Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 11/1986

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DAS FINANZKAPITAL - MEHR ALS EINE SOZIOLOGISCHE KATEGORIE

Zum ökonomischen Inhalt eines politökonomischen Begriffs -------------------------------------------------------- am Beispiel der Internationalisierung des Finanzkapitals -------------------------------------------------------- Angelina Sörgel 1. Zum Begriff - 2. Die Internationalisierung: Exporte und Ex- portfinanzierung - 3. Die Internationalisierung: Entwicklung im Bankensektor - 4. Plethora von Geldkapital oder Machtzuwachs des internationalen Finanzkapitals 1. Zum Begriff -------------- Zur Einführung seien zwei Beispiele geschildert: Erstens: Zum 1.7.1986 haben die Vorstandsmitglieder von Siemens und Bosch den Aufsichtsrat von Daimler-Benz verlassen: durch den Erwerb von MTU, Dornier und AEG ist der bisherige Automobilkon- zern zum Konkurrenten der beiden Unternehmen auf dem Gebiet der Rüstungstechnologie, der Motorelektronik und der Kommunikations- technologie geworden. Fast zur gleichen Zeit wurde Siemens von Bosch durch die Wahrnehmung eines Vorkaufsrechts gehindert, das Unternehmen Pierburg zu erwerben, das Siemens den Einstieg in die Motorelektronik erleichtert hätte. Alle drei Unternehmen gehören zum engeren Kern der Finanzgruppe Deutsche Bank. Zweitens: Vor anderthalb Jahren legte die Deutsche Bank einen Sparplan mit angeschlossenem Versicherungsschutz auf, die anderen privaten Großbanken folgten mit identischen Angeboten. Die Gruppe Allianz/Münchner Rückversicherung, größter Versicherungskonzern der BRD und ebenso reich wie die Deutsche Bank, baute im Gegenzug ihren Konzern so um, daß sie durch den Wegfall versicherungs- rechtlicher Beschränkungen vermehrt industrielle Beteiligungen erwerben kann: Die Marktaufteilung wird neu geordnet. Auch die Allianz wird dem Kern der Deutschen Bank zugerechnet. Der Begriff des Finanzkapitals schließt die Konkurrenz nicht aus, ebenso wenig wie das Monopol. Aber auch die Finanzgruppe ist of- fenbar keine einmal gefundene Organisationsstruktur verschiedener Monopolgruppen mit gemeinsamen Interessen, die, gruppiert um eine Bank, gegeneinander den Konkurrenzkampf führen. Verändert sich das ökonomische Milieu, in dem die Gruppen agieren, stagnieren alte und entwickeln sich neue Märkte, wie in den obigen Beispie- len, entsteht auch die Konkurrenz innerhalb der Gruppe wieder neu, und die marxistische Wissenschaft muß den pflichtgemäßen Kotau vor den Grundgesetzen der Produktionsweise durch die leben- dige Analyse einer sich verändernden Realität ersetzen. Der Begriff des Finanzkapitals ist aber auch mehr als nur die Summe der Verflechtungen zwischen Bank-, Industrie- und Handels- monopolen. Sie nachzuweisen, ist schwierig genug: Kapitalbeteili- gungen spielen in der BRD nur eine untergeordnete Rolle, über das Depotstimmrecht besteht keine Veröffentlichungspflicht, Kreditbe- ziehungen fallen unter das Bankgeheimnis. Was ermittelt werden kann, sind die Aufsichtsrats- und Beiratsmandate, und die Finanz- gruppen werden in der Regel empirisch nach dem Grad der Perso- nalunion definiert. 1) Das ist ein erster und grundlegender Schritt. Hilferdings Defini- tion des Finanzkapitals "Kapital in der Verfügung der Banken und der Verwendung der Industriellen" wird aber von Lenin als "unvollständig" bezeichnet: Es fehle ihm "der Hinweis auf eins der wichtigsten Momente, nämlich auf die Zunahme der Konzentra- tion der Produktion und des Kapitals in einem so hohen Grad, daß die Konzentration zum Monopol führt und geführt hat." 2) Frei interpretiert: Inhalt des Finanzkapitals müssen gemeinsame ö k o n o m i s c h e V e r w e r t u n g s s t r a t e g i e n der beteiligten Monopole sein, die über die allgemeinen Klassen- interessen im Verhältnis Lohnarbeit - Kapital hinausgehen. Aus dem Charakter der Bankgeschäfte ergibt sich zugleich, daß es keine ganz spezifischen, einzelkapitalistisch geprägten Konkur- renzinteressen sein können: "...Mit Entwicklung der großen Indu- strie (wird) das Geldkapital mehr und mehr, soweit es auf dem Markt erscheint, nicht vom einzelnen Kapitalisten vertreten, dem Eigentümer dieses oder jenes Bruchteils des auf dem Markt befind- lichen Kapitals, sondern (es tritt) als konzentrierte, orani- sierte Masse auf, die ganz anders als die reelle Produktion unter die Kontrolle der das gesellschaftliche Kapital vertretenden Ban- kiers gestellt ist." 3) Die wesentliche Strategie im Kapitalismus der BRD ist in den letzten 10 Jahren die Internationalisierung. Auf sie trifft zu, daß sie dem überwiegenden Teil des monopolistischen Kapitals ge- meinsam ist und den größten Teil des nicht-monopolistischen auf- grund seiner Binnenstruktur benachteiligt; auf sie trifft zu, daß sie in Kooperation von Industrie- und Bankmonopolen entwickelt und durchgesetzt wird: Verwertungsstragien von Industrie- und Bankmonopolen für ihren jeweils eigenen Bereich stehen in einem Wechselverhältnis zueinander, beeinflussen und verstärken sich gegenseitig und münden in eine gemeinsame finanzkapitalistische Strategie. Die Konsequenz dieser These ist nicht nur begrifflicher Art, son- dern hat auch enorme praktische Bedeutung bei der Einschätzung der Stabilität des internationalen Banksystems. 2. Internationalisierung: Exporte und Exportfinanzierung -------------------------------------------------------- Exporte der Industrie --------------------- Es ist bekannt, daß die BRD ein außerordentlich exportabhängiges Land ist, eine Stellung, die sich seit 1983 noch einmal vertieft hat: beinahe zwei Fünftel des BSP entfielen 1985 auf den Export, für 13,6 Mrd. DM wurden Direktinvestitionen getätigt. Fast die Hälfte des Warenexports geht in die EG-Länder (47,4%), ein weiteres Fünftel in andere europäische Länder (19,9%) und ein gutes Zehntel nach USA und Kanada (11,4%). Nur 12,4% werden in die Länder der sog. dritten Welt exportiert. 