Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 14/1988


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DER BEGRIFF "BÜRGERLICHE REVOLUTION" BEI MARX UND ENGELS

Domenico Losurdo Der Begriff "bürgerliche Revolution" ist heutzutage Gegenstand einer Anfechtung, ja sogar einer Liquidierung, die keine Wider- rede zuzulassen scheint. Das Ziel dieser Polemik ist noch ehrgei- ziger als das offiziell erklärte: Nicht nur die Geschichte der Französischen Revolution soll neu geschrieben werden, man zielt vielmehr darauf ab, einen Schlüsselbegriff der Marxschen Analyse der modernen Welt zu liquidieren. Unter diesem Gesichtspunkt be- trachtet, ist die Französische Revolution nur ein Vorwand, so wie vorher die protestantische Reformation ein Vorwand gewesen war. Hatte Max Weber zu beweisen versucht, daß der historische Mate- rialismus unangemessen oder untauglich sei, um die Entstehung des Kapitalismus zu erklären, so zeigen jetzt Cobban, Furet etc. die gleiche Unangemessenheit und Untauglichkeit hinsichtlich eines anderen entscheidenden geschichtlichen Ereignisses auf. Gleichzeitig wird die Französische Revolution jeglicher sozialer Basis beraubt und mit ihrem gequälten und widersprüchlichen Ver- lauf auf ein rein ideologisches Projekt, ja sogar auf ein ideolo- gisches Delirium zurückgeführt, dessen auffälligste Erscheinung der Jakobinismus gewesen sei. Auf diese Weise erreicht die Negie- rung der Kategorie "bürgerliche Revolution" mit einem Schlag zwei bedeutsame Ziele auf politischem und kulturellem Gebiet: die Wi- derlegung des historischen Materialismus und die 'Entmytholo- gisierung' der demokratisch-jakobinischen Tradition. Warum wäre die Kategorie "bürgerliche Revolution" unhaltbar? Zunächst scheint die Zielscheibe dieser Revolution sich in nichts aufzulösen. Im Jahre 1789 war der Adel alles andere als monoli- thisch: Darauf weist Furet hin, der sich auf Tocqueville beruft 1). Das ist aber in Wirklichkeit ein wesentliches Element der Re- volutionstheorie bei Marx. Bemerkt das Manifest der kommunisti- schen Partei: "In Zeiten endlich, wo der Klassenkampf sich der Entscheidung nähert, nimmt der Auflösungsprozeß innerhalb der herrschenden Klasse, innerhalb der ganzen alten Gesellschaft, einen so heftigen, so grellen Charakter an, daß ein kleiner Teil der herrschenden Klasse sich von ihr lossagt und sich der revolu- tionären Klasse anschließt, der Klasse, welche die Zukunft in ih- ren Händen trägt. Wie daher früher ein Teil des Adels zur Bour- geoisie überging (...)" 2). Man sollte sich davor hüten, Marx eine doktrinäre, mechanistische Auffassung von der bürgerlichen Revolution zuzuschreiben, nur um ihn besser widerlegen zu können. Im Verlauf der großen Revolutionen gelingt es der revolutionären Klasse, nicht unerhebliche Sektoren der herrschenden Klasse auf ihre Seite zu ziehen, und das nicht nur dank objektiver sozio- ökonomischer Prozesse, sondern auch aufgrund der kulturellen He- gemonie, die auszuüben sie in der Lage ist. Am Vorabend der Französischen Revolution sind die Widersprüche innerhalb der herrschenden Klasse komplex und vielfältiger Art: Ein Teil des Adels stellt sich bekanntlich an die Seite der Bour- geoisie; man darf jedoch auch nicht den Kampf der Parlamente ge- gen den monarchischen Absolutismus vergessen, der mit der reak- tionären Hoffnung unternommen wurde, der Aristokratie von neuem eine Rolle und ein Prestige zu verleihen. Der "Revolte der Stände" widmen Furet und Richet viele Seiten, und sie heben her- vor, daß "die Offensive gegen das absolutistische Regime von ei- ner der charakteristischsten Institutionen des Ancien régime un- terstützt werde" 3). Und von neuem scheint die Frage aufzutau- chen: Wo ist denn dann die bürgerliche Revolution? Aber auch die- ses Thema findet sich ausführlich bei Marx, der den "konserva- tiven" Anfang der Französischen Revolution mit dem Ansprach der Parlamente erklärt, gegen die "Neuerang", die die absolute Monarchie darstellte, "die alten Gesetze, die us et coutumes der alten ständischen Monarchie" zu verteidigen und zu behaupten 4). Angesichts der heute weit verbreiteten These, wonach die Katego- rie "bürgerliche Revolution" bloß ein "vom ideologischen marxi- stisch-leninistischen Credo" aufgezwungener "Mythos" sei 5), wer- den wir hier versuchen, diese Kategorie zu rekonstruieren, indem wir gewiß Marx und Engels folgen, aber auch Autoren wie Tocque- ville heranziehen, die die Geschichtsschreibung à la Furet in ge- nau entgegengesetzter Richtung zu verwerten versucht. Schon bei Marx finden wir die später von Lenin weiter ausgearbei- tete These vor, wonach der Erfolg einer Revolution die Verschär- fung der Widersprüche innerhalb der herrschenden Klasse selbst voraussetzt. Immer im M a n i f e s t können wir lesen: "Die