Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 12/1987


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"GRUNDRISSE": PROBLEME DES ZWEITEN UND DRITTEN BANDES DES "KAPITALS" UND DAS SCHICKSAL DES BEGRIFFS DES "KAPITALS IM ALLGEMEINEN"

Michail Ternowski / Alexander Tscherpurenko In den Debatten der letzten Jahrzehnte um die Entstehungsge- schichte der Marxschen ökonomischen Theorie ist dem Problem des "Kapitals im Allgemeinen" große Aufmerksamkeit zuteil geworden - dem Inhalt und Schicksal eines Begriffs, der in der ursprüngli- chen Fassung des "Kapitals", in den "Grundrissen" von 1857-58, eine Schlüsselrolle spielt. Dabei haben, so scheint es, die bei- den formulierten Standpunkte zu dieser Frage - sowohl jener, der behauptet, daß Marx nach den "Grundrissen" auf diesen Begriff verzichtete, 1) als auch jener, der die ganze spätere Arbeit am "Kapital" als eine Vertiefung des "Kapitals im Allgemeinen" be- trachtet 2) - wenig Aufmerksamkeit auf einen Vergleich der Ana- lyse der Zirkulation des Kapitals und des "Kapitals als Frucht bringend", wie sie in den "Grundrissen" enthalten ist, mit dem Inhalt des zweiten und dritten Bandes des "Kapitals" unter struk- turtheoretischem Aspekt verwendet. Dabei könnte u.E. ein solcher Vergleich die Grundlage für einen präziseren und argumentativeren Meinungsaustausch über dieses Problem abgeben. Im Rahmen dieser Bemerkungen ist es kaum möglich, die Entwicklung der Auffassungen von Marx über Gegenstand und Inhalt des zweiten und dritten Teils des "Kapitals" im Verlauf jenes Jahrzehnts im Detail zu verfolgen, in dem er nach den "Grundrissen" noch zwei Entwürfe schuf - die Manuskripte von 1861-63 sowie von 1863-65. 3) Daher beschränken wir uns auf thesenhafte Formulierungen. Das Manuskript von 1857-58 zeichnet sich dadurch aus, daß der Über- gang vom Produktionsprozeß des Kapitals zur Zirkulation offenbar dem Begriff "Kapital im Allgemeinen", wie er von Marx bereits formuliert wurde, widerspricht. Einerseits unterstreicht Marx zu Beginn des Abschnitts über den Zirkulationsprozeß des Kapitals: "von dem jetzigen Standpunkt aus hat es (das Kapital, die Verf.) nichts sich gegenüber als Lohnarbeit oder sich selbst.. ." 4) An- dererseits aber gilt für das Kapital, das den Produktionsprozeß verläßt: "als Product, als Waare erscheint es abhängig von der Circulation, die ausserhalb dieses Processes liegt." Und er äu- ßert sich noch bestimmter: "auf dem Punkt, zu dem wir bis jezt noch gekommen, erscheint das Capital noch nicht als die Circula- tion (den Austausch) selbst bedingend, sondern blos als Moment derselben, und grade aufhörend Capital zu sein in dem Augenblick, worin es in sie eingeht." 5) Mit anderen Worten: Die Konzeption des "Kapitals im Allgemeinen" erfordert es, auf dieser Stufe das Kapital als Totalität zu behandeln, die alle ihre Voraussetzun- gen, darunter auch die Zirkulation, selbst setzt. Marx "verstößt" jedoch beim Übergang vom Produktions- zum Zirkulationsprozeß des Kapitals gegen dieses Prinzip, insofern er die Zirkulation als etwas Selbständiges betrachtet. Wenn dies so ist und die Zirkulation als eine dem Kapital äußere Kraft auftritt, gehen in die Untersuchung jene realen Schranken ein, die die Zirkulation dem Selbstverwertungsprozeß des Kapitals setzt. Als solche Schranken figurieren in den "Grundrissen" die B e d ü r f n i s s e, d.h. das Verhältnis von Angebot und Nach- frage, die Ü b e r p r o d u k t i o n und die Krisen als die