Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 12/1987
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DAS BULGARISCHE FORSCHUNGSINSTITUT FÜR SOZIALTHEORIEN
DER GEGENWART IN SOFIA
Dejan Pawlow
Die Partei des wissenschaftlichen Sozialismus in Bulgarien wurde
gegründet, erstarkte und besiegte den Klassenfeind im Land in
ständiger Auseinandersetzung nicht nur mit der politischen Dikta-
tur der Bourgeoisie, sondern auch mit der bürgerlichen und klein-
bürgerlichen Ideologie, mit dem Revisionismus und Dogmatismus.
Klassenbewußtes parteiliches Herangehen, ideologische Unversöhn-
lichkeit, Treue zur schöpferischen marxistischen Wissenschaft, zu
den Prinzipien des proletarischen Internationalismus prägen die
gesamte Geschichte des Kampfes der bulgarischen Marxisten seit
dem Gründungsparteitag der Partei Dimitâr Blagoews auf dem Bus-
ludsha-Gipfel im Jahre 1891 bis in unsere Zeit.
Ergebnis solchen Herangehens an die Ideologie und den ideologi-
schen Kampf war auch die Gründung des Instituts für Sozialtheo-
rien der Gegenwart beim Präsidium der Bulgarischen Akademie der
Wissenschaften im Jahre 1969. Die seitdem vergangenen Jahre be-
stätigten, daß die Gründung des Instituts ein zeitgemäßer und er-
folgreicher Schritt des ZK der BKP war, daß es eine erfolgreiche
Entwicklung erfuhr, bereits bedeutende Erfahrungen sammeln und
Traditionen aufbauen konnte, ein fähiges und einheitliches Wis-
senschaftlerkollektiv schuf, sich im System der wissenschaftli-
chen Auseinandersetzung unseres Landes behauptete und auch außer-
halb Bulgariens bekannt wurde.
Seiner Struktur nach handelt es sich um ein komplexes, interdis-
ziplinäres Institut, das sich mit grundlegenden Forschungen und
mit Problemen der modernen Gesellschaftswissenschaft und des
ideologischen Kampfes befaßt. Die Hauptaufgaben des Kollektivs
bestehen in der Untersuchung neuer Erscheinungen, Prozesse und
Tendenzen im gesellschaftlichen Leben, in den internationalen ge-
sellschaftswissenschaftlichen Theorien und im ideologischen Kampf
gegen Antimarxismus und Antikommunismus sowie darin, seinen Bei-
trag zur Offensive der marxistisch-leninistischen Theorie zu lei-
sten. Besondere Aufmerksamkeit widmet das Institut der Untersu-
chung der Konzeptionen, Methoden und der Taktik unserer ideologi-
schen Gegner, vor allem der antibulgarischen Propaganda gegen
Theorie und Praxis des Sozialismus.
Das Institut realisiert seine Tätigkeit auf drei großen Ebenen:
fundamentale Untersuchungen einiger Hauptprobleme des sozialen
Lebens und ihrer Widerspiegelung in den Gesellschaftswissenschaf-
ten; wissenschaftlich angewandte Forschungen für die unmittelba-
ren Bedürfnisse des ideologischen Kampfes und der Propaganda
(hierbei kommt den Situationsanalysen eine besondere Rolle zu);
Informationsdienst zu den Fragen, die im Mittelpunkt der Tätig-
keit des Instituts und des ideologischen Kampfes der Partei ste-
hen.
An den Aufgaben der o.g. ersten Ebene arbeiten vor allem die spe-
zialisierten Sektionen und Abteilungen für Philosophie und Sozio-
logie, Politökonomie und wissenschaftlichen Kommunismus, Ästhetik
und Kulturwissenschaften, Pädagogik und Recht. Außerdem wurden
Wissenschaftlergruppen gebildet, die sich mit den ideologisch-po-
litischen Prozessen in einigen der für unser Land bedeutsamen
Weltregionen, darunter auch auf dem Balkan, befassen.
Die Untersuchungen der einzelnen Sozialtheorien als Ausdruck be-
stimmter realer gesellschaftlicher Prozesse betrachten wir nicht
als Selbstzweck. Das Institut bemüht sich auch aufzudecken, wel-
che sozialen Konzeptionen, die im ideologischen Lager der Bour-
geoisie ständig neu entstehen, eine besonders wichtige Rolle bei
der Herausbildung antikommunistischer politischer Strategien und
Taktiken des Imperialismus spielen und wie diese von den entspre-
chenden Massenmedien und Propagandainstitutionen genutzt werden.
