Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 12/1987

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MARXISMUS - EINE ANALYSE SEINER LAGE UND VERÄNDERUNGEN IN FRANKREICH

Jacques Milhau 1. Marxismus - Kampf- und Forschungspraxis - 2. Neue Strategien: Von der Politik zur Forschung - 3. Die Praxis der Transformation - Zentrum der Analyse der Wirklichkeit - 4. Marx - orientierender Bezugspunkt für einen neuen Weg -5. Neue Profile, neue Einstel- lungen, breitere Teilnahme an der marxistischen Forschung - 6. Marxistische Forschung und Kritik - 7. Einheit und Pluralität ei- ner Forschung im Wandel Die hier vorgelegte Studie bezieht sich auf die gegenwärtigen Be- mühungen kommunistischer Wissenschaftler in Frankreich, deren Forschungsaktivitäten in eine revolutionäre Praxis inmitten der Realität eingreifen und einen Beitrag zur Entwicklung einer Er- neuerungsstrategie bilden. Den heutigen Marxismus insbesondere unter dem vorrangigen Ge- sichtspunkt der Forschungstätigkeit von Spezialisten zu betrach- ten, die zugleich als aktive Kommunisten mit der revolutionären Partei in der Transformationsbewegung der Gesellschaft in der Krise engagiert sind, hat nichts mit Willkür oder sektiererischer Voreingenommenheit und noch weniger mit theoretischer Inkonse- quenz zu tun. Im Gegenteil, das gemeinsame Bemühen, den Marxismus in seiner mehrdimensionalen Realität zu erfassen, ermöglicht es ihnen, sowohl den Beschränkungen der akademischen Konzeption ei- nes abstrakten Marxismus als auch seiner empiristischen und prag- matischen Reduzierung auf das Niveau einer bloßen Klassenideolo- gie zu entgehen. 1. Marxismus - Kampf- und Forschungspraxis ------------------------------------------ 1. Die kommunistische Praxis des Marxismus versetzt diejenigen, die mit seinen theoretischen Arbeiten befaßt sind, mitten in eine Welt, in der auf vielfältige Weise die historische Tragweite des nationalen und internationalen Handelns der revolutionären Bewe- gungen, das in seinen Mitteln höchst unterschiedlich, aufgrund seines gemeinsamen Endzieles aber um so einiger ist, zusammen- spielt mit dem seit seiner Entstehung unablässig aufgearbeiteten Erbe des marxistischen Gedankenguts und mit einer Massenkultur, die in der Praxis und durch die Praxis äußerst differenziert ist, entsprechend der Dynamik eines Klassenbewußtseins, das die Eman- zipationsbewegungen weltweit beseelt. Insoweit, als der Marxismus in der Menschheitsgeschichte Gewicht hat und an der Schwelle zum Jahr 2000 eine entscheidende zivili- satorische Herausforderung darstellt, ist er zugleich ein organi- sches Werden mit ungleichen Entwicklungen, die zahlreichen, von- einander in zunehmendem Maße abgehobenen Problematiken entspre- chen. 2. Die marxistischen Verfahren, von denen hier die Rede sein soll, wollen im allgemeinen so wenig wie möglich von diesem le- bendigen materiellen und menschlichen Gesamtkomplex abstrahieren, es sei denn aufgrund von Erfordernissen der Methode oder der be- sonderen Untersuchung eines Einzelaspekts bzw. seiner eigenen Geschichte und Logik, die jedoch nie absolut unabhängig sind. Sie befassen sich mit Theorie nicht um ihrer selbst willen, d. h. ab- getrennt von ihren gesellschaftlichen und praktischen, objektiven Komponenten. Sie erproben sie auf kritische und zukunftsorien- tierte Weise gemäß Klassen-Positionen und -Interventionen, die der Geschichte ihre revolutionäre Zukunft eröffnen. In einer mehr als hundertjährigen historischen Entwicklung hat sich dank der aktiven Vermittlung der Protagonisten des Klassen- antagonismus die Wirksamkeit des Marxismus entfaltet; sie ist so groß, daß jede Variante dieser Konzeption stets verpflichtet bleibt; deshalb kann die epistemologische Frage des Verhältnisses der kommunistischen Forschung zu Marx, zu dem theoretischen Erbe des Marxismus und zu den gegenwärtigen Bedürfnissen und Bedingun- gen der marxistischen Arbeit nicht in Verkennung oder unter Au- ßerachtlassung dessen behandelt werden, womit sie eine feste Ein- heit bildet. Denn diese Frage wird gestellt, um allen, deren re- volutionäres Bewußtsein vom Marxismus getragen wird, Mittel für eine wissenschaftlich besser fundierte, wirksamere Intervention im Kampf um die Veränderung der Gesellschaft an die Hand zu ge- ben. Wenn es einen Standpunkt gibt, von dem aus wirklich überzeugend dargestellt werden kann, daß der Marxismus notwendigerweise be- ständig sein Verhältnis zu seinen eigenen Ursprüngen und zu sich selbst in zugleich neu bewertender, rückgreifender, antizipato- rischer und innovativer Weise verändern muß, dann kann das nur derjenige von Frauen und Männern in der gesellschaftlichen Bewe- gung und in der revolutionären Praxis sein, der Partei ergreift und Faktor der Veränderung ist. 3. Diese einführende Erinnerung soll nicht bloß die Wahl einer Reflexionsebene rechtfertigen, für die es gute historische, poli- tische und theoretische Gründe gibt. Sie erleichtert es sicher- lich auch, die historische Perspektive und die besonderen, noch nie dagewesenen Umstände unserer Zeit der Revolutionen einzuord- nen, von denen ausgehend die Rückbesinnung der heutigen marxisti- schen Forschung auf sich selbst zu einer neuen Klärung ihres The- mas beitragen kann. 2. Neue Strategien: Von der Politik zur Forschung ------------------------------------------------- 1. Unsere Gesellschaft befindet sich tatsächlich in einer tief- greifenden, dauerhaften Krise. Sie leidet unter deren entstruktu- rierenden und enthumanisierenden Auswirkungen trotz der Wider- stände gegen die Bewegung des Kapitals. Aber diese Krise birgt auch die Faktoren ihrer möglichen Beseitigung in sich, ob es sich nun um die von der Logik der finanziellen Rentabilität zwar be- hinderte, aber doch reale und zwingende Entfaltung der materiel- len und