Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 10/1986
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ZUSAMMENFASSUNGEN
Lucien Sève
Historische Individualitätsformen und Persönlichkeit
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Im Lichte vielfältiger marxistischer Forschungen über die Indivi-
dualität, die sich in Frankreich in den letzten Jahren entwickelt
haben, ist es möglich, die auf der Grundlage der historischen
Formbestimmtheit von Individualität, Zeitplan und Biographie
durchgeführten Analysen der Persönlichkeit neu zu formulieren, zu
präzisieren und vor allem zu bereichern. Es ist möglich, in neuen
Formen die Dimension der Subjektivität wiederzugewinnen und die
von nun an in Frankreich entscheidenden Fragen der biographischen
Krise und der "Krise des kämpferischen Lebens" anzugehen. Dabei
sind gleichzeitig die Erfordernisse der "Wissenschaft des Einma-
ligen" und der "erweiterten wissenschaftlichen Gemeinschaft" nä-
her zu bestimmen, die die Grundlage der emanzipatorischen Bedeu-
tung einer realen Wissenschaft der Persönlichkeit zu sein schei-
nen.
Georg Rückriem/Alfred Messmann
Marx' Mensch. Theoretische und methodologische Voraussetzungen
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des Verhältnisses von Psychologie und Anthropologie in der
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Theorie A.N. Leont'evs
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Angesichts der krisenhaften Entwicklung kapitalistischer Gesell-
schaften und insbesondere unter der Vernichtungsdrohung der Gat-
tung Mensch wird die ansonsten weitgehend tabuisierte Fragestel-
lung nach dem Verhältnis von Marxismus und Anthropologie neu zu
bestimmen versucht. Hauptthesen:
1. Die Beschränkung auf eine lediglich ideologiekritische Behand-
lung der Fragestellung verhindert ihre wissenschaftskritische
Durchdringung.
2. Die Tabuisierung ergibt sich vorwiegend aus einerseits theore-
tischen, andererseits methodologischen Defiziten in der Diskus-
sion.
3. Das theoretische Defizit liegt in einer letztlich milieutheo-
retischen Konzeption, das methodologische in einer unzureichenden
Auffassung von der Bedeutung der "einfachen Kategorie" (Marx) für
die geschichtsmaterialistische Behandlung der Frage nach dem Men-
schen.
Zentrale entwicklungs- und persönlichkeitspsychologische Aussagen
Leont'evs werden dazu ins Verhältnis gesetzt und andere Positio-
nen im Rahmen materialistischer Psychologie kritisiert.
Ute H.-Osterkamp
"Persönlichkeit" - Selbstverwirklichung in gesellschaftlichen
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Freiräumen oder gesamtgesellschaftliche Verantwortungsübernahme
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des Subjekts?
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Wesentliches Bestimmungsmoment der Persönlichkeit ist das Ver-
hältnis des Individuums zu seinen Bedürfnissen, Gefühlen und Er-
kenntnissen, das wiederum vom Ausmaß seiner Einflußmöglichkeiten
auf die relevanten Lebensbedingungen abhängt. Versuche der
"Selbstverwirklichung" innerhalb zugestandener Freiräume jenseits
der bewußten Wahrnehmung der Verantwortung für die gesellschaft-
lichen Verhältnisse beruhen auf der Zensur/Selbstzensur aller
kritischen Impulse und der Rücknahme individueller Lebensansprü-
che, wobei die objektive Asozialität dieser Resignation und die
damit verbundenen Entwicklungsbehinderungen unter mannigfachen
ideologischen Verschleierungen/Verkehrungen verborgen bleiben.
