Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 14/1988


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1789 - VERSUCH EINER POSITIONSBESTIMMUNG

Manfred Kossok 1. Schicksale einer Zweihundertjährigen - 2. Revolutionstriade der Neuzeit - 3. Revolution und Epochenwende - 4. Frankreichs Stellung im Transformationsprozeß - 5. Doppelrevolution und neue Alternativen bürgerlicher Umwälzung 1. Schicksale einer Zweihundertjährigen --------------------------------------- Wie alt muß ein historisches Ereignis werden, ehe der Historiker davon "sine ira et Studio" sprechen kann, "der Parteien Gunst und Haß" sich gelegt haben? François Furet glaubte erst unlängst, die Französische Revolution für "beendet" erklären zu können; sie endlich als einen abgeschlossenen Gegenstand einzustufen, über den sich mit intellektueller Distanz und Kühle sprechen lasse. 1) Stattdessen hat die Debatte um 1789 im Vorfeld des 200. Jahresta- ges einen neuen Höhepunkt erreicht. In der medialen Vielfalt ist die Zahl der Wortmeldungen unübersehbar. Schon die Mitteilungen über die Kongresse und Publikationen anläßlich des Bicentenaire füllen einige Bände. 2) Konsens der Meinungen steht nicht zu er- warten. Die von Edgar Quinet im Jahre 1867 pathetisch beschworene unparteiische Deutung der Revolution will sich nicht einstellen und ist auch für die Zukunft nicht abzusehen. Eher scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Um die Nation um den bürgerlichen Ra- dikalismus der Dritten Republik zu scharen, konnte es sich ein Politiker vom Format Georges Clemenceaus, nicht ganz unbeeinflußt von seiner Jugendliebe zu Auguste Blanqui, noch leisten, die Re- volution "en bloc" zu beschwören. Diese Zeiten sind lange vorbei, auch wenn mit der Berufung auf die Menschen- und Bürgerrechte ge- zielt die "belle epoque" der Revolution in den Vordergrund ge- rückt wird. Deutlicher denn je brechen die Divergenzen - um nicht zu sagen, Fronten - auf. Dafür gibt es eine einfache Erklärung: Der immer wieder auflodernde Konflikt der Meinungen ist nicht nur historiographischer Natur, ein Dialog von Eingeweihten und Beru- fenen, er trägt ebenso, wenn nicht oft sogar vorrangig eine poli- tische Note. Revolutionen gehören nun einmal zu den Ereignissen der Weltgeschichte, von denen sich am wenigsten in der Vergangen- heit denken und schreiben läßt, schon gar nicht von der großen Revolution der Franzosen. Revolutionsgeschichte mit dem Rücken zur Gegenwart ist schlechthin undenkbar. Ein Jahrhundert wie das unsrige, in seinem Wesen selbst Revolu- tion und das im denkbar umfassendsten Sinne dieses Begriffs, be- gibt sich immer wieder auf die Suche nach den eigenen Quellen. Nie zuvor ist über Revolution so angestrengt gedacht, geschrieben und gestritten worden: Verheißung oder Verhängnis, Notwendigkeit oder Zufall, Gesetzmäßigkeit oder Irrweg menschlichen Fort- schritts? Ausnahme von der Regel eines in seinem Wesen organi- schevolutionären und reformerischen Voranschreitens, wie einst schon Friedrich Karl von Savigny entdeckte? Die von François-René Chateaubriand so eindringlich beschriebene Folge der Erbsünde? Der Rückfall in die Barbarei, die Entfesselung der Instinkte, das Reich der zügellosen Gewalt, der sinnlose Opfergang für Ideen, die ohnehin unerreichbar bleiben. In letzter Instanz: die Preis- gabe des Menschen auf dem Altar der " konkreten Utopie"? Oder das Produkt bloßer Manipulation und nackten Machtanspruchs, wie es uns aus dem geistigen Zerrspiegel der "Philosophie nouvelle" 3) entgegenschaut? Diese Fragen, die in grobem Raster einige der Hauptstreitpunkte um 1789 und die Folgen skizzieren, sind weder neu noch originell. Sie bewegten bereits die Protagonisten in unmittelbarer Entschei- dungssituation 4) und wurden seitdem immer und immer wieder for- muliert, gewendet, modifiziert - von Historikern, Publizisten, Literaten, Soziologen, Philosophen. Auf welches Phänomen träfe also das Dictum Benedetto Croces mehr zu, daß Geschichte immer Zeitgeschichte sei, denn auf Revolution? Nachdenken über 1789 und 1793 ist und bleibt eine Konstante des ununterbrochenen Bemühens, dem Sinn der Geschichte auf die Spur zu kommen und damit die Mög- lichkeiten und Grenzen gesellschaftlicher und individueller Selbstverwirklichung des Menschen in den Grenzsituationen histo- rischen Umbruchs zu erfassen. So bedeutet "Debatte um 1789" nicht nur Streit um den Platz einer Revolution in der Nationalge- schichte Frankreichs. Im Positiven wie im Negativen geht es um den Ort der bürgerlichen Revolution in der neuzeitlichen Ge- schichte wie um die Revolution und ihren Rang in der gesell- schaftlichen Entwicklung überhaupt. Die runden Jahrestage der Revolution hatten stets ihre eigenen, Frankreich weit übergreifenden Schicksale. Im fünften Jahrzehnt ihrer Wiederkehr durchlebte das Land den Niedergang seiner schon dritten Revolution. Zwar beherrschten die "Montagnards" um Ale- xandre Auguste Ledru-Rollin das radikale Vokabular ihrer Vorbil- der von 1793; an entsprechenden Taten fehlte es jedoch. 5) Es be- stand jene Situation, die Karl Marx zu der Erkenntnis führte: "Was in diesen Niederlagen erlag, war nicht die Revolution. Es waren die vorrevolutionären traditionellen Anhängsel." 6) Und weiter: Wenn Geschichte sich zweimal ereigne, dann "das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce". 7) Eine Epochenwende vom Format des Jahres 89 ist eben nicht beliebig wiederholbar. Was der Erinnerung an 1789 neuen Impuls verlieh, war das Werk eines großen Dreigestirns, das die von Augustin Thierry, Adolphe Thiers und François Auguste Marie Mignet personifizierte romantische Hi- storiographie 8) krönte: die ersten Bände der Revolutionsge- schichte von Louis Blanc 9), das große Werk von Jules Michelet 10) und die epische Apotheose des Girondismus von Adolphe de Lamartine 11). Diese, alle im Jahre 1847 erschienenen Arbeiten beschrieben nicht nur Geschichte, sie machten sie. Das Vermächt- nis der Revolution als Anleitung zum Handeln für die neue Klasse statt retrospektiven Räsonnements. Der einhundertste Jahrestag stand im Zeichen der Gründung der II. Internationale. Bewußt nahm das Proletariat - neben dem französi- schen insbesondere auch das deutsche - die von der Masse des sa- turierten Bürgertums im Feuer der Commune preisgegebenen Tradi- tionen von 89 und 93 in das Verständnis der eigenen historischen Mission auf 12). Von hier datierte auch die Neubelebung der so- zialistischen Rezeption in ihren unterschiedlichen Orientierun- gen: Die Histoire socialiste de la Révolution française von Jean Jaures stellte "das Volk" in das Zentrum der Handlung 13) und mündete in das Bekenntnis: "Je suis avec Robespierre". Fast um dieselbe Zeit, da Jaures seine Arbeiten begann, befragte Pjotr Kropotkin, vom Hochadel in die Reihen des Anarchismus gewechselt, die Revolution der Franzosen nach ihren Lehren für die kommende russische Revolution und sah deren Haupttriebkraft in der Bewe- gung der Bauern 14). Und schließlich jene historische Polemik zwischen Georgi Plechanov und W.I. Lenin anläßlich der ersten russischen Revolution von 1905 um die Wiederholbarkeit der Kon- stellation von 1789 unter gänzlich veränderten historischen Be- dingungen 15). Die Emotionen, die in Frankreich anläßlich des Centenaire von 1889 aufbrachen, sind völlig zu Unrecht heute vergessen und brau- chen den Vergleich mit dem gegenwärtigen Meinungsstreit kaum zu scheuen 16). Kirche und Royalisten machten mobil. Die "Nachkommen des Gekreuzigten" standen den "Söhnen Voltaires" unversöhnlich gegenüber; die (Anti-)Geschichte der Französischen Revolution des Msgr Freppel erschien in 23. Auflage 17). Edmund Burke, Stammva- ter aller Revolutionskritik 18), tauchte aus der Versenkung auf ... Trotzdem fand gegen den erbitterten Widerstand der Ci-devants anläßlich des Centenaire die Gründung des Lehrstuhls für Ge- schichte der Französischen Revolution an der Sorbonne statt. Ei- ner Revolution eine eigene akademische Heimstatt zu schaffen, war nicht nur Novum, sondern blieb für lange Zeit einmalig in der Ge- schichtswissenschaft. Erst die Oktoberrevolution von 1917 sollte auf ähnlich beherrschende Weise zum Gegenstand der wissenschaft- lichen Forschung und ideologischen Auseinandersetzung werden. Die Frage nach den Gemeinsamkeiten und den Unterschieden in den bei- den großen Epochenzäsuren der modernen Weltgeschichte ist seitdem nicht verstummt. Alphonse Aulard, erster Inhaber des neuen Lehrstuhls, sah die Helden der Revolution in Danton und den Dantonisten 19): die Re- volution als Identifikationsmodell für den bürgerlichen Radika- lismus, aber auch als Barriere gegen deren "Plebejisierung" à la Jaurès. Mit Aulards Nachfolger Albert Mathiez 20) setzte sich die "lecture socialiste" 21) - bis dahin extrauniversitäres Phänomen - in der akademischen Forschung durch. Ihr verschrieb sich noch prononcierter Georges Lefebvre 22). Zentralen Bezugspunkt bilde- ten nun Robespierre und die Robespierristen, insbesondere von Lefebvre als Inkarnation der Linken in Epochen gesellschaftlichen Umbruchs verstanden, woraus seine Sympathien für die Generation von 1917 als Jakobiner des 20. Jahrhunderts erwuchsen. Über dem 150. Jahrestag lagen bereits die Schatten des II. Welt- krieges. Die im Frankreich der Volksfront unversöhnliche Konfron- tation für und gegen die Gefahr des Faschismus ließ die Erinne- rung an 1789 nicht aus. Alle politischen Gruppierungen griffen auf die Revolution zurück, und erneut gewann die Debatte um 1789 internationale Dimension. Lefebvres flammender Aufruf "Jugend von 1939! Verstehe die Stimme der Vorfahren, die zu Dir reden!" 23), fand den brillanten Niederschlag in den Werken über Robespierre und das Jahr 89. Die Gegenattacke ritt erneut Pierre Gaxotte 24), der bereits 1929 mit einer Revolutionsgeschichte hervortrat, die eigentlich auf Mathiez zielte und das Trauma von 1917 zu beschwö- ren suchte. Dazu der Stoßseufzer von Donald Halévy: "Nur keine Jahrestage mehr!" Es lag in der Logik der Ereignisse, daß Lefebvres "Quatre-vingt-neuf" bald auf Befehl aus Vichy vernich- tet wurde, und der Zerstörung von Edition sociales internationa- les fiel auch das Buch eines jungen unbekannten Autors "1789. L'An Un de la Liberté" zum Opfer. Sein Name: Albert Marius Soboul 25). Habent sua fata libelli - wir fügen hinzu: et autores. Wäh- rend Charlotte Corday ihre Wiederauferstehung als Antiheldin der Action Française feierte, widmeten Romain Rolland und Lucien Febvre der Großen Revolution eine eigene Ausgabe von "Europe" 26), und die erst mit der Volksfront wieder unter die Trikolore zurückgekehrte FKP brachte einen Sonderband der Cahiers du Commu- nisme heraus 27). Außerhalb Frankreichs stellte die in der UdSSR veröffentlichte Revolutionsgeschichte den repräsentativsten in- ternationalen Beitrag der progressiven Historiographie dar 28). Unabhängig von Herkunft und Weltanschauung gingen die Ideen von 89 und 93 in das geistige Arsenal der Résistance ein, wofür die Namen von Sagnac, Lefebvre, Camus, Malraux, Soboul... stehen 29). Ohne den Jakobinismus als Epizentrum der großen Revolution preis- zugeben, blieb es Albert Soboul vorbehalten, von der Position des materialistischen Historismus aus und in der unmittelbaren Nach- folge von Georges Lefebvre stehend, das Spektrum des Revolutions- bildes weiter nach links zu öffnen (nicht zu verschieben, wie oft fälschlich behauptet) und die bäuerlich-städtischen Volksklassen, speziell die "Sansculotten von Paris", 30) aus historischer Anonymität zu befreien und damit dem "Peuple" konkrete Gestalt zu geben. Diese "Sansculottisierung" hat für das Verständnis der Re- volution, speziell für das Verhältnis von Revolutionsführung (Hegemon) und Volksbewegung völlig neue Dimensionen begründet. Um das Erbe von Georges Lefebvre gruppierte sich - mit Albert Soboul an der Spitze - eine ganze Phalanx von hervorragenden Revoluti- onshistorikern: Armando Saitta in Italien, Walter Markov in der DDR, Richard Ch. Cobb in England, Kåre D. Tønnesson in Norwegen, Kálmán Benda in Ungarn, Boguslaw Lesnodorski in Polen, Kveta Me- jdricka in der CSSR, George F. Rudé in Australien, Samuel Bern- stein in den USA, Koahiro Takahashi in Japan...; dazu die Aus- strahlung auf die sowjetische Revolutionshistoriographie (A.Z. Manfred, V.M. Dalin, Ja. M. Zacher, V.G. Revunenkov, bis in die jüngere Generation um A.V. Ado und dessen Schüler). Eine solche Sternstunde der Geschichtsschreibung, dem Erbe der Revolution nicht weniger verschrieben als dem Vermächtnis der antifaschisti- schen Résistance, ist so leicht nicht wieder vorstellbar. Schon hat der Tod schmerzliche Lücken gerissen, 31) und die Nachfolgen- den wissen um die Last des Überkommenen. Ihnen kann nur die jako- binische Maxime, es gelte, nicht nur zu bewundern, sondern zu übertreffen, helfen. Von "Schule" zu sprechen, hieße - abgesehen von der direkten Generationsfolge Mathiez, Lefebvre, Soboul - die Dinge wohl zu sehr zu vereinfachen. Was unabweisbar bleibt, ist die Tatsache, daß in den fünfziger und sechziger Jahren eine von gemeinsamer Grundhaltung geprägte Gruppe von Historikern die Re- volution auf neue Weise und primär "von unten" in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückte und damit meinungsbildend wirkte. Die allseits verstandene Herausforderung lag nicht nur im Verständnis des Ganzen, des historischen Orts der Revolution, sondern ebenso und gewiß vorrangig in der Erschließung neuer Quellen, die einem elitären Revolutionsbild, gleich ob royalistisch, liberal oder radikal, den Boden entzogen. Theorie und Empirie bildeten eine organische Einheit. Man möge es einem Vertreter der Leipziger Revolutionsforschung nachsehen, wenn ein zusätzliches Wort über Walter Markov 32) ge- sagt wird. Sein Verdienst als eine der profilgebenden Persönlich- keiten dieser Gruppe besteht darin, daß er, abgesehen von der bahnbrechenden Arbeit über die "Äußerste Linke" um Jacques Roux 33) (hier eher in der Tradition von Zacher 34) als von Lefebvre stehend), gemeinsam mit Albert Soboul das Scharnier einer weitge- faßten internationalen Kooperation abgab, auf deren Grundlage sich eine "Gelehrtenrepublik" sui generis formierte - eine für die Zeit des kalten Krieges gewiß nicht gering zu veranschlagende Leistung. Ebensowenig sei der Hinweis ausgespart, welche Impulse von der Revolutionsforschung speziell für das Weltgeschichtsver- ständnis der Leipziger Schule 35) ausgegangen sind. An Etikettierungsversuchen gegenüber dem dem Erbe von Lefebvre verpflichteten Historiker hat es nicht gefehlt. Was Soboul aus eigenem Traditionsverständnis als "klassische Historiographie" bezeichnete, fußte auf der geglückten Symbiose von "lecture jaco- bine" (einschließlich Marcel Reinhard 36) und Jacques Godechot 37)) und "lecture marxiste" der Revolution. So wird der Alptraum verständlich, der Richard R. Palmer beim Erscheinen des interna- tionalen Gemeinschaftsbandes "Maximilien Robespierre" anläßlich dessen 200. Geburtstages (1958) 38) beschlich und der in die Mah- nung mündete, welches Verhängnis es doch wäre, wenn nur die Mar- xisten das Volk in der Revolution verstünden. 39) Anders als Kas- sandra blieb Palmer nicht ungehört. Wie schon die Revolution selbst, so fand die progressive Linie ihres Verständnisses wiederum ihre Gegengeschichte. Der erneute konzertierte Aufmarsch gegen die klassische Historiographie da- tiert seit den fünfziger Jahren unter dem selbstgewählten Stich- wort einer Revision des Geschichtsbildes. Für die Summe dieser Versuche hat sich inzwischen der Begriff des "historischen Re- visionismus" eingebürgert, eine gewiß nicht unzutreffende Loka- tion, die desungeachtet dazu angetan ist, unterschiedliche Quel- len, Qualitäten und Absichten zu verschütten statt bloßzulegen. Einen der ersten Streiche führte der englische Historiker Alfred Cobban, 40) der im welthistorischen Übergang zum Kapitalismus im Falle Frankreichs weder Feudalität - die in den Cahiers de do- leances so ausgiebig kritisierten Feudalprivilegien beruhten of- fensichtlich auf einem Irrtum der Zeitgenossen, und die Grande Peur im Sommer und Herbst 1789 war ein Schattenboxen wildgeworde- ner Bauern? - noch Bürgertum auszumachen vermochte und die Revo- lution zum Mythos erklärte: ein Schlag- und Modewort, das rasch Anhänger fand. 41) Im Verlaufe der Auseinandersetzung sekundierte ihm sein Landsmann Perez Zagorin mit der Behauptung, Karl Marx habe die bürgerliche Revolution erfunden, um die sozialistische historisch rechtfertigen zu können. 42) Einer wesentlich subtile- ren Revolutionskritik bedient sich - zunächst in Gemeinschaft mit Denis Richet - der gegenwärtig wohl einflußreichste Exponent des historischen Revisionismus, François Furet. 