Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 12/1987


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DIE ÖKONOMISCHE THEORIE VON MARX ALS POLITISCHE ÖKONOMIE IM WEITEREN SINNE

Witali S. Wygodski Angesichts der bereits geleisteten Arbeit zur Veröffentlichung des ökonomischen Erbes von Marx und Engels in der MEGA halte ich es für möglich, die Marxsche ökonomische Theorie unter drei Aspketen zu fassen. E r s t e n s: Die ökonomische Theorie von Marx bildete sich heraus und entwickelte sich in untrennbarem Zu- sammenhang mit den beiden anderen Bestandteilen des Marxismus - der Philosophie und der Theorie des wissenschaftlichen S o z i a l i s m u s. Z w e i t e n s tritt sie als politische Ökonomie der Arbeiterklasse auf mit der Aufgabe, die welthistori- sche Rolle des Proletariats zu begründen. D r i t t e n s ist sie politische Ökonomie im weiteren Sinne. Von dieser letzten Seite ist im folgenden die Rede. 1. Methodologisch erarbeitete Marx das Problem der politischen Öko- nomie im weiteren Sinne während des gesamten Entstehungsprozesses des "Kapitals". Engels faßte es im "Anti-Dühring" zusammen, als er die Prinzipien der materialistischen Dialektik auf die politi- sche Ökonomie anwandte. Er wies nach, daß der "dialektische Cha- rakter" 1) der Realität erfordert, die Prozesse ebenfalls dialek- tisch zu untersuchen. Dabei stützte sich Engels unter anderem auf Marx' Untersuchung zur Ökonomie der bürgerlichen Gesellschaft, die, wie dieser 1867 im Vorwort zum ersten Band des "Kapitals" feststellte, den Nachweis erbrachte, daß letztere "kein fester Krystall, sondern ein umwandlungsfähiger und beständig im Prozeß der Umwandlung begriffener Organismus ist". 2) Daraus folgt, daß die Aufgabe der politischen Ökonomie darin besteht, "das ökonomi- sche Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen", 3) wie es überhaupt die Aufgabe einer jeden Wissenschaft ist, ihre "Bewegungsgesetze zu entdecken". 4) Engels sah die spezifische Besonderheit der marxistischen politi- schen Ökonomie in der konsequenten Durchsetzung des Prinzips des Historismus. Gerade daraus ergab sich die Notwendigkeit, sie als politische Ökonomie im weiteren Sinn, als "Wissenschaft von den Bedingungen und Formen, unter denen die verschiedenen menschli- chen Gesellschaften produziert und ausgetauscht und unter denen sich demgemäß jedesmal die Produkte verteilt haben", 5) auszuar- beiten. Diese Definition des Gegenstands der politischen Ökonomie umfaßt meiner Ansicht nach drei miteinander verflochtene Aspekte. E r s t e n s setzt sie eine spezifische Untersuchungsmethode , der politischen Ökonomie voraus, bei der die historisch konkrete ökonomische Gesellschaftsformation unbedingt unter Berücksichti- gung dessen analysiert wird, daß die betreffende Formation zum einen nur ein Glied in der der historischen Entwicklung der Ge- sellschaft selbst und zum anderen nur ein Element im System der koexistierenden Gesellschaften ist. Bei der genannten Untersuchungsmethode wird die Analyse der ver- schiedensten Produktionsweisen keineswegs mechanisch in den Ge- genstand der politischen Ökonomie einbezogen. Im Gegenteil, sie erfordert eine streng historische Betrachtungsweise dieses Gegen- standes als gesetzmäßige Ablösung der bestehenden Produktionsver- hältnisse durch nächst höhere und geht von einer dialektischen Auffassung des historischen Prozesses aus. "In großen Umrissen können asiatische, antike, feudale und modern bürgerliche Produk- tionsweisen als progressive Epochen der ökonomischen Gesell- schaftsformation bezeichnet werden." 