Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 14/1988
zurück
REFLEXIONEN ZUR FRANZÖSISCHEN REVOLUTION
IM POLITISCHEN DENKEN LENINS
Josef Schleifstein
Lenin hat sich mit der großen Revolution der Franzosen nie als
Historiker befaßt, stets nur im Zusammenhang mit der Strategie
und Taktik der russischen Arbeiterbewegung, besonders in revolu-
tionären und vorrevolutionären Stadien des Kampfes. Wie er sich
in den Schriften von Marx und Engels "Rat zu holen" pflegte, so
auch in der politischen Geschichte Frankreichs, wo die Kämpfe der
Klassen und Klassenfraktionen so wie nirgendwo sonst - 1789-1793,
1830, 1848, 1871 - in revolutionären Formen ausgefochten wurden.
Er "berät" sich mit der französischen Entwicklung, um zu lernen,
nicht um nachzuahmen. Das Vergleichbare, Anwendbare, zu Lernende
ist für ihn immer an die V o r a u s s e t z u n g der konkret-
historischen Analyse gebunden, an die Untersuchung der eigenen
ökonomischen, sozialen, politischen, geistig-ideologischen Bedin-
gungen, an die Konstellation der Klassenkräfte und Parteiströmun-
gen im zaristischen Rußland des frühen zwanzigsten Jahrhunderts.
Bald nach dem Ausbruch der ersten russischen Revolution, im März-
April 1905, befaßt Lenin sich mit der Frage, welchen Ent-
wicklungsweg die Revolution gehen wird, von welchem "Typus" sie
sein wird: vom Typus des Jahres 1789 oder von dem des Jahres
1848? Er denkt über die objektiven inneren und äußeren Bedingun-
gen nach, die in die eine oder andere Richtung weisen. Aber zwei-
felsfrei steht für ihn fest, daß die russische Sozialdemokratie
auf den "Typus von 1789" hinarbeiten muß, daß sie bestrebt sein
muß, "die bürgerliche Revolution soweit wie möglich v o r a n-
z u t r e i b e n". 1) In der intensiven Suche nach dem rich-
tigen, dem für das Proletariat und die Bauernmassen günstigsten,
zugleich aber unter den gegebenen historisch-sozialen Bedingungen
bei größter subjektiver Kraftentfaltung auch möglichen Weg stößt
er immer wieder auf den V e r g l e i c h zwischen der Großen
Französischen Revolution 1789"1794 und der Revolution von 1848/49
in Deutschland. Mit der für ihn charakteristischen Gründlichkeit
studiert Lenin alles, was er bei Marx und Engels über die
Revolutionen finden kann, vor allem in den erst wenige Jahre
zuvor - 1901 und 1902 - von Franz Mehring herausgegebenen Arbei-
ten in der "Neuen Rheinischen Zeitung" und in der "Neuen
Rheinischen Zeitung - Politisch-ökonomische Revue".
In der Großen Französischen Revolution sah Lenin das k l a s-
s i s c h e V o r b i l d der bürgerlichen bzw. bürgerlich-
demokratischen (er gebrauchte die beiden Begriffe als Synonyme
und bestimmte Tiefe und Breite des Demokratismus am konkreten
historischen Beispiel) Revolution, wegen ihrer K o n s e-
q u e n z in der Zerstörung des Feudalabsolutismus, in der
Freisetzung der Entwicklungsmöglichkeiten für den Kapitalismus,
in der Befreiung der Bauernmassen vom feudalen Joch. Nach der
Oktoberrevolution sagt Lenin im Mai 1919: "Nehmen Sie die Große
Französische Revolution. Nicht umsonst nennt man sie die Große.