menschlichen Produktivkräfte handelt, um die Schübe der technologischen Revolution, um die entfremdete, gleichwohl aber effektive Transformation der Lebens-, Verhaltens- und Denkweisen, um den konfusen, aber starken Aufschwung neuer Bestrebungen oder um den wachsenden Druck der Forschung, die sich ihrer Funktionen, ihrer Perspektiven und ihrer Bedürfnisse nach eingreifenden Mit- teln immer stärker bewußt wird. Neue Rationalitäten entstehen, die unsere Konzeptionen von der Wissenschaft grundlegend wandeln; erstaunliche Entdeckungen führen zur kollektiven Forderung nach neuen Formen des Zusammenlebens, der Arbeit, des Handelns, des Wissens, der Kommunikation, des Erfindens und der Kreativität. So gerät alles in dieser Gesellschaft, die in ihrer kapitalisti- schen Entwicklungsweise zu sehr eingeengt ist, ins Wanken. Die wissenschaftliche Perspektive trägt heute - gleichgültig ob ihre Vertreter sich dessen bewußt sind oder nicht - dazu bei, die Überlegungen der Menschen auf die Möglichkeiten zu lenken, die radikale gesellschaftliche Veränderungen für eine breitere Ent- faltung der Forschung eröffnen würden. 2. Der Marxismus entgeht weder dieser Bewegung von Denken und Handeln noch den Erfordernissen einer zugleich realistischen und erfolgreichen Zukunftsorientierung. Auch er ist in einem Wandel begriffen, er ist die beste Seite einer Krise, in der weinerliche Gemüter nur ein Zeichen für den unwiderruflichen Niedergang oder einen Anlaß für die Abrechung mit der eigenen Vergangenheit se- hen. Das Leben drängt ihn zur Vielseitigkeit, zur Erneuerung jen- seits seiner klassischen Ära und der gravierenden Verfälschungen, die seine spätere Entwicklung gezeichnet haben. Auf diese Weise schaffen die verschiedensten Wandlungen und die strategische Neuorientierung, die sich daraus verspätet und all- mählich im letzten Jahrzehnt ergeben hat, ganz neue Bedingungen für den Marxismus. Dazu gehören die Bedeutsamkeit und Neuheit der gestellten Fragen, die Aufgabe, Forschungshypothesen zu entwic- keln, und die revolutionären Herausforderungen der theoretischen Arbeit. Daß weder dogmatische Tabus, noch die Autorität der Zitate, noch skeptische Rückzieher angesagt sind, sondern daß alles erneut in Angriff genommen wird, darin sehen wir die Zeichen für den Ein- tritt des Marxismus in die produktive Phase einer neuen Genera- tion von marxistischen Fragestellungen, Thesen, Konzepten und Er- klärungen. Eine das soziale Leben und die objektive Erkenntnis tief durchdringende Bewegung läßt somit das Interesse an einer bewußten Zukunftsorientierung in der Welt der Wissenschaft wie auch in der marxistischen Theorie der gesellschaftlichen Entwick- lung entstehen. Sie ist Träger der historischen und universellen Bedeutung eines Sprunges nach vorn, den das menschliche Wissen schaffen muß, und in ihrem Rahmen hat der Marxismus die Pflicht, Lücken in seinen theoretischen und praktischen Aktivitäten zu schließen. Seine Forschungsobjekte sind also keineswegs abstrakte Wesenheiten, sondern die Logiken realer, d. h. konkreter und ein- zelner Prozesse, die eine genaue Untersuchung der besonderen Ge- gebenheiten erfordern. Mehr denn je erweist sich hier die Gültig- keit einer Äußerung von Marx. Demnach "muß man die Dinge nehmen, wie sie sind, d. h. das revolutionäre Interesse in einer den ver- änderten Umständen entsprechenden Weise geltend machen." 1) 3. Sicherlich ist die Reflexion über das Problem der engen Ver- bindung der marxistischen Forschung mit der revolutionären Bewe- gung kein völlig neues Phänomen. Etliche Jahre sind bereits seit den ersten Versuchen vergangen, sich tatsächlich von doktrinären Fesseln zu befreien und ernsthafte Anstrengungen zu unternehmen, um entscheidende Fragen konkret anzugehen. So konnte 1975 der Versuch einer ersten Bilanz unternommen wer- den, in der die globale Neubewertung der materialistischen Ge- schichtsauffassung, die theoretische Verarbeitung des staatsmono- polistischen Kapitalismus und seiner Krise, das neueste Wissen über die Probleme der Persönlichkeit, die theoretischen Überle- gungen zur Kultur und zur Ideologie, die Beiträge großer Debatten über die marxistische Philosophie oder über die Frage des Huma- nismus erfaßt wurden. Nach fünfzehnjährigen, von allerlei Wider- ständen und Schwierigkeiten behinderten Anstrengungen, nach einer Reihe von mühsamen Vorstößen konnte damals endlich deutlich wer- den, daß der Marxismus dank der Arbeit von marxistischen und vor allem von kommunistischen Forschern wieder Auftrieb bekam. 2) Rückblickend scheint es jedoch, als sei dieses Werk "Der Marxis- mus in Bewegung" sowohl gelegen als auch ungelegen gekommen. In bezug auf die Vergangenheit konnte man denken, daß es zum richti- gen Zeitpunkt eine Bestandsaufnahme lieferte; vielleicht war dies in gewissem Maße der Fall, zumindest hatte der Autor diesen Ein- druck. Aber dieser letzten Endes voreilige Schritt mußte schon im darauffolgenden Jahr an seine Grenzen stoßen, als der 22. Kongreß der Französischen Kommunistischen Partei eine neue Strategie des Sozialismus in den Farben Frankreichs ins Leben rief und die ver- pflichtende Bezugnahme auf die Diktatur des Proletariats strich. Drei Jahre später wurde die kanonische Konzeption des Marxismus- Leninismus unmißverständlich verworfen, während sich infolgedes- sen neue Beziehungen zwischen der Theorie und der Politik heraus- bildeten. Nicht mehr die nun abgelehnte Konzeption der Anglei- chung an sozialistische Transformationsmodelle war angesagt, son- dern die Eröffnung eines demokratischen Weges zu einem neuen, na- tionale und volksnahe Möglichkeiten in sich tragenden Sozialis- mus, dem demokratischen, selbstverwalteten Sozialismus. 