Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 14/1988
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DIE VERSORGUNGSFRAGE UND DIE FRANZÖSISCHE REVOLUTION
Susanne Petersen
Keine große Revolution - schon gar nicht die Französische - ist
aus dem Hunger geboren; weder erzeugt Hunger automatisch Revolte,
noch sind Versorgungsunruhen zwangsläufig revolutionär. Eine Ge-
sellschaftsordnung, die historisch nicht überlebt ist, die nicht
auch in einer allumfassenden politischen, ökonomischen und sozia-
len Krise steckt, die nicht auf allen Ebenen Potenzen freisetzt,
die sich auf Reformen nicht ausschließlich mehr beschränken las-
sen - eine derartige Gesellschaft würde kaum unter einer Hunger-
revolte zusammenbrechen. Bei Erforschung von Ursachen, Anlaß und
Verlauf von Revolutionen hilft es wenig, den Hunger in vulgärma-
terialistischer Manier als revolutionäre "Triebkraft" zu über-
schätzen oder die Revolution auf eine Kalorienfrage zu reduzie-
ren. Wichtig ist aber, seinen Einfluß auf die Motive der Handeln-
den, der Passiven oder Oppositionellen zu ergründen, im Vergleich
mit vorrevolutionären Hungerunruhen Ähnlichkeiten wie Unter-
schiede zu jenen der Revolutionszeit herauszuarbeiten und die
alltäglichen Lebensbedingungen der Masse der Bevölkerung so weit
wie möglich zu konkretisieren. Denn anders wird es schwerlich
möglich sein, die Wurzeln von Angst, Panik oder Gewalt, aber auch
von Hoffnung, Begeisterung und Patriotismus bis zu ihren Spitzen
zurückzuverfolgen.
Obwohl Frankreich 1709/10 seine letzte große Hungersnot erlebt
hatte, beobachteten die Herrschenden auch im weiteren Verlauf des
18. Jahrhunderts die Versorgungsfrage mit besonderer Aufmerksam-
keit. Denn der Brotkonsum war damals (und nicht nur in
Frankreich) wesentlich höher und bedeutender als heute: Brot bil-
dete in Europa sowie im Mittelmeerraum d i e Ernährungsgrund-
lage. Die Bemühungen der historischen Ernährungsforschung, ein
genaues, chronologisch sowie nach Regionen und sozialer Position
differenziertes Bild von der Versorgungslage und den Ernährungs-
gewohnheiten der französischen Bevölkerung im 18. Jahrhundert zu
zeichnen, stoßen auf große Schwierigkeiten und methodische Pro-
bleme. 1) Fest steht, daß sich in Frankreich früher als in ande-
ren Ländern das Weizenbrot als wichtigstes Grundnahrungsmittel
durchsetzte. Die durchschnittlichen Tagesrationen bewegten sich
zwischen 500 g und 1,2 kg Brot pro Person und Tag; von 700-800 g
Brot aufwärts wurden die Rationen als ausreichend angesehen, wo-
bei für Männer stets ein höherer Bedarf als für Frauen und noch
viel weniger für Kinder angesetzt wurde. Je nach Preis- und Lohn-
niveau konnten die Ausgaben für Brot 50-90% einer einfachen
Durchschnittsfamilie ausmachen. Im Unterschied dazu sank die
Fleischversorgung im 17. und 18. Jahrhundert landesweit (wie auch
auf dem übrigen europäischen Festland). Aber es ist bislang
selbst für Paris kaum möglich, den Fleischanteil an der Ernährung
sozialdifferenziert in bestimmten Perioden zu ermessen. Verallge-
meinernd wird für Paris am Vorabend der Revolution gesagt, daß
nur die vornehmen Pariser Haushalte erstklassiges Rindfleisch er-
hielten, während mindere Ware mit Knochen ans Volk ging und
Schlachtabfalle sowie Innereien außerhalb der Schlachtereien Ar-
men angeboten wurden. 2) Aber immerhin sah auch das Allgemeine
Maximum Höchstpreise verschiedener Fleischsorten vor, gaben Unru-
hen vor den Schlachtereien zur öffentlichen Sorge Anlaß und führ-
ten sogar im Jahre II zu einer Fleischrationierung - alles Indi-
zien dafür, daß Fleisch auch eine wachsende Bedeutung für das
einfache Volk besaß. Was die Getränke angeht, so ist der relativ
hohe Weinkonsum, der vom späten Mittelalter bis zur Neuzeit be-
legt und auch im übrigen Europa anzutreffen ist, ein Zeichen da-
für, daß viele Menschen vor Wasser als Getränk wegen seiner hohen
Verschmutzung zurückschreckten. Hinzu kam, daß in Notzeiten Kalo-
rieneinbußen durch höheren Alkoholkonsum kompensiert wurden. In
Paris ging der Bierverbrauch in der letzten Hälfte des 18. Jahr-
hunderts erheblich zurück, während der Milch"kaffee" eine wach-
sende Bedeutung für die Ernährung von Pariser Tagelöhnern er-
hielt. Bei anderen Lebensmitteln sind nur grobe Tendenzen zu um-
reißen: extrem wenig Milchprodukte, Fisch in einigen Fällen, vor
allem an der Küste oder in der Nähe fischreicher Gewässer,
manchmal Käse, Butter oder Öl, viele Suppen, aber kaum Gemüse.
Gerade bei den letztgenannten Konsumartikeln mögen die Unter-
schiede in Stadt und Land erheblich gewesen sein. Neuere Untersu-
chungen betonen die Bedeutung von Kneipen für die Volksernährung
der größeren Städte; dies gilt besonders auch für die Vorstadt-
kneipen, die wesentlich billiger waren, weil sie weniger Steuern
zu entrichten hatten. Noch kostengünstiger war die Versorgung mit
Essensresten verschiedener Kategorien, auf die sich allein in Pa-
ris ca. 6000 Personen, insbesondere Frauen, spezialisiert hatten.