Für ihre Klasse, für die sie wirkte, für die Bourgeoisie, hat sie
so viel getan, daß das ganze 19. Jahrhundert, das Jahrhundert,
das der gesamten Menschheit Zivilisation und Kultur gebracht hat,
im Zeichen der Französischen Revolution verlief. Dieses
Jahrhundert hat überall in der Welt nur das durchgesetzt,
stückweise verwirklicht und zu Ende geführt, was die großen fran-
zösischen bürgerlichen Revolutionäre geschaffen hatten, die den
Interessen der Bourgeoisie dienten, auch wenn sie sich dessen
nicht bewußt waren und das durch die Worte Freiheit, Gleichheit
und Brüderlichkeit verschleierten." 2)
Lenin fragt nun 1905: Was lehrt uns die K o n s e q u e n z der
Franzosen damals für die eigene Zielsetzung, die eigene Taktik,
die anzustrebende politische Macht, die Klassenbündnisse, die zu
erwartende Haltung der Bourgeoisie, die sozialen und politischen
Triebkräfte der Revolution? Er fragt: Kann die Arbeiterklasse in
einer zweifellos noch bürgerlichen, bürgerlich-demokratischen Re-
volution die H e g e m o n i e erringen? Kann die sozialdemo-
kratische Partei der Arbeiterklasse die Rolle der Jakobiner in
der Großen Französischen Revolution erlangen? Diese Fragen sind
zugleich Gegenstand härtester, fundamentaler Auseinandersetzungen
zwischen den beiden Strömungen der russischen Arbeiterbewegung,
der menschewistischen und der bolschewistischen, die in den Revo-
lutionsjahren sich organisatorisch wieder in einer Partei verei-
nigen.
Daß auch die russische Revolution 1905 erst die kapitalistische
Entwicklung völlig freisetzen muß, alle Barrieren ökonomischer
und politischer Natur, die sie fesseln und behindern, beiseite
räumen muß - wie 1789 in Frankreich ", das ist für Lenin selbst-
verständlich. Er demonstriert es illusionsfrei am p r a k t i-
s c h e n Verhalten der russischen Gesellschaft bis in die
Arbeiterklasse hinein. Er zeigt, daß die bürgerliche Revolution
sich in einem "auf den ersten Blick nicht klassenmäßigen
Charakter" des Kampfes äußert, eines Kampfes "aller Klassen der
bürgerlichen Gesellschaft gegen die Selbstherrschaft und die
Leibeigenschaft". Die rein kapitalistischen Widersprüche sind
vielfach noch überlagert durch die Widersprüche zwischen der zi-
vilisatorischen Rückständigkeit und den europäischen Elementen,
so daß Forderungen in den Vordergrund rückten, deren Erfüllung
"den Kapitalismus entwickeln, ihn von den Schlacken des Feudalis-
mus reinigen". Lenin geht noch weiter: Ende November 1905, schon
in einem Stadium schärfster, auch bewaffneter Kämpfe, zeigt er,
daß dies sogar für das Proletariat gelte. "Was das Proletariat
Rußlands jetzt gleich und unverzüglich fordert, untergräbt den
Kapitalismus nicht, sondern reinigt ihn und beschleunigt, ver-
stärkt seine Entwicklung. ... Selbst das Proletariat macht die
Revolution sozusagen im Rahmen des Minimalprogramms und nicht des
Maximalprogramms, ganz zu schweigen von der Bauernschaft, dieser
gigantischen Masse der Bevölkerung. Ihr 'Maximalprogramm', ihre
Endziele gehen nicht hinaus über den Rahmen des Kapitalismus, der
sich beim Übergang des gesamten Grund und Bodens an die gesamte
Bauernschaft und das gesamte Volk noch breiter und üppiger ent-
falten würde." 3)
Die scharfen, oft genug am französischen Beispiel von 1789-1794
und am deutschen Beispiel von 1848/49 geführten, Auseinanderset-
zungen in der russischen Arbeiterbewegung betrafen keineswegs,
wie es die Menschewiki auch international damals und später dar-
stellten, das s o z i a l ö k o n o m i s c h e Wesen, den all-
gemein-historischen Charakter der Revolution. Es ging vielmehr
darum, welche Klasse - unter den Bedingungen Rußlands im Jahre
1905 - imstande sein könnte, die bürgerlich-demokratische Revolu-
tion nach dem Beispiel der Großen Französischen zu v o l l-
e n d e n. Die Menschewiki - ihre theoretischen Sprecher waren
vor allem Plechanow, Martow und Martynow - dachten im Grunde in
mechanischen Analogien: Es ist eine b ü r g e r l i c h e
Revolution, folglich gehört die Führung in dieser Revolution der
liberalen Bourgeoisie, und das Proletariat muß alles unterlassen,
was dem Bürgertum und seiner politischen Partei, den Konstitu-
tionellen Demokraten (Kadetten), den Geschmack am revolutionären
Vorgehen gegen den Zarismus und die Gutsbesitzer verderben, was
ihm Furcht vor zu weitgehenden, zu radikalen Forderungen und
Zielen der Arbeiterklasse und der Arbeiterbewegung einjagen
könnte.
