Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 11/1986
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INTERNATIONALISIERUNG DES SMK: EINE NEUE TENDENZ IN
DER ENTWICKLUNG DER KAPITALISTISCHEN WELTWIRTSCHAFT
Bernhard Roth
1. Politisierung der Weltmarktkonkurrenz: Eine neue Erscheinung
des Internationalisierungsprozesses im monopolistischen Kapita-
lismus - 2. "Überwindung nationalstaatlicher Grenzen": Lösen sich
die Nationalökonomien auf? - 3. Schlußbemerkung: Zum Begriff
"Internationalisierung des SMK"
In den letzten Jahrzehnten ist es zu einem sprunghaften Anstieg
der Handels- und Kapitalverflechtung der Industrieländer gekom-
men, die seit Anfang der 70er Jahre durch eine starke Internatio-
nalisierung der Kreditbeziehungen ergänzt wurde. Die Akteure die-
ses Internationalisierungsprozesses waren in erster Linie die do-
minierenden Kapitale der führenden Industrieländer, allen voran
die internationalen Konzerne (IK). Wissenschaftler des IPW sehen
in diesem Zusammenhang eine Tendenz zur Internationalisierung des
staatsmonopolistischen Kapitalismus (SMK) als einer qualitativ
neuen Phase des SMK, die sich über eine anhaltende und tiefgrei-
fende Regulierungskrise durchsetzt. 1) Diese These, der im fol-
genden widersprochen wird, hat politische Konsequenzen: Ist sie
richtig, so müßten internationale Organe zunehmend zum Adressaten
politischer und ökonomischer Forderungen von Alternativbewegungen
werden. Zugleich würden die Durchsetzungschancen von Alternativen
auf nationalstaatlicher Ebene sinken und der jeweilige staatliche
Apparat könnte zu Recht auf eine zunehmende "Machtlosigkeit" ver-
weisen.
1. Politisierung der Weltmarktkonkurrenz:
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Eine neue Erscheinung des Internationalisierungsprozesses
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im monopolistischen Kapitalismus
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Die Theorie des SMK stellt nicht nur den Versuch dar, die Wech-
selbeziehung zwischen Staat und Konzernen auf nationaler Ebene
analytisch zu erfassen, sondern untersucht zugleich den Einfluß
dieser Veränderungen auf den Internationalisierungsprozeß. Dabei
handelt es sich nicht nur um neue Tendenzen im ökonomischen Be-
reich, sondern zugleich um Veränderungen in der Organisation der
Weltwirtschaft, ihren Regeln und Institutionen. Unter den Bedin-
gungen des SMK wurden die Nationalstaaten in neuer Qualität in
den Internationalisierungsprozeß einbezogen, unterlag dieser Pro-
zeß einer zunehmenden Politisierung. 2)
Dies läßt sich beispielhaft an der Entwicklung des Weltwährungs-
systems zeigen. Im Konkurrenzkapitalismus hatte sich ein "echtes"
Weltwährungssystem herausgebildet, in dem die Waren neben einem
Preis in nationaler Währung unmittelbar, d.h. ohne Vermittlung
über ein zwischenstaatliches Wechselkurssystem, einen Weltmarkt-
preis (Goldpreis) besaßen. Ohne internationale Gremien und Auf-
sichtsbehörden und ohne internationale Verträge und Vereinbarun-
gen ermöglichte dieses System - unter englischer Hegemonie - eine
rasche Expansion des internationalen Handels- und Kapitalver-
kehrs. Der Internationalisierungsprozeß kann in dieser Periode
als weltweite Konkurrenz von Einzelkapitalen charakterisiert wer-
den. Der Staat sicherte diesen Prozeß zwar global durch politi-
sche und militärische Maßnahmen ab, verfügte jedoch nur über ein
vergleichsweise bescheidenes Instrumentarium zur wirtschaftspoli-
tischen Förderung der nationalen Kapitale. Eine enge und systema-
tische Unterstützung der internationalen Expansion einzelner Ka-
pital bzw. Kapitalgruppen durch die Wirtschaftspolitik existierte
nicht. Funktionieren konnte ein solches System nur, solange die
Nationalstaaten auf wirtschaftspolitische Regulierungen im Innern
weitgehend verzichteten bzw. verzichten konnten und solange die
einzelnen Unternehmen nicht über die ökonomische und politische
Potenz verfügten, die Ressourcen des Staates für ihre internatio-
nalen Expansionsziele "einzuspannen". 3)
Die Herausbildung der monopolistischen Konkurrenz führte zunächst
zu einer Verstärkung des nationalökonomischen und nationalstaat-
lichen Elements in der kapitalistischen Weltwirtschaft. Die Na-
tionalstaaten grenzten ihre Wirtschaftsräume durch währungs- und
handelspolitische Maßnahmen voneinander ab, mit dem Ziel, das
"eigene" Nationalkapital vor der Auslandskonkurrenz zu schützen.
Zugleich diente diese Abgrenzung dazu, die Ressourcen der Nation
für die internationale Expansion der nationalen Konzerne zu mobi-
lisieren. Ein Beispiel hierfür war die Zollpolitik, die im Innern
hohe Preise gewährleistete, als Voraussetzung für eine Außenex-
pansion vermittels von Dumpingpreisen. 4) Auch über die Währungs-
politik wurde versucht, die Internationalisierung der Konzerne zu
fördern: Eine Unterbewertungs- bzw. Abwertungspolitik verbesserte
deren Exportchancen, belastete jedoch zugleich das Nationalkapi-
tal über erhöhte Importkosten. Unter den Bedingungen des SMK kam
somit ein neues Moment in die Internationalisierung des Kapitals:
Die internationale Konkurrenzposition der Unternehmen war nicht
mehr allein Resultat der jeweils kapitalspezifischen Vorteile
(Produktivität, Produktinnovation, Technologie, Qualität), son-
dern wurde wesentlich von der Wirtschafts- und Außenpolitik der
Nationalstaaten mitbestimmt. Zusätzlich zum traditionellen außen-
wirtschaftlichen Instrumentarium wurde die nationale Technologie-
politik, die Struktur- und Stabilitätspolitik usw. in den Dienst
des Ziels "internationale Wettbewerbsfähigkeit" gestellt, ein
Prozeß, der in der Zwischenkriegszeit in seinen Keimformen sicht-
bar, aber erst in der Nachkriegszeit bestimmend wurde.
