Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 14/1988
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KLEINES GELEITWORT
Bedarf sie der Eselsbrücke eines Geleits, diese "edelste Tat" vor
zweihundert Jahren? Vielleicht doch. Sie w a r ein Einschnitt,
kein zufälliges noch willkürliches Gezerre an irgendeiner ver-
letzlichen Oberfläche. Sie bewegte Welten als notre mère à tous
und unser aller Stolz. So oder so stehen, die nach ihr kamen, auf
ihren Schultern. Der Anarchistenfürst Kropotkin bekennt sich
ebenso zu ihr wie der Einforderer von g l a s n o s t'.
Eine blutleere Versicherung, die noch des schlüssigen Beweises
harrt? Wohlfeile Selbsttäuschung eines Seniors (nicht immer
gleich des "Nestors") der Sparte im vielberufenen deutschen
Sprachraum? Hält er nicht sich und Sie zum Narren mit der rühren-
den Pflege eines mittlerweile schon unzeitgemäßen " Mythos"? Fand
die Revolution am Ende gar nicht statt oder nur in der Einbildung
- ein Spuk, kein Sonnenaufgang, sondern Zündung eines bedauerlich
permanenten "franko-französischen Krieges", wenn man Klagen der
Vendee von heute Glauben schenken will? Ein von schlechten Mimen
natürlich schlecht gespieltes, mehr aufgeregtes denn aufregendes
Stück, und was nicht alles mehr...?
Kein Dümmling geht hier zu Werke, sondern wohldurchdachte Irre-
führung. Ihre Variationen verraten, daß die Geschichte der Fran-
zösischen Revolution bei weitem nicht so ausgeschrieben ist wie
bisweilen vermutet. Es gilt, sie aufzuarbeiten, dabei auch nach-
zusitzen, ohne zu murren. Terrain ist preisgegeben worden, das zu
halten war. Sich dennoch nicht einschüchtern lassen will heißen:
daraufgefaßt sein, sich auch Schelte zuzuziehen. Denn punktuellen
Tadel kann es hageln von a l l e n Seiten: Geht der Ermittler
dem einen Besserwisser entschieden zu weit, so dem anderen längst
nicht weit genug.
Der gute teure Rat: beiden mit Gelassenheit begegnen. Der Endes-
gefertigte hält es so, wenn er in der Neuen Zürcher Zeitung (vom
5. Juni 1987) eine Besprechung seiner (bei Fischer in Frankfurt
erschienenen) R e v o l u t i o n i m Z e u g e n s t a n d
vorfindet. Es liegt ihm fern, durch Replik auf eine Kritik gegen
die feine englische Art zu verstoßen. Obendrein weiß der Rezen-
sent an der Sammlung von Zeitdokumenten sogar Bekömmliches auszu-
machen. "Grund zur Klage" ist ihm die D a r s t e l l u n g.
Und warum wohl? Weil der Autor dem "Schema" folgt, das "einen Bo-
gen spannt von 1789 zur russischen Revolution 1917".
Ja, das! Was dawider ins Feld führen, ohne sich zu verhaspeln?
Geht doch der Mann insoweit nicht einmal fehl. Mit der kleinen
Einschränkung halt, daß nicht erst ein beliebiger unter ihren
Aufzeichnern, sondern der kurvenreiche Lauf der Geschichte selbst
in einem Z y k l u s von (irgendwo, irgendwann immer "legen-
dären"!) Revolutionen die Spannung dieses Bogens bewirkt hat. Und
wieviele Bedenken man immer hegen mag gegen plakativ zu
Alibizwecken mißbrauchte Doppel-Ismen; wie kräftig man sich dage-
gen verwahren möchte, hinter einem als "todsicher" geltenden Eti-
kett die Absenz einer anliegenden Bemühung des eigenen Kopfes zu
kaschieren: Es bedarf dennoch keines Einspruchs in bezug auf den
von unserem Eidgenossen zur "Entlarvung" gewählten Untertitel:
Eine Interpretation auf der Linie des Marxismus-Leninismus.
Nun: Name und Adresse als traditionelle Außenschalen einer wis-
senschaftlichen "Schule" unterliegen so wenig einem Geheimhal-
tungszwang wie die Sache, um die es ihr - und in ihr - geht. Wenn
also auch den Herausgebern, den Verfassern oder gar den Lesern
dieses so nützlichen wie notwendigen Bandes, den man erfinden
müßte, wenn es ihn nicht schon gäbe, über Leistung und Erbe der
Französischen Revolution, nichts Schlimmeres widerfährt als bos-
hafte Vorhaltung der Denksünde, einen Marx und einen Lenin abzu-
fragen, die von Revolution weiß Gott einiges verstanden, sollte
man es zufrieden sein.
In diesem Sinne den emsigen Wühlern am Institut für Marxistische
Studien und Forschungen für ihre Rückerinnerung an revolutionäre
Frühzeiten Gruß und Dank von einem, der mit ihnen seit einem
reichlichen halben Saeculum in einem Boote sitzt: Pecca fortiter,
bon voyage und Glück auf dem weiteren Weg!
Walter Markov
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