Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 12/1987

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BESCHÄFTIGUNG MIT MARX UND ENGELS IN SPANIEN

Monserrat Galceran Huguet 1. Allgemeine Entwicklungstendenzen bis in die 60er Jahre dieses Jahrhunderts - 2. Der verborgene Marxismus in den letzten Jahren der Diktatur (1962-1975) - 3. Der Übergang zur Demokratie und un- ter dem Banner der PSOE (1976-1986) 1. Allgemeine Entwicklungstendenzen bis in die 60er Jahre --------------------------------------------------------- dieses Jahrhunderts ------------------- Die theoretische Armut des spanischen Sozialismus - schon zu Zei- ten des späten Engels - ist seit je betont worden. Gegenwärtig gibt es viele Arbeiten, die die Ursachen dafür klarzustellen ver- suchen. 1) Im wesentlichen können folgende Gründe angeführt wer- den: Schwäche des Marxismus und des Einflusses der ersten Inter- nationale; geringe marxistische Tradition bei den spanischen In- tellektuellen; Überlegenheit des Anarchismus, besonders in Län- dern wie Katalonien, Andalusien ...; Zurückweisung von Politik und politischer Praxis. Gleichwohl ist es bekannt, daß J. Mesa seit 1873 gute Beziehungen zu Marx und Engels gehabt hat, obwohl die Spanier Persönlichkeit und Lebensweise von Marx und Engels nie gut verstanden haben (Pablo Iglesias z.B. hat Engels nie per "Du", sondern im Brief- wechsel immer per "Sie" angesprochen, bis Engels verärgert war). Die Beziehungen zu Marx, Engels und zur ersten Internationale wa- ren aber durch die Tätigkeit Lafargues, der in Madrid längere Zeit (1871/72) gewesen ist, fest gesichert. Andererseits sind die guten Beziehungen der spanischen Arbeiter- bewegung zu Bakunin, besonders in Katalonien, vielfach untersucht worden, und gewöhnlich wird die Ablehnung der Politik seiner Wir- kung zugerechnet. In letzter Zeit hat allerdings P. Ribas in sei- nen Arbeiten über die Rezeption des Marxismus in Spanien auf die Enttäuschung der Arbeiterbewegung durch die Politik jener Zeit hingewiesen. 2) Ihm zufolge ist die Zurückweisung der Politik, die seit 1870 die spanische Arbeiterbewegung kennzeichnet, nicht nur als Folge der Wirkung Bakunins und Fannellis bei den spani- schen Arbeitern zu verstehen, sondern als Folge ihrer Enttäu- schung durch die politische Praxis der berühmten liberalen und republikanischen Politiker, besonders der progressivsten, die ihre Versprechungen und Hoffnungen nie erfüllt haben. Dies bedeu- tet, daß die Ablehnung der Politik nicht die Folge, sondern die Voraussetzung des großen Einflusses des Anarchismus gewesen ist, deren Ursache die Ablehnung einer Bonzen-Politik (caciquismo) war. Die atypische spanische Geschichte der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, gekennzeichnet durch militärischen Putsch (pronunciamientos) und die Alternanz von konservativen und libe- ralen Parteien (Cánovas-Sagasta), muß unter diesem Gesichtspunkt gewertet werden. Was die Intellektuellen betrifft, waren sie kaum an Marxismus und Sozialismus interessiert. In der spanischen sozialistischen Ar- beiterpartei, der 1879 gegründeten PSOE, sind in dieser Hinsicht nur zwei wichtige Persönlichkeiten zu nennen: Jaime Vera (1859- 1918), ein Arzt, der die deutsche Sprache kannte und manche Marx- sche und Engelssche Schriften im Original gelesen hatte, 3) und Miguel de Unamuno (1864-1936), dessen marxistische Kenntnisse sehr gering waren. Von Vera haben wir einen berühmten Antrag ("Informe"), den er 1884 als Vertreter der sozialistischen Gruppe aus Madrid an das Büro für soziale Reformen gerichtet hat. Dieser ist, wie seine Rede an die Arbeiter, 4) ein Musterbeispiel eines evolutionären, stark positivistisch geprägten Marxismus, der aber aus unmittelbarer Marx-Kenntnis hervorgeht und wichtige Probleme aufwirft, z. B. die Frage nach dem Verhältnis zwischen Wissen- schaft und Proletariat (Sozialismus). M. de Unamuno hat in dieser Zeit mehrere kleine Aufsätze in deutschen Zeitschriften wie "Der Sozialistische Akademiker" und "Sozialistische Monatshefte" ge- schrieben. Seine Philosophie kommt aber nicht von Marx und Engels her; vielmehr ist er Anhänger Kierkegaards und Schopenhauers. Au- ßerdem waren seine sozialistischen Neigungen nur von kurzer Dauer und sind ohne theoretische Folgen geblieben. 5) Der Sozialismus des jungen Unamuno war eine Mischung von revolutionärem Geist und reaktionärer Gesinnung mit einer stark irrationalen und religiö- sen Prägung. Seine Ideen haben sich später in eine faschistische Richtung entwickelt. Schließlich hat auch der berühmte Philosoph D. José Ortega y Gas- set (1883-1955) in jener Zeit mit der PSOE zusammengearbeitet und in vielen Reden und Aufsätzen seine Zuneigung zum Sozialismus ge- äußert. Aber auch seine Philosophie war nicht am Marxismus, son- dern am Neokantianismus (er hatte 1906 bei Cohen in Marburg stu- diert) und an Nietzsches Vitalismus orientiert. Während der zwei- ten Republik (1931-1939) hat er immer als Republikaner und Libe- raler gewirkt. Nach dem Krieg ist er gelegentlich zurück nach Spanien gekommen und hat Vorlesungen außerhalb der Universität, im sogenannten Institute de humanidades, gehalten, die der neuen "humanistischen" spanischen Philosophie (Escuela de Madrid: J. Marias, J. Ferrater Mora, J.L. Aranguren...) zugrunde liegen. 