Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 14/1988
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DER BEGRIFF "BÜRGERLICHE REVOLUTION" BEI MARX UND ENGELS
Domenico Losurdo
Der Begriff "bürgerliche Revolution" ist heutzutage Gegenstand
einer Anfechtung, ja sogar einer Liquidierung, die keine Wider-
rede zuzulassen scheint. Das Ziel dieser Polemik ist noch ehrgei-
ziger als das offiziell erklärte: Nicht nur die Geschichte der
Französischen Revolution soll neu geschrieben werden, man zielt
vielmehr darauf ab, einen Schlüsselbegriff der Marxschen Analyse
der modernen Welt zu liquidieren. Unter diesem Gesichtspunkt be-
trachtet, ist die Französische Revolution nur ein Vorwand, so wie
vorher die protestantische Reformation ein Vorwand gewesen war.
Hatte Max Weber zu beweisen versucht, daß der historische Mate-
rialismus unangemessen oder untauglich sei, um die Entstehung des
Kapitalismus zu erklären, so zeigen jetzt Cobban, Furet etc. die
gleiche Unangemessenheit und Untauglichkeit hinsichtlich eines
anderen entscheidenden geschichtlichen Ereignisses auf.
Gleichzeitig wird die Französische Revolution jeglicher sozialer
Basis beraubt und mit ihrem gequälten und widersprüchlichen Ver-
lauf auf ein rein ideologisches Projekt, ja sogar auf ein ideolo-
gisches Delirium zurückgeführt, dessen auffälligste Erscheinung
der Jakobinismus gewesen sei. Auf diese Weise erreicht die Negie-
rung der Kategorie "bürgerliche Revolution" mit einem Schlag zwei
bedeutsame Ziele auf politischem und kulturellem Gebiet: die Wi-
derlegung des historischen Materialismus und die 'Entmytholo-
gisierung' der demokratisch-jakobinischen Tradition.
Warum wäre die Kategorie "bürgerliche Revolution" unhaltbar?
Zunächst scheint die Zielscheibe dieser Revolution sich in nichts
aufzulösen. Im Jahre 1789 war der Adel alles andere als monoli-
thisch: Darauf weist Furet hin, der sich auf Tocqueville beruft
1). Das ist aber in Wirklichkeit ein wesentliches Element der Re-
volutionstheorie bei Marx. Bemerkt das Manifest der kommunisti-
schen Partei: "In Zeiten endlich, wo der Klassenkampf sich der
Entscheidung nähert, nimmt der Auflösungsprozeß innerhalb der
herrschenden Klasse, innerhalb der ganzen alten Gesellschaft,
einen so heftigen, so grellen Charakter an, daß ein kleiner Teil
der herrschenden Klasse sich von ihr lossagt und sich der revolu-
tionären Klasse anschließt, der Klasse, welche die Zukunft in ih-
ren Händen trägt. Wie daher früher ein Teil des Adels zur Bour-
geoisie überging (...)" 2). Man sollte sich davor hüten, Marx
eine doktrinäre, mechanistische Auffassung von der bürgerlichen
Revolution zuzuschreiben, nur um ihn besser widerlegen zu können.
Im Verlauf der großen Revolutionen gelingt es der revolutionären
Klasse, nicht unerhebliche Sektoren der herrschenden Klasse auf
ihre Seite zu ziehen, und das nicht nur dank objektiver sozio-
ökonomischer Prozesse, sondern auch aufgrund der kulturellen He-
gemonie, die auszuüben sie in der Lage ist.
Am Vorabend der Französischen Revolution sind die Widersprüche
innerhalb der herrschenden Klasse komplex und vielfältiger Art:
Ein Teil des Adels stellt sich bekanntlich an die Seite der Bour-
geoisie; man darf jedoch auch nicht den Kampf der Parlamente ge-
gen den monarchischen Absolutismus vergessen, der mit der reak-
tionären Hoffnung unternommen wurde, der Aristokratie von neuem
eine Rolle und ein Prestige zu verleihen. Der "Revolte der
Stände" widmen Furet und Richet viele Seiten, und sie heben her-
vor, daß "die Offensive gegen das absolutistische Regime von ei-
ner der charakteristischsten Institutionen des Ancien régime un-
terstützt werde" 3). Und von neuem scheint die Frage aufzutau-
chen: Wo ist denn dann die bürgerliche Revolution? Aber auch die-
ses Thema findet sich ausführlich bei Marx, der den "konserva-
tiven" Anfang der Französischen Revolution mit dem Ansprach der
Parlamente erklärt, gegen die "Neuerang", die die absolute
Monarchie darstellte, "die alten Gesetze, die us et coutumes der
alten ständischen Monarchie" zu verteidigen und zu behaupten 4).
Angesichts der heute weit verbreiteten These, wonach die Katego-
rie "bürgerliche Revolution" bloß ein "vom ideologischen marxi-
stisch-leninistischen Credo" aufgezwungener "Mythos" sei 5), wer-
den wir hier versuchen, diese Kategorie zu rekonstruieren, indem
wir gewiß Marx und Engels folgen, aber auch Autoren wie Tocque-
ville heranziehen, die die Geschichtsschreibung à la Furet in ge-
nau entgegengesetzter Richtung zu verwerten versucht.
Schon bei Marx finden wir die später von Lenin weiter ausgearbei-
tete These vor, wonach der Erfolg einer Revolution die Verschär-
fung der Widersprüche innerhalb der herrschenden Klasse selbst
voraussetzt. Immer im M a n i f e s t können wir lesen: "Die
Kollisionen der alten Gesellschaft überhaupt fördern mannigfach
den Entwicklungsgang des Proletariats" 6). Es geht hier um die
proletarische Revolution, aber die Erfahrung und das Modell, das
man sich hierbei vor Augen hält, sind die von der Französischen
Revolution gelieferten.
