Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 14/1988
zurück
EINIGE ÜBERLEGUNGEN ZUR FRANZÖSISCHEN REVOLUTION
UND ZUR KONSTITUIERUNG DER HERRSCHENDEN KLASSE *)
Claude Mazauric
Seit über zwanzig Jahren werden unentwegt Polemiken zwischen den
Anhängern der sogenannten "revisionistischen Geschichtsauffas-
sung" der Französischen Revolution - meines Erachtens ein untaug-
licher Begriff aufgrund seiner metaphorischen und ideologischen
Überfrachtung - und denjenigen geführt, die sich auf die Erkennt-
nisse der republikanischen Historiographie stützen, um die Er-
forschung der Geschichte der Revolution zu vertiefen und neue Me-
thoden zu entwickeln. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen
standen dabei von jeher die Fragen der klassenmäßigen Realitäten
im revolutionären Prozeß sowie der staatlichen Repräsentations-
bzw. Herrschaftsfunktionen. In den Jahren nach dem Krieg und wäh-
rend des sogenannten "Kalten Kriegs" arbeitete Alfred Cobban -
weniger Historiker im Sinne der sachlichen Arbeit mit den Quellen
als Essayist und Ideologe - auf eine entscheidende Umorientierung
hin: Es begann die großangelegte Zurückdrängung der bis dahin
mehr oder weniger dominierenden Interpretationen der Französi-
schen Revolution als Klassenkonflikt und Aufstieg der kapitali-
stischen Bourgeoisie zur gesellschaftlich herrschenden Macht.
Zwar war es offenkundig, daß die theoretischen und historiogra-
phischen Quellen von Cobban in der konterrevolutionären Tradition
von Burke bis Carlyle wurzelten, aber sein Ziel war durchaus ein
sehr aktuelles: Es ging darum, "die französische historische
Schule" der Revolution zu diskreditieren, und dies zu einer Zeit,
als die starke Persönlichkeit von Georges Lefebvre und ein großer
Kreis von internationalen, durch die marxistische Erkenntnistheo-
rie der 30er und 40er Jahre geschulten Historikern einen prägen-
den Einfluß hatten.
In den Augen der späteren "revisionistischen Geschichtsauffas-
sung", der Georges Taylor in den USA den am stärksten rechtsge-
richteten, ja fast karikaturhaften Ausdruck verlieh, während
François Furet und Denis Richet in Frankreich die liberale Strö-
mung in der Tradition von Tocqueville vertraten, bestand das Ver-
dienst von Cobban darin, die deterministische Erklärung des poli-
tischen Prozesses in der Französischen Revolution auf der Grund-
lage der Dialektik der Klassenkämpfe durchbrochen zu haben. Be-
stritten wurde nicht der Sieg der Bourgeoisie - was nach so
vielen Arbeiten auch schwierig ist! -, sondern das kausale Ver-
hältnis zwischen dem gesellschaftlichen Inhalt der Revolution und
der Dialektik der Klassenkämpfe in der alten Gesellschaftsforma-
tion, d.h. im Anden Regime. Man sieht, daß die scheinbar
"ideologische" Diskussion weitreichende theoretische Auswirkungen
hatte, und daß die grundlegenden Fragen große Bereiche der ge-
sellschaftlichen Praxis und der ideologischen Kämpfe tangieren.
Was mich betrifft, so habe ich mit Unterstützung von Historikern
wie Alben Soboul, Jean Bruhat und anderen Mitarbeitern des Zen-
trums für marxistische Studien und Forschungen (heute IRM in Pa-
ris) ab 1965 eine Haltung radikaler Kritik gegenüber diesen neuen
Strömungen eingenommen; diese sind politisch antirevolutionär,
ideologisch "neoliberal" - wie es zehn Jahre später hieß - und
ordnen sich allesamt perfekt in einen großangelegten Versuch der
Zurückdrängung - und nicht der Erneuerung - des Marxismus ein.
Über das Vehikel einer gewissen Desillusionierung hinsichtlich
des Sozialismus und unter dem Deckmantel eines legitimen Bruchs
mit dem Stalinismus (den auch Soboul und ich wollten) wurde das
kommunistische Ideal der klassenlosen Gesellschaft verworfen und
in der Praxis jegliche revolutionäre oder auch nur fortschrittli-
che Aktivität abgelehnt. Aber im Gegensatz zu den Behauptungen,
die durch mein Buch ausgelöst wurden (Sur la Révolution
française, 1970), war es weniger die antimarxistische ideolo-
gisch-politische Dimension dieser sogenannten "revisionistischen
Historiographie", die mich schockierte, als vielmehr ihre wissen-
schaftliche Oberflächlichkeit, ihr dürftiger Informationsgehalt
und ihre geringe Tatsachenbezogenheit. Meine Kritik ging nur von
dieser einen Feststellung aus. Das war zumindest meine Intention,
und dahingehend habe ich mich 1984 in Jacobinisme et Révolution
geäußert. Inpolitischer Hinsicht beurteilte ich die mittelfristi-
gen Aussichten pessimistisch - was die Geschichte leider bestä-
tigt hat! - und hatte keinerlei Illusionen über die Chancen,
meine Auffassungen in einem internen historiographischen Mei-
nungsstreit durchzusetzen; gegen eine sich herausbildende
"Schule", die schnell über große Möglichkeiten bei Medien und
Verlagen verfügte und ihre Inhalte aus einer liberalen Ideologie
schöpfte, die vor 1968 eine Renaissance erlebte und sich danach
auf beiden Seiten des Atlantik voll durchsetzte ... Aber mir ging
es um zweierlei: Zum einen wollte ich uns, die aus der großen
Schule von Labrousse, Lefebvre und Soboul hervorgegangenen Histo-
riker, dazu zwingen, wieder zu den Quellen zurückzugehen und
sowohl unseren Begriffsapparat als auch unser Forschungsfeld zu
erneuern und zu hinterfragen; zum anderen sollte der in den Ge-
sellschaftswissenschaften dominierende Neopositivismus und logi-
sche Empirismus nicht die Möglichkeit haben, von unseren Versäum-
nissen und den Rückständen der marxistischen Theorie zu profitie-
ren, um in der historiographischen und wissenschaftlichen Diskus-
sion die Oberhand zu gewinnen, mit all den allgemeinen struktu-
rellen Auswirkungen, die ein solcher Sieg für sie bedeutet hätte.