43) Für Furet redu- ziert sich die wahre Revolution auf das Wirken der aufgeklärt-li- beralen Elite in den Jahren 1789 bis 1791; die danach kommenden Ereignisse von 1793 und 1794, das aktive Eingreifen der Volksbe- wegung, die revolutionäre Diktatur der Jakobiner werden als "dérapage" - das Entgleisen und Umkippen der Revolution - be- zeichnet. Wie stark meinungsbildend Furet über die Grenzen Frankreichs gewirkt hat, ist im Falle der BRD an Arbeiten von E. Schmitt und R. Reichardt 44) ablesbar. In der Folge hat sich Fu- ret darauf kapriziert, die wissenschaftliche Widersprüchlichkeit und Unhaltbarkeit der Marxschen Vorstellungen von bürgerlicher Revolution und bürgerlichem Staat nachzuweisen. 45) Die Kritik stellte gegenüber Furet inzwischen nicht nur sein bemerkenswert selektives Verfahren der Quellenauswertung, 46) sondern auch die Ahistorizität der gewählten Prämissen heraus. 47) Für einen kri- tischen Dialog mit dem historischen Revisionismus scheint es an- gebracht, zwei Ebenen voneinander zu trennen: den Versuch, die Revolution als Gesamtphänomen in Frage zu stellen einerseits und die aus fundierter Quellenforschung neu gewonnene Sicht auf Pro- blemfelder, die bislang für die klassische Historiographie am Rande des Interesses lagen, andererseits. Was die zweitgenannte Ebene betrifft, so reicht der Spannbogen der Streitpunkte vom Charakter des Ancien Régime, Agrarstruktur und Agrarbewegung, un- ternehmerische Potenzen des Reformadels bis hin zu Struktur und Hegemoniefähigkeit des Bürgertums; 48) nicht zu vergessen die Kontroverse um die revolutionäre ("schöpferische") oder vorrangig regressiv-negative, in Traditionalismus verhaftete Rolle der Volksklassen. 49) In diesen und anderen Kardinalpunkten (bis hin zur Mentalitätsforschung) 50) kann Wettstreit neuen Erkenntnissen nur dienlich sein. Einen anderen Stellenwert hat die eindeutig politisch-ideologi- sche Debatte um den historischen Ort von 1789, mit dem Ziel, die Revolution zu relativieren, zu minimieren, einzuebnen oder über- haupt zum Unereignis zu machen. Dabei spielt der genannte histo- rische Revisionismus - an führender Stelle wäre wiederum auf Fu- ret zu verweisen - eine nicht unwesentliche Rolle. Aber für diese Generalrevision müssen auch andere Quellen in Betracht gezogen werden. Zeitweilig schien es, als könnte sich die auf dem Welthistoriker- kongreß in Rom 1955 von Palmer und Godechot aus der Taufe geho- bene Theorie der atlantischen Revolution 51) behaupten. Diese Theorie ging von der epochesetzenden Priorität der nordamerikani- schen Revolution aus und ließ die Wende von 1789 in der amorphen Summe der Nachfolgerevolutionen untergehen; hinzu trat der An- spruch, den Begriff der - sozial bewußt unbestimmten - demokrati- schen Revolution allein den Atlantikanliegern zu reservieren, was dem Vorsatz, die NATO zu historisieren, nicht eben unähnlich war. Darob entbrannte speziell in Frankreich eine heftige Diskussion, in der Marcel Reinhard und Georges Lefebvre die besondere Stel- lung der Französischen Revolution im Epochenumbruch am Ausgang des 18. Jahrhunderts betonten. Gewiß nicht nur eine Reaktion aus der Sicht der "Grande Nation". 52) Inzwischen gehört diese De- batte der Geschichte an. 53) Einen anderen Ansatz, um die Revolution als Wende- und Knoten- punkt gesellschaftlicher Entwicklung einzuebenen und ihrer Rele- vanz zu entkleiden, ergibt die einseitige Orientierung auf Lang- zeitzyklen und subjektive Epochebestimmungen. Im Ergebnis der von der Annales-Schule im Stil von Lucien Febvre und Fernand Braudel bevorzugten Prozeßanalysen zur "longue duree" ökonomisch-struktu- reller und kulturell-psychologischer Entwicklungstrends, reduzie- ren sich (politisch-soziale) Revolutionen auf Eruptionen sekun- därer Größenordnung (Revolution als "Epiphänomen"). 54) Sie büßen ihren Rang als Brennpunkte der Alternativität historischen Ge- schehens ein. Nach Meinung der nordamerikanischen Historikerin Lynn Hunt führe auch die in Mode kommende geschlossene Epochenbe- stimmung von der Aufklärung (seit dem Ausgang des 17. Jahrhun- derts) bis zur Romantik (dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts) mit dem Instrumentarium der sozial-historischen Semantik zur fak- tischen Einebnung der Revolution. 55) Derartige Korrekturen an der Realgeschichte verblassen vor anläß- lich des Bicentenaire in Szene gesetzter Verteufelung der Revolu- tion durch Publizisten, Historiker und Philosophen der "Nouvelle droite". 56) Dazu gehört die absolute und unkritische Rehabili- tierung der konterrevolutionären Historiographie. Dafür nur drei Beispiele: Wie anno 39 wird Edmund Burke "neu" gelesen, Augustin Cochins Antijakobinismus kommt via Furet wieder in Mode, 57) die "Schreckensherrschaft" in Lyon wird anhand der Memoiren des kö- nigstreuen Abbe de Montleon rekonstruiert. 58) Erneute Aktuali- sierung erfährt die einst von Jacob Talmon und Hannah Arendt in ihren Ursprüngen auf Rousseau und die Jakobinerexzesse historisch zurückgeführte Totalitarismusdoktrin, 59) die folgerichtig in das "Goulag" gemündet sei. Bei Pierre Chaunu, dem exponiertesten Ver- treter der "Nouvelle droite" unter den Historikern, (allerdings ohne eigene Studien zum Thema 89), denaturierte die Revolution zum "Génocide franco-français" 60) mit nicht weniger als ima- ginären 600000 Opfern: 1789 wieder als der große Sündenfall der modernen Weltgeschichte oder - laut Jacques Juillard - "c'est la faute à Rousseau". 61) In dieser Atmosphäre kann es nicht verwun- dern, daß - wie in Lyon - Vereinigungen aufkommen, deren Bei- trittsbedingung darin besteht, den Nachweis führen zu können, einen Vorfahren auf der Guillotine eingebüßt zu haben. Da liegt es schon näher, der tausendjährigen Erinnerung an die Krönung von Hugo Capet (987) und die insgesamt folgenden 33 Monarchen nachzuhängen... Die philosophische Fraktion der "Nouvelle droite", eine Spätfolge der revolutionären Krise von 1968, fehlt im Chor der "Goulagistes" nicht: Revolution entpuppt sich post festum in ih- rem Wesen als totalitäres Phänomen, die Ideen, die eine ganze Welt bewegten, als bloße machtpolitische Lockmittel oder Konse- quenz der Macht der Dummheit. 62) Auf die zahllosen Versuche, 1789 totzusagen und damit die Revolu- tionen generell als große geschichtsumwälzende Kraft aus dem Ge- schichtsbewußtsein zu eliminieren, hat Albert Soboul in einer seiner großen Vorlesungen an der Sorbonne lapidar und zwingend geantwortet: Das Malheur ihrer Gegner, damals wie heute, bestehe nun einmal darin, daß sie eben doch stattgefunden haben. So wi- derlegt sich Negation der Revolution am deutlichsten in der Ste- tigkeit ihrer Wiederholung. 2. Revolutionstriade der Neuzeit -------------------------------- Gewiß wäre es ein vergebliches Unterfangen, im Sinne von Stefan Zweig die "Weltminute" festzuhalten, in der sich das Schicksal zwischen Feudalität und bürgerlicher Gesellschaft entschied. Im- merhin erstreckte sich die Herauslösung aus der Feudalität allein für Europa über einen Zeitraum von mehr als dreihundert Jahren. Auf bisher nicht gekannte Weise setzte eine Beschleunigung des historischen Fortschritts in allen Sphären ein. Auf dem Hinter- grund der relativen Ruhelage der vorangegangenen Epochen bedeutet es kaum eine Übertreibung, die Zeit vom Beginn des 16. bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts als eine Epoche der permanen- ten Revolution zu bezeichnen. Kein Sektor gesellschaftlicher Exi- stenz blieb von dieser Umwälzung ausgenommen. Das von Ullrich von Hütten so enthusiastisch zum Ausdruck gebrachte neue Lebensgefühl bietet ein Beispiel für die von Generation zu Generation verän- derte Weltsicht. Erst bei näherer Betrachtung rücken die Ebenen, Kettenglieder und Etappen des revolutionären Prozesses deutlicher auseinander. In letzter Instanz überkreuzten sich im Übergang von der Feudalität zum bürgerlichen Zeitalter zwei Entwicklungskomponenten: die spätfeudal-absolutistische und die aufsteigend-bürgerliche Kom- ponente. Schritt für Schritt konstituierte sich das Bürgertum als eine Klasse der historischen Initiative - zur "historischen Klasse" im Sinne von Antonio Gramsci 63) -, wogegen der Adel zu- nehmend in die Position der Klasse der historischen Defensive ge- riet. Dieser Prozeß verlief keineswegs linear. Noch lange be- durfte das Bürgertum zur Genesis seiner Produktions- und Gesell- schaftsformen der Stütze des Absolutismus. 64) Vor der Konfronta- tion stand die Symbiose der Interessen, ehe das jeweilige Ancien Regime der Revolution weichen mußte. Auf der unhistorischen Ver- absolutierung der zeitweiligen und relativen Interessenkongruenz von Krone und Bourgeoisie - besonders deutlich in der französi- schen Rentenbourgeoisie: "la bourgeoisie inactive" 65) - fußt ei- nes der wesentlichen Argumente, um das Revolutionspotential und die Hegemoniefähigkeit der Bourgeoisie in Frage zu stellen oder total zu bestreiten. Für die Bestimmung des Charakters, der Richtung und der konkreten Ergebnisse in der Überwindung der Feudalität kommt dem bürgerli- chen Revolutionszyklus die entscheidende Bedeutung zu. Allerdings bedarf es eines ebenso exakten wie differenzierten und flexiblen Umgangs mit der Grundkategorie "Bürgerliche Revolution". Dieser Begriff hat - obwohl Gegenstand ständiger Polemik 66) - längst aufgehört, an marxistisches Geschichtsverständnis gebunden zu sein. Um so dringender erscheint die Aufgabe, gerade aus marxi- stischer Sicht das theoretische und methodologische Instrumenta- rium um dieses Problemfeld weiter auszuarbeiten. Hier setzen die Forschungen der Leipziger Schule 67) an. Wie jeder andere Grundtyp von Revolution ist bürgerliche Revolu- tion nicht "an sich" oder "als solche" bestimmbar. Es gilt, an die Stelle des abstrakten (beliebig deklinierbaren) Revolutions- verständnisses das konkret-gesellschaftliche zu setzen. Ein sol- ches, der Realgeschichte gerecht werdendes Herangehen an die Ana- lyse eines der komplexesten und kompliziertesten Phänomene ge- sellschaftlicher Transformation ist per se an drei Hauptbedingun- gen gebunden: a. die Einordnung in den C h a r a k t e r d e r E p o c h e und die daraus resultierende D i a l e k t i k v o n F o r- m a t i o n s e n t w i c k l u n g u n d R e v o l u- t i o n s t y p; b. das P r i n z i p d e r H i s t o r i z i t ä t, um die Revolution als Produkt der Geschichte - Historisch-gewordenes - zu begreifen, die ihrerseits wieder auf den weiteren Gang der Ge- schichte zurückwirkt. Die Historizität des bürgerlichen Revoluti- onstyps folgt aus dem Umstand, daß "die ökonomischen Formen", d.h. die epoche- und formationsspezifischen Grundbedingungen ih- rerseits wieder "vorübergehende und historische" 68) sind; c. die D i a l e k t i k v o n E i n h e i t u n d V i e l- f a l t im bürgerlichen Revolutionszyklus generell, aber auch innerhalb der einzelnen revolutionären Teilprozesse. Mit dem Übergang zum bürgerlichen Zeitalter tritt die Bourgeoisie in das Zentrum des Geschehens, was indes keineswegs heißt, daß sie für diese Zeit auch das politisch-soziale Zentrum jeder einzelnen Re- gion oder jedes Landes abgab. Die Vielfalt bürgerlicher Umwälzung ist also nicht an einem soziometrisch oder auf ähnliche Weise be- stimmbaren "Epochendurchschnitt" meßbar. In letzter Instanz fußte die Dynamik des welthistorischen Über- gangs von der Feudalität (und anderen Formen vorkapitalistischer Existenz) zur bürgerlichen Gesellschaft auf einer R e v o l u- t i o n s t r i a d e, deren Komponenten (Ebenen) sich - grob formuliert - auf die folgende Weise bestimmen lassen: - die Freisetzung der neuen Produktionsformen in ihren histo- rischstrukturellen Stufen vom Frühkapitalismus über die Manufak- turperiode bis zur vollen Entfaltung der industriellen Revolu- tion; 69) - die politisch-soziale Umwälzung (Konstituierung der Bourgeoisie als herrschende Klasse in "reiner" Form oder, was der Regel ent- sprach, auf der Basis eines Klassenkompromisses) in Gestalt des Revolutionszyklus vom 16. bis zum 19. Jahrhundert; 70) - der Umbruch im philosophischen Denken (als Kernstück der allge- meinen Kulturrevolution) von der Renaissance über die großen Den- ker des 17. Jahrhunderts und die Aufklärung bis zur Vollendung der klassischen Philosophie. 71) Natürlich handelt es sich auch in diesem Falle insofern um eine Abstraktion, da diese Prozesse in der historischen Realität weder immer parallel noch in gleich intensiver Ausprägung verliefen bzw. existierten. Stattdessen gab es zeitlich stadial-regionale, strukturelle und zeitliche Verschiebungen zwischen den Komponen- ten der Triade, von Region zu Region, wie auch innerhalb der ein- zelnen Regionen und Länder. Vom jeweils Einzelnen auf das Ganze schließen zu wollen, hieße apriori sich den Weg der Erkenntnis zu verbauen. Hier berühren wir übrigens einen Kardinalaspekt in der Auseinandersetzung um den historischen Ort der bürgerlichen Revo- lution. In der Regel fußt die Kritik der nichtmarxistischen Hi- storiographie auf einem einseitig-subjektiven Verständnis des ma- terialistischen Historismus, das die inzwischen vorliegenden For- schungsergebnisse zum erheblichen Teil oder völlig ignoriert 72) und sich eines selbstgezimmerten, leicht widerlegbaren Deutungs- modells bedient. Das Informationsproblem haben stets die anderen. Im Revolutionszyklus der Neuzeit sind wiederum bestimmte Stufen erkennbar: eine Phase der Inkubation, danach des klassischen Durchbruchs und schließlich des Wachstums in die Breite. So wenig die Feudalität des 16. Jahrhunderts den Feudalverhältnissen im 17., 18. Jahrhundert oder gar noch später gleicht, 73) so falsch wäre es, die vielfältigen Unterschiede der bürgerlichen Revolu- tion in ihren historisch-typologischen Entwicklungsetappen (und -formen) zu übersehen. Eigentlich überflüssig, darauf zu verwei- sen, daß dieses Prinzip der Historisierung für alle wesentlichen Kategorien des Revolutionsverständnisses gelten sollte. G.V. Tay- lor begründet seine These von der Nichtexistenz eines Bürgertums um 1789 und damit die Unhaltbarkeit des Begriffes Bürgerliche Re- volution mit dem Hinweis auf das Fehlen einer industriellen Bour- geoisie und nichtkapitalistischer Akkumulationsquellen des Reich- tums 74); eine solche Argumentation spricht eher für das Nicht- verständnis der genetisch-historischen Entwicklungsstufen von Bürgertum, da eine Industriebourgeoisie vor Vollendung der indu- striellen Revolution eine Contradictio in adjecto wäre. Ähnlich ergeht es Lynn Hunt, die den Klassenbegriff primär poli- tischkulturell faßt, zugleich jedoch offen bekennt, daß es leich- ter sei, gegen den Begriff Bürgerliche Revolution zu polemisie- ren, als "etwas Überzeugendes an seiner Stelle zu bieten". 75) Wenn bei Theda Scocpol mit unterschwelliger Kritik am marxisti- schen Revolutionsverständnis die Aussage erfolgt: "The men who dominated after the Revolution were not industrialists or capita- list entre-preneurs but primarily bureaucrats, soldiers" - ab welchem Rang, möchte man fragen ", "and owners of real estate", 76) dann gehen gleich mehrere Kriterien durcheinander - die grundsätzliche Tatsache, daß 1789 die französische Bourgeoisie noch eine Klasse in struktureller Entwicklung war und die Funk- tion der Revolution ja gerade darin bestand, die Weichen zu ihrer endgültigen Konstituierung zu stellen, bürgerliche Macht sich nie direkt, sondern stets in "übersetzter" Form realisiert (was neu- erlich durch die vielleicht nicht ganz unproblematische Unter- scheidung von "sozialer" und "politischer" Klasse zum Ausdruck gebracht wird), verbürgerlichter Großgrundbesitz zumindest funk- tionell Teil der Bourgeoisie bzw. des kapitalistischen Eigentums- systems ist, etc. Solche und andere Selbstverständlichkeiten wä- ren bei genauer Kenntnisnahme der Literatur- und Forschungssitua- tion eigentlich kaum Gegenstand des Meinungsstreites. Noch einige in diesem Zusammenhang erwähnenswerte Beispiele: Immanuel Geiß sieht sich durch die Auffassung, bürgerliche Revolution sei vor industrieller Revolution nicht denkbar, veranlaßt, den Gesamtkom- plex "Frühbürgerliche Revolution" als wichtige genetische Phase auszusparen und selbst Umbrüche von europäischer Relevanz wie die Englische Revolution in die Kategorie eines Aufstandes zurückzu- stufen. In der jüngsten Arbeit von Perez Zagorin zerfließen die Grenzen zwischen Aufstand, Rebellion, Meuterei und Revolution bis zur Unkenntlichkeit. 77) Auch der "Revolutionsdekalog" von Fer- dinand Seibt 78) trennt nicht sehr überzeugend zwischen objekti- ven und subjektiven Revolutionskriterien; so ist das Januskopf- Problem - exakter ausgedrückt das Verhältnis von Kontinuität und Bruch im Transformationsprozeß - in "frühen" Revolutionen natür- lich anders ausgeprägt als in "reifen" und "späten". 3. Revolution und Epochenwende ------------------------------ Im Zyklus der neuzeitlichen Revolution kommt Frankreich die zen- trale Position zu. Ungleich mehr als die Englische Revolution war die Französische nicht nur Ausdruck der Weltteile, in denen sie vorfielen, sondern einer epocheprägenden Entscheidungssituation. 79) Bereits die Zeitgenossen - noch vom ungebrochenen Fort- schrittsbewußtsein der Aufklärung durchtränkt - bezeichneten die Französische Revolution als "Große Revolution", eine Ortsbestim- mung, die also nicht erst von den Historikern erfunden werden mußte. Mit der Französischen Revolution profilierte sich zugleich der moderne Revolutionsbegriff. 