Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 13/1987

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TECHNISCHER FORTSCHRITT - UMBRUCH IM WELTBILD?

Zur Diskussion über die Notwendigkeit "alternativer Weltbilder" --------------------------------------------------------------- Alexander von Pechmann 1. Das "ganzheitliche Weltbild" (Capra, Roszak, Jantsch) - 1.1 Die Kritik des "mechanistischen Paradigmas" der Neuzeit - 1.2 Die Wirklichkeit als "dynamisches System" - 1.3 Die Technik als "Medium des Systemaustausches" - 1.3.1 System-disfunktionale... - 1.3.2 ...und systemfunktionale Technologien - 1.4 Das "biokyber- netische Modell" als Paradigma der Zukunft? - 1.4.1 "Technizi- stische Romantik" - 1.4.2 Der Verlust humanistischer Grundlagen - 2. Das "Prinzip Verantwortung" (Jonas, Spaemann) - 2.1 Die globa- le Dimension des technischen Fortschritts - 2.2 Jonas' Kritik traditioneller Orientierungsmuster - 2.3 Verantwortung als Prin- zip einer "Notstandsethik" - 2.4 Jonas' Grundlagen einer "Zu- kunftsethik" - 2.4.1 Die "Heuristik der Furcht" - 2.4.2 Überwin- dung des "anthropozentrischen Weltbildes" - 3. Die marxistische Diskussion über das "neue Denken" - 3.1 "Globalistik" als neuer Wissenschaftstyp- 3.2 Auf dem Weg zur "Computergesellschaft"? - 3.3 Der Mensch als "Konstrukteur der Natur" Die kultursoziologischen Untersuchungen haben sich bislang weit- gehend mit den Veränderungen der Lebensweise sozialer Klassen oder mit dem stattfindenden "Wertewandel" befaßt. Genauere Analy- sen über die Stabilität bzw. Veränderungen von W e l t b i l- d e r n hingegen stehen noch aus. Dies dürfte insbesondere daran liegen, daß solch globale Orientierungsrahmen und übergeordnete "Sinnstiftungsmuster" nur schwer der sozialwissenschaftlichen Erhebung und Analyse zugänglich sind. Betrachtet man jedoch die häufig konstatierte Distanzierung weiter Kreise von den traditionellen Institutionen, die zunehmende Kritik an der "Expertokratie" sowie das wachsende Interesse an "Esoterischem" als vorläufige Indizien, so läßt sich mit einiger Sicherheit an- nehmen, daß auch die Verbindlichkeit der traditionellen Weltbil- der, ihrer Deutungs- und Orientierungsmuster sowohl im Alltagsle- ben als auch in den Wissenschaften nachläßt, daß sie mit neuen Erfahrungen und Erkenntnissen angereichert und damit komplexer, aber auch zunehmend diffuser geworden sind. Auch die noch undeutlich gebliebenen Begriffe, wie "Postmoderne" oder "Post-Histoire", die der kulturwissenschaftlichen Diskus- sion, besonders in Frankreich, entstammen, oder die der amerika- nischen Soziologie entnommenen, ebenso verschwommenen Begriffe einer zukünftigen "post-" oder "superindustriellen Informations- gesellschaft" spiegeln im Bereich der Sozialwissenschaften das Bedürfnis nach einem veränderten Gesellschafts- und Kulturver- ständnis wider und nehmen zum Teil, soweit sie nicht einfach nur Fortschreibungen der alten Paradigmen mittels semantischer Neuschöpfungen sind, das auf, was seither an "alternativen Welt- bildern" formuliert wurde. Die Diskussion über "alternative Weltbilder", die als in sich ge- schlossene und begründete Konzepte die traditionellen ablösen könnten, findet derzeit überwiegend in außerinstitutionellen und informellen Kreisen, in der "Unübersichtlichkeit" der öffentli- chen Meinung statt, so daß sich ein Urteil über ihre Wirksamkeit und Nachhaltigkeit schwer bilden läßt. Im folgenden soll es mir vor allem darum gehen, die beiden derzeit öffentlichkeitswirksam- sten Konzeptionen vorzustellen und zu diskutieren, die sich ex- plizit als neue Antworten auf die Herausforderungen des techni- schen Fortschritts verstehen: das eine Konzept läßt sich unter dem Stichwort der "Ganzheitlichkeit", das andere unter dem einer neu geforderten "Verantwortung" zusammenfassen. 1. Das "ganzheitliche Weltbild" (Capra, Roszak, Jantsch) -------------------------------------------------------- Das Konzept des "ganzheitlichen Weltbildes" - mittlerweile zum attraktiven Schlagwort geronnen - verdankt seine Entstehung an- fangs durchaus heterogenen Strömungen. Es ist einmal das Resultat vorwiegend US-amerikanischer Diskussionen, die in der Spätphase der Studentenbewegung über Fragen alternativer Lebensformen und religiös-ethischer Sinnstiftungen geführt wurden. Sie griffen da- bei - an christlichen Traditionen vorbei - auf alte mystische Überlieferungen der ostasiatischen Kulturen zurück, in denen die Erfahrung der "Ganzheitlichkeit", die Überwindung von individuel- len und endlichen Bewußtseinsformen und die "Verschmelzung" des menschlichen mit dem kosmischen Bewußtsein im Mittelpunkt der Ethik und Religion gestanden hatten. Eines der Ergebnisse dieser Diskussion war das Konzept der "transpersonalen" bzw. "humani- stischen Psychologie", wie es Ende der 60er Jahre von den Psychologen Abraham Maslow, Ronald Laing, Stanislaw Grof und Carl Rogers erarbeitet wurde. 1) Im Unterschied dazu ging dieser Vor- gang in der Bundesrepublik überwiegend von der Rezeption der zi- vilisationskritischen Arbeiten Ivan Illichs, E.F. Schumachers und - später - Rudolf Steiners aus, die jedoch auch auf diese Weise den Weg zu den östlich inspirierten "Ganzheitsmustern" fanden. Eine weitere Quelle dieses "neuen Denkens" bildeten die naturwis- senschaftlichen Forschungen über die dynamischen Prozesse materi- eller Systeme in den 60er und 70er Jahren. Die Ergebnisse über dissipative Strukturen in der Thermodynamik (Ilya Prigogine und Isabelle Stengers) und über die Autopoiesis lebendiger Strukturen (Francisco Varela, Manfred Eigen) führten zu der These der evolu- tiven S e l b s t o r g a n i s a t i o n d e r M a t e r i e, in der sich der einheitliche und dynamische Charakter des Kosmos offenbaren würde. 2) Der dritte Baustein schließlich war das Ergebnis der internen Diskussionen über die Grundlagen der S y s t e m t h e o r i e und der K y b e r n e t i k, die sich schon in den 60er Jahren den Fragen der Funktionsweise sich selbst steuernder Systeme zu- gewandt hatten, und die mit den Namen Norbert Wiener, Ludwig von Bertalanffy und Ervin Laszlo verbunden sind. 3) Diese unterschiedliche Herkunft des "neuen Weltbildes", das in den 80er Jahren vor allem durch die Veröffentlichungen von Gre- gory Bateson (Ökologie des Geistes, Frankfurt 1981; Geist und Na- tur. Eine notwendige Einheit, Frankfurt 1982), Fritjof Capra (Wendezeit. Bausteine für ein neues Weltbild, Bern 1982; Das Tao der Physik. Die Konvergenz von westlicher Wissenschaft und östli- cher Philosophie, Bern 1983) und Marilyn Ferguson (Die sanfte Verschwörung. Persönliche und gesellschaftliche Transformation im Zeitalter des Wassermanns, Basel 1982), in der Bundesrepublik u.a. von Frederic Vester (Neuland des Denkens. Vom technokrati- schen zum kybernetischen Zeitalter, München 1984) und Erich Jantsch (Die Selbstorganisation des Universums. Vom Urknall zum menschlichen Geist, München 1982) populär gemacht wurde, verleiht ihm, wie im folgenden noch gezeigt werden soll, durchaus schil- lernd, sowohl mystisch-romantische Züge, als auch eminent techno- kratische Aspekte. 