Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 12/1987
zurück
ASPEKTE DER NEUEREN MARXISMUS-DISKUSSION IN DER BUNDESREPUBLIK
Johannes Henrich von Heiseler
1. Tendenz und Stil in der Marxismus-Diskussion - 2. Hegemonie
und Arbeiterklasse - 2.1 Kapital und Vergesellschaftung - 3. Mar-
xismus und Natur-Konzept
1. Tendenz und Stil in der Marxismus-Diskussion
-----------------------------------------------
Die Beschäftigung mit Karl Marx und mit seiner Theorie - dies ist
nach Auffassung der Anhänger des klassischen und kämpferischen
Marxismus eine Auseinandersetzung mit den brennendsten Fragen der
Gegenwart. 1) Verfolgt man die neuere Marxismus-Diskussion in der
Bundesrepublik, wird man unterschiedliche Tendenzen und verschie-
denartige Stile der Debatte feststellen. So gilt für die Vertre-
ter des klassischen ("orthodoxen", d.h. weder dogmatischen noch
revisionistischen) Marxismus, was für jede ernsthafte Wissen-
schaft selbstverständlich ist: Sie bemühen sich um die Entwick-
lung der Theorie und ihrer eigenen Ausgangspunkte im Lichte der
neuen Erfahrungen und entfalteten Wissens; zugleich nehmen sie
konkurrierende Auffassungen zur Kenntnis, setzen sich kritisch -
zustimmend oder ablehnend - mit ihnen auseinander. Als kenntnis-
reicher und an der Marxschen Theorie nicht nur interessierter,
sondern sich auch an ihr orientierender politischer Soziologe und
Historiker der Arbeiterbewegung und des wissenschaftlichen Sozia-
lismus stellt so Frank Deppe die Frage nach der politischen Theo-
rie von Marx in den Zusammenhang von heutiger Massenarbeitslosig-
keit, Angriffen neokonservativer Regierungen gegen den materiel-
len Lebensstandard und die sozialpolitischen Erfolge der Arbei-
terbewegung und ideologischer und politischer Agressivität des
Imperialismus und der Kriegsgefahr. 2) Bilanzierend kommt er zum
Urteil der "ungebrochenen Lebendigkeit" des Marxschen Werks.
In der gesellschaftlichen Wirklichkeit der Bundesrepublik ist es
nicht überraschend, daß dieses Urteil aber nicht unwidersprochen
Tendenz und Stil der Marxismus-Diskussion bestimmt. Da sucht
Claus Offe anläßlich eines Frankfurter Kongresses am 22.11.1986
den "Standpunkt der kritischen Immanenz" als heute allein noch
möglichen zu begründen; da kann Johannes Berger behaupten: "Hätte
es noch weiteren Anschauungsunterrichts bedurft, daß... die Marx-
sche Theorie keine praktische Kraft mehr entfaltet, so wurde die-
ser reichlich geliefert durch die Art und Weise, wie in Feuille-
tons und Fachzeitschriften des 100. Todestages von Karl Marx ge-
dacht wurde." 3) Für ideologische Apparate dieses Staates stellt
sich das Problem derart einfach nicht; sie sehen den Zusammenhang
zwischen Marxismus-Beschäftigung und Politik. Die Bundeszentrale
für Politische Bildung etwa hat eine Reihe von Gründen zusammen-
getragen, die nach ihrer Ansicht dafür sprechen, daß man sich in
den Schulen ausführlicher mit dem Marxismus und Marx beschäftigen
solle. Dazu gehören die "deutsche Frage", die weltpolitische
Lage, die Renaissance des Marxismus in der Bundesrepublik, die
Auseinandersetzung um Marx und den Marxismus von unterschiedli-
chen Positionen aus in der internationalen Arbeiterbewegung u.a.
4) Es ist bemerkenswert, daß vom Kampfplatz der unmittelbaren und
bewußten Gegner aus die Verbindung zwischen marxistischer Theorie
und praktischer Bewegung begriffen wird, daß sie jedoch in der
Perspektive nur theoretischer Marxismus-Diskussion verschwindet.
Die nichtmarxistische Beschäftigung mit Marx läßt darüber hinaus
erkennen, daß sie die Wissenschaftlichkeit des Marxismus unter-
bietet: Häufig wird weder das Corpus des marxistischen Wissens in
seiner Gesamtheit studiert noch die Fülle neuerer marxistischer
Studien und Forschungen überhaupt zur Kenntnis genommen.