Aus diesem Grund gibt es am Institut auch eine spezielle Arbeits-
gruppe, die die antisozialistische und vorwiegend die antibulga-
rische Propaganda untersucht.
Am Institut sind 20 Professoren, 20 Dozenten und Oberassistenten,
17 habilitierte und 43 Doktoren tätig. Aktive Mitglieder des Wis-
senschaftlichen Rates, der zu den angesehensten in unserem Land
gehört, sind 5 Mitglieder und korrespondierende Mitglieder der
Akademie der Wissenschaften, 22 Professoren und 27 habilitierte
Doktoren. Allein in den letzten zehn Jahren gaben Mitarbeiter des
Instituts im Ausland 32 Bücher heraus und veröffentlichten rund
260 Artikel in 20 Sprachen.
Im vergangenen Planjahrfünft wurde das Hauptforschungsobjekt des
Instituts unter seinen wichtigsten und aktuellsten Aspekten auf-
gearbeitet: die allgemeine Krise des Kapitalismus mit ihren neuen
Erscheinungen im politischen und ideologischen Kampf, die Pro-
bleme von Krieg und Frieden, die politische und ideologische
Strategie der USA und der NATO, der Neokonservatismus, die glo-
balen Probleme und der ideologische Kampf, die Probleme der Pro-
paganda, der kulturellen Entwicklung, die Fragen der Jugend, die
politischen und ideologischen Prozesse auf dem Balkan und die Wi-
dersprüche und neuen Probleme bei der Entwicklung des realen So-
zialismus. Parallel dazu wurde ein breiter Fragenkreis der bür-
gerlichen Philosophie und Gesellschaftswissenschaft erforscht -
von den dialektischen Widersprüchen über die vergleichende Ana-
lyse der ökonomischen Systeme bis hin zur Rolle der Künste im
ideologischen Kampf. Hier sollen nur einige der abgeschlossenen
Kollektivwerke angeführt werden: "Probleme von Krieg und Frie-
den"; "Propaganda und ideologischer Kampf"; "Vergleichende Ana-
lyse der ökonomischen Systeme - Kritik der bürgerlichen Theo-
rien"; "Der politische Konservatismus in der Gegenwart";
"Marxismus, Revolution und ideologischer Kampf"; "Konservatismus
und Neokonservatismus auf dem Balkan"; "Kultur und Kontakte";
"Europa - Sein oder Nichtsein?"; "Die Jugendpolitik in den ent-
wickelten kapitalistischen Ländern"; "Philosophische Erkenntnis"
und "Die Entwicklungsländer und der ideologische Kampf".
In diesen und anderen Werken des vergangenen Fünfjahresplans be-
stätigte sich das Bestreben des Institutskollektivs, Antworten
auf die neuen Fragen zu suchen, die infolge der grundlegenden
Veränderungen in der Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft
und der Krise des Kapitalismus im ideologischen Kampf in der in-
ternationalen Arena auftauchen.
Einige interessante Erfolge wurden auch bei der Aufdeckung der
Spezifik und der Funktionen der philosophischen Erkenntnis in der
Welt von heute erzielt, bei der situationsanalytischen Übersicht
über die politischen und ideologischen Strömungen auf dem Balkan
im Hinblick auf die Anwendung eines konsequenten politologischen
Herangehens an die regionalen Untersuchungen, des weiteren bei
der Erforschung der besonderen Folgen (in positivem und negativem
Sinne), der geistigen Kultur der Gegenwart, die mit dem Informa-
tionsfluß und der Formalisierung der zwischenmenschlichen Kon-
takte entstehen.
Das Institut arbeitet eng mit Instituten und Wissenschaftlern der
anderen sozialistischen Länder zusammen, wie auch mit Marxisten
der kapitalistischen Welt. Besonders aktiv und fruchtbar sind die
Beziehungen zu verwandten wissenschaftlichen Organisationen in
der UdSSR. Als Beispiel soll hier nur das Buch "Europa - Sein
oder Nichtsein?" genannt werden, das 1985 in Sofia erschien. Zu
diesem Buch leisteten neben bekannten bulgarischen Wissenschaft-
lern solche führenden sowjetischen Wissenschaftler einen großen
Beitrag wie die Akademiemitglieder Georgij Arbatow, Wiktor Afa-
nassijew, Pjotr Fedossejew, das korrespondierende Mitglied der
AdW der UdSSR Alexander Jakowlew, die Professoren Wadim Sagladin,
Lew Tolkunow, Georgi Schachnasarow, Generaloberst Dmitrij Wolko-
gonow, Radomir Bogdanow, Jury Dawidow, Genadij Woronzow, Alexej
Platonow, die Publizisten Jurij Shukow, Alexander Bowin und Wla-
dimir Bolschakow.