1.1 Die Kritik des "mechanistischen Paradigmas" der Neuzeit ----------------------------------------------------------- Ausgangspunkt der Begründung der "neuen Sichtweise", die vor al- lem von Fritjof Capra in seinem Buch "Wendezeit" ausformuliert wurde, ist die These vom Zusammenbruch des vorherrschenden Ratio- nalitätsparadigmas, das einseitig auf kausale und lineare Abläufe in der Natur und der Gesellschaft orientiert gewesen sei und da- mit den Systemcharakter der Wirklichkeit verfehlt habe. Dieses traditionelle Denk- und Wissenschaftsschema sei zutiefst im "europäischen" Prozeß der Rationalisierung und Technisierung der Lebensbereiche verwurzelt und habe seine philosophische Begrün- dung in der Anfangsphase durch den Franzosen Rene Descartes und die Engländer Isaac Newton und Francis Bacon gefunden. Von Des- cartes stamme das Prinzip der substantiellen Trennung von Geist und Materie, das dazu geführt habe, strikt zwischen dem denkenden Subjekt des Wissenschaftlers auf der einen und seinem als leblos- materiell aufgefaßten Objekt auf der anderen Seite zu unterschei- den; Newton habe mit seiner mechanischen Physik die Auffassung von der Welt als einer nach festen Gesetzen ablaufenden "Weltmaschine" beigesteuert; und von Bacon schließlich stamme der folgenreiche Satz, daß "Wissen Macht", daß die Erforschung der Natur ihrer (rücksichtslosen) Beherrschung durch den Menschen diene. 4) Die enormen Erfolge der Wissenschaften auf dem Wege der technischen Beherrschung der außermenschlichen wie der menschli- chen Natur gründeten also letztlich in einer Sichtweise, die Na- tur als aus komplizierten mechanischen Apparaturen bestehend auf- zufassen, deren Wirkungs- und Funktionsweisen im einzelnen stu- diert und erkannt werden könnten. Das Leitbild der neuzeitlichen Industriegesellschaft sei der sich rational und diszipliniert verhaltende "homo faber", der durch den zielgerichteten Einsatz von technischem Wissen die Natur zu seinen Zwecken umformt. Dieses traditionelle, mit der Industrialisierung verbundene "mechanistische Paradigma" stoße heute auf praktische und theore- tische Grenzen. Die ursprünglich positiven bzw. unschädlichen Folgen dieses vorwiegend technisch-praktischen Verhaltens hätten sich längst in ihr Gegenteil verkehrt; es sei zu einem aggressi- ven Verhalten gegen die Natur und damit zu einer selbstmörderi- schen Handlungsweise der Menschen gegen sich selbst geworden. Diese Gefährlichkeit des gegenwärtigen Industrie- und Technolo- giesystems, dessen exemplarischer Ausdruck die atomare Technolo- gie sei, korrespondiere mit der Ratlosigkeit der Wissenschaften angesichts der neuen weltweiten ökologischen, ökonomischen, so- zialen und internationalen Probleme. "Unser bisheriges Verständnis der Wirklichkeit", so Frederic Ve- sters Schlußfolgerung, "reicht offenbar nicht aus, um die richti- gen Entscheidungshilfen zu finden. Da ist einmal die mangelnde Erkenntnis der Zusammenhänge ..., daß wir uns zwar ausgiebig mit Einzelmechanismen und Einzelstrukturen befassen, aber praktisch nie mit Systemen. Die Realität, in der sich alles Leben abspielt, ist jedoch nicht das, als was sie uns die Schulen und Universitä- ten präsentieren: ein Sammelsurium von getrennten Einzelbereichen wie Agrarwirtschaft, Verkehrswesen, Chemie, Geographie, Betriebs- wirtschaft, Abfallbeseitigung und Bauwesen - alles schön geordnet nach Ressorts und Fachbereichen und damit zu Bruchstücken ausein- andergerissen, sondern diese Realität ist ein vernetztes System, in dem es oft weniger auf jene Einzelbereiche ankommt als auf die Beziehung zwischen ihnen." 5) 1.2 Die Wirklichkeit als "dynamisches System" --------------------------------------------- Die Alternative zu diesem "mechanistischen Weltbild" und zu der analytischen und linearen Denkweise sei das Konzept der "Ganzheitlichkeit" oder eben des S y s t e m c h a r a k t e r s der Wirklichkeit. Das ganzheitliche Weltbild geht dabei erstens von der unauflöslichen strukturellen Einheit des Kosmos, von der nicht nur äußerlich-mechanischen Verknüpfung, sondern der inneren Verbundenheit der Teile im Ganzen, zweitens von der in sich dyna- mischen Struktur der Materie und ihrer evolutionären Selbstorga- nisationsfähigkeit, und damit drittens auch von der substantiel- len Einheit von Mensch und Natur aus. "Der Mensch", formuliert Paul Feyerabend diese "neue Rolle des Menschen in der Welt", "ist nicht mehr ein Fremdling im Universum, der sich durch zielloses Herumprobieren allmählich von Irrtümern befreit und eine reni- tente Natur durch Gewalt für seine Zwecke verändern muß, sondern er ist ein Teil dieser Natur, in Harmonie mit ihr, zur Erhaltung dieser Harmonie entstanden und verpflichtet". 6) Dieses neue Weltbild stehe damit konträr zu jenem traditionellen cartesia- nisch-newtonschen der Industriegesellschaft, das den Menschen als außerhalb des natürlichen Zusammenhangs stehend betrachtet habe. 1.3 Die Technik als "Medium des Systemaustausches" -------------------------------------------------- Wichtig für unseren Zusammenhang ist dabei ein verändertes Ver- ständnis der Technik, das sich aus diesem integrierenden Konzept ergibt. Die Technik wird hier nicht im Sinne eines verlängerten - produktiven oder destruktiven - Organs, nicht als Werkzeug der Umgestaltung der Natur durch den Menschen verstanden, sondern als ein bewußt eingesetztes Instrument, das die H a r m o n i e und den d y n a m i s c h e n S y s t e m a u s t a u s c h des Menschen mit seiner Umwelt koordiniert. Der Begriff der Technik erfährt dabei eine Erweiterung insofern, als er nicht nur die ma- teriellen Werkzeuge der Produktion umfaßt, sondern auch diejeni- gen Kenntnisse und Fertigkeiten, die sich auf den psychischen und geistigen Bereich beziehen. 7) In diesem Sinne gilt "Technik" als der Inbegriff der Methoden, die Ganzheitlichkeit, den harmoni- schen Austausch zwischen den Systemteilen aufrechtzuerhalten, herzustellen und zu befördern, also alles das, was der Ökologie, oder - besser - der "Gesundheit" in einem umfassenden Sinne dient. 8) 1.3.1 System-disfunktionale... ------------------------------ Von diesem integralen Technikbegriff aus werden die traditionel- len Technologien einer Beurteilung und Kritik unterzogen. Negativ beurteilt werden dabei alle die "harten Technologien", die eindi- mensional auf die Produktion von Gebrauchsgütern bezogen sind, ohne die Folgen und Wechselwirkungen solcher Produktionsprozesse im Gesamtsystem zu berücksichtigen. Dies betrifft die mechani- sche, vor allem metallverarbeitende, sowie die chemische Techno- logie aufgrund ihres hohen Energieein- und Umsatzes, sowie die chemische und pharmazeutische Industrie, die aufgrund der Dislo- zierung ihrer Produkte und Abfälle zu langfristigen Vergiftungen der Biosphäre und der Menschen führt; vor allem jedoch die Atom- industrie, die zugunsten der Energieversorgung dieses Industrie- systems unverantwortbare Folgeschäden in Kauf nimmt. Diese Tech- nologiestruktur sei nur verständlich aufgrund einer Denkstruktur, die "blind" gegenüber dem Systemcharakter der Umwelt gewesen sei. 1.3.2 ...und systemfunktionale Technologien ------------------------------------------- Nicht die Technik als solche wird also abgelehnt - wie dies der überwiegende Standpunkt der "Protestbewegung" war und ist -, son- dern eine veraltete, eindimensional