4. Die radikale Überprüfung der Bedingungen für die sozialisti- sche Revolution hatte nicht nur politische Folgen, so ausschlag- gebend diese auch gewesen sein mögen. Sie hatte auch theoretische Konsequenzen, die von enormer Bedeutung waren, weil sie in der Tat die ersten, bereits erwähnten Versuche, den Marxismus neu zu beleben, von der Zwangsjacke befreiten, in der sie zuvor gefangen gewesen waren, ohne daß die epistemologisch negativen Folgen an- gemessen hätten eingeschätzt werden können. Fortan mußten alle Analysen, die alten wie die neuen und sogar die ergiebigsten, wiederaufgenommen, umgearbeitet und neu gestal- tet werden, aus einer strategischen Perspektive heraus, die nicht länger die Form des Eingreifens in die sozialen Bewegungen vorge- fertigten Modellen unterordnete. Endlich bot sich die Möglich- keit, die Forschungen über einen konkreten und kreativen, erfin- derischen und antizipatorischen experimentellen wissenschaftli- chen Sozialismus in Angriff zu nehmen. 3) 5. Den allergrößten Wert auf den lebendigen revolutionären Sozia- lismus zu legen, ist keine bloße Floskel: Die Rolle der politi- schen Initiative für eine strategische Erneuerung innerhalb eines bestimmten nationalen Kontextes erwies sich als entscheidend, um die Transformation der Objekte der marxistischen Forschung einzu- leiten, um ihr volle theoretische Verantwortung und die schwie- rige, aber notwendige Aufgabe, über sich selbst nachzudenken, zu- zuweisen. Der neuen, mit dem Heranreifen der objektiven Bedingungen für einen sozialistischen Ausweg aus der Krise verbundenen politi- schen Strategie entspricht eine neue Strategie der marxistischen Forschung und Erkenntnis, deren Hauptgegenstand die Probleme sind, die sich durch die im Wandel befindlichen gesellschaftli- chen Realitäten sowie durch die Konkretisierung der Ziele der re- volutionären Transformation ergeben: in erster Linie die Erarbei- tung von neuen wirtschaftlichen Planungskriterien, die unmittel- bar wirksam sind für ein neues, durch die bewußte, gezielte und aktive Intervention der Arbeiter getragenes Wachstum. In einer Art Kettenreaktion dokumentieren sich auf diese Weise die moder- nen Produktivkräfte, die gesellschaftliche Expansion der intel- lektuellen Arbeit, die Entstehung von Selbstverwaltungspraktiken und auch die Auswirkungen von Wissenschaft und Technik auf die Produktion, die Betriebsführung und den Konsum sowie die materi- ellen und menschlichen Implikationen der Automatisierung in der Ausbildung, Arbeit und Freizeitgestaltung der Menschen. Das glei- che gilt für die reale Bewegung der französischen Gesellschaft und vor allem für die der Arbeiterklasse. Das Interesse richtet sich auch auf die spezifischen Krisen der sozialen Gemeinschaft, die Krisen der Lebensweisen, des Bildungssystems, der Informati- onsund Kommunikationsmechanismen, der ideologischen und politi- schen Prozesse, von denen die Blockierungen wie auch die Verände- rungen der Mentalität in so hohem Maße abhängig sind. Insgesamt sind diese Forschungen, die letzten Endes den konfliktreichen Re- produktionsbedingungen der Menschlichkeit des Menschen gewidmet sind, mit denen verknüpft, die den weiten Bereich der sozialen Formen der historischen Individualität und der Personalisierung der Individuen betreffen. Es ist nunmehr angebracht, die erkenntnistheoretische Kritik die- ses forschenden Marxismus näher zu betrachten, um, vermittelt über die auftauchenden Hindernisse, seine Ausdrucksformen und theoretischen Bedeutungen zu erkennen. 3. Die Praxis der Transformation - ---------------------------------- Zentrum der Analyse der Wirklichkeit ------------------------------------ 1. Den Marxismus vollständig zu begreifen, zu Marx und zur Au- thentizität seines Weges zurückzukehren, heißt, den über seine theoretische, auch angewandte Verfahrensweise hinaus entscheiden- den Einfluß einer die Wirklichkeit verändernden Praxis besser zu ermessen, den Einfluß jener "eingreifenden Dialektik", von der Brecht sprach und die er in der Dramaturgie verwendete, um die Sicht der Realitäten zu entmystifizieren, ihre Widersprüche her- vorzuheben, die Kräfteverhältnisse zu verändern und das soziale Bewußtsein zu formen. 4) Die Betrachtung der materiellen und intellektuellen Formen der Praxis, die in einem intensiven Klassenkampf Anwendung finden, umfaßt sowohl die Realitäten, wie sie in der kritischen Erfahrung begriffen werden, als auch die Ideen, wie sie sich in ihrer Be- deutung, ihrem Wert und ihrer Funktion verändern. 2. Änderungen in der Wortwahl sind hier symptomatisch für einen klarer begriffenen materialistischen Standpunkt, der, indem er Praxis und Bewußtsein in die Materialität integriert und diese nicht nach Art der alten Formulierung der philosophischen Grund- frage dem Idealismus gegenüberstellt, die subjektiven und objek- tiven Formen des Denkens nicht von den sie bedingenden konkreten Prozessen trennt: H e r a u s f o r d e r u n g e n, K r i t e- r i e n, K u l t u r e n sind in der Tat Begriffe, die bedeut- sam sind für eine politische Sichtweise der Transformations- kämpfe, in denen die beteiligten Menschen die maßgebende Rolle spielen müssen, sowie kennzeichnend für eine Forschungsstrategie, für die der Standpunkt der Praxis nicht nur die wesentliche Verknüpfung jeder materiellen und symbolischen Realität ist, sondern ein Operator, der geeignet ist, den Gesamtkomplex der objektiven Bedingungen, in deren Rahmen jeder Forschungsgegen- stand untersucht werden muß, zu bestimmen. Daß jede soziale Realität, sei sie eine ökonomische, technologi- sche oder wissenschaftliche, künstlerische oder ethische usw., daß jedes individuelle oder kollektive gesellschaftliche Phänomen systematisch als H e r a u s f o r d e r u n g interpretiert wird, bereitet z. B. zahllosen epistemologischen Abschweifungen, gleichgültig ob sie positivistisch, pragmatistisch oder theorizi- stisch sind, ein rasches Ende. Die komplexen und antagonistischen Realitäten, die durch den Widerspruch der positiven und negativen Aspekte der Krise geprägt sind und selbst ihre eigene Krise in sich tragen infolge der hegemonialen Kräfte, die in der ökonomi- schen und sozialen Ordnung wirken, sind keine rohen Fakten, für die eine bloße Analyse von Erscheinungen ausreichend wäre. Es darf hier kein Platz sein für einen solchen positivistischen, konservativen oder opportunistischen "faitalisme", den Nietzsche auf seine Weise als Faktenhuberei anprangerte. 