Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 10/1986


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ÜBERBLICK ÜBER MARXISTISCHE POSITIONEN IN DER ANGLO-AMERIKANISCHEN PSYCHOLOGIE

Charles W. Tolman 1. Einführung - 2. Die Pawlowsche Richtung - 3. Abweg in die Ge- staltpsychologie - 4. Die Freudsche Richtung - 5. Radikalpsycho- logie - 6. Individualität und Sozialpsychologie - 7. Entwick- lungspsychologie - 8. Schlußbemerkung 1. Einführung ------------- Ich bin gebeten worden, über "die Entwicklung marxistischer per- sönlichkeitstheoretischer Positionen, ... wie sie evtl. gegenwär- tig im anglo-amerikanischen Forschungsspektrum ... hervorgebracht werden", zu schreiben. Das wäre ein Vergnügen, wenn ich dafür auf klar umrissene, fundierte Literatur über marxistische Psychologie zurückgreifen und daraus solche neueren Beiträge auswählen und zusammenfassen könnte, die am meisten zum Thema Persönlich- keitstheorie auszusagen scheinen. Tatsache ist aber, daß es k e i n e n erkennbaren Fundus anglo-amerikanischer marxisti- scher Psychologie gibt, auf den man sich berufen könnte. Stattdessen gibt es eine große Zahl einzelner, meist isolierter Versuche, eine marxistische Psychologie zu formulieren oder die Psychologie bzw. spezifische psychologische Probleme aus einer marxistischen Perspektive zu behandeln. 1) Über diese Bestrebungen werde ich im folgenden berichten. Ich werde mich vornehmlich mit solchen theoretischen Beiträgen befas- sen, die ihren Ursprung in der anglo-amerikanischen Psychologie haben. Auf Entwicklungen im Ausland, wie z.B. in Frankreich, in der Bundesrepublik Deutschland und den sozialistischen Ländern werde ich also n i c h t d i r e k t eingehen. Auch sind Ver- suche, diese ausländischen Entwicklungen für die anglo-amerikani- sche Psychologie zu interpretieren, so wichtig sie für sich be- trachtet auch sind, in unserem Zusammenhang nicht von u n- m i t t e l b a r e m Interesse. Ich werde stattdessen vor allem auf solche englischsprachigen Psychologen (oder Philosophen bzw. sonstige Gesellschaftswissenschaftler) hinweisen, die - ausgehend von den Schriften von Marx, Engels, Lenin, Pawlow oder anderer Klassiker - eigene Beiträge zur Theoriebildung leisten. Zu berücksichtigen ist ferner, daß es mir hier darum geht, r e p r ä s e n t a t i v e theoretische Ansätze vorzustellen. Die Sichtung der Literatur hatte also nicht Vollständigkeit zum Ziel. Ein umfassender Überblick wird sich vielleicht eines Tages als notwendig erweisen, doch soll hier zunächst lediglich ein An- fang gemacht werden. Ich halte einen solchen Anfang einerseits für n o t w e n d i g, um die marxistische Psychologie in den englischsprachigen Ländern weiterzuentwickeln, andererseits zum jetzigen Zeitpunkt für a n g e m e s s e n aus Gründen, die ich im folgenden darzulegen versuche. 2. Die Pawlowsche Richtung -------------------------- Pawlows Theorie des konditionierten Reflexes wurde als Grundlage für die weitere Entwicklung in der Psychologie nirgendwo deutli- cher, nachdrücklicher und einfühlsamer vertreten als bei Harry K. Wells (25). In einer Vorbemerkung schreibt Wells: "Der vorliegende Band... stellt einen Versuch dar, den Leser mit denjenigen Lehren Iwan P. Pawlows vertraut zu machen, die für den Bereich der Psychologie und Psychiatrie relevant sind" (25, S. 6). Jedoch wird recht bald klar, daß seine Absicht weit über eine bloße Einführung hinaus reicht. Wells verfolgt eine Intention, die das ganze Buch durch- zieht und die er am Schluß zusammenfaßt als "Aufgabe ..., der sich nun die Physiologie, Psychologie und Psychiatrie in den Ver- einigten Staaten wird stellen müssen", nämlich "... die gegenwär- tigen experimentellen und klinischen Arbeiten mit Pawlows Wissen- schaft von der höheren Nerventätigkeit in Übereinstimmung zu bringen." Wells fährt fort: "Die Situation der einzelnen For- schungsbereiche erweist sich nicht nur als günstig für eine sol- che Entwicklung, sondern fordert geradezu diesen Schritt, um die eigenen inneren Probleme lösen zu können" (25, S. 204). Wells leitet die Dringlichkeit dieser Forderung aus seiner Ein- schätzung der Psychologiegeschichte ab: "Aus der verwirrenden An- zahl der , Schulen' mit ihren jeweiligen Ablegern hat sich in den letzten zwanzig Jahren eine Tendenz zur Polarisierung um zwei mögliche Herangehensweisen an das Gebiet herauskristallisiert: der objektive Ansatz zum einen und der subjektive oder introspek- tive Ansatz zum anderen" (25, S. 10). Hauptvertreter der erstge- nannten Richtung sei Pawlow, mit dessen Namen Wells Materialis- mus, Wissenschaftlichkeit und fortschrittliches Denken verbindet, während ihm als Repräsentant der zweiten Richtung Freud gilt, dessen Name für Idealismus, Mystizismus und Reaktion stehe. Well's großes Verdienst besteht darin, daß es ihm mit diesem Band gelingt, amerikanischen Lesern, deren Vorverständnis des konditionierten Reflexes hauptsächlich auf John B. Watson zurück- geht und allzu häufig zur mechanischen Stimulus-Substitution ver- einfacht wurde, die Komplexität und Vielfalt von Pawlows Ergeb- nissen und Theorien zu vermitteln. Wells ordnet zunächst Pawlow als Nachfolger Sechenows ein, der im Gegensatz zur idealistisch- metaphysisch orientierten Psychologie die psychische Tätigkeit materialistisch begründen wollte. Das bedeutete zu zeigen, daß psychische Tätigkeit eine physiologische Grundlage hat und in ei- nem kausalen Zusammenhang mit der äußeren Umwelt steht. Die In- tention war, den allgemein anerkannten Parallelismus zwischen Körper und Psyche zugunsten eines wissenschaftlichen Monismus aufzugeben. Ein erheblicher Teil dieses Vorhabens wurde von Sechenow auch re- alisiert; vor allem zeigte er die Verbindung zwischen den äußeren zwei Dritteln des Reflexes, der sensorischen Stimulation und der Muskelaktivität auf. "Das Problem, das Pawlow von Sechenow aufgegeben wurde", schreibt Wells, "war herauszufinden, welche Funktion das Gehirn als mitt- lere Phase eines psychischen Reflexes hat" (25, S. 35). Pawlow komme das große Verdienst zu, eine objektive, experimentell be- gründete Theorie der Gehirnfunktionen entwickelt zu haben, in der der Organismus in einer Weise mit seinen Existenzbedingungen in Verbindung gebracht wird, für die es in früheren psychologischen Theorien keine Parallele gebe. Harry Wells drückt das so aus: "Das Schlüsselprinzip in Pawlows Physiologie und Psychologie ist die Einheit und Integrität des Organismus als Ganzes sowie die Anpassung des Organismus an die Bedingungen seiner Umwelt und der Umwelt an die Erfordernisse des Organismus. Bei beiden Aspekten, der Einheit wie der Anpassung, spielt das Nervensystem die Hauptrolle, und bei höher entwickelten Tieren - den Menschen In- begriffen - ist die Rolle des Großhirns (Cortex) als Sitz tem- porärer oder konditionierter Reflexe ausschlaggebend" (25, S. 39). Die Anwendungsbereiche, die Wells am meisten am Herzen liegen, sind die Psychiatrie und Psychotherapie. Hierzu wäre noch einiges zu sagen, um Pawlow und Wells wirklich gerecht zu werden, doch genügt in diesem Rahmen der Hinweis, daß die klinische Theorie und Praxis als direkte Erweiterungen der physiologischen Theorie betrachtet werden. Hauptkategorien sind: Erregung, Hemmung und vor allem das dynamische Gleichgewicht zwischen Organismus und Umwelt sowie zwischen Erregung und Hemmung. Zusammenfassend kann man sagen, daß das theoretische System an objektiver und wissenschaftlicher Stringenz nichts zu wünschen übrig läßt. Jede Aktivität auf der Verhaltens- (oder auch der geistigen) Ebene wird konsequent auf das Nervensystem zurückge- führt und mit den Existenzbedingungen des Organismus begründet. Die Theorie enthält ferner die Umrisse einer evolutionstheoreti- schen Beschreibung geistiger Aktivität mit ihren drei Stadien, die durch unkonditionierte und konditionierte Reflexe sowie durch das zweite Signalsystem repräsentiert werden. Ein wichtiger ideo- logischer Aspekt dieser Theorie ist nach Wells, daß sie zur Er- klärung von Leistungen und Fähigkeiten eher die Umwelt als die angeborenen Anlagen heranzieht. Doch ergibt das alles schon eine marxistische Theorie? Vieles von dem, was Wells schreibt, hätte man auch in den Schriften der frü- hen Behavioristen finden können. Watson, der Erz-Behaviorist, wie Thorndyke, den Pawlow und Wells als Beispiel eines objektiven, physiologisch orientierten Psychologen hochschätzen, bevorzugten objektive Methoden und betrieben eine Form von Materialismus. Beide hatten sich einem Ansatz verschrieben, der das Verhalten des Organismus als Folge seiner physischen und sozialen Umwelt betrachtet. Dies war die Grundlage des S-R-Schemas, das für ihre Variante des Behaviorismus kennzeichnend war. Beide befürworteten eine biologische Perspektive, die der Evolutionstheorie stark verhaftet war. Und beide betrachteten Sprache als herausragendes menschliches Merkmal und als Grundlage dessen, was wir Intelli- genz nennen. In all diesen Punkten unterscheiden sich diese For- men des Behaviorismus keineswegs von der angeblich marxistischen Psychologie, die Wells vorschlägt. Ein Unterschied zwischen Wells und den Behavioristen ist, daß letztere sich selbst als Reduktionisten bezeichneten und nichts gegen das Etikett "mechanistisch" einzuwenden hatten. Wells wehrt sich nachdrücklich gegen eine solche Etikettierung, die im allge- meinen mit dem Vorwurf des Vulgär-Materialismus verbunden ist. Immer wieder weist er darauf hin, daß seine Position keine reduk- tionistische sei: "Wenn Pawlow betont, daß geistige Tätigkeit von der Existenz und Bewegung materieller nervlicher Prozesse ab- hängt, bedeutet das keineswegs, daß er die Existenz subjektiver Zustände abstreitet. Es bedeutet auch nicht, daß er Gedanken, Be- wußtsein usw. auf Nerventätigkeit reduziert" (25, S. 67). Und weiter: "... Die Forschung auf dem Gebiet der organischen Läsio- nen im menschlichen Gehirn muß auf