Eine andere Variante von Tendenz und Stil ist, daß die Vielfalt
und die Unterschiede innerhalb zeitgenössischen Denkens - werden
sie zur Kenntnis genommen - in der Erwartung Bedeutung gewinnen,
Positionsvorteile zu erlangen. Die "Vielfalt" gewinnt aus dieser
gegnerischen Position heraus Bedeutung, weil "trennende Elemente"
konstituiert werden, insofern der "Moskauer Richtung" Abweichun-
gen gegenüberstehen, da dies als Herausforderung an den Marxis-
mus-Leninismus gelesen wird. 5) Gegensätze im marxistischen Den-
ken werden also von diesem Gegner her in ihrer praktischen Bedeu-
tung gewertet und eingeschätzt.
Um so mehr muß die Naivität erstaunen, in der diese Gegensätze
als frohe Botschaft des "Marxismus in der Mehrzahl" verstanden
werden, eines "pluralen Marxismus", der erst, wenn er sich selbst
als plural versteht, auch von seiner "praktischen Notwendigkeit"
neu bestimmt werden kann. 6)
Es ist von Lothar Peter und von Hans Heinz Holz darauf hingewie-
sen worden, daß das Moment der Verallgemeinerung ein Moment ist,
das für den Marxismus als eine Weltanschauung, die W i s s e n-
s c h a f t u n d P h i l o s o p h i e einschließt, schon aus
theoretischen Gründen unverzichtbar ist. Der Marxismus als Moment
einer weltweit k ä m p f e n d e n B e w e g u n g bedarf aus
diesem Praxiszusammenhang erst recht der Vereinheitlichung und
Verallgemeinerung. 7) Wenn bei Wolfgang Fritz Haug "Geschlos-
senheit" zu einer herabsetzenden Bezeichnung wird und mit
Abgeschlossenheit, Endgültig-Fertig-Sein, Sterilität verwechselt
wird, so markiert dies die Trennung von einer fortschrittlichen
Tradition des Denkens, die weit älter ist als der Marxismus, aber
von ihm positiv aufgenommen und, ergänzt durch das Nach-Vorne-
Offen-Sein, von ihm aufgehoben wurde. 8)
Daher ist an der inneren Einheit von Klassenentwicklung und Ent-
wicklung der marxistischen Theorie festzuhalten. Diese Einheit
erschließt sich wissenschaftsgeschichtlich. Die Entfaltung des
Marxschen Wissenschaftsprogramms, so argumentiert Hans Jörg Sand-
kühler, "vollzog sich im Maße der Verwirklichung dessen, worauf
es historisch zielte: der politischen und ideologischen Klassen-
konstituierung." 9) Es ist kein Zufall, daß der Auflösung des
Marxismus in Marxismen die Auflösung der marxistischen Philoso-
phie in Nicht-Philosophie vorausging und der Wissenschaftscharak-
ter des Marxismus bestritten wurde. 10)
Es kann heute als erfreulich vermerkt werden, daß auf verschie-
denen Problem-Ebenen eine Marxismus-Diskussion eingesetzt hat, zu
der auch Nicht-Marxisten mit seriösen Forschungserträgen beitra-
gen. Gewiß handelt es sich dabei noch selten um zentrale Fragen
der öffentlichen Diskussion, doch sind sie von Bedeutung auch
dann, wenn einzelnen Ergebnissen nicht zuzustimmen ist. Neben
Beispielen, die im folgenden herangezogen werden, kann verwiesen
werden auf historiographische Arbeiten des Karl-Marx-Hauses in
Trier, auf systemtheoretische rechtswissenschaftliche Studien
oder z.B. auf den Versuch eines Vergleichs von Marxismus und An-
throposophie. 11) Hier ist das Bemühen erkennbar, die Argumente
und Positionen des klassischen Marxismus von denen marxianischer
Standpunkte abzuheben, sie exakt wiederzugeben (auch wenn hier
viele Kontroversen entfacht werden müssen) und sachlich dagegen
zu argumentieren. Vielleicht wird, was in anderen Ländern längst
existiert, von Randgebieten her auch in der Bundesrepublik Wirk-
lichkeit: eine scharfe, heftige, kontroverse, aber sachliche,
wissenschaftliche und an humanistischen Positionen orientierte
Diskussion über den Marxismus. Wichtige Aspekte der Marxismus-
Diskussion sollen nun an zwei Problemfeldern erörtert werden.
