Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 12/1987
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DER "MARXISMUS VON MARX" ALS POLITISCHE THEORIE
Gian Mario Bravo
1. Der Marxismus von Marx - 2. Die Quelle der politischen Theorie
- 3. Theorie und Klassenkampf - 4. Der Sozialismus als Wissen-
schaft
1. Der Marxismus von Marx
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Der Marxismus kann als Denksystem, als Erkenntnistheorie und als
Methode begriffen werden; in seiner nunmehr hundertjährigen Ge-
schichte ist er auf verschiedenste Weise konzipiert und aufgenom-
men worden, so daß man heutzutage mehr von Marxismen als von Mar-
xismus spricht. Jedoch ist das Thema, das wir hier diskutieren
möchten, nicht der Marxismus im allgemeinen, sondern der
"Marxsche Marxismus". Insbesondere handelt es sich also um jene
politische Theorie, die zwischen den Jahren 1845-46 und 1851-52
ausgearbeitet und vervollständigt wird, d.h. seit der Epoche der
Niederschrift der Deutschen Ideologie bis zum Verfassen der
"geschichtlichen Schriften" (der Klassenkämpfe in Frankreich und
des 18. Brumaire des Louis Bonapartes) und die als Mittelpunkt
das Kommunistische Manifest hat. Davon muß man ausgehen, um das
Verhältnis zwischen "politischer Theorie" und "wissenschaftlichem
Sozialismus" zu bestimmen.
1848 stellt das Kommunistische Manifest, "mit seiner allgemeinen
Perspektive fähig, die ursprünglichen Charaktere der Geschichte
zu zeigen", eine großartige Innovation dar. So hat Pierre Vilar
1) geschrieben, als er mit wenigen Worten eine noch herrschende,
doch bestrittene Meinung zusammenfaßte.
Das Manifest ist - gemeinsam mit den anderen Marx-Engelsschen ge-
schichtlichen Schriften - der Text, worin die historische Vision
als auch die Ablehnung jeder mechanischen, abstrakten Erforschung
der Gesellschaft wie schließlich die politische Intention klar
und genau angegeben werden und die Synthese einer definitiven
"politischen Doktrin" entworfen wird. Es ist zugleich die
Schrift, die - mit Bezug auf die ökonomische Entwicklung - die
Ziele der politischen Klassenaktion bzw. der selbständigen Orga-
nisation des Proletariats genauer beschreibt. Schließlich bleibt
sie immer das Verständnis- und Interpretationsinstrument jener
besonderen auf dem Privateigentum an Produktionsmitteln gegründe-
ten "ökonomischen Gesellschaftsformation", die seit der ersten
Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zur Schwelle des 21. Jahrhunderts
wesentlich unverändert geblieben ist.
Als politisches Programm, ideelles Projekt und geschichtliche
Analyse erscheint der Marxismus als Einheit. Als militante Dok-
trin, die einen Grundriß und eine dynamische Rekonstruktion der
Entwicklung der menschlichen Ereignisse und die Gelegenheit der
Anwendung und der Überprüfung der "einzigen Wissenschaft, der
Wissenschaft der Geschichte" (so Marx und Engels in der Deutschen
Ideologie) 2) bildet - als politische Theorie also -, hat der
Marxismus eine eigene Bearbeitung und ein autonomes Leben. Er ist
das Ergebnis nicht nur der verbundenen Ideen von Marx und Engels,
sondern auch einer kollektiven, dauernden, artikulierten und
ideal reichen Ausarbeitung, die - nach 1844 und später - Marx und
Engels Anlaß zur genaueren Feststellung einiger Forschungsergeb-
nisse, zu denen sie autonom, aber zeitgleich gelangten, geboten
hat.
2. Die Quelle der politischen Theorie
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Vielfache Bestandteile bilden die ideelle Basis und die histori-
sche Grundlage der politischen Theorie des Marxismus, die schema-
tisch so beschrieben werden kann: 1. die kollektiven Leistungen
der ersten internationalen und deutschen Arbeiterbewegung; 2. die
Analyse und die Debatte im Frühsozialismus; 3. die Renaissance
der Theorie der Gesellschaftsentwicklung in der fortgeschritten-
sten bürgerlichen Historiographie zwischen dem dritten und fünf-
ten Jahrzehnt des Jahrhunderts; 4. die ökonomische, insbesondere
die englisch-französische Diskussion; 5. die persönliche Militanz
von Marx und Engels in der deutschen und internationalen Arbei-
terbewegung, ihre Tätigkeit als führende Persönlichkeiten in Zu-
sammenhang mit der kollektiven Erfahrung der Bewegung; 6. die ge-
meinsame Überlegung beider Verfasser.
Alle diese Elemente bestimmen den geschichtlichen und politischen
Geist des Marxismus und, im Jahre 1848, des Kommunistischen Mani-
festes. Das erste Element freilich ist entscheidend; und es wird
durch Marx und Engels mit den verschiedenen anderen Elementen
verbunden.