80) Was dem Historiker von heuti- ger Warte auch für die Zeit vor 1789 fast kommentarlos als Revo- lution gilt, hatte für ihre Protagonisten und Zeitgenossen nicht selten einen völlig anderen subjektiven Stellenwert: Es ging um Verfassungskämpfe, Bürgerkriege; Verteidigung altständischer Rechte, Reformatio im Sinne der Wiederherstellung des (guten) Al- ten, Wende zum (einstigen) Goldenen Zeitalter, Abwehr tyranni- scher Macht ... In der Geschichte kommt es nicht selten vor, daß Erscheinung und Begriff auseinanderfallen, oder, aus späterer Sicht, sogar in Widerspruch zueinander stehen. Für den Revoluti- onsbegriff scheint dieses Phänomen auf besondere Weise zu gelten. Keineswegs kann aber der Historiker für die geschichtliche Ein- ordnung der Ereignisse um 1789 übersehen, daß objektive Epochen- konstellation und subjektives Epochenverständnis eine bis dahin einmalige Intensität erreichten. "Durch die Aufklärung und die Revolution sind erstmals die Widersprüche der modernen Welt ins allgemeine Bewußtsein geraten." 81) Die Französische Revolution markierte den Höhe- und Wendepunkt im Übergang zur bürgerlichen Gesellschaft, sie leitete die Schluß- phase dieses Transformationsprozesses und die endgültige Durch- setzung der neuen Formation ein. Weltgeschichte ab 1789 hieß Weltgeschichte im Zeichen der Bourgeoisie und der sich vollenden- den bürgerlichen Umwälzung. 82) Diese Begriffsbestimmung betrifft die quantitative wie die qualitative Seite der weiteren histori- schen Entwicklung. Erst mit dem Umbruch von 1789 fällt die Haupt- macht des Ancien Régime, senkt sich die Waage endgültig gegen die feudalabsolutistischen Staaten und zu Gunsten der Welt des Bür- gertums. Was als "Bürgerliche Umwälzung" bezeichnet wird, ist eine in ih- rer Dramatik kaum überbietbare Folge von Revolution - Konterrevo- lution - Reform - Krise - Krieg - Aufschwung - Stagnation - Deka- denz, aus deren Feuer eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte Gestalt gewinnt, vielgestaltig und doch einheitlich in ihrem bür- gerlichen Grundcharakter, eben das "Bürgerliche Zeitalter" (ein Begriff, der wiederum nicht pauschal mit "Zeitalter des Bürger- tums" synonym gesetzt werden sollte). Im Voranschreiten der bürgerlichen Gesellschaft (und ihrer Pro- duktionsweise) verdichtete sich die Menschheitsgeschichte in qua- litativ neuer Weise zur W e l t g e s c h i c h t e. Im Jahre 1857 notierte Karl Marx: "Weltgeschichte existierte nicht immer; die Geschichte als Weltgeschichte Resultat". 83) Noch früher steht zu lesen: "Je weiter sich im Laufe dieser Entwicklung nun die einzelnen Kreise, die aufeinanderwirken, ausdehnen, je mehr die ursprüngliche Abgeschlossenheit der einzelnen Nationalitäten durch die ausgebildete Produktionsweise, Verkehr und dadurch na- turwüchsig hervorgebrachte Teilung der Arbeit zwischen verschie- denen Nationen vernichtet wird, desto mehr wird die Geschichte zur Weltgeschichte..." 84) Welche Ereignisse im Übergang zur bür- gerlichen Gesellschaftsformation hatten größere "Kreise" gezogen als die Große Revolution Frankreichs und die industrielle Revolu- tion Englands? Das Verhältnis von politisch-sozialer und industrieller Revolu- tion gestaltete sich im Prozeß der bürgerlichen Umwälzung sehr unterschiedlich: 85) - Im Falle Englands ging die politisch-soziale der industriellen Umwälzung um mehr als einhundert Jahre voran, worin einer der Faktoren für die Pionierfunktion dieses Landes in der Freisetzung der kapitalistischen Produktionsweise zu suchen ist. Nicos Pou- lantzas hat daraus (zu einseitig) die Modellfunktion der Engli- schen Revolution abgeleitet. 86) - Für Frankreich kann von einer faktischen Parallelität zwischen Revolution und industrieller Umwälzung ausgegangen werden. Die Konsequenzen dieser Kombinationen (intern wie extern) bilden noch immer einen Hauptstreitpunkt in der Debatte um die Ursachen der industriellen Rückständigkeit Frankreichs im 19. Jahrhundert 87), mit anderen Worten: Es geht um die mögliche Divergenz von "klassischer" ökonomischer und "klassischer" politischer Revolu- tion, den Grad des Auseinanderdriftens der unterschiedlichen Ebe- nen des bürgerlichen Umwälzungsprozesses. - Schließlich bleibt auf eine dritte Kategorie von Ländern zu verweisen (Spanien und Rußland seien als Beispiele gesetzt), wo die industrielle Revolution (und mit ihr die Formierung der pro- letarischen Gegenklasse) schon einsetzte, bevor die Bourgeoisie die "eigene" Revolution vollzogen hatte. Spanien trat etwa um 1840 in die industrielle Revolution (Zentrum Katalonien) ein 88), der bürgerliche Revolutionszyklus des 19. Jahrhunderts endete aber für dieses Land erst 1874 89), dazu noch mit der politi- schen Niederlage des Bürgertums. Rußland wiederum öffnete sich der industriellen Revolution im Ergebnis der Reformen von 1861 90); der Zyklus der Revolutionen begann aber erst 1905, dazu un- ter historischen Bedingungen einer Ablösung der revolutionsabsti- nenten Bourgeoisie in der Hegemonie durch das Proletariat. 91) In der Forschung ist die entscheidende Bedeutung des spezifischen Verhältnisses von politisch-sozialer und industrieller Umwälzung in ihrer Wirkung auf Charakter und typologische Differenzierung der bürgerlichen Revolution zwar erkannt, aber bislang empirisch nicht hinreichend analysiert. 92) Auch für die genannte Problematik gewinnt die genauere Bestimmung des Begriffs R e v o l u t i o n s z y k l u s kardinale Bedeu- tung; dasselbe gilt für die Unterscheidung von Revolution im e n g e r e n und im w e i t e r e n S i n n e. Die Kategorie Revolutionszyklus umfaßt verschiedene Ebenen, die es auseinanderzuhalten gilt: - zunächst ist damit der zyklische Ablauf jeder einzelnen Revolu- tion, ihre Phasenfolge, die Bewegung in auf- und absteigender Li- nie 93) gemeint; - da in der Regel ein Land bis zur Konstituierung der bürgerli- chen Ordnung mehrere Revolutionen durchläuft (Beispiele: Frankreich 1789, 1830, 1848, 1870, 1871; Spanien 1808, 1820, 1834, 1854, 1868), existieren auch nationale Revolutionszyklen 94); - darüber hinaus sind kontinentale Revolutionszyklen, wie im Falle Lateinamerikas ab 1810 oder in Europa 1848/49, nachweisbar 95); - schließlich stellt die "Weltrevolution des Bürgertums" vom 16. bis 19. Jahrhundert in ihrer Summe einen universalhistorischen Revolutionszyklus dar. Gegen Soboul hat Furet den Einwand erhoben, daß es kaum vorstell- bar sei, eine neue Gesellschaft als das Resultat des Klassen- kampfes von wenigen Jahren (in Frankreich von 1789 bis 1794/95) zu interpretieren. 96) Eine solche Kritik ist Ausdruck eines ver- kürzten Revolutionsverständnisses. "Die Epoche der sozialen Revo- lution" 97) fußt auf der Einheit von Revolution(en) im engeren und im weiteren Sinne. Die Revolution im engeren Sinne umfaßt die historisch in der Regel relativ kurze Etappe der Lösung der Machtfrage (die "politische" Revolution), die von entscheidender Bedeutung für die Weichenstellung der weiteren gesellschaftlichen Entwicklung ist. Dagegen umfaßt die völlige Konstituierung und Konsolidierung der neuen Ordnung (die "soziale" Revolution) einen ungleich längeren Zeitraum. In diesem Sinne deckte in Frankreich die bürgerliche Revolution (im weiteren Sinne) den Zeitraum bis 1870/71. 4. Frankreichs Stellung im Transformationsprozeß ------------------------------------------------ Die epochale Wirkung der Revolution von 1789 98) impliziert die Frage nach den inneren und äußeren Besonderheiten, die Frankreichs historischen Umbruch aus dem Gesamtverlauf und über das "Durchschnittsniveau" des welthistorischen Transformations- prozesses hervorheben. In diesem Zusammenhang von "Weltminute" zu sprechen, erscheint durchaus angebracht, da sich die Bedingungen, unter denen Frankreichs große Revolution verlief, als nicht be- liebig reproduzierbar erwiesen. Ohne die Fülle der Besonderheiten der Französischen Revolution auch nur im geringsten andeuten oder ausschöpfen zu können, 99) sind für das Verständnis der zäsurset- zenden Rolle der Ereignisse ab 1789 vorrangig die folgenden Ge- sichtspunkte in Anschlag zu bringen: 1. Die für Frankreich kennzeichnende Verbindung von klassischem Feudalismus, klassischem Absolutismus, klassischer Leitideologie des 18. Jahrhunderts in Gestalt der Aufklärung, klassischer Revo- lution und Wirkung als Leitrevolution des 19. Jahrhunderts ist nicht willkürlich auflösbar. Diese Kombination (historisch-dia- lektische Einheit) macht Frankreichs unverwechselbaren Platz in der Schlußphase des Übergangs von der feudalen zur bürgerlichen Gesellschaft aus. 100) Dem entsprach ebenso eine historisch ein- malige Reife objektiver und subjektiver Revolutionsbedingungen. Bildlich gesprochen war die klassische Revolution zudem das Pro- dukt einer "klassisch" ausgeprägten Krise des Ancien Regime mit ihren Hauptbestandteilen Finanz-, Handels-, Manufaktur-, Agrar-, Staats- und Ideologiekrise. Nur am Rande sei bemerkt, daß die De- batte um das Wesen der Krise des Ancien Regime kaum weniger hef- tig geführt wird als um die Revolution selbst. Für reformerische Krisenbewältigung gab es, wenn überhaupt, nach dem Sturz von Fi- nanzminister Turgot (1776) keinen Raum mehr. "Klassisch" auf ihre Weise auch die Revolte der Privilegierten, die entgegen den The- sen von einer "Pre-Revolution" weit eher die heillose Zerstrit- tenheit einer altherrschenden Klasse im Moment ihrer existentiel- len Bedrohung demonstrierte 101); und das zu einer Zeit, da die Bourgeoisie den sich ihr auftuenden Manövrierraum weder erkannte noch nutzte. 2. Wenn nach Karl Marx "die Bourgeoisie ... wirklich an der Spitze der Bewegung" 102) das Kriterium darstellt, um von bürger- licher Revolution sprechen zu können, dann hat Frankreichs Revo- lution diesem Erfordernis als einzige voll entsprochen, da es nur in ihr zur "reinen" (ungeteilten) Hegemonie des Bürgertums kam, wogegen die übrigen Revolutionen der Neuzeit (davor und danach) von den vielfältigen Varianten eines positiven (progressiven) oder negativen (regressiven) Klassenkompromisses zwischen Bürger- tum und Adel durch diverse Formen sozialer bzw. institutioneller Hegemoniesubstitution gekennzeichnet waren. 103) Bürgerliche Hegemonie realisierte sich in Frankreich auf den ver- schiedenen Ebenen mit gleich stark ausgeprägter Intensität: öko- nomisch (als am schnellsten akkumulierende Klasse), sozial (im Sinne der Konstituierung als nationale Klasse), kulturell-ideolo- gisch (mit dem Blick auf die emanzipatorische Funktion der Auf- klärung) und schließlich politisch-institutionell (durch Über- nahme der Macht und Schaffung eines bürgerlichen Staates par ex- cellence). 104) Wie die Revolution selbst, so zeigt sich die Hegemonieproblematik nicht gegen schematisierende Deutung gefeit. Hegemonie heißt kei- neswegs unmittelbare Ausübung der politischen Gewalt durch den "Durchschnitts"bourgeois; den "Bankier auf der Barrikade" gab es 1789 ebensowenig wie in anderen Revolutionen. Zur Regel gehört vielmehr die partielle Diskrepanz zwischen sozialer und politi- scher Hegemonieklasse, d.h. bürgerliche Hegemonie realisiert sich - wie schon betont - auf, "übersetzte" (im Extremfall indirekte) Weise. Nur so ist verständlich, warum die Jakobiner die b ü r- g e r l i c h e Revolution g e g e n bestimmte Fraktionen des Bürgertums verteidigen und zum Ziel bringen mußten. 3. Bei Ausbruch der Revolution war Frankreichs Bourgeoisie in mehrfachem Sinne eine nationale Klasse: durch ihre Konstituierung über das Gesamtterritorium des Staates, wofür die Zentralisie- rungspolitik des Absolutismus wesentliche Prämissen schuf, ohne damit der bekannten Auffassung zu huldigen, die Revolution habe die Zentralisierungspolitik des Ancien Régime nur "vollendet"; durch ihr Selbstverständnis als führende Kraft der Nation, das auch durch den elitären Egalitarismus der Aufklärung 105) nicht verdeckt werden konnte; und schließlich die Anerkennung der Bour- geoisie als führende Klasse der Nation im Prozeß der revolutio- nären Umwälzung. Im letztgenannten Aspekt lag die Voraussetzung, um die Interessen und Ziele der unterschiedlichen, oft sogar kon- trären Klassen und Schichten in einem "revolutionären Block" zu bündeln, 106) wobei es darum ging, über die Einheit in der Nega- tion (Beseitigung des Absolutismus) hinaus dieses Bündnis für die Konstituierung der neuen Gesellschaft tragfähig zu machen, was sich allerdings schon mit der Wende des 9. Thermidor als proble- matisch erwies. Die Frage, wie unterschiedliche und divergierende Klassenpositio- nen in einer bürgerlichen Revolution auf einen Nenner gebracht bzw. auf ein Ziel fixiert werden konnten, ist von Karl Marx und Friedrich Engels in verschiedenstem Zusammenhang gestellt worden, so z.B. für 1848, für den spanischen Revolutionszyklus, im Zusam- menhang mit den Besonderheiten der englischen oder der deutschen frühbürgerlichen Revolution. Ausführlich wandten sie sich diesem Phänomen unter theoretischem wie praktischem Gesichtspunkt be- reits in der "Judenfrage", der "Kritik der Hegelschen Rechtsphi- losophie", der "Deutschen Ideologie" und der "Heiligen Familie" zu. Zentraler Bezugspunkt war der Grundwiderspruch von I d e e und I n t e r e s s e in einer bürgerlichen Revolution. Auf den Kern gebracht, bestand das Wesen der Idee (der I l l u s i o n) in der Fähigkeit der zur Übernahme der politischen Herrschaft be- rufenen Klasse, d.h. der Bourgeoisie, ihre (Klassen-)Interessen als übergreifendes, gleichsam wertfreies ("höheres") G e- s a m t i n t e r e s s e der Nation zu artikulieren. 107) Die militante Streitschrift des Abbé Sieyès über den Dritten Stand und seinen Führungsanspruch kann dafür als Schlüsseldokument gelten. Ihr historischer Vorläufer, die "Petition of Rights" des Jahres 1629, nimmt sich dagegen mehr als bescheiden aus. Von Dauer und Intensität dieses (stets zeitweiligen und relativen) Zusammenfalls von Idee und Interesse hing auf entscheidende Weise die historische Durchschlagkraft einer bürgerlichen Umwälzung ab. Es sind offensichtlich nicht nur die Historiker, sondern ebenso die Protagonisten der Revolution, die "speziell bei jeder ge- schichtlichen Epoche die I l l u s i o n e n d i e s e r E p o c h e teilen müssen". 108) Unter Illusion (= Idee) ver- standen Marx und Engels keine alltägliche Täuschung oder bloßen Betrug, sondern die weltgeschichtliche Selbsttäuschung a l l e r die Revolution prägenden Klassen. Insofern ist es berechtigt, von einer h e r o i s c h e n Illusion zu sprechen, ohne deren Exi- stenz und Wirkung die Rolle von 1789 als Leitrevolution der neuen Epoche unverständlich bliebe. Dank der von M. Vovelle aufgearbei- teten Zeugnisse über die "Mentalité révolutionnaire" beginnt sich die volle Breite und Ausdrucksvielfalt der heroischen Illusion in den Jahren 1789 bis 1794/95 zu erschließen. 109) Unter der Fülle der Äußerungen sei nur auf die integrierend mobilisierende Funk- tion der "Fetes nationales" verwiesen. Das in der heroischen Il- lusion enthaltene utopische Element fand seinen prägnantesten Ausdruck im idealisierten Rückgriff auf die Antike, zentriert um den Begriff der Vertu. Saint-Just faßte das antik-utopische Ideal in die Worte: "Que les hommes révolutionnaires soient des ro- mains!" Dazu der Kommentar in der "Heiligen Familie": "Welche ko- lossale Täuschung, die moderne, bürgerliche Gesellschaft ... in den M e n s c h e n r e c h t e n anerkennen und sanktionieren zu müssen und zugleich die L e b e n s ä u ß e r u n g e n die- ser Gesellschaft hinterher an einzelnen Individuen annullieren und zugleich den p o l i t i s c h e n K o p f dieser Gesell- schaft in a n t i k e r Weise bilden zu wollen!" 110) Zweifel- los stellte der Jakobinismus an der Macht die höchste und konse- quenteste Ausprägung der heroischen Illusion in der Epoche der bürgerlichen Revolution dar. Illusion hieß aber zugleich, Hoff- nungen und Erwartungen in eine Klasse zu setzen, die diese nicht erfüllen konnte: Das subjektive Moment dominierte für bestimmte Zeit über das objektive und setzte außergewöhnliche Energien für die gesellschaftliche Transformation frei. Idee hieß für Marx und Engels keineswegs Idealisierung oder My- thologisierung der Revolution (unabhängig davon, daß die Revolu- tion ihren eigenen, im Kult des Höchsten Wesens kulminierenden, Mythos hervorbrachte). Notwendigkeit - bildlich gefaßt: die Rolle der Selbsttäuschung als historische Triebkraft -, aber auch Gren- zen jener geschichtsumwälzenden Einheit von Idee und Interesse haben Marx und Engels eindeutig formuliert: "Keine Klasse der bürgerlichen Gesellschaft kann diese Rolle spielen, ohne ein Mo- ment des Enthusiasmus in sich und in der Masse hervorzurufen, ein Moment, worin sie mit der Gesellschaft im allgemeinen fraterni- siert... und als deren a l l g e m e i n e r Repräsentant emp- funden und anerkannt wird, ein Moment, worin ihre Ansprüche und Rechte in Wahrheit die Rechte und Ansprüche der Gesellschaft selbst sind, worin sie wirklich der soziale Kopf und das soziale Herz ist. Nur im Namen der allgemeinen Rechte kann eine besondere Klasse sich die allgemeine Herrschaft vindizieren." 