Folgendermaßen beschreibt Tocqueville die Situation in Frankreich
am Vorabend von 1789: "Endlich schien es, als hätten das Parla-
ment und der König die Rollen unter sich verteilt, um das Volk
schneller und bequemer zu belehren. Der eine übernahm die Auf-
gabe, ihm die Laster der Monarchie beizubringen und das andere
die Verbrechen der Aristokratie". Auf diese Weise trag alles dazu
bei, "den Armen gegen den Reichen, den Unterprivilegierten gegen
den Privilegierten aufzulehnen" 7). Die Revolte der Parlamente
wird hier nicht - wie in einer gewissen zeitgenössischen Ge-
schichtsschreibung - dazu herangezogen, um den Klassencharakter
der Französischen Revolution abzuleugnen; die Widersprüche inner-
halb des Ancien régime beschleunigen den "Klassenkrieg" (guerre
des classes), der dann noch genauer beschrieben wird. Auf der
einen Seite haben wir den "Reichen", den "Privilegierten", den
"Adeligen", der die Zielscheibe der Revolution bildet. Eindeutig
bezieht sich hier Tocqueville in erster Linie auf den Adel:
"reich" steht hier für "adelig" und "privilegiert", denn nicht
umsonst wird die "Bourgeoisie" als die "Mittelklasse" definiert
8). Auf der anderen Seite der Barrikade befindet sich der "Arme",
der "Unterprivilegierte", der "Bourgeois", mit einem Wort, das
"Volk". Auch darin stimmt die Tocquevillesche Analyse mit der von
Marx überein, der in der Deutschen Ideologie erklärt, daß die
Bourgeoisie in der Anfangsphase der Revolution gewissermaßen die
allgemeine Klasse sei, die eine reale Allgemeinheit ausdrücke. 9)
Der Tocqueville, auf den Furet sich beruft, ist der liberale
Theoretiker, der Kritiker des "revolutionären Katechismus"; Tat-
sache ist jedoch, daß Tocqueville - zumindest in den Vorarbeiten
zu L'Ancien régime et la Révolution - zu einer Darstellung der
Französischen Revolution gelangt, die sich nicht sehr von der
Marxschen unterscheidet, als einer Revolution, die von der Bour-
geoisie angeführt wird und die den Adel zur Zielscheibe hat. Es
stimmt, zu Anfang ist "das wahre Gesicht der Revolution" wie
"verschleiert" 10); "keine Spur von Klassenkrieg in dieser ersten
Phase des Kampfes. Eine einzige Leidenschaft, eine gemeinsame
Leidenschaft schürt den ersten Oppositionsgeist" 11); in dieser
Phase "ähnelt die Sprache des Adels vollkommen derjenigen der an-
deren Klassen (...)" 12).
Damit taucht ein weiteres Element auf, dessen man sich heutzutage
bedient, um den Begriff 'bürgerliche Revolution' zu leugnen: Was
für einen Sinn hat es, an diesem Begriff festzuhalten, wenn man
auf ideologischer Ebene einer Fusion der beiden Klassen beiwohnt,
die Antagonisten sein sollten? Schon auf ideologischer Ebene ver-
flüchtigt sich der Klassenkampf zwischen Adel und Bourgeoisie. Am
Vorabend des Jahres 1789 besuchen nach Riebet "Bürgerliche und
Adelige (...) dieselben Internate, erhalten dieselbe rhetorische
Bildung, lesen dieselben Werke, darunter die Encyclopédie. Die
verschiedenen 'wohlhabenden' sozialen Gruppen frequentieren die
gleichen Salone, die gleichen Akademien, sogar die gleichen Frei-
maurerlogen; manchmal verteidigen sie die gleichen Werte und zwar
den politischen Liberalismus; sie benutzen dieselbe, die aufklä-
rerische Sprache". In Wirklichkeit ist diese Gleichartigkeit mehr
dem Schein nach als wirklich vorhanden. Zunächst einmal drücken
die 'liberalen' Parolen, d.h. die gegen die absolute Monarchie
gerichteten, unterschiedliche und einander entgegengesetzte poli-
tisch-soziale Wirklichkeiten aus. Sowohl die Agitation der Nota-
bein und die parlamentarische Revolte als auch die wachsende Un-
duldsamkeit gegen das Adelsprivileg, das gerade in den Parlamen-
ten die Vorhut seiner Verteidigung angesiedelt hatte, führten das
Schlagwort 'liberal' auf dem Schild 13).
In dem Maße, in dem diese Gleichartigkeit der Wirklichkeit ent-
spricht, ist sie keineswegs ein Zeichen für einen Mangel an ideo-
logischem Kampf, sondern dafür, daß der Verlauf dieses Kampfes
ganz ungünstig für den Adel ist. Noch einmal können wir auf Toc-
queville zurückgreifen, der im Jahre 1854 das religiöse Erwachen
in jenen Jahren der vor 1789 bestehenden Lage entgegensetzt:
"Nicht so am Ende des ancien régime. So sehr hatten wir die Pra-
xis der großen menschlichen Interessen verloren und so wenig wuß-
ten wir von der Bedeutung, die die Religion für die Regierung der
Reiche hat, daß die Ungläubigkeit sich als Prinzip im Geist der-
jenigen festsetzte, die gerade das persönlichste und größte In-
teresse an der Aufrechterhaltung der Ordnung im Staat und am Ge-
horsam des Volkes hatten. Sie übernahmen sie nicht nur, sondern
verbreiteten sie sogar noch - in ihrer Verblendung - unter sich;
sie machten aus der Gottlosigkeit eine Art Zeitvertreib für ihr
müßiges Leben" 14). Das bedeutet, daß der französische Adel, nun-
mehr ohne politische Erfahrung und Funktionen, sich nicht so-
gleich über die politische Dimension der im Gang befindlichen
ideologischen Debatte im klaren ist, und nicht unmittelbar ver-
steht, was auf dem Spiel steht, sondern daß er gezwungen ist, die
Initiative und die kulturelle Hegemonie der Bourgeoisie zu erlei-
den. Nur mühsam gelingt es dem Adel, sich auf dem Gebiet des
ideologischen Kampfes zu organisieren: "Der alte Adel, der vor
dem 89iger Jahr die am wenigsten religiöse Klasse war, wurde nach
1793 die eifrigste; als erste angegriffen, bekehrte sie sich auch
als erste".
