Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 13/1987


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ELEMENTARE MÄNGEL IN DER TRADITIONELLEN REZEPTION DER MARXSCHEN FORM-ANALYSE

Bemerkungen anläßlich von Band 12 der Marxistischen Studien ----------------------------------------------------------- "Internationale Marx-Engels-Forschung" -------------------------------------- Hans-Georg Backhaus Die Marxsche These, daß, wenn "selbst gute Köpfe die Sache nicht ganz richtig begriffen" - hier seine Werttheorie in der Fassung von 1859 - "etwas Mangelhaftes an der ...Darstellung sein" (31/534) *) müsse, blieb in der marxistischen Orthodoxie bis heute durchweg unbeachtet; statt dessen tendierte man zu der An- sicht, daß Marx bei seinen wiederholten Bearbeitungen zu immer präziseren Darstellungen des Wertphänomens gelangt sei. Diese Un- terstellung führte folgerichtig dazu, daß sich die traditionelle Rezeption und Kritik nahezu ausschließlich an den Text der zwei- ten, im 1. Kapitel historisierten, Ausgabe des K a p i t a l gehalten hat. Die intensive Beschäftigung mit dem R o h e n t w u r f seit Mitte der 60er Jahre führte bekanntlich zu der wohl erstmals von Helmut Reichert angedeuteten Auffassung, daß das Verständnis der "einfachen Z i r k u l a t i o n" als "einfache Waren p r o- d u k t i o n" durch den späten Engels als eine verhängnisvolle Fehlinterpretation zu beurteilen sei; man gelangte zu der Überzeugung, daß nicht bloß nach einem halben, sondern sogar nach einem ganzen Jahrhundert im Hinblick auf das erste Kapitel, aber auch auf die Methode generell, "keiner von den Marxisten Marx begriffen" hatte. Tatsächlich zeichnet sich die traditionelle Rezeption nicht bloß durch eine historistische Fehldeutung der "logischen Entwicklung" aus, sondern ebenso durch eine Reihe innermarxistischer Kontro- versen über Grundbegriffe und vor allem über das Verhältnis von Wert- und Geldtheorie; so erwies sich die Orthodoxie als unzu- länglich gerüstet, die grundbegriffliche, insbesondere werttheo- retische Haltlosigkeit des geldtheoretischen Nominalismus, wie er im Anschluß an Hilferding und Varga auch heute noch vertreten wird, umfassend darzulegen. Die mangelhafte Verteidigung verweist auf eine mangelhafte Aneig- nung der Marxschen Texte durch die Orthodoxie. So mußte sich diese seitens eines nicht-marxistischen Interpreten die Feststel- lung gefallen lassen, daß die "dialektische Entwicklung" des Aus- tauschprozesses - "fast schon ein Paradigma von Dialektik" - "noch nicht einmal in Ansätzen" 1) untersucht worden ist; tatsächlich klafft in den orthodoxen Lehrbüchern hinsichtlich des einschlägigen Textes, des 2. Kapitels, gähnende Leere, es wird schlicht übergangen; referiert werden Theoreme des 1. und 3. Ka- pitels, das 2. scheint nicht zu existieren: Orthodoxe Interpreten selektieren Marxsche Texte demnach kaum minder als revisionisti- sche; Orthodoxie ist in der 120jährigen Wirkungsgeschichte des K a p i t a l hinsichtlich der Marxschen Wert- und Geldtheorie immer nur Anspruch geblieben; so bleibt sie bis heute eine Ant- wort auf die Frage schuldig, was es mit den "dialektischen Sachen aus der Geldtheorie pp." (32/252) und generell mit dem Marxschen Versuch auf sich hat "at applying the dialectic method to Politi- cal Economy" (31/379). Wenn aber selbst Engels jene "dialektischen Sachen" wieder ver- gaß, die er, wie aus seinem K o n s p e k t zum K a p i t a l hervorgeht, zumindest ansatzweise begriffen haben mußte, so wird klar, daß die mangelhafte Aneignung und Verteidigung durch die "guten Köpfe" auf "etwas Mangelhaftes an der Darstellung" ver- weist - nicht bloß in der ersten Darstellung der Werttheorie von 1859, sondern auch in der letzten von 1872/73. Die mangelhafte Aneignung der Texte erschwerte aber nicht bloß die innermarxistische Klärung der werttheoretischen Grundbe- griffe, sie schwächte auch den offensiven Anspruch der Marxschen Theorie als einer "Kritik der politischen Ökonomie": Nirgendwo ist gezeigt worden, inwiefern das 1. Kapitel als eine K r i- t i k "der" Werttheorien bürgerlicher Observanz konzipiert wor- den ist: nicht bloß der klassischen, sondern auch der vulgär- ökonomischen, d.h. der subjektiven Werttheorie. Die Marxsche Theorie vermag ihren Anspruch als Kritik "der" Ökonomie, also auch der heutigen, nur gerecht zu werden, wenn sich zeigen läßt, daß schon die Form-Analyse der einfachen Zirkulation eine Kritik der neoklassischen und neoricardianischen Preistheorie impli- ziert; ihre Bedeutung reduzierte sich sonst auf eine Kritik der vor-"modernen" Werttheorie und Ökonomie überhaupt. Inwiefern ist nun aber in der Marxschen Werttheorie eine Kritik selbst jener Preistheorie vorweggenommen, die sich als "wertbegriffsfreie" scheinbar apriori jeder werttheoretischen Thematisierung ent- zieht? Die orthodoxen Verteidiger halten auch hier keine überzeu- gende Antwort parat. Man wird daher folgern müssen: Entweder ist die Marxsche Theorie tatsächlich überfordert, diese kritische Leistung erbringen zu können; oder das kritische Potential ist vorhanden, aber der "Darstellung" haftet auch hier "etwas Mangel- haftes" an; in dem einen wie in dem ändern Fall ist die Position