Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 12/1987
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"GRUNDRISSE": PROBLEME DES ZWEITEN UND DRITTEN BANDES DES
"KAPITALS" UND DAS SCHICKSAL DES BEGRIFFS DES "KAPITALS IM
ALLGEMEINEN"
Michail Ternowski / Alexander Tscherpurenko
In den Debatten der letzten Jahrzehnte um die Entstehungsge-
schichte der Marxschen ökonomischen Theorie ist dem Problem des
"Kapitals im Allgemeinen" große Aufmerksamkeit zuteil geworden -
dem Inhalt und Schicksal eines Begriffs, der in der ursprüngli-
chen Fassung des "Kapitals", in den "Grundrissen" von 1857-58,
eine Schlüsselrolle spielt. Dabei haben, so scheint es, die bei-
den formulierten Standpunkte zu dieser Frage - sowohl jener, der
behauptet, daß Marx nach den "Grundrissen" auf diesen Begriff
verzichtete, 1) als auch jener, der die ganze spätere Arbeit am
"Kapital" als eine Vertiefung des "Kapitals im Allgemeinen" be-
trachtet 2) - wenig Aufmerksamkeit auf einen Vergleich der Ana-
lyse der Zirkulation des Kapitals und des "Kapitals als Frucht
bringend", wie sie in den "Grundrissen" enthalten ist, mit dem
Inhalt des zweiten und dritten Bandes des "Kapitals" unter struk-
turtheoretischem Aspekt verwendet. Dabei könnte u.E. ein solcher
Vergleich die Grundlage für einen präziseren und argumentativeren
Meinungsaustausch über dieses Problem abgeben.
Im Rahmen dieser Bemerkungen ist es kaum möglich, die Entwicklung
der Auffassungen von Marx über Gegenstand und Inhalt des zweiten
und dritten Teils des "Kapitals" im Verlauf jenes Jahrzehnts im
Detail zu verfolgen, in dem er nach den "Grundrissen" noch zwei
Entwürfe schuf - die Manuskripte von 1861-63 sowie von 1863-65.
3) Daher beschränken wir uns auf thesenhafte Formulierungen. Das
Manuskript von 1857-58 zeichnet sich dadurch aus, daß der Über-
gang vom Produktionsprozeß des Kapitals zur Zirkulation offenbar
dem Begriff "Kapital im Allgemeinen", wie er von Marx bereits
formuliert wurde, widerspricht. Einerseits unterstreicht Marx zu
Beginn des Abschnitts über den Zirkulationsprozeß des Kapitals:
"von dem jetzigen Standpunkt aus hat es (das Kapital, die Verf.)
nichts sich gegenüber als Lohnarbeit oder sich selbst.. ." 4) An-
dererseits aber gilt für das Kapital, das den Produktionsprozeß
verläßt: "als Product, als Waare erscheint es abhängig von der
Circulation, die ausserhalb dieses Processes liegt." Und er äu-
ßert sich noch bestimmter: "auf dem Punkt, zu dem wir bis jezt
noch gekommen, erscheint das Capital noch nicht als die Circula-
tion (den Austausch) selbst bedingend, sondern blos als Moment
derselben, und grade aufhörend Capital zu sein in dem Augenblick,
worin es in sie eingeht." 5) Mit anderen Worten: Die Konzeption
des "Kapitals im Allgemeinen" erfordert es, auf dieser Stufe das
Kapital als Totalität zu behandeln, die alle ihre Voraussetzun-
gen, darunter auch die Zirkulation, selbst setzt. Marx "verstößt"
jedoch beim Übergang vom Produktions- zum Zirkulationsprozeß des
Kapitals gegen dieses Prinzip, insofern er die Zirkulation als
etwas Selbständiges betrachtet.
Wenn dies so ist und die Zirkulation als eine dem Kapital äußere
Kraft auftritt, gehen in die Untersuchung jene realen Schranken
ein, die die Zirkulation dem Selbstverwertungsprozeß des Kapitals
setzt. Als solche Schranken figurieren in den "Grundrissen" die
B e d ü r f n i s s e, d.h. das Verhältnis von Angebot und Nach-
frage, die Ü b e r p r o d u k t i o n und die Krisen als die
sichtbarste Erscheinungsform der Selbständigkeit (aber auch der
wechselseitigen Abhängigkeit) von Zirkulation und Produktion.