sichtbarste Erscheinungsform der Selbständigkeit (aber auch der wechselseitigen Abhängigkeit) von Zirkulation und Produktion. Aber ihre umfassende Betrachtung ist hier noch nicht möglich: "Es handelt sich hier ... noch nicht darum die Ueberproduction in ih- rer Bestimmtheit zu entwickeln, sondern nur die Anlage dazu, wie sie primitiv im Verhältniß des Capitals selbst gesezt ist." 6) Somit ist der Übergang vom Produktionsprozeß zum Zirkulationspro- zeß des Kapitals als Bewegung des Kapitals "nach außen" aus zwei Gründen nicht möglich: E r s t e n s widerspricht er dem Marx- schen Verständnis des "Kapitals im Allgemeinen" und z w e i- t e n s wirft er Fragen auf, die erst auf einer viel konkreteren Untersuchungsebene gelöst werden können. Marx verzichtet auf einen solchen Übergang. Nach einigen größeren Exkursen im Abschnitt über den Zirkulationsprozeß gelangt er zu der Schlußfolgerung : "Was wir jezt zu betrachten haben ist der K r e i s l a u f s e l b s t oder der U m l a u f d e s C a p i t a l s. ... Die Circulation als Circulation des Capi- tals gesezt ..." Somit ist "die Selbstständigkeit der Circulation ... jezt zu einem blosen Schein herabgesezt ..." 7) Sie tritt als vollständig vom Produktionsprozeß des Kapitals bestimmte auf. In den Vordergrund treten jetzt gerade jene Fragen, die als Schlüsselfragen für die Untersuchung des Zirkulationsprozesses des Kapitals bereits in den Entwürfen des Plans für das "Kapital im Allgemeinen" ganz am Anfang des Manuskripts von 1857 bis 1858 formuliert wurden: "Capital circulant. Capital fixe. Umlauf des Capitals". 8) Im wesentlichen ist der ganze Schlußabschnitt über den Zirkulationsprozeß in den "Grundrissen" dem Inhalt dieser Be- griffe und der entsprechenden Kritik von Auffassungen der bürger- lichen politischen Ökonomie gewidmet. 9) Somit kann man im Manuskript 1857-58 zwei Zugänge oder zwei Etap- pen in der Behandlung der Zirkulation des Kapitals unterscheiden. Zunächst versuchte Marx, die Gesamtheit der realen Verhältnisse zu skizzieren, die unvermeidlich in den Horizont der Untersuchung einbezogen werden, wenn der Zirkulationsprozeß des Kapitals in seinem ganzen Umfang betrachtet wird. Dann kehrt Marx zum Zirku- lationsprozeß im Rahmen des "Kapitals im Allgemeinen" zurück, 10) nachdem er sich offensichtlich davon überzeugt hatte, daß eine umfassende Betrachtung des Zirkulationsprozesses des Kapitals in dieser Etappe unmöglich war, und er zugleich die wichtigsten Fra- gen formuliert hatte, die in späteren Stadien beantwortet werden müßten. 11) Eine weitere Besonderheit der damaligen Auffassung von Marx über den Zirkulationsprozeß ist faktisch schon erwähnt worden. Es han- delt sich darum, daß im Manuskript 1857-58 der Zirkulationsab- schnitt im wesentlichen nur einem - wenn auch dem zentralen - Problem gewidmet ist: dem Umschlag des Kapitals. Allerdings hat Marx später überall, beginnend mit dem "Manuskript I" des zweiten Bandes (1865), die dreigliedrige Struktur des Zirkulationsprozes- ses des Kapitals herausgearbeitet: die Metamorphosen des Kapitals und ihren Kreislauf, den Umschlag des Kapitals, die Reproduktion und Zirkulation des gesellschaftlichen Gesamtkapitals. Man kann nicht sagen, daß in den "Grundrissen" vom Form- und Stoffwechsel, der während des Kreislaufs des Kapitals stattfin- det, nicht die Rede wäre. Es ist auch bekannt, daß Marx gerade in diesem Manuskript erstmals den Entwurf eines Schemas der Repro- duktion und Zirkulation des