der traditionellen Orthodoxie nicht mehr haltbar. Tatsächlich läßt sich ihr auch hier ein gewichtiges Versäumnis nachweisen; freilich ist nicht bloß in der orthodoxen, sondern in der traditionellen Rezeption und Kritik überhaupt dies übersehen worden, daß die Marxsche Wert-und Geldtheorie als eine "K r i t i k d e r ö k o n o m i s c h e n K a t e g o- r i e n" (29/550) konzipiert worden ist. Dem Unvermögen der Orthodoxie, die Werttheorie als eine Kritik der klassischen und subjektiven Werttheorie zu rezipieren, liegt ihre mangelnde Einsicht zugrunde, daß eine solche in der "Kritik der öko- nomischen Kategorien" zu fundieren ist. Werttheorie qua Kritik unterscheidet sich also prinzipiell von der bürgerlichen Wert- theorie qua Preistheorie. Es müßte sich dann zeigen lassen, wie letztere in der ersteren "aufgehoben", nämlich in ihren unklaren Intentionen und unreflektierten "Voraussetzungen" über sich selbst aufgeklärt wird; allein so ließe sich der überzeugende Nachweis führen, daß sich die Marxsche Werttheorie immer schon im Rücken ihres Gegners befindet und ungeachtet alles "Mangelhaften an der Darstellung" eine Alternative gar nicht zur Diskussion stehen kann, vielmehr alle Bemühungen um eine solche, wie im Fall des Neoricardianismus, hinter das von Marx erreichte Niveau der Problemstellung und Argumentation zurückfallen müssen. Voraussetzung für die volle Ausschöpfung des Marxschen Argumenta- tionspotentials im Kontext einer umfassenden Rekonstruktion - sie ist nur als Resultat einer kollektiven Anstrengung vorstellbar - ist die wissenschaftliche Distanzierung der Marxschen Texte, die, wie Alexander N. Jakowlew trefflich konstatierte, einer "Kanonisierung" unterlagen und eine "religiöse Ehrfurcht vor den Dogmen" 2) auch die theoretische Entwicklung lahmte. Eine Rekon- struktion fordert freilich zunächst einmal ein Auseinandernehmen der Texte, eine Destruktion der Theorie, bevor sie sich in neuer Form wieder zusammensetzen läßt; es versteht sich, daß mit der MEGA-Edition eine solche Arbeit auf die Tagesordnung gesetzt ist. In dem jüngsten Beitrag von Winfried Schwarz, 3) der der "Diskussion um die 'Historisierung' der Wertformanalyse" gewidmet ist, akzeptiert der Autor eine meiner Grundthesen über den - wie ich formulierte - "esoterischen" Gehalt der Formanalyse, der durch die "exoterische" Historisierung in der 2. Ausgabe unkennt- lich geworden ist; dabei suchte ich mit einer freilich problema- tischen Formulierung den kritischen Gehalt der Marxschen Wert- theorie als "Kritik prämonetärer Werttheorien" zu kennzeichnen: Eine wesentliche Konsequenz der ursprünglichen Fassung der Form- Analyse in der 1. Ausgabe des Kapital bestünde nämlich in dem, was ich das "S c h e i t e r n des prämonetären Austauschs" nannte; sofern nun der "prämonetäre" Produktentausch den bürger- lichen Naturaltauschmodellen als Paradigma bürgerlicher Wert- und Geldtheorie zugrundeliegt, ist mit dem Nachweis des "Scheiterns" dieses Austauschs jene Theorie formanalytisch destruiert; man könnte auch so formulieren, daß in der Form-Analyse der "prämonetäre" Austausch sich als ein "prävalorer" enthüllt: die "prämonetären" Waren "stehn sich daher überhaupt nicht gegenüber als Waren, sondern nur als Produkte oder Gebrauchswerte" (23/101); die Konstruktion der bürgerlichen oder prämonetären Tauschtheorie muß also scheitern. Es war aber nicht bloß zu zeigen, daß und wie die Wertform-Ana- lyse unreflektierte Voraussetzungen der bürgerlichen Wert- und Geldtheorie aufdeckt und destruiert; meine 1979 verfaßte Arbeit wollte vielmehr ähnlich der fast gleichzeitig entstandenen Göh- lerschen Untersuchung einen ersten Beitrag zur Klärung des 2. Ka- pitels leisten; es war daran zu erinnern, daß das Verständnis des 1. Abschnitts als ein "dialektisch Gegliedertes" (31/132) und da- mit generell der "dialektischen Entwicklungsmethode" (31/313) des Kapital sich wesentlich in dem Versuch bewähren muß, den weißen Fleck der orthodoxen Rezeption, die Lücke zwischen dem 1. und dem 3. Kapitel füllen zu können. Tatsächlich weist das 1. Kapitel der 2. Ausgabe nicht mehr über sich hinaus; es erscheint als ein ab- geschlossenes Ganzes; so können denn auch "Einführungen in das Kapital" geschrieben werden, die sich ausschließlich dem 1. Kapi- tel zuwenden, das in der 1. Ausgabe noch gar nicht als ein scheinbar separat verständliches Kapitel konzipiert worden war, sondern bloß als 1. Teil des ü b e r g r e i f e n d e n Kapi- tels "Ware und (!) Geld". Aus dem 1. Teil wurde in der 2. Ausgabe das l. Kapitel "Die Ware" und aus dem 1. Kapitel der 1. A b s c h n i t t "Ware und Geld" der 2. Ausgabe. Damit waren schon von der veränderten Gliederung her der Fehlin- terpretation Tür und Tor geöffnet. Wie sehr hingegen von der ur- sprünglichen Gliederung her ein adäquates, ein dialektisches Ver- ständnis der Werttheorie nahegelegt wurde, zeigt das 1867 ver- faßte Engelssche K o n s p e k t zum Kapital: jenem Stoff, der später den Inhalt des 1. Kapitels ausmachen sollte, gibt Engels eigenwillig die treffliche Überschrift "I. W a r e a n s i c h" (16/245). Hier wurde schon am Eingang der Marxschen Waren-Analyse gleichsam ein Warnzeichen aufgerichtet, den