Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 13/1987
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POLITIK UND TECHNOLOGIE
Zu Ausgangspunkten technologiepolitischer Alternativen
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und Strategien der Arbeiterbewegung
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Werner Stürmann / Stephan Voets
1. Ansprüche - 2. Umrisse von Alternativen - 2.1 Internationale
Kooperation statt Konfrontation, Abrüstung statt Aufrüstung - 2.2
Anders arbeiten und produzieren - alternativ wirtschaften - 2.3
Wende zu einer neuen Richtung der Produktivkraftentwicklung - 3.
Anforderungen an organisiertes Handeln
1. Ansprüche
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Alle gesellschaftlichen Kräfte sind im Begriff, sich auf die ge-
genwärtige Umbruchsituation einzustellen. Eine der Ursachen die-
ses Umbruchs und zugleich eine entscheidende Schlüsselfrage ist
heute die wissenschaftlich-technische Revolution (WTR). Offenbar
kann den radikal veränderten nationalen und internationalen Be-
dingungen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung
nicht zureichend im Rahmen bisheriger Politikkonzepte begegnet
werden, sondern erst mit entsprechend radikal verändertem Heran-
gehen. Dieses neue Herangehen an neue Herausforderungen verlangt
von der Arbeiterbewegung beträchtliche Lernprozesse, die längst
noch nicht bewältigt sind. Deswegen lassen sich heute auch Alter-
nativen zur herrschenden Technologiepolitik nicht ohne weiteres
entwickeln. Gegenüber den "Modernisierungsstrategien" von Staat
und Monopolen überwiegt auf der Linken das Suchen nach Orientie-
rungen und Lösungen. Hiervon zeugt die mit recht unterschiedli-
chen Akzenten geführte Diskussion in den Gewerkschaften, die
technologiepolitische Auseinandersetzung unter und zwischen den
verschiedenen politischen Kräften - bei Sozialdemokraten und Grü-
nen, Kommunisten und sozialistischen Gruppen, im Rahmen von Bür-
gerinitiativen, Alternativbewegung, progressiven Wissenschaftler-
Initiativen, -Organisationen und -Zeitschriften.
Wie ist umzugehen mit einem überlasteten Weltzustand, in dem Ver-
nichtung und Verbesserung, Erschwerung und Erleichterung des Le-
bens dicht beieinander liegen? Wie läßt sich unter solchen Bedin-
gungen eine mit tiefen Krisen verbundene wissenschaftlich-techni-
sche Umwälzung meistern, zumal, wenn - jedenfalls gegenwärtig un-
ter dem Kapitalismus - Verständnis, Kontroll- und Eingriffsmög-
lichkeiten der Bevölkerung zurückbleiben hinter Tempo, Folgen und
Reichweite dieser Umwälzung?
Die Dynamik, mit der immer wieder neue Fragen, Probleme und Chan-
cen entstehen, zwingt bei Strafe des völligen Zurückfallens dazu,
ständig dazuzulernen, wissenschaftlich zu denken und zu handeln.
Diskussion und offene, breite Einbeziehung der Betroffenen werden
zunehmend zu einer notwendigen Voraussetzung gesellschaftlicher
Entwicklung, der der staatsmonopolistische Kapitalismus durch in-
tegrative Beteiligungs- und Kooperationsstrategien entgegenzukom-
men sucht, die aber zugleich zum Ausgangspunkt immer neuer Kon-
flikte und demokratischer Ansprüche und Bewegungen werden.
Michail Gorbatschow kennzeichnete auf dem 27. Parteitag der KPdSU
die neuen Anforderungen, vor denen die Kommunisten stehen, fol-
gendermaßen: "In den letzten Jahren sieht sich die kommunistische
Bewegung vielen neuen Realitäten, Aufgaben und Problemen gegen-
über. Alles zeugt davon, daß sie in eine qualitativ andere Ent-
wicklungsetappe eingetreten ist. Die internationalen Bedingungen,
unter denen die Kommunisten wirken, verändern sich rasch und
gründlich. In der sozialen Struktur der bürgerlichen Gesell-
schaft, darunter in der Zusammensetzung der Arbeiterklasse, kommt
es zu einem wesentlichen Wandel. Die wissenschaftlich-technische
Revolution wirkt sich auf die materielle Lage und das Bewußtsein
der Werktätigen in der nichtsozialistischen Welt widersprüchlich
aus. All das erfordert die Fähigkeit, vieles zu überdenken und
auf der Grundlage der unvergänglichen Lehre von Marx, Engels und
Lenin kühn und schöpferisch an neue Realitäten heranzugehen." 1)
Die Kommunisten der Bundesrepublik befinden sich mit Blick auf
diese neue Fragen nicht am Nullpunkt; sie können in der Technolo-
giepolitik auf relativ weit ausgearbeitete Aussagen und erste
praktische Ansätze vor allem in der Betriebsarbeit verweisen. 2)
Aber niemand, der Tempo und Tragweite der wissenschaftlich-tech-
nischen Revolution kennt, wird sich damit zufriedengeben können.
Gefordert sind beträchtliche und ständige Fortschritte sowohl in
der theoretischen Aufarbeitung wie in der praktischen Politik.
Dieses Problem haben die Kommunisten mit allen Linkskräften, im
Grunde mit der ganzen lohn- und sozialabhängigen Bevölkerung ge-
meinsam, und in dieser Gemeinsamkeit steckt auch eine Chance des
Vorankommens.
In der Entwicklung von Alternativen stehen die marxistischen
Kräfte unter den herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen
vor der Aufgabe, die ideologischen Spinnweben zu zerstören, die
der demokratischen und Arbeiterbewegung den Ausblick auf ihre
Perspektiven versperren sollen. Ohne aufklärende Aktionen und
massenwirksame Bewegungen, die die gesellschaftlichen Ursachen
und Lösungsmöglichkeiten der Probleme, die sich mit der WTR unter
kapitalistischen Bedingungen verbinden, zum Gegenstand breiter
gesellschaftlicher und betrieblicher Diskussionen und Auseinan-
dersetzungen machen, ist kein Alternativkonzept auf den Weg zu
bringen.
Dabei besteht eine entscheidende ideologische Herausforderung
darin, technikdeterministischen oder technokratischen Auffassun-
gen entgegenzuwirken. Die bürgerliche Ideologie vorn wissen-
schaftlich-technischen "Sachzwang" ist massenwirksam. Unstreitig
gibt es auch andere Tendenzen, solche der Technikbegeisterung
ebenso wie der -verweigerung. Aber sieht sich nicht die Mehrheit
der Bevölkerung gegenüber den wissenschaftlich-technischen Umwäl-
zungen als Objekt, als Opfer und "Anhängsel", nicht aber als Ge-
stalter und Subjekt? Führen nicht wachsende Risiken, fehlende
Kenntnisse und Einflußmöglichkeiten vor allem zu Angst und Resi-
gnation? Passivität und Ohnmachtsgefühle sind weit verbreitet;
sie widerspiegeln die Realität der benachteiligten Stellung der
Arbeiterklasse und anderer lohnabhängiger Kräfte.