Aber auch vor der Revolution herrschte keine wirkliche Einstim-
migkeit: "Diejenigen, die das Christentum verneinten, erhoben
ihre Stimme und diejenigen, die noch daran glaubten, schwiegen
(...) Die Menschen, die noch am alten Glauben festhielten, fürch-
teten, allein zu sein, und die Isolierung mehr noch als den Irr-
tum fürchtend, vereinigten sie sich mit der Masse, auch wenn sie
nicht wie diese dachten. Aus diesem Grund erschien das als die
Meinung aller, was in Wirklichkeit nur ein Teil der Nation
fühlte" 15).
Durch eine aufmerksame Analyse ist es möglich, den von Richet
propagierten ideologisch homogenen Block vollkommen aufzulösen,
der ihm dazu dient, den Begriff Bürgerliche Revolution' zu negie-
ren: In Wirklichkeit haben wir eine im Angriff befindliche Klasse
vor uns, und eine andere, die die Initiative erleidet; innerhalb
des Adels finden wir Elemente, die in gewisser Hinsicht von der
allgemeinen Strömung mitgerissen worden sind und andere, die
gerne Widerstand leisten würden. Außerdem gibt es Adelige, die im
wahren Sinn des Wortes von einer Klasse zur anderen übergehen,
worauf das Manifest hinweist. Es ist eine allgemeine Regel - er-
klärt Marx an anderer Stelle -, daß "einzelne Individuen nicht
'immer' durch die Klasse bestimmt werden, der sie angehören" 16).
Interessant ist in diesem Zusammenhang Sieyès Beobachtung, der in
seinem berühmten revolutionären Manifest schreibt: "Es muß her-
vorgehoben werden, daß die Sache des dritten Standes mit größerem
Eifer von Schriftstellern des Klerus und des Adels vorangetrieben
wurde, als von den Unterprivilegierten selbst. In dieser Furcht-
samkeit des dritten Standes macht sich die Gewohnheit an Furcht
und Schweigen bemerkbar, die für den Unterdrückten typisch ist,
sie ist ein weiterer Beweis für die Wirklichkeit der Unterdrüc-
kung (...). Ich bin keineswegs verwundert darüber, daß die ersten
Verteidiger der Gerechtigkeit und der Menschheit aus den beiden
privilegierten Ständen stammen. Tatsächlich zeigt sich, was die
öffentliche Moral anbetrifft, die Aufklärung zuerst bei Männern,
die sich in der besten Lage befinden, um die großen sozialen Be-
ziehungen zu verstehen" 17). Aus zwei Gründen ist das eine Beob-
achtung von großer Bedeutung: 1) Die aktive Teilnahme von Elemen-
ten aus dem Adel an der Anfechtung des Ancien régime trübt kei-
neswegs das Bewußtsein Sieyès' über die Tatsache, daß es sich
doch immer um die Revolution des dritten Standes handelt; 2)
Sieyès unterstreicht den verwickelten Prozeß, durch den es einer
revolutionären Klasse gelingt, ihre organischen Intellektuellen
herauszubilden. Unter diesem Gesichtspunkt kann die hier wieder-
gegebene Beobachtung mit dem in Verbindung gebracht werden, was
wir bei Gramsci lesen: Das Proletariat findet Intellektuelle, in-
dem es sie aus anderen sozialen Klassen anzieht, bevor es in der
Lage ist, Intellektuelle in den eigenen Reihen herauszubilden.
Natürlich darf man die Lage des Proletariats nicht einfach mit
der der Bourgeoisie gleichsetzen: Es ist ganz klar, daß das Pro-
letariat bei der Formierung organischer Intellektueller auf grö-
ßere Schwierigkeiten stößt. Dennoch ist Sieyes Behauptung bedeu-
tend, wenn man sie mit gewisser zeitgenössischer Geschichts-
schreibung konfrontiert, die den Begriff bürgerliche 'Revolution'
letzten Endes deshalb ablehnt, weil sie den komplexen Marxschen
Begriff der sozialen Klasse nicht erfaßt: Die soziale Klasse wird
ganz willkürlich zu einer statischen Wirklichkeit ohne innere
Verzweigungen und Widersprüche verflacht; vor allem ist sie ein
für allemal gebildet und ohne Wechselbeziehungen der verschie-
denen Klassen untereinander.
Daher rührt auch das Unverständnis für die Rolle der Intellektu-
ellen. Wir haben schon darauf hingewiesen, daß für Tocqueville
die aufklärerischen Intellektuellen Feinde des Adels sind, und
dennoch ist der Adel lange Zeit tief von ihnen beeinflußt worden.