6) Von einem akademisch wirksamen Marxismus kann eigentlich nur für kurze Zeit während des Krieges im Fall Julian Besteiro gesprochen werden, der eine "kantianische" Aneignung des Marxismus, dem Positivismus fern und dem Austromarxismus sehr nah, entwickelt hat. Besteiro starb 1940 im Gefängnis. 7) Die Kenntnis des Marxismus war unter den spanischen Intellektuel- len dieser Zeit sehr gering. Die Verbreitung der marxistischen Quellen in den sozialistischen Kreisen stieß auch auf sprachliche Hindernisse. Sehr wenige kannten damals die deutsche Sprache; die Bücher kamen meistens in französischen Übersetzungen an, und der Einfluß des französischen Sozialismus, z.B. Guesde, Lafargue, war ziemlich groß. Vom deutschen Sozialismus ist die hohe Einschät- zung der Rolle des Staates bei Lassalle - die keineswegs gut zu den spanischen Verhältnissen paßt - durch Guesde besonders be- kannt. Nach der Jahrhundertwende sind manche Werke Kautskys über- setzt worden, besonders aus dem Französischen. 8) Selbst die Werke von Marx und Engels, sogar das "Manifest der Kommunisti- schen Partei", sind fast nie unmittelbar aus dem Deutschen, son- dern aus den französischen Übertragungen übersetzt worden. 9) Fernandez Buey stellt fest: "So ist der spanische marxistische Sozialismus in den Jahren der Zweiten Internationale auf die or- ganisatorische Minderheit unter den Arbeitern beschränkt, ohne feste Gruppe in den größten industrialisierten Gegenden (Katalonien, z.B.), zum Gebrauch der französischen Sprache beim Lesen der Marxschen Werke und in den europäischen Kontakten ge- zwungen, immer in Verhältnissen mit den berühmten, meistens vom Krausismus geprägten, Intellektuellen verhaftet und immer in öko- nomischen Schwierigkeiten bei Veröffentlichungen, ... so ist er unter theoretischem Gesichtspunkt sehr wenig produktiv gewesen." 10) In den letzten Jahren vor dem Bürgerkrieg (20er und 30er Jahre) gab es im kommunistischen Bereich eine starke Tendenz zu umfas- senderer Veröffentlichung marxistischer Werke, besonders im Rah- men der Biblioteca International, von der kommunistischen Partei Spaniens - PCE - betrieben. Aus den Jahren vor und während des Krieges stammen die meisten Veröffentlichungen der Marxschen und Engelsschen Werke: "Manifest der Kommunistischen Partei", "Anti- Dühring", "Das Kapital", "Der Ursprung der Familie, des Privatei- gentums und des Staates"; dies gilt auch für Lenin, Bucharin, Trotzki, Plechanov, R. Luxemburg u.a., die seinerzeit als Klassi- ker des Marxismus galten. Zwei Zeitschriften verbreiteten damals die marxistische Lehre: "Comunismo" (1931-34, PCE) und "Leviatan" (1934-36, PSOE). 11) Trotz seiner weiten Verbreitung und der Konkurrenz des Anarchis- mus (Bakuninismus) hat der spanische Marxismus im kommunistischen Bereich keine große theoretische Bedeutung erreicht. Kommunisti- sche Führer wie José Diaz, Dolores Ibarmri, Enrique Lister u.a. hatten keine ausreichende theoretische Bildung, und ihr Marxis- mus-Verständnis war streng marxistisch-leninistisch bzw. stalini- stisch. Noch in jüngster Zeit weist ein bekannter Parteiführer, Santiago Carrillo, der im Exil Zeit zum Studium gehabt hat, die- sen Mangel an theoretischer Bildung auf. 12) Gleichzeitig gab es in der PSOE eine spezifische Marxismus-Lese- weise, die leidenschaftliche und intuitive Neigungen zu revolu- tionärer Praxis bevorzugte und die Diskussion der streng theore- tischen Probleme verwarf. Nur politischen, taktischen, strategi- schen Streitfragen war genug Raum gegeben, z.B. dem Problem der Beziehungen zwischen Staat und Nation, der Analyse der Bedürf- nisse der industrialisierten Arbeiter und der Landarbeiter (jornaleros), den Orientierungen der spanischen Bourgeoisie in Europa usw. Diese Debatten hatten immer einen moralischen Ton, der nicht zur wissenschaftlichen Gesinnung des orthodoxen Marxis- mus paßte und deutlich auf seinen liberalen und aufklärerischen Ursprung verwies. Entsprechend hat L. Araquistain seine "Spielerei mit Marx in Leviatan" ironisiert. 13) Nach dem Krieg und während der langen Jahre des Franco-Regimes kam es in Spanien zu einer ungeheuren Unterdrückung, die diese Literatur ganz und gar vernichtet hat. Das Verschwinden des Mar- xismus, der Marxschen Werke und Schriften, war vollständig. Von 1939 bis 1960 gab es kein Buch eines spanischen Verfassers über marxistische Philosophie, und diese theoretische Richtung hat bei Julian Marias, dem berühmten Schüler von Ortega y Gasset, kaum Beachtung gefunden. 14) Doch im Gegensatz hierzu bemerkt man seit 1956 Änderungen. Der Marxismus wird mehr und mehr zu einer alternativen, im strengen Sinne zwar wenig bekannten, aber von vielen mitgeteilten Lehre; besser gesagt, der Marxismus wirkt überall als Lehre der Opposi- tion, d. h. der linken Parteien und Organisationen wie PSOE und PCE. Diese Verknüpfung zwischen dem Marxismus im theoretischen Sinn und der politischen Praxis der linken Parteien hat die uner- wartete Folge gehabt, daß später, schon in der Demokratie, die Unzufriedenheit der Öffentlichkeit mit diesen Parteien auch die Entfernung vom Marxismus mit sich gebracht hat. Demzufolge er- scheinen die öffentliche Absage der PSOE an den Marxismus im Jahre 1979 15) und der Zusammensturz und das Zerbrechen der PCE seit 1982 als neue Beweise der Erschöpfung der marxistischen Lehre. 