Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 11/1986


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NEUE TECHNIK - NEUE AUSBEUTUNGSFORMEN - LAGE DER ARBEITERKLASSE. ERGEBNISSE EINER INTERNATIONALEN TAGUNG

André Leisewitz Das IMSF und die Zeitschrift "Probleme des Friedens und des So- zialismus" (Prag) veranstalteten am 19./20. März 1986 in Frank- furt/M. ein gemeinsames internationales Symposium "Der wissen- schaftlich-technische Fortschritt und die Lage der Arbeiterklasse der kapitalistischen Länder (80er Jahre)". An dieser Tagung nah- men Vertreter von zehn kommunistischen und Arbeiterparteien kapi- talistischer Länder 1) sowie eine Reihe marxistischer Wissen- schaftler des In- und Auslandes teil. Im Mittelpunkt stand ein Meinungsaustausch über neue Probleme im Ausbeutungsmechanismus des Kapitals und die Lage der Arbeiterklasse unter den Bedingun- gen des wissenschaftlich-technischen Fortschritts. Ein vom IMSF ausgearbeitetes Vorbereitungsmaterial, das sich auf Veränderungen im Kapitalismus der achtziger Jahre, auf neue Ausbeutungsformen und Kampfprobleme der Arbeiterbewegung in der Bundesrepublik be- zog, diente als allgemeine Diskussionsgrundlage. Der Verlauf der Tagung unterstrich, wie notwendig die Einstellung der Arbeiterbewegung auf jene Veränderungen ist, die sich inter- national in der Entwicklung des staatsmonopolistischen Kapitalis- mus seit den siebziger Jahren vollzogen haben. Diese Veränderun- gen können als Ausprägung eines neuen Krisentyps gefaßt werden, der in starkem Maße durch stagnative Tendenzen der Wirtschafts- entwicklung und strukturelle Überakkumulation, durch verstärkte Internationalisierung des Kapitals und einen massiven Schub bei der Einführung neuer Technologien gekennzeichnet ist. In den mei- sten entwickelten kapitalistischen Ländern realisiert sich diese Entwicklung auf der staatlich-politischen Ebene über eine scharfe Austeritätspolitik und das Konzept der weltmarktorientierten Mo- dernisierung. Damit sind Massenarbeitslosigkeit, Sozialabbau, An- wendung der neuen Technik zur Intensivierung des Ausbeutungspro- zesses und Druck auf die Arbeiterbewegung verbunden. Der internationale Vergleich, wie ihn die Tagung bot, hat für die Erfassung dieser Prozesse viele Vorteile. Er läßt aus dem Mosaik der Einzeldarstellungen nicht nur stärker die Grundtendenzen die- ser aktuellen Entwicklungen, sondern auch die jeweils konkreten und besonderen Bedingungen der einzelnen Länder plastischer her- vortreten. Dies gilt nicht zuletzt für die strategischen Konzep- tionen, wie sie von den Gewerkschaften und der marxistischen Ar- beiterbewegung entwickelt werden. Ohne Zweifel hat sich dabei in den letzten Jahren die Auseinandersetzung um die Entwicklungs- richtung und die Anwendung der neuen Technik in Betrieb und Ge- sellschaft, um neue Arbeits- und Ausbeutungsformen zu einem zentralen Feld des Klassenkampfes herauskristallisiert. Dies schließt, wie die Erfahrung zeigt, auch in vielen Fällen die Neubestimmung des Verhältnisses der Arbeiterbewegung zu Rationalisierung und neuer Technik ein und macht weitergehende theoretische Arbeiten zur Bestimmung des Charakters der gegenwärtigen Entwicklungsphase notwendig. I. Das der Konferenz vorliegende Vorbereitungsmaterial bezog sich auf Erfahrungen aus der Bundesrepublik. Einige Grundgedanken kön- nen hier nur knapp wiedergegeben werden. 2) Wie die Diskussion zeigte, sind zumindest die Grundprozesse auch in den anderen ent- wickelten kapitalistischen Ländern wirksam. 1. Seit den siebziger Jahren ist ein massiver Umverteilungsprozeß zugunsten der Profitentwicklung auf gesamtgesellschaftlicher Ebene zu beobachten. Darauf verweisen die sinkende Lohnquote, die gegenläufige Entwicklung der Steuerbelastung für Gewinne bzw. Lohneinkommen, der Abbau staatlicher Sozialleistungen. Über die- sen Prozeß wurden auch Möglichkeiten für eine qualitative Um- strukturierung des Arbeitskörpers (Ausgliederung älterer und "leistungsschwacher" Arbeitskräfte), für eine Intensivierung der Arbeitsprozesse und damit Spielräume für die beschleunigte Ein- führung neuer Technologien geschaffen. 2. Im Übergang zu den achtziger Jahren hat offenkundig in allen kapitalistischen Industrieländern ein massiver Rationalisierungs- schub eingesetzt, bei dem elektronisch gestützte Informations- und Kommunikationstechnologien für die Technisierung von Steue- rungs-, Regelungs- und Informationsverarbeitungsfunktionen eine Schlüsselrolle spielen. Das zieht einen ausgeprägten Umbruch in der Arbeit nach sich. Die Arbeitsbedingungen und Alltagserfahrun- gen großer und wachsender Teile der Arbeiterklasse werden heute vom Umgang mit solchen neuen Technologien bestimmt. Gerade die wirtschaftliche Krisen- und Stagnationsphase setzt starke Kräfte zur breiteren Rationalisierung frei, wobei die Konzeptionen der Flexibilisierung von Technik, Produktionsorganisation, Arbeit und Arbeitszeiten auf die Ökonomisierung aller Kapitalbestandteile abzielen. 