Aber was für eine Beziehung besteht zwischen den Intellektuellen
und der "Bourgeoisie und dem Volk", die Tocqueville gegen den
Adel und gegen das Ancien régime gerichtet sieht? 18) Damit kom-
men wir zu einem weiteren Kernpunkt der Anfechtung des Begriffs
Bürgerliche Revolution': In der verfassunggebenden Versammlung -
bemerkt Cobban - sind die Händler, die Fabrikanten und die Fi-
nanzleute", und d.h. die wahrhaft repräsentativen Figuren der in-
dustriell-kapitalistischen Bourgeoisie nur durch 13% der Abgeord-
neten vertreten 19). Gerade dieser Einwand sagt uns schon alles:
Über die Französische Revolution hinaus steht die Analyse der Ge-
sellschaft als Ganzes zur Debatte. Sollen wir etwa das Gewicht,
das die kapitalistische Bourgeoisie in Italien (oder in anderen
Ländern) hat, an der Zahl der Kapitalisten ablesen, die direkt im
Parlament sitzen? Ist vielleicht der Einfluß der FIAT auf das po-
litische Leben Italiens geringer geworden, seitdem Umberto
Agnelli sich dafür entschieden hat, auf seinen Sitz im Senat der
Republik zu verzichten? Der Einwurf Cobbans trägt offensichtlich
nicht der Marxschen Analyse der Arbeitsteilung innerhalb der
Bourgeoisie, zwischen direkt im wirtschaftlichen Bereich Beschäf-
tigten und "ideologischen Ständen" Rechnung 20), denen - um es
mit Gramsci zu sagen - "die ökonomische Hauptgruppe" "die Aus-
übung der subalternen Funktionen der sozialen Hegemonie und der
politischen Regierung" überträgt 21).
Diese Arbeitsteilung ist historisch bedingt, und das will heißen,
daß sie sich auf nationalem Gebiet und mit besonderen Kennzeichen
herausbildet. Die Besonderheit Frankreichs wird gut von Tocque-
ville erfaßt, der die Situation am Vorabend von 1789 folgenderma-
ßen beschreibt: , Jede politische Leidenschaft verkleidet sich
als Philosophie; das politische Leben wurde gewaltsam auf die Li-
teratur verlegt, und die Schriftsteller, die sich dazu anschick-
ten, die öffentliche Meinung zu leiten, befanden sich plötzlich
auf einem Posten, der gewöhnlich den Parteivorständen in den
freien Ländern reserviert bleibt" 22). "Die Schriftsteller waren
die wirklichen Anführer der großen Partei geworden, die alle so-
zialen und politischen Institutionen des Landes umstürzen wollte"
23).
Das will heißen, daß die Intellektuellen bei der ideologischen
Vorbereitung und im Prozeß der Radikalisierung der Französischen
Revolution eine besondere Rolle spielten. Aber nicht alles er-
klärt sich mit dem Ungestüm des homo ideologicus, von dem heutzu-
tage einige Ideologen sprechen. Bei Tocqueville finden wir inter-
essante Anhaltspunkte einer konkreten politisch-sozialen Analyse,
um die Besonderheit der Französischen Revolution zu erklären:
Angesichts der vom monarchischen Absolutismus hervorgerufenen po-
litischen Leere ist der Adel anfangs nicht in der Lage, politi-
schen und ideologischen Widerstand gegen die revolutionäre Woge
zu leisten; selbst was die buntgemischte revolutionäre Front an-
betrifft, sind es die Intellektuellen, die eine gewisse Zeit lang
die Hegemonie innerhalb der gegen den Adel gerichteten Front aus-
üben, da die Unternehmer-Bourgeoisie nicht die Möglichkeit hat,
politische Erfahrungen zu sammeln.
Auch in diesem Fall steht der Tocquevillesche Hinweis nicht im
Gegensatz zu dem von Marx formulierten. Die deutsche Ideologie
hebt hervor, daß unter gewissen Umständen die Arbeitsteilung zwi-
schen den ideologischen Ständen und der Unternehmer-Fraktion der
Bourgeoisie nicht nur eine "Spaltung" mit sich bringt, sondern
eine Spaltung, die "sich sogar zu einer gewissen Entgegensetzung
und Feindschaft beider Teile entwickeln" kann 24). Besonders in-
teressant ist die Marxsche Analyse der Zeitepoche, die in Preußen
dem Ausbruch der 48er Revolution vorangeht: "Die Bourgeoisie,
noch zu schwach, sich auf aktive Schritte einzulassen, fühlte
sich genötigt, hinter der theoretischen Armee einherzutrotten,
die von Hegels Schülern gegen die Religion, die Ideen und die Po-
litik der alten Welt geführt wurde. In keiner früheren Periode
war die philosophische Kritik so kühn, so machtvoll und so popu-
lär wie in den ersten acht Jahren der Herrschaft Friedrich Wil-
helm IV. (...) Die Philosophie verdankte ihre Macht während die-
ser Periode ausschließlich der praktischen Schwäche der Bour-
geoisie; da die Bourgeois die veralteten Institutionen nicht in
Wirklichkeit zu stürmen vermochten, mußten sie den kühnen Ideali-
sten, die auf dem Gebiet des Gedankens dagegen anstürmten, den
Vorrang überlassen" 25). Diese Betrachtungen werden noch interes-
santer, wenn wir uns den Vergleich vor Augen halten, den Engels
zwischen Frankreich und Deutschland anstellt: "Wie in Frankreich
im achtzehnten, so leitete auch in Deutschland im neunzehnten
Jahrhundert die philosophische Revolution den politischen Zusam-
menbruch ein" 26).
Es gelingt der Bourgeoisie sowohl Frankreichs als auch Deutsch-
lands erst mit beträchtlicher Verspätung, im Vergleich zu England
und zu Amerika, eigene organische Intellektuelle herauszubilden.
