Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 13/1987
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NEUE TECHNIK UND RATIONALISIERUNG VON ANGESTELLTENARBEIT
Ursula Schumm-Garling
1. Auf dem Weg in die Dienstleistungsgesellschaft? - 2. Zur Zu-
kunft der Angestelltenarbeit - 2.1 Der neue Rationalisierungstyp
- 2.2 Ende des Taylorismus? - 2.3 Qualifizierte Sachbearbeitung -
neue Technik und Intensivierungsstrategien - 2.4 Zunehmende Ver-
fügbarkeit der Arbeitskraft - 3. Rationalisierung und Angestell-
tenbewußtsein - 4. Klassengebundenheit sozialer Strukturverände-
rungen und neuer Technik - Ansatzpunkte für gewerkschaftliche
Orientierung von Angestellten
In der Diskussion um die Zukunft der Angestellten spielt die
Frage nach der Entwicklung der Dienstleistungsgesellschaft eine
zentrale Rolle. Waren bisherige kapitalistisch-industrielle Ge-
sellschaften in erster Linie gekennzeichnet von den sogenannten
sekundären Sektoren, d.h. der Industrieproduktion, und durch die
gewerkschaftlichen Organisationen als Interventionsmacht der Ar-
beiterschaft, so scheinen sich heutzutage zentrale Veränderungen
abzuzeichnen. Der Dienstleistungsbereich nimmt zu und damit die
Zahl der Angestellten. Über die Auswirkungen der Rationalisierung
auf ihre Arbeitssituation gibt es widersprüchliche Auffassungen.
Die Konsequenzen für Politik und gewerkschaftliche Angestellten-
arbeit werden lebhaft diskutiert. Im folgenden soll zu einigen in
diesem Zusammenhang wichtigen Fragestellungen und neueren Publi-
kationen Stellung genommen werden.
1. Auf dem Weg in die Dienstleistungsgesellschaft?
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Die Diskussion um die Zukunft der Angestellten hat eine gewisse
Tradition. Schon Mitte der 50er Jahre, als in sozialwissenschaft-
lichen Untersuchungen über die Folgen sektoraler Verschiebungen
für die ökonomische und gesellschaftliche Entwicklung diskutiert
wurde, verwiesen Autoren (wie z.B. Fourastie) auf die Angestell-
ten als eine immer bedeutender werdende Gruppe der Lohnabhängi-
gen. Nach diesen Auffassungen verlagern sich die Beschäftigungs-
schwerpunkte im Verlaufe der Industrialisierung vom primären
(Agrikultur) zum sekundären (industrielle Warenproduktion) und
anschließend zum tertiären Sektor, den Dienstleistungen. In die-
sem Bereich sind nahezu ausschließlich Angestellte beschäftigt.
Diese Entwicklung wird mit Zahlen belegt, aus denen hervorgeht,
daß in den Dienstleistungssektoren und den entsprechenden Berufen
die Zahl der Beschäftigten ständig steigt. Tiefgreifende Verände-
rungen der Arbeits- und Sozialverhältnisse liegen den Veränderun-
gen der Beschäftigungsstruktur zugrunde. Von Baethge und Oberbeck
wird dieser Prozeß folgendermaßen beschrieben: "Dem Wandel der
Beschäftigungsstruktur liegen säkulare, irreversible Vergesell-
schaftungsprozesse der Arbeits- und Verkehrsformen zugrunde, die
ein Resultat fortschreitender Industrialisierung sind und die
sich in einer Verallgemeinerung der Monetarisierung und Mediati-
sierung von Austauschbeziehungen sowie in einer flankierenden öf-
fentlichen Gewährleistung privater Daseinsvorsorge und privaten
Wirtschaftshandelns ausdrücken." 1) Folge dieses Prozesses ist,
daß die privaten und öffentlichen Dienstleistungsunternehmen wie
beispielsweise Banken, Versicherungen oder Handelsbetriebe sowie
auch die öffentlichen Verwaltungen und Sozialversicherungen stän-
dig wachsen.
Angesichts der Tatsache, daß der Expansion des Dienstleistungsbe-
reichs und zeitweilig auch dem Anwachsen der Zahl der hier Be-
schäftigten ein Rückgang der Beschäftigung im produzierenden Sek-
tor gegenübersteht, ist die These von der "spätbürgerlichen Ge-
sellschaft" (Spätkapitalismus) entwickelt worden. Sozialstruktu-
relle Verschiebungen zugunsten der Angestellten haben dazu ge-
führt, sich von Theorien zu verabschieden, die die Struktur kapi-
talistischer Klassengesellschaft vor allem an der Existenz einer
Arbeiterklasse festgemacht haben. Bei diesen sehr pauschal ge-
führten Diskussionen um Produktion versus Dienstleistung oder Ar-
beiter versus Angestellte und daraus abgeleiteten gesellschafts-
theoretischen Spekulationen werden die Arbeitsbedingungen und die
Stellung der Beschäftigten im Herstellungsprozeß von Produkten
wie Dienstleistungen zuwenig berücksichtigt. Das Paradigma der
Dienstleistungsgesellschaft liegt auch der These vom "Ende der
Arbeitsteilung" zugrunde.
Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, daß die Entwicklung zur
Dienstleistungsgesellschaft einer differenzierten Betrachtung be-
darf. Franz Josef Bade untersucht die Beschäftigungsexpansion im
Bereich der Dienstleistungen. Er vertritt folgende These: "Im
Mittelpunkt des Interesses steht die Beschäftigungsexpansion im
Bereich der Dienstleistungen. Ihre Zunahme kommt aber nicht al-
lein in dem sektoralen Strukturwandel, also in der Verschiebung
der Anteile einzelner Wirtschaftszweige zum Ausdruck. Noch stär-
ker ist die Entwicklung zur Dienstleistungsgesellschaft, wenn die
Tätigkeit der Beschäftigten - also die Art des Arbeitseinsatzes,
mit dem die Waren und Dienstleistungen hergestellt werden - zu-
grunde gelegt wird." 2) Aus diesem Grunde untersucht er nicht nur
sektorale, sondern auch funktionale Besonderheiten. Er unter-
scheidet Personen- und Konsumdienste, Dienstleistungen in der
Distribution und Dienstleistungen in der Produktion und der Fer-
tigung. Er unterteilt grob in haushaltsorientierte und produkti-
onsorientierte Dienste. Diese Differenzierung wird ergänzt durch
regionalspezifische Entwicklungen. Bade kommt zu dem Schluß, daß
die Produktionsdienste in den Verdichtungszentren den größten Zu-
wachs aufweisen. "Vergleicht man die einzelnen Agglomerationen
untereinander, so liegen die Kerne von Stuttgart, München und des
Rhein-Main-Gebietes eindeutig an der Spitze. Sie besaßen nicht
nur 1976 einen sehr hohen Anteil an Produktionsdiensten - rund
40% aller Beschäftigten waren in diesem Funktionsbereich tätig.
Auch ihre Zunahme gerade an den höherwertigen Produktionsdiensten
liegt weit über dem Durchschnitt, gemessen sowohl als Anteilszu-
wachs wie auch als Veränderungsrate der Beschäftigtenzahl.
