Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 14/1988
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1789 - VERSUCH EINER POSITIONSBESTIMMUNG
Manfred Kossok
1. Schicksale einer Zweihundertjährigen - 2. Revolutionstriade
der Neuzeit - 3. Revolution und Epochenwende - 4. Frankreichs
Stellung im Transformationsprozeß - 5. Doppelrevolution und neue
Alternativen bürgerlicher Umwälzung
1. Schicksale einer Zweihundertjährigen
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Wie alt muß ein historisches Ereignis werden, ehe der Historiker
davon "sine ira et Studio" sprechen kann, "der Parteien Gunst und
Haß" sich gelegt haben? François Furet glaubte erst unlängst, die
Französische Revolution für "beendet" erklären zu können; sie
endlich als einen abgeschlossenen Gegenstand einzustufen, über
den sich mit intellektueller Distanz und Kühle sprechen lasse. 1)
Stattdessen hat die Debatte um 1789 im Vorfeld des 200. Jahresta-
ges einen neuen Höhepunkt erreicht. In der medialen Vielfalt ist
die Zahl der Wortmeldungen unübersehbar. Schon die Mitteilungen
über die Kongresse und Publikationen anläßlich des Bicentenaire
füllen einige Bände. 2) Konsens der Meinungen steht nicht zu er-
warten. Die von Edgar Quinet im Jahre 1867 pathetisch beschworene
unparteiische Deutung der Revolution will sich nicht einstellen
und ist auch für die Zukunft nicht abzusehen. Eher scheint das
Gegenteil der Fall zu sein. Um die Nation um den bürgerlichen Ra-
dikalismus der Dritten Republik zu scharen, konnte es sich ein
Politiker vom Format Georges Clemenceaus, nicht ganz unbeeinflußt
von seiner Jugendliebe zu Auguste Blanqui, noch leisten, die Re-
volution "en bloc" zu beschwören. Diese Zeiten sind lange vorbei,
auch wenn mit der Berufung auf die Menschen- und Bürgerrechte ge-
zielt die "belle epoque" der Revolution in den Vordergrund ge-
rückt wird. Deutlicher denn je brechen die Divergenzen - um nicht
zu sagen, Fronten - auf. Dafür gibt es eine einfache Erklärung:
Der immer wieder auflodernde Konflikt der Meinungen ist nicht nur
historiographischer Natur, ein Dialog von Eingeweihten und Beru-
fenen, er trägt ebenso, wenn nicht oft sogar vorrangig eine poli-
tische Note. Revolutionen gehören nun einmal zu den Ereignissen
der Weltgeschichte, von denen sich am wenigsten in der Vergangen-
heit denken und schreiben läßt, schon gar nicht von der großen
Revolution der Franzosen. Revolutionsgeschichte mit dem Rücken
zur Gegenwart ist schlechthin undenkbar.
Ein Jahrhundert wie das unsrige, in seinem Wesen selbst Revolu-
tion und das im denkbar umfassendsten Sinne dieses Begriffs, be-
gibt sich immer wieder auf die Suche nach den eigenen Quellen.
Nie zuvor ist über Revolution so angestrengt gedacht, geschrieben
und gestritten worden: Verheißung oder Verhängnis, Notwendigkeit
oder Zufall, Gesetzmäßigkeit oder Irrweg menschlichen Fort-
schritts? Ausnahme von der Regel eines in seinem Wesen organi-
schevolutionären und reformerischen Voranschreitens, wie einst
schon Friedrich Karl von Savigny entdeckte? Die von François-René
Chateaubriand so eindringlich beschriebene Folge der Erbsünde?
Der Rückfall in die Barbarei, die Entfesselung der Instinkte, das
Reich der zügellosen Gewalt, der sinnlose Opfergang für Ideen,
die ohnehin unerreichbar bleiben. In letzter Instanz: die Preis-
gabe des Menschen auf dem Altar der " konkreten Utopie"? Oder das
Produkt bloßer Manipulation und nackten Machtanspruchs, wie es
uns aus dem geistigen Zerrspiegel der "Philosophie nouvelle" 3)
entgegenschaut?
Diese Fragen, die in grobem Raster einige der Hauptstreitpunkte
um 1789 und die Folgen skizzieren, sind weder neu noch originell.
Sie bewegten bereits die Protagonisten in unmittelbarer Entschei-
dungssituation 4) und wurden seitdem immer und immer wieder for-
muliert, gewendet, modifiziert - von Historikern, Publizisten,
Literaten, Soziologen, Philosophen. Auf welches Phänomen träfe
also das Dictum Benedetto Croces mehr zu, daß Geschichte immer
Zeitgeschichte sei, denn auf Revolution? Nachdenken über 1789 und
1793 ist und bleibt eine Konstante des ununterbrochenen Bemühens,
dem Sinn der Geschichte auf die Spur zu kommen und damit die Mög-
lichkeiten und Grenzen gesellschaftlicher und individueller
Selbstverwirklichung des Menschen in den Grenzsituationen histo-
rischen Umbruchs zu erfassen. So bedeutet "Debatte um 1789" nicht
nur Streit um den Platz einer Revolution in der Nationalge-
schichte Frankreichs. Im Positiven wie im Negativen geht es um
den Ort der bürgerlichen Revolution in der neuzeitlichen Ge-
schichte wie um die Revolution und ihren Rang in der gesell-
schaftlichen Entwicklung überhaupt.
Die runden Jahrestage der Revolution hatten stets ihre eigenen,
Frankreich weit übergreifenden Schicksale. Im fünften Jahrzehnt
ihrer Wiederkehr durchlebte das Land den Niedergang seiner schon
dritten Revolution. Zwar beherrschten die "Montagnards" um Ale-
xandre Auguste Ledru-Rollin das radikale Vokabular ihrer Vorbil-
der von 1793; an entsprechenden Taten fehlte es jedoch. 5) Es be-
stand jene Situation, die Karl Marx zu der Erkenntnis führte:
"Was in diesen Niederlagen erlag, war nicht die Revolution. Es
waren die vorrevolutionären traditionellen Anhängsel." 6) Und
weiter: Wenn Geschichte sich zweimal ereigne, dann "das eine Mal
als Tragödie, das andere Mal als Farce". 7) Eine Epochenwende vom
Format des Jahres 89 ist eben nicht beliebig wiederholbar. Was
der Erinnerung an 1789 neuen Impuls verlieh, war das Werk eines
großen Dreigestirns, das die von Augustin Thierry, Adolphe Thiers
und François Auguste Marie Mignet personifizierte romantische Hi-
storiographie 8) krönte: die ersten Bände der Revolutionsge-
schichte von Louis Blanc 9), das große Werk von Jules Michelet
10) und die epische Apotheose des Girondismus von Adolphe de
Lamartine 11). Diese, alle im Jahre 1847 erschienenen Arbeiten
beschrieben nicht nur Geschichte, sie machten sie. Das Vermächt-
nis der Revolution als Anleitung zum Handeln für die neue Klasse
statt retrospektiven Räsonnements.
Der einhundertste Jahrestag stand im Zeichen der Gründung der II.
Internationale. Bewußt nahm das Proletariat - neben dem französi-
schen insbesondere auch das deutsche - die von der Masse des sa-
turierten Bürgertums im Feuer der Commune preisgegebenen Tradi-
tionen von 89 und 93 in das Verständnis der eigenen historischen
Mission auf 12). Von hier datierte auch die Neubelebung der so-
zialistischen Rezeption in ihren unterschiedlichen Orientierun-
gen: Die Histoire socialiste de la Révolution française von Jean
Jaures stellte "das Volk" in das Zentrum der Handlung 13) und
mündete in das Bekenntnis: "Je suis avec Robespierre". Fast um
dieselbe Zeit, da Jaures seine Arbeiten begann, befragte Pjotr
Kropotkin, vom Hochadel in die Reihen des Anarchismus gewechselt,
die Revolution der Franzosen nach ihren Lehren für die kommende
russische Revolution und sah deren Haupttriebkraft in der Bewe-
gung der Bauern 14). Und schließlich jene historische Polemik
zwischen Georgi Plechanov und W.I. Lenin anläßlich der ersten
russischen Revolution von 1905 um die Wiederholbarkeit der Kon-
stellation von 1789 unter gänzlich veränderten historischen Be-
dingungen 15).
Die Emotionen, die in Frankreich anläßlich des Centenaire von
1889 aufbrachen, sind völlig zu Unrecht heute vergessen und brau-
chen den Vergleich mit dem gegenwärtigen Meinungsstreit kaum zu
scheuen 16). Kirche und Royalisten machten mobil. Die "Nachkommen
des Gekreuzigten" standen den "Söhnen Voltaires" unversöhnlich
gegenüber; die (Anti-)Geschichte der Französischen Revolution des
Msgr Freppel erschien in 23. Auflage 17). Edmund Burke, Stammva-
ter aller Revolutionskritik 18), tauchte aus der Versenkung auf
... Trotzdem fand gegen den erbitterten Widerstand der Ci-devants
anläßlich des Centenaire die Gründung des Lehrstuhls für Ge-
schichte der Französischen Revolution an der Sorbonne statt. Ei-
ner Revolution eine eigene akademische Heimstatt zu schaffen, war
nicht nur Novum, sondern blieb für lange Zeit einmalig in der Ge-
schichtswissenschaft. Erst die Oktoberrevolution von 1917 sollte
auf ähnlich beherrschende Weise zum Gegenstand der wissenschaft-
lichen Forschung und ideologischen Auseinandersetzung werden. Die
Frage nach den Gemeinsamkeiten und den Unterschieden in den bei-
den großen Epochenzäsuren der modernen Weltgeschichte ist seitdem
nicht verstummt.
Alphonse Aulard, erster Inhaber des neuen Lehrstuhls, sah die
Helden der Revolution in Danton und den Dantonisten 19): die Re-
volution als Identifikationsmodell für den bürgerlichen Radika-
lismus, aber auch als Barriere gegen deren "Plebejisierung" à la
Jaurès. Mit Aulards Nachfolger Albert Mathiez 20) setzte sich die
"lecture socialiste" 21) - bis dahin extrauniversitäres Phänomen
- in der akademischen Forschung durch. Ihr verschrieb sich noch
prononcierter Georges Lefebvre 22). Zentralen Bezugspunkt bilde-
ten nun Robespierre und die Robespierristen, insbesondere von
Lefebvre als Inkarnation der Linken in Epochen gesellschaftlichen
Umbruchs verstanden, woraus seine Sympathien für die Generation
von 1917 als Jakobiner des 20. Jahrhunderts erwuchsen.
Über dem 150. Jahrestag lagen bereits die Schatten des II. Welt-
krieges. Die im Frankreich der Volksfront unversöhnliche Konfron-
tation für und gegen die Gefahr des Faschismus ließ die Erinne-
rung an 1789 nicht aus. Alle politischen Gruppierungen griffen
auf die Revolution zurück, und erneut gewann die Debatte um 1789
internationale Dimension. Lefebvres flammender Aufruf "Jugend von
1939! Verstehe die Stimme der Vorfahren, die zu Dir reden!" 23),
fand den brillanten Niederschlag in den Werken über Robespierre
und das Jahr 89. Die Gegenattacke ritt erneut Pierre Gaxotte 24),
der bereits 1929 mit einer Revolutionsgeschichte hervortrat, die
eigentlich auf Mathiez zielte und das Trauma von 1917 zu beschwö-
ren suchte. Dazu der Stoßseufzer von Donald Halévy: "Nur keine
Jahrestage mehr!" Es lag in der Logik der Ereignisse, daß
Lefebvres "Quatre-vingt-neuf" bald auf Befehl aus Vichy vernich-
tet wurde, und der Zerstörung von Edition sociales internationa-
les fiel auch das Buch eines jungen unbekannten Autors "1789.
L'An Un de la Liberté" zum Opfer. Sein Name: Albert Marius Soboul
25). Habent sua fata libelli - wir fügen hinzu: et autores. Wäh-
rend Charlotte Corday ihre Wiederauferstehung als Antiheldin der
Action Française feierte, widmeten Romain Rolland und Lucien
Febvre der Großen Revolution eine eigene Ausgabe von "Europe"
26), und die erst mit der Volksfront wieder unter die Trikolore
zurückgekehrte FKP brachte einen Sonderband der Cahiers du Commu-
nisme heraus 27). Außerhalb Frankreichs stellte die in der UdSSR
veröffentlichte Revolutionsgeschichte den repräsentativsten in-
ternationalen Beitrag der progressiven Historiographie dar 28).
Unabhängig von Herkunft und Weltanschauung gingen die Ideen von
89 und 93 in das geistige Arsenal der Résistance ein, wofür die
Namen von Sagnac, Lefebvre, Camus, Malraux, Soboul... stehen 29).
Ohne den Jakobinismus als Epizentrum der großen Revolution preis-
zugeben, blieb es Albert Soboul vorbehalten, von der Position des
materialistischen Historismus aus und in der unmittelbaren Nach-
folge von Georges Lefebvre stehend, das Spektrum des Revolutions-
bildes weiter nach links zu öffnen (nicht zu verschieben, wie oft
fälschlich behauptet) und die bäuerlich-städtischen Volksklassen,
speziell die "Sansculotten von Paris", 30) aus historischer
Anonymität zu befreien und damit dem "Peuple" konkrete Gestalt zu
geben. Diese "Sansculottisierung" hat für das Verständnis der Re-
volution, speziell für das Verhältnis von Revolutionsführung
(Hegemon) und Volksbewegung völlig neue Dimensionen begründet. Um
das Erbe von Georges Lefebvre gruppierte sich - mit Albert Soboul
an der Spitze - eine ganze Phalanx von hervorragenden Revoluti-
onshistorikern: Armando Saitta in Italien, Walter Markov in der
DDR, Richard Ch. Cobb in England, Kåre D. Tønnesson in Norwegen,
Kálmán Benda in Ungarn, Boguslaw Lesnodorski in Polen, Kveta Me-
jdricka in der CSSR, George F. Rudé in Australien, Samuel Bern-
stein in den USA, Koahiro Takahashi in Japan...; dazu die Aus-
strahlung auf die sowjetische Revolutionshistoriographie (A.Z.
Manfred, V.M. Dalin, Ja. M. Zacher, V.G. Revunenkov, bis in die
jüngere Generation um A.V. Ado und dessen Schüler). Eine solche
Sternstunde der Geschichtsschreibung, dem Erbe der Revolution
nicht weniger verschrieben als dem Vermächtnis der antifaschisti-
schen Résistance, ist so leicht nicht wieder vorstellbar. Schon
hat der Tod schmerzliche Lücken gerissen, 31) und die Nachfolgen-
den wissen um die Last des Überkommenen. Ihnen kann nur die jako-
binische Maxime, es gelte, nicht nur zu bewundern, sondern zu
übertreffen, helfen. Von "Schule" zu sprechen, hieße - abgesehen
von der direkten Generationsfolge Mathiez, Lefebvre, Soboul - die
Dinge wohl zu sehr zu vereinfachen. Was unabweisbar bleibt, ist
die Tatsache, daß in den fünfziger und sechziger Jahren eine von
gemeinsamer Grundhaltung geprägte Gruppe von Historikern die Re-
volution auf neue Weise und primär "von unten" in den Mittelpunkt
der Aufmerksamkeit rückte und damit meinungsbildend wirkte. Die
allseits verstandene Herausforderung lag nicht nur im Verständnis
des Ganzen, des historischen Orts der Revolution, sondern ebenso
und gewiß vorrangig in der Erschließung neuer Quellen, die einem
elitären Revolutionsbild, gleich ob royalistisch, liberal oder
radikal, den Boden entzogen. Theorie und Empirie bildeten eine
organische Einheit.
Man möge es einem Vertreter der Leipziger Revolutionsforschung
nachsehen, wenn ein zusätzliches Wort über Walter Markov 32) ge-
sagt wird. Sein Verdienst als eine der profilgebenden Persönlich-
keiten dieser Gruppe besteht darin, daß er, abgesehen von der
bahnbrechenden Arbeit über die "Äußerste Linke" um Jacques Roux
33) (hier eher in der Tradition von Zacher 34) als von Lefebvre
stehend), gemeinsam mit Albert Soboul das Scharnier einer weitge-
faßten internationalen Kooperation abgab, auf deren Grundlage
sich eine "Gelehrtenrepublik" sui generis formierte - eine für
die Zeit des kalten Krieges gewiß nicht gering zu veranschlagende
Leistung. Ebensowenig sei der Hinweis ausgespart, welche Impulse
von der Revolutionsforschung speziell für das Weltgeschichtsver-
ständnis der Leipziger Schule 35) ausgegangen sind.
An Etikettierungsversuchen gegenüber dem dem Erbe von Lefebvre
verpflichteten Historiker hat es nicht gefehlt. Was Soboul aus
eigenem Traditionsverständnis als "klassische Historiographie"
bezeichnete, fußte auf der geglückten Symbiose von "lecture jaco-
bine" (einschließlich Marcel Reinhard 36) und Jacques Godechot
37)) und "lecture marxiste" der Revolution. So wird der Alptraum
verständlich, der Richard R. Palmer beim Erscheinen des interna-
tionalen Gemeinschaftsbandes "Maximilien Robespierre" anläßlich
dessen 200. Geburtstages (1958) 38) beschlich und der in die Mah-
nung mündete, welches Verhängnis es doch wäre, wenn nur die Mar-
xisten das Volk in der Revolution verstünden. 39) Anders als Kas-
sandra blieb Palmer nicht ungehört.
Wie schon die Revolution selbst, so fand die progressive Linie
ihres Verständnisses wiederum ihre Gegengeschichte. Der erneute
konzertierte Aufmarsch gegen die klassische Historiographie da-
tiert seit den fünfziger Jahren unter dem selbstgewählten Stich-
wort einer Revision des Geschichtsbildes. Für die Summe dieser
Versuche hat sich inzwischen der Begriff des "historischen Re-
visionismus" eingebürgert, eine gewiß nicht unzutreffende Loka-
tion, die desungeachtet dazu angetan ist, unterschiedliche Quel-
len, Qualitäten und Absichten zu verschütten statt bloßzulegen.
Einen der ersten Streiche führte der englische Historiker Alfred
Cobban, 40) der im welthistorischen Übergang zum Kapitalismus im
Falle Frankreichs weder Feudalität - die in den Cahiers de do-
leances so ausgiebig kritisierten Feudalprivilegien beruhten of-
fensichtlich auf einem Irrtum der Zeitgenossen, und die Grande
Peur im Sommer und Herbst 1789 war ein Schattenboxen wildgeworde-
ner Bauern? - noch Bürgertum auszumachen vermochte und die Revo-
lution zum Mythos erklärte: ein Schlag- und Modewort, das rasch
Anhänger fand. 41) Im Verlaufe der Auseinandersetzung sekundierte
ihm sein Landsmann Perez Zagorin mit der Behauptung, Karl Marx
habe die bürgerliche Revolution erfunden, um die sozialistische
historisch rechtfertigen zu können. 42) Einer wesentlich subtile-
ren Revolutionskritik bedient sich - zunächst in Gemeinschaft mit
Denis Richet - der gegenwärtig wohl einflußreichste Exponent des
historischen Revisionismus, François Furet. 43) Für Furet redu-
ziert sich die wahre Revolution auf das Wirken der aufgeklärt-li-
beralen Elite in den Jahren 1789 bis 1791; die danach kommenden
Ereignisse von 1793 und 1794, das aktive Eingreifen der Volksbe-
wegung, die revolutionäre Diktatur der Jakobiner werden als
"dérapage" - das Entgleisen und Umkippen der Revolution - be-
zeichnet. Wie stark meinungsbildend Furet über die Grenzen
Frankreichs gewirkt hat, ist im Falle der BRD an Arbeiten von E.