6) Diese Schlußfolgerung, die Marx 1859 in seinem Vorwort von "Zur Kritik der Politischen Ökonomie" formulierte gründete sich auf seine ökonomischen Stu- dien der 40er und 50er Jahre. Daß das "Kapital" vorbürgerliche Formen von Produktion, Austausch und Verteilung erforscht bzw. die der bürgerlichen Ökonomie "vorhergegangenen oder die noch ne- ben ihr, in weniger entwickelten Ländern bestehenden Formen" 7) untersucht, betrachtete Engels als großes Verdienst von Marx. Die ökonomische Theorie von Marx enthält in der Tat umfangreiches theoretisch-methodologisches Material über die Herausbildung der kapitalistischen Verhältnisse sowie über den Einfluß des entwic- kelten Kapitalismus auf die vorkapitalistischen Verhältnisse. Z w e i t e n s gingen von der Ausarbeitung der politischen Öko- nomie des Kapitalismus - auf die sich Marx hautpsächlich konzen- trierte, denn die Erforschung der bürgerlichen Produktion war sein "eigentliches Thema" 8) - starke Impulse für die Entwicklung der politischen Ökonomie im weiteren Sinne aus Gerade der Kapita- lismus als die entwickeltste Organisation der gesellschaftlichen Produktion, die "die Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft" 9) abschließt, bot Marx reale Möglichkeiten für die Erforschung vorkapitalistischer Formationen. In diesem Zusammenhang bemerkte er 1857: "Die Anatomie des Menschen ist ein Schlüssel zur Anato- mie des Affen." 10) Gleichlaufend mit der politischen Ökonomie des Kapitalismus und seines ökonomischen Bewegungsgesetzes entwickelte Marx Elemente der wissenschaftlichen Prognostizierung der Ökonomie des Kommu- nismus. In den "Grundrissen" schrieb er: "Wie uns erst nach und nach das System der bürgerlichen Oekonomie entwickelt, so auch die Negation seiner selbst, die ihr letztes Resultat ist." 11) In dem Maße, wie Marx seine ökonomische Lehre entwickelte und ver- tiefte, erfuhren die Hauptaspekte der Prognostizierung, die nach der Einschätzung von Engels auf der Entdeckung von Elementen "der zukünftigen, jene Mißstände beseitigenden, neuen Organisation der Produktion und des Austausches" 12) basierten, ebenfalls ihre Weiterentwicklung und Begründung. D r i t t e n s gehört zur politischen Ökonomie im weiteren Sinne, "die wenigen, (...) ganz allgemeinen" 13) ökonomischen Ge- setze zu formulieren, die in allen ökonomischen Gesellschaftsfor- mationen oder in einem bestimmten Abschnitt ihrer Entwicklung wirken. Diese Aufgabe, so hob Engels hervor, kann die politische Ökonomie "erst am Schluß dieser Untersuchung" 14) lösen, nachdem "die besondern Gesetze jeder einzelnen Entwicklungsstufe der Pro- duktion und des Austausches" 15) aufgestellt sind. Schon bei der Analyse der kapitalistischen Produktionsweise in den "Grundrissen" kam Marx zu dem Schluß, daß gerade die M e t h o d e der ökonomischen Forschungen erfordert, die bür- gerliche ökonomische Formation im Rahmen der politischen Ökonomie im weiteren Sinn zu untersuchen. Dort sagt Marx: "(...) zeigt un- sre Methode die Punkte, wo die historische Betrachtung hereintre- ten muß, oder wo die bürgerliche Oekonomie als blos historische Gestalt des Productionsprocesses über sich hinausweist auf frühre historische Weisen der Production (...). Ebenso führt diese rich- tige Betrachtung andrerseits zu Punkten, an denen die Aufhebung der gegenwärtigen Gestalt der Productionsverhältnisse - und so foreshadowing der Zukunft, werdende Bewegung sich andeutet." 16) Bei der Entwicklung seiner ökonomischen Theorie arbeitete Marx auch den M e c h a n i s m u s des Übergangs von den Kategorien der kapitalistischen Wirtschaft zur Erörterung der allgemeinen Grundlagen der Wirtschaftsbeziehungen heraus, wodurch ihm bedeu- tende Verallgemeinerungen gelangen, die zum einen die vorkapita- listischen ökonomischen Gesellschaftsformationen und zum anderen die Prognostizierung der kommunistischen Beziehungen betrafen. Diesem Mechanismus lag das Prinzip der Unterscheidung zwischen dem stofflichen Inhalt und der sozialen Form der ökonomischen Prozesse und der diesen Prozessen entsprechenden Kategorien zu- grunde. Im dritten Band des "Kapitals", der auf der Basis der Handschrift von 1864/1865 entstand, arbeitete Marx heraus: "(...) streift man sowohl dem Arbeitslohn wie dem Mehrwert, der notwen- digen Arbeit wie der Mehrarbeit den spezifisch kapitalistischen Charakter ab, so bleiben eben nicht diese Formen, sondern nur ihre Grundlagen, die allen gesellschaftlichen