1. Die politische Theorie, die "Marxismus" genannt werden wird
(diese Benennung wird erst viel später wirklich verwendet), ist
das Ergebnis intensiver Diskussionen und Konfrontationen über die
europäische soziale Wirklichkeit, die zuerst im Bund der Gerech-
ten und dann im Bund der Kommunisten stattfanden. Die heutige Ge-
schichtsschreibung hat auf dokumentarischer Basis bewiesen, was
Engels 1885 schon vorweggenommen hatte: daß alle Ideen, die er
und Marx in den Jahren 1848-51 ausdrückten, schon im Laufe der
kollektiven Auseinandersetzungen in den Jahren 1846-47, in inter-
nationalen und regionalen Kongressen, in offiziellen und propa-
gandistischen Dokumenten (Flugblättern, Aufsätzen in Zeitungen
und Zeitschriften) in verschiedenen europäischen Ländern, in Bro-
schüren, die von zahlreichen Verfassern und in verschiedenen
Sprachen (Deutsch, Französisch, Englisch, Schwedisch) veröffent-
licht wurden, dargelegt worden waren. Außerdem hat Engels eine
erste Systematisierung dieser Materialien in einigen Beiträgen
gegeben, von denen mindestens zwei theoretisch bedeutsam sind:
der Entwurf des kommunistischen Glaubensbekenntnisses (Juni 1847)
und die Grundsätze des Kommunismus (Oktober 1847). Dasselbe kann
man bezüglich der verschiedenen "Adressen", "Statuten",
"Rundschreiben" des Bundes der Kommunisten sagen, die in Gruppen
von Mitgliedern ausgearbeitet und dann, vor allem in der Periode
zwischen dem ersten (Juni 1847) und dem zweiten Kongreß
(November-Dezember 1847), von einzelnen Anhängern (Joseph Moll,
Per Görtrek, Wilhelm Wolff und anderen) formuliert wurden. Es ist
bekannt, daß Marx und Engels während des letzten Kongresses mit
der Aufgabe der programmatischen Ausarbeitung der Ergebnisse der
kollektiven Meinungsbildung der politisch Aktiven über den Klas-
senkampf, über die Begriffe "Proletariat" und "Bourgeoisie", über
die Probleme der autonomen politischen Organisation, d.h. über
die "kommunistische Partei", beauftragt wurden 3). Marx und En-
gels verfaßten das Kommunistische Manifest aufgrund der in der
ersten organisierten Arbeiterbewegung verbreiteten Ideen.
Jedoch wird diese Interpretation auch umgekehrt. So behaupten die
spontaneistischen und "autonomen" Strömungen im Bereich der west-
deutschen Historiographie der Arbeiterbewegung, 4) daß sich diese
spezifische "Theoriebildung der Arbeiterbewegung" - die eine or-
ganische, nicht aber originäre Systematisierung im Marx-Engels-
schen Denken gefunden habe - im Übergang vom Bund der Gerechten
zum Bund der Kommunisten vollzog. Zu diesem Zweck wird die Ge-
stalt von Weitling hervorgehoben, weil er ein Arbeiter und Auto-
didakt war, dem "Bourgeois" Marx entgegentrat, und ein Symbol je-
ner "andren" Arbeiterbewegung (Karl Heinz Roth) geworden sei, die
mit dem Sozialismus der bürgerlichen Intelligentsia nichts ge-
meinsam gehabt habe, habe und haben werde. Andererseits werden
der Korporatismus und der Ökonomismus ignoriert oder als bedeu-
tungslos vernachlässigt, die doch auch Merkmale dieser Bewegung
waren. In Wirklichkeit wurde diese Bewegung gerade durch die Be-
gegnung mit den aus der Bourgeoisie stammenden Intellektuellen
überwunden, und durch den Marxismus wurde sie fähig, sich mit der
"Ideologie" und der "politischen Organisation" weiterzuentwic-
keln.
2. Das Gedankengut des ganzen Frühsozialismus - heute mit
"Vormarxismus" oder "Sozialismus vor Marx" oder auch
"Präsozialismus" besser bestimmt - bildet die Basisstruktur der
geschichtlichen Herkunft und der kritischen Begründung des Mar-
xismus; das gilt nicht nur für den dritten Teil des Manifestes
über die sozialistische und kommunistische Literatur, sondern
auch für das gesamte Marx-Engelssche Werk. Fast alle Themen, die
Marx und Engels dynamisch in Angriff nahmen, waren schon von ei-
nem oder mehreren Verfassern oder Strömungen des ersten Sozialis-
mus angeschnitten worden. Als Beispiele seien nur erwähnt: die
Analyse der kapitalistischen Gegenwart und der industriellen Ge-
sellschaft (man denke an Robert Owen, William Thompson, Simonde
de Sismondi, Saint-Simon usw.), die Auffassung von "Bürgertum"
(die englischen Antikapitalisten, die amerikanischen Frühsoziali-
sten, die französischen reformistischen Strömungen), die Begriffe
von Klassenbewußtsein und Klassenkampf (zu erwähnen Babeuf und
der Neobabouvismus, Blanqui, Weitling), denselben Begriff von
"Proletariat", der - mit den bekannten Grenzen - von fast allen
Denkern und Organisatoren aufgegriffen wird, Vorstellungen der
sozialistischen Gesellschaft und des Übergangs, die aus dem
Linksjakobinismus stammen und von Blanqui, von Weitling und über-
haupt von den Utopisten bereichert werden, das Bild der sozialen
Harmonie (das von Fourier und den christlichen Sozialisten her-
rührt) usw. Gleichwohl gilt immer, was Marx und Engels in zahl-
reichen Arbeiten bemerkten und im Manifest und später im Antidüh-
ring genau ausführten: "Die phantastische Schilderung der zukünf-
tigen Gesellschaft entspringt in einer Zeit, wo das Proletariat
noch höchst unentwickelt ist, also selbst noch phantastisch seine
eigene Stellung auffaßt, seinem ersten ahnungsvollen Drängen nach
einer allgemeinen Umgestaltung der Gesellschaft." 5)
Es ist aber auch gewiß, daß die theoretische und politische Erb-
schaft des Frühsozialismus von Marx und Engels vollständig ange-
treten und in den Klassenbegriff aufgenommen wurde.
3. Schon für die 20er Jahre des 19. Jahrhunderts hat Gyorgij V.
Plechanov festgestellt (Antonio Labriola hatte unabhängig diese
Behauptung bereits vorher aufgestellt), daß "das Verständnis des
Klassenkampfes als des wesentlichen Motors der geschichtlichen
Bewegung einen solchen Grad an Klarheit erreicht hatte, daß es
nur in den Werken der Autoren des Manifestes übertroffen wurde."