Inhalt des späteren 1. Kapitels keinesfalls als einen in sich abgeschlossenen mißzuverstehen: Vielmehr ist das, was bloß "an sich" existiert, "noch nicht ge- setzt"; die bloß "an sich" seiende Ware ist eine unfertige, be- grifflich unterbestimmte, die so nicht "wirklich" ist. Es wird klar, daß sie einer "Fortbestimmung" bedarf, also auch die Kon- struktion eines "Austauschprozesses" solch "an sich" seiender, prämonetärer Waren Widersprüche implizieren, "scheitern" muß. Bloß an sich seiende Bestimmungen sind auch nicht im Bewußtsein der Tauschpartner; die "Substanz" des Werts ist folglich als "an sich oder bloß für uns" qua Analytiker existierende Bestimmung lediglich ein "immanentes Maß", das den Austauschenden nur in ei- ner fortbestimmten, nämlich "verkehrten" Form bewußt wird. Es war ein Warnschild nicht allein gegen eine historizistische Fehlin- terpretation errichtet worden, sondern auch dagegen, das Kommen- surabilitätsargument als ein subjektives Raisonnement mißzuver- stehen - man denke nur an die Fehlinterpretation Werner Beckers und anderer analytisch orientierter Marx-Kritiker. Der tiefere Grund dafür, daß das 1. Kapitel nicht mehr über sich hinausweist und sich daher nicht mehr als Darstellung bloß "an sich oder für uns" seiender Bestimmungen der Ware zu erkennen gibt, besteht in der Ersetzung des Abschnitts "Form IV" (MEGA II/5, S. 43) durch "D) Geldform" (23/84). Die "Form IV" ist eine paradoxe, nämlich sich selbst aufhebende Form: Diese Verallgemei- nerung der Form II führt dazu, daß alle Waren "sich selbst von der gesellschaftlich gültigen Darstellung ihrer Werthgrößen" (MEGA, a.a.O.) ausschließen; was kann dies anderes heißen als dies, daß - wie es auf der 3. Seite des 2. Kapitels auch der 2. Ausgabe heißen sollte - die Waren sich nicht mehr als solche, sondern bloß als "Produkte" gegenüberstehn. Mit der Tilgung der paradoxen Form IV in der Zweitausgabe war der Anschluß dieser Überlegung des 2. Kapitels an die logische Konsequenz der Form- Analyse des 1. Kapitels, nämlich die Selbstaufhebung der prämone- tären Wertform, uneinsichtig geworden. Will man nun den Versuch unternehmen, die von Göhler als "emphatische Dialektik" charakterisierte Darstellung der aporeti- schen Struktur des prämonetären "Austauschprozesses" zu rekon- struieren, damit die "dialektische Entwicklungsmethode" des 1. Abschnitts, so hat man damit zu beginnen, sich zunächst einmal über die Eigentümlichkeit des Beweisziele der Form-Analyse zu verständigen, sowie über den Kerngedanken der Beweis- s t r u k t u r; nur von der Bestimmung des Beweis z i e l s her läßt sich auch die umstrittene Frage diskutieren, ob die Neufassung der Form-Analyse in der 2. Ausgabe als Verbesserung oder vielmehr als Vulgarisierung zu begreifen ist. Winfried Schwarz verneint nun meine These, daß mit der Vertau- schung von "Form IV" und "Geldform" sowie mit der Historisierung der Form-Entwicklung Marx ein Mißgriff unterlaufen ist: das "Haupterkenntnisziel der Gelderklärung ... nämlich der innere notwendige Zusammenhang zwischen der Ware und dem Geld", dieser "Kerngedanke" bliebe "dem Leser noch klar vermittelt" 4) - eine erstaunliche Behauptung angesichts der wirkungsgeschichtlichen Tatsache, daß die Hilferding-Varga-Schule diesen Zusammenhang als akzidentell begreift; erstaunlich auch hinsichtlich des Unvermö- gens der Orthodoxie, die "emphatische Dialektik" des 2. Kapitels herauszuarbeiten; erstaunlich schließlich im Hinblick darauf, daß die durch die Veränderung hervorgerufene V e r w e c h s l u n g von "an sich oder für uns" seienden Bestimmungen mit "g e s e t z t e n", "w i r k l i c h e n" nicht bloß die ana- lytischen Fehlinterpretationen der Wert-Ableitung zu verantworten hat, sondern vermutlich auch das Vergessen dessen, was Engels als die "dialektischen Sachen aus der Geldtheorie pp." bezeichnet hatte, womit er zu jenem Zeitpunkt, also 1869, zumindest ober- flächlich vertraut gewesen sein mußte. Tatsächlich ist der Überarbeitung selbst die Charakterisierung des Zusammenhangs von Form und Substanz als "innerer notwendiger" (MEGA II/5, S. 43) zum Opfer gefallen, die in der traditionellen Rezeption denn auch niemals thematisiert worden ist. Es ist auch nicht eindeutig auszumachen, was die traditionelle Rezeption sachlich darunter verstanden hat; etwa das, was Engels als "Notwendigkeit der Geldbildung" begriffen wissen wollte, die dem "Philister auf historischem Wege" (31/303) vermittelt werden könne? Hierunter verstand man allerdings immer nur höchst Trivia- les. Und welchem Beweiszweck sollte der Nachweis dieses Zusammen- hangs dienen? Der Widerlegung des Proudhonismus? Dann vermöchte er heute bloß noch dogmengeschichtliches Interesse zu beanspru- chen. Die Frage nach dem Beweisziel der Form-Analyse verlagert sich demnach auf die Frage nach dem Beweisziel und der Beweis- struktur der Analyse des "notwendigen inneren Zusammenhangs". Man wird zugeben, daß in der 120jährigen Rezeptionsgeschichte des Ka- pital eine klärende Diskussion hierüber ausgeblieben ist; und zwar selbst im Rahmen der innermarxistischen Nominalismus-Kontro- verse. Mit der Formel vom nicht bloß notwendigen, sondern auch "inne- ren", also v e r b o r g e n e n Zusammenhang resümiert Marx in der 1. Ausgabe den Ertrag der Wertform-Analyse - einer Untersuchung also, die, von der ansatzweisen Thematisierung bei Rubin abgesehen, bekanntlich kaum Beachtung fand und erstmals Ende der 60er Jahre aufgegriffen wurde; doch selbst damals war m.W. von einer Verborgenheit des Zusammenhangs nirgendwo die Rede. Im Text der 1. Ausgabe heißt es aber, das "entscheidend Wichtige" sei gewesen, den Zusammenhang zwischen Form, Substanz und Größe des Werts "zu entdecken" ; eine Entdeckung bezieht sich aber immer nur auf etwas Verborgenes. Dies wird noch deutlicher, wenn man bedenkt, daß das "entscheidend Wichtige" (!!) dem Beweis gleichgesetzt wird, daß "die Wert f o r m aus dem Wert b e g r i f f entspringt". 