Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 13/1987
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DIE LINKE UND DER FORTSCHRITT
Diskussionskonferenz des IMSF
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Alma Steinberg
1. Zum Begriff des Fortschritts - 2. Produktivkraftentwicklung,
Technik, Fortschritt im Mensch-Natur-Verhältnis - 3. Wissen-
schaftsverständnis und Fortschritt - 4. Arbeiterbewegung und
technischer Fortschritt - 5. Frieden, sozialer Fortschritt, Revo-
lution
"'Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage...'. Die Linke und der
Fortschritt". Unter diesem Motto veranstaltete das IMSF am
16./17. Mai in Frankfurt/M. eine Diskussionskonferenz. Nicht eine
streng systematische Abhandlung der Gesamtproblematik war ange-
strebt; aufgegriffen werden sollten einige Fragestellungen, die
sich in den aktuellen Debatten des linken und alternativen Spek-
trums herauskristallisiert haben: Welche Maßstäbe sind heute an
Fortschritt anzulegen, wie ist das Verhältnis von technischem und
sozialem Fortschritt, welche gesellschaftlichen Kräfte können
Träger des sozialen Fortschritts sein, wie stellt sich das Ver-
hältnis von Friedenssicherung, Überleben und Revolution dar?
Die Diskussion sollte der Verständigung marxistischer Kräfte die-
nen. Zu Wort kommen sollten aber auch Vertreter/innen aus dem
sonstigen demokratischen und grün/alternativen Spektrum. Die Vor-
träge und Debatten fanden durchwegs im Plenum, vor etwa 300 Teil-
nehmer/inne/n statt. Materialien zur Tagung erscheinen als geson-
derte Publikation. 1) Daher werden hier - unter thematischen Ge-
sichtspunkten geordnet - nur einige zentrale Themenkomplexe und
Diskussionsverläufe zusammengefaßt.
Festzustellen, so André Leisewitz (IMSF) einleitend, sei ein
wachsendes Krisenbewußtsein, für das es in der Realität handfeste
Anknüpfungspunkte gebe: die atomare Bedrohung, die Dynamik und
Intensität des zerstörerischen Eingriffs in die Naturprozesse,
die Risikobehaftetheit neuer Technologien, Rationalisierung und
Massenarbeitslosigkeit. Dies sei der Kontext, der Skepsis gegen-
über Wissenschaft und Technik als Erkenntnis- und Handlungsmittel
wachsen lasse, der Zweifel an der Möglichkeit von Fortschritt
nähre. Es sei ein Kontext, der auch Marxisten zu neuem Denken
zwinge - von den internationalen Beziehungen bis zur Produktiv-
kraftentwicklung; er fordere dazu heraus, die Maßstäbe für Fort-
schritt, die Widersprüche gesellschaftlich/historischen Fort-
schritts genauer zu fassen.
1. Zum Begriff des Fortschritts
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Zu unterschiedlichen Aspekten des Fortschrittsbegriffs sprachen
einleitend Hans Jörg Sandkühler (Bremen) und Hans Heinz Holz
(Groningen).
Als universelles Konzept, so Sandkühler, bezeichne Fortschritt
Geschichte, der die Menschen in ihren Zwecken ein Ziel geben.
Fortschritt sei damit nicht subjektlos, sondern aufgeladen mit
der Alternativität der Geschichte. Als gesetzmäßige Entwicklung
habe Fortschritt bisher nur für die Gattung, für Klassen, nicht
aber für die Individuen gegolten.
Als Bedürfnis nach Selbsttätigkeit und Selbstherrschaft sei Fort-
schritt vernünftig und wirksam. Solle dieses Bedürfnis die Arbei-
terbewegung zu einer Politik des Fortschritts einen, müsse diese
Politik universell sein, Natur, Ökonomie, Soziales und Kulturel-
les umfassen. Wenn Fortschritt kein abstraktes Prinzip bleiben
solle, dürfe als Maßstab nicht mehr nur die Entwicklung der Gat-
tung und der Klassen, sondern auch die der Individuen, ihrer Men-
schenwürde und ihres Glücks, herangezogen werden.
Holz arbeitete zunächst formale Bestimmungen und inhaltliche Rah-
menbedingungen von Fortschritt heraus. In der Konkretisierung sei
menschlicher Fortschritt linear zu beschreiben als Prozeß der
Überwindung von Mängeln, Abhängigkeiten und äußeren Zwängen im
Stoffwechsel mit der Natur (Produktivkraftentwicklung). Ausgehend
von der Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnis-
sen, impliziere die Unangemessenheit der Produktionsverhältnisse
eine unangemessene Nutzung der Produktivkräfte. Insbesondere sei
im Kapitalismus die Partikularität der Zwecke der herrschenden
Klasse eine Ursache der Fehlentwicklung in der Nutzung der Pro-
duktivkräfte. Als Perspektive des Fortschritts bezeichnete Holz
die Herstellung gesellschaftlicher Verhältnisse, in denen die
Menschen frei von der Herrschaft partikulärer Zwecksetzungen ih-
ren Stoffwechsel mit der Natur und dessen gesellschaftliche Orga-
nisation aus Vernunftgründen selbst bestimmen.
