Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 14/1988
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DIE GROSSE FRANZÖSISCHE REVOLUTION UND
DIE BUNDESDEUTSCHE GEGENWART - REFLEXIONEN
Johannes Henrich von Heiseler/Heinz Jung
1. Abstand und Aktualität - 2. Bleibende Erkenntnisse und Fragen
der Gegenwart - 3. Die Gegenreaktionen: Konservatismus - Antija-
kobinismus - Anti-kommunismus - 4. Die Französische Revolution
und der Fortschritt in Deutschland - 5. Sind die Impulse der
Französischen Revolution aufgebraucht? - 6. Ist das Zeitalter der
Revolutionen zu Ende?
1. Abstand und Aktualität
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Bis zum Roten Oktober von 1917 war die Große Revolution der Fran-
zosen "die kolossalste Revolution, die die Geschichte kennt"
(Marx/Engels). 1) Sie war kolossal in ihren Ausmaßen und in ihren
historischen Wirkungen und sie muß es auch auf ihre aufgeklärten
Zeitgenossen gewesen sein, wie es das Zeugnis des großen Dialek-
tikers und idealistischen Philosophen G.F.W. Hegel, der damals
mit Hölderlin und Schelling in Tübingen einen Freiheitsbaum ge-
pflanzt hatte, später bekundete: "Es war dieses somit ein herrli-
cher Sonnenaufgang. Eine erhabene Rührung hat in jener Zeit ge-
herrscht, ein Enthusiasmus des Geistes hat die Welt durchschau-
ert, als sei es zur wirklichen Versöhnung des Göttlichen mit der
Welt nun erst gekommen." 2)
Sie war das epochesetzende Ereignis, gegen das sich nicht nur
seine Zeitgenossen zu definieren, sondern mit dem sich auch die
nachfolgenden Generationen auseinanderzusetzen hatten. Als Epo-
chenereignis war sie von internationaler Bedeutung und Auswir-
kung, sie hat somit die Themen der Gestaltung der sich erweitern-
den zivilisierten Welt, ja der Welt als universeller Gegebenheit
vorgegeben.
Ihr Lied, die "Marseillaise", flog nicht nur den französischen
Revolutionsarmeen voran und es erklang nicht nur in den Fort-
schrittsbewegungen des 19. Jahrhunderts, sondern es erschallt mit
der "Internationale" in den weltweiten Aufbruchsbewegungen bis in
unsere Tage. Elan und Geist der großen Revolution inspirieren bis
heute die Lebenden, die die Welt verändern wollen. Sie sind nicht
das Echo aus den Grüften der Toten, sondern sie werden von Gene-
ration zu Generation in der Fortschrittsstafette unseres Zeital-
ters weitergegeben. Die Faszination dieser "radikalsten Tatsache"
3) der Neuzeit bis zur Oktoberrevolution - um ein Wort von Karl
Marx auf diesen Zusammenhang anzuwenden - ist zwar nach zwei
Jahrhunderten durch viele nachfolgende Ereignisse und Erfahrungen
überlagert, sie ist jedoch gerade bei jenen, die beim Aufbruch in
die "terra incognita" der Zukunft den Bruch mit dem Alten nicht
scheuen, kaum gemindert.
Der 200. Jahrestag von 1789 veranlaßt aufs Neue zur Reflexion und
zur Standortbestimmung; zur Reflexion darüber, was uns diese Re-
volution heute noch zu sagen hat; zur Standortbestimmung dazu, ob
radikaler revolutionärer Umbruch auch heute und morgen der Weg zu
sozialem und humanem Fortschritt sein muß. Die deutsche Ge-
schichte kennt nur für kurze Perioden den befreienden Geist, der
von der revolutionären Tat ausgeht. Sie ist nicht geprägt von
siegreichen Volksrevolutionen. Das bestimmt bis heute Grundzüge
unserer politischen Kultur und unseres öffentlichen Lebens.
"Revolution" ist deshalb im Unterschied zu anderen Völkern und
Nationen im Massenbewußtsein kein positiv besetzter Begriff. Hin-
ter dem das Alte niederreißenden und zerstörenden Prozeß bleibt
die gewaltige Aufbauleistung ausgeblendet. So steht vor der Ge-
schichts- und Revolutionsforschung auch heute oder gerade heute
die Aufgabe, die Voreingenommenheit durch den Blick auf die Tat-
sachen zu brechen.
Die große Revolution der Franzosen hat wie kein anderes Ereignis
dazu beigetragen, die Bourgeoisie weltweit an die Macht zu brin-
gen und ihre sozialen und politischen Lebens- und Bewegungsformen
experimentell zu erproben. Das Kapital kennt keine Dankbarkeit
gegenüber jenen, die mit ihrer radikalen Konsequenz seinen Inter-
essen zum Sieg verhalfen. So sind trotz des Abstands von zwei
Jahrhunderten für die bürgerliche Wohlanständigkeit Männer wie
Saint-Just oder Robespierre Unpersonen geblieben, ganz zu schwei-
gen von Marat und den Volksrevolutionären jener Zeit. Und doch
liegt dieser Haltung nicht nur Undankbarkeit zugrunde, sondern
der Instinkt dafür, daß sich die historisch weitergegebene Konse-
quenz dieser Revolutionäre heute gegen die Interessen des großen
Eigentums und des Privilegs wendet, wie sie damals, den Hammer
der Revolution in Bewegung setzend, zur Zerschlagung des Feudal-
systems und seiner Privilegien führte.
Wie die materialistische Geschichtsforschung unwiderlegbar ge-
zeigt hat, war die Französische Revolution von 1789-1799 als Gan-
zes eine bürgerliche Revolution, deren aufsteigende Phase bis
1794 den Charakter einer bürgerlichdemokratischen Revolution an-
genommen hatte. Die herausragenden Parteien, Fraktionen und Per-
sonen waren Repräsentanten des Bürgertums. Sie waren weder Sozia-
listen oder Kommunisten noch Vorläufer der Arbeiterbewegung. Das
waren sie nur insofern, als sie gesellschaftliche Verhältnisse
durchsetzten, in denen aus den neuen Gegensätzen der moderne So-
zialismus und die Arbeiterbewegung geboren wurden. Gleichwohl
entstanden im Schmelztiegel dieser Revolution schon die Ideen des
"neuen Weltzustandes" 4), die an der Kritik des Privateigentums
ansetzend die Vision einer Gesellschaft der Arbeit und der
Gleichheit verkörperten. Sie gingen in der Tat in die Arbeiterbe-
wegung des 19. Jahrhunderts ein. Aber dies waren erst die Schat-
ten hinter den radikalen "Jakobinern mit dem Volk" (Lenin) der
Jahre I und II der Republik und noch nicht die den Gang der Dinge
bestimmenden Kräfte, und sie konnten dies auch deshalb noch nicht
sein, weil der reale Entwicklungsstand der gesellschaftlichen
Produktion und der sozialen Kämpfe für eine sozialistische Alter-
native noch nicht tragfähig war und sie, soweit sie schon ins Le-
ben trat, die Züge des Utopischen und Visionären und vielfach des
Rückwärtsgewandten tragen mußte.
Für die reale Entwicklung der Revolution bedeutsamer mußten die
Vorstellungen jener ihrer Repräsentanten werden, die vermeinten,
sie könnten und müßten die zum Allgemeininteresse, zur 'volonté
générale', erhobenen Interessen der Bourgeoisie, in denen sie als
Repräsentant aller antifeudalen Kräfte und des gesellschaftlichen
Fortschritts auftritt, zum praktisch-politischen Kampfprogramm
machen und ihm tatsächlich nicht nur die Interessen des bürgerli-
chen Eigentums, sondern auch jene breiter Volksschichten zugrunde
legen. Dies wurde zur Quelle der , heroischen Illusionen', wonach
dem tugendhaften und staatsbürgerlich-revolutionären Handeln des
Citoyen eine vom Schacher, Egoismus und Privatinteresse des
tatsächlichen Bourgeois abgelöste und selbständige Rolle zukommt.
Diese 'heroischen Illusionen' mobilisierten bei den handelnden
Individuen gewaltige revolutionäre Energien, die in der extremen
Bedrohungssituation der Republik 1793/94 die Gefahren abwenden
konnten - in dem Bewußtsein, mit den Mitteln des durch Tugend be-
gründeten Terrors eine egalitaristische Eigentümerrepublik nach
antikem Vorbild begründen zu können.
Die in der Verfassung des Jahres 1793 und den Prinzipien der re-
volutionärdemokratischen Jakobinerdiktatur deklarierten Ziele ei-
ner unmittelbaren und direkten und einer sozialen Demokratie sind
bis heute in der bürgerlichen Gesellschaft Verheißung geblieben.
Sie stellen jene am weitesten gehenden, von bürgerlichem Boden
verkündeten Ziele des Demokratismus dar, die in die Kampfpro-
gramme der Arbeiterbewegung Eingang fanden und deshalb Eingang
finden mußten, weil die soziale Revolution Demokratismus ist, der
nicht vor der Wirtschaft und dem bürgerlichen Eigentum halt
macht. In diesem Sinne sind die bürgerlich-demokratischen Revolu-
tionäre der Französischen Revolution Vorläufer der sozialen und
politischen Umbruchbewegungen unseres Jahrhunderts.