4) Die Verteilung des Kapitalexports, der häufig dem Warenexport als "Brückenkopf folgt, entspricht dieser Struktur. Einzig die Kfz-Industrie hat mit ca. 40% ihrer Direktinvestitionen einen höheren Anteil in den Entwicklungsländern. Tabelle 1: Verteilung von Export und Direktinvestitionen auf fünf Branchen Branchen Exportanteil Direktinvest.- Konzentrations- in v.H. 1985 anteil in v.H. grad [Anteil der (1985) 6 größten am Umsatz] (1981) 1. Straßenfahrzeugbau 17,1 9,8 64,4 2. Chemische Ind. 13,9 30,4 40,4 3. Elektrotechn. Ind. 10,1 6,4 41,6 4. Eisensch. Ind. 4,7 0,5 62,4 5. Maschinenbau 14,7 2,7 11,5 Summe 60,3 49,9 - _____ Quellen: WiSta 3/86; Bundesanzeiger; Monopolkommission HG V Die Exporte ebenso wie die Direktinvestitionen konzentrieren sich auf wenige Wirtschaftszweige: 5 Branchen ziehen drei Fünftel des Exports und die Hälfte der Direktinvestitionen auf sich. Bis auf den Maschinenbau, der sehr unterschiedliche Teilmärkte vereint, sind diese Branchen hochkonzentriert. Die führenden Konzerne der BRD gehören auch zu den größten Exporteuren. So machte der aus Export und Auslandsproduktion gespeiste Auslandsumsatz bei diesen Konzernen 1984 folgende Anteile des Gesamtumsatzes aus: Bayer - 78,6%, Hoechst - 75,3%, VW - 67,9%, Daimler-Benz - 66,3%, BASF - 60,7%, Siemens - 51,0%, Thyssen - 51,0%, BMW - 73,0%, Mannesmann -68,0%, Bosch - 53,0%, Krupp - 46,0%. 5) Außenhandelsfinanzierung durch die Banken ----------------------------------------- Es wäre ein Irrtum zu glauben, die Exporte seien allein private Verwertungsstrategie der Industrie; tatsächlich findet kein Au- ßenhandelsgeschäft ohne das Dazwischentreten einer Bank statt, die durch ein entwickeltes System von Garantien, Bürgschaften und Finanzierungen einen Teil ihrer Provisions- und Zinseinnahmen ebenfalls auf diese Geschäfte zurückführt. Dabei hat die Finan- zierung des Warenexports in den letzten 20 Jahren bedeutende Ver- änderungen erlebt 6): in den 60er Jahren überwog noch die I m p o r t f i n a n z i e r u n g, seit den 70er Jahren setzt sich die E x p o r t f i n a n z i e r u n g durch, bei der der Exporteur dem Importeur einen Lieferantenkredit zur Verfügung stellt. Diesen kommerziellen Kredit refinanziert er seinerseits, z.B. durch Abtreten der Auslandsforderung an eine Bank. Sind hier die Banken schon stärker über Bürgschaften und Garan- tien hinaus in die Finanzierung der Exportgeschäfte mit einbezo- gen, so gilt das noch mehr für die relativ n e u e n F i- n a n z i e r u n g s f o r m e n des F a c t o r i n g und der F o r f a i t i e r u n g: Beide Formen, die eine im kurz- fristigen, die anderen im langfristigen Geschäft, laufen darauf hinaus, daß die gesamte Forderung gegenüber einem Importeur an ein Geldinstitut verkauft wird. Beim Factoring bleibt das Risiko noch beim Exporteur, beim Forfaitieren geht sie völlig auf das Institut über. 7) Der Exporteur verlagert damit das Kreditrisiko auf die Bank und erhöht, da er nicht mehr die Rückzahlung abwarten muß, seine Liquidität. Er zahlt zwar relativ höhere Zin- sen - hier liegt der Vorteil für die Institute -, aber zu einem festen Satz und über eine bestimmte Laufzeit, so daß er mit fe- sten Größen kalkulieren kann. Auf einer ähnlichen Ebene liegt das i n t e r n a t i o n a l e L e a s i n g, das ebenfalls in den letzten Jahren an Marktanteilen dazugewonnen hat. Den wirtschaftlichen Hintergrund der Entwicklung dieser arbeits- teiligen Formen der Exportfinanzierung, die den Banken eine noch größere Rolle zuweisen, bildete die Ost-West-Entspannung und der verstärkte Export in die Entwicklungsländer in den 70er Jahren: diese stellten potentielle Kunden für die exportorientierte Indu- strie dar, deren Zahlungsfähigkeit sich aber erst im Maßstab der Rentabilität der getätigten Investitionen einstellen würde. (Ende der 70er Jahre kam in diesem Zusammenhang die Projektfinanzierung auf: internationale Konsortien verschiedener Großbanken mobili- sierten gemeinsam Kapital, bei denen kein Zins festgesetzt wird, sondern die Zahlungsmodalitäten mit dem zu erwartenden cash flow und dem return on investment (also den geplanten Gewinngrößen) abgestimmt werden. Bei dieser Form verwischen sich die Grenzen zwischen industrieller und finanzieller Verwertungsstrategie.) Daß es sich bei der Verselbständigung der Finanzseite als Voraus- setzung einer Arbeitsteilung zwischen industriellem und Geldkapi- tal nicht um eine völlig gradlinige Entwicklung handelt, ist durch die Verschuldungskrise offensichtlich geworden. In Reaktion darauf wurde einmal versucht, möglichst billige Kredite zu bekom- men, so daß mehr und mehr auch für die Kreditierung des Warenhan- dels im Importgeschäft ungebundene Finanzkredite auf dem Euro- markt aufgenommen wurden, möglichst auf rollover-Basis - d.h. mit variablen Zinssätzen. Zum anderen verlängern sich die Zahlungs- ziele, und schließlich nehmen inzwischen die sog. "barter"-Ge- schäfte zu: die Devisenknappheit der Schwellenländer läßt sie zu Tauschgeschäften auf Gegenseitigkeit greifen: der Irak tauscht mit Brasilien Erdöl gegen Eisengußrohre (1985) oder VWs (100 000 in 2 Jahren/1984), Nigeria tauscht Öl gegen Maschinen und Ersatz- teile, und von den Schwellenländern in Fernost heißt es, sie wür- den die Hälfte ihrer Außenhandelsumsätze im Rahmen von Kompensa- tionsgeschäften tätigen. 8) Nach Aussagen des führenden Speziali- sten auf diesem Gebiet - dem Bremer Unternehmer Schulz - liegt der Anteil am internationalen Handel bei 30%. 9) Da dies u.a. Ge- schäfte sind, auf die sich verschiedene RGW-Länder aus entwick- lungspolitischen Gründen einlassen, wird die Exportfinanzierung auch als Teil des internationalen Wettkampfs um die Weltmärkte wichtiger: "Im Export hat sich die Konkurrenz von der Ebene der Produkte und Preise offensichtlich auf die Ebene der Finanzierung verlagert." 