gesellschaftlichen Gesamtkapitals formulierte 12) (obwohl er davon ausging, daß diese Frage noch nicht hierhergehöre). Gleichwohl ist das einzige der Hauptpro- bleme des zweiten Bandes des "Kapitals", das in der ursprüngli- chen Variante des "Kapitals" bewußt und möglichst umfassend erör- tert wird, der Umschlag des Kapitals. Warum? Unserer Auffassung nach kommt hier die Begrenztheit des Begriffs "Kapital im Allgemeinen" zur Geltung, wie ihn Marx formuliert hat. Indem er das "Kapital im Allgemeinen" als einen Gattungsbe- griff auffaßte, in dem die individuellen Besonderheiten der Kapi- tale ausgelöscht sind, konnte er im Rahmen dieser Kategorie weder den Kreislauf des Kapitals noch die Reproduktion des Gesamtkapi- tals betrachten, da mit ihnen zwangsläufig "viele Kapitale" zur Untersuchung anstehen. Im strengen Sinne des Begriffs läßt sich auch der Umschlag nicht in das Prokrustesbett des "Kapitals im Allgemeinen" zwängen. Auch dies hat Marx offenbar selbst erkannt: "Da der Werth die Grundlage des Capitals bildet, es also nothwen- dig nur durch Austausch gegen Gegenwerth existirt, stößt es sich nothwendig von sich selbst ab. Ein Universalcapital, ohne fremde Capitalien sich gegenüber, mit denen es austauscht - und von dem jetzigen Standpunkt aus hat es nichts sich gegenüber als Lohnar- beit oder sich selbst - ist daher ein Unding. Die Repulsion der Capitalien von einander liegt schon in ihm als realisirtem Tauschwerth." 13) Indessen behandelt Marx das "Kapital im Allgemeinen" (obwohl er diesen Begriff nirgendwo in den "Grundrissen" erschöpfend inhalt- lich bestimmt) eben als solch ein Universalkapital, als etwas Ab- strakt-Allgemeines, das dem gesellschaftlichen Gesamtkapital und allen seinen individuellen Komponenten gleichermaßen zu eigen ist. Zusammenfassend kann man feststellen, daß in der Untersuchung des Zirkulationsprozesses des Kapitals der Begriff "Kapital im Allge- meinen" eine doppelte Rolle spielt. Einerseits ermöglicht er einen allgemein-methodologisch korrekten Zugang zur Darstellung der Zirkulationsprobleme, was dann später im zweiten Band des Ka- pitals realisiert wurde, sowie deren Ortsbestimmung im sich for- mierenden theoretischen System. Andererseits kommt auch die me- thodologische Begrenztheit des Begriffes "Kapital im Allgemeinen" zum Vorschein. Diese methodologische Begrenztheit dieses Begrif- fes in der damaligen Auffassung - nicht die des Begriffes selbst! - stand im Widerspruch zu den theoretischen Aufgaben einer Unter- suchung der inneren Struktur der bürgerlichen Produktionsweise und der ihr entsprechenden Produktions- und Austauschverhält- nisse. Dies gilt auch für die Behandlung des Problems der Verwandlung des Mehrwerts in Profit im Manuskript 1857-58. 14) Trotz des fragmentarischen Charakters und der Kürze des abschließenden Ab- schnitts "Das Kapital als Frucht bringend" paßt er im wesentli- chen mit dem Konzept des "Kapitals im Allgemeinen" zusammen, das Marx im Verlauf der Niederschrift der "Grundrisse" erstellt hat. 15) Obwohl der mangelhafte Ausarbeitungsgrad der Probleme (insbesondere die fehlende Analyse des Zinses) es schwer macht, die Logik bei Marx aufzudecken, hat der flüchtige und skizzen- hafte Charakter der Untersuchung auch positive Seiten. Der Ent- wurf spürt klarer und anschaulicher die Mängel des methodologi- schen Prinzips auf, von dem ausgegangen wird: die Begrenztheit des "Kapitals im Allgemeinen" als eines nur abstrakt-allgemeinen Begriffs, der in Widerspruch zu den Anforderungen gerät, die der Untersuchungsgegenstand selbst, die kapitalistische Produktions- weise, stellt. Beim Übergang zum "Kapital als Frucht bringend" wird dieses von Marx als wirkliche Einheit von Produktion und Zirkulation be- stimmt. 