Aus dem Holz der Großen Französischen Revolution war auch die
Wiege geschnitzt, in der in den 40er Jahren des letzten Jahrhun-
derts der Marxismus entstand. Der "Revolutionsdoktor" aus Trier
ist ohne den noch unmittelbar lebendigen Hintergrund dieses Er-
eignisses und seiner Folgewirkungen kaum denkbar. Wie nirgendwo
sonst wurde an dieser Revolution für die Vormärzgeneration sicht-
bar, daß die Revolutionen die "Lokomotiven der Geschichte" 5) und
die Schübe des gesellschaftlichen Fortschritts sind und daß man
sich zu ihnen bekennen und sie bewußt anstreben muß, wenn man den
Dingen in Deutschland eine Wendung nach vorn geben wollte. Dabei
war nun freilich ein Blick auf dieses Ereignis zu gewinnen, der
die Wirksamkeit materieller Interessen, ihre Entgegensetzung und
Radikalisierung gegenüber der rein politischen, verfassungsrecht-
lichen oder ideengeschichtlichen Betrachtung in den Vordergrund
rückte und im Klassenkampf der damaligen Zeit die Haupttriebfeder
der Entwicklung sah. Und da sich ja gezeigt hatte, daß die in der
Revolution zur Herrschaft gebrachte bürgerliche Gesellschaft mit-
nichten zur Befreiung der Menschheit geführt, sondern ganz im Ge-
genteil die Lohnsklaverei der arbeitenden Massen begründet hatte,
war neues Denken angesagt, um in der Realität jene Klasse ausfin-
dig zu machen, deren Emanzipation mit jener der ganzen Menschheit
zusammenfallen mußte: die Klasse der modernen Lohnarbeiter.
Eine solche Kritik der Französischen Revolution bestimmt ihren
geschichtlichen Ort und läßt ihre Erfahrungen und Lehren in das
auf den Begriff gebrachte Programm des "neuen Weltzustandes" ein-
münden. Sie ermöglicht uns, den zeitlichen und entwicklungsge-
schichtlichen Abstand zu ermessen u n d ihre fortwirkenden Im-
pulse aufzunehmen.
Waren schon früher die runden Gedenkjahre zur Französischen Revo-
lution alles andere als museale Vergangenheitspflege, so gilt
dies um so mehr für die Gegenwart. Sie standen vielmehr immer im
Bezug zu den Kämpfen und den revolutionären Kräften der Zeit. Die
großen demokratischen Revolutionshistoriker der Periode vor 1848
haben das bleibende Beispiel dafür geliefert, welchen Beitrag
eine Geschichtsschreibung der Revolution zu leisten vermag, um
die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Indem sie
die revolutionären Taten der Vorfahren zum Leben erweckten, haben
sie den Lebenden, ihren Lesern, die Gewißheit vermittelt, daß zum
Unrecht gewordene gesellschaftliche Verhältnisse gestürzt werden
können. Diese Funktion der Revolutionsgeschichte sollte auch
heute nicht gering geschätzt werden.
2. Bleibende Erkenntnisse und Fragen der Gegenwart
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Die Beschäftigung mit der Französischen Revolution vermag nicht
nur Einsichten zu vermitteln, die für unser Geschichtsverständnis
bedeutsam sind, sondern auch Lehren für die Orientierungen in den
Auseinandersetzungen der Gegenwart. Auf einige von ihnen sei kur-
sorisch aufmerksam gemacht; sie werden in den Beiträgen dieses
Bandes im einzelnen begründet und abgehandelt.
P o l i t i s c h e u n d s o z i a l e R e v o l u t i-
o n e n s i n d d e r g e w a l t s a m e U m s t u r z der
bestehenden alten sozialökonomischen und politischen Macht- und
Herrschaftsverhältnisse. Sie werden dann zur geschichtlich not-
wendigen Durchsetzungsform sozialen und politischen Fortschritts,
wenn das alte Regime und die in ihm herrschenden Klassen den Weg
mehr oder weniger friedlicher Reformänderungen blockieren, aber
nicht mehr stark genug sind, die auf Veränderungen drängenden
Kräfte zu unterdrücken. Revolutionen werden dann die Vorwärtslö-
sung in jener gesellschaftlichen Situation, die als gesamtnatio-
nale revolutionäre Krise charakterisiert werden kann und in der
sich die sozialen, politischen und ideologischen Kämpfe ver-
dichten und zuspitzen. All dies trifft in vollem Umfang auf die
Französische Revolution zu.
Stellt man die Revolutionen in den Kontext der gesellschaftlichen
Gesamtentwicklung, dann besteht ihre grundlegende Funktion in der
Durchsetzung der neuen Gesellschaftsformation, deren Bedingungen
in der alten Gesellschaft herangereift sind, oder in der Durch-
setzung solcher sozialen und politischen Formen, die ihre weitere
Entfaltung und Entwicklung ermöglichen. Sie bedeuten immer eine
Entwicklungsbeschleunigung und sind insofern die "Lokomotiven der
Geschichte".
Grundlegende Revolutionen an den Knotenpunkten der Entwicklung,
wie es die Französische Revolution war, sind nicht nur rein poli-
tische Revolutionen, wo es um die Um- und Neugestaltung der poli-
tisch-staatlichen Machtverhältnisse geht. Sie müssen vielmehr ge-
rade dann, wenn sie den Sturz der alten Klassenherrschaft zu Ende
führen, immer auch soziale Revolutionen sein, also auch die öko-
nomische und soziale Macht der alten herrschenden Klassen zer-
schlagen oder einschränken. Aber als antifeudale bürgerliche Re-
volution zielte die Französische Revolution nicht auf die Aufhe-
bung des Privateigentums und der Ausbeutung. Sie vollzieht viel-
mehr einen Formwandel, und gerade aus dieser Grundtatsache er-
wächst ihre Kompromißfähigkeit gegenüber den Kräften der alten
Ordnung, die in den ersten Phasen der Revolution und nach dem 9.
Thermidor in den Vordergrund trat. Wäre die Revolution bei den
Feuillants oder auch bei den Girondisten stehengeblieben, wäre es
zu einem solchen Kompromiß gekommen. Jedoch führt die von Groß-
bürgertum und Reformadel geführte Revolution von 1789 dann weiter
zur Phase, in der 1792 das girondistische Bürgertum und dann 1793
die revolutionär-demokratischen Jakobiner die Macht übernehmen.
Die Jakobiner-Diktatur räumt schließlich alle verbliebenen
Hindernisse für die volle Durchsetzung der Bourgeoisie auf allen
Gebieten aus dem Weg. Der scheinbare Rücklauf von der thermido-
rianischen Reaktion 1794 über das erste (1795) und zweite Direk-
torium (1797) bis zum Konsulat 1799 baut auf den Voraussetzungen
der Jakobiner-Herrschaft auf.
Die reale geschichtliche Situation führte also zu einer Verschär-
fung des Kampfes, zum aktiven Eingreifen der Volksmassen in den
Revolutionsprozeß, zur demokratischen Vertiefung der Revolution
und zur Ausprägung ihres bürgerlich-demokratischen Charakters
1792/94 und damit zur radikalen Zerschlagung des Feudalsystems.
Dies macht die Einzigartigkeit der Französischen Revolution als
eines historischen Ereignisses aus, in dessen konkreter Totalität
die Grundzüge und -funktionen der bürgerlichen Revolution über-
haupt u n d ihre französischen Besonderheiten zur Geltung ka-
men.
Die Französische Revolution steht nicht wie ein archaischer Find-
ling in der historischen Landschaft. Ihre Wirkung war internatio-
nal, und sie steht gleichfalls in einem universalgeschichtlichen
Zusammenhang. Sie war die dritte Entscheidungsschlacht der auf-
strebenden Bourgeoisie nach der Reformation bzw. der frühbürger-
lichen Revolution in Deutschland und der englischen Revolution
gegen das Feudalsystem in Europa, und die amerikanische Revolu-
tion läutete ihr die Sturmglocke. Sie ist die klassische Revolu-
tion im bürgerlichen Revolutionszyklus, in dem der welthistori-
sche Zusammenhang des Klassenkampfes der Bourgeoisie zur Durch-
setzung der kapitalistischen Gesellschaftsformation zum Ausdruck
kommt. Klassisch ist sie deshalb, weil in ihr das Fortschrittspo-
tential der Bourgeoisie in optimaler Weise, in Übereinstimmung
mit den historischen Möglichkeiten und den gesellschaftlichen
Entwicklungsgesetzen wirksam wurde. Außerdem fand sie im Kernland
des europäischen Feudalsystems, einem der entwickeltsten und
volkreichsten Länder der damaligen Zeit statt. Außerdem ist sie
die Leitrevolution des bürgerlichen Revolutionszyklus, weil sie
von epocheprägender Bedeutung ist und die nachfolgenden Revolu-
tionen des 19. Jahrhunderts mehr oder weniger unter ihrem Einfluß
stehen.
Für Frankreich selbst steht sie am Beginn des bürgerlichen Revo-
lutionszyklus, in dessen Entfaltung es noch der Revolutionen von
1830, 1849 und 1870 bedurfte, um für die französische Bourgeoisie
solche politisch-staatlichen Formen durchzusetzen, die den Ent-
wicklungserfordernissen des französischen Kapitalismus für eine
längere Periode entsprechen konnte.
Revolutionen haben ihre objektiven und subjektiven Voraussetzun-
gen und Elemente. Die Menschen, Gruppen, Parteien, Klassen han-
deln in Verfolgung ihrer Interessen unter sich schnell wandelnden
Umständen. Sie sind in diesem Prozeß Treibende und Getriebene; in
kaum einer anderen Situation hängt von ihrem Tun oder ihrer Pas-
sivität, von ihren Fehlern und ihren Stärken so viel ab. Es gibt
keine Revolution ohne Revolutionäre, und sie kann sich um so eher
in Übereinstimmung mit den geschichtlichen Möglichkeiten vollzie-
hen, je höher der Grad an Einsicht, Bewußtheit und Organisiert-
heit bei den Revolutionären ist.