10) Die Rolle der Banken als Spezialisten der Außen- handelsfinanzierung gewinnt damit weiter an Bedeutung. Multinationale Konzerne und "global banking" -------------------------------------------- Noch stärker als der Außenhandel hat sich die Internationalisie- rung der industriellen Monopole in Form des Kapitalexports auf die Banken ausgewirkt: eine relativ kleine Zahl multinationaler Unternehmen hat eine finanzielle Hebelwirkung auf die Geschäfts- politik der Großbanken ausgeübt. Multinationale Strategien der führenden Industriekonzerne erfor- derten die Präsenz auf den internationalen Finanzmärkten und stellten Anforderungen an Finanzierungen und andere Dienstlei- stungen, die die Kapazitäten einzelner Banken und nationaler Fi- nanzplätze übertrafen. 1975 verfügten die US-Banken über 762 Aus- landsfilialen, die BRD-Banken über 13 11) und damit auch in eu- ropäischem Vergleich über unterdurchschnittlich wenig. Während das gegenüber England, Frankreich und den Niederlanden vor allem auf die fehlenden kolonialen Traditionen und den Rückzug aus dem Auslandsgeschäft nach dem 2. Weltkrieg zurückging, mangelte es im Vergleich mit den USA auch an Finanzkraft - 1970 hatten die Bank of America, die Chase Manhattan und die Citicorp eine gemeinsame Bilanzsumme von knapp 80 Mrd. US-$, die Deutsche Bank, die Dresd- ner Bank, die Commerzbank und die WestLB etwas über 30 Mrd. US-$ 12) - und Spezialkenntnissen. In einer Interviewstudie zur inter- nationalen Finanzierung erwähnt ein BASF-Manager noch 1980, daß mehr als die Hälfte der Finanzverbindungen des Konzerns zu aus- ländischen Banken bestünden. 13) Anforderungen der Industriekonzerne an die internationale Finan- zierung ergeben sich vor allem aus dem Bedürfnis, Währungsunter- schiede auszunutzen bzw. sich dagegen abzuschirmen und Manage- mentsysteme zu entwickeln, die die finanziellen Aktivitäten in- nerhalb des Gesamtkonzerns zusammenfassen, steuerbar machen und zudem möglichst kostengünstig sind. Im laufenden Geschäft ebenso wie bei der Repatriierung der Ge- winne kann durch "hedging" und "swapping" das Währungsrisiko aus- geschaltet und aus den Kursdifferenzen mit einigem Glück noch Ge- winne gezogen werden 14): - Beim "hedging" werden zwischen die Warengeschäfte Kreditge- schäfte geschaltet. Z.B. erwartet ein US-Multi innerhalb von 90 Tagen einen Exporterlös in Gulden, von denen eine baldige Aufwer- tung angenommen wird. Daraufhin nimmt das Unternehmen in Amster- dam einen Kredit in Höhe des Exporterlöses auf, wandelt ihn zum Tageskurs in Dollar um und legt ihn an. Mit dem Exporterlös wird dann der Kredit zurückgezahlt. Der Gewinn liegt in der Differenz zwischen der Rendite der Anlage und dem Verlust durch die Aufwer- tung. Eine andere Möglichkeit besteht in dem Abschluß eines Ver- trages, in dem das erwartete Austauschverhältnis in 90 Tagen zu- grunde gelegt wird. Ist die Frist länger, werden mehrere dieser 3-Monats-Geschäfte unternommen. - Beim "swapping" durch Unternehmen wird auf den Transfer in das Mutterland mit harter Währung verzichtet; z.B. finanziert sich das Tochterunternehmen in der ausländischen Währung mit Hilfe ei- ner multinationalen Bank: ein US-Unternehmen mit einer seiner Töchter in Columbien z.B. macht eine Dollar-Einlage bei der ame- rikanischen Niederlassung einer columbianischen Bank. Die Mutter- bank in Columbien zahlt aus ihren vorhandenen Peso-Beständen einen Kredit an die Tochter des US-Unternehmens. Der US-Konzern kommt damit in den Genuß billigen Geldes, und die Bank erfährt eine Erweiterung ihres Devisenbestandes, den sie im internationa- len Geschäft gewinnbringend anwenden kann. Zum verabredeten Zeit- punkt weiden die Original-Dollar- und Pesobeträge zurückgezahlt. Die besonderen Serviceleistungen der Finanzorganisationen gehen bis an den Rand der Wirtschaftskriminalität: wenn die Abwertung einer schwachen Währung mit der Inflation nicht Schritt hält - und das kann sie in der Regel nicht, weil das zu große Devisen- verluste bedeuten würde - beinhaltet die Repatriierung der Ge- winne immer einen weiteren Gewinn für die Muttergesellschaft und zieht zusätzlich Geld aus dem Land. Einige Entwicklungsländer ha- ben deshalb Devisensperren errichtet. Für 1985 wurde geschätzt, daß ca. 30-40 Mrd. US-$ auf diese Weise festgefroren sind (blocked funds). 10% davon im Schnitt werden durch Bestechung und andere illegale Aktivitäten "losgeeist" von Leuten, die sich dar- auf spezialisiert haben. An der Grenze zu Mexiko setzten 200 Wechsler anläßlich der Fußballweltmeisterschaft 30 Mill. US-$ Fluchtgelder um. 15) Durch diese und vergleichbare Verfahren werden nicht allein Risi- ken ausgeschaltet oder verringert, sondern auch zusätzliche Ge- winne gezogen. "Wer nicht sichert, auf modisch: hedged, ver- schenkt bares Geld", sagt der Finanzmanager von Daimler-Benz, E. Reuter, und zitiert die "Financial Times": "Die Grenzlinie zwi- schen Spekulation und geschicktem Handeln zum Zweck der Kostenbe- grenzung (ist) papierdünn." 16) Die deutschen Großbanken haben sich in diese Geschäfte zunehmend eingeschaltet. Sie bieten inzwischen aktiv neue Formen des inter- nationalen Managements für multinationale Konzerne an, die durch die entwickelten Technologien möglich geworden sind: "cash-mana- gement" mit Hilfe einer "treasury-work-station", durch die der Finanzmanager die Daten aller mit seinen Banken getätigten Ge- schäfte automatisch einholen kann, mit seinen internen Daten kom- plettiert und mit Hilfe von Programmen die nötigen Entscheidungen vorbereitet: Optimierung des Zahlungsverkehrs, Liquiditätsermitt- lung und -planung, Währungs- und Kurssicherungsstrategien sollen, nach der Werbung der Banken, damit möglich sein. "Zeit ist Geld" gilt bei dieser Art der Geschäfte ganz besonders; drei Tage Zeitgewinn durch den Übergang vom Briefverkehr auf telex sind drei Tage mehr an Profit. Wie schnell sich die neue Technik durchsetzt, ist eine andere Frage; einmal setzt sie eine entsprechende Aufbereitung und Ver- fügbarkeit betriebswirtschaftlicher Daten voraus, wie sie häufig noch nicht vorhanden ist, zum anderen bedeutet die Einrichtung des Cash-Managements durch die Bank Kompetenzverlust für das "inhouse-banking", das Finanzmanagement im Konzern und stößt des- halb z. T. auf Widerstand. Die entwickelten Banktechniken erlauben es den multinationalen Konzernen, sich aus den Finanzgeschäften, die an und für sich nur die realen Warengeschäfte und die Investitionsfinanzierung be- gleiten, zusätzliche, z. T. spekulative Profitquellen zu er- schließen. Sie sind mit den produktiven Geschäften verbunden, entwickeln sich mit ihnen, stellen aber einen eigenen Beitrag zur Profitabilität von Waren- und Kapitalexport dar. Insofern bilden sie auch einen weiteren Anreiz für die Exportorientierung der In- dustrie in Form von Warenexporten und Direktinvestitionen. 