Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 13/1987
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DIE STABILISIERUNG DER BIOSPHÄRE
Über die Aufgaben der Ökologie vom Standpunkt des Marxismus
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Edgar Gärtner
1. Naturbeherrschung oder Stabilisierung? - 2. Was kann die Öko-
logie leisten? - 3. Zum Status der Ökologie - 4. Was heißt Stabi-
lisierung der Lebensbedingungen?
Auf den ersten Blick scheint es sich bei unserem Thema um einen
alten Hut zu handeln. Die Forderung nach Stabilisierung scheint
dem zu entsprechen, was seit jeher Anliegen konservativ- (wenn
nicht reaktionär-) romantischer Kulturkritik und Naturschutz-For-
derungen war. Gleichzeitig scheint die Idee einer Stabilisierung
der Natur jeglichem Denken fernzustehen, das sich vom Anspruch
des Marxismus und der Aufklärung auf die Begründung einer ver-
nunftgemäßen Veränderung und Beherrschung der Natur leiten läßt.
Dieser Eindruck beruht aber, wie zu zeigen sein wird, auf einem
Mißverständnis, das sowohl den gängigen Einschätzungen des Werkes
von Rousseau zugrunde liegt als auch gewissen Auffassungen über
das Verhältnis des historischen und dialektischen Materialismus
zum Rationalismus von Bacon und Leibniz wie überhaupt zu den neu-
zeitlichen Naturwissenschaften.
Um deutlicher zu werden: Es geht mir darum, den von den marxisti-
schen Klassikern von den Aufklärern formal (nicht in allen Dimen-
sionen inhaltlich) übernommenen Begriff der Naturbeherrschung
durch den Begriff der Stabilisierung zu ersetzen. Dabei soll es
sich selbstredend um eine dialektische Aufhebung handeln. Notwen-
dig ist diese Operation nicht nur deshalb, weil der Begriff der
Naturbeherrschung, da mechanistisch vorbelastet, wiederholt zu
Mißverständnissen Anlaß gab. Vielmehr entspricht die Forderung
nach Stabilisierung unserer Beziehungen zur Biosphäre, der wir
mit Fleisch und Blut angehören, angesichts der bedrohlichen glo-
balen Probleme der Menschheit dem ureigensten Anliegen des Mar-
xismus, der als Humanismus in gewisser Weise schon immer das be-
inhaltete, was heute als "Wertkonservativismus" bezeichnet wird.
Daß diese Aussage nicht den geringsten Versuch einer Versöhnung
des Marxismus mit den in der grün-alternativen Bewegung verbrei-
teten romantischen bzw. lebensphilosophischen Vorstellungen bein-
haltet, wird sich aus den folgenden (in manchen Punkten noch vor-
läufigen) Ausführungen ergeben.
1. Naturbeherrschung oder Stabilisierung?
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Im Grunde genommen ist es ein Unding, die Geschichte der Ökologie
schreiben zu wollen, ohne auf das Werk von Marx und Engels ein-
zugehen. Ihr Begriff der Politischen Ökonomie, der im Unterschied
zu den zu ihrer Zeit vorherrschenden bürgerlich-idealistischen
Vorstellungen vom Primat des Verhältnisses der Menschen zur au-
ßermenschlichen Natur ausgeht, deckt sich mit dem Begriff der
Ökologie im weitesten Sinne. (Die Gegenüberstellung der Begriffe
"Ökologie" und "Ökonomie", die in die Alltagssprache Eingang ge-
funden hat, zeugt bereits von einem kapitalistisch verkürzten
Verständnis von Ökonomie.)
Es ist alles andere als zufällig oder nebensächlich, wenn sich
Friedrich Engels bereits im Buch "Die Lage der arbeitenden Klasse
in England" (1845) mit einem im Vergleich zum damaligen Stand der
biologischen und hygienischen Kenntnisse beachtlichen Durchblick
am ausführlichsten mit den unhaltbaren ökologischen Lebensbedin-
gungen des englischen Fabrikproletariats befaßte und wenn sich im
"Kapital" von Karl Marx (u.a. bezugnehmend auf die Agrikulturche-
mie Liebigs) seitenlange Ausführungen über die Wiederverwendung
von Abfällen in der Industrie und in der Landwirtschaft sowie
über andere Probleme der Stabilisierung des Naturhaushalts fin-
den. Schließlich sollte man nicht vergessen, daß Friedrich Engels
seinen Entwurf einer "Dialektik der Natur", der "Wissenschaft vom
Gesamtzusammenhang" 1) von Natur und Gesellschaft als notwendige
Ergänzung zur Marxschen "Kritik der politischen Ökonomie" ver-
stand.
Auf einen kurzen Nenner gebracht, besteht die eigentliche Lei-
stung von Marx und Engels darin, als erste eine wissenschaftliche
Methode entwickelt zu haben, mit deren Hilfe es allein möglich
ist, das komplizierte Verhältnis von Natur und Geschichte, d.h.
die Bedingungen der Selbstbefreiung der Menschen aus dem Tier-
reich zu klären: den dialektischen und historischen Materialis-
mus. 2) Zu ihren unmittelbaren Vorläufern gehören dabei nicht nur
die Rationalisten Bacon und Leibniz, sondern auch der objektive
Idealist Hegel sowie nicht zuletzt der lange verkannte Rousseau.
3) Marx und Engels waren die ersten, die die menschliche Freiheit
sowohl an natürliche als auch an gesellschaftliche Bedingungen
geknüpft begreifen konnten. Die bei ihren Vorläufern noch ausein-
anderfallende Bestimmung der Freiheit als "Beherrschung der Na-
tur" und als "Einsicht in die Notwendigkeit" konnten sie mit
Hilfe der dialektischen Methode in Übereinstimmung bringen: Die
Menschen werden zu Herren der Natur, indem sie, so Friedrich En-
gels, zu "Herren ihrer eigenen Vergesellschaftung" 4) werden.
Dieser Freiheitsbegriff verweist auf das Programm des "Contrat
social" von Rousseau, der mit der oft (und nicht selten in übler
Absicht) fehlinterpretierten Parole "Zurück zur Natur" eigentlich
ein "Vorwärts zur Natur" im Sinne einer noch zu schaffenden men-
schlichen Heimat forderte, wie Wolfgang Harich 5) richtig hervor-
hob. Statt mit den problematischen und zum Teil äußerst gefährli-
chen Schlußfolgerungen Harichs, die auf die Errichtung eines
weltweiten autoritären Rationierungs- und Überwachungsstaates
hinauslaufen, halte ich es aber im folgenden eher mit dem Ansatz
des französischen Soziologen Michel Clouscard. 6) Er arbeitete
heraus, wie die von Sartre und anderen Neukantianern für sich al-
lein beanspruchte Dimension der Subjektivität durch eine Rückbe-
sinnung auf das enge Verhältnis der marxistischen Klassiker zu
Rousseau in den Marxismus zurückgeholt werden könnte.
Die Vorstellungen über das, was Naturbeherrschung ausmacht, haben
seit der Frühaufklärung erhebliche Wandlungen erfahren. Francis
Bacon verglich die Beherrschung der Natur u.a. mit der Bändigung
eines widerspenstigen und launischen Weibes. (Heute müssen wir
hinzufügen, daß sich die Natur - wie eine Frau gegenüber einem
starken Mann - nicht wirklich wehren, aber im nachhinein furcht-
bar rächen kann.) Dieses Bild dient zwar unseren Feministinnen
als Bestärkung ihrer Überzeugung, die neuzeitliche Wissenschaft
sei von vornherein durch männliches Denken entstellt worden; es
trifft aber im Grunde ganz gut die wirklichen Verhältnisse, indem
es die Natur als Partner mit eigenen, unbequemen Ansprüchen faßt.