5) Wird man nun behaupten wollen, daß dies so formulierte Beweisziel der Form-Analyse "auch" in der 2. Ausgabe "dem Leser noch klar vermittelt" worden ist? Dies gilt nicht einmal für die 1. Aus- gabe, denn es blieb völlig unklar, wogegen der Beweis gerichtet war, welche Autoren und Positionen attackiert werden sollten; warum dies "Entspringen" etwas "entscheidend Wichtiges" dar- stellt, und zwar auch jenseits der Polemik gegen die heute obso- lete Programmatik des Proudhonismus - all dies schien die tradi- tionelle Rezeption wenig zu kümmern. Man findet nämlich eine parallele Formulierung auch in der 2. Ausgabe: "Unsere Analyse bewies, daß die Wertform oder der Wert- ausdruck der Ware aus der Natur des Warenwerts entspringt, ..." (23/75). Ist nun etwa hier und in der Fortsetzung des Satzes die Quintessenz der Wertform-Analyse klar vermittelt worden? Man wird vielmehr bezweifeln, ob dem Kundigen sogleich das "entscheidend Wichtige" einfällt, würde man ihn auffordern, die Bedeutung die- ser die Form-Analyse resümierenden These zu entwickeln, also den Satz sinngemäß fortzusetzen und zu aktualisieren. Und doch wird hier die Anti-These zur Marxschen Wertform-Theorie vorgestellt: - ... nicht umgekehrt Wert und Wertgröße aus ihrer Ausdrucksweise als Tauschwert. Dies ist jedoch der Wahn der Merkantilisten ... wie Ganilh usw., als auch ihrer Antipoden ... wie Bastiat ... Die Merkantilisten legen das Hauptgewicht ... auf die Äquivalentform ..., die Freihandelshausierer ... auf die relative Wertform. Für sie existiert folglich weder Wert noch Wertgröße der Ware außer in dem ... Austauschverhältnis" (23/75). Es wird klar, daß die Form-Analyse sich gegen eine bestimmte V e r k e h r u n g von Wertform und Wertbegriff wendet, in der die Wertform - ein "Entsprungenes", also Abgeleitetes und Sekun- däres - sich als ihr Gegenteil, als ein Unmittelbares und Primä- res darstellt; diese "Verkehrung" soll sich objektiv vollziehen und der mit ihr gesetzte "n o t w e n d i g e S c h e i n" das Bewußtsein der Vulgärökonomie determinieren. Daß sich die Marx- sche Kritik verallgemeinern und aktualisieren läßt, zeigt der letzte Satz mit seiner zusammenfassenden Charakterisierung der Anti-These: Der Wert der Ware ist relativer Wert. Ganilh und Ba- stiat etc. sind Anti-Ricardianer und Verfechter einer subjektiven Werttheorie, die sich damals wie heute durch jene Anti-Thesis zur Marxschen Form-Analyse charakterisieren läßt; hierbei ist es gleichgültig, ob es sich um eine ihrer primitiven Fassungen han- delt oder um die hochformalisierte moderner Gleichgewichtsökono- mie. Marx hat die anti-thetische Position vor allem auch dort im Auge, wo er Ökonomen vorwerfen kann, daß sie "Wert und Wertform ver- wechseln" (23/64); etwa Samuel Bailey. So findet sich denn auch die klarste Erläuterung der allein wertform-analytisch faßbaren Voraussetzungen der subjektiven oder auch wertbegriffsfreien Öko- nomie in der Marxschen Bailey-Kritik: "Bailey ... schließt ...: Der W e r t b e g r i f f wird nur gebildet - daher der Wert aus bloß quantitativem Verhältnis ... in etwas von diesem Ver- hältnis Unabhängiges verwandelt ..., w e i l außer den Waren G e l d existiert ... Bei Bailey ist es nicht die Bestimmung des Produkts als Wert, das zur Geldbildung treibt ..., sondern es ist das Dasein des Geldes, das zur Fiktion des Wertbegriffs treibt ..." (26.3/143). Diese Passage charakterisiert keineswegs bloß einen Autor des 19. Jahrhunderts, der dem modernen Ökonomen kaum noch dem Namen nach geläufig ist, sondern den Standpunkt der "modernen" Ökonomie überhaupt, insbesondere die "wertbegriffsfreie", also neoricar- dianische: Am logischen Anfang steht das Geld, genauer der sog. numeraire, seine 1. Funktion; schon in dieser "Funktion" gerät es zum "Fetisch", sofern die "moderne" Ökonomie es den "Dienst" ver- richten läßt, das Ungleiche gleich zu machen, also Produkte in Waren, d.h. Natürliches in Gesellschaftliches zu verwandeln. Es fungiert demnach als K o n s t i t u e n s abstrakter Wertge- genständlichkeit: die inhomogenen Gebrauchswerte stellen sich jetzt dar als "Wertmassen", "Wertquanta", "Wertmengen", "Wert- volumina" - von Menschen produzierte "Sachen außer dem Menschen", d.h. "Fetische". Spricht Marx von der Wertform, näher der Geldform, daß "der Men- schengeist sie seit mehr als 2000 Jahren vergeblich zu ergründen gesucht (hat)" (23/12), so hat er hierbei Geld in genau dieser mysteriösen Funktion