Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 11/1986


       zurück

       

GROSSBANKEN UND FINANZGRUPPEN

Ergebnisse einer Untersuchung der personellen Verflechtungen ------------------------------------------------------------ der Großbanken *) ----------------- Hermannus Pfeiffer 1. Zum theoretischen Hintergrund - 2. Verflechtung von Bank- und Nichtbankkapital - 2.1 Aktien und Stimmrechte - 2.2 Personelle Verflechtungen - 3. Die Finanzgruppen Deutsche Bank und Dresdner Bank 1. Zum theoretischen Hintergrund -------------------------------- Hilferding und Lenin hatten bereits zu Beginn dieses Jahrhunderts das Entstehen des F i n a n z k a p i t a l s konkret-histo- risch wie begrifflich gefaßt: "Konzentration der Produktion, dar- aus erwachsende Monopole, Verschmelzung oder Verwachsen der Ban- ken mit der Industrie - das ist die Entstehungsgeschichte des Fi- nanzkapitals und der Inhalt dieses Begriffs." 1) In der Folgezeit blieb die Theorie des Finanzkapitals weitgehend ohne inhaltliche oder praktische Konsequenzen. Erst die Konkreti- sierung und Weiterentwicklung der Finanzkapital- zur F i- n a n z g r u p p e n - Theorie durch Kurt Gossweiler 2) brachte hier Fortschritte. Die Erforschung der inneren Struktur des Finanzkapitals - dessen wesentliche konkrete Organisationsform über dem Einzelmonopol die Finanzgruppe ist, ohne daß hier alle Monopole einordbar wären - verspricht Erklärungsansätze sowohl für die ökonomische Ebene als auch für das Verhältnis der ökonomischen Basis zum Staat und den ideologischen Herrschaftsap- paraten. Kurt Gossweiler setzt neben die Gruppenbildung um eine stoffliche Achse, die Monopolgruppen - heute müssen wir ergänzen: die staatsmonopolistischen Komplexe -, die Bildung von Gruppen um ein Finanzzentrum, nämlich die Großbanken. Während die Monopolgruppen in der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik im wesentlichen in- folge der stofflichen Differenzierung der Industriemonopole und im Ergebnis der Tendenz zu vertikalen und diagonalen Konzentrati- ons- und Zentralisationsprozessen insgesamt an Bedeutung verloren haben, gilt dies nicht für die Finanzgruppen. Die Rolle der Groß- banken insgesamt ist relativ gewachsen, die Entwicklung der Fi- nanzgruppen, insbesondere der um die Deutsche Bank gruppierten, hat gerade in den letzten Jahren weitere Fortschritte gemacht. Das Entstehen und die Fortentwicklung der Finanzgruppen ist dabei Ergebnis des Konkurrenzverhältnisses zwischen den Großbanken: "Die Herausbildung von Finanzgruppen im Prozeß der Verflechtung von Industrie- und Bankkapital zum Finanzkapital erfolgt jedoch nicht auf der Grundlage gemeinsamer Interessen der Banken, son- dern im Gegenteil als Folge ihrer erbitterten Rivalität." 3) Zugleich bilden auch die Mitglieder der Finanzgruppen, zu denen wir auch monopolistische Kapitale aus den Bereichen Handel und Dienstleistungen rechnen müssen, keine homogene, also wider- spruchslose Einheit. Denn einerseits ist die Bildung von Finanz- gruppen zwar Ausdruck gemeinsamer oder wenigstens parallel lau- fender Interessen gegenüber den Mitgliedern anderer Finanzgruppen und "autonomen", also nicht in Finanzgruppen organisierten, mono- polistischen und nicht-monopolistischen Kapitalen - wie sie sich im Prozeß des Verwachsens und Verschmelzens ausdrücken -, ande- rerseits bleiben Widersprüche zwischen Bank- und Nichtbankmonopo- len innerhalb einer Finanzgruppe bestehen: Der Profit der Groß- bank bleibt letztlich abgeleiteter realisierter Mehrwert, der in der materiellen Produktion seinen Ursprung hat. Zugleich wird auch das Konkurrenzverhältnis zwischen den