In der Diskussion verwies Johannes H. von Heiseler (IMSF) darauf,
daß der frühbürgerliche Fortschrittsbegriff sowohl die Einheit
der Wissenschaften untereinander als auch die Einheit von wissen-
schaftlichem und gesellschaftlichem Fortschritt umfaßte. Im früh-
bürgerlichen Fortschrittsbegriff sei der Kampf um Freiheit,
Gleichheit und Glück eingeschlossen gewesen. Erst durch die Ab-
trennung von diesen Zielen konnte Fortschrittsdenken als enges,
eingleisiges Denken erscheinen. Heute habe sich der verstümmelte,
nur auf Technikentwicklung bezogene Fortschrittsbegriff mehr denn
je diskreditiert. Es komme darauf an, die Einheit des Fort-
schrittsbegriffs wiederzugewinnen. Dies könne allerdings nur auf
einer anderen sozialen Grundlage geschehen.
Alessandro Mazzone (Rom) bezeichnete als den eigentlichen Gegen-
stand der Fortschrittsdiskussion die Problematik der Verantwor-
tung des Menschen. Es sei ein reales geschichtliches Novum, daß
Raubbau an der Natur, Hunger, Not und Unwissen nicht mehr herr-
schen müßten. Dennoch hätten noch nie so viele Menschen auf der
Welt gehungert, in Elend und Unwissenheit gelebt. Es sei dies ge-
genüber früheren Epochen ein Zustand, der systematisch und direkt
durch die Menschen selbst hergestellt werde. Die Menschheit stehe
heute an einem Punkt, an dem sie sich selbst eine menschliche Zu-
kunft oder den eigenen Untergang schaffen könne.
An Sandkühlers Forderung, die Individuen in den Fortschrittsbe-
griff aufzunehmen, knüpfte sich eine Diskussion zu den Fragen In-
dividuum - Naturverhältnis und Individualität - Kollektivität.
Manon Andreas-Grisebach (Aarbergen-Kettenbach) plädierte dafür,
das Bild einer entwickelten Individualität inhaltlich um den Be-
zug zur Natur zu erweitern, entwickelte Individualität auch als
Fähigkeit zu begreifen, sich in die Natur gefühlsmäßig, ästhe-
tisch und rational hineinzuversetzen.
Christoph Strawe (Leinfelden) formulierte als das ausschlagge-
bende Kriterium für menschlichen Fortschritt das Voranschreiten
zu gesellschaftlichen Verhältnissen, die dem einzelnen das Recht
auf Selbstbestimmung gewährleisteten. Er bezog sich dabei auf Ru-
dolf Steiners "soziologisches Grundgesetz". Daß gegenwärtig in
der sozialistischen Debatte über die Entfaltung des einzelnen zu
einem initiativreichen, selbstverantwortlichen Menschen nachge-
dacht werde, sah er als Bruch mit der "unseligen Gleichsetzung
von Individualität und kleinbürgerlichem Individualismus". In al-
len Bereichen der Gesellschaft komme es darauf an, das Institu-
tionengefüge so zu transformieren, daß ein höheres Maß an Selbst-
gestaltung möglich werde.
Robert Steigerwald (Eschborn) hielt Strawe entgegen, daß der Be-
griff der Selbstbestimmung klassenspezifisch Unterschiedliches
bedeute. Vom Standpunkt der Arbeiterklasse beinhalte er zualler-
erst die Frage der politischen Macht. Erst in diesem Zusammenhang
könne es um Fragen der realen Gestaltungsmöglichkeiten der ein-
zelnen gehen.
Sandkühler unterstrich, daß es auch für das marxistische Fort-
schrittsverständnis entscheidend sei, gelungene Vergesellschaf-
tung als Zunahme entwickelter Individualität zu begreifen. Zu
einem sozialistischen Weltbild gehöre zunehmend ein Eigenbild der
sozialistischen Individuen.
Lothar Peter (Bremen) problematisierte einen einseitigen Bezug
auf die Kategorie der Individualität und der Individualisierung.
Damit entstehe die Gefahr, zu übersehen, daß es in der Arbeiter-
bewegung gegenwärtig gerade an Kollektivität und gemeinsamer
Handlungsfähigkeit mangele. Die Entwicklung kollektiver Formen
des Handelns und der Kommunikation seien aber unabdingbare Vor-
aussetzungen, daß sich unter kapitalistischen Bedingungen Fort-
schritt auch nur ansatzweise durchsetzen könne.
2. Produktivkraftentwicklung, Technik, Fortschritt
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im Mensch-Natur-Verhältnis
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Aus unterschiedlicher Perspektive bezogen sich Manon Andreas-Gri-
sebach (Die Grünen, Aarbergen-Kettenbach) und Karl Hermann Tjaden
(Kassel) auf Fortschritt im Mensch-Natur-Verhältnis.