Auch Lenin wählt den Vergleich mit der französischen und der
deutschen Revolution. Aber für ihn ist ausschlaggebend, daß die
russische Bourgeoisie - ökonomisch, politisch, psychologisch -
weit mehr zum Verhalten der deutschen liberalen Bourgeoisie von
1848 /1849 tendiert und tendieren muß, daß sie die ungleich stär-
kere, organisiertere, bewußtere Arbeiterklasse im Rücken fürch-
tet, und daß sie daher an einer V o l l e n d u n g der Revolu-
tion im bürgerlichdemokratischen und republikanischen Sinne nicht
interessiert ist. "Der Bourgeois ist nicht abgeneigt", schreibt
er, "den Weg Deutschlands von 1848 zu beschreiten, er wird aber
'alle Anstrengungen' machen, um den Weg Frankreichs zu vermei-
den." 4) Daher kamen Lenin und seine Anhänger zu diametral entge-
gengesetzten Schlußfolgerungen als die menschewistischen Führer.
Da die russische Bourgeoisie "aus ihrer Klassenlage heraus" 5)
die Vollendung der bürgerlichen Revolution nicht wolle, müsse die
Arbeiterklasse die Führung, die H e g e m o n i e in einem
Klassenbündnis mit der Bauernschaft, dem städtischen Kleinbürger-
tum, der demokratischen Intelligenz übernehmen. Die von den Men-
schewiki beschworene "Gefahr", eine zu große Selbständigkeit der
Arbeiterklasse könne den "Schwung der Revolution" schwächen, be-
antwortet Lenin in seiner berühmten Schrift "Zwei Taktiken der
Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution" und in zahl-
reichen Artikeln in dem Sinne, daß nur die höchste Kraftentfal-
tung des Proletariats und der Bauernschaft, die entschiedensten
revolutionären Methoden im Kampfe der Volksmassen den "Schwung"
der Revolution sichern könnten. 6) Die o b j e k t i v e Ursa-
che dafür liege in den im Vergleich zu den voraufgegangenen bür-
gerlichen Revolutionen Westeuropas fortgeschritteneren Bedingun-
gen, dem bereits offener und schärfer entfalteten Klassenwider-
spruch zwischen Bourgeoisie und Proletariat. Lenin kommt 1905 zu
der Feststellung, daß in gewissem Sinne "die bürgerliche Revolu-
tion für das Proletariat v o r t e i l h a f t e r ist als für
die Bourgeoisie" 7).
Lenin verbindet also die m ö g l i c h e n Ergebnisse der Revo-
lution mit der maximalen Aktivität der Volksmassen, der
u n t e r s t e n Schicht des Volkes, und gerade hier sieht er
das Vorbild in der großen Revolution der Franzosen. Seine Äuße-
rungen dazu betreffen vor allem zwei große Fragenkomplexe, die
B a u e r n f r a g e und die Rolle d e r J a k o b i n e r.