Erst später setzte sich im Zuge der Entwicklung der mechanischen
Technologie und des Kapitalismus die Vorstellung von der Steue-
rung eines mechanischen Räderwerks durch. Heute werden die mecha-
nischen Modelle von probabilistischen Ansätzen verdrängt, die von
der unendlichen Komplexität und weitgehenden Unberechenbarkeit
der Beziehungen in der Natur ausgehen und damit gewissermaßen
wieder zum Ansatz Bacons zurückführen.
Alle Konzeptionen von Naturbeherrschung setzen voraus, daß es
statt eines unbegreiflichen Chaos einen im Prinzip vernünftig be-
schreibbaren Gesamtzusammenhang der Naturprozesse gibt.
(Materialisten muß diese Aussage übrigens tautologisch erschei-
nen: Die Natur ist ja deshalb vernünftig erklärbar, weil unsere
Vernunft nur die mehr oder weniger tiefreichende Widerspiegelung
von Naturbeziehungen sein kann.) Aber darüber, was "vernünftig"
ist, gibt es recht unterschiedliche, wenn nicht konträre Auffas-
sungen. Der dem mechanistischen Weltbild zugrundeliegende All-
machtswahn beruhte auf der Illusion, es sei im Prinzip möglich,
das Naturganze in den Griff zu bekommen, wenn der (als linear
verstandene) menschliche Erkenntnisprozeß nur weit genug fortge-
schritten sei. Dagegen nahm sich der oft zitierte Laplace schon
eher bescheiden aus, weil er realistischerweise das Allwissen
nicht dem Menschen, sondern seinem berühmten Dämonen zukommen
ließ. Gottähnlichkeit und sklavische Unfreiheit liegen in dieser
von bornierten Natur-Nutzungsinteressen ausgehenden Weltsicht eng
beieinander.
Ein wirklich menschliches Weltbild wird dagegen in Engels'
"Dialektik der Natur" vorbereitet. Drei grundlegende naturwissen-
schaftliche Theorien sind es, die, so Engels, dem Mechanizismus
den Garaus machen: die Gesetze der Erhaltung und Umwandlung der
Energie (Thermodynamik), die Theorie der Zelle als Grundbaustein
der Lebewelt von Schwann und Schleiden und nicht zuletzt die
Theorie der Evolution der Organismenarten durch natürliche Zucht-
wahl von Darwin. Diese Theorien brachten auf verschiedene Weise
zum Ausdruck, daß die Natur viel reicher an Beziehungen ist, als
es dem Interesse der Ausbeuter am totalen Zugriff lieb sein kann.
Eine weitere wesentliche Bereicherung erfuhr unser Naturbild spä-
ter durch die Quantenmechanik.
Das in diesen und anderen naturwissenschaftlichen Theorien ange-
legte neue Weltbild trägt deshalb menschliche Züge, weil es den
Zufall im Naturgeschehen anerkennt und damit einen Möglichkeits-
spielraum aufzeigt: die komplexe Verknüpfung von Zufall und Not-
wendigkeit im Naturgeschehen ist eine der wichtigsten Vorausset-
zungen für die Emanzipation des Menschen aus dem Tierreich. Die
Tatsache, daß in der Natur nicht alles hundertprozentig festge-
legt ist, daß es somit auf jeder Stufe der natürlichen Evolution
zahlreiche nicht realisierte Entwicklungsmöglichkeiten gibt, läßt
Raum für die schöpferische Betätigung der Menschen. Es ist
(wenigstens im Prinzip) möglich, nach demokratischer Diskussion
aus einem Spektrum möglicher Entwicklungen den Weg auszuwählen,
der dem menschlichen Bedürfnis nach produktiver Selbstverwirkli-
chung am ehesten entspricht.
Die Bestimmung des Wesens menschlicher Freiheit als Aufhebung der
Entfremdung zwischen den Menschen und der Natur beinhaltet die
Zurückweisung jeglicher Versuche, der Natur Beliebiges aufzwingen
zu wollen, d.h. Ziele der Umweltgestaltung anzusteuern, die nicht
bereits potenzmäßig in einem gegebenen Naturzustand angelegt
sind. Gleichzeitig versteht es sich von selbst, daß nicht alles,
was in der Natur möglich wäre, auch gesellschaftlich wünschens-
wert ist. Die Naturgestaltung muß also klaren Regeln und Normen
unterworfen werden, was nur möglich ist, wenn die Menschen ihre
eigenen Vergesellschaftungsprozesse in den Griff bekommen. Auf
diese Weise wird die Natur, wie es Hans Heinz Holz in Anlehnung
an Engels formulierte, "in uns und durch uns frei." 7)
Worin ich mit Hans Heinz Holz nicht übereinstimme, ist die Frage
der Naturveränderung. Es fragt sich nämlich, ob die Gesellschaft
angesichts der Zuspitzung globaler Probleme sich überhaupt noch
ein anderes Ziel setzen kann als das der Bewahrung vorhandener
menschlicher Lebensbedingungen. Dabei müßten sich die bewußten
Veränderungen der Umwelt darauf konzentrieren, Gebiete, deren Zu-
stände schon heute nicht mehr als menschenwürdig gelten können,
so weit wie möglich wieder auf einen früheren "gesünderen" Zu-
stand zurückzuführen.
Wie Wadim Sagladin und Iwan Frolow 8) hervorheben, darf sich die
Menschheit heute nicht mehr irren. Konnten die Menschen in frühe-
ren Geschichtsepochen nach Fehlgriffen mit katastrophalen Auswir-
kungen für ihre natürlichen Lebensbedingungen auf noch jungfräu-
liche Teile der Erde ausweichen, so beschwören sie heute damit
ihren Untergang als Gattung herauf. Das betonen auch Igor Bestus-
hew-Lada 9) und Nikita Moissejew. 10) Die angeführten sowjeti-
schen Autoren gehen jedoch implizit oder explizit davon aus, die
Menschheit besäße in Gestalt der globalen Modellierung und Com-
putersimulation bereits Methoden der Voraussicht, mit deren Hilfe
sich solche Mißgriffe vermeiden ließen.
Die Situation, in der die Menschheit sich heute befindet, ist
aber m.E. in Wirklichkeit gerade deshalb äußerst kritisch, weil
die Menschen auf der einen Seite zum ersten Mal in ihrer Ge-
schichte Eingriffsmöglichkeiten in die Biosphäre haben, die die
Größenordnung globaler ökologischer Kreisläufe erreichen und
teilweise bereits übersteigen, während sie auf der anderen Seite
selbst nach der Überwindung der einer Lösung globaler Probleme
entgegenstehenden sozialökonomischen Gegensätze längst nicht über
alle wissenschaftlichen Voraussetzungen einer vernünftigen Ab-
stimmung und Planung ihrer Eingriffe in den Naturhaushalt verfü-
gen. 11)
Allerdings darf diese Einschätzung nicht in fatalistischer Manier
interpretiert werden. Obwohl sich die Menschheit (bislang unge-
bremst) dem Rande eines Abgrundes nähert, verfügt sie in Gestalt
der Informatik, der Elektronik, der Feinchemie und der Biotechno-
logien zum ersten Mal in ihrer Geschichte wenigstens im Prinzip
über die technologischen Voraussetzungen einer "sauberen" Produk-
tion und einer weitgehend automatisierten Kontrolle ihrer Umwelt-
auswirkungen. Das heißt: Wir verfügen zwar nach wie vor nicht
über wissenschaftliche Methoden, um die ferneren Folgen unseres
Tuns abschätzen zu können, aber wir sind zumindest in den Indu-
strieländern technisch in der Lage, unsere Eingriffe in den Na-
turhaushalt (über Energiesparmaßnahmen, die Mehrfachnutzung von
Ressourcen, usw.) zu minimieren.