Die Herausbildung des Systems des SMK führte somit zu einer Poli-
tisierung des Internationalisierungsprozesses. Diese Politisie-
rung stellt folglich keine neue Erscheinung der heutigen Welt-
wirtschaft dar, sondern es handelt sich um einen "Grundzug" des
Systems des SMK. Damit wurde objektiv eine neue Weltwirtschafts-
ordnung notwendig, in der zwischenstaatliche Absprachen und Ver-
träge an die Stelle der "unorganisierten" Weltwirtschaftsordnung
des Konkurrenzkapitalismus (Goldstandard) treten mußten. Der
Zwang zu einer Etablierung internationaler Gremien, die die Ein-
haltung bestimmter Regeln in der Weltwirtschaft zu gewährleisten
hatten, war Ergebnis der Herausbildung des SMK und der damit ein-
hergehenden Politisierung des Internationalisierungsprozesses.
Historisch gelang eine Anpassung an die neuen Verhältnisse in der
Weltwirtschaft nicht unmittelbar: Während die internationalen
Wirtschaftsbeziehungen längst vom Konkurrenzkampf zwischen Mono-
polen und Kartellen, unterstützt von ihren Nationalstaaten, ge-
prägt waren, wurde weiter am Goldstandard als Organisationsprin-
zip des Konkurrenzkapitalismus festgehalten. Das Fehlen einer den
neuen Bedingungen angepaßten Weltwirtschaftsordnung war eine der
Ursachen für den weitgehenden Zusammenbruch der internationalen
Wirtschaftsbeziehungen im Gefolge der Weltwirtschaftskrise Anfang
der 30er Jahre.
Dies zeigt, daß die Herausbildung der monopolistischen Konkurrenz
und die neue Rolle des Staates nicht "automatisch" die Tendenz zu
einer wachsenden Internationalisierung des Kapitals mit sich
bringt, sondern daß die Politisierung der internationalen Konkur-
renz potentiell Krisen und Konflikte hervorbringt, die zu einer
zeitweiligen Entflechtung und Renationalisierung der ökonomischen
Beziehungen führen können. Die Herausbildung eines internationa-
len Regulierungssystems ist nicht nur eine Frage der objektiven
Erfordernisse, sondern hängt wesentlich von konkreten histori-
schen Gegebenheiten und Erfahrungsprozessen ab. Die Weltwirt-
schaftsordnung der Nachkriegszeit ist ein Beispiel, daß Lernpro-
zesse, verknüpft mit günstigen politischen und ökonomischen Aus-
gangsbedingungen (große weltwirtschaftliche Expansionsspielräume,
unangefochtene US-Hegemonie), zu einem internationalen Regulie-
rungssystem führen konnten, das dem Internationalisierungsprozeß
unter den Bedingungen des SMK gewaltigen Auftrieb verschaffte. Am
neuen Weltwährungssystem von Bretton Woods wurde der neue Charak-
ter der Weltwirtschaftsordnung der Nachkriegsperiode besonders
deutlich: An die Stelle des quasi spontanen Goldstandards traten
zwischenstaatliche Abkommen und Organe (IWF), die die Wechselkur-
sentwicklung und die internationalen Kreditbeziehungen regelten.
Ergänzt wurde dieses System durch Handelsabkommen und Regelungen
über den internationalen Kapital- und Devisenverkehr (GATT,
OEEC). Ein internationales Vertragssystem in dieser Dimension war
eine neue Erscheinung der kapitalistischen Weltwirtschaft. Es
trug der gestiegenen Rolle der Nationalstaaten in der Weltmarkt-
konkurrenz Rechnung und stellte damit eine Anpassung an den In-
ternationalisierungs-prozeß unter den Bedingungen des SMK dar.
Die Erosion der ökonomischen Vormachtstellung der USA durch das
Aufschließen Japans und der EG-Länder und die Verengung weltwirt-
schaftlicher Expansionsspielräume führten in den 70er Jahren zu
einem Zusammenbruch wesentlicher Grundpfeiler der Nachkriegsord-
nung. Insbesondere die internationalen Währungs- und Kreditbezie-
hungen waren hiervon betroffen: An die Stelle fester Wechselkurse
und der Aufsicht des IWF über die Finanzierung von Leistungsbi-
lanzdefiziten trat ein "Mischmasch" aus "verschmutztem floating"
(wirtschaftspolitisch beeinflußtes System flexibler Wechselkurse)
und regionalen Festkurssystemen (EWS). Die Währungspolitik wurde
renationalisiert bzw. regionalisiert, die internationale Kredit-
politik privatisiert und zur Angelegenheit zwischen internationa-
len Banken und kreditsuchenden Ländern. Bei formeller Einhaltung
des GATT-Abkommens nahmen Versuche zu, den internationalen Handel
durch nichttarifäre Handelshemmnisse und Selbstbeschränkungsab-
kommen im nationalen Interesse zu beeinflussen. Substantielle
Verbesserungen im internationalen Handels- und Kapitalverkehr, in
der Regelung der internationalen Finanz- und Kreditbeziehungen
und in der Gestaltung der Weltwirtschaftsordnung kamen in den
70er Jahren nicht mehr zustande. Eine Ausnahme bilden hier nur
einige Fortschritte in der Währungsintegration und in der Verein-
heitlichung gewisser Vorschriften und Normen im Rahmen der EG,
wobei auch hier die wesentlicheren Integrationsfortschritte in
den 50er und 60er Jahren zu verzeichnen waren.