3. Die Internationalisierung: Entwicklung im Bankensektor --------------------------------------------------------- Die Internationalisierung eröffnet den Banken ihrerseits die Mög- lichkeit, nationalen Beschränkungen aus dem Weg zu gehen, gleich- zeitig Geschäfte mit verschiedenen Töchtern desselben Unterneh- mens zu tätigen, das Risiko der Bank nach Kunden, Ländern und Währungen breit zu streuen und in weltweitem Maßstab zu spekulie- ren. "The core of the world's foreign exchange market consists of the trading rooms of a handful of very large banks scattered over the world - fifty or sixty such banks in all - linked together by te- lephone, telex, and Computer." 17) Die Internationalisierung der Großbanken der BRD hat sich in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre in einem stürmischen Tempo entwickelt. Seit 1973 hat sich die internationale Kreditgewährung insgesamt verneunfacht. Während innerhalb der BRD die Bankumsätze unter dem geschäftspolitischen Motto "Ertrag vor Volumen" Anfang der achtziger Jahre stagnierten, wiesen die Auslandstöchter und -filialen überdurchschnittliche Zuwachsraten auf. Die Deutsche Bundesbank weist 1985 das erste Mal zusammengefaßte Daten über die Auslandsniederlassungen aus, die seitdem regelmäßig veröf- fentlicht werden. 18) Danach entspricht das Geschäftsvolumen der Auslandsniederlassungen inzwischen einem Fünftel des Geschäftsvo- lumens der 33 Banken, die über Niederlassungen verfügen. (Faktisch ist die Konzentration in diesem Bereich erheblich hö- her: nach Berechnungen der UN zählten 1975 nur 5 Banken aus der BRD zu transnationalen Banken mit Niederlassungen in 5 oder mehr Ländern. Führend ist die Deutsche Bank, gefolgt von der Dresdner Bank und der Commerzbank. 1985 gibt es 166 Institute im Ausland (ohne die Repräsentanzen), darunter 99 Filialen und 67 Töchter, mit einem Geschäftsvolumen von 376 Mrd. DM (zum Vergleich: das Geschäftsvolumen der inländischen Banken beträgt ca. 3000 Mrd. DM). Davon entfallen 37 Filialen und 23 Töchter auf die drei Großbanken (berechnet nach Geschäftsberichten). Knapp die Hälfte der Niederlassungen ist in Europa beheimatet, ein gutes Fünftel in Off-shore-Zentren (Kaimaninseln, Honkong und Singapur), ca. 15% in den USA und 10% in Asien. Besonders die beiden letztgenannten stellen wichtige Wachstums- märkte mit strategischer Relevanz für den Bankensektor dar: Die USA und das südostpazifische Becken mit Südkorea, Philippinen, Taiwan, das die USA in Konkurrenz und Kooperation mit Japan als neues Wachstumszentrum aufbauen, sollen auch einen zukünftigen Schwerpunkt bei den Direktinvestitionen der Industriekonzerne bilden. Die Präsenz deutscher Banken in diesem Raum hat sich seit 1970 mehr als verfünffacht, in den USA mehr als vervierfacht. Die Geschäfte der Auslandsniederlassungen sind überdurchschnitt- lich profitabel: Jahrelang, bis zur Novelle des Kreditwesengeset- zes 1985, ist Eigenkapital gespart worden durch eine höhere Rela- tion von Kreditvergabe zu Kapital als sie in der BRD erlaubt ist. Die Steuern liegen in den internationalen Finanzplätzen außeror- dentlich niedrig. Die Mindestreserve, die in der BRD auf Kredite gehalten werden muß, entfällt. Darüber hinaus werden auf den internationalen Finanzplätzen über- wiegend Großgeschäfte getätigt, die kostensparender sind: das Verhältnis von Mitarbeitern zur Bilanzsumme ist 30mal so hoch wie bei den Konzernmüttern in der BRD. Es ist kein Widerspruch dazu, daß die Bundesbank in ihrer jährlichen Ertragsanalyse 1985 er- wähnt, daß die Bankentöchter in Luxemburg kaum Erträge auszuwei- sen hätten: der größte Teil der Erträge geht in die Risikovor- sorge - und entgeht damit dem Fiskus. 19) Die internationalen Zahlungsbilanzrisiken haben diese Geschäfte verändert, aber ihre Bedeutung und ihr Wachstum nicht einge- schränkt. Die westdeutschen Großbanken waren von der Verschuldungskrise nicht so stark unmittelbar betroffen wie die Konkurrenz. Die For- derungen der deutschen Banken und ihrer Auslandsniederlassungen gegenüber 25 Schuldnerländern betrugen Ende 1984 34,9 Mrd. US-S und damit 8,7% aller Forderungen der Banken, die der B a n k f ü r i n t e r n a t i o n a l e n Z a h l u n g s a u s- g l e i c h berichten. 20) Die Dresdner Bank hat diese Zahlen für 1985 in ihrem Geschäftsbe- richt bestätigt; W. Blessing, Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, sprach sogar von nur 5%. 21) Für die Inlandsinstitute gibt die Commerzbank in ihrem 85er Geschäftsbericht einen Betrag von 5,4 Mrd. DM an; das entspräche jeweils 3% bis 4% des Geschäftsvo- lumens der Konzerne. Nach 1982 wurden noch 8 Filialen, 1985 al- leine 4 Töchter, gegründet. Das Geschäftsvolumen der Töchter ging zwar 1985 zurück, aber das der Auslandsfilialen stieg stetig wei- ter. Das Neugeschäft an den internationalen Finanzmärkten insgesamt stieg 1985 um ein Drittel von 203,0 auf 296,0 Mrd. US-$. 22) Nach Ausschalten von Doppelzählungen im Interbankgeschäft schätzt die BIZ allerdings die Neukredite auf nur 100 Mrd. US-$ und damit 10 Mrd. mehr als 1984, die neuen Anleihen auf 125 Mrd. $; das ent- spricht 42 Mrd. Zuwachs. 