Ermutigt wurde ich dabei durch renommierte Historiker, die zwar
häufig dem Marxismus, ja sogar der "Linken" sehr fern standen,
aber dennoch die Tragweite der Auseinandersetzung begriffen. Daß
sie sich nicht öffentlich zu Wort meldeten, lag an der
Trivialität der Diskussion - für die ich nicht verantwortlich
war! Ich verfüge indessen über schriftliche Beweise für meine
Behauptung. Die Weigerung, sich dem Diktat der "revisionistischen
Geschichtsschreibung" zu beugen, ging weit über den kleinen Kreis
der sogenannten marxistischen "jakobinischen", oder, kommuni-
stischen" Historiker hinaus. Das galt für Frankreich ebenso wie
für die anderen europäischen Länder, für Japan und zunehmend auch
für die USA.
In dem Bemühen um eine derartige kritische Reflexion verteidigte
ich 1979 an der Universität Panthéon-Sorbonne (Paris I) eine Ha-
bilitationsschrift, in der meine sämtlichen Arbeiten ihren Nie-
derschlag gefunden hatten. In dem Buch Jacobinisme et Revolution,
autour du bicentenaire de la Révolution française (Paris, 1984)
habe ich die meines Erachtens positiven Konsequenzen eines
"Kampfes" aufgezeigt, der 20 Jahre zuvor aufgenommen worden war:
mit dem Instrumentarium, das längst nicht so verfeinert und ent-
wickelt war wie das heutige, und mit den Kenntnissen eines jungen
Forschers, der noch nicht so viel wie heute über den Umfang der
Forschungen wußte, die weltweit von den geschichtswissenschaftli-
chen Experten, insbesondere in den USA, betrieben wurden. Ich
verweise den Leser der vorliegenden Untersuchung auf diese
selbstkritischen Feststellungen, denen ich fünf Jahre später
nichts hinzuzufügen habe.
In dieser Konstellation der Jahre 1978-1985 wurde ich aufgefor-
dert, zusammenfassende Überlegungen zur Bedeutung der jakobini-
schen Phase der Revolution bei der Herausbildung der bürgerlichen
Gesellschaft vorzutragen. So insbesondere im Jahre 1979 in Bam-
berg, wo es zum ersten Mal zu einem direkten Meinungsaustausch
zwischen den - aus verschiedenen Ländern angereisten - Anhängern
der Cobban- bzw. Neo-Cobban-Historiographie, den Historikern
klassischer positivistischer Tradition und marxistischen Histori-
kern kam. Die letztgenannte Richtung hat sichtlich einen Erneue-
rungsprozeß durchgemacht, und soweit es sich um französische Wis-
senschaftler handelte, waren ihre Repräsentanten Alben Soboul
(Die französische Revolution, klassische Revolution oder besonde-
rer Weg?), Michel Vovelle (Die Geschichte der Mentalitäten im Zu-
sammenhang mit den Ideologien und den klassenmäßigen Realitäten,
insbesondere in der Geschichte der Revolution), Guy Lemarchand
(Über die Langlebigkeit des Feudalismus und seine Endkrise) und
ich selbst mit der Geschichte des Politischen, eine Thematik, an
der ich seit dem Kolloquium Mathiez-Lefebvre 1974 in Paris gear-
beitet habe. Seitdem hatte ich zahlreiche Gelegenheiten, meine
Arbeiten vorzustellen, und zwar in den USA wie in Frankreich, in
Moskau wie in Leipzig.
Dem folgenden Text liegt das Referat zugrunde, das ich 1984 auf
dem Kolloquium in Grenoble gehalten habe: Es stellt eine Synthese
meiner Auffassungen dar, die sich sowohl auf meine historischen
Arbeiten über die Stadt Rouen während der Französischen Revolu-
tion gründen als auch auf meine theoretischen Erkenntnisse über
die vielgestaltige Struktur der führenden und herrschenden Klasse
am Ende der bürgerlichen Revolution.
Gestatten Sie mir, daß ich zu dem etwas spektakulär klingenden
Thema meines Referats einige Gedanken und Hypothesen vortrage,
die ich bereits auf dem internationalen Kolloquium in Bamberg
1979 skizziert habe, dessen Protokolle im Jahre 1983 erschienen
sind. Zwar werden einige meiner Thesen aufgrund der Themenstel-
lung zwangsläufig abstrakt sein, aber ich werde trotzdem versu-
chen, die Fakten darzustellen, die meines Erachtens die Legitimi-
tät dieser Thesen begründen ...
Gestatten sie mir auch, daß ich als Standort für meine Überlegun-
gen die politisch-gesellschaftliche Entwicklung der Stadt Rouen
während der Revolution wähle, um von diesem Beobachtungspunkt aus
die Prozesse nachzuzeichnen, die in der revolutionären Phase der
Geschichte der französischen Nation zur Herausbildung der
"herrschenden Klasse" geführt haben.
Ich werde vorerst darauf verzichten, den Begriff "herrschende
Klasse" zu definieren und mich auf eine gleichsam impressionisti-
sche Darstellung beschränken, die genügend Stoff für die Diskus-
sion liefern wird. Zu Beginn möchte ich lediglich einige Punkte
klären, damit meinen Ausführungen nicht Unklarheiten oder Ambiva-
lenzen angelastet werden, die nicht von mir selbst verursacht
wurden. Darum sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, daß das
mit dem Begriff "herrschende Klasse" verbundene Begriffsfeld drei
Determinanten beinhaltet, die seine Voraussetzungen bilden:
1. - Die Ersetzung des Normensystems des Ancien Régime durch ein
Rechtssystem, das auf der rechtlichen Gleichheit der Menschen ba-
sierte. Dies war das Hauptanliegen des revolutionären Staates von
1789 bis zur Abfassung des Code civil.
2. - Der Auflösungsprozeß der alten Ordnungen, Zünfte, Stände,
Körperschaften ..., der mit zunehmender Arbeitsteilung das Ent-
stehen der Konkurrenz im großen Maßstab förderte, wobei die Men-
schen allerdings noch in die Keimzelle der Familie eingebunden
blieben, die mit der bürgerlichen Gesetzgebung eine quasi monar-
chische Form erhielt. Die Folge war, daß zum obersten Kriterium
für die sozialen Unterschiede direkt und unvermittelt das gesell-
schaftliche Verdienst wurde, das sich auf die Marktgesetze oder
auf die Anerkennung durch den Staat gründete. Dies waren die in-
stitutionellen und juristischen Grundlagen des Liberalismus, auf
denen die Existenz einer gesellschaftlich herrschenden Klasse be-
ruhte, die sich aufgrund "natürlicher", sprich: sozialökonomi-
scher Prozesse herausgebildet hatte.
3. - Die Nicht-Identität von Staat und bürgerlicher Gesellschaft.