111) Analog dazu heißt es in der "Deutschen Ideologie": "Die revolutionäre Klasse tritt von vornherein, schon weil sie einer K l a s s e gegenübersteht, nicht als Klasse, sondern als Vertreterin der ganzen Gesellschaft auf, sie erscheint als die ganze Masse der Gesellschaft gegenüber der einzigen, herrschenden Klasse." 112) Eine Randbemerkung ergänzt: "Die Allgemeinheit entspricht der Illusion der g e m e i n s c h a f t l i c h e n Interessen (am Anfang diese Illusion wahr). 113) Als Ausdruck der "gemeinschaftlichen Interessen" kann die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte am 26. August 1789 gelten. Seinen ersten Riß er- hielt der Interessengleichklang mit der Verfassung von 1791, wei- tere Stationen des fortschreitenden und schließlich endgültigen Auseinander-driftens von Idee und Interesse schienen im Denken und in den Aktionen der Jacqueroutins und der Gleichen um Babeuf auf. Was am Ende blieb, war die Hoffnung: "Die Französische Revo- lution ist nur der Vorbote einer anderen, noch viel größeren, viel feierlicheren Revolution, die die letzte sein wird." 114) Der dualistische Charakter des bürgerlichen Fortschritts offen- barte sich in der Tatsache, "daß jede Klasse, sobald sie den Kampf mit der über ihr stehenden beginnt, in den Kampf mit der unter ihr stehenden verwickelt ist." 115) Als dieser Kampf voll ausbrach, war jedoch die Hauptaufgabe der Revolution, die Besei- tigung der feudalabsolutistischen Gesellschafts- und Machtstruk- turen, auf exemplarisch-klassische Weise gelöst. 4. Ihre außergewöhnliche politisch-soziale Dynamik gewann die Re- volution aus der Volksbewegung, deren Säulen die städtisch-plebe- jischen und die bäuerlichen Volksklassen abgaben. Nicht unbegrün- det ist in diesem Zusammenhang der besondere Stellenwert der Frauen als Triebkraft und Krisenbarometer der Revolution betont worden. 116) Die dominierende antifeudale Komponente hat Albert Soboul wiederholt veranlaßt - und A. V. Ado lieferte dafür den empirischen Nachweis 117) -, von einer "bürgerlich-bäuerlichen Revolution" zu sprechen. Tatsächlich bieten die strukturellen Veränderungen im Agrarsektor, deren Charakter über Fortexistenz oder Verschwinden des Ancien Regime entscheiden mußte, ein lehr- reiches Beispiel dafür, wie schwer es der jeweils machtausübenden Fraktion in Nationalversamlung, Legislative oder Konvent fiel, die weitgehend spontan handelnde Basis unter politischer Kon- trolle zu halten, d.h. zu "hegemonisieren". Sowohl die Agrarge- setze vom August 1789, die "girondistischen" Agrardekrete des Herbstes 1792 (14. bis 28. August), als auch die jakobinische Agrargesetzgebung vom Sommer 1793 (17. Juni) schrieben eigentlich in den Kerngebieten der Revolution nur post festum die auf dem Lande faktisch schon durchgesetzten oder in Durchsetzung begrif- fenen Umwälzungsprozesse fest. In gewisser Hinsicht vollzog Frankreich eine Revolution, die als erste im Kreis der erfolgreichen Revolutionen in vollem Umfange die Bezeichnung antifeudale Revolution verdient. 118) Ein Blick zurück: In den Niederlanden gab es kein tiefverwurzeltes tradi- tionelles Feudalsystem; die weitestgehend freibäuerlich bestimmte Ökonomie hatte sich schon lange vor der Unabhängigkeitsrevolution dem frühen Kapitalismus geöffnet; die feudale Hypothek der Süd- provinzen wurde im Ergebnis einer staatlich-nationalen Spaltung abgeworfen. Als England in die Revolution des 17. Jahrhunderts eintrat, hatte das Land eine fast zweihundertjährige "Agrarrevolution" hinter sich, die dem Feudalismus auf dem Lande zum erheblichen Teil (wenn auch durchaus nicht vollständig) den Garaus gemacht hatte. Ob dieser Prozeß als klassischer Aufstieg des Kapitalismus (so die Akzentsetzung bei Karl Marx) oder als klassischer Niedergang des Feudalismus (so die Meinung von Jürgen Kuczynski) interpretiert wird, mag reine Ansichtssache bleiben. Was zählt, ist die Tatsache, daß der Schwerpunkt der englischen Revolution im politisch-institutionellen Bereich (Beseitigung des Absolutismus) lag, während sich der Prozeß der "Verbürgerlichung" in wirtschaftlicher Basis und Sozialstruktur schon vor der Revo- lution voll entfaltet hatte. Bleibt schließlich noch auf die Re- volution der USA zu verweisen. Sowohl die weitgehend bürgerlichen Ausgangsbedingungen der Kolonisation als auch die Struktur der kolonisierten Gebiete ließen eine vom traditionellen europäischen Feudalismus freie Gesellschaft entstehen; selbst die Sklaverei als eine "Anomalie" des Kapitalismus spielte bis zur Revolution eine untergeordnete Rolle. 119) Frankreichs vorrevolutionäre Situation war grundsätzlich anders beschaffen. Das Strukturproblem Nr. 1 bestand im "Widerspruch zwischen dem generellen Fortschritt des Kapitalismus und der Auf- rechterhaltung der Feudalrechte und des Bodenzinses". 120) Für die französischen Nationalversammlungen waren die "Droits feo- daux" und das "Complexum feodale" keine Chimäre, sondern die Masse der Bevölkerung bedrückende soziale Realität. So ist es nur logisch, daß die erwähnten Versuche, die Revolution zum Mythos zu erklären, die Notwendigkeit einer Leugnung von feudaler Abhängig- keit am Ausgang des Ancien Regime zur Folge haben. 121) Ein Ver- gleich der vor- und nachrevolutionären Besitzstruktur auf dem Lande verdeutlicht, daß die Bauern (speziell deren Ober-und Mit- telschichten) einen bemerkenswerten, letztlich aber keineswegs überdimensionierten Zugewinn auswiesen. Immerhin machte das bäu- erliche Eigentum vor 1789 schon etwa 40% aus. Der so oft für die Schwächen des französischen Kapitalismus in die Verantwortung ge- setzte "Parzellenbauer" erweist sich also nicht als eine Schöp- fung erst der Revolution. Die Hauptstoßrichtung des antifeudalen Kampfes zielte nicht auf zusätzlichen Bodenerwerb (obwohl die Konflikte um die Communaute rurale durchaus davon gekennzeichnet waren), sondern auf die Entfeudalisierung des schon in bäuerli- chem Besitz befindlichen Bodenanteils. 122) Dank ihrer Agrarge- setzgebung gewann die Revolution und die aus ihr hervorgehende bürgerliche Gesellschaft eine stabile bäuerliche Massenbasis, aus der in der Folge vor allem der Bonapartismus Nutzen zog. Ungleich komplizierter als die Beziehung Agrarstruktur - bäuerli- che Bewegung - Revolution stellte sich das Verhältnis des Bürger- tums zum städtisch-plebejischen Fundament der Revolution dar. Eine erhebliche soziale Besserstellung der städtischen Unterschichten vermochte die Revolution nicht zu erbringen. 123) Im Gegenteil: Der Wirtschaftsliberalismus der ersten und zweiten Revolutionsphase begünstigte vorwiegend das große und mittlere Bürgertum. Schon das Kleinbürgertum, das den sozialen Kern des Jakobinismus ausmachte, erfuhr die frühen Folgen des sich etablierenden Systems der freien Konkurrenz. Was im Verhalten des Kleinbürgertums gelegentlich als "Antikapitalismus" interpretiert wird, erweist sich bei genauem Hinsehen als der historisch zum Scheitern verurteilte Versuch, dem aufkommenden Laissez-faire- Kapitalismus eine demokratisch-egalitäre Variante bürgerlicher Entwicklung entgegenzusetzen, wofür Robespierre seine Thesen über die soziale Bedingtheit von Eigentum entwarf, die prompt der Ablehnung verfielen. Nach der Aufgliederung der nach dem Buchstaben der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte "glei- chen" Individuen in Aktiv- und Passivbürger durch die Verfassung von 1791 war es vor allem das Gesetz Le Chapelier (15. Juni 1791), das die Grenzen der neuen Ordnung gegen unten absteckte. 124) Es ist deshalb kein Zufall, daß sich der radikalste Ausdruck städtisch-plebejischen Selbstverständnisses im Anspruch auf di- rekte, d.h. auf die Pariser Sektionen und Volksgesellschaften ge- stützte, Demokratie manifestierte. Diese Dimension der Revolution überschritt am Ende sogar den Horizont des radikalen Jakobinis- mus. In Gestalt der "Äußersten Linken", 125) deren Kern wiederum die Enrages um Jacques Roux abgaben, verfügte die Revolution über ein dynamisches Ferment, das die Grenzen im Klassencharakter des gesellschaftlichen Umbruchs bloßlegte. Das "Manifest der Enrages" 126) brachte die Eigenständigkeit der Volksbewegung auf program- matische Weise zum Ausdruck und zielte auf die "Idee eines neuen Weltzustandes", 127) jenseits besitzbürgerlicher Wertvorstellun- gen. Bis zur Konstituierung der proletarischen Komponente in den Revo- lutionen von 1830 und 1848 bildete die Revolution von 1789 das Ereignis mit der ausgeprägtesten Volksbewegung. Auch die vorange- gangenen Revolutionen hatten ihre Äußerste Linke (Komitees der Achtzehn in den Niederlanden, Leveller und vor allem Digger in England, radikale Vertreter der Sons of Liberty in den USA), ohne jedoch ein vergleichbares Maß an prägendem Einfluß und politi- scher Mobilisierung der Volksklassen zu erreichen. Die Französi- sche Revolution war in dem Sinne eine Volksrevolution, daß der "Menu peuple" die Revolution nicht nur stützte oder "ertrug", sondern mit eigenen Aktionen und Zielsetzungen den revolutionären Prozeß prägte und ihn vorantrieb: Die großen Journées der Revolu- tion zeugen davon. Sie legen zugleich dem Historiker den zwingen- den Schluß auf, daß bürgerliche Revolution ungleich mehr bedeutet als Revolution der Bourgeoisie oder für die Bourgeoisie; ihre hi- storische Dimension mißt sich nicht weniger am Freiraum, den die Volksklassen in sozialer und politischer Hinsicht durchzusetzen vermochten. Eben dieses Kriterium, abgeleitet aus der Gesamtheit der in der Revolution intervenierenden Komponenten, hebt Frankreichs Revolution weit über den Pegel der "normalen" bürger- lichen Revolutionen hinaus. 5. Anders als die vorangegangenen Revolutionen, die peripher oder insular eingegrenzt blieben und die bedeutendsten (systemtragen- den) Feudalstaaten fast unberührt ließen - auch wenn Kardinal Mazarin seit der Hinrichtung Karls I. von England alle europä- ischen Monarchen an Leib und Seele gefährdet sah 128) -, wuchs sich die Französische Revolution zur Existenzfrage für Adels- herrschaft, Feudalität und Absolutismus aus: Das Jahr 1789 öffnete endgültig den Weg in das bürgerliche Zeitalter. Auf viel- fältige Weise wirkte die Revolution über die Grenzen ihres Ur- sprunges hinaus - durch die ansteckende Wirkung der Ideen "dieses größten und interessantesten aller Dramen, die jemals auf dem Weltschauplatz gespielt wurden", 129) das unmittelbare Hinüber- springen des revolutionären Funkens (wie im Falle der Mainzer Re- publik oder der italienischen Jakobiner), die mittelbare Wirkung auf bäuerliche und bürgerliche Insubordination, schließlich durch den großen Krieg seit 1792 bis zum Sturz des napoleonischen Em- pire. Mochte auch der Charakter der französischen Revolutions- kriege spätestens seit dem Directoire zunehmend in Expansionismus und Vormachtstreben umschlagen, so blieb ihre direkte oder unter- schwellige antifeudale Sprengkraft weitgehend erhalten. Aufrich- tung der französischen Macht erwies sich stets an ein Minimum von bürgerlichen Reformen gebunden, eine Erfahrung, die unaustilgbare Spuren hinterließ. Selbst der politische und militärische Triumph der Siegermächte über das postrevolutionäre napoleonische Frankreich konnte den entscheidenden Fakt nicht aus der Ge- schichte verbannen: Um Frankreich besiegen zu können, mußten sich die feudal-monarchischen Gegenstaaten dem Prozeß der Reformen und der partiellen strukturellen Umgestaltung öffnen, einer Entwick- lung, die Preußen paradigmatisch ab 1806 vollzog. 6. Ab der Epochenwende von 1789 datiert die "bürgerliche Moderne" in der Vielfalt ihrer Ausdrucksformen, die in ihrer Summe einen Staat neuen Typs, den bürgerlichen Nationalstaat, prägten: 130) Vom politischen System über das Rechtswesen in Gestalt des Code Napoleón, der seinen Schöpfer bis in die Gegenwart überlebte, bis hin zum neuen politisch-gesellschaftlichen Vokabular, dem moder- nen Revolutionsbegriff und den neuen ethischen und ästhetischen Normen in Malerei, Architektur, bildender Kunst, Musik, Litera- tur, Philosophie. Nicht zuletzt die politischen Parteiungen und Parteibegriffe weisen in ihrem Ursprung auf die Französische Re- volution zurück. Wie schon in den einleitenden Bemerkungen skiz- ziert, standen die Ideenkämpfe des gesamten 19. Jahrhunderts vor- rangig im Zeichen des Ringens um das Erbe von 1789. Eine solche politisch-psychologische Tiefenwirkung hinterließ keine der vor- angegangenen Revolutionen und danach - schon mit Abstrichen - die europäische Revolution von 1848. Sowohl die liberal-bürgerliche als auch die in den dreißiger Jahren intensiv einsetzende demo- kratisch-proletarische Rezeption legen Zeugnis ab vom zentralen geistigen Stellenwert der Ideen von 89 und 93. 131) Rückbesinnung auf die große Revolution hieß stets Befragung im Lichte der je- weiligen zeitgenössischen Situation und ihrer unmittelbaren prak- tisch-politischen Bedürfnisse. 7. Zu einem Zeitpunkt, da die Revolution von innen wie von außen unwiderruflich besiegt schien und der Legitimitätsanspruch der Heiligen Allianz die Idee des Status quo ante beschwor, lebten die Prinzipien von 1789 in einer Welle von Nachfolgerevolutionen weiter, 132) die von Spanien und Portugal im Westen bis Rußland und Polen im Osten, von Schweden im Norden bis Italien und Grie- chenland im Süden reichte und ihre Wurzeln in Mittel- und Südame- rika von Mexiko bis Chile und zur Banda Oriental (Uruguay) schlug. So erfüllte sich Schritt für Schritt die Vision Robe- spierres: "Möge Frankreich, das ehemals bei den versklavten Län- dern hochberühmte, das alle bestehenden Völker an Ruhm überstrah- lende, möge Frankreich das Vorbild der Nationen werden, der Schrecken der Bedrücker, der Trost der Bedrückten, die Zierde des Weltalls." 133) Auch die nachfolgenden revolutionären Wellen von 1830 über 1848 bis in die sechziger Jahre und die neue histori- sche Wende von 1871 trugen in vielem den Stempel des großen Vor- bildes. Zu denen, die die nachhaltige Wirkung von 1789 und 1793 nie verleugnet haben, gehörten Karl Marx und Friedrich Engels. Für den Zeitgenossen der Revolution teilte sich der Lauf der Ge- schichte eindeutig in die Epoche vor und nach 1789. Das neue Epo- chegefühl stellte sich weit eher ein, da es Goethe seinem Ver- trauten Eckermann aufs Blatt diktierte. 134) "Man fängt an zu lernen", meinte Johann Gottlieb Fichte 1793 in seinen Beiträgen zur Berichtigung der Urteile über die Französische Revolution. 135) Dieser historische Lernprozeß, den Anhänger wie Gegner der Revolution durchliefen, überdauerte den Abstieg des Citoyen zum profitbewußten Bourgeois, die Kapitulation der Idee vor dem In- teresse, und er setzte die Kraft frei, an den Idealen der großen Revolution auch dann noch festzuhalten, als die bürgerliche Klasse längst auf die andere Seite der Barrikade gewechselt war. 5. Doppelrevolution und neue Alternativen bürgerlicher Umwälzung ---------------------------------------------------------------- Zu den entscheidenden Folgewirkungen der Französischen Revolution gehörte der Durchbruch neuer Alternativen der gesellschaftlichen Transformation, 136) als deren wesentlicher Inhalt das qualitativ und quantitativ veränderte Verhältnis von Revolution und Reform, d.h. die neue Konstellation der W e g e p r o b l e m a t i k, angesehen werden kann. Seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts begannen sich grundsätzlich veränderte Voraussetzungen für den weiteren Prozeß der bürgerli- chen Umwälzung herauszukristallisieren. Sie resultierten aus der dialektischen Einheit von politisch-sozialer Revolution (in Frankreich) und ökonomisch-technologischer Revolution (in Eng- land) und ihrer unaufhaltbaren Wirkungen als D o p p e l r e- v o l u t i o n. Diese neue welthistorische Konstellation in den Voraussetzungen und Bedingungen für die bürgerliche Umwälzung veränderte Charakter und Erscheinungsformen der Revolution, er- öffnete zugleich aber die Möglichkeit reformerischer Transfor- mation. 