Quelle: Jahrbuch des Inst. für Marxist. Studien und Forschungen 14/1988


       zurück

       

WELCHE BIBLIOTHEK BENUTZTE MARX FÜR SEINE "KREUZNACHER EXCERPTE"?

Harry Schmidtgall Die theoriegeschichtliche Relevanz von Marx'" Kreuznacher Exzerp- ten" - so genannt nach dem Ort ihrer Entstehung im Juli und Au- gust 1843 1) - ist nicht umstritten. Sie gelten in der Marxfor- schung als "... Dokument der frühen politischen, wissenschaftli- chen und weltanschaulichen Entwicklung des Begründers der dialek- tisch-materialistischen Gesellschafts- und Geschichtstheorie." 2) Die Beantwortung der bislang ungeklärten Frage, welche Bibliothek Marx in Bad Kreuznach bei seinen historischen und staats- theoretischen Studien mit dem Schwerpunkt Französische Revolution benutzt hat, 3) scheint deshalb nicht unwichtig zu sein. Dies um so mehr, als vor einiger Zeit die These aufgestellt worden ist, daß Teile der "Kreuznacher Exzerpte" gar nicht 1843 in Kreuznach entstanden seien. 4) I. Ehe dieser Frage unter Hinzuziehung bislang unbekannter Fakten nachgegangen wird, soll zunächst kurz der biographische und theo- riegeschichtliche Hintergrund skizziert werden, vor dem die Ex- zerpte zu sehen sind. Marx war am 17. März 1843 in Köln aus der von ihm geleiteten Re- daktion der "Rheinischen Zeitung für Politik, Handel und Gewerbe" - das Verbot des Blattes durch die preußische Regierung war schon ausgesprochen - auf eigenen Wunsch in der Gewißheit ausgeschie- den, 5) daß in Deutschland eine progressive Publizistik nicht mehr möglich sei. Als einziger sinnvoller Aufenthaltsort und "... neuer Sammelpunkt für die wirklich denkenden und unabhängigen Köpfe ..." erwies sich unter den bestehenden konkreten Bedingun- gen Paris",... die neue Hauptstadt der neuen Welt", 6) und zwar gerade auch im Hinblick auf das von Marx und Arnold Rüge (in An- lehnung an das von Ludwig Feuerbach propagierte Bündnis von deut- scher und französischer Philosophie 7) ins Auge gefaßte publizi- stische Projekt der "Deutsch-Französischen Jahrbücher". Deren Tendenz faßte Marx in den Worten zusammen: "Selbstverständigung (kritische Philosophie) der Zeit über ihre Kämpfe und Wünsche. Dies ist eine Arbeit für die Welt und uns." 8) In der Zeit bis zur Übersiedlung wollte er nach Abschluß des Kontraktes, wie er in einem Brief vom 13. März 1843 an Rüge schrieb",... nach Kreuz- nach reisen und heirathen, einen Monat oder länger aber dort bei der Mutter meiner Braut wohnen, da wir doch jedenfalls, ehe wir an's Werk gehn, einige Arbeiten fertig haben müßten." 9) Trotz eines gewaltigen Arbeitspensums in Kreuznach kam Marx nicht zur Fertigstellung der von ihm im März 1843 für die Zeitschrift projektierten Aufsätze; zu umfangreich waren die dafür von ihm als notwendig erachteten methodologischen und empirischen Vorar- beiten. Die Problematik der von Marx für die "Deutsch-Französi- schen Jahrbücher" vorgesehenen Arbeiten entsprach weitgehend sei- ner schon seit geraumer Zeit gehegten Absicht, 10) eine kritische Revision der Hegelschen Philosophie, namentlich der Rechtsphilo- sophie, vorzunehmen. Zwar hielt Marx noch Ende 1842 grundsätzlich an Hegels Auffassung des Staates als der Wirklichkeit der sittli- chen Idee und an der objektiv-idealistischen Methode fest, er verwarf aber bereits unter dem Eindruck der jüngsten politischen und gesellschaftlichen Entwicklung Preußens, die er in seiner Ei- genschaft als Redakteur der "Rheinischen Zeitung" von einer sich radikalisierenden revolutionär-demokratischen Position aus kri- tisch beobachtet und analysiert hatte, in seinen Artikeln für diese Zeitung wesentliche Momente von Hegels Staatstheorie. 11) Gleichwohl würdigte Marx, daß sich Hegels Staats- und Geschichts- auffassung jenseits des Rheins, d.h. an Frankreich, orientiere und "... die einzige mit der officiellen modernen Gegenwart al pari stehende Geschichte" 12) sei. Tatsächlich ist die Französische Revolution das Ereignis, das He- gels Philosophie, einschließlich ihrer dialektischen Methode, weit nachhaltiger beeinflußt hat als alle anderen philosophischen Systeme der Zeit. 13) Das Prinzip, das nach Hegel von der Revolu- tion auf die Tagesordnung der Geschichte gestellt worden ist, sah er vornehmlich darin, die Rechtsform der Freiheit zu finden, die es dem Menschen ermögliche, sein Menschsein zu verwirklichen. Die Französische Revolution war nach Hegels Auffassung freilich nicht in der Lage, eine dauerhafte Rechtsordnung herbeizuführen, ein Problem, an dessen theoretischer Lösung sich Hegel unausgespro- chen in seinen "Grundlinien der Philosophie des Rechts" (1821) versucht. Hegel faßt dort den Staat gemäß seiner objektiv-idealistischen Weltanschauung als Realisationsform des objektiven Geistes, der schrittweise im gesetzmäßigen Gang der Weltgeschichte zur Wirk- lichkeit kommt. Der moderne Staat, wie er sich als Ergebnis der Revolution namentlich in Frankreich herausgebildet hatte, wird von Hegel strikt von der bürgerlichen Gesellschaft unterschieden. Letztere charakterisiert er nämlich unter dem Einfluß der engli- schen politischen Ökonomie realistisch als "Kampfplatz der indi- viduellen Privatinteressen aller gegen alle." 14) Die partikula- ren Interessen sollen aber durchaus nicht unterdrückt werden, sondern mit dem Allgemeinen in Übereinstimmung gesetzt werden, wodurch "sie selbst und das Allgemeine erhalten" 15) würden. Die Aufgabe der Harmonisierung weist er dem Staat zu, dessen höchste sittliche und historische Form er in der konstitutionellen Monar- chie erblickte. (Hegel vertritt damit unter den Bedingungen der Restaurationszeit die großbürgerliche Option, welche die antifeu- dalen, bürgerlichen Errungenschaften der Französischen Revolution in Deutschland auf dem Wege der Reform erreichen und sowohl gegen feudal-absolutistische, restaurative als auch gegen republika- nisch-revolutionäre Tendenzen und Bewegungen sicherstellen will. Er tut dies um den Preis, daß er seine dialektische Methode stillstellt.) Marx sieht es durchaus als ein Verdienst Hegels an, daß er die Trennung von bürgerlicher Gesellschaft und Staat er- kannt und ausgesprochen hat, indem er "... das an und für sich seiende Allgemeine des Staates den besonderen Interessen und dem Bedürfnis (gegenüberstellt)." 