Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 13/1987
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ELEMENTARE MÄNGEL IN DER TRADITIONELLEN REZEPTION
DER MARXSCHEN FORM-ANALYSE
Bemerkungen anläßlich von Band 12 der Marxistischen Studien
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"Internationale Marx-Engels-Forschung"
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Hans-Georg Backhaus
Die Marxsche These, daß, wenn "selbst gute Köpfe die Sache nicht
ganz richtig begriffen" - hier seine Werttheorie in der Fassung
von 1859 - "etwas Mangelhaftes an der ...Darstellung sein"
(31/534) *) müsse, blieb in der marxistischen Orthodoxie bis
heute durchweg unbeachtet; statt dessen tendierte man zu der An-
sicht, daß Marx bei seinen wiederholten Bearbeitungen zu immer
präziseren Darstellungen des Wertphänomens gelangt sei. Diese Un-
terstellung führte folgerichtig dazu, daß sich die traditionelle
Rezeption und Kritik nahezu ausschließlich an den Text der zwei-
ten, im 1. Kapitel historisierten, Ausgabe des K a p i t a l
gehalten hat.
Die intensive Beschäftigung mit dem R o h e n t w u r f seit
Mitte der 60er Jahre führte bekanntlich zu der wohl erstmals von
Helmut Reichert angedeuteten Auffassung, daß das Verständnis der
"einfachen Z i r k u l a t i o n" als "einfache Waren p r o-
d u k t i o n" durch den späten Engels als eine verhängnisvolle
Fehlinterpretation zu beurteilen sei; man gelangte zu der
Überzeugung, daß nicht bloß nach einem halben, sondern sogar nach
einem ganzen Jahrhundert im Hinblick auf das erste Kapitel, aber
auch auf die Methode generell, "keiner von den Marxisten Marx
begriffen" hatte.
Tatsächlich zeichnet sich die traditionelle Rezeption nicht bloß
durch eine historistische Fehldeutung der "logischen Entwicklung"
aus, sondern ebenso durch eine Reihe innermarxistischer Kontro-
versen über Grundbegriffe und vor allem über das Verhältnis von
Wert- und Geldtheorie; so erwies sich die Orthodoxie als unzu-
länglich gerüstet, die grundbegriffliche, insbesondere werttheo-
retische Haltlosigkeit des geldtheoretischen Nominalismus, wie er
im Anschluß an Hilferding und Varga auch heute noch vertreten
wird, umfassend darzulegen.
Die mangelhafte Verteidigung verweist auf eine mangelhafte Aneig-
nung der Marxschen Texte durch die Orthodoxie. So mußte sich
diese seitens eines nicht-marxistischen Interpreten die Feststel-
lung gefallen lassen, daß die "dialektische Entwicklung" des Aus-
tauschprozesses - "fast schon ein Paradigma von Dialektik" -
"noch nicht einmal in Ansätzen" 1) untersucht worden ist;
tatsächlich klafft in den orthodoxen Lehrbüchern hinsichtlich des
einschlägigen Textes, des 2. Kapitels, gähnende Leere, es wird
schlicht übergangen; referiert werden Theoreme des 1. und 3. Ka-
pitels, das 2. scheint nicht zu existieren: Orthodoxe Interpreten
selektieren Marxsche Texte demnach kaum minder als revisionisti-
sche; Orthodoxie ist in der 120jährigen Wirkungsgeschichte des
K a p i t a l hinsichtlich der Marxschen Wert- und Geldtheorie
immer nur Anspruch geblieben; so bleibt sie bis heute eine Ant-
wort auf die Frage schuldig, was es mit den "dialektischen Sachen
aus der Geldtheorie pp." (32/252) und generell mit dem Marxschen
Versuch auf sich hat "at applying the dialectic method to Politi-
cal Economy" (31/379).
Wenn aber selbst Engels jene "dialektischen Sachen" wieder ver-
gaß, die er, wie aus seinem K o n s p e k t zum K a p i t a l
hervorgeht, zumindest ansatzweise begriffen haben mußte, so wird
klar, daß die mangelhafte Aneignung und Verteidigung durch die
"guten Köpfe" auf "etwas Mangelhaftes an der Darstellung" ver-
weist - nicht bloß in der ersten Darstellung der Werttheorie von
1859, sondern auch in der letzten von 1872/73.
Die mangelhafte Aneignung der Texte erschwerte aber nicht bloß
die innermarxistische Klärung der werttheoretischen Grundbe-
griffe, sie schwächte auch den offensiven Anspruch der Marxschen
Theorie als einer "Kritik der politischen Ökonomie": Nirgendwo
ist gezeigt worden, inwiefern das 1. Kapitel als eine K r i-
t i k "der" Werttheorien bürgerlicher Observanz konzipiert wor-
den ist: nicht bloß der klassischen, sondern auch der vulgär-
ökonomischen, d.h. der subjektiven Werttheorie. Die Marxsche
Theorie vermag ihren Anspruch als Kritik "der" Ökonomie, also
auch der heutigen, nur gerecht zu werden, wenn sich zeigen läßt,
daß schon die Form-Analyse der einfachen Zirkulation eine Kritik
der neoklassischen und neoricardianischen Preistheorie impli-
ziert; ihre Bedeutung reduzierte sich sonst auf eine Kritik der
vor-"modernen" Werttheorie und Ökonomie überhaupt. Inwiefern ist
nun aber in der Marxschen Werttheorie eine Kritik selbst jener
Preistheorie vorweggenommen, die sich als "wertbegriffsfreie"
scheinbar apriori jeder werttheoretischen Thematisierung ent-
zieht? Die orthodoxen Verteidiger halten auch hier keine überzeu-
gende Antwort parat. Man wird daher folgern müssen: Entweder ist
die Marxsche Theorie tatsächlich überfordert, diese kritische
Leistung erbringen zu können; oder das kritische Potential ist
vorhanden, aber der "Darstellung" haftet auch hier "etwas Mangel-
haftes" an; in dem einen wie in dem ändern Fall ist die Position
der traditionellen Orthodoxie nicht mehr haltbar.