16) Vor diesen letzten Ereignissen, am Anfang der 60er Jahre, hatte der Marxismus ein breites Publikum gefunden, unter anderem bei manchen demokratischen Professoren, Juristen oder Rechtswissen- schaftlern, Naturwissenschaftlern und Historikern, deren Bildung nicht marxistisch, auch nicht antimarxistisch, sondern eher eklektisch war, d.h., sie verbanden die marxistische Idee mit weitreichenden Varianten des Neopositivismus und Formalismus, Funktionalismus und sogar Pragmatismus. In dieser Hinsicht sind Intellektuelle zu nennen wie Enrique Tierno Galvan, der spätere Madrider Bürgermeister, Raul Morodo, Elias Diaz u.a. 17) Großen Einfluß hatten auch die katholischen Kreise, die in ihren Bestre- bungen, eine emanzipatorische Lehre zu entwickeln, zu Marx ten- dierten. Einrichtungen wie "Fe y Secularidad" (Glaube und Säkula- rität, ein Institut der Jesuiten), Verlage wie "Sigueme" in Sala- manca bilden die religiöse Herkunft mancher spanischen Autoren der Zeit, die mit einem spezifischen Charakter ihren "humanistischen Marxismus" geprägt haben. Man darf nicht verges- sen, daß der Katholizismus fast bis heute die offizielle spani- sche Religion gewesen ist, deren Schulstudium verpflichtend war. Deswegen hat die religiöse Rezeption des Marxismus keinen Kon- flikt in den jüngeren Generationen ausgelöst. Vielmehr ist dies die gewöhnliche Weise, wie die Jüngeren zum Marxismus gekommen sind. Eine Zeitschrift wie "Praxis" (Córdoba, 1960) belegt dies. Wie gesagt, ist dieser Marxismus unklar, vom Elektizismus ge- prägt; er bewegt sich in der Nähe des Neopositivismus und hat meist methodologische Aspekte in den Einzelwissenschaften (Geschichte, Soziologie usw.) hervorgehoben, aber keine wirkliche Wirkungen in der theoretischen Arbeit, in der Philosophie, ent- faltet. Er steht in Beziehung mit dem verschwommenen Marxismus der politischen Praxis der Opposition, die in der Regel eine li- berale oder demokratische - radikal-demokratische - Redeweise be- nutzt (man spricht viel von Freiheit, Volk, Emanzipation, aber sehr wenig von Produktion, sozialen Klassen, Ende des Kapitalis- mus). Noch das Wort S o z i a l i s m u s deutete ganz andere soziale Verhältnisse an, zwar nicht kapitalistische im strengen Sinne, aber doch sehr undeutlich definierte. 18) Unsere Rehabili- tierung und Benutzung des jungen Marx hatte damals spezifische Züge. In dieser Studie müssen auch die Verbannten (exiliados) berück- sichtigt werden, Universitätsprofessoren und Intellektuelle, die während des Krieges nach Mexico oder Frankreich gingen und die nur selten und viele Jahre später nach Spanien zurückkommen konn- ten. Philosophen wie Juan David Garcia Bacca, Adolfo Sanchez Vaz- quez, Wenceslao Roces, Manolo Ballestero u.a. sind in den 50er bis 60er Jahren in Mexico, Caracas (Venezuela), Paris und an an- deren Orten Universitätsprofessoren geworden, und sie bilden das, was die "spanische Kultur im Exil" genannt worden ist. Diese, mindestens die vier oben genannten, hatten sich mit Marx und dem Marxismus beschäftigt, und manchmal haben sie neue For- schungsperspektiven in der Marx-Beschäftigung eröffnet. Am bedeu- tendsten ist J.D. Garcia Bacca (geb. 1901), Verfasser einer tran- sustanciación (Umwandlung) des Marxismus, die die Marxsche Lehre in eine neue Anthropologie und Ontologie - O n t o l o g i e d e r F r e i h e i t - überführt und aufhebt. Dabei tritt die Unbegrenztheit der menschlichen Arbeit (Praxis) in den Vorder- grund oder, anders gesagt, die menschliche Fähigkeit, durch die Tätigkeit alles Bestehende zu verändern, zur Ermöglichung einer radikal n e u e n Ordnung (d.h. u n - b e k a n n t e n, un- möglich vorauszusehen), ohne Entfremdung, aber mit Objektivie- rung. Das Ziel seines Philosophierens ist, die Möglichkeit dieser neuen Ordnung zu denken. Insofern glaubt Garcia Bacca, Marx treu zu bleiben, dessen Gedanken er in neue Formulierungen, die imma- nent p o t e n t i e l l e und dialektische sind, aufnimmt. 19) Sehr bekannt ist A. Sanchez Vazquez (geb. 1915), Professor an der Universität Mexico, für seine Studien in bezug auf die Marxsche Ästhetik, für seinen Kommentar zu den Pariser Manuskripten, für sein Verständnis des Kommunismus als Reich der menschlichen Frei- heit; er zeigt gewisse Ähnlichkeiten mit G. della Volpe. Von be- sonderer Bedeutung ist sein Buch "La filosofia de la praxis", in Mexico 1967 veröffentlicht. 20) Der dritte, W. Roces, auch Pro- fessor in Mexico, ist der Übersetzer der Marxschen Werke, die von der Fondo de Cultura Ecónomica (mexikanischer Verlag) veröffent- licht worden sind. In seiner Jugend hatte er schon die erste gute, unmittelbar aus dem Deutschen stammende Übersetzung des "Kapitals" verfaßt. 21) Er hat auch H e g e l und andere deut- sche Philosophen ins Spanische übersetzt. M. Ballestero, etwas jünger, Professor an der Universität Paris, ist besonders an Sartre und an den Polemiken des französischen zeitgenössischen Marxismus interessiert, teilt aber nicht die Marx-Lektüre Althus- sers. Seine Verteidigung der Dialektik ist auch in bezug auf seine Kritik an Sartres Idealismus - oder was er bei Sartre Idea- lismus nennt - zu sehen. 