Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 14/1988
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DIE HEROISCHE ILLUSION UND DAS 19. JAHRHUNDERT.
GRÖSSE UND BEGRENZTHEIT DER BÜRGERLICHEN REVOLUTION IN FRANKREICH
Kurt Holzapfel/Michael Zeuske
1986 wurden mehrere Artikel zum Thema "heroische Illusion" veröf-
fentlicht 1) und damit auf die spezifische revolutionshistorische
Dimension eines Problemkomplexes verwiesen, der seit längerem die
Aufmerksamkeit von Vertretern verschiedenster Wissenschaftsge-
biete fand. Der historische Gedankenansatz erregte lebhaftes In-
teresse 2), rief aber auch kontroverse Diskussionen hervor. Aus
diesem Grunde seien im Zusammenhang mit dem Thema dieses Bandes
einige Grundgedanken der Beschäftigung von Marx mit der
"Heroischen Illusion" (in der Chronologie der Marxschen Arbeiten
selbst) und einige Probleme der Verbindung von heroischer Illu-
sion, Größe, Grenzen und des "Scheiterns" 3) der bürgerlichen Re-
volution in der französischen Revolutionsgeschichte seit 1789
dargelegt.
In der DDR-Revolutionsforschung und Weltgeschichtsschreibung ha-
ben sich vor allem Walter Markov und Manfred Kossok mit dem Pro-
blem "heroische Illusion" befaßt. Von letzterem stammt die Defi-
nition, von der auch wir ausgehen: "Auf den Kern gebracht, be-
stand das Wesen der heroischen Illusion in der Fähigkeit der zur
Übernahme der politischen Herrschaft berufenen Klasse, d.h. der
Bourgeoisie, ihre (Klassen-)'Interessen' als Gesamtinteresse der
Nation zu artikulieren. Von der Dauer und Intensität dieses
(stets zeitweiligen und relativen) Zusammenfalls von 'Idee' und
'Interesse' hing letztlich der Grad der Radikalität (die histori-
sche Dimension) einer bürgerlichen Revolution ab ... die
'heroische Illusion" (ist) die Fähigkeit der Bourgeoisie, ihre
eigene Emanzipation ("Interesse") als allgemein-menschliche
("Idee") zu begreifen und darin von der "Nation" (vulgo oder
Masse) akzeptiert zu werden." 4) So verstanden, ist das ideologi-
sche Phänomen der "heroischen Illusion" engstens mit der "Größe"
der Französischen Revolution verbunden. Wo aber liegen die
"Grenzen"? Wir glauben, daß diese "Grenzen" auf zwei Ebenen ge-
sucht werden müssen: 1. In der Revolution von 1789 selbst; und
zwar einerseits überall dort, wo der allgemeine "Zusammenfall"
von Idee und Interesse in den aufsteigenden Phasen der Revolution
(bis 1794) gefährdet schien oder war, sowie andererseits in dem
bereits in der Jakobinerdiktatur anhebenden Auseinanderklaffen
von Idee und Interesse (was zunächst versucht wurde durch ideolo-
gische Surrogate zu ersetzen). Dieses Auseinanderklaffen manife-
stierte sich mit dem 9. Thermidor.
2. Im Laufe des 19. Jhs., besonders ab 1815, kehren sich die
Fronten um. Aus der Sicht der beteiligten Revolutionäre, der Ent-
täuschten, sind die "Grenzen" nur im Reichtum, in der Gier u.a.,
d.h. in den äußeren Erscheinungen des bürgerlichen Charakters der
Revolution, in den Enthüllungen ihres "bürgerlichen Festkerns"
(Markov) nach 1794 zu suchen. Gleichzeitig aber war dieser bür-
gerliche Charakter, dieses immer offener und klarer hervortre-
tende Klasseninteresse auf lange Zeit der historisch notwendige
Träger des gesellschaftlichen Fortschritts. Die Enttäuschung
wurde also nicht nur eine Quelle vielfältiger ideologischer Phä-
nomene (hier seien nur die Empire-Ideologie und die Napoleon-Le-
gende oder die "Entdeckung" des Klassenkampfes durch die libera-
len französischen Historiker erwähnt sowie die Utopien, die al-
lerdings bereits eine andere Wurzel haben), sondern sie brachte
auch Teilerkenntnisse über die Größe und die Historizität der
"Großen" hervor. Im Verlaufe des 19. Jhs. kehren sich die Sichten
und Verständnisse der "Grenzen" in einem komplizierten Prozeß um.
Der historische Fortschritt beginnt den Träger zu wechseln (aus
heutiger Sicht muß dieser Prozeß als viel viel länger und kompli-
zierter gedacht werden, als noch vor wenigen Jahren angenommen).
Jetzt muß sich das Proletariat aus den Nachwirkungen der
"heroischen Illusion" von 1789 lösen, d.h. aus einer Vielzahl von
Illusionen, oftmals manipulatorisch durch Staat und Bourgeoisie
ausgenutzt. Das geschah über ein Zwischenstadium von Utopien,
die, obwohl auf neuer sozialer Basis wachsend, nichtsdestoweniger
gezwungen waren, Elemente und Bausteine objektiv überlebter hero-
ischer Illusion zu nutzen, um die Größe der eigenen historischen
Aufgabe überhaupt zu erahnen.
*
In nur einem Jahrfünft - von Mitte 1843 bis 1848 - schufen Marx
und Engels theoretische Grundlagen der kommunistischen Strategie
und Taktik in der Revolution von 1848/49. Dabei erarbeitete vor
allem der "junge Marx" 5) in der Etappe seines Schaffens, deren
Ergebnisse in den Arbeiten "Zur Judenfrage" bis einschließlich
der "Heiligen Familie" niedergelegt sind, eine Reihe von philoso-
phisch-gesellschaftstheoretischen Ansätzen zur Interpretation der
Französischen Revolution 6).
Die dazugehörige unvermittelte Entgegensetzung der Kategorien
"Idee" und "Interesse" ist eine fruchtbare Problemstellung für
die heutige Revolutionsforschung. In der Form der Hegelschen
Widerspruchsdialektik verbergen sich unter diesen Kategorien zwei
Grundprobleme, vor denen Marx in der Zeit seines Übergangs auf
materialistische Positionen 7) stand: Die Erforschung der Anato-
mie der "bürgerlichen Gesellschaft" 8) und der sog. "Ideologie-
Komplex" 9). Die öffentliche Anerkennung der Revolution als dem
wichtigsten Mittel zur Gesellschaftsveränderung 10) flankierte
diese theoretischen Erkenntnisse. So nimmt es nicht wunder, daß
auf Marx die bis dahin einmalige Radikalität der Jakobinerdikta-
tur einen besonderen Reiz ausübte. Stellte der Ideologie-Komplex
ein übergreifendes theoretisches Problem dar, so boten die
"Momente besonderen Selbstgefühls" 11) der geschichtlichen Ak-
teure und die "kolossale Täuschung" 12) ihrer Ideale in den
"großen organischen allgemeinen Revolutionen" 13) ein ungewöhn-
lich wertvolles Material für das Studium des konkreten Verhält-
nisses von Interesse und Idee. Die Große Revolution der Franzosen
14) stellte für Marx und Engels eine einzigartige historische Er-
fahrung für die Ausarbeitung der eigenen Theorie sowie Strategie
und Taktik dar. Über die intensive zeitgenössische Diskussion um
die französische Julirevolution von 1830 hatte Marx 15) die Un-
terschiede zwischen den Postulaten der Aufklärung und den Ergeb-
nissen der bürgerlichen Revolution bereits als revolutionärer De-
mokrat rezipiert und sich somit immer mehr dem Studium der Poli-
tik zugewandt. Auch die Bedeutung materieller Bedürfnisse begann
er bereits vor 1843 zu erkennen. Das Verhältnis von "Idee" und
"Interesse" der Bourgeoisie in der Revolution aber bekam erst in
der "Heiligen Familie" jene Fassung, für die sich der Begriff
"heroische Illusion" eingebürgert hat. Marx hat ihn expressis
verbis in seinen Frühschriften nicht benutzt. Auch Engels nicht.
Das Problem der "heroischen Illusion" war, analog des stürmischen
wissenschaftlichen und politischen Voranschreitens von Marx in
den frühen 40er Jahren, eine sich entwickelnde Komponente, auf
die er in den historischen Passagen seiner Arbeiten immer wieder
zurückkam. Während Marx in der "Heiligen Familie" unter dem Ein-
fluß der Engelsschen Fourier-Rezeption 16) die Blamage der "Idee"
gegen B. Bauer hervorhob, hat er in der klassischen Formulierung
in den Einleitungspassagen zum "18. Brumaire" die Geschichts-
mächtigkeit von ideologischen Formen und Traditionen vor allem in
Verbindung mit den "Grenzen" der bürgerlichen Revolution aus-
drücklich anerkannt.
*
In dem unter starkem Feuerbach-Einfluß 17) geschriebenen Aufsatz
"Zur Judenfrage" fixierte Marx eine Reihe theoretischer Ansätze
zur Erklärung der bürgerlichen Revolution. Für die Thesen gilt -
wie für die nachfolgenden Arbeiten - mutatis mutandis die Bemer-
kung Jaecks zur Interpretation der Menschen- und Bürgerrechte
durch Marx: sie bedurften keiner regelrechten späteren Revision,
sondern einer gegenstandsadäquaten ökonomisch-gesellschaftstheo-
retischen Begründung 18). Marx, auf der Suche nach der totalen,
der "menschlichen Emanzipation", typisierte die bürgerliche Revo-
lution als "politische Emanzipation" 19), d.h. er sieht zunächst
ihre Grenzen. Er untersucht das Verhältnis des "politischen Staa-
tes" zur "bürgerlichen Gesellschaft" 20) während der Jakobiner-
herrschaft anhand der Kategorien "citoyen und bourgeois". Im Er-
gebnis konstatierte Marx eine "optische Täuschung", "ein psycho-
logisches, ein theoretisches Rätsel" im "Bewußtsein der politi-
schen Emanzipatoren" 21).
Marx faßte die Jakobiner als politische Emanzipatoren. Es geht um
die Frage, wieso die Jakobiner 1793, kurz nach ihrem von der Pa-
riser Volksbewegung erkämpften Machtantritt, als 2/3 des franzö-
sischen Territoriums von der Konterrevolution oder föderalisti-
schen Revolte erfaßt sind, die "Droits de l'homme", - von Marx
als die "Rechte des Mitglieds der bürgerlichen Gesellschaft, d.h.
des egoistischen Menschen" 22) bezeichnet - in ihrer "Theorie"
anerkennen und gleichzeitig in ihrer revolutionären "Praxis"
ernstgemeinte Absichten unterließen, "die chimärische Gleichheit
und Brüderlichkeit des politischen Lebens" 23) durchzusetzen.
Marx "mißt" die politische an der menschlichen Emanzipation. Dar-
aus resultierte für Marx eine "verkehrte" Stellung des Verhält-
nisses von Theorie und Praxis in den Köpfen der Jakobiner, und
für unseren Gegenstand wird eine eigentümliche Fassung des Pro-
blems der "heroischen Illusion" deutlich 24). Marx zeigt, daß es
einer die Massen mitreißenden Praxis mit Zügen der menschlichen
Emanzipation bedurfte, um die Durchsetzung des Klasseninteresses
der Bourgeoisie in der "politischen Emanzipation" von der Feuda-
lität zu sichern 25). In dialektischer Weise, allerdings mit ei-
nem idealistischen Gattungsbegriff, versuchte Marx hier sowohl
die Größe, besser die Höhepunkte (soziale Praxis), wie auch die
Grenzen (Politik, bürgerliche "Theorie") der bürgerlichen Emanzi-
pation zu erfassen.