Werde, so Grisebach, technischer Fortschritt zum einen am Krite-
rium menschliche Gesellschaft, zum anderen am Kriterium Natur ge-
messen, dann ergäben sich daraus sehr unterschiedliche Scha-
den/Nutzen-Bewertungen. Könne aus dem technischen Fortschritt
noch ein gewisser Nutzen für die menschliche Gesellschaft resul-
tieren, so sehe das Ergebnis gänzlich anders aus, wenn techni-
scher Fortschritt am Kriterium Natur gemessen werde. Vom Stand-
punkt des Subjekts Natur sei technischer Fortschritt stets Ver-
derben gewesen. Bisheriger Fortschritt könne daher nur als an-
thropozentrischer, als gattungsbegrenzter "Binnenfortschritt"
charakterisiert werden. Das Festhalten an diesem Binnenfort-
schritt habe langfristig jedoch auch für die Menschen negative
Folgen.
In einem zukünftigen, erweiterten Fortschrittsbegriff müsse der
Anthropozentrismus überwunden werden, müßten mindestens zwei fun-
damental andere Kriterien Aufnahme finden. 1. das Kriterium der
Globalität allen Lebens. Dies setze ein geändertes Mensch-Natur-
Verhältnis voraus, nötige zur Anerkennung der Natur als gleichbe-
rechtigtes Subjekt. 2. müsse das Kriterium der Langfristigkeit
gelten.
Auf Grisebachs Forderung, der Mensch müsse den anthropozentri-
schen Standpunkt überwinden, erwiderte Josef Schleifstein (IMSF),
dies sei in den praktischen Lebenszusammenhängen des Menschen un-
möglich. Der Mensch sei Lebewesen der Natur, er könne nicht aus
den Naturzusammenhängen heraustreten; er sei gezwungen, zur Si-
cherung seines Daseins anderes Leben zu vernichten, er müsse sich
wie alle "Tiere" von der Gattung her verhalten. Der Mensch sei
jedoch auf der philosophischen Ebene, in der Erklärung seines
Werdens fähig, seinen Anthropozentrismus zu überwinden; er könne
auf einer hohen Stufe der Menschheitsentwicklung die Idee der Na-
turliebe als humane Idee entwickeln.
Tjaden charakterisierte die kapitalistische Produktionsweise als
sozial auf dem Antagonismus von Lohnarbeit und Kapital beruhend;
technisch sei sie zugeschnitten auf den enormen Verschleiß ener-
getischer und stofflicher Ressourcen, und zwar in einem solchen
Maß, daß der Widerspruch von Mensch und Natur selbst antagonisti-
schen Charakter gewinne. Gesellschaftlicher Fortschritt bedeute
die Überwindung des sozialen und des Mensch-Natur-Antagonismus,
die Überwindung des in Jahrtausenden klassenmäßig Geprägten über-
haupt.
Die ungenügende Analyse der stofflich-materiellen Basis der kapi-
talistischen Produktionsweise bemängelte Tjaden als Schwäche der
Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus (SMK), die sich
einseitig mit den späten Formen des Kapitalismus befasse, die ma-
teriell praktische Basis, die zur allgemeinen Charakteristik der
kapitalistischen Produktionsweise dazugehöre, jedoch vernachläs-
sige. Ebenso messe die Konzeption der antimonopolistischen Demo-
kratie dem notwendigen stofflichen Umbau des Produktivkraftsy-
stems zu wenig Bedeutung bei.
Auf die Alternative einer sozialistischen Entwicklung unserer Ge-
sellschaft eingehend, verwies Tjaden auf die Erfahrungen der so-
zialistischen Länder, die trotz negativer Phänomene aufzugreifen
seien. Weiter müßten nicht nur gesamtgesellschaftlich, sondern
auch im kleinräumigen, regionalen Maßstab konkrete Szenarien ei-
nes antikapitalistischen Entwicklungsweges ausgearbeitet werden.
In der Diskussion gingen mehrere Teilnehmer auf Tjadens Kritik am
Konzept der antimonopolistischen Demokratie und der Theorie des
SMK ein. Steigerwald betonte, daß es beim Konzept der antimonopo-
listischen Demokratie zum einen darum gehe, den konkreten Gegner
in einer bestimmten Kampfetappe zu kennzeichnen; zum anderen wür-
den mit diesem Konzept Schritte aufgezeigt zu einer grundsätzli-
chen gesellschaftlichen Veränderung. Allerdings sei Tjaden recht
zu geben, es bestünde die Aufgabe, den Begriff der antimonopoli-
stischen Demokratie in allen Politikfeldern mit Leben zu füllen,
neue Probleme zu integrieren.
Heinz Jung (IMSF) erinnerte daran, daß die Theorie des SMK in den
letzten Jahren durchaus weiterentwickelt worden sei. Gegenwärtig
würden gerade die staatsmonopolistischen Komplexe intensiv disku-
tiert. Das Konzept der Komplexe sei auch darauf ausgerichtet, die
stofflichen Strukturen der Produktivkraftentwicklung in Zusammen-
hang zu bringen mit den monopolistischen Strukturen.