1. Hinsichtlich des neuen r e v o l u t i o n ä r e n W e g e s handelte es sich um das rasche Wachsen in die Breite und in die Tiefe. Mit der Französischen Revolution trat der bürgerliche Fortschritt aus seiner bisherigen peripheren und insularen Iso- lierung heraus. Die Durchsetzung der bürgerlichen Ordnung wurde zum epocheprägenden Phänomen, sie bestimmte die Grundtendenz der historischgesellschaftlichen Entwicklung. Bürgerliche Umwälzung setzte sich nicht linear durch, sondern über eine Fülle struktu- reller, stadialer, regionaler und nationaler Verwerfungen und Ge- fälleerscheinungen. Ein derartiges Gefalle bestand in unter- schiedlicher Graduierung nicht nur von West nach Ost (wie R. R. Palmers Theorie der atlantischen Revolution voraussetzt), sondern generell vom "Zentrum" (Niederlande, England, Frankreich) aus auch gegen den Norden (Skandinavien), den Süden und Südosten (Italien, Balkan) und den äußersten Westen (Spanien, Portugal). Einen besonderen Platz in dem sich herausbildenden Beziehungsge- füge nahm die außereuropäisch-koloniale "Peripherie" ein, die in- folge ihrer Objektfunktion im System der internationalen Arbeits- teilung bürgerlich-kapitalistische Entwicklungsansätze nur rudi- mentär oder deformiert ausbildete. Am deutlichsten ist für die ersten Dezennien des 19. Jahrhunderts die duale Wirkung der Dop- pelrevolution außerhalb Europas am Beispiel Lateinamerikas nach- weisbar. Während Frankreichs politischsoziale Revolution in tief- greifender Weise das Denken und Handeln der , 'Generation von 1810" beeinflußte und diese Revolution zu einem der auslösenden Faktoren der Independencia wurde, erwies sich Englands industri- elle Revolution und dessen daraus resultierende neue Stufe der kommerziellen und finanziellen Expansion als das wichtigste Vehi- kel für die nun einsetzende indirekte Rekolonisation Lateinameri- kas. Frankreichs Revolution wirkte in ihrer Dreidimensionalität: als n a t i o n a l e ("französische"), k o n t i n e n t a l e ("europäische") und g l o b a l e ("universale") Revolution. Das Wachstum der bürgerlichen Revolution in die Breite - erst das 19. Jahrhundert wurde das eigentliche , Jahrhundert der bürgerli- chen Revolution" 137) - verband sich mit einer zunehmenden typo- logischen Auffächerung. 138) Neben dem "Typ Frankreich 1789" als Prototyp der bürgerlichen Revolution ("Revolution im Feudalismus gegen den Feudalismus") traten andere stadiale Formen der Revolu- tion: die Revolution vom "Typ Frankreich 1830 bzw. 1848" als "Revolution im Kapitalismus für den Kapitalismus" mit dem Ziel, eine schon etablierte bürgerliche Ordnung in ihrer Konsolidierung voranzubringen, oder die Revolution vom "Typ Deutschland 1848" ("auf dem Wege zum Kapitalismus"), die darüber entschied, ob eine auf reformerischem Wege eingeleitete bürgerliche Umwälzung (in Preußen seit 1806) auf reformerisch-konservative oder revolutio- när-demokratische Weise zu Ende geführt und endgültig verankert wird. Unter besonderer Berücksichtigung der Agrarfrage lassen sich in der neuzeitlichen Revolutionsgeschichte drei Varianten des revo- lutionären Weges herausarbeiten: der e n g l i s c h e, der a m e r i k a n i s c h e und der f r a n z ö s i s c h e Weg. Es handelt sich dabei nicht um nationale, sondern historisch- strukturelle Grundtypen; "national" sind die Wege nur insofern, daß sie sich in den genannten Ländern auf besonders klare ("reine") Weise durchsetzten. Was den französischen Weg deutlich von den anderen Wegetypen abhob, war nicht schlechthin seine re- volutionäre, sondern die d e m o k r a t i s c h - revolutionäre Qualität. 139) Die Frage, ob Frankreichs Übergang von der feuda- len zur bürgerlichen Ordnung auf revolutionärem oder reformeri- schem Wege vollzogen wird, war weder mit der Konstituierung der Nationalversammlung, noch mit dem Sturm auf die Bastille ausge- fochten. Noch die Beschlüsse der Nationalversammlung vom 4. bis 11. August 1789 - eindeutig von einem gemäßigt-liberalen Physio- kratismus bestimmt - ließen den von den Tiers nicht nur gebillig- ten, sondern bejubelten Willen des Reformadels erkennen, die Agrarfrage durch Ablösung, d.h. auf reformerischem Wege, zu lö- sen. Erst die Intervention der Plebejer von Paris, die sich in der Grande Peur entladende Energie der Bauernbewegung und die von der Munizipalrevolution vorangetriebene Etablierung bürgerlicher Macht "von unten" her brachten die Revolution über den kritischen Punkt der ersten Phase hinweg. Die zyklische Entwicklung vom ad- lig-bürgerlichen Liberalismus über den Republikanismus der Gi- ronde bis zur kleinbürgerlich verankerten Demokratie kulminierte unter den Jakobinern. Im Ergebnis dieses Prozesses wurden die An- sätze und Tendenzen einer reformerischen Lösung endgültig zu Gun- sten der Durchsetzung des revolutionären Weges überwunden, und zwar in einem solchen Maße, daß selbst die nachfolgende Restaura- tion die neuen Strukturen nicht mehr aus den Angeln zu heben ver- mochte. Von Albert Soboul 140) ist wiederholt die Rolle der klei- nen Warenproduzenten für die Durchsetzung des revolutionären We- ges betont und nachgewiesen worden; er hat damit die suggestive These von Jürgen Kuczynski 141), ob wirklich anzunehmen sei, die Volksmassen hätten den Feudalismus beseitigt, um mit dem Kapita- lismus ihren künftigen Ausbeuter in den Sattel zu heben, beant- wortet, lange bevor sie formuliert wurde. Die Realgeschichte der Revolution - damit die Problematik der Formationsablösung in ih- rer Gänze - erweist sich als komplizierter. Das für alle bürger- lichen Revolutionen nachweisbare Spannungsverhältnis von Ökonomie und Politik trifft für Frankreich auf besondere Weise zu. Die auf dem Höhepunkt der Revolution eingeführten Elemente des Wirt- schaftsdirigismus bildeten keinen organischen Bestandteil der ja- kobinischen Gesellschaftsvision, die auf der Utopie einer egali- tären Gemeinschaft frei wirtschaftender kleiner Warenproduzenten ("eine Nation von Eigentümern") fußte 142), sondern stellten eine Folge der extremen inneren wie äußeren Ausnahmesituation Frankreichs dar und mußten überdies die existenziellen Bedürf- nisse der Sansculotterie befriedigen. Auf Dauer zeigten sich selbst die radikalsten Jakobiner nicht geneigt, das "Streitroß der Bourgeoisie" (J.-R. Suratteau), die Wirtschaftsfreiheit, zu schlachten. Allerdings trafen in der Revolution, wie A.V. Ado formulierte 143), zwei Konzeptionen von Kapitalismus aufeinander: der auf dem Primat von Kleineigentum und einfacher Warenproduk- tion faßende Capitalisme paysan mit mehr oder weniger ausgepräg- ten egalitären Grundzügen, und der liberale, offen profitorien- tierte und auf Eigentumskonzentration zielende Capitalisme bour- geois. Das Problem lag also nicht - wie z.B. Volker Hunecke oder Nicos Poulantzas vermuteten - im "Antikapitalismus" der kleinen Warenproduzenten, deren Niederlage aus dieser Sicht die Bedingung für den Sieg der Revolution gewesen wäre, sondern in der Unver- meidbarkeit zwischen zwei unterschiedlichen Optionen für den Ka- pitalismus, einer demokratischen und einer liberalen Variante. Der lebhaft diskutierte "Sieg der Bauern über die physiokratische Revolution" 144), den französischen Modus des englischen Weges, gehört damit in die Vorgeschichte dieser Konfliktsituation. Im zeitweiligen Triumph der von den Jakobinern (genauer: den Robe- spierristen) verkörperten demokratischen Variante, die sich zwar politisch, aber nicht ökonomisch durchsetzte, lag die wesentlich- ste Bedingung für die Beseitigung der Feudalität in allen ihren Erscheinungsformen. Wenn also bürgerliche Revolution und revolu- tionärer Weg nicht auf bloße ökonomische Parameter reduzierbar sind - diese Tendenz spielt bei der anhaltenden Auseinanderset- zung um die "Rückständigkeit" des französischen Kapitalismus eine beträchtliche Rolle 145) -, ihren Sinn dagegen in der T o t a l i t ä t aller die Transformation bestimmenden Elemente besitzen, dann ist der französische Weg vor allem gekennzeichnet durch die optimale Freisetzung der politischen und sozialen Transformationspotenzen. Demgegenüber zeigt der Vergleich mit England, in welchem Maße das beeindruckende ökonomische "Take off Frankreichs ab 1789 durch Expansion, Dauerkrieg und Blockade de- naturiert und fehlgelenkt wurde. Gewiß trug die Tatsache dieses Optimums an politischer und sozialer Demokratie wesentlich dazu bei, daß der sich rasch verfestigende Antagonismus Bourgeoisie - Volk, erstmals in den Aufständen des Germinal und Prairial von 1795 ausgefochten, am Zusammenbruch der heroischen Illusion und der Ablösung des revolutionären Citoyen durch den bourgeoisen Plusmacher besonders dramatische Züge annahm. Anspruch, Möglich- keit und Wirklichkeit kollidierten in der großen Revolution in einer Weise, die ihre Spuren in allen Sphären des gesellschaftli- chen Lebens über das ganze 19. Jahrhundert hinterließ, Revolutio- näre wie Konterrevolutionäre traumatisierte und bis in die Gegen- wart die Debatte um 1789 und die Alternativen gesellschaftlicher Entwicklung prägt 146). 2. Worin bestand die neue Qualität des r e f o r m e r i- s c h e n W e g e s? Reformen und Reformpolitik gab es schon vor der Französischen Revolution. Schließlich war der aufgeklärte Absolutismus in seinem Wesen Reformabsolutismus 147), der sich je nach politischer Schwerpunktsetzung als Reformabsolutismus herr- schaftlichen Typs ("Prince éclairé") oder ministeriellen Typs ("Ministre éclairé") einordnen läßt. Eine solche Entwicklung erwies sich als möglich in bestimmten Ländern unter Bedingungen, daß das Bürgertum infolge objektiver und subjektiver Schwäche den Aufstieg nicht gegen, sondern innerhalb des bestehenden Systems zu vollziehen suchte. Die Reformpolitik des aufgeklärten Absolutismus scheiterte in den meisten Ländern in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre des 18. Jahrhunderts; den Schlußstrich unter den Reformwillen absoluter Herrscher setzten das Jahr 1789 und seine Folgen. Bis zur Französischen Revolution erwies sich der "reformerische Ausstieg" aus dem Feudalismus als unrealisierbar, unternehmerischen Ansätzen und Absichten der Adelsklasse zum Trotz, was keineswegs die These stützt, das dyna- mische Potential habe primär beim aufgeklärt-liberalen Adel und weniger beim Bürgertum gelegen. In funktionaler Hinsicht gilt es bei der Verwendung des Begriffs Reform als konstitutivem Element gesellschaftlicher Entwicklung zwischen zwei Kategorien zu entscheiden: Reformen systemstabili- sierender, systemmodifizierender und systemsprengender (oder -überwindender) Natur. So wie zwischen Revolution und Reform keine chinesische Mauer bestand, da keine Region und kein Land nur auf revolutionärem Wege oder nur reformerischem Wege die bür- gerliche Umwälzung vollzog, lassen sich auch die drei genannten Kategorien von Reform nicht schematisch gegeneinander abgrenzen. Das gilt vor allem für die Reformen systemmodifizierender Natur, die sowohl einer Systemstabilisierung dienen konnten als auch un- ter bestimmten historischen Voraussetzungen die Öffnung in Rich- tung Systemanpassung oder Systemüberwindung vorbereiteten. Die im Rahmen der Leipziger Forschungen laufenden quantitativen Analysen zur Bevölkerungsregulierung am Ende des 18. und in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts 148) erlauben den Schluß, daß dieselben Per- sönlichkeiten und ihre mathematisch-statistischen Methoden, die vor der Französischen Revolution im Dienste einer proabsolutisti- schen Systemstabilisierung durch Modifikation angewandt wurden, nach der Revolution eine politisch-strategische Rolle bei der An- passung ihrer Machtbereiche an die neue Situation gespielt haben. Von weiterführenden gesicherten Erkenntnissen steht Auskunft über das Phänomen der P r ä f i g u r a t i o n bürgerlicher Umwäl- zung zu erwarten, d.h. des Einflusses, den der Charakter eines bestimmten feudalabsolutistischen Systems ("Muttermale des Feuda- lismus" könnte man in Abwandlung von Karl Marx sagen) auf die Spezifik der folgenden revolutionären oder/und reformerischen Um- wälzung nimmt. Selbst die radikalste Revolution - auch die "französischen Typs" - setzt keine Stunde Null für die weitere gesellschaftliche Entwicklung, sondern steht vielmehr in einem ebenso komplizierten wie vielschichtigen Bedingungsgefüge von Bruch und Kontinuität, woraus sich wiederum die Absurdität der Fragestellung "Revolution - Zufall oder Notwendigkeit" ergibt. Angesichts der neuen politisch-sozialen, institutionellen und ideologischen Kräftekonstellation, verbunden mit der Entfaltung einer neuen ökonomischen Dynamik, sahen sich die altherrschenden Klassen in den von Auswirkungen der Doppelrevolution unmittelbar oder mittelbar betroffenen Staaten zu Anpassung und Neuorientie- rung gezwungen. Auf Dauer erwies sich als unmöglich, der histori- schen Herausforderung nur durch militärische Abwehr, politische Reaktion oder ideologische Abwehrhaltung zu begegnen. Selbst der Erfolg der "Reaktion" hing von der Fähigkeit zur "Regeneration" 149) ab. Das Wesen der notwendig werdenden Anpassung bestand darin, unter neuen Epochebedingungen sich auf die Gesetze der ka- pitalistischen Ökonomik einzustellen, dem bürgerlichen Fort- schritt die revolutionäre Spitze zu nehmen und das eigene Macht- monopol zu bewahren oder mit dem Bürgertum in einer Weise zu "feilen", ohne den Primat der Grundbesitzerklasse preiszugeben. Erst unter den Auspizien der Doppelrevolution seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts wurde der reformerische Weg zu einer realen Perspektive gesellschaftlicher Entwicklung im Prozeß des Über- gangs vom Feudalismus zum Kapitalismus. Inwieweit die skandinavi- sche Peripherie auszuklammern bleibt (der "skandinavische Weg"), soll hier nicht erörtert werden 150). Es handelt sich folglich beim reformerischen Weg nicht um eine deformierte oder irgendwie abartige Form gesellschaftlicher Transformation, sondern eben um eine der z w e i G r u n d v a r i a n t e n kapitalistischer Entwicklung, nachdem die Frage Wer - wen? durch die Doppelrevolu- tion in epocheprägender Weise entschieden, der Point of no return eindeutig überschritten war. Damit veränderten sich Charakter, historischer Stellenwert, Zielstellung, Ergebnisse, aber auch die gesellschaftlichen Träger der Reformen in entscheidender Weise gegenüber den Versuchen reformerischer Politik in der spätabsolu- tistischen Phase. In diesem Sinne besteht keine organische Konti- nuität zwischen vor- und nachrevolutionärer Reformpolitik, was nicht ausschließt, daß - wie skizziert - Vorgedachtes nach der großen Revolution realisiert werden konnte. Worauf es ankommt, ist das Faktum der qualitativ neuen historischen Realisierungsbe- dingungen. Eine unauflösbare Verbindung von Revolution - der er- folgreichen, wie der steckengebliebenen (wiederum nach Antonio Gramsci: "Rivoluzione mancata") und der gescheiterten - und Re- form bestand folglich im allgemeinen wie im besonderen Sinne: Ge- nerell durch die Notwendigkeit der revolutionären Epochenzäsur als unabdingbare Voraussetzung (Herausbrechen des entscheidenden - keineswegs schwächsten - Kettengliedes der feudalabsolutisti- schen Staatenwelt) und durch die Dialektik von Revolution und Re- form im jeweiligen Lande. Nach 1789 bildete die Revolution zwar immer noch das bestimmende Bewegungselement der bürgerlichen Um- wälzung 151), aber diese reduzierte sich eben nicht mehr nur auf Revolution. Sowohl als realhistorischer Vorgang wie auch als theoretisch-methodologische Kategorie geschichtswissenschaftli- cher Erkenntnis handelt es sich bei dem revolutionären und dem reformerischen Weg nicht nur um Kontrast-, sondern ebenso um Kom- plementärphänomene. Eine notwendige Bemerkung zur Rolle des subjektiven Faktors: Der hohe Rang der subjektiven Elemente in Epochen gesellschaftlichen Umbruchs ist schwerlich überschätzbar. Diese Sicht gilt auch für Zeiten reformerischer Umgestaltungen, in denen die subjektiven Faktoren insofern eine ausgeprägte Rolle spielten, da es sich seitens der herrschenden Klasse (d.h. ihrer weitsichtigen Expo- nenten und Fraktionen) um einen gezielt herbeigeführten Prozeß der Anpassung und Systemveränderung unter der Voraussetzung des Erhalts der wesentlichen historisch überkommenen Machtpositionen in Ökonomie und Politik unter den neuen Epochebindungen handelte. Objektiver Strukturwandel und Veränderungen subjektiver Wertvor- stellungen traten in enge Wechselwirkung. Aus der vorangegangenen großen Revolution resultierte ein tiefgreifender Demonstrations- effekt und in dessen Folge ein mehr oder minder intensiver Lern- prozeß. Nicht nur die Mentalität der Parteigänger der Revolution, auch die ihrer Gegner modifizierte sich. Es ist an der Zeit, den intensiven Forschungen zur Mentalité révolutionnaire solche zur Mentalität der Konterrevolution und der Reformer an die Seite zu stellen 152). Inwieweit Systemanpassung unter Hegemonie der Grundaristokratie tatsächlich Aussicht auf Erfolg hatte, hing nicht nur vom Grad, dem Tempo und dem Charakter der Verbürgerli- chung der Adelsklasse ab, sondern auch vom Kompromißverhalten und der (seit 1830 zunehmenden) Revolutionsabstinenz einer Bour- geoisie, die - wie im Falle Deutschlands - bereit und fähig war, sich ihre "politischen Niederlagen" in "industrielle Siege" um- münzen zu lassen 153). Auch hier spielte die Epochenzäsur von 1789, die eine vom Jakobinismus traumatisierte Bourgeoisie hin- terließ, die bestimmende Rolle. Zur Klassizität der Französischen Revolution gehörte nicht nur die Tatsache ihrer Unwiederholbar- keit. Klassisches ist nicht beliebig multiplizierbar. Nach 1789 bestand auch keine Notwendigkeit mehr, französischen "Maximalis- mus" an den Tag zu legen, um bürgerliche Umwälzung zu reali- sieren. Allerdings sank mit dem Preis des Fortschritts dessen demokratische Dimension. In die Reihe der ersten Versuche, eine