Kollisionen der alten Gesellschaft überhaupt fördern mannigfach den Entwicklungsgang des Proletariats" 6). Es geht hier um die proletarische Revolution, aber die Erfahrung und das Modell, das man sich hierbei vor Augen hält, sind die von der Französischen Revolution gelieferten. Folgendermaßen beschreibt Tocqueville die Situation in Frankreich am Vorabend von 1789: "Endlich schien es, als hätten das Parla- ment und der König die Rollen unter sich verteilt, um das Volk schneller und bequemer zu belehren. Der eine übernahm die Auf- gabe, ihm die Laster der Monarchie beizubringen und das andere die Verbrechen der Aristokratie". Auf diese Weise trag alles dazu bei, "den Armen gegen den Reichen, den Unterprivilegierten gegen den Privilegierten aufzulehnen" 7). Die Revolte der Parlamente wird hier nicht - wie in einer gewissen zeitgenössischen Ge- schichtsschreibung - dazu herangezogen, um den Klassencharakter der Französischen Revolution abzuleugnen; die Widersprüche inner- halb des Ancien régime beschleunigen den "Klassenkrieg" (guerre des classes), der dann noch genauer beschrieben wird. Auf der einen Seite haben wir den "Reichen", den "Privilegierten", den "Adeligen", der die Zielscheibe der Revolution bildet. Eindeutig bezieht sich hier Tocqueville in erster Linie auf den Adel: "reich" steht hier für "adelig" und "privilegiert", denn nicht umsonst wird die "Bourgeoisie" als die "Mittelklasse" definiert 8). Auf der anderen Seite der Barrikade befindet sich der "Arme", der "Unterprivilegierte", der "Bourgeois", mit einem Wort, das "Volk". Auch darin stimmt die Tocquevillesche Analyse mit der von Marx überein, der in der Deutschen Ideologie erklärt, daß die Bourgeoisie in der Anfangsphase der Revolution gewissermaßen die allgemeine Klasse sei, die eine reale Allgemeinheit ausdrücke. 9) Der Tocqueville, auf den Furet sich beruft, ist der liberale Theoretiker, der Kritiker des "revolutionären Katechismus"; Tat- sache ist jedoch, daß Tocqueville - zumindest in den Vorarbeiten zu L'Ancien régime et la Révolution - zu einer Darstellung der Französischen Revolution gelangt, die sich nicht sehr von der Marxschen unterscheidet, als einer Revolution, die von der Bour- geoisie angeführt wird und die den Adel zur Zielscheibe hat. Es stimmt, zu Anfang ist "das wahre Gesicht der Revolution" wie "verschleiert" 10); "keine Spur von Klassenkrieg in dieser ersten Phase des Kampfes. Eine einzige Leidenschaft, eine gemeinsame Leidenschaft schürt den ersten Oppositionsgeist" 11); in dieser Phase "ähnelt die Sprache des Adels vollkommen derjenigen der an- deren Klassen (...)" 12). Damit taucht ein weiteres Element auf, dessen man sich heutzutage bedient, um den Begriff 'bürgerliche Revolution' zu leugnen: Was für einen Sinn hat es, an diesem Begriff festzuhalten, wenn man auf ideologischer Ebene einer Fusion der beiden Klassen beiwohnt, die Antagonisten sein sollten? Schon auf ideologischer Ebene ver- flüchtigt sich der Klassenkampf zwischen Adel und Bourgeoisie. Am Vorabend des Jahres 1789 besuchen nach Riebet "Bürgerliche und Adelige (...) dieselben Internate, erhalten dieselbe rhetorische Bildung, lesen dieselben Werke, darunter die Encyclopédie. Die verschiedenen 'wohlhabenden' sozialen Gruppen frequentieren die gleichen Salone, die gleichen Akademien, sogar die gleichen Frei- maurerlogen; manchmal verteidigen sie die gleichen Werte und zwar den politischen Liberalismus; sie benutzen dieselbe, die aufklä- rerische Sprache". In Wirklichkeit ist diese Gleichartigkeit mehr dem Schein nach als wirklich vorhanden. Zunächst einmal drücken die 'liberalen' Parolen, d.h. die gegen die absolute Monarchie gerichteten, unterschiedliche und einander entgegengesetzte poli- tisch-soziale Wirklichkeiten aus. Sowohl die Agitation der Nota- bein und die parlamentarische Revolte als auch die wachsende Un- duldsamkeit gegen das Adelsprivileg, das gerade in den Parlamen- ten die Vorhut seiner Verteidigung angesiedelt hatte, führten das Schlagwort 'liberal' auf dem Schild 13). In dem Maße, in dem diese Gleichartigkeit der Wirklichkeit ent- spricht, ist sie keineswegs ein Zeichen für einen Mangel an ideo- logischem Kampf, sondern dafür, daß der Verlauf dieses Kampfes ganz ungünstig für den Adel ist. Noch einmal können wir auf Toc- queville zurückgreifen, der im Jahre 1854 das religiöse Erwachen in jenen Jahren der vor 1789 bestehenden Lage entgegensetzt: "Nicht so am Ende des ancien régime. So sehr hatten wir die Pra- xis der großen menschlichen Interessen verloren und so wenig wuß- ten wir von der Bedeutung, die die Religion für die Regierung der Reiche hat, daß die Ungläubigkeit sich als Prinzip im Geist der- jenigen festsetzte, die gerade das persönlichste und größte In- teresse an der Aufrechterhaltung der Ordnung im Staat