Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 13/1987
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VERÄNDERUNGEN IM SOZIALISMUSBILD DER BEVÖLKERUNG
DER BUNDESREPUBLIK
Friedemann Schuster
1. Veränderte Einstellungen im Spiegel demoskopischer Umfragen -
2. Antikommunismus oder politische Entspannung? - Der Einfluß der
Friedensbewegung - 3. Sozialistische Orientierungen aus "archäo-
logischen Ablagerungen"?
Die Veränderungen des Sozialismusbildes der Bevölkerung der Bun-
desrepublik, die sich seit einigen Jahren vollziehen, sind nicht
zu übersehen. Sie treten zu unterschiedlichen Anlässen, Ereignis-
sen, Situationen zumeist als Meinungen, aber auch in politischen
Aktionen hervor.
1. Veränderte Einstellungen im Spiegel demoskopischer Umfragen
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Die deutlichsten Veränderungen sind in der Beurteilung der sozia-
listischen Friedens-, Sicherheits- und Abrüstungspolitik festzu-
stellen. Im März 1987 wurden die Ergebnisse einer Repräsenta-
tivumfrage der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen veröffentlicht.
Danach genießt der Generalsekretär der Kommunistischen Partei der
Sowjetunion, Michail Gorbatschow, bei den Bundesbürgern höheres
Ansehen als USA-Präsident Ronald Reagan. 60 Prozent halten Gor-
batschow für einen Mann, dem man vertrauen kann, 45 Prozent hal-
ten Reagan für vertrauenswürdig. 52 Prozent sind vom Abrüstungs-
willen der UdSSR überzeugt, 45 Prozent glauben an die Aufrichtig-
keit des Abrüstungswillens Washingtons. Damit wurde erstmals seit
Gründung der Bundesrepublik die UdSSR in dieser Frage positiver
bewertet als die USA. 1)
Ebenfalls im März 1987 hatte das Dortmunder Forsa-Institut die
Ergebnisse einer Stern-Umfrage zu den sowjetischen Vorschlägen
für den Abzug der sowjetischen und amerikanischen atomaren Mit-
telstrecken-Raketen aus Europa veröffentlicht. 92 Prozent be-
zeichneten diese Vorschläge als "sehr gut bis gut". Die Skala der
positiven Beurteilung reichte von 91 Prozent der CDU-Anhänger
über 94 Prozent der SPD-Anhänger bis zu 98 Prozent der Grünen-An-
hänger.
Auch bei dieser Umfrage war die Frage gestellt worden: "Wer ist
Ihrer Meinung nach gegenwärtig mehr um die Sicherheit des Frie-
dens und Abrüstung bemüht: Präsident Reagan oder Generalsekretär
Gorbatschow?" Die Antworten verteilten sich so: Gorbatschow 49
Prozent; Reagan 9 Prozent; beide gleich 30 Prozent. Aufschluß-
reich sind auch die Antworten auf die Frage: "Sind die Abrü-
stungsvorschläge Gorbatschows Ihrer Meinung nach ehrlich gemeint
oder nicht?" Mehr als zwei Drittel (69 Prozent) sagten: "Ehrlich
gemeint." 2)
Mit diesen Meinungen korrespondiert die Entwicklung der Antworten
auf die Frage nach dem Willen der Sowjetunion zur Verständigung
mit dem "Westen"; wurde sie 1959 von 17 Prozent bejaht, so er-
höhte sich dieser Anteil 1981 auf 36 Prozent und 1983 auf 45 Pro-
zent. Man kann annehmen, daß sich dieser Trend bis 1987 weiter
verstärkt hat. Die Wandlung in der Beurteilung der Ernsthaftig-
keit sozialistischer Friedens- und Abrüstungspolitik läßt sich an
der Beantwortung der über mehrere Jahre entsprechend gestellten
Frage von Allensbach ablesen (siehe Tabelle 1).
Tabelle 1:
Meinungen zum Abrüstungsinteresse "des Ostens" (1956-1983)
Frage: "Haben Sie den Eindruck, daß der Osten ernsthaft an der
Abrüstung interessiert ist?"
1956 1964 1981 1981 1982 1983
April April Juli Dez. Juni Febr.
