Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 14/1988


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1789 - LEGENDE UND WIRKLICHKEIT EINER GROSSEN REVOLUTION *)

Walter Markov Warum und worin streiten die Historiker eigentlich immer noch - oder schon wieder - über ein Ereignis, das einer längst versun- kenen Epoche angehört, einer Zeit, in der die Mannsbilder noch mit bepuderten Zöpfen herumliefen und mit dem Gänsekiel schrie- ben? Kann es denn - außer einer ganz engen professionellen Fachriege - noch irgendetwas vermitteln, was sozusagen unter die eigene Haut geht? Was hebt diese Revolution aus der Reihe so vieler anderer bürgerlicher Revolutionen dermaßen heraus, daß Le- nin sie - und n u r sie - die Große unter ihresgleichen nennt und zu bedenken gibt, daß einige ihrer Traditionen möglicherweise für immer ein Vorbild bestimmter revolutionärer Kampfmethoden bleiben werden? Über das innerste Wesen dieser Revolution haben sich schon die Miterlebenden die Köpfe zerbrochen, und jeder auf seine Weise. Den blaublütigen Verlierern der Geschichte erschien sie als Welt- untergang; genauer: als das Ende i h r e r dolce vita; als auf- gegangene Drachensaat der Ketzerlehren eines Voltaire oder Rous- seau, als Triumph plebejischer Unverfrorenheit über organisch Ge- wachsenes, des Chaos über gottgewollte Ständeordnung, der Vermas- sung über die Auslese. Es gab Abstufungen, und es gibt sie noch, denn ausgestorben ist royalistische Nostalgie in den beaux quar- tiers an der Seine bis heute nicht. Indessen kommt ihr trotz mit- unter gefälliger Verpackung (wie etwa beim duc de Castries) höchstens noch ein Kuriositätswert zu, über den zu dissertieren schwerlich lohnt. Nahezu alle Wirklichkeit gerinnt darin zur Schwarz-Weiß-Legende mit ihren zurechtgemachten Heiligen und Teu- feln. Immerhin: Der Gewichtigkeit des Vorgangs zollten die Kämpen der Alten Ordnung unfreiwilligen Tribut: keine Revolte Mißgelaunter, sondern eine Revolution, in der es um das Ganze ihrer noblen Ge- sellschaft ging. Das verstanden sie schon und wehrten sich, nicht nur mit der Feder, sondern mit Händen und Füßen und Dolchen. Mit einem König vorneweg, der seiner Nation bereitwilligst Dutzende Meineide schwor, riefen sie die Fürsten Europas zur Intervention herbei: Sie wurden Knecht, um noch Tyrann zu sein, wie es in Bérangers K o s a k e n l i e d heißen wird. Ihr anhaltender Starrsinn und demzufolge die Internationalisierung des französischen Klassen- konflikts ließ einer Revolution, die im Zeichen der Humanität an- getreten war und einem friedlichen Interessenausgleich eher zu lange hinterherlief, gar keine andere Wahl, als den Kampf mit al- len Mitteln fortzusetzen: bis zur V e r n i c h t u n g des einen oder des anderen Kombattanten, wie die lapidare Feststel- lung von Friedrich Engels lautet. Die Bourgeoisklasse ihrerseits, die sich an der Spitze der Bewe- gung befand, erfühlte in überschäumendem Jugenddrang die Spann- weite ihrer historischen Mission, und der frischgebackene Citoyen sah sich in seiner anspruchsvollen Rolle von Mitdenkenden aus nah und fern bestätigt. Nicht als Welt u n t e r gang, sondern vielmehr als Sonnen a u f gang wird das Jahr 1789 noch dem ge- alterten Wahlberliner Hegel im Gedächtnis haften - einem Hegel, der einstmals als Student mit Schelling und Hölderlin in Tübingen seinen ersten Freiheitsbaum pflanzte. Campe, der "deutsche Robinson", schreibt vor Ort, aus Paris: Diese französische Staatsumwälzung ist die größte und allgemein- ste Wohltat, welche die Vorsehung, seit Luthers Glaubensverbesse- rung, der Menschheit zugewandt hat. Frankreich schuf sich frei, dichtet Klopstock in Altona: Des Jahrhunderts edelste Tat hub da sich zum Olympus empor. Durchwandre die Weltannalen und finde