Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 12/1987
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ENTWICKLUNG DER DISKUSSION UND ERFORSCHUNG DER WERKE VON MARX
UND ENGELS IN MEXIKO WÄHREND DER LETZTEN DREI JAHRZEHNTE
Andrés Barreda
1. Höhepunkt und Krise des Marxismus von den sechziger Jahren bis
heute - 2. Marxistische Ökonomie als Hauptgebiet der Forschung -
3. Die Edition der Werke von Marx und Engels - 4. Diskussion über
Politik und Staat - 5. Die Hauptauseinandersetzungen unter den
marxistischen Philosophen - 6. Erforschung der Kritik der politi-
schen Ökonomie - 7. Zur Marxschen Theorie der Technik, der Ent-
wicklung und des Staates
In diesem Aufsatz wird beschrieben, wie sich in Mexiko seit den
60er Jahren das Interesse für das Studium der Werke von Marx und
Engels entwickelt. Dabei wird nicht die Geschichte des ganzen me-
xikanischen Marxismus dargestellt, d. h. eine Geschichte, die die
von Marx, Engels und vom ganzen nachfolgenden Marxismus inspi-
rierte Diskussion einschließt, welche sich mit der Analyse der
Ökonomie, der Politik, der Geschichte Mexikos, Lateinamerikas
usw. befaßt. Diese Entwicklung wird vielmehr nur in Betracht ge-
zogen, um zu erörtern, wie in Mexiko das Bedürfnis nach einer
Vertiefung in das Werk von Marx und Engels selbst entstanden ist.
Ich habe für diesen Beitrag Interviews durchgeführt - sie waren
sehr aufschlußreich -, um möglichst originalgetreu die wirkliche
Geschichte des Marxismus in Mexiko darlegen zu können. Sie wurden
von Rodrigo Martinez Baracs, Paco Ignacio Taibo, Alejandro Gál-
vez, Gabriel Brum, Armando Bartra, Julia Moguel, Adolf o Sánchez
Vázquez und Jörge Juanes gewährt. 1)
1. Höhepunkt und Krise des Marxismus
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von den sechziger Jahren bis heute
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Anfang der 60er Jahre entwickelt sich in Mexiko ein Prozeß tiefer
Erneuerung links orientierten Denkens, der von der "Stalinismus"-
Kritik ausgeht. Dies nämlich infolge von drei wichtigen Ereignis-
sen, die zwischen 1956 und 1959 geschehen sind: 1. Der XX. Par-
teitag der KPdSU, der die Krise des politischen, ökonomischen,
geschichtlichen usw. Dogmensystems des "Stalinismus" zum Vor-
schein brachte. 2. Ein großer politisch-gewerkschaftlicher Kampf
im Arbeiter-Sektor (hauptsächlich Bahnarbeiter und öffentlicher
Dienst), ohne Beispiel in der Geschichte Mexikos; der Kampf der
Arbeiter richtet sich gegen die Gewerkschaftsbürokratie und den
Staat und löst reformistische Illusionen jener Epoche hinsicht-
lich Perfektion und Ausbau des demokratischen Charakters der bür-
gerlichen Gesellschaft und des bürgerlichen Staates auf. 3. Der
Sieg der kubanischen Revolution, der die Möglichkeit einer
"sozialistischen" - auf die Paradigmen der russischen Revolution
nicht angewiesenen - Revolution in Lateinamerika sehen läßt. Mit
dieser historischen Situation beginnt der Entwicklungsprozeß der
wichtigsten marxistischen Diskussion in der Geschichte der Lan-
des.
Die Anfang der 60er Jahre vorherrschenden Ideen der Linken gehen
von der "stalinistischen" Welterklärung aus, aus der - wegen ih-
rer unmittelbaren politischen Implikationen - die Interpretation
der ökonomischen Situation, die Lehre von der. politischen Aktion
sowie die philosophischen Fundamente ihres Diskurses hervorragen.
Die oben aufgezeigten politischen Krisen splittern diesen Dok-
trin-Komplex in verschiedene Fronten auf. Wir beziehen uns auf
die wichtigsten: a) Die radikale Rückkehr zu den leninistischen
(gegen die stalinistischen) Prinzipien von Organisation und revo-
lutionärer Aktion. (Hierzu vgl. José Revueltas, El Proletariado
sin Cabeza / Das Proletariat ohne Kopf /, Mexiko 1963). b) Die
Entstehung neuer Interpretationen der ökonomischen Wirklichkeit
von Mexiko, die der dogmatischen ökonomischen Auffassung der kom-
munistischen Partei Mexikos (PCM) gegenüberstehen. Der ökonomi-
sche Rückstand des Landes war nämlich nach dieser Auffassung auf
Relikte der feudalen Produktionsweise zurückzuführen. Diese bei-
den Erneuerungsdebatten zeigen immer stärker auf einen g e-
m e i n s a m e n K n o t e n p u n k t, nämlich: c) Die Kritik
an den ontologischen Vorstellungen der "stalinistischen" Dogma-
tik. Hierfür zeichnet - anscheinend unabhängig von den vorher-
gehenden Polemiken - der Philosoph Adolfo Sánchez Vázquez ver-
antwortlich. Seine Kritik geht aus einer Diskussion gegen die
"stalinistische" Ästhetik hervor, um in ein direktes und systema-
tisches Studium von Marx, insbesondere seines Jugendwerkes,
auszumünden.