Die 70er Jahre brachten insgesamt eine Deregulierung der Welt-
wirtschaft mit sich. Vor diesem Hintergrund sind die gegenwärti-
gen Bemühungen führender kapitalistischer Länder um eine verbes-
serte Steuerung und Koordination der Weltwirtschaft zu sehen: Bi-
und multilateralen Konsultationen mit dem Ergebnis fallweiser In-
terventionen in Krisensituationen, Substanz- und ergebnislose
Wirtschaftsgipfel, das feuerwehrartige Management der Schulden-
krise und meist konsequenzlose GATT- und UNCTAD-Runden können
zwar als Indizien gelten, daß ein neues, den heutigen Verhältnis-
sen angepaßtes internationales Regulierungssystem notwendig ist.
Herausgebildet hat es sich jedoch noch nicht. Im Kern handelt es
sich bei den gegenwärtigen Regulierungsversuchen um diskretionäre
Eingriffe, die von Fall zu Fall zwischen den führenden kapitali-
stischen Nationalstaaten ausgehandelt werden. Solche Eingriffe
müssen nicht notwendig wirkungslos bleiben, wie die Absprache
über eine Senkung des Dollarkurses 1985 demonstrierte. Sie sind
Ergebnis von Verhandlungsprozessen und der Machtverteilung zwi-
schen den dominierenden kapitalistischen Nationalstaaten. Kommt
es auf dieser Basis zu einer Einigung bzw. zur Durchsetzung der
Interessen einzelner hegemonialer Staaten, so können die vorhan-
denen internationalen Institutionen durchaus wirkungsvoll agie-
ren. Dies ist jedoch weder ein Indiz für einen "autonomen" Macht-
gewinn dieser internationalen Organe noch für die Errichtung ei-
nes qualitativ neuen Systems internationaler Regulierungen.
Als Beispiel für "neue Formen der Verflechtung von Monopolen und
Staat auf internationaler Ebene" führen H. Heininger und L. Maier
das Schuldenmanagement an, in dem internationale Bankkonsortien
mit dem IWF und der Weltbank zusammenwirken. Von einer Funktions-
erweiterung des IWF kann in diesem Zusammenhang nur vor dem Hin-
tergrund eines vorangegangenen Funktionsverlustes gesprochen wer-
den: Während der IWF im System von Bretton Woods den Defizitlän-
dern bei anhaltenden Leistungsbilanzdefiziten Auflagen über die
Finanzierung und Bewältigung machen konnte und der Aufbau nicht
rückzahlbarer Kredittürme schon in der Entstehungsphase zumindest
eingedämmt werden konnte, ist seine heutige Funktion in der Tat
die eines Schuldeneintreibers im Interesse der Banken geworden.
Eine solche Politik betreibt der IWF jedoch nicht autonom, d. h.
in weitgehender Unabhängigkeit von den Interessen der führenden
kapitalistischen Ländern: Diese bestimmten vielmehr durch ihre
Stimmenmehrheit und durch ihre Vertreter beim IWF über die Kre-
ditlinien und -modalitäten den Kurs beim Schuldenmanagement. Der
IWF agiert im Zusammenhang mit der Schuldenkrise nur scheinbar
als übernationale Institution. Dieser Schein hilft, den Defizit-
ländern Auflagen aufzudrücken, die diese von selten einzelner
Schuldnerländer als Einmischung in ihre Angelegenheiten nicht ak-
zeptieren könnten.
Insgesamt begründen die von H. Heininger und L. Maier angeführten
Beispiele und Erscheinungen weniger die These von einer "neuen
Qualität" bzw. einer "neuen Stufe" der SMK-Entwicklung, als viel-
mehr, daß der Internationalisierungsprozeß unter den Bedingungen
des SMK zwischenstaatlicher Regulierungen der Weltwirtschaft be-
darf. Ein solches Regulierungssystem gab es - unter der Hegemonie
der USA - in der Nachkriegszeit. Gegenwärtig gibt es zwar einen
hohen Lenkungsbedarf und einige diskretionäre Regulierungsan-
sätze, aber kein Regulierungssystem, das sich mit jenem der Nach-
kriegsperio-de vergleichen ließe. Dies liegt sicherlich zum Teil
daran, daß im Westen gegenwärtig keine unumstrittene ökonomische
und politische Hegemonialmacht existiert und daß ein neues Macht-
gleichgewicht zwischen den rivalisierenden kapitalistischen Zen-
tren noch nicht gefunden ist. Zum ändern mag eine Rolle spielen,
daß sich der Regulierungsbedarf verlagert hat: In der Nach-
kriegsperiode galt es zunächst, den Handel und Kapitalverkehr
zwischen den westlichen Industrieländern neu aufzubauen und eine
entsprechende Währungsund Handelsordnung zu schaffen. Die Ent-
wicklungsländer - meist noch Kolonien - spielten in diesem Prozeß
keine Rolle. In den 70er und Anfang der 80er Jahre hat sich ge-
zeigt, daß die Deregulierungsprozesse in der Weltwirtschaft den
Internationalisierungsprozeß zwischen den Industrieländern - und
dies betrifft den überwiegenden Teil des Welthandels und des
Weltkapitalverkehrs - nicht wesentlich beeinträchtigt haben. Da-
mit sollen die Probleme, die aus dem hohen Handelsbilanzungleich-
gewicht und der hohen Auslandsverschuldung der USA zukünftig ent-
stehen können, nicht heruntergespielt werden. Eine weitaus stär-
kere Gefährdung der weltwirtschaftlichen Beziehungen geht jedoch
von der Schuldenkrise, von den ungleichgewichtigen Wirtschaftsbe-
ziehungen zwischen den Industrie- und Entwicklungsländern aus, d.
h. der weltwirtschaftliche Regulierungsbedarf verlagert sich auf
die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen diesen Ländergruppen.
