
risch-gesellschaftlichen Ursprungs ist, so gilt das auch für ihre
Existenzform. Wenn in der entwickelten Menschheit die Individua-
lität eine im Verhältnis zur Tierwelt vollständig neue Form der
Persönlichkeit annimmt, so ist das in letzter Konsequenz darin
begründet, daß ihre Entwicklung - da die menschlichen Fähigkeiten
sich nicht mehr im Inneren des individuellen Organismus, sondern
außerhalb, in der gesellschaftlichen Welt akkumulieren - sich von
den Schranken der biologischen Individualität emanzipiert und in
unendlicher Überschreitung dessen, was ein Individuum im Laufe
seines Lebens sich aneignen kann, ein vollständig neues Feld für
die biographische Entfaltung ihrer Einmaligkeit eröffnet. Die
Existenz der Persönlichkeit ist so selbst ein geschichtliches
Produkt. Dennoch geht die Produktion und die Reproduktion dieser
Existenz von einem Faktum aus, dessen natürliche Dimensionen
durch den historisch-gesellschaftlichen Prozeß nicht ausgelöscht,
sondern in ihm aufgehoben werden: dem n a t ü r l i c h e n
F a k t u m d e r I n d i v i d u a l i t ä t, das der Persön-
lichkeit und der Biographie universelle Notwendigkeiten auferlegt
wie die, ein geschlechtsspezifisches Wesen zu sein, in der Dimen-
sion der Subjektivität zu leben, eine endliche Reihe von Lebens-
jahren zu durchlaufen. In diesem Sinne reduziert sich die voll-
ständig historisch-gesellschaftliche Basis der Persönlichkeit
dennoch nicht auf diejenige der jeweiligen Gesellschaftsforma-
tion. Sie hat vielmehr ganz spezifische Dimensionen. Es ist genau
dieses komplexe Determinationsverhältnis, das ich mit dem Neolo-
gismus "Juxta-Struktur" 1) glaubte ausdrücken zu können.
Von diesem Doppelcharakter der Determination der Persönlichkeit
darf nicht abgeglitten werden zu der Idee einer doppelten Deter-
mination, zu einer Theorie der zwei Faktoren, zu einem Dualismus
der Natur und der Kultur, da die "natürlichen Bedingungen" der
entwickelten menschlichen Individualität vollständig historisiert
sind - was an der Schnelligkeit der tiefgreifenden gesellschaft-
lichen Veränderung in der Gegenwart zutage tritt. So verändert
sich das "Frau-Sein" in historischem Maßstab vor allem infolge
des massiven Übergangs der Frau in das Lohnarbeitsverhältnis, wo
sie tagtäglich die Erfahrung macht, daß ihre Arbeit in der uni-
versellen Form des Reichtums, der Geldform, der der Männer äqui-
valent ist, was eine fundamentale Rolle in ihrem Bewußtsein und
in ihrer Forderung nach Gleichheit gespielt hat.
Ebenso erfährt das "Jungsein" im heutigen Frankreich eine Sinn-
veränderung durch die Tatsache, daß das schulpflichtige Alter auf
16 Jahre heraufgesetzt worden ist (wobei die Schule vollständig
von der Arbeitswelt abgeschnitten ist) und daß im Zusammenhang
mit der Krise das Studium oft in die Arbeitslosigkeit mündet, so
daß eine ganze Periode im Leben des Heranwachsenden entstanden
ist, in der das Individuum nicht direkt in die Arbeitswelt ein-
tritt. Das hat enorme Konsequenzen für die Entwicklung der Per-
sönlichkeit, insbesondere für die Reproduktion des Klassenbewußt-
seins.
Desgleichen verändert sich schließlich die Bedeutung des
"Altseins", und zwar in dem Moment, wo die allgemeine Verlänge-
rung der Lebenserwartung und die Herabsetzung des Ruhestandsal-
ters Raum schaffen für einen ganz neuen Lebensabschnitt und die
Erwartung aufkommen läßt, daß sich etwas anderes erfüllt als der
traditionelle, mit dem Eintritt in den Ruhestand vollzogene
"Rückzug" aus dem gesellschaftlichen Leben auf die aller Öffent-
lichkeit beraubten "privaten" Tätigkeiten. Man liest hier wie in
einem offenen Buch die radikale Geschichtlichkeit der "natür-
lichen" Kategorien des Geschlechts oder des Alters. Bleibt noch
zu sagen, daß das F a k t u m d e s G e s c h l e c h t s, das
F a k t u m d e s A l t e r s usw. nicht aus sich selbst
Produkte der gesellschaftlichen Verhältnisse sind und daß das
Studium der Persönlichkeit also nicht einfach Anhängsel an das
Studium der Gesellschaftsformationen sein kann.
3. "Menschliche Psyche" und Persönlichkeit
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Ebensowenig kann die Persönlichkeit nur die schlichte Synthese
alldessen sein, was wir von den anthropogenetischen und psycho-
historischen Herangehensweisen an die Formen menschlicher Tätig-
keit her kennen. Gewiß, meine Art, die weitgehend noch zu schaf-
fende Wissenschaft der Persönlichkeit zu begreifen, ist nicht nur
nicht unvereinbar mit diesen Herangehensweisen, sondern fordert
sie vielmehr: zum Beispiel was die Evolution der Bedingungen, Tä-
tigkeiten, Fähigkeiten usw. von den Hominiden bis zu den heutigen
Menschen betrifft - von der naturgeschichtlichen Genese ursprüng-
licher Fakten wie der grundlegenden psychischen Frühreife des
menschlichen Neugeborenen bis zur kulturgeschichtlichen Heraus-
bildung der höheren psychischen Funktionen. Aber zusammengenommen
konstituiert dieses gesamte Wissen meiner Ansicht nach noch nicht
die Wissenschaft der Persönlichkeit. Ich habe sogar den Verdacht,
daß diese Kenntnisse, würden sie mißverstanden, die Perspektive
dieser Wissenschaft nachhaltig versperren könnten.
Denn die menschlichen Tätigkeitsweisen e x i s t i e r e n im
strengen Sinne des Wortes nur in zwei Formen: zum einen in ihrer
objektiven Form, in immer einmaligen Gesellschaftsformationen als
Produktivkräfte und Produktionsprozesse, als Klassenverhältnisse,
symbolische Systeme, Lebensweisen, Institutionen usw., d. h. all
das, was Marx im Blick hatte, als er vom "Ensemble der gesell-
schaftlichen Verhältnisse" sprach; aber sie stellen sich hier in
einer n i c h t - p s y c h i s c h e n Form dar - und zum an-
deren in ihrer subjektiven Form, in den immer einmaligen Persön-
lichkeiten als Fähigkeiten, Tätigkeiten, Vorstellungen, Motiva-
tionen usw. und nun, aber hier a u s s c h l i e ß l i c h, in
p s y c h i s c h e r Form. Von nun an heißt die p s y-
c h i s c h e n F o r m e n als o b j e k t i v e g e-
s e l l s c h a f t l i c h e F o r m e n v o n G a t-
t u n g s m ö g l i c h k e i t e n untersuchen wollen, sich dem
Desaster auszusetzen, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu
psjchologisieren und die psychologischen Verhältnisse zu
soziologisieren.
D a s, w a s f ü r v i e l e T i e r e g ü l t i g i s t,
g i l t n i c h t m e h r f ü r d i e e n t-
w i c k e l t e n M e n s c h e n, denn das historisch-gesell-
schaftliche Verhältnis zwischen menschlicher Persönlichkeit und
gesellschaftlicher Menschheit ist ein radikal anderes geworden
als das natürliche Verhältnis zwischen biologischem Individuum
und Tierart. Man kann legitimerweise "die Psyche" einer Tierart
untersuchen und zwar deswegen, weil von Natur aus jedes Tier im
großen und ganzen dasselbe zu tun weiß und tut wie seine
Artverwandten, da seine Grundfähigkeiten in den charakteristi-
schen Genomen dieser gesamten Population programmiert sind. Hier
kann das Individuum ohne Schaden für ein G a t t u n g s-
e x e m p l a r g e h a l t e n w e r d e n und seine Psyche
als repräsentativ für die der Art gelten. Aber man kann keinen
verhängnisvolleren Irrtum begehen, als diese Vorgehensweise
unverändert auf die entwickelte Menschheit zu übertragen. Hier
kann das Individuum, wenn es P e r s ö n l i c h k e i t
geworden ist, nicht mehr zu einem wesentlichen Teil als ein
Gattungsexemplar betrachtet werden; seine biographisch ausgebil-
dete Einmaligkeit ist vielmehr in gar keiner Weise mehr sekundäre
Differenz, sondern ursprüngliche Charakteristik - das kommt in
der schrecklichen Öde des größten Teils der allgemeinen Be-
trachtungen über "die" Frau, "den" Jugendlichen usw. zum
Ausdruck.
Gewiß, die Persönlichkeiten sind alle in gewisser Hinsicht ein-
fach Individuen, die mehr oder weniger die konstitutiven Dimen-
sionen des anthropogenetisch entwickelten "natürlichen Faktums"
der Individualität und gewisse sehr allgemeine gesellschaftliche
Entwicklungs- und Lebensbedingungen gemeinsam haben - wie die Ar-
beit oder die Sprache -, weshalb die generalisierende Herange-
hensweise an die "menschliche Psyche" relativ legitim ist. Das
gilt vor allem für psychische Funktionen, die vieles quasi uni-
versellen objektiven und subjektiven natürlichen Bedingungen
schulden, wie zum Beispiel die Wahrnehmung. Aber in dem Maße, in
dem man zu Funktionen übergeht, in denen diese Bedingungen nicht
mehr die wesentliche Rolle spielen, verkommt "die menschliche
Psyche" - d. h. "der Mensch im allgemeinen" - schnell zu einer
abträglichen Fiktion, für die die bürgerliche Psychologie "der
Intelligenz" eine unter vielen tristen Illustrationen ist. Denn
es ist die immer e i n m a l i g e konkrete Persönlichkeit -
womit absolut nicht gesagt sein soll, daß sie nicht in universel-
len logischen Formen zu erfassen ist -, die die
a u s s c h l i e ß l i c h p s y c h i s c h e R e a l i t ä t
konstituiert, von der "die menschliche Psyche" nur eine Abstrak-
tion darstellt.