Revolutionen wie die französische sind gesellschaftliche Gesamt-
prozesse, die alle Bereiche und Kräfte der Gesellschaft in ihren
Strom ziehen. Obwohl es Ungleichzeitigkeiten und Ungleichmäßig-
keiten der einzelnen Sektoren gibt, stehen sie in einem Gesamt-
prozeß, der nicht in eine Summe von Teilrevolutionen zerlegt wer-
den kann. Dies gilt auch für ihre verschiedenen Entwicklungspha-
sen, ihren Abschwung und ihren Rücklauf. Es liegt nahe, das
Hauptaugenmerk auf die aufsteigenden Phasen, in der Französischen
Revolution bis zum 9. Thermidor (27.7.1794), zu richten. Danach
setzt zweifellos der Rücklauf ein; gleichwohl ist die Revolution
nicht zu Ende, sondern dauert noch bis 1799, und selbst die Mili-
tärdiktatur Napoleon I. muß in diesen Kontext gestellt werden.
Vom Gang der Geschichte ist es müßig, die Frage zu stellen, ob
der Weg der Reformen nicht der bessere und weniger opferreiche
Weg des Fortschritts sei. Es ist wahr, Revolutionen sind mit Op-
fern des Volkes, der Revolutionäre und der Gegenrevolutionäre,
verbunden. Wer Aufrechnungen bevorzugt, sollte die Frage stellen,
welche Lasten und Opfer das alte Regime dem Volk aufbürdet und
wieviel an vernichteten und verkrüppelten Menschenleben repres-
sive Gewalt und Stagnation jeweils bedeuten. Aber auch darüber
hinaus: Reform und Revolution stehen nicht in prinzipiellem Ge-
gensatz. Was die Reform anstrebt, vom alten System aber blockiert
wird, muß die Revolution durchsetzen. Was die Revolution erreicht
hat, muß die Reform fortsetzen und befestigen. Je größer der re-
volutionäre Druck, desto größer der Spielraum für Reformen. Viel-
fach unterschieden sich Reformer und Revolutionäre nicht nach der
Zielsetzung, sondern nach der Konsequenz. Der Übergang von refor-
mistischen zu revolutionären Positionen ist meist fließend. Be-
sonders dann, wenn die aufstrebende Klasse international schon
stark ist oder ein Übergewicht errungen hat, erweitern sich die
Chancen konsequenter Reformpolitik.
R e v o l u t i o n e n a l s F e s t t a g e d e s V o l-
k e s - dies trifft im wörtlichen und im übertragenen Sinne kaum
auf eine andere Revolution so zu wie auf die französische. Die
Feste des Volkes waren der Ausdruck eines neuen Lebensgefühls und
des Mündigwerdens des im alten Regime rechtlos gehaltenen Bauern
und Sansculotten und die Demonstration der zur Macht gekommenen
Bürgerschaft als Führerin der neuen Nation. Aus diesem Mündigwer-
den und dem Bewußtsein der eigenen gesellschaftlichen Rolle
erwächst gleichzeitig die Kraft zur Aktion, zum aktiven sozialen
und politischen Engagement, die bis in die kleinste Gemeinde und
das letzte Dorf wirksam wird. Auf dieser Grundlage ist die neue
Ordnung in der Lage, ihre Institutionen und Machtorgane zu
errichten.
Man hat die Bewegungen des Volkes in der Revolution immer wieder
mit einem losbrechenden Sturm verglichen, dem nichts zu widerste-
hen vermag. Und so waren in der Tat die Jacquerien der Bauern und
die Tourneen der Volksbewegung in den Städten, aber auch die Be-
wegungen der republikanischen Armeen. Es ist also letztlich die
freigesetzte Energie und Aktivität der Volksmassen, die die alten
Strukturen zerbricht und neue errichtet. Ohne diese Aktivitäten
wäre unter den damaligen Umständen die Revolution zum Stillstand
gekommen und ihren Feinden erlegen. So tritt mit der Französi-
schen Revolution zum ersten Mal in der Geschichte das handelnde
Volk in derartiger Massivität auf die Bühne des politischen Ge-
schehens und eröffnet der revolutionären Entwicklung neuen Spiel-
raum, den die radikalen Führungsgruppen der Bourgeoisie nutzen
können.
Dies war der Fall mit dem Sturm auf die Bastille am 14. Juli
1789, mit dem Zug nach Versailles und der Heimholung des Königs
am 5./6. Oktober 1789, mit dem Sturm auf die Tuilerien am 10. Au-
gust 1792, mit dem Volksaufstand und dem Sturz der Gironde vom
31.5.-2.6.1793 und mit der Besetzung des Konvents am 5. September
1793.
Die frühere Geschichtsschreibung hat das Volk vielfach mystifi-
ziert oder aber auch verteufelt. Man erinnert sich Schillers
"Glocke" und des "Wehe, wenn sie losgelassen ...". Dies gilt auch
für die Beschwörung der Spontaneität. Inzwischen hat die Ge-
schichtsforschung hinreichendes Licht in die tatsächliche Struk-
tur der Volksbewegung gebracht, in die konkreten sozialen Diffe-
renzierungen, die Organisationsformen usw. So zeigt auch die
Französische Revolution, daß die Volksmassen geschichtliche Wirk-
samkeit nur mit den Clubs, Volksgesellschaften, Sektionen, Revo-
lutions- und Sicherheitsausschüssen usw. erlangen konnten, daß
bei der Mobilisierung die revolutionären Kerne, die zeitgenössi-
sche Presse und andere Agitationsmittel, die bekannten Vertrau-
ensleute und Persönlichkeiten der Revolution eine erstrangige
Rolle spielten. Die Organisationsfrage ist somit nicht erst eine
Frage der modernen Arbeiterbewegung, obwohl ihr hier ein größeres
Gewicht zukommt.
Auch für die Zeit der Französischen Revolution gilt, daß die un-
mittelbaren materiellen Interessen die wichtigste Triebkraft der
Volksbewegungen sind. Aber sie entwickeln ihre Stoßkraft nicht
als rein ökonomische Forderungen, sondern erst im Kontext anti-
feudaler und patriotischer Zielsetzungen.
Die revolutionären Möglichkeiten der jeweiligen f ü h r e n-
d e n F r a k t i o n e n d e r B o u r g e o i s i e ergeben
sich nicht nur aus ihrer antifeudalen Konsequenz, sondern wesent-
lich auch aus ihrer Stellung zu den Volksmassen. Während die
Feuillants von vornherein auf einen konstitutionellen Kompromiß
mit der Monarchie unter Ausschaltung der Volksmassen hinsteuern -
wobei die Gewichtsverteilung innerhalb dieser Variante zur Frage
ihrer inneren Differenzierung wird - und die Girondisten eine
bürgerliche Republik gegen die Feudalkräfte und gegen das Volk
wollen, öffnen sich die Bergpartei des Konvents und die Jakobiner
schrittweise gegenüber den Volksbewegungen und dem Bündnis mit
den Volkskräften. Unter den Robespierristen werden sie zu den ,
Jakobinern mit dem Volk", zu bürgerlich-demokratischen Revolu-
tionskräften. Ihre revolutionäre Konsequenz erwächst vor allem
aus ihrem Antifeudalismus und Patriotismus. In der Periode ihrer
politisch-ideologischen Hegemonie, die die Form einer revolu-
tionär-demokratischen Diktatur annimmt, erreicht die Revolution
unter dem Gesichtspunkt der verwirklichten Maßnahmen ihre
demokratischste Phase. Gleichzeitig führt sie der situationsbe-
dingte Zentralismus und Administratismus zur Ausschaltung der
Volksbewegungen bzw. zu ihrer Gängelung und Institutionali-
sierung.
Die Jakobiner waren nicht die Avantgarde - Revolutionäre von An-
fang an. Vielfach sind die vorwärtstreibenden Kräfte Männer wie
Danton, Marat u.a. Sie entwickelten sich jedoch faktisch zur er-
sten modernen gesamtnationalen Partei mit entsprechender organi-
satorischer Tiefengliederung und konnten damit in umfassender
Weise die Funktion des "Auges" und in bestimmten Phasen auch des
Organisators der Revolution wahrnehmen. Sie wurden somit auch im
heutigen Sinne zur Avantgarde des revolutionären Prozesses. Revo-
lutionäre Energie, Wachsamkeit und Konsequenz, Ergebenheit zur
Sache und Unbestechlichkeit waren die Charakterzüge, die ihre An-
hänger und Freunde rühmten und ihre Feinde bis heute als Fanatis-
mus, Totalitarismus und Engstirnigkeit zu denunzieren suchen. Es
nimmt nicht wunder, daß mit den gegensätzlichen Wertungen immer
wieder der Vergleich zwischen Jakobinern und Bolschewik! bzw.
Kommunisten vorgenommen worden ist. Gewiß, sie wirkten und wirken
in unterschiedlichen Zeiten und sind Vertreter unterschiedlicher
Klassen, aber die Konsequenz und Kompromißlosigkeit in den Grund-
fragen sowie die Tatkraft sind ihre gemeinsamen Merkmale.
Im Abstand von 200 Jahren ist es an der materialistischen Be-
trachtung der Französischen Revolution, a l l e n r e v o l u-
t i o n ä r e n K r ä f t e n "G e r e c h t i g k e i t w i-
d e r f a h r e n z u l a s s e n", auch jenen, die aus der
Kurve des sich beschleunigenden Revolutionsprozesses geschleudert
wurden oder die sich später gegen sie stellten. Es kann also
nicht um eine Apotheose von Robespierre, Saint-Just und Couthon,
von Marat und Jacques Roux gehen, wiewohl sie in die erste Reihe
der großen Revolutionäre jener Zeit gehören, sondern es ist auch
zu denken an Billaud und Collot, an Danton, Desmoulins und die
Cordeliers, an Cambon, Carnot und Lindet, an Brissot, Manon
Roland, Condorcet und die Girondisten, an Mirabeau und die Männer
der ersten Stunde im Ballhaus zu Versailles, aber auch an Hoche
und die anderen Generäle der Republik und an jene Politiker und
Militärs, die nach dem 9. Thermidor in der abflauenden Phase der
Revolution für die Wahrung ihrer Errungenschaften standen.