16) Zunächst erscheinen die neuen Formbestimmungen des Kapitals in philosophischem Gewand: Das Kapital ist der Grund des Mehrwerts, das Kapital ist aktives Subjekt des Prozesses. 17) Aber der wichtigste Unterschied zwischen dem Kapital auf dieser Betrachtungsstufe und allen vorhergehenden Bestimmungen ist der- jenige, daß als sein Produkt nicht der Mehrwert als solcher er- scheint, sondern dessen abgeleitete, entwickelte Form - der Pro- fit: "Das Product des Capitals ist der Profit." 18) Indem Marx den grundlegenden Unterschied zwischen seiner Lösung des Problems Kapital-Profit und der Interpretation durch die bür- gerlichen Ökonomen hervorhebt, weist er wiederholt darauf hin, daß bei ihm der Profit die Beziehung zu den vorangegangenen Sta- dien der Bewegung des Kapitals bewahrt. Diese Beziehung zeigt sich vor allem darin, daß der Profit als entwickeltere Form des Mehrwerts sich zu diesem ständig über die Profitrate in Beziehung setzt: "In seiner unmittelbaren Form ist der Profit nichts als die Summe des Mehrwerths ausgedrückt als Proportion zum Total- werth des Capitals." 19) Die so bestimmte Profitrate behält ei- nerseits den Zusammenhang mit dem Vorhergehenden (sie ist nur formell eine andere Berechnungsweise des Mehrwerts, d. h. sie be- wahrt, wenn auch in aufgehobener Form, den Zusammenhang mit der wirklichen Quelle des Werts - der Arbeit des Arbeiters); anderer- seits vermittelt sie zugleich dem Kapital als der gesetzten Ein- heit die erste Bestimmtheit: Das gesamte Kapital erscheint nun als Quelle von Wert, der Profit wird daher auf das g a n z e Kapital berechnet und somit zum neuen Maß seiner Verwertung. Im Zusammenhang mit der Bestimmung der Profitrate als des neuen Maßes für die Selbstverwertung des Kapitals behandelt Marx das Verhältnis von Mehrwertrate und Profitrate. Dies gibt ihm die Möglichkeit zu zeigen, wie das Verwertungsgesetz, das von ihm als immanentes Gesetz der kapitalistischen Verhältnisse abgeleitet worden ist, im Endstadium der Bewegung des "Kapitals im Allgemei- nen" als Gesetz des Falls der Profitrate erscheint. Charakteri- stisch ist, daß Marx in den "Grundrissen" davon spricht, daß die- ses Gesetz "in der Beziehung der vielen Capitalien auf einander, i.e. der Concurrenz" anders zum Ausdruck gelangt; 20) während später gerade die Betrachtung der Wechselbeziehung vieler Kapi- tale zur Grundlage seiner Ableitung wird. Im Unterschied zum dritten Band des "Kapitals", wo dieses Problem von Marx auf der Grundlage des Durchschnittsprofits und des Produktionspreises, d.h. gerade im Rahmen der Wechselbeziehungen einer Vielzahl von Einzelkapitalen gelöst wird, ist in den "Grundrissen" das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate in abstrakter Form formu- liert. Marx unterstreicht insbesondere die Notwendigkeit, das Phänomen des tendenziellen Falls der Profitrate als Bestimmung des "Kapitals im Allgemeinen" zu betrachten. Indem er Smith kri- tisiert, der den Fall der Profitrate aus der Konkurrenz, d.h. aus der realen Bewegung des Kapitals, erklärt hatte, bemerkt er, daß "ein allgemeiner und permanenter, als Gesetz wirkender Fall der Profitrate auch v o r der Concurrenz und ohne Rücksicht auf die Concurrenz begreiflich ist". 