16) Die beiden Sphären würden als zwei wirkliche Extreme dargestellt, die der Vermittlung bedürf- ten, aber Hegel behandele sie dann als miteinander vereinbare Ge- gensätze, die sich in der Geschichte der objektiven Idee aufhe- ben. Die Vermittlung erfolge bei Hegel also nur zum Schein, in einer rein spekulativen, mystifizierenden Form: "Die Idee wird versubjektiviert und das wirkliche Verhältniß von Familie und bürgerlicher Gesellschaft zum Staat wird als ihre i n n e r e i m a g i n a i r e Thätigkeit gefaßt. Familie und bürgerliche Gesellschaft sind die Voraussetzungen des Staats; sie sind die eigentlich thätigen; aber in der Spekulation wird es umgekehrt. Wenn aber die Idee versubjektiviert wird, werden hier die wirkli- chen Subjekte, bürgerliche Gesellschaft, Familie. 'Umstände, Willkür etc.' zu u n w i r k l i c h e n anderes bedeutenden, objektiven Momenten der Idee." 17) Marx' kritische Revision der Hegelschen Rechtsphilosophie, die in Gestalt des "Manuskripts von 1843" 18) zu Beginn oder während seines Kreuznacher Aufenthalts vorlag, zeichnet sich gegenüber seiner journalistischen Tätigkeit von 1842 durch eine Weiterent- wicklung seiner theoretischen und weltanschaulichen Positionen aus. Im Prozeß seiner Kritik des spekulativen, idealistischen Staatsbegriffs entwickelt er Ansätze eines Materialismus, der an- ders als der Feuerbachs, dem Marx gleichwohl wichtige Anregungen verdankt, schon weitgehend, wenn auch nicht immer konsequent, auf die Materialität grundlegender Prozesse und Verhältnisse als Er- gebnis geschichtlichen Handelns der Menschen abstellt. Auch Marx' Begriff der wahren Demokratie, die er der bürgerlichen Demokratie - ob republikanisch oder konstitutionell monarchisch - gegenüber- stellt, ist durch seinen Übergang auf materialistische Positionen bedingt: "Hier ist die Verfassung nicht nur an sich, dem Wesen nach, sondern der Existenz, der Wirklichkeit nach in ihren wirk- lichen Grund, den wirklichen Menschen, das wirkliche Volk, stets zurückgeführt und als sein eignes Werk gesetzt. Die Verfassung erscheint als das, was sie ist, freies Produkt des Menschen; ..." 19). Marx' philosophischer Materialismus bleibt aber notwendigerweise noch in vielen Punkten abstrakt und unausgeführt - nicht zuletzt aufgrund unzureichender historischer Kenntnisse, obschon Marx be- reits vor seiner Kreuznacher Zeit über umfangreiche Kenntnisse auf dem Gebiet der Geschichte verfügte, die ja seit seiner Berli- ner Studentenzeit Gegenstand seiner Studien war. Aus der Hegel- kritik entwickelt Marx unter Beibehaltung der rationellen Momente von Hegels Theorie wie der Auffassung der Geschichte als eines einheitlichen, gesetzmäßigen Prozesses zugleich die Fragestellun- gen für seine weiteren Forschungen; im einzelnen sind dies: das Verhältnis von bürgerlicher Gesellschaft und Staat (das Kernpro- blem seiner Kreuznacher Studien), die Entwicklung des Privatei- gentums, der Übergang von den feudalen Ständen zur Klassenstruk- tur der bürgerlichen Gesellschaft und zum modernen Repräsentativ- system usw. Dieser Problemkomplex diente Marx in Kreuznach als Raster bei seiner Lektüre einer großen Zahl historiographischer und staatstheoretischer Werke. II. Marx hat in Kreuznach Exzerpte und Konspekte aus 24 Werken unter dem Titel "Historisch-politische Notizen" angefertigt. Die Aus- züge wurden teils wörtlich aus dem Original, teils in Form einer freien Wiedergabe des Inhalts übernommen. Sie sind auf fünf Hefte verteilt, die (bis auf das letzte Heft) Orts- und Zeitangaben wie "Kreuznach. Juli. 1843" und "Kreuznach. Juli. August. 1843" 20) von Marx' Hand aufweisen. Der größte Teil der durchgesehenen Bü- cher besteht aus Darstellungen zur Geschichte Frankreichs, Deutschlands, Englands, Polens, Schwedens und Venedigs. In bezug auf Frankreich, dessen Geschichte den Schwerpunkt von Marx' Kreuznacher Studien bildet, dominieren Darstellungen zur Franzö- sischen Revolution. Sieben der exzerpierten Werke sind in der von dem Göttinger Historiker Arnold Herrmann Heeren (1760-1842) und dem Gothaer Bibliothekar und Geograph Georg Friedrich August Ukert (1780-1851) herausgegebenen Reihe "Geschichte der europäi- schen Staaten" erschienen. Das ist insofern bemerkenswert, als die Aufgabenstellung dieser Sammlung weitgehend dem spezifischen, aus der Hegelkritik gewonnenen Forschungsinteresse von Marx ent- spricht. "Aus den Quellen selbst soll", so heißt es im Vorwort der Heraus- geber zum ersten Band dieser Reihe, "ohne Vorliebe für eine Par- tei, für einen Stand, die Geschichte der Regenten wie der Regier- ten dargestellt werden. Es wird gezeigt, wie sich die Verfassung entwickelte, wie der dritte Stand sich bildete, was in Bezug auf die Verwaltung und das Finanzwesen, auf Volkswirthschaft ... ge- schah ... das ist die Aufgabe, welche gelöst werden soll, damit man sehe, wie, im Laufe der Zeit, jeder Staat das geworden, was er ist, ...". 21) Diesem Anspruch genügen, was den Umfang des herangezogenen Quellenmaterials betrifft, vornehmlich die beiden der Geschichte Frankreichs gewidmeten Darstellungen von Ernst Alexander Schmidt (1801-1857) und Ernst Wilhelm Gottlieb Wachs- muth (1787-1866). Über Schmidts "Geschichte von Frankreich" (1835-1848) schrieb Heinz-Otto Sieburg noch 1954, daß "für das französische Mittelalter auf deutscher Seite bis heute keine das Detail berührende Gesamtdarstellung erschienen (ist), durch die Schmidts 'Geschichte' ... ersetzt worden wäre". 