3. Die Tendenz zu wachsender Bedeutung der Ausbeutung qualifi- zierterer Lohnarbeit ist hierbei nicht zu übersehen. Dies zeigt sich im steigenden Durchschnitt des Qualifikationsniveaus der fungierenden Lohnarbeit. Doch realisiert sich diese Entwicklung nur über die Entwertung vorhandener Qualifikationen, über die Verdrängung von Beschäftigten aus dem Arbeitsprozeß. Die Zunahme von Arbeitstempo, Monotonie, sozialer Isolation am Arbeitsplatz, die Ausweitung von Schichtarbeit und betrieblicher Arbeits- und Leistungskontrolle charakterisieren den sozialen Inhalt des wis- senschaftlichtechnischen Fortschritts und der mit ihm verbundenen Umbrüche in Arbeitsteilung und -organisation als Mittel zur In- tensivierung des Arbeits- und Ausbeutungsprozesses. Dies gilt auch für die von den Unternehmern favorisierten Formen der Ar- beitszeitflexibilisierung. Neue Formen zur Produktion des relati- ven wie absoluten Mehrwerts sind dabei eng miteinander verbunden. Zugleich weitet sich unter dem Krisendruck auch der Sektor exten- siver Arbeitskraftnutzung aus (z. B. im Rahmen sozialrechtlich ungesicherter Beschäftigungsverhältnisse). 4. Bei den viel diskutierten "neuen Produktionskonzepten" geht es offenkundig um die Verknüpfung zweier Haupttendenzen der Produk- tivkraftentwicklung nach Maßgabe der charakterisierten Ausbeu- tungs- und Kapitalverwertungsziele: der wachsenden Flexibilität der neuen Technik und der damit gegebenen neuen Integrationsmög- lichkeiten. Auf dieser Basis werden Arbeitsprozesse umstruktu- riert und neue Formen einer umfassenderen Arbeitskraftnutzung entwickelt. Das schließt die Entwicklung neuer Formen betriebli- cher Herrschaft ebenso ein wie andererseits die Herausbildung neuer Fähigkeiten, Bedürfnisse und Handlungspotentiale der Beleg- schaften. Neue soziale Differenzierungslinien in der Arbeiter- klasse auf gesellschaftlicher und betrieblicher Ebene und das wachsende Gewicht neuer Gruppen (besonders der Intelligenz) sind dabei zu beachten. 5. Wenn diesen Prozessen in der Strategie der Arbeiterbewegung Rechnung getragen werden muß, so geht es in der Auseinanderset- zung mit den neuen Technologien nicht um die Alternative abstrak- ter "Technikbejahung" oder "Technikverneinung". Es geht vielmehr um die genauere Bestimmung der Interessen der Lohnabhängigen mit Blick auf die Technik- und Produktivkraftentwicklung, um die For- mulierung eigenständiger Ziele auf dieser Ebene und um die Ent- faltung eines Maximums an Handlungsfähigkeit und Durchsetzungs- kraft. Das schließt heute alle Kampfformen ein, wobei besondere Bedeutung der Arbeitszeitverkürzung, der Ausweitung von Schutz- und Mitbestimmungsrechten sowie der Beeinflussung von Technik- und Arbeitsgestaltung zukommt. Eine solche Strategie gibt jedoch nur Sinn, wenn sie als Teil einer gesamtgesellschaftlichen Anti- krisenkonzeption entwickelt wird, die auf die eigentlichen Ursa- chen von Massenarbeitslosigkeit, neuen sozialen Belastungen und Krise zielt und in deren Rahmen die verschiedenen Konflikte und Abwehrkämpfe ebenso wie die unterschiedlichen Interessen ver- schiedener Lohnabhängigengruppen verallgemeinert, gebündelt und gegen die Spaltungskonzeptionen des Kapitals gewendet werden kön- nen. II. Robin Williams (Aston University, KP Großbritanniens) unterstrich in seinem Beitrag den Gedanken, daß die betriebliche Anwendung neuer Technologien dem Interessenkonflikt und -kampf zwischen Be- legschaften und Management unterliegt. In den britischen Gewerk- schaften haben sich Ende der siebziger Jahre unter dem Eindruck der "Modernisierung" wesentliche Veränderungen in der Haltung zur neuen Technik vollzogen - weg von einer weitgehenden Zustimmung zu Rationalisierung und hin zu einer konkreteren und kritischeren Analyse. Die auf der unmittelbar betrieblichen Ebene schon früher oft verfolgte Taktik, technische Umwälzungen u.U. ganz zu verhin- dern, habe die Gewerkschaften bei raschem industriellem und tech- nischem Strukturwandel jedoch zunehmend verwundbar gemacht und ihre soziale Basis unterminiert. Die vom TUC seit 1979 verfolgte Konzeption der "kritischen Akzep- tierung" neuer Technologien und der "technology agreements" (Aushandeln von Vereinbarungen über Technikeinführung und -gestaltung zwischen Gewerkschaften und Unternehmern) erwies sich aber nur als begrenzt erfolgreich. Zwar hätten dort, wo auf der Basis gewerkschaftlicher Kampfkraft verhandelt worden sei, eine Reihe von Verbesserungen realisiert werden können (Löhne, Ein- gruppierung, Ergonomie, Arbeitsplatzsicherung). Die gewerkschaft- lichen Forderungen schlössen aber Fragen wie Berufsbilder, Sy- stemgestaltung, betriebliche Planung des technischen Fortschritts usw. nicht ein und generell habe sich ein Mangel an Vorstellungen über Alternativen der Technikgestaltung gezeigt. 