Im ideologischen Konzept der regierenden Rechtskräfte spielen
Wissenschaft und Technik eine Schlüsselrolle bei der Zukunftsbe-
wältigung. Unter vorgeblichen Sachzwängen soll nicht mehr disku-
tiert werden, w i e Arbeit und Leben zu gestalten sind,
w o z u die modernen Produktivkräfte dienen sollen - und wozu
nicht. Es bleibt sozusagen nur noch die Anpassung an "High-Tech".
Der aus der kapitalistischen Konkurrenz erwachsende Anpassungs-
und Modernisierungszwang wird sowohl zur Drohung gegenüber allen
"Modernisierungsverweigerern" (mit den bekannten Argumenten wie
Rückfall in der internationalen Konkurrenzfähigkeit, technologi-
sche Lücke, wachsende Arbeitslosigkeit als Folge von Widerstand
gegen Rationalisierung und Arbeitsintensivierung und von "zu
viel" gewerkschaftlichen Rechten), aber auch zum Angebot: techno-
logischer Umbruch als - wenn auch mit Belastungen und Krisen ver-
bundene - Form der Zukunftsbewältigung und als individuelle Auf-
stiegschance besonders für die mit der neuen Technik verbundenen
betrieblichen und gesellschaftlichen Gruppen. Daß solche Auffas-
sungen heute bis weit in die Arbeiterbewegung hinein wirksam
sind, ist bekannt.
Es liegt auf der Hand, daß Alternativen erst dann im Massenbe-
wußtsein als sinnvoll und durchsetzbar erscheinen können, wenn
dieser Glaube an den Sachzwang abgelöst wird durch Kenntnisse
über gesellschaftliche Ursachen und Lösungsmöglichkeiten und
durch das Vertrauen in die eigene Kraft - wenn also Lebensansprü-
che und Interessen, persönliche und soziale Ziele der scheinbaren
Logik der Dinge übergeordnet werden. Blinde Technikgläubigkeit,
technokratische, unpolitische Denkweisen müssen überwunden werden
durch Aufklärung über ökonomische und politische Ursachen und In-
teressen, über Macht und Strategien der Konzerne und über die
Möglichkeit von Gegenwehr und Alternativen, über die Berechtigung
eigener Ansprüche.
Auf den ersten Blick scheint die wachsende Wissenschafts-, Tech-
nik- und Fortschrittskritik unserer Tage das gleiche Herangehen
zum Ausdruck zu bringen wie die Technikgläubigkeit - nur spiegel-
bildlich verkehrt. Beides, Technikkritik und Technikgläubigkeit,
geht in der Tat von der "Verselbständigung" der modernen Produk-
tivkraftentwicklung aus, die von den Produktionsverhältnissen
losgelöst erscheint. Nur so ist die Vorstellung erklärbar, daß
die Produktivkräfte uneinholbar "davonzulaufen" scheinen, daß sie
von Menschen nicht mehr Steuer- und beeinflußbar sind.
Trotzdem muß ein wesentlicher Unterschied festgehalten werden:
Die Kritik fragt oft danach, wo der Mensch bleibt, formuliert Le-
bensansprüche. Auch Kritik an zunächst nicht begriffenen Fehlent-
wicklungen kann den Zugang zur Auseinandersetzung öffnen, ebenso
den Anspruch fördern, Alternativen zu erarbeiten. Insofern ist es
verständlich, wenn bürgerliche Ideologen skeptisch gegenüber pro-
duktivkraftkritischen Tendenzen bleiben. Progressive Politisie-
rungstendenzen können - gefördert durch das Eingreifen demokrati-
scher Bewegungen und die Tätigkeit marxistischer Kräfte - den ge-
wünschten Konsens und die Akzeptanz kapitalistisch betriebener
Technikentwicklung und -anwendung stören.
Zum Beispiel verdrängen nach der scheinbaren Logik der Dinge die
stark arbeitssparenden computerisierten Anlagen zunehmend den
Menschen; die Arbeit scheint "auszugehen". Aber die Sichtweise
wird radikal anders, wenn der Anspruch entsteht, daß es qualifi-
ziertere, kürzere, belastungsärmere Arbeit für alle geben muß -
und daß Wirtschaft, Produktion, Arbeit, Technik diesen Interessen
anzupassen sind und nicht umgekehrt.
Grundvoraussetzung demokratischer Alternativen ist der Anspruch
auf ein reicheres Leben, auf schöpferischere, vielseitigere Ar-
beit, auf freiere persönliche Entfaltung. Nichts wäre unsinniger,
als nur nach abstrakten "Erfordernissen der WTR" zu suchen und
sich daran anzupassen.
Alternative Technologiepolitik muß daher jede technokratische
Tendenz vermeiden - was keineswegs bedeutet, daß ideologische
Auseinandersetzung unter Demokraten zu Verketzerung und Ausgren-
zung führt. Prinzipielle Diskussionen über Differenzen und Wider-
sprüche können auch Solidarität zur Voraussetzung und zum Ergeb-
nis haben.
Alternative Technologiepolitik nutzt zwar technische Gestaltungs-
möglichkeiten, aber sie geht vor allem aus von sozialen, kul-
turellen, ökologischen und demokratischen Ansprüchen der Lohnab-
hängigen. Sie braucht zwar viel Sachverstand, aber noch viel mehr
Besinnung auf die eigenen Interessen, auf Humanismus und Moral.
Ein neues Herangehen an die mit der wissenschaftlich-technischen
Revolution verbundenen Probleme heißt also vor allem: ein neues
Denken und Handeln im Interesse einer progressiven Entfaltung ge-
sellschaftlicher und persönlicher Potenzen.
Daraus ergeben sich unter anderem folgende Schlußfolgerungen. Er-
stens: Demokratische Alternativen der Technologiepolitik können
nicht einfach das bestehende System von Forschung und Technologie
abbilden, die vorgefundenen Maßstäbe und Bezugspunkte nicht ein-
fach übernehmen. Sie benötigen einen eigenen, alternativen ge-
sellschaftlichen Gegenentwurf zur herrschenden Ordnung, eine
neue, über die Profitordnung hinausweisende Entwicklungslogik.
Mit anderen Worten: Technologiepolitik der Arbeiterbewegung muß
als Teil der politischen Ökonomie der Arbeiterklasse entwickelt
werden. Das bedeutet ein aktives, gesellschaftsveränderndes und
der persönlichen Entfaltung dienendes Herangehen und verläßt das
Terrain der fortwährenden Technikdiskussion ohne reale Gestal-
tungsmöglichkeiten. Diese neue Logik und dieses neue Herangehen
haben nicht bloßes Wunschdenken zur Basis, sondern die Entwick-
lung der Produktivkräfte, das Wachstum des gesellschaftlichen
Reichtums und der Bedürfnisse.