Schmitt und R. Reichardt 44) ablesbar. In der Folge hat sich Fu-
ret darauf kapriziert, die wissenschaftliche Widersprüchlichkeit
und Unhaltbarkeit der Marxschen Vorstellungen von bürgerlicher
Revolution und bürgerlichem Staat nachzuweisen. 45) Die Kritik
stellte gegenüber Furet inzwischen nicht nur sein bemerkenswert
selektives Verfahren der Quellenauswertung, 46) sondern auch die
Ahistorizität der gewählten Prämissen heraus. 47) Für einen kri-
tischen Dialog mit dem historischen Revisionismus scheint es an-
gebracht, zwei Ebenen voneinander zu trennen: den Versuch, die
Revolution als Gesamtphänomen in Frage zu stellen einerseits und
die aus fundierter Quellenforschung neu gewonnene Sicht auf Pro-
blemfelder, die bislang für die klassische Historiographie am
Rande des Interesses lagen, andererseits. Was die zweitgenannte
Ebene betrifft, so reicht der Spannbogen der Streitpunkte vom
Charakter des Ancien Régime, Agrarstruktur und Agrarbewegung, un-
ternehmerische Potenzen des Reformadels bis hin zu Struktur und
Hegemoniefähigkeit des Bürgertums; 48) nicht zu vergessen die
Kontroverse um die revolutionäre ("schöpferische") oder vorrangig
regressiv-negative, in Traditionalismus verhaftete Rolle der
Volksklassen. 49) In diesen und anderen Kardinalpunkten (bis hin
zur Mentalitätsforschung) 50) kann Wettstreit neuen Erkenntnissen
nur dienlich sein.
Einen anderen Stellenwert hat die eindeutig politisch-ideologi-
sche Debatte um den historischen Ort von 1789, mit dem Ziel, die
Revolution zu relativieren, zu minimieren, einzuebnen oder über-
haupt zum Unereignis zu machen. Dabei spielt der genannte histo-
rische Revisionismus - an führender Stelle wäre wiederum auf Fu-
ret zu verweisen - eine nicht unwesentliche Rolle. Aber für diese
Generalrevision müssen auch andere Quellen in Betracht gezogen
werden.
Zeitweilig schien es, als könnte sich die auf dem Welthistoriker-
kongreß in Rom 1955 von Palmer und Godechot aus der Taufe geho-
bene Theorie der atlantischen Revolution 51) behaupten. Diese
Theorie ging von der epochesetzenden Priorität der nordamerikani-
schen Revolution aus und ließ die Wende von 1789 in der amorphen
Summe der Nachfolgerevolutionen untergehen; hinzu trat der An-
spruch, den Begriff der - sozial bewußt unbestimmten - demokrati-
schen Revolution allein den Atlantikanliegern zu reservieren, was
dem Vorsatz, die NATO zu historisieren, nicht eben unähnlich war.
Darob entbrannte speziell in Frankreich eine heftige Diskussion,
in der Marcel Reinhard und Georges Lefebvre die besondere Stel-
lung der Französischen Revolution im Epochenumbruch am Ausgang
des 18. Jahrhunderts betonten. Gewiß nicht nur eine Reaktion aus
der Sicht der "Grande Nation". 52) Inzwischen gehört diese De-
batte der Geschichte an. 53)
Einen anderen Ansatz, um die Revolution als Wende- und Knoten-
punkt gesellschaftlicher Entwicklung einzuebenen und ihrer Rele-
vanz zu entkleiden, ergibt die einseitige Orientierung auf Lang-
zeitzyklen und subjektive Epochebestimmungen. Im Ergebnis der von
der Annales-Schule im Stil von Lucien Febvre und Fernand Braudel
bevorzugten Prozeßanalysen zur "longue duree" ökonomisch-struktu-
reller und kulturell-psychologischer Entwicklungstrends, reduzie-
ren sich (politisch-soziale) Revolutionen auf Eruptionen sekun-
därer Größenordnung (Revolution als "Epiphänomen"). 54) Sie büßen
ihren Rang als Brennpunkte der Alternativität historischen Ge-
schehens ein. Nach Meinung der nordamerikanischen Historikerin
Lynn Hunt führe auch die in Mode kommende geschlossene Epochenbe-
stimmung von der Aufklärung (seit dem Ausgang des 17. Jahrhun-
derts) bis zur Romantik (dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts)
mit dem Instrumentarium der sozial-historischen Semantik zur fak-
tischen Einebnung der Revolution. 55)
Derartige Korrekturen an der Realgeschichte verblassen vor anläß-
lich des Bicentenaire in Szene gesetzter Verteufelung der Revolu-
tion durch Publizisten, Historiker und Philosophen der "Nouvelle
droite". 56) Dazu gehört die absolute und unkritische Rehabili-
tierung der konterrevolutionären Historiographie. Dafür nur drei
Beispiele: Wie anno 39 wird Edmund Burke "neu" gelesen, Augustin
Cochins Antijakobinismus kommt via Furet wieder in Mode, 57) die
"Schreckensherrschaft" in Lyon wird anhand der Memoiren des kö-
nigstreuen Abbe de Montleon rekonstruiert. 58) Erneute Aktuali-
sierung erfährt die einst von Jacob Talmon und Hannah Arendt in
ihren Ursprüngen auf Rousseau und die Jakobinerexzesse historisch
zurückgeführte Totalitarismusdoktrin, 59) die folgerichtig in das
"Goulag" gemündet sei. Bei Pierre Chaunu, dem exponiertesten Ver-
treter der "Nouvelle droite" unter den Historikern, (allerdings
ohne eigene Studien zum Thema 89), denaturierte die Revolution
zum "Génocide franco-français" 60) mit nicht weniger als ima-
ginären 600000 Opfern: 1789 wieder als der große Sündenfall der
modernen Weltgeschichte oder - laut Jacques Juillard - "c'est la
faute à Rousseau". 61) In dieser Atmosphäre kann es nicht verwun-
dern, daß - wie in Lyon - Vereinigungen aufkommen, deren Bei-
trittsbedingung darin besteht, den Nachweis führen zu können,
einen Vorfahren auf der Guillotine eingebüßt zu haben. Da liegt
es schon näher, der tausendjährigen Erinnerung an die Krönung von
Hugo Capet (987) und die insgesamt folgenden 33 Monarchen
nachzuhängen...
Die philosophische Fraktion der "Nouvelle droite", eine Spätfolge
der revolutionären Krise von 1968, fehlt im Chor der
"Goulagistes" nicht: Revolution entpuppt sich post festum in ih-
rem Wesen als totalitäres Phänomen, die Ideen, die eine ganze
Welt bewegten, als bloße machtpolitische Lockmittel oder Konse-
quenz der Macht der Dummheit. 62)
Auf die zahllosen Versuche, 1789 totzusagen und damit die Revolu-
tionen generell als große geschichtsumwälzende Kraft aus dem Ge-
schichtsbewußtsein zu eliminieren, hat Albert Soboul in einer
seiner großen Vorlesungen an der Sorbonne lapidar und zwingend
geantwortet: Das Malheur ihrer Gegner, damals wie heute, bestehe
nun einmal darin, daß sie eben doch stattgefunden haben. So wi-
derlegt sich Negation der Revolution am deutlichsten in der Ste-
tigkeit ihrer Wiederholung.
2. Revolutionstriade der Neuzeit
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Gewiß wäre es ein vergebliches Unterfangen, im Sinne von Stefan
Zweig die "Weltminute" festzuhalten, in der sich das Schicksal
zwischen Feudalität und bürgerlicher Gesellschaft entschied. Im-
merhin erstreckte sich die Herauslösung aus der Feudalität allein
für Europa über einen Zeitraum von mehr als dreihundert Jahren.
Auf bisher nicht gekannte Weise setzte eine Beschleunigung des
historischen Fortschritts in allen Sphären ein. Auf dem Hinter-
grund der relativen Ruhelage der vorangegangenen Epochen bedeutet
es kaum eine Übertreibung, die Zeit vom Beginn des 16. bis in die
zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts als eine Epoche der permanen-
ten Revolution zu bezeichnen. Kein Sektor gesellschaftlicher Exi-
stenz blieb von dieser Umwälzung ausgenommen. Das von Ullrich von
Hütten so enthusiastisch zum Ausdruck gebrachte neue Lebensgefühl
bietet ein Beispiel für die von Generation zu Generation verän-
derte Weltsicht.
Erst bei näherer Betrachtung rücken die Ebenen, Kettenglieder und
Etappen des revolutionären Prozesses deutlicher auseinander. In
letzter Instanz überkreuzten sich im Übergang von der Feudalität
zum bürgerlichen Zeitalter zwei Entwicklungskomponenten: die
spätfeudal-absolutistische und die aufsteigend-bürgerliche Kom-
ponente. Schritt für Schritt konstituierte sich das Bürgertum als
eine Klasse der historischen Initiative - zur "historischen
Klasse" im Sinne von Antonio Gramsci 63) -, wogegen der Adel zu-
nehmend in die Position der Klasse der historischen Defensive ge-
riet. Dieser Prozeß verlief keineswegs linear. Noch lange be-
durfte das Bürgertum zur Genesis seiner Produktions- und Gesell-
schaftsformen der Stütze des Absolutismus. 64) Vor der Konfronta-
tion stand die Symbiose der Interessen, ehe das jeweilige Ancien
Regime der Revolution weichen mußte. Auf der unhistorischen Ver-
absolutierung der zeitweiligen und relativen Interessenkongruenz
von Krone und Bourgeoisie - besonders deutlich in der französi-
schen Rentenbourgeoisie: "la bourgeoisie inactive" 65) - fußt ei-
nes der wesentlichen Argumente, um das Revolutionspotential und
die Hegemoniefähigkeit der Bourgeoisie in Frage zu stellen oder
total zu bestreiten.
Für die Bestimmung des Charakters, der Richtung und der konkreten
Ergebnisse in der Überwindung der Feudalität kommt dem bürgerli-
chen Revolutionszyklus die entscheidende Bedeutung zu. Allerdings
bedarf es eines ebenso exakten wie differenzierten und flexiblen
Umgangs mit der Grundkategorie "Bürgerliche Revolution". Dieser
Begriff hat - obwohl Gegenstand ständiger Polemik 66) - längst
aufgehört, an marxistisches Geschichtsverständnis gebunden zu
sein. Um so dringender erscheint die Aufgabe, gerade aus marxi-
stischer Sicht das theoretische und methodologische Instrumenta-
rium um dieses Problemfeld weiter auszuarbeiten. Hier setzen die
Forschungen der Leipziger Schule 67) an.
Wie jeder andere Grundtyp von Revolution ist bürgerliche Revolu-
tion nicht "an sich" oder "als solche" bestimmbar. Es gilt, an
die Stelle des abstrakten (beliebig deklinierbaren) Revolutions-
verständnisses das konkret-gesellschaftliche zu setzen. Ein sol-
ches, der Realgeschichte gerecht werdendes Herangehen an die Ana-
lyse eines der komplexesten und kompliziertesten Phänomene ge-
sellschaftlicher Transformation ist per se an drei Hauptbedingun-
gen gebunden:
a. die Einordnung in den C h a r a k t e r d e r E p o c h e
und die daraus resultierende D i a l e k t i k v o n F o r-
m a t i o n s e n t w i c k l u n g u n d R e v o l u-
t i o n s t y p;
b. das P r i n z i p d e r H i s t o r i z i t ä t, um die
Revolution als Produkt der Geschichte - Historisch-gewordenes -
zu begreifen, die ihrerseits wieder auf den weiteren Gang der Ge-
schichte zurückwirkt. Die Historizität des bürgerlichen Revoluti-
onstyps folgt aus dem Umstand, daß "die ökonomischen Formen",
d.h. die epoche- und formationsspezifischen Grundbedingungen ih-
rerseits wieder "vorübergehende und historische" 68) sind;
c. die D i a l e k t i k v o n E i n h e i t u n d V i e l-
f a l t im bürgerlichen Revolutionszyklus generell, aber auch
innerhalb der einzelnen revolutionären Teilprozesse. Mit dem
Übergang zum bürgerlichen Zeitalter tritt die Bourgeoisie in das
Zentrum des Geschehens, was indes keineswegs heißt, daß sie für
diese Zeit auch das politisch-soziale Zentrum jeder einzelnen Re-
gion oder jedes Landes abgab. Die Vielfalt bürgerlicher Umwälzung
ist also nicht an einem soziometrisch oder auf ähnliche Weise be-
stimmbaren "Epochendurchschnitt" meßbar.
In letzter Instanz fußte die Dynamik des welthistorischen Über-
gangs von der Feudalität (und anderen Formen vorkapitalistischer
Existenz) zur bürgerlichen Gesellschaft auf einer R e v o l u-
t i o n s t r i a d e, deren Komponenten (Ebenen) sich - grob
formuliert - auf die folgende Weise bestimmen lassen:
- die Freisetzung der neuen Produktionsformen in ihren histo-
rischstrukturellen Stufen vom Frühkapitalismus über die Manufak-
turperiode bis zur vollen Entfaltung der industriellen Revolu-
tion; 69)
- die politisch-soziale Umwälzung (Konstituierung der Bourgeoisie
als herrschende Klasse in "reiner" Form oder, was der Regel ent-
sprach, auf der Basis eines Klassenkompromisses) in Gestalt des
Revolutionszyklus vom 16. bis zum 19. Jahrhundert; 70)
- der Umbruch im philosophischen Denken (als Kernstück der allge-
meinen Kulturrevolution) von der Renaissance über die großen Den-
ker des 17. Jahrhunderts und die Aufklärung bis zur Vollendung
der klassischen Philosophie. 71)
Natürlich handelt es sich auch in diesem Falle insofern um eine
Abstraktion, da diese Prozesse in der historischen Realität weder
immer parallel noch in gleich intensiver Ausprägung verliefen
bzw. existierten. Stattdessen gab es zeitlich stadial-regionale,
strukturelle und zeitliche Verschiebungen zwischen den Komponen-
ten der Triade, von Region zu Region, wie auch innerhalb der ein-
zelnen Regionen und Länder. Vom jeweils Einzelnen auf das Ganze
schließen zu wollen, hieße apriori sich den Weg der Erkenntnis zu
verbauen. Hier berühren wir übrigens einen Kardinalaspekt in der
Auseinandersetzung um den historischen Ort der bürgerlichen Revo-
lution. In der Regel fußt die Kritik der nichtmarxistischen Hi-
storiographie auf einem einseitig-subjektiven Verständnis des ma-
terialistischen Historismus, das die inzwischen vorliegenden For-
schungsergebnisse zum erheblichen Teil oder völlig ignoriert 72)
und sich eines selbstgezimmerten, leicht widerlegbaren Deutungs-
modells bedient. Das Informationsproblem haben stets die anderen.
Im Revolutionszyklus der Neuzeit sind wiederum bestimmte Stufen
erkennbar: eine Phase der Inkubation, danach des klassischen
Durchbruchs und schließlich des Wachstums in die Breite. So wenig
die Feudalität des 16. Jahrhunderts den Feudalverhältnissen im
17., 18. Jahrhundert oder gar noch später gleicht, 73) so falsch
wäre es, die vielfältigen Unterschiede der bürgerlichen Revolu-
tion in ihren historisch-typologischen Entwicklungsetappen (und
-formen) zu übersehen. Eigentlich überflüssig, darauf zu verwei-
sen, daß dieses Prinzip der Historisierung für alle wesentlichen
Kategorien des Revolutionsverständnisses gelten sollte. G.V. Tay-
lor begründet seine These von der Nichtexistenz eines Bürgertums
um 1789 und damit die Unhaltbarkeit des Begriffes Bürgerliche Re-
volution mit dem Hinweis auf das Fehlen einer industriellen Bour-
geoisie und nichtkapitalistischer Akkumulationsquellen des Reich-
tums 74); eine solche Argumentation spricht eher für das Nicht-
verständnis der genetisch-historischen Entwicklungsstufen von
Bürgertum, da eine Industriebourgeoisie vor Vollendung der indu-
striellen Revolution eine Contradictio in adjecto wäre.
Ähnlich ergeht es Lynn Hunt, die den Klassenbegriff primär poli-
tischkulturell faßt, zugleich jedoch offen bekennt, daß es leich-
ter sei, gegen den Begriff Bürgerliche Revolution zu polemisie-
ren, als "etwas Überzeugendes an seiner Stelle zu bieten". 75)
Wenn bei Theda Scocpol mit unterschwelliger Kritik am marxisti-
schen Revolutionsverständnis die Aussage erfolgt: "The men who
dominated after the Revolution were not industrialists or capita-
list entre-preneurs but primarily bureaucrats, soldiers" - ab
welchem Rang, möchte man fragen ", "and owners of real estate",
76) dann gehen gleich mehrere Kriterien durcheinander - die
grundsätzliche Tatsache, daß 1789 die französische Bourgeoisie
noch eine Klasse in struktureller Entwicklung war und die Funk-
tion der Revolution ja gerade darin bestand, die Weichen zu ihrer
endgültigen Konstituierung zu stellen, bürgerliche Macht sich nie
direkt, sondern stets in "übersetzter" Form realisiert (was neu-
erlich durch die vielleicht nicht ganz unproblematische Unter-
scheidung von "sozialer" und "politischer" Klasse zum Ausdruck
gebracht wird), verbürgerlichter Großgrundbesitz zumindest funk-
tionell Teil der Bourgeoisie bzw. des kapitalistischen Eigentums-
systems ist, etc. Solche und andere Selbstverständlichkeiten wä-
ren bei genauer Kenntnisnahme der Literatur- und Forschungssitua-
tion eigentlich kaum Gegenstand des Meinungsstreites. Noch einige
in diesem Zusammenhang erwähnenswerte Beispiele: Immanuel Geiß
sieht sich durch die Auffassung, bürgerliche Revolution sei vor
industrieller Revolution nicht denkbar, veranlaßt, den Gesamtkom-
plex "Frühbürgerliche Revolution" als wichtige genetische Phase
auszusparen und selbst Umbrüche von europäischer Relevanz wie die
Englische Revolution in die Kategorie eines Aufstandes zurückzu-
stufen. In der jüngsten Arbeit von Perez Zagorin zerfließen die
Grenzen zwischen Aufstand, Rebellion, Meuterei und Revolution bis
zur Unkenntlichkeit. 77) Auch der "Revolutionsdekalog" von Fer-
dinand Seibt 78) trennt nicht sehr überzeugend zwischen objekti-
ven und subjektiven Revolutionskriterien; so ist das Januskopf-
Problem - exakter ausgedrückt das Verhältnis von Kontinuität und
Bruch im Transformationsprozeß - in "frühen" Revolutionen natür-
lich anders ausgeprägt als in "reifen" und "späten".
3. Revolution und Epochenwende
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Im Zyklus der neuzeitlichen Revolution kommt Frankreich die zen-
trale Position zu. Ungleich mehr als die Englische Revolution war
die Französische nicht nur Ausdruck der Weltteile, in denen sie
vorfielen, sondern einer epocheprägenden Entscheidungssituation.
79) Bereits die Zeitgenossen - noch vom ungebrochenen Fort-
schrittsbewußtsein der Aufklärung durchtränkt - bezeichneten die
Französische Revolution als "Große Revolution", eine Ortsbestim-
mung, die also nicht erst von den Historikern erfunden werden
mußte. Mit der Französischen Revolution profilierte sich zugleich
der moderne Revolutionsbegriff. 80) Was dem Historiker von heuti-
ger Warte auch für die Zeit vor 1789 fast kommentarlos als Revo-
lution gilt, hatte für ihre Protagonisten und Zeitgenossen nicht
selten einen völlig anderen subjektiven Stellenwert: Es ging um
Verfassungskämpfe, Bürgerkriege; Verteidigung altständischer
Rechte, Reformatio im Sinne der Wiederherstellung des (guten) Al-
ten, Wende zum (einstigen) Goldenen Zeitalter, Abwehr tyranni-
scher Macht ... In der Geschichte kommt es nicht selten vor, daß
Erscheinung und Begriff auseinanderfallen, oder, aus späterer
Sicht, sogar in Widerspruch zueinander stehen. Für den Revoluti-
onsbegriff scheint dieses Phänomen auf besondere Weise zu gelten.
