Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 11/1986

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KRISENERKLÄRUNGEN UND DIE ALTERNATIVEN DER LINKEN

Konferenz "Wirtschaftskrise und Wirtschaftspolitik" --------------------------------------------------- Jörg Goldberg Es gab Teilnehmer, die die theoretischen "Schlachten der siebzi- ger Jahre" wiederholt sahen - und tatsächlich erscheint die Frage durchaus berechtigt, ob eine wissenschaftliche Tagung zum Thema "Wirtschaftskrise und Wirtschaftspolitik" mit einer eindeutig theoretischen "Schlagseite" angesichts drängender aktueller Pro- bleme seine Berechtigung hat. Die Redaktionen der Zeitschriften "Prokla", "SPW", "Sozialismus", die "Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik" ("Memogruppe") und das "Institut für Marxistische Studien und Forschungen" hatten sich im April 1986 zusammengetan und in Frankfurt eine solche wissenschaftliche Konferenz veranstaltet. Die Themenschwerpunkte waren: - Überakkumulation und Krise - Internationale Verschuldung - Zyklus und Lange Wellen - Nachfrage, Krise, Innovation - Alternativen der Wirtschaftspolitik. Der große Andrang zu dieser Tagung überraschte die Veranstalter - schienen ökonomische Themen doch bislang eher wenig gefragt. An- dererseits schienen viele Teilnehmer auch angenehm überrascht vom Charakter und Klima dieser Veranstaltung. Schließlich gehört es keineswegs zu den Alltäglichkeiten in der Bundesrepublik, daß sich die wichtigsten Gruppen und Strömungen der sozialistischen und marxistischen Linken des Landes zu einer gemeinsamen Veran- staltung zusammenfinden - und noch weniger alltäglich ist es, daß dort offen und ernsthaft, auch polemisch, gestritten wird, ohne gegenseitige Ausgrenzungen und im klaren Bewußtsein gemeinsamer Aufgabenstellungen. Der Diskussionsschwerpunkt der Tagung lag eindeutig auf krisen- theoretischen Fragestellungen, wobei zunächst der bekannte Gegen- satz zwischen "Überakkumulations"- und "Nachfrageansätzen" eine Rolle spielte. Dies ist ein uralter Streit schon bei der Inter- pretation der Marxschen Krisentheorie - und er prägte auch die entsprechende Diskussion in der ersten Hälfte der siebziger Jahre. Allerdings war der Diskussionsfortschritt seither in die- sem Punkt unübersehbar. Die Protagonisten der unterschiedlichen Positionen - als "Extreme" können Hübner/Stanger und Hoffmann von "Prokla" auf der einen und Zinn von der "Memogruppe" auf der an- deren Seite genannt werden - waren sichtlich bemüht, die un- fruchtbare Gegeneinanderstellung der Momente "Profitrate" und "Nachfrage" bei der Krisenanalyse zu überwinden. Dem beteiligten Berichterstatter erschien diese Konfrontation inhaltlich so wenig gerechtfertigt, daß er sie hier als ein Mißverständnis über die jeweils zu wählenden Abstraktionsstufen der Analyse bezeichnen möchte. So ist Hoffmann durchaus zuzustimmen, wenn er das "Auseinandertreten von Akkumulation (...) und relativ zurückblei- bender Realisierungsmöglichkeit" als wesentliches Moment des Re- produktionsprozesses bis hin zum Abbruch der Akkumulation im Zy- klus bezeichnet (S. 132). 