Angesichts des riesigen Übergewichts der bäuerlichen Bevölkerung
und der furchtbaren Last der feudalen Rückständigkeit mußte die
Bauernbefreiung zum Kernproblem der ersten russischen Revolution
werden. Lenin sah daher die S p e z i f i k dieser Revolution
gerade darin, daß sie dem Klasseninhalt nach eine "b ä u e r-
l i c h - b ü r g e r l i c h e Revolution" war. Daraus ergab
sich auch der grundlegende Unterschied der Bündnisorientierung:
Bündnis mit der liberalen Bourgeoisie beim menschewistischen
Flügel, Bündnis mit den Bauernmassen bei den Bolschewiki. In
seiner großen Arbeit über die Agrarfrage in der ersten russischen
Revolution von Ende 1907 sagte Lenin, der menschewistische Flügel
der russischen Sozialdemokratie habe sich auf den "allgemeinen,
abstrakten, schablonenhaften Begriff der bürgerlichen Revolution"
beschränkt und sei nicht fähig gewesen, "die B e s o n d e r-
h e i t e n der gegebenen bürgerlichen Revolution als einer
Bauernrevolution zu verstehen". 8)
Aus dieser Spezifik, aus den im Vergleich mit früheren bürgerli-
chen Revolutionen fortgeschritteneren kapitalistischen Entwick-
lungsbedingungen, aus der daraus (objektiv wie subjektiv) real
möglichen H e g e m o n i e r o l l e des Proletariats unter
den revolutionären gesellschaftlichen Kräften, leitet er damals
bekanntlich die Formel für die anzustrebende politische Macht ab
- "die revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und
der Bauernschaft". K o n s e q u e n z im Sinne der radikalen
Beseitigung der Feudallasten durch die Französische Revolution,
das hieß für Lenin: alle nur denkbare Unterstützung des Proleta-
riats und der Sozialdemokratie für die revolutionären Bauernbewe-
gungen, die zu Bauernaufständen angewachsen waren; Konfiskation
der Gutsbesitzerländereien durch die Bauernkomitees (wenigstens
bis zur Bildung einer nationalen Konstituierenden Versammlung);
Erkämpfung einer konsequenten demokratischen politischen Ordnung
der Republik, um das Errungene zu sichern 9) (dabei legt er stets
großen Wert darauf, die S e l b s t ä n d i g k e i t des indu-
striellen Proletariats und des Landproletariats gegenüber den
bäuerlichen Kleineigentümern, besonders für die historische Per-
spektive, zu betonen).
In seinen Äußerungen zur Großen Französischen Revolution kommt
Lenin wiederholt auf die geschichtliche Rolle des J a k o b i-
n e r t u m s zu sprechen. Bereits im Sommer 1905 wählt Lenin in
seiner grundlegenden Schrift "Zwei Taktiken der Sozialdemokratie
in der demokratischen Revolution" selbst den V e r g l e i c h
der Bolschewiki und ihrer Politik mit den Jakobinern. Anknüpfend
an Marx in der "Neuen Rheinischen Zeitung" sagt Lenin: "Gelingt
der entscheidende Sieg der Revolution, dann werden wir mit dem
Zarismus auf jakobinische, oder, wenn ihr wollt, plebejische
Manier fertig werden." 10) Er betont, daß die Bolschewiki
keineswegs die Ansichten, das Programm und die Aktionsmethoden
der Jakobiner nachahmen wollten, sondern mit dem Vergleich nur
zum Ausdruck bringen, daß sich die Vertreter der fort-
geschrittensten Klasse des 20. Jahrhunderts ebenso wie Girondi-
sten und Jakobiner in einen opportunistischen und einen revolu-
tionären Flügel teilten. "Die Jakobiner der heutigen Sozialdemo-
kraten - die Bolschewiki ...", so Lenin, "wollen mit ihren Losun-
gen das revolutionäre und republikanische Kleinbürgertum und be-
sonders die Bauernschaft auf das Niveau des konsequenten Demokra-
tismus des Proletariats heben, das seine Sonderstellung als
Klasse dabei voll bewahrt. Sie wollen, daß das Volk, d.h. das
Proletariat und die Bauernschaft, mit der Monarchie und der Ari-
stokratie auf 'plebejische Manier' fertig wird ..." 11).