22) Marx konzen- triert sich bei seinen Auszügen aus den beiden ersten Bänden die- ses Werkes auf die Passagen, in denen die Entwicklung der Feudal- verhältnisse des Bürgertums im Mittelalter beschrieben wird. Als Fortsetzung von Schmidts Werk erschien 1840"1844 Wachsmuths "Geschichte Frankreichs im Revolutionszeitalter". Dieses vierbän- dige Werk stellt die französische Geschichte von 1789 bis 1830 dar. Auf der Grundlage der vierzigbändigen monumentalen Quellen- sammlung "Histoire parlementaire de la Revolution francaise" (1834 - 1838) von Philippe-Joseph-Benjamin Buchez und Pierre-Ce- lestin Roux liefert Wachsmuth die erste umfassende deutsche Ge- schichte der Französischen Revolution. Seine Darstellung zeichnet sich durch ein vergleichsweise hohes Maß an Genauigkeit und Quel- lentreue aus in dem Bestreben",... jegliche Tatsache durch Zeug- nisse aus sicheren Quellen zu beglaubigen, und die Ergebnisse der Quellenforschung mit voller Wahrhaftigkeit und Parteilosigkeit darzustellen." 23) Gleichwohl gelingt es Wachsmuth nicht, die ei- gentlichen Ursachen, Triebkräfte und Folgen der Revolution aufzu- decken. "Alles in allem", urteilt Walter Markov, "solide Stuben- gelehrsamkeit, die vor der gefühligen Seufzerfolge des berühmten Carlyle und dem junghegelnden Redeschwall theologisierender Landsleute nicht übel bestand. ... Marx ... war gut beraten, als er sich in Kreuznach 1843 in Wachsmuths Opus vertiefte." 24) Tatsächlich sah Marx die beiden ersten Bände des Werkes mehrfach durch, konnte dabei aber getrost Wachsmuths Wertungen ignorieren und sich vornehmlich auf die Übernahme der Beschlüsse der Natio- nalversammlung vom August 1789 über die Abschaffung der droits féodaux und einzelner Artikel der Menschenrechtserklärung von 1791 beschränken. Dank Wachsmuth geriet auch erstmals die äußerste politische Linke der Französischen Revolution, die Enrages, in das Blickfeld von Marx, die, wie er später in der "Heiligen Familie" (1845) ausfüh- ren wird, daran beteiligt war",... die kommunistische Idee (hervorzutreiben) ...". 25) Neben den Werken zur Geschichte verschiedener Länder arbeitete Marx noch drei Klassiker der neuzeitlichen Staatstheorie, Machia- velli, Montesquieu und Rousseau, durch. Besonders ausführlich ex- zerpierte Marx dabei Montesquieus "De l'esprit de loix" und Rousseaus "Du contrat social", und zwar besonders im Hinblick auf das Problem der Vermittlung von partikularen und allgemeinen In- teressen sowie von Gesellschaft und Staat. Während Montesquieu freilich die Ungleichheit der Menschen ("par la naissance, les richesses ou les honneurs") 26) durch die konstitutionelle Monar- chie und die Einrichtung eines Zweikammersystems mit einer Adels- und Volkskammer erhalten will, ist es das Ziel Rousseaus, die Un- gleichheit und den Gegensatz von Einzel- und Allgemeininteressen aufzuheben. Er propagiert deshalb einen Gesellschaftsvertrag (contrat social), bei dem sich der einzelne aller individuellen Rechte entäußert, um so eine soziale Existenz zu erlangen, in der das Ziel der politischen Gemeinschaft und damit auch die indivi- duellen Interessen erreicht werden können. Realisierbar ist das nach Rousseau nur in einer direkten Demokratie; das Repräsenta- tivsystem ist für ihn identisch mit Korruption und politischer Entmündigung. Als besonders bemerkenswert bezeichnet Marx in sei- nem Rousseau-Exzerpt eine Passage, 27) in der dieser ausführt, daß unter den schlechten Regierungen die Gleichheit nur dem Schein nach existiere; sie diene nur dazu, den Armen im Elend zu halten und dem Reichen das Usurpierte zu sichern. Daraus zieht Rousseau den Schluß, daß der gesellschaftliche Zustand für den Menschen nur dann vorteilhaft ist, wenn alle etwas haben und kei- ner zuviel besitzt. Wie dieser Zustand zu erreichen sei, läßt Rousseau allerdings offen. Es fällt auf, daß die beiden wichtigen bürgerlichen Staatstheore- tiker Thomas Hobbes und John Locke in Marx' Kreuznacher Heften nicht vertreten sind. Der Grund liegt wohl einfach darin, daß ihm in Kreuznach keine entsprechenden Ausgaben zur Verfügung standen. III. Woher hatte nun aber Marx die von ihm in dieser Stadt exzerpier- ten Bücher? "In den überlieferten Verzeichnissen der in Marx' Be- sitz befindlichen Bücher", heißt es im Kommentar zur ersten voll- ständigen Veröffentlichung der Kreuznacher Hefte in der neuen Marx-Engels-Gesamtausgabe, "wird keine einzige der Ausgaben er- wähnt, nach denen Marx in den Kreuznacher Heften konspektiert hat. Das deutet daraufhin, daß diese Bücher Marx nicht persönlich zur Verfügung standen, sondern daß er sie möglicherweise aus ei- ner Bibliothek oder von Privatpersonen zur Benutzung erhalten hatte. Die genaue Herkunft dieser Bücher konnte bisher noch nicht ermittelt werden." 28) Nun gab es in Bad Kreuznach, das 1843 rund 9000 Einwohner zählte und trotz des wachsenden Badebetriebs noch weitgehend handwerk- lich und bäuerlich strukturiert war, 29) keine öffentliche Bi- bliothek im eigentlichen Sinne. Für die Lesebedürfnisse von Bade- gästen und einheimischen Bürgern sorgten mehrere Leihbibliothe- ken. Die erste größere Bibliothek dieser Art in Kreuznach wurde 1797 von dem Buchhändler, Verleger und Autor Ludwig Christian Kehr gegründet. "Mit der Leihbibliothek hatte ich es theilweise nicht getroffen", schreibt Kehr in seiner "Selbstbiographie" (1834) "Ich ... beging ... die Unklugheit, unsere alten classi- schen deutschen Schriftsteller ... Kleist ... Klopstock, Lessing, Wieland ... usw. aufzunehmen; ... und eine Menge von Reisebe- schreibungen und geschichtlicher Werke. Aber man wollte nur Ro- mane lesen, besonders Ritterromane, welche damals an der Tages- ordnung waren, ... währenddem die oben genannten Schriftsteller mit Staub bedeckt waren. Jetzt kannte ich meine Leute, und von nun an sorgte ich mehr für ihren Geschmack." 