Keineswegs kann aber der Historiker für die geschichtliche Ein-
ordnung der Ereignisse um 1789 übersehen, daß objektive Epochen-
konstellation und subjektives Epochenverständnis eine bis dahin
einmalige Intensität erreichten. "Durch die Aufklärung und die
Revolution sind erstmals die Widersprüche der modernen Welt ins
allgemeine Bewußtsein geraten." 81)
Die Französische Revolution markierte den Höhe- und Wendepunkt im
Übergang zur bürgerlichen Gesellschaft, sie leitete die Schluß-
phase dieses Transformationsprozesses und die endgültige Durch-
setzung der neuen Formation ein. Weltgeschichte ab 1789 hieß
Weltgeschichte im Zeichen der Bourgeoisie und der sich vollenden-
den bürgerlichen Umwälzung. 82) Diese Begriffsbestimmung betrifft
die quantitative wie die qualitative Seite der weiteren histori-
schen Entwicklung. Erst mit dem Umbruch von 1789 fällt die Haupt-
macht des Ancien Régime, senkt sich die Waage endgültig gegen die
feudalabsolutistischen Staaten und zu Gunsten der Welt des Bür-
gertums.
Was als "Bürgerliche Umwälzung" bezeichnet wird, ist eine in ih-
rer Dramatik kaum überbietbare Folge von Revolution - Konterrevo-
lution - Reform - Krise - Krieg - Aufschwung - Stagnation - Deka-
denz, aus deren Feuer eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte
Gestalt gewinnt, vielgestaltig und doch einheitlich in ihrem bür-
gerlichen Grundcharakter, eben das "Bürgerliche Zeitalter" (ein
Begriff, der wiederum nicht pauschal mit "Zeitalter des Bürger-
tums" synonym gesetzt werden sollte).
Im Voranschreiten der bürgerlichen Gesellschaft (und ihrer Pro-
duktionsweise) verdichtete sich die Menschheitsgeschichte in qua-
litativ neuer Weise zur W e l t g e s c h i c h t e. Im Jahre
1857 notierte Karl Marx: "Weltgeschichte existierte nicht immer;
die Geschichte als Weltgeschichte Resultat". 83) Noch früher
steht zu lesen: "Je weiter sich im Laufe dieser Entwicklung nun
die einzelnen Kreise, die aufeinanderwirken, ausdehnen, je mehr
die ursprüngliche Abgeschlossenheit der einzelnen Nationalitäten
durch die ausgebildete Produktionsweise, Verkehr und dadurch na-
turwüchsig hervorgebrachte Teilung der Arbeit zwischen verschie-
denen Nationen vernichtet wird, desto mehr wird die Geschichte
zur Weltgeschichte..." 84) Welche Ereignisse im Übergang zur bür-
gerlichen Gesellschaftsformation hatten größere "Kreise" gezogen
als die Große Revolution Frankreichs und die industrielle Revolu-
tion Englands?
Das Verhältnis von politisch-sozialer und industrieller Revolu-
tion gestaltete sich im Prozeß der bürgerlichen Umwälzung sehr
unterschiedlich: 85)
- Im Falle Englands ging die politisch-soziale der industriellen
Umwälzung um mehr als einhundert Jahre voran, worin einer der
Faktoren für die Pionierfunktion dieses Landes in der Freisetzung
der kapitalistischen Produktionsweise zu suchen ist. Nicos Pou-
lantzas hat daraus (zu einseitig) die Modellfunktion der Engli-
schen Revolution abgeleitet. 86)
- Für Frankreich kann von einer faktischen Parallelität zwischen
Revolution und industrieller Umwälzung ausgegangen werden. Die
Konsequenzen dieser Kombinationen (intern wie extern) bilden noch
immer einen Hauptstreitpunkt in der Debatte um die Ursachen der
industriellen Rückständigkeit Frankreichs im 19. Jahrhundert 87),
mit anderen Worten: Es geht um die mögliche Divergenz von
"klassischer" ökonomischer und "klassischer" politischer Revolu-
tion, den Grad des Auseinanderdriftens der unterschiedlichen Ebe-
nen des bürgerlichen Umwälzungsprozesses.
- Schließlich bleibt auf eine dritte Kategorie von Ländern zu
verweisen (Spanien und Rußland seien als Beispiele gesetzt), wo
die industrielle Revolution (und mit ihr die Formierung der pro-
letarischen Gegenklasse) schon einsetzte, bevor die Bourgeoisie
die "eigene" Revolution vollzogen hatte. Spanien trat etwa um
1840 in die industrielle Revolution (Zentrum Katalonien) ein 88),
der bürgerliche Revolutionszyklus des 19. Jahrhunderts endete
aber für dieses Land erst 1874 89), dazu noch mit der politi-
schen Niederlage des Bürgertums. Rußland wiederum öffnete sich
der industriellen Revolution im Ergebnis der Reformen von 1861
90); der Zyklus der Revolutionen begann aber erst 1905, dazu un-
ter historischen Bedingungen einer Ablösung der revolutionsabsti-
nenten Bourgeoisie in der Hegemonie durch das Proletariat. 91) In
der Forschung ist die entscheidende Bedeutung des spezifischen
Verhältnisses von politisch-sozialer und industrieller Umwälzung
in ihrer Wirkung auf Charakter und typologische Differenzierung
der bürgerlichen Revolution zwar erkannt, aber bislang empirisch
nicht hinreichend analysiert. 92)
Auch für die genannte Problematik gewinnt die genauere Bestimmung
des Begriffs R e v o l u t i o n s z y k l u s kardinale Bedeu-
tung; dasselbe gilt für die Unterscheidung von Revolution im
e n g e r e n und im w e i t e r e n S i n n e.
Die Kategorie Revolutionszyklus umfaßt verschiedene Ebenen, die
es auseinanderzuhalten gilt:
- zunächst ist damit der zyklische Ablauf jeder einzelnen Revolu-
tion, ihre Phasenfolge, die Bewegung in auf- und absteigender Li-
nie 93) gemeint;
- da in der Regel ein Land bis zur Konstituierung der bürgerli-
chen Ordnung mehrere Revolutionen durchläuft (Beispiele:
Frankreich 1789, 1830, 1848, 1870, 1871; Spanien 1808, 1820,
1834, 1854, 1868), existieren auch nationale Revolutionszyklen
94);
- darüber hinaus sind kontinentale Revolutionszyklen, wie im
Falle Lateinamerikas ab 1810 oder in Europa 1848/49, nachweisbar
95);
- schließlich stellt die "Weltrevolution des Bürgertums" vom 16.
bis 19. Jahrhundert in ihrer Summe einen universalhistorischen
Revolutionszyklus dar.
Gegen Soboul hat Furet den Einwand erhoben, daß es kaum vorstell-
bar sei, eine neue Gesellschaft als das Resultat des Klassen-
kampfes von wenigen Jahren (in Frankreich von 1789 bis 1794/95)
zu interpretieren. 96) Eine solche Kritik ist Ausdruck eines ver-
kürzten Revolutionsverständnisses. "Die Epoche der sozialen Revo-
lution" 97) fußt auf der Einheit von Revolution(en) im engeren
und im weiteren Sinne. Die Revolution im engeren Sinne umfaßt die
historisch in der Regel relativ kurze Etappe der Lösung der
Machtfrage (die "politische" Revolution), die von entscheidender
Bedeutung für die Weichenstellung der weiteren gesellschaftlichen
Entwicklung ist. Dagegen umfaßt die völlige Konstituierung und
Konsolidierung der neuen Ordnung (die "soziale" Revolution) einen
ungleich längeren Zeitraum. In diesem Sinne deckte in Frankreich
die bürgerliche Revolution (im weiteren Sinne) den Zeitraum bis
1870/71.
4. Frankreichs Stellung im Transformationsprozeß
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Die epochale Wirkung der Revolution von 1789 98) impliziert die
Frage nach den inneren und äußeren Besonderheiten, die
Frankreichs historischen Umbruch aus dem Gesamtverlauf und über
das "Durchschnittsniveau" des welthistorischen Transformations-
prozesses hervorheben. In diesem Zusammenhang von "Weltminute" zu
sprechen, erscheint durchaus angebracht, da sich die Bedingungen,
unter denen Frankreichs große Revolution verlief, als nicht be-
liebig reproduzierbar erwiesen. Ohne die Fülle der Besonderheiten
der Französischen Revolution auch nur im geringsten andeuten oder
ausschöpfen zu können, 99) sind für das Verständnis der zäsurset-
zenden Rolle der Ereignisse ab 1789 vorrangig die folgenden Ge-
sichtspunkte in Anschlag zu bringen:
1. Die für Frankreich kennzeichnende Verbindung von klassischem
Feudalismus, klassischem Absolutismus, klassischer Leitideologie
des 18. Jahrhunderts in Gestalt der Aufklärung, klassischer Revo-
lution und Wirkung als Leitrevolution des 19. Jahrhunderts ist
nicht willkürlich auflösbar. Diese Kombination (historisch-dia-
lektische Einheit) macht Frankreichs unverwechselbaren Platz in
der Schlußphase des Übergangs von der feudalen zur bürgerlichen
Gesellschaft aus. 100) Dem entsprach ebenso eine historisch ein-
malige Reife objektiver und subjektiver Revolutionsbedingungen.
Bildlich gesprochen war die klassische Revolution zudem das Pro-
dukt einer "klassisch" ausgeprägten Krise des Ancien Regime mit
ihren Hauptbestandteilen Finanz-, Handels-, Manufaktur-, Agrar-,
Staats- und Ideologiekrise. Nur am Rande sei bemerkt, daß die De-
batte um das Wesen der Krise des Ancien Regime kaum weniger hef-
tig geführt wird als um die Revolution selbst. Für reformerische
Krisenbewältigung gab es, wenn überhaupt, nach dem Sturz von Fi-
nanzminister Turgot (1776) keinen Raum mehr. "Klassisch" auf ihre
Weise auch die Revolte der Privilegierten, die entgegen den The-
sen von einer "Pre-Revolution" weit eher die heillose Zerstrit-
tenheit einer altherrschenden Klasse im Moment ihrer existentiel-
len Bedrohung demonstrierte 101); und das zu einer Zeit, da die
Bourgeoisie den sich ihr auftuenden Manövrierraum weder erkannte
noch nutzte.
2. Wenn nach Karl Marx "die Bourgeoisie ... wirklich an der
Spitze der Bewegung" 102) das Kriterium darstellt, um von bürger-
licher Revolution sprechen zu können, dann hat Frankreichs Revo-
lution diesem Erfordernis als einzige voll entsprochen, da es nur
in ihr zur "reinen" (ungeteilten) Hegemonie des Bürgertums kam,
wogegen die übrigen Revolutionen der Neuzeit (davor und danach)
von den vielfältigen Varianten eines positiven (progressiven)
oder negativen (regressiven) Klassenkompromisses zwischen Bürger-
tum und Adel durch diverse Formen sozialer bzw. institutioneller
Hegemoniesubstitution gekennzeichnet waren. 103)
Bürgerliche Hegemonie realisierte sich in Frankreich auf den ver-
schiedenen Ebenen mit gleich stark ausgeprägter Intensität: öko-
nomisch (als am schnellsten akkumulierende Klasse), sozial (im
Sinne der Konstituierung als nationale Klasse), kulturell-ideolo-
gisch (mit dem Blick auf die emanzipatorische Funktion der Auf-
klärung) und schließlich politisch-institutionell (durch Über-
nahme der Macht und Schaffung eines bürgerlichen Staates par ex-
cellence). 104)
Wie die Revolution selbst, so zeigt sich die Hegemonieproblematik
nicht gegen schematisierende Deutung gefeit. Hegemonie heißt kei-
neswegs unmittelbare Ausübung der politischen Gewalt durch den
"Durchschnitts"bourgeois; den "Bankier auf der Barrikade" gab es
1789 ebensowenig wie in anderen Revolutionen. Zur Regel gehört
vielmehr die partielle Diskrepanz zwischen sozialer und politi-
scher Hegemonieklasse, d.h. bürgerliche Hegemonie realisiert sich
- wie schon betont - auf, "übersetzte" (im Extremfall indirekte)
Weise. Nur so ist verständlich, warum die Jakobiner die b ü r-
g e r l i c h e Revolution g e g e n bestimmte Fraktionen des
Bürgertums verteidigen und zum Ziel bringen mußten.
3. Bei Ausbruch der Revolution war Frankreichs Bourgeoisie in
mehrfachem Sinne eine nationale Klasse: durch ihre Konstituierung
über das Gesamtterritorium des Staates, wofür die Zentralisie-
rungspolitik des Absolutismus wesentliche Prämissen schuf, ohne
damit der bekannten Auffassung zu huldigen, die Revolution habe
die Zentralisierungspolitik des Ancien Régime nur "vollendet";
durch ihr Selbstverständnis als führende Kraft der Nation, das
auch durch den elitären Egalitarismus der Aufklärung 105) nicht
verdeckt werden konnte; und schließlich die Anerkennung der Bour-
geoisie als führende Klasse der Nation im Prozeß der revolutio-
nären Umwälzung. Im letztgenannten Aspekt lag die Voraussetzung,
um die Interessen und Ziele der unterschiedlichen, oft sogar kon-
trären Klassen und Schichten in einem "revolutionären Block" zu
bündeln, 106) wobei es darum ging, über die Einheit in der Nega-
tion (Beseitigung des Absolutismus) hinaus dieses Bündnis für die
Konstituierung der neuen Gesellschaft tragfähig zu machen, was
sich allerdings schon mit der Wende des 9. Thermidor als proble-
matisch erwies.
Die Frage, wie unterschiedliche und divergierende Klassenpositio-
nen in einer bürgerlichen Revolution auf einen Nenner gebracht
bzw. auf ein Ziel fixiert werden konnten, ist von Karl Marx und
Friedrich Engels in verschiedenstem Zusammenhang gestellt worden,
so z.B. für 1848, für den spanischen Revolutionszyklus, im Zusam-
menhang mit den Besonderheiten der englischen oder der deutschen
frühbürgerlichen Revolution. Ausführlich wandten sie sich diesem
Phänomen unter theoretischem wie praktischem Gesichtspunkt be-
reits in der "Judenfrage", der "Kritik der Hegelschen Rechtsphi-
losophie", der "Deutschen Ideologie" und der "Heiligen Familie"
zu. Zentraler Bezugspunkt war der Grundwiderspruch von I d e e
und I n t e r e s s e in einer bürgerlichen Revolution. Auf den
Kern gebracht, bestand das Wesen der Idee (der I l l u s i o n)
in der Fähigkeit der zur Übernahme der politischen Herrschaft be-
rufenen Klasse, d.h. der Bourgeoisie, ihre (Klassen-)Interessen
als übergreifendes, gleichsam wertfreies ("höheres") G e-
s a m t i n t e r e s s e der Nation zu artikulieren. 107) Die
militante Streitschrift des Abbé Sieyès über den Dritten Stand
und seinen Führungsanspruch kann dafür als Schlüsseldokument
gelten. Ihr historischer Vorläufer, die "Petition of Rights" des
Jahres 1629, nimmt sich dagegen mehr als bescheiden aus. Von
Dauer und Intensität dieses (stets zeitweiligen und relativen)
Zusammenfalls von Idee und Interesse hing auf entscheidende Weise
die historische Durchschlagkraft einer bürgerlichen Umwälzung ab.
Es sind offensichtlich nicht nur die Historiker, sondern ebenso
die Protagonisten der Revolution, die "speziell bei jeder ge-
schichtlichen Epoche die I l l u s i o n e n d i e s e r
E p o c h e teilen müssen". 108) Unter Illusion (= Idee) ver-
standen Marx und Engels keine alltägliche Täuschung oder bloßen
Betrug, sondern die weltgeschichtliche Selbsttäuschung a l l e r
die Revolution prägenden Klassen. Insofern ist es berechtigt, von
einer h e r o i s c h e n Illusion zu sprechen, ohne deren Exi-
stenz und Wirkung die Rolle von 1789 als Leitrevolution der neuen
Epoche unverständlich bliebe. Dank der von M. Vovelle aufgearbei-
teten Zeugnisse über die "Mentalité révolutionnaire" beginnt sich
die volle Breite und Ausdrucksvielfalt der heroischen Illusion in
den Jahren 1789 bis 1794/95 zu erschließen. 109) Unter der Fülle
der Äußerungen sei nur auf die integrierend mobilisierende Funk-
tion der "Fetes nationales" verwiesen. Das in der heroischen Il-
lusion enthaltene utopische Element fand seinen prägnantesten
Ausdruck im idealisierten Rückgriff auf die Antike, zentriert um
den Begriff der Vertu. Saint-Just faßte das antik-utopische Ideal
in die Worte: "Que les hommes révolutionnaires soient des ro-
mains!" Dazu der Kommentar in der "Heiligen Familie": "Welche ko-
lossale Täuschung, die moderne, bürgerliche Gesellschaft ... in
den M e n s c h e n r e c h t e n anerkennen und sanktionieren
zu müssen und zugleich die L e b e n s ä u ß e r u n g e n die-
ser Gesellschaft hinterher an einzelnen Individuen annullieren
und zugleich den p o l i t i s c h e n K o p f dieser Gesell-
schaft in a n t i k e r Weise bilden zu wollen!" 110) Zweifel-
los stellte der Jakobinismus an der Macht die höchste und konse-
quenteste Ausprägung der heroischen Illusion in der Epoche der
bürgerlichen Revolution dar. Illusion hieß aber zugleich, Hoff-
nungen und Erwartungen in eine Klasse zu setzen, die diese nicht
erfüllen konnte: Das subjektive Moment dominierte für bestimmte
Zeit über das objektive und setzte außergewöhnliche Energien für
die gesellschaftliche Transformation frei.
Idee hieß für Marx und Engels keineswegs Idealisierung oder My-
thologisierung der Revolution (unabhängig davon, daß die Revolu-
tion ihren eigenen, im Kult des Höchsten Wesens kulminierenden,
Mythos hervorbrachte). Notwendigkeit - bildlich gefaßt: die Rolle
der Selbsttäuschung als historische Triebkraft -, aber auch Gren-
zen jener geschichtsumwälzenden Einheit von Idee und Interesse
haben Marx und Engels eindeutig formuliert: "Keine Klasse der
bürgerlichen Gesellschaft kann diese Rolle spielen, ohne ein Mo-
ment des Enthusiasmus in sich und in der Masse hervorzurufen, ein
Moment, worin sie mit der Gesellschaft im allgemeinen fraterni-
siert... und als deren a l l g e m e i n e r Repräsentant emp-
funden und anerkannt wird, ein Moment, worin ihre Ansprüche und
Rechte in Wahrheit die Rechte und Ansprüche der Gesellschaft
selbst sind, worin sie wirklich der soziale Kopf und das soziale
Herz ist. Nur im Namen der allgemeinen Rechte kann eine besondere
Klasse sich die allgemeine Herrschaft vindizieren." 111) Analog
dazu heißt es in der "Deutschen Ideologie": "Die revolutionäre
Klasse tritt von vornherein, schon weil sie einer K l a s s e
gegenübersteht, nicht als Klasse, sondern als Vertreterin der
ganzen Gesellschaft auf, sie erscheint als die ganze Masse der
Gesellschaft gegenüber der einzigen, herrschenden Klasse."
112) Eine Randbemerkung ergänzt: "Die Allgemeinheit entspricht
der Illusion der g e m e i n s c h a f t l i c h e n Interessen
(am Anfang diese Illusion wahr). 113) Als Ausdruck der
"gemeinschaftlichen Interessen" kann die Erklärung der Menschen-
und Bürgerrechte am 26. August 1789 gelten. Seinen ersten Riß er-
hielt der Interessengleichklang mit der Verfassung von 1791, wei-
tere Stationen des fortschreitenden und schließlich endgültigen
Auseinander-driftens von Idee und Interesse schienen im Denken
und in den Aktionen der Jacqueroutins und der Gleichen um Babeuf
auf. Was am Ende blieb, war die Hoffnung: "Die Französische Revo-
lution ist nur der Vorbote einer anderen, noch viel größeren,
viel feierlicheren Revolution, die die letzte sein wird." 114)
Der dualistische Charakter des bürgerlichen Fortschritts offen-
barte sich in der Tatsache, "daß jede Klasse, sobald sie den
Kampf mit der über ihr stehenden beginnt, in den Kampf mit der
unter ihr stehenden verwickelt ist." 115) Als dieser Kampf voll
ausbrach, war jedoch die Hauptaufgabe der Revolution, die Besei-
tigung der feudalabsolutistischen Gesellschafts- und Machtstruk-
turen, auf exemplarisch-klassische Weise gelöst.
