Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 12/1987
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BESCHÄFTIGUNG MIT MARX UND ENGELS IN SPANIEN
Monserrat Galceran Huguet
1. Allgemeine Entwicklungstendenzen bis in die 60er Jahre dieses
Jahrhunderts - 2. Der verborgene Marxismus in den letzten Jahren
der Diktatur (1962-1975) - 3. Der Übergang zur Demokratie und un-
ter dem Banner der PSOE (1976-1986)
1. Allgemeine Entwicklungstendenzen bis in die 60er Jahre
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dieses Jahrhunderts
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Die theoretische Armut des spanischen Sozialismus - schon zu Zei-
ten des späten Engels - ist seit je betont worden. Gegenwärtig
gibt es viele Arbeiten, die die Ursachen dafür klarzustellen ver-
suchen. 1) Im wesentlichen können folgende Gründe angeführt wer-
den: Schwäche des Marxismus und des Einflusses der ersten Inter-
nationale; geringe marxistische Tradition bei den spanischen In-
tellektuellen; Überlegenheit des Anarchismus, besonders in Län-
dern wie Katalonien, Andalusien ...; Zurückweisung von Politik
und politischer Praxis.
Gleichwohl ist es bekannt, daß J. Mesa seit 1873 gute Beziehungen
zu Marx und Engels gehabt hat, obwohl die Spanier Persönlichkeit
und Lebensweise von Marx und Engels nie gut verstanden haben
(Pablo Iglesias z.B. hat Engels nie per "Du", sondern im Brief-
wechsel immer per "Sie" angesprochen, bis Engels verärgert war).
Die Beziehungen zu Marx, Engels und zur ersten Internationale wa-
ren aber durch die Tätigkeit Lafargues, der in Madrid längere
Zeit (1871/72) gewesen ist, fest gesichert.
Andererseits sind die guten Beziehungen der spanischen Arbeiter-
bewegung zu Bakunin, besonders in Katalonien, vielfach untersucht
worden, und gewöhnlich wird die Ablehnung der Politik seiner Wir-
kung zugerechnet. In letzter Zeit hat allerdings P. Ribas in sei-
nen Arbeiten über die Rezeption des Marxismus in Spanien auf die
Enttäuschung der Arbeiterbewegung durch die Politik jener Zeit
hingewiesen. 2) Ihm zufolge ist die Zurückweisung der Politik,
die seit 1870 die spanische Arbeiterbewegung kennzeichnet, nicht
nur als Folge der Wirkung Bakunins und Fannellis bei den spani-
schen Arbeitern zu verstehen, sondern als Folge ihrer Enttäu-
schung durch die politische Praxis der berühmten liberalen und
republikanischen Politiker, besonders der progressivsten, die
ihre Versprechungen und Hoffnungen nie erfüllt haben. Dies bedeu-
tet, daß die Ablehnung der Politik nicht die Folge, sondern die
Voraussetzung des großen Einflusses des Anarchismus gewesen ist,
deren Ursache die Ablehnung einer Bonzen-Politik (caciquismo)
war. Die atypische spanische Geschichte der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts, gekennzeichnet durch militärischen Putsch
(pronunciamientos) und die Alternanz von konservativen und libe-
ralen Parteien (Cánovas-Sagasta), muß unter diesem Gesichtspunkt
gewertet werden.
Was die Intellektuellen betrifft, waren sie kaum an Marxismus und
Sozialismus interessiert. In der spanischen sozialistischen Ar-
beiterpartei, der 1879 gegründeten PSOE, sind in dieser Hinsicht
nur zwei wichtige Persönlichkeiten zu nennen: Jaime Vera (1859-
1918), ein Arzt, der die deutsche Sprache kannte und manche Marx-
sche und Engelssche Schriften im Original gelesen hatte, 3) und
Miguel de Unamuno (1864-1936), dessen marxistische Kenntnisse
sehr gering waren. Von Vera haben wir einen berühmten Antrag
("Informe"), den er 1884 als Vertreter der sozialistischen Gruppe
aus Madrid an das Büro für soziale Reformen gerichtet hat. Dieser
ist, wie seine Rede an die Arbeiter, 4) ein Musterbeispiel eines
evolutionären, stark positivistisch geprägten Marxismus, der aber
aus unmittelbarer Marx-Kenntnis hervorgeht und wichtige Probleme
aufwirft, z. B. die Frage nach dem Verhältnis zwischen Wissen-
schaft und Proletariat (Sozialismus). M. de Unamuno hat in dieser
Zeit mehrere kleine Aufsätze in deutschen Zeitschriften wie "Der
Sozialistische Akademiker" und "Sozialistische Monatshefte" ge-
schrieben. Seine Philosophie kommt aber nicht von Marx und Engels
her; vielmehr ist er Anhänger Kierkegaards und Schopenhauers. Au-
ßerdem waren seine sozialistischen Neigungen nur von kurzer Dauer
und sind ohne theoretische Folgen geblieben. 5) Der Sozialismus
des jungen Unamuno war eine Mischung von revolutionärem Geist und
reaktionärer Gesinnung mit einer stark irrationalen und religiö-
sen Prägung. Seine Ideen haben sich später in eine faschistische
Richtung entwickelt.
Schließlich hat auch der berühmte Philosoph D. José Ortega y Gas-
set (1883-1955) in jener Zeit mit der PSOE zusammengearbeitet und
in vielen Reden und Aufsätzen seine Zuneigung zum Sozialismus ge-
äußert. Aber auch seine Philosophie war nicht am Marxismus, son-
dern am Neokantianismus (er hatte 1906 bei Cohen in Marburg stu-
diert) und an Nietzsches Vitalismus orientiert. Während der zwei-
ten Republik (1931-1939) hat er immer als Republikaner und Libe-
raler gewirkt. Nach dem Krieg ist er gelegentlich zurück nach
Spanien gekommen und hat Vorlesungen außerhalb der Universität,
im sogenannten Institute de humanidades, gehalten, die der neuen
"humanistischen" spanischen Philosophie (Escuela de Madrid: J.