30) Die von Kehr beschriebene, über Kreuznach hinaus anzutreffende Hinwendung von Leihbibliotheksbenutzern zu trivialen Romangenres - nicht zuletzt auf Kosten von Sach- und wissenschaftlicher Lite- ratur - dürfte im Zuge des Entpolitisierungsprozesses der Restau- rationsphase eher noch zugenommen haben. 31) 1830 wurde in Kreuz- nach die zweite größere Leihbibliothek, und zwar die der Gebrüder Schnabel, eröffnet, die Ende 1843 über mehr als 2000 Bände ver- fugte. Ob Marx eine dieser Kreuznacher Leihbüchereien benutzt hat, wissen wir nicht. Ein Roman, der wohl sein Interesse gefun- den haben würde, wie die für jede Leihbibliothek dieser Zeit ob- ligatorische (deutsche) Ausgabe von Eugene Sues Roman "Les my- steres de Paris" (1842/43), dessen junghegelianische Rezeption Marx später in der "Heiligen Familie" (1845) kritisieren sollte, wurde von der zuletzt erwähnten Bücherei erst im Februar 1844 als Neuerwerbung in der "Kreuznacher Zeitung" angezeigt. 32) Neben diesen kommerziell betriebenen Leihbibliotheken gab es in Kreuznach allerdings noch die Bibliothek des Königlichen (preußischen) Gymnasiums. Nachdem die linksrheinischen Gebiete nach über zwanzigjähriger französischer Herrschaft auf dem Wiener Kongreß Preußen zugeteilt worden waren, wurde das Gymnasium 1819 auf Beschluß der preußischen Regierung gegründet und in dem Ge- bäude des von den Franzosen 1802 säkularisierten Franziskanerklo- sters an der Stadtmauer untergebracht. 33) Der Aufbau der Schule vollzog sich unter der Leitung des ersten Direktors Dr. Gerd Ei- lers, 34) der als entschiedener Anhänger des Gottesgnadentums seine Funktion als ein ihm "anvertrautes Heiligthum, als ein Stücklein des königlichen Amts (betrachtete)." 35) Die Lehrerbibliothek des Gymnasiums wurde zu Beginn der zwanziger Jahre gegründet. An ihrem Zustandekommen war auch der fort- schrittliche Pädagoge und Fichteschüler Johann Wilhelm Süvern be- teiligt, der in seiner Eigenschaft als Vortragender Rat beim Kö- niglichen Ministerium der Geistlichen, Unterrichts- und Medizi- nal-Angelegenheiten dem Gymnasium 1820 einen Besuch abstattete. "Ich zeigte ihm die Nothwendigkeit einer bedeutenden Erhöhung des Etats", schreibt Eilers über den Besuch, "... und stellte ihm vor, wie wünschenswerth die Anlage einer Bibliothek für die Leh- rer sei. Er versprach Alles zu thun, was in seinen Kräften stehe, wies aber zugleich auf die Beschränktheit der allgemeinen Fonds hin, ... Bald nach seiner Rückkehr nach Berlin wurden 300 Thaler zur Anlage einer Bibliothek angewiesen, eine Summe, die der Ober- bürgermeister Buß auf dem Wege einer Subscription verdoppelte. So konnten die werthvollen lexikographischen und andere Werke ange- schafft werden, welche die Grundlage der seitdem bedeutend ver- mehrten Kreuznacher Gymnasialbibliothek bilden." 36) Aufgrund der notorisch knappen Geldmittel, die dem Gymnasium zur Verfügung standen, konnten Bücher für die Bibliothek nur in be- grenztem Umfang angeschafft werden. Ein großer Teil der Neuein- gänge waren Geschenke von Eltern, Lehrern und Förderern der Schule, von einer Kreuznacher Lesegesellschaft, von den überge- ordneten Behörden in Koblenz und Berlin sowie vom preußischen Kö- nig selbst. 37) Die Bibliothek kam so in den Besitz von Büchern, die man kaum in einer preußischen Gymnasialbibliothek vermuten würde wie eine deutsche Ausgabe von H. Félicité Robert de Lamen- nais' "Paroles d'un croyant" (1834) 38) oder Johann Jacobys "Vier Fragen beantwortet von einem Ostpreußen" (1841). (Beide Schriften waren in Preußen noch im Jahr ihres Erscheinens verboten worden. 39) Jacoby schrieb später in den "Deutsch-Französischen Jahrbü- chern" einen Beitrag über die gegen ihn eingeleitete Untersuchung wegen Hochverrat und Majestätsbeleidigung.) Eine spezielle Zen- surinstruktion gab es in Preußen jedoch nur für Schülerbibliothe- ken, und zwar dahingehend, daß "bei der Wahl der für diese Bi- bliothek anzuschaffenden Werke ... sorgfältig alle solche zu ver- meiden (sind), die den Keim revolutionärer Umtriebe in sich tra- gen, gegen Religion und gute Sitten anstoßen ..." 40). Die Bibliothek stand spätestens seit Ende der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts auch der interessierten Öffentlichkeit zur Ver- fügung, wie aus der Schrift "Kreuznach und seine Brom- und Jode- haltigen Heilquellen in ihren wichtigsten Beziehungen" (1837) des Begründers des Kreuznacher Badebetriebs, Dr. J.E.P. Prieger, her- vorgeht: "Die unerschöpfliche Gnade unseres erhabenen Königs schenkte unserer Stadt... ein ... Gymnasium, welches eine ansehn- liche Bibliothek ... besitzt. Im Locale dieser Bibliothek befin- det sich eine ziemlich bedeutende, größtentheils aus historischen und belletristischen Schriften der neuesten Zeit bestehende Bü- chersammlung, von welcher auch Curfremden gewünschte Werke auf das bereitwilligste dargereicht werden. - Einen gedruckten Cata- log dieser Sammlung kann man von ihrem Vorsteher, Herrn Professor Grabow, eingehändigt bekommen. Diese Büchersammlung hat sich durch einen Hier bestehenden Leseverein gebildet, durch welchen die neuesten Werke der genannten Gattungen angeschafft werden." 41) Der Hinweis, daß die Bibliothek auch (Bade-)Gästen offensteht, findet sich auch in dem 1843 erschienenen Badeführer "Kreuznach und seine Heilquellen und deren Anwendung". Darin heißt es: "... und wenn er (sc. der Badegast) gerade Lust hat zu lesen, wird er zu einem Buch greifen, das ihm in Kreuznach mehrere Leihbiblio- theken oder die Gymnasialbibliothek, worin eine Sammlung der neuesten belletristischen und historischen Werke aufgestellt ist, liefert." 