21) Der Profit erscheint somit als das a b s t r a k t - allgemeine Maß der Verwertung des Kapi- tals, das erst in den späteren Stadien der Bewegung des Kapitals seine wirkliche Existenz als Durchschnittsprofit (oder, wie Marx sagt, als empirischer Profit) und allgemeine Profitrate erhalten muß. Zugleich zeigt sich hier besonders deutlich, daß der Versuch, den Fall der Profitrate aus dem "Begriff des Kapitals abzuleiten, dazu führt, daß die B e w e g u n g des Kapitals in dieser Sphäre seiner Tätigkeit als solche nicht untersucht wird. Eine solche Analyse würde zur Ableitung neuer ökonomischer Formen des Kapitals führen. Aber die Entwicklung dieser neuen Formbestimmun- gen des Kapitals würde bedeuten, den Rahmen des "Kapitals im All- gemeinen" zu überschreiten. Dies folgt klar aus einer Bemerkung von M a r x über Kapital und Zins. In dieser Bestimmung schei- det "das Capital seinem Begriff nach sich schon in zwei Capita- lien von selbständigem Bestehn ...". 22) Aber dies wäre eine Ab- kehr von der Konzeption des "Kapitals im Allgemeinen" als eines universellen Kapitals; deshalb beginnt Marx beim Übergang zum Zins in diesem Manuskript auch nicht mit seiner Untersuchung. Obgleich sich der Profit vom Mehrwert qualitativ (der Bestimmung nach) unterscheidet, kann diese Differenz noch nicht als quanti- tative im Rahmen des "Kapitals im Allgemeinen" betrachtet werden. Insbesondere bleibt der Verkauf des Produkts des Kapitals zu ei- nem Preis über seinen Herstellungskosten, aber ohne Realisierung des ganzen vom Kapital geschaffenen Mehrwerts, nur a b- s t r a k t e Möglichkeit, die zudem dem Grundprinzip der Unter- suchung des Profits des universellen (Gesamt-)Kapitals wider- spricht: "Der Gesammtsurpluswerth, ebenso wie der G e s a m m t- p r o f i t, denn nur der Mehrwerth selbst ist anders berechnet, kann nie durch diese Operation (durch Austausch, die Verf.) wachsen, noch abnehmen; nicht er selbst, sondern nur s e i n e V e r t h e i l u n g u n t e r d e n v e r s c h i e d n e n C a p i t a l i e n w i r d d a d u r c h m o d i f i c i r t. Indeß gehört diese Betrachtung erst in die der vielen Capitalien; noch nicht hierhin." 23) Andererseits spürt Marx subjektiv die Notwendigkeit, die Grenzen des "Kapitals im Allgemeinen" zu überschreiten. Dies zeigt sich in seiner Hinwendung zu E i n z e l kapitalen, die als Bei- spiele die theoretischen Aussagen illustrieren. Offenbar beginnt er, die Begrenztheit des "Kapitals im Allgemeinen" als eines Gat- tungsbegriffs zu erkennen, der keine Möglichkeit eröffnet, die ökonomischen Formen der B e w e g u n g des Kapitals als einer vielfältigen Einheit zu betrachten. Wie aus der Darstellung des Zirkulationsprozesses des Kapitals und der Einheit von Produktion und Zirkulation folgt, kann ein allgemeiner Begriff des Kapitals jenseits der Wechselbeziehungen zwischen den Einzelkapitalen nicht existieren. Das Allgemeine ("Kapital im Allgemeinen") zeigt sich real nur über sein Besonderes und Einzelnes. Und an diesem Punkt, so scheint es uns, beginnt Marx, sich allmählich von der Behandlung des "Kapitals im Allgemeinen" als eines Abstrakt-All- gemeinen, das neben den Einzelkapitalen existiert, abzuwenden. Allerdings zeigt sich diese Abkehr zunächst nur darin, daß das "Kapital im Allgemeinen" als Abstraktion des gesellschaftlichen Gesamtkapitals aufgefaßt wird. 24) Wir heben nicht zufällig hervor, daß Marx in dem Maße, wie er sich dem Abschluß der "Grundrisse" näherte, die Begrenztheit des Begriffs "Kapital im Allgemeinen" i n d e r G e s t a l t, i n d e r e r z u B e g i n n d e r A r b e i t e n t- w i c k e l t w u r d e, erkannte. Hiermit möchten wir unter- streichen, daß wir nicht den Standpunkt teilen, Marx habe in den späteren Jahren völlig auf diese Kategorie verzichtet. Im Ge- genteil - wie eine Analyse des Manuskripts von 1861-1863 zeigt, bleibt das "Kapital im Allgemeinen" ein Schlüsselbegriff. Hierbei ändert sich jedoch die Vorstellung von Marx über seinen inneren Gehalt und seine Beziehung zur "realen Bewegung der Kapitale" grundlegend. Übersetzung: Gert Meyer. _____ 1) Dieser Standpunkt wird von Roman Rosdolsky, Manfred Müller und von manchen sowjetischen Autoren der 30er bis 60er Jahre geteilt. 2) Siehe z. B. Irina Antonowa, "Marx' Ausarbeitung der Struktur des ersten Bandes des , Kapital' (1857-1867)" (russ.), in: Um- risse zur Geschichte des "Kapitals" von K. Marx (russ.), Moskau 1983, S. 172-205. Modifiziert A. Kogan und W. Schwarz. Letzterer widmet das IV. Kapitel seiner Monographie "Vom 'Rohentwurf' zum 'Kapital'" speziell der Änderung der Marxschen Reproduktionsana- lyse im werdenden theoretischen System des "Kapitals". 3) Das Manuskript von 1861-63 ist erstmals vollständig in der Originalsprache in der MEGA II, 3. 1-6 veröffentlicht worden. Das Manuskript von 1863-65 wird in MEGA II, 4. 1-2 erscheinen. 4) MEGA II, 1.2, S. 334. Grundrisse, S. 324. 5) MEGA II, 1.2, S. 317. Grundrisse, S. 307. 6) MEGA II, 1.2, S. 330. Grundrisse, S. 321. 7) MEGA II, 1.2, S. 416. Grundrisse, S. 413. 8) MEGA II, 1.1, S. 187, 199. Grandrisse, S. 175, 186. 9) Eine inhaltsreiche Analyse dieses Abschnitts findet sich in dem Kommentar zu den "Grundrissen" von der Projektgruppe Entwick- lung des Marxschen Systems, Hamburg 1978. 10) Siehe z. B. MEGA II, 1.2, S. 357, 420-421, 505. Grundrisse, S. 351, 417-419, 512/513. 11) Bemerkenswert ist jedoch der Umstand, daß Marx später während der Arbeit am Manuskript I des zweiten Bandes des "Kapitals" (1865) - nun bereits im Zusammenhang mit den Metamorphosen des Kapitals - wieder beiläufig das Problem der Überfüllung der Märkte und Krisen, den Kredit als Form einer teilweisen Lösung des Widerspruchs zwischen Produktion und Konsumtion berührt. Vgl. S. 13, 15-16, 22-23 des - bisher nur in russischer Sprache er- schienenen - Manuskripts. 12) MEGA II, 1.2, S. 350-353. Grundrisse, S. 343-346. 13) MEGA II, 1.2, S. 334. Grundrisse, S. 324. 14) Eine Analyse der Rohentwürfe des "Kapitals" und des dritten Bandes selbst zeigt deutlich, daß dieses Problem für Marx eine prinzipiell andere - vor allem methodologische - Bedeutung hatte, was heute von den Anhängern der "Umrechnung" der Werte in Produk- tionspreise nicht beachtet wird. Vgl. dazu: R. Hecker/A. Tschepu- renko, Marx' Werttheorie - Hauptgegenstand der Angriffe der bür- gerlichen "Marxologie" auf ökonomischem Gebiet, in: Marx-Engels- Jahrbuch, Band 8, Berlin 1985, S. 103-129. 15) Siehe MEGA II, 1.1, S. 199. Grundrisse, S. 186. 16) MEGA II, 1.2, S. 619. Grundrisse, S. 631. 17) MEGA II, 1.2, S. 619-620. Grundrisse, S. 632. 18) MEGA II, 1.2, S. 620. Grundrisse, S. 632. 19) MEGA II, 1.2, S. 638. Grundrisse, S. 653. 20) MEGA II, 1.2, S. 624. Grundrisse, S. 637. 21) MEGA II, 1.2, S. 625. Grundrisse, S. 637/638. 22) MEGA II, 1.2, S. 359. Grundrisse, S. 353. 23) MEGA II, 1.2, S. 632. Grundrisse, S. 646. 24) MEGA II, 1.2, S. 632, 638. Grundrisse, S. 645/646, 653. zurück