Nichtbanken einer Fi- nanzgruppe nicht prinzipiell aufgehoben, aber durch Momente der Kooperation modifiziert oder temporär überlagert. Die konkrete Form der Kooperation bleibt dabei Ausdruck auch der Kräftever- hältnisse innerhalb der Finanzgruppe. Die Momente der Kooperation finden sich dann ebenso im Verhältnis zwischen Nichtbanken und der Großbank und ihr verbundener Finanzinstitute. Wenn also die Genesis des Finanzkapitals und der Finanzgruppen Ergebnis objektiver Konkurrenzmechanismen war, so wird im Binnen- verhältnis der Finanzgruppen die Konkurrenz um Momente der Koope- ration "erweitert". Das Kräfteverhältnis innerhalb der Finanzgruppe, zwischen Groß- bank und den Nichtbankunternehmen, kann nicht deterministisch im Sinne eines Herrschaftsverhältnisses der Großbank begriffen wer- den. Insgesamt aber, ausgehend von der größeren Allgemeinheit ih- rer Geschäfte, hat die Bank gegenüber den anderen Gruppenmitglie- dern eine dominante Position. Dabei können sich einzelne Monopole durchaus der Dominanz der Großbank entziehen, ohne dadurch aus dem Verbund der Finanzgruppe auszutreten. Aber auch letzteres ge- schieht, hier im Ergebnis des erbitterten Konkurrenzkampfes zwi- schen zwei Finanzgruppen, wie jüngst die Entwicklung um die AEG gezeigt hat. Insgesamt repräsentiert die Finanzgruppe, konkret in Gestalt ihres organisierenden Zentrums - der Großbank -, eine annähernde "Diagonale" der unterschiedlichen Interessen ihrer Mitglieder. Diese sind letztlich materiell determiniert, bleiben aber zugleich in ihrer konkret-historischen Ausprägung immer auch Aus- druck der internen Kräfteverhältnisse in der Finanzgruppe. Die hier angesprochene konkret-historische Ausprägung der Interes- sens-"Diagonale" bildet dann auch die Basis für Momente der über das Einzelmonopol hinausgehenden Planung und bewußten Regulie- rung, die, initiiert und bestimmt von der Bank oder auch nur über diese vermittelt, neben den Aspekten der Kooperation die zweite wesentliche zweckrationale Funktion der Finanzgruppe bilden. Ich begreife also die Finanzgruppen - gewissermaßen "über" dem einzelnen Monopol als Grundeinheit - als grundlegendes ökonomi- sches Strukturmerkmal des Kapitalismus in der Bundesrepublik. Die Bedeutung der Großbanken ergibt sich aus ihrer Funktion als orga- nisierendes Zentrum sowie aus ihrer dominierenden Rolle innerhalb der Finanzgruppen. 2. Verflechtung von Bank- und Nichtbank-Kapital ----------------------------------------------- 2.1 Aktien und Stimmrechte -------------------------- Der Kredit bleibt im Hinblick auf die Genesis des Finanzkapitals und der Finanzgruppen und auf das aktuell-historische Geschehen der ökonomische Kern der Beziehungen von Bank- und Nichtbankkapi- tal. Daher kann es nicht verwundern, wenn gerade für diese Ver- flechtungsebene unsere Kenntnisse unbefriedigend sind. Ergiebiger ist der Kenntnisstand für den Eigen besitz der Groß- banken. Nach einer Aussage von Franz Heinrich Ulrich (Deutsche Bank) halten die drei Großbanken - Commerzbank (CB), Deutsche Bank (DB) und Dresdner Bank (DrB) - etwa 5% aller inländischen Aktien selber. Dies würde positiv korrelieren mit den Angaben der Bundesbank, wonach der Anteil der Kreditinstitute insgesamt am Aktienkapital 1983 7,3% betragen hat. 4) Es gibt aber gute Gründe anzunehmen, daß die Großbanken - wenig- stens heute - mehr als 5% Eigenbesitz halten. So sind die Anteile der Deutschen Bank AG von 28,5% an Daimler-Benz, 35% an Holzmann, 25% an Karstadt, 25% an Südzucker, 35% an Hapag Lloyd, 86% an der Centralbodenkredit und 91% an der ebenfalls konsolidierten "Tochter" Frankfurter Hypothekenbank "an der Börse gut und gerne ihre 15 Mrd. DM wert". 