Das ist den liberalen oder liberal-konservativen Kritikern der
Französischen Revolution, von Burke bis hin zu Tocqueville nicht
entgangen, bei denen wir den Keim zu einer vergleichenden sozio-
logischen Analyse der Intelligenz in den verschiedenen hier in
Frage stehenden Ländern vorfinden können: In diesem Zusammenhang
werden die Aufklärer und die Protagonisten des revolutionären
Prozesses in Frankreich als "abstrakte" Intellektuelle kriti-
siert, die keine organischen Verbindungen zu den besitzenden
Klassen unterhalten. War im England der Glorious Revolution der
Besitzer-Intellektuelle eine zentrale Figur (man denke nur an
Locke und Hume), dann taucht in Frankreich eine neue soziale Fi-
gur auf, die Burke mit unerbittlichem, aber zur gleichen Zeit
eindeutig klarem Haß als die Bleistiftbettler, gueux plumées 27)
bezeichnet. Sicherlich denkt Marx an Frankreich, wenn er
schreibt, daß die Bourgeoisie nur im Verlauf eines Prozesses all-
mählicher Entwicklung dahin gelange, "alle mehr oder weniger
ideologischen Stände" zu absorbieren 28).
Die besonderen Charakteristiken der intellektuellen und politi-
schen Stände im revolutionären Frankreich führen uns direkt zu
dem Problem, das Furet und Richet als dérapement, als Schlittern
der Revolution bezeichnet haben. Wird einerseits der Begriff Bür-
gerliche Revolution' angefochten, weil der revolutionäre Kampf
sein Ziel verloren zu haben scheint, so wird er andererseits des-
halb in Abrede gestellt, weil der revolutionäre Kampf weit über
die Ansprüche und Anforderungen der Bourgeoisie hinauszugehen
scheint.
Selbst wenn man vom Radikalismus der intellektuellen Kreise abse-
hen wollte, wie wäre es möglich, den Druck der Volksmassen mit
ihren oft für die Bourgeoisie nicht annehmbaren Forderungen zu
übersehen? Diesbezüglich ist vor allem die Marxsche Erklärung be-
rühmt, wonach "d e r g a n z e F r a n z ö s i s c h e T e r-
r o r i s m u s... nichts als eine p l e b e j i s c h e M a-
n i e r [war], mit den Feinden der Bourgeoisie, dem Absolutis-
mus, dem Feudalismus und dem Spießbürgertum, fertigzuwerden" 29).
Diese Erklärung wird im allgemeinen verstümmelt wiedergegeben, so
wie auch wir dies zunächst tun. Es scheint also so, als ob es
innerhalb der revolutionären Bewegung keinen Widerspruch gäbe,
und als ob die Bourgeoisie ihr einziges und unbestrittenes
Subjekt wäre, ein Subjekt, das sich der plebejischen Massen nur
als Instrument bediente. Unmittelbar vorher können wir jedoch le-
sen: "Das P r o l e t a r i a t und die n i c h t d e r
B o u r g e o i s i e a n g e h a n g e n F r a k t i o n e n
d e s B ü r g e r t u m s", wo sie "der Bourgeoisie entgegen-
treten, wie zum Beispiel 1793 bis 1794 in Frankreich, kämpfen
[...] nur für die Durchsetzung der Interessen der Bourgeoisie,
wenn auch nicht i n d e r W e i s e der Bourgeoisie" 30).
Hier tritt der Widerspruch klar zutage: Während des Terrors woh-
nen wir einem Zusammenstoß zwischen Großbourgeoisie einerseits
und Kleinbürgertum und Volksmassen andererseits bei, aber dieser
Zusammenstoß hat auf den ersten Blick paradox erscheinende Cha-
rakteristika: Am energischsten werden die Interessen der Bour-
geoisie nicht von der Bourgeoisie selbst verteidigt, die auf
Grund ihres "Spießbürgertums" wie gelähmt und behindert er-
scheint, sondern von sozialen Schichten, die im Kampf gegen das
Ancien régime Energie und Opfergeist an den Tag legen, soziale
Schichten, die sich mit den Zögerungen und der Kompromißtendenz
der Bourgeoisie im eigentlichen Sinn auseinandersetzen müssen,
weil sie den festen Willen haben, den revolutionären Prozeß bis
zum Ende durchzuführen. Letzten Endes kämpfen jedoch diese Volks-
schichten energischer für die Ziele der Bourgeoisie als die Bour-
geoisie selbst, weil sie nicht in der Lage sind oder nicht die
Möglichkeit haben, ein selbständiges Programm aufzustellen. Be-
zeichnet man die Französische Revolution als die bürgerliche Re-
volution, dann gibt man - vom Marx-Engelsschen Standpunkt aus -
eine richtige, aber unvollständige Definition. Genauer gesagt
handelt es sich um eine bürgerliche Revolution, die von den Ple-
bejern zu Ende geführt wurde, und die trotz des Widerstrebens und
manchmal sogar trotz des Widerstands der Bourgeoisie zu Ende ge-
führt wurde.
Aber nicht nur die Energie, mit der die Widerstände und die Hin-
dernisse hinweggefegt werden, sind plebejisch bei dieser bürger-
lichen Revolution. Es stimmt, die plebejischen Massen unterstüt-
zen die Revolution und führen sie zu Ende, aber - bemerkt Engels
- das ging nicht, "ohne daß diese Plebejer den revolutionären
Forderungen der Bourgeoisie einen Sinn unterlegten, den sie nicht
hatten, die Gleichheit und Brüderlichkeit zu extremen Konsequen-
zen poussierten, die den bürgerlichen Sinn dieser Stichworte to-
tal auf den Kopf stellten, weil dieser Sinn, aufs Extrem getrie-
ben, eben in sein Gegenteil umschlug" 31).