6)
Die Auffassung des Klassenkampfes gehörte zu jener Historiogra-
phie, die Plechanov eine bourgeoise nennt. Diese Geschichts-
schreibung geht vom Catechisme des industrielles von Saint-Simon
aus, durchzieht die von Augustin Thierry dargestellte Erhebung
des Dritten Standes, akzeptiert die Analyse über den Wert "der
Interessen des Eigentums" und über "die Rolle des Klassenkampfes
in der Geschichte der zivilisierten Länder" von François Mignet
und fließt endlich in den Studien eines gemäßigten und konserva-
tiven Politikers wie François Guizot über die englische Revolu-
tion und über die französische Regierung zusammen, der jedoch in
seiner Historiographie überaus fortschrittlich und ein Erneuerer
war, als er mit rationaler Klarheit den Klassenkampfstandpunkt
dieser Positionen, die von ihm politisch verteidigt wurden, be-
schrieb.
Der Klassenkampf ist in der Zeitgeschichte ausgeblendet, aber die
Bourgeoisie ist sich seiner Leistungsfähigkeit immer bewußt gewe-
sen und hat seine Ergebnisse als Mittel benutzt. Noch Plechanov
geht hiervon aus (und später Lenin), als er die Behauptung von
Marx und Engels, sie seien selbst nicht die "Erfinder" der histo-
rischen Klassenanalyse gewesen, bestätigt: "Wir halten es für
eine gesicherte Tatsache, daß Saint-Simon und viele gelehrte Ver-
treter des französischen Bürgertums, schon während der Restaura-
tion im Klassenkampf die Haupttriebfeder der Entwicklung der Völ-
ker in der modernen Epoche sahen. Wir dachten, daß dieses Faktum
festzustellen nützlich war, weil es vielen Kritikern des Kommuni-
stischen Manifestes unbekannt war." 7)
Ähnliches gilt für andere zeitgenössische Geschichtsschreiber.
Marx und Engels zeigen, daß sie die Rekonstruktionen der Dynamik
der sozialen Prozesse, das Wissen über "Gesellschaft" und
"Klasse", die Analyse der Struktur der ökonomischen Verhältnisse,
schließlich das Bewußtsein der Existenz des "Antagonismus" über-
nehmen. Aber sie überbetonen die Bedeutung der bürgerlichen Quel-
len, deren Sprachrohr die - liberale oder konservative - Histo-
riographie ist, und fügen in ihren Kontext ihre Kenntnis des
selbstbewußten Proletariats ein, die sie von der zeitgenössischen
ersten deutschen Arbeiterbewegung rezipiert haben (die Marx je-
doch während der Diskussion mit Proudhon im Elend der Philosophie
schon explizit erarbeitet hatte).
4. Seit langem steht fest, daß die ökonomisch-sozialen Quellen
der marxistischen Bearbeitung der Klassiker der politischen Öko-
nomie wie der Kritiker und der "Verweigerer" des Klassensystems
besonders auch auf den Theoretikern der industriellen Gesell-
schaft und ihrer sozialen Folgen (von Andrew Ure bis Nassau
William Senior und bis John Stuart Mill) gründeten.
Engels hatte in den Deutsch-französischen Jahrbüchern, und Marx
hatte in zahlreichen Arbeiten (von den Ökonomisch-philosophischen
Manuskripten bis zum Elend der Philosophie) bereits die die Ent-
wicklung der Bourgeoisie betreffenden wesentlich ökonomischen
Themen erforscht, die dann in der Deutschen Ideologie und im Ma-
nifest hervortraten. Jedoch waren die Vermittlung und Deutungs-
mittel auch von den Strömungen des sogenannten "Antikapitalismus"
(oder "ricardianischen Sozialismus") erarbeitet worden, der diese
Problematik, die Ure als philosophy of manufactures (Philosophie
der Fabrik) bestimmt hatte, gründlich zu erforschen versuchte.
Gegen die scheinbar objektiven Daten der klassischen Schule be-
tonten Marx und Engels die Lage des Menschen - als Individuum und
Teil der sozialen Kollektivität - und die besondere Bedeutung der
menschlichen Arbeit. Diese Themen, zu denen eine Literatur schon
vorhanden war, es an genaueren Nachprüfungen aber noch fehlte,
werden im Jahr 1848 von Marx und Engels historisch und perspekti-
visch zusammengefaßt, wenn auch die Erörterung manchmal noch man-
gelhaft bleibt (sie wird jedoch später von Marx und Engels präzi-
siert werden:
Man denke an den Begriff A r b e i t s k r a f t). Die glänzen-
den Beschreibungen des Kapitals, seiner Konzentration, der Funk-
tion des Eigentums an den Produktionsmitteln und seiner politi-
schen Folgen entstehen aus dieser mit Klassengeist interpretier-
ten ökonomischen Literatur. Dies gilt übrigens für zahlreiche der
Zeitgenossen von Marx und Engels: außer für die angeführten eng-
lischen ricardianischen Sozialisten auch für gut bekannte oder
geradezu populäre Persönlichkeiten wie Moses Hess und Ferdinand
Lassalle. Kurz, Marx und Engels erläutern das endgültige Bild der
Zustände der Produktion und der producteurs (Produzenten) in ei-
ner Klassengesellschaft. In der Tat hatten sie den Begriff pro-
ducteurs von Saint-Simon und zum Teil von Proudhon: Später wird
er einen ungeheuren Erfolg sowohl im Milieu des anarcho-syndika-
listischen Extremismus als auch im Bereich des "orthodoxen" Mar-
xismus, etwa bei Antonio Gramsci, haben.
5. Zu den erwähnten Quellen gehört noch die politische Aktivität
von Marx und Engels in der ersten organisierten Arbeiterbewegung.