und am Ge- horsam des Volkes hatten. Sie übernahmen sie nicht nur, sondern verbreiteten sie sogar noch - in ihrer Verblendung - unter sich; sie machten aus der Gottlosigkeit eine Art Zeitvertreib für ihr müßiges Leben" 14). Das bedeutet, daß der französische Adel, nun- mehr ohne politische Erfahrung und Funktionen, sich nicht so- gleich über die politische Dimension der im Gang befindlichen ideologischen Debatte im klaren ist, und nicht unmittelbar ver- steht, was auf dem Spiel steht, sondern daß er gezwungen ist, die Initiative und die kulturelle Hegemonie der Bourgeoisie zu erlei- den. Nur mühsam gelingt es dem Adel, sich auf dem Gebiet des ideologischen Kampfes zu organisieren: "Der alte Adel, der vor dem 89iger Jahr die am wenigsten religiöse Klasse war, wurde nach 1793 die eifrigste; als erste angegriffen, bekehrte sie sich auch als erste". Aber auch vor der Revolution herrschte keine wirkliche Einstim- migkeit: "Diejenigen, die das Christentum verneinten, erhoben ihre Stimme und diejenigen, die noch daran glaubten, schwiegen (...) Die Menschen, die noch am alten Glauben festhielten, fürch- teten, allein zu sein, und die Isolierung mehr noch als den Irr- tum fürchtend, vereinigten sie sich mit der Masse, auch wenn sie nicht wie diese dachten. Aus diesem Grund erschien das als die Meinung aller, was in Wirklichkeit nur ein Teil der Nation fühlte" 15). Durch eine aufmerksame Analyse ist es möglich, den von Richet propagierten ideologisch homogenen Block vollkommen aufzulösen, der ihm dazu dient, den Begriff Bürgerliche Revolution' zu negie- ren: In Wirklichkeit haben wir eine im Angriff befindliche Klasse vor uns, und eine andere, die die Initiative erleidet; innerhalb des Adels finden wir Elemente, die in gewisser Hinsicht von der allgemeinen Strömung mitgerissen worden sind und andere, die gerne Widerstand leisten würden. Außerdem gibt es Adelige, die im wahren Sinn des Wortes von einer Klasse zur anderen übergehen, worauf das Manifest hinweist. Es ist eine allgemeine Regel - er- klärt Marx an anderer Stelle -, daß "einzelne Individuen nicht 'immer' durch die Klasse bestimmt werden, der sie angehören" 16). Interessant ist in diesem Zusammenhang Sieyès Beobachtung, der in seinem berühmten revolutionären Manifest schreibt: "Es muß her- vorgehoben werden, daß die Sache des dritten Standes mit größerem Eifer von Schriftstellern des Klerus und des Adels vorangetrieben wurde, als von den Unterprivilegierten selbst. In dieser Furcht- samkeit des dritten Standes macht sich die Gewohnheit an Furcht und Schweigen bemerkbar, die für den Unterdrückten typisch ist, sie ist ein weiterer Beweis für die Wirklichkeit der Unterdrüc- kung (...). Ich bin keineswegs verwundert darüber, daß die ersten Verteidiger der Gerechtigkeit und der Menschheit aus den beiden privilegierten Ständen stammen. Tatsächlich zeigt sich, was die öffentliche Moral anbetrifft, die Aufklärung zuerst bei Männern, die sich in der besten Lage befinden, um die großen sozialen Be- ziehungen zu verstehen" 17). Aus zwei Gründen ist das eine Beob- achtung von großer Bedeutung: 1) Die aktive Teilnahme von Elemen- ten aus dem Adel an der Anfechtung des Ancien régime trübt kei- neswegs das Bewußtsein Sieyès' über die Tatsache, daß es sich doch immer um die Revolution des dritten Standes handelt; 2) Sieyès unterstreicht den verwickelten Prozeß, durch den es einer revolutionären Klasse gelingt, ihre organischen Intellektuellen herauszubilden. Unter diesem Gesichtspunkt kann die hier wieder- gegebene Beobachtung mit dem in Verbindung gebracht werden, was wir bei Gramsci lesen: Das Proletariat findet Intellektuelle, in- dem es sie aus anderen sozialen Klassen anzieht, bevor es in der Lage ist, Intellektuelle in den eigenen Reihen herauszubilden. Natürlich darf man die Lage des Proletariats nicht einfach mit der der Bourgeoisie gleichsetzen: Es ist ganz klar, daß das Pro- letariat bei der Formierung organischer Intellektueller auf grö- ßere Schwierigkeiten stößt. Dennoch ist Sieyes Behauptung bedeu- tend, wenn man sie mit gewisser zeitgenössischer Geschichts- schreibung konfrontiert, die den Begriff bürgerliche 'Revolution' letzten Endes deshalb ablehnt, weil sie den komplexen Marxschen Begriff der sozialen Klasse nicht erfaßt: Die soziale Klasse wird ganz willkürlich zu einer statischen Wirklichkeit ohne innere Verzweigungen und Widersprüche verflacht; vor allem ist sie ein für allemal gebildet und ohne Wechselbeziehungen der verschie- denen Klassen untereinander. Daher rührt auch das Unverständnis für die Rolle der Intellektu- ellen. Wir haben schon darauf hingewiesen, daß für Tocqueville die aufklärerischen Intellektuellen Feinde des Adels sind, und dennoch ist der Adel lange Zeit tief von ihnen beeinflußt worden. Aber was für eine Beziehung besteht zwischen den Intellektuellen und der "Bourgeoisie und dem Volk", die Tocqueville gegen den Adel und gegen das Ancien régime gerichtet sieht? 