% % % % % %
Ja, bestimmt 8 6 13 17 17 19
Vielleicht 16 16 26 37 39 36
Bestimmt nicht 57 53 44 30 30 34
Unmöglich zu sagen 19 25 17 16 14 11
100 100 100 100 100 100
_____
Quelle: Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 1978-83, München
1983, S. 639.
Der Eindruck der Ernsthaftigkeit verstärkte sich über die Jahr-
zehnte nur langsam. Der eigentliche Sprung ist wegen der Lücke
von 17 Jahren nicht zu belegen; es ist aber wahrscheinlich, daß
er zusammenhängt mit den seit 1979 anwachsenden Auseinanderset-
zungen um die NATO-Nachrüstung und mit dem neuen Herangehen der
sowjetischen Politik an das Rüstungsproblem. 3)
1985 hatten Meinungsforschungsinstitute nach dem Genfer Gipfel-
treffen bereits ermittelt, eine Mehrheit der Bundesbürger habe
Gorbatschow als einen besseren Staatsmann denn Reagan einge-
schätzt. 4) Welche Wandlungen sich im öffentlichen Bewußtsein al-
lein seit Beginn der achtziger Jahre vollzogen haben, geht aus
einem Vergleich mit den Allensbach-Umfragen 4008 und 4018 des
Jahres 1982 hervor: Damals waren lediglich 13 Prozent der Mei-
nung, man könne dem "Osten" vertrauen; 48 Prozent erklärten, sie
könnten dem "Osten" nicht vertrauen. Die CDU-Anhänger waren zu 59
Prozent von Mißtrauen gegenüber den sozialistischen Ländern er-
füllt, die SPD-Anhänger zu 41 Prozent und die Anhänger der Grünen
zu 29 Prozent. Aber auch schon damals gingen 49 Prozent derer,
die sich als aktive Anhänger der Friedensbewegung bezeichneten,
davon aus, man könne dem "Osten" vertrauen.
Ein Vergleich von Umfrage-Ergebnissen der 50er, 60er und 70er
Jahre zeigt, daß sich immer weniger- 59 Prozent, 42 Prozent und
40 Prozent - durch die Sowjetunion bedroht fühlten. 5) Eine ähn-
liche Tendenz zum Abbau des antisowjetischen Feindbildes läßt
sich an der Veränderung der Einstellung gegenüber dem sowje-
tisch-westlichen Verhältnis ablesen. Auf die Frage, ob man
glaube, daß der "Westen" und die Sowjetunion auf Dauer friedlich
miteinander auskommen könnten, sagten im Jahre 1954 20 Prozent
"Ja". Dieser Anteil erhöhte sich in den 70er Jahren, als die neue
Politik der Entspannung wirkte, auf annähernd die Hälfte der Bun-
desbürger (1976: 49 Prozent), um sich dann anfangs der achtziger
Jahre bei über 50 Prozent zu stabilisieren (siehe Tabelle 2).
Tabelle 2: Einstellung zur friedlichen Koexistenz (1954-1980)
Frage: "Glauben Sie, daß die westlichen Länder und Rußland auf
die Dauer friedlich miteinander auskommen können, oder glauben
Sie das nicht?"
1954 1956 1962 1976 1979 1980
Dez. Nov. Juni Juli Sept. Feb.
% % % % % %
Können friedlich 20 36 36 49 56 51
auskommen
Glaube ich nicht 66 54 51 33 27 38
Keine Meinung 14 10 13 18 17 11
100 100 100 100 100 100
_____
Quelle: Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 1978-83, a.a.O., S.
637.