1) Und seine Position ist von Zinns Feststellung: "Die theoretische Möglichkeit, daß sich ein Akkumu- lationsprozeß der weiteren Akkumulation halber stabilisiert, also Marx' Abteilung I wächst, während Abteilung II stagniert, wurde schon von Rosa Luxemburg als unrealistisch kritisiert: ohne Bezug zum Konsum kommt das Akkumulationskarussell nach einigen Drehun- gen "kreischend zum Stillstand" (S. 117). Dies gilt es festzuhalten: es ist nicht schrankenlos möglich, die Nachfrage nach Konsumgütern durch Nachfrage nach Investitionsgü- tern zu ersetzen, selbst wenn es gelingt, den Kapitalen glänzende Kostenbedingungen zu sichern. Die "erfolgreichste" Lohnpolitik des Kapitals ist nicht in der Lage, einen krisenhaften Abbruch des Akkumulationsprozesses zu verhindern - ebensowenig wie eine noch so günstige Lohnposition der Arbeiterklasse die Zuspitzung von Disproportionen zwischen Produktion und Markt verhindern könnte. Beide Seiten, die Produktion und die Realisation von Pro- fit, gehören zusammen - eine widersprüchliche Einheit, die im Ka- pitalismus nur krisenhaft hergestellt werden kann. Wie sich im Konferenzverlauf zeigte, wird auch kaum noch die simple Gleich- setzung "sinkende Profitrate - Stockung der Akkumulation" auf- rechterhalten: Wie Priewe unwidersprochen deutlich machte, ist eine solche Parallelität auch empirisch für die Bundesrepublik nicht nachweisbar. Der Berichterstatter hat jedenfalls den Eindruck, daß der Diskus- sionsprozeß hier weit fortgeschritten ist, daß es - bei Auf- rechterhaltung unterschiedlicher Ausgangspunkte der Krisenanalyse - den verschiedenen wissenschaftlichen Diskussionszusammenhängen zunehmend gelingt, die marxistische Krisentheorie für die aktu- elle Realanalyse fruchtbar zu machen. Die Wiederaufnahme der Schlachtordnungen der siebziger Jahre scheint hier jedenfalls ef- fektiv gewesen zu sein. Die Relevanz zunächst scheinbar recht abstrakter theoretischer Fragestellungen für die Praxis erwies sich nach Ansicht des Be- richterstatters in der Debatte um den Charakter der Krisenperiode seit den siebziger Jahren. So ist es ganz offensichtlich inzwi- schen zum Gemeingut der marxistischen und sozialistischen Linken geworden, daß die Krise von 1974/75 einen tiefen Entwicklungs- bruch beinhaltet, sei es, daß dieser mit der Kategorie der "großen Krise", der "Umbruchperiode", des "Strukturbruchs" oder der "Regulierungskrise" erfaßt wird. Ökonomisch erscheint diese Periode als chronische oder strukturelle Überakkumulation von Ka- pital - es gelingt nicht mehr, das vorhandene Kapital im Zuge des realen Reproduktionsprozesses anzulegen und zu verwerten. Die an- haltende Massenarbeitslosigkeit ist ein sozialer Ausdruck dieses Tatbestandes. Die Reaktionen der Kapitalseite darauf sind bislang eher geeignet, das Problem der Überakkumulation noch zu verschär- fen. So ist zwar einerseits festzustellen, daß im Zuge rigoroser Restriktionspolitik die Produktionskosten gesenkt, die Einführung von Rationalisierungstechnologien forciert werden konnten. Dies hat die anlagefähige Profitmasse tendenziell erweitert, es wurden aber gleichzeitig keine neuen Anlagefelder dafür geschaffen. Das relativ (im Verhältnis zu den Verwertungsbedingungen) überschüs- sige Kapital drängt vor allem auf die Geld- und Kapitalmärkte, sucht und findet neue Anlagemöglichkeiten in der Form des Leihka- pitals. Das Problem der Verschuldung der Dritten Welt wurde insbesondere unter diesem Aspekt diskutiert: die Überschuldung als Kehrseite der Überakkumulation von Realkapital - also als Ausdruck der strukturellen Überakkumulation in den kapitalistischen Industrie- staaten. Die "unbezahlbare" Schuldenlast als Ausdruck fälliger, aber nicht vollzogener Kapitalvernichtung erweist sich als Hauptentwicklungshemmnis in der Dritten Welt und wirkt damit kri- senhaft auf die gesamte Weltwirtschaft zurück. Ein Hauptdiskussi- onspunkt war dabei die Frage, welche Perspektiven das "Krisenmanagement" des Kapitals in diesem Punkt eröffnet. Während Schui die Position