Tatsächlich läßt sich ihr auch hier ein gewichtiges Versäumnis
nachweisen; freilich ist nicht bloß in der orthodoxen, sondern in
der traditionellen Rezeption und Kritik überhaupt dies übersehen
worden, daß die Marxsche Wert-und Geldtheorie als eine
"K r i t i k d e r ö k o n o m i s c h e n K a t e g o-
r i e n" (29/550) konzipiert worden ist. Dem Unvermögen der
Orthodoxie, die Werttheorie als eine Kritik der klassischen und
subjektiven Werttheorie zu rezipieren, liegt ihre mangelnde
Einsicht zugrunde, daß eine solche in der "Kritik der öko-
nomischen Kategorien" zu fundieren ist. Werttheorie qua Kritik
unterscheidet sich also prinzipiell von der bürgerlichen Wert-
theorie qua Preistheorie. Es müßte sich dann zeigen lassen, wie
letztere in der ersteren "aufgehoben", nämlich in ihren unklaren
Intentionen und unreflektierten "Voraussetzungen" über sich
selbst aufgeklärt wird; allein so ließe sich der überzeugende
Nachweis führen, daß sich die Marxsche Werttheorie immer schon im
Rücken ihres Gegners befindet und ungeachtet alles "Mangelhaften
an der Darstellung" eine Alternative gar nicht zur Diskussion
stehen kann, vielmehr alle Bemühungen um eine solche, wie im Fall
des Neoricardianismus, hinter das von Marx erreichte Niveau der
Problemstellung und Argumentation zurückfallen müssen.
Voraussetzung für die volle Ausschöpfung des Marxschen Argumenta-
tionspotentials im Kontext einer umfassenden Rekonstruktion - sie
ist nur als Resultat einer kollektiven Anstrengung vorstellbar -
ist die wissenschaftliche Distanzierung der Marxschen Texte, die,
wie Alexander N. Jakowlew trefflich konstatierte, einer
"Kanonisierung" unterlagen und eine "religiöse Ehrfurcht vor den
Dogmen" 2) auch die theoretische Entwicklung lahmte. Eine Rekon-
struktion fordert freilich zunächst einmal ein Auseinandernehmen
der Texte, eine Destruktion der Theorie, bevor sie sich in neuer
Form wieder zusammensetzen läßt; es versteht sich, daß mit der
MEGA-Edition eine solche Arbeit auf die Tagesordnung gesetzt ist.
In dem jüngsten Beitrag von Winfried Schwarz, 3) der der
"Diskussion um die 'Historisierung' der Wertformanalyse" gewidmet
ist, akzeptiert der Autor eine meiner Grundthesen über den - wie
ich formulierte - "esoterischen" Gehalt der Formanalyse, der
durch die "exoterische" Historisierung in der 2. Ausgabe unkennt-
lich geworden ist; dabei suchte ich mit einer freilich problema-
tischen Formulierung den kritischen Gehalt der Marxschen Wert-
theorie als "Kritik prämonetärer Werttheorien" zu kennzeichnen:
Eine wesentliche Konsequenz der ursprünglichen Fassung der Form-
Analyse in der 1. Ausgabe des Kapital bestünde nämlich in dem,
was ich das "S c h e i t e r n des prämonetären Austauschs"
nannte; sofern nun der "prämonetäre" Produktentausch den bürger-
lichen Naturaltauschmodellen als Paradigma bürgerlicher Wert- und
Geldtheorie zugrundeliegt, ist mit dem Nachweis des "Scheiterns"
dieses Austauschs jene Theorie formanalytisch destruiert; man
könnte auch so formulieren, daß in der Form-Analyse der
"prämonetäre" Austausch sich als ein "prävalorer" enthüllt: die
"prämonetären" Waren "stehn sich daher überhaupt nicht gegenüber
als Waren, sondern nur als Produkte oder Gebrauchswerte"
(23/101); die Konstruktion der bürgerlichen oder prämonetären
Tauschtheorie muß also scheitern.
Es war aber nicht bloß zu zeigen, daß und wie die Wertform-Ana-
lyse unreflektierte Voraussetzungen der bürgerlichen Wert- und
Geldtheorie aufdeckt und destruiert; meine 1979 verfaßte Arbeit
wollte vielmehr ähnlich der fast gleichzeitig entstandenen Göh-
lerschen Untersuchung einen ersten Beitrag zur Klärung des 2. Ka-
pitels leisten; es war daran zu erinnern, daß das Verständnis des
1. Abschnitts als ein "dialektisch Gegliedertes" (31/132) und da-
mit generell der "dialektischen Entwicklungsmethode" (31/313) des
Kapital sich wesentlich in dem Versuch bewähren muß, den weißen
Fleck der orthodoxen Rezeption, die Lücke zwischen dem 1. und dem
3. Kapitel füllen zu können. Tatsächlich weist das 1. Kapitel der
2. Ausgabe nicht mehr über sich hinaus; es erscheint als ein ab-
geschlossenes Ganzes; so können denn auch "Einführungen in das
Kapital" geschrieben werden, die sich ausschließlich dem 1. Kapi-
tel zuwenden, das in der 1. Ausgabe noch gar nicht als ein
scheinbar separat verständliches Kapitel konzipiert worden war,
sondern bloß als 1. Teil des ü b e r g r e i f e n d e n Kapi-
tels "Ware und (!) Geld". Aus dem 1. Teil wurde in der 2. Ausgabe
das l. Kapitel "Die Ware" und aus dem 1. Kapitel der 1.
A b s c h n i t t "Ware und Geld" der 2. Ausgabe.
Damit waren schon von der veränderten Gliederung her der Fehlin-
terpretation Tür und Tor geöffnet. Wie sehr hingegen von der ur-
sprünglichen Gliederung her ein adäquates, ein dialektisches Ver-
ständnis der Werttheorie nahegelegt wurde, zeigt das 1867 ver-
faßte Engelssche K o n s p e k t zum Kapital: jenem Stoff, der
später den Inhalt des 1. Kapitels ausmachen sollte, gibt Engels
eigenwillig die treffliche Überschrift "I. W a r e a n
s i c h" (16/245).
Hier wurde schon am Eingang der Marxschen Waren-Analyse gleichsam
ein Warnzeichen aufgerichtet, den Inhalt des späteren 1. Kapitels
keinesfalls als einen in sich abgeschlossenen mißzuverstehen:
Vielmehr ist das, was bloß "an sich" existiert, "noch nicht ge-
setzt"; die bloß "an sich" seiende Ware ist eine unfertige, be-
grifflich unterbestimmte, die so nicht "wirklich" ist. Es wird
klar, daß sie einer "Fortbestimmung" bedarf, also auch die Kon-
struktion eines "Austauschprozesses" solch "an sich" seiender,
prämonetärer Waren Widersprüche implizieren, "scheitern" muß.