Die neueste, insbesondere deutsche und französische Geschichts-
schreibung beweist mit Dokumenten, was in der Vergangenheit - von
vielen berühmten Politologen und Historikern wie etwa Franz Meh-
ring - intuitiv erfaßt worden war. Schon seit 1844 nahmen Marx
und Engels zuerst indirekt und dann persönlich an den Tätigkeiten
des Bundes der Gerechten in Paris, in Brüssel, in London und
schließlich an denen des Bundes der Kommunisten teil. Im Laufe
der Diskussionen in Bundessektionen, in zahlreichen Flugblättern
von unterschiedlicher Wichtigkeit und in Zeitungsartikeln
(besonders in der Deutschen Brüsseler Zeitung, innerhalb einer
kollektiven Debatte, aber fast immer unter Einwirkung von Marx
und Engels), wurden die Auffassungen von "industriellem Proleta-
riat" und "industrieller Revolution" 8) und von der historischen
Mission des Proletariats als "universeller Klasse" geprägt. Diese
Begriffe wurden theoretisch vertieft in der Deutschen Ideologie
dargestellt, während der Polemiken gegen Proudhon bestätigt und
durch die organisatorische Tätigkeit des Bundes der Kommunisten
sanktioniert, und endlich erhielten sie ihre endgültige Systema-
tisierung im Kommunistischen Manifest und im Projekt der Gründung
der "politischen Partei" des Proletariats. In der Tat handelte es
sich um den Prozeß der Ausarbeitung eines Programms mit allgemei-
nen Zielsetzungen und von weltweiter Bedeutung; der Prozeß dau-
erte einige Jahre, während deren Marx und Engels sich von einfa-
chen Intellektuellen und Vertretern von Lehrmeinungen zuerst zu
Teilnehmern der Basisdebatten einer Massenbewegung wandelten und
dann Parteiführer oder - um eine altmodische Terminologie zu be-
nutzen - "Berufsrevolutionäre" wurden.
6. Das gemeinsame Denken von Marx und Engels wirkt auf die ver-
zeichneten Ergebnisse. Sie vervollständigen die ihnen von der Ar-
beiterbewegung zur Verfügung gestellten Voraussetzungen mit dem
persönlichen (geschichtlichen, ökonomischen und theoretischen)
Gedankengut - so z.B. mit der Deutschen Ideologie - und gelangen
zur vollständigen Darlegung einer bislang noch formlosen und un-
vollkommenen Debatte. Das Kommunistische Manifest stellt mit den
journalistischen und historischen Arbeiten der folgenden zwei
Jahre den organischen Ausgang dieser Diskussion, oder besser,
dieser Bemühung dar. Besonders das Manifest ist ein kollektives
Werk; es ist das literarische Ergebnis zweier einzelner politisch
aktiver Denker, das Ziel und gleichzeitig der Ausgangspunkt der
politischen Geschichte der Arbeiterbewegung unserer Epoche. Es
ist ein historischer Text, der Geschichte nicht nur rekonstru-
iert, sondern auch m a c h t. Nach seinem Erscheinen im März
1848 hat es, wie Engels mit rhetorischer Kraft sagte, - ... die
Reise um die Welt gemacht, ist in fast alle Sprachen übersetzt
worden und dient noch heute in den verschiedensten Ländern als
Leitfaden der proletarischen Bewegung." 9)
3. Theorie und Klassenkampf
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Im "Marxismus von Marx und Engels" hat man also eine organische
Geschichtstheorie, die das Erzeugnis kollektiver Rekonstruktion
und zivilen Engagements ist; in sie fügt sich das persönliche
Nachdenken von Marx und Engels ein, denen sich zahlreiche andere
Gesprächspartner zugesellen. So wird die Synthese hervorgebracht,
die später die ganze Geschichte der internationalen Arbeiterbewe-
gung, die Debatte wie die organisatorisch-politische Tätigkeit,
kennzeichnen wird: eine ideelle Tätigkeit hundert politisch Akti-
ver, in die sich jeweils die intellektuelle Anregung und die Füh-
rungsfähigkeit von Marx und Engels einpassen. Im Vormärz wird die
politische Partei von der Arbeiterbewegung e r f u n d e n, als
demokratisches und legales Kampfmittel, aber auch als Gestal-
tungsmittel des allgemeinen Willens und der politischen Leistung:
Dies geschieht in der - ebenfalls "endlich entdeckten" oder zu-
mindest wiederentdeckten - Form des Kongresses, der die Konfron-
tation der Ideen und Strömungen und der programmatischen Vielfalt
erlaubt. Dies können wir in allen Marx-Engelsschen "politischen"
Schriften und im einzelnen im Kommunistischen Manifest nachvoll-
ziehen.
Dieses Programm - es wird von den Ereignissen in den Bünden der
Gerechten und der Kommunisten bestätigt - ruht auf einem soliden
geschichtlichen Fundament; seine prognostische Kraft entspricht
den in ihm wirkenden geschichtlichen Erfahrungen.