Während dieser Anfangsperiode herrscht extreme geistige Armut bei
den Anhängern und Intellektuellen der Linken. Hungrig nach kriti-
schem Bewußtsein, fast von Null ausgehend, konstruieren sie einen
kritischen und rebellischen Kontext, der immer lebhafter wird und
sich steigert. Die Studentenbewegung des Jahres 1968 ist der er-
ste politisch-soziale Ausdruck dieser neuen Intellektuellen. De-
ren gewaltsame Unterdrückung durch den Staat löst einen neuen
Sprung in ihrem Denken aus, der sie zur Vertiefung des Marxismus
führt und über die fast ausschließliche Lektüre des Leninismus
und der Theorie über Abhängigkeit und Unterentwicklung der vor-
hergehenden Periode hinausgeht. Von diesem Moment an breiten sich
das Studium und die Diskussion der primären Quellen aus, sowohl
der Frühschriften von Marx und Engels, als auch der Kritik der
politischen Ökonomie; außerdem das direkte und tiefgreifende Stu-
dium des Gesamtwerks Lenins, über die Lehrbücher hinaus. Diese
neue Phase des Aufschwungs in den marxistischen Studien - viel
profunder als die vorherige - währt von 1969 bis 1977. Diese
Phase gründet in einer aufsteigenden Entwicklung des nationalen
Arbeiterkampfes für erneute Unabhängigkeit von gewerkschaftlicher
Bürokratie und vom Staat. Während dieses Zeitabschnitts wird -
als Resultat zahlreicher studentischer Kämpfe - das Studium des
Marxismus an den Universitäten legalisiert. Die Verlage
(Grijalbo, Siglo XXI, Era etc.) und die Buchhandlungen, die den
Marxismus verbreiten, nehmen sehr stark zu. Wichtige Texte von
Marx werden übersetzt und veröffentlicht, es wird das Beste aus
der klassischen und gegenwärtigen marxistischen Diskussion impor-
tiert und übersetzt. Es entstehen qualitativ gute marxistische
Zeitschriften (Historia y Sociedad (segunda época) / Geschichte
und Gesellschaft (zweite Entwicklungsphase) /; Cuadernos Politi-
cos / Politische Hefte /; Dialéctica). Aber vor allem erscheinen
zahlreiche Studien über die nationale Wirtschaft und Politik, in
denen die marxistische Theorie angewandt wird. Kurz nach der er-
sten wichtigen Niederlage, die der unabhängige Arbeiterkampf des
Landes erlitt, fällt diese Aufschwungphase ab: Ich meine den von
den Elektrizitätsarbeitern 1976 angekündigten G e n e r a l-
streik, der vom Staat manipuliert und untergraben wurde, sowie
die Demontage ihrer u n a b h ä n g i g e n u n d n a t i o-
n a l e n g e w e r k s c h a f t l i c h e n O r g a n i-
s a t i o n. Letztere war das Rückgrat gewesen, das bis dahin
sämtliche kleinen Arbeiter- und Bauern-kämpfe des Landes
zusammenhielt, verstärkte und anwachsen ließ. Mit dieser Nieder-
lage beginnt der Verfall der A k t i v i s t e n - O r g a-
n i s a t i o n e n, begleitet von einer tiefen kulturellen
Krise bei den Revolutionären. Es ist der Moment, da die Einfuhr
neuen linken Gedankenguts aus Europa beginnt, das seit wenigen
Jahren in einer Krise steckt. Die "neuen Philosophen", die
Lektüre des Nihilismus (Foucault, G. Bataille, Nietzsche usw. und
später auch Heidegger), werden in Mexiko aufgenommen. In eben
dieser Zeit ändert der mexikanische Staat intelligenterweise
seine Strategie: Die Repression gegen die Arbeiterklasse wird mit
einer minimalen legalen Öffnung parlamentarischer Spielräume und
mit der Zulassung und finanziellen Förderung der Organisation
neuer linker und rechter Parteien verknüpft. Das ist der
schärfste Ausdruck eines massiven Integrationsprozesses gegenüber
den linken Intellektuellen innerhalb der bürokratischen Apparate
der Universität und des Staates. Charakteristisch für diese
Periode sind: der Rückgang des Interesses an der Lektüre von
Marx, ihr tendenzielles Verbot innerhalb der universitären
Zentren, bestenfalls eine wissenschaftliche "Relativierung" von
Marx gegenüber den angeblichen Leistungen der modernen sozialwis-
senschaftlichen Fachdisziplinen sowie eine eklektische Fusion des
Marxismus mit diesen. Dennoch schaffen während dieser letzten Pe-
riode die Marxisten, die ihre Prägung bereits früher erhielten -
hauptsächlich diejenigen, welche sich in Mexiko mit dem systema-
tischen Studium von Marx und Engels beschäftigen - ihre besten
Arbeiten. Bevor wir einige Hauptresultate erläutern, vergegenwär-
tigen wir uns die wichtigsten Entwicklungsmomente des revolutio-
nären Bewußtseins während dieses Aufstiegs und dieser Krise.
2. Marxistische Ökonomie als Hauptgebiet der Forschung
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Das Bedürfnis, gegenüber dem reformistischen Sozialismus die öko-
nomische Theorie eines semi-feudalen Mexiko zu widerlegen, macht
es für die neuen Militanten der 60er Jahre erforderlich, ihre re-
volutionäre Strategie zu rechtfertigen, und zwar, indem sie öko-
nomische Daten zum Beweis des industriellen Wachstums von Mexiko
anführen. Von da an wird die Ökonomie allmählich ein wesentlicher
Bestandteil des neuen Bewußtseins der Linken. Das bringt d i e
N o t w e n d i g k e i t mit sich, die m e x i k a n i s c h e
u n d l a t e i n a m e r i k a n i s c h e W i r t s c h a f t
w i s s e n s c h a f t l i c h als schon vollendete - wenn auch
abhängige - k a p i t a l i s t i s c h e Ökonomie zu e r-
k l ä r e n, somit für eine spezifische sozialistische Revo-
lution fähig. Die Diskussion über Abhängigkeit und Unterentwick-
lung ordnet Lateinamerika in einen weltweiten kapitalistischen
Rahmen ein (Gunder Frank). Dafür werden die Theorien des Imperia-
lismus und des staatsmonopolistischen Kapitalismus angewendet.