Wir können also festhalten: 1) Die bürgerliche Revolution wird
von den Plebejern gegen das Spießbürgertum und die Tendenz zur
Akkomodation der Bourgeoisie zu Ende geführt; 2) die plebejischen
Massen zeigen Heldentum und Opfergeist, weil sie hoffen, eigene
Ziele und Forderungen verwirklichen zu können.
Die Analyse der Französischen Revolution, die eine gewisse Ge-
schichtsschreibung unter 'antikapitalistischem' Vorzeichen vor-
nimmt, nur um den Begriff 'bürgerliche Revolution' zu liquidie-
ren, glaubt zu Unrecht, die Marx-Engelssche Lesart zu widerlegen;
denn Marx und Engels sind sich vollkommen bewußt darüber, daß der
revolutionäre Prozeß zeitweise mit gegen die Bourgeoisie gerich-
teten Motiven aufgeladen ist. Dieser Prozeß nimmt jedoch, trotz
seines verwickelten und widersprüchlichen Verlaufs, klar und
deutlich einen bürgerlichen Ausgang: "Daß diese p l e b e j-
i s c h e Gleichheit und Brüderlichkeit ein reiner Traum sein
mußte" - es ist immer Engels, der hier spricht - "zu einer Zeit,
wo es sich darum handelte, das g r a d e G e g e n t e i l
herzustellen, und daß wie immer - Ironie der Geschichte - diese
p l e b e j i s c h e Fassung der revolutionären Stichworte der
mächtigste Hebel wurde, dieses Gegenteil - die b ü r g e r-
l i c h e Gleichheit - vor dem Gesetz - und Brüderlichkeit - in
der Exploitation - durchzusetzen" 32).
Das ist aber nur das Endergebnis; ansonsten ist der revolutionäre
Prozeß äußerst komplex und widersprüchlich. Seinen Ausgang von
der englischen Revolution nehmend, stellt Engels eine Beobachtung
allgemeinen Charakters an: "Damit selbst nur diejenigen Sieges-
früchte vom Bürgertum eingeheimst wurden, die damals erntereif
waren, war es nötig, daß die Revolution bedeutend über das Ziel
hinausgeführt wurde. Ganz wie 1793 in Frankreich und 1848 in
Deutschland. Es scheint dies in der Tat eins der Entwicklungsge-
setze der bürgerlichen Gesellschaft zu sein" 33). Wie kann man
dann also die Französische Revolution ausgehend von dem Wider-
spruch zwischen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften er-
klären? Gerade auf diesen Punkt haben sich die Kritiken und die
Anfechtung des Begriffs 'bürgerliche Revolution' bei Marx und En-
gels konzentriert. Als Beispiel für alle geben wir Richet das
Wort: "Die Französische Revolution von 1789 auf die Marxsche Re-
volutionstheorie einzuengen - einer der schwächsten und am wenig-
sten folgerichtigen Aspekte des gigantischen Werks von Marx -
scheint uns unter zweifachem Gesichtspunkt unmöglich. Bis zum
Ende des 18. Jahrhunderts gab es keinen so großartigen Antrieb
der Produktivkräfte, daß er mit Gewalt neue Produktionsverhält-
nisse an die Stelle der 'alten' Produktionsverhältnisse hätte
aufzwingen können" 34). Und wo gab es, im übrigen, noch den Feu-
dalismus? In Antwort auf diese Kritiken hat man von marxistischer
Seite aus auf den noch feudalen Charakteristika der französischen
Gesellschaft am Ende des Ancien régime bestanden.
Vielleicht ist diese Debatte jedoch von einem Mißverständnis ver-
fälscht, von einem Mißverständnis, was die Marx- und Engelssche
Auffassung von der Revolution anbetrifft. Sinnvoll ist es hier,
das V o r w o r t zu Z u r K r i t i k d e r P o l i-
t i s c h e n Ö k o n o m i e noch einmal zu lesen: "Auf einer
gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen
Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vor-
handenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer
Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb de-
ren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der
Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben
um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolutionen ein". Festzu-
halten ist hier, daß man von "einer Epoche sozialer Revolutionen"
spricht und nicht von einer einzelnen Revolution. Der Widerspruch
zwischen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften bestimmt
das allgemeine Bild einer geschichtlichen Epoche; will man aber
innerhalb dieser Epoche den Ausbruch und die Dynamik einer be-
stimmten Revolution erklären, dann muß man Faktoren einbeziehen,
die nicht bloß ökonomischer Natur sind, dann muß man zu einer
Analyse auf nationalem Gebiet übergehen. Aus diesem Grund scheint
uns die heute im Gang befindliche Diskussion zwischen denjenigen,
die den bürgerlichen Charakter der Französischen Revolution ne-
gieren, und denjenigen, die ihn behaupten, fehl am Platze zu
sein: Denn dies geschieht nur auf der Grundlage der Negierung
oder der Behauptung der Existenz eines Widerspruchs zwischen den
Produktionsverhältnissen und den Produktivkräften, die sich aus-
schließlich auf Frankreich beziehen.
Marx nimmt das Problem anders in Angriff. Die Verweisung auf den
objektiven Widerspruch zwischen Produktionskräften und Produkti-
onsverhältnissen ist wesentlich, um der idealistischen Überbewer-
tung der Kreativität des Subjekts und der Theorie ein Ende zu
setzen. Um es mit der Deutschen Ideologie zu sagen: "Aber selbst
wenn diese Theorie, Theologie, Philosophie, Moral etc. in Wider-
spruch mit den bestehenden Verhältnissen treten, so kann dies nur
dadurch geschehen, daß die bestehenden gesellschaftlichen Ver-
hältnisse mit der bestehenden Produktionskraft in Widerspruch ge-
treten sind" 35). Aber dieser Widerspruch gilt vor allem auf in-
ternationaler Ebene und für eine geschichtliche Epoche insgesamt
betrachtet, denn folgendermaßen fährt Die Deutsche Ideologie
gleich darauf fort: "... was übrigens in einem bestimmten natio-
nalen Kreise von Verhältnissen auch dadurch geschehen kann, daß
der Widerspruch nicht in diesem nationalen Umkreis, sondern zwi-
schen diesem nationalen Bewußtsein und der Praxis der anderen Na-
tionen, d.h. zwischen dem nationalen und allgemeinen Bewußtsein
einer Nation sich einstellt" 36).