3) Der Gefahr betrieblicher Spaltung der Belegschaften (Gewinner/Verlierer bei Technikeinführung) sei nur schwer zu begegnen. Ein Mangel sei auch die fehlende Verbindung zu anderen sozialen Gruppen (Konsumenten, Umweltbewegung), die eine Verbreiterung der Basis gewerkschaftlicher Politik ermöglichen würde. Bert Ramelson (KP Großbritanniens) erinnerte in diesem Zusammen- hang an den britischen Bergarbeiterstreik und die Strukturverän- derungen in der Arbeiterklasse und den gewerkschaftlichen Organi- sationen, die mit dem technischen und industriellen Strukturwan- del verbunden sind. Die Frage der Einheit der Arbeiterklasse er- weise sich hier - wie im Zusammenhang mit der Massenarbeitslosig- keit - als ein zentrales Problem. Ramelson schloß hier auch die wachsende Bedeutung der Intelligenz auf betrieblicher Ebene ein. Er verwies auf zunehmende soziale Annäherung an die Arbeiter- klasse und deren Bedarf an qualifizierter Beratung in Auseinan- dersetzung mit der Einführung der neuen Technik. Strukturkrisen, Veränderungen in den betrieblichen Produktionsbe- dingungen und Angriffe der Regierung auf soziale Rechte und Er- rungenschaften kennzeichnen weithin die Situation der Arbeiter in den USA. Eines der spektakulärsten Beispiele der Einführung neuer Technologien und der Umorganisierung von Betriebs- und Konzern- strukturen bietet heute General Motors, der größte US-Autokon- zern. John Pittman (KP USA) erläuterte dies anhand der gegenwär- tig anlaufenden Einführung des "Manufakturing Automation Proto- col"-Systems. Es handelt sich bei MAP um ein (auch in der BRD in- zwischen bekanntes) elektronisches Fabrik-Kommunikationssystem, das Vernetzungsschwierigkeiten zwischen Computern, Robotern, au- tomatischen Anlagen usw. überwinden und damit der Automation einen neuen Schub geben soll. In die gleiche Richtung verweist das Saturn-Projekt von GM, der radikale Neuaufbau einer hochauto- matisierten Automobilfabrik, die bei 6000 Beschäftigten 400 000 bis 500 000 PKW pro Jahr produzieren soll. 4) Dieses Projekt dürfte mit seinen Beschäftigungsfolgen einen Markstein für die internationale Automobilbranche setzen. Pittman gab weiterhin eine Übersicht zu zwei Studien des AFL-CIO zur Zukunft der Arbeit und zur Lage der Arbeiter und ihrer Ge- werkschaften in den USA, in denen auf die Perspektive wachsender Arbeitslosigkeit, auf die Beschäftigungsverhältnisse im Dienst- leistungsbereich und Probleme des rückläufigen gewerkschaftlichen Organisationsgrads in den USA eingegangen wird. 5) In der Auseinandersetzung um die neue Technik herrschen in der Bundesrepublik Abwehrkämpfe vor (Stephan Voets, DKP), die sich nicht nur auf die betriebliche Ebene, sondern ebenso auf die Friedens- und Umweltfrage und andere Bereiche beziehen. Die Ab- wehr neuer Belastungen im Betrieb müsse mit dem Kampf um gesell- schaftliche Alternativen und Verbesserungen verbunden werden. Voets nannte die Zurückdrängung von Rüstungsforschung und -technik, Arbeitszeitverkürzung, Erleichterung und Bereicherung der Arbeit durch Eingriffe in Arbeitsorganisation und Technikge- staltung, die Ausweitung von Qualifikation und Bildung. Im Rahmen einer alternativen Wirtschafts-, Struktur- und Forschungspolitik komme der Ausweitung von Kontroll- und Mitbestimmungsrechten be- sondere Bedeutung zu. 6) Zum Verhältnis von Arbeiterbewegung und Intelligenz verwies Voets auf wachsende Bündnismöglichkeiten, die durch die Friedensbewe- gung geschaffen würden und die auch die betriebliche Sphäre be- rühren. Beispiele sind die Naturwissenschaftler-Initiative gegen das Wettrüsten oder der von etwa tausend Beschäftigten des Sie- mens-Konzerns unterstützte Aufruf gegen eine Beteiligung an SDI. Der wissenschaftlich-technische Fortschritt ist heute zu einer wichtigen Dimension der globalen Probleme geworden, die immer stärker auch die innere Auseinandersetzung in den kapitalisti- schen Ländern bestimmen. Dies gilt, so Jean Spielmann (Partei der Arbeit der Schweiz), für den Widerspruch zwischen wachsenden Kenntnissen der menschlichen Gattung und Ausweitung von Armut, Analphabetismus, Krankheiten in der Welt; für die den neuen Tech- nologien und ihren Potenzen gegenüberstehende Massenarbeitslosig- keit; für den Widerspruch zwischen industrialisierten Ländern und der dritten Welt (Verschuldungskrise), für die Ökologiefrage und natürlich besonders für die Tatsache, daß heute erstmals mit den neuen Rüstungstechnologien die menschliche Existenz global in Frage gestellt ist. Diese Probleme entwickeln heute ihre politi- sche, ideologische und kulturelle Brisanz in einer Situation, in der aus der Sicht der Schweiz die progressiven, linken Kräfte aufgrund der ökonomischen Entwicklung sich in einer schwierigen und defensiven Situation befinden. Unter welchen Bedingungen kön- nen die Menschen die technischen Möglichkeiten für sich nutzen? Auf diese Frage müßten die Marxisten heute eine Antwort entwic- keln. Spielmann erläuterte ferner die Besonderheiten der Rückwir- kung des kapitalistischen Weltmarktes auf die Wirtschaft der Schweiz, wobei