Marias, J. Ferrater Mora, J.L. Aranguren...) zugrunde liegen. 6)
Von einem akademisch wirksamen Marxismus kann eigentlich nur für
kurze Zeit während des Krieges im Fall Julian Besteiro gesprochen
werden, der eine "kantianische" Aneignung des Marxismus, dem
Positivismus fern und dem Austromarxismus sehr nah, entwickelt
hat. Besteiro starb 1940 im Gefängnis. 7)
Die Kenntnis des Marxismus war unter den spanischen Intellektuel-
len dieser Zeit sehr gering. Die Verbreitung der marxistischen
Quellen in den sozialistischen Kreisen stieß auch auf sprachliche
Hindernisse. Sehr wenige kannten damals die deutsche Sprache; die
Bücher kamen meistens in französischen Übersetzungen an, und der
Einfluß des französischen Sozialismus, z.B. Guesde, Lafargue, war
ziemlich groß. Vom deutschen Sozialismus ist die hohe Einschät-
zung der Rolle des Staates bei Lassalle - die keineswegs gut zu
den spanischen Verhältnissen paßt - durch Guesde besonders be-
kannt. Nach der Jahrhundertwende sind manche Werke Kautskys über-
setzt worden, besonders aus dem Französischen. 8) Selbst die
Werke von Marx und Engels, sogar das "Manifest der Kommunisti-
schen Partei", sind fast nie unmittelbar aus dem Deutschen, son-
dern aus den französischen Übertragungen übersetzt worden. 9)
Fernandez Buey stellt fest: "So ist der spanische marxistische
Sozialismus in den Jahren der Zweiten Internationale auf die or-
ganisatorische Minderheit unter den Arbeitern beschränkt, ohne
feste Gruppe in den größten industrialisierten Gegenden
(Katalonien, z.B.), zum Gebrauch der französischen Sprache beim
Lesen der Marxschen Werke und in den europäischen Kontakten ge-
zwungen, immer in Verhältnissen mit den berühmten, meistens vom
Krausismus geprägten, Intellektuellen verhaftet und immer in öko-
nomischen Schwierigkeiten bei Veröffentlichungen, ... so ist er
unter theoretischem Gesichtspunkt sehr wenig produktiv gewesen."
10)
In den letzten Jahren vor dem Bürgerkrieg (20er und 30er Jahre)
gab es im kommunistischen Bereich eine starke Tendenz zu umfas-
senderer Veröffentlichung marxistischer Werke, besonders im Rah-
men der Biblioteca International, von der kommunistischen Partei
Spaniens - PCE - betrieben. Aus den Jahren vor und während des
Krieges stammen die meisten Veröffentlichungen der Marxschen und
Engelsschen Werke: "Manifest der Kommunistischen Partei", "Anti-
Dühring", "Das Kapital", "Der Ursprung der Familie, des Privatei-
gentums und des Staates"; dies gilt auch für Lenin, Bucharin,
Trotzki, Plechanov, R. Luxemburg u.a., die seinerzeit als Klassi-
ker des Marxismus galten. Zwei Zeitschriften verbreiteten damals
die marxistische Lehre: "Comunismo" (1931-34, PCE) und "Leviatan"
(1934-36, PSOE). 11)
Trotz seiner weiten Verbreitung und der Konkurrenz des Anarchis-
mus (Bakuninismus) hat der spanische Marxismus im kommunistischen
Bereich keine große theoretische Bedeutung erreicht. Kommunisti-
sche Führer wie José Diaz, Dolores Ibarmri, Enrique Lister u.a.
hatten keine ausreichende theoretische Bildung, und ihr Marxis-
mus-Verständnis war streng marxistisch-leninistisch bzw. stalini-
stisch. Noch in jüngster Zeit weist ein bekannter Parteiführer,
Santiago Carrillo, der im Exil Zeit zum Studium gehabt hat, die-
sen Mangel an theoretischer Bildung auf. 12)
Gleichzeitig gab es in der PSOE eine spezifische Marxismus-Lese-
weise, die leidenschaftliche und intuitive Neigungen zu revolu-
tionärer Praxis bevorzugte und die Diskussion der streng theore-
tischen Probleme verwarf. Nur politischen, taktischen, strategi-
schen Streitfragen war genug Raum gegeben, z.B. dem Problem der
Beziehungen zwischen Staat und Nation, der Analyse der Bedürf-
nisse der industrialisierten Arbeiter und der Landarbeiter
(jornaleros), den Orientierungen der spanischen Bourgeoisie in
Europa usw. Diese Debatten hatten immer einen moralischen Ton,
der nicht zur wissenschaftlichen Gesinnung des orthodoxen Marxis-
mus paßte und deutlich auf seinen liberalen und aufklärerischen
Ursprung verwies. Entsprechend hat L. Araquistain seine
"Spielerei mit Marx in Leviatan" ironisiert. 13)
Nach dem Krieg und während der langen Jahre des Franco-Regimes
kam es in Spanien zu einer ungeheuren Unterdrückung, die diese
Literatur ganz und gar vernichtet hat. Das Verschwinden des Mar-
xismus, der Marxschen Werke und Schriften, war vollständig. Von
1939 bis 1960 gab es kein Buch eines spanischen Verfassers über
marxistische Philosophie, und diese theoretische Richtung hat bei
Julian Marias, dem berühmten Schüler von Ortega y Gasset, kaum
Beachtung gefunden. 14)
Doch im Gegensatz hierzu bemerkt man seit 1956 Änderungen. Der
Marxismus wird mehr und mehr zu einer alternativen, im strengen
Sinne zwar wenig bekannten, aber von vielen mitgeteilten Lehre;
besser gesagt, der Marxismus wirkt überall als Lehre der Opposi-
tion, d. h. der linken Parteien und Organisationen wie PSOE und
PCE. Diese Verknüpfung zwischen dem Marxismus im theoretischen
Sinn und der politischen Praxis der linken Parteien hat die uner-
wartete Folge gehabt, daß später, schon in der Demokratie, die
Unzufriedenheit der Öffentlichkeit mit diesen Parteien auch die
Entfernung vom Marxismus mit sich gebracht hat. Demzufolge er-
scheinen die öffentliche Absage der PSOE an den Marxismus im
Jahre 1979 15) und der Zusammensturz und das Zerbrechen der PCE
seit 1982 als neue Beweise der Erschöpfung der marxistischen
Lehre. 16)
Vor diesen letzten Ereignissen, am Anfang der 60er Jahre, hatte
der Marxismus ein breites Publikum gefunden, unter anderem bei
manchen demokratischen Professoren, Juristen oder Rechtswissen-
schaftlern, Naturwissenschaftlern und Historikern, deren Bildung
nicht marxistisch, auch nicht antimarxistisch, sondern eher
eklektisch war, d.h., sie verbanden die marxistische Idee mit
weitreichenden Varianten des Neopositivismus und Formalismus,
Funktionalismus und sogar Pragmatismus. In dieser Hinsicht sind
Intellektuelle zu nennen wie Enrique Tierno Galvan, der spätere
Madrider Bürgermeister, Raul Morodo, Elias Diaz u.a. 17) Großen
Einfluß hatten auch die katholischen Kreise, die in ihren Bestre-
bungen, eine emanzipatorische Lehre zu entwickeln, zu Marx ten-
dierten. Einrichtungen wie "Fe y Secularidad" (Glaube und Säkula-
rität, ein Institut der Jesuiten), Verlage wie "Sigueme" in Sala-
manca bilden die religiöse Herkunft mancher spanischen Autoren
der Zeit, die mit einem spezifischen Charakter ihren
"humanistischen Marxismus" geprägt haben. Man darf nicht verges-
sen, daß der Katholizismus fast bis heute die offizielle spani-
sche Religion gewesen ist, deren Schulstudium verpflichtend war.