oder "verrückten Form" (23/90) im Auge: "Das Geld macht, einem Maße gleich, ... die Dinge kommensurabel", zi- tiert Marx Aristoteles, und ähnlich steht es denn 2200 Jahre spä- ter in jedem Lehrbuch "moderner" akademischer Ökonomie. Marx ge- steht zu, daß der o b j e k t i v e - Schein" des Zirkulations- prozesses eine solche "Verrücktheit" vorspiegelt; es ist wiederum auch "bloßer" S c h e i n, daß solcherlei geschieht: Es "ist bloßer Schein des Zirkulationsprozesses als ob das Geld die Waren kommensurabel mache. Es ist vielmehr nur die Kommensurabilität der Waren ..., die das Gold zu Geld macht" (13/52). Die Priorität der Ware gegenüber dem Geld bedeutet also die Priorität der den Waren qua überindividueller Arbeitszeit eigentümlichen Kommensu- rabilität, die freilich nur "an sich oder für uns" als Analytiker gegeben ist. Jener "Schein" bewirkt, daß der wahre Sachverhalt den Austauschenden "verkehrt" erscheint; ihnen sind quasi-aprio- risch die inkommensurablen Produkte in Preisform, also in einer monetären Form vorgegeben. Das Untersuchungsobjekt der Marxschen Werttheorie sind also nicht wie in der bürgerlichen Tauschhand- lungen und intentionale Akte der Gleichsetzung, sondern das je schon gleichgesetzte, nämlich in monetärer Form sich präsentie- rende Tauschobjekt; das Untersuchungsziel ist die Klärung der "Genesis" dieses Objekts, seiner quasi-apriorisch gegebenen, näm- lich monetären Kommensurabilität oder der Daseinsweise der Ge- brauchswerte als "Mengen", "Massen", "Volumina" etc. von Wert. Dieser mehrdeutige Begriff meint hier "wirtschaftliche Dimension" der Dinge, das also, was die Qualität der beständig vom Ökonomen berechneten Quantitäten ausmacht; aufgefordert, die Qualität die- ser Quantitäten zu bestimmen, muß der Neoricardianer oder Neo- klassiker sich paradoxer Prädikate bedienen, die nicht bloß meta- physischer Herkunft sind, sondern das zu beschreibende Substrat negieren; spricht er doch von den ökonomischen Größen als "abstrakten", "reinen", "ideellen", "idealen" - kurzum "qualitäts l o s e n" Größen; solcherlei Größen sind Pseudo-Grö- ßen und der immer wieder erhobene Vorwurf, die akademische Ökono- mie habe sich zu einer "mathematizistischen Pseudowissenschaft" entwickelt, ist letztlich hierin gegründet. Wert als Inbegriff ökonomischer, genauer makroökonomischer Quan- tität wird "abstrakter Wert" genannt; da er sich weder auf die im Kontext schulökonomischer Begrifflichkeit allein legitimierbaren Kategorien Gebrauchswert und Tauschwert reduzieren läßt, ist der "abstrakte Wert" d a s Mysterium neoklassischer oder neoricar- dianischer Ökonomie. Subjektive Werttheorie erweist sich als hoffnungslos überfordert, die Objektivität, d.h. aber die "Gegenständlichkeit" des "abstrakten Werts" auch nur zu themati- sieren, geschweige denn abzuleiten; wie der Sprachphilosoph das Medium seiner Existenz, die Sprache, immer schon voraussetzen muß, so der subjektive Werttheoretiker den "abstrakten Wert". Die Geld-"Mengen" der Ökonomie sind Mengen abstrakten Werts, doch der Schulökonom sieht sich außerstande, die Mengenhaftigkeit der ökonomischen Mengen, ihre Seinsweise und Genesis zu hinterfragen; da sie als umlaufende Geldmengen ihre abstrakte Natur behaupten, nämlich sinnlicher Wahrnehmung sich entziehen, andererseits nicht bloß im je individuellen Bewußtsein existieren können - bekannt- lich wird ihnen eine Eigengesetzlichkeit zugeschrieben - muß es sich um existierende Abstrakta handeln oder eben um "reelle My- stifikation(en)" (13/35), von Marx auch als "Verkehrung(en)" (ebd.) gekennzeichnet. Der "abstrakte Wert" tritt in der akademischen Ökonomie stets in zwei Gestalten auf: als das "Wertvolumen" sowohl der Ware wie des Geldes; in der Gestalt des letzteren gewinnt der "abstrakte Wert" noch einen zweiten Charakter, er gilt als "absoluter", nämlich vom Dasein der Waren l o s g e l ö s t e r, "verselbständigter" Wert oder befindet sich in "absoluter Wertform" (24/313). Bis in die 50er Jahre hinein war sich ein erheblicher Teil der deutschen Ökonomie der "Rätsel" von Wert und Geld durchaus bewußt; im Anschluß an Knapp und Gottl tendierte die bürgerliche Ökonomie immer mehr dazu, ihn als ein "Apriori" auszugeben. Georg Simmel wurde sich während der Ausarbeitung seiner P h i l o s o p h i e d e s G e l d e s bewußt, daß hier "das Allerelementarste bisher unüberwundene Schwierigkeiten" 6) bereitet und das Nachdenken auf einen "toten Punkt" gelangt; er durchschlägt den gordischen Knoten eines ganzen Nests aufgezeigter Aporien, indem er kurzerhand den Wert als ein rationell unableitbares "U r p h ä n o m e n 7", als ein metaphysisch Erstes behandelt wissen will; die Möglichkeit von subjektiver Wertlehre als Wissenschaft ist damit im Grunde negiert. Da die Einsichten Simmels und der deutschen Ökonomie der 20er Jahre von der heutigen niemals widerlegt, sondern nur verdrängt worden sind, kommt als Alternative zum verschwiegenen Agnostizis- mus der akademischen Wert- und Geldtheorie allein die Marxsche Form-Analyse in Betracht; liegt doch schon ihr die erst wieder von Simmel und Gottl thematisierte Problematik zugrunde, daß das Verhältnis von Ware und Geld ein mysteriöses "Verhältnis der Dinge