Als dann Plechanow auf dem Vereinigungsparteitag der russischen
Sozialdemokratie und der nationalen Arbeiterparteien des russi-
schen Reiches (im April-Mai 1906 in Stockholm) zum x-ten Male Le-
nin und den bolschewistischen Flügel des Parteitags des Verschwö-
rertums und Blanquismus anklagt und sich dabei auf den französi-
schen Konvent beruft, antworten ihm Lenin und Woinow
(Lunatscharski): "Verurteilen Sie das Verschwörertum, aber erken-
nen Sie in der Resolution eine Diktatur ähnlich dem Konvent an,
und wir werden vollständig und vorbehaltlos mit Ihnen einverstan-
den sein. ... Den Konvent anerkennen und gegen die Machtergrei-
fung vom Leder ziehen, heißt mit Worten jonglieren. Den Konvent
anerkennen und gegen die revolutionär-demokratische Diktatur des
Proletariats und der Bauernschaft' wettern, heißt sich selbst ins
Gesicht schlagen. Und die Bolschewiki haben stets und immer nur
von der Eroberung der Macht durch die Masse des Volkes gespro-
chen, durch das Proletariat und die Bauernschaft und keineswegs
durch diese oder jene 'bewußte Minderheit'." 12)
Zum Thema der Jakobiner kehrt Lenin später während des ersten
Weltkriegs und besonders in den Monaten zwischen der Februar- und
der Oktoberrevolution 1917 zurück. Als sich Plechanow und Kautsky
im ersten imperialistischen Weltkrieg, um die "Vaterlandsver-
teidigung" zu rechtfertigen, auf die Verteidigung des revolutio-
nären Frankreich gegen die vereinigte reaktionäre Koalition der
absolutistischen Mächte Europas berufen, antwortet Lenin voller
Empörung gegen diese Prostituierung des Marxismus: "Man kann
nicht Marxist sein, ohne höchste Achtung vor den großen bürger-
lichen Revolutionären zu empfinden, deren weltgeschichtliches
Recht es war, im Namen der bürgerlichen 'Vaterländer' zu spre-
chen, die im Kampf gegen den Feudalismus Millionen und aber
Millionen Menschen neuer Nationen zum zivilisierten Dasein erho-
ben haben. Und man kann nicht Marxist sein, ohne Verachtung zu
empfinden vor der Sophistik Plechanows und Kautskys, die von ei-
ner Verteidigung des Vaterlandes' reden, wenn die deutschen Impe-
rialisten Belgien erdrosseln oder die Imperialisten Englands,
Frankreichs, Rußlands und Italiens Abmachungen treffen über die
Ausraubung Österreichs und der Türkei." 13)
In einer revolutionären Situation und abermals in der Polemik mit
Plechanow kommt Lenin auf das Jakobinerthema zurück. Es ist Ende
Mai 1917 (nach dem alten rassischen Kalender), der Zar ist ge-
stürzt, die bürgerlich-sozialrevolutionär-menschewistische Provi-
sorische Regierung, die Frieden und Land versprochen hatte, aber
den Krieg munter fortsetzt und die Bauern von Monat zu Monat, von
Woche zu Woche auf eine irgendwann einzuberufende Konstituierende
Versammlung vertröstet, sieht sich gewaltig anschwellenden Bau-
ernbewegungen und Soldatenunruhen gegenüber. Sie beginnt, ganze
Regimenter wegen Aufsässigkeit aufzulösen. Da erinnert Plechanow,
der die ganzen Jahre an der Seite der Monarchie und der Bour-
geoisie den imperialistischen Krieg unterstützte, ausgerechnet an
die Jakobiner von 1793 und ihre offene Erklärung gegen die Feinde
des Volkes. Lenin antwortet ihm in der bolschewistischen "Prawda"
vom 28. Mai 1917 mit der vielzitierten Passage von den Jakobinern
