Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 11/1986
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KONJUNKTURZYKLEN, LANGE WELLEN UND HISTORISCHE STADIEN
DER KAPITALKKUMULATION
Probleme einer marxistischen Theorie kapitalistischer Entwicklung
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am Beispiel der Weltwirtschaftskrise der 70er und 80er Jahre
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Kurt Hübner/Michael Stanger
1. Einleitung - 2. Konjunkturzyklen und Wachstumsphasen - 3.
"Kleine" und "große" Krisen - 4. Ökonomische Blockaden für einen
neuen Aufschwung - 5. Fazit
1. Einleitung
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Je länger die spätestens Mitte der 70er Jahre eingesetzte Periode
überzyklischer Wachstumsschwäche in den kapitalistischen Indu-
strieländern - mit ihren inzwischen mehr als vertrauten "Be-
gleiterscheinungen" von Massenarbeitslosigkeit, Sozialstaats-
abbau, internationalen Währungsturbulenzen - anhält, desto stär-
ker drängt sich die Frage nach einer e n t w i c k l u n g s-
h i s t o r i s c h e n E i n o r d n u n g dieser Periode auf.
Diese Frage hat, wenn man unter Geschichte nicht nur Vergan-
genheit und ihre Erforschung versteht, neben einem rückwärts-
gerichteten auch einen vorwärtsgerichteten Aspekt. Der retro-
spektive Aspekt bezieht sich auf die Frage, welche gesell-
schaftliche Entwicklungsperiode durch die ökonomische Krise aus
welchen Gründen beendet wurde. Der prospektive Aspekt betrifft
die Frage, welcher Ausgang aus der Krise sich perspektivisch ab-
zeichnet. Ist mittelfristig eher noch mit einer Verschärfung der
Probleme, vor allem im weltwirtschaftlichen Rahmen, zu rechnen?
Oder gibt es, wie neuerdings auch von linken Sozialwissenschaft-
lern vermutet wird 1) 'einen technologischen Ausweg aus der
Krise, der die Rückkehr zu den (wirtschafts-)politischen Verhält-
nissen der Prosperitätsperiode ermöglicht? Was dieses optimisti-
sche Szenario angeht, so ist die politische Diskussion in der
Bundesrepublik sogar schon einen Schritt weiter. Über einen tech-
nologischen Ausweg aus der Krise, der wirtschaftspolitisch durch
eine Strategie der "Modernisierung der Volkswirtschaft" getragen
wird, hoffen sowohl der "aufgeklärte" Flügel der Union als auch
die maßgebenden Kräfte innerhalb der SPD, den Übergang in ein
neues Zeitalter der "Versöhnungsgesellschaft" einleiten zu kön-
nen, in welchem die Widersprüche kapitalistischer Produktions-
weise - nicht zuletzt der Konflikt zwischen Ökonomie (Kapital-
verwertung) und Ökologie (Umweltschutz) - eine harmonische Auf-
lösung erfahren sollen.
2. Konjunkturzyklen und Wachstumsphasen *)
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Eine entwicklungshistorische Einordnung aus marxistischer Sicht
wird im Rahmen des in der marxistischen Theorie vorherrschenden
m o n o p o l t h e o r e t i s c h e n
S t a d i e n m o d e l l s versucht, bei der historische Ent-
wicklungsstadien des Kapitalismus nach Maßgabe der sich verän-
dernden Konkurrenzformen unterschieden werden. Die Grundthese
dieses von Hilferding (1910) 2) und Lenin (1916) 3) über Ba-
ran/Sweezy (1966) 4) bis zu Vertretern der Theorie des Staatsmo-
nopolistischen Kapitalismus vertretenen Ansatzes lautet - aller-
dings bei großen Differenzen in bezug auf die Krisentheorie:
Im Zuge der die Akkumulation des Kapitals begleitenden Konzentra-
tions- und Zentralisationsprozesse entstehen marktbeherrschende
Großunternehmen (Konzerne), die sich kraft ökonomischer und au-
ßerökonomischer Macht den Ausgleichsgesetzen der Konkurrenz, na-
mentlich dem Ausgleich zur Durchschnittsprofitrate, zu entziehen
und einen Monopolprofit anzueignen vermögen. Da diese Monopoli-
sierung die Wirkungsweise der sogenannten freien Konkurrenz ein-
schränkt oder sogar aufhebt, ergeben sich zugleich Regulierungs-
defizite, die einen wachsenden ökonomischen Staatseingriff her-
vorrufen.
In der Tradition der Leninschen Imperialismustheorie werden diese
Strukturveränderungen als Ausdruck und Momente der
D e s t a b i l i s i e r u n g des kapitalistischen Systems in-
terpretiert. Die Rede ist von der "Niedergangsperiode" oder der
"allgemeinen Krise" des Kapitalismus. Das Monopol führe zu Sta-
gnation und Fäulnis, die imperialistische Expansion der Monopole
zur Verschärfung und schließlich kriegerischen Austragung inter-
nationaler Konflikte.
Dagegen interpretierte H i l f e r d i n g die Monopolisie-
rungstendenz als Stabilisierungsmoment. Gegen die Destabilisie-
rungsthese kann vor allem eingewandt werden, daß dort der
d o p p e l t e Charakter kapitalistischer Krisen als gesell-
schaftliche Strukturbruch- und Restrukturierungsphasen ausgeblen-
det wird:
"Während die Destabilisierungsthese nicht die Funktion der Krise
als Restrukturierungskrise zur Sicherung der Herrschaftsbedingun-
gen des Kapitals erfassen kann und folglich zum Begriff der All-
gemeinen Krise' gelangt, bleibt der Stabilisierungsthese der Cha-
rakter der Krise als Strukturbruch verborgen." 5) Letztlich ver-
tritt die Leninsche Version der marxistischen Stadientheorie die
Perspektive des Zusammenbruchs des kapitalistischen Systems, die
Hilferdingsche Version dagegen die Perspektive des krisenfreien,
"gebändigten" Kapitalismus.
Dagegen soll im folgenden versucht werden, Umrisse eines alterna-
tiven Ansatzes zur Analyse historischer Entwicklungsphasen vorzu-
stellen. Im Mittelpunkt steht die These, daß sich die Kapitalak-
kumulation über längere Zeiträume stets innerhalb eines histo-
risch spezifischen institutionellen Rahmens vollzieht, der durch
seine Regulierungsleistungen sowohl den ökonomischen Wachstums-
prozeß trägt als auch die reibungslose Reproduktion der kapitali-
stischen Basisstrukturen gewährleistet. Krisentheoretisch rele-
vant ist hierbei die Unterscheidung zwischen "kleinen" Krisen
oder Krisen i n n e r h a l b eines Regulierungstyps und
"großen" Krisen oder Krisen d e s Regulierungstyps. 6)
Während erstere, die den zyklischen Konjunkturkrisen entsprechen,
innerhalb der herrschenden Regulationsweise über rein ökonomische
Mechanismen verarbeitet werden, erfordert die Lösung letzterer
die Entwicklung neuer institutioneller Rahmenbedingungen, m. a.