Schließlich erreichen auch die Ränder die höchsten Anteils- und
Veränderungswerte (im Vergleich zu den übrigen Randgebieten) -
ein Zeichen dafür, daß inzwischen in diesen Agglomerationen, in
denen die Spezialisierung auf die höherwertigen Produktions-
dienste am weitesten fortgeschritten ist, der funktionale Struk-
turwandel auch auf Randgebiete übergreift." 3)
Daraus kann der Schluß gezogen werden, daß produktionsnahe
Dienstleistungen im besonderen Maße angestiegen sind. Die Um-
strukturierung der Beschäftigten im industriellen Sektor zugun-
sten technischer und kaufmännischer Funktionen übt auf den Zu-
wachs an Angestelltenarbeitsplätzen gesamtwirtschaftlich gesehen
dagegen nur wenig Einfluß aus. Bei der Differenzierung von funk-
tionaler und regionaler Betrachtung wird deutlich, daß das Wachs-
tum von Dienstleistungen nicht allein auf personen- und konsumo-
rientierte Dienste zurückgeführt werden kann. Von den 4,1 Mio.
Erwerbstätigen, um die sich der Dienstleistungsbereich zwischen
1961 und 1982 ausgedehnt hat, entfielen 1,9 Mio. auf Funktionsbe-
reiche, die zum großen Teil vom Staat angeboten werden, also z.B.
Bildung oder Gesundheit. Umfangreicher ist jedoch der Zuwachs in
den produktionsorientierten Diensten, die um 2,6 Mio. Erwerbstä-
tige zugenommen haben. "Bei diesen Dienstleistungen handelt es
sich um Aktivitäten, die der eigentlichen Produktion vor- und
nachgelagert sind und deshalb viel stärker über die einzelnen
Wirtschaftszweige gestreut sind. Verwaltungs- und technische
Funktionen werden zwar auch von Dienstleistungsunternehmen ange-
boten, zu einem erheblichen Teil aber werden sie innerhalb des
warenproduzierenden Gewerbes selbst durchgeführt. 1982 z.B. (...)
war ungefähr ein Drittel (30%) aller Personen, die Verwaltungs-
funktionen ausübten, im warenproduzierenden Gewerbe beschäftigt.
Von den Beschäftigten im technischen Dienst waren sogar zwei
Drittel (66%) in Unternehmen des sekundären Sektors tätig." 4)
Obwohl im warenproduzierenden Gewerbe zwischen 1961 und 1982 die
Zahl der Beschäftigten um rund 1,9 Mio. abgenommen hat, ist der
Umfang der Produktionsdienste in diesem Sektor um 800.000 Er-
werbstätige angestiegen. Damit trägt das warenproduzierende Ge-
werbe mit fast ein Drittel zum gesamten Zuwachs an Produktions-
diensten bei. Betrachtet man allein die technischen Dienste, dann
liegt der Beitrag sogar bei fast zwei Drittel. 5)
"So ist gerade in schrumpfenden Branchen mit starker internatio-
naler Konkurrenz wie in der Stahl- und Bekleidungs- oder Textil-
industrie häufig zu beobachten, daß Unternehmen die eigene Ferti-
gung einschränken und statt dessen Produkte der Konkurrenten
übernehmen. So gewinnt in diesen Unternehmen die Handelsfunktion
an Gewicht, auch wenn sie noch als Industriebetrieb eingestuft
werden." 6)
Die Umstrukturierung der abhängig Beschäftigten zugunsten von An-
gestelltentätigkeiten ist auch darauf zurückzuführen, daß der Ab-
bau von Arbeitsplätzen im Bereich der Arbeiter erheblich schnel-
ler vonstatten ging als im Bereich der Angestellten. Allerdings
hat sich dieser Trend seit 1980 nur noch verhalten fortgesetzt,
was nicht darauf zurückzuführen ist, daß im Angestelltenbereich
neue Arbeitsplätze geschaffen würden. "Die Gesamtzahl der Indu-
striebeschäftigten ging zurück, die der Arbeiter jedoch noch
stärker als die der Angestellten." 7) Metzner/Rohde vertreten die
These, daß gegenwärtig Tätigkeiten von Arbeitern nicht oder noch
nicht von eher theoretisch geschulten technischen Angestellten
übernommen werden können. Als Beweis weisen sie darauf hin, daß
nur in ganz wenigen Fällen im Fertigungsbereich Angestellte in
der Lage seien, die Produktion eine Zeitlang aufrechtzuerhalten,
wenn die Arbeiter ihre Mitwirkung verweigerten. Funktionen der
Prozeßüberwachung und der Instandhaltung verbleiben auch in hoch-
automatisierten Fertigungsbereichen in den Händen von Arbeitern.
8)
Es ist davon auszugehen, daß sich der Dienstleistungssektor in
Zukunft nicht in dem Maße ausdehnen wird wie in den vergangenen
20 Jahren. Bei einer differenzierten Betrachtung zeigt sich, daß
im Handel von 1970 bis 1980 die Zahl der Beschäftigten abgenommen
hat. Eine Zunahme an Arbeitsplätzen fand im privatwirtschaftli-
chen Dienstleistungsbereich bei Banken und Versicherungen statt
und bei privaten Dienstleistungen, wie z. B. bei der Wirtschafts-
und Rechtsberatung, den Architektur- oder Ingenieurbüros. Neue
Arbeitsplätze wurden in verschiedenen staatlichen Bereichen ge-
schaffen; rund 60 % der Zunahme an Arbeitsplätzen im Tertiärsek-
tor ist auf staatliche Nachfrage zurückzuführen. 9) Die Zunahme
der Arbeitsplätze in den Dienstleistungsbereichen hat nie ausge-
reicht, den Verlust an Arbeitsplätzen in der Produktion aus-
zugleichen. Insofern ist das Argument, Arbeitsplätze in der Pro-
duktion würden durch Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich sub-
stituiert, schon immer falsch gewesen.
Aufgrund verstärkter Rationalisierungsbemühungen in öffentlichen
und privaten Dienstleistungsbetrieben und aufgrund des Rückzuges
des Staates aus der Beschäftigungspolitik wird sich die Zunahme
der Arbeitsplätze im Dienstleistungsbetrieb in Zukunft nur noch
gebrochen fortsetzen. Diejenigen, die weder beim Staat noch in
der privaten Wirtschaft einen Arbeitsplatz erhalten, werden "ihre
Dienste" auf dem sogenannten freien Markt anbieten - vom Bröt-
chenaustragen bis zu Ingenieurbüros. Diese "privaten Unternehmen"
werden keine soziale Absicherung haben wie Beschäftigte in einem
normalen Arbeitsverhältnis. Die meisten von ihnen können aufgrund
der zunehmenden Konkurrenz auch keine längerfristige berufliche
Perspektive entwickeln. Generell gilt hier: In der Diskussion um
die Zukunft der Dienstleistungsgesellschaft und um die Zukunft
der Angestellten werden die angedeuteten Entwicklungstendenzen
der Arbeitsbedingungen zu wenig berücksichtigt. Dies zu tun ist
allerdings ein schwieriges Unterfangen, weil der Bereich der An-
gestelltenarbeit sehr breit gefächert ist und einer differenzier-
ten Betrachtung bedarf. Beispiele und Analysen sowie Konzepte der
Arbeitsbedingungen, ihrer Veränderung und der Konsequenzen für
die Beschäftigten werden im folgenden am Beispiel der Angestell-
ten in privaten Dienstleistungsbetrieben erläutert. Die Ausfüh-
rungen konzentrieren sich auf die Einführung computerunterstütz-
ter Sachbearbeitung. Mit der Einführung computerunterstützter
Sachbearbeitung werden zugleich Arbeitseinsatz und Arbeitsorgani-
sation verändert.
