Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 12/1987


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DIE GELDFORM IN DER 1. UND 2. AUFLAGE DES "KAPITAL"

Zur Diskussion um die "Historisierung" der Wertformanalyse Winfried Schwarz 1. Vulgarisierung der Werttheorie durch Marx selber? (Backhaus) - 2. "Wertform" und "Austauschprozeß" in der Begriffsentwicklung des Geldes - 3. Die angebliche Reduktion der Dialektik (Göhler) - 4. Der Gegensatz von dialektischer Schärfe und Verständlichkeit im Abschnitt über die Wertform. Der Beitrag greift in die seit Jahren in der Bundesrepublik ge- führte Debatte um die Marxsche Werttheorie ein, und zwar in die Problematik Logisches - Historisches. 1. Vulgarisierung der Werttheorie durch Marx selber? (Backhaus) --------------------------------------------------------------- Friedrich Engels habe das erste Kapitel des "Kapital" mißverstan- den, indem er die Marxsche begrifflich-logische Analyse der Ware und des Geldes zur vorkapitalistischen Entwicklungsgeschichte ei- ner sog. einfachen Warenproduktion "historizistisch" interpre- tierte. Dies war bis 1978 nahezu Allgemeingut der bundesdeutschen akademischen Marx-Engels-Beschäftigung geworden. Hans-Georg Back- haus, bis dahin einer der schärfsten Grenzzieher zwischen Marx und seinen "marxistischen" Mißdeutern (Engels bis hin zu zeitge- nössischen sowjetischen und DDR-Lehrbuchautoren der Politischen Ökonomie) überraschte in jenem Jahr die Fachwelt, die - nebenbei bemerkt - zu dieser Zeit hierzulande gerade zu schrumpfen begann: Er behauptete, die Lehrbuch-"Fabeleien" über steinzeitlichen Na- turalaustausch von Steinbeilen gegen Schafe (von ihm als "prämonetäre Werttheorien" kritisiert), welche die Marxsche Ana- lyse der einfachen Wertform im 3. Abschnitt des ersten Kapitels erläutern wollen, seien nicht ganz aus der Luft gegriffen. Nicht nur sei verwunderlich, daß Marx gegen Engels' Interpretationen 1) niemals vorgegangen sei. Sondern er selbst habe das Warenkapitel in der 2. Auflage des "Kapital" 1872 gegenüber der 1. Auflage von 1867 "historizistisch gewendet". 2) Engels und marxistische Epi- gonen beriefen sich daher mit gewissem Recht auf eine bei Marx vorfindliche "Historisierung des Logischen" 3) - auf entstellende Umarbeitungen und geschichtliche Einfügungen in der 2. Auflage. Wenn aber Marx selber einer historischen Interpretation der Ab- folge der Wertformen in "einzelne", "entfaltete", "allgemeine" und "Geldform" Vorschub geleistet habe, dann komme darin seine eigene "Unsicherheit" zum Ausdruck, ja vielleicht sogar eine vollständige Veränderung seines "ursprünglichen methodologischen Konzepts". 4) Mit anderen Worten: In den historisierenden Verän- derungen der 2. gegenüber der 1. Auflage bezüglich der Entwick- lung von Ware und Geld zeige sich Marx' ungenügendes Bewußtsein über seine eigene Methode, was die seit 1872 einsetzende "Vulgarisierung" der Formanalyse von Ware und Geld zur histori- sierenden Abtrennung der Wert- von der Geldtheorie verursacht habe. 5) Strenggenommen hat Marx nicht erst für die 2. Auflage die Waren- analyse und darin vor allem den Abschnitt über die Wertform umge- arbeitet. Noch im Erscheinungsjahr der 1. Auflage verfaßte er für den "nicht durchaus in dialektisches Denken eingewohnten Leser" 6) einen Text "Die Werthform", und zwar auf Anraten von Ludwig Kugelmann und Friedrich Engels. Letzterer hatte empfohlen, "das hier dialektisch Gewonnene etwas weitläufiger historisch nachzu- weisen, sozusagen aus der Geschichte die Probe darauf zu machen, ... dem Philister auf historischem Wege die Notwendigkeit der Geldbildung" aufzuzeigen. 7) Der Text erschien gleichzeitig mit dem "Haupttext" als Anhang am Schluß des ersten Bandes 1867. Am Anhang orientierte sich Marx weitgehend, als er "jene doppelte Darstellung" für die 2. Auflage beseitigte, 8) so daß der Unter- schied nicht so sehr zwischen 1. und 2. Auflage besteht, sondern bereits innerhalb der 1. Auflage - zwischen Haupttext und Anhang. (Dennoch werde ich der Kürze wegen die 2. mit der 1. Auflage ver- gleichen und auch die 2. Auflage nach der verbreiteten, in dieser Hinsicht nicht mehr geänderten, 4. deutschen Auflage in Band 23 der MEW zitieren). Bei der hier diskutierten Differenz zwischen 1. und 2. Auflage geht es im Kern darum, wie jeweils das Verhältnis zwischen Wert- formanalyse (1. Kapitel, 3. Abschnitt) und Austauschprozeß (2. Kapitel) anders dargestellt ist und warum. Die 1. Auflage hält strenger die zwei verschiedenen Abstraktionsebenen der beiden Ka- pitel auseinander, und zwar wesentlich dadurch, daß sie das Geld noch nicht im ersten Kapitel bei der "Wertform" untersucht, son- dern erst im zweiten Kapitel beim Austauschprozeß. Änderungen in der Reihenfolge der Kategorien sind bei Marx kein Zufall, sie müssen erklärt werden. Der Unterschied in der Erklärung des Geldes zwischen 1. und 2. Auflage ist es durchaus wert, in größe- rer Breite untersucht zu werden als von wenigen akribischen Ein- zelforschern wie etwa Backhaus in der Bundesrepublik oder W. Schkredow in der UdSSR, 9) zumal gegenwärtig die MEGA-Editionen der einzelnen "Kapital"-Auflagen, die zu Marx' Lebzeiten erschie- nen, herausgebracht werden. 