unter sich" (26.3/127) darstellt, dessen Glieder sich wech- selseitig voraussetzen und negieren - somit nicht als Dinge, son- dern bloß als "Momente" eines Zusammenhangs gelten, den Gottl treffend als "wirtschaftlichen Zirkel" beschrieben hat. Dinge existieren hier auch als soziale, und es muß also darauf ankom- men, das "Füreinanderdasein" der Dinge, d. h. ihre soziale "Form", als Resultat einer "Verkehrung" zu begreifen, weil "jedes, selbst das einfachste Element, wie z. B. die Ware, schon eine Verkehrung" (26.3/498), nämlich "Träger" von abstraktem Wert ist. Daß die Schulökonomie in einem unendlichen Regreß ein Wertding auf ein anderes zurückführt und schließlich auf ein "Urphänomen" oder "Apriori" verwiesen ist, diese Einsicht ist keineswegs erst von Simmel gewonnen worden, sondern liegt schon der Marxschen Form-Analyse zugrunde. So wirft Marx Ricardo vor, daß dieser in die "Flachheit der Vulgärökonomie (fällt), die den Wert einer Ware ... voraussetzt, um dadurch hinterher den Wert der andren Waren zu bestimmen." (23/94); in Gestalt des Geldes oder zumin- dest des numeraire ist der "abstrakte" und "absolute" Wert qua "Urphänomen" auch in die sog. moderne Ökonomie eingegangen, die inclusive des Neoricardianismus als formalisierte Vulgärökonomie zu charakterisieren ist. Der numéraire soll die natürlichen Sachen oder inhomogenen Ge- brauchswerte als "gesellschaftliche Dinge" oder "Wertdinge", d.h. als Daseinsweisen abstrakter "Wertvolumina" konstituieren, womit das Problem des Werts doch lediglich auf den numeraire selbst verlagert worden ist. Schumpeter zufolge ist James Steuart die "Entdeckung" jenes für Walras und Sraffa unentbehrlichen Instru- ments zuzuschreiben; die Marxsche Kritik hieran destruiert also einen Grundpfeiler sog. moderner Ökonomie. In dieser oder jener Variante impliziert nämlich die Lehre vom numeraire oder von der "idealen Maßeinheit des Geldes" (13/59) die absurde Behauptung, daß unter dem Namen DM, Dollar etc. Geld "ideale Wertatome" (13/60) darstellt, also jede gegen es eingetauschte Ware solcher- lei Atome "einsaugt oder abgibt" (13/66). Als Darstellung von Geld, d.h. als "Wertquantum" oder "Wertmasse" etc. ist so jede Ware Daseinsweise einer "Masse", "Menge" etc. von "idealen Werta- tomen" genannt DM, Dollar etc., kurzum ein "Fetisch". Insistiert man darauf, daß die ökonomischen Quantitäten wie jede Quantität eine Q u a l i t ä t ausdrücken, immer Quantität von e t w a s sind, so kommt der Walrasianer oder Sraffaianer nicht an der absurden Konsequenz vorbei, daß das, was er tagtäglich be- rechnet, Massen von "idealen Wertatomen" sind - eben seine "reinen", "idealen" etc. Größen. Es hieße nun den Sinn der Marxschen Form-Analyse gänzlich mißver- stehen, wollte man die damit implizierte Kritik der Ökonomie als eine Persiflage begreifen; dieser liegt vielmehr eine Kritik der Kategorien dergestalt zugrunde, daß die "Verkehrungen" als Aus- druck einer "wirklichen Verkehrung" (26.3/445) begriffen werden müssen; hinzu tritt, daß sie sich "im Bewußtsein sehr verkehrt" (26.3/163) widerspiegeln; doch vor allem geht es um den Nachweis, daß sich "notwendig ... der Wert ... zu dieser begriffslos sach- lichen ... Form fortentwickle." (23/116) Stellt man das Problem des Modellbegriffs numeraire einmal zu- rück, so bleibt das Problem des Geldes als "abstrakte Rechenein- heit"; wie jede Maßzahl bezeichnen auch DM, Dollar etc. eine D i m e n s i o n, die die Unterscheidung der verschiedenen Quantitätsträger ermöglichen soll; die Formeln der Realwissen- schaft "enthalten nie reine, sondern immer benannte Zahlen; ihr empirischer Charakter hängt gerade davon ab, daß sie für einen bestimmten Phänomenbereich gelten und für einen anderen nicht". Wollte man dies leugnen, so käme das etwa im Fall der Physik ih- rer "Auflösung in Mathematik gleich". 8) Demselben Dilemma sieht sich aber die "moderne" Ökonomie ausgesetzt. Da der Sraffaianer die "unquantitativen Grundbedeutungen der Symbole" nicht zu be- stimmen vermag, so berechnet er tatsächlich eine "Quantität von nichts, ein inhaltloses Größenverhältnis ohne Realität" 9) - Öko- nomie löst sich in Mathematik auf; der Neoricardianismus vermag seinen realwissenschaftlichen Anspruch nicht mehr länger auf- rechtzuerhalten, sondern entpuppt sich als eine potenzierte Form des Modellplatonismus. Will er aber nun beginnen, die "abstrakte Recheneinheit" als das zu charakterisieren, was sie ist, nämlich als eine "W e r t"-Einheit, so gerät er nur in eine andere Verlegenheit: Da ein relativer Wert (Preis) hier nicht in Frage kommt, vermag er unmöglich zu bestimmen, was in dieser Wortzusammensetzung "Wert" bedeuten könnte. Gleiches gilt für den subjektivistischen Allokationsökonomen. In ihrer Summierung heben sich nämlich Rela- tionen, folglich auch relative Werte wechselseitig auf - eine Schwierigkeit, die dazu führt, daß beide Schulen der "modernen" Ökonomie Begriffe wie Sozialprodukt und Wertschöpfung nur als Fiktionen gelten lassen können; das Problem der "Substrate" oder "Dimensionen, in denen sich eine Quantitätsbestimmung bewegt", läßt jedoch eine solche Ausflucht nicht mehr zu: Die "Dimension" ökonomische Größe qua "Dimension" Wert setzt