Zweitens: Entwicklung und Durchsetzung alternativer Technologie-
politik können nur in einem demokratischen Prozeß vorankommen. In
Betrieb, Hochschule, Forschungsstätte, in allen gesellschaftli-
chen Bereichen und bei allen Themen können die Arbeiterklasse und
alle nichtmonopolistischen Kräfte nicht bloß als Objekt der wis-
senschaftlich-technischen Umwälzung gelten. Ihre Meinung, ihre
Sorgen und Bedürfnisse, ihre Vorschläge und vor allem ihre schöp-
ferischen Fähigkeiten müssen gefragt und einbezogen sein. Es kann
kein Zufall sein, daß Unruhe und Protest gerade dort immer wieder
massiv aufbrechen, wo autoritäre, Demokratie und Entfaltungsmög-
lichkeiten zerstörende Tendenzen wirksam sind, also bei elektro-
nisch automatisierter Schnüffelei durch Personalinformationssy-
steme, bei der Volkszählung usw. Ebenso prägt der Anspruch auf
Gestaltung, Bestimmung der eigenen Lebenschancen wesentlich auch
die Friedens- und andere soziale Bewegungen. Die moderne Wissen-
schaft und Technik ermöglicht und erfordert eine neue Stellung
der Hauptproduktivkraft, der arbeitenden Menschen, in der Produk-
tion wie in der Gesellschaft. Dementsprechend wachsen objektiv
Notwendigkeit und Chancen umfassender Demokratisierung.
Vor diesem Hintergrund läßt sich auch bestimmen, worin die ent-
scheidende politische Zuspitzung bei der Entwicklung und Durch-
setzung technologiepolitischer Alternativen bestehen müßte. Nach
unserem Dafürhalten besteht sie im radikalen Anspruch auf demo-
kratische Kontrolle, auf Demokratisierung, auf Mitbestimmung und
Öffentlichkeit. Wirkliche Alternativen müssen demnach inmmer zum
Inhalt haben, daß das Schöpfertum, das Wissen, die Fähigkeiten
und Meinungen der abhängig Beschäftigten gefragt sind. Weder die
enormen Risiken noch die großen Chancen zur Erhaltung des Lebens,
die die moderne Wissenschaft und Technik hervorbringt, dürfen der
Hauptkraft der Produktion und Gesellschaft unbekannt und unbeein-
flußbar bleiben.
Auch hier geht es also zunächst um Aufklärung und Enthüllung,
Aufdecken von Gefahren, Abwehr und Gestaltungsmöglichkeiten, An-
gebote zur Diskussion, Aktivität, Engagement. Ein großes neues
Feld der Politik muß von den Fortschrittskräften erarbeitet, be-
setzt und gestaltet werden. Uns scheint das die wesentliche Her-
ausforderung bei der Entwicklung einer demokratischen Technolo-
giepolitik zu sein.
Technologiepolitische Alternativen bedürfen so der Massenpolitik,
der breiten Diskussion, Initiative und Bewegung. Niemand, der un-
ser Land und das Ausmaß der Probleme kennt, wird erwarten, daß
dieses Ziel ohne Schwierigkeiten erreicht werden kann. Aber einen
erfolgversprechenderen Weg gibt es nicht - und hierzu zeigt sich
in den demokratischen Bewegungen unseres Landes bereits eine
Fülle von Anknüpfungspunkten, Erfahrungen und (wenn auch begrenz-
ten) Erfolgen.
2. Umrisse von Alternativen
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Demokratische Alternativen zur kapitalistisch entwickelten bzw.
angewandten Technik und Wissenschaft sind nicht gleichzusetzen
mit einer alternativen Gestaltung d e r Technik oder d e r
Wissenschaft. Zu ändern, zu gestalten sind vielmehr vor allem die
Funktion und der soziale Inhalt der angewandten Wissenschaft und
Technik. Dies schließt grundlegende Veränderungen der Schwer-
punkte und Ziele bei der Entwicklung von Wissenschaft und Tech-
nik, im System der Forschung etc. ebenso ein wie bei ihrer Mate-
rialisierung als gesellschaftliche Produktivkräfte, als komplexe
technologische Systeme im Betrieb, in einer Region, im Rahmen von
gesellschaftlichen Infrastruktureinrichtungen und im Maßstab der
ganzen Volkswirtschaft.
Fortschritte der Gesellschaft oder gar der Menschheit können
nicht auf wissenschaftlich-technischem Wege zustande kommen. Die
sachlichen und ideellen Produktivkräfte bringen Potentiale zur
Gestaltung der Verhältnisse hervor, nicht aber die Gestaltung
selbst. Genau deshalb ist eine generelle Umorientierung von Wis-
senschaft und Technik erforderlich: weg von der Vertiefung inter-
nationaler, sozialer, ökologischer und anderer Probleme, hin zu
deren Lösung. Wirksamkeit, Reichweite und Entwicklungstempo der
modernen Produktivkräfte müssen so gestaltet werden, daß sie ent-
weder keine neuen Gefahren, Risiken und Belastungen hervorbringen
(bzw. bestehende zementieren), oder daß diese eingegrenzt und
möglichst sicher gesellschaftlich beherrschbar gemacht werden.
Sie müssen dazu beitragen, Existenzbedingungen der Menschheit zu
sichern, die Arbeits-, Lebens- und Umweltqualität zu erhöhen.
"Wir beurteilen die neuen Technologien und die Produktivkraftent-
wicklung insgesamt danach, inwieweit sie den Interessen des ar-
beitenden Menschen, der zugleich die Hauptproduktivkraft ist,
nutzen." 3)
Dies sind Kriterien für alle gesellschaftlichen Bereiche und
Sphären. Eine demokratische Technologiepolitik verbindet sich vor
allem mit Wirtschafts-, Wissenschafts- und Bildungspolitik. Sie
ist als Teil und im Rahmen einer alternativen Friedens- und Öko-
logiepolitik zu entwickeln. Besonders in der Wirtschaftspolitik
spitzt sich dabei heute die Konfrontation zwischen einer aus-
schließlich profit- und herrschaftssichernden Politik einerseits
und einer die großen sozialen Probleme und besonders die Überwin-
dung der Massenarbeitslosigkeit in Angriff nehmenden, die Ar-
beits-, Lebens- und ökologischen Bedingungen verbessernden Poli-
tik andererseits zu.