Marx verteidigte wohl die politische Konsequenz und die histori-
sche Leistung der Jakobiner, kritisierte aber das Wesen der poli-
tischen Emanzipation 26). Er demonstrierte an den Verfassungszie-
len, an den Menschen- und Bürgerrechten, daß die Jakobiner die
Grenze der "politischen Emanzipation" nicht überschreiten konnten
27). Zwar war der Jakobinerstaat in "Momenten des besonderen
Selbstgefühls" gezwungen, "... seine Voraussetzungen, die bürger-
liche Gesellschaft und ihre Elemente", zu unterdrücken 28) und
eine ideale Gemeinschaft "guter" Citoyens anzustreben, gleichzei-
tig mußten die Jakobiner in der freigesetzten bürgerlichen Ge-
sellschaft diesen citoyen notwendig "zum Diener des egoistischen
homme" 29) erklären.
Das Idealbild des citoyen stand für die heroische Selbsttäuschung
der Akteure von 1793/94; für Marx stand auf ihrer Seite ein ,
weltgeschichtlicher Irrtum, aber kein persönlicher" 30). Diese
Selbsttäuschung war notwendig, um ihre Ziele zu erreichen und um
ihre Zielvorstellung in nationaler Form darzulegen. In diesem
Sinne gehen übergreifende Ebene der heroischen Illusion (die
langfristige ideologische Legitimierung der Hegemonie in Gestalt
der Antikerezeption, Traditionen, überhaupt ideologische Orien-
tierungen) und ihre konkrete sozial-politische Funktion
(Bündelung der Triebkräfte, Ausrichtung auf ein Ziel) ineinander
über. In der heroischen Illusion von 1793/94 flössen die Erkennt-
nis der Größe der heroischen Aufgabe mit der Stimulierung des re-
volutionären Kampfelans zusammen. Selbstanfeuerung der Jakobiner
und Enthusiasmierung der Sansculotten ergänzten sich bis zu stoi-
schem Republikanismus. Marx deutete damit die Funktion der von
den Jakobinern vertretenen Ideen für die Verbindung des Klassen-
interesses der Bourgeoisie mit den antifeudalen Interessen aller
Nichtprivilegierten (gefaßt als "Nation") an. Damit erkannte Marx
auch "Ideale und Utopismen als echte, historisch notwendige
Selbsttäuschungen über wahre Klasseninteressen" 31).
Allen jenen von der Aufklärung , vorgegebenen" und von den Jako-
binern "umgearbeiteten" Parolen der Revolution war nicht nur das
Klasseninteresse der Bourgeoisie in allgemeiner Form inhärent
(abgesehen von den utopischegalitären Komponenten der Aufklä-
rung), im Laufe der Revolution konnten an ihren Idealen auch
"alle Spannungsgrade revolutionären Umsturzwillens" 32) ansetzen.
Aber so unterschiedliche soziale Interessen auch die verschie-
denen Klassenkräfte den Ideen unterlegten, so sehr auch die Jako-
biner um Robespierre bemüht waren, "sich auf das Volk zu stützen"
und das politische Interesse der Revolution beschworen, im Ergeb-
nis stand die "menschliche Selbstbefreiung unter der Form der po-
litischen Selbstbefreiung" 33), womit Marx die bürgerliche Revo-
lution durchaus als historischen Fortschritt erfaßte, ihre Grenze
allerdings noch in der Form sah.
In Paris 1844 rezipierte Marx den Begriff Klasse und verband ihn
mit der Präzisierung seiner Revolutionskonzeption 34). Hatte Marx
in der "Judenfrage" das allgemeine Ziel, die "menschliche Emanzi-
pation", formuliert 35) und in allgemein-abstrakter Form wichtige
Phänomene des Verhältnisses von Interesse und Idee fixiert, so
analysierte er in "Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie.
Einleitung" die sozialen Voraussetzungen der kommenden Revolution
36). Diese Problemstellung, der Klassenbegriff und die Gegenüber-
stellung von "deutschen" und "französischen" Zuständen ermöglich-
ten es Marx, den Erfolg, die Größe und die Grenzen der Französi-
schen Revolution auf für die damalige Zeit einmalige Weise zu er-
klären 37).
In der "Judenfrage" hatte Marx auch den "Momenten (des)... noch
jugendfrischen und durch den Drang der Umstände auf die Spitze
getriebenen Enthusiasmus" 38) besondere Aufmerksamkeit gewidmet.
Er wies damit zum ersten Mal auf die emotionale Seite in der Ver-
bindung zwischen Hegemonie und Triebkräften hin. Damit ist ein
wesentlicher Aspekt der Annahme der" Akzeptanz" der Hegemonie er-
faßt: Das Verhältnis der Führungskräfte zum Volk war wesentlich
rational, das der Volkskräfte zum Hegemon wesentlich emotional.
Enthusiasmus war ein Schlüsselbegriff der literarisch-philosophi-
schen Debatte jener Zeit und bezeichnete geschichtliche Leiden-
schaft, die sich über private Interessen erhebt und auf die
selbstlose Verwirklichung von Ideen gerichtet ist 39). Marx hat
den Begriff "Enthusiasmus" als Element der "heroischen Illusion"
immer benutzt. Bei Dezamy hatte Marx aber dessen Sentenz: "...
selbstlose Hingabe ist zweifellos schön, aber sie ist unserer Na-
tur wenig gemäß; sie ist ein fiebriger, gewaltsamer und künstli-
cher Zustand, der solange anhält wie die Krise" 40), wiederholt
unterstrichen. In der "Einleitung" baute er diesen Gedanken zur
These von der materiellen Verankerung der Ideen und des Enthusi-
asmus sowie der Revolution selbst aus. "Die Revolutionen bedürfen
nämlich eines passiven Elements, einer materiellen Grundlage. Die
Theorie wird im Volk immer nur soweit verwirklicht, als sie die
Verwirklichung seiner Bedürfnisse ist" 41). Wenn hier auch noch
nicht von ökonomischen Interessen die Rede ist, so umreißt doch
Marx eine Erkenntnis, die von den Führungskräften bürgerlicher
Revolutionen bei Strafe ihres Unterganges erst in der Praxis er-
worben wird. Die Freiheit der Rede, neue Rechte oder Institutio-
nen machten noch keinen Menschen satt. Eine Revolution, sollte
sie politisch radikal sein, mußte stets auch eine "Revolution ra-
dikaler Bedürfnisse" 42) sein. Andererseits hatte Marx auch er-
kannt, daß im Prozeß der bürgerlichen Revolution die Bourgeoisie
nicht nur mit nationalen Parolen im Interesse des Volkes auftrat,
sondern mit den eigenen antifeudalen Interessen bedingt auch die
Interessen von Teilen der Bevölkerung (Bauern) gegen den Adel
durchsetzte, bzw. daß die jakobinischen Führungskräfte oftmals im
Interesse der Sansculotten Maßnahmen gegen die Bourgeoisie er-
greifen mußten. Die Grenze bürgerlichen Interesses mußte oftmals
überschritten werden, wurde aber nicht beseitigt.
Jugendfrisch war der Enthusiasmus der französischen Bourgeoisie
1789, weil sie das Ausmaß der kommenden Kämpfe kaum ahnen konnte
und weil sie ihr Klasseninteresse und das Interesse aller Nicht-
privilegierten 1789 an die Spitze der Bewegung brachte. "Nation"
gegen Ancien Regime. Die Bourgeoisie als Korrelat des gesell-
schaftlichen Fortschritts konnte so über Ideologen und politische
Vertreter als Hegemon der revolutionären Bewegung auftreten,
wurde als solcher anerkannt und band die Interessen aller anderen
Klassen und Schichten an das antifeudale Grundinteresse. Der
Grundwiderspruch und die Frage Revolution und Konterrevolution
verdeckten als Antiaristokratismus, Republikanismus oder Einheit
der "Nation", d.h. als ein Grundkonsens bis 1794 die Widersprüche
im III. Stand, bzw. der Grundkonsens wurde durch die Radikalisie-
rung der Hegemonie immer wieder hergestellt. Damit erst erwies
sich die Wirklichkeit des Hegemonieanspruches und die Bündnisbe-
reitschaft der Bourgeoisie, damit erst konnte die "Nation" von
den Advokaten, Journalisten und Politikern wirklich vertreten und
geführt werden. Allerdings bestand der "Enthusiasmus" der Bour-
geoisie - immer in der Verallgemeinerung als Gesamtklasse - wohl
mehr darin, die Verhältnisse in ihrem Interesse "vernünftig"
(worunter einzelne Fraktionen durchaus Unterschiedliches verstan-
den) zu gestalten. Der "Enthusiasmus" der fortgeschrittenen Teile
der Volksmassen ging unter der Führung der Jakobiner dann soweit,
die revolutionären Mittel bis zum Terror und zum revolutionären
Krieg zu treiben. Die einmal begonnene Umwälzung führte bis zu
jenem Punkt, wo die Revolution nicht mehr rückgängig zu machen
war, wo allerdings auch eine Grenze des Enthusiasmus erreicht
war. Unter dem Eindruck der modernen Mentalitätsforschung 43)
müssen aus dem Marxschen Ansatz des "Enthusiasmus" differenzierte
Folgerungen gezogen werden. Faßt man unter diesem Enthusiasmus
auch Interessenbewußtsein (was durchaus manipulierbar ist) und
die Quelle für neue und langwirkende Mentalitäten, Alltagsgefühl
und -bewußtsein der Beteiligten oder ist es nur die emotionale
Seite der Ideologie, die zusammenbricht, wenn die Revolution
beendet ist?
Daß im Laufe der Revolution die Einheit des EU. Standes durch
einzelne Fraktionen der Bourgeoisie zerrissen wurde, lastete Marx
dem "Egoismus" der bürgerlichen Gesellschaft 44), ihrem Wider-
spruch zum "Allgemeininteresse" an. Dieses Allgemeininteresse an
der Revolution wurde für Marx von einer radikalen Führungsgruppe
"politischer Emanzipatoren" 45) vertreten, die mit politischem
Enthusiasmus die Revolution vorantrieben. Damit deutete er die
für die Revolutionsgeschichte wichtige Erkenntnis an, daß die He-
gemonie durch eine Gruppe von Hegemonieexponenten ausgeübt wurde,
deren politische Interessen eine bestimmte Eigenständigkeit ha-
ben, und daß diese Führungspersönlichkeiten der "heroischen Illu-
sion" bis zu einem bestimmten Grade einen persönlichen Stempel
aufdrückten. 46) Bei dem Stand seiner ökonomischen Studien aller-
dings und der Verwendung des Feuerbachschen Menschen-Begriffs 47)
konnte Marx zwar die Widersprüche an der Oberfläche des revolu-
tionären Prozesses, ihre dialektische Verknüpfung markieren, aber
noch nicht die treibenden ökonomischen Kräfte des Enthusiasmus
und die Verknüpfung sozial-ökonomischer und politischer Klassen-
interessen fixieren.