Deshalb kann die wirklich wissenschaftliche Vorgehensweise in der
Psychologie meiner Ansicht nach nicht, wie das in der Illusion
darüber nach wie vor der Fall ist, zu einem fundamentalen Teil
darin bestehen, von allgemeinen Kenntnissen über die menschliche
Psyche zu einer Theorie der Persönlichkeit, die deren Apotheose
wäre, voranzuschreiten, sondern in meinen Augen ist im Gegenteil
die Theorie der Persönlichkeit, die gewiß zahlreiche biologische
und historische Kenntnisse voraussetzt, vielmehr ihrerseits uner-
läßliche Voraussetzung jedes Verständnisses des psychischen Le-
bens der Menschen. Ich denke nicht, daß man zum Beispiel eine
hinreichende Konzeption der Motivationen unter Aussparung einer -
und sei es auch provisorischen - umfassenden Theorie der Persön-
lichkeit und der Biographie ausarbeiten könnte, ebensowenig wie
eine hinreichende Konzeption der Triebkräfte der geschichtlichen
Entwicklung unter Aussparung der Theorie der Gesellschaftsforma-
tionen und ihrer Geschichte ausgearbeitet werden könnte. Marx hat
die Wissenschaft der Geschichte nicht aus einer Summe allgemeiner
soziologischer Kenntnisse begründet; die Wissenschaft der Persön-
lichkeit als biographischer Entwicklung wird ebensowenig aus ei-
ner Summe allgemeiner psychologischer Kenntnisse begründet werden
können.
In diesem Zusammenhang kann das berühmte Wort von Wygotski und
anderen: "Die Psychologie hat ihr 'K a p i t a l' n ö t i g"
Anlaß zu schweren Mißverständnissen bieten. Es will meiner An-
sicht nach sagen, daß es nötig ist, die Psychologie einer ebenso
radikalen, ebenso materialistischen, ebenso dialektischen und da-
durch auch ebenso schöpferischen Kritik zu unterwerfen, wie sie
die von Marx in seinem Hauptwerk hervorgebrachte Kritik der poli-
tischen Ökonomie darstellt. Aber wenn man mit diesem Satz sagen
will, daß die Aufgabe der Psychologie am Ende darin bestehe,
"allgemeine Gesetze" der "menschlichen Psyche" abzuleiten, wie
Marx die der kapitalistischen Produktionsweise abgeleitet hat,
würde man ihn, fürchte ich, in einen Nonsens verkehren. Man ver-
gäße insbesondere:
1. daß die Ausarbeitung des K a p i t a l s u. a. das gründli-
che Studium e i n z e l n e r L ä n d e r wie England,
Frankreich, Deutschland voraussetzte;
2. daß sie ebenso eine erste G e s a m t s i c h t dessen vor-
aussetzte, was eine Gesellschaftsformation und ihre Geschichte
ist;
3. daß zum anderen d a s K a p i t a l, das unvollendet
geblieben ist, allgemeine Gesetze - übrigens auf eine sehr beson-
dere Art und Weise, auf die wir noch zurückkommen müssen - nur
abzuleiten versuchte, um schließlich zum Verständnis des r e a l
K o n k r e t e n zu gelangen (die Konkurrenz, der Weltmarkt,
die Krisen und "die Auflösung der ganzen Scheiße" in dem Übergang
zur klassenlosen Gesellschaft in jedem einzelnen Land), ein Ver-
ständnis, ohne das man aus dem K a p i t a l das machen würde,
was Marx mit aller Entschiedenheit von sich wies: die Theorie als
Passepartout einer allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung,
von der die verschiedenen Nationen nichts weiter als
"Gattungsexemplare" wären, eine Interpretation, die der revolu-
tionären Arbeiterbewegung sehr teuer zu stehen gekommen ist.
Kurzum, damit die Psychologie ihr K a p i t a l h ä t t e, be-
dürfte sie zuerst ihrer "Lage der arbeitenden Klasse in England",
ihrer "Deutschen Ideologie", ihres "Manifests", d.h. ihres wenn
auch lückenhaften Verständnisses einmaliger Biographien, ihrer
wenn auch provisorischen Theorie der Persönlichkeit, ihres wenig-
stens schematischen Ausblicks auf die Zukunft der menschlichen
Individualität, und sie dürfte niemals aus dem Blick verlieren,
daß am Ende das R e a l - K o n k r e t e nichts anderes als
die Persönlichkeiten selbst in ihrer grundlegenden Verschieden-
heit sind.
Noch einmal: Das zu sagen heißt nicht, sich gegen umfassende psy-
chologische Forschungen auszusprechen, die unter exakten Bedin-
gungen legitim und nützlich sind. Sie hätten zu beginnen mit dem
klaren Bewußtsein, daß der Gegenstand "menschliche Psyche",
selbst wenn man sehr wohl sieht, daß diese immer die einer be-
stimmten historischen Epoche und einer gegebenen Gesellschafts-
formation ist, nichtsdestoweniger in vielerlei Hinsicht, sobald
er von den einmaligen Persönlichkeiten abgelöst ist, vollständig
abstrakt und dadurch furchtbar zweideutig wird. Das ist so wahr,
daß von allen Seiten heute in den kapitalistischen Ländern an-
spruchsvolle Forscher in den Wissenschaften vom Menschen zu dem
Bewußtsein gelangen, daß sie nicht vorankommen können, ohne sich
der B i o g r a p h i e zuzuwenden - Soziologen wie Daniel
Bertaux in Frankreich oder Franco Ferraroti in Italien, die sich
auf die "Lebensgeschichten" konzentrieren, Historiker wie Georges
Duby und viele andere, die das Los einmaliger "gewöhnlicher" In-
dividuen herauszufinden versuchen, von dem starken Wiederaufleben
der Autobiographie in der Literatur gar nicht erst zu reden: Sym-
ptom einer gegenwärtigen Krise des "gelebten Lebens", ohne jeden
Zweifel - ich werde darauf zurückkommen - ein Zeichen auch, wie
könnte man es verkennen, für Sackgassen, in die ein bestimmter
Typ abstrakter Generalisierung in den Wissenschaften vom Menschen
geführt hat. Aber alle diese interessanten Versuche, die ich ge-
rade angeführt habe, stoßen bis auf weiteres auf die Abwesenheit
einer wirklichen Wissenschaft der Persönlichkeit und der Biogra-
phie. Hic Rhodus, hic salta!
4. Was sind "historische Individualitätsformen"?
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Wir müssen also vom Primat der gesellschaftlichen Verhältnisse
als nichtpsychischen, objektiv gesellschaftlich-historischen For-
men ausgehen, die eine grundlegende Rolle in der Gestaltung und
der Entwicklung der Individualität spielen, die die Logik ihrer
Tätigkeiten und den Verlauf ihrer Biographie bestimmen und die
ich aus diesem Grunde h i s t o r i s c h e I n d i v i d u a-
l i t ä t s f o r m e n genannt habe. Dieser neue Begriff
scheint, soweit ich das beobachte, obwohl er von bestimmten
Forschern in Zweifel gezogen wird, heute von zahlreichen anderen
als gültig und in seiner operativen Funktion bewährt angesehen zu
werden. Er bietet, wie mir scheint, in der Tat eine Reihe von
charakteristischen Merkmalen, die ihn geeignet machen,
wesentliche Aspekte der Realität zu reflektieren und der For-
schung eine wirksame Orientierung zu geben. Jenseits jeder stati-
schen - spiritualistischen oder naturalistischen - Vorstellung
der Individualität setzt er vorab ihre Geschichtlichkeit. Damit
und im grundlegenden Unterschied zu Vorstellungen wie
"Grundpersönlichkeit" oder "Rolle" entzieht die Idee der histori-
schen Individualitätsformen ebensowohl der Psychologisierung der
gesellschaftlichen Verhältnisse den Boden - denn diese Basisfor-
men sind eindeutig nicht-psychische, objektiv gesellschaftliche
Realitäten - wie der Soziologisierung der psychologischen Ver-
hältnisse - denn sie sind objektive Determinanten einer psychi-
schen Tätigkeit, die dem einmaligen Individuum zueigen ist. Sie
halten dazu an, die Verhältnisse zwischen gesellschaftlicher Welt
und Persönlichkeit nicht als eine äußerliche mechanische Determi-
nation zu denken (denn es sind keine von außen formgebenden
Strukturen der Individualität), sondern als eine innere dialekti-
sche Beziehung (es sind notwendige logische Formen, die von innen
ihre konstitutiven und formbildenden Tätigkeiten regeln). Sie
sind also kongruent mit der wesentlichen Darstellung der Persön-
lichkeit nicht als Konstellation fixer Charakterzüge, sondern als
zeitlich bestimmtes System von Tätigkeiten.
Es ist nicht überraschend, daß dieser neue theoretische Begriff,
der noch kaum seine Tauglichkeit in konkreten wissenschaftlichen
Arbeiten hat erweisen können, Anlaß zu gründlichen Mißverständ-
nissen gegeben hat. Ich habe hier drei herausgegriffen: Das erste
rührt offensichtlich daher, daß ich, wie ich weiter oben erklärt
habe, in M a r x i s m u s u n d T h e o r i e d e r
P e r s ö n l i c h k e i t, gestützt auf die ökonomischen Ar-
beiten von Marx, als zentralen Punkt die Analyse der Arbeit ein-
geführt und als grundlegende Beispiele für historische Individua-
litätsformen die kapitalistischen Produktionsverhältnisse angege-
ben habe. Das scheint bestimmte Leser zu der Vermutung veranlaßt
zu haben, daß die historischen Individualitätsformen ausschließ-
lich dieser Ordnung angehören - obwohl ich in verschiedenen Pas-
sagen des Buches formell das Gegenteil sage, aber, das ist wahr,
den positiven Inhalt dieser Negation kaum entwickelt habe. Ist es
nötig zu präzisieren, daß diese Vermutung offenkundig jeder
Grundlage entbehrt? Die historischen Individualitätsformen, die
eine gegebene Produktionsweise impliziert, schienen mir von fun-
damentaler Bedeutung zu sein, aber selbstverständlich kann man
und muß man die Liste der historischen Individualitätsformen
enorm erweitern. Es gibt auch andere historische Individualitäts-
formen, z u m B e i s p i e l die Form "Kernfamilie", die Form
"Pflichtschulzeit", die Form "Rekrutierung des wissenschaftlichen
Nachwuchses", die Form "Karrieremachen", die Form "Ruhestands-
alter", die Form "juristische Person", die Form "allgemeines
Wahlrecht", die Form "revolutionäre Partei" und hunderte,
tausende andere. Es gibt historische Individualitätsformen in
a l l e n B e r e i c h e n des gesellschaftlichen und ebenso
individuellen Lebens. Es handelt sich also ganz und gar um "das
Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse", soweit diese in
allen ihren Aspekten die Art und Weise determinieren, in denen
die Menschen im Laufe ihrer einmaligen Biographie Persönlichkei-
ten werden, d. h. soweit sie "notwendige Formen" sind, "in denen
ihre materielle und individuelle Fähigkeit sich realisiert", um
in den Worten von Marx in seinem Brief von 1846 an Annenkow, die
für mich eine der direktesten Quellen der Ausarbeitung des Be-
griffs der historischen Individualitätsformen gewesen sind, zu
sprechen.