5) Es geht auch nicht um den bloß kurzfristigen, mehr scheinbaren als realen Er- folg einer gesellschaftlichen Intervention unter Außerachtlassung der intellektuellen Beherrschung der Realitäten. Desgleichen verweist der Rückgriff auf die K r i t e r i e n gleichzeitig auf die unerläßliche Prüfung der drei Parameter, die in der gesellschaftlichen Entwicklung zur Debatte stehen: der Stand der Dinge in einer historisch definierten Gesellschaft, die Formen der sozialen Praxis, die darauf ausgerichtet sind, ihn zu erhalten, seine Möglichkeiten ohne Identitätsverlust zu entfal- ten, ihn zu reformieren oder aber ihn von Grund auf zu verändern, und schließlich die mehr oder weniger geeigneten entsprechenden Strategien, mit Hilfe derer die gesellschaftlichen Kräfte ein Ka- pital von Gefühlen, Erfahrungen, Reflexionen, Erkenntnissen, aber auch von Illusionen und Irrtümern in die Praxis und in ihre Exi- stenzbedingungen einbringen. Es ist ebenfalls keineswegs belanglos, daß heutzutage soviel von Kultur des Verzichts, von rechter oder linker Kultur, von kommu- nistischer Kultur die Rede ist. Dieser besondere Gebrauch des Be- griffs K u l t u r betont in der Tat eine soziale Dimension, die zu einer Zeit maßgebend ist, wo die lebendige Arbeit über die tote Arbeit, das selbstverwaltete Leben der Bürger über die ver- knöcherten Machtinstitutionen die Oberhand gewinnen müßten; er betrifft auch die Dimension eines gesellschaftlichen Bewußtseins, das - entsprechend seiner Information, seiner Bildung, seinen Kommunikationsformen - bei der Wahl der Möglichkeiten verschie- dene Richtungen einschlägt, von denen der Ablauf der kontingenten Realisierung der geschichtlichen Notwendigkeit abhängt. Im Grunde beinhalten H e r a u s f o r d e r u n g e n, K r i- t e r i e n und K u l t u r e n auf unterschiedliche Art und Weise Realität, Praxis und Bewußtsein und deuten damit auf die Dialektik hin, die das charakterisiert, was Marx einst den "praktischen Materialismus" nannte. 3. Die meisten der gegenwärtigen Forschungsvorhaben unterliegen also vor allem der Forderung nach einer Herausarbeitung von k o n k r e t e n Wahrheiten, wobei die soziale Praxis nicht als bloße Folge, sondern als Quelle, Mittel und Kriterium der objek- tiven Erkenntnis und der subjektiven Beherrschung des Realen ein- geschlossen ist. Deshalb begnügen sich die kommunistischen Forscher nicht mit der a l l g e m e i n e n Theorie der Produktionsweise, der ökonomi- schen und sozialen Ordnung usw. Sie halten sich an die konkrete Analyse der gegenwärtigen Kapitalbewegung, an die Wandlungen un- serer Gesellschaft und an die nationalen Bedingungen für die so- zialistische Transformation der Produktionsweise, indem sie die möglichen bzw. günstigsten Wege untersuchen, die sich in der Lo- gik der allgemeinen Bewegung abzeichnen. 4. Marx - orientierender Bezugspunkt für einen neuen Weg -------------------------------------------------------- 1. Die marxistische Erkenntnistheorie kann nicht auf die bloße Theorie der Erkenntnis, wie sie die klassische Philosophie in der Linie eines metaphysischen Gegensatzes zwischen Denken und Sein stets verstanden hatte, reduziert werden. Sie erstreckt sich im Gegenteil auf alle praktischen wie theoretischen Formen der Be- ziehung zwischen dem Sein und dem Denken, der Menschheit und der Welt, vermittelt über die konkrete Dialektik der unterschiedli- chen Arten der Aneignung der materiellen, sozialen und kulturel- len Welt durch die Arbeit, die Erkenntnis, die intellektuelle Produktion, den sozialen Kampf und die sonstigen menschlichen Tä- tigkeiten; folgerichtig sind alle Formen von Entfremdung dieser Aneignung in der Klassengesellschaft impliziert. 2. Wenn von einer neuen Beziehung des Marxismus zu sich selbst die Rede sein kann, dann sagen wir, daß es die eines heuristi- schen, zugleich kritischen und zukunftsorientierten Marxismus ist. Im Jahre 1987 Marxist zu sein, bedeutet also nicht, eine ge- wissenhaft erlernte Doktrin an alles mögliche anzupassen oder de- ren für unverzichtbar erachteten allgemeinen Erläuterungen mit einigen besonderen Beigaben kumulativer Natur auszustatten; es lädt zu einer konkreten Analyse der zentralen Fragen der gesell- schaftlichen Reproduktion ein. Das Erbe von Marx anzutreten, bedeutet somit für uns, ganz von vorn beginnend, unter neuen Bedingungen seinen Weg wiederaufzu- nehmen, der darin bestand, durch die Analyse der objektiven Bewe- gungen und Praktiken, denen er nie gleichgültig gegenüberstand, die Begriffe oder Systeme der Dynamik und Widersprüchlichkeit des Realen zu erarbeiten, sie zu berichtigen und zu schärfen und sie anhand der Erfahrungen und durch das Studium neuer Gegebenheiten zu bewerten. Die intellektuelle Biographie von Marx und die um- strittene Geschichte der Wandlungen des Marxismus zeigen uns, wo er zeitweilig mit den sich ändernden Realitäten in Konflikt ge- riet, wo er erneut ansetzte, und welche Faktoren sich als über- holt erwiesen. Sie ermöglichen es, die nicht mehr gültige Ge- schichte des Marxismus von seiner sanktionierten Geschichte zu scheiden; also, um mit Bachelard zu sprechen, die veralteten Ana- lysen von den noch anwendbaren oder zur Umgestaltung und zur Wie- deraufnahme geeigneten Analysen abzusondern. 