Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 14/1988


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POLITISCHE DRUCKGRAPHIK IN DER FRANZÖSISCHEN REVOLUTION

Die Bildwelt der "Bastille" als Beispiel *) ------------------------------------------- Rolf Reichardt 1. Zur Bedeutung der Revolutionsgraphik - 2. Die Bastille - Sym- bolik und ihre Funktion - 2.1. Zukunftsbeschwörung - 2.2. Politi- sche Berichterstattung und Heldenkult - 2.3. Politische und ge- schichtliche Vergewisserung - 2.4. Gedenkfeier und nationale Identitätsstiftung 1. Zur Bedeutung der Revolutionsgraphik --------------------------------------- An den vielfältigen Druckerzeugnissen der Französischen Revolu- tion hat die politische Graphik, meist in Form fliegender Blät- ter, einen wesentlichen Anteil. Unter dem späten Ancien Regime hatten sich die Kupferstecher, soweit wir bisher wissen, auf Por- träts hochstehender Persönlichkeiten, ideale Naturdarstellungen, Familien- und Genreszenen und religiöse Andachtsbilder be- schränkt, politische Blätter aber, die - zumal wenn es sich um Satiren handelte - von der Zensur argwöhnisch beobachtet wurden, einigen Außenseitern oder Stechern im angrenzenden Ausland (Niederlande) überlassen. Mit der Revolution und der sich erwei- ternden Pressefreiheit jedoch vervielfachten sich die politischen Bildflugblätter explosionsartig, beherrschten einige Jahre die Graphik überhaupt und verhalfen Stecher-Verlegern wie Basset in Paris zu Wohlhabenheit. Sie sind so zahlreich und so verstreut, daß man sie insgesamt noch nie auch nur systematisch verzeichnet hat; allein der Katalog der "Collection de Vinck" im Kupferstich- kabinett der Pariser Nationalbibliothek umfaßt für die Revoluti- onszeit über 6000 Nummern 1). Je nach Art ihrer Veröffentlichung, Bildsprache und Ausführung wandte sich diese Graphik an verschiedene soziale Gruppen. Die distanzierten, bis ins letzte Detail ausgearbeiteten Tableaux hi- storiques de la Révolution française, ein langfristig angelegtes Sammelwerk zur nachträglichen Erinnerung von Monnet, Duclos, Du- plessi-Bertaux und Helman (1793-98) in Folio-Format, konnten sich nur wohlsituierte Subskribenten leisten 2). Aktueller, weniger teuer und auf größere soziale Verbreitung angelegt waren schon die Gravures Historiques des Stechers François Janinet, ein 'patchwork' von 56 narrativen Aquatinta-Radierungen mit jeweils achtseitigen Textreportagen über spektakuläre revolutionäre Er- eignisse von 1789 bis März 1791 3). Dagegen unterstützten die ei- ner ganzen Reihe von Zeitungen (oft erst nachträglich) beigegebe- nen Stiche die politische Meinungsbildung und Agitation der Revo- lutionspresse sowohl von konservativer (Actes des Apôtres, Accu- sateur public) wie von radikaler Seite (Revolutions de Paris, Re- volutions de France et de Brabant 4)). Die große Mehrheit der Re- volutionsgraphik aber bilden das Tagesgeschehen unmittelbar in- terpretierende, anonyme Einzelblattdrucke, deren technische Schlichtheit und flüchtige Kolorierung von eiliger Herstellung und hohen Auflagen zeugen und deren sinnfällige Bildsprache auch dem einfachen Sansculotten sogleich verständlich war. Vor allem in der nie St. Jacques in der Pariser Innenstadt, zwischen Sor- bonne und +Ie de la Cité, hergestellt, wurden diese Bildflugblät- ter von Kolporteuren in den Straßen ausgerufen und auch im Palais Royal verkauft, wo der Buchhändler Desenne eine Art Club einge- richtet hatte, um das politisierte Publikum ständig auf dem lau- fenden zu halten 5). Wie andere revolutionäre Druckerzeugnisse massenhaft vervielfäl- tigt, aber spezifisch durch ihre Konzentration auf bildliche Dar- stellung, besitzt diese Druckgraphik, besonders in ihrer letztge- nannten Form, für die Revolution vor allem deshalb grundlegende Bedeutung, weil sie zur Mobilisierung jener breiten sozialen Ba- sis beitrug, die den politischen Prozeß der Revolution und seine Radikalisierung erst ermöglichte. Bedenkt man nämlich, daß die Hälfte bis zwei Drittel der damaligen Bevölkerung überhaupt nicht oder nur schwer lesen konnte, sondern in einer traditionellen Welt nichtschriftlicher Kommunikation lebte, wird die über bloße Ergänzungsfunktion hinausgehende Eigenleistung der Bildflugblät- ter deutlich: Gemeinsam mit den nichtschriftlichen Medien der öf- fentlichen Rede und des Liedes gehen sie auf die orale bis semi- orale Volkskultur ein, um dem kleinen Mann auf der Straße die re- volutionäre Botschaft nicht nur zugänglich zu machen, sondern ihn auch möglichst in den Kommunikations- und Meinungsbildungsprozeß einer erweiterten und tendenziell "demokratischen" politischen Öffentlichkeit hineinzuziehen und einzubinden. Mittel politischer Didaktik und Zeugnisse populärer Vorstellungen zugleich, sind viele jener Blätter Teil einer Oralkultur, die von Absolutismus und Aufklärung zurückgedrängt worden war, in der Revolution aber noch einmal auflebte 6) und diese in ihrer aufsteigenden Phase mittrug. Den Zeitgenossen war das durchaus bewußt. Als z.B. der Pariser Jakobinerclub am 27. November 1791 darüber debattierte, ob der von ihm preisgekrönte A l m a n a c h d u P è r e G é- r a r d, wohl der erfolgreichste Volksalmanach der Revolution überhaupt, mit Stichen illustriert werden sollte, gewann Lequinio die Versammlung dafür mit dem Argument: Vous savez tout ce que le fanatisme a causé de maux, en répandant des ima-ges dans les campagnes. Je propose à la Société de vou- loir bien engager tous les artistes à travailler en sens contraire, en faisant des images analogues à la Revolution. 7) Konservative ihrerseits beklagten die mobilisierende Wirkung der Revolutionsgraphik: On a observé que dans toutes les révolutions les caricatures ont été employées pour mettre le peuple en mouvement, et l'on ne sau- rait disconvenir que cette mesure ne soit aussi perfide que ses effets ne sont prompts et terribles. Les caricatures sont le thermometre qui indique le degre de l'opinion publique. 8) Ein moralistischer Beobachter und Journalist, der sich unter der Terreur zum Konservativen gewandelt hatte, bestätigte noch 1798 mürrisch die anhaltende Öffentlichkeit der Revolutionsgravüren trotz zunehmender Zensur der Zeitungen: Les caricatures semblent vouloir les remplacer, et former une ad- dition à la liberté illimitée de la presse. Les passans s'arrêtent en foule au devant des marchands d'estampes. 