18) Damit kom- men wir zu einem weiteren Kernpunkt der Anfechtung des Begriffs Bürgerliche Revolution': In der verfassunggebenden Versammlung - bemerkt Cobban - sind die Händler, die Fabrikanten und die Fi- nanzleute", und d.h. die wahrhaft repräsentativen Figuren der in- dustriell-kapitalistischen Bourgeoisie nur durch 13% der Abgeord- neten vertreten 19). Gerade dieser Einwand sagt uns schon alles: Über die Französische Revolution hinaus steht die Analyse der Ge- sellschaft als Ganzes zur Debatte. Sollen wir etwa das Gewicht, das die kapitalistische Bourgeoisie in Italien (oder in anderen Ländern) hat, an der Zahl der Kapitalisten ablesen, die direkt im Parlament sitzen? Ist vielleicht der Einfluß der FIAT auf das po- litische Leben Italiens geringer geworden, seitdem Umberto Agnelli sich dafür entschieden hat, auf seinen Sitz im Senat der Republik zu verzichten? Der Einwurf Cobbans trägt offensichtlich nicht der Marxschen Analyse der Arbeitsteilung innerhalb der Bourgeoisie, zwischen direkt im wirtschaftlichen Bereich Beschäf- tigten und "ideologischen Ständen" Rechnung 20), denen - um es mit Gramsci zu sagen - "die ökonomische Hauptgruppe" "die Aus- übung der subalternen Funktionen der sozialen Hegemonie und der politischen Regierung" überträgt 21). Diese Arbeitsteilung ist historisch bedingt, und das will heißen, daß sie sich auf nationalem Gebiet und mit besonderen Kennzeichen herausbildet. Die Besonderheit Frankreichs wird gut von Tocque- ville erfaßt, der die Situation am Vorabend von 1789 folgenderma- ßen beschreibt: , Jede politische Leidenschaft verkleidet sich als Philosophie; das politische Leben wurde gewaltsam auf die Li- teratur verlegt, und die Schriftsteller, die sich dazu anschick- ten, die öffentliche Meinung zu leiten, befanden sich plötzlich auf einem Posten, der gewöhnlich den Parteivorständen in den freien Ländern reserviert bleibt" 22). "Die Schriftsteller waren die wirklichen Anführer der großen Partei geworden, die alle so- zialen und politischen Institutionen des Landes umstürzen wollte" 23). Das will heißen, daß die Intellektuellen bei der ideologischen Vorbereitung und im Prozeß der Radikalisierung der Französischen Revolution eine besondere Rolle spielten. Aber nicht alles er- klärt sich mit dem Ungestüm des homo ideologicus, von dem heutzu- tage einige Ideologen sprechen. Bei Tocqueville finden wir inter- essante Anhaltspunkte einer konkreten politisch-sozialen Analyse, um die Besonderheit der Französischen Revolution zu erklären: Angesichts der vom monarchischen Absolutismus hervorgerufenen po- litischen Leere ist der Adel anfangs nicht in der Lage, politi- schen und ideologischen Widerstand gegen die revolutionäre Woge zu leisten; selbst was die buntgemischte revolutionäre Front an- betrifft, sind es die Intellektuellen, die eine gewisse Zeit lang die Hegemonie innerhalb der gegen den Adel gerichteten Front aus- üben, da die Unternehmer-Bourgeoisie nicht die Möglichkeit hat, politische Erfahrungen zu sammeln. Auch in diesem Fall steht der Tocquevillesche Hinweis nicht im Gegensatz zu dem von Marx formulierten. Die deutsche Ideologie hebt hervor, daß unter gewissen Umständen die Arbeitsteilung zwi- schen den ideologischen Ständen und der Unternehmer-Fraktion der Bourgeoisie nicht nur eine "Spaltung" mit sich bringt, sondern eine Spaltung, die "sich sogar zu einer gewissen Entgegensetzung und Feindschaft beider Teile entwickeln" kann 24). Besonders in- teressant ist die Marxsche Analyse der Zeitepoche, die in Preußen dem Ausbruch der 48er Revolution vorangeht: "Die Bourgeoisie, noch zu schwach, sich auf aktive Schritte einzulassen, fühlte sich genötigt, hinter der theoretischen Armee einherzutrotten, die von Hegels Schülern gegen die Religion, die Ideen und die Po- litik der alten Welt geführt wurde. In keiner früheren Periode war die philosophische Kritik so kühn, so machtvoll und so popu- lär wie in den ersten acht Jahren der Herrschaft Friedrich Wil- helm IV. (...) Die Philosophie verdankte ihre Macht während die- ser Periode ausschließlich der praktischen Schwäche der Bour- geoisie; da die Bourgeois die veralteten Institutionen nicht in Wirklichkeit zu stürmen vermochten, mußten sie den kühnen Ideali- sten, die auf dem Gebiet des Gedankens dagegen anstürmten, den Vorrang überlassen" 25). Diese Betrachtungen werden noch interes- santer, wenn wir uns den Vergleich vor Augen halten, den Engels zwischen Frankreich und Deutschland anstellt: "Wie in Frankreich im achtzehnten, so leitete auch in Deutschland im neunzehnten Jahrhundert die philosophische Revolution den politischen Zusam- menbruch ein" 