Zusammenfassend kann man sagen: Waren Ende der 40er, Anfang der
50er Jahre die meisten Menschen in der Bundesrepublik Deutschland
der Meinung, vom "Osten", von den "Russen", vom Kommunismus drohe
die Gefahr eines militärischen Überfalls, vor dem man sich unter
allen Umständen schützen müsse und weshalb man NATO, Bundeswehr
und schließlich auch Atomwaffen brauche, so hat sich diese Ein-
stellung seit Ende der 60er und wahrend der 70er Jahre schritt-
weise verändert. Nur 1980 wuchs das Bedrohungsgefühl nochmals an,
als die kapitalistischen Medien wegen eines vermuteten sowjeti-
schen Eingreifens in Polen und wegen des tatsächlichen sowjeti-
schen Eingreifens in Afghanistan einen hysterischen Antisowjetis-
mus entfachten
Dem folgte jedoch Ernüchterung in dem Maße, in dem die
NATO-Stauten die Atomraketen-Stationierung in der BRD durchzuset-
zen begannen. Zu diesem Zeitpunkt war bei der Mehrheit der Bevöl-
kerung eine gewisse Äquidistanz zu den "Supermächten" festzustel-
len, die Annahme, Friedensbedrohung gehe gleichermaßen von den
USA und der UdSSR aus. Heute ist die Sowjetunion zu "derjenigen
Blockmacht" geworden, "die von den Grünen im Bundestag mehr denn
je als Hoffnungsträger für einen Ausstieg aus der Rüstungsspirale
angesehen wird". 6)
Während der Ostermärsche 1987 sprach ein Vertreter kirchlicher
Friedensgruppen aus, was viele Menschen heute denken: "Der böse
Satz, 'Geht doch nach drüben', hat sich auf andere Weise bewahr-
heitet. Unsere Träume und Wünsche haben drüben einen Platz gefun-
den. Wir sind nicht die 5. Kolonne Moskaus, umgekehrt wird ein
Schuh daraus: Moskau ist der verlängerte Arm unserer Sehnsüchte
und Hoffnungen für eine atomwaffenfreie Welt." 7)
Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang auch die Stellungnahmen
bundesdeutscher Teilnehmer am Moskauer Forum im März 1987. Der
Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages, Otto Wolff
von Amerongen, stellte fest: "Das war keine Propaganda. Auch die
Amerikaner waren vertreten. Es war eine Unterhaltung der interna-
tionalen Geschäftswelt mit maßgeblichen Leuten, die hier tatsäch-
lich eisern an den Reformen arbeiten. Natürlich fiel das Wort
'Handel ist gleich Frieden'. Aber warum soll man das nicht sa-
gen?"
Der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter äußerte: "Die wich-
tigste Aufgabe ist heute die Erziehung zum Frieden. Ich glaube,
Gorbatschow hat das verstanden." Der Schriftsteller Bernt Engel-
mann sagte: "Das Friedensforum in Moskau war ein Beitrag, die
Hoffnung auf das Überleben der Menschheit zu stärken." Und Fried-
rich Wilhelm Christians, Sprecher der Deutschen Bank, bekannte:
"Es ist für mich erregend, diese, wie ich meine, historische
Wandlung zum Ende dieses Jahrhunderts mitzuerleben." 8)
Diese Kommentare beziehen sich auf das Bemühen der Sowjetunion um
neues Denken und neues Handeln angesichts der Möglichkeit der
Selbstzerstörung der Menschheit. "Es gibt heute in der Welt eine
solche wechselseitige Abhängigkeit, daß alle Völker wie eine
Gruppe von Alpinisten an der Wand eines Berges hängen. Sie können
sich entweder gemeinsam zum Gipfel durchschlagen oder gemeinsam
in den Abgrund stürzen." 9)
Die Veränderungen in den Einstellungen gegenüber dem Sozialismus
hängen anscheinend zusammen mit der Haltung zur Menschheitsfrage
Nr. 1, der Frage nach Krieg oder Frieden. Es stellt sich die
Frage, ob hier eine Seite des Sozialismus gesehen wird, der man
zustimmen kann, ohne den anderen gesellschaftlichen Merkmalen des
Sozialismus zustimmen zu müssen. In diesem Falle wäre weiter zu
fragen: Öffnet die Zustimmung zur heutigen Friedenspolitik des
Sozialismus die Tür zum besseren Verständnis auch seiner bislang
noch fremd oder unakzeptabel erscheinenden Realitäten? Zumindest
scheinen sich die geistigen Horizonte der Menschen zu öffnen hin
zu den Fragen nach den gesellschaftlichen Ursachen der Friedens-
bereitschaft und der Friedensfähigkeit des Sozialis-
mus/Kommunismus. Wenn die Sowjetunion heute in den Augen nichtso-
zialistischer Politiker zum Hoffnungsträger für die Vermeidung
des atomaren Holocaust geworden ist, so ist damit auch die Frage
aufgeworfen, unter welchen Bedingungen die demokratische, die
ökonomische, die soziale, die geistige Dynamik des Sozialismus
Einfluß gewinnen kann auf die Vorstellungen von neuen Formen men-
schlichen Zusammenlebens in anderen gesellschaftlichen Bereichen.