Sie implizierte die Autonomie des Staates im gesellschaftlichen
System und damit die Einführung von komplexen Verfahrensweisen;
diese funktionierten in der Weise, daß die vermittels des Staates
ausgeübten gesellschaftlichen Machtfunktionen und sämtliche
Machtmechanismen zugunsten der gesellschaftlich herrschenden
Klasse wirkten, die dadurch zur regierenden Klasse aufstieg. Zur
"staatstragenden Klasse" wurde sie über die Abgeordneten, Beam-
ten, Mitglieder des Verwaltungsapparats usw.
Bis zum Jahre 1989 werden sich etliche der angekündigten Kollo-
quien und Bücher mit den Fragen befassen, die im Mittelpunkt der
politischen Philosophie der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
standen. 1984 greife ich also den kommenden Diskussionen nur vor,
wenn ich in bewußter Vereinfachung die folgende These aufstelle:
Die Realität der herrschenden Klasse konkretisierte sich in der
Ausübung von Herrschaft vermittels der staatlich-administrativen
Institutionen, und diese herrschende Klasse existierte letztlich
nur durch die formelle Leugnung des sie tragenden Prinzips sowie
durch ihre scheinbare Unterordnung unter den Individualismus bei
der Machtausübung.
Daraus ergeben sich zwei im eigentlichen Sinne "historische" The-
sen:
1. - Wenn es eine A u s ü b u n g von Herrschaft gibt, gibt es
folglich auch Prozeß und D a u e r; was bedeutet, daß die Ent-
wicklung, die zur Herrschaftsausübung vermittels des Staates
führte, im wesentlichen ein historisches Phänomen ist und auch
als solches untersucht werden muß.
2. - Wenn die gesellschaftlich herrschende Klasse zu der Klasse
aufsteigt, die vermittels des Staates regiert, ist es notwendig,
einerseits die Form der Regierung und Leitung des Staates zu be-
trachten - also nach d e r P o l i t i k zu fragen -, anderer-
seits die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft in ihrem Ver-
hältnis zu den staatlichen Strukturen zu untersuchen - also
d a s P o l i t i s c h e zu betrachten. Wie ich bereits ge-
zeigt habe, ist dieser Unterschied keineswegs von untergeordneter
Bedeutung.
Vor diesem Hintergrund werde ich nun einige Ausführungen machen.
Zunächst möchte ich auf einen auffallenden Kontrast hinweisen: Es
ist der empirisch feststellbare Gegensatz zwischen den vielfälti-
gen B e s t r e b u n g e n der städtischen Bourgeoisie, die in
den Jahren 1788"1789 direkt politisch aktiv war, und den
n o r m i e r t e n V e r h a l t e n s w e i s e n der Nota-
bein des Konsulats, die in die staatlichen Strukturen eingebunden
waren. Zehn Jahre später, und welch ein U n t e r s c h i e d.
Das wirft Fragen auf, auf die ich jetzt eingehen möchte.
1789 hatte die Bourgeoisie in den Städten und Provinzen starke
autonomistische und dezentralistische Bestrebungen. Wie Marcel
Reinhard und Maurice Genty gezeigt haben, waren Verhalten und
Auftreten der Pariser Bourgeoisie bei aller Besonderheit von ähn-
lichen Tendenzen geprägt. Das städtische Klein- oder
Großbürgertum, das noch eine starke, aus der Feudal- und
Ständeordnung des Ancien Régime hervorgegangene innere
Hierarchisierung aufwies, erkannte sich recht gut in den
politischen Initiativen, oder allgemeiner gesagt, in dem Diskurs
und der gesellschaftlichen Praxis der gehobenen nicht-adligen
Schichten, die mit dem Handelskapital, dem Grundbesitz, dem
Klerus und häufig auch mit allen gleichzeitig liiert waren. Unter
diesem Gesichtspunkt scheint der Fall der Familie Perier, auf den
wir seit Beginn dieses Kolloquiums hingewiesen haben, recht
beispielhaft zu sein. Vergleichbare gesellschaftliche Umstände
und Typen lassen sich jedoch in den meisten großen Städten des
Königreichs ausmachen. Nebenbei sei bemerkt, daß die Art der
Einberufung der Generalstände und die Verfahren bei der Abfassung
der Cahiers in den Städten (mit Ausnahme eines Teils von Paris)
den Prozeß der Identifizierung aller bürgerlichen Schichten mit
der Elite noch verstärkt hat; diese Elite bestimmte sich sowohl
nach dem akkumulierten Reichtum als auch nach ihrer Qualität im
Sinne der Kriterien der offiziellen ständischen Hierarchie, die
nach dem Scheitern der Reform von Turgot wieder zur Geltung
gekommen waren. Nach dem königlichen Edikt vom 24. Januar 1789
gab es für das Zusammentreten der Generalstände nur zwei
Möglichkeiten: entweder auf der Basis des Distrikts (wie in
Paris), was bedeutet hätte, daß Reichtum, gesellschaftliches
Ansehen sowie die familien- und wohngebietsmäßigen Verbindungen
ausschlaggebend gewesen wären, oder im korporativen Rahmen der
"Zünfte und Vereinigungen" (wie in Rouen), wodurch das Ansehen
und die ökonomische Macht der verschiedenen Korporationen zum
obersten Bewertungskriterium geworden wäre, ohne daß innerhalb
derselben der "Rang" eines jeden Meisters gezählt hätte. In allen
Fällen war es die a l t e b ü r g e r l i c h e F o r m, auf
die sich die neue Kraft bezog, die jetzt in Bewegung geriet und
eine Verfassung, rechtliche und politische Gleichheit sowie die
radikale Veränderung des Verhältnisses der Gesellschaft zur
Monarchie forderte, d.h. eine neue Lösung für das Problem der
Souveränität auf der Grundlage der "grandiosen Umkehrung der
Weltordnung" (Alphonse Dupront). Alte Formen, neue Forderungen?
