Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 14/1988
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DIE ARMEE DER REVOLUTION UND DIE ENTSTEHUNG DES MODERNEN KRIEGES
Eberhard Dähne *)
1. Zur ökonomischen und sozialen Struktur Frankreichs - 2. Zur
französischen Kriegsmacht am Vorabend und in der ersten Phase der
Revolution - einzelne Waffengattungen - 3. Veränderungen der Ar-
mee, vor allem der Infanterie, im Verlauf der Revolution - 4. Der
"totale Krieg" - 5. "Friede den Hütten ..." - Zur Rolle von Agi-
tation und Propaganda - 6. Der Krieg ernährt den Krieg - Zur Ver-
selbständigung des militärischen Apparats
1953. Die Franzosen begannen sich bei Dien Bien Phu einzuigeln.
"Jahrelang hatten die Stäbe in Hanoi davon geträumt, dem Feind
endlich in offener Feldschlacht zu begegnen und ihn zu vernich-
ten." 1) Oberbefehlshaber Navarre und Festungskommandant de Ca-
stries gingen davon aus, daß es unmöglich sei, Artillerie durch
den Gebirgsdschungel zu transportieren.
200 000 Menschen, die 50 000 Fahrräder in Bewegung hielten, und
die Armee der Volksbefreiungsfront widerlegten die Experten.
"Schon unter den ersten Salven der Belagerer brachen die Vertei-
digungsanlagen der Franzosen, die allenfalls auf Granatwerfer-
feuer eingerichtet waren, zusammen." 2) Dien Bien Phu kapitu-
lierte am 7.5.1954. Hätten die Generäle doch die Geschichte ihres
Volkes aufmerksamer studiert.
1.) Zur ökonomischen und sozialen Struktur Frankreichs
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Frankreich war gegen Ende des 18. Jahrhunderts nach England, den
Niederlanden und Holland das entwickeltste Land der Welt. Insge-
samt noch Agrarland, nahm die Schwerindustrie in den Jahren vor
der Revolution einen stürmischen Aufschwung, andere Industrien
und Manufakturen produzierten mit Zuwachsraten. Der Kolonial- und
Außenhandel vervierfachte sich zwischen 1716 und 1789 3), womit
eine Ausweitung der Handels- und Kriegsflotte einherging. Die in
der Zeit Colberts (1619"1683) oder in seiner Nachfolge
(Chausseen) entstandene Verkehrsinfrastruktur war beeindruckend,
was für die zunächst auf der "Inneren Linie" geführte Verteidi-
gung der Republik wichtig war. 4)
Die ausweglose Lage der Staatsfinanzen und die "allgemeine Zer-
rüttung" am Vorabend der Revolution ist relativ zu den desolaten
Zuständen in anderen Ländern zu sehen.
Einwohnerzahlen und -dichte, Landtruppen und Seestreitkräfte eu-
ropäischer Staaten um 1800
Land Einwohner Landtruppen Schiffe
in Mio. pro qkm a) in 1000 Linien/Fregatten
Rußland 36,4 9 510 60/100
Frankreich b) 32,4 56 601 32/40
Österreich-
Ungarn c) 23,8 38 356 -/26
Italienische
Staaten d) 15,3 54 100 8/22
England 15,0 46 200 242/279
Spanien 10,7 21 76 67/44
"Deutschland" e) 12,0 44 160 -/-
Preußen f) 9,9 32 240 -/-
Portugal 3,3 31 45 10/5
Schweden g) 3,3 4 48 26/13
Dänemark h) 2,5 5 75 23/23
Batavische
Republik i) 1,9 67 23 16/15
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a) von geografischen Quadrat-Meilen (ca. 55 qkm) auf qkm umge-
rechnet; b) abzüglich eines Teils der linksrheinischen und ita-
lienischen Departements; zum Zeitpunkt des Friedens von Luneville
umschlossen die Grenzen 35,2 Millionen Einwohner; c) Ohne Vene-
dig, Dalmatien; d) einschl. Venedig, Dalmatien, Sardinien, aber
ohne die französisch gewordenen Departements; e) ohne Preußen,
die habsburgischen Lande, Schleswig und Holstein, Vorpommern so-
wie die nach Frankreich eingegliederten Departements; f) einschl.
Ansbach/Bayreuth, Neuenburg und der bei der 3. Teilung Polens
(24.10.1795) annektierten Gebiete; g) einschl. Vorpommern und
Finnland, h) einschl. Schleswig, Holstein, Norwegen, Island, i) =
Holland und Niederlande
Quelle: Zusammengestellt und berechnet nach Georg Kassel, Stati-
stischer Umriß der sämtlichen Europäischen Staaten in Hinsicht
ihrer Größe, Bevölkerung, Kulturverhältnisse, Handlung, Finanz-
und Militärfassung und ihrer außereuropäischen Besitzungen, Er-
ster Theil, Braunschweig 1805.
Frankreich war am Vorabend der Revolution mit ca. 25 Millionen
Einwohnern das volkreichste Land Mittel- und Westeuropas; die
hohe Bevölkerungsdichte unterstreicht das relativ hohe Entwick-
lungsniveau. Die Masse der Bevölkerung wohnte auf dem "flachen
Land"; in Städten mit mehr als 10 000 Einwohnern um 1800 ca. 2,8
Millionen, also weniger als 10% der Gesamtbevölkerung.
Zumal in der ersten Phase der Revolution "explodierte" die Zahl
der Geburten. Die Ursachen dafür dürften in dem von Abgaben ent-
lasteten erweiterten Nahrungsmittelkonsum, der Stellenvermehrung
infolge der Aufteilung der Nationalgüter (und in der Art wie sie
erfolgte) 5) und dem endgültigen Zusammenbruch der traditionellen
Bevölkerungsweise zu suchen sein. 1790 stieg die Zahl der Ehe-
schließungen um 25 %, was tendenziell anhielt 6).
Vom 11. Januar bis zum 7. Oktober 1813 wurden z.B. 840 000 Mann
ausgehoben 7).
2. Zur französischen Kriegsmacht am Vorabend und in der
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ersten Phase der Revolution - einzelne Waffengattungen
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Das Ansehen der französischen Armee beim Volk war bescheiden wie
in allen Ländern Europas. Michelet zitiert Quesnay: "Die Söhne
der Landwirte haben solches Grauen vor dem Heeresdienst, daß sie
lieber das Land verlassen und sich in den Städten verbergen" 8).
Die spezifische historische Entwicklung 9) und die Ideen der Auf-
klärung führten aber dazu, daß die Behandlung der G e m e i-
n e n menschlicher als z.B. in Preußen war. "Der Kriegsminister
Saint-Germain führte 1776 die preußischen Stockprügel ein; die
geprügelten Soldaten erschossen sich, und die Stockprügel mußten
noch im selben Jahr abgeschafft werden." 10). Das galt nicht für
die Hilfstruppen, die im Solde des französischen Königs standen.
Vor allem bei den Schweizern waren noch barbarische Körperstrafen
üblich.
Übereinstimmend - so auch von Lafayette 11) - wird die Qualität
des U n t e r o f f i z i e r s k o r p s - das eben kein Prü-
gelapparat war - gelobt. Die Unteroffiziere spielen im Revoluti-
onsprozeß der Armee eine große Rolle. Der konstitutionell einge-
stellte Kriegsfreiwillige Gabriel Noel beobachtet mit Mißfallen:
"unter den Unteroffizieren gibt es eine große Zahl Aufrührer,
Agitatoren, vielleicht bezahlte Agenten, die fortwährend mit den
Freiwilligen zusammenstecken und ihren Geist verderben." 12)
Michelet schätzt ihren Einfluß auf die Freiwilligen anders ein:
"Die Lehrmeister, die sie unterrichteten und ihre Begeisterung
disziplinierten, die gleich einer Feuersäule vor ihnen herzogen,
das waren die Unteroffiziere oder Soldaten des ancien régime"
13). Schon im Frühjahr 1792 werden die Korporale (in der preußi-
schen Armee die "Stockmeister") von den Soldaten gewählt! 14)
Das französische O f f i z i e r s k o r p s war aristokra-
tisch. Die höheren Dienstgrade wurden schon immer dem Adel vorbe-
halten. Auch für die niedrigen Dienstgrade war seit 1780 vorge-
schrieben, daß sie vier Generationen adeliger Vorfahren nachwei-
sen mußten. Aber schon vorher waren im Grunde nur noch Artillerie
und Geniekorps für Bürgersöhne zugänglich. Die niedrigen Dienst-
grade waren manchmal Freimaurer, und es gab gesellige Einigungen,
die sich "Callotiner" nannten und nur Offiziere bis zum Haupt-
mannsrang aufnahmen. Napoleon formulierte 1788 die Verfassung der
entsprechenden Vereinigung von Auxonne im Geiste Rousseaus 15).