Zweifelhaft ist jedoch, ob sich hier auf Dauer ein ähnliches in-
ternationales Regulierungssystem etablieren kann wie zwischen den
Industrieländern in der Nachkriegszeit. Denn hier sind die Mach-
tungleichgewichte um ein Vielfaches stärker ausgeprägt als im Sy-
stem von Bretton Woods: Zu vermuten ist deshalb, daß die Schul-
denkrise nicht über ein neues internationales Währungs-, Finanz-
und Handelssystem, in dem die Dritte Welt eine stärkere und ver-
besserte Position einnimmt, gelöst wird, sondern daß den Entwick-
lungsländern eine "Lösungs"strategie oktroyiert wird. Es zeichnen
sich folglich zwei Tendenzen ab:
E r s t e n s: Die Weltwirtschaftsbeziehungen zwischen den Indu-
strieländern bleiben überwiegend konkurrenzgesteuert, wobei die
jeweiligen Nationalstaaten "ihre" Konzerne wirtschaftlich und po-
litisch unterstützen. Konflikte werden von Fall zu Fall und ent-
sprechend den aktuellen Interessenlagen und Machtpositionen zwi-
schenstaatlich geregelt. Eine systematische Regulierung der Wirt-
schaftsbeziehungen zwischen den Industrieländern, d. h. ein neues
Regulierungssystem, ist nicht erkennbar.
Z w e i t e n s: Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den
Industrie- und Entwicklungsländern werden nicht in einer neuen
Weltwirtschaftsordnung geregelt, sondern mit der Methode des Kri-
senmanagements "bewältigt": Die westlichen Industrieländer, Ban-
ken und Konzerne kooperieren, um das "Schlimmste" zu verhüten und
zwingen den Entwicklungsländern die Bedingungen, mit denen die
Kreditkrise gelöst werden sollen, auf. Institutionen wie der IWF
und die Weltbank kommt hierbei die Rolle scheinbar neutraler
Agenten zu.
In beiden Fällen ist - sofern es nicht zu entscheidenden Verände-
rungen im internationalen Kräfteverhältnis kommt - ein neues in-
ternationales Regulierungssystem nicht in Sicht. Weniger eindeu-
tig fällt das Ergebnis allerdings für die EG aus. Hier wären nä-
here Analysen erforderlich, um zu klären, inwieweit die letzten
Jahre einen Machtzuwachs der Brüsseler Behörden gebracht haben,
ob Wechselbeziehungen zwischen EG-Behörden und europäischen Kon-
zernen entstanden sind oder ob diese vor allem über die nationa-
len Regierungen und Institutionen auf die EG-Politik Einfluß neh-
men. Offen ist auch, inwieweit die EG-Erweiterungen zu einer För-
derung der Integration oder aber zu einer Verstärkung national-
staatlicher Abgrenzungsversuche geführt haben. Im Rahmen der EG
könnte den Thesen von H. Heininger und L. Maier ein gewisser Er-
klärungswert zukommen. Inwieweit dies zutrifft, müßte durch eine
tiefergehende Untersuchung geklärt werden.
2. "Überwindung nationalstaatlicher Grenzen":
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Lösen sich die Nationalökonomien auf?
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Die These von der Herausbildung einer neuen Entwicklungsstufe des
internationalen Regulierungssystems wird von H. Heininger und L.
Maier mit einer "wachsenden wechselseitigen ökonomischen Abhän-
gigkeit zwischen den kapitalistischen Industrieländern" begrün-
det. Damit ist die Frage angesprochen, inwieweit der Internatio-
nalisierungsprozeß zu einer Auflösung nationalökonomischer Zusam-
menhänge und Kreisläufe geführt hat bzw. führen wird und inwie-
weit sich eine Tendenz zur Herausbildung einer kapitalistischen
Weltökonomie abzeichnet, die durch die "Antimonie" zwischen wei-
terexistierenden Nationalstaaten und einer "einheitlichen ar-
beitsteiligen Weltökonomie" charakterisiert ist. Diese Fragestel-
lung wurde u. a. in Arbeiten von /. Wallerstein
(Weltsystemkonzept) aufgeworfen. 5) Auch wenn H. Heininger und L.
Maier sich nicht explizit auf diese Debatte beziehen, macht ihre
These von einer neuen Qualität der "staatsmonopolistischen Inter-
nationalisierung" doch vor allem dann Sinn, wenn von einer Unter-
minierung nationalökonomischer Zusammenhänge in den Industrielän-
dern ausgegangen wird. Hinweise für diese Interpretation ergeben
sich aus ihren Thesen über das Erreichen einer neuen Stufe der
internationalen Arbeitsteilung, über die Folgen einer wachsenden
gegenseitigen Kapitaldurchdringung der Industrieländer und der
Herausbildung neuer Merkmale des Finanzkapitals.
Eine Bewertung des gegenwärtigen Grades und Charakters der Inter-
nationalisierung erfordert ein historisch vergleichendes Vorge-
hen, um qualitative und quantitative Neuerungen erkennen zu kön-
nen. Welches sind die qualitativ neuen Momente der Internationa-
lisierung unter den Bedingungen des SMK? Im Unterschied zu einer
weitverbreiteten Auffassung besteht dieses "Neue" nicht primär im
(quantitativen) Ausmaß der Verflechtung der Industrieländer mit
der Weltwirtschaft, sondern in strukturellen (qualitativen) Ver-
änderungen des Internationalisierungsprozesses.
"Internationalisierung" stellt keine Besonderheit des monopoli-
stischen Kapitalismus dar, sondern ist ein "Grundzug" kapitali-
stischer Gesellschaften.