Gleichwohl produziert die übertriebene Betonung, die diese Theo-
rien auf die internationalen Beziehungen der V e r t e i l u n g
der Überschüsse setzen, bei anderen das entgegengesetzte Bedürf-
nis, nämlich die Realität des Landes aus dem i n n e r e n
Klassenkampf und dem i n n e r e n Industrialisierungsprozeß zu
erklären. Im großen und ganzen kann man sagen, daß daraus zwei
neue Strömungen entstehen. Nach 1968 taucht innerhalb der PCM /
Kommunistische Partei Mexikos / eine neue marxistische Schule
(hauptsächlich durch Enrique Semo und Roger Bartra) auf, die neu-
erlich den Akzent auf den a g r a r i s c h e n R ü c k-
s t a n d des Landes setzt, der allerdings im Zusammenhang mit
der Akkumulation des Kapitals zu erklären versucht wird. Dabei
wird von einer "Artikulation der Produktionsweisen" gesprochen.
Die andere Strömung linker Nationalökonomen (gruppiert um Rolando
Cordera) setzt den Akzent auf den I n d u s t r i a l i s i e-
r u n g s p r o z e ß, auf die Einkommens V e r t e i l u n g
und auf die Kritik der Wirtschaftspolitik der Verschuldung. Den
Horizont dieser "marxistischen" Interpretation markieren Maurice
Dobb und Joan Robinson. Unterdessen überlebt die Theorie der
Abhängigkeit und Unterentwicklung durch neue Repräsentanten,
nämlich durch südamerikanische Exilanten, die in der ersten
Hälfte der 70er Jahre nach Mexiko kommen (R. Mauro Marini und
Theotonio Dos Santos). Die Ü b e r a u s b e u t u n g / super-
explotación / der Arbeiterklasse in den abhängigen Ländern macht
ihr Hauptthema aus.
Seit Ende der 60er Jahre beginnt man in Mexiko, die Marxschen
Theorien über den Wert und die einfache Warenzirkulation, den
Mehrwert und die technologische Entwicklung, die Akkumulation und
die Reproduktionsschemata, das Transformationsproblem der Werte
in Preise und die Rententheorie intensiv zu diskutieren. Am An-
fang der internationalen Wirtschaftskrise (1971-73) wird in Me-
xiko die marxistische Diskussion über den Zusammenbruch und den
tendenziellen Fall der Profitrate eingeführt. Gegen Ende der 70er
Jahre wird durch die nationale Erfahrung der Krise Interesse für
Finanzfragen geweckt, und zwar mit erneutem Augenmerk auf den
Weltmarkt. Die weitere Gestaltung der weltweiten industriellen
Grundlage bringt schließlich die Diskussion über Technologie und
Entwicklung in den Vordergrund. Darüber wird so heftig und reich-
haltig wie nie zuvor in den linken nationalen Medien polemisiert.
Hierbei wird das komplexe Interesse für eine profunde Lektüre und
Erforschung der Kritik der Politischen Ökonomie produziert, re-
produziert und entwickelt, vor allem für die drei Bände des
"Kapitals".
Es ist außerdem hervorzuheben, daß dieser ganze - soeben be-
schriebene - vielfältige theoretische Komplex als p o l e m i-
s c h e n K e r n immer die W e r t t h e o r i e hatte, zu
der alle linken Ökonomen Stellung beziehen mußten und müssen.
Dies, um die Beziehungen zwischen Metropolen und Peripherie,
zwischen Stadt und Land, zwischen Wirtschaftssektor I und
Wirtschaftssektor II, die "Überausbeutung", die sozialistische
Planung, die nationale Akkumulation, die Wirtschaftspolitik des
Staates usw. zu erklären; zu diesem Zweck beanspruchen die mexi-
kanischen "marxistischen Ökonomen" entweder die Werttheorie posi-
tiv oder wollen sie erst kritisch vertiefen oder teilweise bzw.
total anfechten.
3. Die Edition der Werke von Marx und Engels
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Vielleicht gibt es nur noch in wenigen Teilen der Welt ein grö-
ßeres Interesse für Marx. Als Beispiel beachte man das enorme In-
teresse, das es in Mexiko für den Text des Kapitals bisher gege-
ben hat. Im Jahre 1975 wird hier die beste kritische Edition
(welche die Version von 1867 und die französische Version mitein-
bezieht) des Kapitals - in hervorragender Übersetzung von Pedro
Scaron (Verlag ed. Siglo XXI) - veröffentlicht. Im Buchhandel ist
auch die Übersetzung von Manuel Sacristán zu finden (Grijalbo
Verlag). Beide Versionen verbessern die schon gute Übersetzung
von Wenceslao Roces (Verlag Fondo de Cultura Economica). Außer
diesen gibt es weitere Versionen (Verlag Cártago und Verlag
Akal). Bis vor kurzem waren auch die zwei ersten spanischen Über-
setzungen vorrätig (Verlag Aguilar, 1931, Übersetzung von Manuel
Pedroso; und Verlag Pavlov, Übersetzung von B. Justo, 1898).
Schließlich wird demnächst die neue Version von Wenceslao Roces
(Verlag Fondo de Cultura Económica) erscheinen. Soweit wir wis-
sen, existieren in keiner anderen Sprache außer der deutschen so
vielfältige und sorgfältig ausgearbeitete Editionen des Kapitals.
Des weiteren existieren nicht nur fünf Übersetzungen von Zur
Kritik der politischen Ökonomie; vier der Grundrisse der Kritik
der politischen Ökonomie; drei der Theorien über den Mehrwert, es
wurden auch gerade einige Fragmente der Studienhefte von Marx
über Technologie (1851 und 1856) übersetzt, ebenso Fragmente des
Manuskriptes 1861-63 Zur Kritik der Politischen Ökonomie
(nämlich: die vorbereitenden Fragmente zu Kapitel 4, 5 und 13 des
Kapitals sowie mehrere Schritte des Manuskripts, in denen das
Problem der formalen und realen Subsumtion der Arbeit unter das
Kapital behandelt wird). Nebenbei gesagt, macht dies das
spärliche, noch weitgehend unbekannte Material der neuen MEGA in
spanischer Sprache aus.