10) Will man die Erklärung von Back- haus, daß Marx seit der 2. Auflage methodologisch hinter seinen eigenen Stand in der 1. Auflage zurückgefallen sei, nicht teilen, muß eine stichhaltigere Begründung dafür her als die Redeweise, daß Marx seine Theorie eben ständig "weiterentwickelt" habe. 11) Meine These, um dies vorweg zu sagen, ist diejenige, daß Marx be- wußt mit historisch-empirischen Momenten die begrifflich-logische Analyse verständlicher, d.h. wirkungsvoller machen wollte. 2. "Wertform" und "Austauschprozeß" ----------------------------------- in der Begriffsentwicklung des Geldes ------------------------------------- Die Wertformanalyse fängt in der 1. wie in der 2. Auflage glei- chermaßen mit dem einfachen Wertverhältnis einer aus der Waren- welt herausgegriffenen einzelnen Ware zu einer beliebigen anderen an: Die erste, in relativer Wertform befindliche Ware drückt ih- ren Wert im Gebrauchswert einer anderen, in Äquivalentform be- findlichen Ware aus. Diese Form I geht in beiden Auflagen zur zweiten, entfalteten Wertform über, dem Wertausdruck einer ein- zelnen Ware in der endlosen Reihe sämtlicher anderen. Im dritten Schritt kehrt Marx - in beiden Auflagen gleich - die Form II um und erhält die allgemeine Wertform, bzw. die Konstellation der Form III, worin die gesamte Warenwelt den Wert einheitlich in ei- ner einzigen Ware ausdrückt. Diese Ware ist ihrerseits, obgleich selber Ware wie alle übrigen, vom relativen Wertausdruck ausge- schlossen und funktioniert gegenüber der Warenwelt als allgemei- nes Äquivalent. Form I und II sind insofern unvollkommen, als sie den in der ein- zelnen Ware eingehüllten Widerspruch (Gegensatz) von Wert und Ge- brauchswert zwar lösen, indem sie ihn äußerlich darstellen (durch Verteilung der beiden Gegensatzpole auf verschiedene Waren). Doch diese Lösungsform ist nur beschränkt. Der Wert ist seiner Natur nach ein Allgemeines. Seine Darstellung in einem einzelnen Ge- brauchswert (Form I) ist seinem allgemeinen Wesen nicht adäquat, auch nicht die Form II, wo er in einer endlosen Kette besonderer Waren ausgedrückt wird. Erst in der allgemeinen Äquivalentform hat er eine begrifflich angemessene Erscheinungsweise bzw. hat der Widerspruch des Werts mit seinem stofflichen Dasein in einer bestimmten Ware eine vorläufige Lösung auf höherer Stufe gefun- den. Der Gebrauchswert der allgemeinen Äquivalentware ist zwar auch nur ein einzelner, ihre Naturalform repräsentiert jedoch an sich selbst unmittelbar die Allgemeinheit des Werts. Um sich "als Werth ... aufeinander zu beziehen", 12) müssen die Waren e i n e Ware ihresgleichen als allgemeines Äquivalent ausschließen, vermittelst derer sich ihre Austauschbarkeit unter- einander ergibt. Mit dieser theoretischen Erkenntnis, daß der allgemeine Wertbezug der Waren untereinander nicht direkt von Ware zu Ware vonstatten gehen kann, sondern nur indirekt über eine ausgeschlossene dritte, schließt die einheitliche Darstel- lung der Wertform in beiden Auflagen ab. Der nächste Schritt ist in der 2. Auflage ein ganz anderer als in der ersten. Als vierte Wertform folgt in der 2. Auflage (wie schon im Anhang zur 1. Auflage) die Geldform. Diese ist das allgemeine Äquiva- lent, aber sofern es gesellschaftlich gültig geworden ist; dieje- nige Ware, "mit deren Naturalform die Äquivalentform gesell- schaftlich verwächst" (MEW 23, S. 83). Das "Monopol dieser Stelle im Wertausdruck der Warenwelt" hat das Gold "historisch erobert" (ebd., S. 84). Der Fortschritt dieser Form IV gegenüber Form III, wo eine beliebige Ware (Leinwand) allgemeines Äquivalent war, ist kein analytischer in dem Sinne, daß sie vom Autor Marx "theoretisch" (MEW 13, S. 32) oder begrifflich-logisch aus dem einfachen Wertverhältnis abgeleitet würde. Marx betont ausdrück- lich die historischen und gesellschaftlichen Prozesse als aus- schlaggebend für das Zustandekommen der Geldform. Der Fortschritt besteht darin, daß die allgemeine Äquivalentform jetzt sozial verfestigt ist und nicht mehr jeder beliebigen Ware zukommen kann. Rein begrifflich ist dieses Resultat nicht zu gewinnen. In die Konstitution der Geldform spielen historische und empirische Momente hinein. Die rein logische Formanalyse endete schon mit Form III, wo das allgemeine Äquivalent, wie Marx in der I. Auflage sagt, noch "keineswegs verknöchert" war (MEGA II, 5, S. 42). Aufmerksamer Lektüre des Abschnitts über die Wertform in der 2. Auflage kann dieser wesentliche Unterschied zwischen der Ablei- tung der Formen I bis III als logischer und der Geldform als hi- storischer eigentlich nicht entgehen. Vom bisherigen Abstrakti- onsniveau der Wertformanalyse aus (bis Form III) ist die Geld- form, nach einem Ausdruck von Schkredow, ein gewisser "Vorgriff, 13) den die 1. Auflage, eben weil sie in der Folgerichtigkeit strenger argumentiert, nicht macht. Dazu komme ich jetzt. Auch in der 1. Auflage ist die Wertformanalyse mit Form III noch nicht abgeschlossen. Aber die folgende Form IV ist nicht die Geldform, sondern hat einen ganz spezifischen Gehalt. Sie ent- steht nicht durch historischen Prozeß, sondern wie die ersten drei durch gedankliche Konstitution. Marx "kehrt" analytisch die Form III noch einmal "um": Es kommt dabei die "spezifisch rela- tive Werthform des allgemeinen Aequivalents" (MEGA II, 5, S. 43) heraus. Die in Form III als allgemeines Äquivalent figurierenden Waren sind bekanntlich noch beliebig. Leinwand, Rock, Kaffee, Tee läßt Marx daher von der Äquivalentseite auf die Position der re- lativen Wertform herüberwechseln, so daß sie dann alle ihrerseits ihren Wert in der übrigen Warenwelt ausdrücken. Diese theoreti- sche Konstruktion der Form IV soll m.E. zweierlei beweisen: Er- stens daß auf dem jetzigen Standpunkt die allgemeine Äquivalent- form noch jeder Ware zukommen kann. In dieser Hinsicht ist Form IV der 1. Auflage gerade das Gegenteil der historisch-gesell- schaftlich verfestigten Form IV der 2. Auflage. Zweitens zieht Marx aus der in Form IV enthaltenen Ersetzbarkeit des allgemeinen Äquivalents durch alle möglichen Waren den Schluß auf die reale Unmöglichkeit dieser Form. Folgende paradoxe Formulierung schließt in der 1. Auflage die Wertformanalyse ab: "Stellt aber jeder Waare ihre eigne Naturalform allen ändern Waaren gegenüber als allgemeine Aequivalentform, so schließen alle Waaren alle von der allgemeinen Aequivalentform aus und daher sich selbst von der gesellschaftlich gültigen Darstellung ihrer Werthgrössen." (MEGA II, 5, S. 43) Die begriffliche Wertformanalyse endet mit dem Resultat, daß das allgemeine Äquivalent zwar jeder Ware zukommen kann, daß aber in diesem Falle die Waren ihre Werte gar nicht darstellen könnten, sich daher nicht austauschen und gar nicht als Waren verhalten könnten. Dieses negative Ergebnis der Wertformanalyse in der l. Auflage erhärtet indessen noch einmal das positive der Form III, daß die Warenwelt eine e i n z i g e Ware zu ihrer einheitli- chen und allgemeinen Wertdarstellung isolieren muß. Die bisherige rein logische Analyse der Wertform behandelt nur ideelle Wertformen und kann die Frage nicht beantworten, aufwei- che Weise sich das gesellschaftlich gültige allgemeine Äquivalent (Geld) herausbildet und welche Ware das ist. Hierbei handelt es sich nämlich um eine real-historische Wertform oder um die "wirkliche Wertform". Als solche aber ist sie erst das Produkt des wirklichen Austauschprozesses. Dieser wird eben deshalb in der 1. Auflage als "die w i r k l i c h e Beziehung der Waaren aufeinander" (MEGA II, 5, S. 51) von der vorausgehenden "analytischen" Wertformentwicklung abgesetzt. In der dialekti- schen Erklärung des Geldes folgt daher auf die Wertformanalyse als systematisch nächster Schritt die Untersuchung des Austausch- prozesses. (Der dazwischenliegende 4. Abschnitt des 1. Kapitels über den Fetischcharakter der Ware stellt keine neue Entwick- lungsstufe gegenüber der Wertformanalyse dar, da er seinem Wesen nach dort miterklärt wird, worauf Marx übrigens selbst verweist - in MEW 23, S. 87). 14) Beim Austauschprozeß geht es nicht um den Tausch zweier Waren und auch nicht um den Austausch einer bestimmten Ware mit den übri- gen. Sondern der Austauschprozeß ist Austausch aller vorhandenen Waren untereinander - Austausch der Warenwelt. Die vorausgehende Wertformanalyse war insofern abstrakt, nicht nur weil von den tatsächlichen Warenbesitzern abgesehen, sondern vor allem, weil nur immer e i n s e i t i g betrachtet wurde, wie eine einzelne Ware oder (in Form III) die Warenwelt einlinig ihren Wert im Ge- brauchswert anderer Ware, der sie wertgrößengleich waren, aus- drückten. Eine gleichzeitige Rückbeziehung von der anderen Seite her war ausgeschlossen. (Wenn rückbezogen wurde, änderte sich die Form als ganze, so von Form II nach III und von Form III nach Form IV). Niemals war eine Ware in relativer Wertform und in Äquivalentform zugleich, denn Marx behandelt die Wertform mit- nichten als Tauschakt. Die Ware, die sich in relativer Wertform befand, befand sich nicht in Äquivalentform, und umgekehrt drückte die Äquivalentware ihren Wert nicht aus. Der Austausch- prozeß hebt jene Abstraktionen auf, indem er die Warenbesitzer als Akteure einführt, und indem er alle Waren wirklich als ganze aufeinandertreffen läßt, damit sie untereinander sich sowohl als Gebrauchswert als auch als Wert realisieren. Letzteres geht al- lerdings, wie wir bereits wissen, nicht unmittelbar von Ware zu Ware. Und d a ß wir dies bereits wissen, wird zu einem Spring- punkt der Erklärung des Geldes. Was ist damit gemeint? Marx kommt sehr schnell auf die Verlegenheit der Warenbesitzer zu sprechen, in die sie geraten, wenn ihnen für den "allseitigen Händewechsel" ihrer Waren kein gültiges allgemeines Äquivalent zur Verfügung steht. "Sehn wir näher zu, so gilt jedem Warenbe- sitzer jede fremde Ware als besondres Äquivalent seiner Ware, seine Ware daher als allgemeines Äquivalent aller andren Waren." So heißt es in beiden Auflagen gleich. 15) Wir erinnern uns: Eben diese Konstellation beschrieb die Wertform IV der l. Auflage, und zwar als eine Konstellation des Scheiterns. Sie wird hier quasi wiederholt im Verhältnis zwischen den personifizierten Waren: "Da aber alle Warenbesitzer dasselbe tun, ist keine Ware allgemeines Äquivalent und besitzen die Waren daher auch keine allgemeine re- lative Wertform, worin sie sich als Werte gleichsetzen und als Wertgrößen vergleichen." 