In den folgenden Kapiteln soll näher begründet werden, daß eine
Politik der Umweltvorsorge sich nur am Ziel der Bewahrung der
noch vorhandenen Reichtümer der Biosphäre orientieren kann. Die-
ses Ziel muß angesichts der vorprogrammierten Verdoppelung der
Weltbevölkerung von 5 auf 10 Milliarden Menschen bereits als
reichlich utopisch gelten, zumal die Rettung zahlreicher bedroh-
ter Organismenarten nur auf dem Wege einer Zurücknahme schon ein-
geleiteter Beeinträchtigungen ihrer Lebensräume möglich sein
dürfte. Trotzdem sollten wir am Ziel der Stabilisierung der Bio-
sphäre festhalten, weil es das einzige Ziel ist, auf das sich die
Menschen in der Situation des Wettlaufs mit der Zeit noch einigen
können, und weil es gleichzeitig das einzige Ziel ist, das auf
demokratischem Wege angesteuert werden kann: Jeder einzelne kann
und muß für die Stabilisierung bzw. Wiederherstellung seiner ei-
genen natürlichen Lebensumstände eintreten. Zielkonflikte zwi-
schen Einzel-und Allgemeininteressen werden so (allerdings nur
auf der Basis der sozialen Gleichheit!) von vornherein ausge-
schlossen. Die Aktualität des "Contrat social" liegt auf der
Hand.
2. Was kann die Ökologie leisten?
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Die Vorstellungen vieler Marxisten über die Aufgaben der Ökologie
wurden und werden noch heute stark von den Ideen des russischen
Biogeochemikers Wladimir I. Wernadski beeinflußt, der 1921 den
vom französischen Theologen Teilhard de Chardin in einem ideali-
stischen Sinn gebrauchten Begriff "Noosphäre" als Bezeichnung für
die vernunftgemäß umgestaltete Biosphäre eingeführt hat. 12) Ver-
schiedentlich wurde die Noosphäre (abweichend von Wernadski, der
darunter ein durchaus widersprüchliches Verhältnis verstand) als
Harmonie von Mensch und Biosphäre gedeutet. Heute wird die
Noosphäre im Sinne einer spannungsreichen Koevolution interpre-
tiert, die aus dem Blickwinkel der menschlichen Evolutionspartner
einer schwierigen Gratwanderung oder, wie es N. Moissejew noch
treffender ausdrückt, der Suche nach einer sicheren Passage durch
ein Barriere-Riff ähnelt.
Moissejew meint jedoch, Computersimulationen auf der Grundlage
globaler mathematischer Modelle seien prinzipiell in der Lage,
zumindest jene kritischen Schwellen auszumachen, die die Menschen
bei Eingriffen in die Biosphäre nicht überschreiten dürfen, wol-
len sie nicht die Bedingungen ihres Überlebens als Gattung durch
die Auslösung irreversibler Evolutionsschritte ins Unbekannte
aufs Spiel setzen. Damit bestimmt er die Aufgabe der Ökologie von
vornherein ausschließlich defensiv, d. h. er fragt gar nicht erst
danach, ob es auch möglich ist, aus der Ökologie auch positive
Orientierungen für die gesellschaftliche Entwicklung abzuleiten.
Damit kommt Moissejew dem Ansatzpunkt der Stabilisierungskonzep-
tion recht nahe.
Die zahlreichen Grundlagendisziplinen der Ökologie wie die Geo-
physik, die Chemie und nicht zuletzt verschiedene Zweige der Bio-
logie können uns in der Tat nur verhältnismäßig selten sagen, was
geht, d. h. welche gesellschaftlichen Ziele längerfristig mit den
gegebenen bzw. erreichbaren lokalen und globalen Naturbedingungen
vereinbar sind. Aber sie sagen uns ziemlich oft, was nicht geht.
Zum Beispiel ist es bislang nicht möglich, im einzelnen abzulei-
ten, was alles getan werden muß, um unsere dahinsiechenden Wälder
zu retten. Im Prinzip wußte man aber schon im 19. Jahrhundert,
welche Belastungen den Wäldern nicht hätten zugemutet werden dür-
fen. Es gibt viele ähnliche Beispiele.
Moissejew gründet seine Zuversicht, was die Computersimulation
anbelangt, auf seine Erfahrungen bei der Abschätzung der ökologi-
schen Auswirkungen eines Atomkrieges ("nuklearer Winter"). Die
Tatsache, daß in diesem Fall die recht unterschiedlich aufgebau-
ten sowjetischen und US-amerikanischen Computermodelle zu über-
einstimmenden Ergebnissen kamen, spricht eigentlich nicht für die
Sensibilität der ihnen zugrundeliegenden Modellierungsmethoden.
Sie muß eher als Hinweis dafür gewertet werden, daß bei so kolos-
salen Eingriffen in die Biosphäre Computersimulationen gar nicht
nötig sind, um die katastrophalen Konsequenzen ausrechnen zu kön-
nen. Es gibt aber auch Beispiele die zeigen, daß die Ökologie
selbst bei der Bestimmung relativ grober Belastungsgrenzen des
Naturhaushaltes völlig überfordert sein kann. Das ist der Fall
bei dem von Moissejew angeführten Problem der Abschätzung des
Einflusses der globalen Zunahme des Kohlendioxidgehaltes der At-
mosphäre auf das Klima.
Die asymmetrische Leistungsfähigkeit der Ökologie hängt nämlich
nur zu einem Teil mit aktuellen Forschungslücken zusammen. Viel-
mehr steht dahinter auch unser grundsätzliches Unvermögen, die
Naturzusammenhänge jemals in ihrem ganzen Reichtum erfassen zu
können. Trotz beeindruckender Fortschritte der Naturwissenschaf-
ten in den letzten Jahrzehnten, bleibt die Natur sowohl auf der
Mikroebene wie auch auf der mittleren (ökologischen) Ebene der
Wechselwirkungen größtenteils unberechenbar. Die Natur läßt sich
weder als präzises Uhrwerk noch als intelligent und harmonisch
gefügtes Netzwerk begreifen. Der Zufall ist eine unumstößliche
Grundtatsache, mit der wir uns abfinden müssen. Das bedeutet
nicht, es gebe keine Ordnung in der Natur. Nur müssen wir in un-
seren Vorstellungen von Ordnung dem Zufall einen gebührenden
Platz einräumen.
Das gilt bereits für das streng determinierte und analytisch-ma-
thematisch einfach beschreibbare System eines schwingenden Pen-
dels, dessen Verhalten von den zufälligen und nicht kontrollier-
baren Anfangsbedingungen abhängig ist. 13) Determiniertheit und
Vorhersagbarkeit von Entwicklungen müssen also streng unterschie-
den werden. Das gilt erst recht für mechanische Systeme mit mehr
Freiheitsgraden, ganz zu schweigen von ökologischen Systemen. Ro-
bert M. May, einer der Pioniere der mathematischen Ökologie, hat
demonstriert, daß bereits einfache und vollkommen deterministi-
sche Modelle der Populationsentwicklung nur einer einzigen Orga-
nismenart, deren biologische Parameter vollständig bekannt sind,
bei Ausblendung zufälliger Umweltveränderungen, aber starker
Nichtlinearität (Dichteabhängigkeit) zu einem Verhalten führen,
das nicht mehr von einem Zufallsprozeß unterscheidbar ist. 14)
Zwar ist es möglich, mit Hilfe von Wahrscheinlichkeitsabschätzun-
gen und der künstlichen Isolierung von Teilbereichen, einzelne
Naturprozesse kurz- und mittelfristig halbwegs in den Griff zu
bekommen, doch muß dabei immer von einem unbegriffenen Rest ab-
strahiert werden. Dieser "Rest" kann so bedeutend sein, daß er
ein Eigenleben gewinnt und unsere Kalkulationen irgendwann über
den Haufen wirft. Damit ist noch gar nichts zum Problem des
"menschlichen Versagens" bei der Bedienung komplizierter Anlagen
gesagt.