42) Der Autor dieses Buches ist der Kreuznacher Bade- arzt Dr. Carl Engelmann, der am 19. Juni des gleichen Jahres auch als Zeuge bei Marx' standesamtlicher Trauung fungierte. 43) Den Hinweis auf die Gymnasialbibliothek dürfte Marx also vermutlich von Engelmann, der in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts selbst Schüler der Anstalt gewesen war, erhalten haben. Die Bibliothek war in einem Seitengebäude des Gymnasiums, dem so- genannten "alten Krankenhaus", das 1885 abgerissen wurde, unter- gebracht. 44) Dir Leiter war der Mathematik- und Physiklehrer Gottlieb Grabow (1793 - 1872). Er wurde von seinen Kollegen wie Schülern als qualifizierter, aber unbequemer Lehrer geschildert, dessen prägendes Erlebnis die Teilnahme an den Befreiungskriegen war. "Als Veteran von 1813 und Mitkämpfer in der Schlacht bei Dennewitz verkörperte er für uns", erinnerte sich ein ehemaliger Schüler an Grabow, "die lebendige Verknüpfung mit der großen Zeit der Befreiungskriege ... Entschieden war er einer der schärfsten Köpfe, denen ich jemals ... begegnet bin. ... Er war ein über- trieben logischer, freigeistiger Rationalist ...". 45) IV. Wie läßt sich nun die These belegen, daß Marx tatsächlich diese Bibliothek benutzt hat? Der von Prieger erwähnte "Catalog" aus den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts ist heute nicht mehr auffindbar. Es gibt jedoch noch einen späteren Katalog der Kreuz- nacher Gymnasialbibliothek, den der damalige Lehrer und Biblio- thekar dieser Schule, Dr. Otto Kohl, 1896 und 1897 in zwei Teilen zusammenstellte. 46) Danach waren zu dieser Zeit 14 der insgesamt 23 von Marx in Kreuznach exzerpierten Ausgaben im Besitz der Bi- bliothek. (Die Bücher sind z.T. auch heute noch in der Bibliothek vorhanden.) 47) In der Folge werden die 14 Ausgaben in der Anord- nung von Marx' Kreuznacher Heften mit den Nummern des Kohl-Kata- loges (II. Teil, Abteilung VIII) und den Seitenangaben der Marx- Engels-Gesamtausgabe ² (IV. Abteilung, Band 2) zu den jeweiligen Exzerpten im einzelnen angeführt. 48) In der Kreuznacher Gymnasialbibliothek 1843 ------------------------------------------- vorhandene und von Marx exzerpierte Bücher ------------------------------------------ MEGA ² Kohl-Kat. IV/2 II. Teil, Seite Abt. VIII, Nr. 84-87 131 Ludwig, Carl Friedrich Ernst: Geschichte der letzten fünfzig Jahre. Th. 1-5, Al- tona 1832-1837. 104 f. 405 Brongham, Henry Peter: Polen. Brüssel 1831 123-134 375 Russell, John: Geschichte der englischen Regierung und Verfassung von Heinrichs VII Regierung an bis auf die neueste Zeit. Aus d. Engl. nach der 2. ... Ausgabe von P.L. Kritz. Leipzig 1825. 135-142 111 Lappenberg, Johann Martin: Geschichte von England. Bd. 1 und 2, Hamburg 1834-1837 (= Geschichte der europäischen Staaten. Hrsg. von A.H.L. Heeren und F.A. Ukert). 146-152 112 Schmidt, Ernst Alexander: Geschichte von Frankreich. Bd. 1-2, Hamburg 1835 ff. (= Gesch. d. europ. Staaten.) 156-162 382 Lancizolle, Karl Wilhelm von: Ueber die Ursachen, Character und Folgen der Julitage. Nebst einigen Aufsätzen verwandten Inhalts. Berlin 1831 (= Beiträge zur Politik und zum Staatsrecht. Erste Sammlung). 163-174 113 Wachsmuth, Wilhelm: Geschichte Frankreichs im Revolutionszeitalter. Th. 1 - 2, Hamburg 1840-1842 (= Gesch. d. europ. Staaten). 175 f. 271 Ranke, Leopold: Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation. Bd. 2, Berlin. 177-186 33 Historisch-politische Zeitschrift. Hrsg. von Leopold Ranke. Bd. 1, Hamburg 1832. 187-204 52/372 Lingard, John: Geschichte von England seit dem ersten Einfalle der Römer. Aus dem Englischen übersetzt von Freih. von Salis. Bd. 1-15, Frankfurt a. M. 1827-1833. 205-217 47/124 Geijer, Erik Gustav: Geschichte Schwedens. Aus der schwedischen Handschrift des Verfassers übersetzt von Swen P. Leffler. Bd. 1-3, Hamburg 1832-1836 (= Gesch. d. europ. Staaten). 222-255 47/126 Pfister, Johann Christian: Geschichte der Teutschen. Bd. 1 - 5, Hamburg 1829-1835 (= Gesch. d. europ. Staaten). 256-260 50/256 Möser, Justus: Patriotische Phantasien. Hrsg. von seiner Tochter J.W. v. Voigt [...] 4. Verb. Aufl. Th. 1-4, Berlin 1820. 261-265 52/380 Das Princip der Erblichkeit und die fran- zösische und englische Pairie; ein Beitrag zur Geschichte. Berlin, Stettin und Elbing 1832. [Das Buch ist ohne Angabe des Verfassers erschienen. Sie fehlt deshalb auch bei Marx und im Kohl-Katalog. Autor der Schrift ist Karl Georg Jouffroy.] 276-278 45/16 Machiavelli, Niccolo: Vom Staate oder Betrachtungen über die ersten zehn Bücher des Tit. Livins. Aus dem Ital. übers. von Joh. Ziegler. Karlsruhe 1832 (Sämtliche Werke, Bd. 1). Von den obigen Ausgaben läßt sich nach einer Notiz in der Pro- grammschrift des Gymnasiums von 1842 für zwei Werke das Jahr nachweisen, in dem die Schule in den Besitz der Bücher kam. Lin- gards "Geschichte von England", von der Marx 1843 sieben Bände durcharbeitete, war der Bibliothek 1841 von einer Krenznacher Le- segesellschaft geschenkt worden, und der zweite Band von Wachs- muths "Geschichte Frankreichs" war im gleichen Jahr von der Schule durch Kauf erworben worden. 49) (Die Anschaffung des seit 1829 erschienenen Sammelwerks "Geschichte der europäischen Staa- ten", das von Heeren und Ukert herausgegeben wurde, ging wohl auf den ersten Gymnasialdirektor Eilers zurück, der selbst ein Schü- ler Heerens war. Eilers war als Student an die Göttinger Univer- sität gegangen, um, wie er in seinen Erinnerungen schreibt, "dort bei Heeren die rechten Gesichtspunkte für den Unterricht in der Geschichte zu gewinnen.") 