Neu sind in der wissenschaftlich-technischen Revolution die Di-
mensionen, in denen das Leben gefährdet oder erleichtert werden
kann, die Anforderungen an Erkenntnis und Handeln: Es geht um
"eine neue Qualität von Voraussicht, Planmäßigkeit und Verantwor-
tung sowie entsprechende Sicherheitsmaßnahmen und demokratische
Kontrolle auf allen Ebenen, was letztlich nur unter den Bedingun-
gen des gesellschaftlichen Eigentums an allen wichtigen Produkti-
onsmitteln zu gewährleisten ist." 4)
Alternative Technologiepolitik führt deshalb an die Notwendigkeit
einer grundlegenden Umgestaltung der internationalen Beziehungen
und der gesellschaftlichen Verhältnisse, also auch an prinzi-
pielle Kapitalismuskritik und die Diskussion um Notwendigkeit und
Überlegenheit des Sozialismus heran. Sie führt auch an die Dis-
kussion jener Fragen heran, die mit der Durchsetzung jeder alter-
nativen Politik unter den gegebenen internationalen Bedingungen
und gesellschaftlichen Verhältnissen verbunden sind. Gerade auf
dem Felde einer alternativen Technologiepolitik wird sichtbar,
welche Aufgaben und Chancen sich mit einer anderen Entwicklungs-
variante des staatsmonopolistischen Kapitalismus ergeben, also
der schrittweisen Durchsetzung einer Reformkonzeption, die die
aggressivsten und reaktionärsten Kräfte und Tendenzen zurück-
drängt und zugleich Ansatzpunkte zu sozialem und demokratischem
Fortschritt schafft. Für die so charakterisierte gegenwärtige
Kampfetappe muß auch eine ihr angemessene demokratische Technolo-
giepolitik entwickelt werden. Insofern ist hier die Zukunftsdis-
kussion über unser Land unmittelbar berührt.
Unter den gegebenen gesellschaftlichen und Kräfteverhältnissen
erwachsen Alternativen vorrangig aus der Abwehr realer Gefahren,
Belastungen, Risiken, Mißbräuche. Es scheint sich auch auf dem
Feld der Technologiepolitik zu bestätigen, was im Mannheimer Pro-
gramm der DKP als Grundgedanke für alle zukunftsentscheidenden
Konflikte formuliert wurde: In der Abwehr von Verschlechterungen,
in der Verteidigung des Erreichten treten die Kräfte auf den
Plan, die, wenn sie sich formieren, eine Wende zu demokratischem
und sozialem Fortschritt erkämpfen können. 5) Zwischen Abwehr und
Gestaltung, Protest und Reform bestehen keine Schranken. Wer kri-
tisiert, etwas nicht will, tut bereits den ersten Schritt zur
Klärung dessen, was er will, wie die Alternativen aussehen kön-
nen. Technologiepolitische Alternativen beinhalten eine wider-
spruchsvolle Einheit von konsequenter Verteidigung bestehender
Errungenschaften bzw. Rechte und in die Zukunft weisenden Reform-
vorstellungen, die ein anderes Kräfteverhältnis voraussetzen. Es
geht immer zunächst um die Abwehr noch reaktionärerer Entwicklun-
gen und weltweiter Bedrohungen, davon ausgehend um den Übergang
zu einer friedlichen, demokratischen, ökologischen Politik. Wie
lassen sich vor diesem Hintergrund Alternativen der Technologie-
politik umreißen?
2.1 Internationale Kooperation statt Konfrontation,
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Abrüstung statt Aufrüstung
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Die wissenschaftlich-technische Revolution beeinflußt massiv die
Entwicklung und Auseinandersetzung der beiden entgegengesetzten
Gesellschaftssysteme. Die enormen Potentiale führen einerseits
vor Augen, daß wichtige Voraussetzungen gegeben sind, um die glo-
balen Probleme zu lösen; die gewaltigen Destruktivkraftpotentiale
unterstreichen zugleich, daß der Wettstreit der beiden Systeme
nur friedlich ausgetragen werden darf, wenn die Welt überhaupt
eine Zukunft haben soll. Die moderne Wissenschaft und Technik
darf bei Strafe des Untergangs kein Mittel der Konfrontation mehr
sein. Stopp und Zurückdrängung von Rüstungsforschung und -produk-
tion erweisen sich als zentrale Frage jeder fortschrittlichen
Neuorientierung in der Technologiepolitik.
Eine solche Friedensorientierung muß die militärisch vergeudeten
wissen-schaftlichen-technischen Kapazitäten endlich freisetzen
für ihren notwendigen Beitrag zur Lösung der globalen Probleme.
Schutz und Wiederherstellung der natürlichen Lebensgrundlagen,
die Erschließung regenerativer Energiequellen, Ressourcenscho-
nung, neue ökologisch verträgliche Produktionsverfahren, Sicher-
stellung der Ernährungsgrundlagen der Menschheit fordern große
Anstrengungen, die nur über nationale Grenzen hinaus zu bewälti-
gen sind. Sie erfordern internationale Kooperation und Projekte,
die ihrerseits dazu beitragen können, Konfrontation und
"Steinzeitmentalität" abzubauen.
In diesem Sinne kann man davon sprechen, daß die wissenschaft-
lich-technische Revolution selbst Teil der globalen Probleme ge-
worden ist und damit zu weltweiter Kooperation zwingt. Die Reali-
tät sieht allerdings heute noch anders aus. Mit der Internationa-
lisierung des Kapitals verbindet sich eine Vertiefung seiner Kri-
senprozesse; die globalen sozialen ("Schuldenkrise"!) und ökolo-
gischen Probleme nehmen heute dramatische Formen an; nach wie vor
herrscht eine gespannte internationale Atmosphäre unter dem Druck
imperialistischer Hochrüstung und des damit verbundenen Konfron-
tationsstrebens. Trotz verschiedenster Formen internationalen
Krisenmanagements und supranationaler Kooperation auch in den
Ost-West-Beziehungen kann insofern kaum von einer vorausschauen-
den und dem Problemdruck gerecht werdenden Politik zur Lösung
dieser globalen Probleme gesprochen werden. Im Gegenteil. Die
Einbeziehung der Wissenschafts- und Technologiepolitik in den
Konfrontations- und Hochrüstungskurs, ihre Ausrichtung an der ka-
pitalistischen Weltmarktkonkurrenz binden gewaltige Ressourcen,
führen zu vielfältigen Deformationen der Produktivkraftentwick-
lung und schließen zugleich wachsende neue Risiken ein, die -
etwa bei der Kernenergie, der Großchemie, wahrscheinlich auch der
Gentechnik - andere Länder und kommende Generationen, möglicher-
weise auch die Zukunft der Erde überhaupt betreffen. Auch hier
ist internationale Kooperation dringend gefordert, um Risiken
verringern und die Abhängigkeit von zu riskanten Verfahren, Anla-
gen und Stoffen vermindern zu können.