Untersucht man die Handels- und Kapitalverflechtung der wichtig-
sten Industrieländer vor dem 1. Weltkrieg und in der "Blütezeit"
des Kapitalismus der freien Konkurrenz, so zeigt sich, daß diese
dem heutigen Internationalisierungsgrad nicht oder nur unwesent-
lich nachsteht. 6) Die damaligen Industrieländer waren tief in
eine komplementäre Weltarbeitsteilung eingebunden. Durch das Wäh-
rungssystem des Goldstandards und angesichts eines unentwickelten
wirtschaftspolitischen Instrumentariums bestand in dieser Periode
eine enge Reaktionsverbundenheit der Volkswirtschaften, die sich
in einer zeitweiligen Synchronisation der Konjunkturen und in
starken Rückwirkungen internationaler Ereignisse (Bankrott von
Schuldnern in Lateinamerika und den USA) auf die europäischen
Länder äußerte. 7)
Unter den Bedingungen monopolistischer Konkurrenz kam es - wie
gezeigt - zunächst zu einer Rückentwicklung des ehemals erreich-
ten Internationalisierungsgrades (Zwischenkriegszeit). Die quali-
tativ neuen Momente des Internationalisierungsprozesses konnten
sich erst in der Weltwirtschaftsordnung der Nachkriegszeit voll
herausbilden, wenngleich ihre Keimformen bereits vorher sichtbar
wurden:
E r s t e n s kam es zu einer Konzentration des Waren- und Kapi-
talexports auf die dominierenden Konzerne der Industrieländer.
Die Abhängigkeit dieser Unternehmen vom Weltmarkt und von den
Verwertungsbedingungen anderer Länder nahm rasch zu. In diesem
Sinne kam es in der Tat zu einer rasch zunehmenden Internationa-
lisierung der Verwertungsbedingungen der Konzerne.
Z w e i t e n s änderte sich der Charakter des internationalen
Handels und des Kapitalverkehrs. Nicht mehr die komplementäre Ar-
beitsteilung zwischen den Industrieländern und den Agrar- und
Rohstoffländern bestimmten den internationalen Waren- und Kapi-
talstrom, sondern die intraindustrielle Arbeitsteilung zwischen
den entwickelten Industrieländern. Mit zeitlicher Verzögerung
folgte der Kapitalverkehr diesem Trend: Neben dem Export von
Geldkapital, der dominanten Form des Kapitalexports vor dem l.
Weltkrieg, wurde in der Nachkriegszeit die gegenseitige Durch-
dringung mit Direktinvestitionen zu einer gleichbedeutenden Form
der internationalen Kapitalbewegung. Auch hier besteht Überein-
stimmung mit den Thesen von H. Heiningerund L. Maier.
D r i t t e n s kam es - wie bereits ausgeführt - zu einer Ver-
änderung der Rolle der Nationalstaaten in den internationalen
Wirtschaftsbeziehungen und damit zu neuen Anforderungen an die
Gestaltung der Weltwirtschaftsordnung.
Die Ursachen für diese qualitativen Änderungen im Internationali-
sierungsprozeß sind vielschichtig. Sie sind zum einen in der mo-
nopolistischen Konkurrenz und der veränderten Beziehung zwischen
Staat und Ökonomie zu suchen, zum anderen aber in Entwicklungen
der Produktivkräfte (Substitution von Rohstoffen durch die Chemi-
sierung, neue Flexibilität bei der Wahl von Produktionsstand-
orten) und des Marktes (Entwicklung des Massenmarktes in den In-
dustrieländern und Absatzorientierung der Unternehmen). Unstrit-
tig ist, daß die neuen Strukturen in der Weltmarktkonkurrenz un-
ter den Bedingungen der Nachkriegszeit neue Spielräume für die
internationale Expansion geöffnet und zu einem Internationalisie-
rungsgrad geführt haben, der sich in der quantitativen Dimension
nur mit der Periode vor dem 1. Weltkrieg vergleichen läßt.
In den Thesen von H. Heininger und L. Maier wird vor diesem Hin-
tergrund von einer "neuen Stufe der internationalen Arbeitstei-
lung", von einer "Vertiefung" der Arbeitsteilung ausgegangen.
Tatsächlich handelt es sich bei der Herausbildung einer intrain-
dustriellen Arbeitsteilung zwischen den Industrieländern um eine
neue Erscheinung in der kapitalistischen Weltwirtschaft. Strittig
ist jedoch die Interpretation dieser Entwicklung: Ist sie
tatsächlich Ausdruck einer tiefgehenden Arbeitsteilung im Bereich
von Branchen und Betrieben, d. h. einer weitgehenden Spezialisie-
rung, in deren Folge die Lieferung von Einzelteilen, Baugruppen
usw. im internationalen Handel zunehmende Bedeutung erlangt? Oder
handelt es sich bei dem Phänomen des intraindustriellen Handels
zu einem erheblichen Teil um den Austausch von wenig differieren-
den Produkten, die vergleichsweise leicht substituierbar und Aus-
druck einer relativ gering spezialisierten internationalen Ar-
beitsteilung sind? Träfe die erste Interpretation zu, müßte man
in der Tat von einer tiefgehenden wechselseitigen Abhängigkeit
der Industrieländer ausgehen, d.h., der Spielraum für die Verrin-
gerung von Export- und Importquoten wäre gering. Es wäre falsch,
den gesamten intraindustriellen Handel als substitutiven Aus-
tausch zu bewerten. Empirische Untersuchungen und eine umfassende
Diskussion ihrer Ergebnisse haben ergeben, daß selbst auf der
Ebene von fünf- bis siebenstelligen SITC-Nummern, d. h. weit un-
terhalb der Aggregationsebene von Industriezweigen bzw. hochag-
gregierten Produktgruppen, der simultane Austausch von gleichar-
tigen Gütern eine wichtige und zunehmende Rolle spielt. 8) Si-
cherlich bestehen auch auf dieser niedrigen Aggregationsstufe
noch Heterogenitäten, die nicht immer die Annahme eines substitu-
tiven Tausches rechtfertigen. Als Fazit der Diskussion kann je-
doch festgehalten werden, daß ein erheblicher Teil des interna-
tionalen Handels zwischen den Industrieländern bzw. ein erhebli-
cher Teil des Zuwachses dieses Handels in der Nachkriegszeit dem
wechselseitigen Austausch von Gütern geschuldet ist, die in ähn-
licher Form vom jeweiligen Importland zugleich auch exportiert
werden. Dies trifft insbesondere für den Konsumgüterbereich zu:
Zum Beispiel exportiert die BRD PKWs nach Frankreich, umgekehrt
werden von dort Autos importiert. Dagegen sind die Verhältnisse
im Handel mit Investitionsgütern weniger klar: Gerade im Bereich
des Spezialmaschinenbaus bestehen internationale Spezialisierun-
gen, die durch die Meßkonzepte des intraindustriellen Handels un-
ter Umständen nicht erfaßt werden können. Als zusätzliches Indiz
für eine Zunahme der internationalen Arbeitsteilung auf der Ebene
einzelner Konzerne wird häufig auf die Zunahme des konzerninter-
nen Handels verwiesen. Empirische Untersuchungen haben jedoch ge-
zeigt, daß der Zuwachs des konzerninternen Handels vor allem
durch die Lieferung von Endprodukten an die Auslandsfilialen zu
Weiterverkaufszwecken zu erklären ist. Dagegen scheint die Vor-
leistungsverflechtung zwischen Konzernmutter und den Auslandspro-
duktionsstätten tendenziell abzunehmen: In den Industrieländern
jedenfalls tendieren die Auslandsfilialen der Konzerne dazu, ihre
Produktionspalette auszuweiten und zugleich Lieferbeziehungen mit
nationalen Unternehmen aufzubauen. 9)
Der statistische Befund erlaubt gleichwohl keine eindeutige Klä-
rung der Streitfrage um die Intensität der gegenwärtigen Weltar-
beitsteilung. Es sprechen meines Erachtens jedoch auch einige an-
dere Gründe gegen die These einer sich stetig vertiefenden Welt-
arbeitsteilung.