Diese vorrevolutionäre Totalität war seit 1786-1787 über die al-
ten Modelle politischer Forderungen vermittelt, wie z.B. der
Wunsch nach Wiederherstellung der Autonomie der Provinzen, nach
wirksamem Schutz für die oft ungesicherten Kompetenzen der Pro-
vinzialstände und selbst nach kommunaler Autonomie. Diese Forde-
rungen zielten darauf ab, den Prozeß administrativer und bürokra-
tischer Vereinheitlichung des Staates durch eine Monarchie aufzu-
halten, die modern und reformwillig war, und von deren gleichma-
cherischen Bestrebungen e i n z i g u n d a l l e i n das
Privileg ausgenommen war. So war es im Dauphine, in der Bretagne,
in der Provence und im Languedoc ... In Rouen forderte beispiel-
weise der Dritte Stand unter der Führung des Advokaten Thouret
die strikte Respektierung der in der "Charte aux Normands"
festgelegten "Privilegien", die Ludwig X. dem alten Herzogtum im
Jahre 1315 gewährt hatte. Genau diese Forderung hatten seit 1771
auch das "Parlement de Normandie" und der Adel in "bailliages"
(Amtsbezirke im Norden vor 1789, d. Übers.) erhoben. Das ist
nicht verwunderlich, war es doch Thouret selbst, der als Sprecher
einer von der Stadt am 5. Januar 1789 ernannten Ad-hoc-Kommission
ehemaliger Schöffen ein "Cahier d'instructions et d'observation"
verfaßt hatte, das für die vorbereitenden Versammlungen der Ge-
meinden und Kirchspiele bestimmt war. Die im Februar veröffent-
lichten "Instruktionen" von Thouret wurden berühmt unter dem Ti-
tel Avis des bons normands à leurs frères, tous les bons français
de toutes les provinces et de tous les ordres sur l'envoi des
lettres de convocation aux Etats généraux; dazu gab es eine Er-
gänzung in Form des Avis des bons normands, dédiée aux Assemblees
des bailliages und eines Essai de Cahier. Diese Richtlinien be-
einflußten maßgeblich die Meinung und Stimmabgabe der bürgerli-
chen Elite des Dritten Standes in Rouen, die am Ende des 18.
Jahrhunderts die herrschende Schicht der Stadt war. Diese in al-
tertümliche Formen und Titel gekleideten Texte liefen inhaltlich
darauf hinaus, die bürgerlichen Ambitionen auf die Überwachung
der Stände sowie auf drei Forderungen zu beschränken: Gleichheit
der Besteuerung als Vorform der völligen rechtlichen Gleichheit,
die auf einen späteren Zeitpunkt verschoben wurde; eine Verfas-
sung, die die Autonomie der Provinz und der Stadt garantierte;
die Verdoppelung der Zahl der Vertreter des Dritten Stands, die
bereits durch den Erlaß vom 27. Dezember nach dem Sieg der Dau-
phinois zugestanden worden war ... Aber es war dieser vorsichtige
und gemäßigte Text (Marc Bouloiseau nannte ihn "konservativ"),
der die Privilegierten durch die Bezugnahme auf die alten Frei-
heiten beschwichtigte und in der Normandie (sowie in 24 anderen
Städten) für die engagiertesten Kräfte des politischen Umsturzes
eine inhaltlich begrenzte und sehr schonend formulierte
"Plattform" bot. Es ging um den politischen und nicht um den ge-
sellschaftlichen Umsturz, denn auf dieser Ebene der Infragestel-
lung des Ancien Régime war weder von den Manufakturarbeitern noch
von den Bauern die Rede.
Was bedeutet diese von verschiedenen Historikern häufig konsta-
tierte Diskrepanz zwischen der relativ weit fortgeschrittenen Lo-
gik der Bewegung und den vorsichtigen, ja konservativen, wenn
nicht gar rückwärtsgewandten Aspekten im politischen Diskurs des
bürgerlichen Dritten Standes? Unserer Ansicht nach kommt darin
die folgende Schwierigkeit zum Ausdruck: Es galt, durch die An-
wendung einer kohärenten Strategie eine neue, auf der staatsbür-
gerlichen Gleichheit der Menschen beruhende Form der nationalen
Souveränität zu finden und dafür Kräfte zu sammeln, die stark ge-
nug waren, um sich gegen den Monarchen und den Hof durchzusetzen;
zugleich sollten jedoch die Chancen eines zukünftigen Kompromis-
ses nicht gefährdet werden. Folglich ging es darum, die eigene
geschichtliche Legitimation aus einer idealisierten Vergangenheit
abzuleiten und auf diesem Weg große Teile des Adels zu gewinnen
oder zu neutralisieren. Gleichzeitig mußte sich das Bürgertum zum
Anwalt des Gemeinwohls machen, indem es den durch die Teuerung
und die Krise der Manufakturen hart bedrängten armen Schichten
eine Wiederankurbelung der Produktion durch Schutzzölle und eine
Senkung der Abgaben versprach. Die Zukunft würde durch die Er-
richtung einer sozialen und politischen Ordnung gesichert, die
auf Konsens und gesetzlichen Normen basieren und daraus ihre Sta-
bilität gewinnen würde - eine für die Besitzenden durchaus beru-
higende Perspektive. Da nur die Beseitigung des Steuerprivilegs
vorgeschlagen wurde, blieb die Chance für einen Kompromiß mit ei-
nem Großteil des Adels. Gleichzeitig wurde der Weg für die
schrittweise Verwirklichung der staatsbürgerlichen Gleichheit
freigemacht.
Allein in der Forderung nach städtischer provinzieller Autonomie,
die während der "munizipalen Revolution" des Sommers 1789 den ve-
hementen Dezentralisierungsbestrebungen zugrundelag, konnte sich
die Vorwärtsentwicklung manifestieren, die in einem oftmals ar-
chaisch anmutenden, wenn nicht gar gegenläufigen Diskurs prokla-
miert wurde; ein Umstand, der die Historiker häufig verwirrt hat,
die der Bedeutung der Worte mehr Aufmerksamkeit schenken als ih-
rem Gebrauch. Allein die Forderung nach Autonomie ermöglichte es,
das Gefüge des absolutistischen Staates aufzubrechen und zugleich
die Chancen für einen gesellschaftlichen Kompromiß zwischen Adel
und Bourgeoisie, also i n n e r h a l b der "Elite", zu erhal-
ten. Beiden wurde der Zugriff auf den regionalen Wirtschaftsraum
und die Ausübung stabiler Herrschaft über eine sich schnell wan-
delnde Gesellschaft garantiert. Die Autonomie und die
"Entstaatlichung" der historisch überlieferten Institutionen
schienen die Hegemonie der aus dem Ancien Regime hervorgegangenen
Elite zu gewährleisten, indem sie die Reform "von oben" reali-
sierten, ohne in eine Revolution zu münden.