Politik gegen die Revolu- tion nicht nur spontan-emotional, gleichsam aus dem Moment des Schreckens heraus, sondern rational-theoretisch, modern formu- liert: strategisch angelegt, zu begründen, gehört Friedrich von Gentz 154), nachdem er unter dem Einfluß von Edmund Burke anfäng- lichem Revolutionsenthusiasmus abgeschworen hatte und später an der Seite des österreichischen Staatskanzlers Metternich - ohne je den Blick für Realitäten in wie außer Europa zu verlieren - zur Grauen Eminenz der Heiligen Allianz avancierte. Den unter dem Eindruck von 1775 und speziell 1789 ins Kraut schießenden Revolu- tionstheorien setzte Gentz eine R e f o r m t h e o r i e ent- gegen. Gentz war, wie seine theoretischen Einsichten und die praktischen Ratschläge zeigten, kein "normaler", im Ewiggestrigen verharrender Konterrevolutionär Koblenzer oder Turiner Zu- schnitts. Er begriff die Unwiderruflichkeit des Epochenein- schnitts von 1789, denn für ihn stellte sich die Revolution in Frankreich - wie der Aufstand der Dreizehn Kolonien - als eine "Totalrevolution" dar, erwachsen aus dem Willen, "eine durchaus neue Ordnung der Dinge zu schaffen und zwischen diese und die alte Ordnung eine entscheidende Kluft zu setzen". Bewußt stellte Gentz England als Modell Frankreich gegenüber - die Kontroverse hat also schon Tradition und ist keine Erfindung professioneller Historiker. Bereits 1797 plädierte er für Steuerermäßigung und Pressefreiheit. Dieses und anderes mündete in die Forderung "zeitiger und überlegter Staatsreformen", d.h. der Gedanke des reformerischen Weges war geboren vor der Möglichkeit seiner Re- alisierung, die erst aus der Staatskrise Preußens 1806/07 er- wuchs. Konterrevolution bedeutete folglich nicht mehr allein Wie- derherstellung des Status quo ante, sie vertrug sich in zunehmen- dem Maße mit dem Bekenntnis zu Reformen - auch gegen Intransi- genz aus den eigenen Reihen. Noch handelte es sich bei diesen Re- formvorstellungen nicht um eine bewußte Öffnung in Richtung bür- gerliche Umwälzung, sondern aus subjektiver Sicht zunächst um den Versuch, die Auswirkungen der Epochenwende durch partielle und dosierte Flucht nach vorn einzugrenzen. War jedoch der Weg von der gedanklichen zur realen Reform einmal beschritten, wie eben in Preußen ab 1807 155), ließ sich die Entwicklung auf halbem Wege - "zwischen Ancien Régime und bürgerlicher Moderne" - nicht mehr aufhalten, es sei denn um den Preis der Stagnation, wie im Falle Spaniens. Um den reformerischen Weg in erforderlicher Weise zu dynamisieren, bedurfte es allerdings weiterer revolutionärer Einschnitte ("Wellen", wie weiter oben erwähnt): 1820, 1830, 1848 und die sechziger Jahre bis 1870/71. Im Unterschied zur (relativ) ausgereiften Differenzierung des re- volutionären Weges in seinen wichtigsten historisch-strukturellen und stadial-regionalen Varianten, stehen die Bemühungen um typo- logische Differenzierung des reformerischen Weges noch am Anfang. So verstehen sich die hier formulierten Gedanken als Diskussions- beitrag für ein weitestgehend noch offenes Problemfeld. Einige der wesentlichen Ansatzpunkte für eine typologisch diffe- renzierte Analyse des reformerischen Weges sind die folgenden: 1. Die - wie dargestellt - qualitativen Veränderungen des Epoche- charakters und der inneren wie äußeren Grundkonstellation des Klassenkräfteverhältnisses unter dem Einfluß der epocheprägenden Leitrevolution und der Verbindung von politisch-sozialer und industrieller Revolution (Doppelrevolution). In Abhängigkeit davon wächst die Vielfalt der Formen bürgerlicher Umgestaltung. 2. Existenz und Wirkungsweise der objektiven und subjektiven An- passungsfaktoren, die auf das Verhalten und die Entwicklung der Feudalklasse einwirken, d.h. der Grad ihrer tendenziellen Verbür- gerlichung und der damit verbundenen Hegemoniefähigkeit im Re- formprozeß. 3. Der Platz und die Funktion der betreffenden Region im entste- henden oder bereits voll ausgebildeten System der internationalen Arbeitsteilung (Weltmarkt). Dieser Faktor gewinnt besondere Be- deutung für die Spezifik der bürgerlich-kapitalistischen Umwäl- zung in den außereuropäischen Gebieten. 4 Genesis und Struktur der Bourgeoisie und die daraus resultie- renden Konsequenzen für deren totale oder partielle Hegemonieun- fähigkeit im bürgerlichen Umwälzungsprozeß und die Formen der da- mit verbundenen Hegemoniesubstitution (auch durch protokapitali- stische Elemente). 5. Die Existenz von bäuerlichen, plebejischen, proletarischen oder auch kleinbürgerlich-demokratischen Bewegungen, die als Trä- ger von "allgemeindemokratischen Vorstößen" (W.I. Lenin) den re- formerischen Systemwandel von unten beschleunigen oder beeinflus- sen. 6. Schließlich stellt sich das Problem der Gesamtstruktur und Spezifik der feudalen Wirtschafts- und Gesellschaftsverhältnisse und des damit verbundenen Grades einer Präfiguration für den re- formerischen Weg, etwa in dem Sinne, wie G. Moll die Frage für Preußen und den preußischen Weg stellt 156). Für Deutschland ist das Problemfeld Reform - reformerischer Weg auf dem Hintergrund der auslösenden Rolle der Französischen Revo- lution und ihrer Folgewirkungen durch intensive Forschungen auf- gearbeitet worden (H. Bleiber, H. Bock, E. Engelberg, H. Har- nisch, G. Heitz, G. Moll, W. Küttler, H. Scheel, W. und S. Schmidt u.a.) 157). Abgesehen von der Debatte um das Verhältnis von Reform und Revolution von oben, d.h., ob der Begriff Revolu- tion von oben bereits für die Zeit der preußischen Reformen ab 1806/07 oder erst für die Periode nach der Revolution von 1848/49 zutrifft 158), besteht zum genannten Problemkreis ein breiter Konsens zwischen den Historikern. Was den reformerischen Weg der Agrarentwicklung (Preußischer Weg) angeht, so gibt es Divergenzen um die Frage nach dem Ende der agrarischen Umwälzung. Der Begriff preußischer Weg hat sich durchgesetzt und allgemeine Anerkennung gefunden. Insbesondere hat Ernst Engelberg den Zusammenhang von preußischem Weg und der Revolution von oben in Preußen - Deutschland betont und auf dessen klassische Elemente verwiesen: "Die Große Revolu- tion war die klassische Revolution von unten, die preußisch-deut- sche Umwälzung der Jahre 1866"1871 die klassische Revolution von oben" 159). Ohne auf die von H. Harnisch und G. Moll ausführlich dargestell- ten (und z.T. kontrovers interpretierten) Merkmale gesondert ein- zugehen, erscheint für den Gesamtkomplex Wegeproblematik das fol- gende besonders relevant: Unabhängig von gewissen Nuancen in der Definition des preußischen Weges (z.B. über den Platz der feudal- herrlichen Eigenwirtschaft oder der Gutswirtschaft) steht vom Er- gebnis her fest, daß neben dem amerikanischen und dem englischen Weg der preußische Weg zur Grundlage einer überdurchschnittlich dynamischen Kapitalismusentwicklung geworden ist und damit gleichsam den französischen Weg in ökonomischer Hinsicht "überholt" hat. Hier liegt auch der rationelle Kern für die von N. Poulantzas versuchte Gleichsetzung von englischer Revolution und preußischem Weg. Die Bilanz fällt natürlich ungleich anders aus, wenn unter Anwendung des Totalitätsprinzips die Gesamtheit aller Faktoren der bürgerlichen Umwälzung, vor allem deren nega- tive politisch-soziale Begleitumstände, in die Betrachtung einbe- zogen wird. So wie das Ergebnis der bürgerlichen Revolution nicht nur an den Interessen der Bourgeoisie gemessen oder auf diese re- duziert werden kann, lassen sich ebensowenig die Resultate der bürgerlichen Umwälzung auf reformerischem Wege auf den erreichten Grad der Verbürgerlichung des Grundbesitzes fixieren. Grundsätz- lich handelt es sich ja bei der Kontroverse um den Versuch, für den Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus das dynamische und Richtung gebende Element im Grundbesitzer und nicht im Bourgeois zu sehen, was auf eine Umkehrung der Hegemoniekonstellation hin- ausläuft. Die Frage nach Charakter, Struktur und dem "Preis" des gesellschaftlichen Fortschritts ist aber ungleich vielfältiger und komplizierter. Eine schematische Anwendung des Begriffs preußischer Weg verbie- tet sich schon auf Grund der Tatsache, daß dieser Weg selbst - wie G. Heitz 160) betonte - durch eine Reihe von Varianten ge- kennzeichnet und in sich deutlich differenziert ist. Die für die Regionen mit Gutswirtschaft kennzeichnenden Merkmale der Agrarum- wälzung sind nicht linear auf Gebiete grundherrschaftlichen Typs übertragbar. Auch die Vermutung, der preußische Weg reduziere sich auf die Gebiete der 2. Leibeigenschaft oder Ostelbiens, läßt sich an Hand der neueren Forschung nicht aufrechterhalten. Unter dem Gesichtspunkt der Dialektik von gesamtgesellschaftlicher und agrarischer Umwälzung auf reformerischem Wege stellt sich die Frage, inwieweit wir es beim preußischen Weg mit der klassischen Variante der reformerischen Agrarumwälzung zu tun haben. Bei dem Bemühen, den historischen Ort des reformerischen Weges (im Sinne des Gesamtcharakters der bürgerlichen Umwälzung) exak- ter zu bestimmen, sind berechtigte Einwände gegen den gekoppelten Begriff konservativ-reformerischer Weg als Gegenstück zum revolu- tionären Weg formuliert worden, und zwar mit dem Argument, daß es nicht angebracht sei, die Struktur des Umwandlungsprozesses (Voraussetzungen, Realisierungsmodalitäten, ökonomische und so- ziale Ergebnisse) mit bestimmten gesellschaftspolitischen Aus- drucksformen zu verbinden. Für eine weitergehende Typisierung der Grundkategorie reformerischer Weg ist es unumgänglich, die Hege- monieproblematik einzubeziehen, da die hegemonietragenden Kräfte des Prozesses nicht nur dessen Charakter bestimmen, sondern auch, weil der reformerische Weg - analog zum revolutionären Weg - stets die Machtfrage tangiert. In der Diskussion wird überdies übersehen, daß der reformerische Weg nicht nur das "historische Privileg" einer sich verbürgerlichenden und dem Kapitalismus an- passenden Grundbesitzerklasse darstellt, sondern daß auch die Bourgeoisie zum Hegemon eines reformerischen Weges werden kann, was in der Regel unter den Bedingungen ihrer wachsenden Revoluti- onsabstinenz der Fall ist. Angesichts der unterschiedlichen Hege- moniekonstellation und der damit verbundenen divergierenden poli- tisch-sozialen Ausgangskonstellation wäre es folglich sinnvoll, zwischen einem konservativ-reformerischen Weg (eindeutige Hegemo- nie der Grundbesitzerklasse) und einem liberal-reformerischen Weg zu unterscheiden (Hegemonie der Bourgeoisie, in der Regel im Bündnis mit dem liberalen Flügel der Grundaristokratie). Die ad- jektivisch unterschiedliche Bestimmung gewinnt ihre Bedeutung vor allem dann, wenn über die sektorale Problematik der Agrarumwäl- zung hinaus nach den politisch-sozialen Formen der Konstituierung der neuen Ordnung gefragt wird. Was den Unterschied in der Hege- moniekonstellation anbelangt, fallt dieser Aspekt vor allem dann ins Gewicht, wenn über Preußen-Deutschland hinaus der Vergleich zu anderen Regionen Europas und Außereuropas hergestellt wird 161). Das für die Revolution trotz nicht unerheblicher Spannungen bestehende Junktim von ökonomischer und politischer Umwälzung trifft auf die Reform nicht zu. Ökonomische Dynamisierung vertrug sich durchaus mit politischem Konservatismus. Legt man die angedeutete These zu Grunde, daß der preußische Weg die klassische Variante des reformerischen Weges der Agrarumwäl- zung darstellte und damit prägend für jene historische Konstella- tion geworden ist, die F. Engels als "Epoche der Revolution von oben" 162) gefaßt wissen wollte, dann erweist sich die mehr oder minder unkritische Übertragung des Begriffs preußischer Weg auf alle Länder, die den Übergang zum Kapitalismus vorwiegend refor- merisch vollzogen, als extrem problematisch. Zunächst wäre zu fragen, ob die für den preußischen Weg im Detail erarbeiteten Kriterien gegeben sind oder nicht. Ist dem nicht so, dann redu- ziert sich der Begriff auf eine Metapher, die nicht weniger Schwierigkeiten aufwirft als die pauschale Verwendung des Be- griffs der Revolution von oben. Metaphern beleben zwar die histo- rische Darstellung, tragen in der Regel aber wenig zur analyti- schen Klarheit bei. In eindeutiger Analogie zur Variantenvielfalt der bürgerlichen Revolution(en) problematisiert sich der Begriff preußischer Weg mit der Entfernung von seiner Ursprungsregion, besonders aber für den außereuropäischen Raum. Mit gewisser Präzision ist die Frage bislang eigentlich nur für Japan durch Kuachiro Takahashi 163) untersucht worden. Ein der vergleichenden Revolutionsforschung ähnlicher Ansatz zur universalen Sicht auf die Durchsetzung des reformerischen Weges und dessen Realisierungsformen fehlt bis- lang. Die in eine solche Richtung zielende Arbeit von Barrington Moore jr. 164), deren bahnbrechend-anregende Bedeutung nicht in Frage gestellt sei, wird der dem reformerischen Weg immanenten Dialektik von Einheit und Vielfalt nicht gerecht, stattdessen handelt es sich eher um einander ausschließende Modelle von We- gen. Neben dem genannten Beispiel Japan (Meiji-Revolution ab 1868) 165) verdienen für das 19. Jh. außerhalb Europas die USA und La- teinamerika das besondere Interesse. In den USA war nach dem Sieg der antikolonialen Revolution die weitere Entwicklung durch den Nord-Süd-Gegensatz geprägt, der sowohl ökonomisch-struktureller (Farmersystem/freie Lohnarbeit vs. Plantagensklaverei) als auch politischer Natur (Ringen um die Kontrolle der Macht über die Union) war. Es bedurfte immerhin einer zweiten Revolution (Bürgerkrieg von 1861/65), um den revolutionären Weg als bestim- mende Tendenz in der weiteren Entwicklung des Kapitalismus durch- zusetzen, wenn auch um den Preis wesentlicher Zugeständnisse an den Süden 166). Insgesamt aber sicherte die zweite Revolution die Dominanz des revolutionären Weges amerikanischer Prägung, was zugleich die Herauslösung aus der Abhängigkeit gegenüber England (Baumwollexport für die Textilindustrie) bedeutete. Auf völlig entgegengesetzte Weise verlief die Verankerung des Ka- pitalismus in Lateinamerika. Entgegen den Behauptungen, die ibe- rische Kolonisation und das aus ihr resultierende ökonomisch-so- ziale System seien kapitalistischen Charakters gewesen, woraus der Streit um das Verhältnis von Feudalismus und Kapitalismus in der Geschichte Lateinamerikas ständig neue Nahrung gewinnt (G. Frank, M. Marini, Vitale), erfolgte - von rudimentären Ansätzen in der Kolonialperiode abgesehen - eine Freisetzung kapitalisti- scher Elemente erst im Verlauf des 19. Jh. und dauerte bis weit hinein in das 20. Jh. 167) Zwar bedeutete die iberische Kolonisa- tion eine zunehmende Integration Mittel- und Südamerikas in die entstehende internationale Arbeitsteilung, die Formen des Eigen- tums und der Ausbeutung besaßen jedoch eindeutig vorkapitalisti- schen Charakter. Es dominierten feudal-halbsklavische und auf "reiner" Plantagensklaverei basierende Abhängigkeitsverhältnisse. Selbst die in den überlebenden Teilen der indianischen Bevölke- rung verbliebenen Refugien der Comunidades indigenas reduzierten sich zusehends. Hinzu kommt, daß die Blütezeit des Latifundismus (Estancias, Haciendas) und der Plantagen nach der Unabhängig- keitsrevolution als Resultat des steigenden Rohstoffbedarfs im Ergebnis der industriellen Revolution lag. Seit der Mitte des 19. Jh. erlöschten zwar zunehmend die aus der Kolonialzeit tradierten Formen der Zwangsarbeit - selbst die Krise der Sklaverei begann sich abzuzeichnen ", was ihnen folgte waren in der Regel aber nicht die freie Lohnarbeit europäischen Stils, sondern hybride Mischformen der Ausbeutung: Peonage-, Inquilino-, Huasipungero- u.a. Systeme mit einem weithin hohen Anteil an außerökonomischem Zwang. Die historische Entwicklung Lateinamerikas seit der Independencia (1810/26) wurde durch zwei Hauptelemente geprägt: 168) 1. Die Nichtvollendung der Unabhängigkeitsrevolution in ihrer tendenziell bürgerlichen Grundsubstanz stellte für die nachfol- genden Generationen den Kampf um das Erbe von 1810 auf die Tages- ordnung ("zweite Unabhängigkeit"). 