Eine materialistische Betrachtung und kritische Würdigung der
Französischen Revolution kann den T e r r o r d e r R e v o-
l u t i o n u n d d e r G e g e n r e v o l u t i o n nicht
aussparen oder mit Schweigen übergehen. Er gehört zu den
geschichtlichen Tatsachen, wie Gewalt und Gegengewalt in allen
revolutionären' Umbruchprozessen. Ein moralisierender Standpunkt
ist hier fehl am Platz, da Gewalt und ihre extremen Anwendungs-
formen sozialen Verhältnissen entspringen, die durch Ausbeutung
und Unterdrückung des Menschen durch den Menschen gekennzeichnet
sind. Solange diese Gewalt von den Herrschenden gegen die unter-
drückten und aufbegehrenden Volksmassen oder in Kriegen prakti-
ziert wird, finden dies ihre Ideologen der Erwähnung nicht wert.
Zahlen die Unterdrückten oder die Revolutionäre mit gleicher
Münze heim, dann kommt für sie die Welt ins Wanken. Es bedarf so-
mit einer allseitigen Betrachtung der Tatsachen und Situationen,
der Handlungen der kämpfenden Parteien und der prägenden Haltun-
gen und Mentalitäten der Kämpfenden, um zu einem sachlichen Ur-
teil gelangen zu können.
Eine der zentralen und bis heute fortwirkenden Fragen, die die
Französische Revolution auf die Tagesordnung gesetzt hat, ist der
D e m o k r a t i s m u s. Es geht dabei nicht nur um die Formen
des Staates und des politischen Systems, sondern auch um die In-
halte der Demokratie. Dies berührt unmittelbar die Einbeziehung
der Volksmassen in den politischen Prozeß. Die Menschenrechtsde-
klaration war die Proklamierung des bürgerlichen Interessenkanons
in verallgemeinerter Form. Aber sie formuliert gleichzeitig die
Ansprüche, die über die bürgerliche Ordnung hinausweisen, sobald
sie reale soziale Gestalt annehmen sollen. Wie man weiß, reicht
die Diskriminierung von Minderheiten bis in unsere Tage. Und auch
das gleiche Wahlrecht, einschließlich für Frauen, ist erst Ergeb-
nis der jüngeren Geschichte.
Da die Vorstellungen von der Souveränität des Volkes in der Peri-
ode der Aufklärung und der Revolution noch stärker ihren ur-
sprünglichen Charakter hatten, blieb das Repräsentativsystem
nicht unangefochten. Die Vertreibung der Girondisten aus dem Kon-
vent, unter dem Druck der Volksbewegung von der Konventsmehrheit
gebilligt, fand in den damaligen Vorstellungen von Volkssouverä-
nität ihre Legitimation. Was später als Druck der Straße denun-
ziert wurde, war in den aufsteigenden Revolutionsphasen Moment
des politischen Prozesses. Gegenüber der Repräsentation hatte die
Souveränität des Volkes Priorität. Dies beförderte die Vorstel-
lungen und Praktiken direkter Demokratie, was sich auch in der
Jakobinerverfassung vom Juni 1793, die allerdings infolge der Ge-
fahr für die Republik suspendiert wurde, niederschlug.
In diesen frühen Formen zeigte sich das, was mit den heutigen Be-
griffen als Wechselwirkung von parlamentarischem und außerparla-
mentarischem Kampf beschrieben werden kann. Zwar hat sich das mo-
derne bürgerliche Repräsentativsystem heute weit stärker als frü-
her verschanzt, Perspektiven der Vertiefung der Demokratie und
grundsätzlicher Gesellschaftsveränderungen erschließen sich je-
doch auch heute nur mit der Freisetzung dieser Wechselwirkung.
Nach wie vor ist die Frage des Z e n t r a l i s m u s des Ja-
kobinerstaates ein vieldiskutiertes Problem geblieben. Zum einen
war dieser Zentralismus die Voraussetzung des Sieges der Revolu-
tion über ihre Feinde. Zum anderen wurden damit jedoch die
Selbsttätigkeit und Selbstorganisation von Volksbewegungen ausge-
schaltet und unterdrückt und die Bürokratisierung des Staatsappa-
rates und des politischen Lebens begünstigt. Dies betraf in der
damaligen Situation vor allem die Kommune von Paris und ihre Sek-
tionen.
Die Jakobiner exekutierten damit den Machtanspruch der Bour-
geoisie gegenüber den Volksschichten. Die "Vereisung" der Revolu-
tion (Saint-Just) zwang die Revolutionsregierung jedoch zum wei-
teren Administratismus und Bürokratismus und zum Anziehen der
Terrorschraube, womit sich ihre soziale und politische Basis wei-
ter verengte. Unter den damaligen Bedingungen hatte der Födera-
lismus der Girondisten eine konterrevolutionäre Komponente, auf
der anderen Seite hätte seine stärkere Berücksichtigung regionale
Besonderheiten auffangen und möglicherweise die von Priestern und
Royalisten genutzten Bauernaufstände der Vendée u.a. abschwächen
können. Somit weisen also auch die kommunalistischen und födera-
listischen Ansätze der Französischen Revolution weit über die da-
malige Zeit hinaus.
Dies gilt auch für die Sozial- und Wirtschaftspolitik des Wohl-
fahrtsausschusses und der Kommune von Paris. Faktisch wird die
Belastbarkeit des neuen kapitalistischen Systems unter Extrembe-
dingungen getestet: etatistisch gesteuerte Kriegs- und Versor-
gungswirtschaft auf der einen und Züge einer reformistischen So-
zialpolitik, einer sozialen Demokratie auf der anderen Seite.
Für die Fortschrittskräfte der damaligen Zeit war die Französi-
sche Revolution die Herausforderung dessen, was wir heute Inter-
nationalismus und internationale Solidarität nennen. Dies betraf
zum einen die Haltung der ausländischen Freunde der Revolution
zur innerfranzösischen Entwicklung, zum anderen ihre praktisch-
politischen Orientierungen, dabei auch dort, wo die siegreichen
Revolutionsarmeen die Chance zur Abschaffung des Feudalsystems
boten, gleichzeitig diese Gebiete jedoch Exploitationsfeld der
französischen Armee und Bourgeoisie wurden. Der Epochencharakter
dieser großen Revolution und ihre internationale Wirkung wurden
somit Handlungsbedingung der Fortschrittskräfte in allen Ländern.
3. Die Gegenreaktionen:
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Konservatismus - Antijakobinismus - Antikommunismus
---------------------------------------------------
Rasch, wie die Stimmen der begeisterten Aufnahme, folgen überall
auch die Gegenreaktionen.
Dabei entsprechen den verschiedenen Phasen der Revolution auch
verschiedene konservative Positionen. Die starrste, die Ablehnung
der Ideen von 1789 selbst, verliert zunächst rasch an Einfluß.
Jürgen Voss hat wesentliche Teile einer Rede des braunschweigi-
schen Rates J.N. Bischoff veröffentlicht, die zum ersten Male
1794 herausgebracht wurde. Hier wird die Parallelität der Ent-
wicklung der verschiedenen Stadien der Revolution und der Heraus-
bildung konservativer Positionen deutlich 6). Bischoff sieht in
der Französischen Revolution drei "Haupt-Epochen", die er näher
untersuchen will. Die erste findet sein volles Verständnis.
Frankreichs Angelegenheit, so meint er, ist in der Phase von 1789
die Sache der gesamten Menschheit. Die Beseitigung der Mißstände
und des Despotismus, die Morgenröte der Freiheit, Gefühle des
Dankes gegen den König ... das ist nach seiner Meinung der Inhalt
der ersten Phase. Die zweite Phase begegnet bereits seiner Kri-
tik. Die Stimmen der Weisheit, so meint Bischoff, verstummen in
diesem Stadium vor dem Eigendünkel philosophischer Schwärmer. Die
Verfassung mit den "sogenannten" Menschenrechten wird von Bi-
schoff mit dem goldenen Kalb verglichen, um das man tanzt: ein
buntes Gemisch von "gutdenkenden aber kurzsichtigen Weltbürgern".
Wie schrecklich aber wird es nach Bischoffs Meinung mit der Herr-
schaft der Jakobiner, dieser "furchtbaren Schar", die darauf aus
sei, die Religion, die gerade erst geschaffene Verfassung und vor
allem auch den König hinzumorden.
Bischoff, der kein extremes Beispiel ist, ist ein früher Vertre-
ter einer Art von konservativer Darstellung, die sich insbeson-
dere auf die Auseinandersetzung mit den Jakobinern konzentrierte.
In den deutschen Darstellungen der Französischen Revolution domi-
niert dieses Bild lange.
Bei dem ersten deutschen Historiker, der die Französische Revolu-
tion in einem ausführlichen Werk darstellt und dessen Darstellung
lange prägend wirkt, bei Heinrich von Sybel, wird allerdings auf
die starr legitimistische Position zurückgegriffen, die bereits
die erste Phase der Revolution von 1789 als terroristisch und
verderblich denunziert. Eine konstruktive Seite wird an der Revo-
lution nicht gesehen, sie ist lediglich zerstörerisch. Die Lo-
sungsworte selbst sind Ausdruck ihres Unrechts: Freiheit ist die
Berechtigung für den "Pöbel", sich gegen das bestehende Gesetz
aufzulehnen, und Gleichheit ist nichts anderes als die Mißachtung
der menschlichen Verschiedenheiten. Dennoch richtet sich auch und
gerade bei Sybel der tiefste Haß gegen die Jakobiner. Robe-
spierre, der nun wirklich ein klassischer Vertreter der revolu-
tionären Bourgeoisie war, wird bei Sybel zum Kommunisten.