2. Zur Zukunft der Angestelltenarbeit
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Die Studie über die "Zukunft der Angestellten" von Baethge und
Oberbeck ist eingebunden in die Diskussion um die Dienstlei-
stungsgesellschaft. Die Autoren machen die Antwort auf die Frage,
inwiefern neue Technologien und berufliche Perspektiven von Ange-
stellten miteinander verbunden sind, von zwei Implikationen ab-
hängig: Erstens wird unterstellt, daß der bisherige Trend zu
Dienstleistungen anhält, und zweitens, daß die Nachfrage nach
Dienstleistungen und damit ihr Wachstum größer bleiben als deren
Rationalisierbarkeit. Bei der Beurteilung dieser Trends und Mög-
lichkeiten spielt sowohl der Gesichtspunkt eine Rolle, daß Lei-
stungen für eine bestimmte Klientel durch Rationalisierungsmaß-
nahmen ganz wegfallen oder sich durch Standardisierung verrin-
gern, als auch der andere Gesichtspunkt, wie die Rationalisierung
den Arbeitsprozeß der Beschäftigten verändert, die mit der Er-
bringung dieser Leistungen befaßt sind.
Im folgenden werden Wandlungen der Rationalisierung in den Büros
analysiert, die der These von der besonderen Rationalisierungsre-
sistenz der Dienstleistungsarbeit weitestgehend die empirische
Basis entziehen. In neuerer Zeit wird diese These beispielsweise
von Ulrike Berger 10) vertreten. Sie geht davon aus, daß im
Dienstleistungssektor ein im Vergleich zur industriellen Produk-
tion bedeutend geringeres Rationalisierungspotential vorhanden
sei, weil sich die spezifischen Dienstleistungstätigkeiten einem
weitgehenden Technikeinsatz widersetzen. "Effizienzorientierte
Rationalisierung, d.h. Organisierung und Technisierung ein/einer
Produktionsprozesse unter der Maxime, ihre Wirtschaftlichkeit zu
steigern, setzt sachliche und zeitliche Sicherheit voraus. Im
Maße, wie die Produktionsprozesse von Dienstleistungen mit Kom-
plexität und Unsicherheit zu tun haben, läuft die Orientierung am
Wirtschaftlichkeitsprinzip Gefahr, disfunktional zu werden." 11)
2.1 Der neue Rationalisierungstyp
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Traditionelle Formen der Rationalisierung von Verwaltungs- und
Dienstleistungstätigkeiten bestärken einmal die Trennung von aus-
führenden und dispositiven Tätigkeiten; zum anderen zielen sie
auf einzelne Funktions- oder Arbeitsabläufe. So werden vor allem
die ausführenden Tätigkeiten durch Einsatz von Technologien ra-
tionalisiert.
Mit der Einführung mikroelektronischer Datenverarbeitung, also
von Informations- und Kommunikationstechnologien, verändern sich
die Rationalisierungsstrategien grundlegend. "Systemische Ratio-
nalisierungsprozesse sind dadurch gekennzeichnet, daß unter Nut-
zung neuer, mikroelektronisch basierter Datenverarbeitungs- und
Kommunikationstechnik der betriebliche und überbetriebliche In-
formationsfluß, die Kommunikation über und die Kombination von
Daten, die Organisation der Betriebsabläufe und die Steuerung der
unterschiedlichen Funktionsbereiche in einer Verwaltung bzw. in
einem Unternehmen in einem Zug neu gestaltet werden." 12) Nach
Baethge/Oberbeck ist für die von ihnen so genannte "systemische"
Rationalisierung entscheidend, daß unter Berücksichtigung der Be-
sonderheit qualifizierter Angestelltenarbeit die Ebene der Sach-
bearbeitung, die auf die Organisierung von Markt- und Austausch-
prozessen gerichtet ist, in den Griff zu bekommen sein muß; Ziel
der systemischen Rationalisierung ist die Antizipation von Mark-
tentwicklungen und - soweit möglich - die Erhöhung der Kapazitä-
ten zur Marktsteuerung. Sekundär erscheinen demgegenüber die Wei-
terentwicklung und der Einsatz neuer Technologien zur Kompensa-
tion menschlicher Arbeit. Wurden - so konstatieren Bae-
thge/Oberbeck - die bisherigen Rationalisierungsmaßnahmen eher
von unten und vom Arbeitsmittel her, also auf die einzelne Funk-
tion hin bezogen durchgeführt, so werden die systemischen Ratio-
nalisierungskonzepte eher von oben unter Einbeziehung der ge-
samten Funktionen eingeführt.
Die technischen Rationalisierungspotentiale, die durch die neuen
Informations- und Kommunikationstechnologien vorhanden sind und
weiterentwickelt werden, können in verschiedener Weise zur Verän-
derung der Angestelltenarbeit genutzt werden. So ist schon heute
technisch die vollständige Automatisierung einzelner Funktionsab-
läufe denkbar. Ebenso ist es möglich, die Datenverarbeitung als
bloßes Auskunftssystem zu verwenden (computerunterstützte Sachbe-
arbeitung) oder als Steuerungssystem ganzer Arbeitsprozesse
(computergesteuerte Vorgangssachbearbeitung). Bei der Wahl von
konkreten Technikeinsatzkonzepten und der Auswahl von Rationali-
sierungspotentialen lassen sich die Unternehmen - so eine zen-
trale These von Baethge/Oberbeck - von der Antizipation der Ra-
tionalisierungsfolgen für die Gestaltung der Markt- und Kundenbe-
ziehungen leiten. Anstöße für eine Zunahme der betrieblichen Ra-
tionalisierungsmaßnahmen, wie sie von Baethge und Oberbeck ge-
schildert werden, kommen eindeutig aus äußeren Veränderungen der
Verwertungsbedingungen. Sie resultieren aus der Einsicht, daß die
Marktantizipation und die Marktsteuerung optimiert werden müssen.
2.2 Ende des Taylorismus?
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Im Zusammenhang mit der systemischen Rationalisierung wird von
Baethge/Oberbeck auch von einem Richtungswechsel in der Arbeits-
organisation gesprochen. Ein Problem, das sich generell durch die
Diskussion um die Analyse und die Perspektiven von Arbeitsbedin-
gungen zieht, ist die Frage, ob diese Entwicklung nach wie vor
durch die von Taylor entwickelten Prinzipien des Scientific-Mana-
gement gekennzeichnet ist, oder ob eine geradezu antitayloristi-
sche Entwicklung in Zukunft die Arbeitsbedingungen bestimmen
wird.