Deswegen hat die religiöse Rezeption des Marxismus keinen Kon-
flikt in den jüngeren Generationen ausgelöst. Vielmehr ist dies
die gewöhnliche Weise, wie die Jüngeren zum Marxismus gekommen
sind. Eine Zeitschrift wie "Praxis" (Córdoba, 1960) belegt dies.
Wie gesagt, ist dieser Marxismus unklar, vom Elektizismus ge-
prägt; er bewegt sich in der Nähe des Neopositivismus und hat
meist methodologische Aspekte in den Einzelwissenschaften
(Geschichte, Soziologie usw.) hervorgehoben, aber keine wirkliche
Wirkungen in der theoretischen Arbeit, in der Philosophie, ent-
faltet. Er steht in Beziehung mit dem verschwommenen Marxismus
der politischen Praxis der Opposition, die in der Regel eine li-
berale oder demokratische - radikal-demokratische - Redeweise be-
nutzt (man spricht viel von Freiheit, Volk, Emanzipation, aber
sehr wenig von Produktion, sozialen Klassen, Ende des Kapitalis-
mus). Noch das Wort S o z i a l i s m u s deutete ganz andere
soziale Verhältnisse an, zwar nicht kapitalistische im strengen
Sinne, aber doch sehr undeutlich definierte. 18) Unsere Rehabili-
tierung und Benutzung des jungen Marx hatte damals spezifische
Züge.
In dieser Studie müssen auch die Verbannten (exiliados) berück-
sichtigt werden, Universitätsprofessoren und Intellektuelle, die
während des Krieges nach Mexico oder Frankreich gingen und die
nur selten und viele Jahre später nach Spanien zurückkommen konn-
ten. Philosophen wie Juan David Garcia Bacca, Adolfo Sanchez Vaz-
quez, Wenceslao Roces, Manolo Ballestero u.a. sind in den 50er
bis 60er Jahren in Mexico, Caracas (Venezuela), Paris und an an-
deren Orten Universitätsprofessoren geworden, und sie bilden das,
was die "spanische Kultur im Exil" genannt worden ist.
Diese, mindestens die vier oben genannten, hatten sich mit Marx
und dem Marxismus beschäftigt, und manchmal haben sie neue For-
schungsperspektiven in der Marx-Beschäftigung eröffnet. Am bedeu-
tendsten ist J.D. Garcia Bacca (geb. 1901), Verfasser einer tran-
sustanciación (Umwandlung) des Marxismus, die die Marxsche Lehre
in eine neue Anthropologie und Ontologie - O n t o l o g i e
d e r F r e i h e i t - überführt und aufhebt. Dabei tritt die
Unbegrenztheit der menschlichen Arbeit (Praxis) in den Vorder-
grund oder, anders gesagt, die menschliche Fähigkeit, durch die
Tätigkeit alles Bestehende zu verändern, zur Ermöglichung einer
radikal n e u e n Ordnung (d.h. u n - b e k a n n t e n, un-
möglich vorauszusehen), ohne Entfremdung, aber mit Objektivie-
rung. Das Ziel seines Philosophierens ist, die Möglichkeit dieser
neuen Ordnung zu denken. Insofern glaubt Garcia Bacca, Marx treu
zu bleiben, dessen Gedanken er in neue Formulierungen, die imma-
nent p o t e n t i e l l e und dialektische sind, aufnimmt. 19)
Sehr bekannt ist A. Sanchez Vazquez (geb. 1915), Professor an der
Universität Mexico, für seine Studien in bezug auf die Marxsche
Ästhetik, für seinen Kommentar zu den Pariser Manuskripten, für
sein Verständnis des Kommunismus als Reich der menschlichen Frei-
heit; er zeigt gewisse Ähnlichkeiten mit G. della Volpe. Von be-
sonderer Bedeutung ist sein Buch "La filosofia de la praxis", in
Mexico 1967 veröffentlicht. 20) Der dritte, W. Roces, auch Pro-
fessor in Mexico, ist der Übersetzer der Marxschen Werke, die von
der Fondo de Cultura Ecónomica (mexikanischer Verlag) veröffent-
licht worden sind. In seiner Jugend hatte er schon die erste
gute, unmittelbar aus dem Deutschen stammende Übersetzung des
"Kapitals" verfaßt. 21) Er hat auch H e g e l und andere deut-
sche Philosophen ins Spanische übersetzt. M. Ballestero, etwas
jünger, Professor an der Universität Paris, ist besonders an
Sartre und an den Polemiken des französischen zeitgenössischen
Marxismus interessiert, teilt aber nicht die Marx-Lektüre Althus-
sers. Seine Verteidigung der Dialektik ist auch in bezug auf
seine Kritik an Sartres Idealismus - oder was er bei Sartre Idea-
lismus nennt - zu sehen. 22)
Natürlich haben diese Denker in den Jahren des Franco-Regimes und
trotz ihrer Beteiligung in illegalen oppositionellen Zeitschrif-
ten wie "Cuadernos de Ruedo Iberico" (Paris), "Realidad" (Rom)
kaum Einfluß im Land gehabt. In den 60er bis 70er Jahren zirku-
lierten manchmal in Spanien Bücher oder Aufsätze von ihnen, die
in Paris veröffentlicht worden waren. Ihre Wirkung war aber ge-
ring und nicht öffentlich. Nach ihrer Rückkehr in den letzten
Jahren (seit 1977) sind ihre Arbeiten und Werke von den offiziel-
len Institutionen gewürdigt worden (Garcia Bacca ist z.B. Doktor
"honoris causa" der Universität Madrid), doch bleibt ihr Einfluß
bei der Studentenschaft gering; ihre Werke sind bei den heutigen
Marx-Forschern nicht gut bekannt.