26). Es gelingt der Bourgeoisie sowohl Frankreichs als auch Deutsch- lands erst mit beträchtlicher Verspätung, im Vergleich zu England und zu Amerika, eigene organische Intellektuelle herauszubilden. Das ist den liberalen oder liberal-konservativen Kritikern der Französischen Revolution, von Burke bis hin zu Tocqueville nicht entgangen, bei denen wir den Keim zu einer vergleichenden sozio- logischen Analyse der Intelligenz in den verschiedenen hier in Frage stehenden Ländern vorfinden können: In diesem Zusammenhang werden die Aufklärer und die Protagonisten des revolutionären Prozesses in Frankreich als "abstrakte" Intellektuelle kriti- siert, die keine organischen Verbindungen zu den besitzenden Klassen unterhalten. War im England der Glorious Revolution der Besitzer-Intellektuelle eine zentrale Figur (man denke nur an Locke und Hume), dann taucht in Frankreich eine neue soziale Fi- gur auf, die Burke mit unerbittlichem, aber zur gleichen Zeit eindeutig klarem Haß als die Bleistiftbettler, gueux plumées 27) bezeichnet. Sicherlich denkt Marx an Frankreich, wenn er schreibt, daß die Bourgeoisie nur im Verlauf eines Prozesses all- mählicher Entwicklung dahin gelange, "alle mehr oder weniger ideologischen Stände" zu absorbieren 28). Die besonderen Charakteristiken der intellektuellen und politi- schen Stände im revolutionären Frankreich führen uns direkt zu dem Problem, das Furet und Richet als dérapement, als Schlittern der Revolution bezeichnet haben. Wird einerseits der Begriff Bür- gerliche Revolution' angefochten, weil der revolutionäre Kampf sein Ziel verloren zu haben scheint, so wird er andererseits des- halb in Abrede gestellt, weil der revolutionäre Kampf weit über die Ansprüche und Anforderungen der Bourgeoisie hinauszugehen scheint. Selbst wenn man vom Radikalismus der intellektuellen Kreise abse- hen wollte, wie wäre es möglich, den Druck der Volksmassen mit ihren oft für die Bourgeoisie nicht annehmbaren Forderungen zu übersehen? Diesbezüglich ist vor allem die Marxsche Erklärung be- rühmt, wonach "d e r g a n z e F r a n z ö s i s c h e T e r- r o r i s m u s... nichts als eine p l e b e j i s c h e M a- n i e r [war], mit den Feinden der Bourgeoisie, dem Absolutis- mus, dem Feudalismus und dem Spießbürgertum, fertigzuwerden" 29). Diese Erklärung wird im allgemeinen verstümmelt wiedergegeben, so wie auch wir dies zunächst tun. Es scheint also so, als ob es innerhalb der revolutionären Bewegung keinen Widerspruch gäbe, und als ob die Bourgeoisie ihr einziges und unbestrittenes Subjekt wäre, ein Subjekt, das sich der plebejischen Massen nur als Instrument bediente. Unmittelbar vorher können wir jedoch le- sen: "Das P r o l e t a r i a t und die n i c h t d e r B o u r g e o i s i e a n g e h a n g e n F r a k t i o n e n d e s B ü r g e r t u m s", wo sie "der Bourgeoisie entgegen- treten, wie zum Beispiel 1793 bis 1794 in Frankreich, kämpfen [...] nur für die Durchsetzung der Interessen der Bourgeoisie, wenn auch nicht i n d e r W e i s e der Bourgeoisie" 30). Hier tritt der Widerspruch klar zutage: Während des Terrors woh- nen wir einem Zusammenstoß zwischen Großbourgeoisie einerseits und Kleinbürgertum und Volksmassen andererseits bei, aber dieser Zusammenstoß hat auf den ersten Blick paradox erscheinende Cha- rakteristika: Am energischsten werden die Interessen der Bour- geoisie nicht von der Bourgeoisie selbst verteidigt, die auf Grund ihres "Spießbürgertums" wie gelähmt und behindert er- scheint, sondern von sozialen Schichten, die im Kampf gegen das Ancien régime Energie und Opfergeist an den Tag legen, soziale Schichten, die sich mit den Zögerungen und der Kompromißtendenz der Bourgeoisie im eigentlichen Sinn auseinandersetzen müssen, weil sie den festen Willen haben, den revolutionären Prozeß bis zum Ende durchzuführen. Letzten Endes kämpfen jedoch diese Volks- schichten energischer für die Ziele der Bourgeoisie als die Bour- geoisie selbst, weil sie nicht in der Lage sind oder nicht die Möglichkeit haben, ein selbständiges Programm aufzustellen. Be- zeichnet man die Französische Revolution als die bürgerliche Re- volution, dann gibt man - vom Marx-Engelsschen Standpunkt aus - eine richtige, aber unvollständige Definition. Genauer gesagt handelt es sich um eine bürgerliche Revolution, die von den Ple- bejern zu Ende geführt wurde, und die trotz des Widerstrebens und manchmal sogar trotz des Widerstands der Bourgeoisie zu Ende ge- führt wurde. Aber nicht nur die Energie, mit der die Widerstände und die Hin- dernisse hinweggefegt werden, sind plebejisch bei dieser bürger- lichen Revolution. Es stimmt, die plebejischen Massen unterstüt- zen die Revolution und führen sie zu Ende, aber - bemerkt Engels - das ging nicht, "ohne daß diese Plebejer den revolutionären Forderungen