Kommen wir jetzt zu den auf das Direktorium folgenden Jahren der
Konsolidierung von 1800 bis 1803, als die "nationale Klasse der
Besitzenden" in Rouen wie überall in Frankreich den Staatsstreich
Bonapartes billigte und sich seiner cäsarenhaft-plebiszitären
Macht unterwarf. Das war ein entscheidender politischer Augen-
blick! Die nationale Klasse der Eigentümer akzeptierte definitiv
die Verstaatlichung ihrer gesellschaftlichen Macht und die Natio-
nalisierung ihrer gemeinsamen Interessen. Sie war für das Prinzip
der zentralistischen Vereinheitlichung der Staatsmacht, als diese
(durch das Plebiszit und die Verfassung) zum Ausdruck der
nationalen Souveränität wurde. Ungeachtet der Sehnsucht nach den
alten Zuständen oder der spontanen Interessenunterschiede, die zu
heftigen Konflikten, zu nicht-antagonistischen Widersprüchen füh-
ren konnten, wurde erkannt, daß die Gegensätze innerhalb der na-
tionalen Klasse nicht von grundsätzlicher Bedeutung waren. Die
Institutionen erhielten den Auftrag, die Funktionsmechanismen und
die Formen der Entscheidungsbildung zu entwickeln, die die Stabi-
lität der gesellschaftlichen Ordnung garantieren würden. So löste
sich die verworrene Dialektik der konkreten Interessen einerseits
in der Suche nach dem besten Funktionieren der Institutionen auf,
die das Gemeinwohl, ja die öffentliche Ordnung überhaupt reprä-
sentierten, und mündete andererseits in die Bekräftigung der
Grundprinzipien der bürgerlichen Gesellschaft ein: hier die Ban-
que de France und der Franc des Germinal, dort die Abfassung der
großen Gesetzbücher. Das entscheidende Kriterium für die sozialen
Unterschiede wurde die gesellschaftliche Nützlichkeit, wobei der
berühmte "Mythos der Meritokratie" (C. Charle) ein wirksamer He-
bel war. Die Hierarchie der sozialen Stellungen hing von den Ver-
mögensverhältnissen ab, wenn man auch versuchte, unter der wach-
senden Zahl der Staatsbeamten die Überzeugung zu verbreiten, daß
das Verdienst das einzige Kriterium für das gesellschaftliche
Fortkommen sei. Die ideologische und kulturelle Vereinheitlichung
schritt voran, wenngleich in den maßgeblichen "Kreisen" die mon-
archistischen Notabein von den liberalen mit republikanischer
Tradition durch unterschiedliche politische Postulate getrennt
waren: Da die Konservativen und die Liberalen eine Zeit lang die
gleichen Institute besuchten, da sie sehr darauf bedacht waren,
daß die Schulen und großen Lehranstalten vorrangig Eliten für den
Staatsdienst ausbildeten, und da sie außerdem ähnliche Treff-
punkte aufsuchten, um sich zu vergnügen oder persönliche Kontakte
zu pflegen, waren sie trotz aller "Konflikte" hinsichtlich der
großen Fragen der Epoche nicht weit voneinander entfernt. Im üb-
rigen stimmten fast alle dem Konkordat zu, das den gemeinsamen
Willen ausdrückte, die durch Kirche und Religion bedingten alten
Spaltungen auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Wenn die Nota-
bein in ihrem politischen Diskurs auch dem Kult der formellen
Gleichheit und persönlichen Freiheit huldigten - die bei Bona-
parte allerdings nicht immer gut aufgehoben war ", so war doch
das eigentliche ideologische Movens das Recht auf Eigentum, um
das sich Grundbesitzer und Bankiers, Manufakturbesitzer und Kauf-
leute, Händler und Bauern, sogar Kleinbauern, scharten. In jedem
Departement oder Kanton existierten im Bereich der Verwaltung die
gleichen, um den Präfekten zentrierten Macht- und Konsultations-
mechanismen, die von dem realistisch denkenden Teil der Bevölke-
rung getragen wurden. Die bürgerlichen Schichten von 1789 ver-
schmolzen mit der national regierenden Klasse, und daraus ging
die zu Beginn des 19. Jahrhunderts herrschende Klasse hervor.
Diese war von ihrem Ursprung her durch zwei Merkmale gekennzeich-
net:
1. - Soziologisch gesehen, war sie vielschichtig: Geschäftsleute,
hohe Staatsbeamte, Großgrundbesitzer, offizielle Ideologen ...
Sie kamen sich allerdings durch gemeinsame gesellschaftliche
Treffpunkte, den Handel und private Verbindungen näher und akzep-
tierten allesamt die Schiedsrichterrolle des neuen Staates.
2. - In ideologischer Hinsicht argumentierte die
(re-)konstituierte herrschende Klasse auf zwei Ebenen, die nur
scheinbar widerspruchsfrei waren: Einerseits war noch der Pragma-
tismus der Aufklärung lebendig - hier machte sich noch der Ein-
fluß stark bemerkbar, der von Condorcet und seiner Synthese der
französischen Aufklärungsbewegung ausging -; andererseits wurden
die Werte Unterordnung, Gehorsam und Respekt rehabilitiert, die
für die Stabilität der gesellschaftlichen Ordnung notwendig wa-
ren.
Welcher Prozeß der Zersetzung und Neubildung hat dazu geführt,
daß zwischen den beiden Polen dieser Transformation - dieser
echten Metamorphose, aus der die führende Klasse hervorging - die
Bourgeoisie des Ancien Regime zu der nationalen Klasse wurde, die
ihrem Wesen nach eine bürgerliche war und den Staat ab 1800 be-
herrschte?
Die Antwort auf diese Frage kann ich nur in großen Zügen skizzie-
ren, indem ich die verschiedenen Ebenen einer möglichen Analyse
benenne.