Ein zweites Mißverständnis besteht darin, in einer Bedeutungsver-
schiebung, die zu ihrer vollständigen Umkehrung führen kann, die
"gesellschaftlichen Personen" wie die des Kapitalisten oder des
Arbeiters, wie sie Marx mehrfach im Kapital analysiert, für exem-
plarische Individualitätsformen zu halten, ja sogar von daher die
historischen Individualitätsformen in ihrer Gesamtheit zu identi-
fizieren mit in partiellem oder globalem Sinne t y p i s c h e n
G e s t a l t e n der Individualitäten, die aufs engste mit ei-
ner gegebenen Gesellschaftsformation verbunden sind. Daß solche
Gestalten in der gesellschaftlichen Realität zu beobachten sind
und sich übrigens in mancherlei Art auf der Ebene der Lebenswei-
sen, der Institutionen, der Vorstellungen oder der Werte verdop-
peln, ist offensichtlich. Daß sie also auch authentische histori-
sche Individualitätsformen ausdrücken, gegebenenfalls das Ver-
hältnis von Kapital und Arbeit, kann man nicht leugnen. Betrach-
tet man sie aber als zum Teil konkrete biographische Gestalten,
sind sie in Wirklichkeit im Verhältnis zu den Basisformen, von
denen die Analyse ausgehen muß, bereits mehr oder weniger
a b g e l e i t e t e Phänomene. Vor allem weil derartige Ge-
stalten, die schon in mancher Beziehung die p s y c h i s c h e
F o r m haben, auf einem Zwischenniveau zwischen Individuali-
tätsformen und einmaligen Persönlichkeiten angesiedelt sind, ber-
gen sie, wenn man sie nicht mit äußerster Strenge faßt, die Ge-
fahr in sich, erneut das Soziohistorische und das Psychobiogra-
phische zu verwechseln, d.h. uns um das zu bringen, was gerade
den Vorteil des Begriffs historischer Individualitätsformen aus-
macht.
Die historischen Individualitätsformen, so wenigstens, wie ich
sie auffasse, sind i n e r s t e r L i n i e, wiederholen wir
das, g e s e l l s c h a f t l i c h e, n i c h t p s y c h i-
s c h e V e r h ä l t n i s s e - wie die, die M a r x unter
den Begriffen "Geldform", "Lohnform", "Kapitalform" untersucht.
Genau diese n i c h t p s y c h i s c h e n Formen induzieren
bei den einzelnen Individuen die p s y c h i s c h e n Ver-
hältnisse, die spezifisch ihre Persönlichkeit und ihre Biographie
konstituieren. Das geschieht genauso, wie es Marx in seiner so
überzeugenden Analyse der Bereicherungssucht, der Geldgier und
des Geizes in den Grundrissen und in Zur Kritik der politischen
Ökonomie an der historischen Entwicklung der Geldform zeigt, die
- und zwar unvermeidlich - den Übergang vom Schatzbildner, der
bis zu einem bestimmten Punkt konkrete Güter akkumuliert, zum
Geizigen, der nie aufhört, Reichtum aufzuhäufen, möglich gemacht
hat. Die Geldform ist das Geheimnis des neuen psychischen
Charakterzuges des Geizes: Sein u n a u s l ö s c h l i c h e r
Charakter - die "auri sacrafames" der Alten - resultiert daraus,
daß im Geld der Reichtum eine vollständig a b s t r a k t e
Form annimmt. Wohl mehr als der äußerst komplexe und abgeleitete
Fall der "Gestalten" der Individualität ist eine solche Analyse
exemplarisch für das, was ich im Blick hatte, als ich von
historischen Individualitätsformen sprach, die also in keiner
Weise gesellschaftliche "Verhaltensmodelle" sind, die das
Individuum mehr oder weniger in seiner Biographie "realisieren"
würde, sondern logische Formen bestimmen, denen immer
verschiedenartige psychische Verhaltensweisen entsprechen.
Ein drittes Mißverständnis, das zweifellos aus einer irrtümlichen
Interpretation der v i e r B e i s p i e l e f ü r d e n
B e g r i f f Z e i t p l a n, den ich in meinem Buch vor-
schlug, entstanden ist, ein Irrtum, den ich dennoch ausdrücklich
ausgeschlossen habe, ein Irrtum aber auch, der meiner Ansicht
nach in Wirklichkeit über ein bloßes Mißverständnis hinausgeht,
um eine theoretische Divergenz von großer Tragweite zu behaupten,
ist die Idee, daß die Analyse von historischen Individualitäts-
formen nicht nur dazu führen würde, "Gestalten der Individuali-
tät" zu kennzeichnen, sondern auch eine n e u e T y p o-
l o g i e d e r P e r s ö n l i c h k e i t einzuführen. Was
mich betrifft, so weise ich formell die Vorstellung einer
Typologie zurück. Gewiß, in einer wissenschaftlich noch so wenig
bewältigten Materie wie der Persönlichkeit ist es ratsam, nicht
leichthin zu behaupten, daß ein Weg der Forschung n i c h t zu
Erkenntnissen von einiger Stringenz führen könnte. Dennoch, ohne
weiter davon zu reden, daß die mir bekannten Typologien der
Persönlichkeit nicht gerade durch ihren Reichtum glänzen und in
gewisser Weise prinzipiell die T ä t i g k e i t e n der
Individuen ignorieren, liegt dem typologischen Entwurf als
solchem unvermeidlich die Idee zugrunde, daß das Reale in Begrif-
fen a l l g e m e i n e r T y p e n analysierbar sei, die sich
sekundär i n b e s o n d e r e n V a r i a n t e n manife-
stieren: Inwieweit soll eine derartige Konzeption - die der
"differentiellen Psychologie" - nun die Sackgasse der "mensch-
lichen Psyche", des "Menschen im allgemeinen" vermeiden können?
Ein Marxist, der der Versuchung der Typologie erläge, müßte sich
fragen, warum Marx es nicht unternommen hat, eine Typologie der
Gesellschaftsformationen zu konstruieren. Die Antwort scheint mir
klar: Er hat dies hauptsächlich aus dem Grund nicht unternommen,
weil für ihn eine derartige Sicht in der "schlechten Abstraktion"
befangen bliebe. Für Marx existieren G e s e t z m ä ß i g-
k e i t e n historisch bestimmter Produktionsweisen - Gesetz-
mäßigkeiten, die unvergleichlich besser das Wesen des Realen
ausdrücken als "Typen", und diese Gesetzmäßigkeiten können nie
anders als in der Identität einmaliger Gesellschaftsformationen
festgestellt werden. So ist England für ihn nicht das "typische
Land" des Kapitalismus, mehr als Frankreich, Deutschland, die
Vereinigten Staaten oder Rußland, es ist vielmehr einfach im 19.
Jahrhundert seine "klassische Stätte", wo das Wesen des Prozesses
an einen Punkt der Entwicklung gelangt ist, der besser als
anderswo beobachtbar ist. Verdeckt nicht in Wirklichkeit jedes
typologische Denken, und sei es unbewußt, die subjektive
Transformation bestimmter objektiver Realitäten in N o r m e n
für die anderen? Und ist von nun an die typologische
Vorgehensweise nicht viel "typischer" für den E n t w u r f als
für das O b j e k t einer bestimmten Darstellung - einen
E n t w u r f, den zu entschleiern erst einmal Aufgabe der Kri-
tik wäre?
In jedem Fall halte ich eine solche Vorgehensweise für wissen-
schaftlich inadäquat und zwar in dem Maße, in dem sie auf einer
nicht dialektischen Konzeption der Beziehungen zwischen Univer-
sellem und Einzelnem beruht. Wie jeder weiß, ist das Universelle
in dem Einzelnen - aber w i e i s t e s g e n a u i n i h m
e n t h a l t e n? Nicht als ein K e r n, bei dem das Einzelne
nichts weiter als die unwesentliche Hülle wäre - eine Sichtweise
des abstrakten Verstandes, an sich schon idealistisch -, sondern
als universelle Logik, als innere G e s e t z m ä ß i g k e i t
des Einzelnen, als Gesetzmäßigkeit, die das Einzelne in seiner
Einmaligkeit selbst in sich trägt - und das ist die dialektische
Sichtweise, die allein eine materialistische Betrachtung der Re-
alität ermöglicht.
Das ist der Grund, warum für mich der Begriff der historischen
Individualitätsformen zwingend verbunden ist mit dem Übergang von
einem t y p o l o g i s c h e n Blickpunkt zu einer t o p o-
l o g i s c h e n Vorgehensweise. Es handelt sich nicht darum,
Persönlichkeits t y p e n z u b e s t i m m e n, sondern
"O r t e" a u f z u f i n d e n, an denen sich in immer
einzigartiger Weise die universellen logischen Formen der konkre-
ten Verhältnisse anbahnen. Selbst die offensichtlich unverfängli-
che Idee eines "Persönlichkeitstyps" wie "der Kämpfer" scheint
mir eine sehr kritisierbare Formulierung der Tatsache zu sein,
daß es Individualitätsformen und logische Tätigkeitsformen gibt,
die Individuen zu einem "kämpferischen Leben" führen. Noch anders
gesagt, die historischen Individualitäts/orme« dürfen nicht ab-
strakt und fixiert wie "fertige Formen" gedacht werden, die man
auf einer Typenskala klassifizieren könnte, sondern nur als "zu
fertigende Formen", die uns auf die Fülle und auf die Transfor-
mierbarkeit der Lebensprozesse hinweisen.
5. Stringenzkriterien und Determinationsweisen
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Wenn die historischen Individualitätsformen der Persönlichkeit
z u g r u n d e liegen, b e g i n n t jede Erkenntnis der Per-
sönlichkeit also mit ihrer Untersuchung. So entwickelt unser In-
stitut de Recherches Marxistes in der Konzentration seiner Arbeit
auf "Frankreich und die Welt der 80er Jahre" - ob es sich nun um
ökonomische, gesellschaftliche, politische oder kulturelle Fakten
handelt, um die Arbeit, das Wissen, die Lebensweisen oder die
Werte, um die Arbeiterklasse, die Frauen, die Jugendlichen oder
die Alten - eine Vielzahl von Erkenntnissen, die, ohne selbst
psychologische Erkenntnisse zu sein, nichtsdestoweniger der lau-
fenden Forschung über die Individualität heute d i r e k t
v o r a u s g e h e n. Aber sobald die historischen Individuali-
tätsformen in aller Schärfe auf "das Ensemble der gesellschaftli-
chen Verhältnisse" verweisen, schaffen sie ein so unerschöpflich
weites Feld, daß man es schwerlich ohne K r i t e r i e n d e r
U n t e r s c h e i d u n g zwischen Wesentlichem und nicht We-
sentlichem bearbeiten könnte. Wo sind solche Kriterien zu finden?