der Bourgeoisie einen Sinn unterlegten, den sie nicht hatten, die Gleichheit und Brüderlichkeit zu extremen Konsequen- zen poussierten, die den bürgerlichen Sinn dieser Stichworte to- tal auf den Kopf stellten, weil dieser Sinn, aufs Extrem getrie- ben, eben in sein Gegenteil umschlug" 31). Wir können also festhalten: 1) Die bürgerliche Revolution wird von den Plebejern gegen das Spießbürgertum und die Tendenz zur Akkomodation der Bourgeoisie zu Ende geführt; 2) die plebejischen Massen zeigen Heldentum und Opfergeist, weil sie hoffen, eigene Ziele und Forderungen verwirklichen zu können. Die Analyse der Französischen Revolution, die eine gewisse Ge- schichtsschreibung unter 'antikapitalistischem' Vorzeichen vor- nimmt, nur um den Begriff 'bürgerliche Revolution' zu liquidie- ren, glaubt zu Unrecht, die Marx-Engelssche Lesart zu widerlegen; denn Marx und Engels sind sich vollkommen bewußt darüber, daß der revolutionäre Prozeß zeitweise mit gegen die Bourgeoisie gerich- teten Motiven aufgeladen ist. Dieser Prozeß nimmt jedoch, trotz seines verwickelten und widersprüchlichen Verlaufs, klar und deutlich einen bürgerlichen Ausgang: "Daß diese p l e b e j- i s c h e Gleichheit und Brüderlichkeit ein reiner Traum sein mußte" - es ist immer Engels, der hier spricht - "zu einer Zeit, wo es sich darum handelte, das g r a d e G e g e n t e i l herzustellen, und daß wie immer - Ironie der Geschichte - diese p l e b e j i s c h e Fassung der revolutionären Stichworte der mächtigste Hebel wurde, dieses Gegenteil - die b ü r g e r- l i c h e Gleichheit - vor dem Gesetz - und Brüderlichkeit - in der Exploitation - durchzusetzen" 32). Das ist aber nur das Endergebnis; ansonsten ist der revolutionäre Prozeß äußerst komplex und widersprüchlich. Seinen Ausgang von der englischen Revolution nehmend, stellt Engels eine Beobachtung allgemeinen Charakters an: "Damit selbst nur diejenigen Sieges- früchte vom Bürgertum eingeheimst wurden, die damals erntereif waren, war es nötig, daß die Revolution bedeutend über das Ziel hinausgeführt wurde. Ganz wie 1793 in Frankreich und 1848 in Deutschland. Es scheint dies in der Tat eins der Entwicklungsge- setze der bürgerlichen Gesellschaft zu sein" 33). Wie kann man dann also die Französische Revolution ausgehend von dem Wider- spruch zwischen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften er- klären? Gerade auf diesen Punkt haben sich die Kritiken und die Anfechtung des Begriffs 'bürgerliche Revolution' bei Marx und En- gels konzentriert. Als Beispiel für alle geben wir Richet das Wort: "Die Französische Revolution von 1789 auf die Marxsche Re- volutionstheorie einzuengen - einer der schwächsten und am wenig- sten folgerichtigen Aspekte des gigantischen Werks von Marx - scheint uns unter zweifachem Gesichtspunkt unmöglich. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts gab es keinen so großartigen Antrieb der Produktivkräfte, daß er mit Gewalt neue Produktionsverhält- nisse an die Stelle der 'alten' Produktionsverhältnisse hätte aufzwingen können" 34). Und wo gab es, im übrigen, noch den Feu- dalismus? In Antwort auf diese Kritiken hat man von marxistischer Seite aus auf den noch feudalen Charakteristika der französischen Gesellschaft am Ende des Ancien régime bestanden. Vielleicht ist diese Debatte jedoch von einem Mißverständnis ver- fälscht, von einem Mißverständnis, was die Marx- und Engelssche Auffassung von der Revolution anbetrifft. Sinnvoll ist es hier, das V o r w o r t zu Z u r K r i t i k d e r P o l i- t i s c h e n Ö k o n o m i e noch einmal zu lesen: "Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vor- handenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb de- ren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolutionen ein". Festzu- halten ist hier, daß man von "einer Epoche sozialer Revolutionen" spricht und nicht von einer einzelnen Revolution. Der Widerspruch zwischen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften bestimmt das allgemeine Bild einer geschichtlichen Epoche; will man aber innerhalb dieser Epoche den Ausbruch und die Dynamik einer be- stimmten Revolution erklären, dann muß man Faktoren einbeziehen, die nicht bloß ökonomischer Natur sind, dann muß man zu einer Analyse auf nationalem Gebiet übergehen. Aus diesem Grund scheint uns die heute im Gang befindliche Diskussion zwischen denjenigen, die den bürgerlichen Charakter der Französischen Revolution ne- gieren, und denjenigen, die ihn behaupten, fehl am Platze zu sein: Denn dies geschieht nur auf der Grundlage der Negierung oder der Behauptung der Existenz eines Widerspruchs zwischen den Produktionsverhältnissen und den Produktivkräften, die sich aus- schließlich auf Frankreich beziehen. Marx nimmt das Problem anders in Angriff. Die