22) Natürlich haben diese Denker in den Jahren des Franco-Regimes und trotz ihrer Beteiligung in illegalen oppositionellen Zeitschrif- ten wie "Cuadernos de Ruedo Iberico" (Paris), "Realidad" (Rom) kaum Einfluß im Land gehabt. In den 60er bis 70er Jahren zirku- lierten manchmal in Spanien Bücher oder Aufsätze von ihnen, die in Paris veröffentlicht worden waren. Ihre Wirkung war aber ge- ring und nicht öffentlich. Nach ihrer Rückkehr in den letzten Jahren (seit 1977) sind ihre Arbeiten und Werke von den offiziel- len Institutionen gewürdigt worden (Garcia Bacca ist z.B. Doktor "honoris causa" der Universität Madrid), doch bleibt ihr Einfluß bei der Studentenschaft gering; ihre Werke sind bei den heutigen Marx-Forschern nicht gut bekannt. 2. Der verborgene Marxismus in den letzten Jahren ------------------------------------------------- der Diktatur (1962-1975) ------------------------ 1. Seit 1962 haben sich die Verhältnisse in Spanien vollkommen verändert. Die ökonomische Liberalisierung macht die politische Lage noch unerträglicher, der politische und soziale Widerstand widerspricht aber immer mehr der Geschlossenheit des Systems. Die politische Forderung nach Demokratie wird das erste Ziel und schließt fast alle anderen theoretischen und praktischen Fragen aus. In diesen Jahren blieb die offizielle Zensur noch bestehen, mehr und mehr traten aber die Bücher, Arbeiten, Aufsätze über das, was P. Anderson "abendländischen Marxismus" nennt, in den Vorder- grund. 23) In Spanien war dieser besonders ein Zeitschriften-Mar- xismus, d.h., er bestand meist in kleinen Aufsätzen, die poli- tisch-praktisch orientierten. Am Ende dieser Zeitspanne gab es viele Zeitschriften mit linker Orientierung, in denen jüngere Au- toren geschrieben und die Debatte zwischen den verschiedenen Mar- xismus-Deutungen vorangetrieben haben, Zeitschriften wie "El viejo topo" (Barcelona, 1976-1981), "Zona abierta" (Madrid, 1974 ff.), "Materiales" (Barcelona, 1977-78), "Mientrastanto" (Bar- celona, 1979 ff.), "En teoria" (Madrid, 1978 ff.). Man begann auch mit der Veröffentlichung der Marxschen Schriften. Es erschienen viele Ausgaben der Marxschen Werke, bald gut, bald schlecht vorbereitet, mal mit Einleitungen oder Vorworten verse- hen, mal alte Bücher in neuer Edition; zahlreiche marxistische Studien aus Frankreich (Althusser, Balibar u.a.) und Italien (della Volpe, Colletti, Cerroni, besonders Gramsci) wurden in diesen Jahren übersetzt; andere Varianten eines sogenannten so- ziologischen Marxismus (Bottomore), des ethischen Marxismus eines Rubel, einige Arbeiten der Frankfurter Schule (Horkheimer, Ad- orno, Marcuse war schon lange übersetzt) wurden verkauft. Es gab Übersetzungen berühmter Arbeiten zur marxistischen Ökonomie, die aber nie ernsthaft in die ökonomischen Überlegungen eingedrungen sind. Große Teile der europäischen marxistischen Produktion sind in diesen Jahren übersetzt worden. Nur eigene spanische Studien und Bücher, zumal grundlegende, gab es kaum. Was die Philosophie betrifft, ist die Lage etwas anders. Seit dem Ende der 50er Jahre war die anglo-amerikanische Philosophie mehr und mehr präsent. Die meisten demokratischen Intellektuellen, die sich in ihren spezialisierten Gebieten für den Marxismus interes- sierten, lehnten ihn als Gesamtlehre ab. Je heftiger die emanzi- patorischen und utopischen Aspekte des Marxismus verteidigt wur- den, um so eindeutiger wurden seine epistemologischen Folgerungen abgelehnt (beispielsweise bei J. Muguerza). 24) Die Vorherrschaft der anglo-amerikanischen Schule hat freilich auch eine unerwar- tete Folge gehabt: die rasche Übersetzung der angelsächsischen Produktion über Marx und den Marxismus; so sind die Arbeiten von S. Hook, Mc Lellan, Sweezy, Dobb, Hobsbawm und anderen schon in den 60er Jahren übersetzt worden. Gleichzeitig hat die Veröffentlichung der Marxschen und Engels- schen Werke Fortschritte gemacht. Im Jahre 1976 hat nach einer langen Vorbereitungszeit die Veröffentlichung der Übersetzungen der Marx-Engels-Werke (OME), von Grijalbo betrieben und von M. Sacristán geleitet, begonnen. 25) Diese Ausgabe folgt der deut- schen MEW, nur in einzelnen Fällen richtet sie sich nach der MEGA; sie war nicht als kritische Ausgabe geplant, hat aber immer hohes Niveau erreicht, wird mit guten Einleitungen und Annotatio- nen versehen und ist weit besser als jede andere spanische Marx- und-Engels-Ausgabe. Leider konnte das Programm dieser Ausgabe 1981 aus finanziellen Gründen nicht fortgesetzt werden, in einem Moment, wo die marxistische Literatur gerade zurückging. Es waren die wichtigsten Ausgaben schon veröffentlicht worden, es fehlten aber die Manuskripte, Briefwechsel und sekundäre Schriften und Exzerpte. Heute kann man sagen, daß dieser Zustand sich nicht ge- ändert hat. Wir haben Übersetzungen der größten Werke, auch der "Grundrisse" und der "Theorien über den Mehrwert", es fehlt aber noch vieles, besonders aus dem Briefwechsel. Anzumerken ist, daß in denselben Jahren der mexikanische Verlag Fondo de Cultura Económica eine Marx-Engels-Ausgabe vorbereitete, die sehr langsam erscheint. Bis jetzt sind einige Bände herausgekommen. 