Bloß an sich seiende Bestimmungen sind auch nicht im Bewußtsein
der Tauschpartner; die "Substanz" des Werts ist folglich als "an
sich oder bloß für uns" qua Analytiker existierende Bestimmung
lediglich ein "immanentes Maß", das den Austauschenden nur in ei-
ner fortbestimmten, nämlich "verkehrten" Form bewußt wird. Es war
ein Warnschild nicht allein gegen eine historizistische Fehlin-
terpretation errichtet worden, sondern auch dagegen, das Kommen-
surabilitätsargument als ein subjektives Raisonnement mißzuver-
stehen - man denke nur an die Fehlinterpretation Werner Beckers
und anderer analytisch orientierter Marx-Kritiker.
Der tiefere Grund dafür, daß das 1. Kapitel nicht mehr über sich
hinausweist und sich daher nicht mehr als Darstellung bloß "an
sich oder für uns" seiender Bestimmungen der Ware zu erkennen
gibt, besteht in der Ersetzung des Abschnitts "Form IV" (MEGA
II/5, S. 43) durch "D) Geldform" (23/84). Die "Form IV" ist eine
paradoxe, nämlich sich selbst aufhebende Form: Diese Verallgemei-
nerung der Form II führt dazu, daß alle Waren "sich selbst von
der gesellschaftlich gültigen Darstellung ihrer Werthgrößen"
(MEGA, a.a.O.) ausschließen; was kann dies anderes heißen als
dies, daß - wie es auf der 3. Seite des 2. Kapitels auch der 2.
Ausgabe heißen sollte - die Waren sich nicht mehr als solche,
sondern bloß als "Produkte" gegenüberstehn. Mit der Tilgung der
paradoxen Form IV in der Zweitausgabe war der Anschluß dieser
Überlegung des 2. Kapitels an die logische Konsequenz der Form-
Analyse des 1. Kapitels, nämlich die Selbstaufhebung der prämone-
tären Wertform, uneinsichtig geworden.
Will man nun den Versuch unternehmen, die von Göhler als
"emphatische Dialektik" charakterisierte Darstellung der aporeti-
schen Struktur des prämonetären "Austauschprozesses" zu rekon-
struieren, damit die "dialektische Entwicklungsmethode" des 1.
Abschnitts, so hat man damit zu beginnen, sich zunächst einmal
über die Eigentümlichkeit des Beweisziele der Form-Analyse zu
verständigen, sowie über den Kerngedanken der Beweis-
s t r u k t u r; nur von der Bestimmung des Beweis z i e l s
her läßt sich auch die umstrittene Frage diskutieren, ob die
Neufassung der Form-Analyse in der 2. Ausgabe als Verbesserung
oder vielmehr als Vulgarisierung zu begreifen ist.
Winfried Schwarz verneint nun meine These, daß mit der Vertau-
schung von "Form IV" und "Geldform" sowie mit der Historisierung
der Form-Entwicklung Marx ein Mißgriff unterlaufen ist: das
"Haupterkenntnisziel der Gelderklärung ... nämlich der innere
notwendige Zusammenhang zwischen der Ware und dem Geld", dieser
"Kerngedanke" bliebe "dem Leser noch klar vermittelt" 4) - eine
erstaunliche Behauptung angesichts der wirkungsgeschichtlichen
Tatsache, daß die Hilferding-Varga-Schule diesen Zusammenhang als
akzidentell begreift; erstaunlich auch hinsichtlich des Unvermö-
gens der Orthodoxie, die "emphatische Dialektik" des 2. Kapitels
herauszuarbeiten; erstaunlich schließlich im Hinblick darauf, daß
die durch die Veränderung hervorgerufene V e r w e c h s l u n g
von "an sich oder für uns" seienden Bestimmungen mit
"g e s e t z t e n", "w i r k l i c h e n" nicht bloß die ana-
lytischen Fehlinterpretationen der Wert-Ableitung zu verantworten
hat, sondern vermutlich auch das Vergessen dessen, was Engels als
die "dialektischen Sachen aus der Geldtheorie pp." bezeichnet
hatte, womit er zu jenem Zeitpunkt, also 1869, zumindest ober-
flächlich vertraut gewesen sein mußte.
Tatsächlich ist der Überarbeitung selbst die Charakterisierung
des Zusammenhangs von Form und Substanz als "innerer notwendiger"
(MEGA II/5, S. 43) zum Opfer gefallen, die in der traditionellen
Rezeption denn auch niemals thematisiert worden ist. Es ist auch
nicht eindeutig auszumachen, was die traditionelle Rezeption
sachlich darunter verstanden hat; etwa das, was Engels als
"Notwendigkeit der Geldbildung" begriffen wissen wollte, die dem
"Philister auf historischem Wege" (31/303) vermittelt werden
könne? Hierunter verstand man allerdings immer nur höchst Trivia-
les. Und welchem Beweiszweck sollte der Nachweis dieses Zusammen-
hangs dienen? Der Widerlegung des Proudhonismus? Dann vermöchte
er heute bloß noch dogmengeschichtliches Interesse zu beanspru-
chen. Die Frage nach dem Beweisziel der Form-Analyse verlagert
sich demnach auf die Frage nach dem Beweisziel und der Beweis-
struktur der Analyse des "notwendigen inneren Zusammenhangs". Man
wird zugeben, daß in der 120jährigen Rezeptionsgeschichte des Ka-
pital eine klärende Diskussion hierüber ausgeblieben ist; und
zwar selbst im Rahmen der innermarxistischen Nominalismus-Kontro-
verse.