etwas darin, Das ihr ferne nur gleicht - wenn du kannst... Für George Washington jenseits des Großen Wassers ist die Revolu- tion, die in Frankreich durchgeführt wurde, von so wunderbarer Natur, daß der Geist sich die Tatsache kaum vergegenwärtigen kann. Von Goethe das Wort, das den schlichten Gedenkstein der Sieger von Valmy schmückt: Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus. Und Herder, der manche Vorbehalte des Größeren in Weimar über die Revolution teilt, wird dennoch aus zehnjährigem Abstand bilanzie- ren: Seit 1789 geschahen Dinge, die sonst in Jahrhunderten nicht ge- schehen. Auf der Tafel der Zeiten stehen sie unauslöschlich, un- wiederbringlich gezeichnet. Die Früchte davon werdet ihr und eure Nachkommen ernten. Ungeheuer viele sonst schlafende Kräfte hat sie geweckt und Gedankenverbindungen gewagt... Haben sie und so viele andere, die ähnlich urteilten, das anbre- chende Reich der Bourgeoisie idealisiert? Zweifellos. Und auch i h r e - feinere - Legende vom Durchbruch des Nus und der Vertu, von Vernunft und Tugend, wird sich lange gegen eine Wirk- lichkeit behaupten, die komplizierter, härter und größer zugleich war. Daß der Rousseausche Vernunftstaat, den die Revolution ent- binden und in ihren Menschenrechtserklärungen gleich für das ganze Universum festschreiben wollte, nicht weniger ausbeutende und unterdrückende Klassenherrschaft war als die ihm vorausgegan- gene feudal-absolute Monarchie, nur eben eine produktivere und von anderer Klassen s u b s t a n z: Das gaben nur zu Außensei- tern gestempelte Linke zu. Erste Ansätze zum Erkennen sozialer Klassenaspekte aber fanden sich. Nach Fantin Desodoards bewohnten im Ancien Régime zwei feindliche Nationen den Boden Frankreichs. Das war fast die einzige Bindung, die sie zusammenhielt, ohne sie zu vereinigen. Die eine dieser Nationen war das erniedrigte und zu Boden gedrückte Volk, die an- dere der Adel, der kaum ein Sechzigstel der Nation ausmachte, aber ausschließlich sich selbst als die französische Nation be- trachtete. Diese Revolution nun entreißt, laut Isnard, dem Despotismus sein eisernes Zepter, der Aristokratie ihre Geißeln, der Theokratie ihre Goldminen. Sie entwurzelt die feudalen Eichen, entwaffnet die Intoleranz, zerreißt die Mönchskutte, stürzt den Sockel des Adels um, zerbricht den Talisman des Aberglaubens, tilgt die Miß- bräuche aus, besiegt die Vorurteile, beseitigt die Rechtskniffe und den Steuerdruck. Barnave schließlich begründet darüber hinaus die N o t w e n- d i g k e i t des Machtwechsels aus einem der Zufälligkeit entkleideten s o z i a l e n Wandel: Sobald Gewerbe und Handel sich bei einem Volk Eingang verschafft haben und ihre produktive Klasse damit über neue Möglichkeiten verfügt, Reichtum zu erlangen, bereitet sich eine Revolution der politischen Gesetze vor, denn: eine neue Verteilung des Reichtums eröffnet den Weg zu einer neuen Verteilung der Macht. Wie der Grundbesitz den Adel nach oben getragen hat, so steigert jetzt gewerblicher Besitz die Macht der Gemeinen. Sie erringen ihre Freiheit, vermehren sich und beginnen, Einfluß auf die öffentli- chen Angelegenheiten zu nehmen. Barnaves ökonomische Argumentation kam einer Wirklichkeit, in der Ideen a l l e i n bekanntlich gar nichts bewirken, schon be- trächtlich näher. Sehr viel schärfer noch spitzte das Jean-Paul Marat in seinem V o l k s f r e u n d zu: Unstreitig, schreibt er, hat die Philosophie der gegenwärtigen Revolution den Weg bereitet, sie eröffnet und gefördert. Worte jedoch sind unzureichend. Es bedarf der Taten. Und wem sonst au- ßer der Erhebung des Volkes verdanken wir die Freiheit? Marat schlug damit dem d e m o k r a t i s c h e n Selbstver- ständnis der Revolution eine Bresche - einem Verständnis, das sich im