Ebenfalls zahlreich sind die Veröffentlichungen der Frühschriften
von Marx. Gegenwärtig gibt es in Mexiko sechs Übersetzungen der
Manuskripte von 1844. Die Mehrzahl der Hauptwerke von Marxist be-
reits übersetzt. Fast alle sind in Mexiko zugänglich. Diese ver-
schiedenen Editionen erreichen zusammengenommen - ohne diverse
Übersetzungen ein und desselben Textes zu zählen - über 40 Bände
der deutschen Sammlung MEW. Der einzige Verlag, der heutzutage
noch neue Übersetzungen, Ausarbeitungen von Übersetzungen und
Editionen von bisher unveröffentlichten Marx- und Engels-Schrif-
ten herausbringt, ist der Verlag Fondo de Cultura Económica (FCE)
de México. Wenceslao Roces hat ein Verlagsprojekt mit über zwan-
zig Bänden unter dem Titel Hauptwerke organisiert. Es beinhaltet
Ausarbeitungen von Übersetzungen des Kapitals, der Grundrisse
etc., sowie bisher unveröffentlichte Editionen der frühen Schrif-
ten - insbesondere von Engels -; Zeitungsartikel über Weltwirt-
schaft, Kolonialismus, Arbeiterbewegung; zahlreiche geschichtli-
che Aufsätze des späten Engels usw. Bedauerlicherweise enthält
dieses Projekt keine Übersetzungen aus der neuen MEGA. Wenceslao
Roces war der erste bedeutende Übersetzer von Marx und Engels
seit den dreißiger Jahren (beim Verlag Cenit in Spanien und bei
Ediciones de Lenguas Extranjeras, Moskau). Er ist es bis heute
immer noch; übrigens mit erstaunlicher und gesunder selbstkriti-
scher Fähigkeit. Für seine enorme und unermüdliche Arbeit wird
ihm die spanischsprechende Welt immer dankbar sein.
Zieht man eine globale Bilanz des bisher übersetzten Materials,
so gilt es zu bemerken, daß Übersetzungen und/oder Veröffentli-
chungen des größten Teils der Korrespondenz, der vorbereitenden
Manuskripte zu verschiedenen Werken, aber vor allem der Exzerpt-
und Studienhefte aus allen Epochen fehlen. Des weiteren fehlen
ebenfalls zahlreiche Aufsätze von Engels. Ungerechterweise ist er
bisher vernachlässigt worden.
Offensichtlich ist das in Mexiko für das Werk von Marx und Engels
entstandene Interesse enorm. Diese hauptsächlich während der
letzten 25 Jahre durchgeführte Übersetzungsarbeit hat die materi-
elle Möglichkeit eröffnet, das Werk von Marx und Engels tiefgrün-
dig zu erforschen, was sich freilich noch weiter entwickeln kann,
falls die Übersetzungsarbeit derart weitergeht. Man wartet vor
allem auf die spanische Version der vorbereitenden Manuskripte
zum Kapital von 1861-63 und 1864-65.
4. Diskussion über Politik und Staat
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Die nationale politische und soziologische Diskussion läßt sich
durch eine mit der Ökonomie vergleichbare polemische Struktur
kennzeichnen. Das polemische Zentrum ist allerdings die Diskus-
sion über die S t a a t s t h e o r i e. Sie ist eigentlich die
andauernde und älteste theoretische "Besessenheit" der nationalen
Linken. Schon immer war der Staat der Hauptagent der kapitalisti-
schen Entwicklung in Mexiko. Daher teilt die große Mehrheit der
mexikanischen marxistischen Ökonomen den Gedanken, alle politi-
schen Anstrengungen auf den Staat zu konzentrieren; symptomati-
scherweise vergessen sie dabei jedoch die Bedeutung der Festigung
und Demokratisierung der bürgerlichen Gesellschaft. Der Etatismus
(estatalismo) und der Nationalismus sind die beiden Fetische, die
am meisten das proletarische Bewußtsein dem Kapital untergeordnet
haben.
So versucht beispielsweise Pablo González Casanova - einer der
Begründer der modernen linken Soziologie in Mexiko - in seinem
berühmtesten Werk La Democracia en Mexico (Mexiko 1965), die se-
gensreiche historische Mission des modernen mexikanischen Staates
aufzuzeigen, indem er ihm die seit der Revolution von 1910 bis
heute erfolgte Verringerung der marginalen Bevölkerungsgruppen
zuschreibt. "In Mexiko", behauptet er, "zeigen die zwei in unse-
rer Zeit entgegengesetzten Philosophien (Soziologie und Marxis-
mus) heute einen einzigen Wert auf: die Entwicklung der Demokra-
tie und des Kapitalismus, eine im übrigen ermutigende Tatsache
auf theoretischem Gebiet, welche darüber hinaus in der Politik
dazu dienen kann, die Führung unnötiger Kämpfe zu vermeiden." Der
Soziologe Victor Flores Olea seinerseits kritisiert in derselben
Zeit die Illusion, daß das Elend in Mexiko - wie es Pablo Gonzá-
lez Casanova sieht - als Reminiszenz einer vorrevolutionären Ver-
gangenheit betrachtet werden könne, die durch die angeblich demo-
kratische Entwicklung des Kapitalismus und seines Staates tenden-
ziell überwindbar sei. Der Marginalismus ist für Flores Olea
vielmehr Produkt der irrationalen kapitalistischen Entwicklung.
Daher schlägt er vor, "die Demokratisierung der Volksorganisatio-
nen durchzusetzen, neue unabhängige Machtzentren zu bilden und zu
stärken; dieses nicht, um sie in die Klassengesellschaft und ihre
Zwecke zu integrieren, sondern vielmehr, damit sie jener Klassen-
gesellschaft und jenen Zwecken gleichsam 'antworten'". Diese ent-
gegengesetzten Positionen des neuen soziologischen und politi-
schen Denkens der Linken der 60er Jahre bieten ein paradigmati-
sches Beispiel einer Diskussion, die bis in unsere Tage andauert.
Unterstützung bekommen beide Positionen durch den Import der ver-
schiedensten theoretischen Staatsdiskussionen außerhalb und in-
nerhalb des Marxismus. Den zweiten Kern dieser Diskussion kann
man so formulieren: Ist der Staat "Personifizierung" des Kapitals
und der Ökonomie, oder aber besitzt er Autonomie, die eine Eigen-
ständigkeit der Gesellschaftsentwicklung zuläßt?