50) Bei drei weiteren Büchern läßt sich anhand der Inventarnummern von der Hand des Bibliothekars Grabew der ungefähre Zeitpunkt des Eingangs erschließen. Russels "Geschichte" trägt die Nummer 375, Jouffroys "Princip der Erblichkeit" Nr. 380 und Ludwigs "Geschichte" Nr. 452. Da Lingards "Geschichte", das die Biblio- thek, wie erwähnt, 1841 erhielt, die Nr. 372 hat, dürften die Bü- cher wohl alle zu Beginn der vierziger Jahre in den Besitz der Bibliothek gekommen sein. Es läßt sich also aufgrund der dargelegten Fakten wohl mit eini- ger Sicherheit sagen, daß der größte Teil (14 von 23) der von Marx in Kreuznach exzerpierten Bücher aus der Gymnasialbibliothek stammt - davon, was besonders bemerkenswert ist, allein 12 von 15, also 80%, der in den Heften III bis V exzerpierten Ausgaben. Schon wegen des Umfangs der ausgeliehenen Bücher (insgesamt 45 Bände) muß er die Bibliothek mehrfach aufgesucht haben. Dabei hätte es übrigens zu einer Begegnung von Marx mit dem preußischen Minister Eichhorn kommen können, der ja als einer von drei für die Zensur zuständigen Ministern am Verbot der "Rheinischen Zei- tung" beteiligt war. Nach einer Notiz in der Schulprogrammschrift von 1844 stattete Eichhorn dem Kreuznacher Gymnasium am 2. Sep- tember 1843 einen Besuch ab. 51) Neun der von Marx in Kreuznach exzerpierten Ausgaben finden sich nicht im Kohl-Katalog; im einzelnen sind dies: Heinrich, Christoph Gottlob: Geschichte von Frankreich. Th. 1-3, Leipzig 1802-1804. Daru [Pierre de]: Histoire de la république de Venise. Bd. 1-28, Stuttgart 1828. Lacratelle, Charles: Histoire de France, depuis la restauration. Bd. 1-3, Stuttgart 1831. Rousseau, Jean-Jacques: Ducontrat social, ou principes du droit politique. Londres 1782. [Die Ausgabe ist bibliographisch taktisch nicht nachweisbar. In der "Bibliographie générale des oeuvres de J.-J. Rousseau" (Paris 1950) ist sie mit einem Fragezeichen und dem folgenden Kommentar versehen: "Cite par Warner d'après le Catalogue de la 'Newbery Library' at Chicago". (Nr. 652, S. 101).] Bailleul, Jacques Charles: Examen critique de l'ouvrage posthume de Mme la Bnne de Staël. Bd. 1-2, Paris 1818. [Montesquieu, Charles-Louis de Secondat de:] De l'esprit de loix. 4 Bde. [Marx gibt keinen Hinweis auf die von ihm benutzte Aus- gabe. (Im Kohl-Katalog U, S. 37, Nr. 38, ist eine fünfbändige, 1801 in Mannheim erschienene Ausgabe angegeben.)] Chateaubriand [François-René de]: Ansichten über Frankreich seit dem Juli 1830. Deutsch nach dessen de la Restauration et de la monarchie élective, von F. Gleich. Leipzig 1831. Chateaubriand [François-René de]: Die neue Proposition in Bezug auf die Verbannung Karls X und seiner Familie, ... Leipzig 1831. Hamilton [Thomas]: Die Menschen und die Sitten in den vereinigten Staaten von Nordamerika. Nach der 3. engl. Aufl. übers, von L. Hout. Bd. 1-2, Mannheim 1834. Es ist möglich, daß sich einige der bei Kohl nicht verzeichneten Bücher 1843 noch in der Bibliothek befanden und erst später ver- lorengegangen sind. Werke wie die von Heinrich, Rousseau, Montes- quieu und Chateaubriand entsprechen durchaus dem Profil der Bi- bliothek. Wahrscheinlicher ist aber, daß sich Marx die Bücher von privater Seite ausgeliehen hat. Aufgrund ihrer Thematik ist es naheliegend, als Eigentümer eine oder mehrere Personen zu vermu- ten, die ein spezifisches Interesse an der französischen Ge- schichte im allgemeinen und ihren Revolutionen im besonderen hat- ten. Für die vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts ließen sich für Kreuznach zwei Personen ermitteln, auf die das im besonderen Maße zutrifft: Der oben schon erwähnte Buchhändler und Verleger Ludwig Christian Kehr (1775"1848) und der Kassenverwalter der Saline Theodorshalle, Johann Mohr (1768 - 1856). Zunächst zu Kehr: "Am 8. September 1797 kam ich in Kreuznach an," erinnert sich Kehr, "voll Jubel im Herzen nun endlich den heili- gen Boden der Freiheit betreten zu haben; denn das linke Rhei- nufer hatte die französische Republik bereits unter ihre Fittige genommen. ... Die französische Revolution hatte Veranlassung zu zahlreichen Schriften für und gegen gegeben und das literarische Bedürfniß der verschiedenen Partheien immer mehr rege gemacht, so, daß die Gründung einer Buchhandlung in Kreuznach mit Beifall und Theilnahme aufgenommen wurde." 52) Einige der von Kehr verlegten Schriften lassen sich anhand einer Verlagsanzeige im "Vaterländischen Taschenbuch", das Kehr 1805 herausgab, ermitteln. 53) Die Schriften dokumentieren zugleich ein Stück Lokalgeschichte im Einflußfeld der Französischen Revo- lution: - Beschreibung der Feierlichkeiten bei Pflanzung des Freiheits- baumes in Kreuznach. Nebst den dabei gehaltenen Reden und einem Siegerliede der Franken. - St. Schmitt's Abschiedsrede im konstitutionellen Zirkel in Kreuznach. - Staatsverfassung oder Konstitution des fränkischen Freistaates. Vermutlich war Kehr Mitglied im Kreuznacher konstitutionellen Zirkel, 54) nachweisbar ist seine Mitgliedschaft in der franzö- sisch inspirierten Freimaurerloge "Les amis réunis de la Nahe et du Rhin de Creuznach". 55) Zu Johann Mohr: Über Mohr, der zu den Autoren von Kehrs "Vaterländischem Taschenbuch" zählt, 56) macht Eilers folgende interessante Ausführungen: "Die politische Weisheit des Herrn Mohr bestand in richtiger Erwägung der Kräfte, die sich um Parteiinteressen scharen. Zur Uebung in solchen Erwägungen hatte ihm die Geschichte Frankreichs seit dem Ausbruch der Revolution reichliche Gelegenheit geboten, ... Mit dieser Wagschale wog er die Regierung Karl's X. und fand sie zu leicht... Mehr Vertrauen setzte er in die Regierung Ludwig Philipp's und hielt die Schrift Châteaubriand's: 'De la restau-ration et de la monarchie elec- tive', die damals (1831) in der Rheinprovinz viel Aufsehen er- regte, für eine Ausgeburt der Eitelkeit und Altersschwäche. Er meinte, die republikanischen Institutionen, mit denen Ludwig Philipp seinen Thron umgeben, würden demselben ein festeres Fun- dament geben, als der Jesuitenaltar dem Throne Karl's gegeben habe." 57) Es ist nicht schwer, von Mohrs staatstheoretischen Darlegungen eine Verbindung zu Marx' Kreuznacher Studien herzu- stellen. Es gibt aber bislang keinen konkreten Beleg dafür, daß Mohr bibliothekarische Dienste für Marx geleistet hätte. Im wissenschaftlichen Apparat zu den Kreuznacher Heften in der Marx-Engels-Gesamtausgabe wird wohl zu recht vermutet, daß "... sich die Zahl der von Marx in Kreuz nach durchgearbeiteten Bücher nicht auf jene Titel beschränken (dürfte), die in den fünf Heften konspektiert sind. Es ist vielmehr anzunehmen, daß er eine Reihe weiterer historischer Arbeiten in dieser Zeit gelesen hat, ohne Auszüge oder Konspekte anzufertigen." 