Wie bei anderen feudalistischen Armeen gab es auch bei den Fran-
zosen das System der Regimentskassen, aus denen die laufenden Ko-
sten bestritten wurden und die zur zusätzlichen Bereicherung der
Kommandeure dienten. Abgesehen davon, daß die höheren Offiziere
schon frühzeitig emigrierten und die mittleren, teilweise auch
die unteren Ränge vielfach den Bürgereid verweigerten, kam es zu
Konflikten, als die Soldaten und Unteroffiziere Rechnungslegung
über diese Kassen verlangten 16). "So vollzog sich die natürliche
Trennung: Der Soldat näherte sich dem Volke, der Offizier dem
Ausland" 17). Schon recht früh wurde aufgrund dieser Auseinander-
setzungen die Kassenverwaltung Verwaltungsräten auf Bataillon-
sebene übertragen: "Man hat da einen Kapitän, einen Leutnant,
einen Feldwebel, einen Sergeanten, einen Gefreiten und vier Frei-
willige hinein zu wählen" 18).
Das Ausbildungsprogramm der französischen Linien - I n f a n-
t e r i e war partiell eine Kopie des preußischen Exerzier-
reglements, das seine Überlegenheit im 7-jährigen Krieg (Frie-
densschluß zu Hubertusburg 1763) bewiesen hatte: Lineartaktik mit
Soldaten, die zu Schießmaschinen gedrillt waren 19).
23 Handgriffe waren zu Zeiten des "Alten Dessauers", der den ei-
sernen Ladestock erfunden hatte, notwendig, um einen Schuß abzu-
feuern. Die Preußen brachten es zu dieser Zeit auf drei Schuß pro
Minute 20).
Neben dieser Hauptstreitmacht gab es - vor allem bei der deut-
schen Infanterie (stark bei den Hessen) - Jägereinheiten, die mit
relativ zielsicheren Büchsen (gezogene Läufe) bewaffnet waren.
Dieses Gewehr war aber sehr umständlich zu laden, und es ließ
sich kaum mit einem Bajonett bewehren. Diese Jäger tiraillierten
und waren auf Einfangen von Deserteuren abgerichtet. Wegen ihrer
bevorzugten Stellung und Bewegungsfreiheit wurden sie überwiegend
aus Nachkommen von Staatsbeamten, etwa Jägern, Dorfvorstehern
usw., rekrutiert.
Die angedeuteten Fähigkeiten der Linien-Infanterie konnten nur
über einen ungeheuren Drill erlangt werden: Jeder Handgriff und
Schritt mußte gewissermaßen zur ersten Natur geworden, menschli-
che Regungen zur zweiten erniedrigt sein. Und das galt nicht nur
für jeden einzelnen Soldaten, sondern auch für die jeweilige For-
mation - gefeuert wurde gruppenweise in Pelotons von außen nach
innen - und für diese in der gesamten Linie; die Armee im Manu-
fakturzeitalter.
Die Qualität dieser gedrillten Soldaten machte sie zu wertvollen
Objekten. Daraus erklären sich die mannigfachen Vorkehrungen, um
sie vor Erkrankungen zu schützen, sie im Feldzug gut zu ernähren
und sie (den jeweiligen Umständen entsprechend) schonend einzu-
setzen; schließlich wirksame Maßnahmen gegen Desertion zu treffen
21). Viele Merkmale der Kriege des Feudalzeitalters erklären sich
zum Teil aus den skizzierten spezifischen Eigenheiten und dem
Wert der Infanterie 22).
Das französische Infanteriegewehr - eingeführt 1777 - galt als
das modernste seiner Zeit. Es unterschied sich nicht in der tech-
nischen Gesamtkonzeption, aber in vielen kleinen Einzelheiten von
anderen Batterieschloßgewehren. "Infolge der Umrüstung der Artil-
lerie auf Geschütze des Systems Gribeauval im Jahre 1774 werden
auch die Handfeuerwaffen von Seiten der Artilleriefachleute einer
kritischen Prüfung unterzogen und folgende ... Neuerungen einge-
führt: Systematische Erfassung sämtlicher Waffenteile in Propor-
tions- und Dimensionstabellen zwecks gleichartiger Herstellung in
den staatlichen Manufakturen; geänderte Hahnform ... Messing-
pfanne, die der Korrosion besser widersteht (und in der sich we-
niger Pulverreste festsetzen, d. Verf.); Befestigung des Laufs
mittels dreier Laufringe und verbesserter, stärker gekrümmter
Kolben mit ausgeschnittener Backe" 23) (wodurch es überhaupt erst
möglich wurden ein Ziel anzuvisieren, d. Verf.). 1800/1801 werden
weitere Verbesserungen vorgenommen.
Auch beim genannten "System Gribeauval" wurden (abgesehen vor der
Verbesserung der Lafettierung) keine grundlegenden technischen
Veränderungen bei der A r t i l l e r i e vorgenommen 24). Die
Reform bestand im wesentlichen in einzelnen, kleinen Verbesserun-
gen sowie einer Systematisierung und Normierung der Einzelteile
und ihrer Produktion, was die Reparatur vor Ort erleichterte. Den
Artillerieeinheiten wurden Feldschmieden und Handwerkerkompanien
beigegeben, was in Preußen erst seit 1808 erfolgte 25).
Im Zuge der Systematisierung wurde schließlich die Belagerungs-
von der Feldartillerie getrennt und "die Vierpfünder auf die In-
fanterie verteilt, wobei jedes Bataillon 2 erhielt" 26). In der
Schlacht bei Wattignies (16.10.1793) entschied unter anderem die
beim Sturm mitgefühlte Artillerie über den Sieg des linken Flü-
gels und die Schlacht 27).
"Dank der Verbesserungen Gribeauvals übertraf die französische
Artillerie während der Revolutionskriege jede andere und entwic-
kelte sich in den Händen Napoleons bald zu einer Waffe von bisher
unbekannter Wirksamkeit" 28).
An der französischen K a v a l l e r i e läßt Engels kein gutes
Haar. "Die Franzosen sind entschieden die schlechtesten Reiter
Europas und ihre Pferde, die gut vor dem Wagen sind, eignen sich
nicht für den Sattel." 29). Dies hatte sich durch die Revolution
verschärft. Zum einen waren aus dieser traditionell aristokrati-
schen Waffenart die Offiziere als erste übergelaufen. Zum anderen
bestand die leichte Kavallerie zum großen Teil aus deutschen
Söldnern. Deutsche Husaren, nebenbei im Einfangen von Deserteuren
gedrillt, nehmen in einer Stärke von 1400 Mann am Blutbad von
Nancy teil, sind Bedeckungstruppe bei der gescheiterten Flucht
von Ludwig dem XVI. und begleiten den Überläufer Dumouriez 30).
Scharnhorst gesteht der französischen Kavallerie zu, daß sie man-
gelndes Können zum Teil durch Schneid ersetzte und die berittene
Artillerie häufig das Schlimmste verhütete 31). "Diese Waffengat-
tung fand wieder die vollste Aufmerksamkeit und war sehr zahl-
reich in den französischen Armeen vertreten, in denen ihre rich-
tige taktische Verwendung zuerst praktisch begründet wurde." 32)
Die Engländer legten, nachdem sie im amerikanischen Unabhängig-
keitskrieg die Seeüberlegenheit gegen die vereinigten F l o t-
t e n Frankreichs, Spaniens und Hollands zeitweilig verloren
hatten, ein Flottenbauprogramm auf. Die in der Tabelle dar-
gestellte drückende Überlegenheit um 1800 (141 Linienschiffe 7279
Fregatten der Engländer gegen 115 bzw. 99 Schiffe Frankreichs,
Spaniens und der Batavischen Republik) zeichnet das Bild nach der
Seeschlacht von Abukir (17.8.1798) und der verlorenen Schlacht
der Spanier bei Samt Vincent (1797).
Die französische Flotte - Engels urteilt, daß die Schiffe besser
konstruiert gewesen seien und günstigere Segeleigenschaften als
die englischen besessen hätten 33) - hat im Verlauf der Revolu-
tion herbe Verluste. Das gesamte Offizierskorps emigrierte, und
am 27.8.1793 wird Toulon mit der Mittelmeerflotte, allen Vorräten
und Werften an die damals verbündeten Engländer und Spanier
ausgeliefert. Die 1793 einsetzenden Reorganisationsbemühungen des
Wohlfahrtsausschusses müssen Flickwerk bleiben, weil Personalver-
luste im manu-fakturellen Segelschiffzeitalter, wo Augenmaß, Er-
fahrung und Drill die Qualifikation ausmachen, in kurzer Zeit
nicht auszugleichen sind. Das Seegefecht vor Brest Anfang Juni
1794 - bei dem die Franzosen einen amerikanischen Lebensmittel-
konvoi in den Hafen geleiten - bezahlen sie mit dem Verlust von
sechs Linienschiffen 34).