3. Es ist also angebracht, eine gut durchdachte Rückkehr zu Marx entsprechend den Notwendigkeiten des gegenwärtigen Erkenntnispro- zesses in Form einer rekursiven und somit historisch-kritischen Lektüre anzutreten. Es ist unsere Aufgabe, auf die Frage zu antworten, die er uns un- beantwortet hinterlassen hat, wie auch auf diejenigen, die er noch nicht stellen konnte, wobei allerdings die Fragen und Ant- worten nicht vernachlässigt werden dürfen, durch die er uns in der einen oder anderen Weise weiterhelfen konnte. Lassen wir uns also nicht auf eine einseitige oder oberflächliche, punktuelle oder voreingenommene Lektüre ein, sondern auf eine erforschende und kämpferische Lektüre, die kritische und stimulierende Wirkun- gen zeitigt. 5. Neue Profile, neue Einstellungen, breitere Teilnahme ------------------------------------------------------- an der marxistischen Forschung ------------------------------ 1. Diese von doktrinären Vorurteilen freie Herangehensweise an die Realität muß für eine größere Vielfalt der Möglichkeiten Sorge tragen, zwischen denen die historische Notwendigkeit sich ihren Weg bahnt. Eine derartige, für unsere Epoche typische Viel- falt ergibt sich aus dem zunehmenden Stellenwert der intellektu- ellen Arbeit in allen Tätigkeitsbereichen und aus dem damit zu- sammenhängenden Anstieg der Fülle und des Niveaus der Interven- tion des Menschen in seine Geschichte. Der subjektive Faktor ge- winnt zunehmend an Gewicht, wobei er objektiv in seinen Modalitä- ten und in der Effizienz seines Wirkens konditioniert bleibt. Aber die externen Bedingungen dieses Wirkens werden wiederum mehr und mehr an und für sich von der Beeinflussung durch das soziale Bewußtsein und die soziale Erkenntnis bestimmt. Die individuelle und kollektive Kreativität, die nie ein Geschenk des Himmels war und die im Laufe der Zeit nie sich selbst gleich bleibt, tritt nun - unter der Gefahr schweren Mißbrauchs und einer möglicher- weise sogar selbstmörderischen, apokalyptischen Verwertung - in eine neue Expansionsphase ein, die endgültig die von Fatalismus und borniertem Determinismus zeugenden Ideen verbannen sollte. Daß die wissenschaftliche und politische Sprache z.B. die Be- griffe des Möglichen, die Antizipation ohne Vorausfestlegungen erlauben, in den Vordergrund schiebt, daß jede Form des Abwar- tens, des Aufgebens und des Verzichts - angesichts der Probleme, welche die Gesellschaft lösen könnte, wenn es den fortschrittli- chen Kräften gelänge, sich durchzusetzen, und angesichts der Auf- gabe, die zu bewältigen die Menschen in der Lage wären - vom ge- botenen Standpunkt des Wahrscheinlichen aus prinzipiell zu ver- werfen ist, - das alles deutet auf den qualitativen Sprung hin, den die Menschheit gegen Ende dieses Jahrhunderts schaffen könnte. Sie engagiert sich bereits in diesem Sinne auf techni- schem, wissenschaftlichem und sozialem Gebiet, wenn auch die ra- dikalen Transformationen hier wie in anderen Bereichen noch lange nicht sichergestellt sind. Daraus erwächst das noch niemals so stark empfundene Bedürfnis nach einer wahrhaft dialektischen Untersuchung, die die Beziehun- gen der produktiven Basis der materiellen Reichtümer zu den kul- turellen Dimensionen des sozialen Lebens nicht als äußerliche, nebeneinander existierende sieht, sondern als innerlich miteinan- der verbundene, was letzten Endes den wechselseitig bedingenden Charakter der materiellen und der kulturellen Seite der sozialen Realität hervorhebt. In der Tat gibt es keine materielle Arbeit, die nicht durch die in ihr enthaltenen Kenntnisse intellektuelle Arbeit wäre. Umge- kehrt sind zahlreiche kulturelle Tätigkeiten nun in weiten Teilen auf hohem technischem und wissenschaftlichem Niveau materiali- siert und in kapitalistischer Form industrialisiert. In beiden Fällen ist die materielle Durchführung von genau ausgearbeiteten Konzeptionen abhängig, und die allgemeinen rechtlich-politischen und ideologischen Strukturierungen verleihen, vermittelt über die Veränderungen in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, allen menschlichen Aktivitäten ihr Gepräge. Die heutige Zeit ist also gekennzeichnet durch die Verflechtung des materiellen Lebens mit den symbolischen Tätigkeiten. Betrach- tet man z. B. den Einfluß der neuen Technologien auf die Produk- tion, das Verkehrswesen, den Güterkonsum oder die Dienstleistun- gen, so kann man die Technik nicht für neutral halten; wobei das Urteil, daß sie nicht unschuldig sei, nicht bedeutet, daß sie schuldig wäre. Ihre für die Gesellschaft nützlichen oder schädli- chen Auswirkungen hängen genauso, wenn nicht noch mehr, von ihrer gesellschaftlichen Nutzungsweise wie von ihrer eigenen Effizienz ab. Und ob ihre Entwicklung und ihr Gebrauch zuungunsten der le- bendigen Arbeit erfolgen, oder ob sie unter der Herrschaft und Kontrolle von Arbeitskollektiven, die sich ihrer annehmen, von- statten gehen, ist keinesfalls gleichgültig für den Charakter, den die sozialen Beziehungen, die Lebens- und Arbeitsweisen, die Bedingungen der mehr oder weniger entfremdeten Entwicklung des einzelnen annehmen. 