Gleichschritt zum unglaublich raschen politischen Lern- prozeß der werktätigen Massen, der Sansculotten in Stadt und Land, weiter vertiefen wird bis hin zum Enrage Jacques Roux und zum Communautaire Babeuf. Die von den Zeitgenossen eingenommenen Kontrovershaltungen zum Phänomen Revolution pflanzten sich auf ihre nachgeborenen Inter- preten fort. Jetzt erst, als der unmittelbare Schlachtenlärm ver- stummt war, konnten sie darangehen, ein Gesamtgemälde mit grobem oder feinem Pinsel auszuführen. Und es wurde jedesmal, wenn Mei- sterhände am Werk waren, ein lebendiges Bild; ein Bild, das in seiner Revolutionsdeutung den Epochencharakter der Schöpfungszeit widerspiegelte. Ihre eigenen Fragestellungen legten sich in die jeweilige Darstellung ein. Die Revolutionsgeschichte, soweit der Beachtung wert, wurde in Frankreich zum getreuen Indikator der jeweiligen politischen Standorte und Klassenauseinandersetzungen. Nur wenige Historiker vermochten dabei gleich Tocqueville der Versuchung zu widerstehen, sich selber, wie man gesagt hat, um einen Sitzplatz in Konstituante oder Konvent zu bewerben. Von solcher legitimer Aktualisierung hat die Revolutionsge- schichte jedoch gewonnen, weil sich ihr Hauptstrang in aufstei- gender Linie bewegte: vom großbürgerlichen Liberalismus eines Thiers und Mignet, die gegen die bourbonische Restauration er- folgreich zu Felde zogen, zu den achtundvierziger Demokraten Mi- chelet und Louis Blanc, zum Radikalen Aulard und zum Sozialisten Jaurès, zu seinen geistigen Fortsetzern Mathiez und Georges Lefebvre. Aus dessen Schülerkreis wiederum ging die gegenwärtig niveaubestimmende marxistische Forschungsrichtung hervor. Albert Soboul, Ehrendoktor unserer alma mater, nennt diese erstaunliche Kette die k l a s s i s c h e T r a d i t i o n der französi- schen Revolutionsgeschichte. Doch weit gefehlt, daß sie deshalb über jede Kritik erhaben sei. So viele neue Bausteine zur Kenntnis des Revolutionsgeschehens sie auch herbeitragen mochte, schloß die progressive bürgerliche Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts neue Legendenbildung nicht gänzlich aus. Mignet erhob zum unpersönlichen Helden der Revolution den Mittelstand, Michelet einen undifferenzierten Anonymus "Volk". Aulard fand bei den korrupten Politikastern der Dritten Republik so viel Zustimmung, daß er ihnen ein Denkmal für seinen - in Geldsachen ja ebenfalls nicht pingeligen - Kraft- menschen Danton abringen konnte: ein Denkmal, auf das ein Robe- spierre in der ville lumière bis heutigentages vergeblich wartet. Sogar die Festschrift zu Ehren seines 200. Geburtstages im Jahre 1958 erschien ja nicht in Paris, sondern in Berlin, Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik. Und dies trotz des uner- müdlichen Einsatzes von Jaurès und Mathiez, die dem Unbestechli- chen endlich zu seinem historischen Recht verhelfen wollten, die- weil sie in ihm die Fülle der Revolution, die R é v o l u- t i o n e n b l o c verkörpert sahen und ihm sogar eine sozia- listische Komponente unterlegten, die in Wahrheit den Horizont des großen Jakobinerführers überstieg. Ungetrübte Anerkennung der objektiven Realität, wie sie Marx vom Revolutionshistoriker auch dort fordert, wo sich gerechtfertigte Emotionen aufladen und vielleicht dagegen sträuben, verträgt sich mit Legende nicht. Schon dann nicht, wenn sie sich auf Glättungen im Antlitz der Braven und Karikierung der negativen Helden be- schränkt. Wobei für die bürgerliche Revolution in Frankreich - mit der Vendée, dem Prairialgesetz, dem Aufstand vom Vendémiaire im Gepäck - noch zu fragen wäre: Wo sind eigentlich Gut und Böse so fein säuberlich geschieden, daß man es getrost nach Hause tra- gen kann? Das Wort an Friedrich Engels: In jeder Revolution geschehen