Wolfgang Jantzen
A.N. Leontjew und die kulturhistorische Schule
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der sowjetischen Psychologie
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Der Beitrag benennt zunächst einige Gründe für die mangelnde Re-
zeption des tätigkeitstheoretischen Ansatzes in der BRD. An der
Entwicklung der Auffassungen von A. N. Leontjew werden wesentli-
che Dimensionen dieser Theorie aufgezeigt. In einer frühen Etappe
ging es um die Überwindung des in der Krise der bürgerlichen Psy-
chologie vorgefundenen Dualismus und um die Entwicklung einer mo-
nistischen Auffassung vom sinnhaften und systemhaften Aufbau des
Psychischen, dessen Wurzeln in der Sozialgeschichte gesucht wur-
den. In einer zweiten Etappe wurden die inneren Zusammenhänge
dieses Aufbaus hinsichtlich der Vermittlung von Tätigkeit und
Subjekt untersucht, wobei sich unterschiedliche Wege zwischen
Leontjew und Wygotski ergaben. Diese Divergenz wurde mit der zu-
nehmenden Entfaltung einer umfassenden Theorie zu "Tätigkeit, Be-
wußtsein, Persönlichkeit" überwunden, in der zugleich die Grund-
lagen für eine entfaltete Theorie der Affektivität angelegt sind.
Eine dritte Etappe, in der es unter dem Arbeitstitel "Das Abbild
der Welt" um eine gänzliche Neuformulierung der Theorie ging,
konnte von Leontjew nur noch in Ansätzen in Angriff genommen wer-
den.
A.A. Leont'ev
Methodologische Alternativen einer Psychologie des Unbewußten
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Am Beispiel des Vertrags von S. Leclaire auf dem Symposium in
Tbilisi ist die grundlegende Divergenz zwischen dem "metapho-
rischen" Irrationalismus und dem Rationalismus wissenschaftlichen
Denkens, dessen Hauptmerkmale Allgemeingültigkeit, Reflexivität
und objektive Systemhaftigkeit sind, ganz deutlich zu erkennen.
Jedoch darf sich dieser Rationalismus nicht in einen reflexiven
Reduktionismus verwandeln. Die zweite methodologische Alternative
stellen der Dualismus und der materialistische Monismus dar.
Anhand einer Analyse des methodologischen Programms von L. S.
Vygotskij, das in seinem Buch "Die Krise der Psychologie" in
seiner historischen Bedeutung dargelegt ist, wird die Position
des materialistischen Monismus im Bereich der Psychologie des Un-
bewußten erschlossen.
Im Verlauf dieser Analyse werden folgende Thesen ausgesprochen:
a) Das Unbewußte besitzt keine eigene Ontologie; b) es gibt keine
unterschiedlichen Konzeptionen des Unbewußten, sondern nur eine
unterschiedliche Auffassung von den Beziehungen des Menschen zur
gegenständlichen Welt; c) das Unbewußte kann außerhalb einer kon-
kret-sozialen Herangehensweise an die Tätigkeit nicht richtig er-
faßt werden.
Charles W. Tolman
Überblick über marxistische Positionen in der
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Anglo-Amerikanischen Psychologie
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Seit den dreißiger Jahren hat es eine bescheidene Anzahl von Ver-
suchen gegeben, marxistische Psychologie in der anglo-amerikani-
schen Literatur zu begründen. Im vorliegenden Beitrag werden ei-
nige der wichtigeren Beispiele beschrieben und in gewissem Umfang
ausgewertet. Versuche auf der Basis der Schriften von Pawlow,
Freud und der Gestaltpsychologen scheinen in diesem Zusammenhang
durchweg nur begrenzten Erfolg gezeitigt zu haben. Die neuere
"radikale" Psychologie hat es nicht vermocht, den Marxismus
ernstzunehmen, und wenig zur Lösung der Aufgabe beigetragen. Ei-
niges an Arbeiten zur Individualität und zur Sozialpsychologie,
die auf der Kenntnis der sowjetischen Psychologie und neuerer
Entwicklungen in der europäischen marxistischen Psychologie beru-
hen, ist ermutigender. Ähnlich vorwärtsweisende Tendenzen zeigen
sich auch in der Entwicklungspsychologie.