Immer mehr Naturwissenschaftler geben sich heute zwar Mühe, der
ungeheuren Komplexität der Naturzusammenhänge gerecht zu werden,
indem sie, inspiriert von den Arbeiten des Chemie-Nobelpreisträ-
gers Ilya Prigogine, 15) das Ideal des mechanistischen Weltbil-
des, alles auf einfachste Prinzipien zurückführen zu wollen, auf-
geben. Doch werden sie sich dabei bewußt, wie arm selbst ihre
kompliziertesten Modelle im Vergleich zur natürlichen Mannigfal-
tigkeit bleiben. Die Annäherung der Modelle an die Realität ist
nur als unendlicher Prozeß vorstellbar. Das hat Lenin schon 1909
in seinem Buch "Materialismus und Empiriokritizismus" herausgear-
beitet.
Obwohl wir der unendlichen Komplexität der Natur nur durch unend-
lich komplexe Modelle gerecht werden könnten, brauchen wir einfa-
che und übersichtliche Modelle, um uns in der Welt zurechtzufin-
den. Auch in der Landwirtschaft und in der verarbeitenden Indu-
strie sind wir ständig gezwungen, mit vereinfachten Modellen ma-
terieller und ideeller Natur zu arbeiten. Wir müssen uns aller-
dings davor hüten, diese Modelle mit der Realität gleichzusetzen.
Vielmehr gilt es im Hinterkopf zu behalten, daß die Beziehungen
in der Natur wie übrigens die Beziehungen zwischen den menschli-
chen Individuen und der Natur (darin eingeschlossen die Gesell-
schaft als "zweite Natur") viel reicher sind als alle Bilder und
Vorstellungen, die wir uns jemals darüber machen können.
Unsere Modelle können nur gewisse Aspekte der objektiven Realität
widerspiegeln, die von der jeweiligen Fragestellung abhängig
sind. Bei der praktischen Anwendung der Modelle macht sich diese
Ausblendung von Dimensionen des Reichtums der Wirklichkeit da-
durch bemerkbar, daß sich die erhofften Resultate nicht mit einer
absoluten Sicherheit, sondern nur mit einer mehr oder weniger
großen Wahrscheinlichkeit einstellen. Der Weg von der Grundlagen-
forschung über die angewandte Forschung bis zur technischen Ent-
wicklung verdeutlicht, wie ein Modell in Abhängigkeit von konkre-
ten Zwecksetzungen gleichzeitig auf Einzelaspekte verengt und da-
bei trotzdem komplizierter wird; denn vieles von dem, was
zunächst an Randbedingungen experimentell ausgeblendet werden
mußte, um den prinzipiellen Ablauf eines Naturprozesses theore-
tisch verstehen zu können, muß in späteren Etappen der techni-
schen Entwicklung wieder schrittweise (das heißt in der Praxis
durch empirisches Herumprobieren) soweit ins Modell zurückgeholt
werden, bis sich der Naturprozeß in akzeptablen Toleranzgrenzen
technisch meistern läßt. Mehr kann Naturbeherrschung nicht bedeu-
ten.
Das Problem besteht nun darin, daß dieses im Kleinen durchaus be-
friedigende Vorgehen nicht auf unser Verhalten gegenüber größeren
Naturstücken oder gar gegenüber der ganzen Biosphäre übertragbar
ist. Die bei der technischen Beherrschung winzig kleiner Aus-
schnitte aus dem Naturganzen bewährte Methode von Versuch und
Irrtum ist höchst gefährlich, sobald unsere globalen Lebensbedin-
gungen auf dem Spiel stehen. Naturbeherrschung müßte nun mit der
globalen Steuerung der Evolution des Lebens identisch werden.
Dazu aber fehlen uns die elementarsten theoretischen Vorausset-
zungen.
3. Zum Status der Ökologie
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Im Universitätsbetrieb fristete die Ökologie als biologische Spe-
zialdisziplin noch vor nicht allzu langer Zeit ein ausgespro-
chenes Schattendasein. Das hat sich zwar inzwischen geändert.
Aber noch immer ist es nicht ratsam, die Ökologie zu wählen, wenn
man es auf eine glänzende wissenschaftliche Karriere oder gar auf
den Nobelpreis abgesehen hat. Ganz anders ist die Einschätzung
der Ökologie bei der grün-alternativen Oppositionsbewegung. Hier
spielt sie die Rolle einer Leitwissenschaft oder eines Religions-
ersatzes, wie das vor allem bei den Jüngern des "Wendezeit"-Pro-
pheten Fritjof Capra der Fall ist. 16) Problematisch sind hier
v.a. antihumanistische (und damit antidemokratische) Forderungen.
Dabei macht es keinen großen Unterschied, ob diese Forderungen
religiös begründet werden (wie die Forderung nach einem mystisch-
kontemplativen Aufgehen der menschlichen Individuen in einer kos-
mischen Harmonie) oder mechanisch-materialistisch (wie die Forde-
rung nach einer passiven Anpassung der Menschen an die ehernen
Gesetze des biologischen Gleichgewichts).
Wissenschaftsgläubigkeit und Biologismen der plattesten Sorte,
deren die vermeintlichen Wachstumsfetischisten beschuldigt wer-
den, feiern in der grünen und alternativen Bewegung fröhliche Ur-
ständ; denn viele "Fundamentalisten" gehen von der unhinterfrag-
ten Annahme aus, man könne aus der Ökologie unvermittelt objek-
tive Maßstäbe für die mittel- und längerfristige Umweltgestaltung
und für die Tagespolitik ableiten, die ein Eingehen auf die un-
terschiedlichen, wenn nicht gegensätzlichen Interessen gesell-
schaftlicher Gruppen und Schichten sowie die Berücksichtigung ge-
sellschaftswissenschaftlicher Erklärungsansätze erübrigten. Doch
diese Annahme erweist sich aus mehreren Gründen als Illusion. 17)
Einer der Gründe liegt im Rückstand der ökologischen Grundlagen-
forschung. Mehr und mehr setzt sich die Einsicht durch, daß die
modernen Hilfsmittel der Forschung beim Versuch der Vertiefung
unseres Verständnisses ökologischer Beziehungen die Erfahrung und
die Intuition "alter Hasen" der Naturgeschichte nicht zu ersetzen
vermögen. Und das um so mehr, als es in der Ökologie nicht wie in
der Physik um die Herleitung allgemeiner Theorien geht, sondern
um das Begreifen des historisch Einmaligen.