für den Bedeutungsrückgang des industriellen Sek- tors des Landes die Vernachlässigung von Forschung und Entwick- lung durch Staat und Monopole, Produktionsverlagerungen ins Aus- land u. ä. von Bedeutung seien. Er unterstrich ausdrücklich die Ambivalenz und Widersprüchlichkeit der neuen Technik und der Im- plikationen ihrer betrieblich-gesellschaftlichen Anwendung. Die forcierte Einführung neuer Technologien kann nicht losgelöst vom kapitalistischen Gesamtprozeß betrachtet werden. Sie ist Re- aktion des Kapitals auf die mit der Verlangsamung der Akkumulati- onsdynamik wachsenden Verwertungsschwierigkeiten. Jörg Goldberg (IMSF) betonte, daß sich das Tempo der Freisetzung von Arbeits- kräften durch Rationalisierung in der Bundesrepublik gegenüber der Vergangenheit nicht beschleunigt hat. Wesentlicher Ansatz- punkt zur Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit muß also eine ge- samtwirtschaftliche Antikrisenpolitik sein. Die staatsmonopoli- stische Modernisierungspolitik verschärft demgegenüber die be- reits heute gegebenen Widersprüche auf längere Sicht, obwohl sie die Verwertungsbedingungen der strukturbestimmenden Konzerne und Branchen zunächst verbessert. Gerade im Bereich dieser rationali- sierungsintensiven Konzerne sammeln sich jedoch hohe Kapitalüber- schüsse an, Ausdruck struktureller Überakkumulation im Verhältnis zu profitablen Anlagemöglichkeiten. Zugleich wachsen regionale und Branchendisparitäten mit krisenhafter Zuspitzung. Die mit der kapitalistischen Produktivkraftentwicklung verbun- denen Widersprüche zeigen sich auch in den Arbeitsprozessen selbst (A. Leisewitz, IMSF). So bedeutet z. B. größere Prozeßsi- cherheit von Automationsanlagen eine Reduzierung der Eingriffs- zeiten der Beschäftigten, was bekanntlich einen Verschleiß von Qualifikationen und Reaktionsfähigkeiten einschließt. Große Anla- genwerte verlangen aber nach hohen Qualifikationen der Beschäf- tigten, um Stör- und Ausfallszeiten möglichst zu reduzieren. Dar- aus können Ansatzpunkte für neue Formen der Arbeitsgestaltung entstehen. Jedoch verweisen alle Erfahrungen zugleich auf die Herausbildung neuer Formen technischer und bürokratischer Kon- trolle der Arbeit. So ist in Verbindung mit neuen Technologien eine weitreichende Tendenz zu Formen der Arbeitsorganisation zu beobachten, die auf eine möglichst umfassende Ausschöpfung der individuellen, arbeitsbezogenen Kenntnisse zwecks Produktionsin- tensivierung abzielen (siehe z.B. die Qualitätszirkel). Für die Formierung der Arbeiterklasse auf betrieblicher Ebene entstehen nicht nur aus den mit neuer Technik verbundenen Differenzierungs- und Segmentierungsprozessen Probleme, sondern auch aus den neuen Formen der Arbeitsorganisation. Dies zeigt sich in der wachsenden Bedeutung von Isolation am Arbeitsplatz. Wenn in den Gewerkschaf- ten der Bundesrepublik eine kritischere Haltung der neuen Technik gegenüber unter dem Stichwort "soziale Kontrolle der Produktiv- kraftentwicklung" Platz gegriffen hat, so macht dies auch die Entwicklung eigenständiger, Klasseninteressen verpflichteter For- derungen nach alternativer Arbeitsgestaltung notwendig. Auf solche Veränderungen der sozialen Dimension des Arbeitspro- zesses und der betrieblichen Kommunikation wies auch Lothar Peter (Universität Bremen) mit der Forderung hin, der Herrschaftssozio- logie des Kapitals eine antikapitalistische Soziologie der Praxis in den Betrieben entgegenzusetzen. Der traditionelle betriebliche Alltagsrhythmus "gemeinsam in die Fabrik, gemeinsam in der Fa- brik, gemeinsam aus der Fabrik heraus" würde mit den neuen Flexi- bilisierungskonzepten weitgehend aufgebrochen. Zunehmende techni- sche Vermittlung der Kooperation sei eine der Ursachen für die Einschränkung innerbetrieblicher Kontakt- und Kommunikationsmög- lichkeiten. Das Verlangen nach Mindestnormen der Arbeitsgestal- tung müsse daher über rein ergonomische Forderungen hinausgehen und z. B. auf die institutionalisierte Durchsetzung von Bera- tungs- und Kommunikationsmöglichkeiten während der Arbeit drän- gen. Peter illustrierte das anhand der französischen "Lois Au- roux", die unter der Linksregierung durchgesetzt werden konnten und in bestimmtem Rahmen solche Möglichkeiten geben. 