In der "Einleitung" fragte Marx danach, worauf eine "teilweise,
eine politische Revolution" im sozialen Sinne beruhe? Er antwor-
tete: "Darauf, daß ein Teil der bürgerlichen Gesellschaft sich
emanzipiert und zur allgemeinen Herrschaft gelangt, darauf, daß
eine bestimmte Klasse von ihrer besonderen Situation aus die all-
gemeine Emanzipation der Gesellschaft unternimmt" 48). Die Allge-
meinheit des Ausdrucks "besondere Situation" zeigt, wie wenig
dieser hier verwandte Klassenbegriff schon "marxistisch" 49) ist
und daß Marx noch nicht von der Bindung der Entwicklungsstufen
der Gesellschaft an sozialökonomische Grundprozesse ausgeht. Bis
zur "Heiligen Familie" maß Marx der Kategorie "materielle Inter-
essen" keine positive Bedeutung bei 50). Marx unterterstreicht
allerdings klar die Bedeutung der Eroberung der politischen Macht
im Interesse der fortgeschrittensten Klasse der bürgerlichen Ge-
sellschaft. Er schreibt, daß "Revolution eines Volkes und Emanzi-
pation einer besonderen Klasse" 51) zusammenfallen müssen. Damit
zielt er auf die Gesetzmäßigkeit des Vorganges und die Bedeutung
eines Bündnisses zwischen Bourgeoisie und Volksmassen. Bedeutsam
erscheint in diesem Zusammenhang die Bindung des Begriffs
"Revolution" an "Volk" in bezug auf die für die Emanzipation der
Bourgeoisie notwendigen Mittel. Offensichtlich rechnete Marx die
Bourgeoisie nicht zur Kategorie Volk.
Marx nimmt in der "Einleitung" zum ersten Mal Bezug auf das Pro-
blem der vertikalen sozialen Mobilität in der bürgerlichen Revo-
lution: "Diese Klasse befreit die ganze Gesellschaft, aber nur
unter der Voraussetzung, daß die ganze Gesellschaft sich in der
Situation dieser Klasse befindet, also z.B. Geld und Bildung be-
sitzt oder beliebig erwerben kann" 52). Marx meint damit den
"Aufstieg" von Teilen der unteren Volksklassen ("Tüchtige") über
ihre Klassengrenzen hinweg in die neue herrschende Klasse unter
den von der Bourgeoisie diktierten neuen Verhältnissen, Verhal-
tensmustern und Werten. Marx' spätere Hinweise zu diesem Problem
("Deutsche Ideologie" 53)) berechtigen zur These, daß dieses In-
teresse am "Aufstieg" ein starkes Motiv für die Bindung an die
Interessen der Bourgeoisie und eine objektive Basis für die
"heroische Illusion" in den Umbruchzeiten der Revolution war.
Die Hinweise von Marx auf das Klassenbündnis, die revolutionären
Mittel und die soziale "Blutauffrischung" zeigen, daß für ihn die
bürgerliche , politische" Revolution weit mehr als nur die Revo-
lution der Bourgeoisie ist 54).
Als unumgänglich für die Machtübernahme durch den jeweiligen He-
gemon oder "Emanzipator" 55) stellt Marx heraus: "Keine Klasse
der bürgerlichen Gesellschaft kann diese Rolle spielen, ohne ein
Moment des Enthusiasmus in sich und in der Masse hervorzurufen,
ein Moment, worin sie mit der Gesellschaft im allgemeinen frater-
nisiert und zusammenfließt, mit ihr verwechselt und als deren
a l l g e m e i n e r R e p r ä s e n t a n t empfunden und an-
erkannt wird, ein Moment, worin ihre Ansprüche und Rechte in
Wahrheit die Rechte und Ansprüche der Gesellschaft selbst sind,
worin sie wirklich der soziale Kopf und das soziale Herz ist. Nur
im Namen der allgemeinen Rechte der Gesellschaft kann eine beson-
dere Klasse sich die allgemeine Herrschaft vindizieren" 56).
Aber, fährt Marx fort: "Zur politischen Ausbeutung aller Sphären
der Gesellschaft im Interesse der eigenen Sphäre reichen revolu-
tionäre Energie und geistiges Selbstgefühl allein nicht aus" 57).
Der Gegensatz, der Grundwiderspruch, hier noch wesentlich als po-
litischer und sozialer gefaßt, zum französischen Adel war die äu-
ßere Klammer für das Bündnis von Hegemon und Triebkräften. Marx
gibt hier eine Vorform dessen, was er unter heroischer Illusion
versteht. Er bezeichnet sie an dieser Stelle noch undifferenziert
mit "Moment des Enthusiasmus" und beschreibt sie im wesentlichen
mit psychologischen bzw. anthropologischen Termini. In der Erklä-
rung der "Idee" überwiegt für ihn noch die "Leidenschaft".
In Paris studierte Marx die Geschichte der Revolution von 1789
und intensivierte seine ökonomischen Studien (was seinen konzen-
trierten Ausdruck in den Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten
fand). Hatte er in der "Einleitung" Klassen und Revolution noch
wesentlich politisch bestimmt 58), so wird die abstrakte Gegen-
überstellung von politischer und sozialer Revolution auch be-
grifflich mehr und mehr am historischen Material abgebaut. "Jede
Revolution löst die alte Gesellschaft auf; insofern ist sie
s o z i a l. Jede Revolution stürzt die alte Gewalt; insofern
ist sie politisch... Die Revolution überhaupt - der Umsturz der
bestehenden Gewalt und die A u f l ö s u n g der alten Verhält-
nisse - ist ein politischer Akt" 59).
In der "Heiligen Familie" von 1845 setzte sich Marx mit dem eli-
tären Konzept der Gegenüberstellung von "Geist" und "Masse" aus-
einander. Es ist, schreibt Marx, "ferner genau zu unterscheiden,
inwieweit die M a s s e sich für Zwecke 'interessierte' und in-
wieweit sie sich für dieselben 'e n t h u s i a s m i e r t e'.
Die I d e e blamierte sich immer, soweit sie von dem 'I n t e-
r e s s e' unterschieden war. Andererseits ist es leicht zu
begreifen, daß jedes massenhafte, geschichtlich sich durch-
setzende 'I n t e r e s s e', wenn es zuerst die Weltbühne
betritt, in der 'I d e e' oder 'E r s t e l l u n g' weit
über seine wirklichen Schranken hinausgeht und sich mit dem
m e n s c h l i c h e n Interesse schlechthin verwechselt. Diese
I l l u s i o n bildet das, was Fourier den T o n einer jeden
Geschichtsepoche nennt" 60).
Marx verwendete hier das Prinzip des materiellen Interesses, er
stützte sich dabei auf seine Studien zur Französischen Revolution
und verwies direkt auf Fourier, der den "Überbaucharakter ent-
sprechender Illusionen ahnte" 61).
Marx begriff die "Idee" oder die ideologischen Formen bzw. Aus-
drucksformen jetzt als durchaus gesetzmäßiges Korrelat einer be-
stimmten Entwicklungsstufe der Gesellschaft 62), als deren Fah-
nenworte "Freiheit und Gleichheit" das Zentrum in einem ganzen
ideologischen System bildeten. Er hat diesen ideologischen Formen
aber auch als "heroischer Illusion" in der Revolution einen be-
sonderen Stellenwert eingeräumt.
Marx gab in der Analyse der Revolution der Kategorie "Interesse"
eine ökonomische Fundierung, indem er sie mit der materiellen
Existenzweise einer sozialen Klasse 63) - Träger der neuen Ge-
sellschaftsordnung - verband. Er zeigt auch, daß er die
"wirklichen Schranken" weitausgreifender historischer Ideen im
Klasseninteresse sieht. Das heißt aber nicht, daß er in dem
"massenhaften, geschichtlich sich durchsetzenden 'Interesse'",
das in der "'Idee' ... weit über seine wirklichen Schranken hin-
ausgeht und sich mit dem m e n s c h l i c h e n Interesse
schlechthin verwechselt", im speziellen Fall der Französischen
Revolution ausschließlich profanes Klasseninteresse im Sinne des
"ökonomischen Berufs" der Bourgeoisie sah. Der Kern d i e s e s
Interesses i n der Revolution war geprägt vom zeitweiligen
wirklichen Zusammenfall von politischem Klasseninteresse der
Bourgeoisie und Nationalinteresse 64) in der Form einer notwendi-
gen Selbsttäuschung. Größe und Grenzen erwachsen unter diesem Ge-
sichtspunkt dem gleichen Boden. Marx hat diesen Gedanken in der
"Deutschen Ideologie" im Zusammenhang mit dem Klassenbegriff ver-
tieft: "Die revolutionierende Klasse tritt von vornherein, schon
weil sie einer K l a s s e gegenübersteht, nicht als Klasse,
sondern als Vertreterin der ganzen Gesellschaft auf, sie er-
scheint als die ganze Masse der Gesellschaft gegenüber der einzi-
gen herrschenden Klasse" 65). In einer Randbemerkung dazu heißt
es: "Die Allgemeinheit entspricht... der Illusion der gemein-
schaftlichen Interessen [im Anfang diese Illusion wahr]" 66). Die
Bindung des Begriffs "Enthusiasmus" an die Volksbewegung stellt
einen entscheidenden Unterschied zu den Passagen in der
"Einleitung" dar, bildet aber zugleich mit der dort erfolgten
Hervorhebung der Volksrevolution eine Einheit. Nur unter der He-
gemonie der Bourgeoisie (in der progressiven Abfolge ihrer Frak-
tionen) war die Bündelung der Triebkräfte zu einem "antifeudalen
Block" (A. Soboul) solange möglich, bis die Revolution unumkehr-
bar war. Ideologische Grundlagen, Traditionen, Kunstformen, Pro-
paganda, Feierlichkeiten, Orientierungen, Mentalitäten, Einheits-
begriff und Ziel"vorgaben", revolutionäre Energie und Alltagsge-
fühl, in denen sich das "Interesse" der Bourgeoisie und der
"Enthusiasmus" des Volkes konkret und durchaus bewußt gewählt ar-
tikulierten, bildeten ein ganzes ideologisches System um die -
von den verschiedenen Formen der , politischen Aufklärung" 67)
entwickelte und als Wert verbreitete - allgemein-menschliche
"Idee" von Vernunft, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.
Dieses ideologische System ließ die Jakobiner "ihre" Revolution
als einen "totalen" Umbruch erkennen. Im römisch-antik gedachten
Staatswesen überbot sich, nach Marx, die politische Aufklärung
selbst und wurde überschwenglich. 68) Dieser antik geformte mo-
derne Staat über der entspringenden kapitalistischen Basis war
nur temporär, mit Tugend und Terror, aufrechtzuerhalten. Das
Klasseninteresse, verstanden als dürres bürgerliches Durch-
schnittsinteresse, konnte sich erst nach der Jakobinerdiktatur
und der "Erfahrung Volksrevolution" durchsetzen und zeigen. "Die
Bourgeoisie beginnt also ihr Regiment" 69), schreibt Marx. Die
Desillusionierung der Bourgeoisie, nicht nur des Durchschnitts-
bourgeois, sondern auch von Wortführern und Vollblutpolitikern
wie Barere, Brissot oder Danton hatte schon lange vorher einge-
setzt. Der Alltag bestimmte nach der Jakobinerdiktatur das Denken
des Bourgeois, die Idee als nunmehrigen adäquaten Ausdruck ihrer
wirklichen Interessen, es richtete sich nach dem Wirken der , we-
sentlichsten materiellen Interessen, Handel und Industrie" 70).