2.2 Anders arbeiten und produzieren - alternativ wirtschaften
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Mit dem Vordringen der elektronischen Informationsverarbeitung
und generell der neuen Technologien wachsen in erheblichem Maße
technische Möglichkeiten, Arbeitsorganisation und Funktionstei-
lungen zwischen Mensch und Technik flexibler zu gestalten. Dies
ist freilich ein langfristiger Prozeß, bei dem nicht einfach alle
technischen Restriktionen der Arbeit aufgehoben werden, aber sie
werden doch "lockerer". Gegensätzliche Interessen hinsichtlich
der Organisation der Arbeit prägen sich damit stärker auch in ih-
rer konkreten technischen Gestaltung aus. Im Prinzip werden an
jedem Arbeitsplatz radikale Verbesserungen im Sinne der Arbeits-
erleichterung und -anreicherung oder Verschlechterungen durch
steigende Intensität, Belastungen, Kontrollen und Einengung von
Spielräumen möglich. Unbestreitbar ist auch, daß mit wachsender
Komplexität der Produktions- und Arbeitsmittel auch die Anforde-
rungen an Qualifikation und Kenntnisse der Arbeitenden wachsen -
auch wenn dies heute gleichfalls sich nur als ein sehr wider-
sprüchlicher Prozeß durchsetzt. Die neuen Technologien schreiben,
was die Gestaltung der Arbeitstechnik und -organisation betrifft,
keine Lösung vor, aber der Zwang wächst, auf sie Einfluß zu neh-
men, mitzuplanen, auszuwählen, zu gestalten. Das aber heißt: Was
den arbeitenden Menschen zugute kommen soll, muß erkämpft werden.
Unter der Vorherrschaft des Großkapitals stehen Wissenschaft und
Technik vorrangig im Dienst der Schwächung der gewerkschaftlichen
wie der politischen Arbeiterbewegung. Der Strategiewechsel der
herrschenden Klasse unter Ausnutzung der Krise - die Kündigung
der bisherigen Variante sozialintegrativer Politik und der An-
griff zur Zurückdrängung der Machtpositionen und Errungenschaften
der Arbeiterbewegung - ist auch durch den technologischen Umbruch
in den Betrieben erleichtert worden.
Flexibilisierung, "Deregulierung", Einschränkung der kollektiven
Gegenwehrmöglichkeiten, Druck durch Massenarbeitslosigkeit auf
den gesellschaftlichen Gesamtarbeiter - das sind wesentliche
Stichworte, die die Richtung der Nutzung neuer Technik unter den
gegenwärtigen Kräfteverhältnissen durch die Unternehmer deutlich
machen. Ihr Ziel ist es dabei auch, einen "neuen sozialen Kon-
sens" - allerdings auf wesentlich erniedrigtem Niveau - zu er-
zwingen, nicht zuletzt die soziale Akzeptanz der kapitalistischen
Nutzung neuer Technologien.
Eine zentrale Forderung alternativer Technologiepolitik lautet
daher ausgehend von den Gestaltungsmöglichkeiten neuer Technik:
Kürzere, qualifiziertere, belastungsärmere Arbeit für alle, Auf-
gabenbereicherung und soziale Kontakte statt Arbeitsplatzvernich-
tung, Intensivierung, Vereinseitigung, Entqualifizierung und Iso-
lation. Alternative Technologiepolitik ist beschäftigungsorien-
tiert, sie zielt auf menschengerechte Arbeitsgestaltung, wach-
sende Qualifikation in der Arbeit für alle.
Mit einer bloßen Arbeitsplatzorientierung kann es allerdings
nicht sein Bewenden haben. Demokratische Beschäftigungspolitik
und Arbeitsgestaltung führen zwangsläufig zu bildungs- und wirt-
schaftspolitischen Forderungen und Initiativen. Es geht um eine
aktive, offensive Bildungspolitik, die sich gegen alte und neue
Benachteiligungen wendet, "Auslese" und "Eliten" ersetzen soll
durch qualifiziertere, breitere Allgemein- und Berufsbildung,
ständige, sozial gesicherte Weiterbildung.
Das Feld politischer und sozialer Interessenvertretung wird für
die Arbeiterklasse breiter. Hinsichtlich der gewerkschaftlichen
Tarifpolitik wird (so zum Beispiel auf dem letzten Gewerkschafts-
tag der IG Metall) zunehmend diskutiert, daß es nicht alternativ
um Forderungen nach höheren Löhnen, kürzerer Arbeitszeit oder we-
niger Belastung gehen kann, sondern daß diese Forderungen im Zu-
sammenhang und unter Einschluß der Arbeits-, Technik- und Quali-
fikationsgestaltung zu stellen sind. Die Zuspitzung in der Ar-
beitszeitfrage, im Kampf um die Verkürzung der Wochenarbeitszeit
steht dem nicht entgegen, sondern sie bündelt die verschiedenen
Ansprüche.
Alternative Technologiepolitik bezieht sich nicht nur darauf,
w i e produziert wird, sondern hängt untrennbar auch mit der
Frage zusammen, w a s produziert wird. Zukunftssichere, sinn-
volle Arbeit läßt sich nur für gesellschaftlich nützliche Pro-
dukte leisten. Exportorientierte Modernisierung, "High-Tech"-Kon-
kurrenz, zunehmende Rüstungsproduktion führen zu Vereinseitigun-
gen der Wirtschaft, provozieren und verschärfen Strukturkrisen.
Gleichzeitig bleiben Bedürfnisse oft unbefriedigt, zum Beispiel
weil Massenkaufkraft fehlt, vor allem bei Arbeitslosen und in die
"neue Armut" Gedrängten. Technologiepolitische Alternativen müs-
sen daher im Rahmen von wirtschaftspolitischen Alternativprogram-
men entwickelt werden. Ein sozial-ökologisch orientiertes 100-
Milliarden-Beschäftigungsprogramm würde nicht nur die Arbeitslo-
sigkeit verringern, sondern auch vernachlässigte Problembereiche
wie Umwelt, Gesundheit, Wohnungs- und Verkehrswesen in Angriff
nehmen. Daraus ergeben sich zugleich neue Schwerpunkte für die
Forschungs- und Technologieentwicklung, eine tendenzielle Abkehr
von der bisherigen profitorientierten Ausrichtung.
Wirtschafts- und technologiepolitische Alternativen benötigen
bundesweite Programme. Auf dieser Basis können regionale struk-
turpolitische Alternativen besser greifen. Die Einheit von regio-
nalen Lösungsansätzen dort, wo sich Strukturprobleme zuspitzen,
und gesamtgesellschaftlichen Alternativen wird zum drängenden Er-
fordernis für realistische Kampfperspektiven.