Im Bereich des Widerspruchs zwischen Produktionsverhältnissen und
Produktionskräften, der auf internationaler Ebene eine ganze ge-
schichtliche Epoche charakterisiert, entwickeln sich die einzel-
nen Revolutionen mit jeweils besonderen Charakteristika und immer
auf einem besonderen nationalen Terrain. Aus diesem Grund kann
Engels die Reformation und den Bauernkrieg als frühbürgerliche
Revolution interpretieren. Noch bedeutsamer ist allerdings, daß
Engels den Beginn der bürgerlichen Revolution in Preußen in den
Jahren 1807-1813 ansiedelt, d.h. in den Reformen, die unmittelbar
auf die Niederlage bei Jena folgten 37). Man muß sich vergegen-
wärtigen, daß es sich hier nicht um das Reich Westfalen handelt,
dessen Thron Jérôme Bonaparte bestiegen hatte, dem der Kaiser-
Bruder aus Paris per Brief eine neue Verfassung übersandte 38)
(in diesem Fall haben wir es mit einer vom französischen und na-
poleonischen Heer exportierten bürgerlichen Revolution zu tun).
Preußen war es dagegen, trotz großer territorialer Amputationen,
gelungen, die Unabhängigkeit zu bewahren, und es bereitete die
anti-napoleonische Erhebung vor: Und Engels sieht den Anfang der
bürgerlichen Revolution gerade im nationalen Unabhängigkeitskrieg
(und in den Reformen, die ihn vorbereiten), der vom Preußen der
Hohenzollern nicht nur gegen ein bürgerliches Land geführt wurde,
sondern gegen ein Land, das Protagonist der Großen Revolution ge-
wesen war.
Zur Bestätigung der Tatsache, daß der Marxsche Ansatz keineswegs
schematisch ist, empfiehlt es sich, noch einmal das Manifest
heranzuziehen: "Auf Deutschland richten die Kommunisten ihre
Hauptaufmerksamkeit, weil Deutschland am Vorabend einer bürgerli-
chen Revolution steht und weil es diese Umwälzung unter fortge-
schritteneren Bedingungen der europäischen Zivilisation überhaupt
und mit einem viel weiter entwickelten Proletariat vollbringt als
England im 17. und Frankreich im 18. Jahrhundert, die deutsche
bürgerliche Revolution also nur das unmittelbare Vorspiel einer
proletarischen Revolution sein kann" 39).
Es geht hier um die proletarische und nicht um die bürgerliche
Revolution. Und dennoch können wir Betrachtungen allgemeiner Art
anstellen. Marx und Engels erwarten die proletarische Revolution
in Deutschland nicht deshalb, weil hier der Widerspruch zwischen
bürgerlichen Produktionsverhältnissen und neuen produktiven Kräf-
ten zur Reife gelangt wäre. Dieser Widerspruch tritt schon auf
internationaler Ebene zutage, aber es ist nicht so, als wäre er
in Deutschland besonders akut. Wiederum erfordert die Analyse ei-
nes konkreten revolutionären Prozesses einen nationalen Über-
blick, der außerdem eine ganze Reihe von kulturellen und politi-
schen Faktoren in Betracht zieht, die nicht unmittelbar von der
Konfiguration der Produktionsverhältnisse und vom Niveau der Pro-
duktivkräfte innerhalb eines jeden einzelnen Landes abgeleitet
werden können.
Im übrigen wird die mechanistische Theorie der Produktivkräfte
von Engels ausdrücklich unter Bezugnahme auf die Französische Re-
volution kritisiert. Es handelt sich um einen Text, den wir schon
ausführlich zitiert haben, den wir aber weiterhin in Betracht
ziehen sollten: ein Brief an Kautsky, Autor einer Abhandlung an-
läßlich des hundertsten Jahrestages von 1789. Engels kritisiert
an der Abhandlung die "unbestimmten Äußerungen und mysteriösen
Andeutungen über neue Produktionsweisen" und fügt hinzu: "Ich
würde weit weniger von der neuen Produktionsweise sprechen. Sie
ist jedesmal durch einen berghohen Abstand von den T a t s a-
c h e n getrennt, von denen Du sprichst, und so unvermittelt
erscheint sie als r e i n e A b s t r a k t i o n, die die
Sache nicht klarer macht, sondern eher dunkler". 40). Die En-
gelssche Analyse ist viel artikulierter und nuancierter. Aber da-
von haben wir schon gesprochen. Hinzuweisen ist jedoch auf die
bedeutsame Tatsache, daß der in Frage stehende Brief eben an je-
nen Kautsky gerichtet ist, der dann drei Jahrzehnte später die
Oktoberrevolution verurteilen und liquidieren wird, und zwar im-
mer im Namen eines ökonomizi-stischen Determinismus, der im End-
effekt weder die bürgerliche Revolution, noch die sozialistische
Revolution, noch den revolutionären Prozeß als solchen zu verste-
hen in der Lage ist.
_____
1) F. Furet, Penser la Révolution Française, Paris 1978, it. Üb.
Rom-Bari 1980, S. 149.