Neue ideologische Formen entstanden. Und die Blamage der "Idee",
die die Revolution beseelte? Sie hat tragische Züge für die Revo-
lutionäre. Werner Krauss schreibt in einem Utopie-Essay über
Saint-Just, einen der wesentlichen Träger der "heroischen Illu-
sion": "In Saint-Justs nachgelassenen Fragmenten vermischen sich
Gedanken von kühnem politischen Realismus mit solchen, die ganz
und gar ins Utopische zurückfallen..." 71). Utopie ist nicht he-
roische Illusion.
Marx schreibt weiter: "Das I n t e r e s s e der Bourgeoisie in
der Revolution von 1789, weit entfernt 'v e r f e h l t' zu
sein, hat alles 'g e w o n n e n' und hat den 'eingreifendsten'
Erfolg gehabt, so sehr der 'P a t h o s' verraucht und so sehr
die 'e n t h u s i a s t i s c h e n' Blumen, womit dieses In-
teresse seine Wiege bekränzte, verwelkt sind. Dieses I n t e-
r e s s e war so mächtig, daß es die Feder eines Marat, die
Guillotine und das Vollblut der Bourbonen siegreich überwand.
'Verfehlt' ist die Revolution nur für d i e Masse, die in
d e r p o l i t i s c h e n 'Idee' nicht die Idee ihres wirkli-
chen I n t e r e s s e s besaß, deren wahres Lebensprinzip also
mit dem Lebensprinzip der Revolution nicht zusammenfiel, deren
reale Bedingungen der Emanzipation wesentlich verschieden sind
von den Bedingungen, innerhalb deren die Bourgeoisie sich und die
Gesellschaft emanzipieren konnte. Ist also die Revolution, die
alle großen geschichtlichen Aktionen repräsentieren kann, ver-
fehlt, so ist sie verfehlt, weil die Masse, innerhalb deren Le-
bensbedingungen sie wesentlich stehenblieb, eine exklusive, nicht
die Gesamtheit umfassende, eine b e s c h r ä n k t e Masse
war. Nicht weil die Masse sich für die Revolution 'e n t h u-
s i a s m i e r t e' und 'i n t e r e s s i e r t e', sondern
weil der zahlreichste, der von der Bourgeoisie unterschiedne Teil
der Masse in dem Prinzip der Revolution nicht sein w i r k l i-
c h e s Interesse, nicht s e i n eigentümliches revolutionäres
Prinzip, sondern nur eine 'I d e e' also nur einen Gegenstand
des momentanen E n t h u s i a s m u s und einer scheinbaren
Erhebung besaß" 72).
*
Die 1789 erreichte einmalige Konkordanz von allgemeiner "Idee"
und bürgerlichem "Interesse" ist einer der Gründe für die Klassi-
zität u n d damit für die Größe der Französischen Revolution.
Gegenüber der morbiden Welt des Ancien régime ist das von den
"lumières" entwickelte und auch noch verklärte Reich der Vernunft
Sammelpunkt aller objektiv antifeudalen Kräfte und zugleich
Quelle mobilisierender Hoffnungen, Illusionen und (Selbst)-Täu-
schungen über Weg und Ziel der kommenden, vorerst indes besten-
falls erahnten Klassenkämpfe. Nur so aber können als unabdingbare
Voraussetzung für den späteren Erfolg "Revolution eines Volkes
und die Emanzipation einer besonderen Klasse" 73) zusammenfallen.
Hinter dieser prägnanten Kurzfassung der Wirkungsweise der Dia-
lektik von Hegemon und Volksbewegung verbirgt sich gleichwohl ein
ganzes Bündel komplizierter gesellschaftlicher Bedingungen für
dann eintretende Bewegungsabläufe. Die spätere Einschätzung von
Friedrich Engels: "Die Bourgeoisie ist, im besten Falle, eine un-
heroische Klasse. Selbst ihre glänzendsten Errungenschaften, die
englischen des 17. Jahrhunderts und die französischen des 18.
Jahrhunderts, hat nicht sie sich erkämpft, sondern die plebeji-
sche Volksmasse für sie, die Arbeiter und Bauern" 74), würde ohne
simultane Beachtung des Phänomens, daß gerade in der Aufstiegs-
phase dieser Klasse ihre herausragendsten Vertreter noch über
Jahrhunderte aus dem "Durchschnitt" eben ihrer Klasse heraustre-
ten konnten, die Realität einseitig widerspiegeln. Ähnliches gilt
für die Volksmassen, die keineswegs für den Kampf um dieses En-
dergebnis angetreten waren. Es wäre zu simpel, anzunehmen, daß
z.B. das Tugend- und Terrorsystem der Jakobiner und deren intel-
lektueller Selbstbetrug mittels des Rückgriffs auf die römische
Antike in den Massen "außer" der Zustimmung zur konsequenten Be-
strafung der Konterrevolution und der Freude am kurzzeitig ver-
süßten Alltag während der republikanischen Feste andere nennens-
werte revolutionäre Potenzen freigesetzt hätten. Sie hatten viel-
mehr sehr handgreifliche Interessen, und die Revolution dünkte
ihnen das Vehikel, solche Ambitionen durchzusetzen: "Die Revolu-
tion geschah für das Volk, das Glück des Volkes ist ihr Ziel; die
Liebe zum Volk ist der Prüfstein für die revolutionäre Gesin-
nung." 75) Nachgeborene wußten, daß dieser Anspruch illusionär
war. Der Zeitgenosse mußte es anders sehen, und es scheint aus
diesem Grund problematisch und weiterer Überlegungen wert, Theo-
rien oder Ideen als falsch, verdreht oder utopisch zu bezeichnen,
die im g e g e b e n e n Augenblick r i c h t i g e Verhal-
tensweisen und einen engen Verbund der Volksbewegung mit jenen
bürgerlichen Führern bewirkten, von denen sie sich eine Erfüllung
ihrer z.T. utopisch verschlüsselten Sehnsüchte versprachen.
Die von Karl Marx im Frühwerk erkannte Bündelung von bourgeoisem
Klasseninteresse und plebejischer Massenbasis der Revolution ver-
leiht der "heroischen Illusion" die Funktion einer transitori-
schen Größe. Ihr weltgeschichtliches Optimum realisiert sich be-
reits im Jahre II, wo die notwendige Selbsttäuschung der Klassen
und Schichten am ausgeprägtesten ist. Deshalb ist Saint-Justs re-
signierende Bemerkung von der "revolution glacée" nichts anderes
als Ausdruck der Tatsache, daß "heroische Illusion" und Enthusi-
asmus der Volksmassen ihren Gipfelpunkt überschritten haben und
sich voneinander zu lösen beginnen. Bis dahin aber gelingt es vor
allem den Robespierristen dank dieser "heroischen Illusion", das
bürgerliche Klasseninteresse mit dem Nationalinteresse zum Ge-
samtinteresse der Revolution zu verschmelzen. Dadurch erhält auch
die Einschätzung von Friedrich Engels aus dem Jahre 1895 (!), der
die Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts auch dann als Revo-
lutionen von Minoritäten begriff, wenn die Majorität mittat, 76)
ihren tieferen Sinn.
Spätere Forschungsergebnisse haben diese für die komparative Me-
thode essentielle Aussage weiter erhärtet und die Grundlage für
eine Sicht mitgeschaffen, der Beckmesserei so fremd ist wie unan-
gebrachte Heroisierung. Insofern kann der Vorwurf, die Historiker
der Linken hätten Wachstum und politisches Gewicht des französi-
schen Industrieproletariats immer überhöht dargestellt 77), und
die (ernüchternde?) Feststellung, selbst in der Großen Französi-
schen Revolution habe die Mehrheit des Volkes eher unter bzw. ne-
ben der Revolution, statt "mit ihr" gelebt 78), weiterer Arbeit
nur förderlich sein. Uns scheint, daß in dieser Engelsschen Sen-
tenz und in der heute allseits geteilten Anerkennung des Charak-
ters der 1789 eröffneten Epoche als Epoche des Aufstiegs und des
vollen Sieges der Bourgeoisie 79) ein wichtiger erkenntnistheore-
tischer und noch längst nicht ausgeschriebener Aspekt für ein
noch tieferes Verständnis der Geschichte des 19. Jahrhunderts ge-
geben ist. Denn von dem Historiker verlangt die Verwendung des
Epochebegriffs u.a., zu berücksichtigen, daß der Widerspruch zwi-
schen Kapital und Arbeit folglich in diesem Zeitraum noch nicht
zur Lösung drängte, wie eine partielle Bündnisfähigkeit bürgerli-
cher Klassenkräfte sogar bis über die Grenzscheide "Pariser Com-
mune" ja auch belegt, die politischen und ökonomischen Krisen des
19. Jahrhunderts das kapitalistische System in der Substanz noch
nicht gefährdeten und alle Bestrebungen und Klassenkämpfe der
Zeit daher vielmehr fast zwangsläufig in qualitative Veränderun-
gen zu Gunsten des Kapitalismus einmündeten oder - unter dem
Aspekt der proletarischen Emanzipation - (unverzichtbare) antizi-
patorische Funktion besaßen. Historischer Ort und reale Möglich-
keiten der Erfolgsaussichten einer häufig versuchten" zweiten Re-
volution" und damit der Volksbewegung werden für die Untersuchung
gleichfalls durch den Charakter der Epoche bestimmt, auch dann,
wenn instinktives Weiterdrängen oder programmatische Plattformen
80) schon historisch neue Ufer und bessere Zeiten anvisierten.
Aber es hieße schon aus diesem Grund einer falschen Problemsicht
aufsitzen, würde man deshalb einfach von "Scheitern der Volksbe-
wegung" sprechen. 81) Sie gilt es vielmehr stärker danach zu be-
fragen, wie sie sich organisierte und manifestierte, warum sie
wann was erreichte und worin ihr spezifischer Beitrag zur Beför-
derung des historischen Fortschritts tatsächlich bestand.
Ein solches Herangehen erlaubt auch eine differenziertere Sicht
auf Geschichte und Funktion der französischen Arbeiterbewegung im
19. Jahrhundert. Gewiß waren die Revolutionen des französischen
Revolutionszyklus' eben mehr als nur Revolutionen der Bour-
geoisie: Die Große unter ihnen hatte unter dem großen Mantel der
heroischen Illusion auch die Idee des neuen Weltzustandes hervor-
gebracht, und die nachfolgenden hatten diese Idee in Gestalt des
utopischen Sozialismus und Kommunismus sowie der Klassenschlach-
ten der Zeit um wesentliche Gedanken und Erfahrungen bereichert.