2.3 Wende zu einer neuen Richtung der Produktivkraftentwicklung
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Mit dem Vergesellschaftungsschub der wissenschaftlich-technischen
Revolution wird der Übergang zu planmäßiger, sozialer, ökologisch
ausgerichteter und demokratisch geplanter Produktion objektiv im-
mer dringender. Der staatsmonopolistische Kapitalismus kann die-
sen Anforderungen im Prinzip zwar nicht gerecht werden, aber er
verfügt über beachtliche und durch die WTR gesteigerte Anpas-
sungsfähigkeiten zur Schaffung neuer Bewegungsformen der privaten
Kapitalverwertung. Die Verwertungslogik stößt hierbei immer wie-
der auf Grenzen, die das Kapital nur um den Preis neuer Wider-
sprüche hinausschieben, aber nicht grundsätzlich überwinden kann.
Arbeitskräfte sollen einerseits verdrängt werden, andererseits
aber stellt sich zunehmend heraus, daß in erheblichem Umfang mo-
tivierte und qualifizierte Kräfte benötigt werden, zum Beispiel
bei CIM-Strategien. Massiv geraten kurz- und langfristige Inter-
essen beim Schutz und Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen in
Konflikt. Die Durchsetzung der weltmarktorientierten
"Modernisierung" im Interesse des Monopolkapitals wird mit wach-
senden inneren Struktur-und Regionalkrisen bezahlt.
Richtung und Inhalt der Produktivkraftentwicklung werden zuneh-
mend zum Gegenstand von gesellschaftlichen Auseinandersetzungen.
Gesellschaftlichen Fortschritt durchzusetzen, ja die Existenz der
Menschheit zu sichern, bedeutet heute mehr denn je, gesellschaft-
liche Bedürfnisse von einem prinzipiell gegen die monopolistische
Kapitalverwertung gerichteten Interessenstandpunkt zu definieren.
Der Antagonismus von Lohnarbeit und Kapital ist und bleibt die
Grundachse der sozialen Konflikte; die Interessen der Arbeiter-
klasse und die Massen der Lohnabhängigen müssen insofern der zen-
trale Bezugspunkt jeder langfristig erfolgversprechenden Alterna-
tivkonzeption sein. Von hier aus sind heute in der Auseinander-
setzung um die Orientierung von Wissenschaft und Technik auch An-
forderungen an die Produktivkraftentwicklung zu stellen. Stich-
worte sind in diesem Zusammenhang:
- Aufbau und Nutzung größerer Kapazitäten für den Umweltschutz,
die sozialen Dienste, das Bildungswesen, ein neues Verkehrssy-
stem;
- Ökologisierung der Produktion durch drastische Verminderung der
Schadstoffemission, zunehmend abproduktfreie Verfahren, Ressour-
censchonung, Schutz und Wiederherstellung der natürlichen Lebens-
grundlagen;
- Umstellung der Landwirtschaft auf gesundheits- und umweltver-
trägliche Produktionen;
- Verwissenschaftlichung und Demokratisierung der Entwicklung und
Anwendung neuer Technologien.
Wirkungs- und Sicherheitsforschung, Folgeabschätzungen und Ver-
träglichkeitsprüfungen müssen zum untrennbaren Bestandteil der
Produktivkraftentwicklung gemacht werden. Es ist möglich und er-
forderlich, neue Verfahren und Produkte grundsätzlich in Alterna-
tiven und Varianten zu entwickeln, um Auswahlmöglichkeiten zu
vergrößern, insbesondere in Risikobereichen (Energie-, Chemie-,
Ernährungswirtschaft z.B.).
Die Entscheidung über Forschungs- und Entwicklungsschwerpunkte,
Risiken und Chancen der Produktivkraftentwicklung dürfen nicht
länger den Großkonzernen und von ihnen abhängigen Experten über-
lassen bleiben. Das erfordert größtmögliche Öffentlichkeit, stän-
dige Aufklärung, wachsende Prüfungs- und Kontrollmöglichkeiten.
Die arbeitenden Menschen dürfen nicht bevormundetes, überwachtes,
in Existenzunsicherheit gehaltenes "Anhängsel" moderner Maschine-
rien sein. Die modernen Produktivkräfte müssen für sie real ver-
stehbar, beeinflußbar, kontrollierbar und nützlich sein. Deshalb
sind heute aller Ideenreichtum, alles Engagement gefordert, um
Kenntnisse und Einflußmöglichkeiten der arbeitenden Menschen zu
vergrößern: mehr Veto- und Mitbestimmungsrechte, Schaffung eines
Systems von Verträglichkeits- und Sicherheitsprüfungen, ständige
Aufklärung durch Wissenschaftler und Gewerkschaften. Dementspre-
chend sind gesetzliche und tarifvertragliche Regelungen zu schaf-
fen oder auszubauen.
3. Anforderungen an organisiertes Handeln
-----------------------------------------
Der Kampf um die Durchsetzung einer alternativen Technologiepoli-
tik erfordert angesichts der zunehmenden Differenzierungen in der
Sozialstruktur und speziell der Arbeiterklasse viele Anstrengun-
gen zur Klärung und Formulierung der gemeinsamen Interessen, For-
derungen und Prioritäten. Hegemoniefähig wird nur, wer in der
Lage ist, die verschiedenen sozialen, politischen und geistigen
Vorstellungen der Arbeiterklasse in ein schlüssiges Gesamtkonzept
zu integrieren und mit den Interessen benachbarter nichtmonopoli-
stischer Schichten zu verbinden. Niemand sollte annehmen, daß
dies ein leichter Prozeß wäre und das Gemeinsame schon auf der
Hand liegen könnte.
Sogenannte "Rationalisierungsverlierer" und "Rationalisierungsge-
winner", qualifizierte und weniger qualifizierte Arbeitskräfte,
Frauen und Männer, Arbeiter ausländischer oder deutscher Herkunft
- sie alle müssen bereit sein, für gemeinsame Ziele zu kämpfen.
Hinzu kommt, daß auch die Verschärfung der Strukturprobleme in
einigen Regionen hohe Anforderungen an die Solidarität der
Arbeiterklasse stellt, ebenso an ihre Fähigkeit, sich auf
gemeinsame Positionen für eine diesem Problem entsprechende
Wirtschafts- und Technologiepolitik zu einigen.
Eine tragfähige Alternative zu den großkapitalistischen Moderni-
sierungskonzeptionen kann sich nur als Annäherung von Zukunfts-
vorstellungen, als konzeptionelle Übereinkunft gerade der demo-
kratischen Kräfte entwickeln. Ein breiter Verständigungsprozeß in
der politischen und gewerkschaftlichen Arbeiterbewegung, unter
Wissenschaftlern wie Arbeitern, Jugendlichen wie Älteren steht
an, nicht nur im Interesse gemeinsamer Forderungen, sondern auch
gemeinsamer Aktivitäten.