Es gibt gewiß die, die uns der historische Materialismus selbst
liefert, im Vergleich zu dem sich z. B. die gesellschaftlichen
Basisverhältnisse von denen unterscheiden, die es nicht sind.
Aber wie sollen wir wissen, bis zu welchem Punkt die Basisver-
hältnisse für die Gesellschaftsformationen auch die grundlegenden
sind für die Persönlichkeit? Das ist offensichtlich nur dadurch
möglich, daß man die Dinge nicht nur ausschließlich von der Seite
der Gesellschaftsformationen her betrachtet, sondern auch von der
Seite der Persönlichkeit. Die historischen Individualitätsformen
s i n d die gesellschaftlichen Verhältnisse - aber die gesell-
schaftlichen Verhältnisse a l s Individualitätsformen. Das ist
der Grund, warum wir, obwohl die gesellschaftlichen Verhältnisse
die wirkliche Basis und der wirkliche Ausgangspunkt sind, ihre
triftige S t r i n g e n z für die Frage, die uns beschäftigt,
nur auf der Basis und ausgehend von einer noch so provisorischen
Theorie der Persönlichkeit und der Biographie bestimmen können.
Hier bewahrheitet sich am deutlichsten, an welchem Punkt es un-
möglich ist, diese Theorie auf irgendein Moment einer späteren
Synthese zu verweisen. Es ist z.B. klar, daß man keinesfalls die-
selbe Bedeutung den P r o d u k t i o n s v e r h ä l t n i s-
s e n, nach denen das Wesen der Persönlichkeit in einer festen
Anordnung von Charakterzügen oder in einem zeitlich bestimmten
System von Aktivitäten liegt, und den von s y m b o l i-
s c h e n S y s t e m e n b e s t i m m t e n V e r h ä l t-
n i s s e n, nach denen man sich die Persönlichkeit als eine
Ansammlung objektiver Rollen oder als eine Dynamik vorstellt, die
vorab die Dimension der Subjektivität bereits impliziert,
zuerkennen wird.
So wenig man auch in diese Richtung reflektiert, so scheint doch
die Bedeutung der gesellschaftlichen Verhältnisse unter dem Ge-
sichtspunkt der Gesellschaftsformation und ihre Stringenz unter
dem Gesichtspunkt der Persönlichkeit zugleich entsprechend und
unvereinbar zu sein. So scheint der durch den Kapitalismus be-
stimmte historische Typ des Produktivitätsfortschritts, nach dem
die lebendige Arbeit der Akkumulation der toten Arbeit geopfert
wird und der in der Krise zentral in Frage gestellt ist, unter
beiden Gesichtspunkten zugleich eine direkte Stringenz zu haben.
Aber der tendenzielle Fall der Profitrate, so bedeutsam er für
das Verständnis der Kapitalbewegung ist, und obgleich er durch
seine Effekte in unzähligen Formen das Schicksal von Millionen
Individuen bedingt, hat nur sehr wenig Bedeutung für das Ver-
ständnis der Prozesse ihrer psychischen Individuation. Umgekehrt
sind die gesellschaftlichen Strukturen, die die zeitliche Aufein-
anderfolge von Ausbildungszeit/Zeit beruflicher Tätigkeit/Ruhe-
standszeit regeln, obgleich sie unter dem ersten Gesichtspunkt
ganz eindeutig von sekundärer Bedeutung sind, von einer direkten
Stringenz für die Erfassung der Logik der Biographien, die die
Dynamik der Fähigkeiten und der Gesamtentwicklung der großen Zahl
der Persönlichkeiten leitet. Die gesellschaftlichen Verhältnisse
dieser letzteren Art, die, um sie besser zu regeln, die
p s y c h i s c h e n F o r m e n der Persönlichkeit und der
Biographie berücksichtigen, können sogar die wesentliche Tatsache
verschleiern, daß es u r s p r ü n g l i c h Psychisches nur in
den Individuen gibt und so zu Unrecht für die einzigen wirklich
stringenten Individualitätsformen gehalten werden.
Deshalb ist es äußerst wichtig, niemals aus dem Blick zu verlie-
ren, daß sie doch die a b g e l e i t e t e n P r o d u k t e
der grundlegendsten objektiven gesellschaftlichen Verhältnisse
sind, die ihrerseits am weitesten von den psychischen Formen ent-
fernt sind, aber nichtsdestoweniger in letzter Analyse das Wesen
eines gegebenen Systems historischer Individualitätsformen deter-
minieren. Dieses System von Individualitätsformen einer gegebenen
Gesellschaftsformation ist summa summarum nichts anderes als das
Ensemble der Verhältnisse dieser Formation, aber unter dem Blick-
winkel der psycho-biograpischen Individualität ist es das Ensem-
ble in einer "transformierten" Gestalt, so, wie die berühmte Dar-
stellung des menschlichen Organismus unter dem Blickwinkel der
Projektion seines Nervensystems auf die Ebene der Großhirnrinde
eine "transformierte" Gestalt des konkreten Individuums ist.
Freilich kann es nicht genügen, diese "transformierte" Gestalt
von einer Gesamttheorie der Persönlichkeit und der Biographie
hier nach Maßgabe eines in jedem einzelnen Fall durch die Biogra-
phie und die Persönlichkeit jedes Individuums konstituierten
"Blickwinkels" der Gesellschaftsformation zu skizzieren. Um zu
ihrer konkreten Wahrheit zu gelangen, ist es also nötig, sich in
die Lage zu versetzen, in dem Ensemble der charakteristischen In-
dividualitätsformen dieser Formation die für eine einmalige Per-
sönlichkeit und ihre Transformation in den verschiedenen Lebens-
momenten in ihrer Besonderheit bedeutsame Lebenswelt zu erkennen.
Das ist eine der Hauptaufgaben einer biographischen Forschung,
die strengen Ansprüchen genügen will.
Derartige Untersuchungen blieben jedoch sehr lückenhaft, wenn sie
nicht nach den Determinationsweisen fragen würden, in denen die
Persönlichkeit und die Biographie durch die Individualitätsformen
bestimmt werden. Es handelt sich hier um die Art von Fragen, wel-
che die Theorie wie die der "Grundpersönlichkeit" oder der
"Rollen" gar nicht zu stellen scheinen, als ob alle gesellschaft-
lichen Verhältnisse in sich selbst für alle Individuen eine ab-
strakt-identische Notwendigkeit darstellten und die Individuen
sich ganz natürlich vermöge eines zur Stützung dieser Auffassung
erfundenen "affektiven Bedürfnisses" nach ihr richten würden. In
Wirklichkeit tritt die "gesellschaftliche Determination der per-
sönlichen Schicksale" im Spannungsfeld zwischen der strikt uni-
versellen Notwendigkeit der Klassenverhältnisse oder der Geldform
und dem variablen Anteil von Zufälligkeit, von mehr oder weniger
notwendig gegebener "Freiheit" der Berufswahl oder der morali-
schen Wertschätzungen in sehr vielfältigen Formen in Erscheinung.
Es geht hier darum, die so wichtigen und bisher allzusehr ver-
nachlässigten Begriffsbestimmungen der d e u t s c h e n
I d e o l o g i e zur historischen Veränderbarkeit der den Per-
sönlichkeiten in den verschiedenen Gesellschaftsformationen sich
darbietenden Verhältnisse zwischen N o t w e n d i g k e i t
u n d Z u f a l l zu vertiefen, es geht darum, insbesondere die
aktuelle Entwicklung dieses Verhältnisses - zum Beispiel im
Frankreich der gegenwärtigen Krise, wo die Vertiefung der Wider-
sprüche dieses Verhältnisses zu beträchtlichen psychischen Verän-
derungen führt - und die Zukunftsperspektiven des allgemeinen
Übergangs von der Notwendigkeit zur realen Freiheit, von der
Fremdbestimmung zur Selbstbestimmung zu untersuchen - Perspekti-
ven, die für den Kommunismus von so fundamentaler Bedeutung sind.
Es geht auch darum herauszufinden, wie in einem gesellschaftlich
strukturierten Feld von Möglichkeiten, das durch ein gegebenes
System von Individualitätsformen abgesteckt ist, jedes Individuum
von seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen, von seinem Zeitplan und
seinen subjektiven Ideal-Vorstellungen her umgekehrt sein eigenes
Feld biographischer Möglichkeiten entwirft, seine eigene Art und
Weise entwickelt, die Notwendigkeit zu internalisieren und sich
seinen Platz im Bereich seiner mehr oder weniger zufälligen Mög-
lichkeiten zuzuweisen. Die Freisetzung der Dynamik dieser Dialek-
tik, die unendlich viel komplexer ist als ein "soziologischer De-
terminismus", ist eine der wesentlichen Aufgaben für die Konsti-
tution einer wissenschaftlich überzeugenden und historisch opera-
tionalen Theorie der Persönlichkeit und der Biographie.
6. Frühgeschichte der Persönlichkeit und Subjektivität
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Aber wenn man auf diese Weise die konkrete einmalige Persönlich-
keit - und nicht einen fiktiven "Persönlichkeitstyp" - zu verste-
hen versucht, stößt man unvermeidlich auf ein Problem, das in ge-
wisser Weise vorwegzunehmen ist: Das Problem der Subjektivität,
deren Konstitution uns auf die Frühgeschichte der Persönlichkeit
verweist.
Es ist ein für die Marxisten traditionell schwieriges Problem,
weil offensichtlich diese ursprüngliche Konstitution der Subjek-
tivität sich auf einem Terrain und in Verhältnissen vollzieht -
namentlich den Verhältnissen zwischen "Wunsch" und Gesetzmäßig-
keit, denen zwischen familiären Bezugspersonen und ihren symboli-
schen Besetzungen -, Verhältnissen also, die extrem weit von
denen entfernt sind, die der historische Materialismus für objek-
tiv wesentliche hält und deren Erklärung er ermöglicht hat. Die
lange qualvolle Geschichte der Beziehungen zwischen Marxismus und
Psychoanalyse hat in dieser Hinsicht nicht aufgehört, zu einem
klassischen Kreuzweg zurückzukehren: Zu dem einen Weg, der zu ei-
ner Konzeption der psychischen Individualität führt, nach der
diese als im wesentlichen durch ihre und in ihrer Frühgeschichte
strukturierte verstanden wird, und zu dem anderen Weg, der zu ei-
ner Konzeption führt, nach der die psychische Individualität im
wesentlichen durch die gesellschaftlichen Verhaltensweisen, die
sie sich auf jeder Altersstufe aneignet, strukturiert ist. Nach
meiner heutigen Auffassung sind beide Wege zurückzuweisen. Der
erste, weil er den wesentlichen Charakter der "aktuellen Persön-
lichkeit" - des Heranwachsenden und Erwachsenen - verkennt, den
Charakter ihrer Tätigkeiten, Verhältnisse, Widersprüche, Vorstel-
lungen, Sehnsüchte und spezifischen Vorlieben, und dazu führt,
das primäre Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse ebenso
wie das induzierte Ensemble der Lebensprobleme der konkreten In-
dividuen von der Wirklichkeit abzulösen (eine "Derealisation" zu
vollziehen). Der zweite, weil er die sehr frühzeitige Ausbildung
einer subjektiven Identität verkennt, die nicht mehr aufhören
wird, die entwickelte Persönlichkeit und ihre Biographie heimzu-
suchen, und damit der Tendenz anheimfällt, das psychische Indivi-
duum zu "enteinzeln", d.h. ihm seine Einmaligkeit zu nehmen, und
es so auf eine unwesentliche Variante einer ihm irgendwie inne-
wohnenden Persönlichkeit zu reduzieren. Der erste Weg kann dem
Psychologismus, der zweite dem Soziologismus nicht entgehen.