W. die Umwälzung des bestehenden Regulierungstyps. Diese Trans-
formation charakterisiert die "große" Krise als R e s t r u k-
t u r i e r u n g s k r i s e, die immer auch die Möglichkeit
alternativer Optionen bis hin zur Systemüberwindung, d.h. dem
Bruch mit den Basisinstitutionen kapitalistischer Ökonomie be-
inhaltet.
Da die These der gesellschaftlichen Restrukturierungskrise nicht
auf die "normalen" zyklischen (Konjunktur-)Krisen, sondern auf
überzyklische, anhaltende Krisenphasen zielt, setzt sie offen-
sichtlich zunächst einen ö k o n o m i s c h e n Ansatz voraus,
der beide Krisentypen sowohl in ihrer Trennung als auch in ihrem
Zusammenhang zu erklären vermag. Beide Krisentypen müssen im Kern
aus derselben Logik, d. h. den Funktionsbedingungen kapitalisti-
scher Akkumulation begründet werden. 7)
Ein solcher integraler Bezugsrahmen ist in einem Ansatz zu sehen,
der auf den werttheoretisch begriffenen Z i e l - M i t t e l -
K o n f l i k t kapitalistischer Produktion abstellt. Es handelt
sich allgemein um den Widerspruch, daß der Zweck kapitalistischer
Produktion, die schrankenlose Verwertung von Wert, letztlich nur
durch Methoden erreichbar ist, die diesen Zweck zugleich
konterkarieren. Nimmt man diesen Widerspruch zum Ausgangspunkt,
so ist es u.E. möglich, die in der marxistischen Krisendiskussion
konkurrierenden Erklärungsansätze (Überproduktions-, Überakkumu-
lations- und profit-squeeze-Theorem) zwar nicht gänzlich zu
"versöhnen", doch in einen systematischen Zusammenhang zu brin-
gen. 8)
Kapitalistisches Wachstum beruht auf einem Funktionsmechanismus,
der einen gleichgewichtigen Ablauf notwendig verletzen muß. Es
ist dies die P r o d u k t i o n v o n r e l a t i v e m
M e h r w e r t. Die Ausdehnung der Mehrarbeit via Senkung der
notwendigen Arbeit durch Produktivkraftsteigerung schließt, bezo-
gen auf ein gesellschaftliches Gesamtkapital oder dieses reprä-
sentierende Einzelkapital gegebener Größe, unvermeidlich die Ent-
stehung einer Lücke zwischen Produktionskapazität und effektiver
Konsumnachfrage der Arbeiterklasse ein.
Das Kapital muß, um die Realisierungskrise zu vermeiden, immer
rascher akkumulieren. Dieser Prozeß kommt ins Stocken, wenn die
Profitrate und mit ihr die Investitionsaktivität aufgrund einer
im Zuge expandierender Beschäftigung steigenden Lohnquote unter
Druck gerät. Die Krise ist hier nicht das Ergebnis einer zu hohen
Lohnquote, sondern umgekehrt einer zu schnellen Expansion des Ka-
pitals, die in einer gestiegenen Lohnquote ihren Niederschlag
findet.
Während bei der Erklärung der konjunkturell-zyklischen Krisen Re-
alisierungsprobleme von zentraler Bedeutung sind, müssen für den
Trend wirtschaftlichen Wachstums neben der Akkumulationsrate, die
im engen Zusammenhang mit der langfristigen Bewegung der Pro-
fitrate steht, Richtung und Dynamik des technischen Fortschritts
als entscheidend betrachtet werden.
In der sich auf Kondratieff (1926) 9) zurückbeziehenden aktuellen
Debatte über lange Wellen der Konjunktur wird die Entwicklung des
technischen Fortschritts zwar in den Mittelpunkt gestellt, es
fehlt jedoch die theoretische Bestimmung des in regelmäßigen Zy-
klen von 40 bis 60 Jahren erneute Aufschwünge bewirkenden ökono-
mischen Automatismus - abgesehen von der empirischen Unüberprüf-
barkeit der Existenz solcher Zyklen. 10)
Um lange Wellen wirtschaftlichen Wachtums von den "normalen" Kon-
junkturzyklen nicht nur zeitlich, sondern überdies analytisch ab-
zugrenzen, empfiehlt es sich, auch von Trendschwankungen zu spre-
chen und deren "Wendepunkte" als Trendbrüche zu bezeichnen. Dabei
bedeutet "Trend" die (konjunkturzyklusübergreifende) Entwicklung
des sachlichen Produktionspotentials, während der Begriff
"Konjunktur" sich auf Änderungen im Auslastungsgrad dieses
(wachsenden) Produktionspotentials bezieht. 11)
Der Zusammenhang zwischen Trendentwicklung, Akkumulationsrate und
technischem Fortschritt steht im Mittelpunkt des Marxschen Geset-
zes vom tendenziellen Fall der Profitrate.
Dabei setzte sich in der marxistischen Diskussion die Auffassung
durch, daß das Marxsche Profitratentheorem kein säkulares Bewe-
gungsgesetz der kapitalistischen Produktionsweise beinhaltet,
sondern eher auf eine Analyse von "Entwicklungen für längere
Zeiträume (Entwicklungsphasen)" 12) abzielt. Ob sich als
"Nettoeffekt" der Phasen sinkender und steigender Profitrate eine
säkular sinkende Tendenz ergibt, ist dabei von sekundärem Inter-
esse.
In dem von uns skizzierten theoretischen Kontext wäre die soge-
nannte Profitklemme als eine Form zu begreifen, in der der kri-
sengenerierende Widerspruch zwischen Produktion und Markt -
v e r m i t t e l t über eine b e s c h l e u n i g t e A k-
k u m u l a t i o n, in der er eine vorübergehende L ö s u n g
erhält - letztlich aufbricht.