9) Das Comité de Salut Public bildete einen besonderen Fonds für Flugblattpropaganda und bezahlte daraus von September 1793 bis Oktober 1794 mindestens ein Dutzend Auftragswerke - von zwei Ka- rikaturen Davids bis zu Lachute en masse von Roo -, die jeweils in 1000 Stück gedruckt wurden (zur Hälfte koloriert) und dem Künstler jeweils ein Honorar von 1000 bis 3000 livres einbrachten 10). So drückte denn der rückblickende Ausspruch eines Architek- ten und Abgeordneten am 5. April 1799 im Rat der Fünfhundert eine allgemeine Erfahrung der Revolutionspolitiker mit der Druckgra- phik aus: Son utilité rivalise avec celle de l'imprimerie. Par eile on peut multiplier, à peu de frais, des sujets patriotiques et moraux, dont la vue doit influer, plus qu'on ne pense, sur l'opinion pu- blique. 11) Von der Forschung ist die revolutionäre Bildpublizistik bisher in ihrer eigentlichen Bedeutung kaum erkannt und bisher nirgends sy- stematisch untersucht worden. Während die Kunsthistoriker es ver- schmähten, von den ästhetischen Gipfeln der großen Einzelgemälde in die Niederungen der politischen Massengraphik herabzusteigen, haben die Revolutionshistoriker sich damit begnügt, ihre unabhän- gig für sich verfaßten Geschichten nachträglich mit Ereignissti- chen zu illustrieren und mehr beiläufig einige "kuriose" Karika- turen einzustreuen 12). Erst neuerdings beginnt man zu erkennen, daß der genuine, unersetzliche Quellenwert der Revolutionsgraphik nicht in Personen- und Ereignisdarstellungen besteht, sondern in ihrer symbolischen, metaphorischen und allegorischen Interpreta- tion und Visualisierung von Zeitfragen und kollektiven Vorstel- lungen, daß sie Verarbeitungen und Sinngebungen zeitgenössischer Erfahrungen sichtbar machen, die in schriftlichen Quellen verbor- gen bleiben 13). Die folgenden Betrachtungen suchen das am Bei- spiel eines Themas zu zeigen, das in der Bildpublizistik beson- ders der ersten Revolutionsjahre allgegenwärtig ist 14). 2. Die Bastille-Symbolik und ihre Funktionen -------------------------------------------- in der revolutionären Bildwelt ------------------------------ Im Symbolhaushalt der Revolution nimmt die "Bastille" schon zah- lenmäßig einen wichtigen Platz ein: Von den über 150 Bildblät- tern, die sie in der einen oder anderen Weise thematisch verar- beiten, können im folgenden nur einige wenige exemplarisch ausge- wählt werden. Aber auch im Zeichensystem der Revolution kommt ihr große Bedeutung zu, wie sich aus einem mehrfach aufgelegten und nachgestochenen Jeu de l'Oie von 1791 ablesen läßt 15). Seine Spielfelder sind mit Miniaturen tatsächlicher populärer Bildflug- blätter und mit diesen jeweils zugeordneten Grundbegriffen be- setzt und bilden untereinander durch die Spielregeln ein Sinnge- füge, das die revolutionäre Zäsurerfahrung visualisiert und in dem "Bastille" als Symbol des Umschlags vom "Despotismus" des An- cien Régime zur "Freiheit" der neuen Zeit die zentrale Schalt- stelle ist 16): Bild ansehen So das Ergebnis meiner Untersuchung über "Revolutionäre Mentali- täten und Netze politischer Grundbegriffe in Frankreich 1789- 1795", in: Die Französische Revolution als Bruch des gesell- schaftlichen Bewußtseins (wie Anm. 13), S. 185-99. Betrachten wir also einige gesellschaftliche Hauptfunktionen die- ses Revolutionssymbols, die auch für die übrige Bildpublizistik der Französischen Revolution typisch erscheinen. 2.1. Zukunftsbeschwörung ------------------------ Ihre politische Symbolkraft gewann die "Bastille" nicht erst 1789, sondern spätestens seit 1715 durch die zunehmende Breiten- wirkung einer antiabsolutistischen Untergrundpublizistik, beson- ders anklagender Leidensgeschichten ehemaliger Häftlinge, welche das Pariser Stadtgefängnis - entgegen seiner sich mildernden Pra- xis - immer heftiger als steingewordenen und so jedermann sinn- fälligen Inbegriff des "ministeriellen Despotismus", als Schand- mal der Aufklärung anprangerten 17). Den vorrevolutionären Höhe- punkt dieser Mythenbildung markiert das Pamphlet des zwei Jahre lang in der Bastille inhaftierten wortgewaltigen Journalisten Linguet. Sechsmal selbständig wie auch in Linguets Zeitschrift Annales politiques et littéraires veröffentlicht, steigert das Pamphlet nicht nur das den Begriff "Bastille" ausdifferenzierende Vokabular und die damit verbundenen Angst- und Greuelvorstellun- gen zu neuartiger Radikalität 18), sondern verbildlicht sein Grundanliegen auch in einem aufsehenerregenden Frontispiz (Abb. 1). Der Stich ist Resümee und Vorgriff in die Zukunft zugleich, indem er die Anklagen des folgenden Textes umsetzt in einen Ap- pell an den - von seinen Ministern getäuschten - König, den Ba- stille-Despotismus zu beenden. Louis XVI wird ein Ehrendenkmal in Aussicht gestellt, wenn er den unschuldig eingekerkerten Opfern, die dankend und untertänig ihre Arme zu ihm emporstrecken (und nach ihrer Kleidung der Oberschicht angehören), endlich die Frei- heit schenkt. Sein Gnadenspruch "Seid frei und lebt!", der den lapidaren Titel des Blattes bildet, wiederholt eine sprichwört- lich gewordene Formel aus Voltaires Drama Alzire von 1736 (2. Akt, 2. Szene) - Ausspruch eines spanischen Konquistadors an ein- gekerkerte peruanische Indianer. Obwohl Louis XVI auf dem Bild die königlichen Herrschaftsinsignien trägt, wird die Freilassung nicht seinem Belieben anheimgestellt, sondern als Recht einge- klagt durch ein Zitat aus seinem tatsächlichen Reformerlaß vom 30. August 1780 zur Milderung der Strafgesetze: "Diese unvor- stellbaren Qualen, diese finsteren Strafen sind für unsere Justiz nutzlos, wenn ihre Öffentlichkeit und ihr Beispiel nicht zur Auf- rechterhaltung der Ordnung beitragen." Das solche 'unnütze Grau- samkeit' die Bastille kennzeichne, suggeriert das Reliefbild zweier angeketteter Häftlinge, Teil der Uhr im Hofe der Bastille, deren demütigende Wirkung Linguets Memoiren brandmarkt. Den Rah- men der ganzen Szene bildet die Ruine der Bastille, sechs Jahre vor deren tatsächlicher Schleifung. Der aus dunklen Wolken Mauern und Hofuhr zertrümmernde Blitz kommt offenbar von einer ungenann- ten höheren Macht (der Publizistik?): Sie wird - so die Sugge- stion - die Bastille zerstören und Louis XVI zu ihrem Vollzie- hungsorgan machen. Nicht zuletzt der Breitenwirkung dieser bildlichen Zukunftsbe- schwörung ist es zuzuschreiben, daß im Frühjahr 1789 eine ganze Reihe von cahiers de doléances die Beseitigung der Bastille for- derte. Eine erneute Visualisierung der allgemeinen Reformhoffnun- gen (Abb. 2) erweiterte nun Linguets Erwartungen auf die Miß- stände des Ancien Regime überhaupt, verkörpert in dem "très haut et très puissant seigneur Abus". In einem Leichenbegängnis, wel- ches die triumphale Prozession der kirchlichen und fürstlichen Tradition zum politischen Schandzug verkehrt, wird sein "riesiger Körper" vom "Dritten Stand" zu Grabe getragen. Krummstab, Mitra, Degen mit Geldbörse, Richtermütze und Eisenkrone lasten die ty- rannischen Mißstände dem Klerus, dem Adel und der Magistratur an. Von J.