Der Begriff des Taylorismus steht für Ausformungen der Arbeitsor-
ganisation, deren Kennzeichen in der Ablösung des Wissens der Ar-
beiter vom Produktionsprozeß, in verschärfter Kontrolle und Ar-
beitsintensivierung, d. h. im Ersetzen lebendiger Arbeit durch
Maschinenarbeit und in Differenzierungsprozessen der Arbeitstei-
lung zu sehen sind. Baethge/Oberbeck sprechen von der
"Entmythologisierung" geistiger Arbeit. Danach können sich mit
dem Einsatz neuer Technologien "eine Aufgabenerweiterung und/oder
Erhöhung der Komplexität oder des Schwierigkeitsgrades der Aufga-
benzumessung" ergeben. 13) Darin erschöpfen sich die Veränderun-
gen nach ihrer Auffassung jedoch nicht. "Das unauflösbar und en-
ger werdende Zusammenspiel von forciertem Technologieeinsatz und
Modifikationen in den Geschäftspolitiken führt langfristig zu ei-
nem qualifikatorisch folgenreichen Wandel im Habitus, im alltäg-
lichen Verhaltensstil in der Dienstleistungsarbeit." 14)
Folgenreich ist dieser Wandel deswegen, weil eine Verhaltenssti-
länderung in der Dienstleistung mit einer veränderten Geschäfts-
politik verbunden ist, "die sich stichwortartig mit höherer Ag-
gressivität am Markt und Radikalisierung des innerbetrieblichen
Ertragsdenkens umreißen läßt". 15) Ergänzt werden diese veränder-
ten Anforderungen durch einen neuen Arbeitshabitus, der aus dem
Umgang mit neuen Technologien entsteht. "Die Interaktion mit dem
EDV-System verlangt demgegenüber einen Arbeitsstil, der durch
eine Verbindung von Reaktionsschnelligkeit, Abstraktionsfähig-
keit, Konzentrationsfähigkeit und Genauigkeit gekennzeichnet
ist." 16) Fachliche und inhaltliche Anforderungen treten dement-
sprechend in den Hintergrund. Rationalisierungsstrategien sind
geradezu darauf angelegt, diese Qualifikationen von den Beschäf-
tigten abzulösen; die Angestelltenarbeit wird für die Unterneh-
mensleitungen verfügbarer, und die Angestellten werden zunehmend
austauschbar. Das Scientific-Management umfaßt nicht nur die
Trennung von ausführenden und dispositiven Aufgaben, sondern auch
die Ablösung des Wissens der Arbeiter bzw. hier der Angestellten
vom Arbeitsprozeß. Bei den Banken geschieht dies z.B. dadurch,
daß geschäftspolitische Aufgaben an zentrale Stäbe delegiert wer-
den, oder durch den Aufbau von Informationssystemen, mit deren
Hilfe Daten von Kunden und von Personal als Wissen auf der Mana-
gementebene zentralisiert werden. 17) Das ist auch das Ergebnis
der Recherche von Baethge/Oberbeck. Dazu zwei Beispiele: "Faßt
man das Verhältnis von Zentralisierung und Dezentralisierung be-
trieblicher Entscheidungsstrukturen nicht nur als Verhältnis for-
maler Kompetenzverteilung, sondern in der Perspektive prozessua-
ler Teilhabe an und Kontrolle von unternehmensstrategischen und
geschäftspolitischen Entscheidungsprozessen, so ist heute bereits
deutlich erkennbar, daß die Unternehmensleitungen ihre Steue-
rungspotentiale in den Unternehmen auf der Basis von integrierten
EDV-Systemen haben ausbauen können. Die Möglichkeiten, Arbeits-
prozesse in den Fachabteilungen entlang festgelegter unternehmen-
spolitischer Handlungsoptionen am Markt zentral steuern zu kön-
nen, sind aus der Perspektive der Unternehmensleitungen größer
geworden, d.h., sie haben ihre innerbetriebliche Machtposition
gegenüber den Fachabteilungen stärken können." 18)
Auch an einer anderen Stelle betonen Baethge und Oberbeck, daß
als die markanteste Neuerung innerbetrieblicher Machtverhältnisse
die nunmehr in nahezu allen Dienstleistungsunternehmen zu beob-
achtende Herauslösung von Leitungs- und Planungsfunktionen aus
den Fachabteilungen zu bezeichnen sei. Der Technikeinsatz, so muß
interpretiert werden, hat dazu geführt, daß stärker als bisher
Kompetenzen an den Führungsspitzen konzentriert werden. Betrieb-
liche Herrschaft und Wissen lassen sich nicht mehr voneinander
trennen: Die Herrschaft durch Informationen einerseits und die
Bereitstellung der Informationen an die Herrschenden bedingen
sich wechselseitig und schließen andere systematisch aus diesem
Prozeß aus.
2.3 Qualifizierte Sachbearbeitung -
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neue Technik und Intensivierungsstrategien
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Interpretiert man die verschiedenen Ergebnisse der Untersuchung
von Baethge/Oberbeck zur Rationalisierungsentwicklung, so ist
nicht eindeutig ausgemacht, in welche Richtung diese tendieren.
Dies gilt besonders für die qualifizierten Sachbearbeiter. Wäh-
rend für die ausführenden Sachbearbeiter ebenso wie für alle
Hilfs- und Routinetätigkeiten festzustehen scheint, daß entweder
ihr völliger Wegfall droht oder Reste von qualifizierten Funktio-
nen auf EDV-Systeme übertragen werden, so verhält sich dies auf
nähere Sicht für die qualifizierten Sachbearbeitertätigkeiten an-
ders. Für diese Gruppe von Beschäftigten stellt sich die Entwick-
lung nach bisher vorliegenden Erkenntnissen widersprüchlich dar.
19) Beispielsweise im Bankenbereich haben sich durch technische
und organisatorische Veränderungen für die Kundenberater oder
Kreditsachbearbeiter erhöhte Anforderungen an ihre Qualifikation
ergeben. Gerade diese Gruppen werden auch herangezogen, wenn es
darum geht, die These vom Abschied vom Taylorismus zu begründen.
So trifft es zu, daß für die einfachen dispositiven Sachbearbei-
ter, also beispielsweise für Universalkundenberater in Banken,
sich Verbesserungen der Arbeitssituation ergeben können. Zu nen-
nen ist hier die Zunahme kognitiver Anforderungen durch erhöhte
Fachkenntnisse; außerdem wachsen fachübergreifende Anforderungen
wie z.B. Initiative, Flexibilität, Innovationsfähigkeit oder Ab-
straktionsfähigkeit. Die Lernchancen im Arbeitsprozeß werden aus-
geweitet. Diese Sachbearbeiter können in der Unternehmenshierar-
chie aufsteigen und damit in der Regel Verbesserungen ihrer Be-
zahlung oder eine höhere tarifliche Eingruppierung durchsetzen.
Außerdem vergrößern sich ihre Arbeitsplatzsicherheit und Auf-
stiegschancen sowie außerbetrieblichen Mobilitätsmöglichkeiten.
Aber schon heute wird deutlich, daß diese positiven Momente im
Zuge von verstärkten, nach innen und außen gerichteten Intensi-
vierungsstrategien bedroht sein können. So werden Funktionen iso-
liert und von zentralisierten Stabsabteilungen übernommen. Die
maschinelle Bearbeitung wird ausgeweitet, so z.B. durch computer-
unterstützte Beratungsprogramme. Rationalisierungseffekte werden
weiterhin erreicht durch eine fortschreitende Standardisierung
der Verkaufsangebote, eine zunehmende Differenzierung der Kunden-
gruppen, die Abspaltung des qualitativen Wertpapiergeschäfts vom
einfachen Geschäft sowie durch vermehrte Vergabe von Verkaufs-
schwerpunkten.
Auch für den Arbeitsbereich der spezialisierten dispositiven
Sachbearbeiter zielt der Technikeinsatz primär darauf, die Kun-
denbeziehungen zu intensivieren und das Geschäft zu erweitern.
Das Terminal wird hauptsächlich zur Abfrage von Daten und Infor-
mationen z. B. aus Kunden- und Wertpapierinformationssystemen
oder zu verschiedenen Berechnungen herangezogen. Da z.B. vor al-
lem in Sparkassen und Genossenschaftsbanken, im gehobenen Wertpa-
piergeschäft und im Auslandsgeschäft noch Expansionsmöglichkeiten
gesehen und angestrebt werden, ist mittelfristig ein Personalzu-
wachs in diesem Bereich zu erwarten, so daß diese Beschäftigten-
gruppen für die nähere Zukunft keine Problemgruppen des Arbeits-
marktes darstellen.
Obwohl die betriebliche Stellung dieser Sachbearbeiter viele Vor-
teile aufweist, werden infolge von betrieblichen Intensivierungs-
strategien auch für spezialisierte dispositive Sachbearbeiter
spezifische Problembereiche sichtbar. Dazu gehören: eine erhöhte
Arbeitsintensivierung, zunehmende Vorbestimmung der Arbeitslei-
stung und zunehmende Orientierung auf aktiven Verkauf sowie die
Vorgabe von Leistungszielen, erhöhte Transparenz des Arbeitshan-
delns, verstärkte Kontrolle der Ergebnisse als Folge der Zentra-
lisierung und Maschinisierung von Fach- und Kundeninformationen
sowie der Vergleich und die Kontrolle von Verkaufs- und Lei-
stungsergebnissen.