unvermeidlich eine Menge Dummhei- ten, gerade wie zu jeder anderen Zeit; und wenn man sich endlich wieder Ruhe genug gesammelt hat, um kritikfähig zu sein, so kommt man notwendig zum Schluß: wir haben viel getan, was wir besser unterlassen hätten, und wir haben viel unterlassen, was wir bes- ser getan hätten, und deshalb ging die Sache schief. Welcher Man- gel an Kritik liegt aber darin, die Kommune [von 1871] geradezu heilig zu sprechen, sie für unfehlbar zu erklären, zu behaupten, jedem Haus, das abgebrannt, jedem Geisel, der erschossen, sei ge- nau und aufs Pünktchen überm i sein Recht widerfahren? Heißt das nicht behaupten, während der Maiwoche sind vom Volk gerade d i e Leute erschossen worden, und nicht mehr, die zu erschießen nötig war, gerade d i e Gebäude verbrannt, und nicht mehr, die ver- brannt werden mußten? Heißt das nicht dasselbe wie von der ersten französischen Revolution sagen: Jedem einzelnen Geköpften ist recht geschehen, zuerst denen, die Robespierre köpfen ließ, und dann dem Robespierre selbst? Zu solchen Kindereien führt es, wenn im Grund ganz gutmütige Leute dem Drang, haarsträubend zu er- scheinen, freien Lauf lassen. Nur möchten wir uns von keinem Wortspiel narren lassen. Wann hätte der vielzitierte subjektive Faktor aus kühler Überlegung oder Berechnung allein resultiert? Emotionen sind nicht schlecht, sondern im Gegenteil unersetzlich. Sie sind positiver Bestandteil der revolutionären Realität, oft, als Aufschrei aus unerträglich gewordener Pein, ihr Auslöser. Wo Herz und Hirn nicht auf dersel- ben Barrikade stehen, wird es weder jemals zur Revolution noch zu ihrer Weitergabe in Gedanken und Tat langen. Dazu bedarf es ein- prägsamer Sinnbilder, "legendärer" Revolutionäre, "legendärer" Kampfanstrengungen, "legendärer" Opfergänge, die in der Erinne- rung ein heller Schimmer bekränzt. Damit hängt es doch wohl zu- sammen, wenn nach Heinrich Heines nachdenklich stimmendem Aperçu das Volk seine Geschichte lieber aus der Hand des Dichters als der des Kathedergelehrten entgegennimmt. Um wieviel ärmer wäre unsere Revolutionsgeschichte ohne ihre künstlerische Überhöhung in Beethovens Tonschöpfungen, ohne Davids Palette, ohne ihre Ab- bilder in der Literatur, ohne ihre Aneignung - die zugleich Aus- wahl bedeutet - durch die Masse des Volkes, in dessen schweren Alltag sie leuchtet und Hoffnung trägt wie 1795 im Lied eines Un- bekannten: Man sagt uns, Knechtschaft sei nicht schändlich, da schlief manches Volk lange nun. Und das sei weise und verständig. Wir täten gut, es auch zu tun. Mann, Mann, Mann, das kann sein. Mann, Mann, mir fällt's nicht ein. Aber das hoffe ich für später, in hundert Jahren Enkel verfahren so, wie verfuhren ihre Väter. Grünes Licht also für die freie Liebe zur Geschichte der Revolu- tion? Warum nicht? Unter einer einzigen Bedingung: daß die Anlie- gen nicht vermengt werden. Was heißen will, daß in der w i s s e n s c h a f t l i c h e n Kontenführung der - wie im- mer ungedankte - w i s s e n s c h a f t l i c h e Boden nicht verlassen wird. Keine p h a n t a s t i s c h e Totenbeschwö- rung, sondern Aufspürung und Aufbereitung des Besonderen im All- gemeinen und des Einzelnen im Besonderen; keine Abschweifung, wie es gekommen wäre, wenn..., sondern Nachvollzug des gesellschaft- lichen Fortschritts in der konkreten revolutionären Aktion, die Millionen ergreift; ohne dabei die g e b r o c h e n e Linie, ohne die G r e n z e n jedweden Fortschritts in der Klassenge- sellschaft - und also auch in der von den Massen auf demokrati- sche Höhen gehobenen bürgerlichen Revolution - zu übersehen oder gar unterschlagen zu wollen. Aus der Revolution, wie sie war, keine Revolution zu machen, wie sie hätte sein sollen. Nicht von ungefähr warnt Lenin: Historische