3) Fundierte Untersuchungen zum gesamten Pariser Hallen- und
Marktkomplex sowie zu den Bäckereien fehlen aber für das Ancien
Regime wie für die Revolutionszeit. Besondere Schwierigkeiten be-
reitet die Rekonstruktion der Konsumgewohnheiten von Kleinbauern,
Landlosen und Tagelöhnern, weil sich ihr Konsum eigener Produkte
so schwer ermessen läßt. Braudel spricht zwar davon, daß "der"
Bauer häufig mehr als seine Überschüsse und vor allem seine be-
sten Erzeugnisse wie Geflügel, Eier oder Kleinvieh verkauft, sich
selbst vornehmlich mit Hirse und Mais als Brei oder Suppe ernährt
und allenfalls einmal die Woche gepökeltes Schweinefleisch geges-
sen habe, aber seine Beschreibung stützt sich vor allem auf Zeit-
zeugen, weniger auf eigene Untersuchungen. 4)
Nicht die gesamte französische Bevölkerung ernährte sich also
gleichermaßen und von den gleichen Speisen, aber im wesentlichen
doch von Brot. 5) Vom Angebot an Getreide, vor allem Weizen, hing
also ihre Versorgung ab. Dies mußte sich aber einfach deshalb im-
mer schwieriger gestalten, weil das rasante Bevölkerungswachstum
- von ca. 22 auf 28 Millionen im Laufe des 18. Jahrhunderts -
nicht durch eine nennenswerte Entwicklung der landwirtschaftli-
chen Produktivität kompensiert werden konnte: Nach wie vor wurden
auf ein ausgesätes nur sechs Körner geerntet, und wenn - was al-
lerdings geschah - die Anbauflächen ausgedehnt wurden, so ging
dies zu Lasten der Viehwirtschaft und damit wiederum, weil Dünger
ausfiel und weniger fruchtbare Böden unter den Pflug genommen
wurden, zu Lasten der Produktivität des Ackerbaus. 6) Daß dieser
säkulare Prozeß der Auseinanderentwicklung von Bevölkerungs- und
Produktivitätsentwicklung allen Versorgungskrisen letztlich zu-
grundelag, konnte von den betroffenen Zeitgenossen freilich kaum
wahrgenommen werden - daher auch, wie noch zu zeigen sein wird,
die tief in der Volksmentalität verankerte Neigung, nach persön-
lich haftbar zu machenden "Schuldigen" zu suchen und "Komplotte"
aufzudecken. Nicht zu übersehen war andererseits die gleichsam
zwangsläufige Folge dieses Prozesses: In der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts stieg der Getreidepreis um 52%. Für den Markt
produzierende Großbauern profitierten davon, während Tagelöhner
und Kleinbauern die in Naturalien erhobenen Feudalabgaben, spezi-
ell den Kirchenzehnten, als umso drückender empfanden, weil sie
selbst Brot kaufen mußten. Gleiches gilt für die städtischen
Volksmassen, deren Einkommen hinter der rasanten Preisentwicklung
weit zurückblieben - die Löhne der Bauarbeiter etwa stiegen nur
um 25% -; unmittelbar vor der Revolution mußten sie 90% und mehr
nur für den Brotbedarf ihrer Familie aufwenden. 7)
Wenn das Getreide knapper wird, so verschärfen sich die Probleme
der Verteilung - dies schon in rein technischer Hinsicht. Denn
die Verkehrsverbindungen waren schlecht. Das schwere Getreide
wurde am kostengünstigsten und schnellsten auf dem Wasserwege
verfrachtet, aber wie mangelhaft war das Kanalsystem und in welch
lamentablem Zustand befanden sich Wege und Fuhrwerke! Auch konn-
ten die größeren Städte mit Ausnahme Marseilles nicht durch die
Küstenschiffahrt beliefert werden wie in England. Hinzu kamen
Konservierungsprobleme von Getreide bzw. Mehl, die erst kurz vor
der Revolution wichtige Neuerungen erfuhren. So konnte es selbst
in Jahren mit "normaler/ausreichender" Ernte doch zu regionalen
Engpässen, Teuerungen, Hungersnöten kommen. 8)
Im Hinblick auf die landwirtschaftliche Struktur wird Frankreich
gemeinhin in drei Zonen unterteilt: 9) Nördlich der Loire domi-
nierten großbäuerliche Besitzungen; als "Kornkammer" Frankreichs
war diese Zone für die Versorgung der Hauptstadt, anderer größe-
rer Städte und bei vorzüglichen Ernten gar für den Export zustän-
dig. Zur zweiten Zone zählten die gebirgigen bzw. hügeligen Ge-
biete im Landesinnern sowie an den Grenzen (Alpen, Pyrenäen, Ce-
vennen, Auvergne), für die eine Produktion auf kleiner Stufenlei-
ter sowie ein gewisser Viehbestand charakteristisch war. Ihr Ge-
treide reichte zumeist nicht einmal dazu, den Eigenbedarf zu dec-
ken, geschweige denn, andere Märkte zu beliefern oder größere
Städte zu versorgen. Die Bauern dieser Region traten häufig schon
im Winter als Käufer auf. Die dritte Zone schließlich bildete
Südfrankreich, das Land des Oliven- und Weinanbaus. In einigen
Regionen erreichte der Wein eine solche Güte, daß die Bauern sich
vollends darauf konzentrierten, auf kleinen Gütern eine exporto-
rientierte Monokultur zu betreiben, und so für ihren Brotkonsum
fast gänzlich auf den Erwerb angewiesen waren. Es erwies sich als
ausgesprochen günstig, daß sich im Verlauf des 18. Jahrhunderts
Marseille zu einer Anlaufstelle auch für Getreideimporte (aus Si-
zilien) entwickelte. Im Süden litten die Bauern allerdings erheb-
lich unter dem Verfall des Weinpreises in den 80er Jahren sowie
unter einer Dezimierung des Viehbestands.
Versorgungsprobleme ergaben sich nicht nur aus diesen regionalen
Unterschieden, sondern auch durch den immensen Bedarf der Haupt-
stadt Paris, deren 700000-800000 Einwohner auf Kosten des Umlan-
des und der Reichtümer der Zone 1 lebten: 10) Ausgewählte Pariser
Getreide- und Mehlhändler genossen Vorkaufsrechte in einer 8-10-
Meilen-Zone rund um die Hauptstadt. Hunderte von Bäckern des Um-
landes belieferten die Pariser Märkte allwöchentlich mit Brot.
Darüber hinaus kam Paris, wie andere Großstädte auch, in den Ge-
nuß ausländischer Getreideeinkäufe, und der König beauftragte
eine Handelsgesellschaft damit, ausreichende Vorräte für den Kri-
senfall anzulegen. Trotzdem war die Pariser Versorgung potentiell
gefährdet, weil die Verkehrsverbindungen langwierig, kostspielig
und anfällig blieben, und Schwankungen in Angebot und Nachfrage
mit erheblichen Preiseinbrüchen und Panikreaktionen nicht verhin-
dert werden konnten. Allerdings zeichneten sich in der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts auch wichtige Verbesserungen ab: Der
Mehlhandel gewann wesentlich größere Bedeutung als der Getreide-
handel, wodurch der Weg vom Produzenten zum Konsumenten verkürzt,
billiger und - angesichts der bewirkten technologischen Verbesse-
rungen - auch effektiver wurde.