2. Etwa seit Mitte des 19. Jh., insbesondere aber ab den 70er Jahren, erfolgte eine intensive ausländische, zunächst primär englische, Kapitalinvasion (Kreditvergabe, Kapitalinvestitionen in exportorientierten Produktionszweigen), wodurch der Subkonti- nent einer indirekten Rekolonisation (die in späterer Zeit in neokolonialistische Abhängigkeitsformen hinüberwuchs) ausgesetzt blieb. Mehr als gemeinhin bekannt, ist die Entwicklung Lateinamerikas über das 19. Jh. und bis zur Mexikanischen Revolution von 1910 169) durch die Dialektik von Revolution - Reform - Konterrevolu- tion geprägt. Lateinamerika war eine der Hauptzonen für die Uni- versalisierung und Globalisierung des bürgerlichen Revolutionszy- klus seit 1789, allerdings unter objektiven und subjektiven Be- dingungen, die eine "normale", d.h. eigenständige kapitalistische Entwicklung - oder deren "Nachholen" im Stile des japanischen We- ges - nicht mehr zuließen. Selbst die Mexikanische Revolution von 1910 - zweifellos die radikalste Tatsache der lateinamerikani- schen Geschichte seit 1810 170) - vermochte diese negative Bi- lanz nur teilweise zu korrigieren. So blieb in letzter Instanz für Lateinamerika, bei Anerkennung gravierender subregionaler Struktur- und Niveauunterschiede, der reformerische Weg entwick- lungsbestimmend. Jedoch erreichten weder die konservativ-oligar- chische noch die liberal-bürgerliche Variante des reformerischen Weges der gesellschaftlichen Transformation in Lateinamerika Re- sultate, die einen Vergleich mit analogen Prozessen in Europa zu- lassen. Um diesen Unterschied begrifflich zu fassen, sollte im Falle Lateinamerikas von einem reformerisch-abhängigen Weg ge- sprochen werden, da infolge des Scheiterns der Revolutionen und der ihnen immanenten revolutionären Entwicklungsperspektive zugleich die historische Möglichkeit für die Überwindung von Un- terentwicklung und Abhängigkeit unter bürgerlich-kapitalistischen Voraussetzungen definitiv blockiert wurde. Stattdessen trug die Konsolidierung der reformerisch-abhängigen Alternative dazu bei, die tradierte Situation auf ständig höherer Ebene zu reproduzie- ren. 1789 und die Folgen - bleibt, gleich ob der Akzent auf Revolution oder auf Reform liegt, der Schlüssel zum Verständnis gesell- schaftlicher Umwälzung in ihrer Totalität und Mannigfaltigkeit, über die Grenzen bürgerlichen Fortschritts hinaus. _____ 1) François Furet, Intervista con lo storico francese, in: Ri- nascita, 5 febbr. 1982. - Ders., Penser la Révolution, Paris 1978. - Ders., Faut-il célébrer le bicentenaire de la Révolution française, in: L'Hi-stoire, janvier 1983, n° 52. 2) 1789-1989 bicentenaire de la révolution Française. Bulletin de la Commission Nationale de Recherche Historique pour le bicente- naire de la Revolution Francaise, hrsg. von Michel Vovelle, n° 1 ff., Paris 1984 ff. 3) Regina Benjowski, Abkehr vom Revolutionsdenken, in: spectrum, 18. Jg., 1987, H. 5, S. 16 f. 4) Neben der umfangreichen Memoirenliteratur wäre vor allem auf die Arbeiten von Antoine Barnave, Alexandre de Lameth und Antoine Fantin Desodoards zu verweisen. 5) Jean Dautry, Histoire de la revolution de 1848 en France, Pa- ris 1948. Ders., 1848 et la IIe République, Paris 1957 2, S. 87 ff. 6) Karl Marx, Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850, in: MEW, Bd 7, S. 11. 7) Karl Marx, Der 18te Brumaire des Louis Napoleon, in: MEW, Bd 8, S. 115. 8) Augustin Thierry, Lettres sur l'histoire de France, Paris 1820-1836. - Adolphe Thiers, Histoire de la Revolution française, 10 Bde, Paris 1823 -1827. - François Auguste Marie Mignet, Hi- stoire de la Révolution française depuis 1789 jusqu'en 1814, 2 Bde, Paris 1824. 9) Louis Blanc, Histoire de la Révolution françcaise, 12 Bde, Pa- ris 1847-1863. 10) Jules Michelet, Histoire de la Révolution française, 7 Bde, Paris 1847-1853. 11) Adolphe de Lamartine, Histoire des Girondins, 8 Bde, Paris 1847. 12) Vgl. u.a. Karl Kautsky, Die Klassengegensätze im Zeitalter der Französischen Revolution. Zum 100jährigen Gedenktag der großen Revolution, Stuttgart 1889. 13) Jean Jaurès, Histoire socialiste (1789-1900), Bd 1-4, Paris 1901-1904; u.d.T. Histoire socialiste de la Revolution française, 8 Bde, hrsg. von Albert Mathiez, Paris 1922-1924. Von A. Soboul kommentierte und ergänzte Neuaufl. Paris 1969, 1984 ², 4 Bde. - Eine umfassende Übersicht zu der mit Jaures beginnenden "sozialen Interpretation" vermittelt: Irmgard A. Hartig (Hrsg.), Geburt der bürgerlichen Gesellschaft 1789, Frankfurt/M. 1979. 14) P.A. Kropotkin, La grande Revolution 1789-1793, hrsg. von Ju- les Guillaume, Paris 1909. - Dt. Ausg. bes. von Gustav Landauer 1909, Neuausgabe 1982 (mit einem Nachw. von V.M. Dalin). 15) V.I. Lenin an I.I. Skvorzov-Stepanov, 14. Dezember 1909, in: LW, Bd 10, S. 127ff. - Wolfgang Rüttler, Zu Lenins historisch- ökonomischer Analyse der objektiven Voraussetzungen für die demo- kratische und sozialistische Revolution in Rußland. Begriffliches Instrumentarium und Methoden, in: IfG, Bd. 17, Berlin/DDR 1977, S. 9 -44. - Ders., W.I. Lenin und die Große Französische Revolu- tion. Die Erfahrungen von 1789 aus der Sicht des revolutionären Kampfes der russischen Arbeiterbewegung (Aufsatz i. Dr.). 16) Kurzer Abriß bei Alice Gérard, La révolution française - my- thes et interprétations 1789-1970, Paris 1970, S. 66 ff. 17) La Revolution française, Paris 1889 23. 18) Edmund Burke, Reflections on the Revolution in France, London 1790. - François Furet, Burke ou la fin d'une seule histoire de l'Europe, in: Le Débat, 1986, n° 2, S. 56-66. 19) Alphonse François Aulard, Histoire politique de la Revolution francaise, 2 Bde, Paris 1901. - Ders., Danton, Paris 1884. 20) Albert Mathiez, Etudes sur Robespierre (1758-1794), Paris 1958. - Ders., La Révolution française, 2 Bde, Paris 1922-1927. - I. Friguglietti, Mathiez - historien révolutionnaire 1874-1932, Paris 1974. - Georges Lefebvre, L'Oeuvre historique d'Albert Ma- thiez, in: A.H.R.F., n° 51, mai-juin 1932, S. 193-210. - Nicht zuletzt die 1908 erfolgte Gründung der Société des études robe- spierristes ließ die politische Rechte aufschrecken. Die Gründe für diese Initiative ließ Albert Mathiez im Januar 1920 nochmals in einem programmatischen Vortrag mit dem Titel: , "Pourquoi nous sommes robespierristes?" Revue passieren. 21) Michel Vovelle, L'Historiographie de la Revolution Française à la veille du bicentenaire (Aufsatz i. Dr.), in übers. Fassung im vorliegenden Band. 22) Georges Lefebvre, La Révolution française, 2. veränd. Aufl., Paris 1951. - Ders., quatre-vingt-neuf, Paris 1939. - Ders., Etu- des sur la Révolution Française, Paris 1954. 23) Gérard, a.a.O., S. 90. 24) Gérard, ebda. - Pierre Gaxotte, La Révolution française, Pa- ris 1928, jüngste Ausg. 1970. 25) Albert Soboul, 1789. "L'An Un de la Liberté". Etude Histori- que. Textes Origineaux. 2. erw. u. durchges. Aufl., Paris 1950. 26) L'Europe, n° spécial, 15 juillet 1939. 27) Cahiers du communisme, n° spécial 1939, Beiträge von M. Tho- rez, J. Duclos, G. Peri, J. Solomon, J. Bruhat, E. Fajon, P. Bouthonnier, G. Politzer, M. Prenant, J. Billiet, H. Sauverplane. 28) Francuzskaja burzuaznaja revoljucija 1789-1794, hrsg. von V.P. Volgin und E.V. Tarlé, Moskau-Leningrad 1941. 29) Vgl. die Bilanz der 150-Jahrfeier bei Pierre Caron, Le Cent- cinquantenaire de la Revolution francaise, in: A.H.R.F., n° 102, avril-juin 1946, S. 97-114. 30) Albert Soboul, Les sans-culottes parisiens en l'an II. Mou- vement populaire et gouvernement revolu-tionnaire 2 juin 1793 - 9 thermidor, La Roche-sur-Yonne 1958. - Dt. Teilausg. unter dem Ti- tel: Die Sansculotten von Paris. Dokumente zur Geschichte der Volksbewegung 1793-1794. Hrsg. von Walter Markov und Albert So- boul. Mit e. Vorw. von Georges Lefebvre, Berlin/DDR 1957. 31) Jacques Godechot/Ernest Labrousse/Armando Saitta/Jean René Suratteau, Albert Soboul, in: A.H.R.F., n° 249, juillet-septembre 1982, S. 321-327. - Walter Markov, Forschungsprobleme der Franzö- sischen Revolution. Aus Anlaß des Todes von Albert Soboul, in: ZfG, 32, 1984, H. 6, S. 483-489. Die Beiträge von Jacques Go- dechot, Jean Bruhat, Walter Markov und Didier Lemaire zum Geden- ken an Albert Soboul, in: Francuzskij Ezegodnik 1982, Moskau 1984, S. 138-163. Nachruf auf V.M. Dalin, in: Francuzskij Ezegod- nik 1984, Moskau 1986, S. 5 f.; Walter Markov, V.M. Dalin zum Ge- denken, in: ZfG, 34, 1986, H. 5, S. 443 f. - Auch Takahashis ist zu gedenken. 32) Manfred Kossok, Revolution und Weltgeschichte im Werk von Walter Markov, in: Walter Markov, Weltgeschichte im Revoluti- onsquadrat, hrsg. u. eingel. von Manfred Kossok, Berlin/DDR 1979, S. VII-XV. 33) Walter Markov, Jacques Roux und Karl Marx. Zum Einzug der Er- trages in die Heilige Familie, Berlin/DDR 1965. - Ders., Jacques Roux oder vom Elend der Biographie, Berlin/DDR 1966. - Ders., Die Freiheiten des Priesters Roux, Berlin/DDR 1967. - Jacques Roux, Scripta et Acta. Textes presentes par Walter Markov, Berlin/DDR 1969. - Walter Markov, Exkurse zu Jacques Roux. Berlin/DDR 1970. 34) J.M. Zacher, Besenye, Moskau 1930; 2., veränd. Aufl. u.d.T. Dvizenie "besenych", Moskau 1961. 35) Manfred Kossok, Karl Marx und der Begriff der Weltgeschichte (= Sitzungsberichte der AdW der DDR, Gesellschaftswissenschaften 4 G/1984), Berlin/DDR 1984. 36) Marcel Reinhard, Nouvelle Histoire de Paris: La Revolution 1789-1799, Paris 1970. - Ders., Le grand Carnot, 2 Bde, Paris 1950. - Albert Soboul/Jean Rene Suratteau, Marcel Reinhard (1899- 1973), in: A.H.R.F., n° 215, janviermars 1974, S. 1-9. 37) Jacques Godechot, La grande nation, 2 Bde, Paris 1956. - Ders., Les Revolutions (1770-1799), Paris 1970 (Nouvelle Clio). 38) Maximilien Robespierre 1758-1794, mit einem Vorwort von Geor- ges Lefebvre, hrsg. von Walter Markov, Berlin/DDR 1958, 1961 2. 39) Robert R. Palmer, Populär Democracy in the French Revolution, in: French Historical Studies, vol. 1, 1960, H. 3, S. 447. 40) Alfred Cobban, The Myth of the French Revolution, London 1955. - Ders., Aspects of the French Revolution, London 1968. 41) Zur Auseinandersetzung vgl. Georges Lefebvre, Le mythe de la Revolution francaise, in: A.H.R.F., n° 145, octobre-decembre 1956, S. 337-345. - Sogar der für 1990 in Madrid vorgesehene Welthistorikerkongreß will sich dem Thema "Revolution als Mythos" stellen. 42) Perez Zagorin, Theories of revolution in contemporary histo- riography, in: Pol. Sc. Quart., n° 28-29, 1973. 43) François Furet/Denis Richet, La Révolution française, 2 Bde, Paris 1965/66. - François Furet, Le catechisme revolutionnaire, in: Annales E.S.C., 26, 1971, S. 255-289. 44) Rolf Reichardt/Eberhard Schmitt, Die Französische Revolution - Umbruch oder Kontinuität?, in: Zeitschrift für Historische For- schungen, Bd 3, 1980, S. 257 - 320. - Die Französische Revolution - zufälliges oder notwendiges Ereignis? Akten des internationalen Symposions an der Universität Bamberg vom 4. bis 7. Juni 1979 (= Ancien Régime, Aufklärung und Revolution, hrsg. von Rolf Reichardt und Eberhard Schmitt, Bd. 9/1-3), 3 Bde, München/Wien 1983. 45) François Furet, Marx et la Révolution française, Paris 1986. 46) Die Lücken macht ein Vergleich mit: Sur la Révolution fran- caise. Ecrits de Marx et Engels, hrsg. von Claude Mainfroy, Paris 1985, deutlich. 47) Claude Mazauric, Sur la Révolution française. Contribution à l'histoire de la revolution bourgeoise, Paris 1970, spez. I, 1. 48) Vgl. den Aufriß bei Walter Markov, Revolution im Zeugenstand, Frankreich 1789-1799, 2 Bde, Leipzig 1982; ausführliche Litera- turhinweise auch bei William Doyle, Origins of the French Revolu- tion, New York 1980. 49) Volker Hunecke, Antikapitalistische Strömungen in der Franzö- sischen Revolution. Neuere Kontroversen der Forschung, in: Ge- schichte und Gesellschaft, Bd 4, 1978, H. 3, S. 291-323. 50) Michel Vovelle, La mentalité révolutionnaire. Société et men- talite sous la Révolution française, Paris 1985. 51) Robert R. Palmer/Jacques Godechot, Le problème de l'Atlantique du 18e au 20e siècle, in: Relazioni del X Congresso Internazionale di Scienze Storiche, V, Roma 1955, S. 275 ff. 52) Peter Amann, The Eighteenth Century Revolution. French or We- stern? Boston 1965. 53) Gerhard Schilfert, Über das Verhältnis von Weltgeschichte und Nationalgeschichte, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (im folgenden: ZfG), Sonderheft 1962, S. 70-89. - Vgl. die di- stanzierte Bilanz bei Robert R. Palmer, La "Révolution atlanti- que" - vingt ans après, in: Die Französische Revolution - zufäl- liges oder notwendiges Ereignis?, a.a.O., S. 89-104. 54) Vgl. Vovelle, L'Historiographie, a.a.O. 55) Handbuch politisch-sozialer Grundbegriffe in Frankreich 1680 -1820, hrsg. von Rolf Reichardt und Eberhard Schmitt in Verb, mit Gerd van den Heuvel und Anett Höfer, H. 1 ff. (= Ancien Regime, Aufklärung und Revolution, hrsg. von Rolf Reichardt und Eberhard Schmitt, Bd 10/lff.), München 1985 ff. Lynn Hunt, Recent trends in the historiography of the French Re- volution. (Aufs, vom Febr. 1987, im Druck). Dabei gemeint ist: Rolf Reichardt, Zur Geschichte politisch-sozialer Begriffe in Frankreich zwischen Absolutismus und Restauration, in: Zeit- schrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, 12. Jg., 1982, n° 47, S. 49-74. 56) Vgl. dazu Claude Mazauric, Jacobinisme et révolution. Autour du bicentenaire de Quatre-vingt-neuf, Paris 1984, S. 12 ff. 57) François Furet, Penser la Révolution, a.a.O., S. 212 ff. 58) Albert Champdor, Lyon pendant la Révolution, Lyon 1987, endet mit dem Schlußsatz "Enfin, écrivit Talleyrand, la France était sortie des horreurs de la Révolution". 59) Jacob L. Talmon, The origins of Totalitarian Democracy, Lon- don 1952. - Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft, Frankfurt a.M. 1962. - Dies., Über die Revolution, München 1966. 60) Vgl. die Vorbemerkungen von Pierre Chaunu zu: Yves Durand, Vivre au pays au XVIIIe siècle. Essai sur la notion du pays dans l'ouest de la France, Paris 1984, und: Raymond Secher, Le géno- cide francofrançais. La Vendée-Vengée, Paris 1986. 61) Vgl. Vovelle, L'Historiographie, a.a.O. 62) Vgl. Anm. 3. 63) Antonio Gramsci, Zu Politik, Geschichte und Kultur, hrsg. von Guido Zamis, Leipzig 1980, S. 277 ff. - Antonio Gramsci, Quaderni del carcere, Edizione critica dell'Istituto Gramsci. A cura di Valentine Gerratana, Turin 1975, Bd 3, S. 2010 ff. 64) Fritz Härtung/Roland Mousnier, Quelques problemes concernant la monarchie absolue, in: Rel. del X Congr. Intern, di Sc. istor., Bd 4, Florenz 1955. 65) Vgl. Art. "Bourgeoisie", in: Guy Cabourdin/Georges Viard, Le- xique historique de la France d'Ancien Régime, Paris 1978, S. 41. 66) Lynn Hunt, Politics, Culture, and Class in the French Revolu- tion, Berkeley - Los Angeles - London 1984, S. 4ff. - Vgl. die Beiträge von Theodor Schieder, Helmut Böhme, Eberhard Schmitt und Andreas Dorpalen, in: Revolution und Gesellschaft. Theorie und Praxis der Systemveränderung, hrsg. von Theodor Schieder, Frei- burg - Basel - Wien 1973 (= Herderbücherei, Bd 462). - Zur Kritik vgl. Manfred Kossok, Bürgerliche Revolution - Fortschritt - Transformation, in: Politische Theorie und sozialer Fortschritt, hrsg. von Karl-Heinz Röder, Berlin / DDR 1986, S. 38-73. 67) Studien zur vergleichenden Revolutionsgeschichte, hrsg. von Manfred Kossok in Verb, mit Walter Markov, Gerhard Schilfert und Walter Schmidt, bisher mit den Bänden: Studien über die Revolu- tion (1969); Studien zur vergleichenden Revolutionsgeschichte (1974); Rolle und Formen der Volksbewegung im bürgerlichen Revo- lutionszyklus (1976); Walter Markov, Weltgeschichte im Revoluti- onsquadrat (1979); Revolutionen der Neuzeit 1500-1917 (1982); Bauern und bürgerliche Revolution (1985); Die Französische Juli- revolution von 1830 und Europa (1985); Proletariat und bürgerli- che Revolution (erscheint 1989) und die Arbeiten in den Leipziger Beiträgen zur vergleichenden Revolutionsforschung (LBR), H. l ff., Leipzig 1982 ff. - Vergleichende Revolutionsgeschichte. Pro- bleme der Theorie und Methode, hrsg. von Manfred Kossok, Ber- lin/DDR 1989. 68) Karl Marx an Pawel Wassiljewitsch Annenkow, 28. Dezember 1846, in: MEW, Bd. 27, S. 452 f. 69) Handbuch Wirtschaftsgeschichte, hrsg. vom Institut für Wirt- schaftsgeschichte der AdW der DDR, Berlin/DDR 1981, Bd 1. 70) Revolutionen der Neuzeit 1500-1917, hrsg. und eingel. von Manfred Kossok, Berlin/DDR 1982. 71) Helmut Seidel, Philosophiehistorische Bemerkungen zum Begriff "Aufklärung", in: DZfPh 28, 1980, H. 11, S. 1371 -1378. - Hermann Ley, Geschichte der Aufklärung und des Atheismus, Berlin/DDR 1971, Bd 2/2ff. 72) Beispiele: Perez Zagorin (1986), Samuel N. Eisenstadt (1982), Ekkart Zimmermann (1981), Theda Scocpol (19803), John Dumm (1974), W. F. Wertheim (1974). 73) Vgl. die Beiträge von Charles Parain, Pierre Vilar, Albert Soboul, Guy Lemarchand, in: Sur le féodalisme (Centre d'Etudes et de Recherches Marxistes), Paris 1971. 74) George V. Taylor, Noncapitalist Wealth and the Origins of the French Revolution, in: American Historical Review, vol. LXXII, 1967, S. 469-496. 75) Lynn Hunt, a.a.O., S. 178. 76) "Die Männer, die nach der Revolution dominierten, waren nicht Industrielle oder kapitalistische Handelsunternehmer, sondern in erster Linie Bürokraten, Soldaten" - "und Grundeigentümer." (Übers, d. Red.), Theda Scocpol, States and Social Revolutions. A comparative Analysis of France, Russia and China, Cambridge (Mass.) 1980 3. 77) Perez Zagorin, Rebels and Rulers 1500-1660, t. 1: Society, States and Early Modern Revolution. Agrarian and Urban Rebelli- ons, Cambridge (Mass.) 1984 2). 78) Ferdinand Seibt, Revolution in Europa, München 1984. Deutlich davon inspiriert sind die jüngsten Äußerungen von Robert Kalivoda über die Hussiten und die Frühbürgerliche Revolution (Zur Proble- matik um die Theorie der europäischen Revolution, in: Communio viatorum, XXIX, 1986, S. 67-78). 79) Karl Marx/Friedrich Engels, Die Bourgeoisie und die Konterre- volution, in: MEW, Bd 6, S. 107. 