23) Hinter diesem Wachstum verbirgt sich eine Umschichtung der Ge- schäftsstruktur in bezug auf die Kreditnehmer und die Finanzie- rungsformen. E r s t e n s bildete sich eine Zweiteilung des internationalen Finanzmarktes heraus zwischen einem Umschuldungssektor aus Ent- wicklungsländern, der stagniert, und einem Bereich der "akzeptablen Risiken" aus Industrie- und Schwellenländern, der erneut ein starkes Wachstum aufweist. Schon 1984 fielen drei Viertel der Neukredite auf diesen Bereich. 24) 1985 nahmen die Ausleihungen an die Nicht-OPEC-EL erneut ab auf 8,5 Mrd. $. Das entspricht einem Viertel des Betrages vor 1982, dem Jahr des Aus- bruchs der Finanzkrise, während die OPEC-Länder im 2. Jahr Schul- den tilgten in der Höhe von 1,1 Mrd. US-$ (1984: 1,8 Mrd.). 25) Von der Anlegerseite her fallen damit Entwicklungsländer zuneh- mend aus und werden durch institutionelle Anleger aus Industrie- ländern ersetzt, die damit neue Technologien und Übernahmen fi- nanzieren. Allerdings ist die Neukreditvergabe sehr ungleichmäßig verteilt: Der Kreditzuwachs an asiatische Länder nahm um 2,3 Mrd. $ zu, der Kreditzuwachs an Lateinamerika um 4,4 Mrd. ab. Z w e i t e n s haben sich neue Finanzierungsformen entwickelt und in einem Tempo durchgesetzt, das es erlaubt, von einer radi- kalen Umstrukturierung der internationalen Finanzmärkte zu spre- chen: Weg von den klassischen Bankkrediten, hin zu handelbaren Wertpapieren in verschiedenen Formen ("Securitization" oder "Verbriefung"). In den siebziger Jahren hatten Wertpapierbegebun- gen einen Anteil von rund zwei Fünftel an der gesamten Bereit- stellung von Kreditmitteln an den internationalen Finanzmärkten, heute sind es knapp vier Fünftel. 26) Langfristige und mittelfristige Kredite werden durch internatio- nale Anleihen, kurzfristige Kredite durch Absicherungsfacilitäten für die revolvierende Begebung von kurzfristigen Papieren ersetzt (z.B. NIF - Note Issuance Facilities -, RUF - Revolving Under- write Facilities - und Euronote Facilities). Diese Facilitäten haben eines gemeinsam: Großunternehmen geben Papiere aus mit kur- zen Laufzeiten im Rahmen einer langfristigen Kreditzusage einer Bankengruppe. Sie finanzieren sich dabei nicht direkt durch die Banken, sondern über den Kapitalmarkt: Institutionelle Anleger (Pensionsfonds; Kapitalsammelstellen, darunter auch Banken; Ver- sicherungen usw.) erwerben die Anleihen. Mit dem Bankenkonsortium wird parallel eine "stand-by"-Linie vereinbart: für fünf oder mehr Jahre macht die Bankengruppe eine feste Kreditzusage bis zu einem bestimmten Betrag. Innerhalb dieses Rahmens werden die Pa- piere, die die Unternehmen ausgeben, von den Banken placiert; Pa- piere, die nicht am Markt untergebracht werden können, übernehmen sie. Gemessen am internationalen Finanzvolumen ist das Engagement der deutschen Großbanken bisher gering; seit Mitte letzten Jahres sind Absicherungsfacilitäten u. ä. im Gesamtbetrag von 340 Mio. US-$ von deutschen Banken arrangiert worden. (Als erstes west- deutsches Unternehmen laut "Handelsblatt" Klöckner & Co, gefolgt von Siemens.) Amerikanische und japanische Banken sind hier die Marktführer. "Offensichtlich sind die deutschen Banken aber im Begriff, ihre Aktivitäten in diesem Bereich zu intensivieren, be- sonders bei den in ausländischen Finanzzentren errichteten Nie- derlassungen." 27) Die Zulassung der D-Mark als Vertragswährung für diese Finanzie- rungsformen, die im Mai 1985 erfolgt ist und demnächst auf Einla- genzertifikate erweitert wird, gestattet es den deutschen Banken, sich mit der eigenen nationalen Währung stärker in das interna- tionale Geschäft einzuschalten. Die stürmische Entwicklung dieser Finanzierungsformen ist damit zu erklären, daß sie für alle Beteiligten, Banken ebenso wie emittierende Unternehmen, außerordentlich profitabel sind - ein Umstand, der unter dem wertneutralen Begriff "Effizienz" allent- halben betont wird: - die Finanzierungskosten sind niedriger als bei Krediten. Sie basieren auf den Libor- und Libidsätzen am Londoner Finanzmarkt zuzüglich einer Bereitstellungsgebühr der Banken (bei der tatsächlichen Inanspruchnahme wird noch ein Aufschlag erhoben). - die Flexibilität und Liquidität der Unternehmen erhöht sich aufgrund der Handelbarkeit der Papiere: die Wertpapiere brauchen nur zum Zeitpunkt und in der Höhe des jeweils akuten Mittelbe- darfs ausgegeben zu werden, ihre Einlösung erfolgt beinahe auto- matisch bei Fälligkeit und die stand-by-Linie vermittelt die Ge- wißheit einer problemlosen Anschlußfinan/ierung. - Für die Banken sind diese Geschäfte ebenfalls relativ günstig aufgrund der geringen Kosten, die sie verursachen - nach Schät- zung der Bundesbank werden sie bisher zu 20% bis 25% ausgeschöpft -, auch wenn der Wettbewerb relativ scharf ist. - Vor allem hatten sie bisher den Vorteil der absoluten Bilanzun- wirksamkeit. Da sie keine unmittelbare Kreditgewährung zum Gegen- stand hatten, mußten sie weder auf das Eigenkapital angerechnet werden noch konnten sie Gegenstand staatlicher Geld- und Kredit- politik sein. Dadurch entfallen die geschäftspolitischen Beschränkungen für die Banken. Zinsfestsetzungen, Kapitalverkehrsbeschränkungen, Min- destreservepolitik und die angestrebte Stärkung der Eigenkapital- basis der Banken wurden damit von Unternehmen und Banken gemein- sam unterlaufen. Das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen hat deshalb am 2. Juni 1986 festgesetzt, daß die deutschen Banken NIFs und RUFs zu 50% auf das Eigenkaptital anrechnen müssen. In Reaktion darauf werden inzwischen verstärkt "euro-commercials" gehandelt, bei denen die Banken nicht mehr die Garantie für den Fall der Nichtunter- bringung übernehmen, sondern nur noch als Absatzorganisation fun- gieren. Die Euromärkte "sind das geldwirtschaftliche Gegengewicht für die zunehmende Internationalisierung der Unternehmungen und das Zu- sammenwachsen der Volkswirtschaften". 