m i t und den Jakobinern o h n e Volk, in der er den histori-
schen Ort des Jakobinertums bestimmt: "Keine einzige Partei
sollte es unterlassen", schreibt er, "die Jakobiner von 1793 in
diesem von Plechanow gewählten Punkt nachzuahmen. Die Sache ist
nur die, daß es 'Jakobiner' und 'Jakobiner' gibt. Eine geistrei-
che französische Redensart, deren sich Plechanow vor 20 Jahren,
als er noch Sozialist war, gern erinnerte, verspottet die
'Jakobiner ohne Volk' (jacobins moins le peuple). Die historische
Größe der wahren Jakobiner, der Jakobiner von 1793, bestand
darin, daß sie 'Jakobiner mit dem Volk' waren, mit der revolutio-
nären M e h r h e i t des Volkes, mit den r e v o l u t i o-
n ä r e n fortschrittlichen Klassen i h r e r Zeit. Lächerlich
und erbärmlich sind die Jakobiner ohne Volk', jene, die sich nur
als Jakobiner gebärden, die A n g s t haben, klar, offen, für
alle vernehmlich die Ausbeuter, die Unterdrücker des Volkes, die
Knechte der Monarchie in allen Ländern, die Anhänger der
Gutsherren in allen Ländern für Feinde des Volkes zu erklären.
Ihr habt die Geschichte studiert, ihr Herren Miljukow und
Plechanow, könnt ihr etwa bestreiten, daß die g r o ß e n Jako-
biner von 1793 keine Angst hatten, gerade die reaktionären,
ausbeutenden M i n d e r h e i t e n des Volkes ihrer Zeit, ge-
rade die Vertreter der reaktionären K l a s s e n ihrer Zeit
für Feinde des Volkes zu erklären?" 14)
Einen Monat später - Ende Juni 1917 - schreibt Lenin in der
"Prawda" einen kurzen Artikel unter der bezeichnenden Überschrift
"Kann man die Arbeiterklasse mit dem Jakobinertum' schrecken?".
Inzwischen ist es in der gesamten bürgerlichen und klein-
bürgerlich-demokratischen (Sozialrevolutionären und menschewisti-
schen) Presse zur ständigen Übung geworden, die Bolschewiki mit
den Jakobinern zu vergleichen, ihnen "terroristische" und
"putschistische" Absichten zu unterstellen. Auch Historiker des
Bürgertums nehmen das Wort. Lenin antwortet einem von ihnen: "Die
Historiker der Bourgeoisie sehen im Jakobinertum ein Fallen
('abgleiten'). Die Historiker des Proletariats sehen im Jakobi-
nertum einen der H ö h e p u n k t e im Befreiungskampf der un-
terdrückten Klasse. Die Jakobiner gaben Frankreich die besten
Vorbilder der demokratischen Revolution und der Abwehr der gegen
die Republik verbündeten Monarchen." 15)
Es sei noch auf ein weiteres Problem aufmerksam gemacht, das Le-
nin im Zusammenhang mit der Großen Französischen Revolution (und
anderen bürgerlichen Revolutionen) vor allem in den Jahren nach
der russischen Revolution von 1905 - 1907 beschäftigte. Anknüp-
fend an Marx und Engels, verweist er auf die Rolle der
u n t e r e n V o l k s m a s s e n in der Revolution, selbst
für das, was die Bourgeoisie an historisch reifen Siegesfrüchten
erntet. Im Mai 1908 schreibt Lenin - nachdem er das Vorwort von
Engels zur englischen Ausgabe der "Entwicklung des Sozialismus
von der Utopie zur Wissenschaft" zitiert hat - zur Rolle der
"plebejischen" Massen in Rußland: "Bestätigt wurde, daß allein
die Einmischung der Bauernschaft und des Proletariats, des
'plebejischen Elements der Städte', die bürgerliche Revolution
ernstlich voranzubringen vermag (kann für das Deutschland des 16.