Hermann Remmert, einer der zur Zeit führenden Theoretiker in der
deutschen Gesellschaft für Ökologie, schrieb in seinem Ökologie-
Lehrbuch: "Es ist ein Trugschluß, daß einfache Antworten auf ein-
fach erscheinende Fragen in der Ökologie möglich sind. Der Öko-
loge, der heute Voraussagen machen soll über die Wirkung dieser
oder jener Änderungen im Faktorengefüge, kann nicht auf generali-
sierende Modelle zurückgreifen. (...) Ebenso wie der Arzt den
Einzelfall analysieren muß, ehe er zu einer Therapie schreitet,
ebenso muß der Ökologe den Einzelfall... erforschen, ehe er eine
wirkliche Voraussage macht... Die Erfahrung, die ein Ökologe über
viele Jahre hinweg mit einander widersprechend erscheinenden Be-
funden gemacht hat..., taugt dabei im allgemeinen mehr zu Vorher-
sagen als eine einzelne, mit modernstem technischem Aufwand
durchgeführte Analyse mit Konstruktion eines generalisierenden
Modells." 18)
Doch geht die Parallele zwischen der Ökologie und der Medizin
noch viel tiefer. Im historischen Überblick fällt auf, daß die
Ökologen nur dann begriffliche Fortschritte machten, wenn sie
sich - ausgesprochen oder unausgesprochen - als Ärzte gesell-
schaftlich geprägter Naturstücke begriffen b/w. die Art und Weise
der gesellschaftlichen Naturaneignung problematisierten. Beim
Chemiker Justus von Liebig war es die Überbeanspruchung der na-
türlichen Bodenfruchtbarkeit infolge solcher Begleiterscheinungen
der industriellen Revolution wie der unkontrollierten Urbanisie-
rung und des explosiven Bevölkerungswachstums, die zur Konzeption
des Stickstoff- und Phosphorkreislaufs bei der Ernährung von
Pflanzen und Tieren und damit zur Konzeption des Ausgleichs die-
ser Nährstoffverluste durch gezielte Düngung führte. Beim Zoolo-
gen Karl Möbius, der als eigentlicher Begründer der biologischen
Ökologie gilt, war es die Suche nach Alternativen zur Überausbeu-
tung der Austernbänke vor der deutschen Küste, die den Anstoß gab
für die Erkenntnis von der Einheit einer Lebensgemeinschaft von
Pflanzen und Tieren mit ihrem Lebensraum.
Auch die Weiterentwicklung der ökologischen Grundkonzepte im 20.
Jahrhundert erfolgte fast immer als direkte oder indirekte Ant-
wort auf Engpässe der (kapitalistischen) Naturaneignung. Aus-
schlaggebend war die Zuspitzung solcher Umweltprobleme wie die
Überlastung von Flüssen und Seen mit Industrie- und Siedlungsab-
wässern, die Massenvermehrung von Schadinsekten in Wirtschafts-
wäldern und landwirtschaftlichen Kulturen, die Überjagung von
Pelztieren usw.
Aber ungeachtet der Tatsache, daß ein Großteil der theoretischen
Fortschritte mit der Anwendungsorientierung der ökologischen For-
schung zusammenhängt, erwecken viele Autoren nach wie vor den
Eindruck, es gehe bei der Ökologie nicht primär um die bessere
Befriedigung menschlicher Bedürfnisse, sondern um die Erhaltung
möglichst unberührter Naturstücke bzw. um die Bewahrung eines als
ideal verstandenen natürlichen Gleichgewichts vor den zerstöreri-
schen Eingriffen der Menschen. Dementsprechend sind die wenigen
"naturnahen" bzw. wilden Inseln viel eingehender erforscht worden
als die sie umgebende Kulturlandschaft, deren Antlitz die Spuren
Jahrhunderte bis Jahrtausende währender menschlicher Nutzung und
Gestaltung trägt. Das ist der wohl wichtigste Grund dafür, daß
die Ökologie die heute in sie gesetzten Erwartungen nicht erfül-
len kann.
Die Ausblendung des Aspekts der Naturnutzung aus der ökologischen
Theorie erfolgt allerdings nicht zufällig. Sie geht nicht auf die
Vergeßlichkeit oder Nachlässigkeit der Ökologen zurück. Vielmehr
wäre eine Ökologie, die stärker die Naturnutzung thematisierte,
automatisch mit den in einer Klassengesellschaft notwendigerweise
widersprüchlichen Nutzungsinteressen konfrontiert und könnte es
kaum vermeiden, für die eine oder die andere Seite Partei zu er-
greifen.
Die Ökologie befindet sich also in der gleichen Situation wie die
im ursprünglichen Sinne des jungen Rudolf Virchow verstandene Me-
dizin. Beide stehen vor dem grundlegenden Problem der Normativie-
rung, d.h., sie müssen Aussagen darüber treffen, was "gesund" und
was "krank" ist. Die Normen für die Naturgestaltung wie für die
menschliche Lebensweise können nicht aus naturimmanenten Krite-
rien abgeleitet werden. Nicht alles, was "natürlich" ist, ist gut
für die Menschen. Zum Beispiel ist das Botulinus-Toxin, der für
tödliche Fleischvergiftungen verantwortliche Giftstoff, der von
einem im Boden weit verbreiteten Bakterium produziert wird, ge-
fährlicher als alle Gifte, die in der chemischen Industrie jemals
willentlich (als Kampfstoffe) oder als ungewollte Nebenprodukte
(wie das Seveso-Dioxin) hergestellt wurden. Und für die Hinter-
bliebenen der Opfer von Fleischvergiftungen ist es sicher ein
schwacher Trost zu wissen, daß ihre Angehörigen eigentlich eines
ganz natürlichen Todes gestorben sind. Dieses Beispiel soll ver-
deutlichen, warum uns nur gesellschaftliche Kriterien weiterhel-
fen.
Das wichtigste, wenn auch nicht das einzige Kriterium für eine
Öko-Medizin ist zweifelsohne das Überleben der menschlichen Gat-
tung. Es wäre ganz natürlich, wenn die biologische Art Homo, die
sich etwas voreilig mit dem Beinamen sapiens schmückt, wie schät-
zungsweise 90 Prozent aller Organismenarten vor ihr in absehbarer
Zeit wieder von unserem Planeten verschwände - sei es nun infolge
der Umweltverschmutzung, einer dadurch ausgelösten globalen Kli-
makatastrophe oder eines Atomkrieges, der auf das gleiche hinaus-
liefe. Die natürliche Evolution des Lebens würde auch danach, al-
lerdings ausgehend von einem viel niedrigeren Entwicklungsniveau,
weitergehen. Homo, der sich bis jetzt erst in Ansätzen aus dem
Tierreich emporgearbeitet hat, wird sich letztlich erst dann als
sapiens erweisen, wenn es ihm gelingt, sich diesem natürlichen
Schicksal zu entziehen.
Im Unterschied zu den Tieren, so heißt es, seien die Menschen zur
zielgerichteten Veränderung der Natur zum Zwecke der Befriedigung
ihrer leiblichen und seelischen Bedürfnisse befähigt. Bei einem
Rückblick über die bisherige Geschichte der Menschheit fällt es
jedoch schwer, dieser im Prinzip zutreffenden Aussage zuzustim-
men. Mögen die Ergebnisse der menschlichen Tätigkeit kurzfristig
mit den Absichten der Individuen übereingestimmt haben, länger-
fristig kam fast immer etwas heraus, das keiner gewollt hatte.
Obwohl auf allen Stufen der Kultur- bzw. Produktivkraftentwick-
lung nachhaltige Formen der Naturnutzung denkbar waren, konnten
sie sich nur in Ausnahmefällen durchsetzen. Schon die Steinzeit-
menschen untergruben ihre eigenen Lebensgrundlagen, indem sie in
ihrer Unmäßigkeit das Mammut ausrotteten. Selbst bei den India-
nerstämmen, die uns heute als Musterbeispiele für einen behutsa-
men Umgang mit der Natur vorgeführt werden, fanden Archäologen
deutliche Hinweise auf Phasen katastrophalen Raubbaus in der Ver-
gangenheit, was darauf schließen läßt, daß gerade diese Völker
erst durch Schaden klug geworden sind.