2. Der verborgene Marxismus in den letzten Jahren
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der Diktatur (1962-1975)
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1. Seit 1962 haben sich die Verhältnisse in Spanien vollkommen
verändert. Die ökonomische Liberalisierung macht die politische
Lage noch unerträglicher, der politische und soziale Widerstand
widerspricht aber immer mehr der Geschlossenheit des Systems. Die
politische Forderung nach Demokratie wird das erste Ziel und
schließt fast alle anderen theoretischen und praktischen Fragen
aus.
In diesen Jahren blieb die offizielle Zensur noch bestehen, mehr
und mehr traten aber die Bücher, Arbeiten, Aufsätze über das, was
P. Anderson "abendländischen Marxismus" nennt, in den Vorder-
grund. 23) In Spanien war dieser besonders ein Zeitschriften-Mar-
xismus, d.h., er bestand meist in kleinen Aufsätzen, die poli-
tisch-praktisch orientierten. Am Ende dieser Zeitspanne gab es
viele Zeitschriften mit linker Orientierung, in denen jüngere Au-
toren geschrieben und die Debatte zwischen den verschiedenen Mar-
xismus-Deutungen vorangetrieben haben, Zeitschriften wie "El
viejo topo" (Barcelona, 1976-1981), "Zona abierta" (Madrid, 1974
ff.), "Materiales" (Barcelona, 1977-78), "Mientrastanto" (Bar-
celona, 1979 ff.), "En teoria" (Madrid, 1978 ff.).
Man begann auch mit der Veröffentlichung der Marxschen Schriften.
Es erschienen viele Ausgaben der Marxschen Werke, bald gut, bald
schlecht vorbereitet, mal mit Einleitungen oder Vorworten verse-
hen, mal alte Bücher in neuer Edition; zahlreiche marxistische
Studien aus Frankreich (Althusser, Balibar u.a.) und Italien
(della Volpe, Colletti, Cerroni, besonders Gramsci) wurden in
diesen Jahren übersetzt; andere Varianten eines sogenannten so-
ziologischen Marxismus (Bottomore), des ethischen Marxismus eines
Rubel, einige Arbeiten der Frankfurter Schule (Horkheimer, Ad-
orno, Marcuse war schon lange übersetzt) wurden verkauft. Es gab
Übersetzungen berühmter Arbeiten zur marxistischen Ökonomie, die
aber nie ernsthaft in die ökonomischen Überlegungen eingedrungen
sind. Große Teile der europäischen marxistischen Produktion sind
in diesen Jahren übersetzt worden. Nur eigene spanische Studien
und Bücher, zumal grundlegende, gab es kaum.
Was die Philosophie betrifft, ist die Lage etwas anders. Seit dem
Ende der 50er Jahre war die anglo-amerikanische Philosophie mehr
und mehr präsent. Die meisten demokratischen Intellektuellen, die
sich in ihren spezialisierten Gebieten für den Marxismus interes-
sierten, lehnten ihn als Gesamtlehre ab. Je heftiger die emanzi-
patorischen und utopischen Aspekte des Marxismus verteidigt wur-
den, um so eindeutiger wurden seine epistemologischen Folgerungen
abgelehnt (beispielsweise bei J. Muguerza). 24) Die Vorherrschaft
der anglo-amerikanischen Schule hat freilich auch eine unerwar-
tete Folge gehabt: die rasche Übersetzung der angelsächsischen
Produktion über Marx und den Marxismus; so sind die Arbeiten von
S. Hook, Mc Lellan, Sweezy, Dobb, Hobsbawm und anderen schon in
den 60er Jahren übersetzt worden.
Gleichzeitig hat die Veröffentlichung der Marxschen und Engels-
schen Werke Fortschritte gemacht. Im Jahre 1976 hat nach einer
langen Vorbereitungszeit die Veröffentlichung der Übersetzungen
der Marx-Engels-Werke (OME), von Grijalbo betrieben und von M.
Sacristán geleitet, begonnen. 25) Diese Ausgabe folgt der deut-
schen MEW, nur in einzelnen Fällen richtet sie sich nach der
MEGA; sie war nicht als kritische Ausgabe geplant, hat aber immer
hohes Niveau erreicht, wird mit guten Einleitungen und Annotatio-
nen versehen und ist weit besser als jede andere spanische Marx-
und-Engels-Ausgabe. Leider konnte das Programm dieser Ausgabe
1981 aus finanziellen Gründen nicht fortgesetzt werden, in einem
Moment, wo die marxistische Literatur gerade zurückging. Es waren
die wichtigsten Ausgaben schon veröffentlicht worden, es fehlten
aber die Manuskripte, Briefwechsel und sekundäre Schriften und
Exzerpte. Heute kann man sagen, daß dieser Zustand sich nicht ge-
ändert hat. Wir haben Übersetzungen der größten Werke, auch der
"Grundrisse" und der "Theorien über den Mehrwert", es fehlt aber
noch vieles, besonders aus dem Briefwechsel. Anzumerken ist, daß
in denselben Jahren der mexikanische Verlag Fondo de Cultura
Económica eine Marx-Engels-Ausgabe vorbereitete, die sehr langsam
erscheint. Bis jetzt sind einige Bände herausgekommen. 26) Diese
Ausgabe ist auf 22 Bände geplant. Ihr Leiter ist W. Roces. Die
schwere ökonomische Lage in Mexico ist für die Verzögerung ver-
antwortlich.
Neben den genannten Ausgaben gibt es einige Anthologien und Über-
setzungen in den autonomen Sprachen (euskera und katalan). In den
80er Jahren ist die Tendenz zur Veröffentlichung unterbrochen
worden, und neben Lexika und systematischen Anthologien erschien
nur "Das Kapital" erneut.