Die zyklischen Krisen, die hier überproduktionstheoretisch er-
klärt werden, bilden den Ausgangspunkt für technologische Verän-
derungen des Marxschen Typs (Ersatz von lebendiger Arbeit durch
konstantes Kapital), die zu einem Wachstum der Wertzusammenset-
zung des Kapitals und damit zu einem langfristigen Fall der
Durchschnittsprofitrate führen. Wie der empirische Augenschein
zeigt, ist es im Zuge der Nachkriegsentwicklung in der BRD zu ei-
nem Fall der Profitrate und einer Abschwächung des Akkumulations-
tempos gekommen, ein Bruch in der ökonomischen Wachstumsdynamik
ist jedoch erst Anfang der siebziger Jahre feststellbar. 13)
Dieser Umschlag kann u. E. nicht mit dem von Marx von vornherein
als h y p o t h e t i s c h eingestuften Fall der a b s o-
l u t e n Überakkumulation erklärt werden. 14) Unsere These
lautet demgegenüber, daß ein trendmäßiger Fall der Profit- und
Akkumulationsrate, der noch mit einem relativ beschleunigten
Kapitalwachstum, d. h. mit einer steigenden Profitmasse einherge-
hen mag, in W i r k l i c h k e i t in Form einer A k k u-
m u l a t i o n s k r i s e aufbricht, die das Ergebnis einer
Anpassung der G e w i n n e r w a r t u n g e n an die lang-
fristig gesunkene Kapitalrentabilität und die sich verengenden
Spielräume der Steigerung der Profitmasse ist.
3. "Kleine" und "große" Krisen
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Diese sich auf der modelltheoretischen Ebene bewegenden Analy-
seansätze, die hier nur angedeutet werden konnten, müssen zum
Zwecke der Realanalyse mit den jeweiligen konkret-historischen
Fakten vermittelt werden. Dies soll im weiteren näher ausgeführt
werden. In der eingangs erwähnten T h e o r i e d e r
R e g u l a t i o n sehen wir einen tragfähigen Ansatz, der zur
Überwindung der Kluft zwischen Kategorien mit "reinem" Status und
realhistorischen Fakten beitragen kann. Dieses vor allem im Um-
kreis des französischen Marxismus entwickelte Theoriekonstrukt
versucht die Marxsche Analyse des Kapitals im allgemeinen zur De-
chiffrierung der "Bewegungsgesetze der bürgerlichen Gesellschaft"
mit historischen Entwicklungsphasen des Kapitalismus zu vermit-
teln, wobei verschiedene Formen der gesellschaftlichen Reproduk-
tion unterschieden werden. Mit ihrer Betonung des R e s t r u k-
t u r i e r u n g s c h a r a k t e r s "großer" Krisen umgeht
diese Theorie die mit herkömmlichen Stadienmodellen verbundene
Falle, letztlich und manchmal ungewollt eine lineare Entwick-
lungstheorie des Kapitalismus zu formulieren. Dem S t r u k-
t u r b r u c h einer überzyklischen Akkumulationsphase folgt in
der Logik dieser Theorie eine P h a s e d e r T r a n s-
f o r m a t i o n, in der über Richtung, Intensität und Form
einer nächsten Akkumulationsphase entschieden wird. Anstelle
unterschiedlicher Stadien differenziert dieses Konzept verschie-
dene Phasen kapitalistischer Entwicklung, ohne die problematische
Behauptung eines zunehmenden Reifungsprozesses des Kapitalismus
und eines objektiv notwendig werdenden Übergangs zum Sozialismus
noch die These einer "allgemeinen Krise des Kapitalismus"
aufzustellen. Wir wollen die Grundidee dieses Konzeptes im
folgenden kurz skizzieren. Eine Schlüsselstellung innerhalb
dieser Theorie nimmt der Begriff des Lohnverhältnisses ein, mit
dem der Warencharakter der menschlichen Arbeitskraft und der ge-
sellschaftliche Zwang zum Verkauf der Arbeitskraft auf mehreren
Ebenen thematisiert wird:
- als historischer Prozeß der Entstehung des doppelt freien Lohn-
arbeiters;
- als Organisationstypus des Arbeitsmarktes und damit des Grades
der Kontrolle der Arbeiter über ihre Qualifikationen sowie als
Maß der Einschränkung der Konkurrenz zwischen den Lohnabhängigen;
- als Form der Entlohnung und des Mischungsverhältnisses zwischen
direkten und indirekten, also leistungsbezogenen und sozialpoli-
tischen Lohnelementen;
- als Verhältnis von kapitalistischen, vorkapitalistischen und
nichtkapitalistischen Formen der Reproduktion der Arbeitskraft
sowie der Beziehungen zwischen privat-familialem und kollektivem
Konsum.
Die sich entlang diesen Dimensionen ergebenden Ensemble von
Strukturbeziehungen lassen sich als historische Formen der Regu-
lation des Lohnverhältnisses fassen, die dann das Kriterium für
unterschiedliche Entwicklungsphasen des Kapitalismus abgeben kön-
nen. Dank der zentralen Stellung des Lohnverhältnisses erlaubt
dieses Konzept, die vielen marxistischen Krisentheorien mit eini-
gem Recht zum Vorwurf gemachte Dichotomisierung von Produktions-
und Realisationssphäre gesellschaftlicher Reproduktion zu über-
winden, ohne in die Falle der Unterkonsumtion oder des allein
nachfragetheoretischen Keynesianismus zu laufen, vielmehr können
beide Bereiche, die Produktions- und Realisierungssphäre, quanti-
tativ und qualitativ miteinander verknüpft werden. Indem das Kon-
zept der Regulation außerdem den Formaspekt gesellschaftlicher
Reproduktion hervorhebt, sind die historischen Analysen auch ge-
gen einen vorschnellen modelltheoretischen Ökonomismus gefeit.
Und schließlich wird die ökonomisch-technologische Veränderungs-
dynamik, die die Theorien der langen Wellen dominiert, in einen
untrennbaren Zusammenhang mit der sozialen Entwicklungsdynamik
gestellt.