Aber ihre umfassende Betrachtung ist hier noch nicht möglich: "Es
handelt sich hier ... noch nicht darum die Ueberproduction in ih-
rer Bestimmtheit zu entwickeln, sondern nur die Anlage dazu, wie
sie primitiv im Verhältniß des Capitals selbst gesezt ist." 6)
Somit ist der Übergang vom Produktionsprozeß zum Zirkulationspro-
zeß des Kapitals als Bewegung des Kapitals "nach außen" aus zwei
Gründen nicht möglich: E r s t e n s widerspricht er dem Marx-
schen Verständnis des "Kapitals im Allgemeinen" und z w e i-
t e n s wirft er Fragen auf, die erst auf einer viel konkreteren
Untersuchungsebene gelöst werden können.
Marx verzichtet auf einen solchen Übergang. Nach einigen größeren
Exkursen im Abschnitt über den Zirkulationsprozeß gelangt er zu
der Schlußfolgerung : "Was wir jezt zu betrachten haben ist der
K r e i s l a u f s e l b s t oder der U m l a u f d e s
C a p i t a l s. ... Die Circulation als Circulation des Capi-
tals gesezt ..." Somit ist "die Selbstständigkeit der Circulation
... jezt zu einem blosen Schein herabgesezt ..." 7) Sie tritt als
vollständig vom Produktionsprozeß des Kapitals bestimmte auf.
In den Vordergrund treten jetzt gerade jene Fragen, die als
Schlüsselfragen für die Untersuchung des Zirkulationsprozesses
des Kapitals bereits in den Entwürfen des Plans für das "Kapital
im Allgemeinen" ganz am Anfang des Manuskripts von 1857 bis 1858
formuliert wurden: "Capital circulant. Capital fixe. Umlauf des
Capitals". 8) Im wesentlichen ist der ganze Schlußabschnitt über
den Zirkulationsprozeß in den "Grundrissen" dem Inhalt dieser Be-
griffe und der entsprechenden Kritik von Auffassungen der bürger-
lichen politischen Ökonomie gewidmet. 9)
Somit kann man im Manuskript 1857-58 zwei Zugänge oder zwei Etap-
pen in der Behandlung der Zirkulation des Kapitals unterscheiden.
Zunächst versuchte Marx, die Gesamtheit der realen Verhältnisse
zu skizzieren, die unvermeidlich in den Horizont der Untersuchung
einbezogen werden, wenn der Zirkulationsprozeß des Kapitals in
seinem ganzen Umfang betrachtet wird. Dann kehrt Marx zum Zirku-
lationsprozeß im Rahmen des "Kapitals im Allgemeinen" zurück, 10)
nachdem er sich offensichtlich davon überzeugt hatte, daß eine
umfassende Betrachtung des Zirkulationsprozesses des Kapitals in
dieser Etappe unmöglich war, und er zugleich die wichtigsten Fra-
gen formuliert hatte, die in späteren Stadien beantwortet werden
müßten. 11)
Eine weitere Besonderheit der damaligen Auffassung von Marx über
den Zirkulationsprozeß ist faktisch schon erwähnt worden. Es han-
delt sich darum, daß im Manuskript 1857-58 der Zirkulationsab-
schnitt im wesentlichen nur einem - wenn auch dem zentralen -
Problem gewidmet ist: dem Umschlag des Kapitals. Allerdings hat
Marx später überall, beginnend mit dem "Manuskript I" des zweiten
Bandes (1865), die dreigliedrige Struktur des Zirkulationsprozes-
ses des Kapitals herausgearbeitet: die Metamorphosen des Kapitals
und ihren Kreislauf, den Umschlag des Kapitals, die Reproduktion
und Zirkulation des gesellschaftlichen Gesamtkapitals.
Man kann nicht sagen, daß in den "Grundrissen" vom Form- und
Stoffwechsel, der während des Kreislaufs des Kapitals stattfin-
det, nicht die Rede wäre. Es ist auch bekannt, daß Marx gerade in
diesem Manuskript erstmals den Entwurf eines Schemas der Repro-
duktion und Zirkulation des gesellschaftlichen Gesamtkapitals
formulierte 12) (obwohl er davon ausging, daß diese Frage noch
nicht hierhergehöre). Gleichwohl ist das einzige der Hauptpro-
bleme des zweiten Bandes des "Kapitals", das in der ursprüngli-
chen Variante des "Kapitals" bewußt und möglichst umfassend erör-
tert wird, der Umschlag des Kapitals. Warum?