16) Ohne die Möglichkeit, sich mittels eines allgemeinen Äquivalents als Werte gleichzusetzen und als Wertgrößen zu vergleichen - das wird hier vorbereitet -, muß der Austausch scheitern. Wie der Austausch gelingen kann, das beantwortet Marx zunächst scheinbar rein praktizistisch: "Im Anfang war die Tat. Sie (die Warenbesit- zer; d.V.) haben daher schon gehandelt, bevor sie gedacht haben. Die Gesetze der Warennatur betätigen sich im Naturinstinkt der Warenbesitzer." 17) Praktizistisch ist Marx' Antwort aber keineswegs, denn er argu- mentiert nicht von der reinen "Tat" der Warenbesitzer aus, son- dern von den "Gesetzen der Warennatur", die sich in der "Tat" ob- jektiv durchsetzen. Und diese Gesetze sind eben nichts anderes als das, was am Ende der Wertformanalyse anhand der allgemeinen Wertformen III und IV (1. Auflage) erörtert wurde: die Notwendig- keit eines allgemeinen Äquivalents für den allgemeinen Wertbezug der Warenwelt untereinander. Dieses Resultat der Wertformanalyse zieht Marx jetzt zur Begründung der Geldbildung im Austauschpro- zeß heran: "Sie (die Warenbesitzer; d.V.) können ihre Waren nur als Werte und darum nur als Waren aufeinander beziehn, indem sie dieselben gegensätzlich auf irgendeine andre Ware als allgemeines Äquivalent beziehn. D a s e r g a b d i e A n a l y s e d e r W a r e." 18) Auf dem herübergenommenen Ergebnis der Waren- bzw. Wertformana- lyse aufbauend, ohne das Werden des Resultats zu wiederholen (die Warenanalyse ist hier nur bis zur allgemeinen Wertform relevant, nicht bis zur Geldform, die in der 2. Auflage als Vorgriff mitbe- handelt wird!), kann Marx jetzt das Geld erklären. Nun kann er begründen, w a r u m der Austauschprozeß eine bestimmte Ware für die Übernahme der Geldrolle ausschließt, ohne, wie etwa Adam Smith tautologisch an die äußeren Schwierigkeiten eines geldlosen Warentauschs appellieren zu müssen. Nicht weil der - auch von Marx beschriebene - geldlose Austausch scheitert, ist das Geld schon erklärt. Nicht "pfiffig ausgedacht" rettet es die in Verle- genheit geratenen Warenbesitzer. Sondern weil der Austauschprozeß die Waren r e a l als Werte qualitativ und quantitativ aufein- ander bezieht, treibt er das allgemeine Äquivalent r e a l aus der Warenwelt hervor - als die reale Bedingung der allgemeinen Austauschbarkeit. Hierbei muß man sich vor Augen halten, daß im Austauschprozeß nur das praktisch wahr wird, was zuvor im Ab- schnitt "Wertform" i d e e l l analysiert wurde, daß nämlich der allgemeine Wertbezug der Waren untereinander nur indirekt über den Bezug auf den Gebrauchswert der ausgeschlossenen dritten Ware möglich ist. Wird der ideelle Wertbezug realer Wertbezug, wird das ideelle allgemeine Äquivalent zum realen - zu Geld. Die Weiterentwicklung vom ersten zum zweiten Kapitel des "Kapital" ist daher wesentlich der Schritt vom "gedachten" (MEW 13, S. 29) allgemeinen Äquivalent zum realen oder gesellschaft- lich gültigen infolge des Austauschprozesses. 19) Die Analyse der Wertform im strengen Sinne der 1. Auflage kann nicht zur Geldform führen. Diese ist erst erklärt, wenn die Analyse der Wertform und des Austauschprozesses in der oben beschriebenen Weise zusammen- genommen werden. Wenn schon von "Einheit von Logischem und Histo- rischem" bei der Gelderklärung durch Marx die Rede sein soll, dann in jenem Sinne der spezifischen Einheit von begrifflich-lo- gischer Wertformanalyse und Betrachtung des real-historischen Austauschprozesses. Doch gerade das Verständnis dafür, daß das Geld nur als zusammen- genommenes Resultat von Wertformanalyse und Austauschprozeß dia- lektisch erklärt werden kann, wird in der 2. Auflage erschwert: hauptsächlich dadurch, daß die Geldform schon im Rahmen der Wert- formanalyse mitbehandelt wird. Die innere dialektische Struktur der Geldentwicklung im "Kapital" bleibt dadurch zwar unverändert. Aber der "äußere" Vorgriff auf die Geldform verstellt zweifellos eben für sie den Blick. Das ist der rationale Kern von Backhaus' These der Vulgarisierung der Marxschen Geldtheorie durch Marx selber und dem behaupteten Nebeneinander "esoterischer" und "exoterischer" Partien in der überarbeiteten Fassung des "Kapital". 20) Wenn die Geldform quasi als linearer Schlußpunkt einer einheitlichen Reihe von nur verschieden weit entwickelten Wertformen dasteht, wird in der Tat die historisierende Vorstel- lung sehr befördert und erleichtert, als ob es sich bei der Wert- formanalyse um einen geschichtlichen "Exkurs" (W. Liebknecht) zur Geldbildung handele, der zeitlich nacheinander vier selbständige Etappen der mehrtausendjährigen Entwicklungsgeschichte der Waren- produktion aus der einfachen Tauschwirtschaft abfolgen lasse. Dazu kommt, daß die Rolle des Kapitels über den Austauschprozeß dann nicht mehr recht verstanden werden kann. Entweder wird es als eine Wiederholung der Geldentstehung interpretiert oder als zweite Erklärung von einem anderen Ansatz her. Die Rolle der Wertformanalyse und ihre Herübernahme in das Kapitel vom Aus- tauschprozeß wird in beiden Fällen übersehen. 3. Die angebliche Reduktion der Dialektik (Göhler) -------------------------------------------------- Daß das Geld als "fertige Gestalt des allgemeinen Äquivalents" erst Resultat des Austauschprozesses ist, heißt nicht, daß es nur aus ihm - ohne vorherige Wertformanalyse - entwickelt werden kann. Exakt dies verlangt G. Göhler von einer "emphatischen Dia- lektik". 