Die Grundidee dieses Konzeptes läßt sich in der These zusammen-
fassen, daß sich der Prozeß der Kapitalakkumulation über längere
Zeiträume stets innerhalb eines historisch spezifischen Regulie-
rungstyps vollzieht, der durch die institutionelle Verarbeitung
der dem kapitalistischen System innewohnenden Widersprüche ein
weitgehend reibungsloses ökonomisches Wachstum sichert. Während
"kleine" oder zyklische Krisen innerhalb der herrschenden Regu-
lierungsformen ihre Bewegungsformen finden, sprengen "große" Kri-
sen diese Formen und treiben während der Transformationsphase
neue Modi der gesellschaftlichen Reproduktion hervor. Diese Dif-
ferenzierung von Krisentypen läßt sich logisch adäquat und, wie
wir meinen, auch realanalytisch in den von uns formulierten theo-
retischen Zusammenhang von Zyklus und Trend einbauen. Die zykli-
sche oder "kleine" Krise wurde von uns mit einer Profits-squeeze-
These begründet. Die mit der zyklischen Krise verbundene Freiset-
zung von Arbeitskräften und der Rückgang gewerkschaftlicher Ver-
handlungsmacht senken die Lohnquote und schaffen verteilungssei-
tig die Bedingungen für einen neuen Aufschwung. Indem die Unter-
nehmen durch die Neuanlage von fixem Kapital in dieser Situation
auch die Produktionsbedingungen von Profit zu verändern und die
Arbeitsproduktivität innerhalb der bestehenden technologischen
Produktionslinien zu steigern versuchen, werden im Prozeß der zy-
klischen Bereinigung aber auch bereits die Keime zukünftiger Ver-
wertungsprobleme bereitet. Das Terrain der Kapitalakkumulation
erfährt von Zyklus zu Zyklus eine Veränderung. Die moderne Inno-
vationsforschung konnte zeigen, daß diese Anstrengungen zur Ver-
besserung der technologischen Produktionsbedingungen in der Phase
des überzyklischen Aufschwungprozesses sich in der Tat auf be-
reits existierende Produktionslinien beziehen, also Produktinno-
vationen gegenüber Prozeßinnovationen seltener sind. 15)
In den zyklischen Bereinigungsprozessen wird der krisengenerie-
rende Widerspruch zwischen Produktion und Markt demnach nur vor-
übergehend aufgelöst - um den Preis einer Kumulation von Problem-
lagen für die Verwertung von Kapital, die sich in der "großen"
Krise Luft verschaffen. Mit der von Zyklus zu Zyklus relativ
wachsenden Kapitalintensität industrieller Produktion, die von
den Zuwächsen der Arbeitsproduktivität nicht mehr kompensiert
wird, wird der steigende Kapitalkoeffizient zu einem Hindernis
für das Gelingen beschleunigter Akkumulation. Der kapitalinten-
sive Akkumulationsprozeß, der gerade durch die zyklischen Berei-
nigungen generiert wird, kann infolge der Ausschöpfung von Pro-
duktivitätsreserven und dem damit verbundenen Rückgang der Zu-
wächse der Mehrwertrate sowie der gesunkenen Profitrate nicht
länger aufrechterhalten werden. In der "großen" Krise werden
nicht allein die Verteilungsrelationen zwischen Lohn- und Pro-
fiteinkommen und die Aufteilung des Profits in Zins- und Unter-
nehmereinkommen neu bestimmt, sondern auch die Regulierungsformen
des Lohnverhältnisses - in qualifikatorischer, lohnförmiger, ju-
ristischer oder sozialpolitischer Hinsicht - restrukturiert. Im
Unterschied zu den zyklischen Bereinigungsprozessen, bei denen
vor allem die durch die entstehende Arbeitslosigkeit veränderten
Macht- und Verhandlungspositionen auf dem Arbeitsmarkt vertei-
lungsseitig die Bedingungen für einen neuen zyklischen Aufschwung
schaffen, werden im Zuge der "großen" Krise die gesellschaftli-
chen Formen der Reproduktion einem Transformationsdruck ausge-
setzt. Soziale und technologisch-stoffliche Innovationen inner-
halb bestehender Produktionslinien schaffen sich genauso Raum wie
versucht wird, neue Verwertungssphären zu erschließen - ohne daß
diese allerdings zeitlich oder inhaltlich aufeinander
"abgestimmt" wären. Durch die kapitalistische "Landnahme" (Lutz)
noch nicht erschlossener Bereiche wird der Versuch unternommen,
neue Entwicklungsperspektiven für kapitalistische Produktion zu
erschließen.
Der Strukturbruch mit dem bisherigen Akkumulationsmodell defi-
niert zugleich den Raum für gesellschaftliche Auseinandersetzun-
gen, die über die Ausgangsbedingungen einer neuen Expansionsphase
entscheiden. Bei diesen Auseinandersetzungen geht es - wie sich
auch aktuell zeigt - nicht allein um Quantitäten, sondern auch um
Form und Richtung zukünftiger Entwicklungen. In der Phase der
Transformation kommt weder ein technologischer noch ein ökonomi-
scher Automatismus zur Wirkung. Auch dies unterscheidet "kleine"
und "große" Krisen voneinander. Wirken im ersten Falle neben dem
Mechanismus der industriellen Reservearmee auch noch built-in-
stabilizers in Gestalt eines sozialen Sicherungssystems oder ei-
ner produktivitätsorientierten Nominallohnnorm als gegenläufige
Stabilisierungsmechanismen, so gibt es im zweiten Falle entspre-
chende strukturelle Korrekturparameter nicht. Zur Disposition
stehen in der "großen" Krise nicht allein die Höhe sozialstaatli-
cher Leistungen, sondern die Form des Sozialstaates an sich.
4. ökonomische Blockaden für einen neuen Aufschwung
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Daß in der "großen" Krise die institutionellen Rahmenbedingungen
der Kapitalakkumulation zur Disposition stehen, beruht nicht zu-
letzt auf ökonomischen Blockaden, die eine Lösung der Krise über
rein ökonomische Anpassungs- und Bereinigungsprozesse verhindern.
Ein solcher Automatismus wird vor allem von der innerhalb der
Langen-Wellen-Diskussion in verschiedenen Versionen entwickelten
Innovationshypothese nahegelegt. Ihr generelles Argument lautet,
daß es Basisinnovationen und vor allem Produktinnovationen sind,
die neue Märkte und hohe Einkommens- und Beschäftigungseffekte
generieren. Infolge der Input-Output-Verflechtung der Ökonomie
sind Produktinnovationen jedoch immer auch Prozeßinnovationen.