4. Ihre außergewöhnliche politisch-soziale Dynamik gewann die Re-
volution aus der Volksbewegung, deren Säulen die städtisch-plebe-
jischen und die bäuerlichen Volksklassen abgaben. Nicht unbegrün-
det ist in diesem Zusammenhang der besondere Stellenwert der
Frauen als Triebkraft und Krisenbarometer der Revolution betont
worden. 116) Die dominierende antifeudale Komponente hat Albert
Soboul wiederholt veranlaßt - und A. V. Ado lieferte dafür den
empirischen Nachweis 117) -, von einer "bürgerlich-bäuerlichen
Revolution" zu sprechen. Tatsächlich bieten die strukturellen
Veränderungen im Agrarsektor, deren Charakter über Fortexistenz
oder Verschwinden des Ancien Regime entscheiden mußte, ein lehr-
reiches Beispiel dafür, wie schwer es der jeweils machtausübenden
Fraktion in Nationalversamlung, Legislative oder Konvent fiel,
die weitgehend spontan handelnde Basis unter politischer Kon-
trolle zu halten, d.h. zu "hegemonisieren". Sowohl die Agrarge-
setze vom August 1789, die "girondistischen" Agrardekrete des
Herbstes 1792 (14. bis 28. August), als auch die jakobinische
Agrargesetzgebung vom Sommer 1793 (17. Juni) schrieben eigentlich
in den Kerngebieten der Revolution nur post festum die auf dem
Lande faktisch schon durchgesetzten oder in Durchsetzung begrif-
fenen Umwälzungsprozesse fest.
In gewisser Hinsicht vollzog Frankreich eine Revolution, die als
erste im Kreis der erfolgreichen Revolutionen in vollem Umfange
die Bezeichnung antifeudale Revolution verdient. 118) Ein Blick
zurück: In den Niederlanden gab es kein tiefverwurzeltes tradi-
tionelles Feudalsystem; die weitestgehend freibäuerlich bestimmte
Ökonomie hatte sich schon lange vor der Unabhängigkeitsrevolution
dem frühen Kapitalismus geöffnet; die feudale Hypothek der Süd-
provinzen wurde im Ergebnis einer staatlich-nationalen Spaltung
abgeworfen. Als England in die Revolution des 17. Jahrhunderts
eintrat, hatte das Land eine fast zweihundertjährige
"Agrarrevolution" hinter sich, die dem Feudalismus auf dem Lande
zum erheblichen Teil (wenn auch durchaus nicht vollständig) den
Garaus gemacht hatte. Ob dieser Prozeß als klassischer Aufstieg
des Kapitalismus (so die Akzentsetzung bei Karl Marx) oder als
klassischer Niedergang des Feudalismus (so die Meinung von Jürgen
Kuczynski) interpretiert wird, mag reine Ansichtssache bleiben.
Was zählt, ist die Tatsache, daß der Schwerpunkt der englischen
Revolution im politisch-institutionellen Bereich (Beseitigung des
Absolutismus) lag, während sich der Prozeß der "Verbürgerlichung"
in wirtschaftlicher Basis und Sozialstruktur schon vor der Revo-
lution voll entfaltet hatte. Bleibt schließlich noch auf die Re-
volution der USA zu verweisen. Sowohl die weitgehend bürgerlichen
Ausgangsbedingungen der Kolonisation als auch die Struktur der
kolonisierten Gebiete ließen eine vom traditionellen europäischen
Feudalismus freie Gesellschaft entstehen; selbst die Sklaverei
als eine "Anomalie" des Kapitalismus spielte bis zur Revolution
eine untergeordnete Rolle. 119)
Frankreichs vorrevolutionäre Situation war grundsätzlich anders
beschaffen. Das Strukturproblem Nr. 1 bestand im "Widerspruch
zwischen dem generellen Fortschritt des Kapitalismus und der Auf-
rechterhaltung der Feudalrechte und des Bodenzinses". 120) Für
die französischen Nationalversammlungen waren die "Droits feo-
daux" und das "Complexum feodale" keine Chimäre, sondern die
Masse der Bevölkerung bedrückende soziale Realität. So ist es nur
logisch, daß die erwähnten Versuche, die Revolution zum Mythos zu
erklären, die Notwendigkeit einer Leugnung von feudaler Abhängig-
keit am Ausgang des Ancien Regime zur Folge haben. 121) Ein Ver-
gleich der vor- und nachrevolutionären Besitzstruktur auf dem
Lande verdeutlicht, daß die Bauern (speziell deren Ober-und Mit-
telschichten) einen bemerkenswerten, letztlich aber keineswegs
überdimensionierten Zugewinn auswiesen. Immerhin machte das bäu-
erliche Eigentum vor 1789 schon etwa 40% aus. Der so oft für die
Schwächen des französischen Kapitalismus in die Verantwortung ge-
setzte "Parzellenbauer" erweist sich also nicht als eine Schöp-
fung erst der Revolution. Die Hauptstoßrichtung des antifeudalen
Kampfes zielte nicht auf zusätzlichen Bodenerwerb (obwohl die
Konflikte um die Communaute rurale durchaus davon gekennzeichnet
waren), sondern auf die Entfeudalisierung des schon in bäuerli-
chem Besitz befindlichen Bodenanteils. 122) Dank ihrer Agrarge-
setzgebung gewann die Revolution und die aus ihr hervorgehende
bürgerliche Gesellschaft eine stabile bäuerliche Massenbasis, aus
der in der Folge vor allem der Bonapartismus Nutzen zog.
Ungleich komplizierter als die Beziehung Agrarstruktur - bäuerli-
che Bewegung - Revolution stellte sich das Verhältnis des Bürger-
tums zum städtisch-plebejischen Fundament der Revolution dar.
Eine erhebliche soziale Besserstellung der städtischen
Unterschichten vermochte die Revolution nicht zu erbringen. 123)
Im Gegenteil: Der Wirtschaftsliberalismus der ersten und zweiten
Revolutionsphase begünstigte vorwiegend das große und mittlere
Bürgertum. Schon das Kleinbürgertum, das den sozialen Kern des
Jakobinismus ausmachte, erfuhr die frühen Folgen des sich
etablierenden Systems der freien Konkurrenz. Was im Verhalten des
Kleinbürgertums gelegentlich als "Antikapitalismus" interpretiert
wird, erweist sich bei genauem Hinsehen als der historisch zum
Scheitern verurteilte Versuch, dem aufkommenden Laissez-faire-
Kapitalismus eine demokratisch-egalitäre Variante bürgerlicher
Entwicklung entgegenzusetzen, wofür Robespierre seine Thesen über
die soziale Bedingtheit von Eigentum entwarf, die prompt der
Ablehnung verfielen. Nach der Aufgliederung der nach dem
Buchstaben der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte "glei-
chen" Individuen in Aktiv- und Passivbürger durch die Verfassung
von 1791 war es vor allem das Gesetz Le Chapelier (15. Juni
1791), das die Grenzen der neuen Ordnung gegen unten absteckte.
124)
Es ist deshalb kein Zufall, daß sich der radikalste Ausdruck
städtisch-plebejischen Selbstverständnisses im Anspruch auf di-
rekte, d.h. auf die Pariser Sektionen und Volksgesellschaften ge-
stützte, Demokratie manifestierte. Diese Dimension der Revolution
überschritt am Ende sogar den Horizont des radikalen Jakobinis-
mus. In Gestalt der "Äußersten Linken", 125) deren Kern wiederum
die Enrages um Jacques Roux abgaben, verfügte die Revolution über
ein dynamisches Ferment, das die Grenzen im Klassencharakter des
gesellschaftlichen Umbruchs bloßlegte. Das "Manifest der Enrages"
126) brachte die Eigenständigkeit der Volksbewegung auf program-
matische Weise zum Ausdruck und zielte auf die "Idee eines neuen
Weltzustandes", 127) jenseits besitzbürgerlicher Wertvorstellun-
gen.
Bis zur Konstituierung der proletarischen Komponente in den Revo-
lutionen von 1830 und 1848 bildete die Revolution von 1789 das
Ereignis mit der ausgeprägtesten Volksbewegung. Auch die vorange-
gangenen Revolutionen hatten ihre Äußerste Linke (Komitees der
Achtzehn in den Niederlanden, Leveller und vor allem Digger in
England, radikale Vertreter der Sons of Liberty in den USA), ohne
jedoch ein vergleichbares Maß an prägendem Einfluß und politi-
scher Mobilisierung der Volksklassen zu erreichen. Die Französi-
sche Revolution war in dem Sinne eine Volksrevolution, daß der
"Menu peuple" die Revolution nicht nur stützte oder "ertrug",
sondern mit eigenen Aktionen und Zielsetzungen den revolutionären
Prozeß prägte und ihn vorantrieb: Die großen Journées der Revolu-
tion zeugen davon. Sie legen zugleich dem Historiker den zwingen-
den Schluß auf, daß bürgerliche Revolution ungleich mehr bedeutet
als Revolution der Bourgeoisie oder für die Bourgeoisie; ihre hi-
storische Dimension mißt sich nicht weniger am Freiraum, den die
Volksklassen in sozialer und politischer Hinsicht durchzusetzen
vermochten. Eben dieses Kriterium, abgeleitet aus der Gesamtheit
der in der Revolution intervenierenden Komponenten, hebt
Frankreichs Revolution weit über den Pegel der "normalen" bürger-
lichen Revolutionen hinaus.
5. Anders als die vorangegangenen Revolutionen, die peripher oder
insular eingegrenzt blieben und die bedeutendsten (systemtragen-
den) Feudalstaaten fast unberührt ließen - auch wenn Kardinal
Mazarin seit der Hinrichtung Karls I. von England alle europä-
ischen Monarchen an Leib und Seele gefährdet sah 128) -, wuchs
sich die Französische Revolution zur Existenzfrage für Adels-
herrschaft, Feudalität und Absolutismus aus: Das Jahr 1789
öffnete endgültig den Weg in das bürgerliche Zeitalter. Auf viel-
fältige Weise wirkte die Revolution über die Grenzen ihres Ur-
sprunges hinaus - durch die ansteckende Wirkung der Ideen "dieses
größten und interessantesten aller Dramen, die jemals auf dem
Weltschauplatz gespielt wurden", 129) das unmittelbare Hinüber-
springen des revolutionären Funkens (wie im Falle der Mainzer Re-
publik oder der italienischen Jakobiner), die mittelbare Wirkung
auf bäuerliche und bürgerliche Insubordination, schließlich durch
den großen Krieg seit 1792 bis zum Sturz des napoleonischen Em-
pire. Mochte auch der Charakter der französischen Revolutions-
kriege spätestens seit dem Directoire zunehmend in Expansionismus
und Vormachtstreben umschlagen, so blieb ihre direkte oder unter-
schwellige antifeudale Sprengkraft weitgehend erhalten. Aufrich-
tung der französischen Macht erwies sich stets an ein Minimum von
bürgerlichen Reformen gebunden, eine Erfahrung, die unaustilgbare
Spuren hinterließ. Selbst der politische und militärische Triumph
der Siegermächte über das postrevolutionäre napoleonische
Frankreich konnte den entscheidenden Fakt nicht aus der Ge-
schichte verbannen: Um Frankreich besiegen zu können, mußten sich
die feudal-monarchischen Gegenstaaten dem Prozeß der Reformen und
der partiellen strukturellen Umgestaltung öffnen, einer Entwick-
lung, die Preußen paradigmatisch ab 1806 vollzog.
6. Ab der Epochenwende von 1789 datiert die "bürgerliche Moderne"
in der Vielfalt ihrer Ausdrucksformen, die in ihrer Summe einen
Staat neuen Typs, den bürgerlichen Nationalstaat, prägten: 130)
Vom politischen System über das Rechtswesen in Gestalt des Code
Napoleón, der seinen Schöpfer bis in die Gegenwart überlebte, bis
hin zum neuen politisch-gesellschaftlichen Vokabular, dem moder-
nen Revolutionsbegriff und den neuen ethischen und ästhetischen
Normen in Malerei, Architektur, bildender Kunst, Musik, Litera-
tur, Philosophie. Nicht zuletzt die politischen Parteiungen und
Parteibegriffe weisen in ihrem Ursprung auf die Französische Re-
volution zurück. Wie schon in den einleitenden Bemerkungen skiz-
ziert, standen die Ideenkämpfe des gesamten 19. Jahrhunderts vor-
rangig im Zeichen des Ringens um das Erbe von 1789. Eine solche
politisch-psychologische Tiefenwirkung hinterließ keine der vor-
angegangenen Revolutionen und danach - schon mit Abstrichen - die
europäische Revolution von 1848. Sowohl die liberal-bürgerliche
als auch die in den dreißiger Jahren intensiv einsetzende demo-
kratisch-proletarische Rezeption legen Zeugnis ab vom zentralen
geistigen Stellenwert der Ideen von 89 und 93. 131) Rückbesinnung
auf die große Revolution hieß stets Befragung im Lichte der je-
weiligen zeitgenössischen Situation und ihrer unmittelbaren prak-
tisch-politischen Bedürfnisse.
7. Zu einem Zeitpunkt, da die Revolution von innen wie von außen
unwiderruflich besiegt schien und der Legitimitätsanspruch der
Heiligen Allianz die Idee des Status quo ante beschwor, lebten
die Prinzipien von 1789 in einer Welle von Nachfolgerevolutionen
weiter, 132) die von Spanien und Portugal im Westen bis Rußland
und Polen im Osten, von Schweden im Norden bis Italien und Grie-
chenland im Süden reichte und ihre Wurzeln in Mittel- und Südame-
rika von Mexiko bis Chile und zur Banda Oriental (Uruguay)
schlug. So erfüllte sich Schritt für Schritt die Vision Robe-
spierres: "Möge Frankreich, das ehemals bei den versklavten Län-
dern hochberühmte, das alle bestehenden Völker an Ruhm überstrah-
lende, möge Frankreich das Vorbild der Nationen werden, der
Schrecken der Bedrücker, der Trost der Bedrückten, die Zierde des
Weltalls." 133) Auch die nachfolgenden revolutionären Wellen von
1830 über 1848 bis in die sechziger Jahre und die neue histori-
sche Wende von 1871 trugen in vielem den Stempel des großen Vor-
bildes. Zu denen, die die nachhaltige Wirkung von 1789 und 1793
nie verleugnet haben, gehörten Karl Marx und Friedrich Engels.
Für den Zeitgenossen der Revolution teilte sich der Lauf der Ge-
schichte eindeutig in die Epoche vor und nach 1789. Das neue Epo-
chegefühl stellte sich weit eher ein, da es Goethe seinem Ver-
trauten Eckermann aufs Blatt diktierte. 134) "Man fängt an zu
lernen", meinte Johann Gottlieb Fichte 1793 in seinen Beiträgen
zur Berichtigung der Urteile über die Französische Revolution.
135) Dieser historische Lernprozeß, den Anhänger wie Gegner der
Revolution durchliefen, überdauerte den Abstieg des Citoyen zum
profitbewußten Bourgeois, die Kapitulation der Idee vor dem In-
teresse, und er setzte die Kraft frei, an den Idealen der großen
Revolution auch dann noch festzuhalten, als die bürgerliche
Klasse längst auf die andere Seite der Barrikade gewechselt war.
5. Doppelrevolution und neue Alternativen bürgerlicher Umwälzung
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Zu den entscheidenden Folgewirkungen der Französischen Revolution
gehörte der Durchbruch neuer Alternativen der gesellschaftlichen
Transformation, 136) als deren wesentlicher Inhalt das qualitativ
und quantitativ veränderte Verhältnis von Revolution und Reform,
d.h. die neue Konstellation der W e g e p r o b l e m a t i k,
angesehen werden kann.
Seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts begannen sich grundsätzlich
veränderte Voraussetzungen für den weiteren Prozeß der bürgerli-
chen Umwälzung herauszukristallisieren. Sie resultierten aus der
dialektischen Einheit von politisch-sozialer Revolution (in
Frankreich) und ökonomisch-technologischer Revolution (in Eng-
land) und ihrer unaufhaltbaren Wirkungen als D o p p e l r e-
v o l u t i o n. Diese neue welthistorische Konstellation in den
Voraussetzungen und Bedingungen für die bürgerliche Umwälzung
veränderte Charakter und Erscheinungsformen der Revolution, er-
öffnete zugleich aber die Möglichkeit reformerischer Transfor-
mation.
1. Hinsichtlich des neuen r e v o l u t i o n ä r e n W e g e s
handelte es sich um das rasche Wachsen in die Breite und in die
Tiefe. Mit der Französischen Revolution trat der bürgerliche
Fortschritt aus seiner bisherigen peripheren und insularen Iso-
lierung heraus. Die Durchsetzung der bürgerlichen Ordnung wurde
zum epocheprägenden Phänomen, sie bestimmte die Grundtendenz der
historischgesellschaftlichen Entwicklung. Bürgerliche Umwälzung
setzte sich nicht linear durch, sondern über eine Fülle struktu-
reller, stadialer, regionaler und nationaler Verwerfungen und Ge-
fälleerscheinungen. Ein derartiges Gefalle bestand in unter-
schiedlicher Graduierung nicht nur von West nach Ost (wie R. R.
Palmers Theorie der atlantischen Revolution voraussetzt), sondern
generell vom "Zentrum" (Niederlande, England, Frankreich) aus
auch gegen den Norden (Skandinavien), den Süden und Südosten
(Italien, Balkan) und den äußersten Westen (Spanien, Portugal).
Einen besonderen Platz in dem sich herausbildenden Beziehungsge-
füge nahm die außereuropäisch-koloniale "Peripherie" ein, die in-
folge ihrer Objektfunktion im System der internationalen Arbeits-
teilung bürgerlich-kapitalistische Entwicklungsansätze nur rudi-
mentär oder deformiert ausbildete. Am deutlichsten ist für die
ersten Dezennien des 19. Jahrhunderts die duale Wirkung der Dop-
pelrevolution außerhalb Europas am Beispiel Lateinamerikas nach-
weisbar. Während Frankreichs politischsoziale Revolution in tief-
greifender Weise das Denken und Handeln der , 'Generation von
1810" beeinflußte und diese Revolution zu einem der auslösenden
Faktoren der Independencia wurde, erwies sich Englands industri-
elle Revolution und dessen daraus resultierende neue Stufe der
kommerziellen und finanziellen Expansion als das wichtigste Vehi-
kel für die nun einsetzende indirekte Rekolonisation Lateinameri-
kas.
Frankreichs Revolution wirkte in ihrer Dreidimensionalität: als
n a t i o n a l e ("französische"), k o n t i n e n t a l e
("europäische") und g l o b a l e ("universale") Revolution.
Das Wachstum der bürgerlichen Revolution in die Breite - erst das
19. Jahrhundert wurde das eigentliche , Jahrhundert der bürgerli-
chen Revolution" 137) - verband sich mit einer zunehmenden typo-
logischen Auffächerung. 138) Neben dem "Typ Frankreich 1789" als
Prototyp der bürgerlichen Revolution ("Revolution im Feudalismus
gegen den Feudalismus") traten andere stadiale Formen der Revolu-
tion: die Revolution vom "Typ Frankreich 1830 bzw. 1848" als
"Revolution im Kapitalismus für den Kapitalismus" mit dem Ziel,
eine schon etablierte bürgerliche Ordnung in ihrer Konsolidierung
voranzubringen, oder die Revolution vom "Typ Deutschland 1848"
("auf dem Wege zum Kapitalismus"), die darüber entschied, ob eine
auf reformerischem Wege eingeleitete bürgerliche Umwälzung (in
Preußen seit 1806) auf reformerisch-konservative oder revolutio-
när-demokratische Weise zu Ende geführt und endgültig verankert
wird.