21) Für Göhler ist die Hereinnahme der Geldform in die Wertforment- wicklung nur Abschluß einer seit der 1. Auflage des "Kapital" eingesetzten Gewichtsverlagerung zugunsten der Wertformanalyse auf Kosten des Austauschprozesses. Ein grundsätzlicher Unter- schied in der Entwicklung der Ware zum Geld besteht für ihn nicht zwischen den verschiedenen "Kapital"-Auflagen, sondern zwischen diesen und der 1859 erschienenen Schrift "Zur Kritik der politi- schen Ökonomie" ("Kritik"). Dort mache Marx noch den Versuch, das Geld nicht über die "logisch unbedenkliche" Abfolge der Wertfor- men, sondern unmittelbar als Lösung der realen Widersprüche des Austauschprozesses abzuleiten. "Die 'Kritik' enthält die Trennung von Wertform-Analyse und Entwicklung des Austauschprozesses noch nicht; daß sie gegenüber dem 'Kapital' vielmehr beide zusammen- nimmt, ist gerade der Clou ..." (Göhler, S. 45). So "faszinierend" Göhler jene gemeinsame Entwicklung von Geld und Austauschprozeß findet, für so wenig aussichtsreich war seiner Meinung nach das Marxsche Unterfangen von vorneherein: das allge- meine Äquivalent sei nicht aus den Widersprüchen den Austausch- prozesses zu gewinnen, sondern nur aus der Wertformabfolge, die allerdings "in keiner Hinsicht als Widerspruch formuliert" sei (Göhler, S. 167). Diesem Sachverhalt trage die veränderte Dar- stellung im "Kapital" Rechnung, womit Marx aber auch den Anspruch auf "emphatische Dialektik" preisgebe, da er auf jede Entwicklung aus realen Widersprüchen heraus verzichte (Göhler, S. 113). Abgesehen davon, daß die Wertformanalyse gründlich mißversteht, wer sie nicht wesentlich gerade als Entfaltung des der Ware imma- nenten Widerspruchs zwischen Gebrauchswert und Wert begreift, 22) ist Göhlers Versuch merkwürdig genug, das Marxsche Scheitern ei- ner Geldentwicklung aus der Zusammennähme von Wertform- und Aus- tauschstruktur "strukturtheoretisch" zu erklären. Der Mangel der Wertform sei, keine wirkliche Tauschbeziehung, sondern eine bloß "einlinige" Beziehung zu sein, worin eine Ware ihren Wert im Gebrauchswert einer anderen ausdrückt aber nicht zugleich umgekehrt. Diesen Mangel behebt Göhler. Er bildet eine Austauschstruktur, indem er einfach denselben Wertausdruck um- kehrt. Dieser muß nur sowohl von links nach rechts als auch von rechts nach links gelesen werden, damit die dem Tausch eigentüm- liche (aber der Wertform abgehende) "Äquivalenzrelation" (damit meint Göhler die Gleichsetzung der Waren als Werte) entsteht. Ware A drückt nun ihren Wert in Ware B aus, Ware B umgekehrt ih- ren Wert im Gebrauchswert A, und durch diesen doppelseitigen Wer- tausdruck seien beide Waren auch als Werte miteinander gleichge- setzt, will sagen austauschbar. Damit glaubt Göhler, Wertform und Austauschstruktur "gemäß der Intention von Marx" (Göhler, S. 84) zusammengebracht zu haben. Indem er dann diese aus zwei gleichartigen umgekehrten Wertformen zusammengesetzte überkreuzte "Austauschstruktur" hin- und herwen- det, stößt er auf allerlei logische Widersprüche und ungelöste Schwierigkeiten. Die schwerwiegendste davon ist diejenige, daß das Geld aus der so gewonnenen Austauschstruktur nicht zu begrün- den ist. So ist sich Göhler gewiß, die Marxsche Intention einer emphatischen Dialektik der Geldableitung aus der in den Austausch unmittelbar integrierten Wertformentwicklung auf Herz und Nieren geprüft und ihr zwangsläufiges Scheitern streng logisch begründet zu haben. Stimmt das? Göhlers Irrtum beginnt schon bei der falschen Entgegensetzung von Wertform und Austausch. Nicht durch die Umkehrung von Wertausdrücken entsteht eine Wertgleichung zwi- schen den Waren. Göhler übersieht, daß in der Wertform x Ware A = y Ware B nicht einfach die erste Ware ihren Wert in der zweiten "darstellt", sondern daß diese Ausdrucksweise überhaupt nur dar- auf gründet, daß die beiden als Werte qualitativ identisch sind. Beim W e r t a u s d r u c k entgeht Göhler die W e r t g l e i c h u n g. 23) Diese bastelt er, weil er für den Austausch irgendeine Art von Gleichsetzung braucht, aus zwei Wertformen zusammen - ein begriffsloses Unterfangen, ganz gewiß nicht "gemäß der Intention von Marx." Doch wichtiger: Göhler mißversteht die Wertform vollends, wenn er sie bloß als "halbierte Austauschstruktur" sieht. Wäre sie das, dann müßte im Wertausdruck x Ware A = y Ware B die zweite Ware als besonderer Gebrauchswert zählen, den der Warenbesitzer A durch Austausch erwerben will. Doch solange bei Marx von der Wertform die Rede ist, gilt der Gebrauchswert der zweiten Ware niemals in seiner stofflichen Besonderheit, sondern ausschließ- lich als "Wertding". Er ist unmittelbar Wertkörper für die Ware A und gilt ihr gegenüber als nichts anderes. Diese naturale Belie- bigkeit hört erst auf, sobald es um den Austausch geht - aber erst dann. Von der Wertform führt bei Marx der Weg zum Austauschprozeß nicht auf die simple Weise der Zusammensetzung. Ich versuchte zu zei- gen, daß Marx im Zuge der Geldentwicklung die Wertform der Ware bis zur allgemeinen Äquivalentform der