Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 11/1986


       zurück

       

VORWORT

Vor mehr als zehn Jahren leitete die kapitalistische Weltwirt- schaftskrise von 1974/75 eine tiefgreifende ökonomische, soziale und politische Umbruchperiode ein. Während die bürgerliche Wirt- schaftswissenschaft sich vor das Problem gestellt sah, dies aus äußeren Ereignissen der siebziger Jahre wie z.B. der "Ölkrise" erklären zu müssen, stellte sich für die marxistische politische Ökonomie die Aufgabe, die dieser tiefen zyklischen Krise folgende Phase wachsender ökonomischer Schwierigkeiten als Ausdruck der historischen Krisentendenz des Kapitals unter den konkreten Be- dingungen der Periode nach dem zweiten Weltkrieg zu erklären. Der Mitte der siebziger Jahre sichtbar gewordene Entwicklungsbruch war also aus der Wirkungsweise der Grundwidersprüche des kapita- listischen Gesamtreproduktionsprozesses in einer konkret-histori- schen Etappe abzuleiten. Ausgehend von der marxistischen Krisen- theorie war die reale Bewegung in schrittweiser Näherung an die konkreten Erscheinungen der Realität zu erklären. Der vorliegende Band des Jahrbuchs hat sich die Aufgabe gestellt, in einem ersten Block von Beiträgen eine schlüssige, theoretisch abgeleitete und empirisch belegte Erklärung der gegenwärtigen Krisenperiode vorzulegen. Auf der Grundlage der Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus (SMK) gehört zu einer solchen Darlegung die Bestimmung der Strategie des Monopolkapitals, also die Untersuchung der nun schon deutlich sichtbaren Varianten in den Reaktionsweisen und der realen Entwicklung des SMK auf die insgesamt verschlechterten Verwertungsbedingungen des Kapitals und die verlangsamte Akkumulationsdynamik. Im Mittelpunkt dieser Analysen steht die Bundesrepublik. Einbezo- gen werden aber auch die Entwicklungen und spezifischen Besonder- heiten in anderen wichtigen kapitalistischen Ländern, z.T. durch Autoren aus diesen Ländern selbst. Nach einer mehr als zehnjährigen Periode zunehmender Krisenhaf- tigkeit bei einer depressiven Grundströmung sind strukturelle Veränderungen im Gesamtreproduktionsprozeß sichtbar, mit denen das System des SMK die Blockierung der Akkumulationsdynamik durch eine strukturelle Überakkumulation des Kapitals zu überwinden hofft. Die Autoren des zweiten Blocks von Aufsätzen untersuchen - in z.T. auch kontroversen Beiträgen - vor allem den kapitalisti- schen Internationalisierungsprozeß, die Herausbildung neuer mono- polistischer Strukturen in Form staatsmonopolitischer Komplexe und die organisierende Rolle des Finanzkapitals. Mehrere Beiträge widmen sich der zentralen Rolle, die die neuen Produktionstechni- ken für die Produktivkraftaneignung unter den Bedingungen des SMK besitzen. In diesem zweiten Block von Beiträgen geht es auch um die Perspektiven der kapitalistischen Wachstumsdynamik in Abhän- gigkeit von den durchaus unterschiedlichen Anpassungsvarianten des SMK. Es wird deutlich, daß alle ökonomischen Perspektiven einen wesentlich politischen Aspekt besitzen, daß es also keine rein ökonomische Mechanik gibt, die allein über die zukünftige Dynamik der Akkumulation von Kapital entscheidet. Diese politische Dimension der kapitalistischen Entwicklungslogik ist der Ausgangspunkt für die Beiträge des dritten Blocks, in dem es um die Alternativen der Linken geht. In Stellungnahmen aus verschiedenen theoretischen und politischen Blickwinkeln, die je- doch die Verpflichtung auf eine alternative, an den Interessen der Arbeiterklasse, der Lohn- - und Sozialabhängigen orientierte Entwicklungsperspektive eint, werden Strategien zur Veränderung der Gesellschaft, zur Einleitung einer Reformdynamik gegen die Logik des Kapitals dargestellt und diskutiert. Autoren aus dem sozialdemokratischen, aus dem linkssozialistischen, aus dem grün- alternativen und aus dem kommunistischen Lager kommen zu Wort. Ausgehend von ihren jeweiligen Krisenanalysen, werden Eckpunkte alternativer Konzeptionen vorgestellt. Damit wird - wie schon im Jahrbuch 9 des IMSF - der Diskussion unterschiedlicher linker, sozialistischer und marxistischer Positionen Platz eingeräumt. Die bislang vorliegenden Planungen für die kommenden Jahrbücher sehen im Band 12 (Frühjahr 1987) eine Beschäftigung mit den "Internationalen Tendenzen der Marx-Engels-Forschung" vor. Der Band 13 (Herbst 1987) wird neben zwei thematischen Schwerpunkten, nämlich "Technik - Arbeit - Produktivkraftentwicklung - Fort- schritt" und "Politische Kultur in der BRD" - weitere Ergebnisse der IMSF-Arbeit vorstellen, die in den vorangegangenen Bänden keinen Platz gefunden haben. Eine wichtige Aufgabe bei der Fertigstellung des vorliegenden Bandes haben Manuela Jatsch und Peter Radebach übernommen. Sie haben die umfangreichen redaktionellen und technischen Arbeiten ausgeführt, ohne die eine solche Publikation unmöglich ist. Frankfurt am Main August 1986 Institut für Marxistische Studien und Forschungen (IMSF) zurück