58) In bezug auf die Gymna- sialbibliothek könnte man in diesem Zusammenhang folgende Werke anführen: Weitere Buchausgaben des historisch-staatstheoretischen ------------------------------------------------------- Lesefeldes in der Kreuznacher Bibliothek ---------------------------------------- Ausführliche Darstellung der belgischen Revolution. Stuttgart 1830. Campanella, Tommasso: De monarchia Hispanica discursus. Amsterdam 1653. Gibbon, Edward: Histoire de la décadence et de la chute de l'Empire Romain. Paris 1788-95. [Goldmann, Karl Eduard:] Die europäische Pentarchie. Leipzig 1839. Von Kohl irrtümlich Wolfgang Menzel zugeschrieben. Das Buch veranlaßte Moses Hess zu der Gegenschrift "Die europäische Triar- chie" (1841). [Jarcke, Karl Ernst:] Die französische Revolution von 1830, hi- storisch und staatsrechtlich beleuchtet, in ihren Ursachen, ihrem Verlaufe und ihren wahrscheinlichen Folgen. Berlin 1831. Luden, Heinrich: Geschichte des teutschen Volkes. Bd 1-12, Gotha 1825-1837. Menzel, Wolfgang: Europa im Jahre 1840. Stuttgart 1839. Murhard, Friedrich: Die Volksouveränität im Gegensatz der soge- nannten Legitimität. Kassel 1832. Pagès, François: Histoire secrète de la Revolution Francaise. 2 Bde, Paris an V = 1797. [Schütz, Karl Heinrich von:] Geschichte der Staatsveränderung in Frankreich unter König Ludwig XVI., oder Entstehung, Fortschritte und Wirkungen der sogenannten neuen Philosophie in diesem Lande. Bd. 1-6, Leipzig 1827 - 1833. Der Titel befindet sich in der von Marx aus Wachsmuth ausgezogenen Liste von Werken zur Französi- schen Revolution (vgl. MEGA ² IV/2, S. 165). Die Staatsverfassung des fränkischen Freistaates v. III. Jahr [= 1795. Bingen]. Die Ausgabe ist bibliographisch nicht nachweisbar. [Voss, Christian Daniel:] Geschichte der englischen Revolution bis zur Hinrichtung Karl I. Berlin 1747. West, Theodor: Charaktere der französischen Revolution. Berlin 1838/1839. V. Unabhängig von der Frage, ob Marx in Kreuznach noch tatsächlich das eine oder andere Buch zusätzlich zu den vierundzwanzig Werken der Kreuznacher Hefte gelesen hat oder nicht, wird man sagen kön- nen, daß er die ihm in dieser Stadt zu Gebote stehende historio- graphische und staatstheoretische Literatur im Hinblick auf sein damaliges spezifisches Forschungsinteresse voll genutzt hat. Auf dieser Grundlage hat er ab Mitte Oktober 1843 seine Studien vor- nehmlich auf dem Gebiet der Französischen Revolution fortgesetzt. Die Tatsache, daß Marx erst in Paris, wie aus den dort entstan- denen Beiträgen für die "Deutsch-Französischen Jahrbücher" er- hellt, den endgültigen Schritt zum historischen Materialismus und wissenschaftlichen Kommunismus vollzogen hat, lag auch nicht so sehr an den optimalen Möglichkeiten der Literaturbeschaffung in dieser Stadt als an den unmittelbaren, empirischen Erfahrungen, die er hier, nicht aber in Kreuznach oder an einem anderen deut- schen Ort, machen konnte - Erfahrungen, die ihm die sozialen Aus- einandersetzungen und das dabei als selbständige Klasse auftre- tende Proletariat vermittelten. Sie lenkten Marx' Blick haupt- sächlich auf die Sphäre der materiellen Produktion und ihre Bewe- gungsgesetze sowie ihren theoretischen Reflex, die Politische Ökonomie, in der er nunmehr den Schlüssel zum Verständnis der ge- sellschaftlichen und politischen Entwicklung sah. Rückblickend hat Marx diesen Prozeß 1859 in der Einleitung "Zur Kritik der Po- litischen Ökonomie" wie folgt charakterisiert: "Die erste Arbeit, unternommen zur Lösung der Zweifel, die mich bestürmten, war eine kritische Revision der Hegelschen Rechtsphilosophie, ... Meine Untersuchung mündete in dem Ergebnis, daß Rechtsverhältnisse wie Staatsformen weder aus sich selbst zu begreifen sind noch aus der sogenannten allgemeinen Entwicklung des menschlichen Geistes, sondern vielmehr in den materiellen Lebensverhältnissen wurzeln, deren Gesamtheit Hegel ... unter dem Namen Bürgerliche Gesell- schaft' zusammenfaßt, daß aber die Anatomie der bürgerlichen Ge- sellschaft in der politischen Ökonomie zu suchen sei" 59). _____ 1) Die Datierung der Kreuznacher Hefte wurde von Marx selbst vor- genommen. Siehe dazu unten. 2) Hans-Peter Jaeck, "Marx' 'Kreuznacher Exzerpte'", in: Jahrbuch für Geschichte, 25 (1982), S. 73-110. Zu den Kreuznacher Exzerp- ten vgl. auch die folgenden Werke; vom selben Autor: Die franzö- sische bürgerliche Revolution von 1789 im Frühwerk von Karl Marx (1843-1846). Geschichtsmethodologische Studien. Berlin/DDR, 1979, insbesondere Kapitel 1; N.I. Lapin: Der junge Marx. Berlin/DDR, 1974, S. 224 ff.; sowie die Aufsätze von G.A. Bagaturija und V.G. Mosolov in: Marks istorik. Moskau 1968. Der Beitrag von Mosolov ist auch in italienischer Übersetzung in der Zeitschrift Critica Marxista, 1973, S. 159-179, unter dem Titel "I 'quaderni di Kreuznach'" erschienen. 3) Vgl. MEGA ² IV/2A, S. 606. 4) Vgl. Jaeck, 'Kreuznacher Exzerpte', a.a.O., S. 73 ff. 5) Vgl. MEGA ² III/1, S. 40 ff. 6) Ebda., 1/2, S. 486. 7) Vgl. dazu insbesondere Beatrix Messmer-Strupp: Arnold Ruges Plan einer Alliance intellectuelle zwischen Deutschen und Franzo- sen. Diss. Bern 1963. 