So wird ausgeplaudert, was der konservativen antijakobinischen
Position in Deutschland Einfluß und Geltung verschafft: die
Angst, die bürgerlich-revolutionären Ansprüche könnten von der
Arbeiterbewegung aufgenommen werden und auf einer neuen Grundlage
"Volkshaufen" in Bewegung setzen.
In der heutigen französischen Diskussion finden sich unter den
Vertretern des Anti-Jakobinismus wieder die zwei verschiedenen
Positionen. Für François Furet ist der Aufbruch von 1789 ein
weltgeschichtliches Ereignis, die Entstehung der Demokratie; je-
doch die Jakobiner-Herrschaft ist für ihn ein Abgleiten der Revo-
lution. Es wiederholt sich die Position des herzoglich-braun-
schweigischen Rates Bischoff von 1794, die mit einigen zwar als
Provokation gemeinten, aber dennoch interessanten Fragen, aber
zugleich mit unsachlichen Ausfallen gegen die marxistische und
insgesamt die materialistische Geschichtsschreibung verknüpft
ist. Aber der "gemäßigte" Anti-Jakobinismus von Furet hat inner-
halb der französischen konservativen Szene die Türe aufgestoßen
für den wütenden Anti-Jakobinismus von Pierre Chaunu und seiner
weißen Garde: Für Chaunu ist die Französische Revolution ein gi-
gantisches Schlamassel, deren Hauptergebnis der franko-französi-
sche Genozid in der Vendee sei, der erste Vorläufer des Stalin-
schen Gulag.
Gewiß: Chaunu wirkt heute ebenso provinziell-französisch, wie Sy-
bel borussisch-provinziell gewirkt hat. Die seriöse akademische
Diskussion kann mit diesen Positionen nicht viel anfangen. Etwas
anderes ist die Wirkung und die Wirkungsgeschichte. Die liegt un-
ter anderem darin begründet, daß die Grundströmung, die vom Kon-
servatismus und Anti-Jakobinismus zum heutigen Anti-Kommunismus
reicht, geistige Bedingungen gesetzt hat, die die Rezeption des
Anti-Jakobinismus in seinen unwissenschaftlich-gehässigen Formen
vorbereitet hat.
Diese Grundströmung tritt von Beginn mit Edmund Burke (1729-
1797), Friedrich von Gentz (1764-1832) und Juan Maria Donoso Cor-
tes (1809-1853) gegen die Hauptbegriffe des revolutionären Bür-
gertums an.
Der stolze Begriff Mensch als universeller Begriff, die Orientie-
rung auf Wissenschaft als ein universelles Verhältnis zur Welt,
der Begriff der Vernunft als ein humaner Begriff, die Idee des
Fortschritts, die nicht auf Technik und Industrie beschränkt ist,
sondern sich bezieht auf Glück und menschliche Freiheit, die Ent-
wicklung der Vorstellung von Rechten der Menschen als Menschen,
nicht der Württemberger oder der Engländer, der Niederländer, wie
in vorausgegangenen Freiheitskämpfen, sondern der Menschenrechte
- das sind Hauptbegriffe, die mit dem aufsteigenden, revolutio-
nären Bürgertum verbunden waren und schließlich in der Französi-
schen Revolution voll entwickelt sind.
Die konservative Gesellschaftswissenschaft nach der Französischen
Revolution bemüht sich, in einer Geschichte letztlich auflösenden
Haltung diese Begriffe historisierend zu zerstören. In Deutsch-
land sind es die Gestalten von Savigny und Ranke, die für die
Anfänge dieser Strömung stehen. Bei Friedrich Nietzsche erreicht
diese Tendenz dann philosophisch eine neue Qualität. Eine erneute
Veränderung der Qualität ist im Übergang zu Martin Heidegger und
Carl Schmitt erfaßbar, verbunden mit der antirationalen und an-
tihumanistischen Linie der spezifisch deutschen imperialistischen
Geschichte in unserem Jahrhundert.
Für die Arbeiterbewegung kann es nicht darum gehen, die Kampfbe-
griffe des revolutionären Bürgertums kritiklos, gleichsam als
ewige Vorbilder zu übernehmen. Das Verhältnis zum Erbe der Fran-
zösischen Revolution ist mit der Erkenntnis der geschichtlichen
Grundlagen der Entstehung dieser Kampfbegriffe verbunden. So,
gründend auf der Wahrnehmung der Französischen Revolution und ih-
rer Ideologie als historischem Modell, haben diese Begriffe eine
neue Perspektive; sie sind gut für Umbrüche anderer Art. "Die In-
ternationale erkämpft das Menschenrecht"; der Refrain des Kampf-
lieds der internationalen Arbeiterbewegung greift zurück auf die
Idee der Rechte des Menschen und weist zugleich nach vorne, das
individuelle Subjekt z u g l e i c h als wesentlich gesell-
schaftlich begreifend.
4. Die Französische Revolution und der Fortschritt in Deutschland
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Es gibt wenige weltgeschichtliche Ereignisse, selbst der inneren
Geschichte, die die Geschichte in den deutschen Ländern so tief
beeinflußt haben wie die Französische Revolution.
Oft ist französisch radikaler Praxis deutsche theoretische Radi-
kalität gegenübergestellt worden. Fangen wir daher mit dem gei-
stig-ideologischen Bereich an.
In der ersten Phase der Französischen Revolution, die von Groß-
bürgertum und Reformadel bestimmt wird, wird im deutschen Raum
alles, was überhaupt wirkliches Leben hat, von den Ereignissen in
Frankreich elektrisiert. Es entsteht ein neues Lebensgefühl. Für
die junge Generation ist es der große geschichtliche Aufbruch,
der den eigenen Einsatz fordert; für die alte Generation ist es
das Glück, die Fanfarenstöße eines neuen Zeitalters noch miterle-
ben zu können.
In der zweiten, 1792 einsetzenden, vom girondistischen Bürgertum
bestimmten Phase setzt sich das moderne konservative Denken von
den Anhängern der Revolution ab. Dabei ist zu beachten, daß
selbst die konservative Strömung inzwischen so viel von ihrem
Gegner übernommen und gelernt hat, daß sie nicht mehr die gleiche
wie zuvor ist. Die liberale Strömung empfängt nach wie vor kräf-
tige Impulse positiver Art aus Frankreich und mit ihr alles, was
weiter links steht.
In der dritten, 1793 beginnenden Phase der revolutionär-demokra-
tischen Jakobinerdiktatur verläßt der große Teil der bürgerlich-
liberalen Strömung im deutschen Raum die Fahnen. Die vielfach be-
obachtete Abwendung von der anfänglichen Identifikation im be-
herrschenden geistigen Leben verweist auf die Schwäche der radi-
kalen revolutionären Demokratie hier.
Die Herausbildung der verschiedenen geistigen Fraktionen und Par-
teibildungen ist selbst ein bedeutsames Ergebnis der Französi-
schen Revolution. Für alle Strömungen des Bürgertums ist aber ein
tiefes und nachhaltiges Erlebnis, wie dort, wo die Interessen von
Volksmassen angesprochen werden, fortschrittliches Denken mit
praktisch-verändernder Wirkung verbunden ist.
Zugleich wird die Französische Revolution zum großen praktischen
Lehrer über das Verhältnis von politischen Fortschritten und
Klassenbewegung. Diese Erkenntnis ist keineswegs auf die Linke
beschränkt; sie ist eine Grunderfahrung der Zeit.
Neben den verschiedenen bürgerlichen Strömungen bilden sich uto-
pisch-sozialistische Positionen, wie schon am linken Rande des
Jakobinismus, bis hin zu Gedanken, die sich in Arbeiterorganisa-
tionen in positiver und zugleich kritischer Verarbeitung der bür-
gerlichen revolutionären Demokratie finden lassen. (Hier ist
wichtig die Geschichte in dem Bund der Geächteten und in dem Bund
der Gerechten - Organisationen, in denen vornehmlich deutschspra-
chige Arbeiter und Handwerker in Paris zusammengeschlossen waren
und die zur Vorgeschichte der kommunistischen Bewegung gehören.)
Schließlich ist vielfach zu Recht darauf hingewiesen worden, wie
sich die Gedanken von Karl Marx und Friedrich Engels selbst durch
die Auseinandersetzung mit dem weltgeschichtlichen Ereignis ge-
formt, herausgebildet und entwickelt haben. Den Marxismus als
einen radikalisierten Rousseauismus zu verstehen, ist zwar ein
tiefes Mißverständnis (wahrscheinlich beider), aber ohne die
Französische Revolution und den durch sie eingeleiteten Zyklus
bürgerlicher Revolutionen, der gegenüber früheren bürgerlichen
Revolutionszyklen gänzlich neue - und an die neuen Klassen-Kon-
stellationen dicht heranführende - Erfahrungen vermittelt, ist
die konkrete Entstehung der Positionen, die dann zur Theorie der
modernen, revolutionären Arbeiterbewegung werden, kaum vorstell-
bar.
Zugleich ist das positive Erbe der Französischen Revolution hier
deshalb so fruchtbar, weil es kritisch und geschichtlich verstan-
den wird. Gerade weil man sich nicht einfach als Fortsetzer
fühlt, sondern die neue, andersartige Aufgabenstellung, die an-
dere Interessenlage, die neuen Dimensionen wahrnimmt, wird der
revolutionäre Impuls von 1789 weiter fruchtbar.