der Naturbeherrschung durch den Menschen dienende Technik; demgegenüber wird der Einsatz sol- cher "sanften Technologien" ausdrücklich befürwortet, der die Harmonie und Dynamik des Systemaustauschs zwischen den Subsyste- men Mensch und Umwelt aufrechterhält, und die entscheidend Anteil am Übergang in ein "neues Zeitalter" haben sollen. Dies betrifft insbesondere die Zukunftstechnologien der Mirkoelektronik und der Biotechnologie, da diese aufgrund ihrer energiearmen, aber infor- mationsreichen Prozesse elegante und entwicklungsfähige Methoden darstellen, die sich zugleich dem Energie- und Informationsaus- tausch der Biosphäre eher einpassen; sowie der Solartechnologien, die die vorhandene Sonnenenergie effektiv und umweltverträglich nutzen sollen. Mit dieser Orientierung auf die neuen Technologien geht ergänzend die Kritik an den "heutigen ungesunden und ver- schwenderischen Produktions- und Konsumtionsstrukturen" 9) einher und - daraus folgend - die Ausrichtung auf eine weitgehende Kon- sumeinschränkung zugunsten der Verwirklichung neuer geistig-krea- tiver Bedürfnisse. Trotz dieser Option für die Zukunftstechnologien zu Ungunsten der materiellen Gebrauchsgüterproduktion wäre es verfehlt, in der "New-Age"-Bewegung vorwiegend einen neuen "spirituellen Asketis- mus" von Computer- und Öko-Freaks zu sehen. Das entscheidende Kriterium ihrer Beurteilung der Technologie und Produktion ist nicht die Art der Technik (ob mechanisch, chemisch, biologisch oder mikroelektronisch) oder der Produkte als solche, sondern ihre Integrations- und Entwicklungsfähigkeit im Rahmen des allge- meinen ökologischen Systemaustauschs. So wird etwa der Einsatz der modernen mikroelektronischen Technologien dann abgelehnt, wenn er nur den Zweck verfolgt, bestehende Produktionsstrukturen zu rationalisieren, oder in Gestalt der "künstlichen Intelligenz" geistige Kreativität verhindert. Ziel der Technik müsse die Stei- gerung der allgemein-biologischen sowie der sozialen und indivi- duellen Entwicklungsfähigkeit sein. Darauf verweist Theodore Ros- zak, einer der Hauptkritiker des "alten Denkens" in den USA: "Ich will aber nachdrücklich betonen, daß Informationen, selbst wenn sie mit Lichtgeschwindigkeit übermittelt werden, nicht mehr sind als jemals zuvor: einzelne kleine Tatsachenbündel, die manchmal nützlich, manchmal trivial sind, die aber niemals die Substanz des Denkens sein können ... (denn) der Geist denkt in Ideen, nicht in Informationen ... Ein Überfluß an Informationen kann Ideen sogar verdrängen und den Geist mit sterilen, zusammen- hanglosen Fakten derart verwirren, daß er sich am Ende in einem Wust an Fakten verliert." 10) Das Leitbild des "New-Age-Denkens" ist also nicht mehr der "cartesische", in Körper und Geist ge- trennt lebende, sondern der "ganzheitliche Mensch", der in der Entwicklung seiner physischen und geistigen Bedürfnisse "den har- monischen Zusammenhängen, die wir in der Natur beobachten", 11) Rechnung trägt und sich die dafür geeigneten Techniken schafft. 1.4 Das "biokybernetische Modell" als Paradigma der Zukunft? ------------------------------------------------------------ Abgesehen von manchen sektiererhaft erscheinenden Vorlieben des einen oder anderen Vertreters bietet diese Konzeption durchaus ernstzunehmende und interessante Aspekte. So entspricht die Ori- entierung an den "lebenden Systemen" der modernen Biologie, die das "mechanistische Paradigma" der Physik als Leitwissenschaft abzulösen habe, nicht nur der Notwendigkeit einer vertiefteren Einsicht in die komplexen und dialektischen Zusammenhänge der Na- turprozesse und -systeme - und hilft damit, die schon von Engels kritisierte sogenannte "metaphysische Denkweise" 12) in den Wis- senschaften abzulösen -, sondern sie entspricht auch den Anforde- rungen sowohl einer umweltverträglichen Produktion als auch denen der neuen Technologien, in deren Mittelpunkt zunehmend weniger monokausale und hochenergetische Umformungsprozesse, sondern in- formationsreiche katalytische Verarbeitungs- und Veredelungsvor- gänge stehen, die eher den Abläufen in biotischen Systemen als rein mechanischen Prozessen ähneln. Darüberhinaus dürfte diese Ausrichtung an den Funktionsweisen von "b i o k y b e r n e- t i s c h e n S y s t e m e n" (Vester) neue, interessante und weiterführende Aufgabenstellungen auch für die Analyse und die Organisation von sozialen und politischen Systemen und "Vernetzungen" bieten. Die Kritik an dieser "neuen Sichtweise" hat allerdings da einzu- setzen, wo das "biokybernetische Modell" in unzulässiger Weise verallgemeinert und unter dem Prinzip der "Ganzheitlichkeit" zu einem universellen Weltverständnis erweitert wird. Zwei Aspekte möchte ich hier nur benennen, ohne die Auseinandersetzung hier hinreichend führen zu können. 1.4.1 "Technizistische Romantik" -------------------------------- Die ausschließliche Bemessung menschlicher Handlungen nach ihrer Funktionalität im ökologischen Gesamtsystem führt letztlich er- neut zu einem "Reduktionismus", der mit der systemtheoretischen Betrachtungsweise gerade überwunden werden sollte. Das "ganzheitliche Weltbild" bietet keine vernünftige Erklärung da- für, warum die Menschen sich faktisch nicht wie "Systemteile", sondern im Gegenteil oft äußerst disfunktional verhalten. Die Ur- sache hierfür entweder im neuzeitlichen Industrialisierungsprozeß oder im sog. "Cartesianisch-Newtonschen Weltbild" zu sehen, ist wenig überzeugend und bleibt nur an den Oberflächenphänomenen der Geschichtsentwicklung hängen. Es fehlt diesem Weltbild eine kon- sistente Gesellschafts- und Geschichtstheorie, die die Formen der gesellschaftlichen Praxis und ihrer Veränderungen zu verstehen erlaubt. Die politische Konsequenz dieses Defizites ist entweder die my- stisch-romantische Hoffnung der - New-Age-Vertreter" auf eine - irgendwie kosmische - "Wendezeit", auf eine "stille Revolution" oder "sanfte Verschwörung", die das gesellschaftliche Denken und die gesellschaftliche Praxis weltweit umkehren würde, wie sie von Fritjof Capra, Ronald Inglehart und Marilyn Ferguson eher be- schworen als begründet werden. Oder aber die politische Konse- quenz ist, Einfluß auf die politischen und ökonomischen Eliten zu nehmen, um quasi durch eine "Revolution von oben" Öko-funktiona- les Verhalten in der Gesellschaft technokratisch durchzusetzen, wie dies insbesondere von Erich Jantsch oder auch von Frederic Vester betrieben wird. Diese "Doppelgestalt der technizistischen Romantik" ist auch bei Vertretern der "Grünen" zu erkennen. So hebt etwa E. Becker in seiner Auseinandersetzung mit Manon Maren-Grisebachs "Philosophie der Grünen" hervor, daß ihre Argumentationsstruktur "einerseits für ein ganzheitliches, lebensphilosophisches und manchmal auch existentialistisch eingefärbtes Denken (steht); andererseits er- schließt sie die Vernetzungswissenschaft und das Bild der selbst- regulierten biokybernetischen Weltmaschine. Die Chiffre (Ökologie) überdeckt die Doppelgestalt der technizistischen Ro- mantik". 13) Das "neue Denken" steht so in Gefahr, seine gesell- schaftstheoretischen Defizite durch dogmatische Berufungen auf das Gefühl einer Wende, auf die innere Erfahrung der Umkehr oder - technokratisch - auf "Sachnotwendigkeiten" zu kompensieren. 