2. Hegemonie und Arbeiterklasse
-------------------------------
In der Marxismus-Diskussion ist die Frage nach der Hegemonie der
Arbeiterklasse - theoretisch durch Lenin und Gramsci vorbereitet
- ein zentrales Problem unserer Zeit. Zum Hegemonie-Begriff ge-
hört der Hegemon. Das heißt: Zur Frage, wie kulturelle und ideo-
logische Macht- und Gegenmacht-Strukturen entwickelt werden kön-
nen, gehört die Frage, an welchem gesellschaftlichen Ort potenti-
ell diese Macht- (oder Gegen-Macht-) Struktur begründet wird, auf
welches (mögliche) gesellschaftliche Subjekt sich eine solche
Struktur beziehen könnte. Wolfgang Fritz Haug will eben diese
Frage nicht stellen. Er versucht, "den Gedanken einer hegemonia-
len Struktur ohne klassischen Hegemon zu entwickeln". 12) Abgese-
hen davon, daß Haug unbestritten ausführt, eine hegemoniale Poli-
tik dürfe um den Preis des Hegemonie-Verlusts nicht sektiererisch
sein, bleiben Ausgangspunkt und Zielrichtung seines Gedankens
noch im Nebel. Als Ausgangspunkte lassen sich lediglich feststel-
len, daß der Hegemon im Sinne Gramscis und Lenins für uns derzeit
nicht in Sicht ist und daß es in der Volksuni in West-Berlin er-
mutigende Erfahrungen gibt. Als Zielrichtungen lassen sich ledig-
lich die "plurale Formation", die "plurizentrische Aktivierungs-
struktur" erkennen. Es ist zu vermuten, daß alles hinausläuft auf
"keine parteipolitische Vormachtstellung". 13) Aber ganz klar
wird es nicht. Immerhin bleibt für die alternative Hegemonial-
struktur der Bezugspunkt Arbeiterklasse und Wissenschaft 14) -
das hebt Haug positiv von anderen ab.
Inhaltlich neue Überlegungen zum Hegemonialbegriff sind von Heinz
Jung vorgelegt worden. 15) Auf Seiten der herrschenden Klasse
macht er im staatsmonopolistischen Kapitalismus der Bundesrepu-
blik zwei konkurrierende Hegemonialvarianten aus: Einer konser-
vativen, in der neben den konservativen Parteien die Unternehmer-
verbände, die Organisationen der Landwirtschaft und der gewerbli-
chen Mittelschichten, die katholische Kirche, die Flüchtlingsver-
bände usw. die wichtigsten Transmissionsriemen darstellen, steht
eine sozial-liberale Hegemonialvariante gegenüber, die auf der
Spange Regierung - Monopolverbände einerseits, Regierung - Par-
teiführungen - Gewerkschaftsführungen - aus der Arbeiterklasse
hervorgegangene Organisationen andererseits beruht. Gemeinsam ist
beiden der Bezug auf die Machtstruktur des staatsmonopolistischen
Kapitalismus und insofern auch die Orientierung auf sozialpart-
nerschaftliche Einbindung der Arbeiterklasse. Aber vor allem ge-
genüber den Führungsgruppen der Arbeiterorganisationen bestimmen
die beiden Varianten die Bedingungen anders.
Bedeutsam für diese Entwicklung des Hegemoniebegriffs ist die Be-
ziehung auf den Prozeß der Interessenvermittlung über Verbände-
bindungen. Dem in der nicht-marxistischen Literatur geführten
Streit um die Legitimations-Problematik liegt ein Realproblem
zugrunde, an dessen materialistische Lösung mit Hilfe eines sol-
chen Begriffs von hegemonialem System gegangen werden kann. Diese
Fassung des Hegemonie-Begriffs macht auch den Vorgang der Erosion
sozialliberaler Macht in der Zeit der Schmidt-Regierung wissen-
schaftlich greifbar als einen Prozeß, der auf der Ebene der In-
teressenvermittlung einsetzte, zum Hintergrund die Verschärfung
der objektiven Krisenprozesse und die staatsmonopolistische Hal-
tung der Schmidt-Regierung hatte und sich der Entwicklung der
neuen und alten demokratischen und alternativen Bewegungen aus-
drückte. Trotz der Stabilität der klassenautonomen Strömungen in
den Gewerkschaften war die sozialdemokratische Hegemonie in den
Gewerkschaften noch ungebrochen (Jung greift hier zum Begriff der
besetzten Felder), was wiederum den Aufstieg der Grün-Alternati-
ven als parlamentarische Verallgemeinerung der Protestbewegungen
erklärt. Auch zur Frage nach dem potentiellen Subjekt und Zentrum
einer alternativen Hegemonialstruktur äußert Jung sich anders als
Haug: Perspektivisch sind antimonopolistische Koalitionen unter
Hegemonie klassenautonomer Strömungen der Arbeiterklasse Mög-
lichkeiten, deren Verwirklichungsbedingungen genauerer Untersu-
chungen bedürfen.
Analytisch und sachlich unterscheidet Jung die Ebene der Hegemo-
nialvarianten von der Ebene unterschiedlicher sozialer und ökono-
mischer Entwicklungsvarianten, einer Frage, die auch zur gegen-
wärtigen Marxismus-Diskussion gehört. Diese Unterscheidung ist
gerade deshalb wichtig, weil Zusammenhänge zwischen den beiden
Ebenen nicht zu übersehen sind.