der Grundlage der Pawlowschen experimentellen Läsionen an Tiergehirnen weitergetrieben werden ... Das heißt keineswegs, daß die psychiatrische Wissenschaft auf die Pathophysiologie der höheren Nerventätigkeit reduziert werden soll" (25, S. 108). In Übereinstimmung mit der Ablehnung eines solchen Reduktionismus spricht Wells verschiedentlich über quali- tative Unterschiede, vor allem in bezug auf das erste und das zweite Signalsystem. Er spricht zum Beispiel von "einer Kontinui- tät einerseits und einem scharfen Bruch andererseits zwischen der höheren Nerventätigkeit beim Menschen im Vergleich zum Tier", von "einem neuen Prinzip" und von den "erheblichen qualitativen Un- terschieden zwischen Mensch und Tier" (25, S. 79, 87, 147). Doch jeder dieser Versicherungen stehen zahlreiche Hinweise für ganz gegenteilige Auffassungen gegenüber. Wells behauptet z.B., das Wort, das Schlüsselelement des zweiten Signalsystems, sei "genauso ein konditionierter Stimulus wie alle anderen" (25, S. 79), außer daß es "flexibler" sei - was nur ein quantitativer Un- terschied wäre. Anderswo schreibt er, es bestehe "kein Zweifel, daß die wesentlichen Gesetze, die der Tätigkeit des ersten Si- gnalsystems zugrunde liegen, zwangsläufig auch das zweite Signal- system regulieren, da es sich um eine Tätigkeit der gleichen Ner- venzellen handelt" (25, S. 78). An einer weiteren Stelle wird uns angeraten, Geisteszustände "unter dem Gesichtspunkt der Nerventä- tigkeit zu untersuchen" (25, S. 13). Zugegebenermaßen stellen solche Aussagen an sich noch keine über- zeugenden Belege für Reduktionismus dar. Der Verdacht erhärtet sich allerdings, wenn sie von der Forderung begleitet werden, jede Erklärung tierischen Verhaltens, die keine physiologische ist, sei als dualistisch oder animistisch zu betrachten. Fügt man Well's Bemerkungen hinzu, daß Psychotherapie "primär mit der Wie- derherstellung gesunder nervlicher Funktionstüchtigkeit befaßt ist" (25, S. 14), wo bleibt dann noch Raum für psychologische Er- klärungen und soziale Ursachen von Neurosen? Immer wieder schwankt Wells von Aussagen wie "Pawlow war immer stark daran in- teressiert, die sozialen und familiären Bedingungen der Patienten aufzuklären" zu Aussagen der Art "Natürlich hat die Verhaltensab- weichung unseres Patienten ihren Ursprung in einer Veränderung in seinem Nervensystem" (25, S. 130-131). Wells bleibt sich in die- ser Hinsicht treu; seine Erklärungen sind immer und ausschließ- lich physiologischer Natur. Sein Programm ist reduktionistisch, und nicht nur das, der gesellschaftlich-geschichtliche Zusammen- hang, auf den die Reflex-Theorie abheben sollte, scheint verloren zu gehen. Auch der Vorwurf des Mechanismus ist unschwer zu belegen. Wie der Mechanist Hobbes behauptet auch Wells, daß "der wirkliche Grund jeder menschlichen Aktivität außerhalb des Menschen liegt" (25, S. 31). Und was ist von der folgenden Beschreibung der Sprache zu halten? "... Der Anblick eines äußeren Sachverhalts, z. B. Spuren im Wald, führt nicht unbedingt zu einer unmittelbaren Handlung. Er kann zunächst eine konditionierte verbale Reaktion auslösen, wie z. B. 'Reh', die ihrerseits mit anderen Worten assoziiert wird, so daß eine Assoziationskette bzw. ein Denkprozeß in Gang gesetzt wird" (25, S. 77). In einer Rezension eines anderen Buchs von Harry Wells zu diesem Thema (26) beurteilt Francis H. Bartlett Wells' Position in ähn- licher Weise. Er schreibt: ".. . Wells glaubt tatsächlich, daß die psychologische Entwicklung bei Geisteskrankheiten weitgehend irrelevant sei. Seiner Meinung nach ist der Inhalt des Bewußts- eins im Normalfall zwar ein Produkt der Gesellschaft, doch bei abweichenden Formen des Bewußtseins nimmt er an, daß sie durch anatomische und physiologische Störungen in den höheren Regionen des Gehirns ausgelöst werden . . ." (3). Angesichts solcher Argu- mente - so Bartlett - müsse es einen nicht wundern, daß der Mar- xist Wells der Pathologie sozialer Beziehungen so wenig Beachtung schenkte und sich für medikamentöse Therapien zu begeistern ver- mochte, mit denen man angeblich die realen Ursachen von Geistes- krankheiten, nämlich Störungen im Nervensystem, direkt behandeln konnte. Wells anerkennt, Pawlow sei "kein bewußter dialektischer Materia- list gewesen. Er war auch kein historischer Materialist. Er war kein Marxist" (25, S. 74). Wells hingegen war dialektischer Mate- rialist, historischer Materialist, Marxist. Er hätte Pawlows un- schätzbaren Beitrag in einen marxistischen Rahmen einbetten kön- nen. Er hätte Pawlows Materialismus hervorheben und dadurch das dialektische Potential seiner Theorie weiter ausarbeiten helfen können. Stattdessen, meint Bartlett, habe er dazu beigetragen, "bestimmte Grenzen der Pawlowschen Theorie zu verhärten und zu dogmatisieren". Er hätte mehr tun können, um den nordamerikani- schen bürgerlichen Lieblingsmythos zu zerstören, nach dem "... die offizielle Psychologie des Marxismus ... der mechanistische, Pawlowsche Aufguß des Behaviorismus ist" (l, S. 48). Daß man Pawlow nicht so mechanistisch auffassen muß, wurde über- zeugend von David Lethbridge dargestellt (13). Der Autor merkt an, daß "(westliche) behavioristische Lehrbücher, indem sie den dynamischen Funktionalismus innerhalb der Konditionierungstheorie entweder vernachlässigen oder mißverstehen, Pawlow als 'Vater' eines mechanistischen umwelttheoretischen Ansatzes in der Psycho- logie darstellen." Während Pawlows Anhänger oft b e h a u p- t e n, seine Theorie sei dialektisch, ohne dies in der Regel jedoch zu b e l e g e n, versucht Lethbridge genau das zu lei- sten. Indem er Beispiele aus der einfachen Konditionierung, sensorischen Prä-Konditionierung sowie konfiguralen (assozia- tiven) Konditionierung vorführt, zeigt er - am eindrucksvollsten bei der letztgenannten Art der Konditionierung - die Wirkung der Gesetze von der Einheit und dem Kampf der Gegensätze, des Umschlagens von Quantität in Qualität und der Negation der Negation. Lethbridge kommt zu dem Schluß: "Pawlow selbst war nach eigener Aussage ein nicht-mechanistischer Materialist und nur 'intuitiv' ein Dialektiker. Doch stellt das reiche experimentelle Erbe der Pawlowschen Forschung eine feste Grundlage für eine Psy- chologie dar, die - fundiert in den theoretischen Prämissen der marxistischen Philosophie - weder mechanistisch noch idealistisch ist, sondern zutiefst humanistisch und wissenschaftlich." 3. Abweg in die Gestaltpsychologie ---------------------------------- In seinem Buch Der Marxismus und die heutige Wissenschaft (15) macht Jack Lindsay Vorschläge für eine psychologische Methodolo- gie. Grundlage dieser Methodologie soll danach eine Synthese der positiven Beiträge der Gestaltpsychologie Freuds und Jungs sein. Ich will mich im folgenden auf das beschränken, was Lindsay als den Beitrag der Gestaltpsychologie betrachtet, weil diese seiner Meinung nach genau das biete, was in Harry Wells' Pawlowianismus fehlte, nämlich ein dialektisches Verständnis des geistigen Pro- zesses und der Persönlichkeit. Lindsay vertritt die These, die Gestaltpsychologie habe trotz ernstzunehmender Einschränkungen, die auch er zur Kenntnis nimmt, im Hinblick auf die Überwindung der alten Metaphysik bahnbrechend gewirkt. "Die Gestalt-Schule versucht, das Dilemma zwischen Idea- lismus und Pragmatismus, zwischen Vitalismus und Mechanismus, zwischen Parallelismus und Interaktion in der psychologischen Theorie zu überbrücken. Als Verbindung zwischen körperlichem und geistigem Geschehen führte sie den Begriff der dynamischen Form bzw. des Musters ein, während man mit dem Begriff des Feldes den alten Abstraktionen beikommen will" (15, S. 66). Der Begriff des Isomorphismus bezieht vollständig das im Nervensystem und im Or- ganismus vorhandene Muster auf das geistige Muster (ebd.). Die so geschaffene "Einheit unserer geistigen Prozesse" werde "zum Be- weis der realen Existenz der Außenwelt" (15, S. 67). Wenn einmal diese grundlegenden Probleme gelöst seien, gelange man zu einer eigenständigen Psychologie. "Die Gestaltpsychologie ist eine Psy- chologie dynamischer Musterbildung, der es darum geht, den Geist als integrativen Prozeß zu verstehen" (15, S. 150). "Die Gestalt- psychologie hat sich zum Ziel gesetzt, die Prozesse des Selbst zu erforschen, um zu einem Verständnis der charakteristischen Struk- turen zu gelangen, durch die sich das Selbst in Leben und Bewe- gung artikuliert" (15, S. 151). Die Dialektik komme in folgendem zum Ausdruck: "Das Selbst ist unentwegt damit beschäftigt, sich auszudrücken, es bricht verwirrt zusammen, dann behauptet es sich wieder, indem es neue Strukturen integriert und innen und außen neue Spannungen findet" (ebd.). Ich möchte auf zwei Aspekte hin- weisen, die bei jedem Versuch einer adäquaten Methodologie be- rücksichtigt werden müßten. Zu fragen wäre erstens, ob es der Ge- staltpsychologie tatsächlich gelungen ist, die Fehler des Idea- lismus zu überwinden, zweitens, ob es ihr gelungen ist, von einer mechanistischen zu einer echten dialektischen Sichtweise zu ge- langen. Lindsays Behauptung, die Gestaltpsychologie habe uns einen "Beweis der realen Existenz der äußeren Welt geliefert", fußt auf einem Koffka-Zitat: "Wenn wir Bilder oder Vorstellungen als Reize bezeichnen, verwechseln wir das Resultat eines Strukturierungs- prozesses mit der Ursache dieser Strukturierung ... Was wir se- hen, sind nicht Reize, sondern wir sehen, weil es Reize gibt... Die Dinge sehen so aus wie sie aufgrund der durch die Nahreizmu- ster geschaffenen Feldstruktur aussehen" (15, S. 67). Diese Aus- sagen rechtfertigen keineswegs die Schlußfolgerung, die Lindsay daraus zieht. Sie besagen sogar das genaue Gegenteil. Koffka ar- gumentiert hier gegen Lackes statische Auffassung der Realität, mit der jener seine objektivistische Erkenntnistheorie begrün- dete. Stattdessen plädiert Koffka für eine eher subjektivisti- sche, konstruktivistische