1.4.2 Der Verlust humanistischer Grundlagen ------------------------------------------- Die Übertragung des aus biologischen Abläufen gewonnenen "biokybernetischen Modells" auf die Materie und den Kosmos als Ganzen hat letztlich, auch entgegen der eigenen Absicht, antihu- manistische Konsequenzen. Wird nämlich das ganze Universum als eine Art sich selbst organisierendes "Lebewesen" aufgefaßt, dem die biologischen Eigenschaften der Autopoiesis und Evolution zu- kommen, so wird die menschliche Gattung innerhalb dieses kosmi- schen Gesamtorganismus zu einem "Subsystem" degradiert, dessen Funktionalität oder Disfunktionalität für das Ganze sich der men- schlichen Erkenntnisfähigkeit entzieht. Erich Jantschs fatalisti- sche Schlußfolgerungen dieser allgemeinen Systembetrachtung ent- behren deshalb nicht der inneren Logik: "Dieses Gefühl des Einge- bettetseins in eine universale, zusammenhängende Dynamik sollte uns nicht nur die Furcht vor dem eigenen biologischen Tod nehmen, sondern auch jene Furcht, die das 'Überleben der Gattung' als höchsten Wert verteidigt. In der Selbsttranszendenz können wir nicht nur über uns selbst als Individuen, sondern auch über die Menschheit hinausgelangen. Die Faszination, die die Evolution der Menschheit ausübt, verblaßt gegenüber der Faszination einer uni- versalen Evolution, deren integraler Aspekt wir selbst sind" (oder eben auch nicht). 14) Die ursprüngliche Intention, das Überleben der menschlichen Gat- tung angesichts der möglichen Katastrophen und der neuen techni- schen Möglichkeiten durch ein Konzept der ganzheitlich-dynami- schen Weltsicht zu gewährleisten, verkehrt sich zur fatalisti- schen Hinnahme eines möglichen Endes der menschlichen Gattung, dem dann auch noch ein religiös-mystischer "Sinn" zuerkannt wird. 2. Das "Prinzip Verantwortung" (Jonas, Spaemann) ------------------------------------------------ Was dem "ganzheitlichen Weltbild" fehlt, nämlich eine fundierte Begründung dafür, warum eigentlich die Menschheit angesichts mög- licher Katastrophen als Gattung überleben solle, und wie dies ge- schehen könne, steht im Zentrum des Versuchs einer ethischen Neu- begründung des Verhältnisses Mensch - Natur, das mit dem "Prinzip Verantwortung" verbunden ist. Anders als das ganzheitliche ist dieses Konzept nicht mit der Protest- und Ökologiebewegung verbunden, sondern entstammt Teilen des konservativen Bürgertums, die angesichts des Atomprogramms der Bundesregierung, der Bedrohung Mitteleuropas durch einen mög- lichen Nuklearkrieg sowie der Erweiterung der technischen Mög- lichkeiten vor allem im Bereich der Gentechnologie seit den 70er Jahren in Distanz zur dominierenden Wissenschaftspraxis und zum vorherrschenden Technikverständnis gegangen sind und nach Grund- sätzen einer neuen politischen Ethik suchen. Initiator des Kon- zepts, das bislang vor allem in die kirchlichen Institutionen, aber auch in die bürgerlichen Parteien und in die SPD gewirkt hat, ist der in die USA emigrierte Philosoph Hans Jonas. 2.1 Die globale Dimension des technischen Fortschritts ------------------------------------------------------ Als Begründung für seine neue "politische Ethik" geht Jonas von der These aus, daß der technischen Entwicklung heute eine "innere Dynamik" "eingebaut" sei, die gestoppt werden müsse, um vorher- seh- und vorhersagbare Katastrophen zu verhindern. Ursprünglich, so Jonas, sei die Technik in den Zusammenhang menschlicher Zwecke einbezogen gewesen, diente sie sowohl in Form technischer Kennt- nisse und Fertigkeiten als auch in Gestalt von Werkzeugen dem Handwerker als "Machtmittel" zur Beherrschung der äußeren Natur. Dieses Verhältnis habe sich geändert; die Technik sei zu einer v e r s e l b s t ä n d i g t e n M a c h t geworden, in der jeder technische Fortschritt den nächsten "automatisch" mit sich bringe: "Mit jedem Schritt (= 'Fortschritt') der Großtechnik set- zen wir uns schon unter den Zwang zum nächsten und vermachen den- selben Zwang der Nachwelt." 15) Das kumulative Wachstum dieser entfesselten Technik aber habe zu bislang unbekannten Eingriffs- möglichkeiten in Raum und Zeit geführt; es habe Verhältnisse ge- schaffen, die zum ersten globale Dimensionen angenommen haben und nicht mehr regional Steuer- und verantwortbar sind, in denen zum zweiten heutige Handlungen und Entscheidungen weit in die Zukunft reichen und u.U. irreversible Folgen für die künftigen Generatio- nen haben, und in denen schließlich die Vernichtung der Mensch- heit und ihrer Umwelt zur realen Möglichkeit geworden ist. "Der springende Punkt hier ist", faßt Jonas die neue Situation zusam- men, "daß das Eindringen ferner, zukünftiger und globaler Dimen- sionen in unsere alltäglichen, weltlich-praktischen Entscheidun- gen ein ethisches Novum ist, das die Technik uns aufgeladen hat". 16) 2.2 Jonas' Kritik traditioneller Orientierungsmuster ---------------------------------------------------- Angesichts dieser neuen Dimensionen des wissenschaftlich-techni- schen Fortschritts, so Jonas, versagen die herkömmlichen Orien- tierungsmuster. Alle traditionellen bürgerlichen Ethiken - so verschieden sie auch inhaltlich waren - gingen stillschweigend davon aus, daß bei allen menschlichen Aktivitäten die Existenz der Menschheit und der Biosphäre insgesamt unversehrt bleibe, daß also die Reichweite der Handlungen räumlich und zeitlich eng be- grenzt sei. Gerade diese Voraussetzung aber gelte heute nicht mehr. Der Träger der relevanten Handlungen und damit das morali- sche Subjekt der Zurechenbarkeit sei nicht mehr ein Individuum, sondern sei das K o l l e k t i v geworden. "Nicht ihr oder ich: es ist der kollektive Täter und die kollektive Tat, nicht der individuelle Täter und die individuelle Tat, die hier eine Rolle spielen; und es ist die unbestimmte Zukunft vielmehr als der zeitgenössische Raum der Handlung, die den relevanten Hori- zont der Verantwortung abgibt." 17) Jonas räumt ein, daß diese Kritik am Ungenügen des bürgerlichen Individualismus in bestimmtem Maße mit der marxistischen Theorie übereinstimmt, die ebenfalls vom gesellschaftlichen Kollektiv als Handlungssubjekt ausgeht und eine Individualethik auch als unge- nügend erachtet. Allerdings sieht er im Marxismus den entschei- denden - und für die gegenwärtige Situation mitverantwortlichen - 'Fehler' darin, daß dieser nicht nur die weitere Entfaltung der Produktivkräfte befürworte, sondern daß er diese auch noch mit der Zukunftsvision einer besseren und gerechteren klassenlosen Gesellschaft verbinde, ja daß der Marxismus die Erweiterung der menschlichen Handlungsmöglichkeiten durch die Technik zur Voraus- setzung der menschlichen Freiheit mache. Die soziale Revolution sei im Marxismus daraufhin angelegt, die Produktivkräfte erst von ihren Fesseln zu befreien, statt sie ihnen anzulegen. Aufgrund seines "Kults der Technik" sowie seiner Utopie des befreiten "eigentlichen Menschen" in der kommunistischen Gesellschaft sei der Marxismus als Orientierungsmuster kollektiven Handelns unfä- hig, dem "galoppierenden Vorwärts" 18) der Technik die notwendig gewordenen Zügel anzulegen. 