7) In die gleiche Richtung argumentierte Klaus Pickshaus (IMSF) un- ter Bezug auf das Konzept der Flexibilisierung von Arbeitszeiten und Arbeitsverhältnissen. Die Gewerkschaften hatten dem im Streik um die Einführung der 35-Stunden-Woche 1984 den Kampf um kollek- tive, einheitliche Schritte der Verkürzung der Wochenarbeitszeit entgegengesetzt. Wenn die Unternehmer bei der Einführung flexibi- lisierter Arbeitszeiten bisher nur begrenzten Erfolg hatten, so ist dies zweifellos diesem Kampf und dem vergleichsweise hohen Grad an kollektivrechtlichen Regelungen in der Bundesrepublik zu- zuschreiben. Dennoch gibt es reale Bedürfnisse von Gruppen der Arbeiterklasse, an denen die Flexibilisierungskonzepte ansetzen (z.B. Interesse an Teilzeitarbeit bei erwerbstätigen Frauen). Ne- ben der Durchsetzung kollektiver, einheitlicher Schritte der Ar- beitszeitverkürzung werde daher auch die Entwicklung einer diffe- renzierten gewerkschaftlichen Arbeitszeitpolitik notwendig, die - bei kollektivrechtlichem Schutz - die besonderen Interessen und Belastungen einzelner Gruppen der Arbeiterklasse berücksichtige. Anknüpfend an die Bemerkung von Spielmann über die Widersprüch- lichkeit der technischen Entwicklung, unterstrich Heinz Jung (IMSF), daß vom Standpunkt der Autonomie der sozialen Interessen der Arbeiterklasse die Technik nicht als ein neutrales Element im Gesellschaftsprozeß verstanden werden kann, sondern in ihrer kon- kreten Gestaltung sich im Wechselverhältnis mit den kapitalisti- schen Produktionsverhältnissen und durch diese geprägt entwic- kelt. Gesellschaftliche Interessen schlagen sich in der Produk- tivkraftentwicklung nieder; sie folgt keineswegs nur einer inne- ren Eigenlogik. Dies ist im übrigen auch die Grundlage für die gewerkschaftliche Forderung nach Eingriff in die Technik- und Produktivkraftgestaltung zur Realisierung von Lohnabhängigenin- teressen. Wenn die Gewinnung von Teilen der Intelligenz für die Interessen der Arbeiterklasse mit der wissenschaftlich-technischen Revolu- tion an Bedeutung gewinnt, so muß die Frage nach Ansatzpunkten und Zugängen in den Mittelpunkt rücken. Hier, so Jung, können Lohnarbeiterinteressen der Intelligenz bei fortgeschrittener Ra- tionalisierung ihrer Arbeit Bedeutung erlangen; bei anderen Grup- pen spielen, wie die Erfahrung zeigt, Berufsinteressen, Fragen der Verantwortung der eigenen Tätigkeit, ihres Sinns usw. eine wichtige Rolle. Gerade auf dieser Grundlage sei ihre Einbeziehung als Beratungspotential demokratischer Bewegungen möglich. George Jackson (Socialist Unity Party, Neuseeland) hob in seinem Beitrag die Bedeutung der Leninschen Imperialismusanalyse für das Verständnis des heutigen staatsmonopolistischen Kapitalismus und die Internationalisierung des Kapitals hervor. Jackson stellte die Frage nach der Bedeutung der technologischen Umwälzungen für die Zukunft der Arbeiterklasse in einem Land mit stark differen- zierter und aufgesplitterter Gewerkschaftsbewegung - in Neusee- land gibt es gegenwärtig über 260 Einzelgewerkschaften. Er plä- diert dafür, sich nicht als "moderne Ludditten" gegen den techno- logischen Wandel zu stellen, sondern für die sozialen und kul- turellen Bedürfnisse und Forderungen der Lohnabhängigen zu kämp- fen. Über die Vielfalt materieller und ideologischer "Hebel" zur Durchsetzung von Rationalisierungszielen in staatlichen und pri- vaten Monopolbetrieben sprach William Somerset (KP Irlands). Er bezog sich dabei auf über dreißig Jahre Erfahrung gewerkschaftli- cher Tätigkeit im Rahmen des nordirischen Telekommunikationswe- sens (zuerst Teil des General Post Office Großbritanniens, später privatisiert). Obwohl die großen Versprechungen von leichterer Arbeit, freierem Leben oder "transformiertem Kapitalismus", mit denen die Einführung der neuen Technik ideologisch begleitet wird, rasch vor der Alltagserfahrung verblassen, bleiben den Un- ternehmern doch genügend Mechanismen zur Durchsetzung ihrer Ra- tionalisierungsziele und eines Arbeitsplatzabbaus "ohne Revolte" - von Abfindungszahlungen ("golden handshake") über Illusionen der kleinen Selbständigkeit bis zur Mobilisierung der inner-und zwischenbetrieblichen Konkurrenz. Solche Mechanismen wirken in staatlichen wie privaten Unternehmen, erstere bieten jedoch eher gewisse Schutzmöglichkeiten. Die Privatisierung von British Tele- com bedeutete zugleich Beschleunigung der Modernisierung, Abbau von innerbetrieblichen Qualifizierungsmöglichkeiten usf. Dieser Druck fördert auch Differenzierungen in den Gewerkschaften. Auf- gabe der linken klassenkämpferischen Strömung muß es dabei sein, die Felder gemeinsamer Interessen der unterschiedlich betroffenen Arbeiterklassengruppen auszumachen und von hier aus gewerkschaft- liche und politische Forderungen und Bewegungen zu initiieren. Somerset nannte Fragen wie Arbeitszeit, Qualifikation, Arbeitssi- cherheit und Gesundheitsschutz, Maschinen- und Arbeitsplatzbeset- zung, Abwehr von Arbeitsverdichtung usf. Während Irland heute ein Land mit hoher Arbeitslosenrate ist, trifft dies auf Schweden nicht im gleichen Maße zu. Dennoch haben sich auch in der stark weltmarktorientierten Wirtschaft Schwedens in den letzten zehn Jahren wesentliche Veränderungen vollzogen (Urban Herlitz, Linkspartei-Kommunisten Schwedens). Stichworte sind Beschäftigungsabbau in der Industrie, Senkung der Realein- kommen seit 1981/82 unter das Niveau von Mitte der siebziger Jahre, gekoppelt mit starkem Profitanstieg und einer Konzentra- tion neuer Technologien in den entwickeltsten und noch wachsenden industriellen Sektoren (Schweden verfügt heute bekanntlich über die höchste Industrie-Roboter-Dichte). Wenn die offene Arbeitslosigkeit ein im internationalen Vergleich noch relativ niedriges Niveau hat, so hängt dies u. a. mit der staatlichen Beschäftigungspolitik der siebziger Jahre zusammen. Das Beschäftigungswachstum im öffentlichen Sektor ist jedoch in- zwischen gestoppt. Neben dem Beschäftigungseinbruch und der Re- aleinkommenssenkung ist das Auseinanderdriften der Lohneinkommen entgegen dem bisherigen Langfristtrend eines der neuen Probleme. 