Mit der Formel vom nicht bloß notwendigen, sondern auch "inne-
ren", also v e r b o r g e n e n Zusammenhang resümiert Marx in
der 1. Ausgabe den Ertrag der Wertform-Analyse - einer
Untersuchung also, die, von der ansatzweisen Thematisierung bei
Rubin abgesehen, bekanntlich kaum Beachtung fand und erstmals
Ende der 60er Jahre aufgegriffen wurde; doch selbst damals war
m.W. von einer Verborgenheit des Zusammenhangs nirgendwo die
Rede. Im Text der 1. Ausgabe heißt es aber, das "entscheidend
Wichtige" sei gewesen, den Zusammenhang zwischen Form, Substanz
und Größe des Werts "zu entdecken" ; eine Entdeckung bezieht sich
aber immer nur auf etwas Verborgenes. Dies wird noch deutlicher,
wenn man bedenkt, daß das "entscheidend Wichtige" (!!) dem Beweis
gleichgesetzt wird, daß "die Wert f o r m aus dem
Wert b e g r i f f entspringt". 5)
Wird man nun behaupten wollen, daß dies so formulierte Beweisziel
der Form-Analyse "auch" in der 2. Ausgabe "dem Leser noch klar
vermittelt" worden ist? Dies gilt nicht einmal für die 1. Aus-
gabe, denn es blieb völlig unklar, wogegen der Beweis gerichtet
war, welche Autoren und Positionen attackiert werden sollten;
warum dies "Entspringen" etwas "entscheidend Wichtiges" dar-
stellt, und zwar auch jenseits der Polemik gegen die heute obso-
lete Programmatik des Proudhonismus - all dies schien die tradi-
tionelle Rezeption wenig zu kümmern.
Man findet nämlich eine parallele Formulierung auch in der 2.
Ausgabe: "Unsere Analyse bewies, daß die Wertform oder der Wert-
ausdruck der Ware aus der Natur des Warenwerts entspringt, ..."
(23/75). Ist nun etwa hier und in der Fortsetzung des Satzes die
Quintessenz der Wertform-Analyse klar vermittelt worden? Man wird
vielmehr bezweifeln, ob dem Kundigen sogleich das "entscheidend
Wichtige" einfällt, würde man ihn auffordern, die Bedeutung die-
ser die Form-Analyse resümierenden These zu entwickeln, also den
Satz sinngemäß fortzusetzen und zu aktualisieren. Und doch wird
hier die Anti-These zur Marxschen Wertform-Theorie vorgestellt: -
... nicht umgekehrt Wert und Wertgröße aus ihrer Ausdrucksweise
als Tauschwert. Dies ist jedoch der Wahn der Merkantilisten ...
wie Ganilh usw., als auch ihrer Antipoden ... wie Bastiat ... Die
Merkantilisten legen das Hauptgewicht ... auf die Äquivalentform
..., die Freihandelshausierer ... auf die relative Wertform. Für
sie existiert folglich weder Wert noch Wertgröße der Ware außer
in dem ... Austauschverhältnis" (23/75).
Es wird klar, daß die Form-Analyse sich gegen eine bestimmte
V e r k e h r u n g von Wertform und Wertbegriff wendet, in der
die Wertform - ein "Entsprungenes", also Abgeleitetes und Sekun-
däres - sich als ihr Gegenteil, als ein Unmittelbares und Primä-
res darstellt; diese "Verkehrung" soll sich objektiv vollziehen
und der mit ihr gesetzte "n o t w e n d i g e S c h e i n" das
Bewußtsein der Vulgärökonomie determinieren. Daß sich die Marx-
sche Kritik verallgemeinern und aktualisieren läßt, zeigt der
letzte Satz mit seiner zusammenfassenden Charakterisierung der
Anti-These: Der Wert der Ware ist relativer Wert. Ganilh und Ba-
stiat etc. sind Anti-Ricardianer und Verfechter einer subjektiven
Werttheorie, die sich damals wie heute durch jene Anti-Thesis zur
Marxschen Form-Analyse charakterisieren läßt; hierbei ist es
gleichgültig, ob es sich um eine ihrer primitiven Fassungen han-
delt oder um die hochformalisierte moderner Gleichgewichtsökono-
mie.
Marx hat die anti-thetische Position vor allem auch dort im Auge,
wo er Ökonomen vorwerfen kann, daß sie "Wert und Wertform ver-
wechseln" (23/64); etwa Samuel Bailey. So findet sich denn auch
die klarste Erläuterung der allein wertform-analytisch faßbaren
Voraussetzungen der subjektiven oder auch wertbegriffsfreien Öko-
nomie in der Marxschen Bailey-Kritik: "Bailey ... schließt ...:
Der W e r t b e g r i f f wird nur gebildet - daher der Wert
aus bloß quantitativem Verhältnis ... in etwas von diesem Ver-
hältnis Unabhängiges verwandelt ..., w e i l außer den Waren
G e l d existiert ... Bei Bailey ist es nicht die Bestimmung des
Produkts als Wert, das zur Geldbildung treibt ..., sondern es ist
das Dasein des Geldes, das zur Fiktion des Wertbegriffs treibt
..." (26.3/143).
Diese Passage charakterisiert keineswegs bloß einen Autor des 19.
Jahrhunderts, der dem modernen Ökonomen kaum noch dem Namen nach
geläufig ist, sondern den Standpunkt der "modernen" Ökonomie
überhaupt, insbesondere die "wertbegriffsfreie", also neoricar-
dianische: Am logischen Anfang steht das Geld, genauer der sog.
numeraire, seine 1. Funktion; schon in dieser "Funktion" gerät es
zum "Fetisch", sofern die "moderne" Ökonomie es den "Dienst" ver-
richten läßt, das Ungleiche gleich zu machen, also Produkte in
Waren, d.h. Natürliches in Gesellschaftliches zu verwandeln. Es
fungiert demnach als K o n s t i t u e n s abstrakter Wertge-
genständlichkeit: die inhomogenen Gebrauchswerte stellen sich
jetzt dar als "Wertmassen", "Wertquanta", "Wertmengen", "Wert-
volumina" - von Menschen produzierte "Sachen außer dem Menschen",
d.h. "Fetische".