begründete, daß einerseits die Regulierungska- pazität des internationalen Banksystems und der kapitalistischen Institutionen ausreicht, um einen "internationalen Bankenkrach" zu verhindern, andererseits "keine Großbank und auch keine Regie- rung ein Interesse am Zusammenbruch des internationalen Bankensy- stems" hat (S. 55/56), vertraten Schubert und Altvater eher die Ansicht, daß eine solche Gefahr real sei: Vor allem deshalb, weil die hohe Verschuldung der USA mittlerweile die "Wünschbarkeit ei- nes weltweiten Finanzkrachs" auch in US-Kreisen zum Diskussions- gegenstand gemacht hat (S. 45). Auch muß die konjunkturelle Si- tuation, die Möglichkeit einer neuen zyklischen Krise - so Detje - berücksichtigt werden. Für Schui dagegen ergeben die auf den ersten Blick z.T. wider- sprüchlichen Entwicklungen der letzten Jahre - zunächst US-Hoch- zinspolitik und Dollaraufwertung, etwa ab 1985 Dollarabwertung und Zinsminderung - doch das Bild einer insgesamt konsistenten US-Strategie zur Wiedergewinnung der internationalen Hegemonie. Die dabei zentrale Rolle des Dollars als internationale Leitwäh- rung schließt die bewußte Inkaufnahme eines Bankenkrachs aus. Die USA seien eher zur Verstaatlichung des Bankensystems bereit als Liquiditätsschwierigkeiten zu riskieren. Auch hat die Dollarver- schuldung der USA, die seit etwa zwei Jahren im Zuge der Zah- lungsbilanzdefizite rapide ansteigt, einen durchaus anderen Cha- rakter als die Fremdwährungsverschuldung der Länder der Dritten Welt. Die Beschreibung der gegenwärtigen Krisenperiode als Situation chronischer Überakkumulation erfolgte aus zwei unterschiedlichen Begründungszusammenhängen heraus. Bischoff und Krüger sahen dies als Ergebnis des Falls der Profitrate: diese habe einen so nied- rigen Stand erreicht, daß die Profitmasse nicht mehr ausreicht, um die Akkumulation so auszudehnen, daß die produktive Beschäfti- gung noch erweitert werden kann. Dies sei eine zyklenübergrei- fende Erscheinung. Der in der Krise auftretende "Formwandel in der Konkurrenz" behindert den notwendigen Ausgleich der Profitra- ten und begründet ein strukturelles Ungleichgewicht zwischen der Verwertung des Real-und des Leihkapitals (S. 29). Dem Berichter- statter schien es von hier nur noch ein kleiner Schritt zur Be- gründung der theoretischen Kategorie des Monopols. Die andere, von Goldberg angebotene Variante der chronischen Überakkumulation geht von der Tendenz der kapitalistischen Pro- duktionsweise zur Überproduktion, zur Errichtung von Dispropor- tionen zwischen Profitproduktion und Profitrealisierung aus. Die Funktion der zyklischen Krisen, diese Widersprüche periodisch zum Ausgleich zu bringen, ist durch strukturelle Veränderungen auf der Ebene der Produktionsverhältnisse blockiert, die Überproduk- tion wird chronisch. In der Diskussion wurde vielfach darüber nachgedacht, ob dieser Zustand einer quasi kapitalimmanenten Lösung zustrebt, ob also die gegenwärtige Krisenperiode die Voraussetzung für eine Wieder- belebung der kapitalistischen Akkumulationsdynamik schafft. Al- lerdings haben sich nur wenige Diskussionsteilnehmer hier zu ei- ner eindeutigen Antwort bereitgefunden: Natürlich ist die Gefahr groß, einfach Gegenwartstendenzen fortzuschreiben. So stellte Mattfeld richtig fest, daß in den sechziger Jahren die "Wirtschaftswunderideologie" auch marxistische Gehirne vernebelt hatte (S. 182). Es muß also vermieden werden, daß nun eine "Dauerkrisenideologie" den Blick für den tatsächlichen Anpas- sungsspielraum des Kapitals trübt - was allerdings eben im Gegen- satz