28) Mehr als zwei Fünftel der internationalen Anleihen entfallen 1985 auf U n t e r n e h m e n aus den USA (24,8%), Japan (12,2%) und England (8,9%). 29) Außerhalb der nationalstaatlichen Regulierung haben die privaten Großbanken der imperialistischen Hauptländer Finanzplätze aufge- baut, die bis heute durch das globale Management des privaten Bankkapitals im Gleichgewicht gehalten werden und immer wieder neue Formen der "De-Regulierung" gegenüber den Nationalstaaten und der Ausbeutung gegenüber den Schuldnerländern finden. 4. Plethora von Geldkapital oder Machtzuwachs --------------------------------------------- des internationalen Finanzkapitals? ----------------------------------- Läßt man die Zahlen und Fakten der vorangegangenen Abschnitte noch einmal Revue passieren, fügen sie sich zu dem Bild, das in den vergangenen Jahren ein Vielfaches an Geldkapital mobilisiert wurde, das inzwischen nach dem Rückzug aus Projekten in den Ent- wicklungsländern überwiegend zur Finanzierung großer Konzerne dient. 30) Die Interpretation der sprunghaften Zunahme der internationalen Finanzmärkte als Parasitismus des großen Kapitals in den kapita- listischen Metropolen, das keine "produktive" Anlage findet und sich deshalb über das Drehen einer Finanzspirale verwertet bis es zum Salto mortale des Finanzsystems kommt - diese Interpretation erweist sich angesichts der neuen Daten als zu einseitig. Pro- fite, die nicht akkumuliert werden, verwandeln sich zwar in li- quide Mittel des Bankensystems, wie Altvater schreibt, 31) aber sie dienen offenbar wieder zum großen Teil als Mittel der Akkumu- lation anderer Kapitale. Die "Verselbständigung der Geldkapitalakkumulation" als "Kehr- seite der strukturellen Überakkumulation von Kapital" verschärft nicht per se die Überakkumulationskrise, 32) sondern erweist sich als hochflexibles Instrument der Anpassung der Finanzseite an die Verwertungsbedürfnisse des industriellen Kapitals, als Mittel der Kapitalmobilisierung und weltweiten Umverteilung zwischen den Konzernen. Die eine Seite verselbständigt sich zwar gegen die andere, aber beide münden ein in eine gemeinsame Politik des Finanzkapitals. Nun ist mit diesem Hinweis das Argument des Parasitismus und des immanenten Risikos der durchgesetzten Weltwirtschaftsordnung nicht widerlegt. Schließlich herrscht auch im industriellen Pro- duktionsprozeß der Parasitismus monopolistischer Marktstrategien! Eine Fehllenkung von industriellen Kapazitäten unter Profitge- sichtspunkten wie bei der Energieerzeugung, der Rüstungsund Ver- schleißproduktion, das alles sind nicht minder parasitäre und ge- fährliche Entwicklungen als die "Plethora des Geldkapitals" (Krüger). Der monopolistische Akkumulationsprozeß beinhaltet ebenfalls die permanente Tendenz zur Überakkumulation. Deshalb ist durch die Rückkehr der mobilisierten Gelder in den "produktiven" Kreislauf noch nicht über die Entwicklungsrichtung und Krisenhaftigkeit der kapitalistischen Weltwirtschaft ent- schieden. Aber die Fragestellung verschiebt sich: Was geschah mit dem mobilisierten Kapital? Zwei Richtungen lassen sich hier grob umreißen: E r s t e n s wird nach wie vor durch die führenden Industrie- konzerne der imperialistischen Hauptländer im Ausland kräftig in- vestiert. Nicht in erster Linie die Summe der Investitionen, son- dern ihre Richtung und ihr Charakter ändern sich: Die Kapitalverkehrsstatistik weist aus, daß in den siebziger Jah- ren rund 30% der jährlichen Kapitaltransfers Standorte in Ent- wicklungsländern betrafen, während 1981-1984 dieser Anteil nur noch ein Viertel beträgt. Gemessen an den Beständen, sinkt der Anteil der Region der dritten Welt von 16% auf 14%. 33) 1983 unterhalten nach Fröbel/Kreye 1410 Unternehmen der BRD 3740 Beteiligungsverhältnisse im Ausland, davon 53% in Entwicklungs- ländern (1975) und 47% in Industrieländern (1765 ohne die EG), den größten Teil in den USA. Der Anteil der Entwicklungsländer ist damit zurückgegangen. 1975 entfielen nämlich 61% auf die Ent- wicklungsländer und 39% auf die Industrieländer. 34) Fröbel/Kreye, ebenso wie Olle (1986) 35), stellen Beispiele für die Entwicklung nach 1983 zusammen, aus denen eine starke Konzen- tration des Kapitalexports auf die USA und andere Industrielän- der, vor allem im Rahmen der EG-Süderweiterung, hervorgeht. 1985 nimmt diese Tendenz geradezu dramatische Ausmaße an: 13 277 Mill. DM werden in Industrieländern und nur 358 Mill. DM in Entwick- lungsländern investiert! 36) Auch hier treten aber, ebenso wie bei der Kreditvergabe, deutli- che regionale Unterschiede auf: Investitionen in die Länder der sogenannten dritten Welt finden statt, beschränken sich aber weitgehend auf Länder in Südostasien, die Türkei, Südafrika und zum Teil in Lateinamerika. Schwarzafrika und Nahost fallen fast völlig aus. Gegenseitige Marktdurchdringung der kapitalistischen Industrieländer, Erschließen der neuen Märkte in Südostasien und Ausnutzen der Schwellenländer Lateinamerikas als Brückenkopf zu den Märkten in den USA durch die europäischen und japanischen Konzerne bestimmen das regionale Bild des Kapitalexports. Besonders die Halbleiterindustrie und die Automobilindustrie bauen durch Investitionen in Südostasien und Lateinamerika - dort zum Teil durch "Umwidmung" bestehender Produktionsstätten - "regionale Fertigungsverbunde" auf: Daimler-Benz beispielsweise läßt in Brasilien zunehmend weniger Nutzfahrzeuge für den natio- nalen brasilianischen Markt herstellen, sondern Teile für den Ex- port zu ihrer neuerworbenen Tochter in USA, ebenfalls einem LKW- Hersteller. 37) Diese Strategie eröffnet einzelnen Konzernen die Möglichkeit, mit der Verschuldungskrise zu leben: auf der Kosten- seite schlagen die niedrigen Löhne voll zu Buche, ohne daß vom Absatz her Armut und Kaufkraftverfall eine Schranke der Kapital- verwertung bilden. Zugleich, und das führt schon zum zweiten Punkt, findet dieser Kapitalexport immer häufiger in der Form der Kooperation und der Übernahme schon bestehender Unternehmen und nicht mehr in der Form der Neugründung statt: "Dabei werden in den Produktionsländern im allgemeinen keine neuen Arbeitsplätze geschaffen, sondern, im Gegenteil, häufig welche vernichtet." 