Allgemein gilt bis heute der Ausspruch des französischen Frühro-
mantikers Chateaubriand: "Wälder gehen den Völkern voraus, Wüsten
folgen ihnen." Je länger ein Landstrich eine menschliche Kultur
ertragen hat, desto weiter heruntergekommen ist seine Lebewelt.
Und wenn die globale ökologische Krise nicht schon früher einge-
treten ist, lag das hauptsächlich daran, daß die Menschen bis vor
wenigen Jahrzehnten noch gar nicht über die Kräfte verfügten, um
die Biosphäre als Ganzes irreversibel zu schädigen. Wenn die Na-
tur in Mitteleuropa vom Endzustand der Wüste noch weiter entfernt
ist als das Mittelmeergebiet, dann geht das nicht nur auf günsti-
gere klimatische Bedingungen zurück, sondern offenbar auch dar-
auf, daß die Kulturentwicklung hier viel jüngeren Datums ist, wo-
bei, um das nochmals zu betonen, der Naturzustand nicht an einem
Ideal der Unberührtheit, sondern an den Möglichkeiten der men-
schlichen Bedürfnisbefriedigung gemessen wird.
Nichts wäre allerdings abwegiger, als in der bisherigen Kul-
turentwicklung lediglich einen permanenten Prozeß der Umweltzer-
störung sehen zu wollen. Denn trotz zahlreicher schmerzlicher und
z.T. katastrophaler Rückschläge war diese Entwicklung, global be-
trachtet, ein eindeutiger, wenn auch nicht selten teuer erkaufter
Fortschritt. Die Art Homo konnte sich im Kampf ums Dasein nicht
nur behaupten, sondern ihren Lebensraum auf Kosten anderer Orga-
nismenarten erheblich ausweiten. Das drückt sich nicht zuletzt in
der starken Zunahme der Weltbevölkerung aus.
Doch zeigt sich gerade in der Bevölkerungsexplosion der letzten
Jahrzehnte sowie in ähnlich rapide und unkontrolliert verlaufen-
den Umweltveränderungen, daß die Mittel und Wege, die bisher zum
Erfolg im Kampf ums Dasein führten, nun das weitere Überleben der
menschlichen Gattung in Frage stellen. Dabei steht nicht die
Technik an sich zur Debatte, sondern ihre Anwendung zum Zwecke
der Ausbeutung von Mensch und Natur (wobei es sich von selbst
versteht, daß der ausbeuterische Zweck sich in der konkreten Ge-
staltung der Mittel niederschlug).
Daraus läßt sich die Hauptaufgabe der als Teil einer alle Lebens-
bereiche umfassenden Präventivmedizin verstandenen Ökologie ab-
leiten. Notwendig ist die generelle Verlangsamung und ein in
Teilbereichen gänzliches Aufhalten von Umweltveränderungen (darin
eingeschlossen natürliche Entwicklungen, die ohne unser Zutun ab-
laufen) mit dem Ziel einer Stabilisierung solcher Lebensbedingun-
gen, die als menschlich bezeichnet zu werden verdienen. Das muß
allerdings konkretisiert werden.
4. Was heißt Stabilisierung der Lebensbedingungen?
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Wie bereits im 2. Kapitel hergeleitet wurde, kann es nur darum
gehen, vernünftige Formen der Koexistenz zwischen der Spezies
Homo und den übrigen Millionen von Organismenarten zu finden. Der
von Moissejew verwendete Begriff "Koevolution" erscheint aus meh-
reren Gründen unangebracht. Es bleibt völlig unklar, wer mit wem
wohin evoluieren soll. Demgegenüber gilt es festzuhalten: Evolu-
ieren soll einzig der Mensch als gesellschaftliches Wesen, was
voraussetzt, daß er biologisch nicht mehr evoluiert. Die Verlage-
rung der Anpassungsleistungen vom genetischen auf das kulturelle
Erbe ist eine der wichtigsten Bedingungen des Menschseins.
(Darauf muß gerade in der Ethikdiskussion im Zusammenhang mit den
Möglichkeiten der Genmanipulation bestanden werden.) Ferner
sollte aus dem Vorstehenden klargeworden sein, daß die gesell-
schaftliche Entwicklung nur dann fortgeführt werden kann, wenn
die Evolution der Biosphäre insgesamt erheblich verlangsamt wird.
(Ganz anhalten können wir sie nicht.)
Der letzte Punkt ist deshalb so wichtig, weil die Menschen in den
letzten Jahrzehnten die Evolution der Biosphäre in beängstigender
Weise beschleunigt haben. Noch von geringer Bedeutung ist dabei
bis jetzt die Schaffung neuer bzw. der Umbau vorhandener Arten
durch Genmanipulationen und andere moderne Biotechniken. Weitaus
gewichtiger ist die massive Ausrottung von Organismenarten durch
die großflächige Zerstörung von Lebensräumen, die in großen Tei-
len der Welt nicht mit Hilfe moderner, sondern unter dem Druck
der Armut mit primitivster Technik bewerkstelligt wird. 19)
Eine grobe Regel besagt, daß sich die gegebene Artenzahl
halbiert, wenn ihr ursprünglicher Lebensraum auf 10 Prozent zu-
sammenschrumpft. 20) Bis zum Ende dieses Jahrhunderts wird global
mit einem Verlust von einer Million Arten gerechnet. Schon 50
Jahre später könnte ein Viertel aller heute noch vorhandenen Ar-
ten verschwunden sein. 21)
In der 1980 von den bedeutendsten Naturschutzorganisationen vor-
gelegten "Weltstrategie für die Erhaltung der Natur", deren Öko-
logie- und entwicklungspolitische Ansätze auch in die folgenden
Überlegungen einfließen, heißt es dazu: "Die Menschen sind zu ei-
ner bedeutenden Entwicklungskraft geworden. Wenngleich uns das
Wissen fehlt, die Biosphäre zu beherrschen, so haben wir doch die
Macht, sie drastisch zu verändern. Wir sind unseren Nachkommen
wie auch anderen Kreaturen gegenüber moralisch verpflichtet, da-
bei wohlüberlegt zu handeln. (...) Wir können nicht voraussagen,
welche Arten für uns nützlich sein können. Es kann durchaus sein,
daß wir erkennen lernen, daß viele Arten, die entbehrlich er-
scheinen, wichtige Produkte liefern können, wie etwa Arzneimit-
tel, oder daß sie wesentliche Bestandteile ökologischer Lebens-
grundlagen sind, von denen wir abhängen. Aus Gründen der Ethik
und des Eigeninteresses sollten wir deshalb niemals das Ausster-
ben auch nur einer Art bewußt verursachen." 22)
Das bedeutet keineswegs, den größten Teil unserer Erde in ein Na-
turschutz-Reservat zu verwandeln. Es ist gerade das Verdienst der
"Weltstrategie" und des darauf aufbauenden "Öko-Atlas" von N.
Myers u.a., Wege einer vielfältigen und nachhaltigen Naturnutzung
aufgezeigt zu haben. Eine sich selbst überlassene Biosphäre wäre
alles andere als stabil. Eine Stabilisierung ist nur durch den
intelligenten Einsatz menschlicher Arbeit 23) zu erreichen. Bei
uns in Mitteleuropa mit seiner klimatisch bedingten Tendenz zur
Ausbildung von Dominanz-Ökosystemen ("natürliche Monokulturen")
ist das besonders einleuchtend: eine Aufgabe traditioneller land-
wirtschaftlicher Nutzungsformen führt hier im Endeffekt zu einer
Artenverarmung. Eine Stabilisierung wäre deshalb nicht durch die
EG-Politik der "Flächenstillegung" zu erreichen, sondern eher
durch eine Rückkehr zum Vorkriegsstand der Naturnutzung. (Das
gilt übrigens auch für die Schadstoffbelastung der Wälder.)