2. Antikommunismus oder politische Entspannung? -
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Der Einfluß der Friedensbewegung
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Indirekt sind Bewußtseinsveränderungen gegenüber dem Sozialismus,
insbesondere gegenüber der Sowjetunion und der DDR, im Bundes-
tagswahlkampf 1986/87 deutlich geworden. Als Bundeskanzler Kohl
in der kaum verhüllten Absicht, sich antikommunistisch und anti-
sowjetisch zu profilieren, den KPdSU-Generalsekretär Gorbatschow
mit dem faschistischen Chefpropagandisten Goebbels und anschlie-
ßend die Gefängnisse der DDR mit faschistischen Konzentrationsla-
gern verglich, da fand dies nicht wie früher Beifall; eine Mehr-
heit der Bevölkerung, der Parteien und der bürgerlichen Medien
äußerte Ablehnung.
Das Bielefelder Emnid-Institut fragte im November 1986, ob es
richtig oder falsch von Kohl gewesen sei, Gorbatschow mit Goeb-
bels zu vergleichen. 90 Prozent erklärten: "Es war falsch, sich
so zu äußern." Nur 9 Prozent hielten eine solche Äußerung für
richtig. Den Befragten, die Kohls Vergleich für falsch hielten,
wurden zwei weitere Meinungen vorgelegt. Es entschieden sich für
die Antwort: "Der Vergleich ist nicht gerechtfertigt" 64 Prozent.
"Der Vergleich ist zwar berechtigt, aber als Bundeskanzler darf
man sich nicht so äußern" - dem stimmten 26 Prozent zu. Nur eine
Minderheit erklärte also die Äußerung Kohls lediglich für inop-
portun; die große Mehrheit blieb bei der sachlichen Verurteilung
als nicht gerechtfertigt. 10)
Der Spiegel kommentierte zutreffend: "Kohl hinkt mit der antiso-
wjetischen Einstellung, die aus seiner Passage über Gorbatschow
und Goebbels spricht, hinter der Zeit her. Er hat einen Trend
nicht wahrgenommen (oder will ihn nicht wahrhaben), der sich in
den letzten Jahren entwickelt hat. Die Einstellung der Bundesbür-
ger zu Moskau im Allgemeinen und zu der oft beschworenen Gefahr
aus dem Osten im Besonderen hat sich gewandelt." 11) Belegt wurde
diese Einschätzung mit Hinweisen auf Umfragen. Der neue Trend
zeigte sich laut Spiegel "insbesondere, als EMNID einige Fragen
wiederholte, die das Institut vor fünf Jahren, im Septem-
ber/Oktober 1981, gestellt hatte. In einer wichtigen Frage wech-
selte die Mehrheit. Damals machten sich 55 Prozent 'Sorgen, daß
wir vom Osten bedroht werden', nun - im November '86 - vertreten
59 Prozent die Gegenmeinung: 'Ich mache mir keine Sorgen, daß wir
vom Osten bedroht werden.'" 12)
Natürlich dürfen diese Tendenzen nicht überschätzt werden. Zu er-
innern ist an das Wort von Marx und Engels über die "Gedanken der
herrschenden Klassen, die in jeder Epoche die herrschenden Gedan-
ken sind." 13) Ganz ohne Zweifel sind die den Herrschenden der
Bundesrepublik dienlichen, dem Sozialismus/Kommunismus feindli-
chen oder ablehnenden "Gedanken" nach wie vor am weitesten ver-
breitet. Die bürgerlichen Medien schüren Tag für Tag, offen, un-
verblümt, plump, aggressiv oder verdeckt, verbrämt, geschmeidig,
"aufgeklärt" Antikommunismus. Manche Realitäten, vor allem auf
jenen Feldern des Lebensstandards, die vom Konsumgüterangebot ge-
prägt sind, scheinen die Vorbehalte gegenüber sozialistischen
Ländern zu rechtfertigen. Ähnliches gilt für die Felder Demokra-
tie und Menschenrechte, wenn Intoleranz gegenüber Kritik, wenn
überflüssige und schädliche Einengungen praktiziert werden.