Verweisung auf den objektiven Widerspruch zwischen Produktionskräften und Produkti- onsverhältnissen ist wesentlich, um der idealistischen Überbewer- tung der Kreativität des Subjekts und der Theorie ein Ende zu setzen. Um es mit der Deutschen Ideologie zu sagen: "Aber selbst wenn diese Theorie, Theologie, Philosophie, Moral etc. in Wider- spruch mit den bestehenden Verhältnissen treten, so kann dies nur dadurch geschehen, daß die bestehenden gesellschaftlichen Ver- hältnisse mit der bestehenden Produktionskraft in Widerspruch ge- treten sind" 35). Aber dieser Widerspruch gilt vor allem auf in- ternationaler Ebene und für eine geschichtliche Epoche insgesamt betrachtet, denn folgendermaßen fährt Die Deutsche Ideologie gleich darauf fort: "... was übrigens in einem bestimmten natio- nalen Kreise von Verhältnissen auch dadurch geschehen kann, daß der Widerspruch nicht in diesem nationalen Umkreis, sondern zwi- schen diesem nationalen Bewußtsein und der Praxis der anderen Na- tionen, d.h. zwischen dem nationalen und allgemeinen Bewußtsein einer Nation sich einstellt" 36). Im Bereich des Widerspruchs zwischen Produktionsverhältnissen und Produktionskräften, der auf internationaler Ebene eine ganze ge- schichtliche Epoche charakterisiert, entwickeln sich die einzel- nen Revolutionen mit jeweils besonderen Charakteristika und immer auf einem besonderen nationalen Terrain. Aus diesem Grund kann Engels die Reformation und den Bauernkrieg als frühbürgerliche Revolution interpretieren. Noch bedeutsamer ist allerdings, daß Engels den Beginn der bürgerlichen Revolution in Preußen in den Jahren 1807-1813 ansiedelt, d.h. in den Reformen, die unmittelbar auf die Niederlage bei Jena folgten 37). Man muß sich vergegen- wärtigen, daß es sich hier nicht um das Reich Westfalen handelt, dessen Thron Jérôme Bonaparte bestiegen hatte, dem der Kaiser- Bruder aus Paris per Brief eine neue Verfassung übersandte 38) (in diesem Fall haben wir es mit einer vom französischen und na- poleonischen Heer exportierten bürgerlichen Revolution zu tun). Preußen war es dagegen, trotz großer territorialer Amputationen, gelungen, die Unabhängigkeit zu bewahren, und es bereitete die anti-napoleonische Erhebung vor: Und Engels sieht den Anfang der bürgerlichen Revolution gerade im nationalen Unabhängigkeitskrieg (und in den Reformen, die ihn vorbereiten), der vom Preußen der Hohenzollern nicht nur gegen ein bürgerliches Land geführt wurde, sondern gegen ein Land, das Protagonist der Großen Revolution ge- wesen war. Zur Bestätigung der Tatsache, daß der Marxsche Ansatz keineswegs schematisch ist, empfiehlt es sich, noch einmal das Manifest heranzuziehen: "Auf Deutschland richten die Kommunisten ihre Hauptaufmerksamkeit, weil Deutschland am Vorabend einer bürgerli- chen Revolution steht und weil es diese Umwälzung unter fortge- schritteneren Bedingungen der europäischen Zivilisation überhaupt und mit einem viel weiter entwickelten Proletariat vollbringt als England im 17. und Frankreich im 18. Jahrhundert, die deutsche bürgerliche Revolution also nur das unmittelbare Vorspiel einer proletarischen Revolution sein kann" 39). Es geht hier um die proletarische und nicht um die bürgerliche Revolution. Und dennoch können wir Betrachtungen allgemeiner Art anstellen. Marx und Engels erwarten die proletarische Revolution in Deutschland nicht deshalb, weil hier der Widerspruch zwischen bürgerlichen Produktionsverhältnissen und neuen produktiven Kräf- ten zur Reife gelangt wäre. Dieser Widerspruch tritt schon auf internationaler Ebene zutage, aber es ist nicht so, als wäre er in Deutschland besonders akut. Wiederum erfordert die Analyse ei- nes konkreten revolutionären Prozesses einen nationalen Über- blick, der außerdem eine ganze Reihe von kulturellen und politi- schen Faktoren in Betracht zieht, die nicht unmittelbar von der Konfiguration der Produktionsverhältnisse und vom Niveau der Pro- duktivkräfte innerhalb eines jeden einzelnen Landes abgeleitet werden können. Im übrigen wird die mechanistische Theorie der Produktivkräfte von Engels ausdrücklich unter Bezugnahme auf die Französische Re- volution kritisiert. Es handelt sich um einen Text, den wir schon ausführlich zitiert haben, den wir aber weiterhin in Betracht ziehen sollten: ein Brief an Kautsky, Autor einer Abhandlung an- läßlich des hundertsten Jahrestages von 1789. Engels kritisiert an der Abhandlung die "unbestimmten Äußerungen und mysteriösen Andeutungen über neue Produktionsweisen" und fügt hinzu: "Ich würde weit weniger von der neuen Produktionsweise sprechen. Sie ist jedesmal durch einen berghohen Abstand von den T a t s a- c h e n getrennt, von denen Du sprichst, und so unvermittelt erscheint sie als r e i n e A b s t r a k t i o n, die die Sache nicht klarer macht, sondern eher dunkler". 