2.3 Verantwortung als Prinzip einer "Notstandsethik" ---------------------------------------------------- Jonas' Antwort auf diese ungebremste Dynamik der Technikentwick- lung ist - jenseits des marxistischen "Prinzips Hoffnung" - die V e r a n t w o r t u n g als Grundbegriff einer neuen politi- schen Ethik. Diese "Ethik der technologischen Zivilisation" könne nur eine "Notstandsethik" sein, die aus eben der Verantwortung entstamme, die Existenz und das Überleben der Menschheit zu si- chern. Auf der Suche nach derjenigen politischen Macht und Orga- nisationsstruktur, die in der Lage wäre, die entfesselte Technik wieder unter Kontrolle zu bringen, orientiert sich Jonas am Mo- dell eines Kommunismus, der jedoch nicht der der Freiheit, son- dern der der bitteren Not sein werde: "Da aber die 'freie Wirt- schaft' der westlichen Industriegesellschaften gerade der Herd der Dynamik ist, die der Todesgefahr zutreibt, so richtet sich der Blick natürlicherweise auf die Alternative des Kommunismus" 19); aber nur, "wenn er seine Rolle vom Bringer des Heils zum Ab- wender des Unheils umdeutet, also mit Verzicht auf ... die Uto- pie". 20) 2.4 Jonas' Grundlagen einer "Zukunftsethik" ------------------------------------------- Den Inhalt seiner neuen - in der Tradition des "Fürstenspiegels" deutlich an die politischen Eliten gerichteten - Ethik der Ver- antwortung versucht Jonas am Beispiel der E l t e r n - K i n d - B e z i e h u n g, dem "Archetyp aller Verantwortung", 21) zu erläutern. Die in diesem "nicht-reziproken Verhältnis" zwischen Eltern und Kindern enthaltene Machtstruktur sei der- gestalt, daß hier die Eltern gerade aufgrund ihrer - den Kindern überlegenen - Macht dazu verpflichtet seien, diese zum Schutz und zur Zukunftsvorsorge für ihre eigene Nachkommenschaft einzu- setzen. Auf die Ebene der Gesellschaft übertragen bedeutet dies, daß die heutige Generation aufgrund der der Menschheit als Ganzer durch die moderne Technologie zugewachsenen Macht und Ver- fügungsgewalt über die künftigen Generationen verpflichtet sei, diese Macht zu deren Schutz einzusetzen. Eine solche Verpflich- tung heutiger Politik gegenüber der Zukunft sei nicht ohne den "kategorischen Imperativ" zu denken, daß die Menschheit auch in Zukunft existieren müsse; und diese Forderung zwinge schon heute dazu, sich konkretere Vorstellungen über die zumutbaren Lebensbe- dingungen der künftigen Generationen zu machen, die durch die ge- genwärtigen Technologien determiniert werden. 2.4.1 Die "Heuristik der Furcht" -------------------------------- Wegweiser zur Ausfüllung und zur Anwendung des "Prinzips Verant- wortung" ist für Jonas die sog. "Heuristik der Furcht". Diese be- messe die Technologien und Handlungsmöglichkeiten nicht weiterhin an einer positiven Zielvorstellung, sondern im Gegenteil an ihren möglichen negativen, 'fürchterlichen' Konsequenzen. Erst diese Orientierung erlaube es, sich des Unverzichtbaren und Erhaltens- werten bewußt zu werden. "Was wir n i c h t wollen, wissen wir viel eher als was wir wollen. Darum muß die Moralphilosophie un- ser Fürchten vor unserem Wünschen konsultieren, um zu ermitteln, was wir wirklich schätzen." 22) Auf Grundlage dieser "Heuristik der Furcht" seien die einzelnen Technologien in Hinblick auf ihren Eingriff in die Zukunft zu be- urteilen. So lehnt etwa Robert Spaemann in Übereinstimmung mit Jonas die friedliche Nutzung der A t o m e n e r g i e ab mit dem Argument, daß die Folgen einer - heute wirtschafts- und sozi- alpolitisch durchaus gut begründbaren - Atomwirtschaft den künf- tigen, noch nicht lebenden Generationen nicht zuzumuten seien. 23) Und für diejenigen, die in dieser Nutzung der Kernspaltung aufgrund ihrer möglichen Gefahren einen "Angriff auf die Integri- tät des menschlichen Lebens" 24) sehen, stelle sich gar die Loyalitätsfrage in bezug auf die staatliche Politik. Noch deutlicher aber stelle sich dieser Konflikt im Bereich der h u m a n g e n e t i s c h e n T e c h n o l o g i e n dar. Die Abwägung zwischen den wissenschafts- und forschungsimmanen- ten, den medizinischen und vielleicht auch eugenischen Gründen eines Eingriffs in die genetische Ausstattung des Menschen einer- seits und der Moralität des Eingriffs in dessen genetische Iden- tität andererseits gelinge nicht ohne eine solche "Heuristik der Furcht", die auch das Erschauern vor solchen Handlungen zu spüren lerne, "bei dem so uralte vergessene Begriffe wie 'Frevel' und 'Greuel' sich regen". 25) 2.4.2 Überwindung des "anthropozentrischen Weltbildes" ------------------------------------------------------ Hier - am Problem der Humangenetik - wird spätestens deutlich, daß dieses neue ethische Prinzip der Verantwortung für die Unver- sehrtheit der menschlichen Gattung letztlich auf ein neues Welt- bild verweist. Ein Weltbild, das nicht mehr das anthropozentri- sche der Neuzeit ist, in dem der Mensch im Mittelpunkt gestanden habe, und "das m e n s c h l i c h e Gut (es war), das geför- dert werden sollte", 26) sondern das den Menschen als Naturwesen eingebunden sieht in einen übergeordneten Z u s a m m e n- h a n g a l l e s B i o l o g i s c h e n, den die jeweils lebende Generation zu erhalten habe. 27) "Nur wenn der Mensch heute die anthropozentrische Perspektive überschreitet und den Reichtum des Lebendigen als einen Wert an sich zu respektieren lernt", faßt Robert Spaemann diese Position zusammen, "nur in einem wie immer begründeten religiösen Verhältnis zur Natur wird er imstande sein, auf lange Sicht die Basis für eine men- schenwürdige Existenz des Menschen zu sichern. Der anthropologi- sche Funktionalismus zerstört am Ende den Menschen selbst." 28) Die neu entstandene Verantwortung gegenüber der Integrität der künftig Lebenden und damit der menschlichen Gattung z w i n g e also die jetzt Lebenden, den Menschen nicht als eigenes Wesen, sondern als Glied in einem umgreifenden organischen Ganzen zu se- hen. Dabei ist klar ausgesprochen, daß dieser Zwang schließlich nur mit den diktatorischen Mitteln einer politischen Technik- und damit allerdings auch Bedürfnisbegrenzung zu realisieren ist. Trotz dieser Flucht in die "Tyrannis", die Jonas als das letzte Mittel sieht, das "Unheil" der Menschheit zu verhindern, und die auf einem äußerst undifferenzierten Verständnis der Technik und deren Möglichkeiten zur Überwindung der sozialen und ökologischen Probleme beruht, ist dennoch insbesondere sein Hinweis auf die kollektive Verantwortung der Menschheit, sowie deren Begründung durch die weitreichende Bedeutung heutiger Entscheidungen für künftige Generationen auch für Marxisten ein ernstzunehmender Faktor der sozialen Ethik. 