Der ideelle Beitrag und die Kenntnisse von Marx und Engels sind
entscheidend. Gewiß ist es die Marxsche Analyse, unterstützt
durch die von Engels, die das Fundament bildet, über dem sich das
kollektive Gebäude erhebt. Marx begründet jene Geschichtstheorie,
die sich sofort in eine allgemeine Erkenntnisleitlinie verwan-
delt. Im Jahr 1883, kurze Zeit nach dem Tod von Marx, schreibt
Engels: "Der durchgehende Grundgedanke des 'Manifests', daß die
ökonomische Produktion und die aus ihr mit Notwendigkeit folgende
gesellschaftliche Gliederung einer jeden Geschichtsepoche die
Grundlage bildet für die politische und intellektuelle Geschichte
dieser Epoche; daß demgemäß (seit Auflösung des uralten Gemeinbe-
sitzes an Grund und Boden) die ganze Geschichte eine Geschichte
von Klassenkämpfen gewesen ist, Kämpfen zwischen ausgebeuteten
und ausbeutenden, beherrschten und herrschenden Klassen auf ver-
schiedenen Stufen der gesellschaftlichen Entwicklung; daß dieser
Kampf aber jetzt eine Stufe erreicht hat, wo die ausgebeutete und
unterdrückte Klasse (das Proletariat) sich nicht mehr von der sie
ausbeutenden und unterdrückenden Klasse (der Bourgeoisie) be-
freien kann, ohne zugleich die ganze Gesellschaft für immer von
Ausbeutung, Unterdrückung und Klassenkämpfen zu befreien - dieser
Grundgedanke gehört einzig und ausschließlich Marx an." 10)
Gewiß sind hier noch einige Schematisierungen in der Engelsschen
Darlegung bemerkbar, dennoch gibt es keine Oberflächlichkeit: Im
Gegenteil festigt sich die Anschauung des Klassenkampfes in der
Geschichte, die heutzutage so oft abgestritten wird, obwohl ihr
kein entsprechender oder alternativer Vorschlag entgegengesetzt
wird. Jedoch genügt es nicht zu behaupten, daß die Analyse von
Marx vollständig oder vollkommen war. Denn es handelt sich um
eine Analyse, auf die sich sein ganzes Werk stützt: Wenn man sie
leugnet, lehnt man mit dem "Marxismus" das ganze Denken von Marx
ab. Übrigens war es Marx selber, und nicht der "Katechet" Engels,
der in einer berühmten Passage aus dem Jahre 1852 die klarste
Synthese oder - so könnte man besser mit den Worten des Politolo-
gen Gaetano Mosca (1858-1941) sagen - die ausgeprägteste
p o l i t i s c h e F o r m e l ("formola politica") zu den
Themen der Klassengeschichte, des Klassenkampfes und seiner Ziele
gab, mit der er die ganze Diskussion zusammenfaßt: "Was mich nun
betrifft, so gebührt mir nicht das Verdienst, weder die Existenz
der Klassen in der modernen Gesellschaft noch ihren Kampf unter
sich entdeckt zu haben. Bürgerliche Geschichtsschreiber hatten
längst vor mir die historische Entwicklung dieses Kampfes der
Klassen, und bürgerliche Ökonomen die ökonomische Anatomie der-
selben dargestellt. Was ich neu tat, war 1. nachzuweisen, daß die
E x i s t e n z d e r K l a s s e n bloß an b e s t i m m t e
h i s t o r i s c h e E n t w i c k l u n g s p h a s e n d e r
P r o d u k t i o n gebunden ist; 2. daß der Klassenkampf not-
wendig zur D i k t a t u r d e s P r o l e t a r i a t s
führt; 3. daß diese Diktatur selbst nur den Übergang zur
A u f h e b u n g a l l e r K l a s s e n und zu einer
k l a s s e n l o s e n G e s e l l s c h a f t bildet." 11)
4. Der Sozialismus als Wissenschaft
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Die Ursprünglichkeit des Marxschen Projekts, das nicht apriorisch
begründet, sondern von einer zumindest potentiellen Massenbewe-
gung übernommen ist, tritt, gestützt auf hinreichende Zeugnisse
seitens zeitgenössischer Beobachter (bei Engels angefangen) und
seitens der Forschung, in der historischen Rekonstruktion beson-
ders offen zutage. Die Vergangenheit d r i n g t in die Gegen-
wart e i n: Dies ist der historische Hinweis der Marxschen
Lehre. Trotzdem ist es zweckmäßig zu erinnern, was Pierre Vilar
bemerkt: daß die Analyse "n i e m a l s glauben machen kann,
daß Marx der von der Geschichte überwundenen Gesellschaft nach-
weint". 12)
Jedoch ist die Geschichte - der Bourgeoisie und ihrer Erfolge und
also der Geburt des industriellen Proletariats -, die Geschichte
als Wissenschaft und die Geschichte der Wissenschaft in ihren Be-
ziehungen mit dem Sozialismus immer in Marx lebendig, und sie ist
ein T e i l der Geschichte der Arbeiterbewegung und des Sozia-
lismus oder beider zusammen. Denn Arbeiterbewegung und Sozialis-
mus haben - der Marxschen Vorstellung nach - ihre Geburtsstunde
in der französischen Revolution und in deren ideellen und sozio-
ökonomischen Voraussetzungen: 13) denen die Klasse jedoch - so
hat Wolfgang Abendroth nachgewiesen - eine Interpretation gibt,
die nicht mehr nur "jakobinisch", sondern offen "sozial" ist. 14)
Wenn man dem Manifest und, noch früher, der Deutschen Ideologie
und im allgemeinen der Marx-Engelsschen ökonomisch-politischen
Produktion vor 1848 eine vollständige Geschichtstheorie entnimmt,
kann man - wie auch angesichts des gesamten Marxschen Werks - ei-
nige Bemerkungen formulieren:
- Marx ist ein Historiker, der eine totalisierende Interpretation
der Vergangenheit und der sozialen Gegenwart gegeben hat, die
gleichzeitig methodologisch und politisch revolutionär ist. Er
lehnt jede Starrheit und jeden Traditionalismus ab, gibt eine dy-
namische Überarbeitung der Ereignisse, worin sowohl die struktu-
relle als auch die Überbau-Dimension oder umgekehrt entscheidend
sind. Hier zitiere ich wieder Vilar: "Die Geschichte von Marx
trennt weder die ökonomischen noch die sozialen noch die politi-
schen Angelegenheiten noch endlich das reine Ereignis, sondern
fügt sie zusammen. Diese g e d a c h t e Geschichte ist wegen
des spontanen Entspringens der Argumente, des Eifers und der Iro-
nie der Erzählung eine lebendige Geschichte." 15)
- In der Marxschen Synthese haben mechanische Antriebe und deter-
ministischer Geist keinen Platz: Der Denker richtet sein Augen-
merk auf den Menschen in der Geschichte. Was im Gesamtwerk klar
erscheint, geht hauptsächlich aus jenen Schriften, worin Evolu-
tion und Revolution, d.h. Natur- und Sozialgeschichte, wechsel-
seitig in Verbindung blieben, hervor, worauf insbesondere Law-
rence Krader schon hingewiesen hat. Dieser hat weiter bewiesen,
daß die Marxsche materialistische Geschichtsauffassung sich we-
sentlich auf die Prüfung der herrschenden Formen der gesell-
schaftlichen Arbeit und der Klassenteilung stützt, und er
schließt daraus, daß die Revolution und der Weg zum Sozialismus -
für Marx - nicht Ergebnis eines Natur-, sondern eines Menschen-
prozesses sind. 16)
- Wenn wir die historischen Texte von Marx und Engels lesen,
liegt uns eine entschiedene Rückkehr zur "orthodoxen" Tradition
nahe: Doch müssen wir dieses Wort von den negativen Einschätzun-
gen aus den Jahren der Zweiten Internationale lösen. Daher ist
keine dunkle oder phantasievolle literarische Interpretation nö-
tig, eine p o l i t i s c h e Lektüre von Texten, die histo-
risch und politisch zugleich sind, zu ermöglichen: Zeugen sind
die historischen Dokumente von Marx und Engels und zuerst natür-
lich das Manifest. Hierfür gibt es viele Gründe.