Der Fortschritt in Deutschland: Das war aber nicht nur Philoso-
phie und politische Theorie. Im Bereich des Rechts waren es die
praktischen Anstöße durch den Code Napoleon (und nicht mehr in
erster Linie die Tradition der von Aufklärung und Absolutismus
geprägten Kodifikationen des 18. Jahrhunderts), die einen mächti-
gen Schub, weit über die Rheinbund-Zeit hinaus, auslösten.
Die Französische Revolution versetzte dem römischen Reich deut-
scher Nation und seinen eigentümlichen Strukturen den Todesstoß.
Die große Flurbereinigung und die Beseitigung der Kirche als feu-
daler Territorialmacht auf dem Reichsdeputationshauptschluß, die
Niederlegung der deutschen Kaiserkrone durch Franz II., der sich
schon ein paar Jahre vorher eine ersatzweise geschaffene öster-
reichische aufs Haupt setzte, die Bildung neuartig souveräner,
geschlossener und verwaltungsmäßig vereinheitlichter deutscher
Staaten, die den napoleonischen Rekrutenbedarf decken konnten,
die Aufteilung des früheren Reiches in vier Gebiete: Preußen,
Österreich, die Rheinbund-Staaten und die mit Frankreich (im
Linksrheinischen und an der Küste) durch Annexion verbundenen
Länder - das alles prägt nachhaltig die Grundgegebenheiten für
die weitere Geschichte des gesamten Raums.
Bürgerliche Reformen, selbst des Reformtyps, wie er sich in den
rheinbündischen und den preußischen Reformen zeigt, sind ohne den
Anstoß der Französischen Revolution nicht denkbar. Das ist der
Grund, warum ein Freiherr vom Stein, der aus seiner Gegnerschaft
zur Französischen Revolution keinen Hehl machte, von seinen Wi-
dersachern als Jakobiner denunziert wird.
Die Entstehung eines für deutsche Verhältnisse selbstbewußten
Bürgertums am Rhein hängt eng mit den Erfahrungen mit der Franzö-
sischen Revolution (die hier anderer Art als in den norddeutschen
annektierten Gebieten waren) zusammen. Hier war wohl auch die Ge-
gend, in der sich die französische Dominanz unmittelbar positiv
für die wirtschaftliche Lage des Bürgertums auswirkte.
Im übrigen komplizieren sich die Verhältnisse dadurch, daß die
deutschen Länder, vor allem die annektierten und die rheinbündi-
schen Gebiete, zu einer, wie schon von Zeitgenossen polemisch ge-
sagt wurde, Präfektur des napoleonischen Staates wurden. Revolu-
tionärer Impuls und Entstehung der bürgerlichen Nation decken
sich hier nicht, sondern treten in eigenartiger und für die deut-
sche Geschichte bestimmender Weise nebeneinander.
Auch in der Zeit von Metternich geht der Impuls der Französischen
Revolution nicht unter. Die Unterströmungen, die 1848 wieder
sichtbar werden, leben von der großen Französischen Revolution,
deren Konturen durch die französischen Revolutionen von 1830 und
1848 erneut verdeutlicht werden.
Wenn man sich schließlich die Geschichte der Bundesrepublik an-
sieht, so sind es nicht nur die von Gerd Semmer herausgebrachten
und von Dieter Süverkrüp gesungenen Lieder (vgl. dazu den Aufsatz
in diesem Band) gewesen, die den Anschluß an diese Unterströmung
wieder hergestellt haben; es ist kein Zufall, daß z.B. in der
Studentenbewegung, deren fortgeschrittenste Teile dann zur
sozialistischen Arbeiterbewegung fanden, die Freiheitsmotive, die
im Frankreich der Jahre von 1789 und danach zu bürgerlich-revolu-
tionären Kampfbegriffen wurden, spontan zu bewegenden Momenten
der Entwicklung wurden.
5. Sind die Impulse der Französischen Revolution aufgebraucht?
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Im weltgeschichtlichen Prozeß sind in großen Gebieten vom europä-
ischen Bürgertum Länder, die vorher noch von feudalen oder noch
älteren Strukturen geprägt waren, durch koloniale Unterdrückung
politisch und ökonomisch organisiert - oder, wenn man so will,
desorganisiert - worden.
Die Französische Revolution findet schon 1791 ihr Echo im Auf-
stand in Haiti. Die Revolutionen der "Dritten Welt", die antiko-
lonialen und später antiimperialistischen Revolutionen, finden
nach wie vor einen wichtigen Impuls in der Französischen Revolu-
tion. Die Aufgaben der politischen Freisetzung bürgerlicher Dyna-
mik, der rechtlichen und politischen Gleichheit der Menschen, der
Verselbständigung und Vereinheitlichung der bürgerlichen Nation
sind in diesen Räumen vielerorts noch ungelöst.
Dennoch wäre es vereinfacht, würde man daraus die Folgerung zie-
hen, daß einfaches Nachholen von 1789 bis 1794 (und zurück bis
1799?) unter diesen Verhältnissen möglich wäre. Es zeigt sich
vielmehr, daß grundlegende Aufgaben, die in der Französischen Re-
volution vom Bürgertum selbst revolutionär gelöst wurden, unter
den neuen Verhältnissen erst lösbar werden, wenn nicht mehr die
jeweils fortschrittlichste bürgerliche Klassenfraktion die gei-
stige und politische Führungsrolle übernimmt, sondern erst dann,
wenn dies durch die in diesen Ländern häufig naturgemäß noch
kleine Arbeiterbewegung geschieht. Vorgriff und Nachholen in ei-
nem - das ist kennzeichnend für die Prozesse in diesen Ländern,
wenn Aufgaben der bürgerlichen Revolution unter einer politischen
Führung, die eine viel weitergehende Programmatik entwickelt, ge-
löst werden. Kuba und Vietnam sind Beispiele für solche Einheit
von Vorgriff und Nachholen.
Aber die Impulse der Französischen Revolution beschränken sich in
ihrer Wirkung nicht auf die "Dritte Welt". An nächster Stelle zu
nennen sind die Länder, in denen die bürgerliche Revolution über-
haupt nicht von unten, sondern in deformierter Weise "von oben",
auf dem "preußischen Wege" durchgeführt worden ist. Die Deforma-
tion, die die bürgerliche Revolution dabei erlitten und die sie
um wesentliche Teile verkürzt hat, hat nicht nur in der Sozial-
ökonomie (vor allem auf dem Lande) große Aufgaben unerledigt ge-
lassen.
Bemerkenswert ist, wie in diesen Ländern das Bürgertum in seiner
bestimmenden Mehrzahl von den früher herrschenden Klassen, wie
Lenin es ausdrückt, "erzogen" wird und damit den revolutionären
Atem von 1789 verliert.
Die Impulse von 1789 können in diesen Ländern des "preußischen
Weges" nur von einer kleinen Minderheit in der bürgerlichen
Klasse und bürgerlichen politischen Bewegung aufgenommen werden.
In diesen Ländern ist die Arbeiterklasse und die Arbeiterbewegung
in die Rolle hineingekommen, daß sie den Hegemon in der Bewegung
spielen muß, die die unerledigten Aufgaben der bürgerlichen Revo-
lution nachholt.
Erkannt und gelöst wurde diese Aufgabenstellung von der russi-
schen Arbeiterbewegung. Als Aufgaben, die nicht erfüllt wurden,
standen sie auch für die deutschen Revolutionäre von 1918. Den-
noch war die Revolution von 1918 auch so etwas wie eine Ratenzah-
lung auf die Anweisung von 1789.
Es ist kennzeichnend, daß sowohl in den früheren Kolonialländern
wie in den Ländern des "preußischen Weges" auch das Nachholen nur
vereinzelter Teile des bürgerlichen Programms von 1789 nach der
Bildung des ersten sozialistischen Staates dadurch und dann er-
leichtert wird, wenn sich diese Bewegung außenpolitisch auf den
nun auch staatlich verfaßten Sozialismus stützt - und das völlig
unabhängig davon, ob sozialistische Sympathien bestehen oder
nicht. Das lehrt die Geschichte solcher Länder wie etwa der Tür-
kei nach dem Ersten oder Ägyptens nach dem Zweiten Weltkrieg, de-
ren spätere Entwicklung deutlich macht, daß die diese Entwicklung
bestimmenden Kräfte nicht von Zuneigung für den Sozialismus er-
füllt sind. Aber selbst die Impulse von 1789 können hier nur auf-
genommen werden im außenpolitischen Bündnis mit dem Staat der Ar-
beiterrevolution.
Wieder anders und unerhört komplizierter muß die Frage nach den
Impulsen von 1789 beantwortet werden, wenn man die allgemeine
Entwicklung in den hochindustrialisierten Staaten des staatsmono-
polistischen Kapitalismus von heute ins Auge faßt. Hier spielen
zwar die geschichtlich bedingten Unterschiede des "preußischen
Weges" gegenüber dem "französischen Weg" immer noch eine nachwir-
kende Rolle; auf vielen Gebieten aber werden diese Unterschiede
verwischt.
Bedeutsam ist aber, daß klassische Aufgaben, die sich die Revolu-
tionäre von 1789 stellten, uneingelöst geblieben sind.