Heinz Jung hat vorgeschlagen, auf der Ebene von Entwicklungsvari-
anten nicht Kennzeichen wie Reformorientierung - Konservatismus,
liberale Herrschaftsformen - verstärkte Repression, primäre Bin-
nenmarktorientierung -verstärkte Außenexpansion oder ähnliche zum
Ausgangspunkt zu machen, sondern die Konkurrenz zwischen einer
betont etatistisch-administrativen und einer betont privatmonopo-
listischen Wirtschafts- und Sozialpolitik zum Kriterium der Ent-
wicklungsvarianten zu nehmen. 16) Dabei bleibt unbestritten, daß
beide auf der Grundlage der erreichten Phase der Entwicklung des
staatsmonopolistischen Kapitalismus wirken; insofern gehen Ein-
wände fehl, die in dieser Konzeption eine Abschwächung des
staatsmonopolistischen Wesens des heutigen Kapitalismus sehen
wollen. 17)
2.1 Kapital und Vergesellschaftung
----------------------------------
Der eingangs schon zitierte Johannes Berger mag als Vertreter ei-
ner Art von Marxismus-Kritik gelten, die die neuen alternativen
und demokratischen Bewegungen als Beleg dafür ansieht, daß die
klassischen Fragestellungen der marxistischen Theorie überholt
seien. 18) Freilich gelingt dies nur, nachdem zunächst Max Weber
an die Stelle von Marx gesetzt wird. Denn daß der Webersche
"Rationalismus der Weltbeherrschung" an Grenzen gelangt ist, mag
ja zutreffen (ich habe selbst da meine Zweifel, weil Webersche
Kategorien - als Kategorien vollentfalteter bürgerlicher Soziolo-
gie im Übergang zum Imperialismus - auch über die damalige Ent-
wicklungsphase des Kapitalismus hinaus entwickelbar sind); jeden-
falls heißt das gerade nicht, daß die Fragestellungen und Katego-
rien des Marxismus durch neue Problemlagen obsolet werden.
Die Analyse des Zyklus neuer sozialer Bewegungen in Kategorien
der marxistischen Theorie ist von Witich Roßmann angedeutet wor-
den. 19) Er zeigt, wie gerade neu in den Kampf von Lohnarbeit und
Kapital einbezogene Gruppen, die sich mit Brüchen in ihrer Exi-
stenz auseinandersetzen müssen, zu einer Radikalisierung ihres
Selbstverständnisses neigen, die oft unter der Hegemonie von
hochmotivierten und qualifizierten Minderheiten (linke Christen,
Sozialisten, Kommunisten) verlaufen. Die Differenzierungsprozesse
und Konflikte mit den traditionellen Organisationen (Stichwort
"besetzte Felder") sind so erfaßbar und in ihren unterschiedli-
chen Entwicklungsmöglichkeiten (hegemo-niale Strömungen im Be-
reich der neuen Bewegungen, Verarbeitungsfähigkeit der traditio-
nellen Organisationen) einzuschätzen.
Roßmann knüpft in seinen Untersuchungen an die von Frank Deppe
hervorgehobene und weiterentwickelte Kategorie der Vergesell-
schaftung an. 20) Beide haben dargelegt, wie diese Grundkategorie
für die Untersuchung wesentlicher Prozesse in der Entwicklung des
subjektiven Faktors nutzbar gemacht werden kann. Deppe hat dar-
über hinaus gezeigt, welche Bedeutung diese Kategorie erhält,
wenn man versucht, eine marxistische Theorie der Spezifik des Po-
litischen zu entwickeln. 21)
Die Frage der Form und des Inhalts gesellschaftlichen Fort-
schritts in unserem Land hängt mit der Frage nach dem Inhalt des
Vergesellschaftungsprozesses eng zusammen. Dabei kann in der mar-
xistischen Analyse auch nicht mehr annäherungsweise einerseits
von Vergesellschaftungsprozessen der Produktivkräfte und der Pro-
duktion (sozusagen "für sich") und von einer Anpassung der kapi-
talistischen Eigentumsformen daran andererseits gesprochen wer-
den. Der objektive Vergesellschaftungsprozeß selbst vollzieht
sich in staatsmonopolistisch deformierter Gestalt. Das ist von
Jung monographisch dargestellt worden. 22)
Berger schließt aus dem Strukturbruch, der sich zeigt, wenn man
die neuen sozialen Bewegungen in ihren tieferliegenden Ursachen
erfaßt, auf die Notwendigkeit, die Marxsche Theorie als eine von
der Arbeiterbewegung zu trennende Vergesellschaftungstheorie zu
entwickeln. "Ich möchte ... dafür plädieren", schreibt er, "die
analytischen Möglichkeiten der Marxschen Theorie dadurch zur Gel-
tung zu bringen, daß sie nicht mehr dadurch belastet wird, eine
Revolutionstheorie des Proletariats zu sein, sondern abstrakter
als 'reine' Theorie der industriell-kapitalistischen Vergesell-
schaftung konzipiert wird." 23) Marx so zu lesen, hieße laut
Berger, ihn "in Richtung des westlichen Marxismus" zu lesen.