Betrachten wir zunächst die politische oder soziopolitische
Ebene: Sie ist die evidenteste, und ihr hat Albert Soboul in Band
2 der Civilisation et Révolution française hervorragende Ausfüh-
rungen gewidmet. Ab 1789, genauer gesagt, nach den Steuerbestim-
mungen von 1792, sodann nach dem rigiden Dirigismus von 1793 und
des Jahres II, der bis zur Abschaffung der Sklaverei ging, und
schließlich nach der durch die Männer des Thermidor und durch das
Direktorium geschürten Drohpropaganda von der "roten Gefahr"
führte die "soziale Furcht", die echte oder vorgegebene Besorgnis
der Eigentümer zu einer Vereinheitlichung der politischen Verhal-
tensweisen der Besitzbürger in der ganzen Republik: Das Eigentum
wurde zum einzigen und obersten Wert der bürgerlichen Gesell-
schaft. Auf der anderen Seite hatte die sechsmonatige
"Volksdemokratie" (Juni 1793 bis Dezember 1793), die sich auf den
Terror und den Zwangskurs der Assignaten stützte, deutlich ge-
macht, daß die Machtausübung durch Männer aus den unteren Klassen
durchaus kein Mythos war: Dafür standen die Revolutionskommis-
sare, die Agenten der Überwachungskomitees, die Mitglieder der
Kommission für lebenswichtige Nahrungsmittel, die Offiziere der
revolutionären Armee, die Volksabgeordneten. Es galt also, dage-
gen einen hierarchischen Regierungsapparat aufzubauen. Diesem Er-
fordernis entsprach das mitten in der Jakobinerdiktatur erlassene
Dekret vom 14. Frimaire des Jahres II, mit dem das Funktionieren
der Verwaltung geregelt wurde: Bekanntlich fand es in der ganzen
Republik die Zustimmung der bürgerlichen Schichten. Aber das zen-
tralistische Staatsmodell war von begrenzter Dauer und ging spä-
ter wieder in den Institutionen des Direktoriums und des Konsu-
lats auf: Trotz der unterschiedlichen Umstände gab es eine di-
rekte Verbindungslinie zwischen dem nationalen Agenten, dem Kom-
missar und dem Präfekten. Unter diesem Gesichtspunkt hat, wie
Marx feststellte, der jakobinische Terror die Machtstrukturen des
von Bonaparte ausgestalteten gegenwärtigen französischen Staates
vorbereitet. In gewisser Weise war das Jakobinertum mit dem engen
Netz von Volksgesellschaften die Existenzform einer Art nationa-
ler "Partei" und trug dazu bei, die bürgerlichen Mittelschichten
an die Politik heranzuführen.
Die jüngsten Forschungen (Vgl. Annales historiques de la R.F.,
1986, September-Oktober, Sondernummer zu dem Thema "Volksgesell-
schaften") über die Zahl (etwa 5500), die geographische
Verteilung (ungleichmäßig, aber mit starker Konzentration auf die
am stärksten urbanisierten Departements und Regionen) und die
sozio-ideologische Struktur der Volksgesellschaften in den Jahren
1793"1794 tendieren immer mehr zu der Auffassung, daß sich in
dieser Zeit nicht nur die Realität des zentralisierten Natio-
nalstaats gefestigt hat, sondern daß es in dieser Hinsicht auch
einen Konsens und eine tiefgehende Akzeptanz auf seifen der Groß-
und Kleinbürger, der Groß- und Kleinbauern gegeben hat. Die
Volksgesellschaften, die die wesentliche Grundlage für die Wil-
lensbildung und Beeinflussung des republikanischen Frankreich in
der entscheidenden Phase der Revolution darstellten, trugen mehr
als jeder andere revolutionäre "Apparat" zur massenhaften Politi-
sierung der französischen bürgerlichen Schichten bei: darunter
etwa eine halbe Million der gesellschaftlich und kulturell ein-
flußreichsten Familienoberhäupter sowie fast 100 000 "Kader". In
diesem Sinne leistete das Jakobinertum einen eminent wichtigen
Beitrag zur Ausbreitung der M o d e r n e, die die Lebensweise
des alten Frankreich, welche den Stempel einer langen, von Feuda-
lismus und monarchischem Absolutismus beherrschten Geschichte
trug, von Grund auf umgestaltete. Während die Anhänger Robespier-
res vom Wohlfahrtsausschuß und Jakobinerclub offensichtlich den
politischen Zwang des Staates und den Terror einsetzen wollten,
um in der Gesellschaft mehr soziale Gerechtigkeit zu verwirkli-
chen und eine echte Volksdemokratie zu errichten, bereitete das
von ihnen mitgeschaffene zentralistische und rigorose Instrumen-
tarium die institutionellen Rahmenbedingungen für die Hegemonie
der Bourgeoisie über die Nation vor und förderte die subjektive
Zustimmung der Massen zu den Machtorganen des modernen Staates.
Bonaparte war über die Periode des Direktoriums hinaus teilweise
der Erbe dieser Struktur. Marx verwies mit außerordentlichem
Scharfblick auf diese zugleich notwendige und paradoxe Entwick-
lung, und zwar in seinen Schriften von 1843-1845 sowie in den
Texten, in denen er die Grundlagen der zeitgenössischen Ge-
schichte Frankreichs analysierte und die in der Zeit der großen
Bewegung von 1848-1850 erschienen.
So lernten die Besitzenden nach und nach, ihre partikularen Be-
strebungen und ihre persönlichen oder lokalen Ambitionen dem
n a t i o n a l e n I n t e r e s s e, d.h. der abstrakten Form
ihres Klasseninteresses unterzuordnen. Sie begriffen die Notwen-
digkeit, ihrer gesellschaftlichen Herrschaft eine umfassende und
auf Konsens beruhende Form zu geben, die darin bestand, daß alle
die zentralen Werte einer durch zehn Jahre Revolution
"entfeudalisierten" Gesellschaft akzeptierten. In Rouen machten
die Notabein den Präfekten zum Mittelpunkt des politischen Le-
bens.
Kommen wir jetzt zur zweiten, zur ideologischen Ebene, auf deren
Bedeutung Roger Barny in seinem Referat bereits hingewiesen hat.
Die ganze Revolution war von einem Konglomerat von Ideen geprägt,
die allesamt auf den Rousseauschen Begriff der "volonté générale"
bezogen waren. Aber während zwischen 1789 und 1792 sowohl das re-
volutionäre Ideal als auch die Verteidigung der Privilegien in
dem durch das Rousseausche Denken eröffneten Raum angesiedelt wa-
ren, wurde nach dem Thermidor der Bezug auf Rousseau selbst
preisgegeben. Die Rede von Boissy d'Anglas (Bericht an den Kon-
vent vom 23. Messidor des Jahres III, 23. Juni 1795), die Arbei-
ten der "Elfer-Kommission", die den Verfassungstext des Jahres
III vorbereitete, sowie das Wirken eines Daunou, der von wieder
in den Konvent aufgenommenen ehemaligen Girondisten unterstützt
wurde, basierten in ihren Grundprinzipien auf dem am wenigsten
typischen und am wenigsten entscheidenden Teil des G e s e l l-
s c h a f t s v e r t r a g s, und selbst dieser wurde noch
seines tieferen Sinns beraubt: Die Unterscheidung zwischen dem
N a t u r z u s t a n d, der außerhalb der Geschichte und somit
der Politik angesiedelt ist, und der b ü r g e r l i c h e n
G e s e l l s c h a f t, die allein durch das Eigentum garan-
tiert wird und daher auf der abstrakten Interessengemeinschaft
der Eigentümer beruht, diente als Rechtfertigung für die
Errichtung einer oligarchischen Macht und nicht für die all-
gemeine rechtliche Gleichheit der Bürger! Einen Staat aufbauen,
eine Verfassung schaffen, das heißt gerade, der bürgerlichen
Gesellschaft eine F o r m geben, erklärten nacheinander Boissy,
Champagny, Rolderer, Bonaparte ... Die ideologische Vereinheit-
lichung der Bourgeoisie als Grundlage ihrer Entwicklung zur
bewußten nationalen Klasse war in der Tat über ihre Selbstkritik
in Bezug auf die Theorie von Rousseau vermittelt, von der sie
sich 1789 hatte inspirieren lassen.