5) Gemessen am Kurswert der Aktien inlän- discher Emittenten von 438,8 Mrd. DM 1985 6) beliefe sich der DB-Anteil bereits auf gut 3,4%. Dazu kommen für die Deutsche Bank weitere Anteile im Nichtbankbereich, u.a. bei Phoenix Gummi, Bergmann Elektro, Horten, VEW, Didier sowie Anteile an deren "Töchtern" und ihren Anteilsbesitz. Der Anteil der Großbanken an allen inländischen Aktien beträgt über 5%. Dies mag nicht überwältigend erscheinen, erklärt sich aber aus der schwachen Rendite, die mit dem Aktienerwerb verbunden ist. 1985 lag die Rendite, einschließlich Steuergutschrift, bei 2,47%. 7) Die Gründe des Aktienerwerbs liegen eher im Bereich der sicheren Kapitalanlage, gewissermaßen als faktische Aufstockung des Grund- kapitals und in den machtpolitischen Strategien der Großbanken. Ein Unternehmen wie etwa Daimler-Benz läßt sich durch die Deut- sche Bank z. Z. nur beherrschen durch das Halten eigener Anteile. Der Hebel des Depotstimmrechts und die weiteren Einflußströme reichen hier nicht aus. Zumindest quantitativ bedeutender für den Einfluß der Großbanken auf andere Gesellschaften ist das Depotstimmrecht - also die Wahrnehmung der Stimmrechte der von Kunden in die Bankdepots ge- gebenen Aktien. Ohne Berücksichtigung der Großbanken-"Töchter" ruhen 21% aller Aktien inländischer Emittenden in den Depots der drei Großbanken. 8) Die Großbanken verfügen durch Stimmrechte aus Aktienbesitz und Depot über ein Viertel aller Aktienstimmen. Damit halten sie im statistischen Mittel die aktienrechtliche Sperrminorität aller Aktiengesellschaften in der Bundesrepublik. Tatsächlich ist die Macht der Banken - allein infolge Aktienbesitz und Depot - noch größer. So muß in Rechnung gestellt werden, daß das Halten einer Schachtel von 25% an der "Mutter" ebenfalls faktische Wirkung auf die "Töchter" hat - dies wird aber statistisch nicht berücksich- tigt. In die gleiche Richtung wirkt die geringe Präsenz von in der Regel 60% bis 80% des Kapitals auf bundesdeutschen Hauptver- sammlungen. Auch für die Beurteilung der kumulierten Wirkung von Aktienbesitz und Depotstimmrecht sind wir weitgehend auf Globalzahlen verwie- sen. Eine Ausnahme jüngeren Datums macht nur eine Untersuchung der Zeitschrift "Capital" von zehn Hauptversammlungen bundesdeut- scher Aktiengesellschaften, darunter der drei Großbanken. 9) Fa- zit: Die Großbanken kontrollieren sich selber; diese wiederum - zumindest im Bündnis mit anderen Banken - kontrollieren die Nichtbankunternehmen. Bis hierher ist die Datenlage für die Abbildung von Finanzgruppen und darüber hinausgehender finanzkapitalistischer Verflechtungen also äußerst spärlich. Es zeigt sich aber auf der Basis der Er- gebnisse von "Capital", daß die personellen Verflechtungen eng und positiv korrelieren mit den bekannten Stimmergebnissen auf den Hauptversammlungen; daß also etwa eine führende Rolle der Deutschen Bank auf einer HV einer Dominanz im personalen Bereich entspricht. Festzuhalten bleibt, daß dann auch im folgenden der Umkehrschluß erlaubt sein muß. 2.2 Personelle Verflechtungen ----------------------------- Wir müssen im wesentlichen zwei Formen personaler Verflechtung unterscheiden: primäre und sekundäre. Die p r i m ä r e V e r- f l e c h t u n g u m f a ß t den Personenkreis, den wir als Banker bezeichnen könnten. Dies sind neben den V o r s t ä n- d e n und D i r e k t o r e n der Großbanken Aufsichtsräte und "Berufs"-Aufsichtsräte (ein Beispiel ist G ü n t e r V o- g e l s a n g, der für die DB u. a. den Aufsichtsrat bei VEBA, Blohm + Voss und dem Gerling-Konzern anführt). Hier wie im folgenden beziehen sich