Nur für Produkte, die ausschließlich Konsumgüter sind, trifft
dieser Doppeleffekt nicht zu. Gegenwärtig stellt die Mikroelek-
tronik die einzige neue Basistechnologie dar, die bereits Mitte
der 70er Jahre technische Anwendungsreife erreicht hat. Sie wird
von den Unternehmen vorrangig als radikale Rationalisierungstech-
nologie genutzt. Der wesentliche Grund dafür ist ein verändertes
Investitionsverhalten der Unternehmen seit Anfang der 70er Jahre,
das durch ein relatives Übergewicht von Rationalisierungs- gegen-
über Erweiterungsinvestitionen gekennzeichnet ist. Dieses Inve-
stitionsverhalten muß vor dem Hintergrund der überzyklischen Ak-
kumulationskrise interpretiert werden: durch technologische Mo-
dernisierung und entsprechende Stückkostensenkung versuchen die
Unternehmen ihre Marktpositionen zu halten und ihre individuelle
Rentabilität zu verbessern. Da gleichzeitig die Investitionsakti-
vität insgesamt abgenommen hat, führt aber das relative Überge-
wicht der Rationalisierungsinvestitionen dazu, daß die Kapitalin-
tensität rascher wächst als der Kapitalstock. Die Folge ist, bei
weitgehend unveränderter Arbeitszeit, ein Abbau von Beschäftigung
und effektiver Nachfrage. Diese Nachfragereduktion, welche selbst
ein Reflex des technologischen Kostensenkungs- und Verdrängungs-
wettbewerbs ist, zeigt sich in der Bundesrepublik in einem lang-
sameren Wachstum des Sozialprodukts im Vergleich zu dem der ge-
samtwirtschaftlichen Arbeitsproduktivität. Betrachtet man nur den
Bereich der Industrie, für den diese Produktions-Produktivitäts-
Schere auch in anderen Ländern nachweisbar ist, 16) so läßt sich
in bezug auf die BRD eine weitgehende Konstanz des Produktivi-
tätstempos in den letzten dreißig Jahren feststellen. Dieser re-
lativ unveränderte Trend des Produktivitätsfortschritts ist
gleichsam das Ergebnis zweier gegenläufiger Einflüsse: der gene-
rell verlangsamten Akkumulationsaktivität seit den 70er Jahren,
welche eher negativ auf das Produktivitätswachstum wirkt, bei
gleichzeitiger Zunahme produktivitätssteigernder Rationalisie-
rungsinvestitionen.
Wir haben an anderer Stelle 17) ausführlich dargelegt, daß eine
Schließung dieser Produktions-Produktivitäts-Schere allein über
marktwirtschaftliche Mechanismen - z. B. die Kompensationseffekte
in der "Rationalisierungsgüterproduktion" (sog. Maschinenherstel-
lungsargument) oder einen rationalisierungsbedingten kapitalspa-
renden technischen Fortschritt (Senkung des Kapitalkoeffizienten)
- wenig wahrscheinlich ist. Vielmehr verfängt sich das ökonomi-
sche System in einem pathologischen Stagnationszirkel, welcher
Hoffnungen auf einen rein technologischen Ausweg aus der Krise
untergräbt. Noch stärker kann dieses Vertrauen erschüttert wer-
den, wenn man jene Blockaden untersucht, die sich aus der Ent-
koppelung von realer und monetärer Akkumulation in der gegenwär-
tigen Stagnationsphase ergeben.
Um dieses Argument zu entfalten, ist es notwendig, die bisher
ausgeklammerte Realität des internationalen Geld- und Kreditsy-
stems in die Überlegungen einzubeziehen. Die Internationalisie-
rung der Geld- und Kreditmärkte begann bereits in den 50er und
60er Jahren und setzte sich nach der Freigabe der Wechselkurse im
Jahre 1973 beschleunigt fort. Sie hat bis Anfang der 80er Jahre
eine Situation geschaffen, die mit Scharpf 18) treffend als
"Verlust der nationalen Zinssouveränität" bezeichnet werden kann.
Dieser Souveränitätsverlust nationalstaatlicher Geldpolitik er-
wies sich vor dem Hintergrund ansteigender Realzinsen in allen
kapitalistischen Ländern seit 1979 als ein wesentliches Hindernis
für eine beschleunigte Akkumulation. Zinssenkungen im national-
staatlichen Alleingang waren wegen drohender Kapitalabflüsse und
entsprechender Abwertungen, die die Gefahr einer Abwertungs-In-
flations-Spirale beinhalten, kaum möglich.
Das hohe Realzinsniveau, dessen Ursachen noch zu erläutern sein
werden, hat einerseits die user costs of capital drastisch ver-
teuert und andererseits die Attraktivität von Finanzinvestitionen
erhöht. Deutlich zeigt sich dies im Rückgang des Anteils der Net-
toinvestitionen an den Unternehmergewinnen: in der BRD ist er von
39,9 Prozent im Jahre 1973 auf 25,6 Prozent in 1982, in den USA
von 30,5 Prozent auf 11,5 Prozent und in Großbritannien sogar von
31,5 Prozent auf 10,6 Prozent gesunken. Dieser Rückgang verdeut-
licht schlagend die Bedeutung des Zinssatzes für das private In-
vestitionsverhalten. In Anlehnung an Keynes kann angenommen wer-
den, daß die Unternehmen ihre reale Investitionsaktivität erhö-
hen, wenn die erwarteten Profite auf Investitionen (marginale Ka-
pitalrentabilität) den Kapitalmarktzinssatz - die Verwertungsrate
für langfristige zinstragende Kapitalanlagen - übersteigen. Im
Unterschied zu Keynes ist allerdings mit Marx davon auszugehen,
daß die Profiterwartungen der Unternehmen nicht bloß vom "Zustand
des Vertrauens" 19) abhängen, sondern ihre materielle Basis in
der durchschnittlichen Kapitalrentabilität haben, in der sich die
Produktions- und Realisierungsbedingungen von Profit synthetisch
ausdrücken. Allerdings kann dieser Zusammenhang durch Unsicher-
heitsmomente, die selbst durch die Krise bestimmt sind, kurzfri-
stig durchbrochen werden. Es stellt sich nun die Frage nach den
Ursachen des hohen Realzinsniveaus seit Ende der 70er Jahre, das
zur Verselbständigung der Geldkapital- gegenüber der Realkapital-
bildung geführt hat.
Bis Anfang der 70er Jahre war das Zinsniveau im Trend noch nied-
rig und hat positiv auf den realen Akkumulationsprozeß gewirkt.