Unserer Auffassung nach kommt hier die Begrenztheit des Begriffs
"Kapital im Allgemeinen" zur Geltung, wie ihn Marx formuliert
hat. Indem er das "Kapital im Allgemeinen" als einen Gattungsbe-
griff auffaßte, in dem die individuellen Besonderheiten der Kapi-
tale ausgelöscht sind, konnte er im Rahmen dieser Kategorie weder
den Kreislauf des Kapitals noch die Reproduktion des Gesamtkapi-
tals betrachten, da mit ihnen zwangsläufig "viele Kapitale" zur
Untersuchung anstehen. Im strengen Sinne des Begriffs läßt sich
auch der Umschlag nicht in das Prokrustesbett des "Kapitals im
Allgemeinen" zwängen. Auch dies hat Marx offenbar selbst erkannt:
"Da der Werth die Grundlage des Capitals bildet, es also nothwen-
dig nur durch Austausch gegen Gegenwerth existirt, stößt es sich
nothwendig von sich selbst ab. Ein Universalcapital, ohne fremde
Capitalien sich gegenüber, mit denen es austauscht - und von dem
jetzigen Standpunkt aus hat es nichts sich gegenüber als Lohnar-
beit oder sich selbst - ist daher ein Unding. Die Repulsion der
Capitalien von einander liegt schon in ihm als realisirtem
Tauschwerth." 13)
Indessen behandelt Marx das "Kapital im Allgemeinen" (obwohl er
diesen Begriff nirgendwo in den "Grundrissen" erschöpfend inhalt-
lich bestimmt) eben als solch ein Universalkapital, als etwas Ab-
strakt-Allgemeines, das dem gesellschaftlichen Gesamtkapital und
allen seinen individuellen Komponenten gleichermaßen zu eigen
ist.
Zusammenfassend kann man feststellen, daß in der Untersuchung des
Zirkulationsprozesses des Kapitals der Begriff "Kapital im Allge-
meinen" eine doppelte Rolle spielt. Einerseits ermöglicht er
einen allgemein-methodologisch korrekten Zugang zur Darstellung
der Zirkulationsprobleme, was dann später im zweiten Band des Ka-
pitals realisiert wurde, sowie deren Ortsbestimmung im sich for-
mierenden theoretischen System. Andererseits kommt auch die me-
thodologische Begrenztheit des Begriffes "Kapital im Allgemeinen"
zum Vorschein. Diese methodologische Begrenztheit dieses Begrif-
fes in der damaligen Auffassung - nicht die des Begriffes selbst!
- stand im Widerspruch zu den theoretischen Aufgaben einer Unter-
suchung der inneren Struktur der bürgerlichen Produktionsweise
und der ihr entsprechenden Produktions- und Austauschverhält-
nisse.
Dies gilt auch für die Behandlung des Problems der Verwandlung
des Mehrwerts in Profit im Manuskript 1857-58. 14) Trotz des
fragmentarischen Charakters und der Kürze des abschließenden Ab-
schnitts "Das Kapital als Frucht bringend" paßt er im wesentli-
chen mit dem Konzept des "Kapitals im Allgemeinen" zusammen, das
Marx im Verlauf der Niederschrift der "Grundrisse" erstellt hat.
15) Obwohl der mangelhafte Ausarbeitungsgrad der Probleme
(insbesondere die fehlende Analyse des Zinses) es schwer macht,
die Logik bei Marx aufzudecken, hat der flüchtige und skizzen-
hafte Charakter der Untersuchung auch positive Seiten. Der Ent-
wurf spürt klarer und anschaulicher die Mängel des methodologi-
schen Prinzips auf, von dem ausgegangen wird: die Begrenztheit
des "Kapitals im Allgemeinen" als eines nur abstrakt-allgemeinen
Begriffs, der in Widerspruch zu den Anforderungen gerät, die der
Untersuchungsgegenstand selbst, die kapitalistische Produktions-
weise, stellt.