Leisewitz bemerkte, daß gerade die Monopole Zentren der Produk-
tivkraftentwicklung seien. Wer über Alternativen der Produktiv-
kraftentwicklung nachdenke, könne den Zusammenhang zwischen einer
Veränderung der Produktivkraftentwicklung und einer antimonopoli-
stischen Stoßrichtung nicht übersehen.
Hellmuth Lange (Bremen) verwies noch einmal auf die Notwendig-
keit, stoffliche Alternativen zu entwickeln. Angesichts der wis-
senschaftlich-technischen Revolution (WTR) werde das System des
Stoffwechsels mit der Natur als Ganzes zu einem Problem. Marxi-
stische Analyse müsse nicht nur die polit-ökonomische Bestimmung
einzelner Etappen kapitalistischer Entwicklung leisten, sondern
gerade gegenwärtig rationellen Formen des Stoffwechsels mit der
Natur besondere Aufmerksamkeit widmen.
Jörg Goldberg (IMSF) machte auf einige Probleme bei der politi-
schen Rückvermittlung stofflicher Alternativmodelle aufmerksam.
Unter den Bedingungen kapitalistischer Konkurrenz entscheide z.B.
im Bereich der Einzelkapitale der Einsatz moderner Technologie
wesentlich über den Erfolg der Unternehmen, damit auch über die
Arbeitsplatzchancen der Belegschaft. Stoffliche Alternativmodelle
müßten daher nicht nur politisch vermittelt, sondern gleichzeitig
um Arbeitsplatzalternativen ergänzt werden. Dies sei wesentliche
Voraussetzung dafür, die Betriebsbelegschaften in die Bewegung um
stoffliche Alternativen einzubeziehen.
Edgar Gärtner (Besagen) sprach zum Thema Ökologie. Wichtigste
ökologische Aufgabe sei die Stabilisierung der Biosphäre. Sie
müsse global und lokal angegangen werden. Global sei der Stopp
der Bevölkerungsexplosion ein zentrales Moment der Stabilisie-
rung. Lokal bedeute Stabilisierung der Lebensbedingungen Siche-
rung von Heimat.
3. Wissenschaftsverständnis und Fortschritt
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Hellmuth Lange setzte sich mit Gehalt und Aktualität des frühbür-
gerlichen Wissenschafts- und Rationalitätsbegriffs auseinander.
Daß ein alternatives Naturwissenschaftsverständnis am Typus früh-
bürgerlicher Rationalität anknüpfen könne, versuchte er an Fran-
cis Bacon zu verdeutlichen. Klaus Müschen (Öko-Institut, Frei-
burg) befaßte sich mit der Bedeutung von Gegenwissenschaft im
Kontext der Ökologiebewegung. Torsten Bultmann (MSB Spartakus,
Bonn) äußerte sich zur Rolle der Intelligenz in den gesellschaft-
lichen Auseinandersetzungen.
Müschen bezog sich bei der Darstellung der gesellschaftlichen
Entwicklungsdynamik weitgehend auf Ulrich Becks Konzept der
"Risikogesellschaft". Danach führe die Entwicklung der industri-
ellen Produktivkräfte zunehmend zur Produktion von Risiken und
Gefahrenlagen, die nur über die Wahrnehmungsorgane von Wissen-
schaft, ihre Theorien, Experimente, Meßinstrumente erkennbar wür-
den. Im steigenden Maße bekämen daher Wissenschaft und Medien
eine Schlüsselposition im sozialen Prozeß der Risikodefinition.
Hier liege die besondere Bedeutung der mit der Ökologiebewegung
entstandenen Gegenwissenschaft. Denn der Protest gegen die herr-
schende Natur- und Technikwissenschaft, die Kritik ihrer Folgen
und Nebenwirkungen könne nur in verwissenschaftlichter Form arti-
kuliert werden, sei abhängig von gegenwissenschaftlicher Vermitt-
lung.
In Erwiderung auf Müschen setzte sich Jung kritisch mit der Beck-
schen Konzeption der "Risikogesellschaft" auseinander. Auf die
Bedeutung der Gegenwissenschaft bezogen, hob Jung ihre wichtige
und produktive Rolle im Rahmen des gesamten Wissenschaftssystems
hervor, betonte aber, daß die Aufkündigung des Technologiekonsen-
ses bis in die Gewerkschaften hinein nicht allein auf
"innerwissenschaftliche Ursachen", auf die Herausbildung von Ge-
genwissenschaft zurückgeführt werden könne. Hier spielten auch
die sozialen und ökonomischen Krisenprozesse eine Rolle.
Bultmann verwies darauf, daß die Frage nach der gesellschaftli-
chen Funktion der Wissenschaft immer auch die Frage nach dem ge-
sellschaftlichen und politischen Verhalten der Intelligenz sei.