Jahrhunderts, für das England des 17. Jahrhunderts und für das
Frankreich des 18. Jahrhunderts die Bauernschaft in den Vorder-
grund gestellt werden, so muß für das Rußland des 20. Jahrhun-
derts das Verhältnis unbedingt umgekehrt werden, denn ohne In-
itiative des Proletariats, ohne seine Führung ist die Bauern-
schaft nichts). Es hat sich ferner bestätigt, daß die Revolution
ein g r o ß e s Stück über ihre unmittelbaren, nächsten, be-
reits völlig herangereiften bürgerlichen Ziele hinausgeführt wer-
den muß, sollen diese Ziele tatsächlich erreicht, sollen die mi-
nimalen bürgerlichen Errungenschaften ein für allemal fest veran-
kert werden." 16)
Mehr als drei Jahre später, vor den Wahlen zur IV. Duma, greift
Lenin das Problem erneut auf (Dezember-Januar 1911). Er äußert im
Zusammenhang mit dem gesamten bürgerlichen Revolutionszyklus
Frankreichs im 19. Jahrhundert bis zur proletarischen Pariser
Kommune von 1871 den bedeutsamen Gedanken, daß die U m w a n d-
l u n g der französischen Bourgeoisie aus einer monarchistischen
in eine republikanische vor allem das Resultat jener weiter-
treibenden, über das historisch realisierbare Ziel hinaus-
schießenden "plebejischen Volksmassen" war. "Die liberale Bour-
geoisie in Frankreich", heißt es in dem Aufsatz "Prinzipielle
Fragen der Wahlkampagne", "hat ihre Feindschaft gegenüber der
konsequenten Demokratie schon in der Bewegung der Jahre 1789-1793
zu zeigen begonnen. ... Zu Beginn der Epoche der bürgerlichen Re-
volutionen war die liberale französische Bourgeoisie monarchi-
stisch, am Ende der langen Periode bürgerlicher Revolutionen war
die gesamte französische Bourgeoisie - in dem Maße, wie die Ak-
tionen des Proletariats und der bürgerlich-demokratischen Ele-
mente (Elemente des 'Linksblocks', nehmen Sie mir es nicht übel,
L. Martow) entschlossener und selbständiger wurden - in eine re-
publikanische Bourgeoisie u m g e m o d e l t, umerzogen, umge-
schult, umgebildet worden. In Preußen, und in Deutschland über-
haupt, ließ der Junker während der ganzen Zeit der bürgerlichen
Revolutionen die Hegemonie nicht aus der Hand und er 'erzog' die
Bourgeoisie nach seinem Bild und Ebenbild. In Frankreich er-
kämpfte sich während der acht Jahrzehnte bürgerlicher Revolutio-
nen das Proletariat in verschiedenen Kombinationen mit den
'Linksblock'-Elementen der Kleinbourgeoisie so etwa viermal die
Hegemonie und im Ergebnis mußte die Bourgeoisie eine politische
Ordnung schaffen, die für ihren Antipoden vorteilhaft war." 17)
Es ist verschiedentlich die Frage aufgeworfen worden, warum sich
Lenin nie unmittelbar zu den ä u ß e r s t e n l i n k e n
Vertretern der plebejischen Volkskräfte in der Französischen Re-
volution, zu den Enrages, zu Jacques Roux und seinen Anhängern,
geäußert habe. Walter Markov vermutet, und die Vermutung ist
durchaus einleuchtend, daß Lenin, der die 1909 erschienene Ge-
schichte der Französischen Revolution aus der Feder des alten An-
archo-Kommunisten Pjotr A. Kropotkin kannte und schätzte, durch
die Annexion der Enrages für den Anarchismus im Werk Kropotkins
abgeschreckt war. In seinem Aufsatz "Jacques Roux und Karl Marx"
schreibt Walter Markov in einer Fußnote: "Wenn Lenin anerkannte,