Einige Gesichtspunkte für diese Alternativen haben wir aus unse-
rer Sicht oben dargelegt. Hinzu kommen nicht oder nur unzuläng-
lich geklärte Fragen, auf die noch in breiter demokratischer Dis-
kussion Antworten gefunden werden müssen. Wir möchten einige die-
ser Fragen kurz benennen:
- Liegt es im wesentlichen am gegenwärtig ungünstigen Kräftever-
hältnis, wenn die arbeitenden Menschen im allgemeinen, die demo-
kratische und Arbeiterbewegung im besonderen von den technologi-
schen Umwälzungen sozusagen überrollt werden? Oder übersteigen
Tempo, Wirksamkeit und Reichweite dieser Umwälzungen allmählich
jedes menschliche Maß? Fehlt es nur an Einflußmöglichkeiten oder
stellt die Einflußnahme zumindest derzeit eine Überforderung dar
(wer kann zum Beispiel verantwortlich entscheiden, welche gen-
technischen Entwicklungen und Anwendungen es geben soll)?
Nach unserer Überzeugung läßt sich diese Frage nicht spekulativ
beantworten, sondern erst auf der Grundlage reicherer praktischer
Erfahrungen und intensiverer theoretischer Diskussionen. Aber es
bleibt zu beachten: Angesichts der Dimension vieler neuer Risiken
können bestimmte Gefahren nicht mehr einfach "ausprobiert" wer-
den, müssen Grundsatzentscheidungen unter Umständen im voraus ge-
troffen werden. Hieraus ergeben sich auch für die Arbeiterbewe-
gung ganz neue Probleme der "Technologiebewertung", zum Beispiel
im Sinne einer stärkeren Orientierung am Prinzip der Vorsicht.
- Bleibt vor diesem Hintergrund die Aussage richtig, daß es we-
sentlich um einen Gestaltungsprozeß geht, in dessen Verlauf zur
Durchsetzung eigener Interessen auch Protest- und Blockadeorien-
tierungen sinnvoll sind? Oder gewinnt die Blockierung der Ent-
wicklung und Anwendung neuer Technologien einen herausragenden
Stellenwert?
Aus jahrzehntelangen Erfahrungen weiß die Arbeiterbewegung um den
Zusammenhang von Verweigerungen einerseits, dem Durchsetzen von
Verbesserungen andererseits. Jeder Streik ist eine Verweigerung,
zielt aber auf Verbesserungen der eigenen Lage. Diese Erfahrung
kann jedoch nicht einfach auf die wissenschaftlich-technische Re-
volution übertragen werden.
Das neue Problem, das sich stellt, besteht darin, daß Gestal-
tungs- und Mitbestimmungsansprüche bislang in der Regel zu spät
kamen, also den Charakter nachträglicher Korrektur hatten. Heute
geht es aber zunehmend darum, Folgen vorauszusehen, schädliche
oder riskante Wege gar nicht erst einzuschlagen. Erforderlich
wird vorausschauende Gestaltung, das heißt auch Auswahl.
Nach unserer Überzeugung stellt dies nicht prinzipiell Reformen
in Frage, wohl aber ihr verbreitetes Verständnis in der demokra-
tischen und Arbeiterbewegung. Reformkonzeptionen können nicht
mehr für isolierte Bereiche entwickelt werden, sie können nicht
mehr nur auf lokale oder regionale Gegebenheiten zielen. Reformen
müssen eingebettet sein in ein gesellschaftliches Gesamtkonzept
"neuer Politik" und antimonopolistischer Orientierung, Vorausset-
zungen und Folgen in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen
mit einbeziehen, Entscheidungen auf nationaler Ebene und interna-
tionale Kooperation abfordern.
- Gibt es überhaupt eine einheitliche Problemstellung für alle
neuen Technologien? Bestimmte Grundprobleme - etwa: ungünstiges
Kräfteverhältnis, militärischer Mißbrauch, Gestaltungs- und Qua-
lifizierungszwang - erscheinen relativ gleich. Ist es nicht
trotzdem notwendig, stärker zu unterscheiden zwischen verschie-
denen Hauptrichtungen des technologischen Umbruchs?
Ein Schlüsselprozeß, vermutlich der langfristig entscheidende,
besteht in der Durchsetzung eines grundsätzlich neuen Typs von
Arbeitsmitteln: der "intelligenten" Anlage, auf die geistige Ar-
beitsfunktionen übertragen werden können. In dieser Umwälzung
entsteht eine Fülle neuer Fragen, Probleme und Chancen. Trotzdem
verhält es sich offenbar so, daß in einem recht hohen Maße Erfah-
rungen aus der betrieblichen und gewerkschaftlichen Arbeit ange-
wandt werden können. Tarifpolitik und Betriebsvereinbarungen kön-
nen Rationalisierungsschutz, Arbeitszeitverkürzung, progressive
Arbeitsinhalte durchsetzen. Die - wenn auch unzulänglichen - In-
formations- und Mitbestimmungsrechte nach dem Betriebsverfas-
sungsgesetz können offensiv genutzt, ihre Ausweitung kann auf die
Tagesordnung gesetzt werden.
Bei einem anderen Schlüsselprozeß, der neuartigen Nutzung von Na-
turkräften, scheinen die Bedingungen und Probleme wesentlich an-
ders zu sein. Bei Kernenergie, Großchemie, möglicherweise auch
Gentechnik, sind derart gefährliche Stoffe und Verfahren im
Spiel, daß den Risiken nicht mit den "konventionellen" Methoden
des "Abfederns" und Abmilderns sozialer Folgen begegnet werden
kann. Das Entstehen der Ökologiebewegung signalisiert in diesem
Zusammenhang eine neue Qualität der Anforderungen an Politik,
Ökonomie und Ideologie.
Nach unserer Überzeugung bleiben schematische Gleichsetzungen der
verschiedenen Hauptrichtungen des technologischen Umbruchs unpro-
duktiv. ISDN-Netze und Kernkraftwerke bringen jeweils spezifische
Probleme und Risiken mit sich, auch wenn es bei diesen großtech-
nischen Einrichtungen wichtige Parallelen gibt. Umgekehrt kann
den Risiken durch die Freisetzung gentechnisch veränderter Lebe-
wesen auf traditionellen Entscheidungswegen nur absolut unzurei-
chend begegnet werden - sowohl im parlamentarischen wie auch im
betrieblichen Raum.
Eine andere Verzahnung von Wissenschaft und Politik, ein intensi-
verer Meinungsaustausch zwischen verschiedenen Massenbewegungen,
besonders zwischen Arbeiterbewegung, demokratischen Wissenschaft-
lern und Bürgerinitiativen, scheint ebenso erforderlich wie die
Entwicklung neuer politischer Instrumentarien, seien es neue Kon-
trollgremien oder zum Beispiel Volksentscheide.
Die Diskussion dieser - und anderer - offener Fragen wie die Ent-
wicklung von Alternativen erweisen sich als demokratische Heraus-
forderung: Wer im Bevölkerungsinteresse handeln und mehrheitsfä-
hig werden will, muß aufklärend wirken, massenhaft Bedürfnisse
aufgreifen, verschiedenartige Meinungen einbeziehen, Gemeinsam-
keiten entwickeln. Erst so kann Gegenmacht möglich und wirksam
werden.