Die Bedeutung der Intelligenz nehme mit der voranschreitenden WTR
zu. Das Monopolkapital könne seine ökonomisch und technologisch
auf die Ergebnisse der WTR gestützten Ziele nur realisieren, wenn
es ihm gelinge, relevante Teile der Intelligenz als Leistungse-
lite und Ideologieträger zu gewinnen und den "Rest" zumindest zu
neutralisieren. Diesen Bestrebungen stünden eine Reihe fort-
schrittlicher "Basistrends" entgegen: der hohe, teilweise prä-
gende Anteil der Intelligenz in den neuen sozialen Bewegungen,
die zunehmende Politisierung der Technikentwicklung aus den un-
mittelbaren betrieblichen Auseinandersetzungen heraus, die mehr-
heitlich links orientierte Studentenschaft als politisch agilste
Gruppe der Intelligenz.
4. Arbeiterbewegung und technischer Fortschritt
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Das Fortschrittsverständnis der Arbeiterbewegung stand im Mittel-
punkt der Statements von Lothar Peter, Detlef Albers (Bremen) und
Ulrich Briefs (MdB Die Grünen, Posterholt).
Peter bezeichnete das gegenwärtige Fortschrittsverständnis der
Arbeiterbewegung als widersprüchlich. Es sei aus der geschichtli-
chen Tradition eines kulturellen Wertsystems zu interpretieren,
das unlösbar mit der kapitalistischen Industrialisierung verbun-
den sei. Über fast ein Jahrhundert hin habe sich die Arbeiterbe-
wegung vorwiegend positiv auf die wissenschaftlich-technische
Entwicklung bezogen. Kritik habe sich auf die Instrumentalisie-
rung der Produktivkräfte als Verwertungsmittel des Kapitals ge-
richtet; die stoffliche Dimension des technischen Fortschritts
und seine prekären Folgen für die Regenerierbarkeit der Natur
seien dagegen unproblematisiert geblieben. Zurückgeführt werden
könne diese Haltung auf die lange Zeit wenig sichtbaren Folgen
von Naturzerstörung und Ressourcenverschleiß. Erst unter dem em-
pirisch unabweisbaren Eindruck der Schäden des technischen Fort-
schritts habe sich seit den 70er Jahren die blinde Identifikation
mit dem technischen Fortschritt gelockert. Dennoch könnten nur
Risse im Fortschrittsverständnis der Arbeiterbewegung konstatiert
werden, nicht schon ein qualitativ neues Verständnis von Technik
und Natur.
Briefs plädierte für ein umfassendes Projekt selektiver, bewußter
Technikkontrolle. Er argumentierte gegen die Auffassung, es müß-
ten nur die gesellschaftlichen Bedingungen verändert werden, dann
könne mit der gegebenen Technik weiter gearbeitet werden. Viel-
mehr seien bestimmte Techniken von vornherein mit inhumanen Im-
plikationen entwickelt worden und könnten auch unter veränderten
gesellschaftlichen Bedingungen nicht im Interesse der Beschäftig-
ten und der Gesellschaft eingesetzt werden. Technische Kontrolle
heiße daher auch, technische Systeme zu verhindern, sie gegebe-
nenfalls abzuschaffen.
Kritisch bewertete Briefs das Verhältnis der Gewerkschaften zur
Technikentwicklung. Gerade in der Technikauseinandersetzung droh-
ten die Gewerkschaften in eine langfristige Schwächephase abzug-
leiten. Den neuen sozialen Bewegungen sei es weit besser gelun-
gen, betriebliche und außerbetriebliche Erfahrungen zu problema-
tisieren, Proteste gegen die Anwendung neuer Technologien zu mo-
bilisieren. Die Gewerkschaften müßten von diesen Bewegungen vor
allem lernen, wie wirkungsvolle, weiterführende, phantasievolle
Aktionen des Widerstandes zu entwickeln seien.
Albers verwies auf die sich nur langsam verändernde Haltung der
internationalen Arbeiterbewegung zum technischen Fortschritt.
Erst zögernd werde bisheriges Produzieren ökologisch in Frage ge-
stellt. Eine selbstkritische Auseinandersetzung mit Technikopti-
mismus und -gläubigkeit sei erforderlich. Dennoch sei gegenwärtig
in der Bundesrepublik die Debatte um die ökologische Krise rela-
tiv weit entwickelt.
Im gesellschaftspolitischen Spektrum sah Albers zwei relevante
Antworten auf das ökologische Problem: das Umbauprogramm der Grü-
nen und den Irseer Programmentwurf der SPD. Beide bedürften je-
doch einer kritischen Auseinandersetzung. Die Grünen versuchten,
die ökologische Krise durch Abkoppelung vom Weltmarkt zu bewäl-
tigen. Dies sei ein illusionärer Versuch, über einen insularen
Weg das Modell westlicher Industriegesellschaften zu überwinden.