personale Daten auf 1983/84. Die zweite Form personaler Beziehungen bilden s e k u n d ä r e V e r f l e c h t u n g e n, d.h. Nicht-Banker, welche im A u f- s i c h t s r a t sowie in den zentralen und regionalen Beiräten der Banken präsent sind. Aber auch diese Gruppe muß als Repräsentant der Großbanken gesehen werden, wenigstens als weit- gehender Träger ihrer Intention. Dafür spricht im Hinblick auf den Aufsichtsrat die Defacto-Selbstbestimmung der Großbanken auf ihren Hauptversammlungen, was praktisch bedeutet, daß sie ihren Aufsichtsrat selbst berufen. Zudem wird das Machtgefüge abgesi- chert durch Ex-Bank-Vorständler in diesem Gremium. Der Aufsichts- rat stellt so kein Kontrollorgan dar, sondern eine Koordinie- rungsinstitution für das Engagement der Großbanken. Gleiches gilt für die z e n t r a l e n B e i r ä t e, die ohne juristische Zuständigkeit sind. Sie entstanden erst im Ge- folge der Aktienrechtsnovelle von 1965 (Lex Abs), die eine Be- grenzung der Aufsichtsratsmandate auf zehn (plus fünf weiteren bei eigenen "Tochter"-Unternehmen) mit sich brachte. Zur Auf- rechterhaltung institutioneller personeller Verflechtungen schuf man in der Folge umfassende Beiräte. Auch die r e g i o n a l e n B e i r ä t e, in etwa der Län- derstruktur entsprechend, sind solche Koordinationsgremien. Dazu äußerte P a u l K l e i n e w e f e r s, Unternehmer des Jahr- gangs 1905 und selbst jahrelang Mitglied im Beirat der DB: "In den Beiräten der Großbanken (von den Aufsichtsräten natürlich ab- gesehen) treffen sich - cum grano salis - die führenden Männer der deutschen Wirtschaft. Es gilt als Auszeichnung, einem solchen Beirat anzugehören" und zugleich als Verpflichtung zur entspre- chenden Pflege der Bankkontakte. 10) Die GB organisieren durch primäre und sekundäre Verflechtungen 2154 Personen, davon die DB 889, die DrB 689 und die CB 576. Das Verhältnis zwischen primären und sekundären Beziehungen liegt bei 1:2. Über diese 2154 Personen werden Verbindungen zu 3146 inlän- dischen Unternehmen gehalten, dazu rund 500 Unternehmen im Aus- land (in der Regel "Töchter" von BRD-Konzernen). Im Durchschnitt bestehen zu jeder dieser Firmen zwei personelle Verflechtungen. Die DB unterhält zu 55 Prozent der 3146 inländischen Unternehmen Beziehungen, allein zu 35,8% e x k l u s i v. Die DrB ist ver- flochten mit 43,5% des Samples, exklusiv mit 25,4%. Die CB-An- teile belaufen sich auf 29,5% und 16,2%. Tabelle 1: Anteile der einzelnen Großbanken an den personellen Verflechtun- gen (pV) zu 3146 inländischen Unternehmen (U) Es bestehen parallele pV der Deutschen Bank zu Deutschen und Dresdner Bank zu 1127 (=35,8%) der U, 290 (=9,2%) der U, Dresdner Bank zu Deutschen und Commerzbank zu 800 (=25,4%) der U, 139 (=4,4%) der U, Commerzbank zu Dresdner und Commerzbank zu 510 (=16,2%) der U. 99 (=3,1%) der U, - Prozentangaben gerundet - aller drei Großbanken zu 181 (=5,8%) der U. _____ Quelle: Eigenberechnung. Die exklusiven personellen Verflechtungen treten vorwiegend bei "kleinen" Unternehmen mit unter einer Mrd. DM Umsatz auf. Umge- kehrt sind etwa die 100 größten Industrieunternehmen in der Regel mit zwei oder allen drei Großbanken in personaler Beziehung. Letzteres schließt aber keineswegs aus, daß häufig eine deutliche Hierarchisierung zugunsten einer Großbank festzustellen ist. Das Unterhalten von Beziehungen der Industrie zu mehreren Banken muß verstanden werden als Versuch der Relativierung des Einflusses der "Hausbank" - zur Absicherung eigener Freiräume - und vor al- lem als Ergebnis der fortgeschrittenen Konzentrationsprozesse, die es ökonomisch sinnvoll erscheinen lassen, "fremde" Banken in den eigenen Reproduktionsprozeß mit einzubeziehen, zugleich aber auch als Ergebnis der Konkurrenz zwischen den Großbanken und zwi- schen den Finanzgruppen um Einflußzonen. 