1. Es handelt sich um eine aus einem ideellen und - man braucht
vor den Worten nicht zurückzuschrecken - i d e o l o g i-
s c h e n Gesichtspunkt ganz klare Konstruktion. Ein italieni-
scher Forscher, Lorenzo Calàbi, bemerkt bezüglich der Manuskripte
1861-63, daß es bei Marx "eine kritische Nutzung des Wissens"
gibt, die niemals als "aprioristische ideologische Gegenüber-
stellung erscheint". 17) Das ist akzeptabel. Trotzdem: In einer
Epoche der vermutlichen und auch tatsächlichen Ideologiekrisis
und des erzwungenen Antiideologismus, die sich meistens in
politischen Agnostizismus und oft in Gleichgültigkeit verwandeln,
kann die Wiedererlangung der Ideologie wie ein Frühlingswind und
wie eine Einladung zu ethischer Reinheit und zu intellektueller
Redlichkeit aufgenommen werden. Das bedeutet die Wiedererlangung
des historisch-materialistischen Denkens, das sich dem
f a l s c h e n L a i z i s m u s widersetzt, aus dem manche
gerne einen neuen intoleranten Konfessionalismus machen wollen.
Für sie ist nicht die "konfessionelle" und "ideologische",
zugleich klare und ehrliche Auffassung des "Marxismus von Marx"
akzeptabel
- mit seiner gesamten K l a s s e n t o l e r a n z -, sondern
eine Position der K l a s s e n i n t o l e r a n z, die sie
vom Marxismus ableiten möchten.
Außerdem muß man bemerken, daß der Marxismus - besser noch: die
Ideologie - kein falsches Bewußtsein ist. Im Gegenteil ist die
Ideologie das Bau- und Aktionsmittel, durch das eine Kraft für
die Änderung der Gesellschaft zu erhalten möglich ist. Dagegen
bilden der N e o i d e o l o g i s m u s und der A n t i-
i d e o l o g i s m u s - d.h. der reine politische Empirismus,
der so viele westliche Gesellschaften angeblich kennzeichnet -
nichts anderes als eine r e a k t i o n ä r e I d e o l o-
g i e, die unkritisch und ohne allgemeine und moralische Regeln
zu regieren gestattet und nur das Verfahren und die formalen
Verpflichtungen des Systems berücksichtigt, weil sie auf die
bloße Erhaltung desselben abzielt.
Natürlich darf die Ideologie - und der "Marxismus von Marx" ist
ein Beispiel dafür - kein Ideologismus werden, d.h. sie muß immer
zu einer ideellen und auf der Praxis gegründeten Prüfung ver-
pflichtet sein und darf nie zu einem dogmatischen Kanon verstei-
nern.
2. Die historischen Werke von Marx und Engels sind auch unter ei-
nem politischen Gesichtspunkt erhellend. Trotz aller materiellen
und ideellen Bemühungen unserer Zeit, Fortschritte zu erzielen,
leben wir noch immer in einer Klassengesellschaft, in der die Ba-
sis der Erscheinungen der kapitalistischen und bürgerlichen Ge-
sellschaft des 19. Jahrhunderts nicht nur aktuell, sondern auch
wiederkehrend und entscheidend beeinflussend ist. Daher ist es
gestattet, auf den Marx des Manifestes, d.h. den Marxismus und
auf den "kritischen Kommunismus" (um die Termini von Labriola zu
benutzen) Bezug zu nehmen; die Gesellschaft, in der wir wirken,
können wir so noch immer und besser als mit Max Weber studieren.
Immer noch ist der "Marxismus von Marx" lebensnotwendig, weil er
heutzutage das einzige intellektuelle Mittel ist, das uns die so-
ziale Entwicklung zu überblicken erlaubt. Es handelt sich bei ihm
nicht um das Instrumentarium, das alle Übel und die Bedürfnisse
des Menschen aufhebt und das eine g e s c h l o s s e n e poli-
tische Doktrin sein will. Vielmehr erlaubt es der Marxismus, die
heutigen sozio-ökonomischen und politischen Erscheinungen - d.h.
die jener Epoche, die mit der industriellen Revolution entstanden
ist -, in ihrem Zusammenhang und ihrer Wechselwirkung theoretisch
zu verstehen und daher Gesamtbilder und grundsätzliche, insbeson-
dere methodologische Bestimmungen zu bieten. Die mit den sozialen
Beziehungen verbundene geschichtlich-ökonomische Analyse des Mar-
xismus hat es erlaubt und erlaubt noch jetzt, die Struktur der
Gesellschaft konkret zu begreifen, ohne auf den psychologisch-
ideellen Weberschen Überbau angewiesen zu sein. Es handelt sich
jedoch nicht um einen Zauberstab, sondern um ein Mittel, das in
der jeweiligen Situation immer neu bearbeitet und überprüft wer-
den muß, wie dies Marx und Engels bei verschiedenen Gelegenhei-
ten, besonders in der Deutschen Ideologie, schon bemerkten; z.B.,
in dem bekannten Text: "Die Voraussetzungen, mit denen wir begin-
nen, sind keine willkürlichen, keine Dogmen, es sind wirkliche
Voraussetzungen, von denen man nur in der Einbildung abstrahieren
kann. Es sind die wirklichen Individuen, ihre Aktion und ihre ma-
teriellen Lebensbedingungen, sowohl die vorgefundenen wie durch
ihre eigne Aktion erzeugten. Diese Voraussetzungen sind also auf
rein empirischem Wege konstatierbar.