Was den ersten Punkt betrifft, bestehe ich für meinen Teil auf
der kritischen Orientierung, wie sie in meinem Buch Marxismus und
Theorie der Persönlichkeit vorliegt und wie ich sie danach in an-
deren Publikationen weiterentwickelt habe. Ohne hier in eine aus-
führlichere Debatte einsteigen zu können, möchte ich sagen, daß
in einem großen Teil der psychoanalytischen Literatur im Grunde
die meisten der für einen Marxisten strittigen Denkansätze durch
dieselbe inakzeptable Einstellung bestimmt sind: Sie besteht
darin, fundamentale Aspekte der gesellschaftlichen Realität und
dessen, was diese in das wirkliche Leben der Menschen hinein-
trägt, zu s u b j e k t i v i e r e n - und zwar dergestalt,
daß etwa das gewerkschaftliche oder revolutionäre kämpferische
Leben, um ein einfaches aber eingängiges Beispiel zu nehmen, un-
ablässig auf Nachträglichkeiten kindlicher Erlebnisse, auf Ratio-
nalisierungen aggressiver Triebe usw. zurückgeführt wird, ohne
daß die massive Objektivität seiner Beweggründe noch die eigen-
ständige Besonderheit seines Inhalts offen zugestanden werden.
Schließlich bleibt die P e r s ö n l i c h k e i t selbst, so-
weit sie eine höhere historisch-psychische Form betrifft, für die
Psychoanalytiker immer mehr ein blinder Punkt zugunsten ihrer
übermäßig wahrgenommenen Dimension von S u b j e k t i v i-
t ä t. Aber was das heutige Frankreich betrifft, möchte ich
hinzufügen, daß es wichtig ist, sehr aufmerksam die Entwicklungen
zu beobachten, die in dieser post-L a c a n s c h e n Periode
im Gange sind. In wachsender Zahl gehen psychoanalytische
Theoretiker und Praktiker, die im allgemeinen dem Marxismus
aufgeschlossen gegenüberstehen und sich mit Problemen der Arbeit
beschäftigen, dazu über, diese Einstellung neu in Frage zu
stellen. So sprach sich der Soziopsychoanalytiker Gérard Mendel
im Laufe einer öffentlichen Debatte, die wir in jüngster Zeit mit
ihm hatten, mit aller Deutlichkeit gegen die "Psychologisierung
der gesellschaftlichen Verhältnisse" aus und gegen die
Reduzierung der "aktuellen Persönlichkeit" auf eine Persön-
lichkeit, die aus der Kindheit herrührt und "fortfährt, in der
inaktuellen Manier der Kindheit zu agieren". Diese Entwicklung
ist erfreulich für die Marxisten, die sich während der langen
Epoche allgemeiner Schwärmerei für die Psychoanalyse geweigert
haben, in diesem wesentlichen Punkt Zugeständnisse zu machen.
Was den zweiten Punkt betrifft, sage ich dagegen ohne Umschweife,
daß ich mich selbst weiterentwickelt habe. Da ich heftig in die
Auseinandersetzungen verwickelt war, die meine Anstrengung, dem
wissenschaftlichen Gegenstand "Persönlichkeit" Anerkennung zu
verschaffen, sofort ausgelöst hatte, trug mein Buch von 1969 der
Subjektivität und ihren Problemen nicht angemessen Rechnung.
Diese Einsicht führt nicht dazu, die eklektische Versöhnung
zweier Theorien zu suchen, sondern die effektive Verknüpfung
zweier Aspekte ein und derselben psychischen Individualität zu
untersuchen - denn die Subjektivität ist vielleicht im Grunde
nichts anderes als das komplex strukturierte Ganze des subjekti-
ven Sinns für das Individuum, das, bewußt oder unbewußt, der Per-
sönlichkeit und seiner Geschichte innewohnt. Die Besonderheit der
einzelnen Sinnelemente ist offensichtlich verwoben mit der Früh-
geschichte des Individuums, das so als Subjekt konstituiert wird.
Die Arbeiten von Yves Clot, von J.P. Terrail u.a. über den schu-
lischen Erfolg und Mißerfolg von Arbeiterkindern zeigen z.B. in
meinen Augen überzeugend, wie die Dynamik der Arbeit eines jeden
einzelnen von ihnen in der Schule den tiefen subjektiven Sinn
übersetzt, den sie für ihn über seine eigene dialektische Identi-
fikation mit den Elternfiguren und über seine Verinnerlichung des
"Familienromans" angenommen hat. Ein derartiger "Roman" sagt ihm,
explizit oder latent, in der einen Familie "zeige ihnen, wer wir
sind", in einer anderen "nicht in der Schule zeigt man, was man
ist" und in wieder einer anderen schließlich "arbeite gut, um
nicht so leben zu müssen wie wir" usw., was übrigens sogar für
jedes Kind ein und derselben Familie unterschiedliche Bedeutung
erhält. Ich denke nicht, daß es eine Theorie der Persönlichkeit
und der Biographie geben kann, die ohne Verständnis dessen Gel-
tung hat, was Bernard Doray die "elementaren Strukturen der Sub-
jektivität" genannt hat. Strukturen, die allein zu verstehen er-
möglichen, wie die Subjekte u n e r s c h ö p f l i c h
e i n m a l i g e werden in ein und demselben objektiven System
historischer Individualitätsformen und mit vergleichbaren biogra-
phischen Verläufen. In der notwendigen Erforschung dieses Pro-
blems hat der Marxismus zugleich vieles beizutragen und vieles zu
lernen. Denn der Versuch, ausgehend von einer summarischen Nega-
tion dessen, was die Psychoanalyse - auch in anderen Arbeiten
über die Frühgeschichte des Subjekts, etwa der von W a l l o n
über das "Stadium des Spiegels" - an besseren Erkenntnissen her-
vorgebracht hat, mit seinen eigenen Mitteln eine "Theorie der
Subjektivität" zu basteln, würde eher zu einer Regression als zu
einem wissenschaftlichen Fortschritt führen.
7. Geschichte der Persönlichkeit und Zeitplan
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Diese ursprüngliche Subjektivität, dieses in jeder Person bei An-
bruch der Biographie geknüpfte Geflecht von Bedeutungen und Moti-
ven hat etwas Unauslöschliches, sich Wiederholendes, für die Er-
fahrung Undurchdringliches: Die klinische Praxis bestätigt es,
die aufmerksame Selbsterforschung macht es erfahrbar. Die späte-
ren Formen der Persönlichkeit deshalb für einfache epiphänomenale
Konstruktionen, den späteren Lebenslauf für die mehr oder weniger
sublimierte ewige Wiederkehr des Kindlichen zu halten, ist ein
Schritt, den zu verweigern man meiner Ansicht nach gute Gründe
hat. Ist es nicht in Wirklichkeit gerade die Fixierung dieser in-
fantilen Subjektivität auf e l e m e n t a r e Szenen und Ge-
genstände, die, von pathologischen Fällen abgesehen, ihre enorme
Mehrdeutigkeit im Leben des Heranwachsenden und Erwachsenen er-
möglicht, und zwar derart, daß eine sehr früh ausgebildete psy-
chische Identität, die sich in ihren Wandlungen nicht mehr auflö-
sen wird, gleichzeitig eine o f f e n e G e s c h i c h t-
l i c h k e i t der werdenden Persönlichkeit als Möglichkeit in
sich trägt und in der realen Entwicklung aufrechterhält? Zeigt
nicht zum Beispiel die Tatsache sogar, daß eine unendliche
Vielfalt s u b j e k t i v e r A r t e n d e s k ä m p f e-
r i s c h e n L e b e n s existiert, klar und deutlich, daß
diese Lebenslogik weit davon entfernt ist, die Rationalisierung
eines spezifischen Zwangsverhaltens zu sein, sondern ganz im
Gegenteil in der Lage ist, sich all diese Zwänge einzuverleiben?
Gewiß findet sie dabei in ihren bestimmten Formen ihre
Einmaligkeit, aber ohne sich deswegen in ihrem Wesen ihnen unter-
zuordnen. Die historische Forschung zeigt uns, wie die Bestimmung
einer Nation nicht auf die sukzessiven Wandlungen einer invarian-
ten geo-ethno-kulturellen Identität reduziert werden kann, son-
dern von Grund auf abhängig ist von einer Dynamik seiner Produk-
tivkräfte, seiner Klassenkämpfe usw., einer Dynamik, die zwar
sehr stark durch die vorher geschaffene nationale Identität ge-
prägt ist, diese umgekehrt aber in jeder Epoche wesentlich verän-
dert, indem sie ihr neue Perspektiven möglicher Entwicklungen er-
öffnet. Zweifellos ist vieles von den Historikern zu lernen, um
in einer gültigen Form das Problem der individuellen psychischen
Identität in ihrer dreifachen Determination durch Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft anzugehen.