3. Die marxistische Diskussion über das "neue Denken" ----------------------------------------------------- Selten in der Geschichte des Marxismus ist seine Theorie so un- terschiedlichen Beurteilungen ausgesetzt gewesen wie heute: wäh- rend sie für viele Nicht-Marxisten noch immer als Prototyp eines traditionellen, sterilen, ja gefährlich gewordenen "Fortschritts- denkens" gilt, führen die Marxisten selbst auf der einen Seite den Nachweis, daß das vermeintlich Neue des "neuen Denkens" schon von den Klassikern des Marxismus formuliert worden ist, 29) und fordern doch gleichzeitig zum "Umdenken" auf, zu einem, den Ge- genwartsproblemen angemessenen, "neuen Denken". Eine der Ursachen für diese Differenz zwischen der Fremd- und der Eigenbeurteilung des Marxismus ist nicht zuletzt die gegenwärtige Phase einer Selbstkritik an den Erstarrungstendenzen der Vergan- genheit: "Wir sowjetischen Philosophen", beschreibt Theodor I. Oiserman diesen Vorgang, "haben mit der Entwicklung der soziali- stischen Gesellschaft nicht Schritt gehalten, nicht gesehen, daß das Leben selbst ein neues Herangehen an die Analyse des sozialen Fortschritts, an die Erforschung der Dialektik von Produktivkräf- ten und Produktionsverhältnissen, des Wesens des sozialistischen Eigentums usw. erfordert. Alle diese Fragen schienen uns von den Begründern des Marxismus ein für allemal gelöst. Wir haben sie wie elementare Wahrheiten behandelt, die keiner weiteren theore- tischen Entwicklung und keinerlei Veränderung unterliegen. Dabei bleiben vom Standpunkt des dialektischen Materialismus alle - so- gar die abstraktesten - Kategorien nicht unveränderlich: Sie er- langen im Verlaufe der historischen Entwicklung einen neuen In- halt." 30) In der Tat hat die marxistisch-leninistische Forschung auf die neuen Probleme der Technikentwicklung, die neuen Ansprüche einer ökologisch orientierten Produktion, auf die Bedürfnisse einer "ganzheitlichen Lebensweise" und die Herausforderungen einer neu entstandenen Verantwortung gegenüber der Menschheit spät reagiert und allzulang alte Antworten auf neue Fragen gegeben. Diese man- gelnde Sensibilität und Offenheit mußte denn auch ihrem eigenen Urteil zufolge mit einem Attraktivitätsschwund des Marxismus in den kapitalistischen Ländern Westeuropas seit den 70er Jahren so- wie mit Stagnationserscheinungen in den sozialistischen Ländern bezahlt werden. Einer der Gründe für diese Mißachtung war eine im Marxismus vor- herrschende Tendenz zum "politisch-ökonomischen Reduktionismus", der die positive Entwicklung der Produktivkräfte innerhalb der sozialistischen Produktionsverhältnisse als einen quasi automati- schen Prozeß verstanden hat. So berechtigt diese Sicht während der Aufbauphase der sozialistischen Ökonomie auch war, so führte sie in den 70er Jahren dazu, den ernstzunehmenden Berechnungen über die globalen Nahrungsmittel, Ressourcen- und Umweltprobleme zunächst mit einer Art "hypothetischem Optimismus" 31) zu begeg- nen, der die Lösung der neuen Fragen a l l e i n von den Ge- sellschaftsverhältnissen abhängig machte, und brachte die Haltung mit sich, die Stagnationserscheinungen im Sozialismus allzulang zu verdrängen. 3.1 "Globalistik" als neuer Wissenschaftstyp -------------------------------------------- Dieser Reduktionismus wurde - spät, wie 1983 auf dem Allunions- symposium der UdSSR zu diesen Fragen selbstkritisch eingeräumt wurde - Anfang der 80er Jahre mit dem Konzept der "globalen Pro- bleme" 32) überwunden. An die Stelle naiv-optimistischer Zu- kunftsvisionen traten jetzt die "akuten Gegenwartsprobleme" (I. Frolow), die gelöst werden müssen, um den Bestand und die For- tentwicklung der Menschheit zu sichern. Diese "globalen Pro- bleme", so die Studien, haben zwar ihre hauptsächliche Ursache im Bestehen des zunehmend labileren kapitalistischen Weltsystems und finden ihre endgültige Lösung nur auf der Basis des Sozialismus und Kommunismus im Weltmaßstab; sie entstammen aber auch "- innerhalb des damit gesetzten Rahmens - wissenschaftlich-techni- schen Entwicklungssprüngen" 33) und haben unter ihrem Einfluß globalen, systemübergreifenden Charakter angenommen. Die Bedro- hung der Menschheit durch einen thermonuklearen Weltkrieg und die weltweite Aufrüstung, die Probleme der Unterentwicklung vor allem in der 3. Welt (Bevölkerungswachstum, Ernährung, Analphabetis- mus), sowie die globalen Fragen der Ressourcenbeschaffung und des Umweltschutzes sind Aufgaben, die nur von der Menschheit ins- gesamt gelöst werden können. 34) Seither hat sich in den sozialistischen Ländern unter dem Namen "Globalistik" ein neuer Wissenschaftsansatz herausgebildet, der sich die Integration der verschiedenartigen Problemfelder, die Untersuchung der Zusammenhänge und Wechselwirkungen zwischen den internationalen, technologischen, ökonomischen und ökologischen Prozessen, als Aufgabe gestellt hat. 35) Die praktisch-politische Folge dieses Konzepts ist die Verstärkung der internationalen Zu- sammenarbeit; "Herzstück" dieser Strategie, so Iwan Frolow, ist die "Vereinigung der Anstrengungen der ganzen Menschheit bei der Lösung der globalen Probleme" 36) auf der Grundlage der Koexi- stenz und des Wettbewerbs von Sozialismus und Kapitalismus. 3.2 Auf dem Weg zur "Computergesellschaft"? ------------------------------------------- Über diese Fragen der globalen Verantwortung für den Erhalt der Menschheit hinaus sind in den letzten Jahren weitere, aus der wissenschaftlich-technischen Revolution selbst hervorgehende, Probleme entstanden, die an die marxistische Theorie neue Anfor- derungen stellen. Sie betreffen zum einen die zukünftige Stellung des Subjekts Mensch zur Computertechnologie, zum anderen die sich durch die Gentechnik wandelnde Beziehung des Menschen zur natür- lichen Evolution. Die Informationstechnologie ersetzt durch die Übernahme von Pla- nungs-, Steuerungs- und Kontrollfunktionen nicht nur in vielen Bereichen die menschliche Arbeitskraft, sondern auch weitere Tä- tigkeiten, die traditionell der menschlichen Intelligenz zuge- sprochen wurden. Neben die computergestützten und -integrierten Planungs- und Produktionsverfahren werden in Zukunft vermehrt sog. "Expertensysteme" treten, die die wissenschaftlichen Tätig- keiten der Beratung, Analyse, Diagnose und Prognose formalisieren und übernehmen werden. Dieser Trend wird sich im Zuge der Ent- wicklung der "5. Computer-Generation" fortsetzen und verstärken. 37) Mit dieser Fortentwicklung von "Denkzeugen" sind neue Frage- stellungen über das Wesen der menschlichen Intelligenz entstan- den, die auch unter marxistischen Technik-und Sozialwissenschaft- lern und Philosophen kontroverse Diskussionen ausgelöst haben. So vertritt z. B. der DDR-Wissenschaftler K. Römer die Ansicht, daß es zwischen den Tätigkeiten der menschlichen Intelligenz und den logischen Operationen künstlicher Informationsverarbeitungssyste- men k e i n e n q u a l i t a t i v e n, zeitlos gültigen Un- terschied geben könne. "Mit der Schaffung einer anderen Art von Intelligenz, deren meßbare Leistungen die des menschlichen Ge- hirns übertreffen, wird der Beweis dafür geliefert, daß höhere Intelligenz prinzipiell in verschiedenen Varianten möglich und wissenschaftlich erklärbar ist." 38) Dieser Auffassung steht die, u.a. vom sowjetischen Sozialphiloso- phen G. L. Smoljan vorgetragene These entgegen, daß zwischen den elektronischen Prozessen des Computers und den geistigen Aktivi- täten des menschlichen Gehirns eine w e s e n t l i c h e D i f f e r e n z besteht: "Denken, Vernunft, Intelligenz, Krea- tivität, also die höheren Ebenen der psychischen Aktivität, sind das Produkt menschlicher Tätigkeit, die zwar auch biologisch, in erster Linie aber sozial determiniert ist. Die logischen Fähig- keiten des Computers dagegen, wie entwickelt sie auch sein mögen, sind immer das Ergebnis der wissenschaftlich-technischen Entwick- lung, der spezialisierten Ingenieurstätigkeit der Menschen." 