Gleichwohl bleiben wenigstens zwei Marxsche Erkenntnisse für die
Analyse der ganzen Epoche unverändert gültig: sein am Beispiel
der Jakobinerdiktatur herausfiltrierter Hinweis, daß jede gegen
die Bourgeoisie gerichtete Aktion "nur ein Moment im Dienste der
bürgerlichen Revolution" 82) darstellte, solange die materiellen
Bedingungen für die Beseitigung der bürgerlichen Gesellschaft
nicht existierten, und die mit Blick auf den Zustand von Ökonomie
und Bewußtsein 1870 (!) formulierte Feststellung, nach der die
Arbeiterklasse für die proletarische Revolution noch immer nicht
reif sei. 83) Mancher geht heute - gestützt auf breitgefächerte
Quellenbasis - noch ein ganzes Stück weiter mit der These, bis
1914 seien nicht einmal die objektiven Voraussetzungen für die
Herbeiführung einer um die Arbeiterklasse geschälten breiten re-
volutionären Allianz existent gewesen. 84) Deutlich wird an all-
dem neben anderem für das 19. Jahrhundert die Aufgabe, die kom-
plizierten Beziehungen zwischen Hegemon und Triebkräften, zwi-
schen Führung und Masse sowie innere Bewegungsgesetze von gesell-
schaftlichen Abläufen noch weiter zu erhellen, in denen die klas-
sische Funktion des Kleinbürgertums nicht reproduzierbar war und
ihre proletarische Kompensation noch nicht möglich gewesen ist.
In seiner Beschäftigung mit der Geschichte löste sich Marx selbst
1846 von der Ansicht, daß, wieder am deutschen Beispiel, die
"menschliche Emanzipation" sofort möglich sei. 85) Bis dahin aber
ging Marx davon aus, daß d i e bürgerliche Revolution das un-
mittelbare Vorspiel der proletarischen sei. Die Meinung, bei
"reiferen Bedingungen" sei d i e kommunistische Revolution
quasi sofort vollziehbar, teilt er nicht nur mit vielen Zeitge-
nossen, sie erklärt auch die zeitweise "proletarische Verklärung"
der Jakobiner 86). Jakobinerdiktatur und Wohlfahrtsausschuß als
Instrumentarium für die Bewerkstelligung der eigenen (lies: pro-
letarischen) Revolution boten sich damals nachgerade an und be-
stimmten bekanntlich auch noch Diskussionen der Bol'seviki um Le-
nin. Dabei bleibt aber Marx' Erkenntnis bedeutsam, daß sich die
ungeheure innere Dynamik der Revolution von 1789 u.a. aus der Fä-
higkeit der Bourgeoisie erklärt, mittels der Abfolge ihrer ein-
zelnen Fraktionen die Hegemonie zu wahren und mit kleinbürgerli-
cher Hilfe die sozialen Revolutionskomponenten zeitweilig zu bün-
deln.
Im Unterschied zur Großen Revolution trifft die Julirevolution,
ohnehin mitunter als Karikatur zu 1789 begriffen 87), bei Marx
trotz des persönlichen Zugangs auf eine relativ geringere Wert-
schätzung. Dieses scheinbare Musterbeispiel für den Ausgang einer
Revolution, in der die Massen negativ manipuliert worden seien
88), vergleicht er mit 1688 89) - auch manche andere Wertungen
scheinen uns wenig treffend. 90) Für ihn war der Bruch zwischen
postulierter Idee des Hegemons und seines Appells an die
"Unterschichten" einerseits und der brutalen Wirklichkeit bour-
geoiser Klassenherrschaft nach dem Sturz Karls X. andererseits
besonders frappierend, und der Zorn im Tageskampf stehender Revo-
lutionäre bleibt daher hier und anderswo verständlich, wenn auch
nicht geeignet, von den Nachgeborenen als Alibi eigener Thesen
benutzt zu werden. Gleichwohl bleiben wenigstens zwei Erkennt-
nisse zu 1830 von zeitloser Relevanz: Mit der Feststellung, daß
die "Lebensgeschichte der französischen Revolution ..., wo eins
ihrer Momente, nun bereichert mit dem Bewußtsein seiner
s o z i a l e n Bedeutung, den Sieg davontrug, noch nicht been-
digt" 91) sei, ist die wissenschaftliche Theorie des (französi-
schen bürgerlichen) Revolutionszyklus geboren; der Hinweis auf
das "böse Gewissen und die schlechte Absicht der Apologetik", die
seit 1830 an die "Stelle unbefangener wissenschaftlicher
Untersuchung" 92) tritt, kündet vom definitiven Ende einstiger
politischer Jungfräulichkeit der neuen aufstrebenden Bourgeois-
Klasse. Nur ist diese Grenze keine totale im Sinne jeglichen
Verlustes von Bündnisfähigkeit nach links. Industriebourgeois
zögerten nicht, 1848 erneut proletarischen Beistand zu erbitten,
und Teile der republikanischen Bourgeoisie sollten Gleiches bis
in die Jahre der Dritten Republik auf nämliche Weise in Szene
setzen. Eindeutig wird hier die Kategorie "Illusion" durch solche
wie "Selbstbewußtsein" und "Pragmatismus" ersetzt.
Das revolutionstheoretische Grundproblem der "heroischen" Illu-
sion besteht darin, daß ohne ihre Berücksichtigung viele Ausfüh-
rungen über Notwendigkeit, Verlauf und Ergebnis nicht in der not-
wendigen Einheit von Objektivem und Subjektivem gesehen werden.
Um die Totalität einer Revolution unter Einschluß der Ideologie
zu erklären, muß von deren e i g e n e n Maßstäben und Denkwei-
sen a u s g e g a n g e n werden. Erst die Beurteilung ex post
vermag genau zwischen Illusion und profaner Täuschung zu unter-
scheiden. Für den Revolutionshistoriker ist die Kategorie
"heroische Illusion" mitnichten ein Generalschlüssel, aber in
Verbindung mit den objektiven Prozessen die zentrale Frage, die
ihm sowohl die Ideologie, das unterschiedliche Revolutionsverhal-
ten als auch die Einheit im Widerspruch aller zeitweilig im revo-
lutionären Block vereinten Kräfte zu erklären vermag. So stellt
die Einsicht von Vertretern des Hegemons, daß die gemäßigten Pro-
gramme (der Aufklärung) nicht mehr ausreichen, gewiß einen unge-
heuren (durch die "Umstände" allerdings erzwungenen) Erkenntnis-
sprung dar. Aber ohne die subjektive Fähigkeit und Bereitschaft
bürgerlicher Revolutionäre, adäquat dieser Erkenntnisse und
Drücke auch zu handeln, wäre die Erkenntnis selbst wenig wert und
bestenfalls ein unverbindliches Lippenbekenntnis geblieben.
Strukturanalysen, empirische Forschungen zur politischen, ökono-
mischen und sozialen Geographie (jeder Revolution) gewinnen daher
durch die Berücksichtigung des subjektiven Faktors an Aussage-
kraft. In diesem Sinne ist das Problem der "heroischen Illusion"
ein wichtiges Forschungsdesiderat vor allem der v e r g l e i-
c h e n d e n Revolutionsforschung, der es um eine weitere Er-
hellung der Subjekt-Objekt-Relationen in einer gegebenen gesell-
schaftlichen Totalität geht.
Hierbei verdient die Rolle des subjektiven Faktors eine erste An-
merkung, zumal sie uns generell in den Analysen zur Geschichte
des 19. Jahrhunderts unterbelichtet scheint. Daß nicht die Ökono-
mie allein das Handeln der Menschen bestimmt, gehört übrigens von
altersher zu den Grundelementen der klassischen Interpretation
der Französischen Revolution. 93) Stand ab 1827 der Terminus
"arbeitende Klasse" für "gefährliche Klasse" 94), so ist für die
Forschung mit der bloßen Übernahme dieser Metapher noch gar
nichts gewonnen. Sie birgt vielmehr in sich die Gefahr unzulässi-
ger Vereinfachung, sobald man darauf verzichtet, Wesen und Er-
scheinung für die "Betroffenen", wie für jene, von denen eine
solche "Bedrohung" ausging, säuberlich und sehr differenziert
auszuloten. Eine Reihe von Einzelfragen kann hier weiterhelfen.
Die wichtigste von ihnen scheint uns die nach der ideologiebil-
denden Funktion von politisch-sozialer und industrieller Revolu-
tion zu sein, beides aufgefaßt als d i e Schlüsselereignisse
der Geschichte des 19. Jahrhunderts. So besaß die Große Französi-
sche Revolution für den Prozeß der Klassenkonstituierung des Pro-
letariats politisch, ökonomisch und sozial herausragende Bedeu-
tung. Gleichwohl verlief die proletarische Rezeption dieser Revo-
lution und der auf sie folgenden widersprüchlich und war - auf
lange Sicht - nicht immer Quelle ausschließlich positiver Umset-
zung im Sinn sowohl der Attraktivität der Anwendung revolutio-
närer Mittel und Methoden für die Lösung gesellschaftlicher Kon-
flikte als auch des Erfassens der Dialektik von bürgerlicher Re-
volution und proletarischer Emanzipation. Mit dem Entstehen des
wissenschaftlichen Kommunismus war fürderhin diese Frage theore-
tisch eindeutig geklärt, aber es brauchte Jahrzehnte, diese Er-
kenntnis in der Arbeiterbewegung Frankreichs heimisch zu machen.
Pillot blieb bei seiner Auffassung bereits aus dem Jahre 1840,
die bürgerliche Revolution als notwendige Zwischenetappe auf dem
Weg der Befreiung des Proletariats zu begreifen 95), lange al-
lein. Derlei Erscheinungen wirkten nicht kurzzeitig. Ihre lang-
fristigen Folgen für das subjektive Selbstverständnis werktätiger
Massen erlauben nicht, das Problem lediglich zu registrieren und
es dann als Nebenerscheinung abzutun.
Für den Problemkreis "industrielle Revolution" gilt es, bekannte
Haupttendenzen näher nach ihren langfristigen Konsequenzen zu be-
fragen. So ist mit der unverändert existierenden zerstreuten Ma-
nufaktur, die großer Investitionen nicht bedurfte, für Frankreich
der Fortbestand des so zählebigen, widerstandsfähigen und typi-
schen Handelskapitalismus besonders signifikant. Er stellte die
Trennlinie zwischen Kleinbürgertum und Proletariat extrem ver-
schwommen dar und machte u.a. die französische Textilindustrie
bei Verzicht auf nennenswerte Mechanisierung und Modernisierung
zeitweilig zur größten in Europa. 96) In der Tat lag in
Frankreich der Konzentrationsprozeß von Kapital und Produktion
bedeutend unter dem Niveau vergleichbarer Entwicklungen in Eng-
land, den Vereinigten Staaten und Deutschland. 97) Dieser Sach-
verhalt erklärt zum einen die Unterschiede in den Wegen der bür-
gerlichen Umgestaltung im 19. Jahrhundert 98) und die Spezifika
der französischen Arbeiterbewegung zum anderen. Unter dem Einfluß
der um 1830 verstärkt einsetzenden industriellen Revolution setz-
ten selbst in den proletarischen Quartiers der großen Städte
vielfältige soziale (und in Perspektive: politische) Differenzie-
rungsprozesse mit dem Ergebnis ein, daß proletarische Mentalität
trotz gleichen sozialen Umfelds alles andere denn als eine uni-
forme Größe erscheint. 99) Die hieraus ableitbaren, aber erst
allmählich wirkenden und damit "begreifbaren" ideologischen und
politischen Folgerungen für proletarisches Bewußtsein und politi-
sche Aktion sind heute trotz immenser Einzelstudien in ihrer Kom-
plexität eher erahnt und heuristisch vorbelastet als schon empi-
risch umfassend abgesichert. Die Aufarbeitung des subjektiven
Selbstverständnisses der Massen, über das bisher schon aufgrund
wenig überlieferter Quellen kaum etwas bekannt ist, muß aber füg-
lich davon ausgehen, daß in Frankreich die Hauptaufgaben der in-
dustriellen Revolution - die Bildung moderner Fabriken und die
Herausbildung eines Stammes qualifizierter (Industrie-)Arbeiter -
sehr zögerlich in Angriff genommen wurden und der "geborene Pro-
letarier" im Unterschied zum "künstlich gezeugten Proletarier"
100) relativ spät die Arena des modernen Klassenkampfes betrat.