Die SPD schlage dagegen eine ökologische Modernisierung im Rahmen
des Weltmarktes vor - ein Modell, das unzulänglich sei, da es
auch für die Zukunft am Weltmarkt als steuernder Instanz fest-
halte. Albers plädierte dagegen für eine Orientierung, die die
notwendigen Zusammenhänge zwischen globalen ökologischen Krisen-
auswegen und dem Übergang zu einem weltweiten sozialistischen Um-
bau aufzeige. Strategisch heiße das, das Reformprojekt einer öko-
logisch veränderten Bundesrepublik als Motor einer europäischen
Politik der Eurolinken zu begreifen, die wiederum Partner für die
Dritte Welt werden und den Aufbau einer neuen Weltwirtschaftsord-
nung unterstützen könne.
Kritisch setzte sich Schleifstein mit Albers' Vorstellung eines
weltweiten ökologischen Umbaus auseinander. Wie solle dieser Um-
bau für die Milliarden Menschen der Dritten Welt aussehen, die in
erster Linie nicht an ökologischem Produzieren, sondern an der
Beseitigung des Hungers interessiert seien? Nicht von oben herab,
so Albers, könne seine Forderung den Ländern der Dritten Welt nur
dann erscheinen, wenn sie mit globaler Reichtumsumverteilung ver-
bunden werde. Hier müsse über weltsozialistische Regulierung
nachgedacht werden.
5. Frieden, sozialer Fortschritt, Revolution
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Während sich die einleitenden Beiträge von Jürgen Reusch (IMSF)
und Willi Gerns (DKP, Bremen) v. a. auf die Probleme der Frie-
denssicherung und auf das Verhältnis von Frieden und revolutio-
närem Fortschritt bezogen, fragten Uwe Kremer (Jungsozialisten,
Bielefeld) und Elmar Altvater (Berlin/West) nach Strategien für
die Lösung globaler Probleme.
Kremer schlug vor, "Koalition der Vernunft" nicht nur in bezug
auf die Friedensproblematik, sondern auch im Zusammenhang mit der
WTR zu diskutieren. Die WTR bringe neue Anforderungen an das ge-
sellschaftliche Denken und Handeln mit sich, hinter denen sowohl
die Regulierungssysteme der kapitalistischen als auch der sozia-
listischen Staaten und das System der internationalen Beziehungen
zurückblieben. Ausgehend von der Interdependenz der globalen Fra-
gen, stelle sich die Aufgabe, auch für die weltweiten ökologi-
schen, ökonomischen und sozialen Problemlagen System- und klas-
senübergreifende Zwischenlösungen zu suchen.
Diese Perspektive sei jedoch untrennbar mit den nationalen Regu-
lierungssystemen verknüpft. Damit rücke gerade die Auseinander-
setzung zwischen verschiedenen Regulierungsvarianten in den kapi-
talistischen Metropolen ins Blickfeld. Erste Zwischenlösungen für
neue internationale Beziehungen könnten nur in dem Maße gelingen,
wie sich in den kapitalistischen Ländern demokratisch-reformisti-
sche Regulierungsvarianten durchzusetzen vermöchten. Hier komme
der Sozialdemokratie eine Schlüsselrolle zu.
Altvater fragte nach den Möglichkeiten weltweiter revolutionärer
Veränderungen. Er bezweifelte, ob es in der gegenwärtigen welthi-
storischen Situation angemessen sei, in der Perspektive der Revo-
lution zu denken - Revolution verstanden als adäquate Lösungsform
für gesellschaftliche Problemlagen, als Bruch mit den alten For-
men. Für das Erkennen und Lösen gesellschaftlicher Probleme müsse
von mehreren Etappen der Problembearbeitung ausgegangen werden,
von einem in Phasen verlaufenden Lernprozeß des Problemlösens.
Aus der Differenz zwischen dem Tempo der Lernprozesse und dem
weiteren krisenhaften Verlauf der gesellschaftlichen Entwicklung
erwachse die Gefahr, daß die eigentliche revolutionäre Phase, die
Etappe der neuen Problemlösung, zu spät komme.
Es gelte daher, vor allem unter dem Gesichtspunkt der Zeit, die
zentralen Krisenbereiche Arbeit, Geldsystem und Ökologie zu be-
trachten. Für keinen der Bereiche sah Altvater gegenwärtig die
Etappe neuer Problemlösungen herangereift. Es komme darauf an, zu
verhindern, daß sich die Problemlagen weiter zuspitzten. Es komme
darauf an, Zeit für neue Lösungsformen zu finden, alle Anstren-
gungen auf die Antizipation neuer Lösungen zu konzentrieren. Alt-
vater bezeichnete diese Bestrebungen als "Reformismus mit Em-
phase". So könne die alte Dialektik von Reform und Revolution am
ehesten wieder in Gang gesetzt werden.
In der Diskussion verwies Werner Rügemer (Köln) darauf, daß der
durch die kapitalistische Gesamtlogik herbeigeführte Status quo
in der Verlängerung auf die Vernichtung der Lebensgrundlagen der
Menschen hinauslaufe. Der Bruch mit dieser Entwicklungslogik
schließe ein, die Erde nicht mehr in eine erste, zweite und
dritte Welt einzuteilen, sondern in der Kategorie der einen Welt
zu denken.