Erkenntnistheorie, in der die "Wirklichkeit" aus "Nahreizmustern" aktiv geschaffen wird. Aussa- gen über die Dinge an sich und die vom Denken unabhängige Wirk- lichkeit sind dann kaum noch möglich. Daß man Koffkas Bemerkungen idealistisch (nicht einmal reali- stisch, oder gar materialistisch) auffassen kann, wird von Köhler voll bestätigt: "Die physische Welt konnte mit der objektiven Welt um mich herum nicht identisch sein. Es ist vielmehr so, daß ... physische Objekte ein besonders interessantes physisches Sy- stem beeinflussen, nämlich meinen Organismus... Meine objektive Erfahrung kommt daher, daß aufgrund dieses Einflusses bestimmte komplizierte Prozesse in diesem System stattgefunden haben. Of- fensichtlich ... kann ich die Endprodukte, die Dinge und Ereig- nisse meiner Erfahrung nicht mit den physischen Objekten gleich- setzen, von denen dieser Einfluß herrührt. Objekte wie solche aus der Physik könnte ich niemals direkt erfahren. Die Merkmale der physischen Welt ließen sich eben nur in einem Prozeß der Inferenz und Konstruktion untersuchen ... Es gibt keinen unmittelbaren Zu- gang zu den physischen und physiologischen Objekten" (11). Es paßt zu seinem Konstruktivismus, wie Köhler in diesem Zusammen- hang das Wort "objektiv" gebraucht. Er meint damit nicht die tatsächliche Widerspiegelung einer vom Denken unabhängigen äuße- ren Wirklichkeit, sondern die Erfahrung, daß es "draußen" etwas gibt. "Subjektiv" bedeutet, daß eine solche Erfahrung als "persönlich und privat" empfunden wird. Kurzum, wir haben es mit keiner Überwindung des Idealismus und Pragmatismus zu tun, son- dern im Gegenteil mit der reinsten Form des subjektiven Idealis- mus. Was die Dialektik betrifft, hat Lindsay sicher recht, daß die Ge- staltpsychologie eine dialektische Absicht verfolgt, doch ist auch er sich darüber im klaren, daß sie dieses Ziel nicht er- reicht. Der Begriff der "Isomorphie" wird von ihm zwar als dia- lektische Einheit des Geistigen und Physischen dargestellt, doch hält auch er den Isomorphismus für "keinen voll befriedigenden Begriff. Er fährt fort: "Die Gestaltpsychologie postuliert zwar eine dynamische Übereinstimmung zwischen physiologischen und gei- stigen Aktivitätsmustern, ist aber nicht in der Lage, den Punkt zu bestimmen, wo beide organisch eins werden. Dadurch, daß sie annimmt, es gebe diese Einheit letztlich doch, und aufzeigt, wie Erkenntnistätigkeit im Rahmen des Verhaltensfeldes entsteht, schafft sie die notwendigen Voraussetzungen und ermöglicht letzt- lich die Lösung" (15, S. 67). Das ist allerdings komplizierter, als er es sich vorstellt, denn es gibt keine Lösung, wenn schon das zugrundeliegende Verständnis der Dialektik fehlerhaft ist. In den gestaltpsychologischen Schriften finden sich hinreichend Be- lege, daß genau dies der Fall ist. Zunächst können wir mit Lind- say feststellen, daß die sogenannte Dynamik in der Gestaltpsycho- logie im Sinne einer Gleichgewichtstheorie gefaßt wird: "Der Or- ganismus ist bestrebt, sein Leben, sein Gleichgewicht und seine Stabilität zu erhalten" (15, S. 152). "Das Bedürfnis nach Gleich- gewicht in einer unklaren oder unbefriedigenden Situation (Unkenntnis, Unklarheit usw.) treibt den Geist an, eine solche Situation zu definieren oder herzustellen, durch die das Ganze wieder ins Gleichgewicht gebracht oder vervollständigt wird" (15, S. 153). Ähnliches findet sich auch bei Köhler, z. B.: ". . . alle Einzelveränderungen müssen so beschaffen sein, daß sie, in ihrer Gesamtheit betrachtet, das System einem Kräftegleichgewicht näher bringen"; "... ungestörte Interaktion läuft in Richtung auf ein Gleichgewicht ab" (11, S. 77, 78). Gleichgewichts- oder homöostatische Theorien haben - oberfläch- lich gesehen - einen dialektischen Anstrich. Es gibt darin einen Kampf der Gegensätze mit allen daraus resultierenden Spannungen. Der Unterschied ist, daß sich in einer wirklichen Dialektik das Endprodukt nicht als Gleichgewicht oder Stasis darstellt, sondern als Entwicklung. Gleichgewicht ist das Aufhören der Bewegung, nicht ihr Umschlagen in eine neue Form. Der "liberale", eben nicht "progressive" Charakter des Gleichgewichts läßt sich am Beispiel der historischen Dynamik des Klassenkampfes deutlich machen. Gleichgewicht heißt Klassenkollaboration, Verringerung der Spannungen, Erhaltung des Status quo. Wenn das Gleichge- wichtskonzept als theoretische Grundlage für die Geschichte der Gesellschaft nichts taugt, dann für die Psychologie erst recht nicht. Noch deutlichere Belege für den gegen die Dialektik gerichteten Charakter der gestalttheoretischen Dynamik liefern die von Köhler herangezogenen Beispiele. Er unterscheidet die Dynamik (Dialektik) von der maschinellen Bewegungstheorie. Nach der ma- schinellen Theorie, meint er, wird Bewegung durch die sie ein- schränkenden Bedingungen charakterisiert. Die Dynamik berufe sich auf die Interaktion von Kräften. Ein Wassertropfen, der an einem Rohr entlang gleite, sei ein Beispiel für Mechanik, ein Wasser- tropfen im Ozean dagegen ein Beispiel der Dynamik, "weil er viel- fältigen Druckgradienten ausgesetzt ist und seine Bewegung in die Richtung des resultierenden Gradienten geht" (11, S. 75). Es be- darf keines besonderen Scharfsinns um zu erkennen, daß Köhler un- ter "Dynamik" lediglich eine etwas komplexere Mechanik versteht. Kein Wunder also, daß Lindsay das offensichtlich fehlende Inter- esse der Gestaltpsychologen an Persönlichkeit und "dem ganzen Be- reich der menschlichen Faktoren sozialer und kultureller Art" stört. In diesem Zusammenhang bemerkt er: "Das Ergebnis ist, daß die Gestaltpsychologie einerseits vorgibt, die Realität integra- tiver Ganzheiten im gesamten menschlichen Leben nachzuweisen, an- dererseits aber dazu neigt, geistige Prozesse wie eine Art psy- chologische Physik zu behandeln" (15, S. 155). Die Dialektik, der es für eine angemessenere Aufarbeitung des Gegenstandes bedurft hätte, war von vornherein fehlerhaft. Lindsay hat sich geirrt. Marxisten können wenig von der Gestalt- psychologie lernen, es sei denn von ihren Fehlern. 4. Die Freudsche Richtung ------------------------- Das Verhältnis Freud-Marx ist ein altes, sehr komplexes, interna- tional breit diskutiertes Problem der Psychologie und des Marxis- mus. Es ist nicht meine Absicht, darauf hier im Detail einzugehen oder gar eine Lösung anzubieten. In der anglo-amerikanischen psy- chologischen und marxistischen Literatur lassen sich vier grund- legende Trends erkennen: 1. totale Ablehnung der Psychoanalyse; 2. Versuche, Freud und Marx zusammenzubringen, ohne sie grundle- gend zu revidieren; 3. Versuche, die marxistische Theorie über eine kritische Revision von Freud auf das Subjektive und Persön- liche auszuweiten, und 4. Versuche, die Freudsche Psychoanalyse durch Übernahme von marxistischen Ideen und Worten zu radikali- sieren. Ich will mich hier auf zwei Beispiele der dritten Katego- rie konzentrieren. Francis H. Bartletts (2) Annäherung an Freud beginnt mit einer Würdigung seines "wesentlichen Beitrags", gefolgt von einer Auf- listung seiner "theoretischen Irrtümer". Im Rahmen seiner Kritik skizziert Bartlett die eigenen Vorstellungen eines wirklich mar- xistischen Ansatzes in der Persönlichkeitsforschung. "Es gibt ohne Zweifel einen Gegensatz zwischen Freud und Marx", schreibt Bartlett, "doch wäre es völlig falsch, ausschließlich den Gegen- satz zu sehen, wie bei Wells, oder ihn zu ignorieren wie Osborn" (2, S. 39). Es sei besser zu zeigen, "welche Beschränkungen Freud mit anderen bürgerlichen Denkern teilt" und "sich auf das eigent- lich Wertvolle an seinen Beiträgen zu konzentrieren, damit diese nicht ewig im Gestrüpp theoretischer Fehler verfangen bleiben" (2, S. 27). Das "eigentlich Wertvolle" sieht Bartlett in einigen Grundannahmen der Psychoanalyse und den empirischen Befunden, auf denen solche Begriffe wie der Ödipuskomplex, der Kastrationskom- plex und das Überich aufbauen. Wertvoll sei die Psychoanalyse, weil Freud in erster Linie ein Wissenschaftler war. Seine Experi- mente seien zwar nicht von der Art gewesen, wie sie für die expe- rimentelle Psychologie des 20. Jahrhunderts charakteristisch wur- den, doch "waren Freuds Theorien weder Gespinste eines phantasie- vollen Gehirns noch aus den Schriften Schopenhauers oder Hart- manns zusammengestoppelt. Sie entstanden in mühevoller Arbeit bei dem Versuch, Neurotikern zu helfen, und wurden entsprechend den Anforderungen ununterbrochener therapeutischer Praxis kontinuier- lich weiterentwickelt und überarbeitet" (2, S. 12 f.). Obwohl Freud selbst kein Experimentalpsychologe war, hätten spätere sorgfältige Experimente viele von Freuds Schlußfolgerungen bestä- tigt, betont Bartlett. Vor allem wird auf das frühe Werk von Ale- xander Luria über menschliche Konflikte hingewiesen. "Diese mar- xistischen Experimente", schreibt Bartlett, "bestätigen fast wortwörtlich die drei Hauptannahmen, auf denen das ganze Gebäude psychoanalytischer Beobachtungen ruht. Sie bestätigen die Tatsa- che, daß es unbewußte und aktive geistige Prozesse gibt 2), daß diese Prozesse aufgrund eines ökonomischen Mechanismus der Ver- drängung unbewußt bleiben, was sich innerhalb der damit im Kon- flikt stehenden Heilbehandlung Widerstand bemerkbar macht; und, daß schließlich der freie Assoziationsfluß durch die geheimen Komplexe der betreffenden Person bestimmt und teilweise ausgelöst wird" (2, S. 26). Auf die theoretischen Irrtümer wird in zweifacher Weise hingewie- sen. Einerseits macht Bartlett kein Hehl daraus, daß Freud kein dialektischer Materialist war. Der mechanistische Materialismus seiner frühen Schriften münde in einen Vitalismus und in den Schriften, die nach dem Ersten Weltkrieg entstanden, schließlich in offenen Idealismus - augenscheinlich ein Versuch, die antidia- lektischen Grenzen des frühen Mechanizismus zu überwinden. Freud sei sich einer gewissen Dialektik sehr bewußt gewesen, doch habe er sie letztlich nicht begriffen. "Die Schwierigkeit scheint darin zu bestehen, daß Freud im Alltag zwar die Einheit der Ge- gensätze beobachten, doch seine Beobachtung nicht in befriedigen- der Weise artikulieren konnte, weil seine theoretischen Prämissen eine Trennung verlangten. Er selbst bestätigt uns dies. 