Auch wenn numerische Überlegenheit bestand, unterliegen Franzosen
und Spanier. Bei Trafalgar (21.10.1805) kämpfen 27 Linienschiffe
unter Nelson gegen 33 der Franzosen und Spanier, von denen nur 11
Schiffe entkamen. Die Stärke der Engländer beruhte in der Haupt-
sache auf der besseren Ausbildung der Seeoffiziere und eines
Stamms von Seeleuten, die, wie damals überall, ihre "Karriere"
als "Gepreßte" begonnen hatten. Zwar war auch in England die
Flotte eine der vorrangigen Beschäftigungsmöglichkeiten der
nachrangigen Söhne der Landlords, aber die Trennlinie zum Bürger-
tum war nicht scharf gezogen. Nelson - Sohn eines Landpfarrers -
befehligt bereits im Alter von 21 Jahren eine englische Fregatte
im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg.
Die englischen Schiffe waren zudem mit Karronaden ausgestattet
(ein kurzes Geschütz aus Gußeisen (!), 1779 in einer schottischen
Gießerei in Carron hergestellt 35). 1781 - also nur zwei Jahre
später! - waren schon "429 Schiffe der britischen Kriegsmarine
über ihre reguläre Bestückung hinaus mit 6 bis 10 Karronaden aus-
gestattet" 36). Ihre Wirkung war unter einem Kilometer Schußweite
verheerend.
3. Veränderungen der Armee, vor allem der Infanterie,
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im Verlauf der Revolution
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Am Beginn des ersten Koalitionskrieges 1792 - die mit den preußi-
schen und österreichischen Truppen vorrückende Konterrevolution
und ihr weißer Terror (die weißen Kokarden gegen die blau-weiß-
roten der Republik) wüten bereits - spendet ein kleines französi-
sches Dorf 300 000 Franken. "Geht der Bauer einmal soweit, daß er
sein Geld anbietet, so gibt er sein Blut ohne weiteres; er gibt,
er verschwendet es" 37). Das ganze Frankreich - und es ist immer
noch überwiegend Bauernland - steht auf wider die Tyrannen. Jeder
Vorteil, den sich die Invasionsarmeen erkämpfen, zerrinnt, kann
in einem feindseligen Land nicht ausgenutzt werden, gegen "den
Bauern, der vom Rhein bis zur Marne bewaffnet auf seiner Scholle
steht" 38). Die Invasionsarmee des Herzogs von Braunschweig wird
nicht nur durch den Bewegungskrieg in den Argonnen und die
Schlacht bei Valmy zum Rückzug gezwungen 39). "Das Getreide ver-
schwand, und als hätte ein Sturmwind es entführt, enteilte es
nach Westen. Nur eines blieb auf dem Weg des Feindes zurück, die
unreifen Trauben, Krankheit und Tod." 40)
Ganz ähnlich beschreibt Lenin die Situation der Denikin- und
Koltschak-Armeen im Interventionskrieg gegen die junge So-
wjetunion 41).
Auch die Masse der Soldaten kam vom Land und aus kleinen Land-
städten. Spätestens seit der Aushebung der 300 000, freilich mel-
deten sich nur 160 000 42), auf alle Fälle nach der Aushebung
von sieben Jahrgängen infolge des "Gesetzes über das Volksaufge-
bot (levée en masse)" vom 23.8.1793, bestand die Armee - die bis
1794 auf 1,2 Millionen Mann anschwoll - überwiegend aus Bauern-
jungen.
Mit dem Fortschreiten der Revolution und dem Prozeß der Heraus-
bildung des französischen Parzellenbauern bedeutete "Verteidigung
des Heimatlandes" stets zweierlei: Verteidigung des eigenen Bo-
dens, der in einem Dorf in der Republik Frankreich lag. Napoleon
- dem dieses Problem stets bewußt war - stellt in seiner ersten
Rede nach seiner Landung von Elba sinngemäß die Frage: "Wollt
Ihr, daß Euch Land wieder weggenommen wird?" Und noch sein ent-
fernter Verwandter, der sich viele Jahre später mit dem Titel Na-
poleon III. schmückt, kann an dieses Bewußtsein anknüpfen 43).
Nur wenige Bauernsoldaten - dazu sind sie als angehende kleine
Warenproduzenten viel zu nüchtern - dürften freilich so weit ge-
gangen sein, wie der Freiwillige Joliclerc, der an seine Mutter
schreibt: "Unser Leben, unser Vermögen und unsere Gaben gehören
nicht uns. Das gehört alles der Nation, dem Vaterland" 44). Wobei
wir inzwischen wissen, für welche unehrenhaften und verbrecheri-
schen Zwecke ein derartiger klassenneutraler Patriotismus in den
modernen Kriegen des Imperialismus mißbraucht wurde.
Diese soziale Zusammensetzung der Armee hatte verschiedene Konse-
quenzen, die durchaus nicht nur vorteilhaft waren. Der Freiwil-
lige Noel, der aus besseren Kreisen stammte, schreibt am 6.2.1792
empört, "ein großer Teil der Landleute, die unter uns sind, haben
keinen anderen Wunsch als nach Hause zurückzukehren, um ihre Äc-
ker zu bestellen" 45). Etwas Ähnliches spielte sich dann mit den
Freiwilligen vom Sommer und Herbst 1792 ab 46), die sich vielfach
nur für ein halbes Jahr verpflichtet hatten. Trotz der beschwö-
renden Worte des Konvents "Bürger, das Gesetz erlaubt es Euch;
der Patriotismus verbietet es" schrumpfte die Armee vom Herbst
1792 bis zum Frühjahr 1793 von 400 000 auf 250 000 Soldaten 47).
Die Bauernsoldaten wollten natürlich nicht Äcker bestellen, das
taten ihre Väter, Mütter und Schwestern, sondern nachschauen, was
die in verschiedenen Etappen verlaufende Neugestaltung der Be-
sitzverhältnisse auf dem Land an Veränderung und Chancen bot.
Auch hier die Parallele zu Rußland, wo sich nach der Oktoberrevo-
lution die Armee auflöst.
Das Problem trat aber nicht nur bei der Truppe auf, die an den
Grenzen stand, sondern auch bei der Nationalgarde im Land. Mit
Erlaß vom 28. Dezember 1791 mußten die Gardisten sich für ein
Jahr verpflichten, unter der Androhung einer Strafe, die den Wan-
del gesellschaftlicher Verhältnisse und des Bewußtseins mar-
kierte: Wer sich nicht daran hielt, wurde damit bestraft "zehn
Jahre lang der Ehre, Soldat zu sein, verlustig zu gehen" 48).
Die Bauernsoldaten, die wußten, wofür sie kämpften, waren relativ
anspruchslos und hatten ein, "Gefühl" für das Relief einer Land-
schaft, für die taktischen Möglichkeiten von Gehölzen, Gebäuden
usw. (seit Moltkes Zeiten greinen die Militärs darüber, daß dies
bei den immer mehr verstädterten Soldaten verloren gegangen sei).
Das gleiche hatte sich im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg ab-
gespielt. Die Farmer kämpften zunächst in aufgelösten Schützen-
schwärmen und schossen mit ihren Gewehren und Büchsen aus Gehöl-
zen und Gebäuden. Bei den ersten Schlachten von Lexington und
Concord (19.4.1775) verloren die Engländer jeden dritten Mann,
während die Verluste der tiraillierenden Amerikaner minimal waren
49). Dieses Moment der neuen Infanterietaktik verdankte sich also
nicht nur der Tatsache, daß für die Freiwilligen nur wenig Aus-
bildungszeit vorhanden war. Sie setzte sich gewissermaßen natur-
wüchsig durch; auch deshalb, weil die in den alten Formen ge-
drillte Infanterie nur noch weniger als 100 000 Mann betragen ha-
ben dürfte. Sie hatte zudem den Vorteil, daß sie die Unterlegen-
heit an Kavallerie - deren massenhafter Einsatz offenes Gelände
voraussetzt - zum Teil ausglich. "Und es ist eine ausgemachte
Wahrheit" - schreibt Scharnhorst - "daß die französischen Ti-
railleurs den größten Teil der Affären in diesem Kriege entschie-
den haben" 50).