zu Mattfelds Kritik am theoretischen Übergewicht der Tagung gründliche theoretische Analyse verlangt. Die Debatte über Lange Wellen hatte explizit diese Fragestellung zum Thema. Allerdings fanden sich nur wenige Vertreter dieses An- satzes, die nun tatsächlich von einer Neubelebung der Wachstums- dynamik in den neunziger Jahren ausgingen - also entsprechend dem "Wellenansatz" die kapitalistische Wirtschaft vor einer Periode wieder verstärkter Dynamik sahen. Immerhin traf Kleinknecht als ausgewiesener Verfechter dieses Ansatzes doch die Feststellung, "daß ein neuer Aufschwung in den neunziger Jahren durchaus wahr- scheinlich ist", wenn er damit auch keineswegs die Rückkehr zu Wachstumsraten der fünfziger und sechziger Jahre meinte (S. 91). Die Einwände gegen diese Position waren zahlreich: Einerseits wurde die Ansicht vertreten, daß es der Theorie der Langen Wellen - neben dem Problem der empirischen Belegbarkeit - nicht gelingt, endogene Wendepunkte nachzuweisen. Darüber hinaus wurde vor allem von Kisker kritisiert, daß der "Lange-Wellen-Ansatz" eine politische Funktion als kapitalistischer "Hoffnungsträger" habe, womit nun die Arbeiterbewegung eben nicht mehr auf den nächsten Konjunkturaufschwung, sondern auf die Durchsetzung der neuen Technologien und damit auf die neue "Lange Welle" vertröstet werden sollte (S. 83). Der Hinweis von Kleinknecht, daß damit nicht notwendig passivem Warten auf die neue Technik das Wort geredet, sondern der soziale Inhalt der Technologiepolitik thema- tisiert werde, ist sicher richtig. Ob man aber dem Kapitalismus und dessen "Selbstregulierungskraft" die Wiedergewinnung von mehr Wachstumsdynamik zutraut oder ob man ihren Ersatz oder doch zu- mindest ihre Ergänzung durch politische Steuerung im Interesse der und durch die Arbeiterbewegung für notwendig hält - dies be- inhaltet doch erhebliche Konsequenzen für den Charakter einer Al- ternativstrategie der Linken. So muß es auch als Schwäche der Vertreter der "Strukturbruch- these" (Altvater u.a.) ebenso wie jener der These der absoluten Überakkumulation (Bischoff u.a.) bezeichnet werden, daß sie nur wenig Auskünfte über die weiteren Perspektiven gegeben haben. Denn, wenn gegenwärtig von einem "Strukturbruch" gesprochen werden kann, dann muß auch Auskunft darüber gegeben werden, wie die neuen Strukturen aussehen könnten und wie sie auf den Akkumulationsprozeß des Kapitals als Basis der gesellschaftlichen Verhältnisse wirken. Hübner/Stanger bemerken dazu, "daß sich das ökonomische System in der überzyklischen Akkumulationskrise in einem pathologischen Stagnationszirkel verfängt", aus dem es keine "ökonomischen Aufschwungsautomatik" gibt. Entscheidend seien - und hier treffen sich die unterschiedlichen Positionen - die "politisch-institutionellen Rahmenbedingungen" (S. 74/75). Dabei überwog die Ansicht, daß nur im Rahmen der Durchsetzung einer grundlegenden Reformvariante die gegenwärtigen Kri- senerscheinungen überwunden werden können. Den konservativen Strategien wurde dagegen z.B. von Bischoff bescheinigt, daß "diese Deregulierungsstrategie auf eine politische Verschärfung der ökonomischen Labilität des Akkumulationsprozesses hinaus- läuft" (S. 29). Warum dies so ist, warum denn nun die "Selbstregulierungsfähigkeit" des Kapitalismus versagt, warum, noch so tiefe Krisen keine Bereinigung der Überakkumulation und damit neue Expansionsbedingungen mit sich bringen - dafür fehlte aber bei vielen Diskussionsteilnehmern eine theoretisch einleuchtende Begründung. Diese ist nur im Rahmen einer Theorie zu erbringen, die