26) Diese Ausgabe ist auf 22 Bände geplant. Ihr Leiter ist W. Roces. Die schwere ökonomische Lage in Mexico ist für die Verzögerung ver- antwortlich. Neben den genannten Ausgaben gibt es einige Anthologien und Über- setzungen in den autonomen Sprachen (euskera und katalan). In den 80er Jahren ist die Tendenz zur Veröffentlichung unterbrochen worden, und neben Lexika und systematischen Anthologien erschien nur "Das Kapital" erneut. Hinsichtlich der bereits erwähnten marxistischen Tendenzen katho- lischer Kreise muß auf eine Zeitschrift dieser Zeit, "Cuadernos para el Diálogo" (Madrid, 1963-1977), hingewiesen werden. Die Zeitschrift wurde von Don Joaquin Ruiz Jimenez, jetzt Volksver- teidiger (Ombudsmann) und damals Parteiführer der christlichen Demokratie, geleitet. In ihr haben viele marxistisch oder christ- lich-marxistisch orientierte Demokraten geschrieben und das be- rühmte diálogo christiano-marxista (christlich-marxistische Ge- spräch) weitergeführt. Wichtiges Moment dieser Debatte war die Unterscheidung eines Marxismus als Moral (Aranguren) gegen einen Marxismus als Wissenschaft (Althusserianer wie Rodriguez Aram- berri, G. Albiac u. a.). Sacristán hat dabei eine spezifische Haltung eingenommen. Das Kollektiv-Buch "Cristianos y marxistas: los problemas de un diálogo", von Jesus Aguirre geleitet, sei als Beispiel dieser Debatte angeführt. 27) Diesen Bestrebungen eng verbunden, sind manche Arbeiten erschienen, die einen religiös verstandenen h u m a n i s t i s c h e n M a r x i s m u s vertreten. 28) Einige der Autoren sind in die PCE eingetreten (der oben zitierte Reyes Mate z. B.) und später zur PSOE gekom- men. Manche tragen jetzt politische Verantwortung im Staat. 2. Unter den wichtigsten Marxisten dieser Zeit müssen M. Sacristán (1925-85) und G. Bueno (geb. 1924) zitiert werden; sie sind beide Universitäts-Professoren und PCE-Mitglieder, unterein- ander nicht in allen Fragen einig, Hauptpersonen einer Debatte über Marxismus und Philosophie und in Spanien sehr bekannt. Bedeutender ist M. Sacristán, Professor an der Universität Barce- lona und Mitglied des Zentral-Komitees der PCE von 1965 bis 1970; 29) der Herausgeber der OME hat vieles aus dem Deutschen über- setzt, nicht nur über den Marxismus, sondern auch vom Neo-Positi- vismus, zur formalen Logik, zur Methodologie der Wissenschaften u. a. m. und aus dem Italienischen; er kannte den italienischen Marxismus (besonders Gramsci, Togliatti) und die italienische Philosophie im allgemeinen sehr gut. In seiner Jugend hatte Sacristán an deutschen Universitäten (Münster und Heidelberg) studiert, wo er sich mit Heidegger be- schäftigte und sich seine Gedanken zum Marxismus entwickelt ha- ben. Nach seiner Rückkehr nach Spanien haben die Schwierigkeiten an der Universität und die politische Unterdrückung neben seiner Tätigkeit in der PCE seine theoretische Arbeit stark belastet. Kurz vor seinem Tod ist sein Werk größtenteils veröffentlicht worden. 30) Sein Marxismus zeigt zwei bestimmte Richtungen: eine kritisch-hi- storische Aneignung der Marxschen Werke und der marxistischen Tradition und eine dauerhafte Beziehung zu den empirischen Wis- senschaften und zur modernen Wissenschaftstheorie. Das Verhältnis zwischen Philosophie und empirischer Wissenschaft steht im Mit- telpunkt seiner Überlegungen. Auf der anderen Seite war Sacristán nicht mit dem neuen Empirismus und Neopositivismus zufrieden, der alle Reflexion in der Wissenschaft beseitigt. Dagegen hat er Gramsci viel Aufmerksamkeit geschenkt und der praktischen Rich- tung inmitten der Wissenschaftstheorie Raum zu verschaffen ver- sucht. Als Marxist hielt er an der Tradition der marxistischen Revoluti- onstheorie fest, wobei er bestimmte Erscheinungen - vor allem den Stalinismus - heftig kritisierte. Seine Kritik war nicht mora- lisch, sondern, so könnte man sagen, m a r x i s t i s c h; er selber war in die Kritik eingeschlossen. In seinem Werk sagte er: "Bei Lukács, wie bei j e d e m k l u g e n K o m m u n i- s t e n, ist alle Kritik am Stalinismus Selbstkritik, weil es nicht überlegt wäre, wenn man sich nicht einer 30 Jahre alten eigenen politischen Vergangenheit solidarisch fühlt, auch wenn man selbst nur 20 Jahre alt wäre." 31) Seine Kritik an Systemen "mit nicht-kapitalistischer Basis" 32) beweist eine feste ideologische Einstellung und gleichermaßen eine sehr strenge "dialektische Angemessenheit", 33) die in dem anti-ideologischen Charakter seines Marxismus, als "vernünftige und konkrete, kriti- sche und anti-ideologische Praxeologie" 34) verstanden, als "vernünftiges Bewußtsein des Sozialismus", 35) wurzelt. Als Philosoph hat er eine ungewöhnliche Meinung über die Möglich- keit der Philosophie vertreten. Sacristán glaubte, daß die Philo- sophie schlechthin - als akademisches Fach - in unserer Zeit kei- nen Sinn mehr habe. Die Philosophen, besonders in einem Land wie Spanien mit seiner scholastischen Tradition, sind "Nichts-Spezia- listen", sie wissen von Nichts und machen daraus ihren Lebensun- terhalt. Dagegen schlägt er vor, das Fach Philosophie abzuschaf- fen und ein Institut für Philosophie zu gründen, wo Einzelwissen- schaftler, besonders Natur- und Sozialwissenschaftler, etwas über Wissenschaftstheorie in nichtpositivistischer Weise lernen und eine Reflexion über ihre