Durch hohe Inflationsraten und den Kollaps des Wechselkursregimes
von Bretton Woods sowie den gleichzeitigen Eintritt in die Welt-
wirtschaftskrise wurde jedoch von den nationalen Notenbanken ver-
stärkt eine restriktive Geldpolitik eingeleitet. In dieser Situa-
tion sahen sich die Unternehmen, die gleichzeitig einen krisen-
haften Rückgang ihrer Kapitalrentabilität verzeichneten, veran-
laßt, ihre Profite zu einem erheblichen Teil zur Verringerung ih-
rer Fremdverbindlichkeiten zu verwenden. Ziel dieser Strategie
war, auf diesem Wege ihre cash-flow-Position zu verbessern, die
durch hohe Nominalzinssätze unter Druck geraten war. In dieser
Phase ging es den Unternehmen vorrangig nicht um einen Vergleich
zwischen Kapitalrentabilität und Realzinssatz. So war nach Be-
rechnungen der OECD die "pure" Profitrate Mitte der 70er Jahre
noch positiv. Vielmehr strebten die Unternehmen eine Ökonomisie-
rung ihrer liquiden Mittel in einer Situation hoher Unsicherheit
an. Die verfügbaren Mittel wurden in kurzfristige Finanzanlagen
investiert, denen primär die Funktion der Wertaufbewahrung zukam.
Kehrseite dieser nicht-investiven Verwendung der Akkumulations-
fonds war der Aufbau einer "Plethora von Geldkapital" (Marx) im
nationalen und internationalen Bankensystem. Durch die Petro-Dol-
larüberschüsse der OPEC-Länder wurde dieses Volumen internationa-
ler Liquidität noch ausgeweitet. 20)
Diese Liquidität, die überwiegend aus kurzfristigen Einlagen be-
stand, bildete die Basis für die Vergabe langfristiger Kredite
vor allem an Länder der Dritten Welt, die auf den ersten Blick
eine Strategie der "verschuldeten Industrialisierung" verfolgten.
Mit der Weltwirtschaftskrise seit Mitte der 70er Jahre stieß je-
doch diese Strategie auf Grenzen. So wurden zunächst die Export-
möglichkeiten beschnitten, um die für den Schuldendienst erfor-
derlichen Deviseneinnahmen zu erwirtschaften. Die Folge war eine
wachsende Nachfrage nach Neukrediten und entsprechend ein Anstieg
des internationalen Zinsniveaus, der durch Risikoaufschläge der
Banken stabilisiert wurde. Zu diesem Zinsdruck nach oben, der
durch die innerhalb der Metropolen selbst gestiegene Zahlungsbi-
lanzkreditnachfrage zusätzliche Antriebe erhielt, kam ein wei-
teres Problem. Da ca. drei Viertel aller Kredittransaktionen in
US-Dollar vorgenommen werden, erhöhte sich mit dem zusätzlichen
Kreditbedarf auch die Nachfrage nach dieser Währung. Das Ergebnis
war die Ende der 70er Jahre einsetzende Aufwertung des US-Dollars
auf den internationalen Devisenmärkten. Mit dieser Entwicklung
sind zwei Konsequenzen verbunden, die in unserem Zusammenhang von
zentraler Bedeutung sind:
E r s t e n s stellen Finanzinvestitionen aufgrund des verfe-
stigten Zinsniveaus inzwischen eine lukrative Verwertungsalterna-
tive dar. Die liquiden Fonds werden daher - im Unterschied zur
ersten Phase des Krisenprozesses - nicht aus Unsicherheitsgründen
bloß "geparkt", sondern unter ertragswirtschaftlichen Gesichts-
punkten angelegt. In Verbindung mit der vorherrschenden Rationa-
lisierungskonjunktur befestigt diese Verselbständigung der Geld-
kapitalbildung die Stagnation der realen Akkumulation und bewirkt
eine Änderung des Zyklenmusters.
Z w e i t e n s haben das Hochzinsniveau und die Dollaraufwer-
tung die Labilität der kapitalistischen Weltwirtschaft zusätzlich
erhöht. So hat die Aufwertung des Dollars das Handelsbilanzdefi-
zit der USA derart vergrößert, daß das durch die hohen Zinsen an-
gelockte Geldkapital zunehmend der Finanzierung der Warenimport-
überschüsse dient. Darüber hinaus werden die Kapitalimporte durch
die steigende Staatsverschuldung absorbiert, in der sich die An-
strengungen der Reagan-Administration zur Restabilisierung der
militärischen Hegemonie der USA ausdrücken. Das Ergebnis dieser
Entwicklung ist, daß die US-Banken die von ihnen gehaltene inter-
nationale Liquidität immer weniger zur Versorgung der Weltwirt-
schaft und vor allem der verschuldeten Entwicklungsländer verwen-
den. Zwischen den USA und den Schuldnerländern entbrannte daher
ein Wettlauf um anlagesuchendes Geldkapital, das das hohe Zinsni-
veau stabilisierte und dessen erfolgreicher Ausgang zugunsten der
USA unmittelbarer Anlaß der Schuldenkrise des Jahres 1982 war.
Die seit 1986 beobachtbare Dollarabwertung und Zinssenkung mögen,
in Verbindung mit dem gleichzeitig fallenden Rohölpreis, gegen
diese Schlußfolgerungen sprechen. Doch der Schein trügt. War die
allein schon aufgrund des erdölintensiven Wachstumstyps der kapi-
talistischen Metropolen marktpolitisch durchsetzbare Anhebung der
Rohölpreise Anfang der 70er Jahre durch die OPEC-Staaten auch
eine Reaktion auf die Entwertung des "Petro-Dollars" durch die
Inflation in den kapitalistischen Industrienationen und den Kurs-
verfall des Dollars im System von Bretton-Woods, so ist der ge-
genwärtig feststellbare Rückgang des Dollarpreises für Rohöl vor
allem eine verspätete Anpassung an den sowohl krisen- als auch
einsparbedingt gesunkenen Energieverbrauch in den rohölimportie-
renden Industrieländern. Angesichts der nach wie vor ungelösten
internationalen Verschuldungsprobleme, die durch den Rohölpreis-
verfall - wie im Falle von Mexiko - sogar noch verschärft werden,
ist aber mit einer mittelfristigen Fortsetzung der Zinssenkung
und Dollarabwertung kaum zu rechnen. Nicht zuletzt die
"Zwillingsdefizite" der USA markieren eine nicht unterschreitbare
Untergrenze sowohl des US-amerikanischen und damit internationa-
len Zinsniveaus als auch des Wechselkurses des Dollars.