3. Die Finanzgruppen Deutsche Bank und Dresdner Bank ---------------------------------------------------- Hier kann aus räumlichen Gründen keine umfassende Darstellung der personellen Verflechtungen von Industrie- und Bankkapital vorge- nommen werden. Insgesamt, das sei hier jedoch vermerkt, decken sich die empirischen Befunde mit der Finanzgruppentheorie: Ohne daß alle Industrieunternehmen einer Gruppe zuzuordnen sind, läßt sich doch für die Mehrheit inländischer Industriekonzerne (hier für die größten 60), welche nicht in ausländischem oder Staatsei- gentum sind, der Nachweis einer Finanzgruppenzugehörigkeit er- bringen. In der Tabelle 2 findet sich eine Zuordnung der 60 größten bun- desdeutschen Industriekonzerne 11) zu den Finanzgruppen der Deut- schen Bank und der Dresdner Bank oder zu den sogenannten "autonomen" Unternehmen. Die Nichtberücksichtigung der Commerz- bank-Gruppe erklärt sich aus deren Zusammensetzung: Kein Mitglied ist unter den 60 Größten zu finden. Dies bedeutet aber keines- wegs, daß nicht auch die Commerzbank personelle oder andere Be- ziehungen in diesem Bereich unterhält. Ihnen kommt aber lediglich marginale Bedeutung zu. Die tabellarische Zuordnung der Industriekonzerne in die beiden Finanzgruppen erfolgte nur bei eindeutiger Faktenlage. Nicht be- rücksichtigt bzw. als "autonom" bezeichnet wurden Unternehmen, welche sich beim jetzigen Stand der Untersuchung, hier besonders der personellen Verflechtungen, einer eindeutigen Bestimmung ent- zogen. Darüber hinaus wurden - per Definition - Gesellschaften ausgegrenzt, die mehrheitlich im Eigentum des Staates oder aus- ländischen Kapitals sind. Deutlich wird die vorsichtige Interpre- tation der Fakten anhand des Beispiels der Bayer AG. Immerhin vertrat die DB auf der vorletzten Hauptversammlung 29% der prä- senten Stimmen und ist hochrangig personell mit Bayer verfloch- ten. Zugleich ließ sich aber ein ebenfalls nicht unbeträchtlicher Einfluß der beiden anderen Großbanken festmachen. Im Ergebnis wird Bayer den "autonomen" Unternehmen zugeordnet, obgleich ge- rade Ereignisse der jüngsten Zeit die enge Beziehung der Bayer AG zur DB belegen: So gründete die DB im November 1985 die DB-Capi- tal Markets (Asia) Ltd., Hongkong/Tokio, gemeinsam mit Siemens und Bayer (diese Industriebeteiligung wurde vom japanischen Fi- nanzministerium als Bedingung für den Zugang zum ansonsten ver- schlossenen Wertpapiermarkt gestellt). Die Kriterien, welche zu einer Gruppenzuordnung führten, seien hier kurz erläutert. Die Bewertung der personellen Verflechtungen basiert im Zuordnungsfall auf drei Punkten: - Es liegt wenigstens eine primäre Verflechtung vor. - Die führende Bank hebt sich, bei quantitativer Betrachtung, deutlich von den beiden anderen Großbanken ab. Dies läßt sich nicht generell quantifizieren, da etwa die Aufsichtsräte nicht alle die gleiche Personenzahl umfassen, nicht alle Gesellschaften in der Form einer AG geführt werden etc. - Die führende Bank hebt sich ebenfalls bei einer qualitativen Betrachtung, also der leitenden Gremienfunktionen (Vorsitzender des Vorstandes und Aufsichtsrates) erkennbar von den anderen Großbanken ab. Darüber hinaus wurden bei der Auswertung Kapitalverflechtungen und die Wahrnehmung des Depotstimmrechtes berücksichtigt, soweit hier Erkenntnisse vorliegen. 