Yrjö Engeström
Die Zone der nächsten Entwicklung als die grundlegende Kategorie
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der Erziehungspsychologie
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Das Verhältnis zwischen Lernen und Entwicklung und das Verhältnis
zwischen individueller und gesellschaftlicher Entwicklung sind
die beiden Ausgangsfragen dieses Beitrags. Die Lernebenen von
Gregory Bateson werden durch die Theorie der Tätigkeit interpre-
tiert. Expansiver Übergang vom Lernen II zum Lernen III bedeutet
dabei das kollektive Hervorbringen einer gesellschaftlich neuen
Tätigkeit, also nicht nur individuelle oder subjektive Entfal-
tung. Der 'double bind' ist die Voraussetzung dieses expansiven
Prozesses. Die psychologische Struktur solcher Prozesse wird ana-
lysiert und durch die Einheit "Zone der nächsten Entwicklung" ge-
kennzeichnet.
Ralf Kuckhermann / Annegret Wigger-Kösters
Von der Geschichte der Tätigkeit zu den Geschichten der
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Persönlichkeit - Sozialgeschichte und "persönliche Geschichten"
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in der psychologischen Analyse der Tätigkeit
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Der Aufsatz bezieht sich auf
1. die Klärung der Bedeutung und der Methode sozialhistorischer
Untersuchungen auf dem Gebiet der Psychologie und
2. die Möglichkeit einer persönlichkeits-psychologischen Analyse
individueller Tätigkeitszyklen. Als kategoriales Grundgerüst
dient das Konzept der gegenständlichen Tätigkeit von A. N. Leont-
jew, das zu drei Untersuchungsschritten operationalisiert wird:
Analyse der gesellschaftlichen Reproduktion, der individuellen
Reproduktion und ihres Verhältnisses. Im Anschluß an diese metho-
dischen Grundlagen wird der Stellenwert sozialhistorischer Unter-
suchungen für Tätigkeitsanalysen als Analyse des aktuellen histo-
rischen Wirkungsfeldes einer Tätigkeit beschrieben. Im letzten
Teil werden die vorher entwickelten methodischen Grundlagen auf
den Bereich persönlichkeitspsychologischer Fragen übertragen.
Vier Untersuchungsebenen werden festgelegt: Die Bestimmung des
Lebenszusammenhangs als Tätigkeitszusammenhang, das Auffinden von
Spuren seiner persönlichen Strukturierung, die Analyse der Bedeu-
tungs- und Sinnbildung in der Tätigkeit und die Untersuchung der
Übergänge zwischen den drei Ebenen (Leben als Drama).
Karl-Heinz Braun
Spiel und Ontogenese - Zur Diskussion ausgewählter marxistisch
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begründeter und psychoanalytischer Ansätze
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Ausgangspunkt der Überlegungen bildet Fröbels Spieltheorie, die
in einem generellen Konzept der Allgemeinbildung fundiert ist und
von einem inneren Zusammenhang zwischen Spiel- und Persönlich-
keitsentwicklung ausgeht. Zu diesen Auffassungen werden einer-
seits die marxistisch fundierten Ansätze von Wygotski, Elkonin
und Feuser in Beziehung gesetzt und andererseits die psychoanaly-
tischen Auffassungen von S. Freud, Waelder und Zulliger. Insge-
samt werden so die Umrisse und Problemperspektiven eines materia-
listischen Spielverständnisses deutlich, welches nur durch eine
Kooperation von Pädagogik und Psychologie gewonnen werden kann.
Eva Schmidt-Kolmer
Theorie und Praxis der Betreuung von Krippenkindern in der DDR
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Der Mensch ist in dialektischer Weise Natur- und Gesellschaftswe-
sen zugleich. Sein gesellschaftliches Wesen ist ihm nicht angebo-
ren. Er muß sich seine Stellung im Ensemble der gesellschaftli-
chen Verhältnisse und seine menschlichen Wesenskräfte nach der
Geburt in der Wechselbeziehung mit seiner Umwelt aktiv aneignen.