die kapitalistische Krisentendenz als Verge- sellschaftungsprozeß auch auf der Ebene der Produktionsverhält- nisse begreift, die also darstellt, wie das System der ökonomi- schen Gesetze des Kapitalismus durch das Kapital selbst untermi- niert wird, wie es im Zuge der Strukturveränderungen des Kapita- lismus jene Mechanismen untergräbt, die die "ökonomische Auf- schwungsautomatik" des klassischen Kapitalismus ausmachen. Man mag gegen die Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus, gegen Kategorien wie "Monopol", "Verflechtung von Staat und Mono- polen", "Finanzkapital" usw. Einwände haben - allein es ist ein- zuräumen, daß die SMK-Theorie eine solche theoretische Begründung fehlender oder gestörter kapitalistischer "Aufschwungsautomatik" bringt. Die von Bischoff und anderen angebotene Lösung, nun einfach die Situation der absoluten Überakkumulation für eingetreten zu er- klären - in der der Fall der Profitrate nicht mehr durch den An- stieg der Profitmasse in bezug auf die Akkumulation ausgeglichen wird -, erscheint dem Berichterstatter als ein "Ei des Kolumbus", will sagen, als eine theoretische Gewaltlösung: Es bleibt völlig offen, warum die immanenten Selbstreinigungsmechanismen, nämlich die kapitalistischer Krisen, nun nicht mehr ausreichen, um die Periode der strukturellen Überakkumulation zu überwinden. Dies müßte aus Strukturveränderungen auf der Ebene der Produktionsver- hältnisse erklärt werden - einer Ebene, die theoretisch aber in diesem Zusammenhang gemieden wird. Wenn auf der Tagung weitgehend Einigkeit darüber herrschte, daß eine gewisse Neubelebung der Ak- kumulationsdynamik entscheidend vom Ausgang politischer Kon- flikte, von der Durchsetzung wirksamer reformpolitischer Kräfte- konstellationen abhängt - es wird weiter unten noch auf die ent- sprechende Alternativdiskussion einzugehen sein -, so scheint das dem (natürlich parteiischen) Berichterstatter bislang nur in den Positionen der SMK-Theorie überhaupt theoretisch begründet. Die Fassung der Kategorie der "strukturellen Überakkumulation" von Goldberg weist in vielen Punkten Gemeinsamkeiten mit den Positio- nen von Bischoff/Krüger oder Hübner/Stanger auf - allerdings be- müht sie sich darüber hinaus um eine theoretische Begründung für die Ansicht, daß die Reaktionen des Kapitals auf diese Situation - Senkung der Produktionskosten, Verbesserung der Produktionsbe- dingungen des Profits, massive Umverteilung, neue Techniken usw. - keine "Aufschwungsautomatik" beinhalten. Die "strukturelle Überakkumulation" wird hier als Blockierung der Prozesse gefaßt, die die im Akkumulationsprozeß des Kapitals notwendig aufbrechen- den Disproportionen zwischen Profitprodukten und Profitrealisie- rung, zwischen Produktion und Markt, zeitweilig zum Ausgleich bringen. Es sind also die ökonomischen Gesetze des Kapitalismus in ihrer staatsmonopolistischen Ausprägung, die hier auch nur zeitweilige Lösungen verhindern. Auch in diesem Begründungszusammenhang bleibt allerdings die Frage offen, die von Huffschmid aufgeworfen wurde: "Wo sind die wirtschaftlichen, politischen und gesell- schaftlichen Anpassungsspielräume und Veränderungspotentiale, die aus der Depressionsphase seit Mitte der siebziger Jahre heraus- führen und etwa erlauben würden, auf der Basis der heute neuen Technologien eine längerfristige Wachstums- und Entwicklungsphase einzuleiten." Huffschmid diskutiert dabei zwei verschiedene quasi kapitalimmanente Varianten der "Anpassung": die weitere Durchset- zung einer Strategie des "neuen Konservativismus" und den