E r s t e n s spricht dagegen die gegenseitige Durchdringung der
Industrieländer mit Direktinvestitionen der IK in denselben Indu-
striezweigen. Hinter dieser Entwicklung steht im wesentlichen das
Absatzmotiv. Die Nähe zum jeweiligen Markt und die flexible An-
passung an nationale Verhältnisse fördert die Absatzchancen. Die
Folge ist eine - wenngleich zeitlich verzögerte - Angleichung der
Produktionsstrukturen in den kapitalistischen Zentren.
Z w e i t e n s unterstützt die staatliche Wirtschaftspolitik in
den Zentren nicht den Aufbau von Spezialisierungsstrukturen in
der Weltwirtschaft, sondern setzt im Gegenteil alles in Bewegung,
um Rückstände in wichtigen Produktionsbereichen zu vermeiden.
Dies betrifft das ganze Feld der sicherheitsempfindlichen Indu-
strien und den weiten Bereich der sogenannten Zukunftsindustrien.
Das Ergebnis dieser Anstrengungen, die sich unter dem Oberziel
"Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit" zusammenfas-
sen lassen, ist der Erhalt relativ vollständiger Produktions-
strukturen.
D r i t t e n s spricht gegen eine tiefgreifende arbeitsteilige
Produktion unter kapitalistischen Bedingungen das hohe Risiko.
Die Produktion von Produktteilen und deren Montage in verschie-
denen Ländern existiert zwar und ist für einige Produkte kosten-
günstig. Ein solches Verfahren ist jedoch gegen Handelsbeschrän-
kungen, Produktionsausfällen in einzelnen Ländern usw. sehr an-
fällig.
V i e r t e n s sprechen auch neuere Tendenzen in der Produktiv-
kraftentwicklung gegen die These von einer Vertiefung und immer
weiteren Untergliederung der internationalen Arbeitsteilung. Die
Mikroelektronik schafft die Möglichkeit hochautomatisierter und
sehr flexibler Produktionsverfahren, mit denen auch kleinere
Stückzahlen bei einer relativ geringen Bedeutung von Lohnkosten
produziert werden können. Die Transportkosten und Risiken einer
stark arbeitsteiligen Produktion erhalten vor diesem Hintergrund
eine neue Bewertung. Dies zeigt sich u. a. in der Diskussion um
Rückverlagerungen von Produktionsstätten. 10) An Stelle einer
sich ausweitenden Weltarbeitsteilung zeichnet sich eher ein re-
gionalisiertes Produktionskonzept ab.
Die angeführten Gründe sprechen meines Erachtens gegen die These
einer "neuen Qualität" - bezogen auf die Tiefe und Intensität -
der gegenwärtigen Weltarbeitsteilung. Der Reproduktionsprozeß in
den führenden Industrieländern ist autonomer, als die teilweise
hohen Außenhandelsquoten suggerieren und könnte auch bei einer
verringerten Export- bzw. Importabhängigkeit vonstatten gehen.
Die hohe Weltmarktabhängigkeit der Konzerne, auf die sich die in-
ternationalen Handels- und Kapitalströme konzentrieren, darf
nicht gleichgesetzt werden mit einer ähnlich hohen Abhängigkeit
der Nationalökonomien. In dieser Unterscheidung besteht ein we-
sentlicher Unterschied zu den Thesen von H. Heininger und L.
Maier, der zur Konsequenz hat, in den Nationalökonomien nach wie
vor die relevanten "Bauelemente" der gegenwärtigen Weltwirtschaft
zu sehen.