Hinsichtlich der bereits erwähnten marxistischen Tendenzen katho-
lischer Kreise muß auf eine Zeitschrift dieser Zeit, "Cuadernos
para el Diálogo" (Madrid, 1963-1977), hingewiesen werden. Die
Zeitschrift wurde von Don Joaquin Ruiz Jimenez, jetzt Volksver-
teidiger (Ombudsmann) und damals Parteiführer der christlichen
Demokratie, geleitet. In ihr haben viele marxistisch oder christ-
lich-marxistisch orientierte Demokraten geschrieben und das be-
rühmte diálogo christiano-marxista (christlich-marxistische Ge-
spräch) weitergeführt. Wichtiges Moment dieser Debatte war die
Unterscheidung eines Marxismus als Moral (Aranguren) gegen einen
Marxismus als Wissenschaft (Althusserianer wie Rodriguez Aram-
berri, G. Albiac u. a.). Sacristán hat dabei eine spezifische
Haltung eingenommen. Das Kollektiv-Buch "Cristianos y marxistas:
los problemas de un diálogo", von Jesus Aguirre geleitet, sei als
Beispiel dieser Debatte angeführt. 27) Diesen Bestrebungen eng
verbunden, sind manche Arbeiten erschienen, die einen religiös
verstandenen h u m a n i s t i s c h e n M a r x i s m u s
vertreten. 28) Einige der Autoren sind in die PCE eingetreten
(der oben zitierte Reyes Mate z. B.) und später zur PSOE gekom-
men. Manche tragen jetzt politische Verantwortung im Staat.
2. Unter den wichtigsten Marxisten dieser Zeit müssen M.
Sacristán (1925-85) und G. Bueno (geb. 1924) zitiert werden; sie
sind beide Universitäts-Professoren und PCE-Mitglieder, unterein-
ander nicht in allen Fragen einig, Hauptpersonen einer Debatte
über Marxismus und Philosophie und in Spanien sehr bekannt.
Bedeutender ist M. Sacristán, Professor an der Universität Barce-
lona und Mitglied des Zentral-Komitees der PCE von 1965 bis 1970;
29) der Herausgeber der OME hat vieles aus dem Deutschen über-
setzt, nicht nur über den Marxismus, sondern auch vom Neo-Positi-
vismus, zur formalen Logik, zur Methodologie der Wissenschaften
u. a. m. und aus dem Italienischen; er kannte den italienischen
Marxismus (besonders Gramsci, Togliatti) und die italienische
Philosophie im allgemeinen sehr gut.
In seiner Jugend hatte Sacristán an deutschen Universitäten
(Münster und Heidelberg) studiert, wo er sich mit Heidegger be-
schäftigte und sich seine Gedanken zum Marxismus entwickelt ha-
ben. Nach seiner Rückkehr nach Spanien haben die Schwierigkeiten
an der Universität und die politische Unterdrückung neben seiner
Tätigkeit in der PCE seine theoretische Arbeit stark belastet.
Kurz vor seinem Tod ist sein Werk größtenteils veröffentlicht
worden. 30)
Sein Marxismus zeigt zwei bestimmte Richtungen: eine kritisch-hi-
storische Aneignung der Marxschen Werke und der marxistischen
Tradition und eine dauerhafte Beziehung zu den empirischen Wis-
senschaften und zur modernen Wissenschaftstheorie. Das Verhältnis
zwischen Philosophie und empirischer Wissenschaft steht im Mit-
telpunkt seiner Überlegungen. Auf der anderen Seite war Sacristán
nicht mit dem neuen Empirismus und Neopositivismus zufrieden, der
alle Reflexion in der Wissenschaft beseitigt. Dagegen hat er
Gramsci viel Aufmerksamkeit geschenkt und der praktischen Rich-
tung inmitten der Wissenschaftstheorie Raum zu verschaffen ver-
sucht.
Als Marxist hielt er an der Tradition der marxistischen Revoluti-
onstheorie fest, wobei er bestimmte Erscheinungen - vor allem den
Stalinismus - heftig kritisierte. Seine Kritik war nicht mora-
lisch, sondern, so könnte man sagen, m a r x i s t i s c h; er
selber war in die Kritik eingeschlossen. In seinem Werk sagte er:
"Bei Lukács, wie bei j e d e m k l u g e n K o m m u n i-
s t e n, ist alle Kritik am Stalinismus Selbstkritik, weil es
nicht überlegt wäre, wenn man sich nicht einer 30 Jahre alten
eigenen politischen Vergangenheit solidarisch fühlt, auch wenn
man selbst nur 20 Jahre alt wäre." 31) Seine Kritik an Systemen
"mit nicht-kapitalistischer Basis" 32) beweist eine feste
ideologische Einstellung und gleichermaßen eine sehr strenge
"dialektische Angemessenheit", 33) die in dem anti-ideologischen
Charakter seines Marxismus, als "vernünftige und konkrete, kriti-
sche und anti-ideologische Praxeologie" 34) verstanden, als
"vernünftiges Bewußtsein des Sozialismus", 35) wurzelt.
Als Philosoph hat er eine ungewöhnliche Meinung über die Möglich-
keit der Philosophie vertreten. Sacristán glaubte, daß die Philo-
sophie schlechthin - als akademisches Fach - in unserer Zeit kei-
nen Sinn mehr habe. Die Philosophen, besonders in einem Land wie
Spanien mit seiner scholastischen Tradition, sind "Nichts-Spezia-
listen", sie wissen von Nichts und machen daraus ihren Lebensun-
terhalt. Dagegen schlägt er vor, das Fach Philosophie abzuschaf-
fen und ein Institut für Philosophie zu gründen, wo Einzelwissen-
schaftler, besonders Natur- und Sozialwissenschaftler, etwas über
Wissenschaftstheorie in nichtpositivistischer Weise lernen und
eine Reflexion über ihre eigene Tätigkeit fortsetzen können.
Paradoxerweise beherrschte Sacristán in ausgezeichneter Form die
Regel der Abstraktion und das, was man die "philosophische Tech-
nik" nennen kann. Sein Mißtrauen gegenüber der großen Gefahr der
Spekulation und ihrer - im besten Fall - Nichtigkeit, nicht aber
Unkenntnis, begründet seine Ablehnung. In den 60er Jahren war
diese Debatte sehr bekannt, vor allem als ein anderer marxisti-
scher Denker, G. Bueno, eine antithetische Auffassung vertrat. In
seiner Antwort auf Sacristáns Vorschläge hat Bueno auf die Bedeu-
tung der Philosophie als strenge, kritische Wissenschaft hinge-
wiesen und, im Gegenzug, auf die Gefahr des Vergessens der Philo-
sophie aufmerksam gemacht. Seit langem ist Bueno Ordinarius für
Philosophie in Oviedo; bis zu seinem Tod war Sacristán Professor
für Philosophie an der Hochschule für Wirtschaft.