Auf globaler Ebene beinhaltet Stabilisierung die schrittweise
allgemeine militärische Abrüstung, einen Stopp der Bevölkerungs-
explosion und der unkontrollierten Urbanisierung durch bewußte
und möglichst freiwillige Familienplanung, die Erhaltung der Bo-
denfruchtbarkeit (die in weiten Teilen der Erde infolge der na-
türlichen Auswaschung von Pflanzennährstoffen auch ohne zerstöre-
rische menschliche Eingriffe abnähme), die weitestgehende Erhal-
tung der Artenmannigfaltigkeit durch die Rettung der Wälder und
der Lebewelt der Meere sowie die Verhinderung einer neuen Eiszeit
bzw. ihres Gegenteils, der Aufheizung der Erdatmosphäre. (Solche
globalen Klimaumschwünge können sich, wie wir heute wissen, in-
nerhalb weniger Jahrzehnte vollziehen.) Es handelt sich dabei z.
T. um kolossale Aufgaben, die mit der von manchen als Allheilmit-
tel angepriesenen Kleintechnik mit Sicherheit nicht zu bewältigen
sein werden. Allerdings werden Katastrophen geologischen oder
kosmischen Ursprungs auch mit der größten Technik allein nicht zu
verhindern sein.
Auf lokaler bzw. regionaler Ebene geht es um die Erhaltung bzw.
Schaffung dessen, was in der deutschen Sprache Heimat genannt
wird: eine Landschaft, deren Bewohner hier dauerhaft ihr Auskom-
men finden und sich heimisch fühlen können. 24)
Es ist notwendig, den hier verwendeten Heimatbegriff ansatzweise
inhaltlich auszufüllen. Die Stabilisierung unserer Lebensbedin-
gungen bedeutet alles andere als ein Einfrieren der Produktiv-
kraftentwicklung. Im Gegenteil: Sie ist auf dem erreichten Niveau
der menschlichen Naturaneignung nur durch einen erheblichen ge-
sellschaftlichen Arbeitsaufwand erreichbar. Wir gelangen zur Hei-
mat, der vermenschlichten Natur, nur vorwärtsschreitend und nicht
im Rückwärtsgang und schon gar nicht gebeugt oder auf allen Vie-
ren. (Ich spreche deshalb bewußt nicht einfach von der Erhaltung
"stabiler" Ökosysteme, weil diese Formulierung den Menschen von
vornherein nur als Störenfried einer vorgegebenen Harmonie er-
scheinen läßt.)
Die Verlangsamung der Umweltveränderung erfordert in verschie-
denen Bereichen, die heute aus kurzsichtigen Erwägungen vernach-
lässigt werden (so die Techniken der Energie- und Materialeinspa-
rung sowie der Vermeidung gefährlicher Abfälle), gerade eine er-
hebliche Beschleunigung technischer Fortschritte. Andere Entwick-
lungen hingegen, die heute aus Profitgier und Machtstreben geför-
dert werden (wie die Atomenergie, die Genmanipulationen und die
immer weiter gehende Chemisierung und Standardisierung der Agrar-
produktion), gilt es zu bremsen oder in verschiedenen Fällen ganz
abzustoppen bzw. rückgängig zu machen. (Dabei dürfen wir nicht
vergessen, daß verschiedene Folgen dieser Fehlentwicklungen, wie
insbesondere die Ausrottung von Organismenarten oder die Verseu-
chung der Biosphäre mit langlebigen Radionukliden, so gut wie ir-
reparabel sind.)
Die Forderung nach Stabilisierung, Heimatbewahrung und -gestal-
tung mag konservativ erscheinen. Tatsächlich beinhaltet sie im
gegebenen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kontext aber
mehr revolutionäre Konsequenzen, als viele ahnen. Die Stabi-
lisierung unserer Lebensbedingungen ist unvereinbar mit der unge-
zügelten kapitalistischen Profitjagd, d.h. das Heimatrecht (nicht
zu verwechseln mit der revanchistischen Forderung der "Landsmann-
schaften") kann nur im Kampf gegen die Kapitalherrschaft
durchgesetzt werden. Gerade in den Auseinandersetzungen um die
Gentechnologien zeigt es sich, daß die vorgeblich Konservativen
in Wirklichkeit vor kaum einer technischen und moralischen
Umwälzung zurückschrecken, sofern nur die bestehenden wirtschaft-
lichen Machtverhältnisse unangetastet bleiben. Ethische Diskus-
sionen bedeuten da nur Zeitverlust im Wettrennen mit der Konkur-
renz.
Die ethischen Überlegungen sollten aber nicht um das nackte Über-
leben kreisen. Eine progressive Besetzung des Heimatbegriffs
könnte sich m.E. gerade deshalb als äußerst fruchtbar erweisen,
weil sie es erlaubt, den Kampf um die Sicherung unserer Lebens-
grundlagen gegen kurzsichtige Kapitalinteressen mit dem Ziel der
allseitigen Entfaltung der menschlichen Individuen zu verbinden.
Menschliche Freiheit als Beherrschung der Vergesellschaftungspro-
zesse ist undenkbar ohne die Schaffung überschaubarer Lebensum-
stände auf lokaler und regionaler Ebene unter Einschluß von For-
men direkter Demokratie.
Diese lokalen Formen der Demokratie dürfen allerdings nicht vom
nationalen und internationalen Kampf für Frieden, soziale Gleich-
heit und Brüderlichkeit getrennt werden. Das heißt: Stabilisie-
rung und Heimatbewahrung und -gestaltung dürfen nicht darauf hin-
auslaufen, den Kapitalismus und die mit ihm notwendig verbundenen
Tendenzen zur Vergeudung natürlicher und gesellschaftlicher Res-
sourcen und zur Verschärfung der sozialen und regionalen Un-
gleichheiten gleichsam unter Naturschutz zu stellen. Es ist not-
wendig, auf regionaler Ebene konkrete stofflich-technische Alter-
nativen zur kapitalistischen Vergeudungswirtschaft auszuarbeiten.
Aufbauend auf theoretischen Vorarbeiten von Hans Roos, Günter
Streibel u.a. 25) sowie von K.H. Tjaden 26) hat die Forschungs-
gruppe Produktivkraftentwicklung Nordhessen (FPN) an der Gesamt-
hochschule Kassel in den letzten Jahren in Zusammenarbeit mit In-
genieuren ein solches Regionalmodell (Energie- und Strukturkon-
zept) für den Schwalm-Eder-Kreis in Nordhessen erarbeitet. 27)
Diese Studie rechnet am Beispiel einer gleichzeitig überdurch-
schnittlich von Arbeitslosigkeit und Umweltgefährdungen betroffe-
nen Region vor, wie den gewerkschaftlichen Vorstellungen einer
Verbindung von Umweltschutz und Beschäftigungsförderung 28) ent-
sprochen werden kann. In ähnlicher Weise müßte das Konzept der
Stabilisierung überall konkretisiert werden.
_____
1) MEW 20, S. 307.