24) Jung kommt gerade im Zusammenhang mit der Vergesellschaf-
tungs-Theorie zu einem diametral entgegengesetzten Ergebnis. Er
zeigt, daß die deformierte Vergesellschaftung zu einer solchen
Art von "Überreife" des kapitalistischen Systems führt, daß dies
System keine immanente positive Entwicklungsperspektive mehr be-
sitzt, "es sei denn, sie wird von 'außen' oder durch den Klassen-
kampf im inneren erzwungen". 25)
3. Marxismus und Natur-Konzept
------------------------------
Die Wellen der Konjunktur in der Marxismus-Diskussion sind beson-
ders deutlich zu erkennen, verfolgt man die Behandlung des Natur-
Themas. Noch vor wenigen Jahren galten heute wieder populäre na-
turphilosophische Fragestellungen (man denke z.B. an das Ab und
Auf in der Wertschätzung Ernst Blocks) als völlig veraltet. Den
Vertretern des klassischen Marxismus wurde meist (in Anlehnung an
den Georg Lukács von "Geschichte und Klassenbewußtsein") vorge-
worfen, sie ebneten die prinzipiellen Unterschiede zwischen Natur
und menschlicher Gesellschaft ein, wenn sie von einer Dialektik
der Natur sprächen. 26) Wenn es den Vertretern des klassischen
Marxismus bisher noch nicht gelungen war, ihre Kritiker von der
Wirksamkeit der Natur-Dialektik zu überzeugen, so hat die ökolo-
gische Krise jetzt Überzeugungsarbeit geleistet. Freilich führte
das oft zu einem neuen Angriff auf den Marxismus aus umgekehrter
Richtung. Nicht mehr, daß die Theorie von Marx, Engels und Lenin
der Natur eine zu große, sondern daß sie ihr eine zu kleine Rolle
einräume, wirft ihr heute der Marx-Kritiker vor, der mit der Mode
geht.
So sieht Hans Immler schon im Denken von Marx das Natur-Unver-
ständnis sozialistischer Systeme ebenso vorgeprägt, wie bei Ri-
cardo im Kern bereits das Natur-Unverständnis kapitalistischer
Systeme vorgeprägt sei. 27) Zwar beziehe der Marxsche philosophi-
sche Ansatz Natur ein; aber die Marxsche Kritik der politischen
Ökonomie stehe nur auf einem Bein, der Marxschen Arbeitswert-
lehre. Darin zeige sich ein kennzeichnender innerer Widerspruch
des Marxismus, der nur aus der damaligen Nicht-Existenz einer
ökologischen Krise historisch entschuldbar sei.
Hans Immler ist an der gleichen Stelle von Wolfdietrich Schmied-
Kowarzik kritisiert worden. 28) Dabei hat Winfried Schwarz zu
Recht darauf verwiesen, daß offenbar der Fach-Philosoph Schmied-
Kowarzik dem Fach-Ökonomen Immler einige Einführungshinweise in
politischer Ökonomie geben mußte. 29) Auch in der einfachen
Kenntnis der marxistischen Theorie ist Schmied-Kowarzik seinem
Gegenspieler eindeutig überlegen. Der entscheidende Gedanke bei
Schmied-Kowarzik ist, daß die Entfremdung nicht notwendig und
allgemein dem Mensch-Natur-Verhältnis anhaftet, sondern durch
eine gesellschaftliche Praxis hervorgebracht wird, deren Ergeb-
nisse freilich - da dies die Praxis einer antagonistischen Klas-
sengesellschaft ist - nicht den Absichten und Vorhaben der Han-
delnden entsprechen. Diese Entfremdung könne - so kennzeichnet
Schmied-Kowarzik zu Recht die Marxsche Gedankenführung, mit der
er insofern übereinstimmt - durch die gesellschaftliche Praxis
der bewußt und solidarisch Handelnden prinzipiell überwunden wer-
den. Zwar bleibt hier (vorläufig?) der Umriß der Einheit der Han-
delnden, der Umriß des historischen Subjekts im dunkeln; aber
völlig zu Recht besteht Schmied-Kowarzik auf der Einheit von so-
zialökonomischer Umwälzung der Produktionsverhältnisse und der
Möglichkeit zur "Auflösung des Widerstreits zwischen dem Menschen
mit der Natur und mit dem Menschen". 30)
Auf der anderen Seite fällt bei Schmied-Kowarzik sowohl die Un-
kenntnis der konkreten Dialektik im Naturverhältnis in den sozia-
listischen Ländern 31) wie auch seine Unkenntnis etwa der Arbei-
ten des marxistischen Ökologen Edgar Gärtner auf. So geht
Schmied-Kowarzik ausdrücklich aus von der hier bedeutsamen Grund-
bestimmung menschlicher Existenz, einerseits das Lebewesen zu
sein, das kraft seiner naturbeherrschenden Potenz sich selber in
der Geschichte seine Welt aufbaut, andererseits unauflöslich mit
der Natur verbunden zu sein, deren Teil die menschliche Produk-
tion bleibt. 32) Aber die Darlegungen von Edgar Gärtner, der be-
reits Jahre vorher vom gleichen Ansatz ausging und darüber hinaus
in diesem Zusammenhang zu wichtigen ideologiekritischen Überle-
gungen kommt, sind Schmied-Kowarzik offenbar unbekannt geblieben.