Diese aus regionalen wie lokalen Unterschieden erwachsenden Pro-
bleme erhielten zusätzliche Impulse von saisonalen Erscheinungen:
11) So gab es in jedem Erntejahr potentiell krisenanfällige Peri-
oden, die sich in Engpässen bei größeren Märkten zeigten: Mai bis
Mitte August galt als gefährdete Phase in Nordfrankreich; im
Süden April bis Mitte Juli. Die Vorerntezeit war zugleich die
Phase mit den höchsten Getreidepreisen und den geringsten Vorrä-
ten. Besonders viele Transportbehinderungen ereigneten sich im
März und April, weil dann auch die ländlichen Kleinproduzenten
schon selbst Getreide einkaufen mußten und die Flüsse wieder be-
schiffbar waren. Interessanterweise gab es unmittelbar nach der
Ernte gewöhnlich nur wenige Unruhen und Taxierungsbewegungen,
auch wenn die Aussaat drängte, das Korn gedroschen und gemahlen
werden mußte, also jene nicht sofort zur Entspannung der Markt-
versorgung beitragen konnte. Das lag wohl vor allen Dingen daran,
daß in den ersten Monaten nach der Ernte noch gar nicht abzu-
schätzen war, wie gut oder schlecht sie national ausgefallen war.
Auch hinsichtlich der Marktversorgung und der Hauptabnehmer las-
sen sich drei Phasen unterscheiden: 12) Die Kleinbauern mußten
ihre Ernteerträge sofort auf den Markt werfen, d.h., von Ende
September bis Dezember verkauften sie zu Niedrigstpreisen, weil
sie über keinerlei Rücklagen verfügten, um mindestens die näch-
ste, von Dezember bis Ostern reichende Phase mit ihren steigenden
Preisen abwarten zu können. Auf den Märkten dominierten jetzt die
Mittelbauern, während die Kleinbauern schon als Konsumenten in
Erscheinung traten. Die letzte Phase schließlich, von Ostern bis
September, war die Zeit der Großbauern und Getreidegroßhändler,
denen sich alle übrigen ausgeliefert fühlten. Denn sie allein
verfügten über ausreichend hohe Rücklagen, so daß sie diese Phase
höchster Preise und Gewinne geduldig abwarten konnten, bevor sie
auf den Märkten als Anbieter und nicht länger als Aufkäufer bil-
liger Getreideangebote auftraten. Aber es gab nicht nur bestimmte
Monate, die für Versorgungsunruhen prädestiniert waren, es lassen
sich auch bestimmte Wochentage 13) ausmachen, an denen es beson-
ders oft zu Taxierungsaktionen bzw. Transportbehinderungen kam:
Stets handelte es sich um Markttage. Montage waren besonders ge-
fürchtet als Tage, die für Trinkerei und Nichtstuerei berühmt wa-
ren. Nach Einführung des Revolutionskalenders verlagerten sich
die Unruhen häufig auf den 10. Tag, den Feiertag der Dekade.
Unter dem Eindruck der säkularen Teuerung des wichtigsten Grund-
nahrungsmittels, den davon zusätzlich verstärkten regionalen Dis-
paritäten und verschärften saisonalen bzw. alltäglichen Versor-
gungsproblemen sowie den politischen Potenzen, die Versorgungs-
schwierigkeiten freisetzten, griffen die Regierungen des Ancien
Regime in Notzeiten mit Reglementierung in die Produktions- und
Distributionssphäre ein. 14) Der damaligen paternalistischen
Ideologie zufolge mußte "der Staat" bzw. der König wie ein Fami-
lienvater für "sein Volk" sorgen. Sein dirigistisches Instrumen-
tarium reichte vom Zwang, alles Getreide auf dem Markt verkaufen
zu müssen, über Vorratsangaben, -kontrollen und -requirierungen,
Preisfestsetzungen, Qualitäts- und Gewichtskontrollen, die in
Notzeiten besonders den Bäckern, aber auch den Getreide-und Mehl-
händlern sowie den Müllern galten. Reichten die heimischen Vor-
räte nicht aus, so subventionierte die Regierung Getreideeinkäufe
großen Stils im Ausland, besonders in den baltischen Ländern, Ir-
land, Amerika oder Sizilien bzw. begünstigte Handelskompanien al-
ten Stils gegenüber Privathändlern. All diese Eingriffe waren der
Handelsbourgeoisie ein Dorn im Auge, und sie fand eloquente Un-
terstützung durch die Physiokraten und Aufklärer, die sich wort-
gewaltig für die uneingeschränkte Handelsfreiheit einsetzten, als
conditio sine qua non zur Schaffung eines nationalen Marktes. In
den Jahren 1764 und 1774-76 hatten sie Erfolg. Aber die Umsetzung
dieser Liberalisierungsversuche scheiterte nun nicht nur - wie
von Zeitgenossen und Historikern gern angeführt - an überkommenen
Vorurteilen, sondern an den ökonomischen Rahmenbedingungen
selbst, mit ihren erheblichen Distributionsproblemen, der relativ
niedrigen Produktivität und den regionalen Unterschieden. Dir
Scheitern stärkte auf der anderen Seite die Reglementierungsbe-
fürworter und vergrößerte die populäre Abneigung gegen die Han-
delsfreiheit ebenso wie die alten Ängste vor einem Hungerkom-
plott. 15)
Wie nun reagierte die von Brot abhängige Bevölkerung auf Eng-
pässe, Teuerung oder schlechte Ernteprognosen? Schon in vorrevo-
lutionärer Zeit hatte der Hunger latent vorhandene Interessendi-
vergenzen immer wieder neu aufbrechen lassen 16): Die Konkurrenz
der Städte um vorhandene Getreideressourcen, alle Städte gegen
eine Bevorzugung von Paris, städtische gegen ländliche Konsumen-
ten, kleinstädtische Konsumenten gegen bäuerliche Produzenten,
Großbauern gegen Kleinbauern, getreideproduzierende Regionen ge-
gen getreidearme Gebiete ... Die Vielzahl potentieller Kon-
fliktherde, ihrer sozialen Konsequenzen und Überlagerungsmöglich-
keiten, unterstreicht, wie wichtig es ist, bei jeder Versorgungs-
unruhe den lokalen, sozialen und nationalen Kontext zu berück-
sichtigen. Auch offenbart diese Vielfalt, wieviel Dynamik eine
Verschärfung des Hungers in sich barg, was sich in Partikularis-
mus, Regionalismus und Separatismus Luft verschaffen konnte - ein
Aspekt, der für die Ursachenforschung konterrevolutionärer Bewe-
gungen von großer Bedeutung ist.