8) Herlitz machte darauf aufmerksam, daß betriebliche Erfahrungen - etwa bei Volvo/Göteborg - zeigen, daß die Arbeiter bei guter ge- werkschaftlicher Organisation trotz der Unternehmerabsichten neue Formen technischer Kontrolle und Überwachung durchaus abwehren können. Es gäbe also keinen Automatismus der Einengung, eher neue Handlungsmöglichkeiten insbesondere dort, wo in den arbeitsorga- nisatorischen Konzepten stärker auf Motivation und Fähigkeiten von Arbeitsgruppen gesetzt würde. Herlitz unterstrich, daß in der Gewerkschaftspolitik die Arbeitszeitverkürzung zu einem wichtigen Punkt des Bruchs mit den monopolistischen Strategien werden könne. In den Beiträgen der portugiesischen und griechischen Konferenz- teilnehmer wurden Probleme der aktuellen ökonomischen Ent- wicklung, der Industrialisierung und Lage der Arbeiterklasse aus der Sicht weniger entwickelter kapitalistischer Länder mit zum Teil ganz anderer Gewichtung der sozialökonomischen Probleme dargestellt. Hier erweist sich die Internationalisierung des Kapitals als eine der Schienen, über die - neben der Rüstung - die neue Technik und die Modernisierungspolitik in bestimmten Sektoren der Wirtschaft wirksam werden. Portugal ist ein stark durch agrarische und kleingewerbliche Strukturen geprägtes Land (Carlos Aboim Ingles, Kommunistische Partei Portugals). Neue Technik und Modernisierung spielen in er- ster Linie als ideologisches Thema eine Rolle - und sie haben hier eher eine Alibifunktion, um von den wirklich drängenden Pro- blemen des Landes abzulenken - der Rückgängigmachung der Ver- staatlichung wichtiger Monopolgruppen, die nach der Revolution von 1974 durchgesetzt werden konnte; der hohen Arbeitslosigkeit; dem sich ausbreitenden Phänomen von Arbeit ohne Lohnauszahlung bei verschuldeten Unternehmen und Betrieben. Ingles betonte, daß sich das Segmentierungsproblem so, wenn auch auf anderer Grund- lage, auch für die portugiesische Arbeiterklasse stelle. Zentren neuer Technik sind einige vom Auslands-(US-)Kapital domi- nierte industrielle Bereiche, Banken und Dienstleistungen. Hier gibt es eine Reihe von Gemeinsamkeiten mit der Situation in Grie- chenland, das sich gegenwärtig von einem Agrar- zu einem Indu- strieagrarland entwickelt (Zinon Zorzovilis, KP Griechenlands). Rückständige Strukturen, starke Abhängigkeit vom Auslandskapital gerade in den technisch-industriell entwickeltsten Branchen, Rückstand bei Einführung neuer Technik sind charakteristische Merkmale. Es gibt insofern eine gewisse "technologische Degradie- rung" des Produktionspotentials. Zu den Widersprüchen der ökono- mischen Entwicklung gehört das Nebeneinanderexistieren von extrem rückständigen Sektoren und Bereichen mit modernsten Technologien (bei der Informations- und Kommunikationstechnik etwa die Groß- banken). Über die Abhängigkeit vom Auslandskapital wächst auch eine Technologieabhängigkeit. Die Regierung verfolgt ein eigenes Modernisierungsprogramm, das in der Praxis aber mit einem Abbau von Subventionen und Leistungen im Sozialbereich, auch im Bereich von Bildung und Ausbildung, verbunden ist. Esben Sloth Andersen (KP Dänemarks) griff in seinem Beitrag noch einmal die Frage der Widersprüchlichkeit und des spezifischen Charakters der wissenschaftlich-technischen Revolution im Kapita- lismus auf. Die kapitalistische Anwendung und Entwicklung der mo- dernen Produktivkräfte realisiert sich immer in Form einer "schöpferischen Zerstörung" und als ungleichmäßiger Prozeß auf allen gesellschaftlichen Ebenen - von den Betrieben bis zu den Klassen oder zur Ebene des Weltmarktes. In den einzelnen Phasen tritt dabei der destruktive Aspekt in mehr oder weniger starkem Maße hervor. Im Vergleich zur Zeit der fünfziger und sechziger Jahre, in der das Konzept der wissenschaftlich-technischen Revo- lution in der marxistischen Theorie ausgearbeitet wurde, haben sich die ökonomischen Bedingungen und der wissenschaftlich-tech- nische Fortschritt selbst verändert: Zunehmende Krisenhaftigkeit und mikroelektronische Etappe sind die aktuellen Merkmale. Während sich die erste Phase der wissenschaftlich-technischen Re- volution seinerzeit auf einzelne high-tech-Industrien be- schränkte, beginnt jetzt die Phase ihrer umfassenderen Ausweitung in alle wirtschaftlichen Sektoren. Und unter den heutigen Bedin- gungen tritt ihre destruktive Seite sehr viel deutlicher hervor als früher. Mit anderen Diskussionsrednern war Andersen sich darin einig, daß die Abwehr dieser destruktiven Seite nur