Verdienste sind nicht danach zu beurteilen, was hi- storische Persönlichkeiten, gemessen an den heutigen Erfordernis- sen n i c h t geleistet haben, sondern danach, was sie im Ver- gleich zu ihren Vorgängern Neues geleistet haben. Seltsam genug, bezichtigen einige spätbürgerliche Historiker in konzertierter Aktion ausgerechnet die marxistische Forschung des Verstoßes gegen die von uns aufgestellte Grundregel. Demnach seien wir es, die als Opfer eines schematisierten ideologischen Vorurteils zu Trägern einer neuen Legende über die Revolution und nicht ihrer geschichtlichen Analyse geworden seien. Ohne den Tie- fenraum ihres Manövers überzubewerten, bedarf solches H a l- t e t d e n D i e b! doch wohl einer Erläuterung. Soboul nennt es Revisionismus. Seine Vokabel zu übernehmen, emp- fiehlt sich wenig, da sie sich bei uns in einem anderen Kontext fest eingebürgert hat. In der Sache aber muß man ihm recht geben. Besagten Autoren geht es um nicht weniger als um eine prinzi- pielle Zurücknahme der Forschungsergebnisse, die in Jahrzehnten erarbeitet wurden; kurz, um eine Totalretusche des (marxistischen) Revolutionsbildes oder, wie Furet es gegen Soboul zugespitzt ausdrückt, seiner zum "Katechismus" erstarrten neoja- kobinischen Verflachung. Daß zwischen der Revolution und dem Übergang von der feudalen zur kapitalistischen Gesellschaftsordnung ein kausaler Zusammenhang bestünde, erklärte schon davor der britische Tory Cobban ebenso für einen Mythos wie den Begriff der bürgerlichen Revolution als solchen. Da es schlecht angeht, die Existenz der Revolution von 1789 ab ovo zu leugnen, wird sie durch z w e i Revolutionen er- setzt: eine mehr oder weniger vertretbare, die eine aufgeklärte, gemischtklassige Elite aus liberalen Seigneurs, Großbürgertum und gehobener Beamtenschaft mit Einblick in die Regierungsmisere in Richtung auf eine Modernisierung des Staatswesens vollzieht. Sodann eine zweite, die nach Furets Neudefinition "entgleist" oder "ins Schleudern gerät" und von beiden Enden her auch nicht mehr das Gütezeichen , "bürgerliche" Revolution verdient. Sie wäre, folgt man dieser Lesart, der Aufstand fehlgeleiteter Mas- sen, der seinen Gletschergipfel in der Jakobinerdiktatur er- klimmt. Diese zweite oder Abfallrevolution habe aber mit der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise (die überdies bei den Sansculotten in Stadt und Land weithin auf Ablehnung stieß) ebensowenig zu tun wie die erste, deren praktikables Kri- senmanagement sie auf lange hinaus nur verdorben habe. Wir halten uns nicht damit auf, daß gewissen Ohren marktwirt- schaftliche Ordnung inoffensiver klingt als Kapitalismus und So- zialstruktur besser als Klassenverhältnisse. Bleiben wir beim Kern der Sache! Unser Schuldkonto soll nach Obigen vornehmlich darin bestehen, daß wir 1. mit Kategorien des 19. Jahrhunderts im 18. herumfuhrwerken und einen Klassenkampf dort erfinden, wo es ihn noch nicht gegeben habe; 2. eine längst im Gange befindliche ökonomische Transformation der Weltwirtschaft kurzfristig in das Movens unserer Revolution umfunktionieren; 3. revolutionäre Diskontinuität auf Kosten der Entwicklungskonti- nuität von der Manufakturperiode zur industriellen Revolution überziehen; und 4. Positiva wie Negativa dieser Revolution durcheinanderbringen, weil wir mit einem Auge immer von 1789 nach 1917 schielen oder umgekehrt; wir also, alles in allem, generalisierenden Theoremen zuliebe eine Revolutionsautomatik konstruieren, die mit der lebendigen Revolution wenig gemein habe, und wir - man staune! - am Ende laut Eberhard Schnürt et soci sogar ein paar nette Einfalle des jungen Marx fehl- und umgelenkt hätten. Es soll nun nicht darum gehen, wohlfeile rhetorische Siege in der Polemik gegen Abwesende zu