Ganz wie die Nationen haben die Persönlichkeiten sehr wohl eine
G e s c h i c h t e, im vollen Sinn des Wortes - eine Geschichte
als Geflecht der verschiedenartigsten Tätigkeiten und der Ver-
hältnisse, die sie im Verlauf des Tages, der Woche, des Jahres,
der Lebensepoche eingehen - das, was ich im Hinblick mehr noch
auf seine qualitative als auf seine quantitative Zusammensetzung
den Z e i t p l a n als zugleich verfestigte und biographisch
evolutionäre Basis der Persönlichkeit genannt habe. Diese grund-
legende Rolle des Zeitplans tritt in seinen massenhaften gesell-
schaftlichen Modifikationen und seinen vielgestaltigen Effekten
für die Persönlichkeit zutage. In dieser Hinsicht finden die Ar-
beiten der kommunistischen Ökonomen und des Sektors
"F r a n z ö s i s c h e G e s e l l s c h a f t" unseres In-
stituts, unter anderem über die V e r ä n d e r u n g e n d e r
A r b e i t e r k l a s s e im Frankreich der gegenwärtigen
Krise ein großes Interesse. Sie lassen gut erkennen, welche Um-
wälzungen, überdies in widersprüchlichen Formen, die Zeitpläne
der Arbeiter durch die tiefgreifenden Veränderungen der histori-
schen Individualitätsformen seit einigen Jahrzehnten erfahren ha-
ben. Das betrifft sowohl das Leben außerhalb der Arbeit
(Transformation der familiären Lebensweisen, der Schulzeit, der
materiellen und kulturellen Konsumtion usw.) als auch das Ar-
beitsleben (zunehmende Bedeutung der "Wissenskraft" in der Ar-
beitskraft und des "kollektiven Arbeiters" im Betrieb, aber auch
die zunehmende Unsicherheit des Arbeitsplatzes und der Beschäfti-
gung usw.) als auch die Beziehungen zwischen beiden (allgemeine
Politisierung der Probleme, aber gleichzeitig auch die Vertiefung
des Einschnitts zwischen Schule und Arbeitswelt, zwischen notwen-
diger Arbeitszeit und privater Freizeit usw.) ebenso wie die bio-
graphischen Perspektiven (Eröffnung neuer Vermittlungsformen ge-
sellschaftlicher Mobilität, aber auch Verschließung bestimmter
anderer, Ausdehnung der Arbeitslosigkeit und der Diskriminierun-
gen, Radikalisierung des Gegensatzes zwischen der Kapitalverwer-
tung und der realen Entwicklung der Menschen und ihrer Verant-
wortlichkeiten usw.). Von diesen Umwälzungen her muß man offen-
sichtlich die Entstellungen der I d e n t i t ä t und des
K l a s s e n b e w u ß t s e i n s von Arbeitern begreifen. Es
geht um eine mehr denn je real existierende Arbeiterklasse, eine
Arbeiterklasse aber, die in ihren materiellen und kulturellen Re-
produktionsweisen, ihrer inneren Differenzierung nach sozio-pro-
fessionellen Kategorien, ihren Identifikationsmustern und ihren
Traditionen der Organisation und des Kampfes destabilisiert ist -
alles Dinge, die sich in Biographien und Subjektivitäten in jedes
Mal anderen Formen widerspiegeln.
Aber wenn der Begriff Z e i t p l a n so in seiner praktischen
Anwendung sehr stringent zu sein scheint, wirft seine theoreti-
sche Vertiefung doch noch viele Probleme auf. Um nur ein Beispiel
dafür zu geben: Welche Geltung hat die Annahme einer fundamenta-
len Dualität zwischen k o n k r e t e r T ä t i g k e i t und
a b s t r a k t e r T ä t i g k e i t, die ich als verallge-
meinerte Form der M a r x s c h e n Analyse zur k o n k r e-
t e n A r b e i t und a b s t r a k t e n A r b e i t vor-
geschlagen habe? Handelt es sich um eine verifizierbare Realität
oder um eine riskante Metapher? Können die Termini abstrakt und
konkret eine hinreichend definierte Bedeutung außerhalb des
Bereichs der Ökonomie haben? Meiner Meinung nach ja und mehr denn
je. Ist, biographisch gesprochen, jede Tätigkeit a b-
s t r a k t, die über die materiellen und symbolischen Ver-
mittlungen ihres sozialen Umfeldes unter einer e n t f r e m-
d e t e n Form zum Individuum zurückkehrt, nämlich belastet mit
Effekten und Bedeutungen, die seinen Zielen f r e m d sind, ja
in einer Form, in der das Individuum sie gar nicht als seine
eigene Tätigkeit wiedererkennt, so ist im Unterschied dazu
Tätigkeit k o n k r e t, die obwohl sie ebenso unvermeidlich,
auch in ihren privaten Formen, vermittelt ist, dennoch für das
Individuum in ihren Resultaten transparent und in ihren
Zielsetzungen homogen bleibt. Nun, die Untersuchung der ka-
pitalistischen Gesellschaft in der gegenwärtigen Krise zeigt, daß
diese nicht aufhört, aus neuen konkreten Tätigkeiten abstrakte zu
machen und die Dichotomie zwischen den einen und den anderen zu
vertiefen und so ein sehr furchterregendes und sehr heimtücki-
sches Hindernis für den inneren Zusammenhalt und die Entwicklung
der Gesamtpersönlichkeit aufzubauen. So verweist auch die
K r i s e d e r P o l i t i k - die ideologisch durch die
herrschenden Kräfte verstärkt und manipuliert wird, aber nichts-
destoweniger, vor allem in der Jugend, eine wirkliche Abneigung
gegen Politik verdeckt - auf ein besorgniserregendes Umsichgrei-
fen der e n t f r e m d e n d e n A b s t r a k t i o n in den
herrschenden Tätigkeiten und politischen Verhältnissen, was sich
in der Forderung eines Jugendlichen offenbart: "Ich möchte sehen,
was bei meinen Handlungen herauskommt". Man kann eine analoge
Entwicklung in vielen anderen Bereichen, wie denen der Moral oder
der Kultur, konstatieren. Die theoretische Durchdringung dieser
vielfältigen Erscheinungen ist eine Pflicht für denjenigen, der
sich mit der Persönlichkeit beschäftigt.
8. Krise des Kapitalismus und biographische Krise
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Diese bruchstückartigen Bemerkungen über die Logik, die dem Zeit-
plan und der Dynamik der persönlichen Entwicklung zugrunde lie-
gen, führen dazu, ein noch globaleres Problem aufzuwerfen: Ist
die Krise des Kapitalismus nicht im Begriff, eine massenhaft ver-
breitete b i o g r a p h i s c h e K r i s e hervorzubringen?
Es gibt gute Gründe für diese Annahme. Zweifellos muß man sich
des hypothetischen und approximativen Charakters der gesamten
Formulierungen einer so komplexen und noch so wenig erforschten
Frage sehr bewußt sein. Vielleicht ist es aber dennoch möglich zu
sagen: Einer der wesentlichen Aspekte der heutigen, durch die
Entwicklung der Produktivkräfte und der gesellschaftlichen Ver-
hältnisse in ihrer wechselseitigen Verknüpfung induzierten Verän-
derungen scheint, jedenfalls was Frankreich betrifft, der zu
sein, einen umfassenden historischen Prozeß der Überwindung fun-
damentaler Spaltungen einzuleiten. Das erstreckt sich auf die
wechselseitige Durchdringung der materiellen und der intellektu-
ellen Arbeit, der produktiven und der unproduktiven, den Übergang
von der unmittelbaren individuellen Arbeit zur Kooperation inner-
halb des kollektiven Gesamtarbeiters, die Beseitigung zahlreicher
Schranken zwischen sozialen Schichten, den Geschlechtern und eth-
nischen Gruppierungen innerhalb eines Kontinuums von Lohnarbeit,
die Verstärkung der gesellschaftlichen Mobilität, die Infrage-
stellung von Fremdbestimmung und Abhängigkeiten - und zwar der-
art, daß für die Masse der Bevölkerung die Möglichkeit konkret zu
werden scheint, ein viel weniger parzelliertes und partikulari-
siertes Individuum zu sein, als das heute der Fall ist, eine rei-
che Persönlichkeit in einer wahren Solidarität zu sein.
Aber gleichzeitig reproduzieren und verschärfen sich in der Krise
des Kapitalismus weiterhin Blockierungen (schulischer Mißerfolg,
Arbeitslosigkeit, Entwertung der Fähigkeiten, Beschneidung der
Verantwortlichkeiten ...) und Spaltungen (zwischen lebendiger und
toter Arbeit, Planung und Ausführung, Kreativität und Konsum,
Arbeitszeit und Freizeit...), die sich gewaltsam dem Streben nach
einer Überwindung der Spaltung und N e u g e s t a l t u n g
der Persönlichkeit und der Biographie entgegenstellen. Gleich-
zeitig haben die Enttäuschungen, die die großen Hoffnungen auf
gesellschaftliche Emanzipation erlitten haben - 1968, 1981 - den
Skeptizismus gegenüber der Durchsetzbarkeit des Zieles selbst
genährt. Sie haben ein noch größeres, von der Großbourgeoisie in
aller Öffentlichkeit ausgebeutetes Risiko geschaffen, das Risiko
eines auf der ganzen Linie drohenden Zurückfallens auf erneute
Formen von Dichotomie, von Einbindung der Persönlichkeiten in
einen gefährlich wachsenden Abstand zwischen menschlichen
Fähigkeiten und in schwindelerregender Rasanz sich ausbreitenden
gesellschaftlichen Kräften auf der einen Seite und der für die
Individuen reduzierten Möglichkeiten, sie sich anzueignen, auf
der anderen. Im Ganzen gesehen erscheinen die volle Entwicklung
jedes Menschen und die universelle Ausbildung einer z u r
S e l b s t b e s t i m m u n g b e f ä h i g t e n I n d i-
v i d u a l i t ä t heute in einer viel konkreteren Weise als
eine historische Möglichkeit und zugleich als eine historische
Notwendigkeit; und auf der einen Seite scheinen sie sich mitten
durch das Auf und Ab der Krise hindurch ihren Weg zu bahnen. Auf
der anderen Seite aber stoßen sie auf die undurchdringlichen
gesellschaftlichen Verhältnisse, die hartnäckig die fundamentalen
Entfremdungen aufrechterhalten und drohen, mangels der Mittel
diese gar auf die eigenen Kräfte bauend in Frage zu stellen, in
die Sackgassen des D u a l i s m u s zwischen den "gesell-
schaftlichen Zwängen" und der "privaten Freiheit", in die
Ausweglosigkeit des zutiefst entfremdeten und konkurrenzförmigen
I n d i v i d u a l i s m u s abzugleiten.