Unter denen, die diese Autonomie akzeptieren, leiten einige die
"wohltätige", antikapitalistische Macht des Staates ab; andere
wiederum seine in der Metaphysik der abendländischen Zivilisation
eingeschriebene despotische Allmacht. Aus Letzterem entstehen die
Diskussionen um Hegemonie und Konsens im Staat (Gramsci). Auf der
anderen Seite gehen diejenigen, die im Staat auf die List des Ka-
pitals pochen, auf das Studium seiner Funktion beim Akkumulati-
onsprozeß über, das Studium seiner Form und seines Inhalts im Zu-
sammenhang mit der grundlegenden ökonomischen Sphäre der Gesell-
schaft. Zugespitzt: Die Mehrheit der mexikanischen "Marxisten"
geht von einer A b w e r t u n g der politischen Ideen von Marx
aus. Die Reformisten und mit ihnen die Anarchisten, indem sie den
angeblichen ökonomischen Determinismus der Staatstheorie von Marx
ablehnen. Die Leninisten, indem sie Lenin als denjenigen betrach-
ten, der wirklich die Umrisse einer Theorie der Politik und des
Staates vertieft habe; ferner einige "orthodoxe" Marxisten, indem
sie nur in diesem oder jenem Fragment des Werkes von Marx (Kritik
der Hegelschen Rechtsphilosophie, Der 18. Brumaire des Louis Bo-
naparte, Das Kapital etc.) wesentliche Elemente für die marxisti-
sche Staatstheorie anerkennen. Es gibt sehr wenige, die versucht
haben, die Totalität des politischen Denkens von Marx zur Geltung
zu bringen.
5. Die Hauptauseinandersetzungen unter
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den marxistischen Philosophen
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Nicht nur auf dem Gebiet der ökonomischen und politischen Theorie
ist die "stalinistische" Dogmatik zusammengebrochen. Dies geschah
auch in der philosophischen Begründung des Marxismus. Adolfo Sán-
chez Vázquez führt in Mexiko die unmittelbare und systematische
Lektüre des Werkes von Marx ein, rigoros konfrontiert mit sämtli-
chen klassischen und modernen Interpretationen des europäischen
Marxismus. Er fördert in der Fakultät für Philosophie und Gei-
steswissenschaften der UNAM / Nationale Unabhängige Universität
von Mexiko / ein nicht dogmatisches Klima für das vertiefte Marx-
Studium. Dort entstand eine ausgezeichnete Generation junger Phi-
losophen, die im Laufe der Zeit zu den bestpräparierten Marxisten
Mexikos zählten. Unter ihnen sind: Armada Bartra, Carlos Pereyra,
Juan Garzón, Jörge Juanes, Bolívar Echeverría und Gabriel Vargas
Lozano. Es ist Sánchez Vázquez, der in seinem Hauptwerk - Fi-
losofía de la Praxis- erstmals in Mexiko darauf hinweist, daß es
auf der Grundlage des Marxismus - und sogar in der Kritik der Po-
litischen Ökonomie - eine tiefe philosophische Problematik gibt:
das Fundament der Praxis. Von da an dringen viele seiner Schüler
auf eigene Faust immer tiefer in das Gebiet der Fundierung des
Marxismus ein, wenn auch in diesem Punkt eine erste Divergenz
kurz nach 1968 mit der Bildung einer nationalen Gruppe von Alt-
husserianern auftaucht (Alberto Hijar, Carlos Pereyra, Enrique
González Rojo und Raúl Olmedo sind einige der wichtigsten Reprä-
sentanten). Daraus leiten sich zwei große Strömungen in der neuen
marxistischen Philosophie in Mexiko ab. Die erste - gegen Althus-
ser, geführt von Adolfo Sánchez Vázquez - beschäftigt sich mit
der unmittelbaren, globalen und organischen Lektüre der Texte von
Marx. Die zweite, die diese Tendenz bekämpft, schlägt eine
"psychoanalytisch-reinigende" / "expurgatorio-sicoanalítica" /
Lektüre der Texte von Marx vor, vermeintlich um die ideologischen
Botschaften (hauptsächlich die "humanistisch-bürgerlichen"), wel-
che den eigentlichen wissenschaftlichen Diskurs von Marx trüben,
"kritisch" (zwischen den Zeilen lesend) einzuordnen. Dafür lassen
sie das Studium des jungen Marx vor dem "epistemologischen Bruch"
(1846) voreilig beiseite, sowie wesentliche Passagen des
"Kapitals" (beispielsweise bei der Theorie des Arbeitsprozesses).
Dagegen besteht Sánchez Vázquez auf seiner Arbeit und organisiert
darüber hinaus eine systematische Kritik an Althusser. Seit 1967
schreibt er Artikel und hält Vorlesungen bzw. Vorträge über das
Thema. Schließlich veröffentlicht er 1978 sein Buch Ciencia y Re-
volutión (El marxismo de Althusser), in dem er seine Kritik an
dem Theorizismus dieser Version des Marxismus darlegt. Die Pole-
mik veranlaßt Sánchez Vázquez, eine eigene Ideologie- und Wissen-
schaftstheorie (vgl. Ensayos Marxistas sobre Filosofía e Ideolo-
gía) auszuarbeiten und zu formulieren. Seit den 50er Jahren be-
faßt er sich - neben und im Zusammenhang mit dem Problem der Phi-
losphie der Praxis - mit marxistischer Ästhetik und fördert so in
Mexiko eine strategische künstlerische Sensibilisierung der Mar-
xisten - gegen die verhängnisvolle Vulgarisierung während der
"stalinistischen" Periode. Andererseits - wie Sánchez Vázquez
selbst berichtet - weist ihn die Studentenbewegung von '68 auf
die Notwendigkeit hin, die Grundlinien einer Ethik zu beleuchten
- eine im Marxismus wenig diskutierte und weniger klare Frage.