2. All dies führt zu einer notwendigen Verallgemeinerung der Ana- lysen, die alle Bereiche der sozialen Erfahrung verknüpfen. Eine solche Verallgemeinerung schließt jede mechanistische Trennung von Objektivem und Subjektivem aus; sie rückt ihre Rückkoppelung innerhalb der Tätigkeiten, bei denen die Menschen immer eindeuti- ger zur treibenden Kraft werden, in den Vordergrund. Deshalb reift für den heutigen Marxismus eine subtilere Problematik des gesellschaftlichen Determinismus heran, den man nicht mit den Formen des Determinismus der Natur verwechseln darf. Der dialek- tische Determinismus ist es sich schuldig, brauchbare Konzepte zu erarbeiten, die mit der größtmöglichen Genauigkeit den Unter- schied zwischen der anorganischen und der organischen Natur auf der einen Seite und der menschlichen Gesellschaft und dem Leben des einzelnen auf der anderen kennzeichnet, ohne dabei die Bedin- gungen auszulassen, die für individuelle und kollektive Initiati- ven, die auf die Dinge und die Menschen einwirken wollen, erfor- derlich sind. Es ist im übrigen kein Zufall, daß sich dieses theoretische Problem mit dem praktischen Problem der historischen Verantwortung verbindet und deshalb mit so neuralgischen Punkten in Berührung kommt wie denen der sozial- und geopolitischen Stra- tegien, der ökologischen Herausforderungen, der heiklen Fragen der Bioethik und der perversen Auswirkungen der Vermarktung des sozialen Lebens einschließlich der Freizeit. 3. Aus diesem Grunde bedeutet die Aktualisierung des marxisti- schen Weges für die Forscher, die Abgrenzung der Forschungssekto- ren, die Formen der individuellen und kollektiven Beiträge zur Erarbeitung der Erkenntnisse und die Möglichkeiten der Beteili- gung an ihrer Erwerbung sorgfältig zu überdenken. Denn die Bezie- hungen, die sich in der ökonomischen, sozialen, politischen und kulturellen Realität knüpfen, erfordern eine Beseitigung der Trennwände zwischen den traditionellen Disziplinen zugunsten von multilateralen Untersuchungen, die die Mitarbeit verschiedener Spezialisten bei ein und demselben Thema verlangen und von ein und demselben Forscher erwarten, daß er ein wenig Ökonom, Sozio- loge, Demograph oder Psychologe, ein wenig Historiker oder Philo- soph sei. Die marxistische Untersuchung beinhaltet eine enzyklo- pädische Ausrichtung, allerdings ohne jeden Anspruch auf erschöp- fendes Wissen. 4. Darüber hinaus ist der Augenblick gekommen, den Kreis der Sachkundigen zu erweitern, insbesondere auf dem Umweg über die Forschung im Betrieb, in den lokalen Gemeinschaften oder im Ver- einsmilieu, und die Menschen vor Ort, die Frauen und Männer, die im Alltag die Transformation der Praxis, ihre individuellen und gesellschaftlichen Auswirkungen und ihre Entwicklungswidersprüche in einer Gesellschaft am Scheidewege erleben, aktiv und eigen- ständig am Erkenntnisprozeß teilnehmen zu lassen. Nicht daß wir einem wie immer gearteten Spontaneismus der Erkenntnis huldigen oder den Vorrang gegenüber dem unersetzlichen wissenschaftlichen Potential geben sollten! Es empfiehlt sich vielmehr, durch eine langfristige Zusammenarbeit die Produktivität der verschiedenen Partner einer Forschung neuen Typs zu wecken. Die Spezialisten haben auf diese Weise Kontakt zu den erlebten Realitäten und ih- rem Wandel. Die Arbeiterinnen und Arbeiter werden sich von nun an auf eine konzertierte Erläuterung ihrer eigenen Erfahrung stützen können, die es ihnen gestattet, genauer zu durchschauen, was sie erleben und was sie tun, um daraus Informationen abzuleiten, die ihrerseits stimulierend auf die Reflexionen und Forschungen wir- ken können. In diesem Rahmen kann und muß das neue Verhältnis zum Marxismus sich in der neuen Figur des Kollektivintellektuellen, in der Gründung eines neuen Fundaments der intellektuellen Arbeit innerhalb der revolutionären Bewegung niederschlagen. 6. Marxistische Forschung und Kritik ------------------------------------ 1. Wenn es zutrifft, daß der Marxismus eine sowohl theoretische als auch praktische Kritik der herrschenden Zustände leistet und, indem er unmißverständlich den Klassenstandpunkt einnimmt, der diese radikal in Frage stellt, für ihre bewußte Veränderung Par- tei ergreift, indem er sich auf die Widersprüche in ihrer Ent- wicklungslogik beruft, dann sind seine Zukunftsperspektiven un- trennbar mit der scharfen Kritik an den Konzeptionen, die sich der Transformation entgegenstellen, verbunden. Das versteht sich natürlich von selbst, was die neoliberalen Argumentationen oder die Reden zugunsten des krisengeschüttelten Kapitalismus, die in- tellektuelle Feigheit und die reformistische Jasagerei betrifft, die zur widersinnigen Erhaltung dieses Systems beitragen. Aber diese Kritik darf auch nicht die wissenschaftlichen Verfah- rensweisen selbst außer acht lassen, insofern sie implizit oder explizit von dem Postulat ausgehen, daß diese Zustände, so be- stürzend sie auch sein mögen, naturgegeben und unveränderbar seien, und ihre oft minutiösen, aber alternativlosen Analysen al- lein auf die von der Logik dieses Systems abhängigen Aspekte richten, als befände sich dieses nur in vorübergehenden, be- langlosen Schwierigkeiten, die seine Existenz überhaupt nicht in Frage stellen könnten. 2. Es ist in der Tat ein Hauptcharakteristikum des Marxismus in seiner ganzen Bandbreite, daß er sich im Leben wie in der Er- kenntnis manifestiert und sich in beiden Bereichen gegen alles wendet, was die emanzipatorischen gesellschaftlichen Transforma- tionen durchkreuzen und behindern möchte. Nicht nur darf die theoretische Kritik des Kapitalismus nicht von seiner praktischen abgekoppelt werden, sondern der Marxismus könnte nur verknöchern, wenn er aufhören würde, die konservativen oder die Veränderung hemmenden Kräfte in ihren Antagonismen zu denjenigen zu unter- scheiden, die als Förderer sozialen Fortschritts besser in Bewe- gung gebracht werden können, wenn die Perspektiven, die ihnen ge- boten werden, ihre Erfahrung in der Klassenauseinandersetzung und die objektive Erkenntnis, die sie daraus gewinnen, die Bildung revolutionären Bewußtseins erleichtern. Es gehört zum Wesen des Marxismus, daß er in jeder Situation und in allen Fragen theoretische und praktische Kritik übt. Schon jetzt sind viele marxistische Ideen und Analysen Gemeingut, und zwar nicht nur die klassischsten und allgemeinsten, sondern auch diejenigen, die aus der ganz aktuellen Kritik hervorgegangen sind. Die Menschen von dieser Anziehungskraft abzulenken, ihr sy- stemerhaltende Konzeptionen entgegenzusetzen, in negativer Weise auf Widersprüche, Lücken, Verzögerungen oder noch bestehende Wis- sensmängel hinzuweisen, das sind unter anderem die Formen der Ge- genkritik, denen der Marxismus ausgesetzt ist. Deshalb hängt die Zukunft der marxistischen Forschung von der Fähigkeit ab, seine eigene konkrete Verbreitung zu fördern, indem er jedes Einzelphä- nomen der Wirklichkeit der Kritik unterzieht und die Resultate in die Gesamtkritik einordnet. 