Und schließlich ist da noch die ökonomische Ebene, die bislang am
wenigsten untersucht wurde und am ungeklärtesten ist. Welche Kon-
sequenzen hatte, abgesehen von der Verschleuderung der National-
güter, auf die ich in Bamberg hingewiesen habe, das große libe-
rale Abenteuer der Revolution?
Welche Auswirkungen hatten der "Abbau der Barrieren" und die for-
melle Schaffung eines einheitlichen nationalen Marktes, insbeson-
dere in der Zeit des Maximalpreises, die dem Laissez-faire der
ersten Jahre folgte? Wie lassen sich die Resultate des
"Nationalisierungs"-Prozesses der Wirtschaft einschätzen und mes-
sen, der durch die Requirierungen für den Krieg, den Versorgungs-
dirigismus in den Städten, die inflationäre Welle und das Assi-
gnat-Geld bedingt war? Was wissen wir über die Konsequenzen, die
die Einstellung aller Abgabenzahlungen von 1789 bis 1793 hatte?
Über die Folgen des daraufhin einsetzenden "individuellen Auf-
schwungs"? Oder über die Sozialpolitik der Jakobiner? Welche Aus-
wirkungen konnten sich daraus ergeben, daß bis 1793 eine Politik
der Liberalisierung des Außenhandels betrieben wurde - der Re-
kordumschlag im Hafen von Le Havre war im Jahre 1793 zu verzeich-
nen -, und daß darauf die Blockade folgte, die vom Zusammenbruch
des Kolonialhandels und dann der gesamten Verteilung begleitet
war? Wie J.-C. Perrot 1974 in seinen Ausführungen über "Die neuen
Wege der Wirtschaftsgeschichte der Französischen Revolution" dar-
gelegt hat, wäre außerdem zu untersuchen, was die Erfindung und
Anwendung der modernen Statistik in den revolutionären Untersu-
chungen bewirkt haben; inwieweit sie bei den bürgerlichen Kauf-
leuten und Manufakturbesitzern, die die erste revolutionäre Welle
von 1789 lebhaft begrüßt und unterstützt hatten, die geistige
Einstellung verändert, die Fähigkeit zur Vorausschau gefördert
und die Bereitschaft geweckt haben, sich neuen, größeren Wirt-
schafts- und Spekulationsräumen zuzuwenden. Dies sind wichtige,
bislang freilich wenig erforschte Fragen. Daß wir über unsere Re-
gion, die Normandie, demnächst etwas mehr wissen werden, verdan-
ken wir der Studie von Guy Lemarchand über "Das Ende des Feuda-
lismus im Pays de Caux von 1640 bis 1795", die auch die ökonomi-
sche Entwicklung und ihre sozialen Auswirkungen in den ersten
Jahren der Revolution umfaßt. Was jedoch noch aussteht, ist die
a l l g e m e i n e Untersuchung der ab 1796 mitten in der De-
flationskrise entstehenden neuen Wirtschaftsräume, die aus der
Zersplitterung und Neubildung der alten Binnenmärkte hervorgin-
gen. Das Gleiche gilt für die Untersuchung der Differenz zwischen
der Grundrente und dem Profit aus Handels- oder Manufakturbetrie-
ben; und schließlich auch für die alte Frage des konjunkturellen
Umschlags im Jahre 1798, der die ersten Ansätze der
"industriellen Revolution" förderte, die aufgrund der Arbeiten
von L. Bergeron, D. Wbronoff und S. Chassagne dem Konsulat zuge-
schrieben wurden.
Wie hat sich unter diesen verworrenen, aber kreativen Bedingungen
des Appells an die wirtschaftliche Initiative die Mentalität der
Besitzenden entwickelt, und wie standen diese zu einem Staat und
einer nationalen Gemeinschaft, von deren Transformationsprozessen
sie zehn Jahre lang direkt betroffen waren? Diese Frage habe ich
mir gestellt, als dieses Kolloquium angekündigt wurde. Außerdem
hat mich der Beitrag von Robert Chagny und die darin geschilder-
ten Aktivitäten und der gesellschaftliche Aufstieg der Perier an-
geregt, die Dinge einmal auf dieser Ebene zu problematisieren.
Letztlich mündet die hier angesprochene Fragestellung in eine
theoretischere Reflexion über den Begriff "herrschende Klasse"
ein, der in vielen Arbeiten über das 19. Jahrhundert vorkommt,
aber unterschiedlich verstanden und definiert wird. Im heutigen
politologischen Denken gilt er als ein Begriff marxistischer Pro-
venienz, wenngleich Marx ihn nicht erfunden hat und bei weitem
nicht der einzige war, der ihn verwendete. Vor ihm hatte z.B. un-
ser Barnave in seinen Notizen aus dem Gefängnis, die heute unter
dem Titel Introduction à la Révolution française bekannt sind,
die Frage des Fortschritts unter dem Aspekt der historischen Ver-
antwortung der herrschenden Klassen behandelt. Nach Marx hat Max
Weber erneut die spezifische Rolle der verschiedenen gesell-
schaftlichen Schichten aufgezeigt und dargestellt, welche Bedeu-
tung die organisatorischen Funktionen für die Strukturierung der
herrschenden Klasse haben (Politik als Beruf, 1919).
Die von Marx geleistete Analyse des Entstehungsprozesses der
"herrschenden Klasse" ist jedoch am weitest- und tiefstgehenden.
In Die deutsche Ideologie, im Manifest sowie im ersten Band des
Kapital (3. Abschnitt) arbeitet Marx heraus, daß die
"Bourgeoisie", d.h. "die Kapitalistenklasse" sich nicht als
Klasse konstituieren kann, wenn sie sich nicht auf der Ebene des
Staates organisiert, um die Bedingungen für die erweiterte Repro-
duktion des Kapitals aufrechtzuerhalten. Könnte man nicht sagen,
daß die E n t ä u ß e r u n g d e r f r a n z ö s i s c h e n
B o u r g e o i s i e z u m S t a a t durch die Revolution ge-
nau diese Notwendigkeit i n s p e z i f i s c h e r W e i s e
zum Ausdruck gebracht hat? Nach dem Sieg war es nötig, die enge
korporative Vertretung der bürgerlichen Interessen aufzugeben,
um, vermittelt über unvermeidliche und heftige Klassenauseinan-
dersetzungen, die Gesamtinteressen des Kapitals, einschließlich
seiner Zukunftsinteressen, wahrzunehmen.