Politische Demokratie, Volkssouveränität, Kontrolle des politi-
schen Systems durch Bürger und Kommunen - das gewinnt einen neuen
Sinn und eine neue Dynamik im Zeitalter der Mediatisierung der
Staatsbürger im heutigen Kapitalismus, der Mediatisierung durch
staatliche und Monopolverbände; Verbände, die der Hegemonie herr-
schender Politik unterliegen, unter dem Stichwort der Funktions-
tüchtigkeit und der Effizienz der Verwaltung ausgearbeiteter Me-
chanismen und unter der Vorgabe, Entscheidungen in großräumigen
Dimensionen treffen zu müssen, die eine Form der Zentralisierung
und Verflechtung staatsbürokratisch-monopolkapitalistischer Macht
ermöglichen und erfordern.
Zugleich wird die traditionelle Unterscheidung des Bürgertums
zwischen der öffentlich-politischen Sphäre und dem privaten Be-
reich, der autonom organisiert wird, gleich in mehrfacher Weise
vom staatsmonopolistischen Leviathan angegriffen. Die klassische
bürgerliche Öffentlichkeit der Gesellschaft wird überwuchert und
deformiert durch die gigantischen Presse- und Medienkonzerne. Auf
der anderen Seite ermöglichen die zentralisierten Strukturen der
Machtapparate zusammen mit den Mitteln der modernen Nachrichten-
und Datenverarbeitungstechnik den Zugriff auf die Privatsphäre,
die so von außen politisiert wird. Das geschieht nicht nur über
den beruflichen, sondern ebenso über den Konsumbereich. Die Ent-
wicklung einer kritischen Gegenöffentlichkeit und die Abwehr der
Techniken der Macht, die Menschen zu gläsernen Objekten machen,
stellen Aufgaben, die in der bürgerlichen Revolution schon einmal
standen, auf neue Weise.
Der Gleichheitsanspruch der b ü r g e r l i c h e n Revolution
wird durch die Entwicklung des staatsmonopolistischen Kapitalis-
mus auf neue Weise aktuell und mit dem Gleichheitsanspruch der
A r b e i t e r b e w e g u n g verflochten. Das wird klar, wenn
man auf die Entwicklung von Ansprüchen der Arbeiterbewegung nach
Kontrolle (hierzulande vor allem unter dem Stichwort Mitbestim-
mung, aber in allen Ländern des hochentwickelten Kapitalismus
heute in einer oder der anderen Gestalt wirksam) achtet, die sich
in vielfältiger Weise verbinden und parallelisieren mit Ansprü-
chen auf demokratische Kontrolle in nicht unmittelbar der Produk-
tion zugeordneten Bereichen, wie dem Bildungs-, Verkehrs-, Raum-
planungs-, Gesundheitswesen.
In dem bürgerlichen Gleichheitsanspruch ist auch die Rolle der
Ungleichheit der Geschlechter angesprochen. Die Marktweiber und
Amazonen der Französischen Revolution finden ihre Nachfolgerinnen
in der modernen Frauenbewegung, in der sich auf widersprüchliche
Weise Traditionen der bürgerlichen und Traditionen der soziali-
stischen Frauenbewegung wiederfinden. Der Gleichheitsanspruch in
Bezug auf das Geschlecht, von den Frauen in der Französischen Re-
volution praktisch und theoretisch erhoben, konnte von der bür-
gerlichen Revolution nicht erfüllt werden. Die Einbeziehung der
Frauen in die gesellschaftliche Reproduktion jenseits der Sphäre
des Hauswesens bei gleichzeitig aufrecht erhaltener Ungleichheit
verwies auf die uneingelösten Versprechen der Jahre von 1789 an.
Die uneingelösten Ansprüche der Französischen Revolution können
heute eine neue Dynamik gewinnen. Sie können aber nicht mehr im
Rahmen eines "neuen 1789" gelöst werden.
6. Ist das Zeitalter der Revolutionen zu Ende?
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Die vergleichende Revolutionsforschung im Rahmen eines materiali-
stischen Geschichtsverständnisses hat hinreichend nachgewiesen,
daß die weltgeschichtliche und weltweite Durchsetzung der bürger-
lich-kapitalistischen Gesellschaftsformation im Rahmen einer Ent-
wicklung erfolgte, die als Revolutionszyklus gefaßt werden kann.
Er beginnt mit den frühbürgerlichen Revolutionen am Ausgang des
Mittelalters, findet seinen klassischen Höhepunkt mit der Franzö-
sischen Revolution von 1789 und seine ökonomische Durchschlags-
kraft mit der von England ausgehenden industriellen Revolution
und setzt sich in einer Folge von revolutionären Umwälzungen
fort, die im Rahmen der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft
die volle Ausbildung und Durchsetzung der kapitalistischen Pro-
duktionsweise und Gesellschaftsformation gewährleisten.
In dieser Periode ist die Bourgeoisie das Fortschrittssubjekt der
Epoche, deren Interessen mit den historischen Fortschrittsmög-
lichkeiten übereinstimmen, was allerdings nicht bedeutet, daß
diese durch die Bourgeoisie in jedem Falle und in jeder Phase
auch realisiert worden seien. Denn die Bourgeoisie ist eine Min-
derheits- und Ausbeuterklasse, deren Interessen mit denen der
Volksmassen nur negativ, im Kampf gegen ihre Feinde, gegen das
Feudalsystem, zusammenfallen. Gerät sie unter ihren Druck - und
das ist zunehmend mit der Entwicklung der Arbeiterklasse zum Re-
präsentanten des Volkes der Fall -, dann wächst ihre Neigung zum
Kompromiß mit den alten Herrschaftsklassen. Sie kommt mehr und
mehr in die Rolle einer bremsenden Kraft, deren Hauptanliegen es
wird, das Volk in Schach zu halten. Damit büßt die Bourgeoisie,
wie sehr sie auch die Produktivkraftentwicklung weiter revolutio-
nieren und vorantreiben mag, ihre Rolle als Fortschrittssubjekt
ein. Es vollzieht sich ein Epochenwechsel.
Vom Standpunkt der Arbeiterklasse liegt ihre Perspektive von An-
beginn jenseits des Kapitalismus. Aber erst mit dem Epochenwech-
sel wird sie zum realen historischen Fortschrittssubjekt. Die
Überwindung der kapitalistischen Gesellschaftsformation tritt da-
mit auf die Tagesordnung der Geschichte und wird realgeschicht-
lich Gegenstand des proletarisch-sozialistischen Revolutionszy-
klus, der mit der Pariser Kommune von 1871 eingeläutet wurde und
mit der russischen Oktoberrevolution seinen klassischen Höhepunkt
fand. Seither entfaltet sich der welthistorische Übergangsprozeß
in weltweiter Dimension. Die bisherige Geschichte verweist dar-
auf, daß der Wechsel der Gesellschaftsformationen im konkreten
Ablauf mit einem revolutionären Bruch verbunden ist, in welch un-
terschiedlichen Formen er sich auch vollzogen haben mag.
Eine solche Sichtweise wird vom spätbürgerlichen Bewußtsein ent-
schieden abgelehnt und als deterministisch oder teleologisch de-
nunziert. Dafür muß Verständnis aufgebracht werden, würde die Ak-
zeptanz doch bedeuten, daß man in der Konsequenz der Forderung
zustimmen müßte, das Feld zu räumen, oder daß man darauf verzich-
tet, einer breiten Reformoffensive zur Umwandlung des kapitali-
stischen Systems Widerstand entgegenzusetzen. Demgegenüber wird
die Geschichte in dieser Optik eine Folge offener Situationen
ohne bestimmende Entwicklungsgesetze. Sicher, jede revolutionäre
Situation ist insofern eine offene Situation, daß die Sieger
nicht vorherbestimmt sind. Sofern sich jedoch die revolutionären
Kräfte durchsetzen, werden sie darangehen müssen, die Weichen in
Richtung Sozialismus zu stellen. Dies ist ihre Alternative, nur
sie kann zu einer höheren Stufe der gesellschaftlichen Entwick-
lung führen, und gerade über diese Praxis realisieren sich histo-
rische Entwicklungsgesetze.
Macht man einen zeitlichen Vergleich, dann verwirklichte sich der
bürgerliche Revolutionszyklus in knapp vier Jahrhunderten. Von
1871 bis heute sind 117 Jahre vergangen. Mit dem Nuklearzeitalter
und den Vernichtungsmöglichkeiten der Menschheit sind welthisto-
risch völlig neue Bedingungen gesetzt, die zum Überleben der
Menschheit und zur Lösung der globalen Probleme die Kooperation
der staatlich organisierten und in Bündnissen zusammengeschlosse-
nen antagonistischen Gesellschaftssysteme erforderlich machen.
Nuklearkriege müssen aus dem Leben der Menschheit verbannt und
die Lösung der globalen Probleme in Angriff genommen werden, be-
vor und unabhängig davon, ob sich die neue Gesellschaftsformation
in einzelnen Ländern und weltweit durchgesetzt haben wird oder
nicht. Damit entfällt auch der Zusammenhang von Krieg und Revolu-
tion, der sich in der Vergangenheit der Entwicklung aufgeherrscht
hatte, schon in der Französischen Revolution sichtbar war und vor
allem in unserem Jahrhundert bestimmend wurde.
Daß diese neue internationale Konstellation auf die inneren
Transformationsbedingungen Auswirkungen haben wird, darf als un-
abweisbar gelten. Inwieweit nun für die Durchsetzung politischen
und sozialen Fortschritts in der Dialektik von Reform und Revolu-
tion der Reformkomponente und generell dem friedlichen Weg grund-
legender Umgestaltungen ein größeres Gewicht zukommen wird, kann
als offenes Problem angesehen werden.