12) Tabelle 2: Finanzgruppen um die Deutsche Bank und die Dresdner Bank, sowie "autonome" Unternehmen, auf Basis der 60 größten Industriekon- zerne in der Bundesrepublik 1983 Finanzgruppe Finanzgruppe "Autonome" Unternehmen Deutsche Bank Dresdner Bank BASF AG (5./alle drei) ***) VEBA AG (1.) *) Krupp GmbH (15.) Bayer AG (6./DB) Daimler-Benz AG BMW/Quandt-Gruppe Hoechst (7./alle drei) (3.) (20.) Siemens AG (4.) AEG AG (23). **) A BP AG (10./Dr.B) RWE AG (9.) Krupp Stahl AG A Shell AG (AG 12./DB, DrB) (50./ VEBA OEL AG (11./ Krupp-"Tochter") A Esso AG (13./DrB, DB) VEBA-"Tochter") Ruhrkohle AG (14./DB) Bosch GmbH (18.) GHH AG (16./alle drei) Mannesmann AG (19.) A Opel AG (17.) ****) Flick-Gruppe (29.) *****) A Ford AG (21./CB, DB) Henkel KGaA (34.) Preussag AG (22./alle drei) Holzmann AG (36.) A Mobil Oil AG (26./DB) Preußische Elektrizitäts-AG A IBM-Gruppe (27./DB, CB) (37./VEBA-"Tochter") Wintershall AG (28./ Hoesch AG (39.) BASF-"Tochter") Bertelsmann AG (43.) A Texaco AG (30./DB) Reemtsma GmbH S Salzgitter AG (31./alle Chemische Werke Hüls drei) (48./VEBA-"Tochter") MAN AG (32./GHH- Mannesmann Röhren-Werke "Tochter") AG A Unilever GmbH (33./DB) (55./Mannesmann-"Toch- Babcock AG (38./DrB) ter") S Saarbergwerke AG (40./al- Union Rheinische le drei) Braunkohlen Kraftstoff AG Klöckner-Werke AG (56./RWE-"Tochter") (41./DB) Buderus AG (57./Flick-***** A Philips-Gruppe (42./DB, "Tochter") DrB) Agfa-Gevaert AG (45./ Bayer-"Tochter") S VIAG AG (46./DB) MBB GmbH (47./DrB) S VEW AG (49./alle drei) A Brown, Boverie u. Cie (52./CB, DrB) Klöckner-Humboldt-Deutz AG (53./DB, DrB) Unternehmen zwischen Deutscher Hochtief AG (54./CB, und Desdner Bank DrB) Volkswagen AG (2.) S Bayernwerk AG Thyssen AG (8.) (58./VIAG-"Tochter") Degussa AG (24.) A BAT (Cigaretten Fabriken Metallgesellschaft (25.) GmbH (59./CB, DrB) Audi AG (35./VW-"Tochter") A SEL AG (60./ITT-"Toch- Thyssen Industrie AG ter"/alle drei) (51./Thyssen-"Tochter") _____ *) In der Klammer finden sich jeweils die Rangplätze der einzel- nen Konzerne innerhalb der 60 größten inländischen Industrieun- ternehmen (Quelle: Capital, 10/1984 - Rangplätze für das Jahr 1983). **) Infolge der Übernahme der AEG durch Daimler-Benz muß der Elektrokonzern heute zur Finanzgruppe der Deutschen Bank gezählt werden. ***) In der Klammer der "autonomen" Konzerne finden sich die Großbanken - entsprechend der Intensität der Verbindung aufgeli- stet -, zu denen personelle Beziehungen bestehen. ****) Die Opel AG hat keine verifizierbaren personellen Verflech- tungen mit einer der Großbanken. *****) Der industrielle Kern der Flick-Gruppe wurde, nachdem Flick zum Jahreswechsel 1985/86 an die Deutsche Bank verkaufte, mittlerweile als Feldmühle Nobel AG über die Deutsche Bank an der Börse eingeführt. Über Depotstimmrecht und personelle Verflech- tungen wird die neue AG auch künftig zur DB-Gruppe zählen. A Das Unternehmen befindet sich mehrheitlich im Besitz ausländi- scher Eigentümer. S Unternehmen in Staatseigentum (Bund, Länder und/oder Kommunen). Quelle: Eigene Erhebung der personalen, kapitalmäßigen und stimm- rechtlichen Verflechtungen. Den personellen Verflechtungen kommt dabei das Primat zu, da sie als einziger Faktor z. Z. systematisch und annähernd umfassend erfaßt sind. Daß die Mitgliedschaft in einer Finanzgruppe keine statische Festlegung beinhaltet, hat der Fall AEG deutlich gemacht. Glei- ches könnte für Thyssen gesagt werden, ein Unternehmen, das tra- ditionell mit der Dresdner Bank in engster Beziehung stand - heute ist auch hier der DB ein Einbruch gelungen. Ebenso gibt es Abstufungen innerhalb der Finanzgruppen selber. Dies hat im wei- testen Sinne konkret-historische Ursachen. Die VEBA AG zählt z.B. nicht zum Kern der DB-Gruppe, wie etwa Siemens, Daimler-Benz, Bosch, Mannesmann und Flick. Bis zum Ende der 60er Jahre war die VEBA ein reines Staatsunternehmen. Erst die Streuung des Aktien- kapitals, gefeiert als Ausgabe von "Volksaktien", gab den Banken - über das Depotstimmrecht - direkten Zugriff auf das Unterneh- men. Sukzessive wurde der Staatsanteil auf heute deutlich unter 30% abgesenkt. Die Geschichte der Daimler-Benz AG bot der DB f r ü h e r einen Zugang. 