38) Z w e i t e n s wurde nämlich durch die internationalen Finanz- märkte ein außerordentlicher Zentralisationsprozeß befördert. Von den Neukreditzusagen an den internationalen Finanzmärkten entfiel schon 1984 ein Viertel auf die Übernahmefmanzierungen von Firmen in den USA. Insgesamt wurden in den USA 1984 Zusammenschlüsse und Übernahmen mit einem Volumen von 140 Mrd. US-$ getätigt, darunter ausgesprochen große Konzerne: aus der 83er Fortune-Liste der 500 größten Unternehmen der USA waren 19 durch Fusionen betroffen, aus der 84er Liste 14, darunter solch große Unternehmen wie Su- perior Oil (Platz 196, übernommen von Mobil Oil), Getty (Platz 24, übernommen von Texaco), Gulf Oil (Platz 11, übernommen von Cheveron), Morris (übernommen von General Foods), Reynolds (übernommen von Nabisco Brand) und Hughes Aircraft (übernommen von General Motors). Bei 11 der 500 fanden leveraged buy-outs 39) statt (s.u.). 40) In England gliederten sich 1984 444 Firmen 507 Unternehmen an, was eine Rekordzahl darstellte, darunter die größten Kaufhaus- gruppen und Fleet Holdings. 1985 stieg der Wert der betroffenen Unternehmen noch einmal um 30%. 41) Auch in der BRD galt 1985 als Jahr der Fusionsrekorde mit 709 Fällen, darunter die aufsehener- regenden Übernahmen von Daimler-Benz, und die Placierung mehrerer Großunternehmen an der Börse (Springer, Henkel, Nixdorf), die in den letzten Jahren systematisch ausgebaut wurde; quantitativ - der Umfang der Börsengeschäfte beträgt inzwischen rund 450 Mrd. DM - ebenso wie qualitativ - in diesem Frühjahr haben sich die regionalen Börsen nach vielem Hin und Her zu einer Arbeitsgemein- schaft zusammengefunden. Noch vor kurzer Zeit wären Transaktionen wie die Unterbringung der Flick-Aktien an der Börse gar nicht möglich gewesen. Die Übernahme in den USA und Großbritannien ih- rerseits wurden häufig in der Form der "jungbonds" 42) oder der "leveraged buy-outs" finanziert (gulf oil, allied lyons), d.h. durch Spekulanten oder Teile des Managements, die nach dem Zusam- menkaufen eines bestimmten Aktienpaketes an einem Unternehmen den bisherigen Eigentümern ein Angebot auf Übernahme machen, damit zugleich den Kurswert ihrer Aktien anheben und das Unternehmen zwingen, seine stillen Reserven zu mobilisieren, um entweder die eigenen Aktien zurückzukaufen oder sich möglichst teuer zu ver- kaufen. 43) Ein Teil der international mobilisierten Gelder ist, wie oben erwähnt, in diese buy-outs, Übernahmen und andere Formen der Zentralisation des internationalen Kapitals geflossen. Dabei zeichnet sich ab, daß die Konzentrationsprozesse vor allem auf stagnierenden Märkten - z.B. im Nahrungsmittelbereich, bei Öl, in der Automobilbranche - stattfinden. Zumindest für die letztere läßt sich eindeutig feststellen, daß die mobilisierten Gelder in die Diversifikation der Konzerne in neue Technologien, Telekommunikation oder Rüstung fließen. Der Begriff der Verselbständigung des Geldkapitals greift inso- fern zu kurz. Der Untergang des Feudalismus war in der Tat durch den Gegensatz zwischen einem ungeheuren Reichtum in Form von Geld, Gold und Schätzen und einer stagnierenden Produktionsweise, die die Reproduktion der Menschen nicht mehr gewährleistete, ge- kennzeichnet. Im Imperialismus sind aber "Parasitismus und Fäul- nis" Kategorien der Analyse des in der industriellen Produktion angelegten Monopolkapitals, das an seiner Spitze mit den Bankmo- nopolen verbunden ist. Das Zusammenwirken von Industrie- und Bankmonopolen ist in der Internationalisierung besonders eng. Zugespitzt läßt sich formulieren: während die Banken in den sieb- ziger Jahren über die Kreditierung der Regierungen in den Schwel- lenländern den Konzernen die nötigen Infrastrukturinvestitionen für ihren Kapitalexport und die Nachfrage nach Anlagen usw. für ihren Warenexport finanzieren, erleichtern sie heute die Mobili- sierung-und.Zentralisation von Kapital für die Investionen in neue Technologien in den kapitalistischen Zentren und organisie- ren den gemeinsamen Ausbeutungsprozeß in den neuen Schwellenlän- dern Südostasiens. Beide Male handelt es sich um gemeinsame Stra- tegien des internationalen Finanzkapitals. Die Instabilität dieses Prozesses ist offensichtlich. Einerseits werden zwar in einer verblüffenden Flexibilität immer wieder neue Anpassungsformen gefunden, andererseits aber brechen in demselben Tempo immer wieder neue Risiken auf: alleine die Einnahmeausfälle aus den Ölpreissenkungen 1986 betragen bei den auf Ölexporte an- gewiesenen Schuldnerländern - an erster Stelle Mexiko und Nigeria - mehr als die im Baker-Plan vorgesehenen Kreditmittel! Nie hat das Wort von Marx "Der Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol entspricht die Akkumulation von Elend auf dem än- dern..." mehr zugetroffen als heute. Das politische Risiko ihrer ökonomischen Strategien - die Entwicklung in Südafrika, das Ver- halten Perus, die Wahlausgänge in der Dominikanischen Republik, Barbados und Ekuador, die Absetzung des mexikanischen Finanzmini- sters - gerät denn auch mehr und mehr ins Blickfeld des interna- tionalen Kapitals und wird durch wachsende politische Aggressivi- tät beantwortet. Den Blick auf die Gemeinsamkeiten zwischen Industrie- und Bankka- pital zu lenken, bedeutete zugleich, die Verantwortung der Arbei- terbewegung und der fortschrittlichen Menschen anderer Schichten der imperialistischen Länder für die Beendigung der ungleichen Weltwirtschaftsordnung zu betonen. Demokratisierung des Bankensektors, qualitative Ziele für die öf- fentlichen Investitionen und eine Lenkung der privaten Investi- tionen nach regional- und strukturpolitischen Kriterien zugunsten der Betroffenen sind nicht nur wirtschaftsdemokratische Forderun- gen für die Binnenökonomie, sondern auch unerläßliche Vorausset- zung eines weltweiten Umbaus ökonomischer Strukturen. _____ 1) Vgl. z.B. Hans Tammer, Monopole, Profite, Ausbeutung, Berlin (DDR) 1983, S. 121 ff. oder Hermaimus Pfeiffer, Das Netzwerk der Großbanken, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 2/86, S. 161 ff. sowie ders. im vorliegenden Band. 2) W.I. Lenin, der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapita- lismus, in: LW 22, S. 229 f. 3) Karl Marx, Das Kapital, Band III, in: MEW 25, S. 381. 