Die menschliche Geschichte scheint sich so mit wachsender Ge-
schwindigkeit einer Bewährungsprobe zu nähern, die von größerer
Tragweite ist als irgendeine andere: der ihrer Fähigkeit oder Un-
fähigkeit, aus jeder Frau und jedem Mann bei Strafe einer Kata-
strophe ein "a l l s e i t i g e n t w i c k e l t e s I n-
d i v i d u u m" zu machen. Dazu ist der Kapitalismus von seinem
Wesen her unfähig, weil es sein Gesetz ist, nicht Menschen
sondern G e l d zu machen, d.h. gemäß einer toll gewordenen Lo-
gik alles dem in einer immer spekulativeren und inhumaneren Form
akkumulierten Reichtum zu opfern. Und zweifellos können die so-
zialistischen Länder in ihrem langen Marsch zum Kommunismus in
keinem Bereich einen überzeugenderen und entscheidenderen Beweis
für die Überlegenheit der klassenlosen Gesellschaft geben als in
der immer stärker hervortretenden Fähigkeit, diese grandiose Auf-
gabe der E n t w i c k l u n g d e r M e n s c h e n zu lö-
sen, welche zugleich die Bedingung einer radikal höheren Produk-
tivität, Schlüssel einer endlich aus ihrer Vorgeschichte befrei-
ten Zivilisation und einzig und allein "Zweck an sich" der Ge-
schichte ist. Nichts ist tatsächlich irriger als die beharrliche
Auffassung, der Kommunismus sei gleichbedeutend mit einer Regres-
sion - oder einer "Überwindung" - der Individualität, eine An-
nahme, die nicht immer nur bei den Gegnern des Marxismus zu fin-
den war. Man hat vielleicht unter diesem Gesichtspunkt nicht ge-
nügend hervorgehoben, daß Marx niemals vom Kommunismus spricht,
ohne von den Individuen zu sprechen. Für ihn sind Kommunismus und
volle und freie Entwicklung der Individuen absolut synonym, und
zwar in erster Linie deswegen, weil Kommunismus die Entwicklung
der universellen Produktivkräfte voraussetzt und allein die uni-
versell entwickelten Individuen in der Lage sind, sich diese an-
zueignen. Hier liegt, glaube ich, der tiefe Sinn des scheinbar
paradoxen Gedankens, den Ernst Bloch in Experimentum Mundi formu-
lierte: "Die klassenlose Gesellschaft kann individueller sein als
irgendeine andere vor ihr." Ist es nicht auch klar, daß, wenn die
Individuen ihre verlorenen kollektiven Kräfte sich gemeinsam wie-
der angeeignet haben, das Maximum an Kollektivität zusammenfallen
muß mit dem Maximum an Individualität?
Besonders gut sieht man hier, wie mir scheint, an welchem Punkt
die Theorie der Persönlichkeit und der Biographie so, wie sie
gleichzeitig ein wissenschaftlicher Bedarf ist, ein ganz ent-
scheidendes historisches Erfordernis ist. Ohne dieses Erfordernis
kann man schwerlich den wissenschaftlichen Sozialismus begreifen
und in seinem vollen Umfang entwickeln. Denn das Individuum ist
weder in der Realität noch in der Wissenschaft die bloße Schluß-
folgerung aus allem anderen. Sehr wohl ist das Ensemble der ge-
sellschaftlichen Verhältnisse immer f u n d a m e n t a l und
wird es immer bleiben, aber gleichzeitig und in zunehmendem Maße
sind es die Individuen, die e n t s c h e i d e n und entschei-
den werden. Und zwar deshalb, weil das Ensemble der gesellschaft-
lichen Verhältnisse sich a l s S y s t e m v o n I n d i-
v i d u a l i t ä t s f o r m e n, das Grundlage der Persön-
lichkeit ist, n u r i n d e r B i o g r a p h i e d e r
I n d i v i d u e n wieder zusammensetzt. Genau darin beweist
sich seine Kohärenz oder seine Inkohärenz, sein humaner oder
inhumaner Charakter. Genau darin haben letzten Endes die Kritik
des Bestehenden und die Rebellionen, die Bestrebungen und die
Dynamik gesellschaftlicher Veränderung, die sich in kämpferischem
Leben, in gesellschaftlicher Verantwortung, in geistig schöp-
ferischer Kraft entfalten, ihren Ursprung, auch wenn sie sich
gesellschaftlich organisieren müssen, um historische Triebkräfte
zu werden. Die subjektive Seite des konkret-gesellschaftlichen
"Menschseins" in einer reduktionistischen Betrachtung der
Menschheit als Gattung zu entwerten, wäre so meiner Ansicht nach
ein gewaltiger Irrtum sogar unter dem Gesichtspunkt seiner objek-
tiven Seite, d. h. der Entwicklung der Gesellschaftsformation und
der Menschheit. Die wahre menschliche Gemeinschaft wird der wah-
ren Einmaligkeit der Personen bedürfen, die diese nicht verarmen,
sondern aufs Äußerste bereichern wird, da das allseitig entwic-
kelte einzelne Individuum dadurch zugleich auch einmaliges Indi-
viduum sein wird, in derselben Bewegung, in der es sich immer
mehr der konkreten Dimension der Universalität annähern wird.
9. Krise des kämpferischen Lebens?
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Man kann natürlich dieser vorausschauenden historisch-psychischen
Auffassung über die Entwicklung der Individualität vieles entge-
genhalten. Eine der in diesem Zusammenhang in Frankreich heute
oft vorgebrachten Ideen ist die, daß es im Gegensatz zu dieser
optimistischen Betrachtung eine "Krise des kämpferischen Lebens"
gebe, die eng mit dem "Niedergang der Arbeiterklasse" - und des
Marxismus - verbunden sei. Dieser Einwand ist eine nähere Erörte-
rung wert. Er entspricht bestimmten in der gesellschaftlichen und
politischen Arbeiterbewegung wohlbekannten Realitäten. Die Ge-
werkschaftsbeitritte sind allgemein rückläufig. Die Mitglieder-
zahlen der kommunistischen Partei sind nicht gerade auf dem Höhe-
punkt. Die Rekrutierung der Funktionäre ist schwierig, und selbst
die Vorstellung beständiger Parteiarbeit bereitet vielen Pro-
bleme, insbesondere den jungen, die für sich immer mehr den Sinn
des kämpferischen Lebens in Frage stellen. Man kann diesen Zu-
stand zweifellos durch die enormen materiellen und moralischen
Schwierigkeiten des Kampfes für gesellschaftliche Veränderungen
im heutigen Frankreich erklären : lastender Druck im Blick auf
die Zukunftsperspektiven der Arbeitslosigkeit und der Repression,
destabilisierende Wirkung neuer Lebensweisen, demoralisierende
Wirkung der durchgängigen Rechtsentwicklung der sozialistischen
Partei an der Macht, systematisch zu Schreckensbildern verzerrte
Darstellungen der sozialistischen Länder usw. - und auch langan-
haltende Konsequenzen strategischer Versäumnisse, zu denen es die
kommunistische Partei, wie ihr wohl bewußt ist, in den fünfziger-
sechziger Jahren hat kommen lassen.
Diese Erklärungen tragen sehr wohl den Tatsachen Rechnung. Den-
noch verbieten sie nicht, weitergehende Fragen nach ihrer histo-
risch-biographischen Bedeutung zu stellen. Um so mehr, als die
"Krise der Politik" keineswegs einen allgemeinen Rückfall auf un-
politische Haltung und Individualismus kennzeichnet. Die Wahlbe-
teiligung bei den verschiedenen Wahlen bleibt im Großen und Gan-
zen sehr hoch und erreicht Rekorde, wenn das, was zur Wahl steht,
als eine entscheidende Wende angesehen wird. Neue soziale Bewe-
gungen haben Erfolge zu verzeichnen, vor allem in der Jugend, wie
etwa die gegenwärtige Kampagne gegen den Rassismus. Das Leben in
Organisationen und Vereinigungen und die Aktionen direkter Soli-
darität haben sich reich entwickelt. Es ist schwierig, diese und
ähnliche Tatsachen zu betrachten, ohne zu der Einsicht zu gelan-
gen, daß das, was die Frage ausmacht, in Wirklichkeit nicht die
Logik der Bürgeraktion selbst ist, sondern daß es im Gegenteil
ihre abstrakten, fremdbestimmten Formen sind, die verhindern kön-
nen, daß "man sieht, was bei den eigenen Handlungen herauskommt".
Sind es von daher nicht vielmehr die historischen Schranken einer
gewissen Physiognomie der kämpferischen Persönlichkeit, die die
kritische Reflexion herausfordern, und infolgedessen die entspre-
chenden historischen Individualitätsformen, d.h. auch die Konzep-
tion der Organisationsformen des sozialen Kampfes selbst, die die
französischen Kommunisten von nun an wesentlich als Selbstbestim-
mungsverhalten betrachten müssen?
Gemäß einer traditionellen Vorstellung von der Partei der Avant-
garde würde diese vor allem als Instrument zur Eroberung der
Macht verstanden, als Organisator einer politischen Aktion, in
der d i e a n d e r B a s i s im wesentlichen die Aufgabe
haben, die Operationen und Umgestaltungen a n d e r
S p i t z e abzustützen. Aber impliziert diese Vorstellung
nicht, daß die Gestalt des Kämpfers trotz der Versprechungen ih-
rer Universalität, in widersprüchlicher Weise und widerwillig,
auch eine p a r t i k u l a r e F o r m d e r A u f t e i-
l u n g d e r h i s t o r i s c h e n A u f g a b e n reprä-
sentiert, eine Form, die zum Teil entfremdet ist und entfremdend
und die sogar zum Teil eine veraltete Form werden kann, während,
da die gesellschaftlichen Transformationen in vollem Licht
betrachtet als die Sache aller erscheinen muß, gerade die
allgemeine Verbreitung der s e l b s t b e s t i m m t e n
I n d i v i d u a l i t ä t unabweisbar auf die Tagesordnung zu
setzen ist? Ist unter diesen Bedingungen die "Krise des kämpfe-
rischen Lebens" nicht weit davon entfernt, auf einen Verfall
seiner grundlegenden historisch-biographischen Bedeutung hinzu-
weisen, nicht vielmehr das Indiz seiner notwendigen Umgestaltung,
einer Umgestaltung, die innerhalb der begrifflichen Ordnung der
Individualität in einem kohärenten Zusammenhang steht mit der
Erforschung der neuen, vom revolutionären Kampf heute geforderten
Formen politischer Praxis und Organisation? Führt das nicht zu
der Einsicht, daß von nun an eine politische Praxis zum Scheitern
verurteilt ist, die nicht in ausreichendem Maße den Individuen
die Mittel an die Hand gibt, die Parzellierung und die
undurchdringliche Abhängigkeit zu überwinden und ihr Verlangen
nach Neugestaltung ihrer Persönlichkeit und nach transparenter
Autonomie in die Aktion einzubringen, um die gesellschaftlichen
Verhältnisse, von denen direkt ihr Leben abhängt, zu
transformieren? Die Erforschung der Persönlichkeit und Biographie
kann schwerlich einen konkreteren Einsatz finden als diese
entscheidende Frage.