'In der Praxis', sagt er, 'sehen wir immer wieder eine Vermischung und Verschmelzung dessen, was wir theoretisch in ein Paar von Gegen- sätzen aufzuteilen versuchen sollten - nämlich ererbte und erwor- bene Faktoren'" (2, S. 79). Konkreter gesagt wird Freuds Irrtum darin gesehen, daß er die Vorstellung des isolierten, ungeschichtlichen Individuums aus der klassischen liberalen Ideologie übernommen habe. Bartlett weist dies nicht nur anhand der ideologischen Schriften von Hobbes, Rousseau und J.S. Mill nach, sondern zeigt auch ihre Wurzeln in den kapitalistischen Produktionsbeziehungen. Der Hauptteil von Bartletts Kritik befaßt sich mit Beispielen, wie diese Ideologie sich in Freuds Psychologie darstellt. Am auffälligsten ist hier der Begriff des Es, des Naturmenschen mit seinen zahllosen Trie- ben, die sich zwar zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten unterschiedlich ausdrücken können, deren Wesen jedoch un- verändert und unveränderlich bleibt. Mit einem solchen Grundkon- zept sei die Psychoanalyse in der Lage, eine Theorie aufzustel- len, die den Anspruch erhebt, alle Erscheinungen der Persönlich- keit und ihrer Entwicklung zu erklären, ohne historische Gegeben- heiten oder soziale Beziehungen auch nur erwähnen zu müssen. "Selbst das Über-Ich, dasjenige, das von allen psychischen Berei- chen am deutlichsten sozialer Natur ist, ist dies nicht als logi- sche Konsequenz der Freudschen Theorie, sondern eher als Konse- quenz seiner verzweifelten Entschlossenheit, die Gesellschaft ir- gendwie zu berücksichtigen" (2, S. 111). Aufgrund dieser uner- kannten, sein Werk gleichwohl prägenden kapitalistischen Ideolo- gie habe Freud zwar die Phänomene, die er als Ödipus-Komplex, Ka- strationskomplex und Über-Ich bezeichnete, richtig gesehen, sie aber nicht als Begleiterscheinungen bestimmter gesellschaftlich- geschichtlicher Bedingungen zu deuten vermocht. Wie Bartlett be- merkt, gibt es zahlreiche Belege aus der Anthropologie (schon vor 1938), die beweisen, daß es einen Ödipus-Komplex mit seiner Ei- fersucht in vielen nichtkapitalistischen und primitiven klassen- losen Gesellschaften nicht gibt. Obwohl er dies wußte, behauptet Freud, daß dort, wo ödipale Eifersucht nicht vorhanden zu sein scheint, sie lediglich verdrängt und als solche trotzdem für ab- weichende Familienformen verantwortlich sei. Dazu bemerkt Bart- lett: "Freud hat die Entwicklung der Jungen nicht in einem kon- kreten sozialen Milieu betrachtet, sondern in einer abstrakten Umwelt, die aus zwei abstrakten Elternteilen besteht. Er hat die Wirkungen anderer Formen des Familienlebens nicht untersucht. Er hat nicht berücksichtigt, ob die monogamen Eltern zu einer primi- tiven oder modernen Gesellschaft gehören, sondern ihre Existenz, ihre jeweilige Gesellschaft, in der sie leben, als gegeben ange- nommen. Auch wenn er nicht ausdrücklich von der ewigen Existenz der bürgerlichen Familie ausging, hat er doch das, was sie ge- fühlsmäßig zusammenhält, für unveränderlich erklärt" (2, S. 67). Der Marxismus, meint Bartlett, "bildet den absoluten Gegensatz zu einer solchen Theorie des für sich alleine betrachteten Menschen. ... Er betont die Realität und Wichtigkeit grundlegender gesell- schaftlicher Veränderungen. Denn die Gesellschaft verändert sich wirklich .... Jenseits des kapitalistischen, individualistischen, wettbewerbsorientierten Wirtschaftssystems kann man auch in der Vergangenheit unterschiedliche Formen wirtschaftlichen Lebens be- obachten, bis hin zu den primitiven Gesellschaften, die ohne Klassen, gemeinschaftlich, auf der Grundlage der Zusammenarbeit organisiert waren. ... Diese qualitativ verschiedenen gesell- schaftlichen Einrichtungen konnten nicht aus dem inneren Wesen unveränderlicher Individuen entstehen und sind auch nicht daraus entstanden" (2, S. 41 f). "Der animalische Anteil des Menschen verändert sich durch die P r a x i s," schreibt er weiter. "Die Theorie muß dieser Tatsache Rechnung tragen. Das Biologische in der Gesellschaft wird transformiert. Wohin? Eben ins Psychische. ... Damit sind auch neue Bewegungsgesetze entstanden" (2, S. 80). Es handele sich dabei natürlich um Entwicklungsgesetze, und diese habe Freud völlig verkannt. Er "prüfte gründlich, was das Indivi- duum ist, was aus ihm wird, doch indem er die notwendigen Bedin- gungen für diese Entwicklung ausließ, verfehlt er die wichtigsten wissenschaftlichen Fragen: w i e diese Entwicklung vonstatten geht... Freud hat die Ergebnisse eines Systems kausaler Beziehun- gen aufgedeckt, doch die kausalen Beziehungen selbst bleiben bei ihm im Dunkeln" (2, S. 81). Bartlett geht über Freud hinaus und skizziert einige dieser kau- salen Beziehungen in seinem Entwurf einer marxistischen Theorie der Familie innerhalb kapitalistischer Produktionsverhältnisse. Er schreibt: "In einem Bereich, wo alle Widersprüche des Kapita- lismus - ökonomischer, sozialer, geistiger und gefühlsmäßiger Art - zusammenfließen, fängt das Leben des Kindes an. Das Kind ist sogleich einer höchst verwirrenden Situation ausgesetzt" (2, S. 85). Hier finden wir den Ursprung der Neurosen, des Ödipus- und Kastrations-Komplexes, und nicht in der Familie als solcher. Vielmehr sei dafür "die Beziehung zwischen der bürgerlichen Ge- sellschaft als Ganzes und der bürgerlichen Familie" verantwort- lich. Marxisten müssen nach Bartletts Worten "untersuchen, in welcher Weise die ökonomischen und sozialen Widersprüche der Ge- sellschaft als Ganzes mit den abgeleiteten Widersprüchen der ein- zelnen Familie in Beziehung stehen und so die Entwicklungsbedin- gungen des Kindes darstellen. Sie müssen untersuchen, wie die Fa- milie mit der Gesellschaft als Ganzes in Konflikt gerät. Erst dann wird das von Freud entdeckte Individuum seinen Platz inner- halb der Gesamtheit aller Bedingungen finden, die auf seine Ent- wicklung einwirken. Erst dann haben wir eine psychologische Wis- senschaft, die eine Theorie über ein konkretes lebendes Indivi- duum in einer konkreten sozialen Situation bereitstellt" (2, S. 87). Bartletts Darstellung des Über-Ichs verdient meiner Meinung nach Aufmerksamkeit. Unter dem Über-Ich versteht er "eine schein- heilige moralische Norm, die durch irrationale Autorität ver- stärkt wird" und macht dahinter unschwer die Zwänge der Klassen- gesellschaft aus. "Die Ausbeutung, das unnötige Leiden, der grau- same Widersinn des alltäglichen Lebens müssen für jeden so an- nehmbar gestaltet werden, wie sie es für die herrschenden Klassen t a t s ä c h l i c h s i n d. Die verzerrte Perspektive der Herrschenden, für die eine solche Gesellschaft optimal ist, deren Vorteile sie sich aneignen können, findet ihren Weg in die fin- sterste Hütte. Euphemismen, illusionäre Ideale, hochtrabende Na- men, edle Prinzipien und offenes Lügen sind notwendig, um das ganze Ausmaß der Widerwärtigkeiten zu überdecken. Was ist, muß geleugnet werden; das Schlechte muß in ein gutes Licht gestellt werden; das Triviale muß auf ein Podest der Wichtigkeit gehoben, Flitter und Lasterhaftigkeit müssen glorifiziert werden; das Ir- rationale muß rationalisiert und das Bedrohliche als Teufelswerk ausgegeben werden. Gegen Übel, die nicht versteckt, verharmlost oder ausgemerzt werden können, muß mit illusionären religiösen Glaubenssätzen und Praktiken Trost gespendet werden. Und diesen ganzen Wust an Verdunklungsmanövern, Verwirrung, Lügen, Betrug, hoher Moral und Krokodilstränen soll man für die nüchterne Reali- tät halten!" (2, S. 115) Das Über-Ich werde nötig durch die Tren- nung von Theorie und Praxis, die auf Ausbeutung beruhe, die sich nicht durch Gewaltanwendung allein aufrecht erhalten lasse. "Die Herrschaft des Vaters in der Familie wie die Herrschaft der Bour- geoisie in der Gesamtgesellschaft kann nur weiter bestehen, wenn die mit der Realität in Widerspruch stehenden Ideale weiterhin als Wahrheit akzeptiert werden." Was das für die Praxis der Sozi- alwissenschaften in der bürgerlichen Gesellschaft bedeute, sei klar: "... Der Theorie darf nicht gestattet werden, mit den Fak- ten übereinzustimmen" (2, S. 117). Doch welche Kraft steht hinter all dem? "In ihrem gegenwärtigen Entwicklungsstadium muß die Psychologie ein Konzept postulieren, mit welcher Kraft sie es zu tun hat", schreibt Bartlett. "Aber es gibt zwei völlig entgegengesetzte Auffassungen von Kraft. Die eine ist notgedrungen eine Entelechie, eine vitalistische Kraft. Die andere berücksichtigt die dialektische Natur der Erscheinun- gen." Ein Beispiel für erstere seien die Instinkte, die Freud po- stuliert. Die andere dagegen sei eine jener Kräfte, deren "Intensität und Richtung nicht vom isolierten Organismus abgelei- tet werden können, sondern die von den komplexen Wechselbeziehun- gen abhängen, von denen der Organismus nur ein untergeordneter Teil ist." Ein solches Verständnis von Kraft entspreche der Marx- schen Auffassung: "Das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse" (2, S. 135 f). Seit Bartletts Veröffentlichungen zu diesem Thema hat es zahlrei- che Versuche gegeben, Erkenntnisse von Marx und Freud in jeder vorstellbaren Variante zu verbinden. Besonders bemerkenswert ist hierbei ein kürzlich erschienenes Buch von Richard Lichtman (14). Lichtmans Herangehen ähnelt dem Bartletts - oberflächlich be- trachtet - insoweit, als er es ebenfalls ablehnt, aus Marx und Freud "ein homogenes Amalgam zu machen". Er argumentiert so: "Die Systeme von Marx und Freud sind untereinander nicht kompatibel und man muß sich folglich für das eine, gegen das andere ent- scheiden." Seiner Ansicht nach sind "sowohl die Lehren von Marx