8) MEGA ² 1/2, S. 489. 9) MEGA ² III/I, S. 44. 10) Unveröffentlichte und verlorengegangene Vorarbeiten von Marx' Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie gehen bis Ende 1841 zu- rück. Vgl. dazu Inge Taubert, "Probleme der weltanschaulichen Entwicklung von Karl Marx in der Zeit von März 1841 bis März 1843", in: Marx-Engels-Jahrbuch l (1978), S. 205 - 232, S. 213 ff. 11) Vgl. ebda, S. 219 ff. 12) MEGA ² I/2, S. 175. 13) Vgl. Joachim Ritter: Hegel und die französische Revolution. Köln und Opladen 1957 (= Arbeitsgemeinschaft f. Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen. Geistesw. 63); Georg Biedermann, He- gel und die Französische Revolution von 1789, in: Wissenschaftli- che Zeitschrift der F.-Schiller-Universit. Jena, Gesell.- und Sprachwissensch. Reihe, 21 (1972), S. 63-71, die anderen Beiträge dieses Heftes, ferner Jacques D'Hondt: Verborgene Quellen des He- gelschen Denkens. Berlin/DDR 1983. 14) Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts, hg. von J. Hoffmeister, Hamburg 1967, S. 253. 15) Ebda. 16) Vgl. MEGA ² I/2, S. 44/45. 17) MEGA ² I/2, S. 8. 18) Zur Datierung vgl. MEGA ² I/2, S. 571 ff. Das Manuskript wurde zuerst 1927 unter dem Titel "Aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Kritik des Hegelschen Staatsrechts (§§ 261- 313)" in der MEGA I/1. 1, S. 401-553 abgedruckt. 19) MEGA ² I/2, S. 31. 20) MEGA IV/2, S. 9 und 63. 21) J.E. Pfister: Geschichte der Teutschen. Nach den Quellen. Bd. 1, Hamburg 1829, S. IV. 22) Deutschland und Frankreich in der Geschichtsschreibung des neunzehnten Jahrhunderts. Wiesbaden 1954, S. 252. 23) Geschichte Frankreichs im Revolutionszeitalter. 1. Theil, Hamburg 1840, Vorwort. 24) W. Markov, Jacques Roux oder vom Elend der Biographie. Ber- lin/DDR 1966, S. 12. 25) MEW, Bd. 2, S. 126. 26) MEGA ² IV/2, S. 110. 27) Ebda., S. 93. 28) Ebda., S. 606. 29) Johann Spira: Kreuznach als Badeort und Industriestadt. Eine wirtschaftstheoretische Untersuchung und zugleich ein Beitrag zur neueren Wirtschaftsgeschichte des Nahetals. Diss. [Masch.] Köln 1923, S. 96 f. 30) Selbstbiographie. (1834) Wiederabdruck Windeck-Altwindeck 1980, S. 29 f. 31) Vgl. Georg Jäger, Alberto Marino und Reinhard Wittmann (Hrsg.): Die Leihbibliothek der Goethezeit. Exemplarische Kata- loge zwischen 1790 und 1830. Hildesheim 1979, S. 478 f. 32) Nr. 19, 2. Februar 1844. 33) Vgl. Hans-Jürgen Apel: Das preußische Gymnasium in den Rhein- landen und Westfalen 1814"1848. Die Modernisierung der traditio- nellen Gelehrtenschulen durch die preußische Unterrichtsverwal- tung. Köln, Wien 1984, sowie Karl-Ernst Jeismann: Das Preußische Gymnasium in Staat und Gesellschaft. Stuttgart 1974. 34) Eilers war bis 1833 Direktor des Gymnasiums, wurde dann Pro- vinzial-Schulrat und im Oktober 1843 Vortragender Geheimer Regie- rungsrat beim Ministerium der Geistlichen und Unterrichtsangele- genheiten in Berlin. 35) Gerd Eilers: Meine Wanderung durchs Leben. Ein Beitrag zur inneren Geschichte der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. 2. Theil, Leipzig 1857, S. 177. Zu Eilers politischem Credo vgl. auch seine Schrift "Zur Beurteilung des Ministeriums Eichhorn" (Berlin 1849). 36) Wanderung, a.a.O., 2. Theil, S. 94. 37) Vgl. dazu die Angaben in den jährlich erscheinenden Programm- schriften des Gymnasiums. 38) De Lamennais: Worte eines Gläubigen vollständig übersetzt und mit critischen Materialien begleitet. ... Hamburg 1834. Vgl. dazu den "Beitrag zu einer deutschsprachigen Lamennais-Bibliographie" in: Gerhard Valerius: Deutscher Katholizismus und Lamennais. Die Auseinandersetzung in der katholischen Publizistik 1817-1854. Mainz 1983, S. XIV f. 39) Vgl. F. Hermann Meyer, "Bücherverbote im Königreich Preußen von 1834 bis 1882", in: Archiv f. Geschichte des Deutschen Buch- handels, 14 (1891), S. 317 - 349, S. 320 und 327 f. 40) "Circularverfügung des Königl. Consistoriums aus dem Jahre 1824", abgedruckt bei Johann Ferdinand Neigebauer: Sammlung der auf den öffentlichen Unterricht in den Königl. Preußischen Staa- ten sich beziehenden Gesetze und Verordnungen. Hamm 1826, S. 278. 41) Siehe dort, S. 6 f. 42) Ebenda, S. 144. 43) Näheres dazu in meinem bisher unveröffentlichten Manuskript "Karl Marx und Bad Kreuznach". 44) Vgl. die Festschrift: 1819-1969. 150 Jahre "Kreuznacher Gym- nasium". Bad Kreuznach 1969, S. 40. 45) Ludwig Kaiser", Aus einer Ansprache, gehalten bei der hun- dertjährigen Jubelfeier des Kreuznacher Gymnasiums am 10. Mai 1920", in: Monatsschrift für höhere Schulen, 20 (1921), S. 321- 324, S. 322 f. 46) Jeweils erschienen als Beilage zum Osterprogramm 1896 und 1897 des Gymnasiums (Kreuznach 1896 und 1897). 47) Eine genaue Liste wird demnächst in einem weiteren Beitrag über die Bibliothek vorgelegt. 48) Mehrbändige Ausgaben sind hier nur so weit berücksichtigt, als sie Marx tatsächlich vorlagen. 49) Progranunschrift "Zu den öffentlichen Prüfungen der Schüler des K. Gyrnnasiums zu Kreuznach ...", Kreuznach 1842, S. 42. 50) Wanderung, a.a.O., 1. Theil, S. 145 f. 51) Programmschrift "Zu den öffentlichen Prüfungen ..." Koblenz 1844, S. 20. 52) Selbstbiographie, a.a.O., S. 29 und 30. 53) Im Anhang zu: Vaterländisches Taschenbuch für die Freunde des Guten und Schönen zur Unterhaltung und Belehrung. Kreuznach 1805. 54) Zur Bedeutung und Funktion der konstitutionellen Zirkel im Rheinland vgl. Axel Kühn: Jakobiner im Rheinland. Der konstitu- tionelle Zirkel von 1798. Stuttgart 1976. 55) Vgl. Winfried Dotzauer, "Verzeichnis der Mitglieder der Frei- maurerloge 'Les amis reunis de la Nahe et du Rhin à l'Orient de Creuznach'", in: Landeskundliche Vierteljahresblätter, 16 (1970), S. 100-109. 56) Vgl. a.a.O., S. 162-164. 57) Wanderung, a.a.O., 2. Theil, S. 242 f. 58) MEGA ² IV/2, S. 606. 59) MEW, Bd. 13, S. 8. zurück