Produktionsweisen gemeinschaftlich sind." 17) Die genannten "Grundlagen" laufen auf eben den stofflichen Inhalt der von Marx benannten Kategorien hinaus und bilden sozusagen die "Invariante" der gesellschaftli- chen Produktion, die stoffliche Grundlage der politischen Ökono- mie im weiteren Sinn. 2. In voller Übereinstimmung mit den vorstehend umrissenen methodo- logischen Richtlinien ging Marx bei der Erarbeitung der Probleme der politischen Ökonomie im weiteren Sinn in drei Hauptrichtungen vor: E r s t e n s: Verallgemeinerung des Materials zu den ein- zelnen ökonomischen Gesellschaftsformationen in dem Bestreben, ihre Entwicklung als organischen Bestandteil des historischen Weltprozesses aufzuzeigen; Z w e i t e n s: Darstellung des Ka- pitalismus im großen Zusammenhang seiner Entwicklung, verbunden mit der Ermittlung seiner Entstehungsgeschichte und seiner Wech- selwirkung mit vorkapitalistischen Formen; D r i t t e n s: Entdeckung des stofflichen Inhalts der ökonomischen Kategorien im Innern des Kapitalismus, unter anderem der "Elemente für eine hö- here Neubildung", 18) die den Übergang zum Kommunismus bedingen und auf dieser Basis die Prognostizierung der kommunistischen Wirtschaft zulassen. Illustrieren wir diese Grundgedanken mit einigen charakteristi- schen Beispielen. Marx war in erster Linie bestrebt, das Allgemeine, das dieser Entwicklung gemeinsam ist, aufzudecken und hervorzuheben sowie auf die hier wirkenden allgemeingültigen Gesetzmäßigkeiten zu verweisen. Im Manuskript 1861-1863 bemerkte er: "Die Naturgesetze der asiatischen oder antiken oder feudalen Productionsweise waren wesentlich andre" als im Kapitalismus. "Andrerseits ist es ganz sicher, daß die menschliche Production in allen Formen gewisse gleichbleibende G e s e t z e o d e r V e r h ä l t n i s s e h a t." 19) Man: untermauerte diese seine allgemeine These unter anderem mit einer Gegenüberstellung der Entwicklung der asiati- schen und europäischen Länder im Mittelalter. Im ersten Band des "Kapitals" heißt es dazu: "Japan, mit seiner rein feudalen Orga- nisation des Grundeigentums und seiner entwickelten Kleinbauern- wirtschaft, liefert ein viel treueres Bild des europäischen Mit- telalters als unsre sämtlichen, meist von bürgerlichen Vorur- theilen diktirten Geschichtsbücher." 20) Bedeutenden Platz nimmt bei Marx das Problem der Entwicklung ei- ner ökonomischen Gesellschaftsformation und ihres Übergangs in die nächst höhere Formation ein. Er betrachtet es als das "a l l g e m e i n e G e s e t z ..., das durchgeht, daß die materielle Möglichkeit der spätem Form in der frühren geschaffen wird. ... Mit der einmal erreichten Revolution in den Produktiv- kräften - die sich technologisch zeigt - tritt auch Revolution in den Productionsverhältnissen ein." 21) Bei der Erforschung der Entstehungsgeschichte des Kapitalismus erarbeitete Marx die Lehre von den Übergangsformen zur kapitali- stischen Produktion und wies nach, daß ein Land, das sich in ei- nem vorkapitalistischen Stadium befindet und eine kapitalistische Wirtschaft hervorbringt, unweigerlich dieser Wirtschaft unterge- ordnet wird - mit allen sich daraus ergebenden Folgen wie Krisen, nichtäquivalentem Austausch usw. Bereits in den "Grundrissen" be- merkte Marx über den Kapitalismus: "... seine Entwicklung zur To- talität besteht eben darin, alle Elemente der Gesellschaft sich unterzuordnen." 22) Der Kapitalismus, bemerkte Marx, zerstört die traditionelle Wech- selbeziehung zwischen Ackerbau und Heimgewerbe, die die Grundlage für die Stabilität des Gemeinwesens ist. In diesem Zusammenhang sei darauf verwiesen, daß Marx bereits 1858 klar war, daß das "ökonomische Gemeinwesen" eine universelle ökonomische Erschei- nung ist: "(...) eine gründlichere Geschichtsforschung findet es als Ausgangspunkt bei allen Culturvölkern wieder." 