Die Konzentration auf qualifizierte Spezialaufgaben kann nicht
nur als Vorteil für die Beschäftigten interpretiert werden. Die
organisatorische und technische Entwicklung verstärkt Tendenzen,
qualifizierte Tätigkeiten zu konzentrieren, und zwar durch Orien-
tierung auf den aktiven Verkauf und die Segmentierung von Kunden-
gruppen. Dies setzt eine permanent hohe Konzentration und hohe
Anforderungen im kognitiven und intellektuellen Bereich voraus.
Die Intensivierung ist eine weitere herausragende Komponente der
Rationalisierung auch bei den Tätigkeiten von Angestellten. Die
Arbeitsintensivierung wird dadurch vorangetrieben, daß Routinetä-
tigkeiten auf EDV übertragen und die Sachbearbeiter so zwar ei-
nerseits entlastet, andererseits aber intensiver für ein brei-
teres Aufgabenspektrum oder für andere anspruchsvolle Tätigkeiten
eingesetzt werden. Gerade weil Routinetätigkeiten im Zusammenhang
mit dispositiver Sachbearbeitung stehen, muß in Zukunft hier ge-
nauer untersucht werden, inwiefern Routine nicht auch Entlastung
bedeutet. Routine kann auch ein Teil der Qualifikation darstel-
len. Dafür, daß die Rationalisierungsstrategien auf Arbeitsinten-
sivierung gerichtet sind, spricht auch der empirische Befund, daß
die zu bearbeitenden Fallzahlen in der Regel steigen.
Um die vornehmlich aus qualitativer wie quantitativer Überforde-
rung resultierenden Risikomomente zu verringern, bietet es sich
an, die Aufgaben der spezialisierten dispositiven Sachbearbeiter
in andere dispositive und ausführende Aufgabenbereiche zu reinte-
grieren. Befürchtungen einer allgemeinen Abwertung der Funktionen
der spezialisierten dispositiven Sachbearbeiter würden nur dann
zutreffen, wenn die Beschäftigten keine neuen qualitativ an-
spruchsvollen Tätigkeiten übertragen bekommen. Diese können bei
der Bildung von Arbeitsgruppen beispielsweise aus der Dezentrali-
sierung von bereichs- und unternehmensbezogenen Planungs-, Steue-
rungs- und Koordinierungsaufgaben erwachsen.
2.4 Zunehmende Verfügbarkeit der Arbeitskraft
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Der Gesichtspunkt der Kontrolle und der zunehmenden Transparenz
des Arbeitsprozesses wird in allen empirischen Untersuchungen als
besondere Gefahr hervorgehoben. Baethge/Oberbeck sprechen gera-
dezu von einem epochalen Wandel, der sich in bezug auf die Kon-
trolle vollzogen hat, nämlich dadurch, "daß durch die neue EDV-
Technologie nicht nur das A r b e i t s e r g e b n i s schnel-
ler, sondern vor allem auch der Arbeits a b b l a u f fast lüc-
kenlos in seinen einzelnen Schritten transparent wird". 20)
Die Argumente, die demgegenüber gegen eine tayloristische Inter-
pretation eingewendet werden, beziehen sich auf verschiedene Ebe-
nen. Eine Ebene ist die Auseinandersetzung um die Frage, ob es
sich bei der Angestelltenarbeit im Gegensatz zu Tätigkeiten der
Arbeiter um geistige Arbeit handelt. In dieser Schärfe hat der
Gegensatz von geistiger und körperlicher Arbeit auch in früheren
Zeiten jedoch nicht bestanden. Aufgrund der Arbeitssituation und
der Tätigkeitsinhalte konnten Arbeiter und Angestellte systema-
tisch noch nie voneinander getrennt werden. Aus der These, daß
sich die Arbeitsbedingungen weiterhin nach tayloristischen Prin-
zipien entwickeln, kann nicht geschlossen werden, die Angestell-
ten würden sich auch in ihren Bewußtseinsstrukturen der Arbeiter-
schaft angleichen. Das Argument von der Exklusivität der Kopfar-
beit hatte schon immer auch ideologischen Charakter. Bedrohungen
wie Arbeitsplatzverlust oder Entqualifizierung machen aus den An-
gestellten noch keine klassenbewußten Proletarier.
Die Entwicklungsdynamik der Arbeit im Angestelltenbereich trifft
auf andere Voraussetzungen als im Produktionsbereich. Selbst wenn
die Arbeitsbedingungen bei den Angestellten sich tendenziell den-
jenigen der Arbeiter im Produktionsbereich angleichen (und umge-
kehrt), entsteht nicht automatisch ein Handlungsdruck in Richtung
auf gewerkschaftliche Organisierung und kollektive Gegenwehr. Ob-
jektive und subjektive Voraussetzungen unterscheiden sich erheb-
lich. So werden bei der Rationalisierung der Verwaltungsarbeit
Stufen der Mechanisierung übersprungen, die im Produktionsbereich
vollzogen worden sind. Das heißt, die Erfahrungen der Angestell-
ten mit Rationalisierung sind bei weitem nicht so ausgeprägt wie
die Erfahrungen der Arbeiter.
Ein zweiter Gesichtspunkt ist die vieldiskutierte Bewußtseinslage
der Angestellten. Hier lautet die allgemeine These, das traditio-
nelle Bewußtsein von Angestellten sei dadurch gekennzeichnet, daß
sie an individueller Qualifizierung und Leistung orientiert sind.
Ihre Lebensperspektive liege im beruflichen Aufstieg. Auftretende
Konflikte würden individuell verarbeitet und personalisiert. Ent-
sprechend dieser Auffassung müssen die Probleme auch individuell
gelöst werden.
Die Begründungen für einen Richtungswechsel in der Arbeitsorgani-
sation - also der Aufgabenerweiterung, einer Veränderung des Ha-
bitus und des Verhaltensstils von Angestellten und einer Qualifi-
kationsentwicklung, die durch Reaktionsschnelligkeit, Abstrakti-
onsfähigkeit und Konzentrationsfähigkeit gekennzeichnet ist - wi-
dersprechen andere Resultate, die Baethge/Oberbeck in ihrer Un-
tersuchung anführen. So verweisen sie auf die Zentralisierung von
Informationen, auf verstärkte Kontrolle und auf Arbeitsintensi-
vierung. Letztlich bleibt ein Vertrauen darauf, daß geistige Ar-
beit im Grunde doch nicht computerisierbar sei. So nehmen sich
die Begründungen für das Ende der Arbeitsteilung vergleichsweise
hilflos aus, wenn beispielsweise gefragt wird: "Was ... bliebe
von gedanklicher Arbeit eigentlich übrig, wenn man sie immer wei-
ter zerlegte?" 21) oder wenn die Hoffnung darauf gelegt wird, daß
eine strikte Technisierung sich in den marktbezogenen Fachabtei-
lungen u.U. sogar kontraproduktiv zu spezifischen geschäftspoli-
tischen Zielen verhalten könnte. "Noch wirkt jedenfalls der fach-
lich versierte und von Computeraussagen unabhängige kaufmännische
Berater vertrauenswürdiger als ein durch Programmsteuerung zum
bloßen Verbalisierer von Systementscheidungen degradierter Sach-
bearbeiter." 22) Rationalisierungsprozesse wären nach der Konzep-
tion von Baethge/Oberbeck nicht durch innerbetriebliche Interes-
sen und Strukturen bestimmt, sondern ausschließlich durch
Marktanforderungen und Kundeninteressen.