I s t s o m i t d a s Z e i t a l t e r d e r R e v o l u-
t i o n e n z u E n d e? Diese Frage kann nur bejahen, wer die
Existenz aller Völker unserer Welt in einer realen Weltgeschichte
in Abrede stellt. Denn in welcher geschichtlichen Periode hätte
es mehr revolutionäre Umwälzungen gegeben als in der Zeit nach
dem Zweiten Weltkrieg! Und sie haben sich gerade für die in
Abhängigkeit und Rückständigkeit gehaltenen Völker als die
notwendigen Schritte zur Eröffnung einer neuen Perspektive er-
wiesen.
Freilich, mag man sagen, das sind Entwicklungsstadien, die die
Länder des entwickelten Kapitalismus längst hinter sich gelassen
haben. Das ist sicher richtig, aber gleichwohl nur die halbe
Wahrheit. Denn traf und trifft es nicht zu, daß gerade die weni-
ger entwickelten Länder als Peripherie des Imperialismus und des-
sen Ausbeutungsbasis fungierten und heute in veränderten Formen
weiterfungieren? Kann deshalb die Entwicklung Westeuropas und
Nordamerikas von diesem Zusammenhang losgetrennt werden? Aber
auch abgesehen von diesem Zusammenhang: Waren etwa jene Länder,
die nach 1945 in Mittel-, Ost- und Südosteuropa den Bruch mit dem
monopolkapitalistischen System, das sich mit den Verbrechen des
Faschismus beladen hatte, vollzogen, keine mittel- oder hochent-
wickelten kapitalistischen Länder? Man mag die Autonomie dieser
revolutionären Umwälzungen in Frage stellen und auf den Sieg der
Sowjetarmee verweisen. Aber dies schafft die Tatsache nicht aus
der Welt, daß diese Prozesse von den "inneren" Kräften, der je-
weiligen Arbeiterklasse und ihren Verbündeten, getragen wurden.
Schließlich hat gerade in jüngster Zeit der Gedanke revolutio-
närer Entwicklungsbeschleunigung und Umbruchprozesse aus einer
Richtung Zuzug erhalten, von der es noch vor einigen Jahren die
wenigsten erwartet hatten: aus der Sowjetunion. Hier geht es um
einen neuen Typ von Revolution, um eine Revolution von unten und
von oben, um die Verdichtung radikaler Reformen zu einem revolu-
tionären Entwicklungsschub, mit dem neue Strukturen und Mechanis-
men der Verbindung von Sozialismus und Demokratie geschaffen und
die Potentiale der sozialistischen Gesellschaft optimal freige-
setzt werden sollen.
Blieben die hochentwickelten kapitalistischen Länder in den letz-
ten drei, vier Jahrzehnten. Hat sich hier jene offene demokrati-
sche Gesellschaft durchgesetzt, deren Strukturen in der Lage
sind, kontinuierlichen sozialen und politischen Wandel im Sinne
gesellschaftlichen Fortschritts zu gewährleisten? Oder stellen
sie nun gar Gesellschaften jenseits der Geschichte, also jenseits
der Gesetze der gesellschaftlichen Entwicklung dar, für die sich
dann die Erörterung von Evolution und Revolution in der Tat erüb-
rigen müßte? Haben sie das ihnen innewohnende Konfliktpotential
still gestellt und gesellschaftliche Bewegungen und Regungen in
das Korsett kapitalistischer Warenförmigkeit gezwungen? Haben sie
sich in Gesellschaften ohne Klassen und ohne revolutionäre Verän-
derungssubjekte transformiert, die den Marxismus ad absurdum füh-
ren und seine Grundthesen gegenstandslos machen? Ist der Revolu-
tion in diesen Gesellschaften im Unterschied zu früheren Stadien
ihr Subjekt abhanden gekommen? usw. usf.
Diese Fragen und die bejahenden Antworten sind heute der Standard
der herrschenden Ideologie. Daran kann kein Zweifel bestehen.
Aber sie sind interessengebundene Ideologie, die den Tatsachen,
den realen Widersprüchen und Entwicklungstendenzen nicht stand
hält. Abgesehen von den Ereignissen des Jahres 1968 in
Frankreich, die Ausdruck einer vorrevolutionären Situation waren
unter Bedingungen eines absoluten internationalen Übergewichts
der Reaktion, kam es in der Periode in anderen Ländern nicht zu
vergleichbaren Erschütterungen. Gleichwohl blieben auch dort die
dem Kapitalismus eigenen Antagonismen und ihre für seine staats-
monopolistische Phase charakteristischen Ausdrucksformen die An-
triebsaggregate sozialer und politischer Veränderungen, die viel-
fach eine reformbetonte Entwicklungsrichtung erzwangen.
Mitte der 70er Jahre kam es in der Konstellation der kapitalis-
musweiten ökonomischen Krise zu strategischen Umorientierungen
der herrschenden Klassen, die sich dann in einer Richtung der Ge-
genreform, der konservativen Revolution', wie man es in den USA
nannte, verdichteten. Es ist dies die Gegenreform von oben zur
konservativen Bewältigung der Krisensituation und der stärker in
Gang gekommenen wissenschaftlich-technischen Revolution. Damit
wurden die politischen, sozialen und ökonomischen Umstrukturie-
rungsprozesse des staatsmonopolistischen Systems beschleunigt,
wobei die zunehmenden Bedingungen der Internationalisierung ein
in der Rückwirkung neues Milieu dieser Veränderungen darstellen.
Diese Prozesse dauern bis heute an, ihr Grundtrend wurde zwar da
und dort abgeschwächt, aber keineswegs bis jetzt gebrochen. Trotz
sich häufender Krisenfolgen und sozialer Gebrechen haben die von
der Arbeiterbewegung und der Linken vertretenen Alternativen noch
nicht zur veränderungsfähigen Massenmobilisierung geführt.
Gleichwohl ist diese Periode auch durch neue Bewegungen und Ver-
änderungspotentiale gekennzeichnet, durch neue Konfliktfelder und
Kämpfe, an denen sich die Perspektiven schon heute deutlich ab-
zeichnen. In Anbetracht der veränderten Gesamtsituation ver-
schränken sich äußere und innere Momente weit stärker als in frü-
heren Perioden. Die Stunde der globalen Probleme hat längst ge-
schlagen, und ihr Echo schallt aus vielen sozialen Sektoren und
politischen Bewegungen.
Die Fragen gesellschaftlicher Kontrolle und Maßregeln und damit
Grundprobleme der Demokratie und einer Demokratisierung, die die
Tabuzonen monopolkapitalistischen Eigentums öffnen muß, treten
immer mehr in den Vordergrund von Kämpfen und Alternativen. Das
Monopolkapital forciert unter dem Druck der internationalen Tech-
nologiekonkurrenz die Modernisierung der Produktionsapparate in
einem ungeahnten Maß. Das ist wahr. Aber es setzt ebenso Risiko-
potentiale und Destruktivkräfte in neuen Dimensionen frei, die
die Existenzbedrohung nicht mehr nur ad hominem, sondern an der
Gattung demonstrieren. Ein deformierter Vergesellschaftungs- und
Gesellschaftstyp herrscht seine repressiven Züge mit den Mitteln
des Computer- und Informationszeitalters den lebendigen Kräften
der kapitalistischen Nationen auf. Müssen sie die bestehenden so-
zialökonomischen und politischen Machtstrukturen brechen, um neue
Ufer erreichen zu können? Wird der eingeleitete Umbruch einfach
nur den prinzipiellen Status quo in die Zukunft transportieren
oder werden sich die dialektischen Entwicklungsgesetze von Um-
schlag und Qualitätsveränderung mit der Freisetzung von Wider-
spruchs- und Konfliktpotentialen Geltung verschaffen? Wie auch
immer die Antworten ausfallen mögen, die Parole vom Ende des
Zeitalters der Revolutionen gleicht in dieser Situation dem Ruf
des Mannes im dunklen Walde, der damit seine eigenen Ängste ban-
nen will.
Als Ludwig XVI. 1776 in der Kathedrale von Reims angesichts der
Symbole der fast tausendjährigen Feudaldynastie der Capetinger
seine heilige Salbung erhielt, dachten weder er noch jene, die
ihm huldigten, daran, daß nur 15 Jahre später ein Volksaufstand
dieses Regime erschüttern und er selbst drei Jahre darauf unter
der Guillotine enden würde - und mit ihm das Feudalsystem. Zwei-
fellos, Analogien zur Gegenwart haben ihre Grenzen und ersetzen
keine konkrete Analyse. Aber sie machen uns für gesellschaftliche
Umbruchperioden auf die schnelle Verwirklichung geschichtlicher
Möglichkeiten aufmerksam, wenn diese in der Tiefe der gesell-
schaftlichen Entwicklung angelegt sind. Es gibt wenig Gründe für
die Annahme, daß die Durchsetzung von politischem und sozialem
Fortschritt nicht auch in der Zukunft an die Freisetzung der Dia-
lektik von Reform und Revolution gebunden sein wird. Die Entwick-
lung der Bundesrepublik Deutschland wird dabei keine Ausnahme
sein.
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1) Karl Marx, Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, MEW, Bd.
3, S. 176.
2) Georg Friedrich Wilhelm Hegel, Werke, vollst. Ausgabe, Bd. IX,
Berlin 1832-44, zit. nach: Die Französische Revolution im Spiegel
der deutschen Literatur, Hrg. Claus Träger, Berlin / DDR u.
Frankfurt/Main 1979, S. 347.
3) Karl Marx verwendet diesen Ausdruck für den deutschen Bauern-
krieg von 1525 (Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechts-
philosophie, ME, Bd 1., S. 386
4) Karl Marx, Friedrich Engels, Die heilige Familie, MEW Bd. 2 S.
126.
5) Karl Marx, Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850, MEW,
Bd. 7, S. 85.
6) Jürgen Voss in: Jürgen Voss (Hrsg.): Deutschland und die Fran-
zösische Revolution. München 1983. S. IX ff.
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