Spricht Marx von der Wertform, näher der Geldform, daß "der Men-
schengeist sie seit mehr als 2000 Jahren vergeblich zu ergründen
gesucht (hat)" (23/12), so hat er hierbei Geld in genau dieser
mysteriösen Funktion oder "verrückten Form" (23/90) im Auge: "Das
Geld macht, einem Maße gleich, ... die Dinge kommensurabel", zi-
tiert Marx Aristoteles, und ähnlich steht es denn 2200 Jahre spä-
ter in jedem Lehrbuch "moderner" akademischer Ökonomie. Marx ge-
steht zu, daß der o b j e k t i v e - Schein" des Zirkulations-
prozesses eine solche "Verrücktheit" vorspiegelt; es ist wiederum
auch "bloßer" S c h e i n, daß solcherlei geschieht: Es "ist
bloßer Schein des Zirkulationsprozesses als ob das Geld die Waren
kommensurabel mache. Es ist vielmehr nur die Kommensurabilität
der Waren ..., die das Gold zu Geld macht" (13/52). Die Priorität
der Ware gegenüber dem Geld bedeutet also die Priorität der den
Waren qua überindividueller Arbeitszeit eigentümlichen Kommensu-
rabilität, die freilich nur "an sich oder für uns" als Analytiker
gegeben ist. Jener "Schein" bewirkt, daß der wahre Sachverhalt
den Austauschenden "verkehrt" erscheint; ihnen sind quasi-aprio-
risch die inkommensurablen Produkte in Preisform, also in einer
monetären Form vorgegeben. Das Untersuchungsobjekt der Marxschen
Werttheorie sind also nicht wie in der bürgerlichen Tauschhand-
lungen und intentionale Akte der Gleichsetzung, sondern das je
schon gleichgesetzte, nämlich in monetärer Form sich präsentie-
rende Tauschobjekt; das Untersuchungsziel ist die Klärung der
"Genesis" dieses Objekts, seiner quasi-apriorisch gegebenen, näm-
lich monetären Kommensurabilität oder der Daseinsweise der Ge-
brauchswerte als "Mengen", "Massen", "Volumina" etc. von Wert.
Dieser mehrdeutige Begriff meint hier "wirtschaftliche Dimension"
der Dinge, das also, was die Qualität der beständig vom Ökonomen
berechneten Quantitäten ausmacht; aufgefordert, die Qualität die-
ser Quantitäten zu bestimmen, muß der Neoricardianer oder Neo-
klassiker sich paradoxer Prädikate bedienen, die nicht bloß meta-
physischer Herkunft sind, sondern das zu beschreibende Substrat
negieren; spricht er doch von den ökonomischen Größen als
"abstrakten", "reinen", "ideellen", "idealen" - kurzum
"qualitäts l o s e n" Größen; solcherlei Größen sind Pseudo-Grö-
ßen und der immer wieder erhobene Vorwurf, die akademische Ökono-
mie habe sich zu einer "mathematizistischen Pseudowissenschaft"
entwickelt, ist letztlich hierin gegründet.
Wert als Inbegriff ökonomischer, genauer makroökonomischer Quan-
tität wird "abstrakter Wert" genannt; da er sich weder auf die im
Kontext schulökonomischer Begrifflichkeit allein legitimierbaren
Kategorien Gebrauchswert und Tauschwert reduzieren läßt, ist der
"abstrakte Wert" d a s Mysterium neoklassischer oder neoricar-
dianischer Ökonomie. Subjektive Werttheorie erweist sich als
hoffnungslos überfordert, die Objektivität, d.h. aber die
"Gegenständlichkeit" des "abstrakten Werts" auch nur zu themati-
sieren, geschweige denn abzuleiten; wie der Sprachphilosoph das
Medium seiner Existenz, die Sprache, immer schon voraussetzen
muß, so der subjektive Werttheoretiker den "abstrakten Wert". Die
Geld-"Mengen" der Ökonomie sind Mengen abstrakten Werts, doch der
Schulökonom sieht sich außerstande, die Mengenhaftigkeit der
ökonomischen Mengen, ihre Seinsweise und Genesis zu hinterfragen;
da sie als umlaufende Geldmengen ihre abstrakte Natur behaupten,
nämlich sinnlicher Wahrnehmung sich entziehen, andererseits nicht
bloß im je individuellen Bewußtsein existieren können - bekannt-
lich wird ihnen eine Eigengesetzlichkeit zugeschrieben - muß es
sich um existierende Abstrakta handeln oder eben um "reelle My-
stifikation(en)" (13/35), von Marx auch als "Verkehrung(en)"
(ebd.) gekennzeichnet.
Der "abstrakte Wert" tritt in der akademischen Ökonomie stets in
zwei Gestalten auf: als das "Wertvolumen" sowohl der Ware wie des
Geldes; in der Gestalt des letzteren gewinnt der "abstrakte Wert"
noch einen zweiten Charakter, er gilt als "absoluter", nämlich
vom Dasein der Waren l o s g e l ö s t e r, "verselbständigter"
Wert oder befindet sich in "absoluter Wertform" (24/313). Bis in
die 50er Jahre hinein war sich ein erheblicher Teil der deutschen
Ökonomie der "Rätsel" von Wert und Geld durchaus bewußt; im
Anschluß an Knapp und Gottl tendierte die bürgerliche Ökonomie
immer mehr dazu, ihn als ein "Apriori" auszugeben. Georg Simmel
wurde sich während der Ausarbeitung seiner P h i l o s o p h i e
d e s G e l d e s bewußt, daß hier "das Allerelementarste
bisher unüberwundene Schwierigkeiten" 6) bereitet und das
Nachdenken auf einen "toten Punkt" gelangt; er durchschlägt den
gordischen Knoten eines ganzen Nests aufgezeigter Aporien, indem
er kurzerhand den Wert als ein rationell unableitbares
"U r p h ä n o m e n 7", als ein metaphysisch Erstes behandelt
wissen will; die Möglichkeit von subjektiver Wertlehre als
Wissenschaft ist damit im Grunde negiert.
Da die Einsichten Simmels und der deutschen Ökonomie der 20er
Jahre von der heutigen niemals widerlegt, sondern nur verdrängt
worden sind, kommt als Alternative zum verschwiegenen Agnostizis-
mus der akademischen Wert- und Geldtheorie allein die Marxsche
Form-Analyse in Betracht; liegt doch schon ihr die erst wieder
von Simmel und Gottl thematisierte Problematik zugrunde, daß das
Verhältnis von Ware und Geld ein mysteriöses "Verhältnis der
Dinge unter sich" (26.3/127) darstellt, dessen Glieder sich wech-
selseitig voraussetzen und negieren - somit nicht als Dinge, son-
dern bloß als "Momente" eines Zusammenhangs gelten, den Gottl
treffend als "wirtschaftlichen Zirkel" beschrieben hat. Dinge
existieren hier auch als soziale, und es muß also darauf ankom-
men, das "Füreinanderdasein" der Dinge, d. h. ihre soziale
"Form", als Resultat einer "Verkehrung" zu begreifen, weil
"jedes, selbst das einfachste Element, wie z. B. die Ware, schon
eine Verkehrung" (26.3/498), nämlich "Träger" von abstraktem Wert
ist.