Albert Engelhardt (Frankfurt) trug Überlegungen zum Zusammenhang
von Fortschritt und Demokratie vor. Demokratie bedeute, die Bewe-
gungsform gesellschaftlicher Entwicklung an humanen Zielen und
optimalen Partizipationsmöglichkeiten zu orientieren. Dies gelte
auch im globalen Maßstab. Demokratie habe sich auf die Gattungs-
interessen, den Menschheitsfortschritt zu beziehen.
Dieter Kramer (Frankfurt) machte auf die kulturellen Probleme,
die sich aus dem technischen und sozialen Fortschritt ergeben,
aufmerksam. Die Fortsetzung unserer bisherigen Lebensweise bringe
immer mehr Probleme mit sich und sei weltweit nicht übertragbar.
Eine Bewältigung der gegenwärtigen "Krise der Lebensweise" könne
nur über die Entwicklung ihrer inneren Widersprüche gelingen.
Hierbei komme dem kulturellen System eine wichtige Aufgabe zu.
Aus der Tatsache, so führte Gerns aus, daß ein atomar geführter
Weltkrieg die Gefahr des Untergangs der menschlichen Zivilisation
heraufbeschwöre, hätten die Kommunisten weitreichende Schlußfol-
gerungen für das Verhältnis von Friedenskampf und Klassenkampf
gezogen. Gesicherter Frieden könne weniger denn je an den welt-
weiten Übergang zum Sozialismus gebunden werden. Bereits gegen-
wärtig müsse ein System der Friedenssicherung geschaffen werden.
Historisch seien die Bedingungen hierfür günstiger geworden. Der
überragende politische Widerspruch in der Friedensfrage verlaufe
heute nicht mehr pauschal zwischen Bourgeoisie und Proletariat,
sondern zwischen den aggressivsten Kreisen des Imperialismus und
allen für Frieden und Vernunft eintretenden Kräften. Weder der
System- noch der Klassenwiderspruch seien damit aufgehoben; kei-
neswegs bedeute "Koalition der Vernunft" Verzicht auf revolutio-
näre Umgestaltung. Allerdings müsse der revolutionäre Kampf im
Nuklearzeitalter so geführt werden, daß die Gefahr einer bewaff-
neten Auseinandersetzung insbesondere von Staaten unterschiedli-
cher Gesellschaftsordnung vermieden werde.
Reusch charakterisierte die Friedensfrage als Klassen- und als
Gattungsfrage. Als Klassenproblem wurzele die Rüstungseskalation
in den kapitalistischen Produktionsverhältnissen, insbesondere im
Monopol. Ein Atomkrieg sei in seiner Wirkung zwar klassen- und
grenzüberschreitend, in seinen Ursachen jedoch keineswegs klas-
senunspezifisch. Letztlich könnten Rüstungseskalation und Kriegs-
gefahr nur gebannt werden durch die Schaffung einer Gesell-
schaftsordnung, die den Menschen eine bewußte, planmäßige Organi-
sation ihrer Existenz erlaube und eine destruktive Entwicklung
der Produktivkräfte verhindere, sie der Anarchie von privaten und
Minderheiteninteressen entziehe. Eine so gestaltete Gesellschaft
sei ein Synonym für Sozialismus. In diesem Sinne seien Überwin-
dung der Atomkriegsgefahr, Schaffung einer dauerhaften Friedens-
ordnung und Erkämpfung des Sozialismus zusammengehörende Aufga-
benstellungen.
Das Neue an der heutigen Gefahrensituation, die drohende Vernich-
tung der Menschheit, gebiete es aber, einen Atomkrieg noch vor
dem Übergang zum Sozialismus - hier und jetzt - zu verhindern.
Der Wert Frieden sei dem Antagonismus der Systeme übergeordnet,
sei Gattungsfrage.
Theoretisch und praktisch stelle sich damit die Frage nach der
Friedensfähigkeit des Kapitalismus. Auch der Kapitalismus stehe
vor einer historisch neuen Situation. Ein von ihm angezettelter
Atomkrieg werde auch ihn selbst vernichten. Diese Situation hebe
den Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Krieg nicht grundsätz-
lich auf, erinnere aber daran, daß dieser Zusammenhang als Zusam-
menhang zwischen Ökonomie und Politik ideologisch vermittelt wer-
den müsse und sich nicht spontan verwirkliche. Die Politik der
atomaren Kriegsdrohung sei nicht die einzig mögliche Politik auf
kapitalistischer Grundlage. Auch andere Politikvarianten seien
durchsetzbar. Dies gebe dem strategischen Ziel "Koalition der
Vernunft" eine reale Basis.
In der Diskussion fragte Sandkühler, ob die Annahme, daß in der
gegenwärtigen Gefahrensituation die Existenz der Gattung auf dem
Spiel stehe, nicht zu wenig geprüft sei und ob politische Strate-
gien mit dieser ungesicherten Annahme gegenwärtig zu begründen
seien. Neue revolutionstheoretische Überlegungen müßten sehr vor-
sichtig formuliert werden. Die atomare Kriegsdrohung habe längst
auch eine ideologische Dimension gewonnen, die auf die Dämpfung
des revolutionären Klassenkampfes abziele.