erfechten. Ihre glücklosen Kreuzzüge wider den historischen Materialismus als solchen entbehren über- dies des Reizes der Originalität. Wir fragen, uns an das Thema haltend, lediglich zurück: Wo liegt die Wirklichkeit der Revolu- tion? Z u m e r s t e n: Bekanntlich hat Marx nie beansprucht, Klas- sen und Klassenkämpfe in der Geschichte entdeckt zu haben. Er hat dieses Verdienst bürgerlichen Historikern zugewiesen, die ihren fruchtbaren Ansatz - ausgerechnet aus dem Anschauungsmaterial der Französischen Revolution - gewannen und ihn auch sogleich - wie Thierry und Guizot - auf weit zurückliegende Zeiten des Mittelal- ters übertrugen. Eine Bestimmung des Begriffs setzt somit in kei- ner Weise voraus, daß ihn schon die Träger der Erscheinung ver- wenden mußten: Was sie im übrigen in der Französischen Revolution aber, wenngleich mit Unscharfen, sogar reichlich taten, sobald die ständischen Verhüllungen gefallen waren. Wovor gerade der Marxist unausgesetzt warnt, ist eine undialekti- sche, mechanische Vermanschung und Modernisierung der französi- schen Klassenverhältnisse und -bezeichnungen, die auch bei wohl- wollenden bürgerlichen Forschern anzutreffen ist. Das läßt sich nachweisen. Welcher unter ihnen hätte je mit gleicher Präzision die Klassen h e t e r o g e n i t ä t der Sansculotterie her- auspräpariert wie Soboul in seinem kapitalen Opus? Wessen Klas- senanalyse der Vendée kann sich mit den fast schmerzhaft unbe- stechlichen Feststellungen Mazaurics messen? Wer von ihnen hätte je die äußerste Linke mehr als über den Daumen gepeilt und ihre gewiß mit Fußangeln gespickte Differenzierung neidlos uns über- lassen, sogar uns hier in Leipzig, fern von Paris? Die Diskussion ist keineswegs ausgestanden, und der Pariser Mai vom Jahr 1968 hat ihr neue Nahrung zugeführt: Es genüge, auf die Stichworte Jakobinertum, Bauernkrieg, Terreur, Hébertismus, Rand- schichten, Vorproletariat zu verweisen. Doch wenn nicht alles täuscht, werden wir, die wir den Wald vor lauter Bäumen im Gegen- satz zu anderen eben doch sehen, sie unter uns austragen müssen. Was nicht heißen soll, daß keiner von uns Fehler macht oder auch schon mal schlechter schreibt (und spricht...), als erlaubt ist. Z u m z w e i t e n: Es stimmt, daß in populärwissenschaftli- chen Darstellungen die sozialökonomischen Verursachungen der Re- volution bisweilen zu hastig angebunden wurden. So etwa, indem man sie geradlinig aus dem Zusammenfall der Handels- und Gewerbe- krise mit der Finanzkrise und der Mißernte von 1788 ableitete. Daraus fließend, wenn sie so wollen, die Legende: Hungerwinter, ergo Aufruhr, ergo Revolution. Theodor Fontanes Urteil über Ib- sens analytische Dramatik möchte auch hierauf passen: "Es geht, aber es geht mir zu flink." Doch wiederum ist es kein anderer als Engels, der in seinem berühmten Brief an Kautsky vom 20. Februar 1889 gegen solche Kurzatmigkeit der Schlußfolgerungen Einspruch erhebt. Und es ist Ernest Labrousse, ein "Klassiker", der die longue duree des Wirtschaftszyklus und das Einsetzen der Stagna- tionsphase schon Ende der siebziger Jahre statistisch belegt und auf ihre Tragweite hingewiesen hat. Nie konnte ferner ein Marxist behaupten, daß eine bürgerliche Re- volution wie die Französische eine Produktionsweise - in diesem Falle die kapitalistische - hervorgebracht habe. Es ist im Gegen- teil eine unserer Grundeinsichten, daß sich die bürgerliche Revo- lution von der proletarisch-sozialistischen darin unterscheidet, daß in ihr der ökonomische wie der ideologische Umschlag dem po- litischen vorangeht; daß sie die Machtfrage, die Frage der Klas- senmacht löst, um die aufklaffende Diskrepanz zwischen potenzier- ten Produktivkräften und abgestandenen Produktionsverhältnissen zu schließen. Indem sie für adäquate