Die Familie ist die erste soziale Gruppe, in die das Kind einge-
gliedert wird. Seine Eltern sind die ersten, die ihm durch ihre
Betreuung und Erziehung Bedingungen für seinen Aneignungsprozeß
schaffen. Die außerhäusliche Berufstätigkeit der Frau und die
Wandlung der Familie zur Zweigenerationenfamilie, das Verschwin-
den ihrer produktiven Funktionen, die wachsende Ausdehnung von
Wissenschaft und Technik auf alle gesellschaftlichen Lebensberei-
che haben die natürlichen Voraussetzungen für die Entwicklung
auch des Kleinkindes aufgehoben. Deshalb muß ihre Wiederherstel-
lung auf höherer Ebene durch Erziehung auch der Kleinkinder in
gesellschaftlichen Einrichtungen in Partnerschaft mit der Familie
erreicht werden. Tägliches Spielen und Lernen in der pädagogisch
geleiteten Kindergruppe der Krippe und tägliche Rückkehr ins El-
ternhaus bieten die beste Gewähr für die allseitige Entwicklung
der Persönlichkeit in der frühen Kindheit. Erfahrungen und For-
schungsergebnisse beim Aufbau der Krippen in der DDR haben es er-
möglicht, viele Grundfragen der Persönlichkeitsentwicklung in der
frühen Kindheit zu klären.
Ole Dreier
Persönlichkeit und Individualität in psychologischer Theorie
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und klinischer Praxis
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Grundlegende Fragestellungen persönlichkeitstheoretischer For-
schung in der marxistischen Psychologie werden behandelt. Aus-
gangspunkt bildet eine Kennzeichnung der Persönlichkeitsbegriffe
des Alltags und traditioneller Persönlichkeitstheorien. Die Klä-
rung der besonderen Notwendigkeit einer Persönlichkeitskategorie
in der marxistischen Psychologie wird vor allem betont. Die Kon-
flikthaftigkeit der Persönlichkeit wird hervorgehoben, und aus
dem Bereich der Klinischen Psychologie wird ein Beispiel zur Kon-
kretisierung möglicher Implikationen des theoretischen Stand-
punkts skizziert.
Dorothee Roer/Dieter Henkel
Psychisch gestörte Subjektivität. Ein Ansatz auf der Basis
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der Tätigkeitspsychologie A.N. Leontjews
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Antagonistische Widersprüche zwischen materiell-sozialer Lebens-
realität und bürgerlicher Ideologie bilden die objektive Bedin-
gung für die Entwicklung psychisch gestörter Subjektivität. Ihre
Vermittlung erfolgt wesentlich in der Kindheit durch die Familie
mit Mitteln mystifizierter Gewalt. Der unter solchen Verhältnis-
sen mögliche Prozeß der Herausbildung gestörter Subjektivität
wird in zwei Stufen beschrieben: erstens als Aneignung der äuße-
ren Widersprüche in das Tätigkeitssystem, das seine praktische
und sinnliche Basis zunehmend verliert, und zweitens als qualita-
tiver Umbruch (Transformation) mit der Konsequenz der Entwicklung
eines allein subjektlogischen Weltbezugs unter Aufgabe objektlo-
gischer Verbindungen zur Realität (subjektivistische Logik).
Harry Schröder / Christina Schröder
Persönlichkeitspsychologische Aspekte der Entwicklung
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einer Medizinischen Psychologie in der DDR
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Ausgehend von gesellschaftlichen Entwicklungszielen und dem Ent-
wicklungsstand des Gesundheitswesens in der DDR werden Entwick-
lungserfordernisse für eine psychologische Disziplin in der Medi-
zin abgeleitet. Nach Aufarbeitung historischer Entwicklungslinien
wird das Konzept einer Medizinischen Psychologie als angewandtes
psychologisches Fach und als interdisziplinäres Forschungs- und
Praxisfeld vorgestellt. Theoretische Vertiefungen setzen an den
Kategorien "Krankheit" und "Kranksein" an und entwickeln den Ge-
genstand aus persönlichkeitspsychologischer Sicht innerhalb eines
biopsychosozialen Modellansatzes. Abschließende Reflexionen beto-
nen die präventive Ausrichtung.
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