1924 waren die Daimler-Motorengesellschaft und die Benz & Cie. voneinander unabhängige Unternehmen - die aber wirtschaft- lich am Boden lagen. Es war die DB, die beide Unternehmen fusio- nierte und reorganisierte. Seitdem spielt die Bank bei Daimler- Benz eine beherrschende Rolle. Aktuell hält die Bank 28,5% des Aktienkapitals, dazu kommen die 10% der Flick-Gruppe (die auch vor dem Aufkauf zum 1.1.1986 zum Einflußpotential der DB gerech- net werden mußten) und verfügt fast vollständig über das Depot- stimmrecht der 22,3% in Streubesitz befindlichen Aktien. All dies hat auch ein "Paradebeispiel" für personale Verflechtung entste- hen lassen: Hermann J. Abs, Ehrenvorsitzender im Aufsichtsrat, bekleidet diesen Posten auch bei Daimler. Aufsichtsratsvorsitzen- der bei Daimler ist Alfred Herrhausen, Sprecher der DB. Weitere zwei Mandate im Rat werden von Deutsch-Bankern wahrgenommen. Um- gekehrt sitzt der Vorstandsvorsitzende von Daimler, Werner Breit- schwerdt, im "Beirat der Gesamtbank" der DB. Ein weiteres Mit- glied des Daimler-Vorstandes sowie ein Direktor gehören regiona- len Beiräten der DB an. Das Beispiel Daimler verweist zugleich auf eine weitere Differen- zierung innerhalb der Finanzgruppen. Es gibt nicht nur Unter- schiede in der "räumlichen" Distanz der Finanzgruppenmitglieder zur zentralen Großbank, sondern auch im Verhältnis zu dieser. Für Daimler-Benz läßt sich spätestens mit der Reorganisation Mitte der 20er Jahre eine d o m i n a n t e Position der Deutschen Bank gegenüber dem Automobilkonzern konstatieren. In den perso- nellen Verflechtungen zwischen Daimler und DB drückt sich dies in den starken primären Verflechtungen zwischen beiden aus. Anders Siemens: Der Konzern zählt ebenfalls zum Kern der DB- Gruppe, und wie zu Daimler unterhält die Deutsche Bank seit vielen Jahrzehnten enge Verbindungen zu Siemens, es ist aber nicht ersichtlich, daß die DB Siemens dominiert. Siemens stand bereits an der Wiege der Deutschen Bank im Jahre 1870. Der Vetter des Siemens-Gründers Werner Siemens (das "von" gab es erst Jahre später), Georg Siemens, war Mitgründer der Großbank und ihr er- ster Direktor, was dem heutigen Vorstandssprecher entspricht. Im Gegensatz zu Daimler-Benz erlebte der Elektrokonzern aber nie eine so tiefe Krise wie das Automobilunternehmen, was der DB den Einstieg in eine dominante Position ermöglicht hätte. Auf der Siemens-Hauptversammlung 1984 vertrat die DB immerhin 20% der Stimmen allein. Im Hinblick auf die personale Verflechtung von DB/Siemens drückt sich der beschriebene Sachverhalt in zwar eben- falls sehr intensiven personellen Beziehungen aus, in denen aber der DB nur eine primäre Verflechtung zugestanden wurde. So ist Wilfried Guth (DB) stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender von Siemens. Weitere fünf Mitglieder des Siemens-AR sitzen zugleich in Gremien der DB, insbesondere in deren AR und zen- tralem Beirat, darunter der AR-Vorsitzende des Elektrokonzerns, Peter von Siemens (im Mai 1986 verstorben), der ebenfalls im AR der Deutschen Bank Mitglied ist. Daneben gibt es eine Reihe wei- terer personeller Verflechtungen zwischen beiden Unternehmen. In diesem Beitrag stand der Aspekt der personalen Verflechtung im Vordergrund. Diese Ebene der Verflechtung ist von ihrer formellen Seite der empirischen Forschung am ehesten zugänglich und spie- gelt zugleich andere Beziehungen wider. Dies gilt auch im Blick auf die Verflechtung der Großbanken mit Institutionen des States und ideologischen Apparaten (Antonio Gramsci). So lassen sich personelle Beziehungen der drei Banken mit 120 staatlichen Insti- tutionen und mit über 850 ideologischen Apparaten nachweisen. 