In Barcelona leitete Sacristán die Zeitschrift "Mientrastanto",
früher "Materiales", in der er und seine Schüler jahrelang ge-
schrieben haben. Die Zeitschrift hat in den letzten Jahren mehr
und mehr ökologische Probleme und Fragen des Friedens behandelt
und feste Verbindungen mit den ökologischen Gruppen und der Frie-
densbewegung angeknüpft, ohne aber ihre marxistische Grundlehre
zu verlassen. Mitarbeiter der Zeitschrift und alte Schüler
Sacristáns sind A. Domenech, F. Fernandez Buey, J.R. Capella u.a.
In Oviedo hat G. Bueno seine eigene Schule gebildet. Sein Marxis-
mus ist eher als orthodox beziehungsweise akademisch zu bezeich-
nen; sein Kern besteht im Materialismus-Problem im ontologischen
und epistemologischen Sinne. 36) In seinem bedeutendsten Werk
"Ensayos materialistas" 37) hat er eine "materialistische Ontolo-
gie" zu erarbeiten versucht. In den letzten Jahren arbeitet er an
einer materialistischen Deutung der Religion und hat mit viel Er-
folg epistemologische Kongresse in Oviedo organisiert. Er leitet
eine Zeitschrift ("El Basilisco", Oviedo, 1978 ff.), in der re-
gelmäßig gute Aufsätze über verschiedene Fragen des heutigen Den-
kens (Philosophie, Anthropologie, Ethnologie usf.) erscheinen.
Neben diesen zwei Persönlichkeiten und ihren Schülern gibt es
weitere Gruppen auf weniger hohem Niveau und vereinzelte Forscher
marxistischer Herkunft oder am Marxismus Interessierte, die aber
weniger Widerhall finden. Am Ende der 70er Jahre gab es in Madrid
eine Gruppe ("Marxismo madrileno"), zu der L. Paramio, G. Albiac,
V. Bozal u.a. gehörten. Anders als in Barcelona und Oviedo
standen diese unter starkem Einfluß des französischen Marxismus,
besonders Althussers. Heute sind sie entweder zur PSOE gewechselt
(Paramio z. B. und seine Zeitschrift "Zona abierta") oder radika-
ler geworden (Albiac z. B.). Die Krise des Marxismus, wie Althus-
ser selbst sie gesehen hat, wirkte auf sie sehr stark. 38) In
diesen Kreisen herrscht, nach dem französischen Modell, jetzt die
Wendung der Marxisten zu Spinoza.
Aus den linken Kreisen der PSOE (Izquierda socialista) sind man-
che Arbeiten über den revolutionären Marxismus unseres Jahrhun-
derts, im besonderen über R. Luxemburg, zu nennen. 39) Ende der
70er Jahre hat die der PSOE nahestehende Zeitschrift "Sistema"
(Madrid, 1973 ff.) manche Aufsätze über Marxismus unter soziolo-
gischen Aspekten veröffentlicht und Forschungen zum sogenannten
demokratischen Sozialismus (d. h. Adler, Bauer, Austromarxismus
u.a.) unterstützt. 40) Jetzt wendet sie sich nach und nach den
soziologischen Arbeiten von Habermas und den philosophischen An-
sätzen Apels u.a. zu. 41)
3. Der Übergang zur Demokratie und unter dem Banner der PSOE
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(1976-1986)
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Seit Ende der 70er Jahre ist die Nachfrage nach Marxismus plötz-
lich zurückgegangen. 1981 war die OME-Ausgabe unterbrochen wor-
den; 1983 wurde das Marx-Jubiläum institutionell bei weitgehender
Abwesenheit von Studenten und Gesellschaft gefeiert (z.B. in Ma-
drid, wo der Universitätsrektor eine schöne Kundgebung organi-
sierte, zu der kaum Studenten gekommen sind). Gleichzeitig hat
eine ganz andere Philosophie, besonders Neonietzscheaner wie Sa-
vater oder Postmodernisten wie Rubert de Ventós, Trías u.a., Ver-
nunft-Kritiker wie Subirats, den theoretischen Raum besetzt.
Zu Beginn des demokratischen Übergangs setzte sich noch die Ten-
denz der Marx-Veröffentlichungen fort, ging aber weiter zurück,
und nur "Das Kapital" und einige andere Arbeiten ("Die Grund-
risse" sogar) kamen noch in den 80er Jahren heraus. Bald ausver-
kauft, wie früher, sind sie nicht mehr. Marx und der Marxismus
verschwinden aus den Buchhandlungen, und langsam verschwindet
auch der eigentliche linke Diskurs, dessen Raum von ganz anderen
Auffassungen eingenommen wird. Nach dem marxistischen "Fieber"
der 60er bis 70er Jahre kommt die Stunde der Veröffentlichung nur
noch für wenige wichtige Arbeiten: Sraffa, Cacciari, Negri, Man-
del... Statt dessen hat die weite Verbreitung neuer französischer
philosophischer Strömungen Konjunktur (das spanische Denken, be-
sonders in Madrid, war immer stark vom französischen Denken be-
einflußt), bei gleichzeitigem Verschwinden des Marxismus Althus-
sers und raschem Auftreten der poststrukturalistischen oder post-
modernen Ideen (Foucault, Bataitte, Lyotard u. a.). In Barcelona,
wo der Einfluß der italienischen Philosophie größer war, hat Col-
lettis Zurückweisung des Marxismus großen Eindruck gemacht. Zu-
sammengefaßt könnten wir P. Anderson zustimmen: intellektuell ist
die spanische Marxismus-Krise ein Subprodukt der französischen
und italienischen Krise. 42)
Philosophisch ist heute die Herrschaft der anglo-amerikanischen
Wissenschaftstheorie unumstritten, und sie wird noch mächtiger.
Obwohl in letzter Zeit manche Arbeiten, z. B. Doktor-Dissertatio-
nen über Marx, erschienen sind, 43) kann man sagen, daß gegenwär-
tig der Marxismus zu wenig Raum in der wissenschaftlichen For-
schung einnimmt. Es fehlen grundsätzliche Arbeiten, die den Aus-
gangspunkt des "künftigen Marxismus des 21. Jahrhunderts", von
dem Sacristán 1983 sprach, 44) bilden können.