Aussicht auf Erfolg ha- ben kann, wenn es gelingt, die Technologiepolitik der Arbeiterbe- wegung in den Rahmen einer längerfristigen Alternativstrategie einzubinden und durch Überwindung der Marginalisierungs- und Seg- mentierungsprozesse eine "produktive Solidarität" der Gegenwehr zu entwickeln, zu der auch die Einbeziehung der technischen In- telligenz gehört. Eine wichtige Rolle für die Entwicklung über- greifender Bündnisspangen kann hierbei (so Williams, Goldberg u.a.) im Zusammenhang alternativer Wirtschaftspolitik das Konzept der "Gebrauchswertorientierung", die Forderung nach Umstellung auf "sozial nützliche Produkte" usw. spielen, ein Ansatz, der die Interessenbündelung von verschiedenen Zugängen her (Produzenten/ Konsumenten, Arbeiter/technische Intelligenz, Ökologiebewegung usf.) möglich macht. Hier gibt es erste Beispiele im Zusammenhang mit Rüstungskonversion, alternativer Energiepolitik, Ökologi- sierung der Produktion usf. Für das Verständnis der Besonderheit des Produktivkraftumbruchs in der wissenschaftlich-technischen Revolution ist der Vergleich mit der Marxschen Analyse der industriellen Revolution wichtig. Maritta Bernien (Institut für Internationale Politik und Wirt- schaft der DDR, Berlin) machte jedoch darauf aufmerksam, daß die industrielle Revolution nicht ein rein technisch-ökonomischer Prozeß, sondern auch ein Umbruch in den Produktionsverhältnissen gewesen sei, daß es also darauf ankomme, auch heute den Zusammen- hang zwischen Produktivkraftumbruch, Vergesellschaftungsschub und Notwendigkeit des Übergangs zu einer neuen, sozialistischen Pro- duktionsweise im Auge zu behalten. Peter Delitz (ebenfalls IPW, Berlin/DDR) legte dar, daß sich der mit den modernen Produktivkräften wachsende Vergesellschaftungs- grad heute auch in einem spezifisch staatsmonopolistischen Cha- rakter des Flexibilisierungskonzeptes niederschlägt. Dieses Kon- zept könne nur wirksam werden, wenn es auf den drei wichtigsten Ebenen des Lohnarbeit-Kapital-Verhältnisses arbeitsteilig umge- setzt werde: auf der betrieblichen Ebene als Flexibilisierung von Arbeitszeit, -organisation, größerer Disponibilität der Arbeits- kraft usw.; auf der Ebene der Auseinandersetzung von Monopolver- bänden und Gewerkschaften als "Flexibilisierung" des Tarif Sy- stems und Tarifrechts; auf der staatlich regulierten Ebene u. a. durch die von den Unternehmern geforderte "Flexibilisierung des Rechtssystems". Der staatsmonopolistische Charakter dieses Kon- zepts zeige sich auch darin, daß mit dem Eingriff in die konkre- ten, betrieblichen Formen des Ausbeutungsregimes zugleich allge- meine gesellschaftspolitische Zielsetzungen (Entsolidarisierung, Individualisierung, Schwächung der Gewerkschaften) verbunden seien. Dies schließe auch die Verknüpfung von betrieblichen und gesellschaftlichen Herrschaftsmechanismen ein, so etwa durch die "Verdatung" der Bürger (Computerüberwachung, "gläserner Mensch"). Trotz des Ausbaus dieser Herrschaftsapparate, trotz der wachsen- den sozialen Belastungen, die mit den neuen Technologien verbun- den sind, lassen soziologische Studien zur Einstellung von Frauen und von Jugendlichen zur Arbeit und zur neuen Technik hohe An- sprüche an die Arbeitstätigkeit erkennen, in denen die Hoffnung auf inhaltsreiche, qualifizierte, der Selbstverwirklichung und Persönlichkeitsentwicklung förderliche Arbeit zum Tragen kommt. Johanna Hund (Hochschule für Wirtschaft und Politik, Hamburg) in- terpretierte dieses Anspruchsniveau als Widerspiegelung der Mög- lichkeiten der wissenschaftlich-technischen Revolution in der Einstellung von Frauen und Jugendlichen. Diese Ansprüche gelte es gegen die alltägliche Blockade dieser Bedürfnisse zu mobilisie- ren. Ein Hemmnis sei dabei, daß sie in der Regel nur als indivi- duelle Ansprüche formuliert, nicht als kollektive Interessen ver- standen würden. Es käme gerade bei den Jugendlichen darauf an, die Legitimität dieser Ansprüche klarzumachen, um einer Resigna- tion entgegenzuwirken und die Notwendigkeit gesamtgesellschaftli- cher Alternativen erkennen zu lassen, wenn sie befriedigt werden sollen. Konsens aller Tagungsteilnehmer war, daß die Probleme der neuen Technologien heute nicht losgelöst von den Rüstungstechnologien und der Militarisierung gesehen werden können. Jürgen Keusch (IMSF) verwies auf diesen "Exzeß" der Verwandlung von Produktiv- in Destruktivkräften bei dem Weltraummilitarisierungsprojekt SDI und der Diskussion um das westeuropäische Alternativprojekt EU- REKA. Keusch zeigte anhand der konkreten Eureka-Projekte, daß es sich hierbei um ein auf zum Teil die gleichen Monopole wie bei der SDI-Beteiligung zugeschnittenes Hochtechnologieprogramm han- delt, das in wichtigen Teilen militärischen Charakter hat bzw. annehmen kann und das zugleich im Kontext einer aggressiven Welt- marktorientierung und Stabilisierung des westeuropäischen Rivali- tätszentrums gegenüber den USA und Japan gesehen werden müsse. Die Diskussion ließ eine Reihe übergreifender Fragestellungen er- kennen, die auf wesentliche Veränderungen der Kampfbedingungen der Arbeiterbewegung im Zusammenhang mit dem wissenschaftlich- technischen Fortschritt und den Krisenprozessen hinweisen. Sie sollen abschließend noch einmal genannt werden (so auch im Schlußwort der Tagung Heinz Jung). 