wie die von Freud, so wie sie formuliert sind, nicht ausreichend, doch lassen sich an der marxistischen Position Korrekturen an- bringen, während die Freudsche Theorie schon in ihren Grundlagen anfechtbar ist". Gegen Freud trägt er die üblichen Einwände vor: Die Metapsychologie sei ungesellschaftlich, unhistorisch, mecha- nistisch, biologistisch, voller unzulässiger Vergegenständlichun- gen abstrakter Konzepte. Seine Argumentation, warum Marx nicht genüge, ist im wesentlichen auch nicht neu: Es fehle eine gesell- schaftlich begründete Psychologie, spezifischer formuliert, eine Darstellung der Beziehungen zwischen dem Einzelsubjekt und der Gesellschaftsordnung. In diesem Bereich will er einen selbständi- gen theoretischen Beitrag leisten. Als eine Art Vorarbeit dient die erste Hälfte seines Buches mit einer ausführlichen Erörterung der Berührungspunkte und Gegen- sätzlichkeiten zwischen Marx und Freud und einer Darstellung der jeweils vertretenen Auffassung über die menschliche Natur. Daran schließt Lichtman eine ausführliche Diskussion der mit der Entmy- stifizierung Freuds verbundenen Probleme an, wobei er besonders hervorhebt, daß Metapsychologie und klinische Praxis einander wechselseitig bedingen. Anhand einer sorgfältigen Untersuchung einer der Freudschen Hysterie-Analysen, dem Fall von Dora, macht er sehr schön deutlich, worauf es ihm ankommt. Nach dieser Grund- legung kommt Lichtman zu seinem eigenen Beitrag, den ich hier nur versuchen kann, zusammenzufassen. "Der Schlüssel zur Entmystifizierung der Freudschen Theorie", schreibt Lichtman, "ist die Übersetzung ihrer 'natürlichen' Kate- gorien in ihre jeweilige gesellschaftliche Bedeutung" (14, S. 174). Da bei den Mystifikationen Freuds die ideologische Umkeh- rung der Begriffe die zentrale Rolle spiele, gelange man sozusa- gen über eine Umkehrung der Umkehrung zu der notwendigen Überset- zung. Der Begriff, um den es Lichtman vor allem geht, ist das Es oder Unbewußte, von dem Freud sagt, "das Ich ist der Teil des Es, der aufgrund des unmittelbaren Einflusses der Außenwelt modiziert wurde". Lichtman ist der Auffassung, es sei "notwendig, diesen Satz so umzukehren, daß er lautet: das Es ist der Teil von uns, den wir unter dem Druck unerträglicher gesellschaftlicher Kräfte unserem Bewußtsein entfremden; es ist der Bereich unseres Seins, in den wir vor den Aspekten unseres Selbst fliehen, die uns mit Auflösung bedrohen" (14, S. 178). Entsprechend werden auch die Begriffe Abwehr und Verdrängung uminterpretiert: "Ein Aspekt des geistigen 3) Lebens wird in dem Maße zu einer Abwehr, wie die Zu- neigung, zu deren Strukturierung er eingesetzt wird, gesell- schaftlich als verboten eingestuft ist; eine ursprünglich amorphe Neigung wird in dem Maße zu einem bestimmten unbewußten Motiv, Trieb oder 'Instinkt', wie sie als 'strafwürdig' definiert und damit aus dem selbst-bewußten Bereich des Selbst in die im Wort- sinn fremde Provinz des Es oder Unbewußten verdrängt wird" (14, S. 192). Somit sei das "verdrängte Unbewußte" kein Instinkt, son- dern ein Produkt gesellschaftlicher Zwänge, und nicht hieraus er- wachse das Bewußte, sondern genau umgekehrt. Freud habe die meisten dem Unbewußten zugeschriebenen Merkmale richtig beschrieben, doch muß nach Lichtman ihr Ursprung anders erklärt werden. "Teile des Selbst werden wie das Es, weil sie vom ständigen Wachsen des bewußt Handelnden abgeschnitten sind. Sie bestehen in rudimentärer Form weiter, sozusagen datiert in dem primitiven Stadium ihrer Abtrennung ... Es ist beispielsweise nicht mehr nötig, einen solchen psychischen Bereich zu postulie- ren, in den das Zeitbewußtsein nicht hineinreicht. Plausibler ist die Annahme, daß solche Verzerrungen des Zeitbewußtseins, wie sie das Unbewußte auszeichnen, ihre Existenz den rudimentären Formen der Zeitwahrnehmung verdanken, wie sie bei dem Kind in dem Augen- blick, wo die Verdrängung stattfindet, vorhanden sind" (14, S. 195f). Auf gleiche Weise erklärt Lichtman die Irrationalität des Unbewußten. Die Analyse wendet sich sodann den für die Verdrängung verant- wortlichen gesellschaftlichen Strukturen zu. Dies seien natürlich nicht die uns unmittelbar bewußten Strukturen oder Beziehungen, sondern tiefere, nur in einer gründlichen Analyse zu erschlie- ßende; einer Analyse, die uns - Lichtman zitiert Marx - "über die formale Tauschbeziehung hinausführt, 'die an der Oberfläche als Prozeß erscheint, unterhalb derer jedoch in der Tiefe Prozesse gänzlich anderer Art ablaufen, bei denen scheinbare Gleichheit und Freiheit verschwinden' . . . Die abstrakte, formale Diskre- panz zwischen Absicht (Erscheinung) und Folge (Wesen) erweist sich konkret als Herrschaft des äußeren Zwangs über das gesell- schaftlich vereinzelte Individuum. Wir sind damit bei dem Aspekt der Marxschen Analyse angelangt, der das Gegenstück zum Freud- schen Unbewußten darstellt, denn beide lassen sich in analoger Weise beschreiben als etwas, was hinter dem Rücken der Menschen abläuft, in der Tiefe, durch die Dominanz übermächtiger Objekte" (14, S. 235). Mit der Herstellung einer Beziehung zwischen dem "marxistischen" oder "strukturellen" Unbewußten und dem verdrängten Unbewußten unterstreicht Lichtman, daß ideologische Verzerrung und falsches Bewußtsein nicht Ergebnis einer Täuschung durch reale Strukturen, sondern vielmehr einer Selbsttäuschung seien. "Das strukturelle Unbewußte, der von Marx aufgedeckte bestimmte gesellschaftliche Zwang, wirkt tragischerweise hinter dem Rücken der Individuen und tief in ihnen. Doch aus individueller menschlicher Tätigkeit ent- steht er und übt Macht über seine Schöpfer aus" (14, S. 246). Jede andere Sichtweise, meint Lichtman, wäre eine unzulässige Vergegenständlichung des strukturellen Unbewußten, bei der der dialektische Bezug zwischen Individuum und Gesellschaft nicht er- faßt würde. Lichtman faßt zusammen: "Mir ging es in dieser Arbeit um eine Synthese des marxistisch-strukturellen Unbewußten und des ver- drängten Unbewußten, d a s s e i n e r s e i t s v e r- s t a n d e n w i r d a l s k o n s t i t u i e r t d u r c h d e n d e m K a p i t a l i s m u s i n n e w o h n e n d e n g e s e l l s c h a f t l i c h e n K o n f l i k t, den Konflikt zwischen gleichzeitiger und widersprüchlicher Weckung und Verweigerung antagonistischer sozialer Dispositionen" (14, S. 253). Francis Bartlett (4) rezensierte Lichtmans Buch. Er zeigte sich darin zwar beeindruckt von dessen Belesenheit, fand aber seine Argumentation "alles andere als überzeugend". "Es erscheint mir sehr schwierig", schreibt Bartlett, "die Herausbildung des dem Es ähnlichen Unbewußten, wie Lichtman sie beschreibt, und die mas- sive weltweite Organisiertheit der Wirtschaft, von der Marx schreibt, aufeinander zu beziehen." Ähnlichkeiten ließen sich si- cherlich feststellen, doch "so anregend sie auch sind, sind sie viel zu weit hergeholt und skizzenhaft, um eine solche gegensei- tige Beziehung zwischen dem Es-Unbewußten und der Wirtschafts- struktur herzustellen, wie Lichtman das vorschwebt." Dem wäre hinzuzufügen, daß sich Lichtman bei seinem Versuch, das ver- drängte und das strukturelle Unbewußte miteinander zu integrie- ren, dem Risiko aussetzt, praktisch allem zu widersprechen, was wir über die Entwicklung des Bewußten wissen, nämlich daß es sich sowohl ontogenetisch als auch phylogenetisch aus unbewußten Pro- zessen entwickelt. Seine vorrangige Beschäftigung mit dem Unbe- wußten kehrt außerdem das reale Problem der Gesellschaftswissen- schaft um, das Bewußtsein zu erklären. Das historische Auftreten des Bewußtseins ist das eigentlich Erstaunliche und müßte im Mit- telpunkt einer theoretischen Integration stehen. Überdies hat Lichtman andere marxistische Erklärungen des Unbewußten ignoriert (5). "Wie erklärt es sich", fährt Bartlett fort, "daß jemand, der so viel über Marx und Freud weiß, dessen Diskussion der relevan- ten Fragen so wertvoll ist, zu solch zweifelhaften Schlußfolge- rungen kommt? Ich meine, es hat etwas mit der Unmöglichkeit von Lichtmans selbstgestecktem Ziel zu tun: der Integration der Psy- choanalyse in die marxistische Theorie'. Weder Marx noch Freud noch irgendeine Gegenüberstellung oder Kombination der beiden wird uns gültige psychologische Konzepte liefern" (4, S. 233). Mit Sicherheit nicht! Solche Konzepte werden nur aus der von ei- ner wissenschaftlichen Weltanschauung geleiteten Praxis entste- hen, nicht aus einer Manipulation und Exegese von Konzepten. 