Die wichtigste und komplizierteste theoretische Arbeit, die aber
gleichzeitig die meisten neuen methodologischen Ansätze beinhal-
tet, besteht darin, zwei Dinge zusammen zu denken: Die sozio-po-
litische Revolution, die die Herrschaft der führenden Klasse be-
gründet, und die technisch-ökonomische Revolution, die die Ent-
wicklung des vormonopolistischen Industriekapitalismus begleitet
und trägt. Über dieses notwendige Konzept einer organisch verbun-
denen "doppelten Revolution" hat die von W. Markov gegründete und
von Manfred Kossok geführte Leipziger Historiker-Schule seit 20
Jahren sehr gute Untersuchungen vorgelegt; dieses Konzept reflek-
tiert je nach den gesellschaftlichen und nationalen Strukturen
die konjunkturellen und zeitlichen Dimorphismen, die Divergenzen
und Verschiebungen, die Modellwirkungen, die Antizipationen, die
Verzögerungen - denkt also die zeitliche Dimension, d. h. den
langen "Zyklus" der modernen Revolutionen, zusammen mit der
Struktur und den allgemeinen Merkmalen. Allein diese Erkenntnis
der historischen Dialektik bei der konkreten Herausbildung der
bürgerlichen kapitalistischen Gesellschaften erlaubt es uns, die
Einheit der Prozesse in der wachsenden, ja widersprüchlichen
Vielfalt ihrer Realisierung zu denken.
In Frankreich konnte nur die Verschmelzung des kapitalistischen
Bürgertums mit einer herrschenden Klasse, die aus Klein- und
Großeigentümern sowie aus Trägern staatlicher Funktionen auf al-
len Ebenen bestand, seine kulturelle und politische Hegemonie als
Realität garantieren und zugleich verschleiern, d.h. seine ge-
sellschaftliche Herrschaft als Bedingung für die Erhaltung der
Macht des Kapitals. Damit wäre letztlich auch das Wesen der poli-
tischen Autorität des Führers in der französischen Bourgeoisie
umrissen: Es ist eine Mischung aus gesellschaftlichem Prestige im
traditionellen Sinne, einer aus der Rationalität des Denkens und
Handelns erwachsenen Überzeugungskraft und eines Charismas, das
in dem durch die Verwirklichung des Prinzips der nationalen Sou-
veränität gewonnenen Vertrauen wurzelt. Hier decken sich unsere
Ausführungen teilweise wieder mit denen von Max Weber. Aber ist
die politische Autorität nicht deswegen zu einem Bestandteil un-
seres öffentlichen Lebens geworden, weil die Revolution die er-
sten Formen der modernen Demokratie ins Leben gerufen hat?
Demokratie, Bourgeoisie, Kapitalismus - zum Schluß möchte ich
feststellen, daß dies unsere ältesten und klassischsten analyti-
schen Kategorien sind.
Bibliographie
-------------
Jacobinisme et Revolution, autourdu bi-centenaire de 1789, Claude
Mazauric, Paris, 1984, insbesondere die Seiten 75-114 und 114-
141. Das Kolloquium von Bamberg wurde von E. Schmitt und R.
Reichhardt unter dem Titel Die Französische Revolution - zufälli-
ges oder notwendiges Ereignis? veröffentlicht, München/Wien,
1983.
Kapital, 1. Band, neue Übersetzung, Ed. Soc. 1983, S. 178-179.
Dictionnaire du Marxisme, hrsg. von Georges Labica, PUF, 1983.
Revolution and Red Tape: the French Ministerial Bureaucracy
(1770-1800), C. Church, Oxford, CP. 1981.
Oberkampf, un entrepreneur capitaliste au siede des Lumieres. S.
Chassagne, Paris, Aubier 1980.
Les hauts fonctionnaires en France au XIXe siede, Ch. Charle, Pa-
ris, 1980, col. "Archives".
Grands notables du Premier Empire, notices de biographie socia-
les, L. Bergeron und G. Chaussinand-Nogaret, Bd. 1-5 (insgesamt
23 Departements). Einen informativen Vergleich über die Radikali-
sierung/Transformation einer Gruppe und einer Revolution bietet
der Beitrag "Mouvements revolutionnaires dans l'Europe moderne,
un modèle" von E. Barnavi, Revue historique 1984, 549, S. 47 so-
wie "Debats et combats, la Ligue à Paris" von R. Descimon, Anna-
les E.S.C. Januar-Februar 1982, S. 83.
Zu Daunou siehe das Referat von E. Guibert-Sledziewski, ,Les
ideologues, une approche de rHomme un et indivisible, Daunou",
Seminar über die Geschichte des Materialismus von O. Bloch, 26.
Februar 1983.
Erwartet wird die Herausgabe von Anthologien **) von Marx und En-
gels über die Französische Revolution durch Claude Mainfroy bei
Editions Sociales und durch F. Furet bei Flammarion. 1985 wird
das Institut für marxistische Forschungen (I.R.M.) ein Kolloquium
über "Marx und die Französische Revolution" veranstalten.
Übersetzung aus dem Französischen: Ilse Utz
_____
*) Anmerkung der Herausgeber: Auf die Bitte des Autors hin brin-
gen wir im folgenden den Text des Referats, das Claude Mazauric
auf einem Kolloquium in Grenoble im Jahre 1984 gehalten hat (Les
bourgeoisies provinciales à l'epoque de la Révolution française,
Grenoble, PUG, 1987). In diesen Text wurden drei schriftliche Er-
gänzungen aus dem Jahre 1987 eingefügt, die kursiv gedruckt sind.
Sie haben lediglich den Zweck, die methodologische Vorgehensweise
von Claude Mazauric zu verdeutlichen.
**) Als dieses Referat veröffentlicht wurde, waren diese Bände
erschienen; der erste 1984, der zweite 1986. Das Kolloquium des
I.R.M. fand in Zusammenarbeit mit dem C.N.R.S. statt, die Be-
richte wurden in den Cahiers d'Histoire de l'I.R. M. (im Septem-
ber 1985) sowie in La Pensée (im Februar 1986) veröffentlicht.
zurück