Das Institut unterhält auch zu wissenschaftlichen Instituten in
der DDR aktive Beziehungen in Form von gemeinsamen Veranstaltun-
gen und Publikationen. Eine gute Zusammenarbeit entfaltet sich
auch zwischen unserem Institut und wissenschaftlichen Instituten
in der CSSR und der VR Polen. In letzter Zeit nimmt die Zahl der
von uns organisierten wissenschaftlichen Konferenzen, Kolloquien,
Rundtischgespräche usw. zu, baut das Institut seine internationa-
len Kontakte aus. Mitarbeiter des Instituts beteiligen sich auch
an der Tätigkeit und teilweise an der Leitung internationaler
wissenschaftlicher Verbände, Assoziationen, Gesellschaften und
anderer Foren.
Der dreizehnte Parteitag der BKP (1986) analysierte die Hauptauf-
gaben und -probleme, die das Land in der kommenden Periode zu lö-
sen hat, und, was das Wichtigste ist, er bestätigte eine Gesamt-
strategie der Anwendung der Errungenschaften der wissenschaft-
lich-technischen Revolution von heute beim Aufbau der reifen so-
zialistischen Gesellschaft in der VR Bulgarien. Ein politischer
Wendepunkt, ein politisches Ereignis von immenser Bedeutung für
die UdSSR und die Sache des Friedens und des Sozialismus in der
Welt war der 27. Parteitag der KPdSU, der die erneuernde Kraft
der Leninschen Partei verdeutlichte und die Marxisten zum Aus-
klang des 20. Jahrhunderts mit neuen Ideen und Grundsätzen ausrü-
stete. Gerade um die Probleme, die diese Parteitage aufwarfen,
wird der heutige ideologische Kampf geführt, der auch im Mittel-
punkt des Blickfeldes des Instituts für Sozialtheorien der Gegen-
wart steht. Dabei müssen wir folgende Felder und Probleme ins
Zentrum unserer Arbeit rücken:
- theoretische Verallgemeinerungen über den Wendecharakter der
gegenwärtigen historischen Etappe, über neue Momente in der Dia-
lektik der gegenwärtigen Epoche, über nüchterne Alternativen, vor
denen die heutige Menschheit steht, darunter das Problem ihres
Überlebens sowie über die Notwendigkeit einer neuen politischen
Denkweise;
- Analysen und Wertungen der grundlegenden Prozesse in der VRB,
der UdSSR, den anderen sozialistischen Ländern und im sozialisti-
schen Weltsystem für die Rolle des internationalen Sozialismus
bei der Herstellung neuer internationaler Beziehungen, für die
komplizierten und widersprüchlichen Wege der Länder mit soziali-
stischem Entwicklungsweg, für die Vielfalt der gegenwärtigen Er-
fahrungen und Wege zum Sozialismus;
- Ausarbeitungen zur Entwicklung des Sozialismus als ökonomisches
und politisches System, bei denen die Betonung auf der Überwin-
dung negativer Erscheinungen und Widersprüche liegt, auf der Ent-
faltung der wissenschaftlichtechnischen Revolution, der weiteren
Vervollkommnung und Entwicklung des politischen Systems und der
sozialistischen Demokratie, der Entfaltung der Selbstverwaltung
des Volkes sowie darauf, das System der Leitung der sozialisti-
schen Gesellschaften noch mehr in Einklang mit den objektiven ge-
sellschaftlichen Gesetzmäßigkeiten zu bringen;
- Analysen der allgemeinen Krise des Kapitalismus in der gegen-
wärtigen Etappe, die von einer realistischen Einschätzung des Ka-
pitalismus von heute ausgehen - als einer Ordnung, die ihren Hö-
hepunkt zwar überschritten, jedoch die Reserven ihrer Entwicklung
noch nicht erschöpft hat und nach wie vor einen starken und ge-
fährlichen Gegner darstellt; die für die weitere Entfaltung des
Klassenkampfes äußerst wertvollen Grundsätze über die Faktoren
des Friedens, der Demokratie und des Fortschritts unter den Be-
dingungen der modernen kapitalistischen Gesellschaften, die Ent-
wicklung neuer Kampfformen gegen das aggressive Wesen des Impe-
rialismus;
- Thesen über die entscheidende Rolle des Menschen: Denken und
Handeln der einzelnen Persönlichkeit, Klasse, Partei, eines Vol-
kes und einer Völkergemeinschaft in der gegenwärtigen Epoche und
hauptsächlich beim Aufbau des Sozialismus und bei der Nutzung der
Errungenschaften der wissenschaftlichtechnischen Revolution;
- neue Thesen über die globalen Probleme, die deren soziale, pla-
netare, wissenschaftliche und humane Aspekte organisch verbinden.