5. Die Radikalpsychologie ------------------------- Die radikale Studentenbewegung Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre richtete im Rahmen ihrer allgemeinen Kritik an der repres- siven autoritären Gesellschaft ihre Aufmerksamkeit auf die Ge- sellschaftswissenschaften, vor allem auf die Psychologie, als In- strumente der Unterdrückung. Um einen ihrer radikalen Autoren zu zitieren: "Alle gesellschaftlichen Bereiche sind durchdrungen von psychologischer Manipulation, nicht nur durch die Anwendung ihrer 'Fertigkeiten' und 'Techniken', sondern auch dadurch, daß den Un- terdrückten selbst ein Unterdrückungsverhalten vermittelt und die Psychologie als Ideologie zur Verteidigung des Status quo einge- setzt wird" (7, S. XV). Anzeichen der zunehmenden Beteiligung von Psychologen an dieser Art von Radikalkritik war das Erscheinen solcher Zeitschriften wie The Radical Therapist und solcher Bü- cher wie Radical Psychology von Phil Brown (7) und Radical Per- spective in Psychology von Nick Heather (10). An diesen Arbeiten ist auch ablesbar, wie weit der Flirt einiger Radikalpsychologen mit dem Marxismus jeweils ging. So ist etwa Browns Veröffentli- chung ein Reader von 539 Seiten, in dem 205 Seiten einem Ab- schnitt "Marxistische Grundlegung" gehören. Darin findet man eine Auswahl aus den Pariser Manuskripten über entfremdete Arbeit, einen Beitrag von und einen über Wilhelm Reich, zwei Beiträge von Frantz Fanon und zwei Beiträge über "Freudianismus" von Keith Brooks und Terry Kupers. Diese beiden Autoren kommen zu dem Schluß, Marx und Freud verträten einander widersprechende Ansich- ten über die gesellschaftliche Wirklichkeit und weder eine Inte- gration noch eine Synthese ihrer Theorien sei möglich. Insgesamt betrachtet bleibt der Marxismus bei diesem Unterfangen im Stadium des Erkundens und Probierens stecken. Vorherrschend sind Beiträge nichtmarxistischer Autoren wie Erving Goffman, R.D. Laing und Da- vid Cooper. Dieser beherrschende Einfluß ist auch in dem Buch von Heather er- kennbar. Über die "moderne akademische Psychologie" läßt er sich wie folgt aus: "Lächerlich, eine solche Ansammlung von irrelevan- tem, trivialem und schlicht dummem Zeug als Wissenschaft zu be- zeichnen. Die Psychologie wirkt äußerlich wie eine Wissenschaft, putzt sich heraus und redet daher wie eine Wissenschaft, aber sie ist es nicht. Man muß sie eher in die Kategorie der gründlichen Selbsttäuschungen einordnen" (10, S. 10). Als Gegner wird der Po- sitivismus ausgemacht, der "enthumanisierend" wirke, weil er "an menschliche Angelegenheiten mit den Methoden und Prinzipien der Naturwissenschaft herangeht". Die Alternative bestehe in einer Art "humanistischer" Psychologie, vermischt mit existentialisti- scher Phänomenologie und Antipsychiatrie. Nach einer zustimmenden Erörterung der Auffassungen von Wilhelm Reich sind schließlich die letzten drei Seiten von Heathers Buch dem Thema "Marx und die Entfremdung" gewidmet. Außer diesem kleinen Flirt läßt sich weit und breit nichts Marxistisches ausmachen. Dagegen sah Phil Brown in einer "marxistischen Grundlegung" eine ernsthafte Möglichkeit und veröffentlichte 1974 den Band Toward a Marxist Psychology (8). Von besonderem Interesse ist das Kapitel, in dem "der Marxismus als Lebensmethode und als Methode der Psy- chologie" vorgestellt wird. (Seltsamerweise stößt man dann als erstes auf den Namen R.D. Laing - worauf wir noch zu sprechen kommen.) Der Leser erfährt nicht viel über den Materialismus von Marx, doch Brown macht deutlich, wogegen er gerichtet sei. Er schreibt in abschätzigem Ton über das westliche kapitalistische Denken, das "logisch" sei und "in seinem Bestreben, die Welt 'rational' zu beherrschen, zu einer wissenschaftlichen Methode' führte", die behaupte, "daß wir durch die Aufstellung wissen- schaftlich wiederholbarer Fakten zu einer Theorie kommen, mit der sich dann weitere Ereignisse voraussagen lassen. Durch den Empi- rismus wird die Gültigkeit menschlicher sinnlicher Erfahrungen in Frage gestellt, indem reale Phänomene in wissenschaftliche Kate- gorien übersetzt werden" (8, S. 12). All dies gehöre zum Positi- vismus, für den die Welt "eine außerhalb von uns bestehende Re- alität mit klaren Strukturen und Grenzen sei" (8, S. 13). Demge- genüber, läßt uns Brown wissen, beleuchte der Marxismus "die Re- alität, wie sie durch die sie umgebende materielle Welt definiert wird" (8, S. 15). Die Dialektik handle von dem Prozeß, durch den "das Vorhandensein von Gegensätzen die Möglichkeit (und Notwen- digkeit) einer Veränderung herbeiführt". Als psychologisches Bei- spiel wird der double bind angeführt. "Daß sich der im double bind Befindliche über seine Unfreiheit klar wird, gibt ihm den Anstoß, sich gegen die an der Macht Befindlichen aufzulehnen" (8, S. 17). Wir werden gewarnt, uns "nicht in der Weise an den Mar- xismus zu halten, als handle es sich dabei um eine kodifizierte Wissenschaft oder ein Dogma. Entscheidend ist die M e t h o d e. Die sonst übliche Art der Betrachtung der Realität wird umge- kehrt, denn der Marxismus widerspiegelt als Methode den Sturz der Klassengesellschaft" (8, S. 17). Eine weitere Warnung: "Der Mar- xismus muß gegen solche Vulgärinterpretationen in Schutz genommen werden, die zu leerer Rhetorik und zu Programmen mit mehr als der Ersetzung der kapitalistischen Wirtschaft durch eine sozialisti- sche' Wirtschaft führen" (8, S. 18). Im Zuge einer sich anschließenden Erörterung von Bewußtsein und Entfremdung erfahren wir: "Da die hergestellten Güter unabhängig von dem Wunsch des Arbeiters sind, sie zu produzieren, stellen sie eine V e r g e g e n s t ä n d l i c h u n g d e r A r- b e i t" d a r (8, S. 22). Bei einem solchen, eher mageren Verständnis des dialektischen und historischen Materialismus kann es kaum noch verwundern, daß am Ende des Kapitels Sartre zuge- stimmt wird, wenn er fordert, der Marxismus müsse transzendiert werden, "ausgeweitet, um mehr von jenen Bereichen der Realität zu erfassen, mit denen sich die 'Vulgärmarxisten' nicht abgeben wol- len" (8, S. 35). Aber das ist nur natürlich, weil nämlich - wohl aufgrund seiner Dialektik - "der Marxismus einer ständigen Trans- formation unterliegt" (8, S. 36). Die Transformation, um die es Brown geht, nimmt das "medizinische Modell" und den Freudianismus ausdrücklich aus. Beide seien durch und durch Unterdrückungsinstrumente des kapitalistischen Esta- blishment. "Wie andere Einrichtungen in unserer Gesellschaft sind auch Nervenkliniken dazu da, um die Menschen zu spalten und daran zu hindern, sich miteinander zu identifizieren und sich gegen ihre Unterdrücker zu wehren. ... Wir brauchen eine neue Art des Herangehens an den Kampf gegen die Irrenhäuser" (8, S. 55). Der Freudianismus spiele "eine besondere Rolle bei der sozialen Kon- trolle" (8, S. 56). Er weise Ähnlichkeiten mit "nazistischen Ge- sellschaftsphilosophien" auf (8, S. 67). "Freuds Realitätsprinzip verlangte die Aufgabe des Lustprinzips, da die Menschen unfähig seien, sich bei ihren Bedürfnissen, Wünschen und Instinkten zu Beherrschen'" (ebd.). "Der Freudianismus erwuchs aus der Konter- revolution der Bourgeoisie gegen die drohende sozialistische Mas- senbewegung" (8, S. 136). Browns Transformation des Marxismus als Grundlage einer marxisti- schen Psychologie soll durch eine Zusammenführung des Marxismus mit der Sex-pol-Psychologie Wilhelm Reichs, den antikolonialisti- schen Erkenntnissen Frantz Fanons und der Antipsychiatrie von Cooper, Laing und Esterson hervorgebracht werden. Im Sinne Reichs betont Brown die sexuelle Befreiung als Voraussetzung einer wirk- samen revolutionären Organisation. Wie Fanon betont er die kul- turelle Befreiung und die Entmystifizierung der Gewalt. Doch der eigentliche Brennpunkt seiner marxistischen Psychologie ist die Antipsychiatrie. Brown kritisiert den Idealismus und Individua- lismus der Antipsychiatrie und sogar ihre "linken Kindereien" wie etwa die Forderung nach sofortiger Zerstörung der Familie. Trotz- dem schreibt er: "Die Antipsychiatrie stellt für das Verständnis der politischen Vorgänge, die als psychologische bezeichnet wer- den, einen wesentlichen Fortschritt dar. Da sie so viele Famili- enprobleme zu umgreifen vermag, hat die Antipsychiatrie viele Menschen befähigt, die sogenannten wissenschaftlichen Grundlagen der Psychiatrie und Psychologie zu attackieren. Verbunden mit den eher marxistischen Analysen von Reich und Fanon bedeutete die An- tipsychiatrie einen starken Bruch mit der traditionellen Psycho- logie und Psychiatrie. Und um den revolutionären Kern innerhalb der Antipsychiatrie muß eine marxistische Psychologie aufgebaut werden" (8, S. 136). Lohnenswert sei das, weil "die marxistische Psychologie imstande ist, die integrale Beziehung zwischen der Psyche und der materiellen Welt sichtbar zu machen und v e r- s u c h e n k a n n, d i e U n t e r s c h e i d u n g z w i- s c h e n b e i d e n a u f z u h e b e n" (8, S. 169). Browns "marxistische Psychologie" verdient und erfordert wohl keinen weiteren Kommentar. Es handelt sich weder um Marxismus noch um Psychologie, sondern um grob eklektische, anarcho-radi- kale Phrasen, die - wenn sie überhaupt irgendwelchen Einfluß aus- übten - höchstens die Herausbildung einer ernsthaften marxisti- schen Psychologie verzögert haben. 4) 6. Individualität und Sozialpsychologie --------------------------------------- In einem kürzlich erschienenen Artikel vertritt Carl Shames die These, die Individualität sei das Schlüsselproblem bei der Ausar- beitung einer marxistischen Psychologie (17). Traditionelle Theo- rien hätten bei der Lösung dieses Problems versagt, denn "bei der Konstitution des spezifisch Menschlichen gegenüber den biologi- schen Prozessen bleiben sie verworren, außerdem unklar und wider- sprüchlich in der Frage, wie sich das Individuum aus dem Zusam- menhang sozialer Prozesse heraus entwickelt" (17, S. 51). Shames lokalisiert das Problem bei der "biologischen und naturalisti- schen" Methodologie. Der Naturalismus versage, weil er "eine men- schliche Individualität noch vor den Beziehungen ansetzt, die sie eingeht" und von der Psychologie fordere, eine "Wissenschaft vom 'Allgemein-Individuellen' zu bleiben" (17, S. 53). Als neuere Versuche, das Problem zu lösen, werden die Systemtheorie und der Strukturalismus zitiert, die aber beide nach Shames' Meinung fehlgingen, weil sie über die naturalistische Methodologie nicht hinausgekommen seien. "Wir brauchen", schreibt Shames, "eine Konzeption, die die Ge- schichte als reale menschliche Entwicklung und die die Menschwer- dung als etwas in seinem Wesen Geschichtliches auffaßt" (17, S. 52). Die Lösung sei in Marx' Konzept der menschlichen Tätigkeit zu sehen: "... Die Dynamik der menschlichen Tätigkeit ist das Or- ganisierende der Individualität, Tätigkeit organisiert sich als Individualität" (17, S. 55). Wygotski habe dies verstanden und daraus die Schlußfolgerungen für eine konkrete psychologische Theorie abzuleiten versucht. Nach Shames hat aber "Wygotski die grundlegenden Dualismen in der psychologischen Theorie nicht zu überwinden vermocht" (ebd.); Leontjew habe den Grundgedanken wei- terentwickelt. Nach Leontjews Tätigkeits-Konzept "existiert grundsätzlich eine Einheit zwischen der Entwicklung physiologi- scher Strukturen und der lebenden Tätigkeit des Organismus, und es