Über- gang zu einem "reformierten Kapitalismus", welcher immerhin auch Ansatzpunkte für "eine grundsätzliche Änderung der kapitalisti- schen Basisstrukturen" bietet (S. 80). Er nimmt an, daß der zweite Weg dem Kapitalismus als Gesamtsystem zunächst größere Zu- kunftsperspektiven eröffnet - was allerdings keineswegs mit den Expansionsinteressen der Monopole vereinbar ist. Schließlich hält er es auch für möglich, daß es zu keinerlei Neubelebung der Dyna- mik kommt, daß der Kapitalismus zwar nicht zusammenbricht, aber immer weiter in die Krise gerät und so seine Rolle in der Welt- wirtschaft tendenziell abnimmt. Es scheint allerdings fraglich, ob dies die notwendige Konsequenz eines weiteren "Dahindümpeln" des Kapitalismus ist: Bislang haben sich Krisen, Arbeitslosigkeit und Wachstumsverlangsamung durchaus mit der führenden Rolle einzelner Konzerne in der Weltwirtschaft vereinbaren lassen. Es ist eine offene Frage, ob eine quasi Ab- koppelung der strukturbestimmenden Kapitale von der Dynamik des gesamten kapitalistischen Reproduktionsprozesses für einen länge- ren Zeithorizont möglich ist, ob das Nebeneinander von prosperie- renden Monopolen und Branchen mit einem innovativen Vorsprung ei- nerseits und einer "dümpelnden" Gesamtökonomie, Krisen und Nie- dergängen in breiten Teilen der Wirtschaft andererseits, denkbar erscheint. Bejaht man diese Frage, dann ist allerdings die Frage nach den ökonomischen Anpassungsleistungen der gegenwärtigen Kri- senperiode eher nebensächlich. Das Schicksal des Kapitalismus hängt dann nicht davon ab, ob es gelingt, die Akkumulationsdyna- mik des Gesamtprozesses wieder zu stimulieren bzw. eine weitere Wachstumsabschwächung zu verhindern - dann ist entscheidend ob es gelingt, die mit einer solchen Szenerie verbundenen sozialen Ver- armungsprozesse für breite Massen, die zunehmende soziale Diffe- renzierung politisch zu verarbeiten, d. h. sie für das Gesamtsy- stem politisch zu marginalisieren. Es geht also darum, was ökono- mische Krisen politisch bedeuten, unter welchen Bedingungen öko- nomische Krisen politisch im antikapitalistischen Sinne wirksam werden. Es muß als gemeinsame Schwäche aller versammelten Posi- tionen bezeichnet werden, dies bislang zu wenig thematisiert zu haben. Während es auf der theoretischen Ebene scharfe - wenn auch pro- duktive - Kontroversen gab, schien es in der Frage der Alternativkonzeptionen kaum einen Dissens zu geben. Die Rede vom existierenden "Politökonomischen Minimalkonsens" (Jung, Kremer und Mattfeld) blieb unwidersprochen. Dies war kein Zeichen für eine Art politischen Pragmatismus, d. h. für die praktische Beliebigkeit der ausgetragenen theoretischen Differenzen. Man kann - dies zeigte die Diskussion der Tagung - aus unterschiedlichen theoretischen Analysen heraus durchaus zu gleichen oder ähnlichen praktisch-politischen Schlußfolgerungen kommen. Man muß nicht - wie Zinn - der Ansicht sein, daß die Theorieansätze von Marx und Keynes "integrationsfähig" seien. Entscheidend bleibt trotzdem, daß unterschiedliche Theorieansätze einen "zutreffenden Ausschnitt der Wirklichkeit" (Zinn) erfassen können (S. 123) und dann auch zu ähnlichen praktischen Schlußfolgerungen führen werden. Natürlich ist hier nicht einer theoretischen Beliebigkeit oder einem "Begründungspluralismus" das Wort geredet. Denn die Tagung zeigte, daß bei allen theoretischen und auch politischen Gegen- sätzen der gemeinsame Bezug der Veranstalter zur Arbeiterbewe- gung, ihr Selbstverständnis als sozialistisch und/oder marxi- stisch doch mehr politische Gemeinsamkeiten