Gärtner hatte aus dieser doppelten Bestimmung des menschlichen
Naturverhältnisses u n d der kapitalistisch bedingten Entfrem-
dung zwischen Menschen und Natur vorgeschlagen, sowohl die Verab-
solutierung des technisch aktiven Verhaltens zur Natur wie die
gegenläufigen, naturalisierenden Begriffe vom Menschen als Ideo-
logien eben dieser Wirklichkeit, als notwendigerweise reprodu-
zierten Ausdruck dieser Wirklichkeit im bürgerlichen Bewußtsein
zu fassen. 33)
Die Marxismus-Diskussion in der Bundesrepublik ist a u c h eine
Diskussion innerhalb der Reihen des kämpferischen, des klassi-
schen Marxismus. Denn es gilt auch, die Beiträge nicht vom Mar-
xismus herkommender Wissenschaftler für die schöpferische Wei-
terentwicklung marxistischer Positionen zu nutzen. Zu dem Thema
Natur muß hier vor allem auf Hans Heinz Holz verwiesen werden.
Diesem marxistischen Philosophen ist es gelungen, in Fortsetzung
Engelsscher Anfänge, die Arbeiten des bürgerlichen Soziologen und
Philosophen Helmuth Plessner, dessen Werk von der Bedrohung des
Menschen in unserer Welt ausging, in bedeutsamen Teilen für den
Marxismus nutzbar zu machen. 34) Holz verortet die Nahtstelle, an
der sich der Umschlag vom Naturwesen des Menschen zu seiner Ge-
sellschaftlichkeit vollzieht, in seiner Bedürftigkeit. Der Über-
gang, in dem er durch seine Arbeit aus dem Naturgegebenen heraus-
tritt, die Organisation der Bedürfnisse durch Werkzeugverferti-
gung, die Schaffung dessen, was Hegel das "System der Bedürf-
nisse" nennt, bedingen die "natürliche Künstlichkeit" des Men-
schen (hier tut sich eine Verbindung zu Plessners Begriff der Ex-
zentrizität auf); 35) sie bedingen auch die Unumkehrbarkeit des
Geschichtsprozesses.
"Wir können das aus arbeitsteiliger Produktion hervorgegangene
zivilisatorische System der Bedürfnisse nicht mehr auf die Stufe
der Natürlichkeit zurückbringen, ohne dabei den Menschen als Men-
schen preiszugeben." 36) Das Programm einer unvermittelten Natür-
lichkeit ist deshalb das verzweifelte Programm einer Dehumanisie-
rung. Diese Erkenntnis bedeutet nun freilich kein Sich-Abfinden
mit den Widersprüchen, die die kapitalistische Organisationsform
der natürlichen Künstlichkeit des Menschen verursacht. Holz ent-
wickelt vielmehr, wie insofern die Zukunftsperspektive der
Menschheit mit der weltgeschichtlichen Aufgabe des Proletariats
zusammenfällt.
_____
1) Vgl. z.B. Herbert Mies: Zukunftsherausforderungen der politi-
schen Arbeiterbewegung in der Bundesrepublik. In: Marxistische
Studien 9. Jahrbuch des IMSF 11/1985, S. 329 ff.
2) Frank Deppe: Vergesellschaftung und Politik. Zur politischen
Theorie von Karl Marx. In: Marxistische Studien. Jahrbuch des
IMSF. Sonderband I, 1983, S. 86-109, hier S. 86 f.