-J. Rousseau geleitet, schreiten an der Spitze des Zuges die "elenden Opfer der Mißstände", genauer Justizopfer von Jeanne d'Arc bis zu Jean Calas, unter ihnen auch der durch seine spekta- kuläre Flucht und seine erfolgreichen Erinnerungen populär gewor- dene Bastille-Märtyrer Latude. Während vor dem Sarkophag die dem "seigneur Abus" ergebenen Laster in Gestalt einer Furie und des "Geizes" verzweifelt ihren letzten Gang tun, tänzeln hinter dem Sarg die Tugenden "Egalité", "Prudence", "Force" und "Justice" vereint einer neuen Zeit entgegen, umtanzt von einem Narren, der den karnevalistischen Akzent des Schandzuges verdeutlicht. Nichts zu lachen hat dagegen die folgende, vom Prinzipalminister Necker geleitete, zweite Hälfte des Zuges: aristokratische ehemalige Nutznießer der "abus", voll Trauer um deren Verlust. Aus der Ruine des Gebäudes der Mißstände (halb Schloß, halb Tempel), vor- bei an altersmorschen Baumresten und zum Abfall geworfenen Fol- terwerkzeugen der Bastille (Kette und Schleifkugeln rechts vorne), schreitet der Freuden- und Trauerzug voran zur Regenera- tion Frankreichs: Im Vordergrund des Bildes wird diese nahe Er- neuerung verheißen durch aus Reformschriften zu den Generalstän- den vorlesende Genien, umrißhaft sichtbar in einem noch unvollen- deten Gemälde, zugleich in Aussicht gestellt durch ein Fernrohr für die Zukunft und schließlich symbolisiert durch eine Eiche in voller Lebenskraft. Obwohl Männer des Dritten Standes als Sarg- träger bereits eine aktive Rolle spielen, mahnt die der Unter- schrift beigegebene Vignette Louis XVI zum Handeln, damit er als "roi citoyen" ins Buch der Geschichte eingehe: Noch haben Chronos und Fama das endgültige Todesdatum der "abus" nicht voll einge- meißelt. Auch dieses Flugblatt hatte große Resonanz; sogleich nach seiner Veröffentlichung im Mai verboten, wurde es in minde- stens sechs Kopien und Nachahmungen auf den Pariser Boulevards, an den Quais der Seine und in den Gärten der Tuilerien erfolg- reich ausgelegt und verkauft 19). 2.2. Populäre Berichterstattung und Heldenkult ---------------------------------------------- Daß die Einnahme der Bastille durch das Pariser Stadtvolk am 14. Juli 1789 außer einer Flut von Textreportagen in Zeitungen und Flugschriften auch zahlreiche Ereignisstiche hervorrief, ent- sprach dem Bedürfnis gerade der einfachen Leute auf der Straße, jene erlösende Tat, die sie von tiefer Existenzangst befreite und ihnen das Bewußtsein patriotisch geeinter Kraft verlieh, nicht nur lesend, sondern auch betrachtend und hörend nachzuerleben. Diese Funktion erfüllten unter der Ereignisgraphik besonders zwei populäre Flugblätter. Beide gehören zur Gattung der canards, der traditionellen Gelegenheitszeitung des kleinen Mannes anläßlich sensationeller Tagesereignisse 20): Um alle Sinne des Publikums zu erreichen, informiert sie in Bild, Ton und Schrift zugleich, wird von Kolporteuren feilgeboten und 'inszeniert', lädt zum ge- meinschaftlichen Nachsingen auf der Straße ein, gehört also zu der oben genannten semi-oralen Kultur. Hatten solche canards frü- her meist den Hinrichtungen berühmter Krimineller gegolten, so werden sie nun zum Mittel revolutionärer Massendidaktik umfunk- tioniert. Denn unsere beiden 'holzschnittartigen' Blätter 'infor- mieren' viel engagierter als die sonstige, technisch anspruchs- vollere, aber unterkühlte Ereignisgraphik. Das eine Blatt (Abb. 3) wurde von dem Graveur Jean-Baptiste Gau- tier in der rue St. Jacques nicht in der bislang üblichen, lang- wierigen Technik des Kupferstichs, sondern in einem damals neuen, viel rascheren Verfahren als Radierung ausgeführt und bereits am 28. Juli 1789, also zwei Wochen nach dem Bastillesturm, zum Ver- kauf ausgerufen. In naiver Unbeholfenheit zeigt es die Bastille- Sieger vor der soeben eroberten Festung und auf deren Zinnen die ersten Eroberer, die gerade den Gouverneur gefangennehmen. Das Besondere ist jedoch nicht dieses Ereignisbild, sondern seine sinngebende Verknüpfung mit anderen Medien in den umrahmenden Teilen des Blattes. Der unten eingeätzte Bericht über die "heureuse révolution" des 14. Juli bezieht das Bild in die radi- kalen Revolutionsflugschriften ein. Er wiederholt nämlich fast wörtlich Kernsätze eines unmittelbar nach dem Bastillesturm in der Pariser Innenstadt gedruckten Pamphlets 21). Die dabei unter- laufenen kleinen Veränderungen, Mißverständnisse und orthographi- schen Abweichungen erlauben den Schluß, daß der Text vorgelesen und von einem nicht voll alphabetisierten Stecher unter Diktat geschrieben wurde, also semi-oralen Charakter erhielt. Sein Sinn aber wird in ganzer Schärfe vermittelt: Die offensichtliche "nécessité de prendre la Bastille", die zusätzliche Rechtferti- gung des Angriffs durch eine "abominable trahison" des Gouver- neurs, dessen gerechte Hinrichtung durch das Volk auf dem Greve- Platz und die Heldentaten der Bastille-Sieger Humbert und Arne bilden die Angelpunkte des Textes. Vollends auf die orale Volks- kultur zielen die seitlichen Einrahmungen des Bildes. Sie bringen nämlich Lieder zur Feier des Vierzehnten Juli auf allgemein be- kannte Melodien, die nicht notiert zu werden brauchten und das Memorieren neu unterlegter Texte erleichterten. Während der Tri- umphgesang am linken Bildrand eine um 1750 entstandene, traditio- nell der Verehrung von Henri IV dienende Tanzmelodie des Chanson- niers Pierre Laujon verwandte, um in 'plebejischer' Schreibweise den alten Bastille-Despotismus zu beschwören und Volksverrätern die Enthauptung anzudrohen, besingt das zweite Lied am rechten Blattrand die Verdienste der Französischen Garden nach dem Eröff- nungsstück der Broschüre La France régénérée et les traîtres pu- nis (Paris, ohne Verlags- und Jahresangabe). Dies politisierte Pariser canard diente wiederum als Vorbild für einen provinzialen Holzschnitt des Orleaner Bilderbogenverlegers Jean-Baptiste Letourmi (Abb. 4), der seine populären Blätter über etwa 100 Auslieferungsstellen in ganz Frankreich mit Gewinn ver- kaufte 22). Seine bildliche Darstellung des Bastillesturms veran- schaulicht noch zeichenhafter als Gautier, wie die angreifenden Garden die Bastille mit Hilfe von Gewehren und Kanonen erstürmen, de Launay gefangennehmen und auf den Zinnen die