Unter besonderer Berücksichtigung der Agrarfrage lassen sich in
der neuzeitlichen Revolutionsgeschichte drei Varianten des revo-
lutionären Weges herausarbeiten: der e n g l i s c h e, der
a m e r i k a n i s c h e und der f r a n z ö s i s c h e Weg.
Es handelt sich dabei nicht um nationale, sondern historisch-
strukturelle Grundtypen; "national" sind die Wege nur insofern,
daß sie sich in den genannten Ländern auf besonders klare
("reine") Weise durchsetzten. Was den französischen Weg deutlich
von den anderen Wegetypen abhob, war nicht schlechthin seine re-
volutionäre, sondern die d e m o k r a t i s c h - revolutionäre
Qualität. 139) Die Frage, ob Frankreichs Übergang von der feuda-
len zur bürgerlichen Ordnung auf revolutionärem oder reformeri-
schem Wege vollzogen wird, war weder mit der Konstituierung der
Nationalversammlung, noch mit dem Sturm auf die Bastille ausge-
fochten. Noch die Beschlüsse der Nationalversammlung vom 4. bis
11. August 1789 - eindeutig von einem gemäßigt-liberalen Physio-
kratismus bestimmt - ließen den von den Tiers nicht nur gebillig-
ten, sondern bejubelten Willen des Reformadels erkennen, die
Agrarfrage durch Ablösung, d.h. auf reformerischem Wege, zu lö-
sen.
Erst die Intervention der Plebejer von Paris, die sich in der
Grande Peur entladende Energie der Bauernbewegung und die von der
Munizipalrevolution vorangetriebene Etablierung bürgerlicher
Macht "von unten" her brachten die Revolution über den kritischen
Punkt der ersten Phase hinweg. Die zyklische Entwicklung vom ad-
lig-bürgerlichen Liberalismus über den Republikanismus der Gi-
ronde bis zur kleinbürgerlich verankerten Demokratie kulminierte
unter den Jakobinern. Im Ergebnis dieses Prozesses wurden die An-
sätze und Tendenzen einer reformerischen Lösung endgültig zu Gun-
sten der Durchsetzung des revolutionären Weges überwunden, und
zwar in einem solchen Maße, daß selbst die nachfolgende Restaura-
tion die neuen Strukturen nicht mehr aus den Angeln zu heben ver-
mochte. Von Albert Soboul 140) ist wiederholt die Rolle der klei-
nen Warenproduzenten für die Durchsetzung des revolutionären We-
ges betont und nachgewiesen worden; er hat damit die suggestive
These von Jürgen Kuczynski 141), ob wirklich anzunehmen sei, die
Volksmassen hätten den Feudalismus beseitigt, um mit dem Kapita-
lismus ihren künftigen Ausbeuter in den Sattel zu heben, beant-
wortet, lange bevor sie formuliert wurde. Die Realgeschichte der
Revolution - damit die Problematik der Formationsablösung in ih-
rer Gänze - erweist sich als komplizierter. Das für alle bürger-
lichen Revolutionen nachweisbare Spannungsverhältnis von Ökonomie
und Politik trifft für Frankreich auf besondere Weise zu. Die auf
dem Höhepunkt der Revolution eingeführten Elemente des Wirt-
schaftsdirigismus bildeten keinen organischen Bestandteil der ja-
kobinischen Gesellschaftsvision, die auf der Utopie einer egali-
tären Gemeinschaft frei wirtschaftender kleiner Warenproduzenten
("eine Nation von Eigentümern") fußte 142), sondern stellten eine
Folge der extremen inneren wie äußeren Ausnahmesituation
Frankreichs dar und mußten überdies die existenziellen Bedürf-
nisse der Sansculotterie befriedigen. Auf Dauer zeigten sich
selbst die radikalsten Jakobiner nicht geneigt, das "Streitroß
der Bourgeoisie" (J.-R. Suratteau), die Wirtschaftsfreiheit, zu
schlachten. Allerdings trafen in der Revolution, wie A.V. Ado
formulierte 143), zwei Konzeptionen von Kapitalismus aufeinander:
der auf dem Primat von Kleineigentum und einfacher Warenproduk-
tion faßende Capitalisme paysan mit mehr oder weniger ausgepräg-
ten egalitären Grundzügen, und der liberale, offen profitorien-
tierte und auf Eigentumskonzentration zielende Capitalisme bour-
geois. Das Problem lag also nicht - wie z.B. Volker Hunecke oder
Nicos Poulantzas vermuteten - im "Antikapitalismus" der kleinen
Warenproduzenten, deren Niederlage aus dieser Sicht die Bedingung
für den Sieg der Revolution gewesen wäre, sondern in der Unver-
meidbarkeit zwischen zwei unterschiedlichen Optionen für den Ka-
pitalismus, einer demokratischen und einer liberalen Variante.
Der lebhaft diskutierte "Sieg der Bauern über die physiokratische
Revolution" 144), den französischen Modus des englischen Weges,
gehört damit in die Vorgeschichte dieser Konfliktsituation. Im
zeitweiligen Triumph der von den Jakobinern (genauer: den Robe-
spierristen) verkörperten demokratischen Variante, die sich zwar
politisch, aber nicht ökonomisch durchsetzte, lag die wesentlich-
ste Bedingung für die Beseitigung der Feudalität in allen ihren
Erscheinungsformen. Wenn also bürgerliche Revolution und revolu-
tionärer Weg nicht auf bloße ökonomische Parameter reduzierbar
sind - diese Tendenz spielt bei der anhaltenden Auseinanderset-
zung um die "Rückständigkeit" des französischen Kapitalismus eine
beträchtliche Rolle 145) -, ihren Sinn dagegen in der
T o t a l i t ä t aller die Transformation bestimmenden Elemente
besitzen, dann ist der französische Weg vor allem gekennzeichnet
durch die optimale Freisetzung der politischen und sozialen
Transformationspotenzen. Demgegenüber zeigt der Vergleich mit
England, in welchem Maße das beeindruckende ökonomische "Take off
Frankreichs ab 1789 durch Expansion, Dauerkrieg und Blockade de-
naturiert und fehlgelenkt wurde. Gewiß trug die Tatsache dieses
Optimums an politischer und sozialer Demokratie wesentlich dazu
bei, daß der sich rasch verfestigende Antagonismus Bourgeoisie -
Volk, erstmals in den Aufständen des Germinal und Prairial von
1795 ausgefochten, am Zusammenbruch der heroischen Illusion und
der Ablösung des revolutionären Citoyen durch den bourgeoisen
Plusmacher besonders dramatische Züge annahm. Anspruch, Möglich-
keit und Wirklichkeit kollidierten in der großen Revolution in
einer Weise, die ihre Spuren in allen Sphären des gesellschaftli-
chen Lebens über das ganze 19. Jahrhundert hinterließ, Revolutio-
näre wie Konterrevolutionäre traumatisierte und bis in die Gegen-
wart die Debatte um 1789 und die Alternativen gesellschaftlicher
Entwicklung prägt 146).
2. Worin bestand die neue Qualität des r e f o r m e r i-
s c h e n W e g e s? Reformen und Reformpolitik gab es schon
vor der Französischen Revolution. Schließlich war der aufgeklärte
Absolutismus in seinem Wesen Reformabsolutismus 147), der sich je
nach politischer Schwerpunktsetzung als Reformabsolutismus herr-
schaftlichen Typs ("Prince éclairé") oder ministeriellen Typs
("Ministre éclairé") einordnen läßt. Eine solche Entwicklung
erwies sich als möglich in bestimmten Ländern unter Bedingungen,
daß das Bürgertum infolge objektiver und subjektiver Schwäche den
Aufstieg nicht gegen, sondern innerhalb des bestehenden Systems
zu vollziehen suchte. Die Reformpolitik des aufgeklärten
Absolutismus scheiterte in den meisten Ländern in der zweiten
Hälfte der achtziger Jahre des 18. Jahrhunderts; den Schlußstrich
unter den Reformwillen absoluter Herrscher setzten das Jahr 1789
und seine Folgen. Bis zur Französischen Revolution erwies sich
der "reformerische Ausstieg" aus dem Feudalismus als
unrealisierbar, unternehmerischen Ansätzen und Absichten der
Adelsklasse zum Trotz, was keineswegs die These stützt, das dyna-
mische Potential habe primär beim aufgeklärt-liberalen Adel und
weniger beim Bürgertum gelegen.
In funktionaler Hinsicht gilt es bei der Verwendung des Begriffs
Reform als konstitutivem Element gesellschaftlicher Entwicklung
zwischen zwei Kategorien zu entscheiden: Reformen systemstabili-
sierender, systemmodifizierender und systemsprengender (oder
-überwindender) Natur. So wie zwischen Revolution und Reform
keine chinesische Mauer bestand, da keine Region und kein Land
nur auf revolutionärem Wege oder nur reformerischem Wege die bür-
gerliche Umwälzung vollzog, lassen sich auch die drei genannten
Kategorien von Reform nicht schematisch gegeneinander abgrenzen.
Das gilt vor allem für die Reformen systemmodifizierender Natur,
die sowohl einer Systemstabilisierung dienen konnten als auch un-
ter bestimmten historischen Voraussetzungen die Öffnung in Rich-
tung Systemanpassung oder Systemüberwindung vorbereiteten. Die im
Rahmen der Leipziger Forschungen laufenden quantitativen Analysen
zur Bevölkerungsregulierung am Ende des 18. und in der 1. Hälfte
des 19. Jahrhunderts 148) erlauben den Schluß, daß dieselben Per-
sönlichkeiten und ihre mathematisch-statistischen Methoden, die
vor der Französischen Revolution im Dienste einer proabsolutisti-
schen Systemstabilisierung durch Modifikation angewandt wurden,
nach der Revolution eine politisch-strategische Rolle bei der An-
passung ihrer Machtbereiche an die neue Situation gespielt haben.
Von weiterführenden gesicherten Erkenntnissen steht Auskunft über
das Phänomen der P r ä f i g u r a t i o n bürgerlicher Umwäl-
zung zu erwarten, d.h. des Einflusses, den der Charakter eines
bestimmten feudalabsolutistischen Systems ("Muttermale des Feuda-
lismus" könnte man in Abwandlung von Karl Marx sagen) auf die
Spezifik der folgenden revolutionären oder/und reformerischen Um-
wälzung nimmt. Selbst die radikalste Revolution - auch die
"französischen Typs" - setzt keine Stunde Null für die weitere
gesellschaftliche Entwicklung, sondern steht vielmehr in einem
ebenso komplizierten wie vielschichtigen Bedingungsgefüge von
Bruch und Kontinuität, woraus sich wiederum die Absurdität der
Fragestellung "Revolution - Zufall oder Notwendigkeit" ergibt.
Angesichts der neuen politisch-sozialen, institutionellen und
ideologischen Kräftekonstellation, verbunden mit der Entfaltung
einer neuen ökonomischen Dynamik, sahen sich die altherrschenden
Klassen in den von Auswirkungen der Doppelrevolution unmittelbar
oder mittelbar betroffenen Staaten zu Anpassung und Neuorientie-
rung gezwungen. Auf Dauer erwies sich als unmöglich, der histori-
schen Herausforderung nur durch militärische Abwehr, politische
Reaktion oder ideologische Abwehrhaltung zu begegnen. Selbst der
Erfolg der "Reaktion" hing von der Fähigkeit zur "Regeneration"
149) ab. Das Wesen der notwendig werdenden Anpassung bestand
darin, unter neuen Epochebedingungen sich auf die Gesetze der ka-
pitalistischen Ökonomik einzustellen, dem bürgerlichen Fort-
schritt die revolutionäre Spitze zu nehmen und das eigene Macht-
monopol zu bewahren oder mit dem Bürgertum in einer Weise zu
"feilen", ohne den Primat der Grundbesitzerklasse preiszugeben.
Erst unter den Auspizien der Doppelrevolution seit dem Ausgang
des 18. Jahrhunderts wurde der reformerische Weg zu einer realen
Perspektive gesellschaftlicher Entwicklung im Prozeß des Über-
gangs vom Feudalismus zum Kapitalismus. Inwieweit die skandinavi-
sche Peripherie auszuklammern bleibt (der "skandinavische Weg"),
soll hier nicht erörtert werden 150). Es handelt sich folglich
beim reformerischen Weg nicht um eine deformierte oder irgendwie
abartige Form gesellschaftlicher Transformation, sondern eben um
eine der z w e i G r u n d v a r i a n t e n kapitalistischer
Entwicklung, nachdem die Frage Wer - wen? durch die Doppelrevolu-
tion in epocheprägender Weise entschieden, der Point of no return
eindeutig überschritten war. Damit veränderten sich Charakter,
historischer Stellenwert, Zielstellung, Ergebnisse, aber auch die
gesellschaftlichen Träger der Reformen in entscheidender Weise
gegenüber den Versuchen reformerischer Politik in der spätabsolu-
tistischen Phase. In diesem Sinne besteht keine organische Konti-
nuität zwischen vor- und nachrevolutionärer Reformpolitik, was
nicht ausschließt, daß - wie skizziert - Vorgedachtes nach der
großen Revolution realisiert werden konnte. Worauf es ankommt,
ist das Faktum der qualitativ neuen historischen Realisierungsbe-
dingungen. Eine unauflösbare Verbindung von Revolution - der er-
folgreichen, wie der steckengebliebenen (wiederum nach Antonio
Gramsci: "Rivoluzione mancata") und der gescheiterten - und Re-
form bestand folglich im allgemeinen wie im besonderen Sinne: Ge-
nerell durch die Notwendigkeit der revolutionären Epochenzäsur
als unabdingbare Voraussetzung (Herausbrechen des entscheidenden
- keineswegs schwächsten - Kettengliedes der feudalabsolutisti-
schen Staatenwelt) und durch die Dialektik von Revolution und Re-
form im jeweiligen Lande. Nach 1789 bildete die Revolution zwar
immer noch das bestimmende Bewegungselement der bürgerlichen Um-
wälzung 151), aber diese reduzierte sich eben nicht mehr nur auf
Revolution. Sowohl als realhistorischer Vorgang wie auch als
theoretisch-methodologische Kategorie geschichtswissenschaftli-
cher Erkenntnis handelt es sich bei dem revolutionären und dem
reformerischen Weg nicht nur um Kontrast-, sondern ebenso um Kom-
plementärphänomene.
Eine notwendige Bemerkung zur Rolle des subjektiven Faktors: Der
hohe Rang der subjektiven Elemente in Epochen gesellschaftlichen
Umbruchs ist schwerlich überschätzbar. Diese Sicht gilt auch für
Zeiten reformerischer Umgestaltungen, in denen die subjektiven
Faktoren insofern eine ausgeprägte Rolle spielten, da es sich
seitens der herrschenden Klasse (d.h. ihrer weitsichtigen Expo-
nenten und Fraktionen) um einen gezielt herbeigeführten Prozeß
der Anpassung und Systemveränderung unter der Voraussetzung des
Erhalts der wesentlichen historisch überkommenen Machtpositionen
in Ökonomie und Politik unter den neuen Epochebindungen handelte.
Objektiver Strukturwandel und Veränderungen subjektiver Wertvor-
stellungen traten in enge Wechselwirkung. Aus der vorangegangenen
großen Revolution resultierte ein tiefgreifender Demonstrations-
effekt und in dessen Folge ein mehr oder minder intensiver Lern-
prozeß. Nicht nur die Mentalität der Parteigänger der Revolution,
auch die ihrer Gegner modifizierte sich. Es ist an der Zeit, den
intensiven Forschungen zur Mentalité révolutionnaire solche zur
Mentalität der Konterrevolution und der Reformer an die Seite zu
stellen 152). Inwieweit Systemanpassung unter Hegemonie der
Grundaristokratie tatsächlich Aussicht auf Erfolg hatte, hing
nicht nur vom Grad, dem Tempo und dem Charakter der Verbürgerli-
chung der Adelsklasse ab, sondern auch vom Kompromißverhalten und
der (seit 1830 zunehmenden) Revolutionsabstinenz einer Bour-
geoisie, die - wie im Falle Deutschlands - bereit und fähig war,
sich ihre "politischen Niederlagen" in "industrielle Siege" um-
münzen zu lassen 153). Auch hier spielte die Epochenzäsur von
1789, die eine vom Jakobinismus traumatisierte Bourgeoisie hin-
terließ, die bestimmende Rolle. Zur Klassizität der Französischen
Revolution gehörte nicht nur die Tatsache ihrer Unwiederholbar-
keit. Klassisches ist nicht beliebig multiplizierbar. Nach 1789
bestand auch keine Notwendigkeit mehr, französischen "Maximalis-
mus" an den Tag zu legen, um bürgerliche Umwälzung zu reali-
sieren. Allerdings sank mit dem Preis des Fortschritts dessen
demokratische Dimension.
In die Reihe der ersten Versuche, eine Politik gegen die Revolu-
tion nicht nur spontan-emotional, gleichsam aus dem Moment des
Schreckens heraus, sondern rational-theoretisch, modern formu-
liert: strategisch angelegt, zu begründen, gehört Friedrich von
Gentz 154), nachdem er unter dem Einfluß von Edmund Burke anfäng-
lichem Revolutionsenthusiasmus abgeschworen hatte und später an
der Seite des österreichischen Staatskanzlers Metternich - ohne
je den Blick für Realitäten in wie außer Europa zu verlieren -
zur Grauen Eminenz der Heiligen Allianz avancierte. Den unter dem
Eindruck von 1775 und speziell 1789 ins Kraut schießenden Revolu-
tionstheorien setzte Gentz eine R e f o r m t h e o r i e ent-
gegen. Gentz war, wie seine theoretischen Einsichten und die
praktischen Ratschläge zeigten, kein "normaler", im Ewiggestrigen
verharrender Konterrevolutionär Koblenzer oder Turiner Zu-
schnitts. Er begriff die Unwiderruflichkeit des Epochenein-
schnitts von 1789, denn für ihn stellte sich die Revolution in
Frankreich - wie der Aufstand der Dreizehn Kolonien - als eine
"Totalrevolution" dar, erwachsen aus dem Willen, "eine durchaus
neue Ordnung der Dinge zu schaffen und zwischen diese und die
alte Ordnung eine entscheidende Kluft zu setzen". Bewußt stellte
Gentz England als Modell Frankreich gegenüber - die Kontroverse
hat also schon Tradition und ist keine Erfindung professioneller
Historiker. Bereits 1797 plädierte er für Steuerermäßigung und
Pressefreiheit. Dieses und anderes mündete in die Forderung
"zeitiger und überlegter Staatsreformen", d.h. der Gedanke des
reformerischen Weges war geboren vor der Möglichkeit seiner Re-
alisierung, die erst aus der Staatskrise Preußens 1806/07 er-
wuchs. Konterrevolution bedeutete folglich nicht mehr allein Wie-
derherstellung des Status quo ante, sie vertrug sich in zunehmen-
dem Maße mit dem Bekenntnis zu Reformen - auch gegen Intransi-
genz aus den eigenen Reihen. Noch handelte es sich bei diesen Re-
formvorstellungen nicht um eine bewußte Öffnung in Richtung bür-
gerliche Umwälzung, sondern aus subjektiver Sicht zunächst um den
Versuch, die Auswirkungen der Epochenwende durch partielle und
dosierte Flucht nach vorn einzugrenzen. War jedoch der Weg von
der gedanklichen zur realen Reform einmal beschritten, wie eben
in Preußen ab 1807 155), ließ sich die Entwicklung auf halbem
Wege - "zwischen Ancien Régime und bürgerlicher Moderne" - nicht
mehr aufhalten, es sei denn um den Preis der Stagnation, wie im
Falle Spaniens. Um den reformerischen Weg in erforderlicher Weise
zu dynamisieren, bedurfte es allerdings weiterer revolutionärer
Einschnitte ("Wellen", wie weiter oben erwähnt): 1820, 1830, 1848
und die sechziger Jahre bis 1870/71.