Volker Benad (Frankfurt) verwies auf die Gefahr, daß die von der
Friedensbewegung und auch von den Kommunisten vorgenommene Zu-
spitzung "Frieden oder atomares Inferno" eine resignative End-
zeitstimmung fördere und die Einsicht versperre, daß auch der Im-
perialismus sich des Risikos des atomaren Untergangs bewußt sei
und versuche, diese Gefahr zu reduzieren. Denkbar sei durchaus
eine imperialistische Strategie des Umrüstens, bei der die Gefahr
des atomaren Untergangs abnehme, die Rüstungslasten aber weiter-
hin unerträglich hoch blieben.
Reusch stimmte Benad zu, daß es den imperialistischen Militär-
strategen schon seit einiger Zeit darum gehe, einen Atomkrieg
kalkulierbar und begrenzbar zu machen, und daß es innerhalb des
imperialistischen Lagers eine Reihe von Politikvarianten gebe.
Dennoch vergrößere sich durch die Kumulation verschiedener Kri-
senprozesse die Gefahr, daß auch begrenzte Strategien außer Kon-
trolle gerieten. Insofern sei es berechtigt, von einer Bedrohung
der Gattung zu sprechen - ohne dies allerdings absolut zu setzen.
In der Tat gebe es mehr Möglichkeiten als die Alternative
"friedliche Koexistenz oder atomares Inferno".
Christoph Butterwegges (Bremen) Überlegungen bezogen sich auf das
Verhältnis von Frieden und sozialem Fortschritt. Während Frieden
und sozialer Fortschritt früher nur lose miteinander verbunden,
in Zeiten revolutionärer Kriege sogar Gegensätze gewesen seien,
bildeten sie heute eine untrennbare Einheit. Im Atomzeitalter
avanciere Frieden zum Bedingungsfaktor sozialen Fortschritts.
In seinen abschließenden Bemerkungen führte Kaspar Maase (IMSF)
aus: Maßstab für Fortschritt sei, daß a l l e Menschen ihre na-
türlichen und gesellschaftlichen Lebensbedingungen so gestalten
könnten, daß sie ihre Entfaltung als gesellschaftliche Naturwesen
erlauben. Aus dieser Perspektive sei Fortschritt unteilbar, nicht
mehr in der Mehrzahl, im Auseinanderfallen in mehrere
"Fortschritte" denkbar.
Der entscheidende Hebel zur Durchsetzung von Fortschritt heiße:
gesellschaftliche Kontrolle und Planung von Produktion, Forschung
und Entwicklung. Die WTR, die reale Entwicklung e i n e r Welt
als Lebensgrundlage e i n e r Menschheit, habe die Dringlich-
keit der Eigentumsfrage auf die historische Tagesordnung gesetzt.
Ungeteilter Fortschritt für 6 oder auch 10 Milliarden Menschen
sei eine Herausforderung für Wissenschaft, Forschung und Technik.
Technik müsse Zeit und Kraft freisetzen für die vernünftige Ein-
richtung der Welt. Nötig sei eine neue Qualität von Wissenschaft,
ihre Dialektisierung, das Denken in komplexen Zusammenhängen.
Daß die e i n e Biosphäre nur stabilisiert werden könne, wenn
sie als Einheit begriffen werde, sei Herausforderung an den So-
zialismus, eine Herausforderung, die dieser angenommen habe in
seiner Verantwortung für Frieden und Abrüstung, für das Überleben
der Menschheit. Gefordert sei aber nicht weniger, als jeden Ein-
griff in Gesellschaft und Natur zu prüfen und zu berücksichtigen,
welche Effekte er im Gesamtsystem der weltweiten Wechselwirkung
habe. Dies sei eine gigantische Aufgabe für den Sozialismus, die
jede Selbstgerechtigkeit der Betrachtung ins Abseits stelle.
Auszugehen sei von der Identität von Fortschritt und Demokratie.
Demokratie heiße nichts anderes, als das zu schaffen, was den Le-
bens- und Entfaltungsinteressen der Menschheit und der sie bil-
denden einzelnen am besten entspreche. Dies rücke die Fragen der
Eingriffs- und Gestaltungsmöglichkeiten ins Zentrum.
Die Frage nach dem Fortschritt werfe die Frage nach dem Charakter
unserer Epoche auf. Sie sei als Übergangsepoche zu charakterisie-
ren. Die Menschheit müsse eine höhere, bewußtere, planmäßige Re-
gelung ihrer gesellschaftlichen und natürlichen Lebensverhält-
nisse durchsetzen. Sie sei zum Fortschritt gezwungen bei Strafe
langanhaltender Krisen, bei Drohung des kollektiven Untergangs.
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1) IMSF (Hrsg.), "Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage...". Die
Linke und der Fortschritt, Frankfurt/M. 1987.
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