Daß die Schulökonomie in einem unendlichen Regreß ein Wertding
auf ein anderes zurückführt und schließlich auf ein "Urphänomen"
oder "Apriori" verwiesen ist, diese Einsicht ist keineswegs erst
von Simmel gewonnen worden, sondern liegt schon der Marxschen
Form-Analyse zugrunde. So wirft Marx Ricardo vor, daß dieser in
die "Flachheit der Vulgärökonomie (fällt), die den Wert einer
Ware ... voraussetzt, um dadurch hinterher den Wert der andren
Waren zu bestimmen." (23/94); in Gestalt des Geldes oder zumin-
dest des numeraire ist der "abstrakte" und "absolute" Wert qua
"Urphänomen" auch in die sog. moderne Ökonomie eingegangen, die
inclusive des Neoricardianismus als formalisierte Vulgärökonomie
zu charakterisieren ist.
Der numéraire soll die natürlichen Sachen oder inhomogenen Ge-
brauchswerte als "gesellschaftliche Dinge" oder "Wertdinge", d.h.
als Daseinsweisen abstrakter "Wertvolumina" konstituieren, womit
das Problem des Werts doch lediglich auf den numeraire selbst
verlagert worden ist. Schumpeter zufolge ist James Steuart die
"Entdeckung" jenes für Walras und Sraffa unentbehrlichen Instru-
ments zuzuschreiben; die Marxsche Kritik hieran destruiert also
einen Grundpfeiler sog. moderner Ökonomie. In dieser oder jener
Variante impliziert nämlich die Lehre vom numeraire oder von der
"idealen Maßeinheit des Geldes" (13/59) die absurde Behauptung,
daß unter dem Namen DM, Dollar etc. Geld "ideale Wertatome"
(13/60) darstellt, also jede gegen es eingetauschte Ware solcher-
lei Atome "einsaugt oder abgibt" (13/66). Als Darstellung von
Geld, d.h. als "Wertquantum" oder "Wertmasse" etc. ist so jede
Ware Daseinsweise einer "Masse", "Menge" etc. von "idealen Werta-
tomen" genannt DM, Dollar etc., kurzum ein "Fetisch".
Insistiert man darauf, daß die ökonomischen Quantitäten wie jede
Quantität eine Q u a l i t ä t ausdrücken, immer Quantität von
e t w a s sind, so kommt der Walrasianer oder Sraffaianer nicht
an der absurden Konsequenz vorbei, daß das, was er tagtäglich be-
rechnet, Massen von "idealen Wertatomen" sind - eben seine
"reinen", "idealen" etc. Größen.
Es hieße nun den Sinn der Marxschen Form-Analyse gänzlich mißver-
stehen, wollte man die damit implizierte Kritik der Ökonomie als
eine Persiflage begreifen; dieser liegt vielmehr eine Kritik der
Kategorien dergestalt zugrunde, daß die "Verkehrungen" als Aus-
druck einer "wirklichen Verkehrung" (26.3/445) begriffen werden
müssen; hinzu tritt, daß sie sich "im Bewußtsein sehr verkehrt"
(26.3/163) widerspiegeln; doch vor allem geht es um den Nachweis,
daß sich "notwendig ... der Wert ... zu dieser begriffslos sach-
lichen ... Form fortentwickle." (23/116)
Stellt man das Problem des Modellbegriffs numeraire einmal zu-
rück, so bleibt das Problem des Geldes als "abstrakte Rechenein-
heit"; wie jede Maßzahl bezeichnen auch DM, Dollar etc. eine
D i m e n s i o n, die die Unterscheidung der verschiedenen
Quantitätsträger ermöglichen soll; die Formeln der Realwissen-
schaft "enthalten nie reine, sondern immer benannte Zahlen; ihr
empirischer Charakter hängt gerade davon ab, daß sie für einen
bestimmten Phänomenbereich gelten und für einen anderen nicht".
Wollte man dies leugnen, so käme das etwa im Fall der Physik ih-
rer "Auflösung in Mathematik gleich". 8) Demselben Dilemma sieht
sich aber die "moderne" Ökonomie ausgesetzt. Da der Sraffaianer
die "unquantitativen Grundbedeutungen der Symbole" nicht zu be-
stimmen vermag, so berechnet er tatsächlich eine "Quantität von
nichts, ein inhaltloses Größenverhältnis ohne Realität" 9) - Öko-
nomie löst sich in Mathematik auf; der Neoricardianismus vermag
seinen realwissenschaftlichen Anspruch nicht mehr länger auf-
rechtzuerhalten, sondern entpuppt sich als eine potenzierte Form
des Modellplatonismus.
Will er aber nun beginnen, die "abstrakte Recheneinheit" als das
zu charakterisieren, was sie ist, nämlich als eine
"W e r t"-Einheit, so gerät er nur in eine andere Verlegenheit:
Da ein relativer Wert (Preis) hier nicht in Frage kommt, vermag
er unmöglich zu bestimmen, was in dieser Wortzusammensetzung
"Wert" bedeuten könnte. Gleiches gilt für den subjektivistischen
Allokationsökonomen. In ihrer Summierung heben sich nämlich Rela-
tionen, folglich auch relative Werte wechselseitig auf - eine
Schwierigkeit, die dazu führt, daß beide Schulen der "modernen"
Ökonomie Begriffe wie Sozialprodukt und Wertschöpfung nur als
Fiktionen gelten lassen können; das Problem der "Substrate" oder
"Dimensionen, in denen sich eine Quantitätsbestimmung bewegt",
läßt jedoch eine solche Ausflucht nicht mehr zu: Die "Dimension"
ökonomische Größe qua "Dimension" Wert setzt die Existenz von re-
alen sowie homogenen und damit addierbaren Wertgrößen voraus, so-
mit den Wert als "abstrakten" und "absoluten". Würde sich die
Schulökonomie zu dem Eingeständnis durchringen, daß sie es in Ge-
stalt der "Werteinheit" Geld mit einem abstrakten und absoluten
Wert zu tun hat, so bliebe ihr keine andere Wahl, als diesen me-
taphysisch zu deuten: als Urphänomen - womit sich Ökonomie als
"exakte" Disziplin aufgeben und einer irrationalistischen Meta-
physik etwa Simmelscher Provenienz ausliefern müßte.