Das verwandelt die denkbare Prämisse, der Lohnarbeiter (der mo-
dernen Großproduktion) sei besonders kampfbereit, schlicht in
eine Legende. Die ungleichmäßige Entwicklung des französischen
Kapitalismus nach Qualität, Tempo und Region verschärfte noch zu-
sätzlich seit längerem bestehende Unterschiede in der sozialen
Lage, dem Können, dem Lohn und den Lebenshaltungskosten mit dem
Ergebnis einer unterschiedlichen proletarischen Revolutionsbe-
reitschaft, der Regionalisierung der frühproletarischen und pro-
letarischen Bewegung und ihrem Unvermögen zu gemeinsamer Aktion.
Neuere Studien belegen denn auch, daß die Massen in den Revolu-
tionen des 18. und 19. Jahrhunderts eher durch soziale Zwänge und
durch den Kampf um die Republik bewegt waren denn durch spezi-
fisch "eigene" Interessen 101), und noch am Ausgang der Epoche
scheint das Bild der Klasse der Zukunft geprägt durch einen hohen
Organisationsgrad, allerdings auf der Basis ihrer fast grenzenlo-
sen nationalen und lokalen Zersplitterung. 102)
Aus der - grob skizzierten - Dialektik von materieller Basis und
subjektiver Reflexion ergibt sich eine Reihe fruchtbarer For-
schungsdesiderata. Es scheint sinnvoll, bei künftigen Analysen
der französischen Klassenkämpfe im 19. Jahrhundert hinsichtlich
der partizipierenden "Unterschichten" säuberlich zwischen ihrer
s o z i a l e n S t r u k t u r (Volks- oder Arbeiterbewegung)
und der konkreten Z i e l s t e l l u n g (antibourgeois im
Sinn des Kampfes um demokratischen Freiraum / antikapitalistisch
im Sinne der Überwindung dieser Gesellschaftsordnung) zu unter-
scheiden. Marxens Hinweis, die Theorie werde "im Volke immer nur
soweit verwirklicht, als sie die Verwirklichung seiner Bedürf-
nisse ist" 103), gestattet andererseits, den wirklichen Einfluß
der Vorhut(en) auf die Massen, den Zeitgenossen und Nachgeborene
in beiden Richtungen zu häufig mit Wunschdenken zu erfassen su-
chen, präziser zu ermitteln. Uns scheint bemerkenswert, daß die
proletarische Avantgarde sich zunächst nicht in der (industriell)
höher entwickelten Region artikulierte, sondern dort, wo sie an
revolutionäre Traditionen anknüpfen konnte (Paris) oder wo die
industrielle Revolution neue soziale Veränderungen einleitete
oder vorankündigte (Lyon, Paris). Schließlich interessiert die
Frage, wer wann warum das Vertrauen der Massen besaß: Der hervor-
ragende Kommunist Blanqui, der neben unmenschlichem Terror sei-
tens der herrschenden Klasse auch die Bitternis persönlicher Nie-
derlagen erfuhr, oder jene, die meinten, man müsse nicht den Men-
schen (: dem System, die Vf.), sondern den "idées decevantes"
104) einen unversöhnlichen Kampfansagen? Bei alledem darf endlich
nicht übersehen werden, daß sich die Ideologie der Massen letzt-
lich nur aus ihrer Sozialgeschichte heraus erklärt. Naturgemäß
aber bleibt diese Sozialgeschichte, besonders die der Arbeiter-
klasse, immer ein Segment der Sozialgeschichte der Ganzheit der
bürgerlichen Gesellschaft, allerdings meist ohne eigene Quellen-
basis.
*
Über die (heroische) Illusion der "Emanzipatoren" hat Walter Mar-
kov geforscht 105) - manches bleibt auch heute noch für die For-
schung eine offene Frage. 106) In den Jakobinern des Jahres II,
auf deren Politik der Druck der Konterrevolution wie die Sehn-
süchte und Forderungen der Massen einen hervorragenden Einfluß
ausübten, stellt sich ein kleinbürgerlich-demokratisches Füh-
rungspotential dar, das über längere Zeit den bürgerlichen Hege-
mon und die Volksbewegung vereint 107), womit der Sieg über das
Ancien régime endgültig und mit maximalen Ergebnissen sicherge-
stellt wird. Die Jakobinerdiktatur verdankt ihre Entstehung
w i e ihre Daseinsberechtigung a u s s c h l i e ß l i c h den
gegebenen Umständen der Zeit, was ihre Vertreter nicht einmal ah-
nen, und der subjektiven Fähigkeit der Jakobiner, auf der Höhe
dieser Zeit zu stehen. 108) In diesem Sinn kann man an Jakobiner
u n d Sansculotten den Begriff der Elite binden, der bislang zu
Unrecht monopolisiert wird für Adel, Klerus und herausragende
Einzelvertreter des Bürgertums. 109) Unter diesem Aspekt sind die
Jakobiner selbst die konsequentesten Träger der "heroischen Illu-
sion". Das beginnt u.a. mit Robespierres Annahme, die zu große
Diskrepanz zwischen Armut und Reichtum stehe der Errichtung der
"reinen Demokratie" im Wege, und setzt sich fort vor allem in der
Sozialpolitik des Jahres II, die letztlich niemanden zufrieden-
stellen wird. Mit der eben nur für kurze Zeit möglichen revolu-
tionärdemokratischen Diktatur und dem aufrichtigen Versuch, die
ideale Gemeinschaft aller citoyens zu schaffen, setzten die Jako-
biner unbeschadet ihrer subjektiven Wünsche und Vorstellungen
nichts anderes als die von ihrem feudalen Ballast nun ledige
reale bürgerliche Gesellschaft frei. Als grundlegende Erkenntnis
fixiert Marx, daß für den Ausgleich der Widersprüche während der
politischen Emanzipation die Diktatur einer zur "totalen" Revolu-
tion entschlossenen Führungsgruppe notwendig ist. Das robespier-
ristische Idealbild des citoyen steht so für die heroische
Selbsttäuschung der Akteure von 1793/94 - eine Selbsttäuschung,
die Fleurus und den 9. Thermidor zu Zwillingsbrüdern hat.
"Bürgerliche Begrenztheit der Jakobiner" heißt daher nicht beck-
messerische Kritik, sondern meint, daß sie , "unvermeidlich nur
über eine Teilperspektive, nicht über eine Fehlperspektive verfü-
gen konnten." 110) Natürlich ist nicht alles in der Politik des
Jahres II dieser "heroischen Illusion" geschuldet - es würde aber
im Rahmen dieses Beitrages zu weit führen, die absolut notwendige
Unterscheidung zwischen ihr und der Kategorie "politischer Prag-
matismus" auszuformulieren. Immerhin: Spätestens in den Wochen
unmittelbar nach dem Sturz der Gironde machten gerade die Führer
der Bergpartei die Erfahrung, daß ihr von der Aufklärung über-
nommener Glaube an die Allmacht der Tugend und an das Gute, das
letztlich im Menschen immer obsiege, den Gegebenheiten nicht mehr
standhielt. Ihre hernach eingeleitete Politik auf dem Gebiet der
Landesverteidigung, der Wirtschaft und des Kampfes gegen die in-
nere Konterrevolution war, wiewohl unter dem Druck von unten und
durch die allgemeine Lage erzwungen und daher mitnichten das Er-
gebnis vorgedachter Dogmen, Realpolitik im besten Wortsinn. Sie
selbst schufen damit neue Theorien und Beispiele verwirklichter
Staatsmacht, die indes im 19. Jahrhundert bei Übertragung auf
völlig veränderte gesellschaftliche Prämissen selbst wieder illu-
sionäre Züge annehmen mußten.
Die Frage nach dem Ende der "heroischen Illusion" ist weniger
simpel, als man - vor allem mit Blick auf damit verbundenen Kon-
sequenzen - meinen möchte. Wir gehen von folgender, heute von der
marxistisch-leninistischen Historiographie allseits geteilter
Überlegung aus: Fraktionen der Bourgeoisie suchen die Revolution
immer dann zu "beenden", wenn ein ihrem partiellen Durchschnitt-
sinteresse adäquates Herrschafts- oder Machtsystem erreicht
s c h e i n t: Feuillants und Girondisten eint quasi das Bestre-
ben, das Volk aus der Revolution zu entlassen und die politische
Macht an geeignete Personen zu delegieren bzw. selbst wahrzuneh-
men. Der unlösbare Widerspruch mit tragischen Konsequenzen für
Vertreter des Hegemons besteht darin, daß die Revolution trotz
(und wegen) der subjektiven Selbsteinschätzung an der
"angenommenen" Stelle eben noch längst nicht wirklich gesiegt
hat. Der selbstbewußte Klassenegoismus der Bourgeoisie war erst
ab erfolgreichem Ausgang der Revolution auch wirklich "gerecht-
fertigt". Die Revolution von 1789/95 gleicht in dieser Hinsicht
einem Nadelöhr, durch das die Bourgeoisie als Gesamtklasse
nolens/volens hindurch muß. Auffallend ist indes, daß sie diese
Passage zunehmend widerwillig und am Ende mehrheitlich nur noch
feindselig zu ertragen gewillt ist. Im Verlauf der Revolution und
durch ihre bisherigen Teilergebnisse ändert sich naturgemäß die
Dialektik zwischen Erkenntnis der wirklichen Klasseninteressen
und Illusion, vornehmlich auf Seiten der bourgeoisen Elemente.
Die Girondisten nach dem 2. Juni 1793 sind alles andere denn
Opfer einer "heroischen Illusion": Dir Untergang ist das logische
Resultat eines zum falschen Zeitpunkt sich äußernden Realismus,
dessen Sonderinteresse mit dem allgemeinen Interesse der
Revolution notwendig (noch) kollidiert. Ähnliches wiederholt sich
mit Danton, und die "Täuschung der Terroristen" 111) endet mit
dem 9. Thermidor in der persönlichen Tragik der wirklichen Jako-
biner. Daher begrenzen wir das Wirkungsfeld der "heroischen Illu-
sion" auf die eigentliche Revolution (im engeren Sinn 112), wobei
schon innerhalb dieser selbst der Prozeß des Verlustes der
"heroischen Illusion" einsetzt (Sieyes) und schließlich auch
durch die b e w u ß t e Selbsttäuschung ("Fest des Höchsten We-
sens") überlagert wird. In ihrer klassischen Erscheinung ist das
Ende der "heroischen Illusion" folglich unter Einschluß der Er-
fahrungen des Jahres U mit dem Ende der aufsteigenden Phase der
Großen Französischen Revolution selbst identisch. Daraus "eine
Kluft zwischen der Bilanz der Revolution und den Absichten der
Revolutionäre" 113) zu entdecken, ist lediglich Methode revisio-
nistischer Geschichtsschreibung, historischen Ort, internationale
Ausstrahlung der Revolution und die von ihr bewirkte Zäsur "1789"
aus der Geschichte herauszureden. 114) Keiner verhehlte damals
(wie heute) den offenkundigen Widerspruch zwischen dem erklärten
Wollen des gebildeten Bürgertums vor der Revolution und den
d a n n erreichten tatsächlichen Ergebnissen. Gleichwohl sollte
man aber Historizität, Realität und Folgerungen dieser Revolution
nicht miteinander verwechseln.