Der zweifache Wahlsieg der PSOE (1982 und 1986) hat zwiespältige
Folgen für die Ausweitung des Marxismus in Spanien gehabt. Einer-
seits befestigte ihre Ablehnung des Marxismus als "Glaubenslehre"
die genannten Tendenzen. Nicht weniger hat ihre Ersetzung des
noch verbleibenden Marxismus durch einen soziologischen Pragma-
tismus in diese Richtung gewirkt. Als Auswirkung des sozialisti-
schen Handelns hat die Enttäuschung der zuvor linken Intellektua-
lität die öffentliche Gleichgültigkeit dem Marxismus gegenüber
vergrößert. Heute werden die Postmodernen oder ihre Vorgänger
(daran, Colli, Nietzsche und die Neonietzscheaner, der späte
Wittgenstein) viel häufiger als Marx gelesen. Andererseits ist
jetzt von der PSOE-Regierung in den Schulen und anderen pädagogi-
schen Einrichtungen die Beschäftigung mit Marx als Teil des
großen modernen europäischen Denkens eingeführt worden. Dies be-
deutet, daß grundsätzlich in den Gymnasien (Bachillerato), an den
Hochschulen, besonders in Fächern wie Geschichte, Soziologie,
Geographie, ein Schul-Marx und -Marxismus - mit dem Ergebnis grö-
ßerer Nachfrage nach billigen Marx-Ausgaben, Anthologien, Lexika,
Taschenbuch-Ausgaben - unterrichtet wird. Unter den Historikern
gibt es eine breite Schule der Sozialgeschichte, die die Grund-
sätze der marxistischen geschichtlichen Methodologie, unter be-
sonderer Berücksichtigung der ökonomischen Analyse, erfolgreich
in Anspruch nimmt (M. Tunón de Lara, Santos Juliá, J. Fontana
u.a.).
Es ist auch nicht zu verkennen: Marx und der Marxismus sind in
den kulturellen Einrichtungen, den kulturellen Veranstaltungen
der Rathäuser, der Gemeinden präsent; nicht in den Massenmedien
(Radio, Fernsehen ...) und, auf Grund ihrer Geschichte, noch
nicht in der Universität und in der wissenschaftlichen Forschung.
_____
1) Preston, P., Introducción al Leviatán, Antología, Madrid, Tur-
ner, 1972. Araquistain, L., El pensamiento español contemporáneo,
Buenos Aires, Losada, 1962. Ribas, P., La introducción del mar-
xismo en España, Madrid, ed. de la Torre, 1981.
2) Ribas, P., Análisis de la difusión de Marx en España, in: An-
thropos, 33-34, 1984, S. 58-63.
3) Castillo, J.J., Jaime Vera, Ciencia y proletariado, Madrid,
Edicusa, 1973. Jimenez Araya, T., La introducción del marxismo en
España: el informe de Jaime Vera à la Comisión de Reformas Socia-
les, in: Anales de Economia, 1972. Perez Ledesma, M., Pensamiento
socialista espanol a comienzos de siglo, Madrid, ed. del Centro,
1974.
4) Vgl. Jimenez Araya, T., a.a.O.
5) Diaz, E., Revision de Unamuno. Análisis critico de su pensa-
miento politico, Madrid, Tecnos, 1968. Perez de la Dehesa, R.,
Politica y sociedad en el primer Unamuno, Barcelona, Ariel, ²
1973.
6) Ferrater Mora, J., Ortega y Gasset, Barcelona, Seix Barral,
1973. Lalcona, J. F., El idealismo politico de Ortega y Gasset,
Madrid, Edicusa, 1974. Elorza, A., La razón y la sombra. Una lec-
tura política de Ortega, Barcelona, Anagrama, 1984.
7) Bizcarrondo, M., Julian Besteiro: socialismo y democracia, in:
Revista de Occidente 94, 1971, S. 61-76. Lamo de Espinosa, E.,
Filosofia y politica en J. Besteiro, Madrid, 1973. Saborit, A.,
El pensamiento politico de J. Besteiro, Madrid, 1974. ':.-.-
8) Ribas, P., a.a.O., Anthropos, S. 29 ff.
9) Ribas, P., La Introducción del marxismo en Espana, a.a.O.,
bes. S. 29 ff. u. 141 ff.
10) Marxismo en Espana, in: Sistema, 66, 1985, S. 33.
11) Revista Comunismo, Antologie, hrsg. v. Jesus Perez, Barce-
lona, Fontamara, 1978. Leviatan, reprog. Nachdruck, hrsg. v. M.
Bizcarrondo, Glashütten im Taunus, 1974. 4 Bde.
12) Siehe z.B. sein Buch Eurocomunismo y Estado, Barcelona, Gri-
jalbo, 1977.
13) Araquistain, L., a.a.O., S. 95-96.
14) Diaz, E., La filosofia marxista en el pensamiento español ac-
tual, in: Anthropos, 33-34, 1984, S. 64.
15) Beim XXVIII. Kongreß (Mai 1979) hatte F. Gonzalez die Zurück-
weisung des Marxismus gefordert. Als sich gegen seine Vorschläge,
der marxistische Flügel (Prf. Bustelo) durchsetzte, nahm F.
Gonzalez seinen Abschied. Wenig später, im September (Sonder-Kon-
greß), wurde die Ablehnung des Marxismus vom Kongreß bestätigt.
16) Die PCE hatte schon 1978 (IX. Kongres) den Leninismus abge-
lehnt und was dabei unter Euro-Kommunismus verstanden wurde,
blieb immer sehr undeutlich. Von 1978 bis 1982 ist die Partei
zerbrochen und die damalige Stärke der PCE ist verlorengegangen.
Ab 1982 geht dieser Prozeß zu Ende.
17) La filosofia actual en España, in: Zona Abierta, 3, 1975, Ex-
tra-Nummer, bes. S. 95 ff. Diaz, E., Pensamiento español en la
era de Franco, Madrid, Tecnos, 1983.
18) Der Kern der politischen Diskussion war zu diesem Zeitpunkt
die Demokratie (es gibt eine umfangreiche Literatur über "Sinn
der Demokratie", "Grenze der Demokratie", "Notwendigkeit der De-
mokratisierung in Spanien" usw.), aber nicht der Sozialismus. Im
letzten Jahr ist die damals fehlende Diskussion in der neuen
PSOE-Zeitschrift Leviatan, Neue Folge, unter dem Namen A. Sanchez
Vazquez vertreten (Reexamen de la idea de socialismo, in: Levia-
tan, 21, 1985).