Eine Tendenz zur Auflösung nationalökonomischer Zusammenhänge
wird auch im Agieren der internationalen Konzerne (IK), in der
gegenseitigen Durchdringung der Industrieländer mit Direktinve-
stitionen gesehen. Solche Direktinvestitionen in den Industrie-
ländern - hierauf beziehen sich die folgenden Ausführungen aus-
schließlich - haben einen anderen Charakter als Direktinvestitio-
nen in Entwicklungsländern: Sie vollziehen sich in entwickelten
Volkswirtschaften mit hochentwickelten und breit diversifizierten
Produktionsstrukturen und im Rahmen ökonomisch und politisch
starker Nationalstaaten. Auch für Direktinvestitionen in den In-
dustrieländern gilt jedoch, daß grundlegende Entscheidungen über
Produktionsstandorte, Investitionen und Finanzen im Rahmen des
Gesamtkonzerns getroffen werden und nationalen Wirtschaftszielen
entgegenwirken können. Solche Entscheidungen gehen über den
"Horizont" einer Nationalökonomie hinaus und werden oft im Rahmen
einer längerfristigen globalen Konzernstrategie getroffen. Hier-
bei handelt es sich in der Tat um ein neues Moment in der Welt-
wirtschaft der Nachkriegszeit, das tendenziell nationalökonomi-
sche Grenzen aufzulösen vermag. Auf der anderen Seite erfordert
ein erfolgreiches Wirtschaften der Auslandsfilialen eine gewisse
Anpassung an die jeweiligen nationalen Verhältnisse. Das zentrale
Motiv der Errichtung von Auslandsproduktionsstätten ist das der
Absatzsicherung: Die Produktgestaltung, das Marketing und das
"Image" der Auslandsfilialen muß sich deshalb an nationalen Gege-
benheiten orientieren. Nicht zuletzt aus diesem Grund sind zen-
tral gesteuerte "Weltkonzerne" wenig verbreitet und es dominiert
der Typ des internationalen Konzerns, bei dem nationale bzw. re-
gionale Divisionen mit einer relativ großen Entscheidungskompe-
tenz ausgestattet sind. Damit einher geht eine Tendenz zur Aus-
weitung des Produktionsprogramms der Auslandsunternehmen und zur
Vertiefung der Leistungsverflechtung mit den jeweiligen nationa-
len Unternehmen. 11) Diese Momente wirken der von den IK ausge-
henden Tendenz zur Unterminierung nationalökonomischer Zusammen-
hänge entgegen und binden die Auslandstöchter teilweise in beste-
hende Nationalökonomien ein.
Zu berücksichtigen ist weiter, daß bei der Mehrzahl der IK eine
nationalstaatliche Ausgangsbasis auszumachen ist. Es gibt ameri-
kanische, britische, japanische IK. Und dies nicht ohne Grund:
Die Position dieser Konzerne im internationalen Konkurrenzkampf
hängt - wie gezeigt - stark von nationalstaatlicher Unterstützung
ab. Untersuchungen zeigen, daß Auslandsunternehmen in der Techno-
logieförderung, bei Subventionen und bei staatlichen Aufträgen in
vielen Ländern diskriminiert werden. 12) Die "Leitsitzländer"
sind nach wie vor die Operationsbasis der IK, von denen sie in-
ternational expandieren und dabei staatlich unterstützt werden.
Die IK sind folglich nicht "staatenlose" Konzerne, sondern nach
wie vor der bestimmende Teil der jeweiligen Nationalkapitale der
Industrieländer. Die Wechselbeziehung zwischen der ökonomischen
und politischen Macht der Konzerne und jener des Staates und da-
mit das System des SMK ist damit weitgehend auf die Ebene von Na-
tionalstaaten begrenzt.
3. Schlußbemerkung: Zum Begriff "Internationalisierung des SMK"
---------------------------------------------------------------
Der Begriff "Internationalisierung des SMK" impliziert ein Hin-
auswachsen der engen und systematischen Wechselbeziehung zwischen
Konzernen und Staat über die nationalstaatlichen Grenzen hinaus.
Er beinhaltet eine enge Verflechtung der Macht der internationa-
len Konzerne mit jener von internationalen Institutionen. Dies
setzte zunächst voraus, daß die ökonomischen und politischen
Ziele der IK nicht mehr vorrangig durch die enge Verflechtung mit
"ihrem" Nationalstaat zu erreichen sind, sondern eine enge Ver-
bindung mit übernationalen Institutionen erforderlich würde. Da-
mit dies sinnvoll würde, müßten sich diese übernationalen Organe
zu relativ eigenständigen Machtfaktoren neben den führenden kapi-
talistischen Staaten entwickeln und über autonome Handlungsspiel-
räume verfügen. Denn solange diese Institutionen primär das Re-
sultat eines Kompromisses der dominierenden kapitalistischen
Staaten auf Grundlage der jeweiligen Kräfteverhältnisse darstel-
len, leuchtete eine "Verflechtung" der IK mit solchen vergleichs-
weise machtlosen Organen nicht ein. Die Hauptadressaten blieben
in diesem Fall die Regierungen und Bürokratien der Nationalstaa-
ten. Ökonomische Voraussetzung für eine solche Entwicklung wäre
meines Erachtens die Erodierung der Nationalökonomien und die
Herausbildung eines Weltkapitals. Zwar wäre auch unter diesen Be-
dingungen die Errichtung eines kapitalistischen "Weltstaates"
kaum vorstellbar, da historische, politische und kulturelle Mo-
mente zu einer Verfestigung der heutigen Nationalstaaten geführt
haben. Denkbar wäre unter den skizzierten Voraussetzungen jedoch,
daß neben diese Staaten supranationale Institutionen treten, die
sich im Zusammenspiel mit "Weltkonzernen" gegen nationalstaatli-
che "Borniertheiten" hinwegsetzen und den weltweiten Handlungs-
spielraum dieser Konzerne erweitern könnten. Daß sich die Voraus-
setzungen für eine solche Entwicklung in den letzten Jahren her-
ausgebildet haben, wurde in den vorstehenden Ausführungen be-
stritten. Es scheint im Gegenteil so, daß die enge Wechselbezie-
hung zwischen Staat und Konzernen - die in der Theorie des SMK
analysiert wird - zu einer Verfestigung der Einheit von National-
ökonomie und Nationalstaat geführt hat.