Die erste Voraussetzung aller Menschengeschichte ist natürlich
die Existenz lebendiger menschlicher Individuen. Der erste zu
konstatierende Tatbestand ist also die körperliche Organisation
dieser Individuen und ihr dadurch gegebenes Verhältnis zur übri-
gen Natur. (...) Alle Geschichtsschreibung muß von diesen natür-
lichen Grundlagen und ihrer Modifikation im Lauf der Geschichte
durch die Aktion der Menschen ausgehen." 18)
3. Das Marx-Engels s ehe Gedankengebäude sieht schlechthin wie
eine "politische Doktrin" aus, die sich mit dem "wissenschaft-
lichen Sozialismus" verbindet. Ich verbreite mich hier nicht über
dieses schon lange debattierte Thema, sondern mache nur auf
einige Punkte aufmerksam.
Im Antidühring schreibt Engels, daß "der wissenschaftliche Sozia-
lismus" der "theoretische Ausdruck der proletarischen Bewegung
ist". 19)
In der Tat neigen heute ultraorthodoxe Marxisten, 'Marxisten' und
Antimarxisten dazu, eine Spaltung zwischen Sozialismus und Arbei-
terbewegung zu finden: Die ganze Gesellschaft, mit ihrer nicht
auf feste Formen zurückführenden dynamischen und vielförmigen Zu-
sammensetzung, wird als Bezugspunkt übernommen. Nun, ohne ouvrie-
riste sein zu wollen, sieht man, daß die Arbeitswelt, das Prole-
tariat, also die (seit den Zeiten von Marx und Engels stark ver-
änderte) Klasse noch immer die wesentliche und primäre Basis für
das revolutionäre Projekt einer Verwandlung der Gesellschaft bil-
det: das Projekt, das - obwohl es die möglichen und nötigen Bünd-
nisse berücksichtigt - von demselben Proletariat geleitet und
vervollständigt werden muß. Das bedeutet, daß die Klasse, eben
wegen des Bestehens der kapitalistischen Produktionsweise, den
Pfeiler bildet, über dem die Organisation bzw. die Partei als
Avantgarde angesichts zunächst der rationalen Veränderung, dann
der Umgestaltung und endlich der Überwindung des Systems wirkt.
Dies ist das auf die Analyse der Wirklichkeit gestützte und in
der Realität wurzelnde wissenschaftliche Projekt, zu dem das
antiutopische Engelssche Denken - wenn auch mit Schwächen und
Überspitzungen - führt.
Dagegen kehrt der Utopismus ständig nicht so sehr in Phantasie-
vorstellungen und idealistischen Zukunftsplänen als gerade in den
kompromißbereiten Argumentationen (die Lenin als
"opportunistisch" bezeichnet hatte) wieder, in denen man an eine
widerspruchslose und klassenunspezifische Machtergreifung des
Proletariats denkt und die Gründung einer Form wünscht, die man
"Sozialismus" nennt, die aber nichts anderes als eine Radikali-
sierung der bürgerlichen Demokratie ist.
4. Wenn wir die Engelssche Synthese mehr den heutigen Gesell-
schaften anpassen, merken wir, daß der wissenschaftliche Sozia-
lismus seine ursprünglichen Aufgaben sogar überschreitet. Gewiß
handelt es sich noch um die theoretische Gesamtheit, die auf der
materialistischen Geschichtsauffassung gegründet ist und die im
Proletariat - sei es in jenem von Handarbeitern des 19. Jahrhun-
derts, sei es in jenem "technologischen" von heute - und in sei-
ner historischen Mission die gesellschaftliche Kraft erkennt, die
die Revolution durchzuführen und die gegenwärtige von dem kapita-
listischen Eigentum und von der entsprechenden politischen Füh-
rung beherrschte Gesellschaft zu verändern fähig ist.
Der Sozialismus ist "wissenschaftlich", nicht, weil er als not-
wendig erscheint, sondern weil er sich - indem er immer im Rahmen
einer historisch-materialistischen Auffassung die von den Sozial-
wissenschaften bereitgestellten Analysemittel verwendet - auf der
ökonomischen Ebene und in der Gegenwart realisierbare konkrete
Ziele vornimmt. Im Unterschied hierzu verlangt die Preisgabe der
Perspektive des wissenschaftlichen Sozialismus den Hinweis auf
eine 'reine Praxis', den empirischen Charakter der alltäglichen
Routine und sogar die Aufgabe der Reformziele. Soziale Kämpfe von
Klassen erscheinen als bloße Methoden und Prozeduren. So verliert
man den Sozialismus aus den Augen, der dann bedeutungslos wird,
weil andere Themen Bedeutung erlangen, die auf das alltägliche
einfache Leben fixieren. Dann verzichtet man auf den Kampf für
die Zukunft, und damit fällt der Veränderungsplan, der dem Prole-
tariat und seiner Geschichte eigen war und ist.
5. Andererseits ist leicht nachzuweisen, daß man heute im Marxis-
mus verschiedene Sprachen, sogar mit gegeneinanderstehenden Ter-
minologien, spricht. Diesbezüglich sind die Begriffe "marxi-
stische politische Theorie" und "wissenschaftlicher Sozialismus"
exemplarisch. Im Kreis von verschiedenen "nationalen Marxismen"
haben sie Bestand, aber sie interessieren nicht mehr. Innerhalb
der internationalen Arbeiterbewegung entsteht dann die Gefahr des
totalen Unverständnisses und einer trennenden Meinungs-
verschiedenheit, so daß die Bewegungen, die "sozialistische" oder
"kommunistische" heißen, aber den wissenschaftlichen Sozialismus
bestreiten, ohne Perspektive dem Vulgärempirismus vertrauen: Sie
geben die ideelle Systemgegenüberstellung und die Machtalter-
native auf, sie beschränken sich in ihren Möglichkeiten und
antizipieren nicht mehr als eine minimale Beteiligung an der
"bürgerlichen" Macht.