Jedoch sind den "herrschenden Gedanken" des Großkapitals heute
mit Blick auf die sozialistischen Länder Grenzen gezogen. Denn
wir leben, im Unterschied zu Marx' Zeiten, in der Epoche des
weltweiten Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus. Seit der
ersten siegreichen sozialistischen Revolution von 1917 herrscht
der Imperialismus nicht mehr uneingeschränkt im Weltmaßstab und
ist angesichts der verdichteten Kommunikation im eigenen Bereich
nicht mehr in der Lage, die Köpfe von sachgerechten Informationen
aus der Welt des Sozialismus völlig frei zu halten. Das gilt um
so mehr, je offener der Sozialismus seine Probleme darstellt und
so Spekulationen und "Enthüllungen" den Boden entzieht. Friedens-
vorschläge beispielsweise, die von dort kommen, sind heute nach
wenigen Stunden in den Wohnstuben der Menschen hierzulande.
Damit stellen sich zwei weitere Fragen: Wie und in welchem Maße
hat die Ausstrahlungskraft des Sozialismus in der Friedensfrage
zur Entfaltung der Friedensbewegung in der Bundesrepublik beige-
tragen? Und umgekehrt: Stimmt die These, daß eine wichtige Ursa-
che für die Veränderungen im Bewußtsein der bundesdeutschen Be-
völkerung gegenüber dem Sozialismus im Wirken der Friedensbewe-
gung liegt?
1982 verstanden sich 32 Prozent der Bevölkerung als Anhänger der
Friedensbewegung; unter den jungen Menschen zwischen 16 und 29
Jahren bezeichnete sich jeder zweite (51 Prozent) so. Noch jeder
Dritte in der Altersgruppe zwischen 30 und 44 Jahren war bereit,
sich mit dieser Bewegung zu identifizieren, in den Altersgruppen
von 45 bis 59 Jahren und von 60 und mehr Jahren jeder Fünfte. 14)
Die Friedensbewegung hat als ein wesentliches Anliegen die Her-
ausbildung des Massenbewußtseins, daß im Atomzeitalter Krieg kein
Mittel der Politik mehr sein kann. Und an der Nahtstelle der bei-
den Weltsysteme konnte eine besondere Sensibilität gegenüber
Friedens- oder Kriegspolitik entstehen, wie auch eine schärfere,
weil direktere Beobachtung dessen, was die beiden Systeme tun, um
die Kriegsgefahr abzuwenden und Abrüstung tatsächlich zu betrei-
ben. Das Mitwirken der Kommunisten in der Friedensbewegung hat
nicht wenig zur Herausbildung von Bewußtsein über den engen Zu-
sammenhang von Frieden und Sozialismus beigetragen; daher muß auf
das Wirken der Deutschen Kommunistischen Partei hingewiesen wer-
den, die als einzige Partei der BRD sozialistische Politik und
Programmatik verficht, und damit an bestimmten Punkten der ge-
sellschaftlichen Bewegung Wirkungen auslöst. Schon 1981 fragte
Allensbach, ob die Bundesbürger dafür seien, daß Friedensdemon-
strationen, Unterschriftensammlungen und andere Friedensaktionen
auch unter Teilnahme "kommunistischer Gruppen" stattfänden (vgl.
Tabelle 3).
Tabelle 3:
Meinungen zur Beteiligung "kommunistischer Gruppen" an der Frie-
densbewegung (1981)
"Auch mit kommunistischer
Beteiligung" Dafür Dagegen Unentschieden
Bevölkerung insgesamt 35% 38% 27%
SPD-Anhänger 44% 35% 21%
CDU-Anhänger 26% 29% 25%
FDP-Anhänger 35% 32% 33%
Grünen-Anhänger; 95% - 5%
_____
Quelle: Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 1978-83, a.a.O., S.
644.
Diese relativ hohe Akzeptanz kommunistischer Mitwirkung an Frie-
densaktivitäten wäre zu früheren Zeiten undenkbar gewesen. Sie
verweist auf jene Seiten der politischen Kultur, die sich in den
letzten Jahren in der Bundesrepublik neu herausgebildet haben und
der Kalten-Kriegs-Ausgrenzung der Kommunisten entgegenstehen.
3. Sozialistische Orientierungen aus
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"archäologischen Ablagerungen"?