80) Karl Griewank, Der neuzeitliche Revolutionsbegriff. Entste- hung und Entwicklung, Weimar 1955. - Karl-Heinz Bender, Revolu- tionen. Die Entstehung des politischen Revolutionsbegriffs in Frankreich zwischen Mittelalter und Aufklärung, München 1977. 81) Werner Krauss, Lesebuch der französischen Literatur, Teil 1: Aufklärung und Revolution, Berlin/DDR 1952, S. 9. 82) Kossok, Revolution und Weltgeschichte, a.a.O. - Kurt Holzap- fel / Manfred Kossok, 1789 und der Revolutionszyklus des 19. Jahrhunderts: Ereignis und Wirkung, in: ZfG, 34, 1986, H. 12, S. 1059-1079. 83) Karl Marx, Einleitung zur Kritik der Politischen Ökonomie, in: MEW, Bd 13, S. 640. 84) Karl Marx/Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, in: MEW, Bd 3, S. 45. 85) Manfred Kossok, Zur Dialektik von Formationswechsel und neu- zeitlichen Revolutionen, in: Wissenschaftliche Mitteilungen der Historiker-Gesellschaft der DDR, 1983, Teil I-II. 86) Nicos Poulantzas, Pouvoir politique et classes sociales, Pa- ris 1968, Bd. 1, S. 178 ff. 87) Fernand Braudel/Ernest Labrousse (Hrsg.), Histoire économique et sociale de la France, t. III: L'avènement de l'ère industri- elle (1789-années 1880), 2 Bde, Paris 1976. - Kurt Holzapfel, Bürgerliche Revolution und historischer Fortschritt: Frankreich 1830-1848, in: ZfG, 1984, H. 6. 88) Pierre Vilar, La Catalogne dans l'Espagne moderne. Recherches sur les fondements economiques des structures nationales, 3 Bde, Paris 1962. 89) Manfred Kossok, Karl Marx und der spanische Revolutionszyklus des 19. Jahrhunderts (= Sitzungsberichte der AdW der DDR, Gesell- schaftswissenschaften 4 G/1987), Berlin/DDR 1987. 90) Maria Anders, Reform und Revolution in Rußland (1825-1917), in: Studien zur vergleichenden Revolutionsgeschichte 1500-1917, S. 114-134. 91) Maria Anders/Wolfgang Kultier, Die bürgerlich-demokratische Revolution in Rußland 1905 "1907, in: Revolutionen der Neuzeit, S. 473-497. 92) Vgl. die Studien, in: LBR, 16/1987 zum Thema Revolution und Reform. 93) Manfred Kossok/Walter Markov, Zur Methodologie der verglei- chenden Revolutionsgeschichte der Neuzeit, in: Studien zur ver- gleichenden Revolutionsgeschichte, S. 14. 94) Werner Loch / Walter Markov, Die französischen Revolutionen zwischen 1789 und 1871 im Lichte von Lenins Auffassung über den Revolutionszyklus, in: ebd., S. 74-91. - Manfred Kossok, Der spa- nische Revolutionszyklus des 19. Jahrhunderts. Probleme der Er- forschung und Interpretation im Lichte der vergleichenden Me- thode, in: ZfG, 32, 1984, H. 6, S. 490-499. 95) Manfred Kossok, Die Unabhängigkeitsrevolution in Spanisch- Amerika, 1810"1826, in: Revolutionen der Neuzeit, S. 161 -180. - Walter Schmidt u.a., Die europäischen Revolutionen 1848/49, in: ebd., S. 271-348. 96) François Furet, Le catechisme revolutionnaire, S. 258 ff. 97) Karl Marx, Zur Kritik der politischen Ökonomie, in: MEW, Bd 13, S. 9. 98) Claude Mazauric spricht sehr plastisch von "événement fonda- teur" und "révolution exemplaire" (was unserem Begriff der Leitrevolution entspricht). Vorbemerkung zu Michel Vovelle, La Révolution Française. Images et Récits, Bd 1, Paris 1986, S. 9). 99) Walter Markov, Die Große Französische Revolution 1789-1795, in: Revolutionen der Neuzeit, S. 111-142. 100) Zur Feudalismusproblematik vgl. die Studien von Guy Lemar- chand: Le féodalisme dans la France rurale des temps modernes. Essai de caractérisation, in: A.H.R.F., 1969, vol. 1 (Melanges), S. 77-108. - La féodalité dans la Campagne et la Révolution Française: Seigneurie et Communaute Paysanne de 1780 à 1789, in: Die Französische Revolution, S. 7-26. - Un cas de transition du feodalisme au capitalisme. L'Angleterre, in: Rev.Hist.Mod. et Cont., 1978, vol. 2, S. 275-305. - Ebenfalls aufschlußreich die Regionalstudie: La fin du feodalisme dans le pays de Caux (1640- 1795), vorgelegt als These de Doctorat de l'Etat (1986), als Resümee in: L'Information Historique, 1987, vol. 49, S. 57-62. - Vgl. auch: Cah. bist, de l'Inst.de rech, marx., 1986, vol. 26, S. 102-110. 101) Albert Mathiez, Die Französische Revolution, Bd l, Hamburg 1950, S. 29 ff. 102) Karl Marx/Friedrich Engels, Die Bourgeoisie und die Konter- revolution, in: MEW, Bd. 6, S. 107. - Friedrich Engels betonte später das Unvermögen der Bourgeoisie, als Gesamtklasse die Macht auszuüben (Einleitung zur englischen Ausgabe von "Entwicklung des Sozialismus", in: MEW, Bd. 22, S. 207). 103) Manfred Kossok, Hegemonie und Machtfrage in den neuzeitli- chen Revolutionen. Theoretische Fragestellungen und empirische Probleme, in: LBR 17/1, 1987, S. 6-31. 104) Kossok, a.a.O., S. 15ff. über die unterschiedlichen Hegemo- nieebenen. 105) Werner Bahner, Aufklärung als europäisches Phänomen. Über- blick und Einzeldarstellungen, Leipzig 1985, S. 42 ff. - Vgl. auch die Studien in: Französische Aufklärung. Bürgerliche Emanzi- pation, Literatur und Bewußtseinsbildung, Leipzig 1974. 106) Im wesentlichen handelte es sich um die "Bündelung" adelig- liberal-bürgerlicher, demokratisch-kleinbürgerlicher, bäuerlich- agrarischer und städtisch-plebejischer Komponenten. 107) Vgl. für das folgende: Manfred Kossok, Realität und Utopie des Jakobinismus. Zur "heroischen Illusion" in der bürgerlichen Revolution, in: ZfG, 1986, H. 5, S. 415-426. 108) Karl Marx/Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, MEW, Bd 3, S. 39. 109) Vovelle, La mentalité, S. 97 ff. 110) Friedrich Engels/Karl Marx, Die heilige Familie, in: MEW, Bd 2, S. 129. 111) Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Ein- leitung, in: MEW, Bd 1, S. 388. 112) Karl Marx/Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, in: MEW, Bd 3, S. 47 f. 113) Ebenda, S. 48 (Fußnote). 114) Silvain Maréchal, Manifest der Gleichen, hrsg. von Kurt Schnelle, Leipzig 1963, S. 39. 115) Karl Marx, Zur Kritik, a.a.O., S. 389; MEGA(2), I, 2, S. 181. 116) Susanne Petersen, Marktweiber und Amazonen. Frauen in der Französischen Revolution, Köln 1987. 117) A. V. Ado, Krest'janskoe dvizenie vo Francii vo vremja Veli- koj burzuaznoj revoljucii konca XVIII veka, Moskau 1971. - Ders., krest'jankie vosstanija i likvidacia feodal'nych povinnostej vo vremja francuzkoj burzuaznoj revoljucii konca XVIII v., in: Stu- dien über die Revolution, hrsg. von Manfred Kossok, Berlin/DDR 1969, S. 94-107. 118) Manfred Kossok, 1640-1789. Gedanken über zwei Zäsuren der Weltgeschichte, in: WZ der Humboldt-Universität, Ges.wiss. Reihe, 198. 119) Gerhard Schilfert, Die nordamerikanische Unabhängigkeitsre- volution 1775-1783, in: Revolutionen der Neuzeit, S. 85-100. 120) Albert Soboul, in: Sur le feodalisme, S. 74. 121) Claude Mazauric, Note sur l'emploi de , 'régime féodal" et de "féodalité" pendant la Révolution française", in: Sur la Révo- lution française, S. 119 -134. - Über Historiographie und histo- riographische Polemik vgl. Guy Lemarchand, Sur etudes agraires, le féodalisme et la Révolution française. Un itineraire historio- graphique. (Aufs. i. Druck, erscheint 1988). 122) Die Ergebnisse der allgemein als "klassisch" empfundenen Agrarrevolution sind durch den späten Soboul auffällig relati- viert worden. (Proprieté foncière et conditions de terres dans l'Europe napoleonienne. Le cas de la France, in: Com.int.des Sc.hist., XVe Congres, Bukarest 1980, Rapports, III). 123) E.M. Kozokin, Francuzkie rabocie. Ot Velikoj burzuaznoj re- voljucii do revoljucii 1848 goda, Moskau 1985, S. 57 ff. - Jean Bruhat, Histoire du Mouvement ouvrier français, Bd 1, Paris 1952, S. 99 f. - Vgl. auch die einschlägigen Beiträge in: Mouvements populaires et conscience sociale. XVIe - XIXe siècles. Actes du Colloque de Paris 24-26 mai 1984, hrsg. von Jean Nicolas, Paris 1985. 124) A.V. Ado, Zur Geschichte der Anwendung des Gesetzes Le Cha- pelier während der Französischen Revolution von 1789 (Resümee in: Die proletarische Komponente in der Bürgerlichen Revolution, hrsg. von Manfred Kossok und Michael Zeuske, Leipzig 1985, S. 139- 140. Vollst. Veröffentlichung im vorgesehenen Protokoll- band). 125) Walter Markov, Robespierristen und Jacquesroutins, in: Welt- geschichte im Revolutionsquadrat, S. 194-241. 126) Walter Markov, Revolution im Zeugenstand. Frankreich 1789- 1799. Bd 1, Leipzig 1982, S. 328 ff. - Jacques Roux, Freiheit wird die Welt erobern. Reden und Schriften, hrsg. von Walter Mar- kov, Leipzig 1985, S. 147-156. 127) Friedrich Engels/Karl Marx, Die heilige Familie, in: MEW, Bd 2, S. 126. 128) Paul Guth, Mazarin. Frankreichs Aufstieg zur Weltmacht, Frankfurt/M. 1974. 129) Christoph Martin Wieland an Gerhard Anton von Halem, 30. No- vember 1780, in: Die französische Revolution im Spiegel der deut- schen Literatur, hrsg. von Claus Träger unter Mitarbeit von Frauke Schäfer, Leipzig 1975, S. 40. 130) Guy Lemarchand, Claude Mamfroy, Roger Martelli, Germaine Willard, Michel Zylberberg, Sur la nation, in: Cah. d'Hist. de l'Inst. de Rech. Marx., 1983, N° 12 (Debot), S. 11-33. - Guy Le- marchand, Le fait national avant le capitalisme. Propositions pour une etude comparée en Europe, in: Cah. d'Hist. de l'Inst. de Rech. Marx., 1981, N° 7, S. 41-70. 131) Waltraud Seidel-Höppner, Die Große Französische Revolution im Denken des Bundes der Geächteten und des Bundes der Gerechten (Studie i. Druck). 132) Kossok/Holzapfel, a.a.O., S. 1067. 133) Rede vom 5. Februar 1774. (Maximilien Robespierre, Habt Ihr eine Revolution ohne Revolution gewollt? Reden, hrsg. von Kurt Schnelle, Leipzig o.J., S. 322). 134) Der Freiheitsbaum. Die Französische Revolution in Schilde- rungen Goethes und Forsters 1792 793, hrsg. von Günter Näckel, Berlin/DDR 1983, S. 36ff. 135) Johann Gottlieb Fichte, Beiträge zur Berichtigung der Ur- teile des Publikums über die französische Revolution, in: J. G. Fichte - Gesamtausgabe, hrsg. von R. Lauth/H. Gliwitzky, Stutt- gart 1965. - Vgl. auch Claus Träger, Fichte als Agitator der Re- volution. Über Aufklärung und Jakobinismus in Deutschland, in: Wissen und Gewissen. Beiträge zum 200. Geburtstag Johann Gottlieb Fichtes 1762 - 1814, hrsg. von Manfred Buhr, Berlin/DDR 1962. - Über Hegels Position: Joachim Ritter, Hegel und die französische Revolution, Frankfurt/M. 1972 (= edition suhrkamp 114). 136) Vgl. für das folgende: Manfred Kossok, Revolutionärer und reformerischer Weg beim Übergang vom Feudalismus zum Kapitalis- mus. Ein Diskussionsbeitrag, in: LBR, 16, 1967, S. 6-39. 137) Eric Hobsbawm, The Age of Revolution 1789 "1848, London 1962. 138) Zur Typologie vgl. Manfred Kossok, Vergleichende Geschichte der neuzeitlichen Revolutionen. Methodologische und empirische Forschungsprobleme, Berlin/DDR 1981 (= Sitzungsberichte der Aka- demie der Wissenschaften der DDR, Gesellschaftswissenschaften, ZG 1981 S. 9ff.). 139) Wolfgang Küttler, Theoretische und methodologische Probleme des reformerischen Weges der bürgerlichen Umwälzung, in: LBR, 16, 1987, S. 40-62 (mit ausführlichen Literaturbezügen auf die Dis- kussion in der DDR-Historiographie). 140) Albert Soboul, in: La Pensee, 1956. - Bemerkungen zum Arti- kel von Michel Grenon und Regine Robin, in: Bürgerliche Revolu- tionen. Probleme des Übergangs vom Feudalismus zum Kapitalismus, hrsg. vom Inst. f. Marxist. Stud. u. Forsch. (IMSF), Frankfurt/M. 1979, S. 196. 141) Zur Debatte um die schöpferische Rolle der Volksmassen vgl. Kossok, Bürgerliche Revolution, S. 61. - Jürgen Kuczynski, Die Rolle der Volksmassen in der Geschichte, in: Aus der Arbeit von Plenum und Klassen der AdW der DDR, 10/1962. 142) Walter Markov, Grenzen des Jakobinerstaates, in: Grundposi- tionen der französischen Aufklärung, hrsg. von Werner Krauss/Hans Mayer, Berlin/DDR 1955, S. 209-242. (= Neue Beiträge zur Litera- turwissenschaft, 1). 143) A.V. Ado, Vortrag vor dem Interdisziplinären Zentrum für Vergleichende Revolutionsforschung (IZR) 1975. 144) Florence Gauthier, Theorie des einen Weges der bürgerlichen Revolution oder Negation der Französischen Revolution, in: Bür- gerliche Revolution. Probleme des Übergangs, S. 161 f. (Bezug auf A. Pelletier). 145) Zur Kritik vgl. Kurt Holzapfel, Bürgerliche Revolution und historischer Fortschritt: Frankreich 1830 bis 1848, in: ZfG, 1984, H. 6 - Vgl. auch die bei Kossok, Vergleichende Revolutions- geschichte, S. 60-61, ausgewiesene Literatur. 146) Jean-Rene Suratteau, La Révolution française. Certitudes et controverses. Paris 1973. (= Dossiers Clio, diriges par Claude Fohlen). 147) Grundlegend: L'Absolutisme éclairé, hrsg. von Bela Köpeczi, Albert Soboul, E. H. Balázs, Demos Kosáry, Budapest 1985. 148) Hier ist auf die laufenden Arbeiten von Werner Deich und Ro- land Kolzenburg zu verweisen. Vgl. den Beitrag von Werner Deich in Rohrbacher Manuskripte, 1/1987, Leipzig, S. 57 ff. 149) Karl Marx, Das revolutionäre Spanien II, in: MEW, Bd 10, S. 444. 150) Kåre Tønnesson definiert die Reformpolitik des dänischen Ab- solutismus als "Revolution von oben", in: L'Absolutisme éclairé, S. 299 ff., S. 311 ff. 151) Zum Überblick ab 1789 vgl. die Fallstudien in: Revolutionen der Neuzeit, S. 111 ff. 152) Diesem Aspekt widmet im Rahmen der Leipziger Revolutionsfor- schung Matthias Middell besondere Aufmerksamkeit (vgl. JfG, Bd 40, 1989). - Manfred Kossok, Die Sansculotten von Dolores. Eine Studie über Vokabular und Mentalität der Konterrevolution in der mexikanischen Unabhängigkeitsbewegung von 1810, in: JfG von Staat, Wirtschaft u. Gesellschaft Lateinamerikas, Bd 24, Köln - Wien 1987, S. 390-415. 153) Walter Schmidt, 1789, 1848 und der bürgerliche Revolutions- zyklus in Marx' und Engels' Sicht (1852"1895) (Aufsatz i. Dr.). 154) Für das folgende vgl. Griewank. - Wie die nordamerikanische und die französische war für Gentz auch die lateinamerikanische Revolution von 1810 ein unwiderrufliches historisches Ereignis (Bolfvar y Europa en las cronicas, el pensamiento politico y la historiografía, vol. I, Siglo XIX. Caracas 1980. Doc. 280, S. 812-815). 155) Preußische Reformen - Wirkungen und Grenzen. Aus Anlaß des 150. Todestages des Freiherrn vom und zum Stein, Berlin/DDR 1982 (Hauptreferat Helmut Bock, z.T. kontroverse Beiträge von Ernst Engelberg, Heinrich Scheel, Helmut Bleiber). 156) Vgl. die von Georg Moll auf Grund seiner Forschungen getrof- fene Synthese, in: LBR, 16, 1987, S. 73-98. 157) Vgl. auch die in der Reihe "Probleme der Agrargeschichte des Feudalismus und des Kapitalismus" Rostock 1972 ff. erschienenen Beiträge. Insbesondere T. VHI-IX der Tagungsmaterialien 1976. Weiterhin: Hartmut Harnisch, Bürgerliche Agrarumwälzung in Preu- ßen. Von den Versuchen der Konservierung des Feudalsystems zur kapitalistischen Agrarstruktur, in: LBR, 16, 1987, S. 63-72. - Ders., Zum Stand der Diskussion um die Probleme des "preußischen Weges" kapitalistischer Agrarentwicklung in der deutschen Ge- schichte, in: Preußen in der deutschen Geschichte nach 1789, Ber- lin/DDR 1983. 158) Knappe Charakteristik der DDR-Debatte in: Deutsche Ge- schichte, Bd 4, Berlin/DDR 1984, Kap. 2, FN 8, S. 515. - Kossok, Bürgerliche Revolution, S. 53 ff. - Im Nachgang: Ernst Engelberg, Immer noch Meinungsverschiedenheiten über die Epoche der sozialen Revolution von 1789 bis 1871, in: ZfG, 1985, H. 8, S. 728 - 736. - Zur Abgrenzung von "Revolution von oben" gegenüber den Thesen von einem "deutschen Sonderweg" vgl. Gustav Seeber, in: LBR 16, 1977, S. 84-98. 159) Engelberg, Theorie, S. 403. 160) Gerhard Heitz, in: Jb. f. Wirtschaftsgesch., Berlin/DDR 1969, T. III. 161) Manfred Kossok, Charakter und historischer Ort der Unabhän- gigkeitskriege Lateinamerikas, in: ALAA, Bd 4, 1976, H. 6, S. 937-960. - Ders., Probleme einer vergleichenden Analyse der la- teinamerikanischen Unabhängigkeitsrevolution, in: ZfG, 1977, H. 2, S. 143-155. 162) Vgl. dazu: Ernst Engelberg, Über die Revolution von oben. Wirklichkeit und Begriff, in: ZfG, 1974, H. 11, S. 1183-1212. 163) Vgl. u.a. die Arbeit: Meiji-Restauration in Japan und die Französische Revolution. Ein historischer Vergleich unter dem Ge- sichtspunkt der Agrarfrage und der Bauernbewegungen, in: Studien über die Revolution, S. 303-314. 164) Barrington Moore jr., Social Origins of Dictatorship and De- mocracy: Lord and Peasant in the Making of the Modern World, Bo- ston 1966 (Dt. Ausg. 1969). 165) Ingrid Göthel, Meiji ishin-Kabsin dsongpjo. Eine komparative Studie über die bürgerliche Revolution in Japan, in: ALAA, 1987. 166) Max Zeuske, Bürgerkrieg und zweite bürgerliche Revolution in den USA, in: Revolutionen der Neuzeit, S. 369-392. 167) Max Zeuske, Sozialökonomische Entwicklung und demokratische Bewegung im bürgerlichen n Übergangsprozeß Lateinamerikas 1825- 1917, Diss. B, Leipzig 1980. - Tulio Haiperm Donghi, Historia contemporánea de América Latina, Madrid 1970 , S. 11 ff. 168) Manfred Kossok, in: ZfG, 1972, H. 7. 169) Hans Werner Tobler, Die mexikanische Revolution. Gesell- schaftlicher Wandel und politischer Umbruch 1876-1940, Frank- furt/M. 1984, S. 137 ff. 170) Im Gegensatz dazu bietet Jean Mayer, La revolution mexi- caine, Paris 1973, eine "revisionistische" Interpretation und sieht in der Revolution nichts anderes als die Fortsetzung der im Porfiviat begonnenen "Modernisierung Mexikos". zurück