39) Als Versuch, beide Standpunkte zu vermitteln, vertritt schließ- lich der sowjetische Soziologe Igor Bestushew-Lada die Position, daß die Übernahme bisheriger Denktätigkeiten des Menschen durch den Computer die Möglichkeit, aber auch die Notwendigkeit frei- setze, neue höhere, k r e a t i v e F o r m e n menschlicher Intelligenzleistungen zu entwickeln. 40) Diese Diskussion über das Verhältnis von menschlicher und künst- licher Intelligenz dürfte sich in dem Maße noch verstärken, in dem durch neue "Wissens- und Expertensysteme" traditionelle Wis- senschaftsleistungen des Menschen "entwertet" werden. Auf der theoretischen Ebene wird dies zur Präzisierung des Begriffs "Intelligenz", und auf der praktischen Ebene zur Konkretisierung dessen führen, was Bestushew-Lada emphatisch die Bereitstellung eines "uneingeschränkten Spielraums für begeistertes Schaffen" 41) genannt hat. Dabei wird es für Marxisten darauf ankommen, die Schnittstelle zwischen "Effektivität und Humanität", 42) zwischen der Entwicklung der Produktivkräfte durch die neue Informations- technologie und der Entfaltung des Gestaltungs- und Freiraums der menschlichen Persönlichkeit, zu finden und die Konsequenzen für den Qualifikations- und Bildungsbereich sowie für die Organisati- onsstruktur von Produktion und Reproduktion in der künftigen "computerisierten Gesellschaft" zu erkennen. Bei diesen Entwick- lungen wird die Warnung zu beherzigen sein: "Gefordert sind Ein- sichten in die neuen Möglichkeiten der Entwicklung der menschli- chen Persönlichkeit und in die Fähigkeit, diese in einer Welt, in der die Roboter den Menschen mehr und mehr aus der unmittelbaren Teilnahme an der Produktion 'verdrängen', so zu realisieren, daß die menschliche Existenz in dieser Welt nicht ihren Sinn ver- liert." 43) 3.3 Der Mensch als "Konstrukteur der Natur" ------------------------------------------- Das zweite Problemfeld ist durch die Entwicklung der modernen gentechnischen Verfahren und damit durch die neue Fähigkeit des Menschen gekennzeichnet, in die Gesetzmäßigkeiten der natürlichen Evolution einzugreifen und künstliche Evolutionsvorgänge auszulö- sen. Die Reichweite der - bislang noch in den Anfängen steckenden - Möglichkeiten erstreckt sich vom Einsatz gentechnisch manipu- lierter Mikroorganismen in der Landwirtschaft, dem Umweltschutz und der Medizin über den Einbau biomolekularer Strukturen in mi- kroelektronische Systeme bis hin zu gentechnischen Veränderungen von pflanzlichen, tierischen und menschlichen Keimbahnen. Auf diesem Bereich der Zukunftstechnologie hat die Diskussion über die Möglichkeiten und die Grenzen - bei einhelliger Ableh- nung ihres kapitalistischen Mißbrauchs - unter Marxisten erst be- gonnen; neben den Befürwortern der Gentechnologie erheben sich auch warnende Stimmen. Karin Zänker erkennt mit Blick auf die weltanschaulichen Grundlagen der neuen Technikwissenschaften zwar die Risiken der Gentechnik an und will die mit den biotechnischen Prozessen verbundene "Zufallsdeterminiertheit als Moment der Be- herrschbarkeit problematisieren"; sie ist dennoch davon über- zeugt, daß das "gegebene Erkenntnis- und Beherrschungsproblem ... nicht zu prinzipiellen Zweifeln an der Beherrschbarkeit derarti- ger technischer Lösungen oder gar Vorbehalten gegenüber einer t e c h n i s c h e n A u s s c h ö p f u n g d e s N a- t u r - M ö g l i c h e n ü b e r h a u p t (berechtigt)"; 44) die neuen Möglichkeiten seien vielmehr "als humanistische Al- ternativen zu einer Vielzahl heute noch existierender, Umwelt und Gesundheit des Menschen belastender Technologien zu erkennen". 45) Doch an jenem Punkt der "technischen Ausschöpfung des Natur- Möglichen" formulieren sich auch marxistischerseits Einwände. So hat erst vor kurzem Robert Steigerwald ein "ethisches Erhaltungs- gesetz" postuliert, aus dem folgt, daß nichts getan werden dürfe, was der Erhaltung der menschlichen Gattung und ihrer "Exemplare", der Persönlichkeit, widerspricht: "was zwar (technisch, A.v.P.) möglich ist, wovon wir aber noch nicht sicher wissen, ob es die- sem 'ethischen Erhaltungsgesetz' widerspricht, ist zu unterlas- sen". 46) Und Igor Bestushew-Lada geht in seinem Buch "Die Welt im Jahr 2000" noch weiter und will auch den Artenschutz allgemein in diese Erhaltungspflicht des Menschen miteinbeziehen. 47) Diese neu aufgeworfenen Fragen einer Ethik der Wissenschaften werden die Grundprobleme des Verhältnisses von theoretischer Er- kennbarkeit der Natur und ihrer technisch-praktischen Beherrsch- barkeit 48) sowie der moralischen Grenzen bestimmter technisch- möglicher Handlungsweisen zu klären haben. Die Fragen, was über- haupt ein "menschenwürdiges Leben" sei, woran sich sinnvoll die wissenschaftlich-technischen Entwicklungen bemessen lassen, und worin die Kriterien des historischen Fortschritts liegen, stellen neue Aufgaben an die marxistische Philosophie und Wissenschaften. Die derzeit lebendige Diskussion zeigt, daß der Standpunkt, die mit dem raschen technischen-industriellen Fortschritt verbundenen Fragen schematisch zu lösen, weitgehend überwunden ist. _____ 1) Abraham Maslow, Psychologie des Sein, München 1973; Stanislaw Grof, Topographie des Unbewußten, Stuttgart 1978. 2) Ilya Prigogine/Isabelle Stengers, Dialog mit der Natur. Neue Wege naturwissenschaftlichen Denkens, München 1981; Manfred Ei- gen, Das Spiel. Naturgesetze steuern den Zufall, München 1975. 3) Ervin Laszlo, Introduction to Systems Philosophy, New York 1972. 4) Theodore Roszak, Der Verlust des Denkens. Über die Mythen des Computerzeitalters, München 1986, S. 170 f.: "Fast die gesamte moderne Wissenschaft wurde aus einem kleinen Bestand von metaphy- sischen, ja sogar ästhetischen Ideen wie den folgenden abgelei- tet: Das Universum besteht aus Materie in Bewegung (Descartes), Die Natur wird von universellen Gesetzen regiert (Newton), Wissen ist Macht (Bacon)." 5) Frederic Vester, Neuland des Denkens. Vom technokratischen zum kybernetischen Zeitalter, München 1984, S. 18 f. 6) Paul Feyerabend, Vorwort in: Erich Jantsch, Die Selbstorgani- sation des Universums. Vom Urknall zum menschlichen Geist, Mün- chen 1982, S. 14. 7) In diesen Bereich gehören alle die psychischen und spirituel- len Techniken, die vor allem Marilyn Ferguson in "Die sanfte Ver- schwörung", a.a.O. beschrieben hat. 8) "Unter den Wissenschaften", nennt F. Capra die Adressaten sei- ner Konzeption, "werde ich mich auf diejenigen konzentrieren, die sich mit der Gesundheit im weitesten ökologischen Sinne befassen: von der Biologie und medizinischen Wissenschaft zur Psychologie und Psychotherapie, Soziologie, Volkswirtschaft und Politischen Wissenschaft." (Fritjof Capra, Wendezeit, a.a.O., S. 48). 9) Fritjof Capra, Wendezeit, a.a.O., S. 453. 10) Theodore Roszak, a.a.O., S. 134 f. - vgl. auch Frederic Ve- sters Unterscheidung zwischen dem Digital- und dem Analogrechner; a.a.O., S. 109 f. 11) Capra, Wendezeit, a.a.O., S. 12. 