3) Johannes Berger: Marx, soziologische Problemlagen der Gegen-
wart und neue soziale Bewegungen. In: Mehrwert. Beiträge zur Kri-
tik der politischen Ökonomie, 25/1984, S. 126-145, hier S. 126.
4) Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Informationen
zur politischen Bildung, Heft 184: Kommunistische Ideologie. 2,
Bonn 1980, S. 51 (zit. nach dem lesenswerten Aufsatz von Horst-
Dieter Strüning: Tendenzen der Marx-Beschäftigung in Schulen der
Bundesrepublik Deutschland, in: Dialektik. Beiträge zu Philoso-
phie und Wissenschaften 6, 1983, S. 161, 173).
5) Ebenda.
6) Wolfgang Fritz Haug: Pluraler Marxismus. Beiträge zur politi-
schen Kultur, Band 1, West-Berlin 1985. Hier S. 20 u. S. 13 f.
7) Hans Heinz Holz: Vom vermeintlichen Untergang und der wunder-
samen Rettung der Philosophie durch Wolfgang Fritz Haug. In: Hans
Heinz Holz, Thomas Metscher, Josef Schleifstein, Robert Steiger-
wald (Hrsg.): Marxismus - Ideologie - Politik. Krise des Marxis-
mus oder Krise des "Arguments"? Frankfurt 1984, S. 28-53. Lothar
Peter: Die Ideologie des "Arguments" in der Krise. Anmerkungen zu
W. F. Haug: Krise oder Dialektik des Marxismus? In: Ebda., S. 54-
73.
8) Vgl. hierzu auch: Johannes Henrich von Heiseler: Geschlossen-
heit, absolute Wahrheit und Religion. Bemerkungen zu Lenin anläß-
lich einer Bemerkung von Wolf gang Fritz Haug. In: Ebda., S. 209-
217.
9) Hans Jörg Sandkühler: Proletariat und Wissenschaft. Zur Kon-
stituierung der Arbeiterklasse als Voraussetzung des Marxschen
Wissenschaftsprogramms. In: Marxistische Studien. Jahrbuch des
IMSF, Sonderband I, 1983, S. 305-331. Hier: S. 331.
10) Wolfgang Fritz Haug: Was soll marxistische Erkenntnistheorie?
Das Argument, Nr. 81 (1973). Wolfgang Fritz Haug: Wider den bloß
verbalen Materialismus. Das Argument, Nr. 92 (1975). Wolfgang
Fritz Haug: Für eine materialistisch-dialektische Begründung des
dialektischen Materialismus. Das Argument, Nr. 108 (1978).
11) Werner Krawietz: Recht als Regelsystem, Wiesbaden 1984. Chri-
stoph Strawe: Marxismus und Anthroposophie, Stuttgart 1986.
12) Wolfgang Fritz Haug: Pluraler Marxismus, a.a.O., S. 172.
13) Ebda., S. 183. Vgl. auch insgesamt die Kritik von Frank
Deppe: Intellektuelle, "Arbeiterklassenstandpunkt" und "struktu-
relle Hegemonie". Einige Gegenargumente. In: Holz, Metscher,
Schleifstein, Steigerwald (Hrsg.): Marxismus - Ideologie -
Politik (vgl. Fußnote 7), S. 97-117. In einer wenig überzeugenden
Replik hat Haug Deppe vorgeworfen, dieser mißverstehe Überlegun-
gen zur Hegemonie-Frage als strategisch-politische Überlegungen,
sie seien aber doch - zumindest vorläufig - auf den kulturellen
Bereich beschränkt. (Wolfgang Fritz Haug: Einwände gegen das Kon-
zept der "Strukturellen Hegemonie". In: Haug, a.a.O., S. 185-195,
hier S. 186 und S. 195). Nun ist allerdings der eigentliche Witz
des Hegemonie-Begriffs, die politisch-strategische Dimension im
ideologisch-kulturellen Bereich freizulegen.
14) Haug, ebda., S. 182.
15) Heinz Jung: "Korporatismus" statt "Etatismus". Staatsmonopo-
listische Vergesellschaftung und politisch-staatlicher Überbau
heute. In: Marxistische Studien 4, Jahrbuch des IMSF 1981, S. 11-
41, hier besonders S. 30 ff. Heinz Jung in: Heinz Jung/Josef
Schleifstein (Hrsg.): Der Staat im staatsmonopolistischen Kapita-
lismus der Bundesrepublik, IMSF-Beiträge 6, Bd. I, S. 245 ff.
Heinz Jung: Deformierte Vergesellschaftung, Frankfurt 1986, S.
278 ff. Eine weitgehend ähnliche Begrifflichkeit und Analyse
(darauf hat Jung selbst hingewiesen) liegt vor in: SOST: Eine
linke Alternative zum gescheiterten "Modell Deutschland". In:
Probleme des Klassenkampfs H. 40 (1980), S. 64 ff.