Siegesfahne his- sen: Gerade durch diese emblematische Reduktion, wie sie auch das Titelblatt des ersten Bandes der Revolutions de Paris von Prud- homme kennzeichnet, wirkt die Darstellung wie eine Ikone, wird sie zu einem politischen Andachtsbild. Das darunter gedruckte "Recit memorable" übernimmt wörtlich den Text von Gautiers Blatt, politisiert und radikalisiert ihn aber in dreifacher Hinsicht durch eigene Zusätze: Erstens verklärt die Überschrift den Vier- zehnten Juli zum Beginn des "ersten Jahres der Freiheit"; zwei- tens verstärkt der Bericht den Volkscharakter der Erhebung ("un grand nombre de citoyens patriotes"); und drittens verdeutlicht er die dabei ausgeübte Volksjustiz durch die Ergänzung: "la tête du gouverneur a été portée en triomphe par toute la ville, et a été exposée pendant plusieurs jours". Diesen besonderen Aspekt der gerechten Bestrafung der 'Verräter' 23) machten gleichzeitig andere Bildflugblätter zum Hauptthema, etwa ein 'Doppelporträt' von de Launay, welcher den Tod schon allein deswegen verdient zu haben schien, weil er der Gouverneur der Bastille war 24). Schließlich wird auch der Bilderbogen Letourmis seitlich von Liedstrophen begleitet. Ihr Autor, der kleinbürgerliche Pariser Chansonnier Déduit, politisiert damit eine traditionell auf Sol- datenliebe festgelegte Melodie, um die Taten der Aufständischen, das Ende des Despotismus und den Anbruch eines neuen goldenen Zeitalters zu feiern: Cette affreuse bastille N'existe déjè plus [.] D'ardeur chacun pétille, Ses murs sont abattus [.] Fuis, honteux esclavagef[.] Fuis, ô siècle de fer! Français reprend courage Sous Louis & Necker. *) Daß bei diesen volksnahen Blättern - mehr als in der übrigen Er- eignisgraphik - der Bericht über den Vierzehnten Juli in Helden- besingung übergeht, ist kein Zufall. Traten doch 1789 mit den Ba- stille-Siegern in der traditionellen semioralen Kultur verwur- zelte einfache Männer plötzlich aus politischer Stummheit ins Licht der Öffentlichkeit, um sich publizistisch als Helden der Nation darzustellen 25). Ihr neues Selbstbewußtsein wie auch ihre kollektive Verehrung etwa in zahlreichen Dankgottesdiensten fanden bildlichen Ausdruck in einer ganzen Reihe von 'Sieger-Por- träts': Das bisher Fürsten und adeligen Feldherren vorbehaltene Heldenbild rühmt damit erstmals den aufständischen Freiheitskämp- fer aus dem Volk 26). Ein Holzstich, der ebenfalls von Liedern begleitet wird und eine frühere Deutung des Vierzehnten Juli ver- kleinert zitiert (s.a. Abb. 6), zeigt die beiden populärsten Ba- stille-Sieger, den zum Volk übergelaufenen Grenadier Arne und den Uhrmacher und Verfasser eines Erlebnisberichts Humbert, beide mit den Zeichen des Ruhms in selbstbewußter Siegerpose und patrioti- scher Eintracht zugleich (Abb. 5). Ihr Heldentum blieb für die revolutionären Aktivisten Vorbild, Ansporn und Vermächtnis. Noch der Kult der Märtyrer der Revolution im Jahre II beschwört auch bildlich den Freiheitskampf des 14. Juli als Maßstab für die Er- langung nationalen Ruhms im Pantheon 27). 2.3. Politische und geschichtliche Vergewisserung ------------------------------------------------- Wie sensationell der Vierzehnte Juli auch war - seine eigentliche Bedeutung, seinen dauerhaften Rang als Gründungsereignis des mo- dernen Frankreich erlangte er erst durch eine symbolische Ausdeu- tung, welche über die militärische Leistung der Aufständischen und die tatsächliche Gefängnispraxis in der Bastille weit hinaus- ging. Sie entsprach dem kollektiven Bedürfnis der Revolutionäre nach Größe und Legitimität und wurde von einer ganzen Reihe von Radierungen popularisiert. Man kennt das berühmte Flugblatt Réveil du Tiers Etat vom Juli 1789, auf dem der aus langer Unterdrückung erwachende Dritte Stand zum Schrecken eines Adeligen und eines Geistlichen seine Ketten zerreißt, zu den Waffen greift und sich erhebt, um die im Hintergrund stehende Bastille zu erobern 28). Weniger bekannt sind Gravuren, welche diese Interpretation weiterführen. So zeigt eine erste 'Fortsetzung' des vorgenannten Blattes, welche neue Größe der Dritte Stand mit dem Bastillesturm gewonnen hat: Soeben noch am Boden liegend und ebenso groß wie Adel und Klerus, über- ragt er diese nun um ein Mehrfaches und verfügt mit dem Löwen, der ihm folgt, über alle Macht. Vor den Mauern der im Abbruch be- findlichen Bastille hat er die beiden oberen Stände zu Puppen de- gradiert und läßt sie - wie jene in den Straßen von Paris umher- ziehenden Puppenspieler - nach den Pfeifen seines Dudelsacks tan- zen 29). Und eine zweite 'Fortsetzung' verdeutlicht, daß die neue Größe des Dritten Standes nicht nur in seinem Sieg an sich, son- dern vor allem in seinem Verdienst um die Freiheit besteht (Abb. 6). Seine das Bild beherrschende Gestalt, vor der Adel und Klerus fliehen, kämpft im Zeichen der "Liberté" (siehe Phrygenmütze und Spruchband) und holt gerade zum letzten Schlag aus gegen die sechsköpfige Hydra des Despotismus'. Als deren Gehilfen nennt der berichtende Beitext den Bastille-Gouverneur und den mit ihm an- geblich verschworenen Vorsteher der Kaufmannschaft de Flesselles, die aufgrund ihrer "Majestätsverbrechen gegen die Nation", den neuen Souverän, am 14. Juli von gerechter Volksjustiz hingerich- tet worden seien. Mit diesem "Sieg über die Feinde der Freiheit" ist der Weg frei für die im Hintergrund begonnene Schleifung ihres alten Jochs, der Bastille: Zuschauer jeden Alters, Standes und Geschlechts beobachten den Abriß, bejubeln jeden herabstür- zenden abgebrochenen Quader mit Klatschen und dem Ruf "Liberté!" 30) - ein auch oft für sich dargestelltes Schauspiel. 