3. Dasselbe kritische Potential des Marxismus beseelt, um es po- sitiv auszudrücken, alle seine Arbeitshypothesen, auch um den Preis bisweilen strenger Neubewertungen aller Erkenntnisse, woher auch immer sie stammen mögen. Die kommunistischen Forscher sich- ten das gesamte Feld der bestehenden Forschungen, und sicher bleibt das nicht ohne Rückwirkung auf ihre eigene Arbeit. Sie meiden also keinesfalls den Pluralismus der Forschung, sondern fordern dort ihren Platz für sich. Sie wollen ihn vor allem för- dern und suchen Gespräche, Austausch und Diskussionen, woraus alle Beteiligten Vorteile ziehen können. Keinerlei Vorbehalt vor antikommunistischen Positionen, die allerdings nicht unwiderspro- chen bleiben dürfen, hält sie davon ab, die wissenschaftlichen Beiträge derer, die jene Positionen einnehmen, aufmerksam zu ver- folgen. Die wissenschaftliche Diskussion scheint ihnen sogar der beste Weg zu sein, um die ideologischen Diskurse zu disqualifi- zieren, die ihre scheinbare Stärke aus Unwissenheit, irrigen, verfälschenden oder tendenziösen Interpretationen und theoreti- schen Inkonsequenzen beziehen. Das Bedürfnis nach mehrdimensionalen, vielfältigen, viele Rich- tungen umfassenden Kenntnissen des sozialen Lebens kann nicht da- durch erreicht werden, daß man die wissenschaftliche Kommunika- tion ausspart, an der die marxistische Forschung aktiv teilnehmen möchte. Ihre Hypothesen werden auf diese Weise transformiert, ihre Thesen korrigiert, ihre Wissensinhalte durchdachter und um- fassender, ohne daß dabei die strategischen Ziele der revolutio- nären Forschung vernachlässigt würden. Denn es geht nicht darum, Erkenntnisse anzuhäufen, um einen Tatbestand zu sanktionieren, als enthalte er keine Probleme, sondern vielmehr darum, auf die objektiven Widersprüche aufmerksam zu machen, die diese Erkennt- nisse hervortreten lassen, um dann Veränderungen zu fordern. 7. Einheit und Pluralität einer Forschung im Wandel --------------------------------------------------- 1. Kritisch ist die marxistische Forschung auch in ihrem internen Bereich, gegenüber ihren Gegenständen und entsprechend ihrer be- grifflichen Ausrüstung oder ihrer Arbeitshypothesen, deren theo- retische Bezüge variieren können. Die marxistischen Forscher sind zwar vereint durch einen gemeinsamen Fundus an intellektuellen Konzeptionen und Interessen und durch einen gemeinsamen revolu- tionären Anspruch, aber sie unterscheiden sich gleichwohl vonein- ander in ihren persönlichen Vorgehensweisen; hierzu bietet eines der Charakteristika der gegenwärtigen epistemologischen Situa- tion, das offene Spiel der Möglichkeiten, die tendenzenreiche Entwicklung der sozialen Realität, die Voraussetzung. Die Verant- wortung der kommunistischen Forscher wird insofern noch größer, als sie in der Wissenschaft und über die wissenschaftliche Ebene hinaus gilt. Denn wenn auch die marxistische Forschung unabhängig sein muß, ohne deswegen neutral zu sein, so ist sie weder von der politischen Planung auf höchster strategischer Ebene abgeschnit- ten, noch steht sie der historischen Bedeutung und den gesell- schaftlichen Auswirkungen ihrer Umsetzung gleichgültig gegenüber. 2. Auf diese Weise konnte z. B. die Selbstverwaltung, die zum Schwerpunkt des Aufbaus des Sozialismus nach französischem Muster geworden ist, unter dem Gesichtspunkt der staatlich-institutio- nellen Integration oder aber unter dem Gesichtspunkt der Wechsel- wirkung der Selbstverwaltungskämpfe und ihrer allmählichen Koor- dinierung beurteilt werden, je nachdem, ob man einen mehr oder weniger direktiven Blickwinkel auf nationaler Ebene oder den ei- nes Politisierungsprozesses an der Basis bevorzugte. 6) Ferner hat das, was zuvor wissenschaftlich-technische Revolution genannt wurde, heute eine Diskussion zwischen den Anhängern der informa- tionellen Revolution und denen der technologischen Revolution hervorgerufen, wobei es um die Frage ging, was die Originalität und das Hauptmerkmal der wissenschaftlichen und technischen Ver- änderungen unserer Epoche ausmacht. 7) Viele Veröffentlichungen, Bücher und Zeitschriften sind der Beweis dafür, daß die gegenwär- tigen Reflexionen über den Staat uns unterschiedliche Gesichts- punkte zur Kenntnis bringen, die bewirken, daß die Forscher sich erneut mit der marxistischen Gesamtkonzeption und der Geschichte des Staates auseinandersetzen. 8) Die Analyse der Beschaffenheit und der Dynamik der Produktivkräfte und ihrer Einbettung in die sozialen Beziehungen ist ebenfalls eine Aufgabe. 9) Das gilt auch für die Debatte über die Frage der menschlichen Natur, die sich um ein anthroponomisches Projekt und dessen richtige Begründung dreht. 10) Die allgemeinere Untersuchung der Strategien der Wirtschaftspla- nung oder des Krisenmanagements führt zu Kontroversen hinsicht- lich einer hypothetischen Fähigkeit des Kapitalismus, die Auswir- kungen der Krise zu mildern und sich, ausgehend von ihren Zwän- gen, neue Wege zu bahnen. 