Die Tirailleurtaktik eignete sich für jedes Gelände, war Vertei-
digungs- und Angriffsmittel. Schlachtentscheidend waren aber die
hinter den Schützenschwärmen - je nach den Umständen sich auch
aus ihnen bildenden - Schützenkolonnen, die geballt auf die
schwachen Stellen des Gegners losbrachen. Angewandt wurde die Ko-
lonnenform erstmals bei Jemappes (6.11.1792), wo sie nach der
Beschreibung von Michelet zum Teil durch das Gelände unterhalb
der stark verschanzten Österreicher erzwungen wurde 51). Eine
vielleicht noch wichtigere Rolle spielte die Zusammensetzung des
"Volksaufgebots", das neben der alten Linieninfantrie "aus wer
weiß wieviel Banden von Freiwilligen bestand, die teils ohne Uni-
form waren, teils die verschiedenen Uniformen der Föderation von
1790 trugen. Ein Bataillon ... war noch in den Leinenkitteln mit
der Bauernmütze ... Jedes Korps bildete sich aus den einzelnen
Städten oder Dörfern, den Bezirken, den Freundschaften und be-
nannte sich, wie es ihm gefiel." 52)
Bei Jemappes entfaltete sich auch das, was wir als
"republikanische Raserei" bezeichnen. Die Kolonnen gingen unter
dem gemeinsamen Gesang der "Marseillaise" und dem Schlachtruf "ça
ira!" vorwärts. Obwohl es mehrmals kritische Situationen gab, gab
es kein Halten, wobei die österreichischen Söldner "eine solche
Raserei nicht begriffen" 53).
Auch dieses zweite Moment der neuen Taktik, die Kolonnenform
(und, im übertragenen Sinne, auf einen ganzen Feldzug bezogen),
die Konzentration der Kräfte, entstand zunächst spontan und wurde
in seiner Bedeutung nicht begriffen. Engels schreibt über Carnot:
"Was mich an der ihm zugeschriebenen Erfindung des Massenkrieges
pour sa part (für seinen Teil, der Verf.) zweifeln macht, ist be-
sonders, daß seine weitaus gehendsten Pläne von 1793/94 geradezu
auf der entgegengesetzten Kriegsmanier beruhten; er teilte die
französischen Armeen, statt sie zu konzentrieren" 54). In den An-
weisungen ist auch sehr häufig von Umgehen, Einkesseln usw. die
Rede; Manöver, die schon wegen der unterlegenen Kavallerie ris-
kant waren. Einer der ersten, der das erkannte, war der damals
25-jährige General Hoche (Sohn eines Stallknechts und beim Sturm
auf die Bastille Korporal). In einem Brief vom August 1793 an das
Mitglied des Wohlfahrtsausschusses, Couthon: "... pflanzen wir
uns kühn im Zentrum der feindlichen Armeen auf, stärker in unse-
rer Vereinigung als jede von ihren getrennten; von der Armee, die
wir besiegt haben, wollen wir auf die losmarschieren, die wir be-
siegen werden!" 55) Saint-Just formuliert im Oktober 1793: "Das
Kriegssystem der französischen Armee muß die Stoßtaktik sein."
56)
Auch das dritte Moment der neuen Infanterietaktik - die Ein-
schränkung der Bagage und die Abschaffung der Mannschaftszelte -
setzte sich nur zögernd durch. Bei der Moselarmee z.B. wurden die
Zelte im Dezember 1793 abgeschafft. 57) Auch dies wird später
allgemein, wobei Clausewitz überzeugend begründet, daß "in der
Verminderung des Trosses mehr eine Einsparung von Kräften als
eine Beschleunigung der Bewegungen" liegt 58). Er rechnet vor,
daß, abgesehen von der Bedeckung des Trosses, für die Zelte von
100 000 Soldaten 6000 Zeltpferde erforderlich sind; stattdessen
können 5000 Mann Reiterei oder ein paar Hundert Geschütze mitge-
führt werden 59).
Auch die neue Gliederung der Armee, die zwingend aus der Kolon-
nenformation hervorging, brauchte ihre Zeit. Zunächst gab es
Halbbrigaden, die die skizzierte Buntscheckigkeit beseitigten,
aus den spontanen Kolonnen Einheiten der französischen Natio-
nalarmee machten. Aus ihnen gingen dann im Laufe des Jahres 1794
die Divisionen hervor, die Infanterie, Kavallerie und Artillerie
vereinigten. "So wurde jede Division zu einer vollständigen Armee
kleineren Formats, fähig zum selbständigen Handeln und mit einer
beachtlichen Widerstandskraft auch gegenüber einem zahlenmäßig
überlegenen Feind." 60)
Am 2.2.1794 formulierte der Wohlfahrtsausschuß dann die Doktrin,
die Teile der neuen Erkenntnisse zusammenfaßte: "Immer in Massen
handeln und zwar offensiv; ... die Truppe stets in Bewegung hal-
ten, ohne sie zu erschöpfen ... bei jeder Gelegenheit den Kampf
mit der blanken Waffe aufnehmen und den Feind beharrlich verfol-
gen bis zu seiner vollständigen Vernichtung." 61)
Daß die Momente der neuen Infanterietaktik sich nur zögernd
durchsetzten, hatte auch damit zu tun, daß das Offizierskorps und
die Generalsebene neu formiert werden mußten. Die Anforderungen
an die Kommandeure aller Ebenen waren ungemein gestiegen. Wie
Blücher waren aber noch viele Generäle Napoleons "nicht imstande
eine Karte zu lesen" 62). Schon seit Beginn des Jahres 1793 wur-
den die Unteroffiziere von den Mannschaften gewählt. Diese wie-
derum bezeichneten für zwei Drittel der höheren Grade "drei Kan-
didaten mit einem Grad unter dem zu vergebenden; die Chargen die-
ses Grades, mithin die Gleichrangigen wählten dann unter den drei
Vorgeschlagenen" 63). Das letzte Drittel blieb für die Beförde-
rung von Berufsoffizieren; die Generäle wurden von der Exekutive
ernannt.
Die höhere Qualifikation war natürlich auch bei den Soldaten er-
forderlich. Interessant ist das Maß an politischer Bildung - ab-
zulesen an den vielen Lesern der linken Presse 64) und der allge-
meinen Teilnahme am politischen Leben. In der Armee erhielt sich
der jakobinische Geist am längsten, und in den Kriegspausen heim-
kehrende Soldaten waren meistens entschiedene Gegner der sich
nach dem Thermidor überall regenden, verschiedenen Spielarten der
Konterrevolution. 65)
Durch die Revolution wurde "mit einem Male eine ganz andere Welt
von kriegerischen Erscheinungen" eröffnet, "die a n f a n g s
e t w a s r o h u n d n a t u r a l i s t i s c h, dann spä-
ter unter Bonaparte in eine großartige Methode zusammengefaßt,
Erfolge hervorbrachte." 66) Diese "moderne Kriegsführung ist das
notwendige Produkt der Französischen Revolution. Ihre Vorausset-
zung ist die soziale und politische Emanzipation der Bourgeoisie
und der Parzellenbauern. Die Bourgeoisie schafft das Geld, die
Parzellenbauern stellen die Soldaten" 67).
4. Der "totale Krieg"
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Als die deutsche Armee Leningrad einschloß, betrug das quantita-
tive Kräfteverhältnis nach Menschen und Waffen zugunsten der Fa-
schisten (am 10.7.1941): Infanterie usw. 2,4:1; Artillerie 4:1;
Panzer 1,2:1; Flugzeuge 10:1. Als die Rote Armee Leningrad ent-
setzte, betrug das quantitative Kräfteverhältnis an der Lenin-
grader und Wolchowfront (14./15.1.1943) zugunsten der So-
wjetunion: Soldaten 1,7:1; Artillerie 2,1:1; Panzer und Geschütze
auf Selbstfahrlafetten 3,8:1; Flugzeuge 4,1:1 68).
Wer hat einen größeren Anteil am Sieg im Großen Vaterländischen
Krieg, die Soldaten, die die Waffen gebrauchten, oder die Frauen
und Männer, die sie produziert hatten? Die dafür sorgten, daß die
Soldaten auch zu essen hatten, bekleidet waren usw.?
Das ist das Neue, was mit den Verteidigungskriegen der Französi-
schen Revolution in die Welt trat und später auch Triebkraft in
ihrer Angriffs- und Okkupationsphase und seitdem aller imperiali-
stischen Schlächtereien war: die totale Mobilisierung des Volkes.
So hieß es u.a. im berühmten "Dekret zur allgemeinen Volksbewaff-
nung" (die "levee en masse") des Konvents vom 23. August 1793:
"Artikel I. Von jetzt an bis zu dem Tage, an dem die Feinde vom
Gebiet der Republik vertrieben sind, unterliegen a l l e Fran-
zosen der s t ä n d i g e n Heeresdienstpflicht. Die j u n-
g e n M ä n n e r ziehen in den Kampf, die v e r h e i r a-
t e t e n schmieden Waffen und befördern die Verpflegung; die
F r a u e n fertigen Zelte und Uniformen und leisten in den
Lazaretten Dienst, die K i n d e r zupfen altes Leinenzeug zu
Scharpie, d i e A l t e n lassen sich auf die öffentlichen
Plätze tragen, um in den Kriegern Mut und Haß gegen die Könige
anzustacheln und ihnen die Einheit der Republik ans Herz zu
legen." 69)
Eine alberne Vorstellung, daß eine solche Massenmobilisierung mit
Zwang und Gewalt durchgesetzt werden könnte, obwohl dies natür-
lich eine Rolle spielt. Auch der "Totale Krieg" des deutschen Fa-
schismus und der 1. Weltkrieg konnten auf Massenunterstützung zu-
rückgreifen, die 1914"1918 in allen imperialistischen Ländern bis
in die organisierte Arbeiterbewegung hineinreichte.