31) Deuten die vorgenannten Blätter nur an, was die besiegten Frei- heitsfeinde mit dem Bastille-Despotismus zu tun haben, so geht ein anderes, mindestens viermal nachgestochenes Blatt darauf nä- her ein (Abb. 7). Auch hier wird die Bastille von den aufständi- schen Bürgern, die nun zahlreich und mit den Waffen des 14. Juli kämpfen, zweifach vernichtet: im Hintergrund konkret, im Bildzen- trum aber allegorisch in Gestalt eines vielköpfigen, drachenähn- lichen Ungeheuers. Seine Raubtierklauen gleichen denen der glei- chermaßen Vieh und Menschen verschlingenden "Harpie", als welche Marie-Antoinette 1784-88 mehrfach karikiert worden war 32). Der Bildtitel identifiziert es sozial als aristocratie, damals ein allgemeines Schlagwort zur Denunzierung aller Neuerungsgegner, vor allem der privilegierten Adeligen, aber auch der Revolutions- feinde überhaupt. Der ausführliche Beitext charakterisiert diese "Hydre Aristocratique" als unersättliches "Monstre ... féroce, Barbare, Sanguinaire", das sich vom Blut und Mark der verelende- ten Bevölkerung gemästet habe, bis es sich nicht länger verbergen konnte, am 12. Juli auf der Straße von Versailles nach Paris ent- deckt wurde und in der Bastille Zuflucht suchte - deutliche An- spielungen auf Neckers Entlassung durch eine reaktionäre Hofka- bale, auf die gleichzeitige bedrohliche Konzentration königlicher Truppen um die Nationalversammlung sowie die Hauptstadt und auf Gerüchte, die Bastille solle an der geplanten Vernichtung von Pa- ris mitwirken 33). Die aus ihrem letzten Versteck in der Bastille hervorgezerrte, von der bewaffneten Volksmenge umstellte und schon teilweise enthauptete Hydra visualisiert also nicht nur den "Despotisme terrassé" 34), sondern auch einerseits die dem Ba- stillesturm vorausgehende kollektive Angst vor einer Aristokrati- schen Verschwörung', andererseits die Freude über deren Vereite- lung. Als Folge dieses Sieges wird links im Vordergrund des Bil- des die Regeneration der lange ohnmächtigen Francia beschworen, während Louis XVI lediglich im Schluß des Beitextes auftaucht (Hoffnung auf den "Roi citoyen"). Der 'Despotismus' der Bastille bestand für die Revolutionäre jedoch nicht allein darin, daß die Festung angeblich an einem aristokratischen Komplott teilhatte, sondern ebenso in ihrer 'barbarischen' Gefängnispraxis bis zum 14. Juli. Je zahlreicher und schlimmer die Greuel waren, die man zuvor namens des Königs in der Bastille verübt hatte, um so be- rechtigter und ruhmreicher erschien ihre Einnahme und Zerstörung durch das Volk. In der Tat schöpfte eine schier unübersehbare Pu- blizistik aus den entdeckten Archiven der Bastille, aus mündli- chen Zeugnissen und aus den Funden bei der Schleifung in fieber- hafter Eile immer neue Bestätigungen für Linguets alte Behaup- tung, daß die Bastille keinen anderen Zweck habe, als Aufklärer und andere unschuldige Opfer willkürlich einzukerkern und ohne Gerichtsverfahren heimlich zu ermorden. Da aber keiner der am 14. Juli befreiten 7 Bastille-Häftlinge diesem Bild entsprach, wurden ideale Märtyrer der Bastille imaginiert. Unter mehreren Darstel- lungen idealisierter oder erdichteter Gefangener sagt wiederum ein canard (Abb. 8) besonders viel aus. Es zeigt zwei gleicherma- ßen erdachte Szenen in den unterirdischen Kerkern (cachots) der Bastille, die beide am 14. Juli spielen. Rechts sieht man, wie die nach Gefangenen suchenden Bastille-Sieger das seit Mitte des 18. Jahrhunderts vieldiskutierte Geheimnis um den unter Louis XIV anonym in der Bastille gestorbenen "Mann mit der eisernen Maske" (sie liegt noch neben dem Gerippe) endlich ans Licht bringen; die Finsternis der vergitterten Gruft, das längst vermoderte Strohlager und die noch das Skelett fesselnden Ketten, in denen der Unbekannte offenbar absichtlich zu Tode gemartert wurde, vi- sualisieren, was die begleitende Moritat singt: "On juge d'apres cette idille/Avec Esprit, avec rai-son/Que le chateau de la Ba- stille/Egalloit 1'inquisition." Auf der linken Blatthälfte dage- gen kommt "die Nation" nicht zu spät, sondern gerade noch recht- zeitig, um einen angeblich unter Louis XV wegen einer "affaire concernant l'Etat Royaux" (so der Beitext) verhafteten "Conte de Lorges" zu befreien und im Triumph durch Paris zu führen, der seiner Ketten nun ledig ist, den aber 32 Jahre willkürlicher Ker- kerhaft zu einem bärtigen, fast blinden Greis gemacht haben. Sein Schicksal, das die nebenstehende complainte besingt, ist wiederum nicht das Schicksal eines Kriminellen (wie unter dem Ancien Ré- gime), sondern eines Opfers des soeben besiegten alten Regie- rungs-Despotismus selbst. Die lebensgroße Ausstellung dieses ima- ginierten "comte de Lorges" samt Ketten und cachot in dem Wachs- figurenkabinett von Curtius 35), die schriftliche Verbreitung seiner Leidensgeschichte in einer besonderen Broschüre 36) und in der radikalen Presse bestätigen, daß es sich um eine Schlüsselfi- gur der kollektiven Zwangsvorstellungen nach dem 14. Juli han- delt: Nous n'avons pas vu, mais plusieurs personnes nous ont assure avoir vu un vieillard sorti de ce séjour d'horreur [der Ba- stille], qui portoit une énorme barbe grise de la longueur plus d'un pied; si l'on en croit les rapports il gémissoit dans les cachots depuis trente ans. 37) 2.4 Gedenkfeier und nationale Identitätsstiftung ------------------------------------------------ Derart bildlich herbeigewünscht, sinnfällig vorhergesagt, leiden- schaftlich erzählt, gefeiert, idealisiert und ausgedeutet, be- gründeten die Einnahme und Beseitigung der Bastille um so mehr eine neue Symbolik nationaler Identität, als sie politisch weni- ger umstritten waren als spätere revolutionäre Schlüsselereig- nisse. Visualisiert wurde diese Funktion der Bastille-Symbolik ab 1790 in öffentlichen Festen, zunächst aber in Denkmalsplänen. Mit einhelliger Zustimmung der Grundschichten und der Revolutio- näre konnte folgende Zeitungsmeldung rechnen, die einen der er- folgreichsten Berichte über die Eroberung der Bastille abschloß: Ce repaire affreux de l'infernal despotisme qui durant tant de siècles, qui tant de fois a fait frémir, a outragé l'humanité, a englouti tant de victimes innocentes, sera totalement anéanti, et à sa place sera élevé un monument à l'auguste liberté! 38) Dieser Meldung folgte die Visualisierung auf dem Fuße (Abb. 9). Linguets Wunschbild (s.o. Abb. 1) zum Sinnbild des Erreichten ak- tualisierend, beläßt eine anonyme Radierung den König auf seinem Denkmalssockel von 1783, verzichtet aber auf die ihn damals umge- benden Bastille-Trümmer. Denn wie die unter dem königlichen Fuß verendende Hydra des Despotismus und die rechte am Boden liegende Gravüre über den Vierzehnten Juli verdeutlichen, hat die Bastille aufgehört zu existieren. Als Schirmherr des sie ersetzenden Frei- heitsdenkmals kann Louis XVI sich halten, weil er den Bastille- sturm durch seinen Pariser Besuch vom 17. Juli sanktioniert hat (was die zweite Gravüre am Boden darstellt) und darauf von der Nationalversammlung zum "Restaurateur de la Liberté Française" erklärt worden war (was zur Widmungsinschrift des Denkmals gewor- den ist). Eine Seiteninschrift des Sockels verpflichtet ihn au- ßerdem auf den Ausspruch: "Je ne veux faire qu'un avec mon peu- ple". Gleichwohl wirkt er eher wie eine Marionette, die dem neu- artigen Handeln der über sie emporgewachsenen Stände zuschaut. Denn mit dem Vierzehnten Juli, so wird suggeriert, hat sich der vorherige Ständekampf in nationale Eintracht