Warenwelt (Form III) in bewußter Absonderung vom realen Austausch entwickelt und das Re- sultat in die Betrachtung des Austauschprozesses der Warenwelt einbezieht, um die reale Austauschbarkeit der Waren zu erklären. Bewußt untersucht Marx den Austauschprozeß nicht zuerst als "einfachen" und dann als "entfalteten", sondern sofort als all- seitige Aneignung und Entäußerung der Waren durch ihre Besitzer, wo das a l l g e m e i n e Äquivalent (kein einzelnes und kein besonderes) als Bedingung des allseitigen Austauschs praktisch entsteht und sich zu Geld verfestigt. In der "Kritik" geht Marx zwar grundsätzlich genauso wie im "Kapital" vor, daß er für den allseitigen Austausch der Waren un- tereinander die Notwendigkeit eines allgemeinen Äquivalents und der "Geldbildung" begründet. Doch durch das Fehlen einer ideellen Ableitung der allgemeinen Wertform aus der einfachen unabhängig vom Austauschprozeß ist dort der Ursprung der Geldform aus der "einfachsten Warenform" 24) längst nicht so klar, wenngleich Marx auch in der "Kritik" die Wertform im Sinne des Ausdrucks des Tauschwerts einer Ware im Gebrauchswert anderer Waren untersucht. In einem Brief an Engels (der von Göhler nicht zur Kenntnis ge- nommen wird) räumt er allerdings selbst ein, daß das allgemeine Äquivalent bzw. das Geld in der "Kritik" zu schnell da ist: "Die Schwierigkeit der Entwicklung (der Geldform aus der einfachsten Warenform; d.V.) habe ich in der ersten Darstellung (Duncker) da- durch vermieden, daß ich die eigentliche Analyse des W e r t a u s d r u c k s erst gebe, sobald er entwickelt, als Geldausdruck, erscheint." 25) Tatsächlich wird der Wertausdruck in der Kritik erst beim Geld als Maß der Werte und im Zusammenhang mit der Preisform ausführ- licher betrachtet (MEW 13, S. 50-52) und ist vorher meist mit der Rolle des allgemeinen Äquivalents im Austauschprozeß verknüpft. Insofern hat Göhler natürlich recht, daß Marx im "Kapital" den engen Zusammenhang zwischen Austauschprozeß und Wertform löst. Doch was Göhler Reduktion der Dialektik nennt, ist für Marx ein Zuwachs an "dialektischer Schärfe". 4. Der Gegensatz von dialektischer Schärfe und Verständlichkeit --------------------------------------------------------------- im Abschnitt über die Wertform ------------------------------ Die Frage ist noch nicht beantwortet, warum Marx in der 2. Auf- lage jene folgenschwere Änderung überhaupt vorgenommen hat. Um es klarzustellen: Marx hat seit dem "Anhang" die dialektische Ent- wicklung des Geldes aus der einfachen Wertform im "Kapital" durch eine Entwicklungsgeschichte von Waren- und Geldbildung n i c h t e r s e t z t. Historisch e r g ä n z t, was etwas anderes ist, hatte er die begriffliche Entwicklung schon in der 1. Auf- lage, und zwar durch einen knappen geschichtlichen Abriß des Aus- tauschprozesses vom Beginn des Warenaustauschs (wo das quantita- tive Austauschverhältnis zwischen den Artikeln "zunächst ganz zu- fällig" ist - MEGA II, 5, S. 54) bis zum Übergang der Geldform auf die edlen Metalle. Diese historische Skizze bildet gleichsam den zweiten Teil des Kapitels über den Austauschprozeß; sie un- terscheidet sich in der 2. Auflage nur stilistisch von der er- sten. 26) Worüber sich die Interpreten streiten, ist aber die ganz andere Frage, ob Marx auch die unmittelbare Wertformanalyse historisiert hat. Diese These scheint durch den Umstand erhärtet zu werden, daß Marx persönlich eine ganz und gar historisierende Wertformdar- stellung verfaßt hat und veröffentlichen ließ. 1875 überarbeitete er auf Bitten W. Liebknechts den von dem sozialdemokratischen Agitatoren Johann Most angefertigten "populären Auszug aus 'Das Kapital' von Karl Marx" für eine zweite Auflage und schrieb dafür das erste Kapitel "Waare und Geld" vollständig um. 27) In seiner eigenen Fassung (Chemnitz 1873) hatte Most, dem das "Kapital" in der 1. Auflage vorlag, den Zusammenhang des Geldes mit den Wert- formen überhaupt nicht - auch nicht historistisch - verstanden und die Geldbildung auf eine rein subjektive Tat der Warenbesit- zer reduziert: "Um diesen Abschätzungsmodus (!) zu vereinfachen und in eine bestimmte Regel zu bringen, schließt man (!) Eine Waarenart von allen anderen aus, macht dieselbe zum allgemeinen Werthmesser, zu Geld." 28) Marx schreibt einen ganz neuen Text und geht dabei weit über die Historisierung der 2. "Kapital"-Auflage (Vorgriff auf die Geld- form) hinaus. Er nimmt die historische Skizze des Austauschpro- zesses aus dem 2. Kapitel des "Kapital" zum Ausgangspunkt und fügt darin der Sache (nicht dem Namen nach) die vier Wertformen ein, und zwar ganz bewußt als geschichtliche Stufen: "Diese Werthform entwickelt sich nach und nach aus und mit dem Produc- tenaustausch." 29) Dem zufälligen Austausch zwischen Tierfellen und Salz folgt als "nächst höhere Stufe" der Eintausch aller mög- lichen Waren durch Tierfelle, die das einzige Tauschprodukt von (Marx wird ganz plastisch) sibirischen Jägerstämmen sind. Deren Tierfelle werden dann im Rahmen des Tauschgebiets zum allgemeinen Äquivalent für diejenigen, welche mit ihnen Handel treiben. Schließlich geht mit der "Verallgemeinerung des Waarenaustauschs" die Rolle des allgemeinen Äquivalents auf Gold über. Daraus wie Backhaus, der diesen Text ebenfalls beurteilt hat, zu schließen, daß "Marx mit einer solchen Popularisierung ... den Weg zu einem tieferen Verständnis seiner Analyse hoffnungslos versperrt hat", 30) liegt zumindest nahe; denn vom Geld als dem zusammengenommenen Resultat von Entwicklung von Wertform und Aus- tauschprozeß ist nun keine Spur mehr übrig. 