die Existenz von re- alen sowie homogenen und damit addierbaren Wertgrößen voraus, so- mit den Wert als "abstrakten" und "absoluten". Würde sich die Schulökonomie zu dem Eingeständnis durchringen, daß sie es in Ge- stalt der "Werteinheit" Geld mit einem abstrakten und absoluten Wert zu tun hat, so bliebe ihr keine andere Wahl, als diesen me- taphysisch zu deuten: als Urphänomen - womit sich Ökonomie als "exakte" Disziplin aufgeben und einer irrationalistischen Meta- physik etwa Simmelscher Provenienz ausliefern müßte. Die einzig denkbare Alternative bietet die Marxsche Theorie des Fetischismus: Die obskure Größe "abstrakter" und "absoluter" Wert existiert, freilich nur als objektiver, als "gegenständlicher Schein" (23/97). Der "Mystizismus" der Warenwelt, das als "Rätsel des Geldfetischs" sichtbar gewordene "Rätsel des Warenfetischs", besteht genau darin, daß sich der Wert notwendig zu einer "begriffslosen Form" fortentwickelt und der Schulökonom de facto "Massen", "Volumina" etc. von "idealen Wertatomen" berechnet; er weiß es nicht, aber er tut es. Konstatiert Marx einen "Fetischismus" selbst der "klassischen Ökonomie", so hat dieser genau hier seinen Ursprung; es gehört für Marx zur Definition "der" Ökonomie, daß sie kritiklos mit "Fetischen" operiert, fort- während rationelle und irrationelle Formen von Preis und Wert kontaminiert, statt ihrer Verwendung eine "Kritik der Kategorien" vorauszuschicken. Will man sich nicht damit abfinden, den Wert als Urphänomen oder Apriori hinzunehmen, muß es daher auf das ankommen, was Marx im Unterschied zur traditionellen Werttheorie "Genesis der Werte" nennt - eine Genesis aus einer nichtvaloren Struktur: Es darf der Grund "der Werte nicht selbst wieder ... Wert sein ... vielmehr etwas, was den Wert konstituiert", also "außer der Kategorie des Werts stehn muß" (26.3/154 f.). Marx entdeckte mit der abstrakten "Wertgegenständlichkeit" eine Realität sui generis; der Aufweis ihres Charakters als "gegenständlicher Schein" forderte die Ausarbeitung einer Theo- rie, die mit der traditionellen Werttheorie qua Tausch-Handlungs- theorie nichts mehr gemein hat, sondern als eine qua-si-ontologi- sche oder besser K o n s t i t u t i o n s t h e o r i e des Werts charakterisiert werden muß. Tauschtheorie bewegt sich immer schon im Medium des Werts, behandelt ihn als Apriori, die Analyse seiner "Genesis" fragt hingegen, "was den Wert konstituiert", sucht also nach seinem K o n s t i t u e n s. Die Marxsche "Genesis" ist demnach eine "logische Entwicklung", würde somit als "historische" gänzlich mißverstanden. Das schwer- wiegendere Mißverständnis freilich ist das "ökonomistische" (13/42): Hier wird der "Wert" einseitig als Bestimmungsgrund der Preise verstanden und die "Genesis" als Modell; die Verwandlung des natürlichen Produkts in das soziale Wertding "versteht sich von selbst". "Genesis des Werts" und "Genesis (der) Geldform" (23/62) sind identisch, da der Wert eben notwendig zu seiner "begriffslosen Form" sich fortentwickeln muß: Hier erscheint er dann jedermann, also dem scheinbar "wertbegriffsfrei" konstruierenden Neoricar- dianer ebenso als "abstrakter" und "absoluter" wie dem subjekti- ven Werttheoretiker; sie leugnen ihn in seiner Gestalt als Ware und hypostasieren ihn in seiner Gestalt als Geld und Kapital. Ge- lingt es also, seinen l o g i s c h e n "Ursprung aus der Ware" (13/49) nachzuweisen, das Geld nämlich als "zweite" oder "verwandelte Form" der Ware zu dechiffrieren, so ist nicht bloß das "Fundamentalgesetz" (42/681) der Banking-Theorie formanaly- tisch begründet, sondern auch der "absolute Wert" Ricardos, d.h. die Arbeitswerttheorie - man wollte denn leugnen, daß Geld exi- stiert. Dies, sowie die hiermit gesetzte Kritik des Fetischismus, der der subjektiven Wertlehre und dem Neoricardianismus notwendig korreliert, schließlich die Begründung des Unterschieds von ra- tionellen und irrationellen Formen von Wert und Preis sind die B e w e i s z i e l e der Form-Analyse. Resümiert man nun ihre Beweis s t r u k t u r, so hat man zunächst einmal die von Marx aufgewiesene A p o r e t i k der bürgerlichen Theorie zu nennen - der erste Schritt jeder "dialektischen Entwicklungsmethode"; der eigentliche Beweis besteht nun darin, die "Unmittelbarkeit" des Werts als Geld, das scheinbar Erste, als Resultat einer "vermittelnden Bewegung" aufzuzeigen, die in ihm "verschwindet" (23/107); diese wiederum ist aus "dem Widerspruch des Werts und seinem Dasein in einer besonderen Ware" zu entfalten. Es scheint nun, daß 1867 Engels diese "dialektischen Sachen" zu- mindest ansatzweise verstanden hat; heißt es doch im K o n- s p e k t nicht bloß, daß am Anfang der Analyse die Ware als "Ware an sich" zu begreifen ist, sondern in konsequenter Fortsetzung dieser These, daß erst a l s G e l d "die Ware vollständig Ware" (16/246) ist. Dieser Kerngedanke einer keineswegs "reduzierten", sondern "emphatischen Dialektik" findet sich aber auch noch in der 2. Ausgabe des Kapital: es "projektieren sich ... alle Wertformen der Ware als Formen des Geldes" (23/634). Derselbe Gedanke wird aber auch als Kern der Beweisstruktur der ersten Darstellung her- ausgestellt: die "allgemeinen