besteht eine innere Beziehung zwischen dem Lebensprozeß und der äußeren Welt" (17, S. 56). Leontjews Theorie gehe "über die Kultur-Persönlichkeits-Modelle hinaus, die noch den modernsten psychoanalytischen Konzeptionen zugrunde liegen, aber auch über die punktuellen, bruchstückhaften interaktionistischen Theo- rieansätze wie den Behaviorismus und die Systemtheorie" (17, S. 57). Auch die Beiträge von Lucien Sève werden herangezogen. Sie grün- den darauf, die in der 6. Feuerbach-These formulierte Entdeckung von Marx, daß das menschliche Wesen in seiner Wirklichkeit das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse sei, "absolut ernst zu nehmen". "Ausgangspunkt einer dialektischen Analyse ist eine Theorie der Totalität, innerhalb der die konkreten, individuellen Phänomene in Erscheinung treten." Die angemessene Totalität sei nicht die Natur, sondern die Gesellschaftsformation: "Weit davon entfernt, Produkt der Natur zu sein, ist diese Individualität ein Produkt der Befreiung der menschlichen Gesellschaft von den Zwän- gen der Natur" (17, S. 58). Die gesellschaftlichen Beziehungen, die letztlich die Individua- lität hervorbrächten - durch unmittelbarere Beziehungen, wie sie zum Beispiel in der Familie entwickelt würden -, enthielten zwei wichtige Eigenschaften: erstens eine "historische Entwicklungs- kurve", zweitens einen "allgemeinen Widerspruch", in der kapita- listischen Gesellschaft den zwischen den Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen. "Diese Widersprüchlichkeit und die hi- storische Natur der Individualität müssen zur Grundtatsache der Psychologie werden, auf der alle Analysen aufzubauen haben" (17, S. 59). Zu diesem Widerspruch führt Shames weiter aus: "Die Marx- sche Analyse, in der die Gegenüberstellung von Tauschwert und Ge- brauchswert, von abstrakter und konkreter Arbeit als Form die Ware produziert, gilt auch für die Produktion des Individuums. Weder die Familie noch die Ideologie produziert das Individuum, sondern die allgemeine gesellschaftliche Beziehung, deren Logik sich in allen konkreten Einzelbeziehungen durchsetzt" (17, S. 60). Nur wenn die Individualität im Rahmen der dialektischen Lo- gik der gesellschaftlichen Produktion begriffen werde, komme man zu einer zusammenhängenden sozialpsychologischen Theorie. Lehrreich ist als Kontrast Philip Wexlers Versuch, eine marxisti- sche Sozialpsychologie zu begründen (27). Wexler reagiert damit auf die schon lange andauernde Krise der Sozialpsychologie. Diese Krise scheint darin zu bestehen, daß die im wesentlichen gesell- schaftliche Natur des Individuums und der psychischen Phänomene nicht begriffen wird. Die Lösung, meint Wexler, biete der Marxis- mus: "In einem grundlegenden Sinn handelt es sich beim Marxismus um eine Sozialpsychologie" (27, S. 54). Teilweise entsteht der Eindruck, Wexler verfolge eine ähnliche Pachtung wie Shames: "Die Sozialpsychologie ist ... eine ideologische Produktivkraft, eine allgemeine kulturelle Hilfsquelle, die zur P r o d u k t i o n d e s s u b j e k t i v e n A s p e k t s - der Identität - einer geschichtlichen Form der Arbeitskraft beiträgt" (27, S. 57). Dieser Eindruck erweist sich jedoch als unzutreffend. Im Gegensatz zu Shames vertritt Wexler die Auffassung, die Krise der Sozialpsychologie solle "nicht so sehr als eine Krise auf- grund unangemessener Theoriebildung oder der Anwendung ungeeigne- ter Methoden, sondern als Bestandteil einer größeren gesell- schaftlichen Krise" gesehen werden (27, S. 56). Die Lösung liegt dann doch wohl in der Erkenntnis der Verbindung mit dieser größe- ren Krise. Aber: n i c h t theoretisch, n i c h t methodolo- gisch? Wexler benennt klar das Wesen des Problems als eine "falsche Antinomie zwischen dem Individuellen und dem Gesell- schaftlichen" (ebd.). Der Marxismus biete eine Lösung, denn er sei "eine Theorie, die die Gesellschaftsstruktur und das Indivi- duum weder vergegenständlicht noch abstrahiert, eine Theorie der gesellschaftlichen Verhältnisse" (27, S. 55). Doch dort, wo er sich im einzelnen über den Marxismus äußert, liest man, dieser sei "die Theorie einer Wissenschaft der gesellschaftlichen Ver- hältnisse, in der die historisch sich verändernde Konstitution der Individuen erklärt werden kann als eine Interaktion zwischen gesellschaftlich geformten Determinanten, insbesondere den ge- sellschaftlich organisierten Beziehungen produzierender, ge- schichtlich gefaßter Individuen und menschlichen Anlagen, Fähig- keiten und Konstruktionen" (27, S. 54). Wexlers Verständnis des Marxismus ist insofern fehlerhaft, als er ihm in der zitierten Beschreibung etwas unterstellt, was er ihm richtigerweise ab- spricht. Von einer Interaktion von gesellschaftlichen Verhältnis- sen und individuellen Merkmalen zu sprechen heißt, wie Shames darlegt, beide in unzulässiger Weise zu vergegenständlichen. Es kann dann nicht überraschen, daß Wexler den Marxismus für un- zureichend hält. Was er am Ende als Lösung anbietet, "kombiniert die hermeneutische Tradition der Textauslegung, das marxistische Dynamikmodell auf der Grundlage der Produktion, die tiefen philo- sophischen Perspektiven der Frankfurter Schule und die Forschung der etablierten Sozialwissenschaft" (27, S. 59). Interessanter- weise wird die Frankfurter Schule trotz genauer Kenntnis der ge- gen sie geäußerten Kritik aufgenommen wegen "ihres Widerstands gegen Faktizität, weil sie nicht alles von vornherein als gegeben hinnimmt" (27, S. 58). Trotz seiner Behauptung, daß "der Marxismus eine Sozialpsycholo- gie ist", erklärt Wexler ihn für "unvollständig hinsichtlich sei- ner theoretischen Erfassung der individuellen und gesellschaftli- chen Interaktion" (27, S. 60). Auf zwei Arten könne dieser Mangel behoben werden. Erstens könne der Marxismus mit einer "vom Indi- viduum ausgehenden Herangehensweise" wie der Freudschen Psycho- analyse kombiniert werden. Zweitens könne man - was er bevorzuge - einfach davon ausgehen, daß "das Individuelle etwas Gesell- schaftliches ist" (27, S. 61). So gehe die "traditionelle sozio- logische Sozialpsychologie" an die Sache heran, wohingegen Marxi- sten dieses Verfahren als "idealistisch" abgelehnt hätten. "Das Problem ist nicht der Idealismus. Es liegt in der Annahme, die Person und die Gesellschaft bildeten ein einheitliches, organi- sches, integriertes Ganzes" (ebd.). Für den Marxismus, so Wexler, "ist die Gesellschaftsordnung nichts Organisches, sondern etwas Auferlegtes, und durch die Beteiligung an einer gesellschaftli- chen Welt der Klassenherrschaft wird die Möglichkeit des Werdens, der Realisierung des menschlichen Potentials gebrochen" (ebd.). Die marxistische Sozialpsychologie beschäftige sich folglich nicht mit Theorie oder Methodologie, sondern konzentriere sich auf die "Interaktionsprozesse", die dem Menschwerden im Wege stünden wie etwa Entfremdung, Warenfetischismus, Ausbeutung. Auf den kürzesten Nenner gebracht, zeichnet sich die marxistische Psychologie nach Wexler durch nichts anderes aus als durch die Fragen, die sie aufwirft - eine ziemlich enttäuschende Schlußfol- gerung. Der "orthodoxe" Marxismus hat da seine Vorteile. Durch eine stär- kere Orientierung an seinen Prinzipien haben es Bartlett, Shames und andere vermocht, solche hoffnungslosen Verstrickungen zu ver- meiden. 7. Entwicklungspsychologie -------------------------- In den letzten Jahren ist viel über eine "dialektische" Theorie der psychischen Entwicklung geschrieben worden (9,16). Was unter diesem Etikett geboten wurde, ging in der Regel bewußt auf Di- stanz zum Marxismus und ließ an keinem Punkt seiner Entwicklung ein auch nur entfernt klares Verständnis der dialektischen Logik erkennen (18, 19, 20, 21). Aus dieser Literatur sind jedoch auch einige Veröffentlichungen zu erwähnen, die als Beiträge zur Bewe- gung für eine marxistische Entwicklungspsychologie oder zumindest für eine Präsenz dialektisch-materialistischer Positionen auf diesem Gebiet der Psychologie gewertet werden können. Eine der frühesten Beiträge dieser Art war eine Diskussion von James Lawler über die Dialektik von Piagets Theorie 12). Vergli- chen wurde er mit Hegel, und wie zu erwarten wurde Piagets Dia- lektik von Lawler als mit Mängeln behaftet befunden. Lawler in- formierte seine Leser bei dieser Gelegenheit darüber, daß "die Anerkennung der wissenschaftlichen Ergebnisse der Sowjetunion, auch ihrer Psychologen, zu einer Neubewertung der Methodologie der materialistischen Dialektik als nützliches Instrument - statt eines bloßen dogmatischen Anhängsels - geführt hat" (12, S. 2). Lawler griff auf Beispiele aus Engels' Anti-Dühring zurück, um Hegels Dialektik zu verdeutlichen. Ein interessantes Beispiel für die gewachsene Anerkennung der wissenschaftlichen Legitimität des dialektischen Materialismus sind die Veröffentlichungen von Wygotskis Denken und Sprechen und Mind in Society in englischer Sprache (23, 24). Allerdings wurden bei dem zuerst genannten Werk in der Übersetzung alle Bezüge auf Marx, Engels und Lenin getilgt, und in einer Einführung von Je- rome Bruner wurde deutlich der Eindruck erweckt, Wygotskis her- ausragende psychologische Leistungen hätten so gut wie nichts mit dem Marxismus zu tun. 1978 hatte sich die Lage etwas verändert, und die Herausgeber des zweiten Buches räumten in ihrer Einfüh- rung ein, daß es Wygotski ganz bewußt darum ging, eine marxisti- sche Theorie über das Funktionieren des menschlichen Intellekts zu formulieren. Seit Mitte der 70er Jahre sind eine-Reihe von Aufsätzen und Büchern erschienen, in denen die sowjetische Ent- wicklungspsychologie zustimmend interpretiert wird, wobei die Be- deutung der dialektisch-materialistischen Methodologie hervorge- hoben wird (28, 29). Der Autor des vorliegenden Beitrags versucht in zwei Aufsätzen, von einem materialistischen Standpunkt aus zu verdeutlichen, was an der Entwicklungspsychologie dialektisch ist (21, 22). Im er- sten Artikel