Im Unterschied zur (relativ) ausgereiften Differenzierung des re-
volutionären Weges in seinen wichtigsten historisch-strukturellen
und stadial-regionalen Varianten, stehen die Bemühungen um typo-
logische Differenzierung des reformerischen Weges noch am Anfang.
So verstehen sich die hier formulierten Gedanken als Diskussions-
beitrag für ein weitestgehend noch offenes Problemfeld.
Einige der wesentlichen Ansatzpunkte für eine typologisch diffe-
renzierte Analyse des reformerischen Weges sind die folgenden:
1. Die - wie dargestellt - qualitativen Veränderungen des Epoche-
charakters und der inneren wie äußeren Grundkonstellation des
Klassenkräfteverhältnisses unter dem Einfluß der epocheprägenden
Leitrevolution und der Verbindung von politisch-sozialer und
industrieller Revolution (Doppelrevolution). In Abhängigkeit
davon wächst die Vielfalt der Formen bürgerlicher Umgestaltung.
2. Existenz und Wirkungsweise der objektiven und subjektiven An-
passungsfaktoren, die auf das Verhalten und die Entwicklung der
Feudalklasse einwirken, d.h. der Grad ihrer tendenziellen Verbür-
gerlichung und der damit verbundenen Hegemoniefähigkeit im Re-
formprozeß.
3. Der Platz und die Funktion der betreffenden Region im entste-
henden oder bereits voll ausgebildeten System der internationalen
Arbeitsteilung (Weltmarkt). Dieser Faktor gewinnt besondere Be-
deutung für die Spezifik der bürgerlich-kapitalistischen Umwäl-
zung in den außereuropäischen Gebieten.
4 Genesis und Struktur der Bourgeoisie und die daraus resultie-
renden Konsequenzen für deren totale oder partielle Hegemonieun-
fähigkeit im bürgerlichen Umwälzungsprozeß und die Formen der da-
mit verbundenen Hegemoniesubstitution (auch durch protokapitali-
stische Elemente).
5. Die Existenz von bäuerlichen, plebejischen, proletarischen
oder auch kleinbürgerlich-demokratischen Bewegungen, die als Trä-
ger von "allgemeindemokratischen Vorstößen" (W.I. Lenin) den re-
formerischen Systemwandel von unten beschleunigen oder beeinflus-
sen.
6. Schließlich stellt sich das Problem der Gesamtstruktur und
Spezifik der feudalen Wirtschafts- und Gesellschaftsverhältnisse
und des damit verbundenen Grades einer Präfiguration für den re-
formerischen Weg, etwa in dem Sinne, wie G. Moll die Frage für
Preußen und den preußischen Weg stellt 156).
Für Deutschland ist das Problemfeld Reform - reformerischer Weg
auf dem Hintergrund der auslösenden Rolle der Französischen Revo-
lution und ihrer Folgewirkungen durch intensive Forschungen auf-
gearbeitet worden (H. Bleiber, H. Bock, E. Engelberg, H. Har-
nisch, G. Heitz, G. Moll, W. Küttler, H. Scheel, W. und S.
Schmidt u.a.) 157). Abgesehen von der Debatte um das Verhältnis
von Reform und Revolution von oben, d.h., ob der Begriff Revolu-
tion von oben bereits für die Zeit der preußischen Reformen ab
1806/07 oder erst für die Periode nach der Revolution von 1848/49
zutrifft 158), besteht zum genannten Problemkreis ein breiter
Konsens zwischen den Historikern. Was den reformerischen Weg der
Agrarentwicklung (Preußischer Weg) angeht, so gibt es Divergenzen
um die Frage nach dem Ende der agrarischen Umwälzung. Der Begriff
preußischer Weg hat sich durchgesetzt und allgemeine Anerkennung
gefunden.
Insbesondere hat Ernst Engelberg den Zusammenhang von preußischem
Weg und der Revolution von oben in Preußen - Deutschland betont
und auf dessen klassische Elemente verwiesen: "Die Große Revolu-
tion war die klassische Revolution von unten, die preußisch-deut-
sche Umwälzung der Jahre 1866"1871 die klassische Revolution von
oben" 159).
Ohne auf die von H. Harnisch und G. Moll ausführlich dargestell-
ten (und z.T. kontrovers interpretierten) Merkmale gesondert ein-
zugehen, erscheint für den Gesamtkomplex Wegeproblematik das fol-
gende besonders relevant: Unabhängig von gewissen Nuancen in der
Definition des preußischen Weges (z.B. über den Platz der feudal-
herrlichen Eigenwirtschaft oder der Gutswirtschaft) steht vom Er-
gebnis her fest, daß neben dem amerikanischen und dem englischen
Weg der preußische Weg zur Grundlage einer überdurchschnittlich
dynamischen Kapitalismusentwicklung geworden ist und damit
gleichsam den französischen Weg in ökonomischer Hinsicht
"überholt" hat. Hier liegt auch der rationelle Kern für die von
N. Poulantzas versuchte Gleichsetzung von englischer Revolution
und preußischem Weg. Die Bilanz fällt natürlich ungleich anders
aus, wenn unter Anwendung des Totalitätsprinzips die Gesamtheit
aller Faktoren der bürgerlichen Umwälzung, vor allem deren nega-
tive politisch-soziale Begleitumstände, in die Betrachtung einbe-
zogen wird. So wie das Ergebnis der bürgerlichen Revolution nicht
nur an den Interessen der Bourgeoisie gemessen oder auf diese re-
duziert werden kann, lassen sich ebensowenig die Resultate der
bürgerlichen Umwälzung auf reformerischem Wege auf den erreichten
Grad der Verbürgerlichung des Grundbesitzes fixieren. Grundsätz-
lich handelt es sich ja bei der Kontroverse um den Versuch, für
den Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus das dynamische und
Richtung gebende Element im Grundbesitzer und nicht im Bourgeois
zu sehen, was auf eine Umkehrung der Hegemoniekonstellation hin-
ausläuft. Die Frage nach Charakter, Struktur und dem "Preis" des
gesellschaftlichen Fortschritts ist aber ungleich vielfältiger
und komplizierter.
Eine schematische Anwendung des Begriffs preußischer Weg verbie-
tet sich schon auf Grund der Tatsache, daß dieser Weg selbst -
wie G. Heitz 160) betonte - durch eine Reihe von Varianten ge-
kennzeichnet und in sich deutlich differenziert ist. Die für die
Regionen mit Gutswirtschaft kennzeichnenden Merkmale der Agrarum-
wälzung sind nicht linear auf Gebiete grundherrschaftlichen Typs
übertragbar. Auch die Vermutung, der preußische Weg reduziere
sich auf die Gebiete der 2. Leibeigenschaft oder Ostelbiens, läßt
sich an Hand der neueren Forschung nicht aufrechterhalten. Unter
dem Gesichtspunkt der Dialektik von gesamtgesellschaftlicher und
agrarischer Umwälzung auf reformerischem Wege stellt sich die
Frage, inwieweit wir es beim preußischen Weg mit der klassischen
Variante der reformerischen Agrarumwälzung zu tun haben.
Bei dem Bemühen, den historischen Ort des reformerischen Weges
(im Sinne des Gesamtcharakters der bürgerlichen Umwälzung) exak-
ter zu bestimmen, sind berechtigte Einwände gegen den gekoppelten
Begriff konservativ-reformerischer Weg als Gegenstück zum revolu-
tionären Weg formuliert worden, und zwar mit dem Argument, daß es
nicht angebracht sei, die Struktur des Umwandlungsprozesses
(Voraussetzungen, Realisierungsmodalitäten, ökonomische und so-
ziale Ergebnisse) mit bestimmten gesellschaftspolitischen Aus-
drucksformen zu verbinden. Für eine weitergehende Typisierung der
Grundkategorie reformerischer Weg ist es unumgänglich, die Hege-
monieproblematik einzubeziehen, da die hegemonietragenden Kräfte
des Prozesses nicht nur dessen Charakter bestimmen, sondern auch,
weil der reformerische Weg - analog zum revolutionären Weg -
stets die Machtfrage tangiert. In der Diskussion wird überdies
übersehen, daß der reformerische Weg nicht nur das "historische
Privileg" einer sich verbürgerlichenden und dem Kapitalismus an-
passenden Grundbesitzerklasse darstellt, sondern daß auch die
Bourgeoisie zum Hegemon eines reformerischen Weges werden kann,
was in der Regel unter den Bedingungen ihrer wachsenden Revoluti-
onsabstinenz der Fall ist. Angesichts der unterschiedlichen Hege-
moniekonstellation und der damit verbundenen divergierenden poli-
tisch-sozialen Ausgangskonstellation wäre es folglich sinnvoll,
zwischen einem konservativ-reformerischen Weg (eindeutige Hegemo-
nie der Grundbesitzerklasse) und einem liberal-reformerischen Weg
zu unterscheiden (Hegemonie der Bourgeoisie, in der Regel im
Bündnis mit dem liberalen Flügel der Grundaristokratie). Die ad-
jektivisch unterschiedliche Bestimmung gewinnt ihre Bedeutung vor
allem dann, wenn über die sektorale Problematik der Agrarumwäl-
zung hinaus nach den politisch-sozialen Formen der Konstituierung
der neuen Ordnung gefragt wird. Was den Unterschied in der Hege-
moniekonstellation anbelangt, fallt dieser Aspekt vor allem dann
ins Gewicht, wenn über Preußen-Deutschland hinaus der Vergleich
zu anderen Regionen Europas und Außereuropas hergestellt wird
161). Das für die Revolution trotz nicht unerheblicher Spannungen
bestehende Junktim von ökonomischer und politischer Umwälzung
trifft auf die Reform nicht zu. Ökonomische Dynamisierung vertrug
sich durchaus mit politischem Konservatismus.
Legt man die angedeutete These zu Grunde, daß der preußische Weg
die klassische Variante des reformerischen Weges der Agrarumwäl-
zung darstellte und damit prägend für jene historische Konstella-
tion geworden ist, die F. Engels als "Epoche der Revolution von
oben" 162) gefaßt wissen wollte, dann erweist sich die mehr oder
minder unkritische Übertragung des Begriffs preußischer Weg auf
alle Länder, die den Übergang zum Kapitalismus vorwiegend refor-
merisch vollzogen, als extrem problematisch. Zunächst wäre zu
fragen, ob die für den preußischen Weg im Detail erarbeiteten
Kriterien gegeben sind oder nicht. Ist dem nicht so, dann redu-
ziert sich der Begriff auf eine Metapher, die nicht weniger
Schwierigkeiten aufwirft als die pauschale Verwendung des Be-
griffs der Revolution von oben. Metaphern beleben zwar die histo-
rische Darstellung, tragen in der Regel aber wenig zur analyti-
schen Klarheit bei.
In eindeutiger Analogie zur Variantenvielfalt der bürgerlichen
Revolution(en) problematisiert sich der Begriff preußischer Weg
mit der Entfernung von seiner Ursprungsregion, besonders aber für
den außereuropäischen Raum. Mit gewisser Präzision ist die Frage
bislang eigentlich nur für Japan durch Kuachiro Takahashi 163)
untersucht worden. Ein der vergleichenden Revolutionsforschung
ähnlicher Ansatz zur universalen Sicht auf die Durchsetzung des
reformerischen Weges und dessen Realisierungsformen fehlt bis-
lang. Die in eine solche Richtung zielende Arbeit von Barrington
Moore jr. 164), deren bahnbrechend-anregende Bedeutung nicht in
Frage gestellt sei, wird der dem reformerischen Weg immanenten
Dialektik von Einheit und Vielfalt nicht gerecht, stattdessen
handelt es sich eher um einander ausschließende Modelle von We-
gen.
Neben dem genannten Beispiel Japan (Meiji-Revolution ab 1868)
165) verdienen für das 19. Jh. außerhalb Europas die USA und La-
teinamerika das besondere Interesse. In den USA war nach dem Sieg
der antikolonialen Revolution die weitere Entwicklung durch den
Nord-Süd-Gegensatz geprägt, der sowohl ökonomisch-struktureller
(Farmersystem/freie Lohnarbeit vs. Plantagensklaverei) als auch
politischer Natur (Ringen um die Kontrolle der Macht über die
Union) war. Es bedurfte immerhin einer zweiten Revolution
(Bürgerkrieg von 1861/65), um den revolutionären Weg als bestim-
mende Tendenz in der weiteren Entwicklung des Kapitalismus durch-
zusetzen, wenn auch um den Preis wesentlicher Zugeständnisse an
den Süden 166). Insgesamt aber sicherte die zweite Revolution die
Dominanz des revolutionären Weges amerikanischer Prägung, was
zugleich die Herauslösung aus der Abhängigkeit gegenüber England
(Baumwollexport für die Textilindustrie) bedeutete.
Auf völlig entgegengesetzte Weise verlief die Verankerung des Ka-
pitalismus in Lateinamerika. Entgegen den Behauptungen, die ibe-
rische Kolonisation und das aus ihr resultierende ökonomisch-so-
ziale System seien kapitalistischen Charakters gewesen, woraus
der Streit um das Verhältnis von Feudalismus und Kapitalismus in
der Geschichte Lateinamerikas ständig neue Nahrung gewinnt (G.
Frank, M. Marini, Vitale), erfolgte - von rudimentären Ansätzen
in der Kolonialperiode abgesehen - eine Freisetzung kapitalisti-
scher Elemente erst im Verlauf des 19. Jh. und dauerte bis weit
hinein in das 20. Jh. 167) Zwar bedeutete die iberische Kolonisa-
tion eine zunehmende Integration Mittel- und Südamerikas in die
entstehende internationale Arbeitsteilung, die Formen des Eigen-
tums und der Ausbeutung besaßen jedoch eindeutig vorkapitalisti-
schen Charakter. Es dominierten feudal-halbsklavische und auf
"reiner" Plantagensklaverei basierende Abhängigkeitsverhältnisse.
Selbst die in den überlebenden Teilen der indianischen Bevölke-
rung verbliebenen Refugien der Comunidades indigenas reduzierten
sich zusehends. Hinzu kommt, daß die Blütezeit des Latifundismus
(Estancias, Haciendas) und der Plantagen nach der Unabhängig-
keitsrevolution als Resultat des steigenden Rohstoffbedarfs im
Ergebnis der industriellen Revolution lag. Seit der Mitte des 19.
Jh. erlöschten zwar zunehmend die aus der Kolonialzeit tradierten
Formen der Zwangsarbeit - selbst die Krise der Sklaverei begann
sich abzuzeichnen ", was ihnen folgte waren in der Regel aber
nicht die freie Lohnarbeit europäischen Stils, sondern hybride
Mischformen der Ausbeutung: Peonage-, Inquilino-, Huasipungero-
u.a. Systeme mit einem weithin hohen Anteil an außerökonomischem
Zwang.
Die historische Entwicklung Lateinamerikas seit der Independencia
(1810/26) wurde durch zwei Hauptelemente geprägt: 168)
1. Die Nichtvollendung der Unabhängigkeitsrevolution in ihrer
tendenziell bürgerlichen Grundsubstanz stellte für die nachfol-
genden Generationen den Kampf um das Erbe von 1810 auf die Tages-
ordnung ("zweite Unabhängigkeit").
2. Etwa seit Mitte des 19. Jh., insbesondere aber ab den 70er
Jahren, erfolgte eine intensive ausländische, zunächst primär
englische, Kapitalinvasion (Kreditvergabe, Kapitalinvestitionen
in exportorientierten Produktionszweigen), wodurch der Subkonti-
nent einer indirekten Rekolonisation (die in späterer Zeit in
neokolonialistische Abhängigkeitsformen hinüberwuchs) ausgesetzt
blieb.
Mehr als gemeinhin bekannt, ist die Entwicklung Lateinamerikas
über das 19. Jh. und bis zur Mexikanischen Revolution von 1910
169) durch die Dialektik von Revolution - Reform - Konterrevolu-
tion geprägt. Lateinamerika war eine der Hauptzonen für die Uni-
versalisierung und Globalisierung des bürgerlichen Revolutionszy-
klus seit 1789, allerdings unter objektiven und subjektiven Be-
dingungen, die eine "normale", d.h. eigenständige kapitalistische
Entwicklung - oder deren "Nachholen" im Stile des japanischen We-
ges - nicht mehr zuließen. Selbst die Mexikanische Revolution von
1910 - zweifellos die radikalste Tatsache der lateinamerikani-
schen Geschichte seit 1810 170) - vermochte diese negative Bi-
lanz nur teilweise zu korrigieren. So blieb in letzter Instanz
für Lateinamerika, bei Anerkennung gravierender subregionaler
Struktur- und Niveauunterschiede, der reformerische Weg entwick-
lungsbestimmend. Jedoch erreichten weder die konservativ-oligar-
chische noch die liberal-bürgerliche Variante des reformerischen
Weges der gesellschaftlichen Transformation in Lateinamerika Re-
sultate, die einen Vergleich mit analogen Prozessen in Europa zu-
lassen. Um diesen Unterschied begrifflich zu fassen, sollte im
Falle Lateinamerikas von einem reformerisch-abhängigen Weg ge-
sprochen werden, da infolge des Scheiterns der Revolutionen und
der ihnen immanenten revolutionären Entwicklungsperspektive
zugleich die historische Möglichkeit für die Überwindung von Un-
terentwicklung und Abhängigkeit unter bürgerlich-kapitalistischen
Voraussetzungen definitiv blockiert wurde. Stattdessen trug die
Konsolidierung der reformerisch-abhängigen Alternative dazu bei,
die tradierte Situation auf ständig höherer Ebene zu reproduzie-
ren.
1789 und die Folgen - bleibt, gleich ob der Akzent auf Revolution
oder auf Reform liegt, der Schlüssel zum Verständnis gesell-
schaftlicher Umwälzung in ihrer Totalität und Mannigfaltigkeit,
über die Grenzen bürgerlichen Fortschritts hinaus.
_____
1) François Furet, Intervista con lo storico francese, in: Ri-
nascita, 5 febbr. 1982. - Ders., Penser la Révolution, Paris
1978. - Ders., Faut-il célébrer le bicentenaire de la Révolution
française, in: L'Hi-stoire, janvier 1983, n° 52.
2) 1789-1989 bicentenaire de la révolution Française. Bulletin de
la Commission Nationale de Recherche Historique pour le bicente-
naire de la Revolution Francaise, hrsg. von Michel Vovelle, n° 1
ff., Paris 1984 ff.
3) Regina Benjowski, Abkehr vom Revolutionsdenken, in: spectrum,
18. Jg., 1987, H. 5, S. 16 f.
4) Neben der umfangreichen Memoirenliteratur wäre vor allem auf
die Arbeiten von Antoine Barnave, Alexandre de Lameth und Antoine
Fantin Desodoards zu verweisen.
5) Jean Dautry, Histoire de la revolution de 1848 en France, Pa-
ris 1948. Ders., 1848 et la IIe République, Paris 1957 2, S. 87
ff.
6) Karl Marx, Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850, in:
MEW, Bd 7, S. 11.
7) Karl Marx, Der 18te Brumaire des Louis Napoleon, in: MEW, Bd
8, S. 115.
8) Augustin Thierry, Lettres sur l'histoire de France, Paris
1820-1836. - Adolphe Thiers, Histoire de la Revolution française,
10 Bde, Paris 1823 -1827. - François Auguste Marie Mignet, Hi-
stoire de la Révolution française depuis 1789 jusqu'en 1814, 2
Bde, Paris 1824.
9) Louis Blanc, Histoire de la Révolution françcaise, 12 Bde, Pa-
ris 1847-1863.
10) Jules Michelet, Histoire de la Révolution française, 7 Bde,
Paris 1847-1853.
11) Adolphe de Lamartine, Histoire des Girondins, 8 Bde, Paris
1847.