40). Die En- gelssche Analyse ist viel artikulierter und nuancierter. Aber da- von haben wir schon gesprochen. Hinzuweisen ist jedoch auf die bedeutsame Tatsache, daß der in Frage stehende Brief eben an je- nen Kautsky gerichtet ist, der dann drei Jahrzehnte später die Oktoberrevolution verurteilen und liquidieren wird, und zwar im- mer im Namen eines ökonomizi-stischen Determinismus, der im End- effekt weder die bürgerliche Revolution, noch die sozialistische Revolution, noch den revolutionären Prozeß als solchen zu verste- hen in der Lage ist. _____ 1) F. Furet, Penser la Révolution Française, Paris 1978, it. Üb. Rom-Bari 1980, S. 149. 2) K. Marx/F. Engels, Manifest der kommunistischen Partei, in MEW, Bd. 4, S. 471. 3) F. Furet/D. Richet, La Revolution Franchise, Paris 1978, it. Üb. Rom-Bari 1980, S. 48. 4) K. Marx/F. Engels, Rezensionen aus der "Neuen Rheinischen Zei- tung. Politisch-ökonomische Revue". Zweites Heft, Februar 1850, in MEW, Bd. 7, S. 209. 5) M. Terni (Hrsg.), Il mito della rivoluzione francese, Mailand 1981, S. 21. 6) K. Marx/F. Engels, Das Manifest..., in MEW, Bd. 4, S. 471. 7) A. de Tocqueville, L'Ancien Régime et la Révolution. Fragments et notes inédites sur la révolution, in Oeuvres complétes, hrsg. v. P. Meyer, Bd. 2/2, Paris 1953, S. 60 und S. 71. 8) In den vorbereitenden Aufzeichnungen zur Abhandlung über das Ancien régime bemerkt Tocqueville, daß sich zuerst - im Jahre 1793 - "les hautes" Klassen und dann - mit dem achtundvierziger Jahr - "les moyennes" Klassen zur Religion bekehren (A. de Toc- queville, L'Ancien Régime et la Revolution. Fragments et notes inedites sur la Revolution, in Oeuvres complètes, zit., Bd. 2/2, S. 318); in der Abhandlung A. de Tocqueville, L'Ancien Régime et la Revolution, III, 2, in Oeuvres complétes, zit., Bd. 2/1, S. 206 werden die Klassen, die sich nach und nach zur Religion be- kehren, als "l'ancienne noblesse" und als "la bourgeoisie" be- zeichnet. 9) K. Marx, Die deutsche Ideologie, in MEW, Bd. 3, S. 48, Fuß- note. 10) A. de Tocqueville, L'Ancien Régime et la Révolution. Fragments et notes inédites, in Oeuvres complètes, zit., Bd. 2/2, S. 104. 11) Ebenda, S. 71. 12) Ebenda, S. 69. 13) So R. Robin (in Aujourd'hui l'histoire, eingel. v. A. Ca- sanova und F. Hincker, Paris 1974, S. 287 und S. 290), wenn sie die von D. Riebet (in Autour des origines ideologiques lointaines de la Révolution française: Elkes et despotisme, Annales ESC XXIV, 1, 1969, S. 1-23) vertretenen Thesen zusammenfaßt und kri- tisiert. 14) A. de Tocqueville, L'Ancien Régime et la Revolution, III, 2, in Oeuvres complètes, zit., Bd. 2/1, S. 206-7. 15) A. de Tocqueville, L'Ancien Régime et la Révolution, III, 1, in Oeuvres complètes, zit., Bd. 2/1, S. 197. 16) K. Marx, Die moralische Kritik und die kritisierende Moral, in MEW, Bd. 4, S. 349. 17) E. Sieyès, Qu'est-ce que le Tiers Etat, IV, § 3. 18) Siehe Anm. 15. 19) A. Cobban, The Myth of the French Revolution, 1968, it. Üb. in M. Tuni (Hrsg.), D mito della rivoluzione francese, zit., S. 45. 20) K. Marx, Die deutsche Ideologie, in MEW, Bd. 3, S. 47-53. 21) A. Gramsci, Quaderni del carcere, krit. Ausg. hrsg. v. V. Gerratana, Turin 1975, S. 1523 und S. 1519. 22) A. de Tocqueville, L'Ancien Régime et la Révolution, III, 1, in Oeuvres complètes, zit., Bd. 2/1, S. 196. 23) Ebenda, III, 2, in Oeuvres complètes, zit., Bd. 2/1, S. 203- 4. 24) K. Marx, Die deutsche Ideologie, in MEW, Bd. 3, S. 47. 25) K. Marx, Die Lage in Preußen, in MEW, Bd. 12, S. 684. 26) F. Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, in MEW, Bd. 21, S. 265. 27) E. Burke, Letter on a Regicide Peace, in The Works of the right honourable Edmund Burke, London 1826, Bd. 9, S. 48-9. Vgl. dazu auch D. Losurdo, Hegel, Marx e la tradizione liberale. Li- berta, uguaglianza, Stato, Rom 1988, S. 182-193. 28) K. Marx, Die deutsche Ideologie, in MEW, Bd. 3, S. 53. 29) K. Marx, Die Bourgeoisie und die Konterrevolution, in MEW, Bd. 6, S. 107. 30) Ebenda. 31) Brief Engels' an Kautsky vom 20.2.1889, in MEW, Bd. 37, S. 155. 32) Ebenda. 33) F. Engels, Einleitung zur englischen Ausgabe (1892) der "Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft", in MEW, Bd. 22, S. 301. 34) D. Richet, Autour des origines ideologiques lointaines de la Révolution française: Élites et despotisme, zit, S. 22-23. 35) K. Marx, Die deutsche Ideologie, in MEW, Bd. 3, S. 31-32. 36) Ebenda, S. 32. 37) F. Engels, Vorbemerkung zu "Der deutsche Bauernkrieg", 1870 und 1875, in MEW Bd. 7, S. 539. 38) Vgl. Deutschland unter Napoleon in Augenzeugenberichten, hrsg. v. E. Kleßmann, München 1965, S. 277 ff. 39) K. Marx/E Engels, Das Manifest der kommunistischen Partei, in MEW, Bd. 4, S. 493. 40) Brief Engels' an Karl Kautsky vom 20. 2. 1889, in MEW, Bd. 37, S. 155. zurück