eigene Tätigkeit fortsetzen können. Paradoxerweise beherrschte Sacristán in ausgezeichneter Form die Regel der Abstraktion und das, was man die "philosophische Tech- nik" nennen kann. Sein Mißtrauen gegenüber der großen Gefahr der Spekulation und ihrer - im besten Fall - Nichtigkeit, nicht aber Unkenntnis, begründet seine Ablehnung. In den 60er Jahren war diese Debatte sehr bekannt, vor allem als ein anderer marxisti- scher Denker, G. Bueno, eine antithetische Auffassung vertrat. In seiner Antwort auf Sacristáns Vorschläge hat Bueno auf die Bedeu- tung der Philosophie als strenge, kritische Wissenschaft hinge- wiesen und, im Gegenzug, auf die Gefahr des Vergessens der Philo- sophie aufmerksam gemacht. Seit langem ist Bueno Ordinarius für Philosophie in Oviedo; bis zu seinem Tod war Sacristán Professor für Philosophie an der Hochschule für Wirtschaft. In Barcelona leitete Sacristán die Zeitschrift "Mientrastanto", früher "Materiales", in der er und seine Schüler jahrelang ge- schrieben haben. Die Zeitschrift hat in den letzten Jahren mehr und mehr ökologische Probleme und Fragen des Friedens behandelt und feste Verbindungen mit den ökologischen Gruppen und der Frie- densbewegung angeknüpft, ohne aber ihre marxistische Grundlehre zu verlassen. Mitarbeiter der Zeitschrift und alte Schüler Sacristáns sind A. Domenech, F. Fernandez Buey, J.R. Capella u.a. In Oviedo hat G. Bueno seine eigene Schule gebildet. Sein Marxis- mus ist eher als orthodox beziehungsweise akademisch zu bezeich- nen; sein Kern besteht im Materialismus-Problem im ontologischen und epistemologischen Sinne. 36) In seinem bedeutendsten Werk "Ensayos materialistas" 37) hat er eine "materialistische Ontolo- gie" zu erarbeiten versucht. In den letzten Jahren arbeitet er an einer materialistischen Deutung der Religion und hat mit viel Er- folg epistemologische Kongresse in Oviedo organisiert. Er leitet eine Zeitschrift ("El Basilisco", Oviedo, 1978 ff.), in der re- gelmäßig gute Aufsätze über verschiedene Fragen des heutigen Den- kens (Philosophie, Anthropologie, Ethnologie usf.) erscheinen. Neben diesen zwei Persönlichkeiten und ihren Schülern gibt es weitere Gruppen auf weniger hohem Niveau und vereinzelte Forscher marxistischer Herkunft oder am Marxismus Interessierte, die aber weniger Widerhall finden. Am Ende der 70er Jahre gab es in Madrid eine Gruppe ("Marxismo madrileno"), zu der L. Paramio, G. Albiac, V. Bozal u.a. gehörten. Anders als in Barcelona und Oviedo standen diese unter starkem Einfluß des französischen Marxismus, besonders Althussers. Heute sind sie entweder zur PSOE gewechselt (Paramio z. B. und seine Zeitschrift "Zona abierta") oder radika- ler geworden (Albiac z. B.). Die Krise des Marxismus, wie Althus- ser selbst sie gesehen hat, wirkte auf sie sehr stark. 38) In diesen Kreisen herrscht, nach dem französischen Modell, jetzt die Wendung der Marxisten zu Spinoza. Aus den linken Kreisen der PSOE (Izquierda socialista) sind man- che Arbeiten über den revolutionären Marxismus unseres Jahrhun- derts, im besonderen über R. Luxemburg, zu nennen. 39) Ende der 70er Jahre hat die der PSOE nahestehende Zeitschrift "Sistema" (Madrid, 1973 ff.) manche Aufsätze über Marxismus unter soziolo- gischen Aspekten veröffentlicht und Forschungen zum sogenannten demokratischen Sozialismus (d. h. Adler, Bauer, Austromarxismus u.a.) unterstützt. 40) Jetzt wendet sie sich nach und nach den soziologischen Arbeiten von Habermas und den philosophischen An- sätzen Apels u.a. zu. 41) 3. Der Übergang zur Demokratie und unter dem Banner der PSOE ------------------------------------------------------------ (1976-1986) ----------- Seit Ende der 70er Jahre ist die Nachfrage nach Marxismus plötz- lich zurückgegangen. 1981 war die OME-Ausgabe unterbrochen wor- den; 1983 wurde das Marx-Jubiläum institutionell bei weitgehender Abwesenheit von Studenten und Gesellschaft gefeiert (z.B. in Ma- drid, wo der Universitätsrektor eine schöne Kundgebung organi- sierte, zu der kaum Studenten gekommen sind). Gleichzeitig hat eine ganz andere Philosophie, besonders Neonietzscheaner wie Sa- vater oder Postmodernisten wie Rubert de Ventós, Trías u.a., Ver- nunft-Kritiker wie Subirats, den theoretischen Raum besetzt. Zu Beginn des demokratischen Übergangs setzte sich noch die Ten- denz der Marx-Veröffentlichungen fort, ging aber weiter zurück, und nur "Das Kapital" und einige andere Arbeiten ("Die Grund- risse" sogar) kamen noch in den 80er Jahren heraus. Bald ausver- kauft, wie früher, sind sie nicht mehr. Marx und der Marxismus verschwinden aus den Buchhandlungen, und langsam verschwindet auch der eigentliche linke Diskurs, dessen Raum von ganz anderen Auffassungen eingenommen wird. Nach dem marxistischen "Fieber" der 60er bis 70er Jahre kommt die Stunde der Veröffentlichung nur noch für wenige wichtige Arbeiten: Sraffa, Cacciari, Negri, Man- del... Statt dessen hat die weite Verbreitung neuer französischer philosophischer Strömungen Konjunktur (das spanische Denken, be- sonders in Madrid, war immer stark vom französischen Denken be- einflußt), bei gleichzeitigem Verschwinden des Marxismus Althus- sers und raschem Auftreten der poststrukturalistischen oder post- modernen Ideen (Foucault, Bataitte, Lyotard u. a.). In Barcelona, wo der Einfluß der italienischen Philosophie größer war, hat Col- lettis Zurückweisung des Marxismus großen Eindruck gemacht. Zu- sammengefaßt könnten wir P. Anderson zustimmen: intellektuell ist die spanische Marxismus-Krise ein Subprodukt der französischen und italienischen Krise. 