12) Vgl. u.a. Karl Kautsky, Die Klassengegensätze im Zeitalter
der Französischen Revolution. Zum 100jährigen Gedenktag der
großen Revolution, Stuttgart 1889.
13) Jean Jaurès, Histoire socialiste (1789-1900), Bd 1-4, Paris
1901-1904; u.d.T. Histoire socialiste de la Revolution française,
8 Bde, hrsg. von Albert Mathiez, Paris 1922-1924. Von A. Soboul
kommentierte und ergänzte Neuaufl. Paris 1969, 1984 ², 4 Bde. -
Eine umfassende Übersicht zu der mit Jaures beginnenden "sozialen
Interpretation" vermittelt: Irmgard A. Hartig (Hrsg.), Geburt der
bürgerlichen Gesellschaft 1789, Frankfurt/M. 1979.
14) P.A. Kropotkin, La grande Revolution 1789-1793, hrsg. von Ju-
les Guillaume, Paris 1909. - Dt. Ausg. bes. von Gustav Landauer
1909, Neuausgabe 1982 (mit einem Nachw. von V.M. Dalin).
15) V.I. Lenin an I.I. Skvorzov-Stepanov, 14. Dezember 1909, in:
LW, Bd 10, S. 127ff. - Wolfgang Rüttler, Zu Lenins historisch-
ökonomischer Analyse der objektiven Voraussetzungen für die demo-
kratische und sozialistische Revolution in Rußland. Begriffliches
Instrumentarium und Methoden, in: IfG, Bd. 17, Berlin/DDR 1977,
S. 9 -44. - Ders., W.I. Lenin und die Große Französische Revolu-
tion. Die Erfahrungen von 1789 aus der Sicht des revolutionären
Kampfes der russischen Arbeiterbewegung (Aufsatz i. Dr.).
16) Kurzer Abriß bei Alice Gérard, La révolution française - my-
thes et interprétations 1789-1970, Paris 1970, S. 66 ff.
17) La Revolution française, Paris 1889 23.
18) Edmund Burke, Reflections on the Revolution in France, London
1790. - François Furet, Burke ou la fin d'une seule histoire de
l'Europe, in: Le Débat, 1986, n° 2, S. 56-66.
19) Alphonse François Aulard, Histoire politique de la Revolution
francaise, 2 Bde, Paris 1901. - Ders., Danton, Paris 1884.
20) Albert Mathiez, Etudes sur Robespierre (1758-1794), Paris
1958. - Ders., La Révolution française, 2 Bde, Paris 1922-1927. -
I. Friguglietti, Mathiez - historien révolutionnaire 1874-1932,
Paris 1974. - Georges Lefebvre, L'Oeuvre historique d'Albert Ma-
thiez, in: A.H.R.F., n° 51, mai-juin 1932, S. 193-210. - Nicht
zuletzt die 1908 erfolgte Gründung der Société des études robe-
spierristes ließ die politische Rechte aufschrecken. Die Gründe
für diese Initiative ließ Albert Mathiez im Januar 1920 nochmals
in einem programmatischen Vortrag mit dem Titel: , "Pourquoi nous
sommes robespierristes?" Revue passieren.
21) Michel Vovelle, L'Historiographie de la Revolution Française
à la veille du bicentenaire (Aufsatz i. Dr.), in übers. Fassung
im vorliegenden Band.
22) Georges Lefebvre, La Révolution française, 2. veränd. Aufl.,
Paris 1951. - Ders., quatre-vingt-neuf, Paris 1939. - Ders., Etu-
des sur la Révolution Française, Paris 1954.
23) Gérard, a.a.O., S. 90.
24) Gérard, ebda. - Pierre Gaxotte, La Révolution française, Pa-
ris 1928, jüngste Ausg. 1970.
25) Albert Soboul, 1789. "L'An Un de la Liberté". Etude Histori-
que. Textes Origineaux. 2. erw. u. durchges. Aufl., Paris 1950.
26) L'Europe, n° spécial, 15 juillet 1939.
27) Cahiers du communisme, n° spécial 1939, Beiträge von M. Tho-
rez, J. Duclos, G. Peri, J. Solomon, J. Bruhat, E. Fajon, P.
Bouthonnier, G. Politzer, M. Prenant, J. Billiet, H. Sauverplane.
28) Francuzskaja burzuaznaja revoljucija 1789-1794, hrsg. von
V.P. Volgin und E.V. Tarlé, Moskau-Leningrad 1941.
29) Vgl. die Bilanz der 150-Jahrfeier bei Pierre Caron, Le Cent-
cinquantenaire de la Revolution francaise, in: A.H.R.F., n° 102,
avril-juin 1946, S. 97-114.
30) Albert Soboul, Les sans-culottes parisiens en l'an II. Mou-
vement populaire et gouvernement revolu-tionnaire 2 juin 1793 - 9
thermidor, La Roche-sur-Yonne 1958. - Dt. Teilausg. unter dem Ti-
tel: Die Sansculotten von Paris. Dokumente zur Geschichte der
Volksbewegung 1793-1794. Hrsg. von Walter Markov und Albert So-
boul. Mit e. Vorw. von Georges Lefebvre, Berlin/DDR 1957.
31) Jacques Godechot/Ernest Labrousse/Armando Saitta/Jean René
Suratteau, Albert Soboul, in: A.H.R.F., n° 249, juillet-septembre
1982, S. 321-327. - Walter Markov, Forschungsprobleme der Franzö-
sischen Revolution. Aus Anlaß des Todes von Albert Soboul, in:
ZfG, 32, 1984, H. 6, S. 483-489. Die Beiträge von Jacques Go-
dechot, Jean Bruhat, Walter Markov und Didier Lemaire zum Geden-
ken an Albert Soboul, in: Francuzskij Ezegodnik 1982, Moskau
1984, S. 138-163. Nachruf auf V.M. Dalin, in: Francuzskij Ezegod-
nik 1984, Moskau 1986, S. 5 f.; Walter Markov, V.M. Dalin zum Ge-
denken, in: ZfG, 34, 1986, H. 5, S. 443 f. - Auch Takahashis ist
zu gedenken.
32) Manfred Kossok, Revolution und Weltgeschichte im Werk von
Walter Markov, in: Walter Markov, Weltgeschichte im Revoluti-
onsquadrat, hrsg. u. eingel. von Manfred Kossok, Berlin/DDR 1979,
S. VII-XV.
33) Walter Markov, Jacques Roux und Karl Marx. Zum Einzug der Er-
trages in die Heilige Familie, Berlin/DDR 1965. - Ders., Jacques
Roux oder vom Elend der Biographie, Berlin/DDR 1966. - Ders., Die
Freiheiten des Priesters Roux, Berlin/DDR 1967. - Jacques Roux,
Scripta et Acta. Textes presentes par Walter Markov, Berlin/DDR
1969. - Walter Markov, Exkurse zu Jacques Roux. Berlin/DDR 1970.
34) J.M. Zacher, Besenye, Moskau 1930; 2., veränd. Aufl. u.d.T.
Dvizenie "besenych", Moskau 1961.
35) Manfred Kossok, Karl Marx und der Begriff der Weltgeschichte
(= Sitzungsberichte der AdW der DDR, Gesellschaftswissenschaften
4 G/1984), Berlin/DDR 1984.
36) Marcel Reinhard, Nouvelle Histoire de Paris: La Revolution
1789-1799, Paris 1970. - Ders., Le grand Carnot, 2 Bde, Paris
1950. - Albert Soboul/Jean Rene Suratteau, Marcel Reinhard (1899-
1973), in: A.H.R.F., n° 215, janviermars 1974, S. 1-9.
37) Jacques Godechot, La grande nation, 2 Bde, Paris 1956. -
Ders., Les Revolutions (1770-1799), Paris 1970 (Nouvelle Clio).
38) Maximilien Robespierre 1758-1794, mit einem Vorwort von Geor-
ges Lefebvre, hrsg. von Walter Markov, Berlin/DDR 1958, 1961 2.
39) Robert R. Palmer, Populär Democracy in the French Revolution,
in: French Historical Studies, vol. 1, 1960, H. 3, S. 447.
40) Alfred Cobban, The Myth of the French Revolution, London
1955. - Ders., Aspects of the French Revolution, London 1968.
41) Zur Auseinandersetzung vgl. Georges Lefebvre, Le mythe de la
Revolution francaise, in: A.H.R.F., n° 145, octobre-decembre
1956, S. 337-345. - Sogar der für 1990 in Madrid vorgesehene
Welthistorikerkongreß will sich dem Thema "Revolution als Mythos"
stellen.
42) Perez Zagorin, Theories of revolution in contemporary histo-
riography, in: Pol. Sc. Quart., n° 28-29, 1973.
43) François Furet/Denis Richet, La Révolution française, 2 Bde,
Paris 1965/66. - François Furet, Le catechisme revolutionnaire,
in: Annales E.S.C., 26, 1971, S. 255-289.
44) Rolf Reichardt/Eberhard Schmitt, Die Französische Revolution
- Umbruch oder Kontinuität?, in: Zeitschrift für Historische For-
schungen, Bd 3, 1980, S. 257 - 320. - Die Französische Revolution
- zufälliges oder notwendiges Ereignis? Akten des internationalen
Symposions an der Universität Bamberg vom 4. bis 7. Juni 1979 (=
Ancien Régime, Aufklärung und Revolution, hrsg. von Rolf
Reichardt und Eberhard Schmitt, Bd. 9/1-3), 3 Bde, München/Wien
1983.
45) François Furet, Marx et la Révolution française, Paris 1986.
46) Die Lücken macht ein Vergleich mit: Sur la Révolution fran-
caise. Ecrits de Marx et Engels, hrsg. von Claude Mainfroy, Paris
1985, deutlich.
47) Claude Mazauric, Sur la Révolution française. Contribution à
l'histoire de la revolution bourgeoise, Paris 1970, spez. I, 1.
48) Vgl. den Aufriß bei Walter Markov, Revolution im Zeugenstand,
Frankreich 1789-1799, 2 Bde, Leipzig 1982; ausführliche Litera-
turhinweise auch bei William Doyle, Origins of the French Revolu-
tion, New York 1980.
49) Volker Hunecke, Antikapitalistische Strömungen in der Franzö-
sischen Revolution. Neuere Kontroversen der Forschung, in: Ge-
schichte und Gesellschaft, Bd 4, 1978, H. 3, S. 291-323.
50) Michel Vovelle, La mentalité révolutionnaire. Société et men-
talite sous la Révolution française, Paris 1985.
51) Robert R. Palmer/Jacques Godechot, Le problème de
l'Atlantique du 18e au 20e siècle, in: Relazioni del X Congresso
Internazionale di Scienze Storiche, V, Roma 1955, S. 275 ff.
52) Peter Amann, The Eighteenth Century Revolution. French or We-
stern? Boston 1965.
53) Gerhard Schilfert, Über das Verhältnis von Weltgeschichte und
Nationalgeschichte, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft
(im folgenden: ZfG), Sonderheft 1962, S. 70-89. - Vgl. die di-
stanzierte Bilanz bei Robert R. Palmer, La "Révolution atlanti-
que" - vingt ans après, in: Die Französische Revolution - zufäl-
liges oder notwendiges Ereignis?, a.a.O., S. 89-104.
54) Vgl. Vovelle, L'Historiographie, a.a.O.
55) Handbuch politisch-sozialer Grundbegriffe in Frankreich 1680
-1820, hrsg. von Rolf Reichardt und Eberhard Schmitt in Verb, mit
Gerd van den Heuvel und Anett Höfer, H. 1 ff. (= Ancien Regime,
Aufklärung und Revolution, hrsg. von Rolf Reichardt und Eberhard
Schmitt, Bd 10/lff.), München 1985 ff.
Lynn Hunt, Recent trends in the historiography of the French Re-
volution. (Aufs, vom Febr. 1987, im Druck). Dabei gemeint ist:
Rolf Reichardt, Zur Geschichte politisch-sozialer Begriffe in
Frankreich zwischen Absolutismus und Restauration, in: Zeit-
schrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, 12. Jg., 1982,
n° 47, S. 49-74.
56) Vgl. dazu Claude Mazauric, Jacobinisme et révolution. Autour
du bicentenaire de Quatre-vingt-neuf, Paris 1984, S. 12 ff.
57) François Furet, Penser la Révolution, a.a.O., S. 212 ff.
58) Albert Champdor, Lyon pendant la Révolution, Lyon 1987, endet
mit dem Schlußsatz "Enfin, écrivit Talleyrand, la France était
sortie des horreurs de la Révolution".
59) Jacob L. Talmon, The origins of Totalitarian Democracy, Lon-
don 1952. - Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totalitärer
Herrschaft, Frankfurt a.M. 1962. - Dies., Über die Revolution,
München 1966.
60) Vgl. die Vorbemerkungen von Pierre Chaunu zu: Yves Durand,
Vivre au pays au XVIIIe siècle. Essai sur la notion du pays dans
l'ouest de la France, Paris 1984, und: Raymond Secher, Le géno-
cide francofrançais. La Vendée-Vengée, Paris 1986.
61) Vgl. Vovelle, L'Historiographie, a.a.O.
62) Vgl. Anm. 3.
63) Antonio Gramsci, Zu Politik, Geschichte und Kultur, hrsg. von
Guido Zamis, Leipzig 1980, S. 277 ff. - Antonio Gramsci, Quaderni
del carcere, Edizione critica dell'Istituto Gramsci. A cura di
Valentine Gerratana, Turin 1975, Bd 3, S. 2010 ff.
64) Fritz Härtung/Roland Mousnier, Quelques problemes concernant
la monarchie absolue, in: Rel. del X Congr. Intern, di Sc.
istor., Bd 4, Florenz 1955.
65) Vgl. Art. "Bourgeoisie", in: Guy Cabourdin/Georges Viard, Le-
xique historique de la France d'Ancien Régime, Paris 1978, S. 41.
66) Lynn Hunt, Politics, Culture, and Class in the French Revolu-
tion, Berkeley - Los Angeles - London 1984, S. 4ff. - Vgl. die
Beiträge von Theodor Schieder, Helmut Böhme, Eberhard Schmitt und
Andreas Dorpalen, in: Revolution und Gesellschaft. Theorie und
Praxis der Systemveränderung, hrsg. von Theodor Schieder, Frei-
burg - Basel - Wien 1973 (= Herderbücherei, Bd 462). - Zur Kritik
vgl. Manfred Kossok, Bürgerliche Revolution - Fortschritt -
Transformation, in: Politische Theorie und sozialer Fortschritt,
hrsg. von Karl-Heinz Röder, Berlin / DDR 1986, S. 38-73.
67) Studien zur vergleichenden Revolutionsgeschichte, hrsg. von
Manfred Kossok in Verb, mit Walter Markov, Gerhard Schilfert und
Walter Schmidt, bisher mit den Bänden: Studien über die Revolu-
tion (1969); Studien zur vergleichenden Revolutionsgeschichte
(1974); Rolle und Formen der Volksbewegung im bürgerlichen Revo-
lutionszyklus (1976); Walter Markov, Weltgeschichte im Revoluti-
onsquadrat (1979); Revolutionen der Neuzeit 1500-1917 (1982);
Bauern und bürgerliche Revolution (1985); Die Französische Juli-
revolution von 1830 und Europa (1985); Proletariat und bürgerli-
che Revolution (erscheint 1989) und die Arbeiten in den Leipziger
Beiträgen zur vergleichenden Revolutionsforschung (LBR), H. l
ff., Leipzig 1982 ff. - Vergleichende Revolutionsgeschichte. Pro-
bleme der Theorie und Methode, hrsg. von Manfred Kossok, Ber-
lin/DDR 1989.
68) Karl Marx an Pawel Wassiljewitsch Annenkow, 28. Dezember
1846, in: MEW, Bd. 27, S. 452 f.
69) Handbuch Wirtschaftsgeschichte, hrsg. vom Institut für Wirt-
schaftsgeschichte der AdW der DDR, Berlin/DDR 1981, Bd 1.
70) Revolutionen der Neuzeit 1500-1917, hrsg. und eingel. von
Manfred Kossok, Berlin/DDR 1982.
71) Helmut Seidel, Philosophiehistorische Bemerkungen zum Begriff
"Aufklärung", in: DZfPh 28, 1980, H. 11, S. 1371 -1378. - Hermann
Ley, Geschichte der Aufklärung und des Atheismus, Berlin/DDR
1971, Bd 2/2ff.
72) Beispiele: Perez Zagorin (1986), Samuel N. Eisenstadt (1982),
Ekkart Zimmermann (1981), Theda Scocpol (19803), John Dumm
(1974), W. F. Wertheim (1974).
73) Vgl. die Beiträge von Charles Parain, Pierre Vilar, Albert
Soboul, Guy Lemarchand, in: Sur le féodalisme (Centre d'Etudes et
de Recherches Marxistes), Paris 1971.
74) George V. Taylor, Noncapitalist Wealth and the Origins of the
French Revolution, in: American Historical Review, vol. LXXII,
1967, S. 469-496.
75) Lynn Hunt, a.a.O., S. 178.
76) "Die Männer, die nach der Revolution dominierten, waren nicht
Industrielle oder kapitalistische Handelsunternehmer, sondern in
erster Linie Bürokraten, Soldaten" - "und Grundeigentümer."
(Übers, d. Red.), Theda Scocpol, States and Social Revolutions. A
comparative Analysis of France, Russia and China, Cambridge
(Mass.) 1980 3.
77) Perez Zagorin, Rebels and Rulers 1500-1660, t. 1: Society,
States and Early Modern Revolution. Agrarian and Urban Rebelli-
ons, Cambridge (Mass.) 1984 2).
78) Ferdinand Seibt, Revolution in Europa, München 1984. Deutlich
davon inspiriert sind die jüngsten Äußerungen von Robert Kalivoda
über die Hussiten und die Frühbürgerliche Revolution (Zur Proble-
matik um die Theorie der europäischen Revolution, in: Communio
viatorum, XXIX, 1986, S. 67-78).
79) Karl Marx/Friedrich Engels, Die Bourgeoisie und die Konterre-
volution, in: MEW, Bd 6, S. 107.
80) Karl Griewank, Der neuzeitliche Revolutionsbegriff. Entste-
hung und Entwicklung, Weimar 1955. - Karl-Heinz Bender, Revolu-
tionen. Die Entstehung des politischen Revolutionsbegriffs in
Frankreich zwischen Mittelalter und Aufklärung, München 1977.
81) Werner Krauss, Lesebuch der französischen Literatur, Teil 1:
Aufklärung und Revolution, Berlin/DDR 1952, S. 9.
82) Kossok, Revolution und Weltgeschichte, a.a.O. - Kurt Holzap-
fel / Manfred Kossok, 1789 und der Revolutionszyklus des 19.
Jahrhunderts: Ereignis und Wirkung, in: ZfG, 34, 1986, H. 12, S.
1059-1079.
83) Karl Marx, Einleitung zur Kritik der Politischen Ökonomie,
in: MEW, Bd 13, S. 640.
84) Karl Marx/Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, in: MEW,
Bd 3, S. 45.
85) Manfred Kossok, Zur Dialektik von Formationswechsel und neu-
zeitlichen Revolutionen, in: Wissenschaftliche Mitteilungen der
Historiker-Gesellschaft der DDR, 1983, Teil I-II.
86) Nicos Poulantzas, Pouvoir politique et classes sociales, Pa-
ris 1968, Bd. 1, S. 178 ff.
87) Fernand Braudel/Ernest Labrousse (Hrsg.), Histoire économique
et sociale de la France, t. III: L'avènement de l'ère industri-
elle (1789-années 1880), 2 Bde, Paris 1976. - Kurt Holzapfel,
Bürgerliche Revolution und historischer Fortschritt: Frankreich
1830-1848, in: ZfG, 1984, H. 6.
88) Pierre Vilar, La Catalogne dans l'Espagne moderne. Recherches
sur les fondements economiques des structures nationales, 3 Bde,
Paris 1962.