4) Wirtschaft und Statistik 2/86; Bundesanzeiger. 5) Nach den Geschäftsberichten 1984/85. 6) Vgl. W. Guth, Entwicklungslinien des internationalen Bankge- schäftes, in: Die Bank, 7/83, S. 300ff.; Jürgen Capell, Axel Swinne, Internationales Kredit-Management, Frankfurt/Main 1981. 7) Capell/Swinne 1981; U. Freitag, Damit der Exporteur nicht zum Finanzier wird, in: Betriebs-; WirtschaftsMagazin, 5/85, S. 25 ff. 8) Handelsblatt v. 25.9.85, S. 12. 9) Handelsblatt v. 19.6.86, S. B 4. 10) Handelsblatt v. 23.4.85, S. 9 11) Ursel Steuber, Internationale Bankenkooperation, Deutsche Banken in internationalen Gruppen, Frankfurt/Main 1977, S. 55. 12) The Banker, July 1971, S. 663. 13) David B. Zernoff, Management Principles for Finance in the Multinational, Euromoney Publications Ltd., London 1980, S. 152. 14) Vgl. David K. Eiteman, Arthur J. Stonehill, Multinational Bu- siness Finance, 2nd ed., Massachusetts, London, Amsterdam 1979. 15) "Verlockende Gewinnspannen beim Loseisen von 'blocked funds' - Citibank" in Handelsblatt v. 11./12.10.85, S. 9; und "Die lu- krativen Geschäfte mit den 'sacadolares'", in Handelsblatt v. 19.6.86, S. 6; vgl. Dieter Duwendag, Kapitalflucht aus Entwick- lungsländern, in: Schriften des Vereins für Sozialpolitik 1986. 16) Edzard Reuter, Aus der Werkstatt eines Praktikers. Finanzpo- litik im internationalen Konzern, in: ders., Vom Geist der Wirt- schaft, Europa zwischen Technokraten und Mythokraten, Stuttgart 1986, S. 87 f. 17) Raymond Vernon, Louis T. Wells jr., Manager in the Interna- tional Economy, 4. Auflage, New York 1981, S. 71. "Der Kern der Außenwechselplätze der Welt besteht im wesentlichen aus den Geschäftsräumen einer Handvoll sehr großer Banken, die über die ganze Welt verbreitet sind - fünfzig oder sechzig sol- cher Banken insgesamt -, verbunden durch Telefon, Telex und Com- puter." 18) Monatsberichte der Deutschen Bundesbank, 4/85 (Die Auslands- niederlassungen der deutschen Kreditinstitute) und 6/86 (Stat. Anhang). 19) Monatsberichte der Deutschen Bundesbank, 8/85. 20) Monatsberichte der Deutschen Bundesbank, 5/84. 21) Handelsblatt v. 24. 4. 86, S. B 4 (Beilage Internationales Banking). 22) Monatsberichte der Deutschen Bundesbank, 4/86 (Innovationen im internationalen Bankgeschäft). 23) Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), 56. Jahres- bericht, 1. April 1985-31. März 1986, Basel, 9. Juni 1986, S. 100 ff. Die BIZ geht im übrigen von einer internationalen Kreditver- gabe von 221,5 Mrd. US-$ aus (S. 98). 24) E. Storck, Umstrukturierungen am Eurokreditmarkt, in: Die Bank, 2/85, S. 56 ff. 25) BIZ 1986, S. 106 f. 26) Vgl. Monatsberichte der Deutschen Bundesbank, 4/86; P. Rein- hardt, Der Euronotemarkt als internationale Finanzierungsquelle, in: Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen (ZfdgK), 9/85, S. 380ff.; Theo Mainz, Neue Finanzierungsinstrumente, in: ZfdgK, 12/85, S. 556 ff. 27) Monatsberichte der Deutschen Bundesbank, 4/86, S. 35. 28) E. Reuter 1986, S. 80. 29) BIZ 1986, S. 118 ff. 30) Das gilt v. a. für die internationalen Anleihen, die netto 125 Mrd. US-S und damit 56% der bereinigten Nettokreditvergabe durch Kredite und Anleihen ausmachen (BIZ 98). 31) Elmar Altvater, Bruch und Formwandel eines Entwicklungsmo- dells, in: Jürgen Hoffmann (Hrg.), Überproduktion, Unterkonsum- tion, Depression, Hamburg 1982, S. 235. 32) Stefan Krüger, Zur Krise der nationalen und internationalen Kreditverhältnisse - Tendenzen der Kapitalakkumulation, in: ProKla 59, Juni '85, S. 78 ff. Vgl. in diesem Zusammenhang auch Alexander Schubert, Die interna- tionale Verschuldung, die dritte Welt und das transnationale Ban- kensystem, Frankfurt/Main 1985, der im ersten Teil "Der monetäre Weltmarkt" auch zu einer sehr differenzierten Einschätzung in dieser Frage gelangt. 33) Monatsberichte der Deutschen Bundesbank, Reihe 3 Zahlungsbi- lanzstatistik, 5/86. 34) Folker Fröbel, Jürgen Heinrichs, Otto Kreye, Umbruch in der Weltwirtschaft. Die globale Strategie: Verbilligung der Ar- beit/Flexibilisierung der Arbeit/Neue Technologien, Reinbek bei Hamburg 1986, S. 224, S. 237. 35) Werner Olle, Neue Technologien und internationale Arbeitstei- lung: Rückverlagerung von Auslandsfertigungen aus Entwicklungs- ländern (am Beispiel der BRD)?, in: Wirtschaft und Gesellschaft, 1/1986, Wien; vgl. Fröbel/Heinrichs/Kreye 1986, S. 242 ff. 36) Bundesanzeiger, lfd.; vgl. auch Ifo-Schnelldienst, 13/86. 37) Geschäftsbericht Daimler-Benz 1984; vgl. Olle 1986. 38) Fröbel/Heinrichs/Kreye 1986, S. 249; Olle 1986, S. 72. 39) Kauf eines Unternehmens mit primär aufgenommenen Kredit. 40) Jens Eckhardt, Spiel ohne Grenzen um das schnelle Geld, in: Handelsblatt v. 25/26.10.1985, S. 17; und: Fortune International, The Fortune 500, The largest U.S. Industrial Corporations, April 1985 und April 1986; Handelsblatt 20. 1. 1986, S. 10. 41) Werner Benkhoff, Das Übernahmefieber hat auch die City ange- steckt, in: Handelsblatt v. 25/26. 10. 1985, S. 17 und Megamer- gers - Megalomania?, in: Banking World, April 1986, S. 22 ff. 42) Obligationen von Unternehmen ohne Bonitätsbewertung, aber i.d.R. mit hoher Rendite. 43) Martin Peltzer, Von Räubern, weißen Rittern und Jungfrauen - die Taktiken der amerikanischen takeovers, in: ZfdgK, 7/86, S. 291 ff. und Paul Lerbinger, Unternehmensacquisition durch lever- aged buyouts, in: Die Bank, 3/86, S. 113 ff. zurück