Herrschaftsverhältnisse sorgte, hat die Französische Revolution, teils zielgerichtet, teils auch unabsichtlich die unverzichtbaren politischen und rechtlichen R a h m e n b e d i n g u n g e n für die ungehin- derte Entfaltung und schließliche Dominanz der alternativen Pro- duktionsweise geschaffen: nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wie gut oder wie schlecht, das ist - bei diesem wie bei jedem an- deren Einzeltest - eine ganz andere Frage, und keine ganz leichte, denn aus der größten unter den bürgerlichen Revolutionen ging ja keineswegs zugleich der "vollkommenste" Kapitalismus her- vor: auch das ein Stück Wirklichkeit, die keine Legende verklei- stern darf. Z u m d r i t t e n: Man hält uns entgegen, die gesetzmäßige N o t w e n d i g k e i t der Revolution leuchte nicht ein. Eher wäre sie schicksalhafte Resultante aus Fehlern und schlechtem Willen, also Betriebspanne. Es hätte des hohen Preises nicht be- durft, den sie a l l e n Beteiligten abverlangte; und nicht der Konvulsionen, die sich über 1830 und 1848 bis hin zur Commune von 1871 fortpflanzten. War ein Hinüberwachsen in den neuzeitlichen bürgerlichen Staat nicht bereits unter dem Ancien Régime auf be- stem Wege? Hätte mit mehr Geduld und weniger Demagogie - lang- samer zwar, dafür aber harmonischer - eine unblutige "Revolution von oben" ihre Chance gehabt? Hängt nur Legende der Revolution die Schelle eines Geburtshelfers um, während es in Wirklichkeit die eines lärmenden Störenfrieds war? Sicher: alles hätte erheblich anders verlaufen können. Wir predi- gen weder Determinismus noch Teleologie. Die Geschichte - und erst recht die Revolution - hält immer mehr als nur eine Antwort parat. Wo kämen sonst ihre Rückschläge her? Die Aristokratie hätte verschämt kapitulieren können; sie tat es nicht. Die Für- sten Europas konnten vornehme Nichteinmischung üben; sie taten es nicht. Neureiche Revolutionsgewinnler konnten die Volksmassen einladen, mit ihnen zu teilen; sie taten es nicht. Robespierre konnte seinen Kopf retten, sofern er sich selber thermidoriani- schem Opportunismus verschrieb; auch er tat es nicht. Und jeder besaß seine einleuchtenden Beweggründe, es nicht oder nicht so zu tun. Das ändert mithin nicht, sondern unterstreicht, daß die Spannung 1789 jenen point of no return erreicht hatte, an dem - Sie kennen Lenins Aussage dazu - die Herrschenden auf bisherige Weise nicht mehr weiter k o n n t e n und die Beherrschten es nicht mehr w o l l t e n. Die Revolution war heilsame Folgewirkung ebendes- halb, weil "Reformer" an die Grenze gestoßen waren, die zu über- schreiten sie als unzumutbaren Selbstmord ausschließen mußten: die Übertragung der Klassenmacht. Das genau aber war die Volkser- hebung. Und schließlich: Gerade und nur w e i l die Französi- sche Revolution einen im Weltmaßstab unumkehrbaren gesellschaft- lichen Durchbruch erzielte, den kein systemimmanenter Wandel je erzielen konnte, wurde n a c h ihr, im Nachholeverfahren des 19. Jahrhunderts, sowohl bürgerliche Revolution i m Kapitalis- mus f ü r den Kapitalismus, als auch "Revolution von oben" - sei sie metaphorisch oder mit Ernst Engelberg wörtlich genommen - möglich. Legende ist demzufolge die "entbehrliche", nicht die un- entbehrliche Revolution. V i e r t e n s u n d l e t z t e n s - zeigen wir uns kulant und machen ein Zugeständnis: Unsere Optik der Revolution von 1789 hat in der Tat immer auch etwas mit 1917 zu tun. Ich frage aber: Kann man bei der Ermittlung ihres Stellenwertes denn anders, ohne jenem Scholastiker zu gleichen, der sich weigerte, durch Galileis Fernrohr zu blicken, um nicht sehen zu müssen, was nicht sein d u r f t e am Firmament? Wo hinzu käme, daß der Rote Oktober doch noch etwas mehr bedeutet als ein Jupitermond