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Wichtig im Zusammenhang der Ursachenforschung für den Einstel-
lungswandel ist Galkins Hinweis auf die "archäologischen Ablage-
rungen" im gesellschaftlichen Bewußtsein, aus welchen unter be-
stimmten Bedingungen grundlegende gesellschaftliche, darunter
auch politische Orientierungen erwachsen können. 15) Galkin er-
läutert: "Es gibt Ereignisse, deren Wirkungen während vieler
Jahrzehnte und sogar im Verlauf von Jahrhunderten zu bemerken
sind... Tief geprägt wurde die Entwicklung von Wertvorstellungen
und politischen Orientierungen von Massengruppen der Bevölkerung
durch die Weltkriege, insbesondere durch den Zweiten Weltkrieg."
16)
Es ist nicht zu bestreiten, daß sich der Zweite Weltkrieg tief in
das Bewußtsein der Deutschen eingeprägt hat; nicht nur wegen der
millionenfachen persönlichen und materiellen Opfer, der Schrecken
der Bombennächte, des leidvollen Getrenntseins, des Verlustes an-
gestammter Heimat; sondern auch - wenngleich zunächst nur zögernd
- was die Verarbeitung der faschistischen und militaristischen
Verbrechen betrifft, die Schuldhaftigkeit gegenüber unseren Nach-
barvölkern, insbesondere gegenüber dem polnischen Volk, den Völ-
kern der Sowjetunion und gegenüber den Juden.
Heute fragt man sich, welche "Ablagerungen" im Bewußtsein die
Tatsache hinterlassen hat, daß die Erfahrungen mit Faschismus und
Krieg in den Jahren nach 1945 nicht nur zu antimilitaristisch-an-
tifaschistisch-demokratischen Neu-Orientierungen führten, sondern
darüber hinaus antikapitalistisch-sozialistische Wertvorstellun-
gen zur Geltung kamen. Entsprechende Positionen wurden nicht nur
von der Kommunistischen Partei Deutschlands und der Sozialdemo-
kratischen Partei Deutschlands vertreten. Sie fanden sogar Ein-
gang in die Programmatik der Christlich-Demokratischen Union mit
der Feststellung: "Die neue Struktur der deutschen Wirtschaft muß
davon ausgehen, daß die Zeit der unumschränkten Herrschaft des
privaten Kapitalismus vorbei ist." 17) Diese kapitalismuskriti-
schen Positionen fanden damals massenhafte Zustimmung in Volksab-
stimmungen für die Enteignung monopolistischer Großunternehmen
und für die Überführung in gesellschaftliches Eigentum. 18)
Man kann solche "archäologischen Ablagerungen" noch weiter zu-
rückverfolgen, um die These aufzustellen, daß sozialistische
Ideen gerade in Deutschland historisch tief verwurzelt sind. Sol-
che "archäologischen Ablagerungen" im gesellschaftlichen Bewußt-
sein gehen zurück auch auf die Glanzzeiten deutscher Sozialdemo-
kratie, die auf den theoretischen Grundlagen von Marx und Engels
mit ihrem Erfurter Programm "für die Abschaffung der Klassenherr-
schaft", für den Sozialismus, Arbeitermassen gewann, stärkste
Wählerpartei wurde (im Jahre 1893 23,3 Prozent der Stimmen und
1912 34,8 Prozent erreichte). Die Sozialdemokratie ist, bei allem
Auf und Ab, bei allen Drehungen und Wendungen, für viele Menschen
bis in diese Tage Hoffnungsträger für eine wie auch immer gestal-
tete sozialistische Zukunft geblieben. 19)
Vor diesem Hintergrund ist ein in der Öffentlichkeit kaum beach-
tetes, aber in bestimmten konservativen Kreisen mit Erstaunen und
Betroffenheit aufgenommenes Allensbacher Umfrage-Ergebnis zu be-
trachten. Anfang 1986, zu einem Zeitpunkt, da sich die rechtskon-
servative Regierung in Bonn alles in allem recht erfolgreich
wähnte, wurde in einer repräsentativen Umfrage nach den vier po-
litischen Attributen "liberal", "sozialistisch", "christlich",
"konservativ" und ihrer Resonanz in der Bevölkerung gefragt. Am
schlechtesten wurde der Begriff "konservativ" beurteilt, der