In jedem modernen Krieg und bei seiner Vorbereitung spielt des-
halb die ideologische und Propagandaarbeit - der Kampf um die
Hirne der eigenen Bevölkerung - eine zentrale Rolle. Friedrich H.
konnte sich, als er den ersten Schlesischen Krieg vom Zaune
brach, noch mit einer durch und durch fadenscheinigen Begründung
begnügen 70), in den Kriegen der Französischen Revolution war
dies nicht mehr möglich. Dabei genügte zur Mobilisierung in der
Verteidigungsphase der Republik fast allein die Tatsache, daß die
"Tyrannenheere" den Boden des Vaterlandes betreten hatten. Terror
und Druck treten hinzu (bzw. verketten sich mit der Propaganda),
um abweichende, etwa friedfertige Positionen oder offene oder
verdeckte Gegnerschaft einzuschüchtern und zu unterdrücken.
Am 26.7.1793 wurde die Todesstrafe für Warenhortung eingeführt,
ein Tag später die für Plünderer und Deserteure, und ab September
1793 gab es den "Terreur". Als er sich teilweise verselbständigte
und im November 1793 eine Gegenbewegung einsetzte, deren publizi-
stischer Sprecher unter anderem Desmoulins war, Robespierre
schwankt, scheitert der Vorstoß unter anderem an Carnot, Lindet
und den beiden Prieurs. Auf Schreckmittel verzichten? "Das hieß,
auf die vorläufige Requisition verzichten, die der Schrecken al-
lein möglich machte. Womit sollten sie, ohne den Schrecken, ihre
eine Million zwei-hunderttausend Soldaten ernähren, bekleiden und
ausrüsten?" 71)
Der "Republikanischen Raserei" an den Fronten stand die in der
Etappe nicht nach. Am 23.7.1793 verfügt der Wohlfahrtsausschuß
die Verwandlung von 200000 Kirchenglocken in Geschütze. Nach der
Ausrufung der allgemeinen Wehrpflicht - eingezogen wurden sieben
Jahrgänge - kommt die Gewehrproduktion in Schwung: "Die Amboße
von Charleville ertönen vom Hämmern der Gewehre. Was sagen wir
Charleville? Zweihundertachtundfünfzig Schmieden stehen auf den
offenen Plätzen von Paris ... ihrer 140 in der Invaliden-Espla-
nade, 54 im Luxembourg-Garten; grimmige Schmiede schlagen und
hämmern dort an Schloß und Lauf. Man hat Uhrmacher aufgeboten,
die Zündlöcher, das Schlagloth und die Feilenarbeit machen müs-
sen... Und tüchtige Schäfter meißeln und raspeln, und alles rührt
und regt sich, jeder nach seinem Geschick;" 72).
Auch die "Salpeterkampagne" kam im Herbst auf Touren. Sie beruhte
auf der technischen Ausnutzung des Wissens, daß alle Stätten men-
schlicher und tierischer Ansiedlung Spuren von Ammoniakverbindun-
gen enthalten. "Wie schnell die Bürger mit zurückgeschobenem bon-
net rouge oder mit bloßem Kopfe und schweißtriefendem Haar gewal-
tig, jeder in seinem Keller nach Salpeter graben. Vor jeder Tür
erhebt sich ein Erdhaufen, die Bürgerinnen tragen in Korb und Ei-
mer die Erde herauf" 73).
Häufig wird Carnot als "Vater des Sieges" bezeichnet. Aus unseren
Andeutungen dürfte deutlich geworden sein, daß es nicht einen,
sondern unzählige "Väter und Mütter" des Sieges gegeben hat. An
der Front wie in der Etappe.
Selbstverständlich mußte die rücksichtslose Nutzung der materiel-
len und personellen Ressourcen des Landes auf Ziele orientiert
und koordiniert, wo der spontane Eifer nachließ mit abgestuftem
Zwang in Bewegung gehalten werden. Diese Aufgabe übernahmen
1793/94 verschiedene Institutionen, deren Zusammensetzung und
Kompetenzen sich zeitweilig überschnitten 74): der Nationalkon-
vent unter anderem mit seinen insgesamt 200 Konventskommissaren
auf Mission, der Wohlfahrts- und der Sicherheitsausschuß, das
Schatzamt.
Dem W o h l f a h r t s a u s s c h u ß (seit dem 6.4.1793) un-
terstanden - zunächst nur in "dringenden Fällen" - alle Ministe-
rien, unter anderem das Kriegsministerium. 75) Seine exekutiven
Vollmachten wuchsen mit der Zuspitzung der militärischen und po-
litischen Krise durch Intervention und innere Konterrevolution.
Zumal der ("große") Ausschuß vom 20. September 1793 bis zum Ther-
midor (28.7.1794) mit einer Ausnahme - Herault de Sechelles wird
am 5.4.1794 geköpft - in seiner personellen Zusammensetzung mo-
natlich vom Konvent bestätigt wird.
"Trotz Spezialisierung einiger Mitglieder auf bestimmte Ressorts
verzichtet keiner auf seine Teilnahme an der gemeinschaftlichen
Leitung von Politik und Krieg" 76).
Der "Spezialist" mit der schwierigsten Aufgabe war der normanni-
sche Advokat und Abgeordnete Lindet. Er war für die Versorgung im
Innern (also vor allem von Paris) sowie für Verpflegung und Be-
kleidung der Armee und der Beschäftigten in den Rüstungswerkstät-
ten verantwortlich. Zusätzlich war er zu verschiedenen Missionen
an der Nordfront und zur Beruhigung der Normandie abgeordnet.
Er wurde von Carnot jeden Tag über die Bewegungen der 14 Armeen
informiert 77). In dieser Zeit wurden die Grundlagen für eine
ausgeklügelte Organisation des Nachschubsystems gelegt, das Napo-
leon perfektionierte. Die relativ gut ausgebaute Verkehrsinfra-
struktur des Landes trug in dieser Phase - in der die Truppener-
nährung zunächst überwiegend aus dem eigenen Land erfolgen mußte
- ihre Früchte. Hauptmittel war die Requisition. Jedem Bezirk
wurde zur Pflicht gemacht, ein Bataillon oder eine Schwadron zu
bekleiden und auszurüsten. Für Transporte - monatlich mußten zum
Beispiel 100 000 dz Getreide bewegt werden 78) - wurde jedes 25.
Pferd und jedes 12. Maultier requiriert.
Carnot, vor der Revolution Offizier des Geniekorps, Mitglied des
Wohlfahrtsausschusses seit dem 14.8.93, war für die Operationen
des Heeres zuständig. 1792 leitete er die Arbeiten an der Ver-
schanzung des Montmartre, über die sich die Aristokraten lustig
machten, ebenso voreilig wie über seine Initiative zur massenhaf-
ten Herstellung von Piken im gleichen Jahr. Er stellt am 9. März
1793 - also einen Monat, bevor Dumouriez zu den Österreichern
überläuft - den Antrag im Konvent, daß sich 92 seiner Mitglieder
zur Armee begeben sollten 79). Wenn wir so wollen, tritt damit
die Figur des "Politkornmissars" in die Geschichte.
Carnot initiiert und/oder unterstützt die Einrichtung der
"Polytechnischen Schule", deren Besuch Voraussetzung für die Of-
fizierslaufbahnen bei der Artillerie und dem Land- und Seeingeni-
eurskorps wurde. Mit dem wasserstoffgefüllten Luftballon - erst-
mals als schlachtbeeinflussendes Beobachtungsmittel bei Fleurus
(26.6.1794) eingesetzt - erblickt im Keim eine neue, später
furchtbare, Waffengattung das Licht der Welt. Bedeutsam war auch
die Einführung des mechanischen Telegrafen von Chappe - durch den
Konvent am 25. 7. 1793 dekretiert ", durch den eine relativ kom-
plexe Nachricht von Lilie nach Paris in 2 Minuten übermittelt
werden konnte 80).
Bei seiner Arbeit stützte sich Carnot auf Leute aus seiner Waf-
fengattung und auf den alten Apparat des "ancien régimes", der
"nicht unterzukriegen war und unterm Empire wieder aufblühte"
81), was ja auch aus der zweiten weltbewegenden Revolution der
Neuzeit bekannt ist 82).
Jeanbon Saint-André war "Feuerwehrmann", der neben seinen vielen
Abordnungen als Kommissar des Konvents im Auftrag des Wohlfahrts-
ausschusses Gießereien, Gewehrmanufakturen, Salpeterwerkstätten
und Werften inspizierte und zu höchsten Leistungen antrieb. Er
hat die französische Kriegsflotte innerhalb kürzester Zeit - al-
lerdings wenig nachhaltig - reorganisiert. Ähnliche Funktionen
wie er nahmen Prieur de la Marne und der Genieoffizier Prieur (de
la Cote d'Or) wahr.