3. Es wäre gewiß unpassend, an dieser Vielzahl unterschiedlicher oder divergierender Hypothesen Anstoß zu nehmen. Ein solcher Plu- ralismus ist vor allem das Ergebnis einer ernsthaften wissen- schaftlichen Arbeit, die weder die Komplexität noch die Wider- sprüche der Themen, die sie behandelt, verheimlicht. Aber er ist auch das Abbild einer historischen Situation, in der das Ausmaß und die Form der Veränderung der Kräfteverhältnisse im Klassen- kampf eine größere Variabilität der Möglichkeiten der gesell- schaftlichen Entwicklung, entsprechend der Breite, Ausrichtung und Zusammensetzung der sich zusammenschließenden Volksbewegung, zur Folge hat. Wenn in der Tat gesagt worden ist, daß die Wege zum Sozialismus in Frankreich neu sind, bedeutet das nicht, daß die Berufung auf frühere oder zeitgenössische Modelle unrichtig wäre. Die Argumen- tation führt vor allem zu dem Gedanken, daß die Zukunft, die jetzt vorbereitet wird, sehr offen und den historischen Möglich- keiten verpflichtet bleibt, die diese mehr oder weniger gründli- che Vorbereitung ihr einräumt. Aus den Realitäten ergeben sich mehrere kohärente und plausible Perspektiven, die die revolutio- näre Bewegung auszunutzen versucht, um voranzuschreiten; weil aber ihre Entwicklungsformen in jeder Etappe vielfältig bleiben, ist ihre Analyse weiterhin kompliziert. Keine der Forschungshypo- thesen, der Erklärungsformen und der antizipatorischen Reflexio- nen darf also bei der kollektiven Untersuchung der im Wandel be- findlichen Gesellschaft vernachlässigt werden. Für jede dieser Richtungen, gleichgültig wie zuverlässig sie sein mögen, kann die Beachtung der anderen Standpunkte nur stimulierend wirken. 4. Die marxistische Forschung kann nur dann kreativ, korrigierend und erneuernd wirken, wenn sie ihre Widersprüche in einheitlicher Absicht und mit der Zielsetzung, abschließend zur Übereinstimmung der Standpunkte zu gelangen, akzeptiert. Sie kann das nur, wenn ihre Kollektive Vertrauen in die intellektuelle und politische Erfahrung des einzelnen setzen und wenn sie Geduld und Ausdauer bei dem Bemühen beweisen, die unweigerlich auftretenden Schwie- rigkeiten zu bewältigen. Nichts wäre schlimmer als die magische Verdrängung dieser Widersprüche oder die Beschränkung der notwen- digen Diskussionen. Denn es versteht sich von selbst, daß die kommunistischen Forscher den Wunsch haben, einander zu verstehen, was nicht immer bedeutet, daß man einer Meinung ist, sondern daß man die Positionen der anderen mit Hilfe von Kriterien beurteilt, deren Niveau über intellektuelle und gefühlsmäßige Verkrampfun- gen, unkontrollierte Polemiken oder wechselseitige Unkenntnis hinausreicht. Die marxistische Forschung befindet sich somit aus sowohl inter- nen als auch externen Gründen in einer epistemologisch unbequemen Lage, denn sie muß ihr eigener Bürge sein, ohne erwarten zu kön- nen, ihn anderswo zu finden. Aber das ist auch das Pfand für eine Fruchtbarkeit, die durch den kritischen Anspruch sich selbst ge- genüber und durch den Willen, die konkreten Veränderungen und die entsprechende gesellschaftliche Praxis zum Prüfstein der Arbeit zu machen, garantiert wird. Dadurch, daß die Forschung sich als theoretische Dimension einer breiteren, unter der Ägide der Ideen und Methoden von Marx in der ganzen Welt entwickelten Kultur begreift, daß sie sich auf die Ursachen und Wirkungen der gesellschaftlichen Praktiken sowie auf die Strategie, die am geeignetsten ist, sie im Interesse der Mehrheit zu revolutionieren, stützt, ist sie sicherlich in eine Krise geraten. Aber es handelt sich um eine Krise des Wachstums, des Heranreifens der Zeit der Revolutionen und nicht des Alterns. Die Bewältigung dieser Krise verlangt neue Beziehungen der Unab- hängigkeit und der Komplementarität zwischen der Theorie und der Politik. Sie erfordert eine immer gezieltere und fruchtbarere Wissenschaftlichkeit, neue Beziehungen zur Welt der Erkenntnis und eine neue Art von gesellschaftlichen Beiträgen zur kognitiven Aneignung der gesellschaftlichen Entwicklung. Übersetzung: Christa Schulz _____ 1) K. Marx, Brief an Kugelmann, 23. 8. 1866, in: MEW 31, S. 521. 2) J. Milhau, Le marxisme en mouvement, Paris 1975. 3) L. Sève, Où en sommes-nous avec le socialisme scientifique?, in: La Pensée, Nr. 232 - Mars-Avril 1983. 4) B. Brecht, Schriften zu Politik und Gesellschaft: Notizen zur Philosophie, in: Gesammelte Werke, Bd. 20, Frankfurt/M. 1967, S. 146 ff. 5) F. Nietzsche, Zur Genealogie der Moral, in: Werke in 6 Bdn. hg. v. K. Schlechta, Bd. 4, München 1980, S. 890. <Bei Nietzsche heißt es: "... jenes Stehen-bleiben-Wollen vor dem Tatsächlichen, dem factum brutum, jener Fatalismus der 'petis faits' (ce petit faitalisme, wie ich ihn nenne), worin die französische Wissen- schaft jetzt eine Art moralischen Vorrangs vor der deutschen sucht"; Anm. d. Übers.>. 6) L'autogestion. Colloquium des Institut de Recherches Marxistes (IRM) 6.-8. Juni 1980, Paris 1980. 7) Révolution industrielle, revolution informationnelle, in: La Pensée, Nr. 241, 1984. Perspectives technologiques, une revolu- tion culturelle, in: La Pensee, Nr. 253, 1986. Symposium La tech- nologie pour quoi faire? 25-26-27-Novembre 1982, Paris 1983. 8) Etats et société, in: La Pensée, Nr. 217/218, 1981. Paul Boc- cara, Etat capitaliste contemporain, formes et contradictions, in: La Pensée, Nr. 224, 1981. A. Le Pors, Hegemonie, consensus et reforme de l'appareil d'Etat, in: La Pensee, Nr. 236, 1983. P. Boccara, Theorie marxiste et voies autogestionnaires de la revo- lution en France, in: La Pensee, Nr. 249, 1986. Autogerer l'Etat? in: La Pensee, Nr. 247, 1985. J. Lojkine, La classe ouvriere en mutation, Paris 1986. 9) Forces productives, individualités, société, in: La Pensee, Nr. 207, 1979. Le devenir de la classe ouvriere, in: La Pensee, Nr. 234, 1983. Intellectuels, travail intellectuel, in: La Pen- see, Nr. 240, 1984. 10) Formes historiques de l'individualité, in: La Pensée, Nr. 228, 1982. P. Boccara, Marx, marxisme, economie et anthroponomie, in: La Pensée, Nr. 232, 1983. Cl. Gindin, Société en mouvement, in: La Pensée, Nr. 235, 1983. zurück