Aus den Ausführungen von H. Heininger und L. Maier wird meines
Erachtens nicht deutlich, ob sie den Begriff
"Internationalisierung des SMK" in einem so weitreichenden Sinn
verstanden wissen wollen, wie er im vorstehenden Absatz definiert
wurde. Die Einführung eines neuen Begriffs, der ja eine neue Qua-
lität und eine neue Entwicklungsstufe des System des SMK zum Aus-
druck bringen soll, würde jedoch wenig Sinn machen, wenn damit
nicht die Herausbildung einer engen, qualitativ neuen Wechselbe-
ziehung zwischen Konzernen und supranationalen Institutionen im
Weltmaßstab, sondern "nur" die Politisierung der Weltmarktkonkur-
renz durch das Eingreifen der dominierenden Nationalstaaten ge-
meint wäre. Denn - wie gezeigt - Internationalisierung unter den
Bedingungen des SMK (dies ist etwas anderes als Internationali-
sierung des Systems des SMK) bedeutete von Anfang an eine Politi-
sierung der Weltmarktkonkurrenz, mit der Folge, daß sich unter-
schiedliche Formen zwischenstaatlicher Regulierung der Weltmarkt-
beziehungen herausgebildet haben. In Abhängigkeit vom Auf- bzw.
Abstieg hegemonialer Mächte, von dem Kräfteverhältnis zwischen
den dominierenden kapitalistischen Nationalstaaten, von histori-
schen Erfahrungsprozessen und dem jeweils konkreten Regulierungs-
bedarf kam es in dieser Phase des Kapitalismus zur Herausbildung
und Erosion unterschiedlich intensiver und unterschiedlich er-
folgreicher Regulierungssysteme. Ein qualitativ neues weltweites
Regulierungssystem, das sich durch den Begriff
"Internationalisierung des SMK" charakterisieren ließe, ist mei-
nes Erachtens gegenwärtig nicht erkennbar.
____
1) Vgl. H. Heininger/L. Maier, Internationalisierung - eine
Grundtendenz der SMK-Entwicklung heute, in: Jahrbuch des IMSF 11,
1986; dies., Tendenzen und Widersprüche der Internationalisierung
des staatsmonopolistischen Kapitalismus - politökonomische Pro-
bleme (Thesen), in: IPW-Berichte 2/85, S. 1 ff.; L. Maier, Der
staatsmonopolistische Kapitalismus der 80er Jahre - neue
Tendenzen und Widersprüche (Thesen), in: IPW Forschungshefte
1/86, S. 26 ff.
2) Vgl. J. Eisbach, Der Einfluß der Konkurrenz auf die interna-
tionale Arbeitsteilung, Frankfurt 1981, S. 187; B. Roth, Weltöko-
nomie oder Nationalökonomie, Marburg 1984, S. 106 ff.
3) ebenda, S. 28 ff; E. Sanio, Geld und Währung, Frankfurt 1978,
S. 63.
4) Vgl. R. Hilferding, Das Finanzkapital, Frankfurt 1968, S. 416
ff.; D. Goralczyk, Der internationale Konzern, Frankfurt, Bern,
Circencester 1980, S. 180 ff; N. Bucharin, Imperialismus und
Weltwirtschaft, Frankfurt 1969, S. 86.
5) Vgl. I. Wallerstein, Aufstieg und Niedergang des kapitalisti-
schen Weltsystems, in: Kapitalistische Weltökonomie, D. Senghaas
(Hg.), Frankfurt 1979, S. 31 ff.; T.K. Hopkins, I. Wallerstein,
Grundzüge der Entwicklung des modernen Weltsystems, in: ebenda;
F. Fröbel, J. Heinrichs, O. Kreye, Krisen in der kapitalistischen
Weltökonomie, Hamburg 1981.
6) Die BRD stellt hier eine Ausnahme dar. Ihre Außenhandelsver-
flechtung ist erheblich größer als jene des Deutschen Reiches,
wobei jedoch die drastische Verkleinerung des Staatsgebiets zu
beachten ist.
7) Vgl. B. Roth, Weltökonomie..., a.a.O., 128 ff.; H. Feis, Eu-
rope. The World's Banker 1870-1914, New York 1965.
8) Vgl. zu dieser Diskussion: A. Aquino, Intra-Industry Trade and
Inter-Industry Specialization as Concurrent Sources of Interna-
tional Trade in Manufactures, in: Weltwirtschaftliches Archiv,
Bd. 114, 1978, S. 275ff.; H. Grubel, P. J. Lloyd, Intra-Industry
Trade, Bristol 1975; R. W. Pomfret, Intra-Industry Trade in In-
traregional and International Trade, in: On the Economics of In-
tra-Industry Trade, Giersch, H. (Hrsg.), Tübingen 1978, S. 115
ff.; F. Wolter, Comment, in: ebenda, S. 132ff.; J. Eisbach, Der
Einfluß ..., a.a.O.
9) Vgl. R. Jungnickel u.a., Einfluß multinationaler Unternehmen
auf Außenwirtschaft und Branchenstruktur der Bundesrepublik
Deutschland, Frankfurt 1979, S. 171 ff.; L.A. Lupo, Worldwide Sa-
les by U.S. Multinational Companies, in: Survey of Current Bu-
siness, Vol. 53, 1973, D. 33 ff.; UNCTAD, Dominant Positions of
Market Power of Transnational Corporations, New York 1978, S.
23f., J. Eisbach, Der Einfluß ..., a.a.O., S. 150.
10) Vgl. hierzu die Debatte um Deindustrialisierung und Re- bzw.
Neoindustrialisierung. Roy Rothwell, Walter Zegveld, Reindustria-
lization and Technology, Essex 1985; Dieter Läpple, Süd-Nord-Ge-
fälle, Papier zur Frühjahrssitzung der Sektion Stadt- und Regio-
nalsoziologie der DGS, April 1986.
11) Vgl. neben der Literatur in Anmerkung 9 auch F. Fröhlich,
Multinationale Unternehmen, Baden-Baden 1974.
12) Vgl. V. Bornschier, Multinationale Konzerne, Wirtschaftspoli-
tik und nationale Entwicklung im Weltsystem, Frankfurt, New York
1980; A. E. Safarian, Policy on Multinational Enterprises in De-
veloped Countries, in: Canadian Journal of Economics, 4/1978, S.
641 ff.; F. v. Stachelsky, Außenwirtschaftliche Bestimmungsfakto-
ren der staatlichen Forschungspolitik in der Bundesrepublik
Deutschland, Berlin (DDR), 1978.
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