13) _____ *) Der Artikel basiert auf einer Untersuchung des Autors zu den personellen Verflechtungen der Großbanken, die im Rahmen des Ham- burger Instituts für Sozialforschung durchgeführt wird. Die Ba- sisdaten stammen im wesentlichen aus den 1984 erschienenen Ge- schäftsberichten der Großbanken; Hoppenstedt-Verlag (Hrg.), Lei- tende Männer der Wirtschaft, Darmstadt 1983; Who's Who in Ger- many, hrg. von O. J. Groeg, Ottobrunn 1983. Zu Ergebnissen dieser Untersuchung vgl. auch: Hermannus Pfeiffer, Das Netzwerk der Großbanken, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 2/1986, S. 161 ff. und ders., Großbanken und Finanzgruppen, in: WS.I Mitteilungen, H 7/1986. 1) W.I. Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapita- lismus, in: Werke, Bd. 22, Berlin (DDR) 1977 (erstmals erschienen 1917), S. 230; vgl. auch R. Hilferding, Das Finanzkapital, 2 Bde., Frankfurt/Köln 1974 (erstmals 1910). 2) Vgl. insbesondere K. Gossweiler, Großbanken, Industriemono- pole, Staat - Ökonomie und Politik des staatsmonopolistischen Ka- pitalismus in Deutschland 1914-1932, West-Berlin 1975 (erstmals 1970). 3) K. Gossweiler, Die Rolle der Großbanken im Imperialismus, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, 1971/III, S. 49. 4) Eigenberechnung nach: Deutsche Bundesbank, Entwicklung der Wertpapierdepots, Beilage zu den Statistischen Beiheften, Wertpa- pierstatistik, Juli 1984 und Monatsberichte der Deutschen Bundes- bank, Mai 1984. Der Anteil der Großbanken wurde auf der Basis ei- ner Aussage von Franz Heinrich Ulrich geschätzt, wonach vier Fünftel der Aktien im Besitz der Kreditinstitute auf die Großban- ken entfallen; F. H. Ulrich, Großbanken heute, in: Robert Wittgen (Hrg.), Neuzeitliche Bankenpolitik, Frankfurt 1974, S. 72. 5) "Handelsblatt", vom 7./8.3.1986. 6) Deutsche Bundesbank, Statistische Beihefte zu den Monatsbe- richten, Reihe 2 - Wertpapierstatistik, März 1986. 7) Ebenda. 8) Vgl. Anm. 4 "Bundesbank". 9) Capital 10/1984. Danach hielten die Großbanken folgende Stimm- anteile: Kaufhof: CB 33%, DrB 12%; Schering: DB 24%, DrB 10%, CB 12%; Siemens: DB 20%, DrB 13%; Bayer: DB 29%, DrB 18%, CB 7%; Conti-Gummi: DB 22%, DrB 18%, CB 7%; Holzmann: DB 54%, DrB 3%, CB 7%; Degussa: DB 7%, DrB 15%. Der Anteil der Kreditinstitute be- wegte sich zwischen 50% und 98%. Die DB vertrat auf ihrer Haupt- versammlung (HV) 47% der Stimmen, die DrB 59% und die CB 30%. 10) Paul Kleinewefers, Jahrgang 1905 - Ein Bericht, 2. Auflage, o.O. 1977, S. 356. 11) Allein die 50 größten Konzerne stehen für mehr als ein Fünf- tel der gesamten Industrieproduktion in der Bundesrepublik (die Monopolkommission errechnete für 1980 einen Anteil der 100 Größ- ten an der gesamten Industrieproduktion von 37,26% - bei steigen- der Tendenz). Quelle: Monopolkommission, Hauptgutachten 1980/81, Baden-Baden 1982, S. 88. 12) Die Erhebung der Kapitalverflechtungen beruht auf: Commerz- bank (Hrg.). Wer gehört zu wem, 14. Auflage, Hamburg 1982, und der 15. Auflage, Hamburg 1985; auf: Bayerische Hypotheken- und Wechselbank, Wegweiser durch deutsche Unternehmen, München 1984. 13) Vgl. ausführlicher Hermannus Pfeiffer, Das Netzwerk..., a.a.O., bes. S. 169 ff. zurück