daß bei Kropotkin die Volkskräfte als Motor der revolutionären
Bewegung agierten, so muß ihm andererseits eine der geschichtli-
chen Logik zuwiderlaufende Gleichsetzung der selbstbewußtesten
sansculottischen Kader mit dem Anarchismus verdächtig gewesen
sein. Waren die Enrages Anarchisten, so repräsentierten sie nicht
den Plebs. Waren sie aber repräsentativ, so konnten sie - 1793! -
noch weniger Anarchisten als Kommunisten sein. Danach mahnte Kro-
potkins Verwaschung der Ismen zur Vorsicht, und man wird Lenin
nicht zumuten wollen, derart ins Zwielicht gerückte Zeugen der
Anklage aufzurufen." 18)
Lenins Interesse für die Große Französische Revolution hielt auch
nach der Oktoberrevolution 1917 an. An der Spitze des Rates der
Volkskommisare der jungen russischen Sowjetrepublik befürwortet
er nachdrücklich die Herausgabe von Kropotkins Geschichte der
Französischen Revolution. Der damalige Leiter der Geschäftsstelle
des Rates der Volkskommissare, W. D. Brontsch-Brujewitsch, hat in
seinen Erinnerungen berichtet, Lenin habe Kropotkin besonders als
den Verfasser des Buches über die Große Französische Revolution
geschätzt und betont, Kropotkin habe die Französische Revolution
mit den Augen eines Wissenschaftlers gesehen, "dessen Interesse
den Volksmassen galt, der immer und überall die Bedeutung der
Handwerker, Arbeiter und anderen Vertreter der werktätigen
Klasse" hervorhob; Lenin habe das Werk Kropotkins als klassisch
bezeichnet und empfohlen, es in einer hohen Auflage neu herauszu-
geben und kostenlos an alle Bibliotheken des Landes zu verteilen.
19)
_____
1) W.I. Lenin, Eine Revolution vom Typus 1789 oder vom Typus
1848?, Werke Bd. 8, S. 249.
2) Ders., Rede über den Volksbetrug mit den Losungen Freiheit und
Gleichheit auf dem 1. Gesamtrussischen Kongreß für außerschuli-
sche Bildung am 19.5.1919, Werke Bd. 29, S. 360.
3) Ders., Sozialistische Partei und parteiloser Revolutionismus,
Werke Bd. 10, S. 62-63.
4) Ders., Was wollen und was fürchten unsere liberalen Bour-
geois?, Werke Bd. 9, S. 236.
5) Ebenda, S. 239.
6) Ders., Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokrati-
schen Revolution, ebenda, S. 3 -130.
7) Ebenda, S. 37.
8) Ders., Das Agrarprogramm der Sozialdemokratie in der ersten
russischen Revolution von 1905 - 1907, Werke, Bd. 13, S. 353-354.
9) Ders., Die Revision des Agrarprogramms der Arbeiterpartei,
Werke, Bd. 10, S. 183-184.
10) Ders., Zwei Taktiken ..., a.a.O., Werke Bd. 9, S. 46.
11) Ebenda, S. 47.
12) Ders., Bericht über den Vereinigungsparteitag der SDAPR,
Werke Bd. 10, S. 373.
13) Ders., Der Zusammenbrach der II. Internationale, Werke Bd.
21, S. 215.
14) Ders., Die Konterrevolution geht zum Angriff über, Werke Bd.
24, S. 373-374.
15) Ders., a.a.O., Werke Bd. 25, S. 113.
16) Ders., Zur Einschätzung der russischen Revolution, Werke Bd.
15, S. 48.
17) Ders., a.a.O., Werke Bd. 17, S. 402.
18) Walter Markov, Jaques Roux und Karl Marx, in: "Weltgeschichte
im Revolutionsquadrat", S. 362, Berlin/DDR 1982.
19) Zitiert im Nachwort des sowjetischen Babeuf-Forschers V.M.
Dalin zur Neuausgabe von Pjotr. A. Kropotkins "Die große franzö-
sische Revolution 1789-1793", Bd. 2, S. 334, Leipzig-Weimar 1982.
zurück