42) Philosophisch ist heute die Herrschaft der anglo-amerikanischen Wissenschaftstheorie unumstritten, und sie wird noch mächtiger. Obwohl in letzter Zeit manche Arbeiten, z. B. Doktor-Dissertatio- nen über Marx, erschienen sind, 43) kann man sagen, daß gegenwär- tig der Marxismus zu wenig Raum in der wissenschaftlichen For- schung einnimmt. Es fehlen grundsätzliche Arbeiten, die den Aus- gangspunkt des "künftigen Marxismus des 21. Jahrhunderts", von dem Sacristán 1983 sprach, 44) bilden können. Der zweifache Wahlsieg der PSOE (1982 und 1986) hat zwiespältige Folgen für die Ausweitung des Marxismus in Spanien gehabt. Einer- seits befestigte ihre Ablehnung des Marxismus als "Glaubenslehre" die genannten Tendenzen. Nicht weniger hat ihre Ersetzung des noch verbleibenden Marxismus durch einen soziologischen Pragma- tismus in diese Richtung gewirkt. Als Auswirkung des sozialisti- schen Handelns hat die Enttäuschung der zuvor linken Intellektua- lität die öffentliche Gleichgültigkeit dem Marxismus gegenüber vergrößert. Heute werden die Postmodernen oder ihre Vorgänger (daran, Colli, Nietzsche und die Neonietzscheaner, der späte Wittgenstein) viel häufiger als Marx gelesen. Andererseits ist jetzt von der PSOE-Regierung in den Schulen und anderen pädagogi- schen Einrichtungen die Beschäftigung mit Marx als Teil des großen modernen europäischen Denkens eingeführt worden. Dies be- deutet, daß grundsätzlich in den Gymnasien (Bachillerato), an den Hochschulen, besonders in Fächern wie Geschichte, Soziologie, Geographie, ein Schul-Marx und -Marxismus - mit dem Ergebnis grö- ßerer Nachfrage nach billigen Marx-Ausgaben, Anthologien, Lexika, Taschenbuch-Ausgaben - unterrichtet wird. Unter den Historikern gibt es eine breite Schule der Sozialgeschichte, die die Grund- sätze der marxistischen geschichtlichen Methodologie, unter be- sonderer Berücksichtigung der ökonomischen Analyse, erfolgreich in Anspruch nimmt (M. Tunón de Lara, Santos Juliá, J. Fontana u.a.). Es ist auch nicht zu verkennen: Marx und der Marxismus sind in den kulturellen Einrichtungen, den kulturellen Veranstaltungen der Rathäuser, der Gemeinden präsent; nicht in den Massenmedien (Radio, Fernsehen ...) und, auf Grund ihrer Geschichte, noch nicht in der Universität und in der wissenschaftlichen Forschung. _____ 1) Preston, P., Introducción al Leviatán, Antología, Madrid, Tur- ner, 1972. Araquistain, L., El pensamiento español contemporáneo, Buenos Aires, Losada, 1962. Ribas, P., La introducción del mar- xismo en España, Madrid, ed. de la Torre, 1981. 2) Ribas, P., Análisis de la difusión de Marx en España, in: An- thropos, 33-34, 1984, S. 58-63. 3) Castillo, J.J., Jaime Vera, Ciencia y proletariado, Madrid, Edicusa, 1973. Jimenez Araya, T., La introducción del marxismo en España: el informe de Jaime Vera à la Comisión de Reformas Socia- les, in: Anales de Economia, 1972. Perez Ledesma, M., Pensamiento socialista espanol a comienzos de siglo, Madrid, ed. del Centro, 1974. 4) Vgl. Jimenez Araya, T., a.a.O. 5) Diaz, E., Revision de Unamuno. Análisis critico de su pensa- miento politico, Madrid, Tecnos, 1968. Perez de la Dehesa, R., Politica y sociedad en el primer Unamuno, Barcelona, Ariel, ² 1973. 6) Ferrater Mora, J., Ortega y Gasset, Barcelona, Seix Barral, 1973. Lalcona, J. F., El idealismo politico de Ortega y Gasset, Madrid, Edicusa, 1974. Elorza, A., La razón y la sombra. Una lec- tura política de Ortega, Barcelona, Anagrama, 1984. 7) Bizcarrondo, M., Julian Besteiro: socialismo y democracia, in: Revista de Occidente 94, 1971, S. 61-76. Lamo de Espinosa, E., Filosofia y politica en J. Besteiro, Madrid, 1973. Saborit, A., El pensamiento politico de J. Besteiro, Madrid, 1974. ':.-.- 8) Ribas, P., a.a.O., Anthropos, S. 29 ff. 9) Ribas, P., La Introducción del marxismo en Espana, a.a.O., bes. S. 29 ff. u. 141 ff. 10) Marxismo en Espana, in: Sistema, 66, 1985, S. 33. 11) Revista Comunismo, Antologie, hrsg. v. Jesus Perez, Barce- lona, Fontamara, 1978. Leviatan, reprog. Nachdruck, hrsg. v. M. Bizcarrondo, Glashütten im Taunus, 1974. 4 Bde. 12) Siehe z.B. sein Buch Eurocomunismo y Estado, Barcelona, Gri- jalbo, 1977. 13) Araquistain, L., a.a.O., S. 95-96. 14) Diaz, E., La filosofia marxista en el pensamiento español ac- tual, in: Anthropos, 33-34, 1984, S. 64. 15) Beim XXVIII. Kongreß (Mai 1979) hatte F. Gonzalez die Zurück- weisung des Marxismus gefordert. Als sich gegen seine Vorschläge, der marxistische Flügel (Prf. Bustelo) durchsetzte, nahm F. Gonzalez seinen Abschied. Wenig später, im September (Sonder-Kon- greß), wurde die Ablehnung des Marxismus vom Kongreß bestätigt. 16) Die PCE hatte schon 1978 (IX. Kongres) den Leninismus abge- lehnt und was dabei unter Euro-Kommunismus verstanden wurde, blieb immer sehr undeutlich. Von 1978 bis 1982 ist die Partei zerbrochen und die damalige Stärke der PCE ist verlorengegangen. Ab 1982 geht dieser Prozeß zu Ende. 17) La filosofia actual en España, in: Zona Abierta, 3, 1975, Ex- tra-Nummer, bes. S. 95 ff. Diaz, E., Pensamiento español en la era de Franco, Madrid, Tecnos, 1983. 