Beim Übergang zum "Kapital als Frucht bringend" wird dieses von
Marx als wirkliche Einheit von Produktion und Zirkulation be-
stimmt. 16) Zunächst erscheinen die neuen Formbestimmungen des
Kapitals in philosophischem Gewand: Das Kapital ist der Grund des
Mehrwerts, das Kapital ist aktives Subjekt des Prozesses. 17)
Aber der wichtigste Unterschied zwischen dem Kapital auf dieser
Betrachtungsstufe und allen vorhergehenden Bestimmungen ist der-
jenige, daß als sein Produkt nicht der Mehrwert als solcher er-
scheint, sondern dessen abgeleitete, entwickelte Form - der Pro-
fit: "Das Product des Capitals ist der Profit." 18)
Indem Marx den grundlegenden Unterschied zwischen seiner Lösung
des Problems Kapital-Profit und der Interpretation durch die bür-
gerlichen Ökonomen hervorhebt, weist er wiederholt darauf hin,
daß bei ihm der Profit die Beziehung zu den vorangegangenen Sta-
dien der Bewegung des Kapitals bewahrt. Diese Beziehung zeigt
sich vor allem darin, daß der Profit als entwickeltere Form des
Mehrwerts sich zu diesem ständig über die Profitrate in Beziehung
setzt: "In seiner unmittelbaren Form ist der Profit nichts als
die Summe des Mehrwerths ausgedrückt als Proportion zum Total-
werth des Capitals." 19) Die so bestimmte Profitrate behält ei-
nerseits den Zusammenhang mit dem Vorhergehenden (sie ist nur
formell eine andere Berechnungsweise des Mehrwerts, d. h. sie be-
wahrt, wenn auch in aufgehobener Form, den Zusammenhang mit der
wirklichen Quelle des Werts - der Arbeit des Arbeiters); anderer-
seits vermittelt sie zugleich dem Kapital als der gesetzten Ein-
heit die erste Bestimmtheit: Das gesamte Kapital erscheint nun
als Quelle von Wert, der Profit wird daher auf das g a n z e
Kapital berechnet und somit zum neuen Maß seiner Verwertung.
Im Zusammenhang mit der Bestimmung der Profitrate als des neuen
Maßes für die Selbstverwertung des Kapitals behandelt Marx das
Verhältnis von Mehrwertrate und Profitrate. Dies gibt ihm die
Möglichkeit zu zeigen, wie das Verwertungsgesetz, das von ihm als
immanentes Gesetz der kapitalistischen Verhältnisse abgeleitet
worden ist, im Endstadium der Bewegung des "Kapitals im Allgemei-
nen" als Gesetz des Falls der Profitrate erscheint. Charakteri-
stisch ist, daß Marx in den "Grundrissen" davon spricht, daß die-
ses Gesetz "in der Beziehung der vielen Capitalien auf einander,
i.e. der Concurrenz" anders zum Ausdruck gelangt; 20) während
später gerade die Betrachtung der Wechselbeziehung vieler Kapi-
tale zur Grundlage seiner Ableitung wird. Im Unterschied zum
dritten Band des "Kapitals", wo dieses Problem von Marx auf der
Grundlage des Durchschnittsprofits und des Produktionspreises,
d.h. gerade im Rahmen der Wechselbeziehungen einer Vielzahl von
Einzelkapitalen gelöst wird, ist in den "Grundrissen" das Gesetz
des tendenziellen Falls der Profitrate in abstrakter Form formu-
liert. Marx unterstreicht insbesondere die Notwendigkeit, das
Phänomen des tendenziellen Falls der Profitrate als Bestimmung
des "Kapitals im Allgemeinen" zu betrachten. Indem er Smith kri-
tisiert, der den Fall der Profitrate aus der Konkurrenz, d.h. aus
der realen Bewegung des Kapitals, erklärt hatte, bemerkt er, daß
"ein allgemeiner und permanenter, als Gesetz wirkender Fall der
Profitrate auch v o r der Concurrenz und ohne Rücksicht auf die
Concurrenz begreiflich ist". 21) Der Profit erscheint somit als
das a b s t r a k t - allgemeine Maß der Verwertung des Kapi-
tals, das erst in den späteren Stadien der Bewegung des Kapitals
seine wirkliche Existenz als Durchschnittsprofit (oder, wie Marx
sagt, als empirischer Profit) und allgemeine Profitrate erhalten
muß.