31) Dennoch ist die Marxkritik unberechtigt. Denn sie stellt nicht in Rechnung, daß Marx einen wesentlichen Unterschied macht zwischen s t r e n g w i s s e n s c h a f t l i c h e r und p o p u l ä r e r Dar- stellung, und zwar eines und desselben Gegenstandes. In einem Briefentwurf von 1879 an den nach Most zweiten Populari- sator des "Kapital", Carlo Cafiero, erläutert Marx den Hauptman- gel der Mostschen Auszüge (gemeint ist deren erste Auflage) fol- gendermaßen: Die Auszüge "machen den Fehler, daß sie einen kurz- gefaßten und populären Abriß des 'Kapitals' geben wollen, sich aber gleichzeitig zu pedantisch an die wissenschaftliche F o r m der Darstellung halten. Dadurch", so fährt Marx fort, "scheinen sie mir mehr oder weniger ihr Hauptziel zu verfehlen, nämlich auf die Öffentlichkeit einzuwirken, für die diese Abrisse bestimmt sind." 32) In der Popularisierung verlangt derselbe wissenschaftliche Inhalt eine verständlichere Form. Daraus folgt zwangsläufig, daß ihret- willen ein Verlust "dialektischer Schärfe" in Kauf genommen wer- den muß. Um auf die "Öffentlichkeit einzuwirken", hält Marx hin- sichtlich der Wertformentwicklung Engels' Forderung von 1867 für berechtigt, "auf historischem Weg die Notwendigkeit der Geldbil- dung" nachzuweisen. Ihr kommt er in den "Auszügen" vollständig nach. Was er auf diesem Weg nicht erreicht, ist, das Geld aus der Ent- faltung der inneren Widersprüche der Ware in Wertform und Aus- tauschprozeß begrifflich zu begründen. Was er aber durch seine historisch-illustrative Argumentation im Unterschied zu Johann Most zu verdeutlichen vermag, ist das, was auch in der wissen- schaftlichen Darstellung des "Kapital" das Haupterkenntnisziel der Gelderklärung ist: nämlich der innere notwendige Zusammenhang zwischen der Ware und dem Geld. Dieser Kerngedanke wird auch durch die nichtwissenschaftliche Präsentation dem Leser noch klar vermittelt. Im Lichte dieser extrem weit durchgeführten Historisierung scheint mir die Textveränderung der 2. Auflage des "Kapital" nun- mehr erklärbar. Auf die "Öffentlichkeit einzuwirken" war nicht nur das Ziel jenes populären Auszugs, sondern auch der wissen- schaftlichen Darstellung des Marxschen Hauptwerks selber. Obwohl d e s s e n angestrebte Öffentlichkeit nicht die breite Arbei- terleserschaft sein konnte, erforderten doch gerade seine An- fangspartien auch bei stärker vorgebildeten Lesern enorme Ver- ständnisanstrengungen. Das sah Marx 1867 voraus, als er sich im Vorwort zur 1. Auflage bezüglich des "Abschnitts über die Werth- form" vorweg wegen möglicher "Schwerverständlichkeit" entschul- digte. (MEGA II, 5, S. 12) Sein damaliges Zugeständnis war der "Anhang". Er behielt es in der 2. Auflage in Form der Veränderung des Haupttextes bei. Der wichtigste Schritt war die Mitbehandlung der Geldform bei der "Wertform". Offenbar wollte Marx den Stellenwert der Wertformana- lyse dem Leser verständlicher machen, indem er sie von Anfang an, und das heißt v o r dem "Austauschprozeß", als das bezeichnete, was sie - wenn auch nur indirekt - tatsächlich ist: ein Schritt zur Lösung des "Geldrätsels" (MEW 23, S. 62), eine Etappe auf dem Weg zur Erklärung der Geldform. Den drei ideellen Wertformen im gleichen Abschnitt die Geldform folgen zu lassen, ist ja sachlich nicht falsch, zumal die Geldform eine Wertform i s t. Unterbe- lichtet wurde durch diesen Vorgriff notgedrungen, daß sie real erst vom Austauschprozeß hervorgebracht wird. Doch diese Unterbe- lichtung ist notwendiges Opfer der Marxschen Verschiebung auf verbesserte Verständlichkeit bzw. erhöhte Wirksamkeit hin. Anders gesagt: Die Textänderung im Abschnitt über die Wertform trägt dem Umstand Rechnung, daß "Schärfe der Dialektik" und Verständlich- keit dort nicht deckungsgleich sind. 33) Weder innertheoretische Neueinsichten noch methodologische Unsi- cherheit sind die Gründe für die - zweifellos mit viel Bedacht vorgenommene - "Historisierung" gegenüber der 1. Auflage. Sondern es ging Marx einzig um erhöhte Wirkung seines Werkes. Wenn in diesem Zusammenhang die 2. Auflage des "Kapital" öfter als eine Marxsche "Weiterentwicklung" bezeichnet wird, sollte genau beach- tet werden, worin sie besteht. Ihr Innentitel trägt zwar den Auf- druck "Zweite verbesserte Auflage". Doch verbessert oder wei- terentwickelt wurde nicht - etwa infolge neuer Forschungser- kenntmsse - die Theorie, sondern allenfalls ihre Darstellung - die Darstellung in Richtung auf erhöhte Wirkung. _____ 1) Vgl. zu Engels den Beitrag von W.A. Wasjulin in diesem Band. 2) Hans-Georg Backhaus, Materialien zur Rekonstruktion der Marx- schen Werttheorie 3, in: Gesellschaft. Beiträge zur Marxschen Theorie, Heft 11, 1978, S. 16-117, hier S. 43. 3) Ebenda, S. 43. 4) Ebenda, S. 19, 43. 