10. Erkenntnistheoretische und methodologische Probleme
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Die gesamten bereits konsistenten oder noch sehr hypothetischen
theoretischen Auffassungen, die gesamten bereits durchgeführten
oder in Angriff zu nehmenden Forschungen, von denen ich hier in
knapper Form einen globalen Überblick gegeben habe, haben letzt-
lich zum Ziel, an der Neuformulierung des Gegenstandsbereichs der
Humanwissenschaften zu arbeiten, und zwar derart, daß die Persön-
lichkeit und die Biographie darin ihren vollen Stellenwert fin-
den. Deshalb müssen auch die erkenntnistheoretischen und infolge-
dessen philosophischen Probleme vertieft werden, wobei es zwei-
fellos das ursprünglichste, schwierigste und entscheidendste Pro-
blem ist, die besondere Art von Wissenschaftlichkeit zu bestim-
men, die hier anzustreben ist. Sobald der einzigartige Charakter
jeder psychischen Individualität als wesentlich erkannt ist, muß
man zu der paradoxen Schlußfolgerung gelangen, daß das einzige
stringente Wissen über einen derartigen Gegenstand eine
"W i s s e n s c h a f t d e s E i n m a l i g e n" ist. Die-
ses neuartige Konzept, das im Gegensatz zu dem berühmten und für
die meisten Wissenschaftler absolut gültigen Ausspruch des Ari-
stoteles steht, nach dem es "nur Wissenschaft des Allgemeinen
gibt", ruft sehr wohl Diskussionen hervor, auch innerhalb unseres
Seminars. Denn man kann behaupten, daß eine Forschung über das
Individuelle sich notwendig zwischen zwei Polen bewegt: dem der
B e g r i f f e, mit dem der Zugang zu seinem theoretischen Ver-
ständnis eröffnet wird, allerdings ausschließlich unter dem
Aspekt seiner Allgemeinheit, und dem der K l i n i s c h e n
Psychologie, mit dem eine Annäherung an seine Einmaligkeit mög-
lich ist, allerdings um den Preis eines Verzichts auf die Strenge
der Wissenschaft. Könnte das Projekt einer Wissenschaft des Ein-
maligen, das im Gegensatz dazu beabsichtigt, die konstitutive
Grenze zwischen abgegrenzter Allgemeinheit der Begriffe und uner-
schöpflicher Einzigartigkeit des Realen aufzuheben, nicht auch
einem offensichtlich übertriebenen Ehrgeiz, einem eigentlich un-
ausführbaren Unternehmen Vorschub leisten?
Ich unterschätze nicht die Stärke der gegnerischen Auffassungen.
Ich frage mich aber nichtsdestoweniger, ob dies nicht zu einem
erheblichen Teil die M a c h t d e r G e w o h n h e i t
i s t, die aus einer jahrzehntelangen Entwicklung der Humanwis-
senschaften in einer bestimmten Richtung resultiert - eine Rich-
tung, in der es ihnen nicht zufällig bisher sehr schlecht gelun-
gen ist, der Persönlichkeit wirklich Rechnung zu tragen, eine
Richtung, die meiner Ansicht nach gerade in ihrem Prinzip in
Frage zu stellen ist. Man geht von dem Gedanken aus, daß nur Wis-
senschaft vom Allgemeinen existiert. Aber dieser Satz war für
Aristoteles keine T h e s e, er war vielmehr in einem dialekti-
schen Sinn eine A p o r i e, denn, soweit das Reale immer ein-
malig ist, läuft der Satz, daß die Wissenschaft nur das Allge-
meine erreicht, darauf hinaus, daß sie das Reale verfehlt. Muß
man nicht, treibt man die dialektische Reflexion über das hinaus,
was Aristoteles möglich war, weiter bis zur Erfassung der be-
stimmten Form, in der das Universelle im Einmaligen enthalten
ist, sogar sagen, daß in Wirklichkeit jede Wissenschaft, soweit
sie effektiv ist, eben dadurch Wissenschaft d e s Einmaligen
ist? Aber es gibt zwei Wege für den Versuch, das Einmalige, d.h.
das Reale zu erfassen. Der erste ist absolut dominant in der Wis-
senschaft, die sich von der Renaissance bis zur jüngsten Epoche
entwickelt hat. Besteht dieser Weg nicht darin, das Allgemeine
aus dem Realen zu extrahieren, das so in "irgendein Objekt", in
ein abstrakt Allgemeines verwandelt wird - zum Beispiel den Ge-
genstand der Allgemeinen Psychologie -, und das Einmalige als
solches auf den Bereich des Unwesentlichen zu verweisen, nur um
etwas von ihm in einer klinischen Annäherung, gar in einer Theo-
rie seiner Streuung, seiner Abweichung vom Durchschnittswert -
z.B. in einer Differentiellen Psychologie - zurückzugewinnen zu
versuchen? Das ist eine Vorgehensweise, die offenkundig überall
dort effektiv ist, wo die Einzelheit wirklich für unwesentlich
gehalten werden kann, die aber im entgegengesetzten Fall keiner-
lei Gültigkeit hat.
Aber gibt es nicht einen anderen weitaus dialektischeren Weg, der
darin besteht, von vornherein um der viel verbindlicheren Identi-
fikation des Allgemeinen und des Besonderen willen auf die Fik-
tion eines abstrakt allgemeinen Gegenstands zu verzichten und in
dem Realen allein die u n i v e r s e l l e n l o g i s c h e n
- topologischen, chronologischen - Formen seiner jedesmal einma-
ligen Entwicklung zu erforschen? Könnte dies nicht in der Weise
geschehen, daß hier nicht mehr zwischen Begriffen, die in einem
Modell zu Kristallisationen der ganzen abstrakten Rationalität
und einer in die Undurchdringlichkeit des konkreten Falles ver-
senkten klinischen Realität geronnen sind, unterschieden wird,
sondern zwischen allgemeinen Geboten der Verfahrensweise der Er-
kenntnis und wissenschaftlicher Erfassung des einmaligen Realen?
V i e l w e n i g e r s t o f f l i c h e s W i s s e n a u f
d e r e i n e n S e i t e , a b e r v i e l m e h r
h a n d l u n g s b e z o g e n e R a t i o n a l i t ä t u n d
V e r n u n f t a u f d e r a n d e r e n: Hat Marx nicht ge-
rade diese Linie verfolgt, als er dem Projekt einer Wissenschaft
der G e s c h i c h t e Gestalt verliehen hat, in der Begriffe
und Gesetzmäßigkeiten (z. B. der Begriff der ökonomischen Struk-
tur, das allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation) in
keiner Weise ein Modell der "Gesellschaft im Allgemeinen" deter-
minieren, sondern uns das Netz von Verhältnissen und logischen
Formen darlegen, in dem es möglich ist, rational eine einmalige
Gesellschaftsformation und ihre originäre Entwicklung zu verste-
hen? Und ist das nicht der Weg, auf dem heute zahlreiche Wissen-
schaften d e r N a t u r selbst voranschreiten, in denen der
herausgearbeitete Gegenstand auch eine einzigartige Geschichte
hat - vom "Big Bang" zur Anthropogenese? Ist es also nicht von
strategischer Bedeutung, das erstaunliche Paradoxon zu enthüllen,
das die archaische und ruinöse Fixierung eines großen Teils der
Humanwissenschaften am anderen Pol von Wissenschaftlichkeit dar-
stellt, dessen konservativ-ideologische Bedeutung offenzulegen
und mit der Bejahung der Rechte einer wirklichen W i s s e n-
s c h a f t des Einmaligen von Seiten der materialistischen
Dialektik und des revolutionären Handlungsplans die Möglichkeit
der Überwindung dieses Paradoxons aufzuzeigen? Das ist meine
Überzeugung. Die wirklichen Lebensläufe der einmaligen Individuen
sind eine phantastische Fundgrube ungenutzter potentieller
Erkenntnis. Es kommt darauf an, die "n e u e n K r i t e-
r i e n v o n W i s s e n s c h a f t l i c h k e i t" zu
schmieden, die es uns erlauben, nicht mehr das nützliche Wissen
über die Individuen an der Elle einer vorgängigen verarmten und
konformistischen Vorstellung von der Individualität zu messen,
sondern umgekehrt die Nützlichkeit der Begriffe von Individua-
lität an ihrem Beitrag, Erkenntnisse an den realen Individuen zu
gewinnen, wie an ihrem Beitrag, zu deren Emanzipation zu
verhelfen, zu messen.
Eine solche Art und Weise das Problem zu stellen, hat offensicht-
lich enorme Konsequenzen für die Art und Weise, wie man den Er-
kenntnisprozeß, seine theoretische Konsistenz und seine gesell-
schaftliche Zielsetzung betrachtet. Sobald man die realen Men-
schen nicht mehr als das Gestein betrachtet, aus dem die univer-
sitäre Wissenschaft herauszuschlagen ist, sondern als das kost-
bare Metall, aus dem ein Wissen neuer Art und neuer Tragweite ge-
wonnen werden muß, wird es unmöglich, sie weiterhin für einfache
O b j e k t e von Wissenschaft zu halten, wird es unentbehrlich,
sie dabei zu unterstützen, sich selbst zu aktiven
S u b j e k t e n zu machen, was wohl verstanden nur zu reali-
sieren ist, wenn das theoretische Z i e l ihnen nicht von Natur
aus fremd ist, sondern mit ihrem eigenen praktischen Ziel über-
einstimmt, d. h. auf seine Weise die Aufhebung ihrer individuel-
len und kollektiven Entfremdung zum Ziel hat. Anders gesagt han-
delt es sich darum, die institutionalisierten Formen der wissen-
schaftlichen Arbeitsteilung, welche die Verhältnisse der Herr-
schaft des Menschen über den Menschen reproduzieren und verstär-
ken, zu überwinden, um die komplexen Wege dessen zu erkunden, was
Yves Schwartz nach Ivar Oddone "e r w e i t e r t e w i s-
s e n s c h a f t l i c h e G e m e i n s c h a f t" genannt
hat. Diese impliziert zugleich ein h o h e s I d e a l d e r
W i s s e n s c h a f t - es kann hier nicht zur Debatte stehen,
ich weiß nicht welchen erkenntnistheoretischen Primitivismus
gegen die notwendigen theoretischen Umwege der strengen Wis-
senschaft ins Feld zu führen - und ein h o h e s I d e a l
d e r K u l t u r - denn es geht darum, die Formen von Erfah-
rungen, von Erkenntnissen, von Fragestellungen und von Urteilen
der Arbeiterinnen und Arbeiter wirklich ernst zu nehmen. Die Wis-
senschaft der Persönlichkeit und der Biographie wird ein spezifi-
sches Moment der umfassenderen und freieren Entwicklung aller In-
dividuen sein, oder es wird sie nicht geben.
(Übersetzung aus dem Französischen: Reinhard Schweicher und Bern-
hard Wilhelmer)
_____
1) In der deutschsprachigen Ausgabe von "Marxismus und Theorie
der Persönlichkeit" (Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt 1972)
wurde dieser Neologismus mit "Nachbarstruktur" übersetzt.
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