2) Einen Teil dieser Anregungen habe ich bereits vor nunmehr fast
zehn Jahren angesichts der sich zuspitzenden ökologischen Krise
zu verarbeiten versucht (vgl. E. Gärtner, Arbeiterklasse und Öko-
logie, Frankfurt/M. 1979, S. 70 ff.). Schon damals sah ich mich
veranlaßt, den Begriff der Naturbeherrschung zu problematisieren.
In der Zwischenzeit hat sich Hans Heinz Holz wiederholt dieses
Themas angenommen (vgl. u.a. H.H. Holz, Grundsätzliches zu Natur-
verhältnis und ökologischer Krise, in: Marxistische Studien. Son-
derband 1/1982 zum 100. Todestag von Karl Marx, Frankfurt/M.
1982, S. 155-171; ders., Historischer Materialismus und ökologi-
sche Krise, in: Dialektik 9 (Red. E. Gärtner/A. Leisewitz), Köln
1984, S. 30-42; ders., Einleitungsreferat zum Internationalen
Symposium "Mensch, Natur und Umwelt im Werk von Friedrich Engels"
am 10. August 1985 in Wuppertal, in: Schriftenreihe der Marx-En-
gels-Stiftung 5, Wuppertal 1986, S. 7-22.
3) Vgl. G. Stiehler (Hrsg.), Veränderung und Entwicklung. Studien
zur vormarxistischen Dialektik, Berlin/DDR 1974.
4) MEW 19, S. 226.
5) Vgl. W. Harich, Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der
"Club of Rome". Sechs Interviews mit Freimut Duwe und Briefe an
ihn, Reinbek bei Hamburg 1975.
6) Vgl. M. Clouscard, De la Modernite. Rousseau ou Sartre, Paris
1985. Was dabei stört, sind überflüssige und teilweise auch irre-
führende Anleihen bei der Praxis-Philosophie.
7) H.H. Holz, Einleitungsreferat zum Internationalen Sympo-
sium..., a.a.O., S. 12.
8) Vgl. W. Sagladin/I. Frolow, Globale Probleme der Gegenwart,
Berlin/DDR 1982.
9) Vgl. I. Bestushew-Lada, Die Welt im Jahr 2000. Eine sowjeti-
sche Prognose für unsere Zukunft (Hrsg. G. Erler), Freiburg i.Br.
1984.
10) Vgl. N. Moissejew, Man, Nature and the Future of Civilisa-
tion, Moskau 1986.
11) Bernhelm Booß-Bavnbek und Martin Bohle-Carbonell kommen in
ihrem Beitrag in diesem Band über einen anderen Einstieg zu einem
ähnlichen Schluß.
12) Vgl. W.I. Wernadski, Einige Worte über die Noosphäre
(Übersetzung eines Aufsatzes von 1944), in: Biologie in der
Schule, Berlin/DDR, 21. Jg., Nr. 6/1972, S. 222-231.
13) Vgl. M. Dubois/P. Atten/P. Berge, L'ordre chaotique, in: La
Recherche, Paris, No. 185 (Februar 1987), S. 190-201.
14) Vgl. R.M. May (Hrsg.), Theoretische Ökologie, Weinheim 1980.
15) Vgl. I. Prigogine/I. Stengers, Dialog mit der Natur - Neue
Wege naturwissenschaftlichen Denkens, München/Zürich 1981.
16) Vgl. J.P. Regelmann/E. Schramm (Hrsg.), Wissenschaft der Wen-
dezeit - Systemtheorie als Alternative?, Frankfurt/M. 1986.
17) Die Schwierigkeiten der Vermittlung zwischen Ökologie und Po-
litik rechtfertigen aber noch lange nicht den Versuch von Ludwig
Trepl (vgl. L. Trepl, Geschichte der Ökologie. Vom 17. Jahrhun-
dert bis zur Gegenwart, Frankfurt/M. 1987), den politischen Cha-
rakter der Ökologie wieder in Zweifel zu stellen. M.E. ist eine
Bestimmung des gesellschaftlichen und wissenschaftssystematischen
Status der Ökologie nur dann möglich, wenn man nicht in erster
Linie die z. T. höchst bedenklichen Arbeitsmethoden und histori-
schen Wurzeln der Ökologie im Auge hat, sondern ihre aktuellen
Aufgaben, die sich mit denen einer allgemeinen Präventivmedizin
decken (vgl. E. Gärtner, Zum Status der Ökologie. Die Analogie
von Medizin und Ökologie, in: Dialektik 9, a.a.O., S. 107-116).
18) H. Remmert, Ökologie. Ein Lehrbuch, 2., neubearb. u. erw.
Auflage, Berlin-Heidelberg-New York 1980, S. 282.
19) Vgl. E. Gärtner, Armutsbedingte Umweltprobleme, in: AIB - Die
Dritte-Welt-Zeitschrift, 17. Jg., Nr. 7/1986, S. 33-36.
20) Vgl. R.M. May, a.a.O.
21) Vgl. N. Myers (Hrsg.), GAIA. Der Öko-Atlas unserer Erde,
Frankfurt/M. 1985.
22) IUCN, Weltstrategie für die Erhaltung der Natur. Ausgearbei-
tet von der Internationalen Union zur Erhaltung der Natur und der
natürlichen Lebensräume (IUCN) in Zusammenarbeit mit dem Umwelt-
programm der Vereinten Nationen (UNEP), dem World Wildlife Fund
(WWF), der Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation der Ver-
einten Nationen (FAO) und der Organisation der Vereinten Nationen
für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (Unesco). Herausgegeben
vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten,
Bonn 1980.
23) Gernot Böhme und Engelbert Schramm sprechen von
"Reproduktionsarbeit" (vgl. G. Böhme/E. Schramm (Hrsg.), Soziale
Naturwissenschaft. Wege zu einer Erweiterung der Ökologie, Frank-
furt/M. 1985).
24) Dazu wäre eine eigene Abhandlung nötig. Die Schwierigkeiten
mit dem Heimatbegriff rühren nicht nur daher, daß er teilweise
reaktionär vorbelastet ist. Noch problematischer ist vielleicht
die Tatsache, daß der im deutschen Sprachraum relativ eindeutigen
Bezeichung in anderen Sprachen eine hinreichend genaue Entspre-
chung fehlt. Beispielsweise tritt im Französischen das unserem
Heimatbegriff noch am ehesten entsprechende Wort "pays" eindeutig
hinter "pa-trie" (Vaterland) zurück. Dieses aber reicht bis in
den Südpazifik, d. h. an Orte, die von anderen Völkern mit eini-
gem Recht als Heimat beansprucht werden. Zu Konflikten dürfte es
in vielen Teilen der "Dritten Welt" kommen: Wessen Heimat ist
z.B. das Amazonasbecken? Gehört es den indianischen Ureinwohnern
oder den Brasilianern? Wo ist die Heimat der landlosen Bauern?
25) H. Roos/G. Streibel (Leiter des Autorenkollektivs), Umweltge-
staltung und Ökonomie der Naturressourcen, Berlin/DDR 1979.
26) K.H. Tjaden, Gesellschaftliche Produktivkraft und ökonomische
Gesellschaftsformation. Thesen zur Genese und Perspektive kapita-
listischer Mensch-Natur-Beziehungen, in: Dialektik 9, a.a.O., S.
60-72.
27) Siehe D. Düe/P. Strutynski/K.H. Tjaden, Die ESSEK-Studien:
Energie- und Ressourcenpolitik in einer Strategie regionaler Ent-
wicklung für den Schwalm-Eder-Kreis, in: E. Gärtner (Hrsg.),
Grünbuch V, Köln 1987.
28) Vgl. E. Gärtner, Gewerkschaften und Ökologie, Nachrichten-
Reihe 32, Frankfurt/M. 1985.
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