89) Manfred Kossok, Karl Marx und der spanische Revolutionszyklus
des 19. Jahrhunderts (= Sitzungsberichte der AdW der DDR, Gesell-
schaftswissenschaften 4 G/1987), Berlin/DDR 1987.
90) Maria Anders, Reform und Revolution in Rußland (1825-1917),
in: Studien zur vergleichenden Revolutionsgeschichte 1500-1917,
S. 114-134.
91) Maria Anders/Wolfgang Kultier, Die bürgerlich-demokratische
Revolution in Rußland 1905 "1907, in: Revolutionen der Neuzeit,
S. 473-497.
92) Vgl. die Studien, in: LBR, 16/1987 zum Thema Revolution und
Reform.
93) Manfred Kossok/Walter Markov, Zur Methodologie der verglei-
chenden Revolutionsgeschichte der Neuzeit, in: Studien zur ver-
gleichenden Revolutionsgeschichte, S. 14.
94) Werner Loch / Walter Markov, Die französischen Revolutionen
zwischen 1789 und 1871 im Lichte von Lenins Auffassung über den
Revolutionszyklus, in: ebd., S. 74-91. - Manfred Kossok, Der spa-
nische Revolutionszyklus des 19. Jahrhunderts. Probleme der Er-
forschung und Interpretation im Lichte der vergleichenden Me-
thode, in: ZfG, 32, 1984, H. 6, S. 490-499.
95) Manfred Kossok, Die Unabhängigkeitsrevolution in Spanisch-
Amerika, 1810"1826, in: Revolutionen der Neuzeit, S. 161 -180. -
Walter Schmidt u.a., Die europäischen Revolutionen 1848/49, in:
ebd., S. 271-348.
96) François Furet, Le catechisme revolutionnaire, S. 258 ff.
97) Karl Marx, Zur Kritik der politischen Ökonomie, in: MEW, Bd
13, S. 9.
98) Claude Mazauric spricht sehr plastisch von "événement fonda-
teur" und "révolution exemplaire" (was unserem Begriff der
Leitrevolution entspricht). Vorbemerkung zu Michel Vovelle, La
Révolution Française. Images et Récits, Bd 1, Paris 1986, S. 9).
99) Walter Markov, Die Große Französische Revolution 1789-1795,
in: Revolutionen der Neuzeit, S. 111-142.
100) Zur Feudalismusproblematik vgl. die Studien von Guy Lemar-
chand: Le féodalisme dans la France rurale des temps modernes.
Essai de caractérisation, in: A.H.R.F., 1969, vol. 1 (Melanges),
S. 77-108. - La féodalité dans la Campagne et la Révolution
Française: Seigneurie et Communaute Paysanne de 1780 à 1789, in:
Die Französische Revolution, S. 7-26. - Un cas de transition du
feodalisme au capitalisme. L'Angleterre, in: Rev.Hist.Mod. et
Cont., 1978, vol. 2, S. 275-305. - Ebenfalls aufschlußreich die
Regionalstudie: La fin du feodalisme dans le pays de Caux (1640-
1795), vorgelegt als These de Doctorat de l'Etat (1986), als
Resümee in: L'Information Historique, 1987, vol. 49, S. 57-62. -
Vgl. auch: Cah. bist, de l'Inst.de rech, marx., 1986, vol. 26, S.
102-110.
101) Albert Mathiez, Die Französische Revolution, Bd l, Hamburg
1950, S. 29 ff.
102) Karl Marx/Friedrich Engels, Die Bourgeoisie und die Konter-
revolution, in: MEW, Bd. 6, S. 107. - Friedrich Engels betonte
später das Unvermögen der Bourgeoisie, als Gesamtklasse die Macht
auszuüben (Einleitung zur englischen Ausgabe von "Entwicklung des
Sozialismus", in: MEW, Bd. 22, S. 207).
103) Manfred Kossok, Hegemonie und Machtfrage in den neuzeitli-
chen Revolutionen. Theoretische Fragestellungen und empirische
Probleme, in: LBR 17/1, 1987, S. 6-31.
104) Kossok, a.a.O., S. 15ff. über die unterschiedlichen Hegemo-
nieebenen.
105) Werner Bahner, Aufklärung als europäisches Phänomen. Über-
blick und Einzeldarstellungen, Leipzig 1985, S. 42 ff. - Vgl.
auch die Studien in: Französische Aufklärung. Bürgerliche Emanzi-
pation, Literatur und Bewußtseinsbildung, Leipzig 1974.
106) Im wesentlichen handelte es sich um die "Bündelung" adelig-
liberal-bürgerlicher, demokratisch-kleinbürgerlicher, bäuerlich-
agrarischer und städtisch-plebejischer Komponenten.
107) Vgl. für das folgende: Manfred Kossok, Realität und Utopie
des Jakobinismus. Zur "heroischen Illusion" in der bürgerlichen
Revolution, in: ZfG, 1986, H. 5, S. 415-426.
108) Karl Marx/Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, MEW, Bd
3, S. 39.
109) Vovelle, La mentalité, S. 97 ff.
110) Friedrich Engels/Karl Marx, Die heilige Familie, in: MEW, Bd
2, S. 129.
111) Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Ein-
leitung, in: MEW, Bd 1, S. 388.
112) Karl Marx/Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie, in: MEW,
Bd 3, S. 47 f.
113) Ebenda, S. 48 (Fußnote).
114) Silvain Maréchal, Manifest der Gleichen, hrsg. von Kurt
Schnelle, Leipzig 1963, S. 39.
115) Karl Marx, Zur Kritik, a.a.O., S. 389; MEGA(2), I, 2, S.
181.
116) Susanne Petersen, Marktweiber und Amazonen. Frauen in der
Französischen Revolution, Köln 1987.
117) A. V. Ado, Krest'janskoe dvizenie vo Francii vo vremja Veli-
koj burzuaznoj revoljucii konca XVIII veka, Moskau 1971. - Ders.,
krest'jankie vosstanija i likvidacia feodal'nych povinnostej vo
vremja francuzkoj burzuaznoj revoljucii konca XVIII v., in: Stu-
dien über die Revolution, hrsg. von Manfred Kossok, Berlin/DDR
1969, S. 94-107.
118) Manfred Kossok, 1640-1789. Gedanken über zwei Zäsuren der
Weltgeschichte, in: WZ der Humboldt-Universität, Ges.wiss. Reihe,
198.
119) Gerhard Schilfert, Die nordamerikanische Unabhängigkeitsre-
volution 1775-1783, in: Revolutionen der Neuzeit, S. 85-100.
120) Albert Soboul, in: Sur le feodalisme, S. 74.
121) Claude Mazauric, Note sur l'emploi de , 'régime féodal" et
de "féodalité" pendant la Révolution française", in: Sur la Révo-
lution française, S. 119 -134. - Über Historiographie und histo-
riographische Polemik vgl. Guy Lemarchand, Sur etudes agraires,
le féodalisme et la Révolution française. Un itineraire historio-
graphique. (Aufs. i. Druck, erscheint 1988).
122) Die Ergebnisse der allgemein als "klassisch" empfundenen
Agrarrevolution sind durch den späten Soboul auffällig relati-
viert worden. (Proprieté foncière et conditions de terres dans
l'Europe napoleonienne. Le cas de la France, in: Com.int.des
Sc.hist., XVe Congres, Bukarest 1980, Rapports, III).
123) E.M. Kozokin, Francuzkie rabocie. Ot Velikoj burzuaznoj re-
voljucii do revoljucii 1848 goda, Moskau 1985, S. 57 ff. - Jean
Bruhat, Histoire du Mouvement ouvrier français, Bd 1, Paris 1952,
S. 99 f. - Vgl. auch die einschlägigen Beiträge in: Mouvements
populaires et conscience sociale. XVIe - XIXe siècles. Actes du
Colloque de Paris 24-26 mai 1984, hrsg. von Jean Nicolas, Paris
1985.
124) A.V. Ado, Zur Geschichte der Anwendung des Gesetzes Le Cha-
pelier während der Französischen Revolution von 1789 (Resümee in:
Die proletarische Komponente in der Bürgerlichen Revolution,
hrsg. von Manfred Kossok und Michael Zeuske, Leipzig 1985, S.
139- 140. Vollst. Veröffentlichung im vorgesehenen Protokoll-
band).
125) Walter Markov, Robespierristen und Jacquesroutins, in: Welt-
geschichte im Revolutionsquadrat, S. 194-241.
126) Walter Markov, Revolution im Zeugenstand. Frankreich 1789-
1799. Bd 1, Leipzig 1982, S. 328 ff. - Jacques Roux, Freiheit
wird die Welt erobern. Reden und Schriften, hrsg. von Walter Mar-
kov, Leipzig 1985, S. 147-156.
127) Friedrich Engels/Karl Marx, Die heilige Familie, in: MEW, Bd
2, S. 126.
128) Paul Guth, Mazarin. Frankreichs Aufstieg zur Weltmacht,
Frankfurt/M. 1974.
129) Christoph Martin Wieland an Gerhard Anton von Halem, 30. No-
vember 1780, in: Die französische Revolution im Spiegel der deut-
schen Literatur, hrsg. von Claus Träger unter Mitarbeit von
Frauke Schäfer, Leipzig 1975, S. 40.
130) Guy Lemarchand, Claude Mamfroy, Roger Martelli, Germaine
Willard, Michel Zylberberg, Sur la nation, in: Cah. d'Hist. de
l'Inst. de Rech. Marx., 1983, N° 12 (Debot), S. 11-33. - Guy Le-
marchand, Le fait national avant le capitalisme. Propositions
pour une etude comparée en Europe, in: Cah. d'Hist. de l'Inst. de
Rech. Marx., 1981, N° 7, S. 41-70.
131) Waltraud Seidel-Höppner, Die Große Französische Revolution
im Denken des Bundes der Geächteten und des Bundes der Gerechten
(Studie i. Druck).
132) Kossok/Holzapfel, a.a.O., S. 1067.
133) Rede vom 5. Februar 1774. (Maximilien Robespierre, Habt Ihr
eine Revolution ohne Revolution gewollt? Reden, hrsg. von Kurt
Schnelle, Leipzig o.J., S. 322).
134) Der Freiheitsbaum. Die Französische Revolution in Schilde-
rungen Goethes und Forsters 1792 793, hrsg. von Günter Näckel,
Berlin/DDR 1983, S. 36ff.
135) Johann Gottlieb Fichte, Beiträge zur Berichtigung der Ur-
teile des Publikums über die französische Revolution, in: J. G.
Fichte - Gesamtausgabe, hrsg. von R. Lauth/H. Gliwitzky, Stutt-
gart 1965. - Vgl. auch Claus Träger, Fichte als Agitator der Re-
volution. Über Aufklärung und Jakobinismus in Deutschland, in:
Wissen und Gewissen. Beiträge zum 200. Geburtstag Johann Gottlieb
Fichtes 1762 - 1814, hrsg. von Manfred Buhr, Berlin/DDR 1962. -
Über Hegels Position: Joachim Ritter, Hegel und die französische
Revolution, Frankfurt/M. 1972 (= edition suhrkamp 114).
136) Vgl. für das folgende: Manfred Kossok, Revolutionärer und
reformerischer Weg beim Übergang vom Feudalismus zum Kapitalis-
mus. Ein Diskussionsbeitrag, in: LBR, 16, 1967, S. 6-39.
137) Eric Hobsbawm, The Age of Revolution 1789 "1848, London
1962.
138) Zur Typologie vgl. Manfred Kossok, Vergleichende Geschichte
der neuzeitlichen Revolutionen. Methodologische und empirische
Forschungsprobleme, Berlin/DDR 1981 (= Sitzungsberichte der Aka-
demie der Wissenschaften der DDR, Gesellschaftswissenschaften, ZG
1981 S. 9ff.).
139) Wolfgang Küttler, Theoretische und methodologische Probleme
des reformerischen Weges der bürgerlichen Umwälzung, in: LBR, 16,
1987, S. 40-62 (mit ausführlichen Literaturbezügen auf die Dis-
kussion in der DDR-Historiographie).
140) Albert Soboul, in: La Pensee, 1956. - Bemerkungen zum Arti-
kel von Michel Grenon und Regine Robin, in: Bürgerliche Revolu-
tionen. Probleme des Übergangs vom Feudalismus zum Kapitalismus,
hrsg. vom Inst. f. Marxist. Stud. u. Forsch. (IMSF), Frankfurt/M.
1979, S. 196.
141) Zur Debatte um die schöpferische Rolle der Volksmassen vgl.
Kossok, Bürgerliche Revolution, S. 61. - Jürgen Kuczynski, Die
Rolle der Volksmassen in der Geschichte, in: Aus der Arbeit von
Plenum und Klassen der AdW der DDR, 10/1962.
142) Walter Markov, Grenzen des Jakobinerstaates, in: Grundposi-
tionen der französischen Aufklärung, hrsg. von Werner Krauss/Hans
Mayer, Berlin/DDR 1955, S. 209-242. (= Neue Beiträge zur Litera-
turwissenschaft, 1).
143) A.V. Ado, Vortrag vor dem Interdisziplinären Zentrum für
Vergleichende Revolutionsforschung (IZR) 1975.
144) Florence Gauthier, Theorie des einen Weges der bürgerlichen
Revolution oder Negation der Französischen Revolution, in: Bür-
gerliche Revolution. Probleme des Übergangs, S. 161 f. (Bezug auf
A. Pelletier).
145) Zur Kritik vgl. Kurt Holzapfel, Bürgerliche Revolution und
historischer Fortschritt: Frankreich 1830 bis 1848, in: ZfG,
1984, H. 6 - Vgl. auch die bei Kossok, Vergleichende Revolutions-
geschichte, S. 60-61, ausgewiesene Literatur.
146) Jean-Rene Suratteau, La Révolution française. Certitudes et
controverses. Paris 1973. (= Dossiers Clio, diriges par Claude
Fohlen).
147) Grundlegend: L'Absolutisme éclairé, hrsg. von Bela Köpeczi,
Albert Soboul, E. H. Balázs, Demos Kosáry, Budapest 1985.
148) Hier ist auf die laufenden Arbeiten von Werner Deich und Ro-
land Kolzenburg zu verweisen. Vgl. den Beitrag von Werner Deich
in Rohrbacher Manuskripte, 1/1987, Leipzig, S. 57 ff.
149) Karl Marx, Das revolutionäre Spanien II, in: MEW, Bd 10, S.
444.
150) Kåre Tønnesson definiert die Reformpolitik des dänischen Ab-
solutismus als "Revolution von oben", in: L'Absolutisme éclairé,
S. 299 ff., S. 311 ff.
151) Zum Überblick ab 1789 vgl. die Fallstudien in: Revolutionen
der Neuzeit, S. 111 ff.
152) Diesem Aspekt widmet im Rahmen der Leipziger Revolutionsfor-
schung Matthias Middell besondere Aufmerksamkeit (vgl. JfG, Bd
40, 1989). - Manfred Kossok, Die Sansculotten von Dolores. Eine
Studie über Vokabular und Mentalität der Konterrevolution in der
mexikanischen Unabhängigkeitsbewegung von 1810, in: JfG von
Staat, Wirtschaft u. Gesellschaft Lateinamerikas, Bd 24, Köln -
Wien 1987, S. 390-415.
153) Walter Schmidt, 1789, 1848 und der bürgerliche Revolutions-
zyklus in Marx' und Engels' Sicht (1852"1895) (Aufsatz i. Dr.).
154) Für das folgende vgl. Griewank. - Wie die nordamerikanische
und die französische war für Gentz auch die lateinamerikanische
Revolution von 1810 ein unwiderrufliches historisches Ereignis
(Bolfvar y Europa en las cronicas, el pensamiento politico y la
historiografía, vol. I, Siglo XIX. Caracas 1980. Doc. 280, S.
812-815).
155) Preußische Reformen - Wirkungen und Grenzen. Aus Anlaß des
150. Todestages des Freiherrn vom und zum Stein, Berlin/DDR 1982
(Hauptreferat Helmut Bock, z.T. kontroverse Beiträge von Ernst
Engelberg, Heinrich Scheel, Helmut Bleiber).
156) Vgl. die von Georg Moll auf Grund seiner Forschungen getrof-
fene Synthese, in: LBR, 16, 1987, S. 73-98.
157) Vgl. auch die in der Reihe "Probleme der Agrargeschichte des
Feudalismus und des Kapitalismus" Rostock 1972 ff. erschienenen
Beiträge. Insbesondere T. VHI-IX der Tagungsmaterialien 1976.
Weiterhin: Hartmut Harnisch, Bürgerliche Agrarumwälzung in Preu-
ßen. Von den Versuchen der Konservierung des Feudalsystems zur
kapitalistischen Agrarstruktur, in: LBR, 16, 1987, S. 63-72. -
Ders., Zum Stand der Diskussion um die Probleme des "preußischen
Weges" kapitalistischer Agrarentwicklung in der deutschen Ge-
schichte, in: Preußen in der deutschen Geschichte nach 1789, Ber-
lin/DDR 1983.
158) Knappe Charakteristik der DDR-Debatte in: Deutsche Ge-
schichte, Bd 4, Berlin/DDR 1984, Kap. 2, FN 8, S. 515. - Kossok,
Bürgerliche Revolution, S. 53 ff. - Im Nachgang: Ernst Engelberg,
Immer noch Meinungsverschiedenheiten über die Epoche der sozialen
Revolution von 1789 bis 1871, in: ZfG, 1985, H. 8, S. 728 - 736.
- Zur Abgrenzung von "Revolution von oben" gegenüber den Thesen
von einem "deutschen Sonderweg" vgl. Gustav Seeber, in: LBR 16,
1977, S. 84-98.
159) Engelberg, Theorie, S. 403.
160) Gerhard Heitz, in: Jb. f. Wirtschaftsgesch., Berlin/DDR
1969, T. III.
161) Manfred Kossok, Charakter und historischer Ort der Unabhän-
gigkeitskriege Lateinamerikas, in: ALAA, Bd 4, 1976, H. 6, S.
937-960. - Ders., Probleme einer vergleichenden Analyse der la-
teinamerikanischen Unabhängigkeitsrevolution, in: ZfG, 1977, H.
2, S. 143-155.
162) Vgl. dazu: Ernst Engelberg, Über die Revolution von oben.
Wirklichkeit und Begriff, in: ZfG, 1974, H. 11, S. 1183-1212.
163) Vgl. u.a. die Arbeit: Meiji-Restauration in Japan und die
Französische Revolution. Ein historischer Vergleich unter dem Ge-
sichtspunkt der Agrarfrage und der Bauernbewegungen, in: Studien
über die Revolution, S. 303-314.
164) Barrington Moore jr., Social Origins of Dictatorship and De-
mocracy: Lord and Peasant in the Making of the Modern World, Bo-
ston 1966 (Dt. Ausg. 1969).
165) Ingrid Göthel, Meiji ishin-Kabsin dsongpjo. Eine komparative
Studie über die bürgerliche Revolution in Japan, in: ALAA, 1987.
166) Max Zeuske, Bürgerkrieg und zweite bürgerliche Revolution in
den USA, in: Revolutionen der Neuzeit, S. 369-392.
167) Max Zeuske, Sozialökonomische Entwicklung und demokratische
Bewegung im bürgerlichen n Übergangsprozeß Lateinamerikas 1825-
1917, Diss. B, Leipzig 1980. - Tulio Haiperm Donghi, Historia
contemporánea de América Latina, Madrid 1970 , S. 11 ff.
168) Manfred Kossok, in: ZfG, 1972, H. 7.
169) Hans Werner Tobler, Die mexikanische Revolution. Gesell-
schaftlicher Wandel und politischer Umbruch 1876-1940, Frank-
furt/M. 1984, S. 137 ff.
170) Im Gegensatz dazu bietet Jean Mayer, La revolution mexi-
caine, Paris 1973, eine "revisionistische" Interpretation und
sieht in der Revolution nichts anderes als die Fortsetzung der im
Porfiviat begonnenen "Modernisierung Mexikos".
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