verkehrt, sind die beiden oberen Stände von Unterdrückern zu Helfern des Dritten Standes geworden. In Gestalt heran- und nachwachsender, von der Francia genährter Milizionäre, welche durch die Unterschrift mit der "Nation" gleichgesetzt werden (wie bei Sieyès), empfängt der Dritte Stand endlich, was ihm zusteht: vom Klerus dessen Pfründe und den mißbrauchten Zehnten, vom Adel die in der Nacht vom 4. zum 5. August geopferten Feudalrechte. So erweist sich das Bild als 'royalistische' Siegesfeier und Beschwörung nationaler Ein- heit zugleich. In einen konkreten Denkmalsplan umgesetzt, worauf sogleich nach dem 14. Juli ein Wettbewerb ausgeschrieben worden war, ergab diese Allegorie beispielsweise folgenden Entwurf" im Sommer 1789 von dem Architekten Davy de Chavigne gezeichnet, aber erst 1790 von Taraval gestochen 39): Als "Wiederhersteller der französi- schen Freiheit" (so die Widmung) steht Louis XVI in Herrscherpose auf einer kolossalen Freiheitssäule. Deren Fuß umgeben zum einen Plastiken der nunmehr maßgeblichen vier Leitprinzipien ("France", "Liberte", "Concorde" und "Loi"), zum anderen Verkörperungen der verschiedenen Provinzen und Stände, die in Form von Quellen ohne Unterschied zu den Steuern beitragen. Doch solche Denkmalsprojekte im Zeichen der Bastille, die hoff- nungsvoll König und Stände einbezogen, beschränken sich auf die Jahre 1789"90 und wichen anderen Plänen, je deutlicher Louis XVI sich von der Revolution distanzierte und je offener die anfäng- lich besänftigten sozialen Spannungen aufbrachen. Schon die von Gatteaux" 'Graveur des Médailles de sa Majesté", 1790 für den Ba- stille-Platz entworfene Revolutions-Säule ersetzt Louis XVI durch die "Liberté" mit Lanze und Phrygenmütze 40). Als der Konvent dann am 16. Juni 1792 beschloß, den durch die Schleifung der Ba- stille frei gewordenen Platz "Place de la Liberté" zu taufen und in seiner Mitte eine Freiheitssäule zu errichten, wozu am 17. Juli 1792 feierlich der Grundstein gelegt wurde, feierte der Bau- unternehmer Pierre-François Palloy, selbsternannter "architecte" und "démolisseur de la Bastille", diese Beschlüsse mit dem eige- nen Plan eines Monuments, das ganz aus Steinen der Bastille er- baut werden und die römische Trajansäule an Größe überragen sollte (Abb. 10). So konzentrieren sich die Pläne für ein Ba- stille-Denkmal schließlich ganz auf die "Liberté". Während diese Denkmals-Gravüren Wunsch-Bilder blieben, zeigen zahlreiche Gedenkblätter zu öffentlichen Revolutionsfesten, wel- che Bedeutung die Bastille-Symbolik in der konkreten Selbstinsze- nierung der Revolution tatsächlich hatte. Als das politisierte Pariser Stadtvolk im Juli 1790 auf die offiziellen Föderations- feiern auf dem Marsfeld mit einem spontanen Gegenfest auf den Resttrümmern der Bastille antwortete, hielten mehrere Bildflug- blätter diese Symbolhandlung fest (Abb. 11): Das Gelände der al- ten Schreckensburg wird umfunktioniert zum Festplatz unter dem Motto "Ici l'on danse" 41). Von Palloy und seinen Arbeitern aus frisch geschlagenen Bäumen errichtete Lauben zeichnen den alten Umriß der Bastille nach und umschließen einen Tanzboden. Über den Lichterketten des nächtlichen Volksfestes schwebt die Freiheits- mütze. Nebenan aber können die Gäste in der Gruselkammer eines nachgebauten cachot die gesammelten Folterwerkzeuge und Greuel der "Bastille" besichtigen. Sie dürften vom Führer etwa das ge- hört haben, was bei der Wiederholung des Festes im folgenden Jahr der Vorsitzende eines revolutionären Clubs den Anwesenden zurief: Citoyens, freres et amis [...] C'est ici où fut la Bastille. Avec quel plaisir nous foulons au-jourd'hui à nos pieds ces pierres qui servirent pendant si long-tems à renfermer l'homme de génie, l'homme qui avoit eu le courage d'eclairer ses concitoyens [...]! C'est dans ces cachots dont nous voyons encore les vestiges, que furent renfermés ces écrivains célèbres qui ont preparé & hâté notre révolution. [...] C'est à la chûte de ce monument chéri du despotisme qu'est dû le succès de notre révolution: c'est de cette epoque que datera désormais notre ère politique. Le 14 Juillet sera de siècle en siècle le jour mémorable. 42) Fungiert die Bastille hier vor allem als Siegeszeichen der revo- lutionären Kleinbürger des Faubourg St. Antoine, so entwickelte sie sich fortan - über die Jahresfeiern des Vierzehnten Juli 43) hinaus - zum immer allgemeiner akzeptierten Identifikationssymbol der Französischen Revolution überhaupt und durfte bei kaum einem ihrer Feste fehlen, die fast obligatorisch auf dem Platz der ehe- maligen Bastille beginnen 44). So auch bei der Pantheonisierung Voltaires am 11. Juli 1791. Nachts zuvor wurde der Sarkophag des zweimal in der Bastille inhaftierten philosophe auf deren Trüm- merresten ausgestellt mit der Aufschrift: "Reçois dans ce lieu où le despotisme t'enchaîna, Voltaire, le honneurs que te rend la Patrie." 45) Den Festzug selbst hielt eine Radierung von Basset in der nie St. Jacques im Bilde fest (Abb. 12): In königsgleicher Prachtentfaltung werden die Überreste des Bastille-Märtyrers Vol- taire zum neueröffneten nationalen Ruhmestempel im Hintergrund geleitet von Vertretern der wichtigsten politischen Kräfte ein- schließlich der revolutionären Clubs und der "Forts de la Halle" (Nr. 2 und 6), unter ihnen die Bastille-Sieger. Die meisten in der Mitte des Festzuges mitgeführten "trophées de la liberté" be- ziehen sich auf die Bastille. Eine vorangetragene Fahne visuali- siert auf der Vorderseite den Vierzehnten Juli 46) und deutet ihn auf der Rückseite als "La dernière raison du Peuple". Ihr folgt der "Cortege du quatre vingt troisieme modèle de la Bastille" (Nr. 10), also die letzte jener Nachbildungen, die Palloy 1790-91 von seinen Arbeitern herstellen und als patriotische "ex voto de la liberte" in alle Departements verteilen ließ 47). Eingerahmt von Standarten mit den Porträts der Revolutionsväter Rousseau, Franklin, Desille und Mirabeau, tragen anschließend Bürger des Faubourg St. Antoine auf einem Bastille-Stein den Procès-ver- bal...de l'Assemblée générale des Electeurs de Paris, womit Bailly und Duveyrier 1790 offiziell über die Umstände des 14. Juli Rechenschaft abgelegt hatten. Das gleiche Bild wiederholt sich bei folgenden Pariser Revoluti- onsfesten und auf den sie festhaltenden Gravüren: etwa beim Zug zu Ehren der Soldaten von Châteauvieux am 15. April 1792, in dem Arbeiter Palloys und "vainqueurs de la Bastille" ein Bastille-Mo- dell und vier Bastille-Quader mit den Aufschriften "Constitu- tion", "Liberté", "Bravoure" und "Dévouement" trugen; oder bei den von David geplanten und organisierten Verfassungsfeiern des 10. August 1793 48), beginnend auf dem Platz der ehemaligen Bastille, an deren Stelle nun eine ägyptische Naturgöttin und das aus ihren Brüsten fließende, an Vertreter der Departements verteilte Wasser die nationale Wiedergeburt - eine Art politische Taufe - versinnbildlicht 49). Noch zum ersten offiziellen Nationalfeiertag am 14. Juli 1880 beschwören billige Bildflug- blätter (Abb. 13) die Symboltradition der Bastille: Erst vor dem Hintergrund ihres Despotismus, ihrer Eroberung und Zerstörung erhält der Sieg der inspirierten "Republik", die endlich die alte Aristokratie und die Großbourgeoisie beiseitefegt, ihre volle Be- deutung 50). (Die Abbildungen sind nicht gespeichert.) _____ *) Der folgende Beitrag steht in Zusammenhang mit einem For- schungsvorhaben, das Hans-Jürgen Lüsebrink (Universität Bayreuth) mit dem Verfasser betreibt und das von der Stiftung Volkswagen- werk unterstützt wird. Eine amerikanische Fassung des Beitrags erscheint in dem Ausstellungskatalog Printing and the French Re- volution der New York Public Library (Frühjahr 1989). 1) (Bibliothèque nationale. Département des estampes.) Un siècle d'histoire de France par l'estampe, 1770-1871. Collection de Vinck. Inventaire analytique, par François-Louis Bruel, Marcel Roux et al., bisher 8 Bde, hier Bd. I-III, Paris 1909-1921. 2) Maurice Tourneux, Les Tableaux historiques de la Révolution et leurs transformations. Etude iconographique et bibliographique, in: La Révolution française 15 (août 1888), S. 123-161. 3) Emile Dacier, Les Gravures historiques de Janinet, in: L'Amateur d'estampes, année 31 (1928), S. 161 ff., sowie année 32 (1929), S. 14 ff. und 44 ff. 4) Jack R. Censer, The Political Engravings of the 'Revolutions de France et de Brabant', 1789 to 1791, in: Eighteenth-Century Life 5 (1979), S. 105-122. 5) Pierre-Louis Duchartre/René Saulnier, L'Imagerie parisienne. L'imagerie de la rue Saint-Jacques, Paris 1944; Populäre Druck- graphik Europas. Frankreich vom 15. bis zum 20. Jahrhundert, Mün- chen 1968, S. 88-93. 6) Brigitte Schlieben-Lange, Traditionen des Sprechens, Stuttgart 1983, S. 64-77. 7) "Ihr wißt, welches Unheil der Fanatismus durch die Verbreitung von Bildern auf dem platten Lande angerichtet hat. Ich stelle den Antrag, die Gesellschaft der Verfassungsfreunde möge sämtliche Künstler veranlassen, dem durch Bilder entgegenzuwirken, die der Revolution gemäß sind." (Alle Übersetzungen vom Vf.) François- Alphonse Aulard (Hg.), La Société des Jacobins. Recueil de docu- ments pour l'histoire du Club des Jacobins de Paris, Bd. I-VI, Paris 1889-97, hier Bd. III, S. 263. 8) "Wie man gesehen hat, haben die Karikaturen bei allen Revolu- tionen dazu gedient, das Volk in Bewegung zu setzen, und es ist wohl nicht zu leugnen, daß die Hinterhältigkeit dieses Verfahrens seinen schnellen und schrecklichen Folgen entspricht. Die Karika- turen sind ein Thermometer, das die jeweilige Temperatur der öf- fentlichen Meinung anzeigt." Jacques-Marie Boyer-Brun, Histoire des caricatures de la révolte des Français, Bd. I, Paris 1792, Préface. 9) "Es scheint, als wollten die Karikaturen die Zeitungen erset- zen und zur unbeschränkten Pressefreiheit einen weiteren Beitrag liefern. Die Fußgänger bleiben haufenweise vor den Auslagen der Graphikhändler stehen." Vgl. das Kapitel XCIV über "Caricatures, folies" bei Louis-Sebastien Mercier, Le Nouveau Paris, Bd. III, Paris, an VII, S. 164. 10) Unveröffentlichte Recherchen des Verfassers. Vgl. vorläufig F.-A. Aulard, Etudes et leçons sur la Révolution française, 1. Serie, Paris 1893, S. 241-67. 11) "Dir Nutzen ist dem der Druckkunst vergleichbar. Sie ermög- licht die billige Vervielfältigung patriotischer und moralischer Darstellungen, deren Anblick die öffentliche Meinung stärker be- einflußt, als man meint." Jean-Nicolas Trouille, Discours pro- noncé en faisant hommage d'une estampe à la gloire de la Liberté triomphante, ouvrage postum de Vincent Vangelisty, Paris, an VII, S. 3. 12) R. Reichardt, Mehr geschichtliches Verstehen durch Bildillu- stration? Kritische Überlegungen am Beispiel der Französischen Revolution, in: Francia. Forschungen zur westeuropäischen Ge- schichte 13 (1985), S. 511-23. Nur teilweise von dieser Tradition befreien kann sich Michel Vovelle, La Révolution Française. Ima- ges et récit, 5 Bde, Paris 1986. 13) Lynn Hunt, Politics, Culture, and Class in the French Revolu- tion, Berkeley 1984, S. 87-119; Klaus Herding, Visuelle Zeichen- systeme in der Graphik der Französischen Revolution, in den Bie- lefelder Tagungsakten: Die Französische Revolution als Bruch des gesellschaftlichen Bewußtwußtseins, hg. von Reinhart Koselleck und R. Reichardt, München 1988, S. 513-52. 14) Siehe auch die mehr komparatistisch-literarhistorisch ange- legte Studie von Hans-Jürgen Lüsebrink, "Die zweifach enthüllte Bastille". Zur sozialen Funktion der Medien Text und Bild in der deutschen und französischen 'Bastille'-Literatur des 18. Jahrhun- derts, in: Francia 13 (1985), S. 311-31. 15) (siehe GIF-Datei in diesem Verzeichnis) 16) (siehe GIF-Datei in diesem Verzeichnis) 17) Mehr über die weiteren publizistischen und politischen Zusam- menhänge des Bastille-Mythos, die hier und im folgenden nur ange- deutet werden können, in meinem Artikel "Bastille", in: R. Reichardt/Eberhard Schmitt (Hg.), Handbuch politisch-sozialer Grundbegriffe in Frankreich 1680-1820 (München 1985 ff.), Heft 9, 1988, S. 8-74. 18) H.-J. Lüsebrink/R. Reichardt, La 'Bastille' dans l'imaginaire social de la France à la fin du XVIlIe siècle (1774-1799), in: Revue d'histoire moderne et contemporaine 30 (1983), S. 196-234, hier 198-214. 19) Vgl. den Brief des Directeur général de la librairie vom 16. Mai 1789 an den Pariser Lieutenant general de police, in: Archi- ves Nationales Paris, V² 551. 20) Jean-Pierre Seguin, Les feuilles d'information non périodi- ques ou 'canards' en France, in: Revue de Synthese 78 (1957), S. 391-420. 21) Les Lauriers du Faubourg Saint-Antoine, ou Le Prix de la Ba- stille renversee, Paris, Gueffier, 1789, 8 S. Detailliertere Nachweise und Analysen der beiden im folgenden vorgestellten ca- nards bei H.-J. Lüsebrink/R. Reichardt, Oralität und Textfilia- tion in rezeptionspragmatischer Perspektive. Sozio-kulturelle Fallstudien zur Konstitution populärer Druckschriften und zur Re- zeption der "Memoires" von Latude in den Jahren 1787-93, in dem Tagungsband von Günter Berger (Hg.), Zur Geschichte von Buch und Leser im Frankreich des Ancien Regime, Rheinfelden 1986, S. III- 43. 