5. Fazit
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Ein ökonomischer Mechanismus, der das Vertrauen auf einen techno-
logischen Ausweg aus der Krise rechtfertigen könnte, läßt sich
nicht benennen. Diese These setzt der neokonservativen Politik
einer Modernisierung der Volkswirtschaft enge Grenzen. Mögliche
Expansionswirkungen technologischer Neuerungen bleiben infolge
der Produktions-Produktivitäts-Schere äußerst beschränkt. Eine
denkbare exportseitige Wachstumsdynamik findet ihre Grenze in den
krisenhaften Strukturen des realen und monetären Weltmarktes. Vor
allem die monetäre Despotie der USA, wie sie in der seit 1984/85
eingenommenen Nettokapitalimportposition zum Ausdruck kommt,
stellt ein Krisenpotential dar, dessen Tragweite heute u.U. noch
gar nicht präzise abzuschätzen ist. Aber nicht allein die ökono-
mischen und wirtschaftspolitischen Manöver der USA bewirken eine
ständige Destabilisierung des weltwirtschaftlichen Akkumulations-
zusammenhangs. Ein aktueller Testfall für die Stabilität der ka-
pitalistischen Weltwirtschaft ist der dramatische Rückgang des
Weltmarktpreises für Rohöl, der im übrigen in recht plastischer
Weise die Strukturveränderungen der letzten Jahre konturiert.
Auch wenn diese Preisbaisse in mittlerer Frist wieder überwunden
wird, zeigt sich an diesem Beispiel doch die labile Verfassung
des Weltmarktes. Was für die Käufer dieses Produkts den Kostpreis
ihrer Produktion senken mag, zeitigt bei den Verkäufern weitrei-
chende Einnahmenausfälle. Diese bewirken nicht nur eine weitere
Abnahme der zur Anlage verfügbaren freien internationalen Liqui-
dität, sondern verschärfen auch die Instabilitäten der kapitali-
stischen Weltwirtschaft. Sehr schnell zu spüren bekommen hat dies
Großbritannien, der derzeit zweitgrößte Erdölproduzent der Welt,
dessen Währung eine rasante Talfahrt erlebt. Besonders betroffen
ist beispielsweise ein Land wir Mexiko, das nicht allein den
größten Teil seiner Deviseneinnahmen aus dem Verkauf von Erdöl
erzielt, sondern mit mittlerweile knapp 100 Mrd. US-Dollar zu den
größten Schuldnern zählt (nach den USA und Brasilien). Erst un-
längst wurde von der mexikanischen Regierung angekündigt, in die-
sem Jahr keine Zinszahlungen zu leisten (Tilgungszahlungen sind
bereits seit einiger Zeit via Umschuldungen in die Zukunft ver-
schoben). Dies ist selbstverständlich ein überaus kritischer
Punkt für das Bankensystem: Müßten die Kredite - bezogen auf das
US-Bankensystem - nämlich abgeschrieben werden, dann wäre eine
breitere Konkurswelle zu erwarten.
Diese Entwicklung, den worst case eines internationalen Bankenzu-
sammenbruchs einmal ausgeschlossen, wird auf alle Fälle Auswir-
kungen auf das Zinsniveau und auch die Wechselkursstrukturen ha-
ben: Das Unsicherheitsmoment bei Investitionsentscheidungen wird
neue Nahrung erhalten und, so die Vermutung, das von uns be-
schriebene Investitionsverhalten weiter perpetuieren.
Unsere These der Nichtexistenz eines ökonomischen Mechanismus zur
Lösung der Krise bedarf zweier weiterer Präzisierungen:
E r s t e n s verkennen wir damit nicht die seit einigen Jahren
laufenden Umstrukturierungen nationaler Produktionsprozesse, die,
wie sich zeigt, zu steigenden Profitquoten und Profitraten führen
können. Wir wollen lediglich darauf verweisen, daß dieses Ent-
wicklungsmuster das Beschäftigungsproblem in keiner Weise wird
lösen können und damit die Handlungsbedingungen gewerkschaftli-
cher Politik, wird nicht der Weg einer reinen Partikularvertre-
tung beschritten, weiter erschweren wird.
Z w e i t e n s verweist das Fehlen eines ökonomischen Mechanis-
mus mit Nachdruck auf die Politikhaftigkeit eines solchen Weges,
also auch auf seine Gestaltungsfähigkeit.
Allerdings sind viele potentielle Politikparameter der nationalen
Kontrolle und Steuerbarkeit entzogen. Konzepte einer Modernisie-
rung sozialdemokratischer und/oder grüner Provenienz greifen
insofern zu kurz, als sie sich allein auf die BRD-Ökonomie be-
schränken. Für die beiden Erstgenannten gilt - trotz aller Unter-
schiede -, daß letztlich allein versucht wird, dem BRD-Kapital
eine möglichst gute Ausgangsposition im internationalen Konkur-
renzkampf zu verschaffen, und zwar mittels Produkt- und Prozeßin-
novationen. Im weltwirtschaftlichen Kontext gesehen, handelt es
sich um offensive beggar-thy-neighbour-Politiken, die, soweit
sich nationale Gewerkschaftsbewegungen daran aktiv beteiligen,
auch die nationalen Arbeiterbewegungen miteinander in Konkurrenz
setzen. Technologische Innovationen sind nun aber nicht auf die
industriellen Sektoren beschränkt, sondern erstrecken sich auch
auf das Feld des tertiären Sektors, der Dienstleistungen im wei-
testen Sinne. Das Schlagwort der Informationsgesellschaft sugge-
riert gar, daß die Produktion immaterieller Informationen schon
in naher Zukunft die Produktion materieller Waren übertreffen
wird. Zu den Dienstleistungen gehören nicht allein informations-
produzierende Sektoren, sondern bekanntlich auch die traditionel-
len dienstleistenden Bereiche. In den USA ist es wesentlich die-
ser Sektor, dem das rapide Wachstum der Beschäftigung zu verdan-
ken ist: Die Kommodifizierung vieler bislang nicht-marktförmig
organisierter Bereiche des gesellschaftlichen Lebens hat einen
unvergleichlich größeren Anteil am Beschäftigungszuwachs in den
USA als die neugeschaffenen Arbeitsplätze im High-Tech-Sektor.
Der Kapitaleinsatz ist in diesen Bereichen relativ gering; aller-
dings ist auch das Arbeitsproduktivitätsniveau niedrig. Für eine
Expansion dieses Sektors ergibt sich daraus folgende Vorausset-
zung: Hohe Zuwachsraten und damit Beschäftigungsmengen sind nur
zu realisieren, wenn Löhne (und Lohnnebenkosten) im Vergleich zu
den Lohnkosten anderer Bereiche ausgesprochen niedrig sind. Dies
genau ist in den USA der Fall: Diese Jobs sind schlecht bezahlte,
abrufbare Teilzeitarbeitsplätze, ohne sozialstaatliche Absiche-
rungen, ohne gewerkschaftliche Schutzmöglichkeiten. Also mit Si-
cherheit kein gewünschter Weg aus der Beschäftigungskrise.