Gabriel Vargas Lozano, der sich zur Aufgabe gemacht hat, eine Bi-
lanz aus dem Gesamtwerk von Sánchez Vázquez zu ziehen, behauptet
mit gutem Recht, daß es sich dabei um "ein Werk handelt, das in-
zwischen Originalitätsniveau erreicht hat und durch das sein Au-
tor einer der wichtigsten marxistischen Philosophen der spanisch-
sprechenden Welt geworden ist."
Zur Polemik mit dem Althusserianismus gilt es noch anzumerken,
daß die Bilanz dieser Schule ziemlich paradox ist. Zum einen hat
diese Strömung die organische und autonome Lektüre von Marx be-
hindert. Doch zum anderen hat sie - vor allem seit Lire le Capi-
tal (Mexiko 1969) - eine gründliche Lektüre des Kapitals stimu-
liert. Es ist der Althusserianismus, der in den 70er Jahren die
Aneignung der Kritik der politischen Ökonomie mittels neuer Lehr-
bücher (wie das von Martha Harneker) wiederbelebt hat. 2)
6. Erforschung der Kritik der politischen Ökonomie
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Trotz und gerade wegen der durch die Althusserianer ausgelösten
Diskussion entwickelt sich so das unmittelbare Studium des Werkes
von Marx durch neue Philosophen, die die Arbeit von Sánchez Váz-
quez fortsetzen: G. Vargas Lozano führt diese Arbeit mit einer
Sánchez Vázquez naheliegenden Thematik (Beziehung Hegel - Marx,
Wissenschaft und Ideologie etc.) weiter und Bolivar Echeverria,
Jörge Juanes und Armando Bartra mit dem systematischen Studium
der Kritik der politischen Ökonomie. Bolivar Echeverría 3) und
Jörge Juanes gehen von der Diskussion über das Gattungswesen und
über die entfremdete Arbeit (Marx 1844) auf fruchtbare Weise auf
die Kritik der Werttheorie über; dabei wird von ihnen die Per-
spektive des Gebrauchswerts und des konkreten Reichtums, der so-
zialen und naturalen Form des gesellschaftlichen Reproduktions-
prozesses als der Schlüssel der Entwicklung der Produktivkräfte
aufgegriffen. Im übrigen konstituiert dies den unterscheidenden
Kern der von ihnen begründeten marxistischen Strömung (vgl.
Bolívar Echeverría, "Comentarios sobre el punto de partida de El
Capital" (1, 2 und 3) / Kommentare über den Ausgangspunkt des
"Kapitals" (1, 2 und 3) /; "Valor y Plusvalor" / Wert und Mehr-
wert /; "Clasificación del plusvalor"; "Discurso crítico y desmi-
stificación: el concepto de ganancia" / Kritischer Diskurs und
Entmystifizierung: der Begriff des Profits /. Und Jörge Juanes,
Marx o la Crítica de la Economía Política como fundamento / Marx
oder die Kritik der politischen Ökonomie als Fundament /). In
dieser Perspektive werden von ihnen die ökonomischen Interpreta-
tionen der Kritik der politischen Ökonomie diskutiert, wobei sie
außerdem hervorragende explikative Hypothesen zur logischen
Struktur des "Kapitals" vorschlagen (vgl. Bolívar Echeverría,
"Esquema de El Capital" / Schema des Kapitals /). Armando Bartra
beschreitet einen besonderen Weg, indem er die nationale land-
wirtschaftliche Situation gründlich erforscht (siehe Notas sobre
la Cuestión Campesina / Notizen zur Bauernfrage /). Zu diesem
Zweck führt er eine Diskussion mit dem Anthropologen Roger Bartra
über die Rententheorie von Marx und über das Problem des Verhält-
nisses Stadt - Land. Dies führt ihn weiter zu einer Diskussion
über die Theorie der kapitalistischen Entwicklung, nämlich zur
formalen und realen Subsumtion der Landarbeit unter das Kapital
(vgl. La explotación del trabajo campesino por el capital y el
comportamiento económico de la producción campesina / Die Ausbeu-
tung der bäuerlichen Arbeit durch das Kapital und der Vorgang der
landwirtschaftlichen Produktion /).
Nach der kritischen Arbeit dieser Philosophen spaltet sich die
Diskussion über die Werttheorie in zwei entgegengesetzte Lager:
diejenigen, die von einer rein ökonomistischen Interpretation
ausgehen, und diejenigen, die diese Theorie wieder zum Ausgangs-
punkt umfassender Kritik der bürgerlichen Gesellschaft machen
wollen. Unter den ersten befinden sich jene, die die Theorien von
Marx, insbesondere das Problem der Transformation der Werte in
Preise, als inkonsistent betrachten. Sie geben eine Theorie der
Preise vor, die nicht auf den Arbeitswert zurückgreift (Sraffa).
Gegenüber dieser Position existiert eine andere, ebenso ökonomi-
stische, welche die Aktualität der Werttheorie hartnäckig vertei-
digt - aber aus einer Optik her, welche die Differenzen zwischen
Marx und Ricardo nicht ganz zu erklären vermag. Sie ignorieren
die kritische Perspektive des Gebrauchswerts, das Problem des
Wertausdrucks, und legen eine wahre Besessenheit für das Rechnen
mit statistischen Zahlen als einzigen Weg der "Anwendung" der
Marxschen Theorien auf die mexikanische Situation an den Tag. Es
entsteht aber auch eine kritische Strömung, welche die ontologi-
sche Tiefe der marxistischen Werttheorie von vornherein erkennt
und die sich zudem mit der Einordnung dieser Theorie im Ganzen
der Kritik der politischen Ökonomie beschäftigt. Bolívar Echever-
ría und Jorge Juanes, Hauptvertreter dieser Strömung, bilden eine
neue Generation von Forschern (Ökonomen, Philosophen usw.) aus,
die, ohne sich als Schule zu konstituieren, eine systematische
und kollektive Forschung betreiben. Die Hauptthemen, auf die sie
eingehen, sind: Wie ist die Kritik der politischen Ökonomie be-
gründet? Welche ist ihre spezifische Methode und was ist ihr Wis-
senschaftsparadigma? Wie ist die logische Struktur des "Kapitals"
beschaffen? Wie sieht die Marxsche Theorie der Entwicklung aus?