6. Eine letzte Bemerkung. Angesichts der Barbarei der Systeme der
Privatproduktion und ihrer Gleichgültigkeit gegenüber dem Men-
schen, sowohl gegen die nur g e d a c h t e n als auch die
r e a l i s i e r t e n Sozialismen, können wir uns sinnvoll auf
den Sozialismus und auf die Marxsche Auffassung der historischen
Entwicklung berufen. Sicher müssen wir sie von einer dogmatischen
Praxis befreien, aber auch von den Verzerrungen nicht so sehr des
bürgerlichdemokratischen und liberalen Denkens (das von Marx kri-
tisch aufgenommen und natürlich immer noch zugelassen und disku-
tiert wird) als vielmehr seitens der Gesellschaften mit r e a-
l i s i e r t e r bürgerlicher Demokratie oder mit r e a l i-
s i e r t e m Liberalismus, d.h. jener bürgerlichen Gesell-
schaften, in denen wir handeln und die in den Werken von Marx und
Engels so analytisch und umfassend beschrieben wurden.
_____
1) Im Jahr 1848 "tritt das Kommunistische Manifest als 'Novateur'
explosionsartig an den Tag, während die geschichtliche Weltlite-
ratur - der von Pustel de Coulange bemerkten Schwierigkeiten we-
gen - wahrhaftiger Synthese und allgemeiner Perspektive und der
Fähigkeit, den ursprünglichen Charakter der Geschichte zu zeigen,
so sehr entbehrt": Vgl. Pierre Vilar, Marx e la storia, in: Sto-
ria del marxismo. 1. Il Marxismo ai tempi di Marx, Torino, 1978,
S. 79.
2) Jedoch bemerkt Vilar (ebd., S. 67): "Der marxistische Histori-
ker möchte, zur Unterstützung seiner Berufung, eine so geheiligte
Legitimation anrufen können. Leider handelt es sich um einen ge-
strichenen Satz in einem unveröffentlichten Buch. Es kann einige
Bedenken hervorrufen. Trotzdem wird das Problem der Geschichte
als Wissenschaft gerade in der Deutschen Ideologie wirklich aus-
gearbeitet."
3) In diesem Gebiet ist die Bibliographie sehr reich. Vgl. hier
nur Der Bund der Kommunisten. Dokumente und Materialien, hrsg.
von H. Förder, M. Hundt, E.P. Kandel, S. Lewiowa, Berlin 1970-
1982, 3 Bde.; Bert Andreas, Gründungsdokumente des Bundes der
Kommunisten (Juni bis September 1847), Hamburg 1969.
4) Unter den vielen verfügbaren Studien vgl. besonders Alexander
Brandenburg, Theoriebildungsprozesse in der deutschen Arbeiterbe-
wegung 1835-1850, Hannover 1977.
5) Das Manifest der Kommunistischen Partei, in: MEW 4, S. 490.
6) Gyorgij V. Plechanov, Predislovie k nastojasemu izdaniju, in:
Manifest Kommunisticeskoj Partii, Geneva 1900: Ich zitiere aus
meiner Edition in: II Manifesto del partito comunista e i suoi
interpreti, Roma 1978, S. 134.
7) Ebenda, S. 147.
8) Der Begriff "industrielle Revolution" war schon im Jahre 1844
von Engels im Gleichklang mit Mill vorgeschlagen worden.
9) Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten, in: MEW 21, S. 216.
10) Vorwort (zur deutschen Ausgabe von 1883), in: MEW 4, S. 577.
In der Vorrede zur englischen Ausgabe des Manifestes (1888) fügt
Engels hinzu (was er auch in Zur Geschichte des Bundes der Kommu-
nisten schon gesagt hatte): "Diesem Gedanken, der nach meiner An-
sicht berufen ist, für die Geschichtswissenschaft denselben Fort-
schritt zu begründen, den Darwins Theorie für die Naturwissen-
schaft begründet hat - diesem Gedanken hatten wir beide uns schon
mehrere Jahre vor 1845 allmählich genähert. Wieweit ich selbstän-
dig mich in dieser Richtung voranbewegt, zeigt am besten meine
'Lage der arbeitenden Klasse in England'. Als ich aber im Früh-
jahr 1845 Marx in Brüssel wiedertraf, hatte er ihn fertig ausge-
arbeitet und legte ihn mir vor in fast ebenso klaren Worten, wie
die, worin ich ihn oben zusammengefaßt", in: MEW 4, S. 581.
11) Marx an Joseph Weydemeyer, 5. März 1852, in: MEW 28, S. 507-
508.
12) P. Vilar, Marx e la storia, S. 63.
13) Vgl. allgemein La pensée socialiste devant la Revolution
française, Paris 1966; Beatrix W. Bouvier, Französische Revolu-
tion und deutsche Arbeiterbewegung, Bonn 1982.
14) Wolfgang Abendroth, Sozialgeschichte der europäischen Arbei-
terbewegung, Frankfurt/M. 1965.
15) P. Vilar, Marx e la storia, S. 83.
16) Lawrence Krader, Marx' Ethnological Notebook, Assen 1974, und
Evoluzione, rivoluzione e Stato. Marx e il pensiero etnologico,
in: Storia del marxismo, Bd. 1, S. 212-244.
17) So Lorenzo Calàbi in seiner Einleitung zur italienischen Aus-
gabe der Manuskripte von 1861-63: Manoscritti del 1861-1863, Roma
1980.
18) Die Deutsche Ideologie, in: MEW 3, S. 20-21.
19) Antidühring, in: MEW 20, S. 265.
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