1. Im Massenbewußtsein hat sich, geprägt von realen Erfahrungen mit den neuen Technologien, ein Wandel vollzogen. Heute dominie- ren eher Unsicherheit und Existenzangst. Dem entspricht vielfach eine Neubestimmung der Positionen der Gewerkschaften und die Ent- deckung der Technikfrage als ein wichtiges Feld gewerkschaftli- cher Arbeit. Dies gilt auch und gerade für die reformistische Strömung in den Gewerkschaften. 2. Will man den Charakter der wissenschaftlich-technischen Revo- lution zu Beginn der achtziger Jahre über seine im engeren Sinne technischen Aspekte hinaus bestimmen, so ist darauf hinzuweisen, daß - der Umbruch in den Produktivkräften die ganze Breite von Wirt- schaft und Gesellschaft zu erfassen beginnt; - dieser Umbruch mit allen sozialen Implikationen sich unter dem Druck der internationalen monopolistischen Konkurrenz und der Ri- valität der imperialistischen Zentren vollzieht; - der wissenschaftlich-technische Fortschritt damit heute ebenso zu einer Ursache wie einem Element der Struktur- und Regulie- rungskrise des staatsmonopolistischen Kapitalismus geworden ist; - die wissenschaftlich-technische Revolution heute untrennbar mit der massenhaften Verkehrung von Produktiv- in Destruktivkräfte im Rahmen der imperialistischen Hochrüstung verbunden ist. 3. Nicht nur die letztgenannte Deformation des wissenschaftlich- technischen Fortschritts zeigt, daß die Entwicklung der modernen Produktivkräfte keineswegs nur einer inneren, technischen Logik folgt, sondern hinsichtlich Entwicklungsrichtung, Tempo, Anwen- dungsformen, Funktion, konkreter Gestaltung, sozialen Inhalts usf. von den herrschenden Produktions- und Aneignungsverhältnis- sen geprägt wird. Die zentrale Frage: Wer bestimmt über Wissen- schaft und Technik? kann sich insofern nicht nur (obwohl dies eine entscheidende Seite ist) auf die sozialen "Rahmenbe- dingungen" beziehen; zu ihren Dimensionen gehört auch, daß die Produktivkraftentwicklung schon im Kapitalismus Gegenstand des Klassenkampfs ist. Die Auseinandersetzung um Alternativen auf diesem Feld gehört zur Strategiebestimmung der Arbeiterbewegung. 4. Neben der zentralen Frage der Massenarbeitslosigkeit und damit der Herstellung der Einheit der Arbeiterklasse als einer "Achse" der antimonopolistischen Strategie wird die Gewinnung der neuen, mit der wissenschaftlichtechnischen Revolution verbundenen sozia- len Gruppen der Lohnabhängigen, in erster Linie der Intelligenz, zu einer erstrangigen Aufgabe. Dies macht die Beachtung der ver- schiedenen und differenzierten Zugänge dieser Gruppen zur demo- kratischen und Arbeiterbewegung unbedingt notwendig. 5. Zu den Herausforderungen für Strategie und Politik der Arbei- terbewegung unter den neuen, durch die wissenschaftlich-techni- sche Revolution geprägten Bedingungen gehört die Frage der Ent- wicklung von adäquaten Gegenmachtpositionen, ohne die alle Forde- rungen nach Eingriff in Produktivkraftgestaltung Illusion bleiben müssen. Dies schließt die Veto- und Blockademacht von Belegschaf- ten und Gewerkschaften gegenüber neuer Technik, wo erforderlich, ebenso ein wie die Notwendigkeit übergreifender sozialer Bünd- nisse und die Einbindung der Technologiepolitik in den Gesamtzu- sammenhang einer auf grundlegende gesellschaftliche Veränderun- gen, den Bruch mit den Klassenverhältnissen zielende Antikrisen- und Alternativpolitik. _____ 1) Die Teilnehmer kamen aus Dänemark, Griechenland, Großbritan- nien, Irland, Neuseeland, Portugal, Schweden, Schweiz, USA und BRD. 2) Jörg Goldberg/André Leisewitz, Neue Aspekte im Ausbeutungsme- chanismus des Kapitals, in: Marxistische Blätter H. 3/1986, S. 25-38. 3) Vgl. Robin Williams/Fred Steward, Technology agreements in Great-Britain: a survey 1977-83, in: Industrial Relations Jour- nal, Bd. 16 (3) 1985, S. 58-73. Die Verfasser untersuchen 240 zwischen 1977 und 1983 abgeschlossene "technology agreements". 4) Siehe auch Sam Webb, Hard Times in Auto, in: political af- fairs, H. 6/1985, S. 23-30. 5) AFL-CIO, The Future of Work, und: The Changing Situation of Workers and Their Unions. 6) Vgl. Kommunisten und neue Technologien. Stellungnahme der DKP zur Technologiepolitik, Düsseldorf 1985. 7) Vgl. im einzelnen: Lothar Peter, Zwischen Reformpolitik und Krise - Gewerkschaften in Frankreich 1980 bis 1985, Soziale Bewe- gungen. Analyse und Dokumentation des IMSF, H. 17, Frankfurt/M. 1985, S. 79 ff. 8) Zur marxistischen Analyse der Struktur und Lage der Arbeiter- klasse Schwedens vgl. auch den Beitrag von C.-H. Hermansson, in: Probleme des Friedens und des Sozialismus, Prag, H. 11/1985, S. 1539 ff. zurück