Verantwortungsvolle militärische Missionen erfüllte an verschie-
denen Fronten mehrmals Saint-Just, wobei eine seiner Straßburger
Initiativen auf ein neues Moment der Kriegsführung verweist, das
ebenfalls von Napoleon zur Reife entwickelt wurde. Die systemati-
sche, massenhafte Versorgung von Verwundeten: "Die Stadtverwal-
tung von Strasbourg hält binnen 24 Stunden 2000 Betten zur Verfü-
gung der Soldaten bei den Reichen bereit." 83) Das dient nicht
nur der moralischen Stärkung, sondern ist notwendige Ergänzung
der neuen Formen der Kriegsführung: Die Verluste bei den Bewe-
gungskriegen neuen Typs sind selbst ohne Feindeinwirkung be-
trächtlich, wenn die Soldaten nicht gesundheitlich betreut werden
84).
Leiter des Schatzamtes und Verwerter der enteigneten Nationalgü-
ter, auf die die Assignaten bezogen waren, war Cambon. Das
Schatzamt war ausdrücklich vom Zugriff durch den Wohlfahrtsaus-
schuß ausgenommen. Seine Leistung - trotz seines Amtes ist er
während der Revolution ärmer geworden - ist überhaupt nicht zu
überschätzen. Er hat es alles in allem geschafft, häufig um sei-
nen Kopf fürchtend, die Autorität des Staates zu sichern, die
sich wesentlich über die Anerkenntnis seiner Zahlungsmittel her-
stellt. Ohne dies wäre die Kriegswirtschaft kaum denkbar gewesen.
Der Platz reicht nicht aus, um die Leistungen der "representants
en mission" - von 745 Mitgliedern des Konvents waren insgesamt
200 unterwegs - in den Departements und bei den Armeen zu be-
schreiben. Nichts falscher auch als die Vorstellung, daß der Kon-
vent angesichts der Ausschüsse - ohne ihn hätten sie keine Auto-
rität gehabt - nicht auch als eigene Institution tätig gewesen
wäre.
Schließlich ist auf den breiten Unterbau an lokalen Institutionen
- mit der für die Revolutionszeit typischen Vermischung von zen-
traler Administration und demokratischer Basisaktivität - zu ver-
weisen.
5. "Friede den Hütten ..." -
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Zur Rolle von Agitation und Propaganda
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"Die Franzosen sind Brüder aller derer, welche frei sein wollen
wie sie. Es hängt von Euch ab, uns nachzuahmen, und das ist es,
wozu wir Euch einladen" 85), hieß es auf Flugblättern, die fran-
zösische Soldaten an das bei Valmy geschlagene Interventionsheer
verteilten. Goethe beobachtet, daß Franzosen mit den preußischen
Vorposten ihr "Weniges zur Nahrung" teilten 86). Georg Forster
schreibt an seinen Schwiegervater, Christian Gottlob Heyne: "Über
die gute Behandlung, die man von den Franzosen erfahren hat,
erschallt aus Worms und Speyer nur eine Stimme, selbst von der
aristokratischen Partei. Der Kommandant in Straßburg ... hat 25
Mainzer Soldaten ihre Freiheit geschenkt, sie sind nun hier und
können des Rühmens nicht müde werden, wie man sie und ihre
Mitgefangenen auf Händen getragen und als Brüder behandelt hat"
87).
Kaum etwas Klügeres denkbar, um die Verteidigungsmoral der einfa-
chen Mainzer Festungssoldaten und der mit ihnen kommunizierenden
Teile der Mainzer Bevölkerung zu untergraben. Nicht nur der Kampf
um die Hirne der eigenen Bevölkerung, sondern auch der um die der
gegnerischen Partei wird im Zuge der Vertiefung und Ausweitung
des "Kriegstheaters" wichtiger.
Versuche in dieser Richtung beschränken sich nicht nur auf die
Frühphase der Französischen Revolution, sondern spielen auch noch
in der Direktorialphase und später eine - freilich abnehmende -
Rolle. Der bayerische Infanterist Deiftl - auf Grund der Rhein-
bundverträge in den Kampf gegen das Volk von Tirol gehetzt - be-
richtet fast 20 Jahre nach Valmy, daß die Franzosen bei den Bay-
ern darauf drangen, mit den Tirolern weniger brutal umzugehen
88). Napoleon richtet zusammen mit dem Kommissar des Direktori-
ums, Saliceti, nachdem die piemontesische Armee ausgeschaltet war
und nur noch die Österreicher im Feld standen, einen "Aufruf an
das Volk der Lombardei" (19.5.1796): "Die französische Republik
hat einen Schwur des Hasses gegen die Tyrannen und der Brüder-
lichkeit mit den Völkern abgelegt ... Die republikanische Armee,
die gezwungen ist, gegen die Monarchen einen Krieg auf Leben und
Tod zu führen, ist den Völkern, die durch ihre Siege von der Ty-
rannei befreit werden, freundlich gesinnt. Achtung vor dem Eigen-
tum, Achtung vor der Persönlichkeit, Achtung vor der Religion des
Volkes - solches sind die Gefühle der Regierung der Französischen
Republik und der siegreichen Armee in Italien" 89).
Die Agitationsmühen - durch deutsche Demokraten wurden sie oft
propagandistisch vertieft - appellierten auch in Deutschland
nicht ohne Erfolg an ein verbreitetes Unbehagen an den eigenen
und Sympathien für die französischen Zustände. "Man hörte nichts
als Stöhnen, Klagen und Flüche" der Interventionssoldaten 90),
die zudem in großer Zahl desertierten 91). Es gab seit 1790 eine
nicht abreißende Kette größerer und kleiner Volksbewegungen in
Deutschland. Weniger wirksam in ihrer Zeit - unter anderem durch
zeitliche Verschleppung ihrer Gründung durch den französischen
General Custine -, aber Symbol für alle Nachgeborenen war die
Mainzer Republik.
Die republikanischen Bestrebungen wurden schon 1796 nicht mehr
ohne weiteres von den Franzosen unterstützt. General Moreau nach
dem Rheinübergang: "Im Rücken der Armee duldet man keine Revolu-
tion". Anders Augerau, der vom Direktorium wenig später abberufen
wurde 92). Aber selbst noch der rasche Zerfall der preußischen
Verwaltungs- und Militärmacht nach der Schlacht von Jena und Au-
erstedt (1806) hatte etwas mit Bewußtseinsveränderungen vieler -
auch hochgestellter - Preußen zu tun, die ihren Kopf nicht mehr
für diesen maroden Prügelstaat hinhalten mochten.
6. Der Krieg ernährt den Krieg -
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Zur Verselbständigung des militärischen Apparats
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Die revolutionäre Agitation und Propaganda entfaltete freilich
nur solange eine "produktive" Wirkung, wie sie mit den Taten der
französischen Armeen und später der Staatsbehörden überein-
stimmte. Am 19.11.1792 erklärte der Konvent "im Namen der franzö-
sischen Nation, daß er allen Völkern, die ihre Freiheit wiederge-
winnen wollen, brüderliche Hilfe gewähren wird" 93).
Die Ausführung wurde der vollziehenden Gewalt und den Armeen
überlassen. Über das Dilemma, das daraus erwuchs, berichtete am
10. September Cambon: "Je mehr wir in Feindesland vordringen, um
so ruinöser wird der Krieg, vor allem mit unseren Grundsätzen von
Philosophie und Großmut. ... Man sagt ohne Unterlaß, daß wir die
Freiheit zu unseren Nachbarn tragen. Wir tragen aber auch unser
Hartgeld dorthin, unsere Lebensmittel, denn unsere Assignaten
will man dort nicht!" 94) Fünf Tage später trägt er dem Konvent
die "revolutionäre" Lösung des Problems vor 95): Wir müssen "in
den Ländern, in denen wir Einzug halten, als revolutionäre Macht
in Erscheinung treten", unverzüglich den Zehnten, die Feudalla-
sten und jede Form von Hörigkeit beseitigen. Auch die alte Ver-
waltung müsse zerschlagen und eine neue gebildet werden.
Zuallererst müsse aber das "Vermögen unserer Feinde" in "Besitz"
genommen werden. "Damit die lauteren und aufrichtigen Absichten
der Republik Frankreich nicht mißverstanden werden", soll das
durch die neue Administration - der ein Konventskommissar und
französische Beamte über die Schulter gucken - durchgeführt wer-
den. "Wir eignen uns nichts an, wir behalten alles für die
Kriegskosten zurück." Schließlich werden wir "diesem Land unser
Revolutionsgeld darbieten. Dieses Zahlungsmittel wird auch das
seinige werden; dann werden wir uns nicht zum Erwerb von Hartgeld
in große Unkosten stürzen müssen, um uns in demselben Land mit
Bekleidung und Lebensmitteln zu versorgen".