Schließlich erweist sich die These von der Höherqualifizierung
bestenfalls als Ausdruck einer für gegenwärtige Zeiträume auf-
rechtzuerhaltenden Notwendigkeit, um gerade die systemische Ra-
tionalisierung des Arbeitsprozesses voranzutreiben. Die systemi-
sche Rationalisierung umfaßt nicht nur den gesamten Arbeitsprozeß
in seiner traditionell-tayloristischen Form, sondern sie bezieht
sich auch auf die zusammengefaßten und kognitiven Aufgaben. Damit
tun sich neue Horizonte der Rationalisierung auf: Die Verfügung
über die Arbeitskräfte - auch die Angestellten - vergrößert sich
zusehends.
3. Rationalisierung und Angestelltenbewußtsein
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Die subjektive Verarbeitung der Rationalisierung und ihrer Folgen
ist im Angestelltenbereich nur zu einem geringen Teil aufgearbei-
tet. Es ist wichtig dabei zu beachten, daß die Vielfalt der be-
ruflichen Ausgangslagen berücksichtigt und nicht vorschnell all-
gemeine Tendenzaussagen abgeleitet werden. Ulf Kadritzke vertritt
die These, daß die individuelle Grundausstattung des einzelnen
Angestellten sehr weitgehend darüber entscheidet, wie Rationali-
sierungsmaßnahmen einer konkreten Arbeitssituation empfunden wer-
den und welche beruflichen Perspektiven daran geknüpft sind.
"In dieser genauen Rekonstruktion, die spezifische Ausprägungen
des Rationalisierungsprozesses nicht vorschnell in allgemeinen
Tendenzaussagen beerdigt, wird gegenüber den Meinungsumfragen die
Vielfalt der beruflichen A u s g a n g s l a g e n deutlich, in
die betriebliche Rationalisierungsmaßnahmen folgenreich eingrei-
fen. Damit entscheidet - und das wird für die Entwicklungsformen
des Bewußtseins von Bedeutung sein - die persönliche berufliche
'Grundausstattung' der einzelnen Angestellten, das fachliche Ni-
veau und der Zuschnitt ihrer Qualifikation ein gutes Stück weit
darüber, in welchem Maße ihre konkrete Tätigkeit, ihre Position
und Berufsperspektive durch betriebliche Veränderungen aufgewer-
tet oder degradiert, verschont oder weitgehend erfaßt wird." 23)
Mit dieser auf einer objektiven Basis beruhenden Individualisie-
rung haben sich die Gewerkschaften auseinanderzusetzen. Diese
Entwicklung gilt nicht nur für Angestellte, sondern auch für Ar-
beiter in den Produktionsbereichen. Nach Ergebnissen von Bae-
thge/Oberbeck ist gerade diese berufliche Orientierung für Teile
der Angestellten in Frage gestellt. Das Bewußtsein von Angestell-
ten ist, bezogen auf die Wahrnehmung von Veränderungen der Ar-
beitssituation, stark durch die realen Erfahrungen geprägt. Für
die Mehrzahl der qualifizierten Sachbearbeiter in Banken und Ver-
sicherungen gilt, daß bisher Ängste vor Arbeitslosigkeit kaum
ausgeprägt vorhanden sind - anders als bei Arbeitern oder Ange-
stellten, die einfache Arbeiten verrichten und die in der Vergan-
genheit auch von Entlassungen betroffen wurden. Die Arbeitsmarkt-
situation und das Risiko des Arbeitsplatzverlustes gerät bei bis-
her in qualifizierten Berufen beschäftigten Angestellten weniger
in den Blick.
Nach wie vor ungebrochen, so stellen Baethge/Oberbeck fest, ist
die Orientierung auf beruflichen Aufstieg und Karriere als we-
sentlicher Bestandteil des beruflichen Selbstverständnisses der
Angestellten. "Nach unseren Gesprächen mit den Angestellten be-
sitzt das, zumindest dem männlichen qualifizierten Angestellten
seit langem nachgesagte Berufsbewußtsein, das in einem individu-
ellen Leistungs- und Karrieredenken mit stark arbeitsinhaltlich
geprägten Zügen und einer hohen Identifikation mit dem Unterneh-
men sein Zentrum hat (...), in seiner normativen Kraft ein selt-
sam stabiles Beharrungsvermögen. Allenfalls die Loyalitätsbindung
an das Unternehmen beginnt sich zu lockern." 24) Die Aufstiegs-
und Karriereerwartungen sind jedoch nicht illusionär, sondern die
Angestellten entwickeln Perspektiven, die sich auf ihre konkreten
Möglichkeiten beziehen. Sie orientieren sich an einem größeren
Aufgabenspektrum, an mehr Selbständigkeit und an einem angese-
henen betrieblichen Status. Bei der Frage, ob die Angestellten
bereit sind, mehr Verantwortung zu übernehmen, antworten immerhin
70% der Frauen und 85% der Männer mit "Ja". Bei näherer Betrach-
tung zeigt sich, daß vor allem die kaufmännischen Angestellten
damit eine Auffassung von Arbeit verbinden, die es ihnen gestat-
tet, fachlich qualifizierte und inhaltsreiche Aufgaben zu bear-
beiten und sich mit ihnen zu identifizieren. In der Arbeit wollen
die Angestellten ihre Fähigkeiten und ihre Persönlichkeit wei-
terentwickeln.
Vor dem Hintergrund dieser Orientierung auf inhaltsreiche und an-
spruchsvolle Arbeit und der ungebrochen vorhandenen Aufstiegser-
wartungen werden betriebliche Rationalisierungsmaßnahmen und die
Einführung von EDV interpretiert. So ausgeprägt die Hoffnungen
des beruflichen Aufstiegs sind, so skeptisch werden deren Reali-
sierungschancen eingeschätzt. Insbesondere die Frauen beurteilen
die Chancen ihres beruflichen Fortkommens sehr skeptisch. Diese
Einschätzung der weiblichen Angestellten, vor allem in Kreditin-
stituten und Versicherungen, beruht offensichtlich auf realen Er-
fahrungen. Sie haben häufig hierarchisch untergeordnete Sachbear-
beiterpositionen mit geringen Entscheidungskompetenzen und Quali-
fikationsanforderungen. Die Aufstiegschancen sind entweder aus
Gründen der formalen Qualifikation (z.B. der beruflichen Weiter-
bildung) oder durch die Personalpolitik, Vorgesetztenpositionen
mit Männern zu besetzen, blockiert.
Die Identifikation mit der Arbeit beruht auf der Vorstellung, er-
worbenes Wissen und gesammelte Erfahrungen, die aufgrund betrieb-
licher Besonderheiten und individueller Arbeitsstile entwickelt
und geprägt sind, wären weder durch eine andere Arbeitskraft und
schon gar nicht durch Computer zu ersetzen. Diese Auffassung ver-
schaffte den Angestellten in der Vergangenheit eine relativ
starke innerbetriebliche Verhandlungsposition.
Viele Angestellte erleben nun den Einsatz neuer Technologien und
organisatorischer Rationalisierungsmaßnahmen als Bedrohung ihrer
betrieblichen Stellung. Insbesondere bei den Arbeitsplätzen, an
denen vielfältige Funktionen durch den EDV-Einsatz übernommen und
die in ein zentralisiertes System eingebunden werden, beurteilen
die Angestellten sich selbst als leicht zu ersetzende Arbeits-
kräfte. Der Verlust der Fachqualifikationen durch organisatori-
sche und technische Rationalisierung führt zur Befürchtung, den
Expertenstatus einzubüßen. So ist beispielsweise durch die Stan-
dardisierung der Korrespondenz (Textbausteine) der Sachbearbeiter
um eine wesentliche Dimension seines Arbeitshandelns beraubt wor-
den. Durch solche Vorgaben wird die Arbeit standardisiert, scha-
blonenhafter, und Entscheidungs- und Handlungsspielräume werden
beschnitten.