Es waren zumeist Frauen, die die Verantwortung für die Ernährung
aller Familienmitglieder trugen, denn sie hatten oftmals keine
festen Stellen, fielen durch Geburt, Wochenbett oder Stillzeiten
zwangsläufig häufiger aus und verdienten stets weniger als Män-
ner. Frauen prägten das Bild an den neuralgischen Punkten der
städtischen Versorgung: auf den Märkten oder vor den Bäckereien.
Eine Unzahl von Dokumenten belegt 17), wie lange sie in Notzeiten
um Brot anstanden, wie begierig sie jedes Gerücht aufgriffen, wie
groß ihre Ängste waren und wie sich langsam Unmut entwickelte,
der sich bald gegen den Produzenten, Lieferanten oder Verkäufer,
bald gegen die Konkurrenz in den eigenen Reihen richtete, oder
auch ganz pauschal gegen "die Regierung" ging, die ihre Pflicht
nicht erfüllte. Und da kleinbürgerliche und plebejische Frauen
über wenig Geldmittel verfugten, um auf Vorrat einzukaufen, muß-
ten sie tagaus, tagein, bei welchem Wetter auch immer, oft stun-
denlang und mit drückenden Lohneinbußen um Brot anstehen. Dabei
lernten sich etliche Frauen schon deshalb besser kennen, weil sie
bei Bäckern der Nachbarschaft für einen gewissen Zeitraum auf
Pump einkaufen konnten, oder weil sie sich ohnehin schon aus
Nachbarschaft und von der Straße kannten.
Nicht Einsicht in langfristige Transformationsprozesse prägte das
Herangehen von Frauen an Versorgungskrisen, sondern die Suche
nach konkreten Ursachen und dingfest zu machenden Urhebern. In
den Städten gerieten als erste die Bäcker in Verdacht, die Krise
auszuschlachten, Engpässe künstlich hervorzurufen, um die Brot-
preise in die Höhe zu treiben, am Brotgewicht auf Kosten der Ver-
braucher zu sparen oder die Qualität durch Beimischung minderwer-
tiger Mehle zu manipulieren. 18) Aber auch Großbauern, private
Getreidehändler oder Müller kamen ihnen vor allem deshalb ins Vi-
sier, weil sie von ihnen so abhängig waren, während diese noch an
ihrer Misere verdienten. Auf drohende Verelendung folgten nicht
nur verbale Injurien. Manche Frauen resignierten, bettelten; doch
nach einer gewissen Leidenszeit reichte oft ein kleiner Anlaß, um
Frauen zu Transportbehinderungen, Preisfestsetzungen, Ladenstür-
men oder gar körperlichen Attacken, kurz, zu Aktionsformen zu be-
wegen, die illegal waren. Die besonders aktive Rolle der Frauen
bei derartigen Tumulten erklärt Hufton vor allem mit deren Ver-
antwortung für die Familie, ihrer Angst vor der Armut, die den
Zusammenhalt der Familie in Frage gestellt hätte, sowie der
Straffreiheit, auf die Frauen gemeinhin rechnen konnten. 19) Di-
rekte Bedürfnisbefriedigung in der Masse, die anfangs spontan,
dann aber nach einem bestimmten Ritual mit Anführerinnen, einer
gewissen Ordnung, einem "Volksgesetz" ablief, lautete die Antwort
vieler den Hunger fürchtender Frauen. Denn sobald "die Regierung"
ihre Aufgabe nicht erfüllte und die Versorgungslage vieler Men-
schen aufs Spiel setzte, wurde es von den Betroffenen als durch-
aus legitim angesehen, selbst zur Tat zu schreiten, um ihr Über-
leben sicherzustellen. Diese Konsequenz machte den entscheidenden
Unterschied zwischen der "moral economy of the poor" (Thompson)
20) und der paternalistischen Ideologie eines Delamare aus. Hin-
gegen suchten Frauen nur relativ selten (1 von 6 Verhaftungen bei
Pariser Lebensmitteldelikten) einen Ausweg im individuellen Dieb-
stahl. 21)
Dominierten bei den Brotkonsumenten der Klein- und Großstädte
sog. Taxierungsbewegungen als Höhepunkte von Versorgungsunruhen,
reagierte die konsumabhängige Landbevölkerung eher mit Transport-
behinderungen - ein wesentlicher Unterschied, der bis ins 19.
Jahrhundert gültig sein sollte. Der Abtransport von Getreide,
Mehl oder Brot wurde gestoppt, die Ladung zu taxierten Preisen
unter die unmittelbar Beteiligten und Herbeieilende verkauft, und
manchmal wurden auch neue Festpreise für die Märkte eingeführt.
Der sog. Mehlkrieg vom Mai 1775, der nach gescheiterten Liberali-
sierungsversuchen in der Pariser Umgebung ausbrach, ist ein Indiz
dafür, in welchem Maße Getreidelieferungen nach Paris verhaßt wa-
ren, welche Reaktion im Krisenfalle dadurch ausgelöst werden
konnte 22) - Impulse, die auch bei den ländlichen Versorgungsbe-
wegungen der Revolutionszeit wieder aufzuspüren sind.
So wichtig es ist, die Versorgungsfrage und die durch sie ausge-
lösten Reaktionen von Konsumenten, Produzenten oder Herrschenden
in der longue durée, d.h. von Mitte des 17. bis Mitte des 19.
Jahrhunderts zu betrachten, weil sie dieser vorkapitalistischen
Phase eigentümliche Protestformen auslöste, so unerläßlich ist es
aber auch, bedeutende Einschnitte zu markieren und im Vergleich
zu früheren und späteren Perioden zu untersuchen. Eine solche Zä-
sur markierte die Französische Revolution, insbesondere die Jahre
1789"95, weil der Versorgungsfrage nicht zuletzt des Krieges we-
gen eine große bündnispolitische Brisanz zuwuchs.
Die Beiträge der klassischen Revolutionshistoriographie, insbe-
sondere von Michelet, Jaures, Mathiez, Lefebvre, Soboul und Rudé
unterstreichen mit wachsender Deutlichkeit, wie sehr Versorgungs-
schwierigkeiten mit ihrem Mobilisierungseffekt die politische
Entwicklung bis hin zur Jakobinerherrschaft und ihrem Ende mitbe-
stimmt haben 23): Sei es, daß die schlechte Ernte von 1788/89 die
Anhängerschaft des Ancien Regime drastisch zusammenschmelzen
ließ, sei es, daß sie so mancher journée den entscheidenden
Impuls gab oder konterrevolutionären Bewegungen mehr Anhänger
zutrieb. Die neugeschaffenen Nationalversammlungen reagierten
unterschiedlich, je nach Lage der Dinge bzw. dem Druck der
Massen, wobei allerdings der Wille unverkennbar war, von den
alten Reglementierungen für immer Abschied zu nehmen. Die Reprä-
sentanten der revolutionären Bourgeoisie hatten die Handels-
freiheit auf ihre Fahnen geschrieben. Die relativ guten Ernten
der Jahre 1790/91 ließen die Versorgungsschwierigkeiten zumindest
im nationalen Maßstab etwas in den Hintergrund treten und
ermöglichten so, daß erste Liberalisierungspläne realisiert wur-
den. Dann aber wirkten sich verschiedene Faktoren wie die
Verwaltungsneuordnung, vor allem aber Krieg und Inflation, so
negativ aus, daß unter dem Eindruck von Volksbewegungen wieder
Abstriche vom Liberalisierungsprogramm gemacht werden mußten. Im
September 1792 wurden Getreidebestandszählungen und -requirie-
rungen angeordnet, die allerdings schon wenige Monate später,
Anfang Dezember 1792, der Proklamierung einer absoluten Getreide-
handelsfreiheit zum Opfer fielen. Im Mai 1793 leitete dann das 1.