Neben diesem Absaugmechanismus - die Assignatenpresse stand
schließlich in Paris, ohne daß die "befreiten Völker" Einfluß
daraufhatten - werde man auch ab und an auf "Sondersteuern" zu-
rückgreifen müssen. Sie sollen aber nicht vom Militär erhoben
werden, weil das dazu angetan wäre, "unwürdiges Mißtrauen ge-
genüber unseren Grundsätzen zu wecken." Das solle gemeinsam von
den provisorischen Regierungen und den Kommissaren durchgeführt
werden; "sie werden von dieser Maßnahme die Klasse der Arbeiten-
den und Armen ausnehmen."
Ganz abgesehen von der Erwägung, die Robespierre zu Beginn des
Jahres 1792 vorgetragen hatte - "Niemand liebt Missionare in Waf-
fen" 96) -, konnte dieses System nur solange ohne den Widerstand
des "gemeinen Volkes" funktionieren, wie aus den "Palästen" etwas
herauszuholen war.
Aber diese Quellen versiegten angesichts der im Vergleich zum
Feudalzeitalter großen Heere und der Dauer der Kriege bald. Alle-
mal dann, wenn es die sogenannten militärischen Sachzwänge erfor-
derten, wurde auch "das Volk" nicht mehr nur über die Pariser As-
signatenpresse ausgenommen. Etwa weil die alten Verhältnisse noch
nicht beseitigt waren und die Lasten "notwendig zuletzt auf die
arbeitenden Klassen zurückfallen müssen." 97)
Eine detaillierte Aufstellung von Klagen verfaßte G. Forster zu
den Übergriffen und Requisitionen der Franzosen bei der Vorberei-
tung der Verteidigung von Mainz. Er schreibt, "daß Männer die ge-
glaubt hatten, nun endlich die reine Luft der Freiheit einatmen
und die Vorrechte ihrer Natur genießen zu können, sich auf die
unwürdigste Art, mit dem allerunleidlichsten Despotismus, nämlich
dem militärischen, von jedem, der eine Uniform anhatte, mußten
hudeln lassen." 98)
Der Freiwillige Joliclerc schrieb an seine Mutter über den Rück-
zug aus der Pfalz: "Ich will Ihnen nur sagen, daß wir uns ...
unter die Mauern von Landau zurückgezogen und alles Vieh und alle
Lebensmittel, die sich im Lande befanden, mit uns nahmen. Was wir
nicht mitnehmen konnten, verbrannte oder verwüstete man. Wir ha-
ben den Einwohnern dieses Landes nichts gelassen als ihre Augen
zum Weinen." 99)
Das von Cambon vorgetragene "Rezept" - "wie der Krieg den Krieg
ernähren könne" - hatte immerhin noch eine antifeudalistische
Stoßrichtung. Es verkam nach dem Thermidor, noch mehr in der spä-
teren Regierungszeit Napoleons, zur blanken Rechtfertigungsideo-
logie 100). Aber selbst noch in dieser Phase hatte die französi-
sche Expansion zwieschlächtigen Charakter. Auf der einen Seite
rücksichtslose Ausplünderung der Ressourcen der eroberten Länder
und Unterdrückung der nationalen Identität; auf der anderen Seite
Beförderung der Erosion von feudaler und klerikaler Macht.
Die Ausbeutung der besetzten Länder und der Agressionsdrang waren
aber nicht allein allgemeiner Ausdruck von Gelüsten der französi-
schen Bourgeoisie. Sie resultierten speziell auch aus der Exi-
stenz eines riesigen militärischen Apparats, der beim damaligen
Kräfteverhältnis in der französischen Gesellschaft nur unterhal-
ten werden konnte, wenn er sich kriegerisch betätigte. Selbst in
Friedenszeiten, wie sie unsere Tabelle wiedergibt, kamen (ohne
die Flotte) auf 1000 Einwohner Frankreichs 19 Soldaten. Und diese
Einwohner waren zum großen Teil Kinder, Resultat der Bevölke-
rungsexplosion nach der Revolution.
Übertroffen wurde die französische "Soldatendichte" unter den
größeren Staaten nur von Preußen. Dieses hatte aber keine nen-
nenswerte Kriegsflotte, eine für damalige Verhältnisse normale
Bevölkerungspyramide, und seine Bauern und Bürger waren nicht
durch eine Revolution gegangen, konnten also in herkömmlicher
Weise ausgepreßt werden. Und in Frankreich waren es ja nicht al-
lein Heer und Flotte, die vom gesellschaftlichen Mehrprodukt er-
nährt werden mußten, sondern auch ein für damalige Verhältnisse
großer militärischer Ausbildungs-, Forschungs- und Verwaltungsap-
parat. Die gewaltige nationale Anspannung in der Verteidigungs-
phase der Revolution hatte schließlich zur Folge, daß die Indu-
strien und Manufakturen überdurchschnittlich in Richtung Militär-
produktion orientiert waren. Dieser gesamte Apparat - Ansätze zu
einem "Militär-Manufaktur/Industrie-Komplex" sind zu erkennen -
hatte Eigengewicht, mit der solchen Apparaten eigenen Tendenz zur
Verselbständigung, die nach dem Thermidor auch spürbar wird. Na-
poleon und das junge, "hungrige" und bis in die höchsten Ränge
sozial neu rekrutierte Offizierskorps waren nicht zuletzt Arm
dieses Apparates und seines Expansionsdrangs.
Und so gingen aus der Französischen Revolution die beiden Haupt-
typen des modernen Krieges hervor. Die Armee und der Krieg des
kapitalistischen Industriezeitalters, der sich zur imperialisti-
schen Massenschlächterei weiterentwickelte. Aber auch die Volks-
kriege gegen nationale Unterdrückung und koloniale Ausbeutung
wurzeln in den Ideen und Taten der Französischen Revolution. Auch
diese Kriege sind furchtbar und bar jeder Romantik.
Der wichtigste Krieg des modernen Zeitalters ist deshalb der
Kampf für eine Welt, in der Schwerter zu Pflugscharen werden.
_____
*) Für viele Anregungen und Hinweise danke ich Uli Schüler.
1) P. Scholl-Latour, Tod im Reisfeld, Frankfurt - Berlin - Wien
1981, S. 72.
2) Ebenda.
3) Stichworte zur wirtschaftlichen Situation bei: W. Markov und
A. Soboul, 1789. Die Große Revolution der Franzosen, 2. Auflage,
Köln 1980, S. 21 ff.
4) Vgl. G. v. Scharnhorst, Entwicklung der allgemeinen Ursachen
des Glücks der Franzosen in dem Revolutionskriege und insbeson-
dere in dem Feldzuge von 1794, in: Ausgewählte militärische
Schriften, Berlin (DDR) 1986, S. 115 ff.
5) Vgl. J. Michelet, Geschichte der französischen Revolution, be-
arb. u. hrsg. von F.M. Kircheisen, Wien-Hamburg-Zürich (ca.
1930), Bd. II, S. 237; Bd. III, S. 135.
6) Ebenda, Bd. I, S. 182; Bd. III, S. 135.
7) F. Sieburg, Napoleon. Die Hundert Tage, 7. Aufl., Stuttgart
1960, S. 40.
8) Michelet, a.a.O., Bd. u, S. 241.
9) Vgl. H. Koller u. B. Töpfer, Frankreich. Ein historischer Ab-
riß, Köln 1978.
10) F. Engels, Das Reichs-Militärgesetz, in: MEW, Bd. 18, S. 505.
11) Vgl. Michelet, a.a.O., Bd. III, S. 198 f.
12) G. Noel, Brief vom 17.8.1792, in: G. Landauer, Briefe aus der
Französischen Revolution, II. Bd., S. 261.
13) Michelet, a.a.O., Bd. II, S. 399.
14) G. Noel, Brief vom 1.3.1792, in: Landauer, a.a.O., H. Bd., S.
250.
15) Vgl. A.S. Manfred, Napoleon Bonaparte, Köln 1981, S. 42.
16) Vgl. Michelet, a.a.O., Bd. I, S. 396.
17) Ebenda, S. 395.
18) G. Noel, Brief vom 1.3.1792, in: Landauer, a.a.O., II. Bd.,
S. 250.
19) Vgl. F. Engels, Armee, in: MEW, Bd. 14, vor allem S. 36 ff.;
ders., Infanterie, in: MEW, Bd. 14, vor allem S. 359 ff.; ders.,
Taktik der Infanterie aus den materiellen Ursachen abgeleitet
1700-1870, in: MEW, Bd. 20, S. 597 ff.
20) Vgl. Militärgeschichtliches Forschungsamt Freiburg i.B.,
Wehrgeschichtliches Museum Rastatt, 2 Handfeuerwaffen, Teil I:
Die historisch-technische Entwicklung, 2. erg. Aufl., Koblenz
1980, S. 23.