5) Im vierten Teil der "Materialien" von 1980 formuliert Backhaus diese Gedanken noch weiter aus. Leider liegt dieser Text nicht gedruckt, sondern nur in Fotokopie vor. Backhaus' jüngste Publi- kationen in Mehrwert (Heft 25, 1984) und in Prokla (Heft 63, 1986) lassen keinen Schluß auf veränderte Positionen zu. 6) MEGA II, 5, S. 12. 7) Engels an Marx, 16. 6. 1867, in: MEW 31, S. 303. 8) Zum - bisher unveröffentlichten - Zwischenmanuskript vgl. den Beitrag von B. Lietz in diesem Band. 202 9) W.P. Schkredow, Die Wertformanalyse im 1. Band des "Kapital", in: Umrisse zur Geschichte des "Kapitals", hrsg. v. IML-Moskau, Moskau 1983, S. 249-310 (russ.). Die Gedanken Schkredows führte in die deutschsprachige Literatur Rolf Hecker in der DDR ein. Vgl. Rolf Hecker, Einige Probleme der Wertformanalyse in der Erstausgabe des "Kapitals" von Karl Marx, in: Arbeitsblätter zur Marx-Engels-Forschung 8, Halle (Saale) 1979, S. 76-94. 10) Vgl. dazu den Beitrag von Kundel/Malysch in diesem Band. 11) Erfreulicherweise wird gerade das Verhältnis zwischen "Wertform" und "Austauschprozeß" mittlerweile in internationaler Breite debattiert. Unvollständig seien als Beispiele nur genannt die Arbeiten von A. Barreda und B. Gutierrez Z. aus Mexiko, von J. Bidet aus Frankreich, von G. Göhler und D. Wolf aus der Bun- desrepublik (s.u.). In Japan ist seit dem Abschluß der hervorra- genden Quellensammlung im 15-bändigen Marx-Lexikon zur Politi- schen Ökonomie (hrsg. v. Samezo Kuruma), darunter 5 Bände zum Thema "Geld", die Fachliteratur dazu, selbst soweit sie ins Eng- lische oder Deutsche übersetzt ist, schon unübersehbar geworden. 12) MEGA II, 5, S. 40. 13) W.P. Schkredow, a.a.O., S. 263 ("Zabeganije wperjod"). 14) Dieter Wolf ist in seiner Monografie "Ware und Geld" (Hamburg 1985, S. 208) anderer Meinung. Ihm zufolge vermittelt der Ab- schnitt über den Fetischcharakter zum unbewußten Handeln der Wa- renbesitzer hin, die im Austauschprozeß-Kapitel auftreten. 15) MEW 23, S. 101. MEGA II, 5, S. 53. 16) Ebenda. 17) Ebenda. 18) Ebenda. (Hervorhebung durch d. V.). 19) Schkredow drückt den Sachverhalt so aus: "Das Verhältnis zwi- schen der Ware in Kapitel l und der Ware in Kapitel 2 ist das Verhältnis zwischen der Ware als unmittelbare Voraussetzung des Austauschprozesses und der Ware als Resultat dieses Prozesses, der ideellen Ware (der die Geldform fehlt) und der realen Ware (die Geldform angenommen hat)." a.a.O., S. 292 (russ.). Nicht zuzustimmen ist allerdings seinem Bild von der Wertformana- lyse, wo sich die Waren im Zustand der Ruhe befinden, im Unter- schied zum Austauschprozeß, wo sie wechselseitig in Bewegung ge- raten sind. Das Bild ist für den Austauschprozeß auf der Stufe des zweiten Kapitels des "Kapital" unzutreffend. Denn die Geld- bildung ist "nur der erste notwendige Akt dieses Prozesses" oder "vorbereitender Prozeß für die wirkliche Zirkulation", wie sich Marx in "Zur Kritik" von 1859 ausdrückt (MEW 13, S. 49). Bisher haben wir mit dem Geld erst die reale Austauschbarkeit entwic- kelt, aber noch nicht den realen Austausch. Dieser ist, wenn er als Bewegung betrachtet wird, immer schon durch Geld vermittelte Warenzirkulation (W-G-W), der Gegenstand des 3. Kapitels. 20) H.-G. Backhaus, Materialien ... 4, a.a.O., S. 64. 21) Gerhard Göhler, Die Reduktion der Dialektik durch Marx. Strukturveränderungen der dialektischen Entwicklung in der Kritik der politischen Ökonomie, Stuttgart 1980. 22) Den Widerspruch zwischen Gebrauchswert und Wert der Ware ver- sucht D. Wolf mit seiner Monografie "Ware und Geld" in der m.E. bislang überzeugendsten Weise als durchgängiges Entwicklungsprin- zip für die ersten drei Kapitel des "Kapital" nachzuweisen. In dieser Hinsicht muß es als das vorläufig letzte Wort der bundes- deutschen Wertdebatte gelten. Es nimmt in meinem Beitrag nicht größeren Raum ein, weil die Hereinnahme der Geldform in die 2. "Kapital"-Auflage bei Wolf nur eine untergeordnete Rolle spielt. 23) Vgl. dazu auch D. Wolf, a.a.O., S. 189/190. 24) Marx an Engels, 22.6.1867, in: MEW 31, S. 306. 25) Ebenda. 26) MEGA II, 5, S. 54-56. MEW 23, S. 102-104. 27) Einzelheiten darüber führe ich in dem Kommentar zum Reprint des neuaufgefundenen Handexemplars von Karl Marx auf: Kapital und Arbeit. Ein populärer Auszug aus "Das Kapital" von Karl Marx von Johann Most. Zweite verbesserte Auflage. Reprint der Originalaus- gabe und Kommentar. Hrsg.: Marx-Engels-Stiftung, Wuppertal 1985. 28) Kapital und Arbeit ..., 1. Auflage, Chemnitz 1873, S. 9. 29) Kapital und Arbeit ..., Reprint der 2. Auflage, a.a.O., S. 9. 30) H.-G. Backhaus, Materialien, ... 4, a.a.O., S. 66. 31) Backhaus geht an Marx' Intention vorbei, wenn er ihm die ge- schilderten Verhältnisse bei den sibirischen Pelzjägern als eth- nologisch und geschichtswissenschaftlich unabgesichert vorwirft. 32) MEW 34, S. 181. Zum Unterschied zwischen wissenschaftlicher und populärer Darstellung vgl. auch den Kommentar zum Reprint von "Kapital und Arbeit", a.a.O., S. 20. 33) Die Bemerkung über die Analyse der Wertform: "Sie ist schwer- verständlich, weil die Dialektik viel schärfer ist als in der er- sten Darstellung" (MEGA II, 5, S. 11/12) aus dem Vorwort zur 1. Auflage (mit erster Darstellung ist die "Kritik" von 1859 ge- meint) strich Marx nach ihrer Überarbeitung in der 2. Auflage weg. zurück