Getreidemaximum - wie halbherzig auch immer - eine Politik des
Dirigismus ein, die für die Jakobinerherrschaft später als ty-
pisch gelten sollte: Einrichtung von Vorratsmagazinen (9. August
1793), Getreidebestandszählungen, national-einheitliche Getreide-
höchstpreise (11.9.1793), Allgemeines Maximum (29.9.1793) mit
seinem komplizierten System von variablen Höchstpreisen für die
notwendigsten Bedarfsgüter und -löhne, Einrichtung einer
nationalen Lebensmittelkommission, die sich zur Versorgungs-
zentrale des Landes entwickelte, die Durchführung des Maximums
kontrollierte, Getreideerträge koordinierte, Versorgung von
benachteiligten Regionen sowie die Belieferung der Armeen
mitbetreute. Nach dem Sturz Robespierres und der Konsolidierung
der bürgerlichen Herrschaft machten die Thermidorianer schon we-
nige Monate später mit dem Dirigismus und dem Allgemeinen Maximum
Schluß, und die Pariser Sansculotten erlebten einen der schlimm-
sten Hungerwinter.
Die beiden großen Versorgungsdebatten des girondistischen Kon-
vents (November/Dezember 1792; April/Mai 1793) verdienen beson-
dere Aufmerksamkeit deshalb, weil sie die gründlichsten Kontro-
versen über das Prinzip Handelsfreiheit bzw. Dirigismus waren
24); sie akzentuieren die wirtschaftspolitischen Unterschiede
zwischen Girondisten und Montagnards und lenken zugleich den
Blick auf die bündnispolitischen Konsequenzen der einen wie der
anderen Position. Das Ergebnis der ersten Debatte, die Dekretie-
rung der absoluten Handelsfreiheit, stempelte die Pariser Sanscu-
lotten zu den Verlierern, das der zweiten, die Dekretierung eines
Getreidehöchstpreises, zu den Gewinnern. Aber es waren nicht die
hauptstädtischen Konsumenten gewesen, die eine Getreidepreisfest-
setzung gefordert hatten, sondern Versailler Frauen und mit ihnen
weite Teile der Landbevölkerung aus den benachteiligten Regionen.
Die Pariser Sansculottenbewegung setzte sich vielmehr für einen
niedrigen Brotpreis landesweit ein. Dennoch konnte auch die Pari-
ser Volksbewegung das 1. Getreidemaximum als einen Teilerfolg
verbuchen, weil sich damit das Prinzip: Höchstpreispolitik durch-
gesetzt hatte. Als unter dem Eindruck massiver Manifestationen
der Pariser Bevölkerung im Herbst 1793 das Allgemeine Maximum
eingeführt wurde, fand eine prinzipielle Erörterung dieser massi-
ven Einschränkung liberaler Wertvorstellungen gar nicht mehr
statt; es ging nur noch um den Modus.
Die Betroffenen brachten ihre überkommenen Ängste vor Brotmangel
und Hungerkomplott sowie ihre negativen Erlebnisse mit Liberali-
sierungsversuchen und ihre Erfahrungen mit den verschiedensten
Protestformen in die Revolution mit ein. Als die Ernte 1789 be-
sonders schlecht ausfiel und der Getreide-und Brotpreis in ganz
Frankreich massiv anzog, wurde die Versorgungsfrage zu einem
wichtigen Impuls bei den das ganze Land überziehenden antifeuda-
len Volksbewegungen der Grande Peur, sie prägte auch das sozial-
ökonomische Umfeld des 14. Juli und stand im Zentrum des Marsches
der Pariser Frauen nach Versailles, am 5./6. Oktober 1789. Akti-
onsformen wie Inhalte und Opfer der Versorgungsunruhen blieben
zunächst weitgehend identisch mit jenen des Ancien Regimes und
wie diese Ausdruck von Hoffnungslosigkeit, Protest oder dem
Wunsch nach sofortiger Existenzsicherung. Aber es mehrten sich
die Anzeichen, daß die revolutionären Umbrüche die Versorgungs-
frage auch aus der Sicht vieler Betroffener zu einem Politikum
werden ließen: Gegenüber dem traditionellen Repertoire von Formen
reaktiven Protests und tumultuarischer Auflehnung, das auch wei-
terhin durchaus ausgeschöpft wurde, gewannen neue Aktionsformen
an Gewicht, die den Anspruch auf positive Gestaltung von Wirt-
schaftspolitik deutlich hervortreten ließen. Neu war das Gegen-
über: der gewählte und rechenschaftspflichtige Lebensmittelver-
walter, neu waren die politischen Hebel, die in Bewegung zu set-
zen waren, die institutionellen Möglichkeiten der Einflußnahme,
in Ansätzen sogar einer dauerhafteren Selbstorganisation - Aus-
druck sansculottischer Vorstellung und Praxis direkter Demokra-
tie. Gerade in Paris, diesem politischen Kristallisationspunkt
par excellence, der Hauptstadt der Revolution, setzte sich von
1789 bis 1794 eine Politisierung durch, die im übrigen Frankreich
ihresgleichen sucht, weil nur hier eine direkte Beeinflussung na-
tionaler Entscheidungen möglich war. Immer häufiger gelangten et-
liche Konsumentinnen dazu, ihre Unzufriedenheit und Sorge über
ihre Lebensbedingungen den gewählten Gremien, den Sektionen, dem
Generalrat der Kommune, politischen Klubs vorzutragen, Forderun-
gen zu entwickeln, zu begründen und zu verbreiten; Absprachen mit
anderen Sektionen zu treffen, ihre Anhängerschaft durch Propagie-
rung ihrer Forderungen in der Öffentlichkeit zu vergrößern und
vielleicht sogar die Revolutionspresse in diesem Sinne einzu-
schalten; ihre Petitionen den zuständigen Gremien, Kommune, Na-
tionalversammlung oder den Ausschüssen zur Behandlung vorzulegen
und die Umsetzung genauestens zu kontrollieren; die Lebensmittel-
verwalter mit öffentlichem Mißtrauen zu überziehen, z.B. durch
eigenmächtig nominierte Lebensmittelkommissare ... kurzum: Sie
stießen zu Aktionsformen vor, die der punktuellen, auf kurzfri-
stige Bedürfnisbefriedigung ausgerichteten Intervention von Kon-
sumenten im Ancien Régime abging.