mehr oder weni- ger ... Als Labrousse, kein Kommunist, auf dem 13. Internationa- len Historikerkongreß in Moskau 1970 auf "die beiden großen Re- volutionen" ein Hoch ausbrachte, das die Teilnehmer von den Sit- zen riß, war dies keine Artigkeit an die Adresse des Gastgebers, sondern eine Quersumme aus zwei Jahrhunderten abrechenbarer Revo- lutionserfahrung. Denn die beiden Revolutionen haben miteinander zu tun, obwohl sie wesens u n g l e i c h sind und die eine die andere in einem weiteren Sinne in sich aufgehoben hat. Bürgerliche, auch bürger- lich-demokratische Revolutionen und proletarisch-sozialistische gehorchen nicht denselben Bewegungsgesetzen und sind deshalb nicht ohne weiteres vergleichbar. Jakobiner und Bolschewik! sind nicht austauschbar; jede solche Allusion oder Illusion wäre ein Erkenntnisschritt zurück und nicht vorwärts. Wohl aber fällt von der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution neues Licht auch auf die Revolution der Franzosen. Insbesondere erlaubt der jetzt vollziehbare - und vollzogene - Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus, jenes Helldunkel besser zu durch- dringen, in dem sich unter der Trikolore Utopie und Vision einer Gemeinschaft der Freien und Gleichen begegnet waren, deren Stunde noch nicht geschlagen hatte. Unsere Aufmerksamkeit gilt - wären wir sonst Historiker? - der g a n z e n Realität einer unteilbaren Revolution. Wir schneiden sie nicht in Scheiben, um uns nur an den schmackhaftesten zu laben. Ein Mirabeau gehört ebenso dazu wie Claire Lacombe. Wir würdigen sie, ohne Kritik zu unterdrücken, als nicht modellhaf- ten, doch auf ihre spezifische Weise vorbildlichen Beitrag des französischen Volkes zur universalen Durchsetzung einer höheren Gesellschaftsformation. Sie drückte, laut Marx, mehr noch die Be- dürfnisse der damaligen Welt als des W e l t a u s- s c h n i t t e s aus, in dem sie vorfiel: eine Revolution, an deren Leit- und Reizworten sich der Citoyen beim Klang der Marseillaise ein Jahrhundert lang aufrichten wird. Wir bewundern den Kampfelan und die Unerschrockenheit der Massen, die in keiner anderen bürgerlichen Revolution ihre Forderungen mit so viel Kraft, Reife und Würde vortrugen und durch ihren Druck auf den jakobinischen Generalstab der Revolution die politische Demo- kratie herausgezwungen haben: sie und nicht die Bourgeoisie, die sie erst viel später zu manipulieren lernte. Ohne also die antifeudale Hauptkampflinie der Revolution auf je- der ihrer Etappen im geringsten vernebeln zu wollen, muß indessen gestattet sein, abschließend noch auf ein anderes Erbe hinzuwei- sen, das sie uns - mit Auflagen - vermacht hat. Die Französische Revolution gebar nicht nur neue Gegenwart. Sie stieß auch ein Fenster in die Zukunft auf. Noch eine Legende? Jean Bruhat hat die Botschaft der Revolution als sozusagen vierte Quelle des wissenschaftlichen Sozialismus beansprucht. Er mag da- mit nicht haargenau ins Schwarze treffen. Die Beziehung aber, die sie uns teuer macht, besteht. Und gerade sie ist es ja wohl in letzter Instanz, die sie bei den verkümmerten Nachfahren in Ver- ruf gebracht hat: Die revolutionäre Bewegung - lesen wir in der H e i l i g e n F a m i l i e", welche im Cercle social begann, in der Mitte ih- rer Bahn Leclerc und Roux zu ihren Hauptrepräsentanten hatte und endlich mit Babeufs Verschwörung für einen Augenblick unterlag, hatte die k o m m u n i s t i s c h e Idee hervorgetrieben, welche Babeufs Freund Buonarroti nach der Revolution von 1830 wieder in Frankreich einführte. D i e s e I d e e, k o n s e q u e n t a u s g e a r b e i- t e t, i s t d i e I d e e d e s n e u e n W e l t- z u s t a n d e s. Literaturhinweise ----------------- A. 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