Auch die Genese und die Veränderung der Aufbaupläne der Kritik
der politischen Ökonomie werden - neben anderen Themen - er-
forscht (vgl. "licenciatura" - und Magister-Arbeiten an der öko-
nomischen Fakultät der UNAM von: Jörge Veraza, Concepción Tonda,
David Moreno, Gustavo Leal, Carlos Aguirre, Flor Baiboa, Alberto
Carrillo, Pedro H. Rodríguez und Andrés Barreda). Es ragen dabei
die Forschungen über die Entwicklungstheorie von Marx heraus, die
den Zweck haben, die gegenwärtige Etappe in der Entwicklung der
kapitalistischen Welt zu charakterisieren.
7. Zur Marxschen Theorie der Technik, der Entwicklung
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und des Staates
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Wenn sich auch einige Ökonomen seit der ersten Hälfte der 70er
Jahre über das Problem der Technologie in der Kritik der politi-
schen Ökonomie Gedanken gemacht hatten (vgl. Leonel Corona), so
ist das Thema doch erst jüngst ins Zentrum der Debatte gerückt.
Die internationale Umwandlung der technologischen Grundlagen, der
internationale Streit über ökologische Probleme, vor allem aber
die unüberwindbaren Bedingungen des ökologischen Ungleichgewichts
in Mexiko-City haben das Problem der Technik zum Hauptpunkt der
Debatte werden lassen. Während der 80er Jahre entwickelt sich ein
großes Interesse für die Theorie der Technologie bei Marx. Jörge
Juanes, Bolívar Echeverría, Enrique Dussel und Jorge Veraza sind
dabei besonders zu nennen.
Enrique Dussel - Philosoph, Herausgeber der Hefte von Marx über
Technologie (1851 und '56) sowie Verfasser des einzigen in Mexiko
veröffentlichten systematischen Kommentars zu den Grundrissen -
nähert sich dem Problem, indem er die Technologie innerhalb des
Gesamtsystems der Kritik der politischen Ökonomie lokalisiert. Er
stößt jedoch trotz seiner Bemühungen, die man als orthodox, aber
zugleich auch als kritisch bezeichnen könnte, nicht bis zum pro-
blematischen Kern unserer aktuellen Debatte durch. In einem ande-
ren Sinne greifen Intellektuelle marxistischen Ursprungs an der
Universität von Puebla (siehe J. Juanes, Los Caprichos de Occi-
dente / Die Launen des Abendlandes /) die Kritik der Frankfurter
Schule an der "Neutralität" der kapitalistischen Wissenschaft und
Technologie wieder auf, wobei sie auf die Heideggersche Kritik an
der "techne" zurückkommen. Für Juanes ist es nicht die Form
(kapitalistische oder sozialistische) der Anwendung der Technolo-
gie, die diese zum Herrschaftsmstrument macht, sondern ihr histo-
rischer Inhalt selbst. Dieser sei durch die repressive Weise ge-
kennzeichnet, in der sich die Beziehung zur Natur und zur
"produktivistischen" Zivilisation des Abendlandes gebildet habe.
Für diesen Autor ist die Theorie der Technologie bei Marx in die-
sem Rahmen befangen. Echeverría und Veraza antworten auf diese
Kritik; Echeverria, indem er auf der Marxschen Theorie der forma-
len und realen Subsumtion des Arbeitsprozesses unter das Kapital
insistiert; dafür übersetzt er unter anderem ein Fragment des Ma-
nuskripts 1861-63 ins Spanische. Veraza, indem er sich mit dem
nihilistischen Fundament (Sein zum Tode, bei Heidegger und Ba-
taille) dieser Perspektive auseinandersetzt (vgl. Subvirtiendo a
Bataille). Zu diesem Zweck explizieren Echeverría und Veraza auf
verschiedenen Wegen den kritischen Begriff des Lebens bei Marx
(siehe J. Veraza, "Karl Marx y la Técnica. Desde la Perspectiva
de la Vida" / Karl Marx und die Technik. Aus der Perspektive des
Lebens /; B. Echeverría, "La forma social natural de la reproduc-
ción social" / Die sozial-naturale Form der gesellschaftlichen
Reproduktion /. Veraza nimmt seinerseits das Marxsche Projekt
einer kritischen Geschichte der Technologie auf, wobei er die
Theorie der formalen und realen Subsumtion der Produktion und
Reproduktion unter den Bereich der Bedürfnisse, insbesondere aber
unter das Kapital im einzelnen aufzeigt. Darüber hinaus legt er
dar, wie sich diese Subsumtion in der Entwicklung der Produktiv-
kräfte aktualisiert. Die Erforschung des Begriffs der Produktiv-
kräfte (als technische und als erzeugende Produktivkräfte) drückt
den v i t a l e n Kern seiner Interpretation der Marxschen
Theorie der Technik aus. Es existieren außerdem zahlreiche
marxistische Ökonomen und Soziologen, die bemüht sind, die
Wirkung der Technologie auf die Arbeitslosigkeit, auf die Zerrüt-
tung der Gewerkschaften usw. zu beschreiben. Dies sind zweifellos
wichtige Fragen. Leider müssen wir feststellen, daß diese
Forscher nie nach dem historischen Sinn dieser dem Kapitalismus
immanenten Tendenz zur Automatisierung, nach den Schranken einer
solchen Entwicklung, geschweige denn nach der spezifischen Art
und Weise, wie diese Tendenz sich in der Peripherie aktualisiert,
fragen. Wie man sieht, hat diese Diskussion noch einen langen Weg
vor sich ...