und Interessen- gleichklänge beinhaltet als man im politischen Tagesgeschäft oft wahrzunehmen vermag. Die Grundlage des recht weitreichenden "Politökonomischen Minimalkonsenses" ist der theoretische und praktische Bezug auf die Arbeiterbewegung, ein Wissenschaftsver- ständnis, das die Realität gegensätzlicher gesellschaftlicher In- teressen nicht im Widerspruch zum Wahrheitsanspruch von Theorie sieht. Auf dieser Grundlage ist der gemeinsam akzeptierte Prüfstein al- ternativer Konzeptionen immer die Praxis der Arbeiterbewegung, d.h. der Bezug zur Handlungsfähigkeit ihrer politischen und ge- werkschaftlichen Zusammenhänge und Organisationen. Jung beschrieb die Funktion von wirtschaftspolitischen Alternativen der Linken so: "Aber entscheidend in bezug auf die Verteidigung von Errun- genschaften und auf die Eröffnung weiterreichender Reform- und Veränderungsschritte ist es, ob sich in einer solchen Periode die Gegenmachtpotentiale und -möglichkeiten der Kräfte und Organisa- tionen der Arbeiterklasse und der Demokratie erweitern oder ob sie integrativ erstickt werden" (S. 149). Er verwies damit einer- seits auf das Interesse der Linken an einer strategischen SMK-Va- riante mit eher "etatistisch-reformistischem" Charakter, wie sie z. B. in Ländern wie Schweden oder Österreich praktiziert wird. Allerdings: Die Linke muß sich dabei "auch in ihren wirtschafts- politischen Alternativen für eine weitreichende Reformpolitik of- fenhalten, die sich die Aufgabe der Änderung der sozialökonomi- schen Grundstrukturen stellen kann und dies auch in ihren pro- grammatischen Vorstellungen anlegen" (S. 152). Verkürzung der Ar- beitszeit, staatliche Beschäftigungsprogramme und ökologischer Umbau der Produktions- und Konsumstrukturen gehören ebenso wie Stärkung der Massenkaufkraft zum Kernbereich des politökonomi- schen Minimalprogramms. Die meisten Diskussionsteilnehmer fanden dieses Programm im Kern bei den Forderungen der Memorandumsgruppe aufgehoben, die hier unbestritten auch im Detail die durch- dachtesten Konzepte vorlegt. Darüber hinaus aber muß die Linke als "institutionellen Rahmen" - so Kremer - Vorstellungen "öffentlich-demokratischer Planungsansätze, gewerkschaftlicher Mitbestimmungsrechte und Vergesellschaftungsschritte im industri- ellen und Kreditsektor" entwickeln, d. h. Konturen einer "alternativen Regulierungs- und Innovationsperspektive" sichtbar machen. Die Veranstalter haben sich am Ende der Tagung darauf verstän- digt, nach den Bundestagswahlen Anfang 1987 eine Veranstaltung in ähnlicher Zusammensetzung durchzuführen, bei der die Durchset- zungsbedingungen von demokratischen Alternativen stärker im Mit- telpunkt stehen dürften. Damit hat die sozialistische und marxi- stische Linke Konsequenzen aus der Tatsache gezogen, daß sie nur dann zu einem Orientierungspunkt für demokratische und gewerk- schaftliche Kämpfe werden kann, wenn sie sich als diskussionsfä- hige und einigungsfähige wissenschaftlich-politische Strömung darzustellen versteht, wenn ihr gemeinsamer theoretischer Bezug auf die Arbeiterbewegung auch in der Praxis der Auseinanderset- zungen um Alternativen zum Kurs des Kapitals zum Tragen kommt. Die Tagung in Frankfurt hat gezeigt, daß solche gemeinsamen Kon- stellationen tragfähig sind, obwohl - oder vielleicht gerade weil - auch die Differenzen dort offen und kontrovers diskutiert wer- den können. _____ 1) Die folgenden Seitenzahlen beziehen sich auf das Protokoll der Tagung: PROKLA, SPW, SOZIALISMUS, MEMORANDUM, IMSF, Kontroversen zur Krisentheorie, Hamburg 1986. zurück