Es könnten noch weitere Probleme angeführt werden. Doch auch die
genannten genügen, um zu erkennen, daß die theoretische Vielfalt
und der neue Geist, die in den Parteitagsdokumenten enthalten
sind, nicht nur unsere Forschungspläne wesentlich bereichern wer-
den, sondern auch der Belebung und dem qualitativen Fortschritt
in den Gesellschaftswissenschaften, der Überwindung einiger Ten-
denzen des Stillstands in der Entwicklung des marxistischen Den-
kens und dem so notwendigen neuen Aufschwung einen starken Impuls
verleihen und vielleicht auch zu einer neuen Etappe in der theo-
retischen Entwicklung aller drei Bestandteile unserer marxi-
stisch-leninistischen Lehre führen werden. Die Entwicklung des
Sozialismus als reale Gesellschaft und als Weltsystem ist ohne
die Entwicklung der wissenschaftlichen Theorie des Sozialismus
nicht möglich.
Nach umfassender und detaillierter Analyse wurden fünf themati-
sche Problemrichtungen festgelegt, die das Institut für Sozial-
theorien der Gegenwart in den kommenden fünf Jahren untersuchen
und entwickeln wird, sowie zwei Richtungen, mit deren Aufbau be-
gonnen werden soll. Die fünf Grundrichtungen sind:
1. Heutige Probleme von Krieg und Frieden und der ideologische
Kampf;
2. Neue Tendenzen in der Entwicklung der wissenschaftlich-techni-
schen Revolution und deren Widerspiegelung in der ideologischen
Auseinandersetzung;
3. Kritische Analyse aktueller sozialökonomischer und ideolo-
gisch-politischer Probleme des Kapitalismus;
4. Dialektik der weiteren Entwicklung und Vervollkommnung des So-
zialismus und Kritik seiner Kritiker;
5. Heutige politisch-ideologische Prozesse auf dem Balkan und der
ideologische Kampf.
In Vorbereitung sind die Richtungen:
1. Politisch-ideologische Probleme der Entwicklung der "dritten
Welt";
2. Globale Probleme der Menschheit in der Gegenwart.
Wie ersichtlich, handelt es sich um Richtungen, in denen die Kno-
tenpunkte des gegenwärtigen ideologischen und politischen Wider-
streits zwischen Sozialismus und Kapitalismus, die brennendsten
und wichtigsten politisch-ideologischen Fragen der Gegenwart mit-
einander verflochten sind.
Das Leben und die gesellschaftliche Entwicklung sind weitaus rei-
cher, widersprüchlicher, vielgestaltiger und ändern sich weitaus
schneller als auch der beste Plan. Deshalb besitzt der Fünfjahr-
plan unseres Instituts offenen Charakter, der es ermöglicht, ihn
bei Bedarf begründet zu entwickeln und zu vervollkommnen.
Das Institut für Sozialtheorien der Gegenwart ist guten Willens
und bereit, seine bisherigen wissenschaftlichen Kontakte zu ande-
ren Instituten und Wissenschaftlern im Ausland weiterzuentwickeln
und im Geiste der hohen Anforderungen unserer Zeit neue Beziehun-
gen herzustellen. Die Wissenschaft kann nur voranschreiten, wenn
ihr Schöpfertum von Diskussionen, von einem Dialog und ständiger
wissenschaftlicher Kritik stimuliert wird, wenn ihr wichtigstes
Ziel und ihre Hauptaufgabe darin bestehen, neue Wahrheiten über
die Gegenwart und die Perspektiven der Zukunft der Menschheit zu
suchen und zu finden, für das Voranschreiten der Friedenskräfte,
der Kräfte der Demokratie und des Sozialismus auf unserem Plane-
ten.
Anschrift: Institut za sowremenni sozialni teorii, Sofia, ul.
pionerski put Nr. 21.
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