12) Friedrich Engels, Anti-Dühring: "Die Natur ist die Probe auf die Dialektik, und wir müssen es der modernen Naturwissenschaft nachsagen, daß sie für diese Probe ein äußerst reichliches, sich täglich häufendes Material geliefert und damit bewiesen hat, daß es in der Natur, in letzter Instanz dialektisch und nicht meta- physisch hergeht, daß sie sich nicht im ewigen Einerlei eines stets wiederholten Kreises bewegt, sondern eine wirkliche Ge- schichte durchmacht... Da aber die Naturforscher bis jetzt zu zählen sind, die dialektisch zu denken gelernt haben, so erklärt sich aus diesem Konflikt der entdeckten Resultate mit der herge- brachten Denkweise die grenzenlose Verwirrung, die jetzt in der theoretischen Naturwissenschaft herrscht und Lehrer wie Schüler, Schriftsteller wie Leser zur Verzweiflung bringt." (MEW 20, S. 22) 13) E. Becker, Natur als Politik?, in: Thomas Kluge (Hg.), Grüne Politik. Der Stand der Auseinandersetzung, Frankfurt/M. 1984, S. 121. Vgl. auch zur philosophischen Kritik der "Grünen": Hans Mit- termüller, Ideologie und Theorie der Ökologiebewegung - Zur Kon- zeption einer "ökologischen Philosophie", Frankfurt/Main 1987, S. 131-168. 14) Erich Jantsch, Die Selbstorganisation der Materie, a.a.O., S. 414. 15) Hans Jonas, Technik, Ethik und Biogenetische Kunst. Betrach- tungen zur neuen Schöpferrolle des Menschen, in: Rainer Flöhl, Genforschung - Flucht oder Segen?, München 1985, S. 7. 16) Ebd., S. 3. 17) Hans Jonas, Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation, Frankfurt/M. 1982, S. 32. 18) Ebd., S. 388. 19) Ebd., S. 254. 20) Ebd., S. 259. 21) Ebd., S. 189. 22) Ebd., S. 64. 23) "Um in den nächsten 30 Jahren nicht unseren Konsum einschrän- ken oder unser Gesellschaftssystem modifizieren zu müssen, unter- werfen wir für Jahrtausende die kommenden Generationen dem Zwang, ihr Gesellschaftssystem so zu gestalten, daß es die von uns ge- schaffenen neuen Gefahrenquellen unter Kontrolle zu halten ver- mag. Diese Zumutung kann auf keine Weise gerechtfertigt werden." (Robert Spaemann, Technische Eingriffe in die Natur als Problem der politischen Ethik, in: Dieter Birnbacher [Hg.], Ökologie und Ethik, Stuttgart 1980, S. 201). 24) Ebd., S. 203. 25) Hans Jonas, Technik, Ethik und Biogenetische Kunst, a.a.O., S. 15. 26) Ebd., S. 3. 27) "Gegenstand menschlicher Pflicht waren Menschen, äußersten- falls: die Menschheit, und sonst nichts auf dieser Erde ... Aber jetzt beansprucht die ganze Biosphäre des Planeten mit all ihrer Fülle von Arten, in ihrer neu enthüllten Verletzlichkeit gegen- über den exzessiven Eingriffen des Menschen, ihren Anteil an der Achtung, die allem gebührt, das seinen Zweck in sich selbst trägt - d.h. allem Lebendigen" (Hans Jonas, ebd., S. 4). 28) Robert Spaemann, a.a.O., S. 198. 29) So stimmt Marxens Diktum, die Gesellschaften seien nicht Ei- gentümer, sondern Nutznießer der Erde, die sie als "boni patres familias" (MEW 25, S. 784) den nachfolgenden Generationen verbes- sert zu hinterlassen haben, bis in die Wortwahl mit Jonas' Ethik der Verantwortung überein; und für Friedrich Engels galt die "Dialektik" als "Wissenschaft des Gesamtzusammenhangs" (MEW 20, S. 307) der Dinge. Vgl. dazu A. v. Pechmann, Der Aufbruch in den Sonnenstaat - zu Fritjof Capras Kultbuch "Wendezeit", in: Demo- kratische Erziehung 7-8, Köln 1984, S. 52 ff. 30) Theodor I. Oiserman, Aktuelle Probleme der philosophischen und soziologischen Forschung in der Sowjetunion, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 1/1987, S. 6. 31) Hermann Bömer, Marxistische Autoren über globale Probleme, in: Dialektik 9, Köln 1984, S. 169. 32) W. Sagladin/I. Frolow, Globale Probleme der Gegenwart, Berlin 1982; M. Maximowa, Globale Probleme und Völkerfrieden, Moskau 1982. 33) Hellmuth Lange, Globale Probleme und Arbeiterbewegung, in: Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 6, Frankfurt/Main 1983, S. 434. 34) Vgl. dazu aus der neueren marxistischen Literatur der BRD, die zur Überwindung der theoretischen Defizite beigetragen hat: Edgar Gärtner, Arbeiterklasse und Ökologie, Frankfurt/M. 1979; Hans Heinz Holz, Grundsätzliches zu Naturverhältnis und ökologi- scher Krise, in: IMSF (Hg.), "... einen großen Hebel der Ge- schichte", Marxistische Studien, Sonderband I zum 100. Todestag von Karl Marx, Frankfurt/Main 1982, S. 155-171; ders. Histori- scher Materialismus und ökologische Krise, in: Dialektik 9, Köln 1984, S. 37; ders., Menschheit, Natur und gesellschaftlicher Fortschritt. Überlegungen zu Gegenwart und Zukunft, Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 9, II, Frankfurt/Main 1985, S. 46-60; Robert Steigerwald, Protestbewegung. Streitfragen und Gemeinsam- keiten, Frankfurt/Main 1982, S. 107-119. 35) Siehe Günter Klimaszewsky, Globale Probleme - ein internatio- nales und interdisziplinäres Forschungsvorhaben, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 1/84, S. 70 ff. 36) Iwan Frolow, Die Konzeption der globalen Probleme, in: Dia- lektik 9, Köln 1984, S. 53. 37) Siehe G.L. Simons, Die Fünfte Computer-Generation. Konzepte und Wege, München 1986. 38) Siehe Herbert Meyer, Computer und Gesellschaft, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 8/1985, S. 748. Vgl. auch Georg Klaus / Manfred Buhr (Hg.), Philosophisches Wörterbuch, Stichwort: In- telligenz, Leipzig 1975, S. 579 f: "Der Versuch, ... einen prin- zipiellen Unterschied zwischen dem intelligenten Verhalten des Menschen und den Leistungen elektronischer Rechenmaschinen zu ma- chen, hält der Kritik nicht stand. Es läßt sich zeigen, daß jede der angeführten Komponenten der Intelligenz grundsätzlich maschi- nell imitiert werden kann... Es besteht kein vernünftiger Grund, anzunehmen, daß Maschinen der Zukunft nicht in der Lage sein sollten, die höchsten menschlichen Denkleistungen zu vollbringen und zu übertreffen." Siehe ferner: Gero von Randow (Hg.), Das an- dere Computerbuch, Dortmund 1985, S. 67. 39) G.L. Smoljan, Sozialphilosophische Probleme der Computerisie- rung, in: Marxistische Blätter 5/1985, S. 42. 40) "Soll sich der Mensch gekränkt fühlen, wenn er die potenti- elle Überlegenheit des Computers über sein heutiges Denkvermögen sieht? Unseres Erachtens sollte er das nicht tun. Er sollte dar- aus vielmehr die nötigen Konsequenzen ziehen und sein Denkvermö- gen weit über das heutige Niveau hinaus entwickeln, um wieder Herr der Lage zu sein, der für den Computer die Programme auf- stellt." (Igor Bestushew-Lada, Die Welt im Jahr 2000. Eine sowje- tische Prognose für unsere Zukunft, Freiburg 1984, S. 109). 41) Ebd., S. 114. 42) G. Banse/H. Hörz, Wissenschaftliche Revolution - Schöpfertum - Verantwortung, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 8- 9/1984, S. 787. 43) I. Frolow / Galina Belkina, Kulturelle Aspekte der wissen- schaftlich-technischen Entwicklung, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 8/1985, S. 707. 44) Karin Zänker, Biologie - Technik - humanistische Verantwor- tung, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 5/1984, S. 453 (Hervorhebung A.v.P.). 45) Ebd., S. 455. 46) Robert Steigerwald, Forschung - Anwendung - Verantwortung, in: Marxistische Blätter 2/1986, S. 84; ders., Stellungnahme zur Ethik der Gentechnik, in: Widerspruch - Münchener Zeitschrift für Philosophie 1/86, S. 30 ff. 47) Igor Bestushew-Lada, a.a.O., S. Ulf. 48) Vgl. dazu die Diskussion zwischen Willi Gerns, Klaus Peters und Willi Mayer-Buer in: Marxistische Blätter 4 und 6/1986. zurück