23) Für die Beziehungen zwischen kapitalistisch entwickelten und we- niger entwickelten Ländern bedeutet dies: "Es wird eine neue, den Hauptsitzen des Maschinenbetriebs entsprechende internationale Theilung der Arbeit geschaffen, die einen Theil des Erdballs in vorzugsweis agrikoles Productionsfeld für den ändern als vorzugs- weis industrielles Productionsfeld umwandelt." 24) Ein objektives Ergebnis dieser Prozesse ist das chronische und zunehmende Nachhinken der rückständigen Länder hinsichtlich der Arbeitsproduktivität. Die detaillierte Analyse, die Marx in die- sem Zusammenhang im Manuskript 1861-63 vornahm, ließ ihn "bei Vergleichungen von Arbeitstagen verschiedner Nationen" zu dem Schluß kommen, daß man es hier mit "Modificationen des allgemei- nen Wertgesetzes" 25) zu tun hat, deren Ergebnis der internatio- nale nichtäquivalente Austausch ist. Schon in den "Grundrissen" hatte er sich damit beschäftigt und den Gedanken formuliert, ".... daß nicht nur individuelle Capitalisten, sondern Nationen fortwährend mit einander austauschen können, auch fortwährend den Austausch auf stets wachsender Stufenleiter wiederholen, ohne daß sie deßwegen gleichmässig zu gewinnen brauchen. Die eine kann sich fortwährend einen Theil der Surplusarbeit der andren aneig- nen, für den sie nichts im Austausch zurückgiebt." 26) 3. Bei der Analyse der kapitalistischen Produktionsweise wandte Marx die Differenzierung zwischen stofflichem Inhalt und sozialer Form auf mehrere konkrete ökonomische Kategorien an. Ich nenne einige Beispiele: Im ersten Band des "Kapitals" und im Manuskript 1861-63 zeigte Marx auf, daß der stoffliche Inhalt einer so wichtigen Kategorie wie der gesellschaftlichen Arbeitsteilung unterschiedlichen öko- nomischen Gesellschaftsformationen eigen ist. 27) Das gleiche gilt auch für den stofflichen Inhalt der "einfachen Cooperation" im Arbeitsprozeß, 28) für die Kategorie des "Arbeitsfonds" 29) oder für die universelle Rolle der "natürlichen Bedingungen" im Produktionsprozeß. 30) Schließlich brachte eine detaillierte Analyse des Reproduktions- prozesses und seines stofflichen Inhalts die allgemeine Natur der erweiterten Reproduktion zutage, ebenso die universelle, immer mehr zunehmende Rolle der "Ökonomie der Zeit", der "Buchführung", weiterhin den Allgemeincharakter der "Vorratbildung", der Unter- brechungen im Produktionsprozeß oder der Einsparungen an gegen- ständlichen Produktionsmitteln (konstantem Kapital). 31) Wir sehen, daß das außerordentlich reichhaltige Material im öko- nomischen Erbe von Marx zu den vorkapitalistischen Formationen und zur kommunistischen Wirtschaft keineswegs der Illustration dient, sondern organischer Bestandteil der marxistischen politi- schen Ökonomie im weiteren Sinne ist, deren Ausarbeitung Marx und Engels sich als eine wichtige Aufgabe gestellt hatten. _____ 1) MEW 20, S. 14. 2) MEGA II, 5, S. 14. MEW 23, S. 16. 3) MEGA II, 5, S. 13/14. MEW 23, S. 15/16. 4) Friedrich Engels ("Anti-Dühring"), in: MEW 20, S. 24. 5) Ebenda, S. 139. 6) MEGA II, 2, S. 101. MEW 13, S. 9. 7) Friedrich Engels ("Anti-Dühring"), in: MEW 20, S. 14U. 8) MEGA II, 1.1, S. 23. Grundrisse, S. 7. 9) MEGA II, 2, S. 101. MEW 13, S. 9. 10) MEGA II, 1.1, S. 40. Grundrisse, S. 26. 11) MEGA II, 1.2, S. 589. Grundrisse, S. 600. 12) Friedrich Engels ("Anti-Dühring"), in: MEW 20, S. 139. 13) Ebenda, S. 137. 14) Ebenda. 15) Ebenda, S. 136/137. 16) MEGA II, 1.2, S. 369. Grundrisse, S. 364/365. 17) MEW 25, S. 883. 18) Ebenda, S. 827. 19) MEGA II, 3.6, S. 2269. 20) MEGA II, 5, S. 577. MEW 23, S. 745. 21) MEGA II, 3.6, S. 1973. 22) MEGA II, 1.1, S. 201. Grundrisse, S. 189. 23) MEGA II, 1.2, S. 743. Grundrisse, S. 764. 24) MEGA II, 5, S. 368/369. MEW 23, S. 474/475. 25) MEGA II, 3.6, S. 2230. 26) MEGA II, 1.2, S. 732. Grundrisse, S. 755. 27) MEGA II, 5, S. 22 (MEW 23, S. 56/57). MEGA II, 3.1, S. 247. 28) MEGA H, 5, S. 270 (MEW 23, S. 352/353). MEGA II, 3.1, S. 231/232. MEGA II, 3.6, S. 2144. 29) MEGA II, 3.6, S. 2248-2250. 30) MEGA II, 3.1, S. 226-229. 31) MEGA II, 5, S. 480-482 (MEW 23, S. 623-625). MEGA II, 1.1, S. 102-104 (Grundrisse, S. 88-90). MEW 24, S. 105/106, 135-137, 141- 143, 239-244. MEW 25, S. 81, 111. zurück