Eine demokratische Technologiepolitik erfordert einerseits gün-
stigere politische Kräfteverhältnisse, andererseits muß sie diese
auf ihren Feldern wesentlich mit herbeiführen. Dazu gehört vor-
rangig:
- die Stärkung und Dynamik außerparlamentarischer Bewegung, be-
sonders der Arbeiterbewegung;
- die Festigung von Aktionseinheits- und Bündnisbeziehungen zwi-
schen allen sozialen und politischen Kräften, die objektiv ein
Interesse an demokratischen Veränderungen haben;
- Fortschritte in der Verständigung der oppositionellen Kräfte
über Alternativen zur herrschenden Politik;
- Stärke, Organisiertheit und Ausstrahlungskraft der Linken, be-
sonders der marxistischen Kräfte.
Von diesen Faktoren hängen sehr direkt Stärke und Einfluß der Ar-
beiterbewegung, ihre Politik- und Handlungsfähigkeit ab. Erfolge
haben zur Voraussetzung, daß es gelingt, alle Teile der Arbeiter-
klasse, die Arbeitenden wie die Arbeitslosen, die gegenwärtig Be-
schäftigten und die Nachwachsenden, Frauen und Männer zusammenzu-
führen. Diese Integration und Solidarisierung muß untrennbar ver-
bunden sein mit der konsequenten Hinwendung zu den qualifizierten
Teilen der Arbeiterklasse und zur wissenschaftlich-technischen
Intelligenz. Ohne diese Schlüsselgruppierungen und -schichten
kann nicht genug Durchschlagskraft entwickelt werden.
Nach unserer Überzeugung bedarf es bei allen demokratischen Kräf-
ten einer gründlichen Diskussion über ihre Integrations- und
Bündnisfähigkeit, gerade auch gegenüber diesen wachsenden Teilen
der lohnabhängig Beschäftigten. Es erscheint auch deshalb beson-
ders dringlich, derartige Fähigkeiten weiterzuentwickeln, weil
diese Gruppierungen nicht im luftleeren Raum leben, sondern poli-
tisch und geistig stark umkämpft sind. In den qualifizierten Tei-
len der Arbeiterklasse sind reformistische Einflüsse besonders
stark, in der wissenschaftlich-technischen Intelligenz wirken -
bei noch geringem gewerkschaftlichen Organisationsgrad - vielfäl-
tige konservative Einflüsse.
Was in diesem Zusammenhang Siegfried Bleicher für die IG Metall
feststellt, sollte alle Kräfte der Arbeiterbewegung anregen. Er
geht in seinem Papier "Solidarität 2000" davon aus, daß die Mit-
gliederstruktur der IG Metall die Veränderungen in der Beschäf-
tigtenstruktur ungenügend widerspiegelt, vor allem die starke An-
teilszunahme der Angestellten in den Betrieben. Nach seiner Über-
zeugung muß das auch zu neuen Überlegungen hinsichtlich der Ziel-
gruppen und der Anlage gewerkschaftlicher Arbeit führen:
"Umfragen unter Arbeitnehmern machen ... deutlich, daß die poli-
tischen Auffassungen und Einstellungen von Facharbeitern und An-
gestellten größere Gemeinsamkeiten und größere Übereinstimmungen
aufweisen, als dies beispielsweise in den Auffassungen von Fach-
arbeitern und an- und ungelernten Arbeitern der Fall ist." Be-
wußtsein und Handeln dieser entscheidenden Zielgruppen entsteht
nach Bleicher "nicht mechanisch oder wie eine chemische Reaktion
dadurch, daß sich die Arbeits- und Lebensumstände verschlechtern.
Kritische Denkpotentiale entwickeln sich an glaubwürdigen, nach-
vollziehbaren Alternativen." Es gelte, "die über den Tag hinaus-
weisenden gesellschaftspolitischen Alternativen und Utopien der
Arbeiterbewegung wieder aufzugreifen". 6) Mit Blick auf diese
Zielgruppen sprach Klaus Zwickel auf dem Gewerkschaftstag der IG
Metall von einem "neuen Belegschaftstypus", der gewohnt ist, "im
Team zu arbeiten, sich auch ständig mit verschiedenen Lösungswe-
gen auseinanderzusetzen. Er will keine Formeln, sondern individu-
ell überzeugt werden. Er will nicht glauben, sondern wissen, er
ist es aber nicht gewohnt, seine Meinung erst dann einbringen zu
können, wenn er einen bestimmten Status erreicht hat, zum Bei-
spiel als Vertrauensmann. ... Es wird darauf ankommen, gewerk-
schaftliche Arbeitsformen zu entwickeln bzw. weiterzuentwickeln,
wo nicht erst langweilige Formalien abgewickelt werden müssen, um
zu inhaltlichen Diskussionen, gerade mit diesem Personenkreis, zu
kommen." 7)
Es geht nach diesen Vorstellungen also nicht nur um die Suche
nach neuen kampfstarken Teilen der Arbeiterbewegung. Es geht
ebenso um neue Chancen zur Entwicklung der Identität der Arbei-
terklasse, die heute immer weniger durch kollektive Arbeitserfah-
rungen und immer mehr durch Überzeugungsarbeit entsteht.
Die gegenwärtige Umbruchperiode und speziell die wissenschaft-
lich-technische Revolution erfordern offenbar ein erweitertes und
vertieftes Verständnis von Arbeiterpolitik, vor allem ein stär-
keres Anknüpfen an geistigen Prozessen und Bedürfnissen in der
Arbeiterklasse. Damit stellen sich in der politischen und gewerk-
schaftlichen Arbeiterbewegung auch neue Anforderungen an Qualifi-
kationen und Kompetenz, geistige Beweglichkeit, Aufgeschlossen-
heit und konsequentes, ehrliches Vertreten der eigenen Position.
_____
1) Michail Gorbatschow, Bericht an den XXVII. Parteitag der
KPdSU, in: Sowjetunion zu neuen Ufern?, Düsseldorf 1986, S. 128.
2) Siehe dazu: Kommunisten und neue Technologien. Stellungnahme
der DKP zur Technologiepolitik. Hrg. Parteivorstand der DKP, Düs-
seldorf 1985; Thesen des 8. Parteitags der DKP, Düsseldorf 1986.
3) Thesen des 8. Parteitages der DKP, a.a.O., S. 47.
4) Ebd., S. 48.
5) Vgl. Programm der DKP, Düsseldorf 1978, S. 33 f.
6) IG Metall, Abtlg. Angestellte, Solidarität 2000, Manuskript,
Frankfurt/M. 1987, S. 5 ff.
7) 15. ord. Gewerkschaftstag der IG Metall, Protokoll d. 3. Ta-
ges, Frankfurt/M. 1986, S. 279.
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