Soweit es um produktionsbezogene Dienstleistungen geht, dürften
die Beschäftigungshoffnungen nicht allzu rosig aussehen. Denn die
neuen Technologien zeichnen sich gerade dadurch aus, daß sie
einen Gutteil der Rationalisierungsbarrieren beispielsweise im
Büro- oder auch Bankenbereich durchbrechen. Erhöhte Freisetzungen
sind also auch hier zu erwarten. Bliebe das schwedische Modell
einer Ausweitung der unter staatlicher Regie organisierten
Dienstleistungen, vor allem der sozialen Dienste. Scharpf hat für
diese Krisenüberwindung mit Recht darauf verwiesen, daß dieses
Modell nur geringe Chancen einer Übertragbarkeit hat, vor allem,
weil es in einer Weise finanziert ist, wie dies in absehbarer
Zeit in der Bundesrepublik nicht vorstellbar ist. Wir wollen
nicht in schierem Pessimismus machen. Auch scheint uns die
Schlußfolgerung von Scharpf - es gibt für den Rest des Jahrzehnts
für die Massenarbeitslosigkeit keine technokratische, sondern al-
lenfalls eine moralische Lösung, welche ein von der gesamten Ge-
sellschaft getragenes Solidaropfer erfordert - in die falsche
Richtung einer linken Austerität zu führen. Einem Teil der Aussa-
gen Scharpfs können wir gleichwohl zustimmen: Technokratische Lö-
sungen aus der Krise gibt es nicht - genausowenig wie ökonomische
Automatismen. Der Ausgang der "großen" Krise der achtziger Jahre
hängt wesentlich von dem mit der "konservativen Wende" schon
längst eingesetzten Kampf um die politisch-institutionellen Rah-
menbedingungen der weiteren ökonomischen Entwicklung ab. Diesen
Kampf allerdings mit Rückzugsgefechten auf die Bastionen des so-
zialstaatlich-keynesianischen Akkumulationsmodells der Prosperi-
tätsphase führen zu wollen, wäre ein fataler Irrtum, der nur zu
Lasten der linken Kräfte gehen würde.
_____
1) Vgl. O. Jacobi, Über Gewerkschaften und Krise. Eine verglei-
chende empirische Analyse, in: Leviathan 2/84.
*) Aus Platzgründen können hier nur die Ergebnisse sowohl der
Auseinandersetzung der Autoren mit der Stadientheorie als auch
der ausführlichen krisentheoretischen Analysen verkürzt darge-
stellt werden. Die entsprechenden ausführlichen Passagen des Ma-
nuskripts wurden durch die Redaktion des Jahrbuchs - mit Zustim-
mung der Autoren - zusammengefaßt.
2) Rudolf Hilferding, Das Finanzkapital, 2 Bd., Wien 1910. Hier
zitiert nach dem Reprint der EVA, Frankfurt/M. 1968.
3) W.I. Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapita-
lismus, in: Lenin Werke, Bd. 22, Berlin/DDR 1960, S. 199-309.
4) Paul Alexander Baran / Paul M. Sweezy, Monopoly Capital, 1966.
Hier zitiert nach der deutschen Übersetzung, Monopolkapital. Ein
Essay über die amerikanische Wirtschaft und Gesellschaftsordnung,
Frankfurt/M. 1973.
5) Elmar Altvater, Der Kapitalismus vor einem neuen Aufschwung?,
in: Wirtschaft und Gesellschaft. Festschrift für Theodor Prager
und Philipp Rieger, Wien 1982, S. 215.
6) Ders., Der Kapitalismus in einer Formkrise. Zum Krisenbegriff
in der politischen Ökonomie und ihrer Kritik, in: Argument-Son-
derband AS 100, Berlin, S. 95ff. Vgl. auch A. Lipietz, Akkumula-
tion. Krisen und Auswege aus der Krise. Einige methodische Über-
legungen zum Begriff der "Regulation", in: Prokla 58, Berlin
1985, S. 113.
7) Kurt Hübner, Warum dauert die Krise so lange?, in: J. Hoffmann
(Hrg.), Überproduktion, Unterkonsumtion, Depression. Analysen und
Kontroversen zur Krisentheorie, Hamburg 1980, S. 191.
8) Vgl. Michael Stanger, Konjunkturzyklus und Wachstumstrend.
Überlegungen zur Analyse von Krisentendenzen der Kapitalakkumula-
tion, FU Berlin 1984 ff, unv. MS.
9) N.D. Kondratieff, Die langen Wellen der Konjunktur, in: Archiv
für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, Bd. 56, Tübingen 1926.
10) Vgl. Michael Stanger, a.a.O.
11) R. Spree, Wachstumstrends und Konjunkturzyklen in der deut-
schen Wirtschaft von 1820 bis 1913, Göttingen 1978, S. 32 f.
12) J. Glombowski, Kritische Kommentare zur Akkumulationstheorie,
in: J. Berger / Ch. Wehrzig (Hrsg.), Was bleibt von Marx? Eine
Rückschau der Marx-Rezeption nach der Studentenbewegung, Mehrwert
Nr. 25, Berlin 1984, S. 70.
13) Vgl. Dirk Ipsen, Die Stabilität des Wachstums. Theoretische
Kontroversen und empirische Untersuchungen zur Destabilisierung
der Nachkriegsentwicklung, Frankfurt/New York 1983, S. 210 f.
14) Joachim Bischoff/ S. Krüger, Überakkumulation und industriel-
ler Zyklus, in: J. Hoffmann, a.a.O., S. 153 f.
15) Vgl. Jon Clark / C. Freeman / L. Soete, Long Waves, Inven-
tion, and Innovations, in: Freeman (ed.) 1984, p. 63-77.
16) Vgl. Elmar Altvater/K. Hübner/M. Stanger, Alternative Wirt-
schaftspolitik.
17) Kurt Hübner/M. Stanger, Ein technologischer Ausweg aus der
Krise?, in: Gewerkschaftliche Monatshefte 6/86.
18) Fritz W. Scharpf, Wirtschaftspolitische Optionen zur Überwin-
dung der Arbeitslosigkeit, in: Arbeit 2000, Hamburg 1985, S. 12.
19) John M. Keynes, Allgemeine Theorien der Beschäftigung, des
Zins und des Geldes, Berlin 1936, S. 125.
20) Alexander Schubert, Die internationale Verschuldung. Die
Dritte Welt und das transnationale Bankensystem, Frankfurt/M.
1985, S. 38 ff.
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