Zugleich zeigt sich hier besonders deutlich, daß der Versuch, den
Fall der Profitrate aus dem "Begriff des Kapitals abzuleiten,
dazu führt, daß die B e w e g u n g des Kapitals in dieser
Sphäre seiner Tätigkeit als solche nicht untersucht wird. Eine
solche Analyse würde zur Ableitung neuer ökonomischer Formen des
Kapitals führen. Aber die Entwicklung dieser neuen Formbestimmun-
gen des Kapitals würde bedeuten, den Rahmen des "Kapitals im All-
gemeinen" zu überschreiten. Dies folgt klar aus einer Bemerkung
von M a r x über Kapital und Zins. In dieser Bestimmung schei-
det "das Capital seinem Begriff nach sich schon in zwei Capita-
lien von selbständigem Bestehn ...". 22) Aber dies wäre eine Ab-
kehr von der Konzeption des "Kapitals im Allgemeinen" als eines
universellen Kapitals; deshalb beginnt Marx beim Übergang zum
Zins in diesem Manuskript auch nicht mit seiner Untersuchung.
Obgleich sich der Profit vom Mehrwert qualitativ (der Bestimmung
nach) unterscheidet, kann diese Differenz noch nicht als quanti-
tative im Rahmen des "Kapitals im Allgemeinen" betrachtet werden.
Insbesondere bleibt der Verkauf des Produkts des Kapitals zu ei-
nem Preis über seinen Herstellungskosten, aber ohne Realisierung
des ganzen vom Kapital geschaffenen Mehrwerts, nur a b-
s t r a k t e Möglichkeit, die zudem dem Grundprinzip der Unter-
suchung des Profits des universellen (Gesamt-)Kapitals wider-
spricht: "Der Gesammtsurpluswerth, ebenso wie der G e s a m m t-
p r o f i t, denn nur der Mehrwerth selbst ist anders berechnet,
kann nie durch diese Operation (durch Austausch, die Verf.)
wachsen, noch abnehmen; nicht er selbst, sondern nur s e i n e
V e r t h e i l u n g u n t e r d e n v e r s c h i e d n e n
C a p i t a l i e n w i r d d a d u r c h m o d i f i c i r t.
Indeß gehört diese Betrachtung erst in die der vielen Capitalien;
noch nicht hierhin." 23)
Andererseits spürt Marx subjektiv die Notwendigkeit, die Grenzen
des "Kapitals im Allgemeinen" zu überschreiten. Dies zeigt sich
in seiner Hinwendung zu E i n z e l kapitalen, die als Bei-
spiele die theoretischen Aussagen illustrieren. Offenbar beginnt
er, die Begrenztheit des "Kapitals im Allgemeinen" als eines Gat-
tungsbegriffs zu erkennen, der keine Möglichkeit eröffnet, die
ökonomischen Formen der B e w e g u n g des Kapitals als einer
vielfältigen Einheit zu betrachten. Wie aus der Darstellung des
Zirkulationsprozesses des Kapitals und der Einheit von Produktion
und Zirkulation folgt, kann ein allgemeiner Begriff des Kapitals
jenseits der Wechselbeziehungen zwischen den Einzelkapitalen
nicht existieren. Das Allgemeine ("Kapital im Allgemeinen") zeigt
sich real nur über sein Besonderes und Einzelnes. Und an diesem
Punkt, so scheint es uns, beginnt Marx, sich allmählich von der
Behandlung des "Kapitals im Allgemeinen" als eines Abstrakt-All-
gemeinen, das neben den Einzelkapitalen existiert, abzuwenden.
Allerdings zeigt sich diese Abkehr zunächst nur darin, daß das
"Kapital im Allgemeinen" als Abstraktion des gesellschaftlichen
Gesamtkapitals aufgefaßt wird. 24)
Wir heben nicht zufällig hervor, daß Marx in dem Maße, wie er
sich dem Abschluß der "Grundrisse" näherte, die Begrenztheit des
Begriffs "Kapital im Allgemeinen" i n d e r G e s t a l t,
i n d e r e r z u B e g i n n d e r A r b e i t e n t-
w i c k e l t w u r d e, erkannte. Hiermit möchten wir unter-
streichen, daß wir nicht den Standpunkt teilen, Marx habe in den
späteren Jahren völlig auf diese Kategorie verzichtet. Im Ge-
genteil - wie eine Analyse des Manuskripts von 1861-1863 zeigt,
bleibt das "Kapital im Allgemeinen" ein Schlüsselbegriff. Hierbei
ändert sich jedoch die Vorstellung von Marx über seinen inneren
Gehalt und seine Beziehung zur "realen Bewegung der Kapitale"
grundlegend.