18) Der Kern der politischen Diskussion war zu diesem Zeitpunkt die Demokratie (es gibt eine umfangreiche Literatur über "Sinn der Demokratie", "Grenze der Demokratie", "Notwendigkeit der De- mokratisierung in Spanien" usw.), aber nicht der Sozialismus. Im letzten Jahr ist die damals fehlende Diskussion in der neuen PSOE-Zeitschrift Leviatan, Neue Folge, unter dem Namen A. Sanchez Vazquez vertreten (Reexamen de la idea de socialismo, in: Levia- tan, 21, 1985). 19) Die Bibliographie dieses Autors ist ungeheuer breit. Man kann in Anthropos ein gutes Resümee finden: Nr. 29-30 u. 31-32, 1983, bes. S. 22ff. 20) Sanchez Vazquez, A., El marxismo contemporáneo y el arte, in: Cuadernos de Ruedo Iberico, 3, 1965. Ideas esteticas en los Ma- nuscritos económico-filosóficos de Marx, in: Dianoia, Mexico, 1961, und Realidad, 2, 1963. Las ideas esteticas de Marx, Mexico, Era, 1965. Del socialismo cientifico al socialismo utopico, Me- cico, Era, 1975. Ciencia y revolución, Madrid, Alianza, 1978. 21) Madrid, ed. Cenit, 1934. Band I. 22) Ballestero, M., Un debate sobre la dialéctica, in: Realidad, 1, 1963. Hegel, el joven Marx y el marxismo, in: Realidad, 10, 1966. Marx o la crítica como fundamento, Madrid, Ciencia Nueva, 1967. La revolución del Espiritu (tres pensamientos de libertad), Madrid, s. XXI, 1970. Crítica y marginales, Barcelona, Barral editores, 1974. 23) Anderson, P., Consideraciones sobre el marxismo occidental, Madrid, s. XXI, 1979. Tras las huellas del materialismo histó- rico, Madrid, s. XXI, 1986. 24) J. Muguerza, Verfasser einer Anthologie der analytischen Phi- losophie (La concepcion analitica de la filosofia, Madrid, Ali- anza, 1974, 2 Bde.) hat seine Zuneigung zum Marxismus vielfach wiederholt. La razón sin esperanza, Madrid, Taurus, 1977. 25) Obras de Marx y Engels (OME), unter der Leitung von M. Sacristán, Barcelona, Grijalbo, 1976 ff. Die Ausgabe war auf 68 Bände geplant, von denen nur die folgenden veröffentlicht worden sind: Bd. 5, Manuscritos de Paris. Anuarios franco-alemanes (1844). Bd. 6, La Sagra-da Familia. La situación de la clase ob- rera en Inglaterra. Otros escritos de 1845-6. Bd. 9, Ma-nifiesto del Partido Comunista. Articulos de la "Nueva Gaceta Renana", I (1847-8). Bd. 10, Articulos de la "Nueva Gaceta Renana" II (1848). Bd. 21 u. 22, Lineas fundamentales de la crítica de la Economia Politica ("Grundrisse"). Bd. 35, La Subversión de la ciencia por el señor Eugen Dühring ("Anti-Dühring"). Bd. 36, Dialectica de la Naturaleza. Bd. 40 u. 41, El Capital. Critica de la Economia Politica. Libro I: El proceso de produccion del capi- tal. Bd. 42, idem, Libro II: el proceso de circulación del capi- tal. Bd. 45, Teorias sobre la plusvalia. Primera parte: capitulo primero hasta séptimo y anexos. 26) Obras fundamentales de Marx y Engels, unter der Leitung von W. Roces, Mexico, FCE, 1980 ff. Bis jetzt sind folgende Bände veröffentlicht worden: Bd. l, Escritos de juventud. Bd. 12, 13 u. 14, Teorias sobre la plusvalia. 27) Madrid, Alianza, 1969, mit Beiträgen von J. Aguirre, K. Rah- ner, L. Lombardo-Radice, J. Girardi, M. Machovcec, G. Mury, J.B. Metz, L. Althusser, M. Sacristán u. J.L. Aranguren. 28) Fierro, A. und Reyes Mate, Cristianos para el socialismo, Verbo Divino, 1975. 29) Moran, G., Miseria y grandeza del Partido Comunista de Es- paña, 1939-1985, Barcelona, Planeta, 1986, bes. S. 322 ff. 30) Panfletos y materialies, Barcelona, Icaria, 1983 ff., 4 Bände. 31) Ebenda, Bd. l, S. 244. 32) Ebenda, S. 251. 33) Fernandez Buey, Fr., Marxismo en España, a.a.O., S. 39. 34) Sacristán, M., a.a.O., Bd. l, S. 81. 35) Ebenda, S. 129. 36) El papel de la filosofía en el conjunto del saber, Madrid, Ciencia Nueva, 1970. Etnología y utopia, Valencia, Azanca, 1971. Ensayo sobre las categorías de la economía política, Barcelona, 1972. La metafísica presocrática, Oviedo, Pentalfa, 1974. 37) Madrid, Taurus, 1972. 38) Siehe die Übersetzung von Althussers Aufsatz, La crisis del marxismo, in: El viejo topo, 17, 1978, S. 34. 39) Gomez Llorente, L., Rosa Luxemburgo y la scialdemocracia ale- mana, Madrid, Edicusa, 1975. 40) Unter anderen Zapatero, V., Socialismo y etica. Textos para un debate. Madrid, Debate, 1980. 41) 1984 war Habermas von G. Peces Barba (PSOE) eingeladen, eine Rede im spanischen Parlament zu halten. Siehe Habermas, J., Die neue Unübersichtlichkeit, Frankfurt, Suhrkamp, 1985. S. 141 ff. 42) Tras las huellas del materialismo histórico, a.a.O., z.B. stimmt eine außerordentliche Zeitschrift wie Debats (Valencia, 1982 u. ff.) ohne weiteres den französischen oder deutschen The- sen über die Krise des Marxismus und die Postmodernität zu und gibt die wichtigsten Aufsätze wieder. Siehe Nr. 14 (1985) mit Beiträgen von A. Wellmer, P. Glotz u. a. 43) Fernandez Buey, Fr., Contribución a la critica del marxismo cientificista, Barcelona, 1984. Martinez Marzoa, F., La filosofía de El Capital, Madrid, Taurus, 1983. Meine eigene Arbeit El con- cepto de libertad en la obra de K. Marx, Madrid, 1982. 44) El Marx que se leerá en el siglo XXI, in: El Pais, suplemento dominical, 14 de marzo de 1983. zurück