Charaktere des Werts ... sind die- selben, die später (!!) im Geld erscheinen (!!)" (13/315). Und im ersten Entwurf von 1857 heißt es kurz und bündig: "alle Eigen- schaften, die als besondere Eigenschaften des Geldes aufgezählt werden, sind Eigenschaften der Ware als Tauschwert" (42/77). Mehr noch, dieser Gedanke, der die Problematik der "Verkehrung" ein- schließt, ist keimhaft schon in den Mill-Exzerpten von 1844 ent- halten: Marx sieht eine "Umkehrung des ursprünglichen Verhältnis- ses" von Waren und Geld darin, daß die ersteren Wert nur insofern besitzen, als sie Geld "repräsentieren" (Erg. Bd. I, 446). Wenn Marx in der 2. Ausgabe des Kapital ferner daran festgehalten hat, daß der "Austauschprozeß der Waren widersprechende ... Be- ziehungen einschließt", "Widersprüche" (23/118), so wird deut- lich, daß er auch dort die Konzeption des 1.Abschnitts "Ware und Geld" - in der 1. Ausgabe das 1. Kapitel - als ein "dialektisch Gegliedertes" nicht aufgegeben haben kann. Dies bedeutet aber, daß der sog. "Austauschprozeß" des 2. Kapitels gar nichts anderes ist als die f o r m - u n t e r b e s t i m m t e "Zirkulation" des 3. Kapitels, die jene "Widersprüche" des Austauschprozesses zu "lösen" hat, der als prämonetärer "scheitern" muß. Erst die Formen der Zirkulation sind die "wirklichen Bewegungsformen des Austauschprozesses" (23/119). Auch hier ist ein theorie-kritisches Moment mitgesetzt. Es kenn- zeichnet nämlich die bürgerliche Tauschtheorie, daß sie am unmit- telbaren "Tauschhandel als adäquate Form des Austauschprozesses der Waren fest(hält)" (13/36), während es sich hierbei nur um seine "naturwüchsige Form" (13/35) handeln kann. Im zweiten Entwurf von 1861/63 wird der "Austauschprozeß" aus- drücklich von seinen "Formen" unterschieden: es ist die Rede von der "besondre(n) Form des Austauschs, die im Cirkulationsprozeß stattfindet" (MEGA II/3.1, S. 19); der "Austausch" vollzieht sich historisch gesehen in zwei Formen, "in der Form des unmittelbaren Tauschhandels" oder "in der Form der Circulation" (ebd., S. 22). Der "wirkliche Austausch" (13/68) der "Waren" ist die Zirkula- tion, die "wesentlich vom unmittelbaren Produktentausch unter- schieden" (23/126) ist; dies ist der Grund, warum der "Waarenaustausch oder weiterbestimmt (U) die Cirkulation der Waare, die die Geldcirkulation einschließt" (MEGA a. a. O., S. 241), im 1. Kapitel bloß "an sich" thematisiert werden kann; auch der "Austauschprozeß" des 2. Kapitels ist ein solcher nur "an sich", muß folglich "weiterbestimmt" werden; die Bestimmungen des 3.Kapitels sind die "w e i t e r bestimmten" des 1., die dort nur noch u n t e r bestimmt auftreten, also noch nicht "wirk- lich" sind, vielmehr bloß "an sich". Jenseits einer "dialektischen Entwicklung" von Ware und Geld bleibt schließlich auch undurchsichtig, daß und warum der Zirku- lationsprozeß nur s c h e i n b a r als ein "durch Geld vermit- telter Tauschhandel" (13/77) zu gelten hat; dieser Schein ist freilich ein notwendiger und ruft die quantitätstheoretische Fehldeutung der Zirkulation hervor. Obgleich nämlich die "Geldbewegung nur Ausdruck der Warenzirkulation, erscheint umge- kehrt die Warenzirkulation nur als Resultat der Geldbewegung" (23/130); die Quantitätstheorie ist also zu kritisieren als Pro- dukt jener objektiven V e r k e h r u n g, die ein Entsprunge- nes und Sekundäres, nämlich das Geld und seine Zirkulation, als ein Unmittelbares und Primäres erscheinen läßt. Die Rekonstruktion mannigfaltiger Verkehrungen steht so im Zen- trum der Marxschen Form-Analyse; wenn der "innere Zusammenhang" dieser Verkehrungen nicht rezipiert worden ist, wird man hierfür die popularisierenden Zwecken dienende Überarbeitung der 1. Aus- gabe verantwortlich machen müssen; sie ist auch ein wesentlicher Grund dafür, daß der späte Engels seine "dialektischen Sachen" von 1867 vergaß und den verhängnisvollen Weg jener Historisierung einschlug, die definitiv das Verständnis des 1. Abschnitts als ein "dialektisch Gegliedertes" versperren mußte. _____ *) Zitate werden - wo nicht anders vermerkt - nach der Marx-En- gels-Werkausgabe, Berlin/DDR, (MEW) wiedergegeben: Die erste Zahl nennt den Band, die zweite die Seite. 1) Gerhard Göhler, Die Reduktion der Dialektik durch Marx, Stutt- gart 1980, S. 87. 2) Alexander N. Jakowlew, Interview mit der Neuen Gesell- schaft/Frankfurter Hefte, "Die Dialektik der Entwicklung wurde ersetzt durch religiöse Ehrfurcht vor den Dogmen", 34. Jg. 1987, S. 400. 3) W. Schwarz, Die Geldform in der 1. und 2. Auflage des "Kapital", in: Marxistische Studien. Jahrbuch des IMSF 12, Frank- furt/M. 1987, S. 200-213. 4) W. Schwarz, a.a.O., S. 212. 5) Erster Abschnitt der Erstausgabe des K a p i t a l; wieder- abgedruckt in: Karl Marx/Friedrich Engels, Studienausgabe, hrsg. von I. Fetscher, Frankfurt 1966, II. Bd., S. 240. Siehe auch MEGA II/5, S. 43. 6) Brief Simmels an Heinrich Rickert, in: Buch des Dankes an Ge- org Simmel, hrsg. v. K. Gassen, Westberlin 1958, S. 96. 7) G. Simmel, Philosophie des Geldes, 7. Aufl., Westberlin 1977, S. 6. 8) H. Schnädelbach, Erfahrung, Begründung und Reflexion, Frank- furt 1971, S. 92. 9) N. Hartmann, Philosophie der Natur, Westberlin 1980, S. 21. zurück