2) K. Marx/F. Engels, Manifest der kommunistischen Partei, in
MEW, Bd. 4, S. 471.
3) F. Furet/D. Richet, La Revolution Franchise, Paris 1978, it.
Üb. Rom-Bari 1980, S. 48.
4) K. Marx/F. Engels, Rezensionen aus der "Neuen Rheinischen Zei-
tung. Politisch-ökonomische Revue". Zweites Heft, Februar 1850,
in MEW, Bd. 7, S. 209.
5) M. Terni (Hrsg.), Il mito della rivoluzione francese, Mailand
1981, S. 21.
6) K. Marx/F. Engels, Das Manifest..., in MEW, Bd. 4, S. 471.
7) A. de Tocqueville, L'Ancien Régime et la Révolution. Fragments
et notes inédites sur la révolution, in Oeuvres complétes, hrsg.
v. P. Meyer, Bd. 2/2, Paris 1953, S. 60 und S. 71.
8) In den vorbereitenden Aufzeichnungen zur Abhandlung über das
Ancien régime bemerkt Tocqueville, daß sich zuerst - im Jahre
1793 - "les hautes" Klassen und dann - mit dem achtundvierziger
Jahr - "les moyennes" Klassen zur Religion bekehren (A. de Toc-
queville, L'Ancien Régime et la Revolution. Fragments et notes
inedites sur la Revolution, in Oeuvres complètes, zit., Bd. 2/2,
S. 318); in der Abhandlung A. de Tocqueville, L'Ancien Régime et
la Revolution, III, 2, in Oeuvres complétes, zit., Bd. 2/1, S.
206 werden die Klassen, die sich nach und nach zur Religion be-
kehren, als "l'ancienne noblesse" und als "la bourgeoisie" be-
zeichnet.
9) K. Marx, Die deutsche Ideologie, in MEW, Bd. 3, S. 48, Fuß-
note.
10) A. de Tocqueville, L'Ancien Régime et la Révolution.
Fragments et notes inédites, in Oeuvres complètes, zit., Bd. 2/2,
S. 104.
11) Ebenda, S. 71.
12) Ebenda, S. 69.
13) So R. Robin (in Aujourd'hui l'histoire, eingel. v. A. Ca-
sanova und F. Hincker, Paris 1974, S. 287 und S. 290), wenn sie
die von D. Riebet (in Autour des origines ideologiques lointaines
de la Révolution française: Elkes et despotisme, Annales ESC
XXIV, 1, 1969, S. 1-23) vertretenen Thesen zusammenfaßt und kri-
tisiert.
14) A. de Tocqueville, L'Ancien Régime et la Revolution, III, 2,
in Oeuvres complètes, zit., Bd. 2/1, S. 206-7.
15) A. de Tocqueville, L'Ancien Régime et la Révolution, III, 1,
in Oeuvres complètes, zit., Bd. 2/1, S. 197.
16) K. Marx, Die moralische Kritik und die kritisierende Moral,
in MEW, Bd. 4, S. 349.
17) E. Sieyès, Qu'est-ce que le Tiers Etat, IV, § 3.
18) Siehe Anm. 15.
19) A. Cobban, The Myth of the French Revolution, 1968, it. Üb.
in M. Tuni (Hrsg.), D mito della rivoluzione francese, zit., S.
45.
20) K. Marx, Die deutsche Ideologie, in MEW, Bd. 3, S. 47-53.
21) A. Gramsci, Quaderni del carcere, krit. Ausg. hrsg. v. V.
Gerratana, Turin 1975, S. 1523 und S. 1519.
22) A. de Tocqueville, L'Ancien Régime et la Révolution, III, 1,
in Oeuvres complètes, zit., Bd. 2/1, S. 196.
23) Ebenda, III, 2, in Oeuvres complètes, zit., Bd. 2/1, S. 203-
4.
24) K. Marx, Die deutsche Ideologie, in MEW, Bd. 3, S. 47.
25) K. Marx, Die Lage in Preußen, in MEW, Bd. 12, S. 684.
26) F. Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen
deutschen Philosophie, in MEW, Bd. 21, S. 265.
27) E. Burke, Letter on a Regicide Peace, in The Works of the
right honourable Edmund Burke, London 1826, Bd. 9, S. 48-9. Vgl.
dazu auch D. Losurdo, Hegel, Marx e la tradizione liberale. Li-
berta, uguaglianza, Stato, Rom 1988, S. 182-193.
28) K. Marx, Die deutsche Ideologie, in MEW, Bd. 3, S. 53.
29) K. Marx, Die Bourgeoisie und die Konterrevolution, in MEW,
Bd. 6, S. 107.
30) Ebenda.
31) Brief Engels' an Kautsky vom 20.2.1889, in MEW, Bd. 37, S.
155.
32) Ebenda.
33) F. Engels, Einleitung zur englischen Ausgabe (1892) der
"Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft", in
MEW, Bd. 22, S. 301.
34) D. Richet, Autour des origines ideologiques lointaines de la
Révolution française: Élites et despotisme, zit, S. 22-23.
35) K. Marx, Die deutsche Ideologie, in MEW, Bd. 3, S. 31-32.
36) Ebenda, S. 32.
37) F. Engels, Vorbemerkung zu "Der deutsche Bauernkrieg", 1870
und 1875, in MEW Bd. 7, S. 539.
38) Vgl. Deutschland unter Napoleon in Augenzeugenberichten,
hrsg. v. E. Kleßmann, München 1965, S. 277 ff.
39) K. Marx/E Engels, Das Manifest der kommunistischen Partei, in
MEW, Bd. 4, S. 493.
40) Brief Engels' an Karl Kautsky vom 20. 2. 1889, in MEW, Bd.
37, S. 155.
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