wird argumentiert, die Schwäche traditioneller Be- trachtungen der Entwicklung sei der Mangel einer Darlegung der N o t w e n d i g k e i t des Prozesses. Es gebe viele Darstel- lungen, wie das Verhalten sich mit fortschreitendem Alter verän- dere, doch sehr wenige Erklärungen für diese Veränderungen. Ein typisches Beispiel ist das Konzept der "Verstärkung". Es sieht aus wie eine Erklärung, beschreibt aber in Wirklichkeit nur Zu- fälle. Es deckt nichts von der Dynamik des Entwicklungsprozesses auf, schon gar nicht seine Qualität. Genau das sei die Aufgabe der dialektischen Logik, ob nun Hegels abstrakte Logik des Be- griffs oder Marx' konkrete Dialektik der historischen Verände- rung. Der zweite Beitrag entstand als Antwort auf die Behauptung des prominenten Theoretikers unter den Entwicklungspsychologen Hayne Reese, "Dialektik" habe viele Bedeutungen und könne deshalb plu- ralistisch verstanden werden. (Damit, so mag zynisch gemutmaßt werden, sollte der Mißbrauch dieses Wortes durch viele Entwick- lungspsychologen einschließlich Reese gerechtfertigt werden.) Da- gegen wurde argumentiert, das Wort habe zwar historisch betrach- tet viele Bedeutungen gehabt, doch solle man diese Bedeutungsver- änderungen als Ausdruck der Entwicklung unserer Kenntnisse über Transformationsprozesse ansehen, unter denen die materialistische Dialektik die am weitesten entwickelte Form darstelle. Die Anwen- dung der materialistischen Dialektik auf die Psychologie führe zu einer Reihe allgemeiner Schlußfolgerungen: 1. "Dialektische Psychologie ist notwendigerweise eine Psycholo- gie von Stadien", als welche nichts anderes als qualitativ ver- schiedene Zustände zu verstehen seien; 2. "dialektische Psychologie ist notwendigerweise eine Psycholo- gie von Prozessen", d. h. dynamischer Transformationen von einem Stadium in ein anderes; 3. dialektische Psychologie sei eine Psychologie von Gegensätzen in ihrer sich gegenseitig durchdringenden Einheit; 4. dialektische Psychologie sei notwendigerweise eine Psychologie der Eigenentwicklung, d. h. der inneren Notwendigkeit, und 5. "dialektische Psychologie ist notwendigerweise eine objektive Psychologie" (21, S. 323f). Schlußbemerkung --------------- In der anglo-amerikanischen psychologischen Literatur gibt es bisher noch keine marxistische Gesamttheorie der Persönlichkeit. Anfänge sind jedoch deutlich erkennbar. Erfolgversprechend für die weitere Entwicklung sind die Ansätze derjenigen, die 1. dar- auf verzichten, ihre eigene unvollständige 'Kenntnis des Marxis- mus durch Versuche einer Kombination mit einer der bestehenden bürgerlichen Richtungen der Psychologie zu kompensieren; 2. ge- lernt haben, marxistische Originalliteratur ernst zu nehmen, statt sich mit pseudomarxistischen radikalen Parolen zufrieden- zugeben, und 3. begonnen haben, Entwicklungen der sowjetischen Psychologie aufmerksam zu studieren. Diese verheißungsvollen Anfänge sind jedoch noch weithin Stück- werk und isoliert. Sie konvergieren insofern, als sie 1. die un- verzichtbare Bedeutung eines echten, konsequenten dialektischen und historischen Materialismus, 2. die zentrale Rolle der Ent- wicklung, ob evolutionär, historisch oder ontogenetisch, und 3. die Notwendigkeit, den wesentlich gesellschaftlichen Charakter psychischer Prozesse und Phänomene zu begreifen betonen. Wessen es jetzt bedarf, sind 1. eine bessere Kommunikation zwi- schen den verstreut wirkenden Marxisten, die sich mit Fragen der Psychologie beschäftigen; 2. eine zunehmend bewußtere Abgrenzung von quasi- und pseudomarxistischen Positionen, wie sie derzeit in der linken Sozialwissenschaft vorherrschen; 3. spezifische For- schungsprogramme, vornehmlich solche, die die Integration unter marxistischen Forschern zu befördern vermögen, und 4. eine ver- stärkte Präsenz in den Lehrbüchern und Lehrplänen an den Hoch- schulen. Ohne Zweifel haben die Übersetzungen der Arbeiten von Wygotski, Luria, Leontjew und Sève insbesondere in letzter Zeit eine äu- ßerst wichtige Rolle gespielt und werden sie weiterhin spielen. Sehr wünschenswert wären Übersetzungen der in den letzten 15 Jah- ren in der Bundesrepublik Deutschland entstandenen Arbeiten. Obwohl die akademische Welt der englischsprachigen kapitalisti- schen Länder dem Marxismus nicht mehr derart feindlich gegenüber- steht wie früher, muß dennoch mit dem Antikommunismus gerechnet werden. Wer sich in diesen Ländern öffentlich als Marxist betä- tigt, muß sich auch über die Schulter blicken. Der Kampf für eine marxistische Psychologie wird weiterhin schwierig sein und hohe Anforderungen stellen. Er wird nicht mit kriegerischen Parolen und modischem Radikalismus gewonnen, sondern nur mit überzeugend demonstrierter, sauberer wissenschaftlicher Arbeit. Einige der in diesem Aufsatz besprochenen Arbeiten sind eindeutig von dieser Art und geben somit Anlaß zum Optimismus. (Übersetzung aus dem Englischen: Lothar Letsche und Sylvie Moli- tor) Literatur --------- 1 W.P. Archibald, Social Psychology as Political Economy, Toronto 1978. 2 Francis H. Bartlett, Sigmund Freud, London 1938. 3 Ders., Pavlov and Freud, in: Science and Society, Bd. 25/1961, S. 129-138. 4 Ders., Review of "The Production of Desire" by R. Lichtman, in: Science and Society, Bd. 48/1984, S. 229-234. 5 F.V. Bassin, Consciousness and unconsciousness, in: A Handbook of Contemporary Soviel Psychology, hrsg. von M. Cole und I. Maltzman, New York 1969. 6 Phil Brown, Antipsychiatry and the left, in: Psychology and So- cial Theory, Nr. 2/1981, S. 19-28. 7 Ders., Radical Psychology, New York 1973. 8 Ders., Toward a Marxist Psychology, New York 1974. 9 Alan R. Buss, A Dialectical Psychology, New York 1979. 10 Nick Heather, Radical Perspectives in Psychology, London 1976. 11 Wolfgang Köhler, Gestalt Psychology, Toronto 1965. 12 James M. Lawler, Dialectical philosophy and developmental psy- chology: Hegel and Piaget on contradiction, in: Human Develop- ment, Bd. 18/1975, S. 1-17. 13 David Lethbridge, The natural dialectics of Pavlovian condi- tioning, in: Science and Society, Bd. 49/1985, S. 159-166. 14 Richard Lichtman, The Production of Desire, New York 1982. 15 Jack Lindsay, Marxism and Contemporary Science, London 1949. 16 Klaus Riegel, The dialectics of human development, in: Ameri- can Psychologist, Bd. 31/1976, S. 689-700. 17 Carl Shames, Dialectics and the theory of individuality, in: Psychology and Social Theory, Nr. 4/1981, S. 51-65. 18 Charles Tolman, Review of "Psychology Mon Amour" by Klaus Rie- gel, in: Science and Society, Bd. 43/1979/1980, S. 500-503. 19 Ders., Review of "A Dialectical Psychology" by A. R. Buss, in: Canadian Psychology, Bd. 22/1981, S. 296-297. 20 Ders., The metaphysics of relations in Klaus Riegels 'dialectic' of human development, in: Human Development, Bd. 24/1981, S. 35-51. 21 Ders., Further comments on the meaning of 'dialectic', in: Hu- man development, Bd. 18/1975, S. 1-17. 22 Ders., Categories, logic, and the problem of necessity in theories of mental development, in: Studia Psychologica, Bd. 25/1983, S. 179-189. 23 Lev Vygotski, Thought and Language, hrsg. v. Eugenia Hanfmann und Gertrud Vakar, Cambridge (Mass.) 1962. 24 Ders., Mind in Society, hrsg. von Michael Cole, Vera John- Steiner, Sylvia Scribner und Ellen Souberman, Cambridge (Mass.) 1978. 25 Harry K. Wells, Ivan P. Pavlov: Toward a Scientific Psychology and Psychiatry, London 1956. 26 Ders., Sigmund Freud: A Pavlovian Critique, London 1960. 27 Philip Wexler, Toward a crilical social psychology, in: Psy- chology and Social Theory, Nr. 1/1981, S. 52-68. 28 R.H. Wozniak, A dialectical paradigm for psychological rese- arch: implications drawn from the history of psychology in the Soviel Union, in: Human developmenl, Bd. 18/1975, S. 18-34. 29 Ders., Theory, praclice, and the 'zone of proximal develop- ment' in Soviel educalional psychology, in: Contemporary Educa- tional Psychology, Bd. 5/1980, S. 175-183. _____ 1) "Isoliert" kann hier dreifach verstanden werden: Erstens wir- ken die Autoren marxistischer Beiträge zur Psychologie in der Re- gel geographisch voneinander entfernt. In ihren Fakultäten oder Instituten sind sie oftmals "die einzigen ihrer Art". Zweitens arbeiten sie häufig gesellschaftlich unverbunden. Es gibt bisher keine Anzeichen von Koordination oder Integration ihrer Forschung oder ihrer theoretischen Ansätze. Drittens zitieren sie sich ge- genseitig erstaunlich wenig. Viele scheinen in einem intellektu- ellen Vakuum zu leben, ohne die Arbeiten anderer zur Kenntnis zu nehmen. Der bürgerliche Individualismus scheint in der anglo-ame- rikanischen Psyche tief verwurzelt zu sein. 2) Bei der Rückübersetzung Freudscher Gedanken und Zitate aus der englischen in die deutsche Sprache ist zu beachten, daß die Freud-Rezeption anglo-amerikanischer Psychologen auf einer Über- setzung beruht, die (wenn auch von Freud und seinen Erben hinge- nommen) "in wichtigen Punkten ernsthafte Mängel ausweist) und (...) so zu falschen Schlußfolgerungen nicht nur über den Menschen Freud, sondern auch über die Psychoanalyse, geführt" hat. "Unter all den Fehlübersetzungen der Spache Freuds hat keine unser Verständnis seiner humanistischen Anschauungen mehr behindert als die Eliminierung seiner Verweise auf die Seele. ... Das Wort, das die Übersetzer an Stelle von 'of the soul' verwenden - 'mental' - hat eine genaue Entsprechung im Deutschen, nämlich 'geistig' ..." (Bruno Bettelheim, Freud und die Seele des Menschen, übersetzt von Karin Graf, Claasen-Verlag 1984; hier zitiert nach: Der Übersetzer, Straelen, 21. Jahrgang Nr. 3/4, März/April 1984, S. 1 f. - Hinweis der Übersetzer). Danach ent- spräche an dieser und folgenden Stellen abweichend von der korrekten Übersetzung statt "geistig" der Begriff "seelisch" dem ursprünglichen Sinn. 3) Hierzu siehe Anmerkung 2, S. 135 4) Ein neuerer Artikel Browns weist keine entscheidende Wei- terentwicklung auf (6). zurück