Übersetzung: Gert Meyer.
_____
1) Dieser Standpunkt wird von Roman Rosdolsky, Manfred Müller und
von manchen sowjetischen Autoren der 30er bis 60er Jahre geteilt.
2) Siehe z. B. Irina Antonowa, "Marx' Ausarbeitung der Struktur
des ersten Bandes des , Kapital' (1857-1867)" (russ.), in: Um-
risse zur Geschichte des "Kapitals" von K. Marx (russ.), Moskau
1983, S. 172-205. Modifiziert A. Kogan und W. Schwarz. Letzterer
widmet das IV. Kapitel seiner Monographie "Vom 'Rohentwurf' zum
'Kapital'" speziell der Änderung der Marxschen Reproduktionsana-
lyse im werdenden theoretischen System des "Kapitals".
3) Das Manuskript von 1861-63 ist erstmals vollständig in der
Originalsprache in der MEGA II, 3. 1-6 veröffentlicht worden. Das
Manuskript von 1863-65 wird in MEGA II, 4. 1-2 erscheinen.
4) MEGA II, 1.2, S. 334. Grundrisse, S. 324.
5) MEGA II, 1.2, S. 317. Grundrisse, S. 307.
6) MEGA II, 1.2, S. 330. Grundrisse, S. 321.
7) MEGA II, 1.2, S. 416. Grundrisse, S. 413.
8) MEGA II, 1.1, S. 187, 199. Grandrisse, S. 175, 186.
9) Eine inhaltsreiche Analyse dieses Abschnitts findet sich in
dem Kommentar zu den "Grundrissen" von der Projektgruppe Entwick-
lung des Marxschen Systems, Hamburg 1978.
10) Siehe z. B. MEGA II, 1.2, S. 357, 420-421, 505. Grundrisse,
S. 351, 417-419, 512/513.
11) Bemerkenswert ist jedoch der Umstand, daß Marx später während
der Arbeit am Manuskript I des zweiten Bandes des "Kapitals"
(1865) - nun bereits im Zusammenhang mit den Metamorphosen des
Kapitals - wieder beiläufig das Problem der Überfüllung der
Märkte und Krisen, den Kredit als Form einer teilweisen Lösung
des Widerspruchs zwischen Produktion und Konsumtion berührt. Vgl.
S. 13, 15-16, 22-23 des - bisher nur in russischer Sprache er-
schienenen - Manuskripts.
12) MEGA II, 1.2, S. 350-353. Grundrisse, S. 343-346.
13) MEGA II, 1.2, S. 334. Grundrisse, S. 324.
14) Eine Analyse der Rohentwürfe des "Kapitals" und des dritten
Bandes selbst zeigt deutlich, daß dieses Problem für Marx eine
prinzipiell andere - vor allem methodologische - Bedeutung hatte,
was heute von den Anhängern der "Umrechnung" der Werte in Produk-
tionspreise nicht beachtet wird. Vgl. dazu: R. Hecker/A. Tschepu-
renko, Marx' Werttheorie - Hauptgegenstand der Angriffe der bür-
gerlichen "Marxologie" auf ökonomischem Gebiet, in: Marx-Engels-
Jahrbuch, Band 8, Berlin 1985, S. 103-129.
15) Siehe MEGA II, 1.1, S. 199. Grundrisse, S. 186.
16) MEGA II, 1.2, S. 619. Grundrisse, S. 631.
17) MEGA II, 1.2, S. 619-620. Grundrisse, S. 632.
18) MEGA II, 1.2, S. 620. Grundrisse, S. 632.
19) MEGA II, 1.2, S. 638. Grundrisse, S. 653.
20) MEGA II, 1.2, S. 624. Grundrisse, S. 637.
21) MEGA II, 1.2, S. 625. Grundrisse, S. 637/638.
22) MEGA II, 1.2, S. 359. Grundrisse, S. 353.
23) MEGA II, 1.2, S. 632. Grundrisse, S. 646.
24) MEGA II, 1.2, S. 632, 638. Grundrisse, S. 645/646, 653.
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