Die einzig denkbare Alternative bietet die Marxsche Theorie des
Fetischismus: Die obskure Größe "abstrakter" und "absoluter" Wert
existiert, freilich nur als objektiver, als "gegenständlicher
Schein" (23/97). Der "Mystizismus" der Warenwelt, das als "Rätsel
des Geldfetischs" sichtbar gewordene "Rätsel des Warenfetischs",
besteht genau darin, daß sich der Wert notwendig zu einer
"begriffslosen Form" fortentwickelt und der Schulökonom de facto
"Massen", "Volumina" etc. von "idealen Wertatomen" berechnet; er
weiß es nicht, aber er tut es. Konstatiert Marx einen
"Fetischismus" selbst der "klassischen Ökonomie", so hat dieser
genau hier seinen Ursprung; es gehört für Marx zur Definition
"der" Ökonomie, daß sie kritiklos mit "Fetischen" operiert, fort-
während rationelle und irrationelle Formen von Preis und Wert
kontaminiert, statt ihrer Verwendung eine "Kritik der Kategorien"
vorauszuschicken.
Will man sich nicht damit abfinden, den Wert als Urphänomen oder
Apriori hinzunehmen, muß es daher auf das ankommen, was Marx im
Unterschied zur traditionellen Werttheorie "Genesis der Werte"
nennt - eine Genesis aus einer nichtvaloren Struktur: Es darf der
Grund "der Werte nicht selbst wieder ... Wert sein ... vielmehr
etwas, was den Wert konstituiert", also "außer der Kategorie des
Werts stehn muß" (26.3/154 f.).
Marx entdeckte mit der abstrakten "Wertgegenständlichkeit" eine
Realität sui generis; der Aufweis ihres Charakters als
"gegenständlicher Schein" forderte die Ausarbeitung einer Theo-
rie, die mit der traditionellen Werttheorie qua Tausch-Handlungs-
theorie nichts mehr gemein hat, sondern als eine qua-si-ontologi-
sche oder besser K o n s t i t u t i o n s t h e o r i e des
Werts charakterisiert werden muß. Tauschtheorie bewegt sich immer
schon im Medium des Werts, behandelt ihn als Apriori, die Analyse
seiner "Genesis" fragt hingegen, "was den Wert konstituiert",
sucht also nach seinem K o n s t i t u e n s.
Die Marxsche "Genesis" ist demnach eine "logische Entwicklung",
würde somit als "historische" gänzlich mißverstanden. Das schwer-
wiegendere Mißverständnis freilich ist das "ökonomistische"
(13/42): Hier wird der "Wert" einseitig als Bestimmungsgrund der
Preise verstanden und die "Genesis" als Modell; die Verwandlung
des natürlichen Produkts in das soziale Wertding "versteht sich
von selbst".
"Genesis des Werts" und "Genesis (der) Geldform" (23/62) sind
identisch, da der Wert eben notwendig zu seiner "begriffslosen
Form" sich fortentwickeln muß: Hier erscheint er dann jedermann,
also dem scheinbar "wertbegriffsfrei" konstruierenden Neoricar-
dianer ebenso als "abstrakter" und "absoluter" wie dem subjekti-
ven Werttheoretiker; sie leugnen ihn in seiner Gestalt als Ware
und hypostasieren ihn in seiner Gestalt als Geld und Kapital. Ge-
lingt es also, seinen l o g i s c h e n "Ursprung aus der Ware"
(13/49) nachzuweisen, das Geld nämlich als "zweite" oder
"verwandelte Form" der Ware zu dechiffrieren, so ist nicht bloß
das "Fundamentalgesetz" (42/681) der Banking-Theorie formanaly-
tisch begründet, sondern auch der "absolute Wert" Ricardos, d.h.
die Arbeitswerttheorie - man wollte denn leugnen, daß Geld exi-
stiert. Dies, sowie die hiermit gesetzte Kritik des Fetischismus,
der der subjektiven Wertlehre und dem Neoricardianismus notwendig
korreliert, schließlich die Begründung des Unterschieds von ra-
tionellen und irrationellen Formen von Wert und Preis sind die
B e w e i s z i e l e der Form-Analyse.
Resümiert man nun ihre Beweis s t r u k t u r, so hat man
zunächst einmal die von Marx aufgewiesene A p o r e t i k der
bürgerlichen Theorie zu nennen - der erste Schritt jeder
"dialektischen Entwicklungsmethode"; der eigentliche Beweis
besteht nun darin, die "Unmittelbarkeit" des Werts als Geld, das
scheinbar Erste, als Resultat einer "vermittelnden Bewegung"
aufzuzeigen, die in ihm "verschwindet" (23/107); diese wiederum
ist aus "dem Widerspruch des Werts und seinem Dasein in einer
besonderen Ware" zu entfalten.
Es scheint nun, daß 1867 Engels diese "dialektischen Sachen" zu-
mindest ansatzweise verstanden hat; heißt es doch im K o n-
s p e k t nicht bloß, daß am Anfang der Analyse die Ware als
"Ware an sich" zu begreifen ist, sondern in konsequenter
Fortsetzung dieser These, daß erst a l s G e l d "die Ware
vollständig Ware" (16/246) ist.
Dieser Kerngedanke einer keineswegs "reduzierten", sondern
"emphatischen Dialektik" findet sich aber auch noch in der 2.
Ausgabe des Kapital: es "projektieren sich ... alle Wertformen
der Ware als Formen des Geldes" (23/634). Derselbe Gedanke wird
aber auch als Kern der Beweisstruktur der ersten Darstellung her-
ausgestellt: die "allgemeinen Charaktere des Werts ... sind die-
selben, die später (!!) im Geld erscheinen (!!)" (13/315). Und im
ersten Entwurf von 1857 heißt es kurz und bündig: "alle Eigen-
schaften, die als besondere Eigenschaften des Geldes aufgezählt
werden, sind Eigenschaften der Ware als Tauschwert" (42/77). Mehr
noch, dieser Gedanke, der die Problematik der "Verkehrung" ein-
schließt, ist keimhaft schon in den Mill-Exzerpten von 1844 ent-
halten: Marx sieht eine "Umkehrung des ursprünglichen Verhältnis-
ses" von Waren und Geld darin, daß die ersteren Wert nur insofern
besitzen, als sie Geld "repräsentieren" (Erg. Bd. I, 446).