21) Vgl. I. Mittenzwei, Friedrich II. von Preußen. Eine Biogra-
fie, 2. Aufl., Köln 1980, S. 127f.
22) Vgl. C. v. Clausewitz, Vom Kriege. Hinterlassenes Werk. Unge-
kürzter Text, Frankfurt - Berlin - Wien 1980, S. 550 ff.; siehe
auch S. 653 ff.
23) Militärgeschichtliches Forschungsamt, a.a.O., S. 58 f.
24) Vgl. F. Engels, Artillerie, in: MEW, Bd. 14, vor allem S. 198
f.
25) G. v. Scharnhorst, Ausgewählte militärische Schriften,
a.a.O., S. 389, Anm. 191.
26) F. Engels, Artillerie, a.a.O., S. 198.
27) Vgl. Michelet, a.a.O., Bd. IV, S. 335.
28) F. Engels, Artillerie, a.a.O., S. 198.
29) F. Engels, Kavallerie, in: MEW, Bd. 14, S. 298.
30) Vgl. Michelet, a.a.O., Bd. I, S. 401, Bd. H, S. 92, Bd. IV,
S. 36.
31) G. v. Scharnhorst, Entwicklung der allgemeinen Ursachen ...,
a.a.O., S. 128 f.
32) F. Engels, Artillerie, a.a.O., S. 199.
33) F. Engels, Flotte, in: MEW, Bd. 14, S. 372.
34) Vgl. Th. Carlyle, Die Französische Revolution, Zweiter Bd.,
5. Auflage, Leipzig 1907, S. 371; Michelet, a.a.O., Bd. V, S.
110.
35) F. Engels, Kanonade, in: MEW, Bd. 14, S. 236.
36) F. Engels, Flotte, a.a.O., S. 371.
37) Michelet, a.a.O., Bd. III, S. 9.
38) Ebenda, S. 97.
39) Vgl. Michelet in ebenda, S. 102 ff.; Th. Carlyle, a.a.O.,
Zweiter Bd., S. 170 ff.
40) Michelet, Bd. III, S. 101.
41) W.I. Lenin, Über die gegenwärtige Lage und die nächsten Auf-
gaben der Sowjetmacht, in: Lenin-Werke, Bd. 29, S. 446 ff.
42) Vgl. W. Markov, Revolution im Zeugenstand. Frankreich 1789-
1799, Bd. 1, Aussagen und Analysen, Leipzig 1982, S. 290.
43) K. Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, in:
MEW, Bd. 8, S. 198 ff.
44) F.X. Joliclerc, Brief vom 13.12.1793, in: Landauer, a.a.O.,
II. Band, S. 291.
45) Landauer, a.a.O., II. Bd., S. 245.
46) Über die Pariser Freiwilligen vgl. Briefe der Madame Jullien
v. 2. und 6.9.1792, in: Landauer, a.a.O., I. Bd., S. 307 ff.
47) W. Markov, a.a.O., Bd. 1, S. 290.
48) Michelet, a.a.O., Bd. H, S. 241.
49) Vgl. Akademie d. Wissenschaften d. UdSSR, Hg., Weltgeschichte
in zehn Bänden, Bd. 5, Berlin/DDR 1966, S. 569.
50) G. v. Scharnhorst, Entwicklung der allgemeinen Ursachen,
a.a.O., S. 129.
51) Michelet, a.a.O., Bd. III, S. 193.
52) Ebenda, S. 185.
53) Ebenda, S. 196.
54) F. Engels, Bedingungen und Aussichten eines Krieges der Hei-
ligen Allianz gegen das revolutionäre Frankreich im Jahre 1852,
in: MEW, Bd. 7, S. 473.
55) Landauer, a.a.O., II. Bd., S. 351.
56) W. Markov u. A. Soboul, 1789. Die große Revolution der Fran-
zosen, 2. Auflage 1980, S. 372.
57) General Hoche an General le Veneur (28. 12. 1793), in: Land-
auer, a.a.O., E. Bd., S. 356.
58) C. v. Clausewitz, a.a.O., S. 318.
59) Ebenda, S. 307.
60) F. Engels, Armee, a.a.O., S. 37.
61) W. Markov u. A. Soboul, a.a.O., S. 372.
62) K. Marx u. F. Engels, Blücher, in: MEW, Bd. 14, S. 173.
63) W. Markov u. A. Soboul, a.a.O., S. 369 f.
64) Vgl. ebenda, S. 370; Michelet, a.a.O., Bd. IV, S. 251 f.
65) Vgl. Michelet, a.a.O., Bd. V, S. 373 ff.
66) C. v. Clausewitz, a.a.O., S. 571; Hervorhbg. v. Verf.
67) Engels, Bedingungen und Aussichten eines Krieges der Heili-
gen Allianz ..., a.a.O., S. 477.
68) H.S. Salisbury, 900 Tage. Die Belagerung von Leningrad,
Frankfurt 1970, S. 210, 557 (teilweise eigene Berechnungen).
69) W. Markov, a.a.O., Bd. 2, S. 481 f; Unterstr. v. Verf.
70) Vgl. I. Mittenzwei, a.a.O., S. 49.
71) Michelet, a.a.O., Bd. IV., S. 417.
72) Th. Carlyle, a.a.O., Zweiter Bd., S. 365.
73) Ebenda, S. 366.
74) Vgl. W. Markov u. A. Soboul, a.a.O., S. 350ff., auch zum fol-
genden.
75) Vgl. Michelet, a.a.O., Bd. IV, S. 252.
76) W. Markov u. A. Soboul, a.a.O., S. 352.
77) Vgl. Michelet, a.a.O., Bd. IV, S. 402.
78) Michelet, a.a.O., Bd. V, S. 271.
79) Michelet, a.a.O., Bd. m, S. 444.
80) Vgl. F.J.L. Meyer, Meine Erlebnisse in Paris während der Di-
rektorialzeit; als Anhang zu Michelet, a.a.O., Bd. V, S. 483.
81) Michelet, a.a.O., Bd. V, S. 253.
82) Vgl. W.I. Lenin, Brief an den Parteitag, Lenin-Werke, Bd. 36,
S. 581; ders., Zur Frage der Nationalitäten oder der
"Autonomisierung", Lenin-Werke, Bd. 36, S. 591.
83) W. Markov, a.a.O., Bd. 1, S. 366.
84) C. v. Clausewitz, a.a.O., S. 307, S. 320 ff.
85) F. Ch. Laukhard, Leben und Schicksale. Von ihm selbst be-
schrieben, Leipzig 1955, S. 250; zitiert nach: J. Streisand,
Deutschland von 1789 bis 1815, 3. überarb. u. erg. Aufl., Ber-
lin/DDR 1973, S. 41.
86) Ebenda.
87) Brief v. 16.10.1792, in: C. Träger, Hg., Mainz zwischen Rot
und Schwarz. Die Mainzer Revolution 1792-1793 in Schriften, Reden
und Briefen, Berlin (DDR) 1963, S. 121.
88) E. v. Frauenholz, Hg., Infantrist Deiftl. Ein Tagebuch aus
napoleonischer Zeit, München 1939, S. 24.
89) A.S. Manfred, a.a.O., S. 137.
90) F.C. Laukhard, Briefe eines preußischen Augenzeugen über den
Feldzug des Herzogs von Braunschweig gegen die Neufranken im
Jahre 1792; zitiert nach J. Streisand, a.a.O., S. 39.
91) G. Forster, Brief an Ch. G. Heyne v. 20. 10. 1792, in: Mainz
zwischen Rot und Schwarz, a.a.O., S. 124.
92) Vgl. J. Streisand, a.a.O., S. 89.
93) W. Markov u. A. Soboul, a.a.O., S. 255.
94) Ebenda, S. 256.
95) Cambons Bericht an den Konvent, 15. 12. 1792, in: W. Markov,
a.a.O., Bd. 2, S. 332 - 340; alle folgenden Cambon-Zitate nach
dieser Quelle.
96) Zweite Rede Robespierres gegen den Krieg. Jakobinerclub,
2.1.1792, in: W. Markov, a.a.O., Bd. 2, S. 210.
97) G. Forster; zitiert nach: J. Streisand, a.a.O., S. 47.
98) G. Forster, Entwurf eines Schreibens der allgemeinen Admini-
stration von Mainz an die Kommissarien des Nationalkonvents, in:
Mainz zwischen Rot und Schwarz, a.a.O., S. 337.
99) Brief vom 17.8.1793, in: G. Landauer, a.a.O., n. Bd., S. 288.
100) Vgl. H. Heitzer, Insurrectionen zwischen Weser und Elbe.
Volksbewegungen gegen die französische Fremdherrschaft im König-
reich Westfalen (1806-1813), Berlin (DDR) 1959, S. 21 und an ver-
schiedenen Stellen.
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