Die Berufsfachlichkeit, der individuelle Arbeitsstil und die hohe
Bewertung geistiger Arbeit - für große Teile der Angestellten
schon immer Ideologie - verlieren damit zunehmend an realer Ba-
sis. Die Individualität im Arbeitsprozeß als Moment der Berufsi-
deologie der Angestellten gilt heute nur noch für eine begrenzte
Minderheit. Mit dem Schwinden dieser objektiven Grundlage bleibt
die Frage, welche Entwicklungen die Berufsideologie der Ange-
stellten in Zukunft nehmen wird. Die als "Arbeitsorientierung"
charakterisierten Bedürfnisse der Angestellten können aufgegrif-
fen und als Forderungen an die Gestaltung der Arbeit gewerk-
schaftlich genutzt werden. Solange der Anspruch an Beruflichkeit
und Entfaltung der Persönlichkeit von den Angestellten auf-
rechterhalten bleibt, so lange können diese Ansprüche nicht durch
Arbeitsmotivations- und Managementstrategien eingelöst werden.
Die Überprüfung solcher Motivationsstrategien in der Realität
zeigt in der Regel, daß keine realen Verbesserungen der Arbeits-
gestaltung und der Stellung der Angestellten in der Hierarchie
mit ihrer Einführung verbunden sind.
4. Klassengebundenheit sozialer Strukturveränderungen
-----------------------------------------------------
und neuer Technik - Ansatzpunkte für gewerkschaftliche
------------------------------------------------------
Orientierung von Angestellten
-----------------------------
Der Topos "Dienstleistungsgesellschaft" legt den Eindruck nahe,
es gehe bei ihrer Herausbildung in erster Linie darum, individu-
elle oder gesellschaftliche Problemlagen durch Hilfen zu mildern
oder abzuschaffen. Die Analyse der mit der Ausweitung der
"Dienste" verbundenen Veränderungen der Arbeitsprozesse macht je-
doch deutlich, daß dies keineswegs der Fall ist. Sogenannte Ser-
viceleistungen wie die persönliche Bedienung beim Einkaufen oder
der Schaffner in der Straßenbahn werden wegrationalisiert. Die
Organisationsformen der Dienstleistungsgesellschaft drücken sich
vielmehr darin aus, daß in den Betrieben die unterschiedlichsten
Abteilungen oder Funktionen als Dienstleistungen definiert wer-
den, wie beispielsweise die EDV-Abteilung, die Reparatur- oder
Instandhaltung, Hausdruckereien, Werkstätten zur Betreuung von
Elektroinstallationen oder Forschungsabteilungen, Laboratorien
etc. Völlig willkürlich werden solche Differenzierungen bei Rei-
nigungsarbeiten oder Kantinentätigkeiten, bei Fahrern, Portiers,
Pförtnern oder der Bewachung von Betrieben. Sobald sie als Lei-
stung von außen in Anspruch genommen werden, gelten sie als
Dienstleistungsarbeiten, sonst fallen sie in den Bereich der ge-
werblichen Arbeit.
Aus dem Labyrinth der konkreten Vielfalt der Einzelphänomene im
gesamten Bereich der Dienstleistungstätigkeiten unterschiedlich-
ster Art gelangt man erst dann, wenn man die gesellschaftliche
Formbestimmtheit der kapitalistischen und industriellen Struktur
aller organisierten Arbeitsbereiche ins Auge faßt. Gesellschaft-
liche Strukturveränderungen, wie sie mit der Ausweitung der Ange-
stelltenarbeit verbunden sind, setzen nicht die Logik kapitali-
stischer Vergesellschaftung außer Kraft. Die Kapitalisierung und
Kommerzialisierung großer Bereiche außerhalb der materiellen Pro-
duktionssphäre bewirken Form- und Strukturveränderungen, denen
kaufmännische, technische oder wissenschaftliche Arbeiten unter-
worfen werden. Wenn auch die umfassende und systematische, d.h.
die ökonomisch durchstrukturierte und technisch geformte Rationa-
lisierung kaufmännischer und technischer Tätigkeiten noch relativ
neu ist, so ist doch deutlich geworden, daß sogenannte geistige
Arbeiten industrialisierbar geworden sind. Ihre Durchrationali-
sierung erfolgt einerseits nach Vorgaben aus der erprobten Ratio-
nalisierung materieller Produktionsprozesse, andererseits unter
Berücksichtigung des grundlegenden Unterschieds zwischen materi-
ellen Produkten, wie Autos oder Kühlschränken, auf der einen
Seite und Informationen und Wissen auf der anderen. Das Muster,
Informationen zu gewinnen, zu verarbeiten und zu speichern, ent-
spricht dem der materiellen Güterproduktion. Gleichzeitig wird
deutlich, daß sich Informationen als immaterielle Güter durch
einen Grad an Abstraktion auszeichnen, der beispielsweise ihre
beliebig häufige Wiederverwertbarkeit zuläßt. Die Differenzierung
liegt also eindeutig auf der stofflichen Seite.
Wir haben es also mit einer Situation zu tun, in der die kapita-
listische Industrialisierung und Vergesellschaftung der Arbeit
rasch voranschreitet, ein Schlüsselgesichtspunkt gerade für die
Entwicklung gewerkschaftlicher Angestelltenpolitik in Auseinan-
dersetzung mit dem neuen Rationalisierungstyp 25); aber zugleich
werden die sozialen Klassen mancherorts theoretisch wegdefiniert,
so daß beispielsweise in der Individualisierung der sogenannten
Risikogesellschaft sich die Klassenstrukturen verlieren. 26) Ein
wesentliches Merkmal der gegenwärtigen Periode des Kapitalismus
ist der beschleunigte Umschlag beruflichen Wissens und berufli-
cher Fähigkeiten. Maxime des Handels ist, daß jeder einzelne für
die Aufrechterhaltung bzw. Erneuerung seiner Arbeitskraft indivi-
duell verantwortlich ist. Das hat in der Tat Auswirkungen auf ge-
sellschaftlich bedingte Individuierung und Vereinzelung. Dies be-
deutet jedoch nicht, daß die Überwindung von Klassenverhältnissen
vorangeschritten ist, sondern ist deren historisch spezifischer
Ausdruck.
Der gegenwärtige Stand der Entwicklung der kapitalistischen Indu-
striegesellschaft, der durch die Industrialisierung immaterieller
Produktionsprozesse und durch die Verwissenschaftlichung von Ar-
beits- und Lebensprozessen gekennzeichnet ist, hat auch den ge-
sellschaftlichen Strukturkonflikt zwischen Kapital und Arbeit
nicht unberührt gelassen. Er ist abstrakter, undurchschaubarer
und weniger faßbar geworden. In vieler Hinsicht scheint er sich
durch diese Differenziertheit seiner Substanz dem theoretischen
Zugriff zu entziehen.
Es gibt im Rahmen und Umfeld der Arbeiterklasse immer weniger An-
satzpunkte für die Abgrenzung zwischen Arbeitern und Angestell-
ten. Bedeutend sind gegenüber diesen arbeitsrechtlichen Abgren-
zungen nach wie vor die Unterschiede in den Einkommenniveaus und
damit den Lebenschancen. Wird zusätzlich berücksichtigt, unter
welchen konkreten Arbeitsbedingungen das jeweilige Einkommen er-
zielt wird, so lassen sich die sozialen Schichtungen und Diffe-
renzierungen bis in die alltägliche Arbeits- und Lebenssituation
hinein verfolgen; unabhängig davon, ob es sich um Arbeiter oder
Angestellte handelt.