Wenn Marx in der 2. Ausgabe des Kapital ferner daran festgehalten
hat, daß der "Austauschprozeß der Waren widersprechende ... Be-
ziehungen einschließt", "Widersprüche" (23/118), so wird deut-
lich, daß er auch dort die Konzeption des 1.Abschnitts "Ware und
Geld" - in der 1. Ausgabe das 1. Kapitel - als ein "dialektisch
Gegliedertes" nicht aufgegeben haben kann. Dies bedeutet aber,
daß der sog. "Austauschprozeß" des 2. Kapitels gar nichts anderes
ist als die f o r m - u n t e r b e s t i m m t e "Zirkulation"
des 3. Kapitels, die jene "Widersprüche" des Austauschprozesses
zu "lösen" hat, der als prämonetärer "scheitern" muß. Erst die
Formen der Zirkulation sind die "wirklichen Bewegungsformen des
Austauschprozesses" (23/119).
Auch hier ist ein theorie-kritisches Moment mitgesetzt. Es kenn-
zeichnet nämlich die bürgerliche Tauschtheorie, daß sie am unmit-
telbaren "Tauschhandel als adäquate Form des Austauschprozesses
der Waren fest(hält)" (13/36), während es sich hierbei nur um
seine "naturwüchsige Form" (13/35) handeln kann.
Im zweiten Entwurf von 1861/63 wird der "Austauschprozeß" aus-
drücklich von seinen "Formen" unterschieden: es ist die Rede von
der "besondre(n) Form des Austauschs, die im Cirkulationsprozeß
stattfindet" (MEGA II/3.1, S. 19); der "Austausch" vollzieht sich
historisch gesehen in zwei Formen, "in der Form des unmittelbaren
Tauschhandels" oder "in der Form der Circulation" (ebd., S. 22).
Der "wirkliche Austausch" (13/68) der "Waren" ist die Zirkula-
tion, die "wesentlich vom unmittelbaren Produktentausch unter-
schieden" (23/126) ist; dies ist der Grund, warum der
"Waarenaustausch oder weiterbestimmt (U) die Cirkulation der
Waare, die die Geldcirkulation einschließt" (MEGA a. a. O., S.
241), im 1. Kapitel bloß "an sich" thematisiert werden kann; auch
der "Austauschprozeß" des 2. Kapitels ist ein solcher nur "an
sich", muß folglich "weiterbestimmt" werden; die Bestimmungen des
3.Kapitels sind die "w e i t e r bestimmten" des 1., die dort
nur noch u n t e r bestimmt auftreten, also noch nicht "wirk-
lich" sind, vielmehr bloß "an sich".
Jenseits einer "dialektischen Entwicklung" von Ware und Geld
bleibt schließlich auch undurchsichtig, daß und warum der Zirku-
lationsprozeß nur s c h e i n b a r als ein "durch Geld vermit-
telter Tauschhandel" (13/77) zu gelten hat; dieser Schein ist
freilich ein notwendiger und ruft die quantitätstheoretische
Fehldeutung der Zirkulation hervor. Obgleich nämlich die
"Geldbewegung nur Ausdruck der Warenzirkulation, erscheint umge-
kehrt die Warenzirkulation nur als Resultat der Geldbewegung"
(23/130); die Quantitätstheorie ist also zu kritisieren als Pro-
dukt jener objektiven V e r k e h r u n g, die ein Entsprunge-
nes und Sekundäres, nämlich das Geld und seine Zirkulation, als
ein Unmittelbares und Primäres erscheinen läßt.
Die Rekonstruktion mannigfaltiger Verkehrungen steht so im Zen-
trum der Marxschen Form-Analyse; wenn der "innere Zusammenhang"
dieser Verkehrungen nicht rezipiert worden ist, wird man hierfür
die popularisierenden Zwecken dienende Überarbeitung der 1. Aus-
gabe verantwortlich machen müssen; sie ist auch ein wesentlicher
Grund dafür, daß der späte Engels seine "dialektischen Sachen"
von 1867 vergaß und den verhängnisvollen Weg jener Historisierung
einschlug, die definitiv das Verständnis des 1. Abschnitts als
ein "dialektisch Gegliedertes" versperren mußte.
_____
*) Zitate werden - wo nicht anders vermerkt - nach der Marx-En-
gels-Werkausgabe, Berlin/DDR, (MEW) wiedergegeben: Die erste Zahl
nennt den Band, die zweite die Seite.
1) Gerhard Göhler, Die Reduktion der Dialektik durch Marx, Stutt-
gart 1980, S. 87.
2) Alexander N. Jakowlew, Interview mit der Neuen Gesell-
schaft/Frankfurter Hefte, "Die Dialektik der Entwicklung wurde
ersetzt durch religiöse Ehrfurcht vor den Dogmen", 34. Jg. 1987,
S. 400.
3) W. Schwarz, Die Geldform in der 1. und 2. Auflage des
"Kapital", in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 12, Frank-
furt/M. 1987, S. 200-213.
4) W. Schwarz, a.a.O., S. 212.
5) Erster Abschnitt der Erstausgabe des K a p i t a l; wieder-
abgedruckt in: Karl Marx/Friedrich Engels, Studienausgabe, hrsg.
von I. Fetscher, Frankfurt 1966, II. Bd., S. 240. Siehe auch MEGA
II/5, S. 43.
6) Brief Simmels an Heinrich Rickert, in: Buch des Dankes an Ge-
org Simmel, hrsg. v. K. Gassen, Westberlin 1958, S. 96.
7) G. Simmel, Philosophie des Geldes, 7. Aufl., Westberlin 1977,
S. 6.
8) H. Schnädelbach, Erfahrung, Begründung und Reflexion, Frank-
furt 1971, S. 92.
9) N. Hartmann, Philosophie der Natur, Westberlin 1980, S. 21.
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