--------------------------------------
/ Ziel:
/ Existenzsicherung
-------------------------------------------
¦ ^
¦ /
¦ Konvent/Ausschüsse
¦ ------+------>
¦ ^ ¦
¦ Kommune¦ ¦
individueller ------+ ¦
Diebstahl ^ ¦
¦ Klubs¦ ¦
¦ ----+ ¦
¦ ^ ¦
Sektionen¦ ¦ ^
--------+ ¦ / Kollektive
^ ¦ ¦ / Taxierungs-
¦ ¦ v / aktionen
------------->+---+-----------------------+--------------------
Versorgungs- Angst, wachsende Engpässe,
schwierigkeiten > Unruhe > zunehmende Knappheit
Die Bedeutung des politischen Elements bei der ökonomischen In-
teressenvertretung, die herausragende Rolle von Frauen, die sich
bei derartigen Gelegenheiten politische Rechte eroberten, die ih-
nen de jure gar nicht zustanden, machten diese neue, der Revolu-
tion entsprungene Qualität aus. Allerdings betrifft dies nur eine
kurze Phase (mit Einschränkungen bis 1795) und wahrscheinlich vor
allem die Pariser Situation. In welchem Umfange sich im ganzen
Lande die Konsumenten/innen die neuen politischen Gremien zunutze
machten, Druck ausübten und Erfolge errangen, gilt es im einzel-
nen zu erforschen. Fest steht aber, daß ihre politischen Einfluß-
möglichkeiten, je kleiner die administrative Einheit und Kompe-
tenz, zwangsläufig geringer waren. Wenn in Paris die Unruhen vor
den Bäckereien zunahmen, häuften sich auch die Verhaftungen von
Frauen; aber in welchem Umfange und mit welchem Ergebnis? Auch
gab es vermehrt Transportbehinderungen und punktuelle Taxierungs-
aktionen.
Diesen Akteurinnen ist nachzugehen, um ihren sozialen Hinter-
grund, das zahlenmäßige Gewicht derartiger Vorkommnisse zu ermes-
sen und Verbindungen zu parallellaufenden politischen Initiativen
zu präzisieren. Hatten sie die Hoffnung auf politische Erfolge
bereits aufgegeben, oder waren ihnen derartige Initiativen unbe-
kannt geblieben?
Bei den vielen versorgungspolitischen Anträgen von Sansculottin-
nen und Sanculotten ist jedem einzelnen Namen nachzugehen, die
Chronologie zu rekonstruieren, um so mögliche Verbindungslinien
zwischen den ökonomischen Aktionen freizulegen und zu ermitteln,
ob auch der politische Flügel der Pariser Sansculottenbewegung
illegale Formen ökonomischen Kampfes zeitweise, und wenn, auf
welche Weise - ob als Mitinitiator oder als Mitläufer -, unter-
stützte. Zwar sind Fälle aus dem Februar und dem Juni 1793 be-
kannt, in denen sich überzeugte Jakobinerinnen wie die Revolutio-
nären Republikanerinnen gegen Taxierungsaktionen stellten und die
Fahne politischer Interessenvertretung hochhielten, aber es wäre
schon interessant zu wissen, auf welche Unterstützung sie bei
welchen Kreisen dabei rechnen konnten und was das für Folgen für
ihren Rückhalt bei ihren Geschlechtsgenossinnen hatte. Denn die
Versorgungsfrage einte die abhängigen Konsumenten ja nicht nur,
sie stiftete auch innerhalb der sozial heterogenen Sansculotterie
erhebliche ökonomische Differenzen mit politischen Konsequenzen,
die sich auf ganz gewaltsame Weise in dem Konflikt zwischen den
reglementierungsbejahenden Revolutionären Republikanerinnen auf
der einen und den von freihändlerischen Gewinnspannen abhängigen
Händlerinnen und Marktfrauen der Pariser Hallen auf der anderen
Seite entluden.
Was das Verhältnis von Ökonomie und Politik bei der Wahrnehmung
ökonomischer Interessen betrifft, so ergibt sich noch ein anderes
Problem. Es hat den Anschein, daß in dem Maße, wie die Avantgarde
der hauptstädtischen Volksbewegung an Einfluß, Persönlichkeiten
und Rechten verlor, die traditionellen Formen ökonomischer Inter-
essenvertretung wieder zunahmen und sich Akte individueller Ag-
gression häuften, 25) d.h. die spaltenden Wirkungen der Versor-
gungsfrage auf die sozial vielfältige Konsumentengruppe sich ver-
größerten, was in Paris im Frühjahr 1794 und 1795 besonders deut-
lich wurde: Nach der Verfolgung der Enragés, dem Verbot der Revo-
lutionären Republikanerinnen und aller Frauenklubs landesweit,
nach Ausschaltung der Hébertisten und einer selektiven Übernahme
von Konsumentenforderungen in die staatliche Wirtschaftspolitik
verlor die politische Dimension ökonomischer Interessenwahrneh-
mung für die Masse an Bedeutung, und damit schwanden mehr und
mehr Hoffnung, Geduld und Perspektive, die ihre selbstbewußten
Initiativen in den ersten Revolutionsjahren so ausgezeichnet hat-
ten.