16) Heinz Jung: Die privatmonopolistische Entwicklungsvariante
des staatsmonopolistischen Kapitalismus der BRD. In: Marxistische
Studien 1. Jahrbuch des IMSF 1978, S. 9-58. Heinz Jung: Defor-
mierte Vergesellschaftung, a.a.O., S. 42-54.
17) Klaus Borchardt, Thomas Sauer: Zur Kritik der These der pri-
vatmonopolistischen Entwicklungsvariante des SMK der BRD. In:
Marxistische Studien 5. Jahrbuch des IMSF 1983, S. 393-405.
18) Berger, a.a.O., S. 136.
19) Witich Roßmann: Vergesellschaftung, Krise und gewerkschaftli-
che Gegenmacht. Studien zu Strukturveränderungen der industriel-
len Beziehungen in der Bundesrepublik (1969-1984), Marburg 1986.
Hier S. 255 ff. und 258 ff.
20) Frank Deppe: Autonomie und Integration, Marburg 1979.
21) Frank Deppe: Vergesellschaftung und Politik. Zur politischen
Theorie von Karl Marx. In: Marxistische Studien. Jahrbuch des
IMSF, Sonderband I, 1983, S. 86-109.
22) Heinz Jung: Deformierte Vergesellschaftung, Frankfurt 1986.
23) Berger, a.a.O., S. 140 f.
24) Berger, a.a.O., S. 144.
25) Jung, a.a.O., S. 83.
26) Vgl. etwa die Debatte auf der Konferenz des IMSF 1970: Die
Frankfurter Schule im Lichte des Marxismus. Hrsg. v. Johannes
Henrich von Heiseler, Robert Steigerwald und Josef Schleifstein,
Frankfurt 1974.
27) Hans Immler: Ist nur die Arbeit wertbildend? Zum Verhältnis
von politischer Ökonomie und ökologischer Krise, Sozialismus
5/1983, S. 53-58.
28) Wolfdietrich Schmied-Kowarzik: Politische Ökonomie und ökolo-
gische Krise. Die Entfremdung der gesellschaftlichen Produktion
von der Natur und ihre revolutionäre Überwindung, a.a.O., S. 50-
53.
29) Winfried Schwarz: Zur Kritik ökorevisionistischer Positionen
zur Naturfrage bei Marx. In: Marx-Engels-Stiftung (Hrsg.):
Mensch, Natur und Umwelt im Werk von Friedrich Engels. Schriften-
reihe der Marx-Engels-Stiftung 5, Wuppertal 1986, S. 29-33, hier
S. 29.
30) Karl Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem
Jahre 1844. In: MEW, Ergänzungsband I, S. 536.
31) Vgl. dazu Winfried Schwarz, a.a.O., S. 32.
32) Wolfdietrich Schmied-Kowarzik, a.a.O., S. 50.
33) Edgar Gärtner: Arbeiterklasse und Ideologie, Frankfurt 1979,
S. 67 f.
34) Hans Heinz Holz: Menschheit, Natur und gesellschaftlicher
Fortschritt. In: Marxistische Studien 9. Jahrbuch des IMSF
11/1985, S. 46-60, hier S. 50 ff.
35) Plessner begründet die "natürliche" Künstlichkeit des Men-
schen, ebenso wie seine "vermittelte Unmittelbarkeit" und seinen
"utopischen Standort" ausdrücklich in dem, was er als seine
"Exzentrizität" bezeichnet, Vgl. Helmuth Plessner: Die Stufen des
Organischen und der Mensch. 3. A., Berlin 1975, S. 309 ff. András
Gedö hat vor einigen Jahren den überzeugenden Versuch gemacht,
nachzuweisen, daß die beiden Grundmuster bürgerlichen Krisenbe-
wußtseins, der Neopositivismus in klassischer und formgewandelter
Gestalt und die Lebensphilosophie in klassischer und formgewan-
delter Gestalt, das gesamte nicht-marxistische Denken der Gegen-
wart durchdringen, ja auch das Denken von an Marx orientierten
Denkern, soweit es nicht marxistisch ist. (András Gedö: Philoso-
phie der Krise. Berlin 1978). Will man diese Erkenntnis jedoch
produktiv nutzen, so heißt das im Sinne Lenins "Zur Frage der
Dialektik" (1915) (Lenin, Werke 38, S. 339 ff.), die positiven
Erkenntnisse auch der lebensphilosophischen Strömung, losgelöst
von ihren erkenntnistheoretischen "Blüten" für den Marxismus zu
verarbeiten. Holz hat das in bezug auf Plessner geleistet.
36) Holz, ebenda, S. 53.
zurück