Für die Volksmassen und ihre Sprecher ist ähnliches feststellbar.
Wenn Jacques Roux bei Gelegenheit des Prozesses gegen Ludwig XVI.
meint, es kommt darauf an, "eine Herrschaft von Menschen über
Menschen ein für allemal auszurotten" 115), dann kann diese spe-
zifische Art der Revolution nicht besser formuliert werden. Aber
es vergeht kein halbes Jahr, und aus der Illusion wird eine Vi-
sion, die in die Zukunft schon einer anderen Gesellschaftsforma-
tion weist, auch wenn sie dem (verkannten bürgerlichen) Augen-
blick antwortet: "Die Freiheit ist ein leerer Wahn, solange eine
Menschenklasse die andere ungestraft aushungern kann. Die Gleich-
heit ist ein leerer Wahn, solange der Reiche mit dem Monopol das
Recht über Leben und Tod seiner Mitmenschen ausübt. Die Republik
ist ein leerer Wahn, solange die Konterrevolution Tag für Tag am
Werk ist ..." 116). Spätestens von da an ist für den, der lesen
kann, der profunde Unterschied zwischen vorweggenommener proleta-
rischer und bürgerlicher Gleichheit kein Geheimnis mehr. Aber es
ist diese Illusion, mit partiell realistischen Zügen, die die
Volksbewegung befähigt, die Revolutionsführer vor allem im Be-
reich der sozialen Gleichheit beim Wort zu nehmen und, indem sie
letztlich (noch) Unmögliches anstrebt, die Revolution über den
Durchschnitt ihrer bürgerlichen Ziele weit hinaustreibt, um auf
diese Weise den essentiellen Beitrag für die Sicherung des
(gerade) Möglichen zu leisten. Vor analogen Problemen stand
zunächst auch die vormarxsche Arbeiterbewegung in den ersten
Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Wir wissen heute, daß hier die
jakobinische Tradition und Rezeption breiter angelegt war und
länger wirkte, als gemeinhin angenommen wurde 117); auch, daß
seit der Julirevolution von 1830 der danach einsetzende Prozeß
der Verschmelzung von kleinbürgerlicher Demokratie und elemen-
tarer Arbeiterbewegung von herausragender Bedeutung für beider
Verständnis von der Dialektik zwischen politischem Kampf und
sozialer Sehnsucht gewesen ist. Gleichwohl bleiben Fragen offen.
Die Forderung von Karl Marx, die "soziale Revolution des 19.
Jahrhunderts [könne] ihre Poesie nicht aus der Vergangenheit
schöpfen, sondern nur aus der Zukunft" 118), blieb offensichtlich
weit über das Ereignis hinaus gültig, aus dem sie abgeleitet
worden war. Die Tatsache, daß die spätere Überwindung des
kleinbürgerlichen Sozialismus in Theorie (wissenschaftlicher
Kommunismus) und Praxis (Juni 1848) nicht mit dem Verlust seiner
Anziehungskraft identisch war, wirft auf die bittere Sentenz
Blanquis aus dem Jahre 1832, das Volk sei damals falschen Führern
gefolgt, neues Licht. Aktuell bleibt unter diesem Aspekt die
Frage, wie lange das Proletariat mit welchen Konsequenzen später
ebenfalls solchen "falschen", weil "klassenfremden Führern" im
Sinn der historischen Mission der Arbeiterklasse vertraute. Denn
viele Dokumente der Zeit und nachfolgende Verallgemeinerungen
erlauben - als Arbeitsthese -, das Grundanliegen der Vorhut als
antikapitalistisch bei Differenzierung der in Anwendung zu
bringenden Mittel und Methoden, das der Massen aber als
antibourgeois bei hoher Kampfbereitschaft im Sinne der
Durchsetzung des "reformerischen Weges" für die soziale
Emanzipation aufzufassen. Wenig wissen wir auch darüber, was im
Bewußtsein der Zeitgenossen, die Arbeiter eingeschlossen, solche
Standardtermini wie "rote Republik" oder "soziale Republik"
tatsächlich meinten: War es schon jene, die am Ausgang der
Julimonarchie eine allgemeine (offizielle) Kommunistenfurcht
auslöste oder noch die Republik des Jahres II, die es lediglich
vor bourgeoisem Mißbrauch zuverlässig abzuschotten galt?
*
Was die gegenwärtigen Auseinandersetzungen um die bürgerliche Re-
volution und um die Wege des Übergangs vom Feudalismus zum Kapi-
talismus angeht, so scheint eine Marx-Sentenz aus dem Jahre 1847
von zeitloser Relevanz, in der er jene Zeitgenossen kritisierte,
die den "entwicklungslosen Zustand der Idylle" den "geräusch-
vollen Umwälzungsepochen, d.h. der geschichtlichen Verderbnis"
entgegenstellen. 119) Diskussionen über Mittel und Methoden
zielten und zielen gerade bei so brisanten Debatten über Größe
und Grenzen gesellschaftlichen Aufbruchs - so oder so - immer auf
Inhalt und Gesetzmäßigkeit des Ereignisses. Angesichts der
Existenz eines (inneren, zumeist aber äußeren) gemeinsamen
Feindes wird unter bestimmten Voraussetzungen die Illusion zur
Illusion, die Täuschung selbst zur Täuschung: Die temporäre Ein-
heit zur Begegnung drohender Gefahren ist selbst zwischen sozial
extrem divergierenden Kräften oftmals möglich gewesen.
_____
1) Kossok, Manfred, Realität und Utopie des Jakobinismus. Zur
"heroischen Illusion" in der bürgerlichen Revolution, in: Zeit-
schrift für Geschichtswissenschaft (ZfG), 34. Jg, 1986, H. 5, S.
415 ff; Holzapfel, Kurt u. Zeuske, Michael, L'"illusion héroï-
que", Karl Marx et les révolutions de 1789 et 1830, in: La Pen-
sée, Nr. 249, Jan.-Febr. 1986, S. 18 ff.
2) Siehe die Berichte in: Cahiers d'histoire de l'institut de re-
cherches marxistes, Nr. 21 (1985), S. 37; Middell, Matthias, Die
Französische Revolution und der bürgerliche Revolutionszyklus,
in: ZfG, 34. Jg, Berlin 1986, H. 12, S. 1104 f.
3) Vgl. Holzapfel, Kurt, Zum Problem des Scheiterns der Französi-
schen Revolution, in: 1789 und der Revolutionszyklus des 19.
Jahrhunderts - Dem Wirken Walter Markovs gewidmet. Sitzungsbe-
richte der Akad. d. Wiss. d. DDR, 3 G, Berlin 1986, S. 105 ff.
4) Kossok, Realität und Utopie, S. 418 f.
5) Lapin, Nikolai, Der junge Marx, Berlin/DDR 1974.
6) Jaeck, Hans-Peter, Die französische bürgerliche Revolution im
Frühwerk von Karl Marx, Berlin/DDR 1979.
7) In der Zeit von Mitte März 1843 bis Ende August 1844 "... war
der Übergang auf materialistische Positionen endgültig vollzogen,
und es begann der Prozeß der Ausarbeitung des wissenschaftlichen
Kommunismus" (MEGA , Abteilung I, Band 2, S. 11).
8) Hegel hatte die materiellen Lebensverhältnisse nach dem Vor-
gang der Engländer (Ferguson, A. Smith) in ihrer Gesamtheit unter
dem Begriff "bürgerliche Gesellschaft" zusammengefaßt. Marx über-
nahm 1843 diesen Begriff und unterschied zwischen der alten
(Antike, Feudalität) und der modernen bürgerlichen Gesellschaft
(vgl. ebenda, S. 12f).
9) Zur Bedeutung, Entwicklung und den Quellen des Begriffs
"Ideologie" bei Marx siehe: Sandkühler, Hans Jörg, Kritik und po-
sitive Wissenschaft, in: Karl Marx. Kritik und positive Wissen-
schaft (Studien zur Wissenschaftsgeschichte des Sozialismus, Band
6), hrsg. von Hahn, Manfred/Sandkühler, Köln 1986, S. 24 ff.
10) Marx, Karl, Kritische Randglossen zu dem Artikel "Der König
von Preussen und die Sozialreform. Von einem Preussen", in: MEW,
Bd. 1, S. 392 ff.
11) Karl Marx, Zur Judenfrage, in: Ebenda, S. 357 (Herbst 1843).
12) Karl Marx/Friedrich Engels, Die Heilige Familie, in: Ebenda,
Bd. 2, S. 129 (Herbst 1844).
13) Marx, Kritik des Hegelschen Staatsrechts, in: Ebenda, Bd. 1,
S. 260 (Sommer 1843); siehe auch: Schmidt, Walter, 1789 und 1848
im historischen Revolutionsvergleich bei Marx und Engels in der
Zeit des Vormärz, in: 1789 und der Revolutionszyklus des 19.
Jahrhunderts. Dem Wirken Walter Markovs gewidmet, Sitzungsbe-
richte der Akademie der Wissenschaften der DDR, 3 G 1985, Ber-
lin/DDR 1986, S. 115 ff.
14) Jaeck, Hans-Peter, Einleitung.
15) Kossok, Manfred, Vergleichende Geschichte der neuzeitlichen
Revolutionen, in: Sitzungsberichte der Akademie der Wissenschaf-
ten der DDR, 2 G 1981, Berlin/DDR 1981, S. 12.
16) Sandkühler, Kritik, S. 28.
17) MEW, Bd. 21, S. 272 und Bd. 31, S. 290.
18) Jaeck, S. 68.
19) Finger, Otto, Philosophie der Revolution, Berlin/DDR 1975, S.
21.
20) Marx, Zur Judenfrage ... in: MEW, Bd. 1, S. 357 ff.
21) Wie das Vorangehende, ebenda, S. 367.
22) Ebenda.
23) Jaeck, S. 62.
24) Siehe: Kienner, Hermann, Marxismus und Menschenrechte, Ber-
lin/DDR 1982.
25) Zu den vieldiskutierten Problemen dieser Zeit, ob die Jako-
binerdiktatur der Beginn oder die Vorstufe einer sozialen Bewe-
gung im Interesse des Proletariats gewesen sei, wie Engels noch
1845 annahm, vgl. Engels, Das Fest der Nationen in London, in:
MEW, Bd. 2, S. 612f.
26) Marx, Zur Judenfrage, in: MEW, Bd. l, S. 364.
27) Ebenda, S. 356.
28) Ebenda, S. 357.
29) Ebenda.
30) Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einlei-
tung, in: Ebenda, S. 381 (Ende 1843/Anfang 1844).
31) Jaeck, S. 68.
32) Markov, Walter, Die Brücke der Aufklärung, in: Weltgeschichte
im Revolutionsquadrat, hrsg. von Kossok, Manfred, Berlin/DDR
1979, S. 71.
33) Marx, Zur Judenfrage, in: MEW, Bd. 1, S. 357.
34) Jaeck, S. 68 f.
35) Finger, Philosophie, S. 32.