Aber die bewußte Politisierung der Versorgungsfrage markierte
nicht den einzigen Unterschied zu den vorrevolutionären Versor-
gungsunruhen; die großen Taxierungsbewegungen in der Beauce vom
Frühjahr und Herbst 1792 verdeutlichen, was sich dort gegenüber
den Zeiten des Mehlkrieges oder der Grande Peur verändert hatte:
26) Die dortige Versorgungslage verschlechterte sich wegen einer
mittelmäßigen Ernte von 1791, vor allem aber deshalb, weil diese
Gegend seit 1792 als Kornkammer von allen bedürftigen Regionen in
Anspruch genommen wurde, wodurch das Horten zu- und die Marktbe-
lieferung abnahm. Hinzu kam, daß in der Metall- und Wollindustrie
Zehntausende von Spinner/innen ihren Nebenerwerb verloren und
sich durch die Aufhebung des Paßzwanges der Zustrom arbeitsloser,
nichtseßhafter Menschen erhöhte. Vor diesem Hintergrund entstan-
den Massenbewegungen von 5000 bis 10000 Personen, zum Teil ganzer
Dörfer und Städte, die häufig von Bürgermeister und Nationalgarde
angeführt wurden. Manche dieser "Banden" waren bis zu drei Tage
unterwegs und legten 200 km zurück. Folgender Handlungsablauf
wiederholte sich immer wieder: Auf dem Markt wurde ein neuer
(niedrigerer) Getreidehöchstpreis bekanntgegeben, den neuen
(niedrigeren) Brothöchstpreis mußte die Munizipalität offiziell"
ratifizieren". Nur vereinzelt kam es zu Plünderungen und Tätlich-
keiten gegen Großbauern oder Beamte, die sich diesem Ablauf oder
Maßnahmen zur Marktversorgung widersetzten. Spontan in ihren An-
fängen, gewannen die Taxierungsbewegungen rasch an Organisiert-
heit, was sich z.B. an Bewaffnung, Truppendisziplin, Emblemen,
übereinstimmenden Forderungen oder den Anführern ablesen läßt.
Waren es in der Beauce vor allem Konsumenten aus Dörfern und
Kleinstädten, die gegen Produktionsmittelbesitzer, Großbauern,
vorgingen, so trugen die Versorgungsunruhen in Südfrankreich auch
1792 eher antifeudale Züge, die mit ihren Angriffen auf Schlös-
ser, ihrer Ausbreitung durch Ansteckung mehr an die Grande Peur
erinnern und auch andere Interessengegensätze offenbarten, was
aus der andersartigen ökonomischen Struktur dieser 3. Zone zu er-
klären ist.
Auch bei den Taxierungsbewegungen in den Pariser Kolonialwarenlä-
den im Frühjahr 1792 und 1793 zeigte es sich 27) - wie in der
Beauce -, daß es Bürgermeister wie Nationalgarde unmöglich war,
einer derartigen Massenbewegung mit Repression beizukommen. Die
Pariser Nationalgarde begnügte sich damit, für einen geordneten
Ablauf der illegalen Taxierungsaktionen zu sorgen, wodurch sie
ihnen gewissermaßen einen offiziellen Anstrich gab. Im Unter-
schied zur Beauce, wo z.T. nur noch Frauen und Kinder in den Dör-
fern und Städten zurückblieben, stellten in Paris Frauen die
überwiegende Mehrzahl der Beteiligten. Aber hier wie dort hatte
kaum jemand mit Strafverfolgung zu rechnen. Gleiches gilt auch
für die Seifenbewegungen Ende Juni 1793 in Paris; eine Bestäti-
gung auch der vorrevolutionären Erfahrungen. Aber nunmehr rich-
tete sich die Bewegung nicht mehr gegen die Spekulation verdäch-
tiger Großhändler, sondern gegen den Abtransport von Seife sowie
ihren hohen Preis. In Paris häuften sich die Transportbehinderun-
gen: Frauen hielten Wagen und Schiffe zurück, verkauften die Wa-
ren zu eigenmächtigen Festpreisen, was bei vielen Marktlieferan-
ten aus der Pariser Umgebung dazu führte, daß sie die Hauptstadt
lieber meiden wollten. Negative Konsequenzen aus diesem ver-
schärften Interessenkonflikt zwischen Kleinproduzenten des Pari-
ser Umlandes und den darauf angewiesenen hauptstädtischen Konsu-
menten mußten sich daraus zwangsläufig entwickeln und die Tenden-
zen staatlichen Dirigismus verschärfen.
Die zur Versorgung der größeren Städte eingesetzten Revolutions-
armeen trugen massiv dazu bei, die spalterischen Wirkungen der
Brotfrage zu verstärken und in einem noch zu bestimmenden Maße
aus revolutionsfeindlichen Tendenzen konterrevolutionäre Bewegun-
gen zu machen. Ob dieser Prozeß durch die vielleicht utopische
Forderung der Pariser Sansculotterie, den Brotpreis landesweit
auf 3 sous, subventioniert durch reichere Bürger, festzusetzen,
hätte aufgehalten werden können bzw. andere Formen angenommen
hätte, weil dadurch die Konflikte zwischen Arm und Reich ver-
schärft und den konterrevolutionären Bewegungen Potenzen abgezo-
gen worden wären, sollte bei der Bewertung gegenrevolutionärer
Bewegungen stärker berücksichtigt werden.
So beeinflußten die objektiven Ursachen der Versorgungsschwierig-
keiten, wie sie sich schon im vorrevolutionären Frankreich ge-
zeigt hatten, natürlich auch das Frankreich der Revolutionszeit.
Dabei hatte es aufgrund der einer solchen Umwälzung zwangsläufig
innewohnenden Produktionseinbußen und der zusätzlichen Erforder-
nisse des Krieges, der nicht nur eine Million Männer der Land-
wirtschaft entzog, sondern für deren Ernährung auch mehr produ-
ziert werden mußte, noch schwierigere Bedingungen. Die Volksmas-
sen in Stadt und Land, für die Mangelsituation und Engpaß nur we-
nig Spielraum für Geduld, Abwarten und Hoffnung ließen, berei-
cherten die politischen mit ihren ökonomischen Forderungen nach
Existenzsicherung. Solange ihre Einflußmöglichkeiten zunahmen,
brachten sie auch mehr Vertrauen in die revolutionären Institu-
tionen und ihre Vertreter auf; aber je eingeschränkter ihre Mög-
lichkeiten, desto stärker ihr Rückgriff auf traditionelle, reak-
tive, aggressive Formen ebenso direkter wie kurzfristiger ökono-
mischer Interessenvertretung mit all ihren die zerbrechliche
Sansculottenkoalition sprengenden Potenzen.
_____
1) Es hieße nicht nur, Mehl- und Getreidelieferungen mit den Be-
völkerungszahlen in Beziehung zu bringen, sondern auch nach prä-
ziseren Angaben von Teigkomposition, Gewicht, Qualität, Kalorien-
gehalt bzw. Nährwert zu forschen. In diesem Sinne wertet die
neuere historische Ernährungsforschung mit großem Gewinn Wirt-
schaftsbücher von Internaten oder Klosteretats aus, die aussage-
kräftiger sind als private Haushaltsbücher, denen es oft an ge-
nauen Angaben zu Gewicht, Preisen oder Verbrauch bestimmter Arti-
kel fehlt. Auch Reiseberichte, die nur persönliche Erlebnisse re-
ferieren, vermitteln kaum mehr als subjektive Eindrücke. Nach-
lässe hingegen erlauben mit ihren genauen Vorratsangaben auch
Rückschlüsse auf Konsumgewohnheiten der darin erfaßten sozialen
Kategorien der Landbevölkerung. Vgl. dazu neben Jean-Jacques Her-
mandinquer (Ed.): Pour une histoire de l'alimentation. Paris
1970, auch: Annales 1975 Dossier: Histoire de la Consommation, S.