22) Auguste Martin, L'Imagerie orleanaise, Paris 1928, S. 12-14 und 79-107. 23) Siehe die mit zwei aufgespießten Köpfen umherziehenden Ba- stille-Sieger der anonymen Radierung C'est ainsi qu'on se venge des traitres (Bibl.nat.Paris, Coll. de Vinck, Nr. 1605). 24) Vgl.: Le marquis de Launay, Gouverneur de la Bastille. Fik- tive Autorenangaben. Punktierte Gravur 225:170 mm (Bibl.nat. Pa- ris, Coll. de Vinck, Nr. 1571). Paris 1789. *) Diese verruchte Bastille/Steht schon nicht mehr. /Ihre Mauern sind niedergerissen,/Jedermann ist außer sich vor Begeiste- rung./Hinweg, schändliche Sklaverei,/Hinweg, eisernes Zeital- ter!/Unter Ludwig [XVI.] und Necker/Faßt der Franzose wieder Mut. 25) Vgl. dazu sehr eindringlich H.-J. Lüsebrink, Die Vainqueurs de la Bastille: kollektiver Diskurs und individuelle 'Wortergrei- fungen', in: Die Französische Revolution als Bruch des gesell- schaftlichen Bewußtseins (wie Anm. 13), S. 321-57. 26) Vgl. die von Beauvais gezeichnete und von Augustin Le Grand und Jean-Marie Mixelle gestochene kolorierte Radierung über Jo- seph Arné Grenadier. Paris 1789. 207:140 mm (Bibl.nat. Paris, Coll. de Vinck, Nr. 1651). 27) Vgl.: Martirs de la Liberté. 1793. Anonyme Radierung pointil- liert 166:129 mm (Bibl.nat. Paris, Coll. de Vinck, Nr. 5416). 28) Vgl. die so betitelte anonyme kolorierte Aquatinta-Radierung vom Juli 1789 (Bibl.nat. Paris, Coll. de Vinck, Nr. 1674), die mehrfach kopiert wurde. 29) Adieu Bastille. 1789. Anonyme Radierung koloriert 173:255 mm (Bibl.nat. Paris, Coll. de Vinck, Nr. 1671). 30) Vgl. den Bericht in der anonymen Flugschrift Le Moine qui n'est pas bete, ohne Ort und Jahr, S. 1. 31) Vgl.: Démolition de la Bastille. Verlegt von J. Chereau, Pa- ris 1789. Anonyme Radierung koloriert 157:263 mm (Bibl.nat. Pa- ris, Coll. de Vinck, Nr. 1666). 32) Siehe eine Reihe Kupferstiche in der Bibl.nat. Paris, Coll. de Vinck, Nr. 1150-57. 33) Vgl. aus der umfangreichen Publizistik z.B. die anonyme Flug- schrift: Paris sauvé, ou Récit détaillé des événemens qui ont eu lieu à Paris depuis le 12 Juillet 1789, une heure après midi, ju- squ'au vendredi suivant en soir, ohne Ort und Jahr, 34 S. 34) So der Titel einer anderen Version des Blattes (Bibl.nat. Pa- ris, Coll. de Vinck, Nr. 1696). 35) Vgl. die teilweise Louis-Pierre Manuel zugeschriebene anonyme Dokumentation: La Bastille dévoilée, ou Recueil des pièces au- thentiques pour servir à son histoire, 4e livraison, Paris, De- senne, November 1789, S. 132. 36) Le Comte de Lorges, prisonnier à la Bastille pendant trente- deux ans, ohne Ort, September 1789, 16 S. Mehr zu dem ganzen Pro- blem bei Lüsebrink/Reichardt, La 'Bastille' (wie Anm. 18), S. 216-23. 37) "Wir haben es nicht gesehen, aber mehrere Leute haben uns versichert, daß sie gesehen hätten, wie ein Greis aus diesem Ort des Grauens hervorkam; er trug einen gewaltigen grauen Bart, über einen Fuß lang; wenn man den Berichten glauben darf, hat er drei- ßig Jahre lang in den unterirdischen Verließen geschmachtet." Vgl. die anonyme Flugschrift: La Bastille, Paris 1789, S. 6-7. 38) "Diese abscheuliche Brutstätte des teuflischen Despotismus, welche die Menschlichkeit so viele Jahrhunderte lang und so oft erschaudern ließ und mit Füßen trat, welche so viele unschuldige Opfer verschlungen hat, wird völlig vernichtet werden, und an ih- rer Stelle wird der erhabenen Freiheit ein Denkmal errichtet wer- den!" Révolutions de Paris N° 1 (12.-17. Juli 1789), S. 23. 39) Colonne de la Liberté. Paris 1790. Gezeichnet von Davy de Chavigné, gestochen von Gustave Taraval. Geätzte und gestochene Gravüre 372:565mm (Bibl.nat. Paris, Coll. de Vinck, Nr. 1714). 40) Projet d'un monument pour con sacrer la Révolution. Paris 1790. Gezeichnet von Gatteaux, gestochen von Sellier. Radierung pointilliert 450:361 mm (Bibl. nat. Paris, Coll. de Vinck, Nr. 1715). 41) So der Titel einer kolorierten Radierung, die Chereau in der nie St. Jacques Ende Juli 1790 herausbrachte (Bibl. nat. Paris, Coll. de Vinck, Nr. 3855). 42) "Bürger, meine Brüder und Freunde! Hier also stand einst die Bastille. Mit welch großer Freude treten wir heute dieselben Steine unter unsere Füße, die so lange zur Einkerkerung des Man- nes von Geist dienten, jenes Mannes, welcher den Mut hatte, seine Mitbürger aufzuklären! In diesen Verließen hier, deren Überreste wir noch sehen, wurden jene berühmten Schriftsteller eingesperrt, die unsere Revolution vorbereitet und beschleunigt haben. Der Er- folg unserer Revolution beruht auf dem Sturz dieses Schandmals, das dem Despotismus so teuer war; mit diesem epochalen Ereignis beginnt unser neues politisches Zeitalter. In künftigen Jahrhun- derten wird der Vierzehnte Juli der Gedenktag sein.", Rede von Tallien, gedruckt in der anonymen Sammelschrift Fête civique sur les raines de la Bastille, le 14 juillet, l'an troisième de la Liberté, ohne Ort und Jahr [Paris 1791], S. 3-4. 43) Vgl. die Analyse von Festreden zum Vierzehnten Juli bei Lüse- brink/Reichardt, La 'Bastille' (wie Anm. 18), S. 224-34; sowie dieselben, La Prise de la Bastille comme 'evenement total', in dem Tagungsband: L'Evenement, Aix-en-Provence/Marseille 1986, S. 78-102. 44) Mona Ozouf, Le cortège et la ville: les itinéraires parisiens des fêtes révolutionaires, in: Annales E.S.C. 26 (1971), S. 889- 916. 45) Journal de Paris, N° 192 vom 11. Juli 1791. 46) "Sur un etendard deploye on voyoit l'image de la Bastille; cette forteresse representee au relief suivoit ensuite..." (Detail exact et circonstancie de tous les objets relatifs à la fete de Voltaire, extrait de la Chronique de Paris, ohne Ort und Jahr [Paris, Juli 1791], S. 2). 47) Mehr dazu bei Lüsebrink/Reichardt, La 'Bastille' (wie Anm. 18), S. 224-28. 48) Vgl.: Premiere fête de la Liberté à l'occasion des quarante soldats de Chateau-Vieux, arrachés des galères de Brest. Paris 1792. Anonymer Kupferstich 107:149 mm aus: Revolution de Paris, N° 145, 14.-21. April 1792 (zu S. 98). 49) Vgl.: Monuments Nationaux eleves pour la Fete de la Frater- nite, celebre le 10 Août 1793. Paris 1793. Nach einem Blatt von Villeneuve nachgestochen von Blanchard und verlegt von Basset. Radierung (Bibl. nat. Paris, Coll. Hennin, Nr. 11598). 50) Zur Nachwirkung der Bastille-Symbolik im 19. und 20. Jahrhun- dert vgl. Rosemonde Sanson, Les 14 Juillet, fete et conscience nationale, 1789-1975, Paris 1976; Christian Amalvi, Le 14 Juil- let: Du 'Dies irae' à 'Jour de fête', in: Pierre Nora (Hg.), Les lieux de la mémoire, Bd. I: La République, Paris 1984, S. 421-72. zurück