Andererseits und parallel zu dieser Diskussion Anfang dieses
Jahrzehntes greift eine wichtige marxistische Gruppe von Exil-Ar-
gentiniern in Mexiko-Gründer der ausgezeichneten Zeitschrift Pa-
sado y Presente / Vergangenheit und Gegenwart / - die Diskussion
über die lateinamerikanische Eigenart der sozialistischen Revolu-
tion wieder auf. José Aricó leitet die Polemik ein (vgl. Marx y
America Latina), indem er von vorneherein die Zulässigkeit der
Kritik der politischen Ökonomie für die Erfasssung der weltweiten
Totalität in Frage stellt. Zum Beweis führt er unter anderem die
Wende des späteren Marx an (hinsichtlich der russischen Dorfge-
meinschaft / Mir /), der wesentliche Prinzipien der Revolutions-
theorie neu formuliert habe. Marx habe versucht, die komplexe
kulturelle Verschiedenheit der Welt, die in der westlichen revo-
lutionären Strategie des Kommunistischen Manifests und des syste-
matischen T e i l s der Kritik der politischen Ökonomie nicht
eingeschlossen waren, zu erfassen. Es gibt Aufsätze und Artikel
von Marx über Indien, Irland, China, Rußland und Lateinamerika,
über Mexiko und über Bolivar etc. Aricó fordert zur Vertiefung
des "nichtsystematischen" Marx auf, der viele inhaltsreiche An-
deutungen gemacht habe. Dies nun mit dem Ziel, in eine radikale
(ökonomische, politische und kulturelle) Wiederaufarbeitung der
Revolutionstheorie einzudringen, was offenbar - obwohl dies Aricó
persönlich nicht einräumt - von uns verlangt, die Entwicklungs-
theorie der Kritik der politischen Ökonomie aufzugeben.
Die Forschungsentwicklung kehrt schließlich zu dem Ausgangspunkt
zurück, an dem die lateinamerikanische Ökonomie und Soziologie
ihren Ursprung hat, nämlich zum Problem der Abhängigkeit und Un-
terentwicklung. Die Frage danach, wie die Entwicklung des Kapita-
lismus in Lateinamerika zu verstehen ist, hat uns nach 20 Jahren
der Diskussion zur Frage danach geführt, wie die weltweite Ent-
wicklung des Kapitalismus - vom historischen Ursprung bis zu sei-
nem Ende - zu verstehen ist: Dies ist nicht mehr und nicht weni-
ger als die globale wesentliche Frage der Marxschen Kritik der
politischen Ökonomie. Das erste lateinamerikanische theoretische
Exportprodukt war die Theorie der Abhängigkeit; dies übrigens
nicht zufälligerweise: Lateinamerika ist paradoxerweise ein
Schlüssel der weltweiten kapitalistischen Entwicklung, der Haupt-
vermittler für die nordamerikanische Hegemonie über die Welt. Da-
her rühren die Möglichkeit und das Bedürfnis, in Lateinamerika
über Entwicklung und Unterentwicklung zu reflektieren. In Latein-
amerika - Hauptknoten der internationalen Finanzkrise - fließen
die zwei Pole der weltweiten kapitalistischen Entwicklung zusam-
men: die bloße Reproduktion des Unterentwicklungs-Pols und die
expansive Entwicklung des Metropol-Pols. Die unmittelbare Erfah-
rung in Lateinamerika ist eine doppelte: die einer Entwicklung
der Produktivkräfte, welche sich andererseits immer wieder als
ungenügend, trügerisch und katastrophal erweist. So entsteht un-
sere zerrissene "marxistische" Reflexion über die Entwicklung;
nämlich unter dauernder Einbeziehung der Sozialisten in die na-
tionalen Projekte des Staates zur Entwicklung der Produktiv-
kräfte. Zugleich ist eine ständige Entmystifizierung der bürger-
lichen Entwicklungstheorien erforderlich. Zu diesem Zweck wird
auf die vergessenen Theorien von Marx über die kapitalistische
Entwicklung zurückgegriffen.
Diese Polemik über die Entwicklung ist mit der Diskussion über
den Staat als Hauptagenten dieser Entwicklung verbunden. Die Ver-
tiefung in dieses Thema hat die Öffnung der Diskussion zum Pro-
blem der Nation begünstigt (vgl. Bolívar Echeverría, "El Problema
de la Nación"). Die Anthropologen beziehen das Problem der Eth-
nien als wesentliches aufklärendes Element in die Debatte ein,
wobei sie das Interesse für die Theorien von Marx und Engels über
den Präkapitalismus wiederbeleben.
Übersetzung: Begoña Gutiérrez Zarrabe
_____
1) Des weiteren danke ich David Moreno, Jörge Veraza und Silvia
Alvarado für ihre kritischen Vorschläge zur Erstellung dieses
Aufsatzes, sowie Luis Anaya und Juan Carlos Garcia für ihre Hilfe
bei der Erforschung der Materialien. Selbstverständlich trage ich
die alleinige Verantwortung für den Text.
2) Aufgrund des beschränkten Raumes wird in unserem geschichtli-
chen Abriß das Werk von Porfirio Miranda - eines Priesters, be-
schlagen nicht nur in Theologie, sondern auch in den Texten von
Marx (MEW) - nicht einbezogen. Er ist Autor einer globalen Inter-
pretation des Marxismus im Zusammenhang mit der christlichen
Lehre. Miranda ist übrigens in Mexiko einer der wenigen gegenwär-
tigen Kenner der neuen MEGA. Außerdem hat er eine fruchtbare Kri-
tik an Althusser geübt (siehe El Marxismo en Mexico und El Cri-
stianismo de Marx).
3) Bolivar Echeverria, gebürtiger Ecuadorianer, ist der erste und
fast der einzige Marxist, der die sehr reichhaltige marxistische
Diskussion in Deutschland über die Kritik der Politischen Ökono-
mie wie auch den Nachlaß aus der neuen MEGA intensiv zur Kenntnis
genommen hat. In seiner Interpretation des "Kapitals" hat er au-
ßerdem die klassischen Diskussionen über marxistische Philoso-
phie, über die logische Struktur des "Kapitals", über die Kritik
der Politik, der Kultur usw. synthetisiert. Dabei hat er übrigens
die klassischen Diskussionen der gegenwärtigen Ethnologie, der
Linguistik und der Psychoanalyse miteinbezogen. Aufgrund ihrer
weiten Horizonte und ihrer Tiefe hat B. Echeverrias Interpreta-
tion Maßstäbe innerhalb der Entwicklung des Marxismus gesetzt.
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