In der 1987 erschienenen Infas-Untersuchung über die Gewerkschaf-
ten vor den Herausforderungen der 90er Jahre wird als ein zentra-
les Ergebnis festgehalten, daß eine Annäherung, wenn nicht völ-
lige Angleichung, bei Facharbeitern und Angestellten mit einfa-
chen Tätigkeiten im Hinblick auf Problemsensibilisierung und Vor-
stellungen über die Steuerung der Technik stattgefunden hat. 27)
Auch zwischen Sachbearbeitern und Facharbeitern ergeben sich An-
näherungen in ihrer Beurteilung der Folgen der technologischen
Entwicklung. Unterschiede ergeben sich allerdings in ihren An-
sichten über das Ausmaß der negativen Arbeitsplatzeffekte. "32
Prozent der Facharbeiter und nur 23 Prozent der Sachbearbeiter
sehen eine große Gefahr im Hinblick auf die Vernichtung von Ar-
beitsplätzen." 28)
In diesem Zusammenhang fällt ein innerer Widerspruch bei der Be-
urteilung der Folgen der technischen Entwicklung auf. Über die
Hälfte der befragten Berufstätigen beurteilt die globalen Folgen
des Technikeinsatzes ausschließlich negativ, nur 9% der Befragten
sehen überhaupt keine negativen Auswirkungen. Bezogen auf die Si-
tuation am eigenen Arbeitsplatz, überwiegen jedoch die positiven
Erwartungen. "Faßt man die zahlreichen Einzelergebnisse zusammen,
so läßt sich insgesamt eine positive Erwartungshaltung der Ar-
beitnehmer gegenüber den Auswirkungen technischer Neuerungen auf
den eigenen Arbeitsplatz feststellen. Insbesondere in den High-
Tech-Bereichen des sekundären Sektors und in zentralen Bereichen
des Dienstleistungssektors ist die Zahl der Optimisten drei- bis
viermal so groß wie die Zahl der Pessimisten. Dieses Ergebnis
kann durchaus als hohe Akzeptanz technischer Neuerungen am eige-
nen Arbeitsplatz in hochtechnologieintensiven Bereichen interpre-
tiert werden. Die Akzeptanz wird jedoch begleitet bzw. erst er-
zeugt von der Forderung nach einer sozialverträglichen Gestaltung
dieser Technologien." 29) Mit den positiven Erwartungen verbunden
ist offensichtlich die Vorstellung, daß die Gewerkschaften sich
an der gesellschaftlichen Steuerung des technischen Wandels be-
teiligen. Dies wünscht sich jedenfalls mehr als die Hälfte der
Befragten. "Die Arbeitnehmer wünschen keine gewerkschaftliche
Verweigerungsstrategie gegenüber dem technischen Wandel, sondern
eine Strategie, die konstruktive Antworten auf ihre komplexe Pro-
blemsituation liefert." 30)
Nach den Ergebnissen dieser Untersuchung sind zwar weitreichende
allgemeine Befürchtungen bei den Beschäftigten im Zusammenhang
mit neuen Technologien vorhanden, aber die Forderung nach Sozial-
verträglichkeit der Technikeinführung wirkt gleichsam als ein
Versprechen und trägt sogar zur Akzeptanz bei. Die kritische Hal-
tung gegenüber neuen Technologien kann als Ansatzpunkt einer ge-
werkschaftlichen Politik auch im Angestelltenbereich gelten, aber
die konkrete Ausfüllung der damit verbundenen Forderungen ist
noch nicht besonders weit fortgeschritten. Hier bedarf es trotz
aller Differenziertheit, Abstraktheit und Kompliziertheit erst
der Einsicht in die Klassengebundenheit des Einsatzes von Techno-
logien als Rationalisierungsinstrument. Alle Forderungen nach so-
zialverträglicher Gestaltung stoßen im Zweifel an die Grenzen des
Verwertungsinteresses. Deswegen bedarf es zweitens sehr detail-
lierter Vorstellungen über die Organisation von Arbeit, um humane
Arbeitsbedingungen zu realisieren. Diese Aufgabe kann nicht als
abstrakte Forderung an die Gewerkschaften gestellt werden, son-
dern es bedarf der gemeinsamen Anstrengung von Gewerkschaftern,
Wissenschaftlern und vor allem der Mitarbeit der betroffenen An-
gestellten, die das Wissen um den Arbeitsprozeß besitzen. Hier
kann an die Beruflichkeit als wesentliches Indiz für das Ange-
stelltenbewußtsein ideologisch angeknüpft werden.
_____
1) Martin Baethge, Herbert Oberbeck, Die Zukunft der Angestell-
ten, Frankfurt/New York 1986, S. 15.
2) Franz-Josef Bade, Regionale Beschäftigungsentwicklung und pro-
duktionsorientierte Dienstleistungen, DIW Sonderheft 143, Ber-
lin/West 1987, S. 11.
3) Ebd., S. 143.
4) Franz-Josef Bade, Funktionale Arbeitsteilung und regionale Be-
schäftigungsentwicklung, in: Informationen zur Raumentwicklung,
H. 9/10, 1986, S. 697.
5) Ebd.
6) Franz-Josef Bade, Produktionsorientierte Dienste - Gewinner im
wirtschaftlichen Strukturwandel, in: DIW-Wochenbericht 16/85,
S.205.
7) Ulrike Metzner, Gerhard Rohde, Widersprüchliche Entwicklungen
im Arbeitnehmerdasein von Angestellten, in: WSI-Mitteilungen
8/1985, S. 440.
8) Ebd.
9) Ebd.
10) Ulrike Berger, Wachstum und Rationalisierung der industriel-
len Dienstleistungsarbeit, Frankfurt/New York 1984.
11) Ebd., S. 198.
12) Baethge/Oberbeck, a.a.O., S. 22.
13) Baethge/Oberbeck, a.a.O., S. 32/33.
14) Ebd., S. 33.
15) Ebd.
16) Ebd.
17) Vgl. Dieter Czech, Ursula Schumm-Garling, Gerhard Weiß, Ra-
tionalisierung der Sachbearbeitung im Bankgewerbe (Manuskript,
Dortmund 1987), Frankfurt/M., New York, im Erscheinen.
18) Baethge/Oberbeck, a.a.O., S. 172.
19) Vgl. dazu Dieter Czech; Gerhard Weiß, Technologische Entwick-
lung und Arbeitsgestaltung im Bankenbereich, in: WSI-Mitteilungen
3/1985.
20) Baethge/Oberbeck, a.a.O., S. 37.
21) Ebd., S. 32.
22) Ebd., S. 68.
23) Ulf Kadritzke, "Angestelltenbewußtsein" und Anknüpfungspunkte
für die gewerkschaftliche Angestelltenarbeit, in: WSI-Mitteilun-
gen 8/1985, S. 452.
24) Baethge/Oberbeck, a.a.O., S. 351.
25) Vgl. auch Siegfried Bleicher, Gemeinsame und solidarische In-
teressenvertretung aller Arbeiter und Angestellten (Interview),
in: Nachrichten zur Wirtschafts- und Sozialpolitik, 6/1987.
26) Siehe etwa Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in
eine andere Moderne, Frankfurt/M. 1986.
27) Vgl. Infas, Gewerkschaften vor den Herausforderungen der 90er
Jahre, Forschungsbericht, Bad Godesberg 1987, S. 78.
28) Ebd., S. 86.
29) Ebd., S. 69.
30) Ebd., S. 70.
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