"sogar noch schlechter wegkommt als die Bezeichnung 'christ-
lich'", wie Allensbach sein Umfrageergebnis kommentiert. Die
eigentliche Überraschung war das Ergebnis für "sozialistisch". 41
Prozent der Befragten befanden, daß die Bezeichnung
"sozialistisch" für eine Partei spricht. Wiederum der Kommentar
von Allensbach: "60 Prozent der SPD-Wähler sagten, daß das
politische Attribut sozialistisch' bei einer Partei auf etwas
Positives hinweist. Bei den Grünen, die ja unter anderem auch je-
nen eine neue Heimat geboten haben, die am mangelnden Sozialismus
der deutschen Sozialdemokratie verzweifelt sind, gibt es sogar 64
Prozent, die aus der Bezeichnung 'sozialistisch' Gutes heraushö-
ren... Überraschend ist sicherlich, daß das Wort 'sozialistisch'
als Kennzeichen für eine Partei auch bei den FDP-Wählern auf eine
doch noch recht hohe Sympathie stößt. 47 Prozent stehen dem Be-
griff freundlich gegenüber. Und selbst bei den CDU/CSU-Wählern
gibt es immerhin 26 Prozent, für die das Attribut 'sozialistisch'
einen guten Klang hat." 20)
Welche Vorstellungen im einzelnen damit auch verbunden sein mögen
- der Wert "Sozialismus" scheint tief verankert, tiefer, als
Linke und Rechte zuweilen vermuten. Er konnte in den Nachkriegs-
jahren zurückgedrängt werden, als der Antikommunismus Staatsdok-
trin war. Aber eine Tendenz zur Befreiung aus diesen reaktionären
Fesseln scheint begonnen zu haben, als "in den späten fünfziger
Jahren der selbstkritische Umgang mit der älteren und jüngeren
deutschen Geschichte" einsetzte und damit "eines der besten Ele-
mente politischer Gesittung (entstand), das in diesem Staatswesen
entwickelt worden ist." So Martin Broszat in der "Historiker-De-
batte". 21)
Es wäre wichtig, den Linien nachzugehen, die von hier zu den heu-
tigen Veränderungen im Bewußtsein führen. Ihre Tendenz läßt sich
vielleicht so zusammenfassen: Zur politischen Kultur dieses Lan-
des soll ein offenes, vernünftiges, friedliches Verhältnis zu den
sozialistischen Ländern gehören.
_____
1) Forschungsgruppe Wahlen, Repräsentative Bevölkerungsumfrage
März 1987. ZDF-Politbarometer, vervielf. Ms., S. 71, 63.
2) STERN, 12.3.1987, S. 38.
3) Vgl. Karl-Heinz Gensicke, Friedensbewußtsein in der BRD und
konservative "geistige Wende", in: IPW-Berichte 2/1987, S. 17ff.
4) STERN, 20.11.1985. S. 84.
5) Siehe Kurt Steinhaus, Zu einigen Entwicklungstendenzen des po-
litischen Klimas in der Bundesrepublik, in: Marxistische Studien.
Jahrbuch des IMSF 4, Frankfurt/M. 1981, S. 143-155.
6) Aus einem Brief der Grünen-Bundestagsabgeordneten Annemarie
Borgmann an ihre Parteifreunde, veröffentlicht im SPIEGEL, Nr.
51/1986.
7) Hans-Jürgen Benedict, Hamburg, zitiert nach: UNSERE ZEIT, 22.
April 1987.
8) Alle Zitate zum Moskauer Friedensforum aus: STERN, 9/1987, S.
36.
9) M. Gorbatschow, zitiert nach: NEUES DEUTSCHLAND,
11./12.4.1987.
10) Siehe SPIEGEL, Nr. 46/1986, S. 28.
11) Ebenda, S. 29.
12) Ebenda.
13) Karl Marx, Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, MEW Bd.
3, S. 46.
14) Allensbacher Jahrbuch der Demoskopie 1978-83, München 1983,
S. 645.
15) Alexander A. Galkin, Herrschaftselite. Politisches Verhalten.
Politische Kultur, Frankfurt/M. 1986, S. 99.
16) Ebenda, S. 105.
17) Ahlener Programm der CDU vom 3.2.1947, in: Die Programme der
CDU, Bonn 1980, S. 11.
18) Siehe: IMSF (Hrsg.), Die Auseinandersetzung um die Länderver-
fassungen in Hessen und Bayern 1946. Dokumente, Frankfurt/M.
1978.
19) Zu den SPD-Wahlergebnissen siehe: Kleine Geschichte der SPD,
Bonn 1981.
20) Allensbacher Berichte, 1986, Nr. 18, S. 2-3.
21) DIE ZEIT, Nr. 41/1986.
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