402 ff; bes. die Aufsätze von Bartolomé Bennassar, Joseph Goy:
Consornmation alimentaire. (XIVe-XIXe siècle), S. 402-430; Jac-
ques Vedel: La Consommation alimentaire dans le Haut Languedoc
aux XVIIe et XVIIIe Siècles, in: ebd., S. 478-489; Micheline Bau-
lant. Niveaux de vie paysans autour de Meaux en 1700 et 1750; in:
ebd., S. 505-518.
2) Vgl. Jeffrey Kaplow: Les noms des Rois. Les Pauvres à la
veille de la Révolution. Paris 1974; bes. S. 126 ff., Fernand
Braudel: Sozialgeschichte des 15.-18. Jahrhunderts. Der Alltag
(Paris 1979), München 1985, S. 203 ff.; 211.
3) Daniel Roche: Le Peuple de Paris, Paris 1981, S. 242 ff.;
Arlette Farge: Vivre dans la Rue à Paris au XVIIIe siècle, Paris
1979; dies.: La vie fragile. Violence, pouvoirs et solidarites à
Paris au XVIIIe siècle. Paris 1986.
4) Braudel, a.a.O., S. 198.
5) Es gab vor allem vier Brotsorten: 1./2. gesalzenes oder unge-
salzenes Weißbrot besserer Qualität aus gesiebtem Mehl (pain
choyne), 3. Weißbrot aus ungesiebtem Mehl (pain de safelur), 4.
helles Brot, das neben ausgesiebtem Mehl auch noch 10% kleinge-
mahlene Kleie enthielt (pain revoulet). Aber es gab viele regio-
nale Unterschiede und neben Luxusproduktion wie dem pain mollet
(Wecken aus Weizenblume) oder dem pain à la reine (mit Milch)
wurde in Notzeiten das minderwertige Angebot erheblich ausgewei-
tet; ebd., S. 168.
6) Vgl. hierzu die Zusammenfassung bei Braudel, a.a.O., S. 114
ff.
7) Vgl. dazu die klassische Untersuchung von Ernest Labrousse,
Esquisse du mouvement des prix et des revenus en France au
XVIIIéme siècle. 2 Bde. Paris 1933; vgl. a. George Rudé: Prices,
wages and populär movements in Paris during the French
Revolution, in: Economic History Review 6 (1953/54), S. 246-267.
8) Louise A. Tilly: The Food Riot as a Form of Political Conflict
in France, in: ebd. 2/1971, S. 27-57; dies.: Food Entitlement,
Famine and Conflict; in: ebd., XIV 2/1983, S. 333-349.
9) Olwen Hufton: Social Conflict and the Grain Supply in 18th
Century France, in: Journal of Interdisciplinary History, XIV,
2/1983, S. 303-331.
10) Léon Cahen, La Question du Pain à Paris à la fin du XVIIIème
siècle, in: Cahiers de la Révolution 1/1934, S. 51-76; Steven
Laurence Kaplan: Bread, Politics and political Economy in the
Reign of Louis XV, 2 Bde, Den Haag 1976. Bd. 1, S. 341 ff.; Su-
sanne Petersen, Überlegungen zum ökonomischen Kampf der städti-
schen Volksmassen, in: Die Französische Revolution - zufälliges
oder notwendiges Ereignis? hg.v. Eberhard Schmitt und Rolf
Reichardt, München, Wien 1983, S. 134 ff; Steven Laurence Kaplan:
Provisioning Paris. Merchants and Millers in the Grain Flour
Trade during the 18th Century, Ithaca, London 1984.
11) Vgl. Richard Cobb: The Police and the People. 1789-1820. Ox-
ford, London 1970, S. 257ff.; sowie Olwen Hufton: Social Con-
flict, a.a.O., S. 317 ff.
12) Ebd., S. 320 ff.
13) Richard Cobb: The Police and the People, S. 263 ff., auch zum
folgenden.
14) Kaplan: Bread, Politics...
15) Ders.: Le Complot de famine: Histoire d'une rumeur du XVIIIe
siècle (Cahiers des Annales), Paris 1982.
16) Cobb, Police, S. 283 ff.; Cobb unterscheidet zunächst die 40%
Selbstbackenden von den übrigen 60%, die immer auf einen Bäcker
angewiesen waren; die Zahl der Selbstbäcker scheint in Paris un-
mittelbar vor der Revolution stark zurückgegangen zu sein.
17) Vgl. Susanne Petersen: Marktweiber und Amazonen. Frauen in
der Französischen Revolution, Köln 1987, S. 121 ff. sowie die
dortige Bibliographie.
18) Themen, wie sie auch in der Revolutionszeit immer wieder dis-
kutiert wurden; vgl. Susanne Petersen: Lebensmittelfrage und re-
volutionäre Politik in Paris 1792-1793, München, Wien 1979, bes.
S. 41 ff.
19) Olwen Hufton: Women and the Family Economy in 18th Century in
France; in: French-Historical-Studies 1975, S. 1-22.
20) Vgl. dazu a. Edward P. Thompson: The Moral Economy of the
English Crowd in the Eighteenth Century; in: Fast and Present Nr.
50, 1971, S. 76-136.
21) Arlette Farge: Le vol Aliments. Paris au XVIIIe siècle. Paris
1974, S. 67.
22) George Rudé: La Guerre de Farine. La taxation populaire de
mai 1775 à Paris et dans la région parisienne; in: Annales histo-
riques de la Révolution française 1956, S. 139-179.
23) Albert Mathiez: La vie chère et le mouvement social sous la
Terreur, 2 Bde, Paris (repr.) 1973.
24) Vgl. Susanne Petersen, Lebensmittelfrage.
25) Michel Vovelle: Le mentalite revolutionnaire. Société et men-
talités sous la Revolution française. Paris 1985, bes. S. 62 ff.
26) Michel Vovelle: Ville et Campagne au 18e siècle. Chartres et
la Beauce. Paris 1980. S. 277 ff.
27) George Rudé, Les émeutes des 25, 26 février 1793. D'après les
procès-verbaux des Commissaires de police des sections parisien-
nes; in: Annales historiques de la Révolution francaise, 1953, S.
39-57; Susanne Petersen: Jacques Roux und der Pariser Ladensturm;
in: Eine Jury für Jacques Roux. Dem Wirken Walter Markovs gewid-
met. Sitzungsberichte der Akademie der Wissenschaften der DDR 1 G
1981. Berlin/DDR, S. 68-78.
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