36) Höppner, Joachim, Einleitung zu: Deutsch-Französische Jahrbü-
cher, hrsg. von Ruge, Arnold und Marx, Leipzig 1973, S. 47.
37) MEGA ², Bd. 1/2, S. 31 f.
38) Marx, Zur Judenfrage, in: MEW, Bd. 1, S. 367.
39) Jaeck, S. 62.
40) Dézamy, Theodore, Code de la Communauté, Paris 1842, S. 28,
zit. in: Jaeck, S. 62.
41) MEGA , Bd. 1/2, S. 178.
42) Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie ... in:
MEW, Bd. 1, S. 387.
43) Vovelle, Michel, La mentalite revolutionnaire, Paris 1985.
44) Marx, Zur Judenfrage, in: MEW, Bd. 1, S. 366.
45) Ebenda.
46) Massin, Jean, Robespierre, Berlin 1976, S. 385.
47) Marx/Engels, Die Deutsche Ideologie, in: MEW, Bd. 3, S. 217
f.
48) Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie ... in:
Ebenda, Bd. 1, S. 388.
49) Jaeck, S. 69.
50) Höppner, Marx und das Materialismusproblem bei Fourier, in:
Bürgerliche Gesellschaft und theoretische Revolution, hrsg. von
Hahn/Sandkühler, S. 182 f.
51) Marx, Zur Kritik ... MEW, Bd. l, S. 388.
52) Ebenda.
53) K. Marx /F. Engels, Die deutsche Ideologie, in: MEW, Bd. 3,
S. 48.
54) Kossok, Manfred, Vergleichende Geschichte, S. 16.
55) Marx, Zur Kritik ... in: MEW, Bd. l, S. 390.
56) Ebenda, S. 388.
57) Ebenda.
58) Jaeck, S. 81.
59) Marx, Kritische Randglossen ..., in: MEW, Bd. l, S. 409.
60) Marx/Engels, Die Heilige Familie, in: MEW, Bd. 2, S. 85.
61) Höppner, Marx und das Materialismusproblem, S. 182.
62) Diesen Ansatz hat Marx konkret an den Begriffen Freiheit und
Gleichheit, z.B. in den "Grundrissen" durch die Ergebnisse seiner
ökonomischen Studien vertieft und auf der Grundlage des
Tauschwertes behandelt, siehe: Marx, Grundrisse der Kritik der
politischen Ökonomie, Berlin/DDR 1974, S. 156 u. 916.
63) Jaeck, S. 109.
64) Kossok, Vergleichende Geschichte, S. 16.
65) Marx/Engels, Die deutsche Ideologie, in: MEW, Bd. 3, S. 47 f.
66) Ebenda.
67) Ebenda, Bd. 2, S. 129 f.
68) Marx/Engels, Die Heilige Familie, in: MEW, Bd. 2, S. 129.
69) Ebenda, S. 130.
70) Ebenda, S. 131.
71) Krauss, Werner, Überblick über die französischen Utopien von
Cyrano de Bergerac bis zu Etienne Cabet, in: Krauss, Werner, Die
Innenseite der Weltgeschichte. Essays, hrsg. von Bergmann, Helga,
Leipzig 1983, S. 228.
72) Marx/Engels, Die Heilige Familie ..., in: MEW, Bd. 2, S. 85
f.
73) Marx, Zur Kritik ..., in: Ebenda, Bd. l, S. 388.
74) Ebenda, Bd. 18, S. 291.
75) Instruktion für die republikanischen Behörden des Departe-
ments Rhone et Loire. Zit. in: Markov, Revolution im Zeugenstand.
Frankreich 1789-1799, Bd. 2, Leipzig 1982, S. 538.
76) Engels, Friedrich, Einleitung zu: Die Klassenkämpfe in
Frankreich 1848-1850, in: MEW, Bd. 8, S. 515.
77) Vgl.: Lequien, Yves C., De crises en avance: La croissance et
la classe ouvriere, in: Huard, Raymond / Lequien, Yves / Mazau-
ric, Claude / Mesliand, Claude / Scott, Jean-Paul / Vovelle, Mi-
chel, La France contemporaine. Identite et mutations de 1789 a
nos jours, Paris 1982, S. 268.
78) Vovelle, La mentalité ...
79) Lenin, Werke, Bd. 21, S. 135.
80) Höppner / Seidel-Höppner, Waltraud, Von Babeuf bis Blanqui.
Französischer Sozialismus und Kommunismus vor Marx, 2 Bde., Leip-
zig 1975.
81) Vgl. u.a.: Cobb, Richard, La protestation populaire en France
(1789 -1820), Paris 1975; Holzapfel, Die Arbeiterfrage in
Frankreich zur Zeit der Julirevolution: Probleme und Wirkungen,
in: ZfG, 31. Jg, Berlin/DDR 1983, H. 7, S. 596 ff.
82) Marx, Die moralisierende Kritik und die kritisierende Moral,
in: MEW, Bd. 4, S. 338 f. (Oktober 1847).
83) Vgl. zum Gesamtproblem Meschkat, Klaus, Die Pariser Kommune
von 1871 im Spiegel der sowjetischen Geschichtsschreibung, Ber-
lin/DDR 1965.
84) Lequien, Yves L., De crises en avance, S. 277.
85) Vgl. Förder, Hedwig, Marx und Engels am Vorabend der Revolu-
tion. Die Ausarbeitung der politischen Richtlinien für die deut-
schen Kommunisten (1846-1848), Berlin/DDR 1960, S. 33 ff.
86) Marx, Die moralisierende Kritik ..., in: MEW, Bd. 4, S. 338
f., S. 341 f.; Engels, Der Schweizer Bürgerkrieg, in: Ebenda, S.
396 f. (Nov. 1847).
87) MEW, Bd. 7, S. 271.
88) Moissonier, Maurice, Souverainete du peuple et souverainete
des peuples, in: Die Julirevolution und Europa. Studien zur Revo-
lutionsgeschichte, hrsg. von Kossok u. Loch, Werner (f), Ber-
lin/DDR 1985, S. 75.
89) MEW, Bd. 9, S. 148.
90) Vgl. dazu: Holzapfel, Zur Dialektik von inneren und äußeren
Faktoren in der bürgerlichen Revolution - Eine Studie zu ausge-
wählten Aspekten der Julirevolution von 1830 in Frankreich, Phil.
Diss. B, Leipzig 1980 (Ms.), S. IV ff.
91) Marx/Engels, Die Heilige Familie ..., in: MEW, Bd. 2, S. 131.
92) MEW, Bd. 23, S. 21.
93) Vgl. Soboul, Albert Marius, Die klassische Geschichtsschrei-
bung zur Französischen Revolution: Aktuelle Kontroversen, in:
Rolle und Formen der Volksbewegung im bürgerlichen Revolutionszy-
klus. Studien zur Revolutionsgeschichte, hrsg. von Kossok, Ber-
lin/DDR 1976, S. 48ff.
94) Chevalier, Louis, Classes laborieuses et classes dangerieuses
pendant la premiere moitie du XIXe siècle, Paris 1958.
95) Vgl. J.J. Pillot: Weder Schlösser noch Hünen oder der Stand
der sozialen Frage im Jahre 1840, in: Höppner/Seidel-Höppner, Bd.
2, S. 436 ff.
96) Vgl. Scott, Jean-Paul, La voie française du capitalisme, in:
La France contemporaine, S. 48f.
97) Ebenda, S. 17 f.
98) Holzapfel / Kossok, 1789 und der Revolutionszyklus des 19.
Jahrhunderts: Ereignis und Wirkung, in: ZfG, 34. Jg, Berlin/DDR
1986, H. 12, S. 1059 ff.
99) Vgl. Problèmes éthnographiques aux quartiere proletariens.
Colloque tenu le 8-10-1983 au Centre d'Histoire économique et so-
ciale de la region lyonnaise, Lyon.
100) Vgl. zu Problemstellung und Forschungsstand Zwahr, Hartmut,
Proletariat und Bourgeoisie in Deutschland. Studien zur Klassen-
dialektik, Köln 1980, S. 15 ff.
101) Vgl. Margairaz, Dominique, Le Pouvoir en France; L'Etat, la
democratie (1789-1980), in: La France contemporaine, S. 310 ff.
102 Vgl. Haupt, Heinz-Gerhard, Frankreich: Langsame Industriali-
sierung und republikanische Tradition, in: Europäische Arbeiter-
bewegungen im 19. Jahrhundert, hrsg. von Kocka, Jürgen, Göttingen
1983, S. 39 ff.
103) MEW, Bd. 1, S. 386.
104) Vgl. Perdiguer, Agricole, Correspondance inédite avec George
Sand et ses amis. Lettres choisies et commentées avec une Intro-
duction par Jean Briquet, Paris 1966.
105) Vgl. Markov, Grenzen des Jakobinerstaates, in: Grundpositio-
nen der französischen Aufklärung. Neue Beiträge zur Literaturwis-
senschaft, hrsg. von Krauss und Mayer, Hermann, Berlin/DDR 1955,
S. 209 ff.
106) Vgl. u.a.: Wolikow, Claudine, Jacobins et Jacobinisme, in:
Cahiers d'histoire de l'Institut Maurice Thorez, Nr. 32/33, Paris
1979; Mazauric, Jacobinisme et Révolution, Paris 1984.
107) Kossok, Das Salz der Revolution: Jakobinismus in Lateiname-
rika. Versuch einer Positionsbestimmung, in: Universalhistorische
Aspekte und Dimensionen des Jakobinismus, hrsg. von Akad. d.
Wiss. d. DDR, Berlin/DDR 1976, S. 129.
108) Vgl. Holzapfel, Einige resümierende Gedanken zur histori-
schen Positionsbestimmung des französischen Jakobinismus, in:
Wissenschaft!. Zeitschr. d. Karl-Marx-Universität, H. 32, Leipzig
1983.
109) Vgl. Bianchi, Serge, La revolution culturelle de l'an U.
Elites et peuples 1789-1799, Paris 1982.
110) Markov, Grenzen, S. 210, Anm. 5.
111) Marx/Engels, Die Heilige Familie ..., in: MEW, Bd. 2, S.
129.
112) Lenin, Unter fremder Flagge ..., in: LW, Bd. 16, S. 201.
113) Furet, François, 1789 - Vom Ereignis zum Gegenstand der Ge-
schichtswissenschaft, Frankfurt a.M./Berlin(West)/Wien 1980, S.
25.
114) Zum Gesamtproblem vgl. Holzapfel, Die französische Revolu-
tion und ihr Einfluß auf die Wege der bürgerlichen Umwälzung im
19. Jahrhundert - Zu Stand und Aufgaben der Forschung, in: 1789:
Weltwirkung einer großen Revolution, hrsg. von Kossok/Kroß, Edi-
tha (in Vorbereitung).
115 Vgl. Markov, Die Freiheiten des Priesters Roux, Berlin/DDR
1967, S. 159.
116) (J. Roux) zit. nach: Ders., Revolution im Zeugenstand, Bd.
2, S. 450.
117) Vgl. Seidel-Höppner, Zur Jakobinismusrezeption der französi-
schen Kommunisten der dreißiger und vierziger Jahre des 19. Jahr-
hunderts, in: Universalhistorische Aspekte, S. 53 ff.
118) Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte ..., in:
MEW, Bd. 8, S. 117.
119) Marx, Die moralisierende Kritik ..., in: MEW, Bd. 4, S. 337.
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