19) Die Bibliographie dieses Autors ist ungeheuer breit. Man kann
in Anthropos ein gutes Resümee finden: Nr. 29-30 u. 31-32, 1983,
bes. S. 22ff.
20) Sanchez Vazquez, A., El marxismo contemporáneo y el arte, in:
Cuadernos de Ruedo Iberico, 3, 1965. Ideas esteticas en los Ma-
nuscritos económico-filosóficos de Marx, in: Dianoia, Mexico,
1961, und Realidad, 2, 1963. Las ideas esteticas de Marx, Mexico,
Era, 1965. Del socialismo cientifico al socialismo utopico, Me-
cico, Era, 1975. Ciencia y revolución, Madrid, Alianza, 1978.
21) Madrid, ed. Cenit, 1934. Band I.
22) Ballestero, M., Un debate sobre la dialéctica, in: Realidad,
1, 1963. Hegel, el joven Marx y el marxismo, in: Realidad, 10,
1966. Marx o la crítica como fundamento, Madrid, Ciencia Nueva,
1967. La revolución del Espiritu (tres pensamientos de libertad),
Madrid, s. XXI, 1970. Crítica y marginales, Barcelona, Barral
editores, 1974.
23) Anderson, P., Consideraciones sobre el marxismo occidental,
Madrid, s. XXI, 1979. Tras las huellas del materialismo histó-
rico, Madrid, s. XXI, 1986.
24) J. Muguerza, Verfasser einer Anthologie der analytischen Phi-
losophie (La concepcion analitica de la filosofia, Madrid, Ali-
anza, 1974, 2 Bde.) hat seine Zuneigung zum Marxismus vielfach
wiederholt. La razón sin esperanza, Madrid, Taurus, 1977.
25) Obras de Marx y Engels (OME), unter der Leitung von M.
Sacristán, Barcelona, Grijalbo, 1976 ff. Die Ausgabe war auf 68
Bände geplant, von denen nur die folgenden veröffentlicht worden
sind: Bd. 5, Manuscritos de Paris. Anuarios franco-alemanes
(1844). Bd. 6, La Sagra-da Familia. La situación de la clase ob-
rera en Inglaterra. Otros escritos de 1845-6. Bd. 9, Ma-nifiesto
del Partido Comunista. Articulos de la "Nueva Gaceta Renana", I
(1847-8). Bd. 10, Articulos de la "Nueva Gaceta Renana" II
(1848). Bd. 21 u. 22, Lineas fundamentales de la crítica de la
Economia Politica ("Grundrisse"). Bd. 35, La Subversión de la
ciencia por el señor Eugen Dühring ("Anti-Dühring"). Bd. 36,
Dialectica de la Naturaleza. Bd. 40 u. 41, El Capital. Critica de
la Economia Politica. Libro I: El proceso de produccion del capi-
tal. Bd. 42, idem, Libro II: el proceso de circulación del capi-
tal. Bd. 45, Teorias sobre la plusvalia. Primera parte: capitulo
primero hasta séptimo y anexos.
26) Obras fundamentales de Marx y Engels, unter der Leitung von
W. Roces, Mexico, FCE, 1980 ff. Bis jetzt sind folgende Bände
veröffentlicht worden: Bd. l, Escritos de juventud. Bd. 12, 13 u.
14, Teorias sobre la plusvalia.
27) Madrid, Alianza, 1969, mit Beiträgen von J. Aguirre, K. Rah-
ner, L. Lombardo-Radice, J. Girardi, M. Machovcec, G. Mury, J.B.
Metz, L. Althusser, M. Sacristán u. J.L. Aranguren.
28) Fierro, A. und Reyes Mate, Cristianos para el socialismo,
Verbo Divino, 1975.
29) Moran, G., Miseria y grandeza del Partido Comunista de Es-
paña, 1939-1985, Barcelona, Planeta, 1986, bes. S. 322 ff.
30) Panfletos y materialies, Barcelona, Icaria, 1983 ff., 4
Bände.
31) Ebenda, Bd. l, S. 244.
32) Ebenda, S. 251.
33) Fernandez Buey, Fr., Marxismo en España, a.a.O., S. 39.
34) Sacristán, M., a.a.O., Bd. l, S. 81.
35) Ebenda, S. 129.
36) El papel de la filosofía en el conjunto del saber, Madrid,
Ciencia Nueva, 1970. Etnología y utopia, Valencia, Azanca, 1971.
Ensayo sobre las categorías de la economía política, Barcelona,
1972. La metafísica presocrática, Oviedo, Pentalfa, 1974.
37) Madrid, Taurus, 1972.
38) Siehe die Übersetzung von Althussers Aufsatz, La crisis del
marxismo, in: El viejo topo, 17, 1978, S. 34.
39) Gomez Llorente, L., Rosa Luxemburgo y la scialdemocracia ale-
mana, Madrid, Edicusa, 1975.
40) Unter anderen Zapatero, V., Socialismo y etica. Textos para
un debate. Madrid, Debate, 1980.
41) 1984 war Habermas von G. Peces Barba (PSOE) eingeladen, eine
Rede im spanischen Parlament zu halten. Siehe Habermas, J., Die
neue Unübersichtlichkeit, Frankfurt, Suhrkamp, 1985. S. 141 ff.
42) Tras las huellas del materialismo histórico, a.a.O., z.B.
stimmt eine außerordentliche Zeitschrift wie Debats (Valencia,
1982 u. ff.) ohne weiteres den französischen oder deutschen The-
sen über die Krise des Marxismus und die Postmodernität zu und
gibt die wichtigsten Aufsätze wieder. Siehe Nr. 14 (1985) mit
Beiträgen von A. Wellmer, P. Glotz u. a.
43) Fernandez Buey, Fr., Contribución a la critica del marxismo
cientificista, Barcelona, 1984. Martinez Marzoa, F., La filosofía
de El Capital, Madrid, Taurus, 1983. Meine eigene Arbeit El con-
cepto de libertad en la obra de K. Marx, Madrid, 1982.
44) El Marx que se leerá en el siglo XXI, in: El Pais, suplemento
dominical, 14 de marzo de 1983.
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